China “Wie in der Hölle”

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China “Wie in der Hölle”

Spiegel, Nr. 12/2012:

China

“Wie in der Hölle”

Mehr als ein Dutzend Tibeter haben sich in den letzten Monaten selbst verbrannt

– ein verzweifelter Protest gegen die Unterdrückung ihres Volkes. Der Staat

regiert mit gnadenloser Härte.

Ein Singsang trauernder tibetischer Mönche, begleitet von dumpfen Trommelschlägen,

dringt durch die Ritzen der kleinen Lehmhütte. Drinnen haben die Eltern von Tsering Kyi

Butter, Gebäck und Milchtee für die Geistlichen aufgetischt, an der Wand hängt ein

großes Porträt des Dalai Lama. „Meine Tochter verehrte ihn von ganzem Herzen“,

sagte der Vater. In seiner Stimme mischt sich tiefe Trauer mit trotzigem Stolz.

Es ist keine gewöhnliche Totenfeier, die sie hier – am Fuße eines Bergklosters auf dem

tibetischen Hochplateau in der Provinz Gansu – abhalten. Denn Tsering Kyi, die junge

Frau, die noch Schülerin war, hat sich Anfang März auf einem Gemüsemarkt in der

Kreisstadt Maqu mit Benzin übergossen und verbrannt. 20 Jahre war sie alt.

Tsering Kyi gehört zu den mindestens 27 Tibetern, die sich seit März 2011 aus Protest

gegen die chinesische Unterdrückung selbst angezündet haben, 18 davon starben.

„Das Leben macht keinen Sinn, wenn wir nichts für Tibet tun“, soll sie im Kreis der

Familie geäußert haben.

Die Selbstmordwelle lenkt den Blick wieder auf das Hochland am Himalaja-Gebirge.

Erneut wurden auch Demonstranten von der Polizei erschossen – der Aufruhr rund um

Tibet setzt sich fort. Er bedroht die Stabilität eines Gebietes, das sich über Chinas

westliche Provinzen Gansu, Sichuan, Qinghai und Yunnan erstreckt und in dem knapp

3,5 Millionen Tibeter leben. Das sind etwa 500 000 mehr als im tibetischen Kernland,

das China 1950 militärisch „befreit“ und später als „Autonome Region“ eingemeindet

hatte.

Am 10. März verbrannte in Aba der 18-jährige Mönch Gepey, er zündete sich hinter

einer chinesischen Militärkaserne an. Aus tibetischen Exilkreisen heißt es, er habe

damit an den fehlgeschlagenen Aufstand der Tibeter von 1959 erinnern wollen. Aba, ein

Tempelort in der Provinz Sichuan, ist das Zentrum der antichinesischen Proteste. Mit

einem Großaufgebot von Sicherheitskräften riegelt die Staatsgewalt die Gegend derzeit

von der Außenwelt ab.

Und in Tongren, in der Provinz Qinghai, setzte sich Mittwoch vergangener Woche der

Mönch Jamyang Palden in Brand, er wurde in letzter Minute gerettet.

Die Verzweiflungsakte der Tibeter überschatten die Sitzung des Nationalen

Volkskongresses, des chinesischen Scheinparlaments, das bis Mitte vergangener

Woche in Peking tagte. Eigentlich sollet das alljährliche Ritual in der Großen Halle des

Volkes einen Führungswechsel an der Spitze von Staat und Partei einleiten: Im Herbst

wird Parteichef Hu Jintao von Vizepräsident Xi Jinping abgelöst, im Frühjahr 2013 soll

Xi ihm auch als Staatschef nachfolgen. Wir haben alles im Griff – das war die Botschaft

hinter dieser Inszenierung.


Die andauernden Unruhen in den tibetisch besiedelten Gebieten passen nicht dazu. Sie

stoßen die Welt darauf, dass die aufstrebende Supermacht Probleme mit ihrem

Vielvölkerstaat hat, die sie nicht zu lösen vermag: Statt die Sorgen der Tibeter ernst zu

nehmen, setzt die kommunistische Obrigkeit auf Gewalt und produziert neuen Hass.

In Maqu und Umgebung herrscht seit dem Selbstmord der Schülerin Tsering noch mehr

Angst unter den Tibetern als sonst. Chinesische Sicherheitskräfte patrouillieren durch

die Stadt; wer nach Mitternacht auf der Straße erwischt wird, riskiert Prügel oder

Verhaftung.

Auch die Eltern von Tsering fürchten sich vor der Polizei. Die Behröden behielten sogar

den Leichnam der Tochter ein – sie wollen die Tote erst freigeben, wenn die Familie

eine Erklärung unterschreibt, Tsering habe sich nicht aus politischen Motiven

umgebracht.

Die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua gab die Selbstverbrennung als Tat einer geistig

Gestörten aus: Die Tibeterin habe sich in der Schule den Kopf an einem Heizkörper

gestoßen, seither habe sie „gelegentlichen Ohnmachtsanfällen“ gelitten.

„Tsering war ein ganz normales Mädchen und eine gute Schülerin, sie war mein

Liebling“, sagt der Vater. Wie viele Angehörige seiner Volksgruppe spricht er nur

Tibetisch, kein Chinesisch. Er entrollt aus einem weißen Seidenschal Fotos, auf denen

seine Tochter als wohlbehütetes Kind zu sehen ist: „Sie hatte keine persönlichen

Gründe, sich umzubringen.“ Mehr will der Vater nicht sagen, er fürchtet die

Staatsgewalt.

Bei ihrem Großeinsatz im weiten tibetischen Grasland führen sich die Sicherheitskräfte

wie Besatzer auf. Vergangene Woche verschärften sie die Kontrollen noch, denn am

14. März jähren sich auch die Unruhen, die im Olympiajahr 2008 in Tibets Hauptstadt

Lhasa eskalierten.

„Seit 2008 leben wir wie in der Hölle“, sagt ein junger Tibeter in der Tempelstadt

Langmusi, die an der Grenze zwischen Gansu und der Provinz Sichuan liegt. Vom Auto

aus zeigt er auf eine Straße, die zum Tempel führt: Dort werfen sich nach tibetischer

Sitte gerade Pilger in ganzer Körperlänge auf den Boden. An ihnen vorbei marschiert

eine martialisch wirkende Staffel schwarz uniformierter Sicherheitskräfte mit Schilden

und Helmen.

Die Unruhen vor vier Jahren begannen auch in Langmusi damit, dass tibetische

Mönche chinesische Geschäfte anzündeten. „Danach hat die Polizei in unseren

Häusern nach Fotos des Dalai Lama gesucht“, berichtet der Mann. Die chinesische

Propaganda verteufelt das im indischen Exil lebende Oberhaupt der Tibeter als „Wolf in

Mönchskutte“ – Anführer einer Clique von Separatisten sei der.

Der junge Tibeter in Langmusi trägt westliche Kleidung und fährt ein neues

chinesisches Auto. Ihm geht es besser als jenen Tibetern, die als Hirten arbeiten, ihre

Hütten mit Yak-Dung heizen und bestenfalls Motorrad fahren.

Peking versucht, den Wohlstand der Region rund um Tibet zu heben, es lockt Touristen

an und pumpt staatliche Gelder in die Städte. Befriedet hat es den Landstrich damit

nicht. Denn mit dem Wohlstand wächst unter den jungen Tibetern auch der Wunsch,

ihre kulturelle und religiöse Eigenart zu wahren. „Wir wollen unseren eigenen Staat“,

sagt der Mann.


Das sind Töne, wie sie lange nicht mehr von den friedliebenden buddhistischen

Tibetern zu hören waren. Hatte nicht der Dalai Lama unermüdlich versichert, er fordere

für Tibet keine Unabhängigkeit, sondern lediglich Autonomie in religiösen und

kulturellen Angelegenheiten?

Peking unterstellt ihm genauso unermüdlich das Gegenteil: Die Exil-Regierung wolle

„Tibet und die tibetisch bewohnten Gebiete von China loslösen“, behauptete Premier

Wen Jiabao Mittwoch vergangener Woche. „Wir haben dazu eine feste Position.“

Die chinesische KP-Spitze könnte allerdings eines Tages bereuen, dass sie die

Dialogbereitschaft des greisen Dalai nicht nutzte – in einer Zeit, als der noch Autorität

besaß. Im vergangenen Jahr hat er die politische Führung der Exil-Tibeter an Lobsang

Sangay abgegeben, einen in Harvard promovierten Juristen. Er selbst beschränkt sich

seither auf seine Rolle als religiöses Oberhaupt.

Die jüngeren Tibeter sind kaum noch bereit, der weichen Linie des Dalai Lama zu

folgen. „Er hat zu lange und zu bequem im Ausland gelebt“, sagt der junge Tibeter in

Langmusi, „wie kann er unsere Leiden verstehen?“ Von Lobsang Sangay haben die

meisten hier nie gehört. Zwar hängt an fast jeder Hütte auf dem Grasland eine

Satellitenschüssel, das Fernsehprogramm jedoch ist zensiert.

Chinas kommunistische Machthaber versuchen jetzt, die tibetischen Klöster zu

isolieren, so auch im Widerstandsnest Aba. Auf polizeilichen Druck sollen drei Viertel

der einst 2500 Mönche das dortige Kloster verlassen haben.

„Wir können die Lage unserer Brüder in Aba gut nachfühlen“, sagt ein hochrangiger

Mönch im Labrang-Kloster in Xiahe in der Provinz Gansu. Seine Stube ist ausgestattet

mit einem großen Flachbildfernseher und einem Radiator, der für wohlige Wärme sorgt.

Und doch rutscht der Mönch unbehaglich auf seinem Kissen hin und her, er musste von

einem Vermittler erst dazu überredet werden, den SPIEGEL zum empfangen. Im

Kloster gebe es „überall Augen und Ohren“, sagt er.

Xiahe war vor vier Jahren einer der tibetischen Unruheherde, Mönche griffen damals

die örtliche Polizeistation an, sie forderten Freiheit für ihre Religion. Erst nach

Verhaftung der Rädelsführer brachten die chinesischen Behörden die tibetische Stadt

wieder unter ihre Kontrolle.

Die Polizei überprüfe regelmäßig das Kloster, berichtet der Mönch, „deshalb sehen Sie

bei mir kein Foto des Dalai Lama“. Man dürfe nichts riskieren: „Wenn von unseren 3000

Mönchen auch nur einer protestiert, schließen die Chinesen Labrang, und dann stirbt

eines der wichtigsten tibetischen Heiligtümer.“

Am liebsten würde die chinesische Obrigkeit Labrang als buddhistisches Disneyland

betreiben – für Touristen wie jene, die draußen gerade Gläubige mit Gebetsmühlen

fotografieren. Den geistlichen Nachwuchs hat Peking streng begrenzt. Pro Jahr, sagt

der Mönche, dürfe Labrang nur noch 20 Novizen aufnehmen.

Von Chinas künftigem Partei- und Staatschef Xi Jinping verspricht sich der Geistliche

keine Besserung. Denn Xi hatte vergangenes Jahr in Lhasa gefordert, „jeden Versuch,

die Stabilität in Tibet zu untergraben, zu zerschmettern“. Die Kommunistische Partei mit

ihrem absoluten Machtanspruch und die Tibeter mit ihrem Buddhismus – „das passt

einfach nicht zusammen“, sagt der Mönch.

Wieland Wagner

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