Aufrufe
vor 3 Jahren

CRUISER08

Seite 6 interview

Seite 6 interview CRUISER 1008 Lola Sara Korf Sie hat ihr Buch «nicht verfasst für alle die, die sterben, bevor sie wirklich tot sind» Die Berliner Transsexuelle und Neu-Schweizerin Lola Sara Korf präsentiert ihr Buch «Berlin (L)Ostbahnhof – mit Stöckelschuhen schenkelhoch im Schlamm» im Club Vertigo in Zürich. Die Lesungen sind Teil einer grossen Berliner Sause. Lola Sara Korf ist «aufgewachsen im Milieu der DDR-Elite mit Zugriff auf verbotene Westliteratur». Sie war Mitbegründerin der Grünen Partei in der DDR und landete als ehemalige Fraktionsvorsitzende von Bündnis90 / Die Grünen in einem Stadtparlament schliesslich als Parteilose in der Opposition, bei der CDU-Fraktion. Dies war nur die erste ihrer Komplettwandlungen. Auf der Suche nach persönlicher Wahrhaftigkeit und gelebter Freiheit tauschte Korf «die Illusion einer sicheren Welt gegen die mit mancher Absurdität behafteten Realität Berlins». Hier studierte sie an der Freien Universität Jura. Das Studium finanzierte sie unter anderem als Sängerin, Journalistin und Veranstalterin von Modeparties in Berliner-In-Clubs – und als Domina. Danach zog es sie nach Paris, und dort begann sie zu schreiben. Ein gewisser Exhibitionismus war ihr stets zu eigen. Nun hat sich Berlins «Chick with a dick No.1» schonungslos «bis auf die letzte Pore ihres Alabasterkörpers» – und vor allem auch dessen Innenleben – entblättert. In «Berlin (L)Ostbahnhof» bringt sie auf 236 Seiten Licht und Schatten aus Berlins Under- und Upperground zu Tage. Aus Anlass ihrer Lesung im Club Vertigo hat der Cruiser sie zu einem Schwatz eingeladen und ihr einige prickelnde Fragen gestellt. Hallo Lola, top gestylt...wie geht es dir? (Lola bestellt einen doppelten Vodka) … das liegt immer im Auge des Betrachters. Meine Illusion funktioniert seit Jahren perfekt. Clinique sei Dank. Aber wenn du schon so fragst, ich fühle mich derzeit total wohl. Und zwar rundum. Woran liegt das wohl? Meine Buchlesung steht bevor. Ich lerne jeden Tag interessante Menschen kennen. Ich bin meiner Make-up-Firma Clinique nachgereist. Ich bin ja jetzt Neuschweizerin – in einem freiheitlichen Land. Du bist schon seit einem Jahr in der Schweiz, wieso kommst du erst jetzt aus der Versenkung? Woher willst du wissen, dass ich erst jetzt aus der Versenkung komme. Der Untergrund, die Kanalisation sozusagen, war auch sehr spannend. Aufgetaucht bin ich unbeschadet vor vielen Wochen. Oder wollen wir jetzt etwa über Fassaden sprechen? Nein, wir sprechen über den Event im Vertigo. Erzähl uns mehr. Meine Buchlesung an sich umfasst ja nur einen kleinen Teil des ganzen Abends. Garnitur in den Pausen zwischen dem 4-Gang-Menü (des stadtbekannten Kochs Daniel Fischer, ehemals Eden au Lac). Ich will, dass der Abend eine Hommage der Berliner an Zürich wird. Und zwar nicht deshalb, weil Zürich die Stadt der Reichen und Schönen ist, sondern weil Zürich es verdient hat, nicht von arroganten Deutschland-Fussbalfans besucht zu werden, sondern von Menschen, die die Stadt schlichtweg geil finden. Die Soiree steht ganz im Berliner Licht. Willst du uns was beibringen?

CRUISER 1008 interview Seite 7 Ick brauch Zürich nischts beizubringen. Sondern Zürich bringt mir was bei – zum Glück! Welches sind deiner Meinung nach die «Top 3» Unterschiede zwischen der Schwulenszene Berlin und der jetzigen Szene in Zürich? Es gibt keine Unterschiede. Zürich ist für die Schweiz, was Berlin für Deutschland. Erstens: Fluchtort für alle jene, die noch Träume haben und nicht seelisch verrottet, eingekerkert und bis zur Strangulation umschlungen werden. Und zwar von Ihren Eltern und anderen verständnisvollen näheren Verwandten. Zweitens: Berlin ist wie Zürich keine Szenenmetropole, sondern statistisch die Single-Metropole, in der sich leider allzu oft verarschte arme Geschöpfe gegenseitig verarschen. Und drittens… letztendlich ist Zürich für die Schweiz und Berlin für Deutschland die einzige therapeutische Zuflucht beim gefühlten, kurz bevorstehenden Amoklauf, bei dem nicht zwangsläufig mit scharfer Munition geschossen werden muss. Machen wir uns nichts vor: Niemand kann was für den Ort, an dem er geboren und sozialisiert wurde. Aber wir alle haben schon begriffen: Perspektiven hat man nicht, Perspektiven schafft man sich! Reden wir über dein Buch. Muss ich mir darunter das typische therapeutische Buch einer Transexuellen vorstellen? Im Gegenteil. Der Begriff Transexualität fällt im ganzen Buch nicht ein einziges Mal. Ich habe bewusst nicht auf die Tränendrüse gedrückt. Das erledigt für mich stellvertretend schon Rosamunde Pilcher. Im Übrigen ist Liebe geschlechtslos und bedarf keiner weiteren Erklärung. In dem Buch geht es nicht nur um sexuelle Lebensvariationen, sondern vor allem um das im Schatten der Gesellschaft existierende und pulsierende Leben schlechthin: illegale und halblegale Berliner Clubkultur der Neuzeit, Beziehungsdramen à la carte, Kamele mit Pink gefärbten Locken, notorisch Leidende und verzweifelt Suchende. Ich habe etwas in deinem Buch gestöbert. Party, SM-Studio, Szenenleben – das hatten wir doch längst. Wer also soll sich noch die Zeit nehmen, dein Buch zu lesen? Moderne, an neuer Deutscher Literatur interessierte Menschen, die Scham, Witz und Selbstironie nicht in den falschen Hals bekommen und auch mal den Mut haben, sich spätestens mit dem Lesen des Buches die Haselnuss aus den Arschbacken zu ziehen, bevor sie geknackt wird. Geknackt wird zwar auch in dem Buch – vor allem jedoch das schizophrene Verhältnis einer angeblich toleranten und aufgeklärten Gesellschaft. Schuster, bleib bei deinem Leisten – zieht es dich wieder zurück ins Partyleben? Clubs sind seit jeher – im Gegensatz zu Mallorca-Tequila-Discotheken – Orte, wo sich Menschen zwar nicht viel zu sagen haben, aber zumindest gemeinsam das Exzessive suchen. Und das erwartet dich auch an diesem Clubevent: Gloria Viagra, die Berliner Skandalnudel der letzten Jahre, wird nebst Chantal, der Chefin des berühmten «Chantals House of Shame» (die zweitgrösste Schwulenparty Berlins), nicht nur live ein Liedchen trällern, sondern auch die ganze Nacht, im wahrsten Sinne des Wortes, greifbar sein. Bürger P. wird uns seine erlesenen Stücke aus seiner privaten Plattensammlung zum Besten, geben nebst Body und… Eine kleine Verständnis-Frage: Du siehst Dich als Frau – oder wie sieht das genau aus...? (Lola packt den Busen) Alles echt! Mein Name ist Lola Sara Korf. Jawohl. Ich finde respektlos, wenn Menschen mich in Clubs nicht zuerst nach meinem Namen fragen, sondern gleich zur tiefer gelegenen Extraklasse kommen: «Versteh das nicht falsch?! – Bist du eine Transe?». Die Situation muss jedem eingefleischten schwulen Mann irgenwie bekannt vorkommen. Ich für meinen Teil musste zwei Jahre lang nach dem deutschen Transsexuellen-Gesetz zu diversen Gerichtsgutachtern stöckeln, um es danach schwarz auf weiss mit schwarz-rotgoldenem Kordelband und Bürokraten-Stempel «Im Namen des Volkes» attestiert zu bekommen. Ich überlasse dir noch die letzten Worte an die Leser des Cruisers...? Vielleicht noch eines, was ich euch gerne selbstlos an die Hand geben würde. Mein selbst geprägtes Motto lautet: «Lieber stehend sterben als kniend weiterleben!». Und das funktioniert – nur so – weltweit. Interview: Branko B. Gabriel Lola Sara Korf gastiert mit einer intimen Lesung im Zürcher Club Vertigo. Anschliessend gibt’s ne Berliner Sause der Extraklasse! «Berlin fatal fatal, on Spot» mit Gloria Viagra, Chantal (House of Shame) und Bürger P. (D). 4-Gang-Menu inkl. Lesung und Club CHF 98.–, Clubbers Menu CHF 68.–. 17. Oktober 2008 Vertigo, Niederdorfstr.10, Zürich Reservationen, Tickets und Infos unter: www.vertigozurich.com Leseprobe aus Berlin (L)Ostbahnhof aus dem Kapitel Domina-Mutation Aus Verlegenheit stieg ich in die Rechts- und Verfassungsgeschichte ein. (...) Nachdem ich meine Prüfungen in Rechts- und Verfassungsgeschichte als eine der Besten hinter mich gebracht hatte, nahm ich mir die Strafrechtsbücher vor. Ich lernte ganz im Sinne der herrschenden Lehrmeinung. Eine Klausur hatte ich immerhin schon verhauen, weil ich mich an eine hinfällige Minderheitenmeinung hielt. Dies Risiko wollte ich kein zweites Mal eingehen. Ich tat, als hätte ich meine Lektion gelernt. Die strafrechtlichen Kommentare der so genannten herrschenden Meinung waren meistens in altdeutscher Sprache geschrieben- das frühe Zwanzigste Jahrhundert. Für mich war dies der Beweis von Standfestigkeit und Unbiegsamkeit deutscher Strafrechtsgeschichte. Mein eigener, rebellischer Anspruch mutete gebrochen. Das Auswendig-Lernen der Herrscher-Meinung war nicht nur einfacher, sondern lohnte sich auch. Angepasst an Wortwahl und Logik der alten Zeit bestand ich die Wiederholungs-Klausur und Hausarbeit mit Bravur. Alle waren stolz. Ich war emotionslos. Zum Antriebs- kam jetzt auch der Geldmangel. Statt großem Partygelage wurde die Rotweinflasche meine geliebte Vertraute. (…) Ich stand emotional vor dem: Nichts. Brachland. Aber eben auch die Zuversicht auf neues Leben. Mein Leben! Um damit beginnen zu können, brauchte ich zunächst einmal einen Auftrag und Geld. Einfache Bar- Jobs gab es in Berlin zu diesem Zeitpunkt, Ende der 90 er Jahre, längst nicht mehr. Selbst ausgebildete Restaurantfachkräfte hatten schlechte Karten im Vergnügungs- und Schlemmergewerbe. Was konnte ich denn schon großartig anbieten? Ok, der Körper war ausgesprochen ansehnlich. Konfektionsgröße 36, ein hübsches Gesicht, extrem weiche Haut, einen festen, echten Busen, weißblondes Haar und dunkelbraune Augen. Mit einem Wort: eine Sexatombombe. Ich erinnerte mich an eine alte Freundin. Sie war Domina. Vielleicht sollte ich es auch einmal als Domina versuchen? Nach all den Pleiten, Pech und Pannen mit meinen Glücksrittern, wollte ich nun, da ich endlich entjungfert war, alles über die Abgründe männlicher Sexualität wissen. Auf weitere Verarschungen hatte ich vorerst keine Lust. Ein klar definierter, abgegrenzter Rahmen, war genau das, was ich brauchte und wollte. Stressfreier Gehirnsex für Geld – mit Verzicht auf die üblichen Versprechungen und Walt-Disney-Geschichten. Wieso eigentlich nicht – wenn schon Geschichten, dann die «blutrünstigen» von den Gebrüder Grimm. Ich brachte alle Voraussetzungen für das Gewerbe mit: Den Körper und die Lust auf das Kopfspiel. Denn Sado-Masochismus war nichts Anderes als «Brain Fuck» – «Gehirnfick». Es ging nicht um die Mechanik – nicht nur darum, die Schwellorgane in Wallung zu bringen – die Gehirnaktivität war das Lustzentrum. Die Technik bestand darin, Reize bis an geistige Grenzen zu treiben, um sie dann am geeigneten Blitzableiter in die Erde zu jagen. Im Idealfall wurde keines der anfälligen Bauelemente zerstört. Es war das Spiel mit klaren Regelnfür «Herrscher» und «Unterworfene». Denn nur auf dieser Stufe, können sich beide Seiten, bedenkenlos auf Ausflüge einlassen, um die im Schatten der Gesellschaft gelebten, und oftmals von dieser negierten, scheinbar abnormen sexuellen Bedürfnisse, ausleben zu können. Es ist einfacher gesagt als getan! Präsentieren die Mächtigen, die einmal unterworfen sein wollen, doch die gesamte Bandbreite der Gesellschaft: Politiker, Finanziers, Bauern, Auszubildende und Ausbilder, Manager, Börsenmakler, Offiziere, Arbeiter, höhere und niedere Beamte, Lehrer, Ärzte, Pädagogen und andere Intellektuelle. Befreit von allen moralischen Bedenken konnte man sich nun auf das Rollenspiel einlassen. Dekadent? Ja, das war es wohl! Aber wessen Kultur wollte man hier zugrunde legen, um den Ausdruck «Dekadent- unzüchtigkulturell verfallen», zu benutzen? Wessen Kultur sollte es sein, gegen die man verstoßen hatte? «Berlin (L)Ostbahnhof – mit Stöckelschuhen schenkelhoch im Schlamm« ist in der Schweiz online über alle gängigen Buchshops bestellbar (Buch.ch, Amazon.ch, Exlibris.ch, etc.)