Missachtung von Patientenverfügung in der Praxis - Ernst Reinhardt ...

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Missachtung von Patientenverfügung in der Praxis - Ernst Reinhardt ...

96 Die Patientenverfügung

Missachtung von Patientenverfügung in der Praxis

Es gibt zahlreiche Berichte darüber, dass sich trotz allem Ärzte

über den in Patientenverfügungen niedergelegten Willen hinweggesetzt

haben, und es scheint leider so, dass das tagtäglich immer

wieder geschieht. Eine Studie über die praktische Bedeutung von

Patientenverfügungen in den USA (Vollmann/Pfaff 2003), deren

Ergebnisse sicherlich weitgehend auf den Zustand im deutschen

Gesundheitswesen übertragbar sind, ist deprimierend:

Patientenverfügungen sind eher selten. (In Deutschland soll nach

Umfragen die Zahl bei 8% der Befragten liegen.) Verfügungen sind

häufig so schlecht abgefasst, dass sie für die Ärzte nicht hilfreich

sind. Verfügungen über eine kardio-pulmonare Reanimation hatten

praktisch keinen Einfluss auf die ärztliche Entscheidungsfindung.

Patienten mit einer Patientenverfügung wurden letztlich nicht anders

behandelt als solche, die keine Verfügung hatten. Und weiter

geht es: Nur 25% der behandelnden Ärzte hatten vorhandene Patientenverfügungen

überhaupt gelesen. Konkrete Anweisungen,

die auf den aktuellen Krankheitszustand des Patienten anwendbar

waren, wurden von den Ärzten in 50% der Fälle nicht beachtet. Sie

ordneten im Gegenteil Behandlungsmaßnahmen an, die im Gegensatz

zu den Vorgaben der Patientenverfügungen standen. Schwierigkeiten

gab es auch mit den bevollmächtigten Vertretungspersonen,

die oft nicht erreichbar und nicht mobil genug waren, darüber

hinaus sich zuweilen persönlich überfordert fühlten. Dass neben

mangelnder Information der Ärzte auch mangelnde Zeit für den

Patienten und mangelnde Bereitschaft zu Gesprächen fehlte, verwundert

nicht. Das also ist die Realität. Wie man sie verändern und

verbessern könnte und sollte, wenn denn ein politischer Wille dafür

vorhanden ist, werde ich später erörtern.

Ich habe, als es um die Respektierung des Selbstbestimmungsrechtes

von einwilligungsfähigen Patienten ging, schon ein Beispiel

für die Missachtung des Patientenwillens gegeben (s. S. 57–59).

Ärzte meinen zuweilen, sie müssten unter allen Umständen „Leben

retten“. Das ist schweres Unrecht, ethisch nicht vertretbar, rechtlich

verboten und mit Sanktionen bedroht. Warum die Einsicht bei

vielen nicht wächst, lässt sich, so meine ich, im Wesentlichen daraus

erklären: Nach wie vor gibt es viele Ärzte, die sich in erster

Linie dem Wohl ihres Patienten verpflichtet fühlen, wie sie es (vermeintlich)

besser als dieser verstehen. Sie setzen dieses Wohl über


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das Selbstbestimmungsrecht, weil sie im Einzelfall meinen, der

Patientenwille sei unvernünftig; sie müssten deshalb die „eigentlichen“

Interessen des Patienten gegen dessen Unwissenheit und

Unvernunft verteidigen. Dahinter steht das falsche Verständnis der

ärztlichen Pflicht, ihren Patienten, koste es, was es wolle, am

Leben zu halten, solange das irgend möglich ist. Dabei werden,

gewissermaßen mit Scheuklappen vor den Augen, andere, mindestens

ebenso gewichtige ethische und rechtliche Grenzen der

ärztlichen Tätigkeit übersehen. Was dann unter den Tisch fällt,

sind die Achtung vor der Autonomie des Patienten, dessen eigene

Lebenseinstellung und Lebensentscheidung, auch die Achtung der

Grenzen der Medizin am Ende des Lebens, letzten Endes die Achtung

des Rechts auf den eigenen Tod.

Wie sehr die Missachtung einer Patientenverfügung zu tragischen

und nicht hinnehmbaren Folgen führen kann, will ich an einem

Beispiel erläutern, das ich aus einem glaubwürdigen Bericht

aus jüngerer Zeit kenne, und das mir exemplarisch zu sein scheint.

Die Eheleute K., der Mann 82, die Frau 76 Jahre alt, haben vor

nicht langer Zeit eine Patientenverfügung folgenden Wortlauts

(hier nun der interessierende Ausschnitt) unterzeichnet:

„Für den Fall, dass ich wegen einer schweren Erkrankung oder

aus anderen Gründen nicht mehr entscheidungsfähig bin oder

meinen Willen nicht mehr äußern kann, verfüge ich:

1. Bei irreversibler Bewusstlosigkeit, schwerster Dauerschädigung

meines Gehirns oder dauerndem Ausfall lebenswichtiger

Funktionen meines Körpers soll keine therapeutische, sondern

nur noch eine den Umständen angemessene palliative Behandlung

erfolgen. Insbesondere will ich keine Reanimation, wenn

diese aller Voraussicht nach zu spät kommt, um ein Weiterleben

zu erträglichen Bedingungen zu ermöglichen. Auch soll

keine künstliche Ernährung eingeleitet werden. Schon getroffenen

intensivmedizinische Maßnahmen sollen sofort beendet

werden. Das soll auch für den Fall gelten, dass eine Wiedererlangung

des Bewusstseins in kürzerer oder längerer Zeit aus

ärztlicher Sicht nur unwahrscheinlich, aber letztlich nicht völlig

auszuschließen ist. Keinesfalls will ich das Risiko eingehen,

mit schwersten geistigen und körperlichen Schäden als Pflegefall

am Leben gehalten zu werden.“


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Sie haben sich ferner gegenseitig eine Vorsorgevollmacht erteilt.

Im August 2002 verstarb Herr K.; auf die Patientenverfügung

brauchte nach den Umständen des Todes nicht zurückgegriffen

werden.

Die nunmehr allein in der Wohnung verbliebene Frau K.

verlor Anfang 2003, wohl infolge eines Schlaganfalls, das Bewusstsein,

als sie sich im Badezimmer aufhielt, und glitt in die

leere Badewanne. Dort wurde sie, weiter bewusstlos, drei Tage

später von ihrer Putzfrau gefunden und von dem herbeigerufenen

Notarzt in das Städtische Krankenhaus gebracht. Dort

lag sie in der Folgezeit im Koma und wurde, soweit möglich,

pflegerisch und ärztlich versorgt. Sie wurde mittels einer Magensonde

ernährt. Das Krankenhaus beantragte beim zuständigen

Vormundschaftsgericht die Bestellung eines Betreuers.

Eine Woche nach der Einlieferung von Frau K. in das Krankenhaus

reiste die inzwischen ermittelte und verständigte

Nichte an, die von der Existenz einer Patientenverfügung

wusste. Sie ließ sich von dem Hausarzt das bei diesem hinterlegte

Exemplar geben und zeigte es dem Chefarzt der internistischen

Abteilung. Sie meinte, man solle daraufhin die

künstliche Ernährung beenden.

Der Chefarzt gab ihr zu verstehen, in seinem Hause lasse

man keinen Patienten verhungern, und weigerte sich, der

Bitte nachzukommen. Auf Veranlassung der Nichte, die zur

Betreuerin bestellt worden war, wurde die immer noch im

Koma liegende Frau K. in ein Pflegeheim am Wohnort der

Nichte verlegt. 14 Tage danach erwacht Frau K. langsam aus

dem Koma. Die künstliche Ernährung wurde fortgesetzt, erste

Versuche wurden gemacht, sie zu füttern. Sie wird derzeit am

Tage aus dem Bett geholt, angezogen und in einen Rollstuhl

gesetzt, ist jedoch nach wie vor praktisch bewegungsunfähig.

Eine Kommunikation ist mit ihr nur ansatzweise möglich. Sie

scheint einiges mühsam zu verstehen, kann sich selbst aber,

von einzelnen fast unverständlichen Wortbrocken abgesehen,

nicht ausdrücken. Eine wesentliche Besserung ihres Zustandes

ist nicht eingetreten und nicht mehr zu erwarten, es sind im

Gegenteil epileptische Anfälle hinzugekommen.

So weit der Sachverhalt. Nach meinem Verständnis traf die Patientenverfügung,

die übrigens im hier entscheidenden Teil einem Vor-


Missachtung der Patientenverfügung 99

schlag von mir entsprach (Ankermann 1999), genau auf die Situation

der Frau K. zu. Es war zwar immerhin möglich, dass sie nach

kürzerer oder länger Zeit aus dem Koma aufwachen könnte, angesichts

der Vorgeschichte war es aber absehbar, dass sie dann nur als

schwerer Pflegfall würde weiterleben können. Genau das wollte

Frau K. vermeiden, als sie gemeinsam mit ihrem Ehemann die Patientenverfügung

abfasste. Deshalb hätte der Chefarzt, als er die

Verfügung zu sehen bekam, jede weitere Therapie, hier vor allem

die künstliche Ernährung, abbrechen müssen. Seine Antwort an

die Nichte der Frau K. klingt zynisch, obwohl das sicher nicht beabsichtigt

war. Er hatte sich offenbar nicht klar gemacht, dass er

das Selbstbestimmungsrecht seiner Patienten, deren Wunsch seiner

persönlichen Einstellung widersprochen haben mag, missachtete

und Frau K. gegen deren Willen nicht sterben ließ, sondern sie zu

einem nicht mehr sinnvollen und vielleicht qualvoll erlebten Weiterexistieren

verurteilte.

Es sind das Tragödien, die sich leider immer wieder abspielen

und verständlicherweise zu Verbitterung bei denen führen, die auf

die Wirksamkeit des Patientenwillens vertraut haben. Es sollte von

Seiten der zuständigen staatlichen Stellen und vor allem von der

Ärzteschaft selbst alles getan werden, um die notwendige Aufklärungsarbeit

zu leisten und die Ärzte mit Nachdruck auf ihre

Pflichten und den geschuldeten Respekt vor dem Patientenwillen

hinzuweisen. Mit dem Bereithalten von Formularen für Patientenverfügungen

allein ist es nicht getan, solange selbst bei einer Fortbildungsveranstaltung

einer Ärztekammer der Ansicht von Teilnehmern,

Patientenverfügungen seien unverbindlich, allenfalls

Anregungen, nicht widersprochen und die Letztentscheidung des

Arztes betont wird; ich weiß das zuverlässig. Ebenso weiß ich,

dass wahrscheinlich die Mehrheit der Ärzte Patientenverfügungen

nicht als lästig und überflüssig ansieht, sondern als eine willkommene

Hilfe, wie sie mit ihrem Patienten umgehen sollen. Nicht zufällig

sind vor allem Neurologen und Anästhesisten aufgeschlossen

dafür, und nicht zuletzt die zahlreichen erfahrenen Ärzte in

kleineren Krankenhäusern, die mit dem Leiden und Sterben von

Patienten täglich konfrontiert werden und offen sind für hilfreiche

Lösungen, die unnötige Qualen und Leiden vermeiden helfen.

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