Paul Good Philosophie Symposium 2011 - Grand Resort Bad Ragaz

philosophiesymposium.ch

Paul Good Philosophie Symposium 2011 - Grand Resort Bad Ragaz

PROGRAMM

PAUL GOOD PHILOSOPHIE SYMPOSIUM

GRAND RESORT BAD RAGAZ

23.– 26. JUNI 2011


„Unsere Gewohnheit ist, im Freien zu denken,

gehend, springend, steigend, tanzend,

am liebsten auf einsamen Bergen oder dicht am Meere,

da wo selbst die Wege nachdenklich werden.“

Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft [„la gaya scienza“], 5. Buch Nr. 366.


WANDERN IM VERBOTENEN

ÜBER SINNE UND SINN IN NIETZSCHES PHILOSOPHIE


donnerstag 23. juni 2011

freitag 24. juni 2011

16.00 uhr nietzsches diätetisches philosophieren –

über wandern, gesundheit, klima, ernährung

prof. dr. paul good, bad ragaz / eröffnungsvortrag

im grand hotel quellenhof

17.30 uhr nietzsches werk im überblick – eine

werk-kartographie

dr. rüdiger schmidt-grépály, leiter des

kollegs friedrich nietzsche der klassik

stiftung weimar / vortrag

19.00 uhr Apéro und Begrüssung

peter paul tschirky, ceo grand resort

20.00 uhr ABENDESSEN, BEGEGNUNG UND GESPRÄCHE

09.45 uhr der kunst-fall nietzsche oder die wiedergeburt

des denkens aus dem geist der sinne

prof. dr. rüdiger görner, london / vortrag

11.15 uhr KAFFEEPAUSE

11.30 uhr jenseits der peitsche, ODER:

EINIGE anNOTATIONEN zu nietzsche,

LOU andreas-salomé, meta von salis und

HELENE druskowitz

prof. dr. ursula pia jauch, zürich / vortrag

13.00 uhr Nachmittag zur freien Verfügung für die

Taminatherme, zum Wandern in die Tamina-

Schlucht, durch die Weinberge, zum Lesen

18.00 uhr „…unablässiges spiel der doppelbelich-

TUNGEN“ – wolfgang rihms opernphantasie

„dionysos“ nach friedrich Nietzsches

DIONYSOS-dithyramben (mit ton- und bild-

BEISPIELEN der salzburger premiere 2010)

pd dr. ulrich mosch, paul sacher stiftung

basel / vortrag

20.00 uhr Abendessen, Begegnung und Gespräche


samstag 25. juni 2011

sonntag 26. juni 2011

09.45 uhr „der leib ist eine grosse vernunft“ –

„der schaffende“ als modell für das

MENSchsein

prof. dr. paul good, bad ragaz / vortrag

11.15 uhr PAUSE

11.30 uhr nietzsche und die bildenden künste des

Expressionismus, insbesondere bei „brücke“

UND ernst ludwig kirchner

dr. wolfgang henze, bern / wichtrach / vortrag

09.45 uhr „nietzsches regenschirm“

thomas hürlimann, berlin / lesung

10.45 uhr KAFFEEPAUSE

11.15 uhr Schlussrunde aller Referenten und

Dankesworte von Prof. Dr. Paul Good

13.00 uhr ENDE DES SYMPOSIUMS

12.45 uhr Vorbereitung für die Exkursion

13.15 uhr Abfahrt des Busses zum Kirchner Museum in Davos

14.15 uhr Kaffeepause in Davos

15.00 uhr Fahrt zu Hauptansichten von Kirchner-Motiven

in der Region Davos unter DER Leitung von

Dr. Wolfgang Henze

16.00 uhr „im herzen des museums 3: forschen“ – was

kunstwissenschaft mit anderen wissenschaften

VERBINDET

besichtigung des kirchner museums in davos

mit einer führung durch die ausstellung

17.00 uhr RÜCKFAHRT NACH BAD RAGAZ

20.00 uhr Abendessen, Begegnung und Gespräche


foto. hartmann basel 1874. ksw, gas 101/17

„philosophie, wie ich sie bisher verstanden und gelebt habe, ist das freiwillige

leben in eis und hochgebirge – das aufsuchen alles fremden und

fragwürdigen im dasein, alles dessen, was durch die moral bisher in bann

gethan war. aus einer langen erfahrung, welche eine solche wanderung im

verbotenen gab, lernte ich die ursachen, aus denen bisher moralisirt und

idealisirt wurde, sehr anders ansehn als es erwünscht sein mag: die verborgene

geschichte der philosophen, die psychologie ihrer grossen namen

kam für mich an‘s licht. – wie viel wahrheit erträgt, wie viel wahrheit

wagt ein geist“

friedrich nietzsche, ecce homo.

wie man wird, was man ist. [vorwort]


„WANDERUNG IM VERBOTENEN“

Über Sinne und Sinn in Nietzsches Philosophie

1. thema

mit diesem titel des symposiums „nietzsche in ragaz“

2011 rücke ich zwei gesichtspunkte von nietzsches

philosophieren ins zentrum der betrachtung:

1. das philosophieren besteht in einem wandern. dazu

benötigt man nicht nur den kopf, sondern auch die

füsse, den ganzen körper, alle sinne. in einem vierzeiler

drückt der philosophenpoet dieses bedürfnis

so aus: „ich schreib nicht mit der hand allein: / der

fuss will stets mit schreiber sein. / fest, frei und

tapfer läuft er mir / bald durch das feld, bald durchs

papier.“ nietzsche: ein wanderer, ein fussgänger, ein

flaneur. das begünstigt den stil des notierens, der

notiz, die kurzform des aphorismus. obwohl er die

berg- und höhen-metapher fürs denken und kunstschaffen

unermüdlich bemüht, ein wirklicher bergsteiger war

er nie. dazu sah er einfach zu wenig und war sein

körper nicht gesund genug. vermutlich sah er kaum die

bergspitzen des engadins. dennoch war er für bewegung

und gegen das sitzfleisch. für ein denken im freien

und in freiheit, ein freigeist, der sich gegen alle

stubengelehrsamkeit und begriffsstarre in der sprache

wandte. am liebsten wanderte er im weglosen, „wo

selbst die wege nachdenklich werden“. es muss etwas

wanderndes in die gedanken selbst eingehen. ihr sinn

kann sich nicht wirklich für immer verfestigen, er

bleibt beweglich und vergänglich.

damit komme ich zum inhaltlichen gesichtspunkt:

2. das philosophieren hat es mit dem verbotenen zu

tun. nietzsche kann man mit recht als denjenigen

philosophen bezeichnen, der die frage nach sinn und

wert aller dinge aufs unerhörteste und respektloseste

ins zentrum des denkens gerückt hat. er verlangt

skepsis gegen alles, was den leuten bislang als heilig

gegolten hat. immer ist das ungedachte eines bestehenden

denkens das thema des neuen denkens. aber nietzsche

radikalisierte wie kein anderer die sinn- und wertfrage

und bezog sie auf alles verdrängte und verbotene

des lebens, das durch verbotstafeln seitens einer moral,

einer religion, einer metaphysik, einer wissenschaft

unterdrückt wurde. die ursachen erforschen, wie bisher

moralisiert und idealisiert worden ist, herausfinden,

was dabei an lebendigem, an körperlichem, an sinnlichem

verkümmert ist, das wurde nietzsches begriff von philosophie.

die verborgene geschichte und psychologie der

grossen philosophen freilegen unter dem kriterium, wie

viel wahrheit ertrugen sie in ihrer eigenen existenz,


wie viel wahrheit wagte ihr geist dass wahrheit keine

reine denkangelegenheit, sondern eine „funktion“ von

verträglichkeit und von mut sein sollte, bedeutete

für die tradition eine ungeheure herausforderung. es

ist bis heute eine herausforderung geblieben.

nun muss man nietzsches philosophie hoch anrechnen,

dass sie bei aller kritik und skepsis allem bisherigen

sinn und wert gegenüber eben nicht in destruktivismus

und nihilismus endete. seine „umwertung aller werte“

erfolgte aus einem fokus des lebendigen heraus, der

den aktiven, positiven kräften eines jeden recht gibt

und am beispiel „des schaffenden“ (spätestens seit

„also sprach zarathustra“ der ausdruck für den „künstler“,

der nicht als fertiges, romantisches genie vom

himmel fällt, sondern sich erst noch durch permanente

selbstüberwindung „beweisen“ muss) am deutlichsten

in erscheinung tritt. der philosoph als tabubrecher

ist ein alle dinge, die nächsten wie die letzten, neu

schätzender und schaffender und gerade als solcher

der sinn des menschseins.

darum stellte ich an die referentin und alle referenten

dieses symposiums bevorzugt die frage, welche rolle

spielt nietzsches philosophie für ihr eigenes denken

und schreiben und schaffen erzählen sie uns davon, was

nietzsche bei ihnen bewirkt hat wenn gar nichts, dann

haben sie auch dafür gründe. die enge fachtagung der

spezialisten zu nietzsches werk gibt es jedes jahr an

vielen orten der welt. in bad ragaz wollte ich einmal

ein geistiges wandern (auf hohem niveau, natürlich mit

spezialisten, doch allgemein verständlich) mit nietzsche

realisieren, das den positiven, künstlerischen

effekten seines werks zentral rechnung trägt. das programm

sieht ganz danach aus, dass dies auch gelingen

könnte. dabei gilt dem leib und den sinnen als einem

stets ungedachten und in mancher beziehung verbotenen

grosse aufmerksamkeit, insofern er der repräsentant von

aktiver kraft, von perzeptionen, von affektionen, von

begehren, von leidenschaften ist, ohne deren spezifische

unterdrückung gerade kein ideal, kein despotischer

geistbegriff etabliert worden wäre.


BRIEF AN HERMANN SIEBECK IN BASEL VOM 5. JUNI 1877 [ksw, gsa 71/bw 344]

2. nietzsche kommt nach bad ragaz

2.1 anreise und aufenthalt im grand hôtel tamina

am 14. oder 15. mai 1877 trifft friedrich nietzsche in

ragaz ein. er verspricht sich von einer badekur in der

heissen quelle linderung bei seinen häufig wiederkehrenden

schmerzanfällen, die ihn tagelang ans bett binden

und von der arbeit abhalten. er bezieht im „grand

hôtel tamina“ quartier. nach dem „übrigens melancholisch

düsteren pfäffers“, das er als kurort ausgesucht

hatte, kann er nicht gelangen, weil das bad in der taminaschlucht

mitte mai noch nicht geöffnet hatte.

friedrich nietzsche hatte sich 1876 von der universität

basel, wo er seit 1869 „professor der classischen philologie“

ist, aus krankheitsgründen für ein jahr beurlauben

lassen. die anreise nach ragaz erfolgte von

süditalien aus, wo das trockene klima linderung gewährt

hatte. mit dem schiff gelangte er nach genua. von

dort reiste er zusammen mit einer jungen „ballerina

camilla“ bis mailand.


über como brachte ihn die eben fertig gestellte gotthardbahn

nach lugano. dort redete ihn der gepäckträger

in schweizerdeutsch an, das nietzsche, wie er malwida

von meysenbug nach rom berichtet, „mit einer gewissen

rührung hörte, ich merkte auf einmal, dass ich viel

lieber unter deutschschweizern lebe als unter deutschen“.

also medizinische gründe veranlassten professor

nietzsche, ragaz aufzusuchen. wer hat ihm bad pfäfers

empfohlen interessant ist, dass er bereits 1871 wohl

auf eine anfrage seines lehrers friedrich ritschl in

leipzig hin recherchen in büchern und bei baseler badegästen

über bad pfäfers angestellt hatte. im brief

vom 17. juni 1871 teilte er ihm ergebnisse mit: „ragaz

gilt als «warm» (doch nicht im sinne eines leipziger

sommers), hat weniger trübe und regnerige tage als

die hohen kurorte und gestattet, bei seiner freien

lage, spaziergänge in der ebene: der schönste weg,

fast eben, nach dem genannten pfäffers, ist schattig

und schön.“ (ksb 3, nr. 138 seite 200-202) schon damals

ging dem bad der ruf von „guter gesellschaft“,

auch von reger geselligkeit, aber auch als teuer voraus.

nietzsche lieferte auch kritisches nach leipzig:

„die quellen gelten als sehr heilkräftig, trotz ihres

totalen mangels nachweisbarer grundelemente.“

die absteige, das prächtige belle epoque grand hôtel

tamina, das noch heute den dorfkern flankiert, bot

direkten zugang zum benachbarten architektonischen

bijou des dorfbades mit den hübschen alten bade-kabinetten,

die heute als wellness-oasen eingerichtet

sind und sogar ein philosophen-bad anbieten.


BRIEFAUSSCHNITT VOM 2. JUNI 1877


2.2 zwei gesprächsthemen

an pfingsten, am 20. mai 1877 besucht freund overbeck

den philosophen in ragaz. zwei themen bestimmen die

gespräche sowie diverse briefe, die nietzsche hier

schreibt: erstens die professur in basel wegen des

permanent schlechten gesundheitszustandes aufzugeben

und zweitens das unterfangen einer verheiratung des

philosophen, „sehr wünschenswerth zwar – ist doch

die unwahrscheinlichste sache, das weiss ich sehr

deutlich“.

in der ersten angelegenheit hatte sich overbeck mit

jakob burckhardt schon dahin verständigt, nietzsche

bei reduziertem pensum zum bleiben in basel zu bewegen.

an seine schwester elisabeth schreibt nietzsche am

2. juni 1877 aus ragaz den sehr bemerkenswerten satz:

„diese allzufrühzeitige baseler professur entpuppt

sich nachgerade als das hauptunglück meines lebens.

– du glaubst nicht, wie kopf und augen müde und arbeitsunfähig

sind.“ (ksb 5, nr. 620 seite 241) als

genie vom damaligen altertumspapst ritschl in leipzig

empfohlen, mit 25 jahren als jüngster professor (die

promotion warf man ihm aufgrund bereits publizierter

schriften hinterher) an die renommierte universität

basel berufen, empfindet er jetzt selber diesen

geniestreich als hauptunglück seines lebens. einmal

natürlich wegen seiner krankheit (augenleiden und

schmerzanfälle), sodann aber weil die lehrtätigkeit

ihn daran hinderte, alle verbleibenden kräfte auf

seine schreibtätigkeit, auf sein werk zu werfen.

1879, also nach nur zehn jahren geht nietzsche in

basel vorzeitig in rente.

was die jahrelangen bemühungen zur verheiratung betrifft,

so verlor nietzsche darüber nie den humor.

vor abreise nach ragaz, am 25. april 1877 hatte er

seiner schwester elisabeth von sorrent aus mitgeteilt,

wenn „die verheirathung mit einer zu mir passenden,

aber nothwendig vermöglichen frau“ gelingt, gebe er

die professur in basel sofort auf. mit malwida von

meysenbug gehe er einig, wie sie sein müsste: „«gut,

aber reich» wie frl. v. m. sagte, über welches «aber»

wir sehr lachten.“ (ksb 5, nr. 609 seite 231) lou salomé,

eine hauptkandidatin berichtet, dass nietzsche sie

bei der ersten begegnung 1882 im petersdom in rom

mit den worten begrüsst habe: „von welchen sternen

sind wir hier einander zugefallen“. an humor und

selbstironie hat es nietzsche nie gefehlt, auch nicht

an modernität, als er ihr eine ehe auf zeit, nämlich

vorerst auf zwei jahre, vorschlug. das leben als experiment:

eine zentrale option seiner philosophie.

welche frau hielte schon den kauzigen, schnauzbärtigen

einsiedler und wanderer länger aus!


BRIEF AN ELISABETH NIETZSCHE IN NAUMBURG VOM 2. JUNI 1877

[klassik stiftung weimar (ksw), goethe- und schiller-archiv (gsa) 71/bw 271,10]


2.3 immer unterwegs und 20 bäder genommen

im zitierten brief an die schwester meldete nietzsche,

in ragaz immer unterwegs zu sein und in gut 14 tagen

20 bäder genommen zu haben. den einen oder anderen

„bösen tag“ habe es auch gegeben. schon vorher am

28. mai berichtete er: „bis jetzt bin ich mit der kur

zufrieden. gar nicht aufregend. der arzt besucht mich

alle drei tage. die allgemeine ermüdung des gehirns

will freilich noch nicht weichen.“ und: „hier ist

ausgezeichnete berg- und tannenwaldluft.“ (ksb 5,

nr. 618 seite 240) doch die sache will sich nicht zum

guten wenden. nach knapp 4 wochen kur schreibt er am

6. juni 1877 malwida von meysenbug: „3 böse tage hinter

mir. arzt will dass ich bäder abbreche, fortgehe,

in die höhe. sonntag den 10 juni will ich reisen.“

(ksb 5, nr. 621 seite 242) und nietzsche erreicht am

11. juni 1877 den luft- und molkenkurort rosenlauibad

im berner oberland. wie ein moderner nomade zieht der

philosoph, der schmerz und leiden am eigenen körper

erfährt, vergebens von kurbad zu kurbad und denkt wie

kein zweiter über gesundheit, über physische, psychische,

philosophische gesundheit nach. er hat aus

dem leiden keine klage, er hat daraus eine bejahung

gemacht. nicht das leiden ist das problem, die sinnlosigkeit

eines leidens wiegt schwer. also muss man

ihm einen sinn und wert erst noch geben.

die bad ragaz episode unseres philosophen manifestiert

werktypische grundmuster: ein philosophieren

und denken, das bei den kräften des lebens anknüpft;

das den leib notwendig zum thema hat; das gedanken,

die taugen, erwandern muss; das noch aus dem

schmerz, aus dem negativen einen gewinn zieht; das

gesundheit, klima, ernährung ernst nimmt; das sinn

und wert aus den sinnen, aus der sinnlichkeit erschafft;

das sich der notiz, der spruchform des

aphorismus bedient, weil ein wanderndes denken nur

die kurzform zulässt.


donnerstag 23. juni 2011

paul good

16.00 uhr nietzsches diätetisches philosophieren –

über wandern, gesundheit, klima, ernährung

prof. dr. paul good, bad ragaz / eröffnungsvortrag

im grand hotel quellenhof

17.30 uhr nietzsches werk im überblick – eine

werk-kartographie

dr. rüdiger schmidt-grépály, leiter des

kollegs friedrich nietzsche der klassik

stiftung weimar / vortrag

19.00 uhr Apéro und Begrüssung

peter paul tschirky, ceo grand resort

20.00 uhr ABENDESSEN, BEGEGNUNG UND GESPRÄCHE

friedrich nietzsche war ein wanderer. sein sehr fragiler

gesundheitszustand fand im gehen die balance.

die sommer im engadin und die winter in norditalien

boten ihm jenes trockene klima, das seinem denken

freien lauf liess. seine devise war: misstraue jedem

gedanken, der nicht erlaufen worden ist. sitzfleisch

ist sünde wider den heiligen geist. die piemontesische

küche lobte er als die beste. er betrieb ein diätetisches

philosophieren, das den physiologischen bedingungen

für körperliche und geistige gesundheit volle

aufmerksamkeit schenkte. er befand, „wasser reicht“,

weil wein ihn ermüdete. seine bücher bezeichnete

nietzsche im rückblick als höhenluftbücher. die dünne

luft darin verträgt nicht jeder. nietzsche berichtet

auch fast in jedem brief über schmerz, krankheit,

klima, wetter. zur eröffnung des symposiums „nietzsche

in ragaz“ wird von physiologischen bedingungen

von friedrich nietzsches wanderndem philosophieren

berichtet. diese waren schliesslich auch der grund,

warum der philosoph 1877 einen monat lang in bad ragaz

zur kur weilte.

paul good lehrte 25 jahre als philosoph an der kunstakademie

düsseldorf und ist mit büchern zu kunst und

philosophie hervorgetreten. jetzt lebt er in bad ragaz,

wo er 2010 eine symposiums-reihe begründet hat.


üdiger schmidt-grépály

rüdiger görner

nach dem empfang von „menschliches, allzumenschliches“

notiert sich cosima wagner in ihrem tagebuch: „diesen

autor kennen wir nicht.“ hundert jahre vor jaques

derrida stellt das ehepaar wagner den einen autor

friedrich nietzsche in frage. und tatsächlich ist

nicht ausgemacht, was sich hinter dem autorennamen

„nietzsche“ verbirgt. der vortrag wird versuchen,

einen wegweiser durch die gedankenlandschaften zu

erstellen. einen wegweiser, der zunächst ins antike

griechenland verweisen wird, in ein griechenland so

ganz anders als sich winckelmann und goethe nachträumten.

ein wegweiser, der „menschliches, allzumenschliches“

fast bis ins paris der aufklärung

führt. einen, der über persien weit in die zukunft

weist und schliesslich einen, der uns genealogisch

zurückführt in die geschichte all unserer vorurteile.

zu fragen bleibt: was aber passiert ab dem moment,

in dem wir in den notizbüchern nietzsches einen plan

finden mit der notiz: „willen zur macht“

rüdiger schmidt-grépály ist gründer und seit 1999

leiter des kollegs friedrich nietzsche der klassik

stiftung weimar. er hat sich mit zahlreichen büchern

zu nietzsches werk international einen namen gemacht

und geniesst den ruf des fröhlichen freidenkers.

dieser beitrag geht von folgender these aus: nietzsches

denken rehabilitierte die sinne, die er selbst dann

noch bejahte, wenn ihre defizitäre weltwahrnehmung

nur ‚verzerrte’ eindrücke der umgebung erlaubte. damit

stellte er sich gegen eine ganze sinnenskeptische bis

-feindliche denktradition, die sich vor allem mit dem

kritischen rationalismus cartesianischer prägung verbindet.

mehr noch: nietzsche strebte ein sinnendenken

an, das gehör und geruch, berührung und anschauung

zu reflexionsmedien erklärte. gerade deswegen konnte

die kunst für ihn eine solchermassen überragende bedeutung

gewinnen, vermittelt sich doch in der kunst

gestaltsinn und sinnengestalt, leben und geist zu

einer anderen, sprich: eigenständigen verwirklichung

des inneren als ein erkennbar äusseres. dieser vortrag

versucht eine grundlegung dieser ästhetischen verhältnisse

in (und durch) nietzsches denken.

rüdiger görner lebt seit 1981 in london und ist professor

of german literature and founding director of

the centre for anglo-german cultural relations am

queen mary college, university of london. mit mehreren

büchern hat er sich auch mit nietzsche als denkkünstler

und als kunstdenker grosse verdienste und weltweite

beachtung erworben.


freitag 24. juni 2011

ursula pia jauch

09.45 uhr der kunst-fall nietzsche oder die wiedergeburt

des denkens aus dem geist der sinne

prof. dr. rüdiger görner, london / vortrag

11.15 uhr KAFFEEPAUSE

11.30 uhr jenseits der peitsche, ODER:

EINIGE anNOTATIONEN zu nietzsche,

LOU andreas-salomé, meta von salis und

HELENE druskowitz

prof. dr. ursula pia jauch, zürich / vortrag

13.00 uhr Nachmittag zur freien Verfügung für die

Taminatherme, zum Wandern in die Tamina-

Schlucht, durch die Weinberge, zum Lesen

18.00 uhr „…unablässiges spiel der doppelbelich-

TUNGEN“ – wolfgang rihms opernphantasie

„dionysos“ nach friedrich Nietzsches

DIONYSOS-dithyramben (mit ton- und bild-

BEISPIELEN der salzburger premiere 2010)

pd dr. ulrich mosch, paul sacher stiftung

basel / vortrag

20.00 uhr Abendessen, Begegnung und Gespräche

viel druckerschwärze ist schon vergossen worden zur

frage, ob – und weshalb – friedrich nietzsche als

gefeierter „philosoph des leibes“ ein besonderes

verhältnis zu den frauen gehabt habe. da gibt es

zunächst einmal die zu rekonstruierenden ereignisse,

dann die zirkulierenden gerüchte, auch sie sind klärungsbedürftig.

eine der gern kolportierten legenden,

die eine verbindung zwischen dem leben und dem werk

des philosophen suggerieren, hat mit einem an sich

„weltlichen“ gegenstand zu tun – mit einer peitsche.

jedenfalls wird die stelle aus dem zarathustra – „du

gehst zu den frauen vergiss die peitsche nicht!“

– schnell mit einem sonderbaren fotografischen dokument

in verbindung gesetzt, das sich aus nietzsches leben

„nach“ den basler jahren erhalten hat: lou von salomé

sitzt in einem leiterwagen, mit herausforderndem lächeln

schwingt sie eine karikatur von einem peitschchen,

derweil paul rée und friedrich nietzsche sich

an der deichsel des wägelchens zu schaffen machen. das

ganze bild (inklusive des kleinen fliedersträusschens,

das bei genauem hinsehen an der peitsche sichtbar

wird) wurde von nietzsche selbst arrangiert, und zwar

im damaligen alpenpanorama gegenüber dem luzerner

löwendenkmal. ausgehend von diesem nicht unbekannten

stück luzerner lokalgeschichte möchte ich auf eine

weitere helvetische nietzsche-verbindung eingehen,


ulrich mosch

die im bündnerland spielte. konkret: wie konnte es geschehen,

dass just zwischen meta von salis-marschlins,

einer der ersten frauenrechtlerinnnen der schweiz,

und dem als frauenfeind etikettierten friedrich

nietzsche ein intensiver briefwechsel, ja sogar die

spurlinien einer freundschaft entstanden nicht alle

freilich sahen in nietzsche einen befreier und neuen

edelmenschen. zu erinnern ist des weiteren an helene

von druskowitz, frühe nietzsche-freundin und später

eine der radikalsten nietzsche-verächterinnen. ist

die vielgerühmte „vernunft des leibes“ vielleicht

doch etwas eher schillerndes und arbiträres

ursula pia jauch lebt in zürich, wo sie seit 2003 als

professorin für philosophie und kulturgeschichte an

der universität tätig ist. sie hat in der aufklärung

einen forschungs- und publikationsschwerpunkt, wobei

ihre aufmerksamkeit der geschlechterdifferenz gilt.

sie ist auch als publizistin, autorin und moderatorin

beim schweizer fernsehen aktiv hervorgetreten.

im jahre 2010 wurden die salzburger festspiele am 27.

juli mit der uraufführung eines werkes der zeitgenössischen

musik glanzvoll eröffnet – mit wolfgang

rihms (geb. 1952) neuntem musiktheaterwerk, der opernphantasie

„dionysos“. nietzsches dionysos-dithyramben

hatten den komponisten seit den siebziger jahren fast

ständig beschäftigt und hinterliessen in verschiedenen

werken ihre spuren. die schon länger existierende

idee, die texte als ausgangspunkt für eine musikalisch-szenische

umsetzung zu nehmen, setzte er aber

erst mit „dionysos“ (2009–10) in die tat um. auf der

grundlage eines eigenen librettos, bei dem dennoch

jedes wort von nietzsche ist, fasste er, wie er es

selbst ausgedrückt hat, die „einander durchkreuzenden

assoziationsfelder“ der dithyramben „in schwankende

gestalten“. der vortrag stellt dieses komplexe werk

anhand von ausschnitten im kontext von rihms œuvre

und schaffenspoetik vor.

ulrich mosch ist seit 1990 wissenschaftlicher mitarbeiter

der paul sacher stiftung in basel, wo er

zwei dutzend nachlässe und sammlungen von zeitgenössischen

komponisten, auch die kompositionen von

wolfgang rihm, dessen schriften und gespräche er herausgab,

betreut. er gilt als bester kenner von rihms

werk. er lehrt und publiziert in musikgeschichte und

musikästhetik.


samstag 25. juni 2011

paul good

09.45 uhr „der leib ist eine grosse vernunft“ –

„der schaffende“ als modell für das

MENSchsein

prof. dr. paul good, bad ragaz / vortrag

11.15 uhr PAUSE

11.30 uhr nietzsche und die bildenden künste des

Expressionismus, insbesondere bei „brücke“

UND ernst ludwig kirchner

dr. wolfgang henze, bern / wichtrach / vortrag

gegen die verächter des leibes in philosophie, religion,

moral zieht zarathustra zu felde. der alte dualismus

von leib und seele ist ihm ein ärgernis. „leib bin

ich ganz und gar und nichts ausserdem“. seele sei nur

ein wort für etwas am leibe, dem nietzsche den status

einer „grossen vernunft“ zuerkennt, insofern der

leib „eine vielheit mit einem sinne“ ist. der leib

sagt nicht „ich“, aber er „tut ich“. er ist aktiv,

der repräsentant des „würfelwurfs kraft“, der mich

definiert, während das bewusstsein stets nur reaktiv

ist. das ist der punkt, bei dem nietzsche dem grossen

holländer spinoza folgte, den er stets als seinen

vorgänger bezeichnete. „denn was der körper alles

vermag,“ schrieb spinoza in seiner „ethica“, „hat bis

jetzt noch niemand festgestellt“. ein früher wink im

sinne von hirn- und genforschung nietzsche folgte

spinozas affektenlehre, wonach die affekte einander

selber steuern. die regel heisst: positive affekte

(lust) siegen über negative affekte (unlust), also

über rache- und ressentiment-gefühle (trübsinnige

leidenschaften). hierin liegt der ausgangspunkt von

nietzsches kritik an der ganzen leibfeindlichkeit und

ressentimentkultur. aber auch seine vorstellungen zum

„willen zur macht“ ankern in seiner leibphilosophie.

und beim „schaffenden“, der neue werte schafft, wird

dieser haushalt der kräfte am ehesten einsichtig.


wolfgang henze

bekannt ist, dass auch die bildenden künstler des expressionismus

nietzsches schriften lasen und bisweilen

auswendig deklamierten. daher wurden sie von einigen

nietzsche-kennern und verehrern fest vereinnahmt. wo

jedoch zeigen dessen gedanken aber tatsächlich direkt

erkennbare wirkung in den werken und in der theorie

der maler und bildhauer werk vor theorie, zumindest

bei „brücke“, das ist hier ein wesentlich unterscheidendes

faktum. wo also scheinen gedanken nietzsches

in den kunstwerken auf und wie werden diese visualisiert

und umgesetzt. dieser versuch geht nicht von

den schriften und gedanken nietzsches aus, sondern

von werk und theorie der maler und bildhauer an hand

ausgesuchter beispiele.

wolfgang henze promovierte 1969 an der ludwig maximilians-universität

münchen in kunstgeschichte und

betätigt sich seither insbesondere als galerist und

kunsthändler, spezialisiert auf ernst ludwig kirchner,

die „brücke“ und expressionismus, aber auch auf

abstraktion und figuration der 50er jahre und später.

er trat mit wichtigen publikationen in katalogen

und mit dem aufbau von künstlerarchiven kunstwissenschaftlich

hervor.

12.45 uhr Vorbereitung für die Exkursion

13.15 uhr Abfahrt des Busses zum Kirchner Museum in Davos

14.15 uhr Kaffeepause in Davos

15.00 uhr Fahrt zu Hauptansichten von Kirchner-Motiven

in der Region Davos unter DER Leitung von

Dr. Wolfgang Henze

16.00 uhr „im herzen des museums 3: forschen“ – was

kunstwissenschaft mit anderen wissenschaften

VERBINDET

besichtigung des kirchner museums in davos

mit einer führung durch die ausstellung

17.00 uhr RÜCKFAHRT NACH BAD RAGAZ

20.00 uhr Abendessen, Begegnung und Gespräche


sonntag 26. juni 2011

09.45 uhr „nietzsches regenschirm“

thomas hürlimann, berlin / lesung

10.45 uhr KAFFEEPAUSE

11.15 uhr Schlussrunde aller Referenten und

Dankesworte von Prof. Dr. Paul Good

13.00 uhr ENDE DES SYMPOSIUMS

thomas hürlimann

auch schriftsteller haben lieblingsdinge: zum beispiel den regenschirm. zunächst ist er für alle ein nützliches

utensil, das vor unbeständigkeit des wetters schützt. bei der alten wendung „unter deinem schutz und schirm“

schwingt noch etwas anderes, umfassenderes mit: ein ort, wo menschen sich geborgen und geschützt fühlen vor

äusseren heimsuchungen und inneren ängsten. der schirm reizt als alltagsgegenstand und als metaphysisches requisit. in

der grotesken komödie „der letzte gast“ prägte die fabrikation von regenschirmen sogar das schicksal der hauptfigur.

so wurde eine der letzten äusserungen friedrich nietzsches zu einer quelle des hintersinnigen sinns:

„ich habe meinen regenschirm in turin vergessen.“ was verlor nietzsche alles mit seinem regenschirm

thomas hürlimann aus zug lebt heute in berlin. er gehört zu den bekanntesten schriftstellern der schweiz. sein

schaffen umfasst prosa und theaterstücke, die in viele sprachen übersetzt und mit preisen bedacht wurden. die provokativen

bilder seines einsiedler welttheaters 2000 und 2007 lösten heftige kontroversen aus. in einem interview

bezeichnete er sich selbst als „konservativen anarchist“. zu den wichtigsten stücken zählen „grossvater und

halbbruder“ 1981, „stichtag“ 1984, „der letzte gast“ 1990, „der gesandte“ 1991, „das lied der heimat“ 1998

und „synchron“ 2001. 2008/2009 wurde sein roman „der grosse kater“ mit bruno ganz in der hauptrolle verfilmt.

weitere werke sind „die tessinerin“, „das gartenhaus“, „fräulein stark“, „vierzig rosen“ und „dämmerschoppen

– geschichten aus 30 jahren“.


teilnahme und ANMELDUNG

ZUM PHILOSOPHIE SYMPOSIUM

arrangement „philosophie symposium 2011

3 übernachtungen inkl. grosszügigem frühstücksbuffet

täglich frisches ragazer wasser und obst

„to b. wellbeing & spa“ auf über 5500 m 2

öffentliche tamina therme 7300 m 2

tägliche fitness-und entspannungs-lektionen

4 tage philosophie symposium inkl. vorträge,

kaffeepausen, ausflug, lunch und dinner

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chf 2060.- pro person

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chf 2025.- pro person

TEILNAHME OHNE ÜBERNACHTUNG

für gäste ohne übernachtung im grand resort bad ragaz

sind tagespässe erhältlich. diese beinhalten alle im

programm aufgeführten leistungen

(vorträge, kaffeepausen, ausflug, lunch, dinner)

tagespass donnerstag

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einzelticket je vortrag chf 35.–

ANMELDUNG UND RESERVATION UNTER

GRAND RESORT BAD RAGAZ AG

ch-7310 bad ragaz

t +41-(0)81-303 30 30

f +41-(0)81-303 30 33

RESERVATION@RESORTRAGAZ.CH

RESORTRAGAZ.CH

chf 208.- pro person

chf 220.- pro person

chf 287.- pro person

chf 65.- pro person


PHILOSOPHIESYMPOSIUM.CH

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IMPRESSUM

paul good, bad ragaz 2011

zweites paul good philosophie symposium grand resort bad ragaz

© beim autor prof. dr. p. good

philosophie atelier

elestastrasse 16

postfach 119

ch-7310 bad ragaz / schweiz

GOOD@ PHILOSOPHIESYMPOSIUM.CH

grafische gestaltung und layout:

frederik büttgen, düsseldorf / deutschland

matthias ott, stuttgart / deutschland

auflage 5000 stück

diese texte wurden vom philosophie atelier bad ragaz verfasst

und veröffentlicht. jede text-, bild-, design-kopierung auch

auszugsweise und jede mediale weiterverbreitung ist weltweit

urheberrechtlich verboten.


das paul good philosophie symposium wird unterstützt durch das grand resort bad ragaz,

die zürcher kantonalbank und die heidiland tourismus ag aus dem fonds förderstiftung casino bad ragaz.

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