pdf download (20 MB) - anton

antonmagazin.files.wordpress.com

pdf download (20 MB) - anton

VIEL LAUNE FÜR

WENIG GELD

DA S M AG A Z I N - J A H R E S A B O F Ü R N U R 1 8 E U RO

Anzeige

18f

im Jahr

(statt 33 d)

DAS MAGAZIN ist eine amüsante Monatszeitschrift, die Kultur,

Alltag und Gesellschaft staunend durchstreift und betrachtet.

Freuen Sie sich auf einen originellen Themenmix: Qualitätsjournalismus,

hochgelobte Satire, literarische Kurzformen aller

Art, Illustrationen vom Feinsten, ausgesucht schöne Fotos – und

das alles im lesefreundlichen A5-Format.

DAS MAGAZIN- STUDENTEN-ABO

Ja, ich möchte das MAGAZIN-Studentenabo ab der nächsten Ausgabe für 18 Euro (Ausland: 28 Euro)

Bitte Coupon ausschneiden und einsenden an: DAS MAGAZIN, Tieckstraße 8, 10115 Berlin, Fax (030) 48 49 62 36

Name, Vorname

Kontonummer

Straße, Hausnummer

Bankinstitut

PLZ, Wohnort

BLZ

Anton2011

Telefon oder E-Mail bei eventuellen Rückfragen

Bitte buchen Sie von meinem Konto ab

Bitte schicken Sie mir eine Rechnung

gültige Immatrikulationsbescheinigung anbei / per Fax / per Mail

Datum, Unterschrift

DAS MAGAZIN für Schüler und Studenten – Nur 18 Euro für ein Jahr (Ausland 28 Euro) – gegenüber der Summe des Kioskpreises von 33 Euro.

Wichtiger Hinweis: Dieses Abo ist nur gegen Vorlage einer gültigen Bescheinigung möglich. Der Preis schließt die Mehrwertsteuer und die Zustellgebühr ein.

Das Abo verlängert sich um den Bestellzeitraum, wenn es nicht vier Wochen vor Ablauf gekündigt wird.

Widerrufs-Garantie: Diese Bestellung kann innerhalb von 14 Tagen (Poststempel dieser Karte) widerrufen werden.

ODER BESTELLEN UNTER WWW.DASMAGAZIN.DE & TEL.: 030 / 48 49 62 30

1


Inhalt

Titelthema

4 Öko- Häuser

5 Guerilla-Gardening

6 Gentrifizierung

9 Urban Provincialism

11 Urbane Utopien

14 Streetart

15 Stadtkonzepte Leipzig

16 Megacities

18 Armutshauptstadt Leipzig

20 Simmel – Urban

Elfenbeinturm

22 FSR- News

22 Fakultäts- Fußballturnier

23 KuWi – News

24 Interview mit Kornelia

Sammet

27 Problemkind Kulturmanagement

28 WGT – Forschungsseminare

Studentenfutter

30 Erasmus in Granada 30

31 Bachelorarbeit Kulturgeschichte

32 Buchrezension:

„Widerstand im Netz“

33 Buchrezension:

„Kulturelle Konflikte“

The Real World

34 Projekt

„Gemeinsam Forschen“

35 Weitblick e.V.

37 Praktikum „Keats House“

39 Praktikum Madagaskar

41 „Studieren in FernOst“

Eigensinn

43 Rätsel / ANTON-Comic

44 Schuhe an Bäumen

45 Kindergeburtstag

46 Impressum

Vorwort

Langsam wird es eng. Seit 2008 leben laut UNO mehr Menschen in Städten als auf

dem Land. Die Urbanisierung, bekanntlich kein neues oder gar nur auf die Moderne

beschränktes Phänomen, hat eine wichtige Marke überschritten. Es ist somit fraglich,

ob sich dieser Trend je wieder umkehren wird und sich der Höchstständ dann

doch nur als konjunktureller Gipfel erweist. Egal was da komme, es war dringend

Zeit, dass sich ANTON einmal diesem Phänomen widmet. An quantitativen Dingen

sind wir als Kulturwissenschaftler jedoch weniger interessiert. Sicherlich finden sich

Daten und Zahlen, aber unser Fokus liegt auf der Phänomenologie des „Urbanen“,

den städtischen Lebenswelten, hier in Leipzig und auf der ganzen Welt. Neben den

rund zwanzig Seiten zum genannten Thema, findet ihr, wie immer, viele weitere,

ebenso lesenswerte und spannende Artikel aus den Bereichen „Elfenbeinturm“ (Uni

und Institut), „Studentenfutter“ (Studium und Literatur), „Real World“ (wo die Ku-

Wis anpacken) und „Eigensinn“ (der Rubrik für Schönes und Geistiges).

Eng wird es jedoch nicht nur in den Straßenschluchten der Großstädte, sondern auch

für den ANTON. Für die nächste Ausgabe und die Zeit danach braucht es dringend

experimentierfreudige, schriftkundige (KuWi) Studierende mit breitem Horizont. Da

diese Definition auf jede/n passt, gewinnt, wer zuerst kommt. Wer am Heft mitarbeiten,

sprich schreiben, fotografieren, layouten, designen, Finanzkram erledigen und/

oder verkaufen will (und wer will das nicht), der meldet sich einfach unter antonredaktion@gmx.de,

besucht ANTON im Blog oder bei Facebook und hält Ausschau

nach den Ankündigungsplakaten für die nächste Redaktionssitzung, die zeitnah im

Institut aushängen.

3


Titelthema

Ökologisch hochwertiges Wohnen

- nun auch für Tiere und Pflanzen

Grafik ©

Iliane Kiefer

Für die umweltbewusste Familie ist

ökologisch wertvolles Wohnen inzwischen

kaum noch ein Problem.

Massenweise bieten sich Firmen

feil, die entweder ein vorhandenes

Haus „ökosanieren“ oder aber ein

einwandfreies Ökohaus bauen können.

Nun kann ja nicht jeder der rund

sieben Milliarden Menschen auf der

Welt in einem eigenen, ökologisch

topausgestatteten Haus als umweltfreundlicher

Selbstversorger auf

dem Land wohnen. Außerdem lebt

der moderne Mensch ohnehin lieber

in der Stadt als auf dem Land.

Mehr Menschen in den Städten bedeuten

mehr Bedarf an Häusern,

und da kein Platz in der Breite ist,

baut man halt in die Höhe. Aber mit

Wohnraum allein ist es noch nicht

getan, diese vielen Stadt-Menschen

müssen ja auch irgendwie versorgt

werden und dafür reichen ein paar

Solarzellen auf dem Dach nicht aus.

Gott sei Dank gibt e s schlaue Leute,

die sich darüber schon seit einigen

Jahren den Kopf zerbrechen; zum

Beispiel den Amerikaner Dickson

Despommier. Er hat Ende der 90er

angefangen, sich mit seinen Studenten

über die autarke Versorgung mit

frischen Lebensmitteln für Bewohner

von Großstädten wie New York

Gedanken zu machen. Hauptidee

war dabei die Dächerbepflanzung,

welche jedoch bei weitem nicht

ertragreich genug wäre. Deshalb

entstand nach und nach das Konzept

des „Vertikal Farmings“. Despommier

beschreibt das Konzept in

einem der Videos auf der Projektseite

www.verticalfarm.com als einen

Turm von übereinander gestapelten

Treibhäusern. Als bildhaften Vergleich

benennt er den Applestore,

dieses kleine Glasquadrat auf der

5th Avenue in New York und meint,

wenn man mehrere dieser Treibhaus-

Stores übereinander stellen würde,

und in jedem Stockwerk ein anderes

Gemüse oder Obst anbaut (bzw.

verschiedenste Tierarten hält), so

könnte man ein autarkes natürliches

System bilden, das je nach Größe die

Versorgung von bis zu 50.000 Menschen

mit frischem Obst und Gemüse

garantieren könnte. Neu ist dieses

System nicht, nur schrieb man bisher

den Etagenanbau eher frühen Naturvölkern

zu.

Soweit die Vision, in der Praxis sieht

es natürlich viel komplizierter aus:

technische und bürokratische Hürden,

sowie der Widerstand der Bevölkerung,

die zum Beispiel schon

ein „Vertical Farming“ Projekt in den

Niederlanden durch ihr Aufbegehren

stoppte.

Irgendwie scheinen wir immer noch

nach der Maxime zu leben: Gemüse-,

Obst- und Tierproduktion sollten natürlich

ablaufen, gehören also aufs

Land. Allerdings sind die „Vertical

Farms“ in ihrer errechneten Effizienz

umwerfend und die Düngerverwendung

viel geringer als bei der traditionellen

Nahrungsmittelproduktion.

So ein geschlossenes System hat also

durchaus seine Vorteile und das mag

ein Grund sein, in Zukunft intensiver

über das Konzept des „in-die-Höhe-

Farmings“ nachzudenken.

(Denn jetzt, wo wir alle schon viel

umweltbewusster essen, sollten wir

anfangen auch so zu wohnen!)

Maria Kaduk

4


Biowaffen gegen die Urbanisierung

Aus grau wird grün

Wer ist den bepflanzten Badewannen

auf dem Campus am Augustusplatz

in Leipzig nicht schon begegnet?! Die

unangemeldete Begrünungsaktion

der StudentInnen der Uni Leipzig

fand im Sommer 2010 statt. Sie sollte

den Verantwortlichen für die Gestaltung

des Innenhofs die Unzufriedenheit

über das momentan „ungrüne“

Aussehen der Uni-Flächen demonstrieren.

Diese Aktion lehnt sich an den Trend

des „Guerilla-Gardenings“ an. Das

Guerillagärtnern möchte die Innenstädte

begrünen und verschönern,

dort wo es zu grau ist. Ein kleiner

grüner Flyer, der im Sommer auf die

Aktion aufmerksam gemacht hat,

trägt die Parole: „Green your University“.

Auf der Rückseite wird Guerilla-Gardening

als die „heimliche Aussaat

von Pflanzen als subtiles Mittel

politischen Protests und zivilen Ungehorsams

im öffentlichen Raum“

definiert. Ein Buch von David Tracey

(2007 erschienen) demonstriert, wie

man Guerilla-Gardening umsetzen

kann. Er meint: „Es liegt alles an Dir.

Guerrilla-Gardening ist Autonomie in

grün. Du kannst es sogar selbst definieren.“

Die Bewegung entstand

ursprünglich in England und hat sich

nun überall auf der Welt verteilt, besonders

verbreitet sind die Aktionen

in Millionenstädten wie zum Beispiel

New York.

Jedoch ist es illegal, öffentliche Bereiche

zu bepflanzen. Egal wie gut man

Gärtnern kann, ein Genehmigung der

Stadt ist dafür notwendig. Die Polizei

lässt sich jedoch nach Erfahrungsberichten

nicht daran stören und es gibt

kaum Zwischenfälle, die rechtlich

verfolgt wurden. Die Guerilla-Gärtner/innen

lassen sich davon sowieso

nicht einschränken, denn ihre Aufgabe

die Stadt zu begrünen liegt Ihnen

am Herzen. Ihr grüner Daumen lässt

sie nicht im Stich und sie machen sich

häufig nachts bepackt mit Schaufel,

Gießkanne und Saat auf den Weg. Jeder

freie, beziehungsweise zu graue

Fleck wird gesucht und bepflanzt,

so dass Blumen und Grünzeug aus

Mülltonne und Zeitungskästen sprießen

und neben Gullideckeln und auf

Verkehrsinseln gedeihen. Um die

Städte so schön und außergewöhnlich

wie möglich zu gestalten, gibt

es zahlreiche Tipps und Ideen im Internet.

Beispielsweise kann man aus

einer Mischung von Moos, Joghurt,

Zucker und Wasser ein lebendiges

Moosgraffiti machen. Die grüne Botschaft

wird mit dem Brei auf Wände

geschrieben. Das ökologische Graffiti

wächst mit der Zeit und lebt von

alleine weiter. Eine friedliche und

umweltfreundliche Bombardierung

durch den Einsatz von Saatbomben

ist bei den Guerilla-Gärtner/innen

auch bekannt und ein hilfreiches

Mittel, um auch schlecht erreichbare

Stellen zu begrünen.

In diesem Jahr sind weitere

Aktionen der Studentenschaft

in Leipzig geplant,

die Badewannen sollen

neu bepflanzt werden

und sehr wahrscheinlich

wird auch noch die eine

oder andere Pflanzaktion

stattfinden.

Info zum

Campus Innenhof:

Das Konzept für

den Innenhof

der Uni Leipzig

sieht bis jetzt

ausschließlich drei

Bäume in großen

Pflanzenkübel vor

und einige Sitzgelegenheiten

sind

mit eingeplant. Bis

dieses Vorhaben

umgesetzt wird,

kann es aber noch

einige Zeit dauern.

Buchtipp:

Guerilla Gardening:

Ein botanisches

Manifest von Richard

Reynolds im

orange press

Verlag 2009

erschienen

grüne Links:

www.guerillagaertner.com;

www.mundraub.org

www.gruenewelle.org

Grafik ©

Iliane Kiefer

Iliane Kiefer

5


Ein Gespenst geht um in Leipzig…

das Gespenst heißt „Gentrifizierung“

Warum nicht jede schrumpfende Stadt in der Abwärtspirale steckt

Mahrzahner Platte

© Juliane Scholz

Gentrification ist seit den siebziger

Jahren Schlagwort für städtebauliche

und räumliche Differenzierungsprozesse

in Großstädten geworden.

Insbesondere in Westdeutschland

kritisierte man mit der Gentrifizierungskeule

existierende Umstrukturierungsprozesse

in Wohnvierteln,

die meist durch zugezogene, sozial

besser gestellte Gentrifizierer oder

Pioniere „aufgewertet“ wurden

und zunehmend niedrigere Einkommensschichten

verdrängten, da reiche

Investoren und urbane Hipster

mit Hornbrille an das Milieugemisch

andockten. Vorwiegend sind es Singles

oder kinderlose Pärchen mit Uniabschluss,

die die dann gentrifizierten

Stadtteile bevölkern. Ältere und

weniger Betuchte ziehen deshalb in

die graue Rand- bzw. Vorstadt und

„entwerten“ jene unbeliebten Viertel,

sofern es dort überhaupt noch

etwas zu entwerten gibt. Es folgt

soziale Entmischung statt Schichtenmix

in der Nachbarschaft.

Wo steht Leipzig innerhalb dieser

Diskussionen? Ist die kleine Stadt an

der Pleiße überhaupt von Schrumpfungs-

und Gentrifizierungsprozessen

betroffen? Und vor allem:

Wie lässt sich das Phänomen der

Schrumpfung ostdeutscher Groß-

städte seit der Wende mit dem der

Gentrifizierung verbinden? Hat doch

ersteres zur Folge, dass die Mieten

unschlagbar günstig sind, da Wohnraum

im Überschuss vorhanden ist.

So kommt es, dass für niedrige Einkommensschichten

fast alle Stadtteile

in Leipzig noch erschwinglich

sind. Noch, denn natürlich geht die

soziale Entmischung und Verdrängung

nicht an Leipzig vorbei, sie tritt

nur nicht mit jener Vehemenz wie

in westlichen urbanen Zentren zu

Tage. Zudem versucht man die „soziale

Aufwertung“ auf Kosten der Entwertung

von Plattenbausiedlungen

wie in Grünau und sozialen Brennpunkten

wie Neustadt-Schönefeld in

den Griff bekommen. Dafür hat die

Forschung für den Fall Leipzig treffend

den Begriff der „sanften Gentrifizierung“

bzw. „Studentifizierung“

entwickelt.

Für Leipzig und Dresden kann erst

einmal der Befund gelten, dass der

negative Trend in der Bevölkerungsentwicklung

seit 2000 wieder ausgeglichen

werden konnte. Die beiden

Sachsenmetropolen sind ostdeutsche

Ausnahmen, sieht man sich im

Vergleich beispielsweise das drastisch

geschrumpfte Chemnitz an.

Problematischer scheinen Diversifizierungen

innerhalb der Quartiere

(so nennt der Stadtsoziologe Viertel

oder Kieze). Die Bewohner ziehen

vermehrt innerhalb der Stadtgrenzen

um. Diese Mobilität führt zur sozialen

Differenzierung der einzelnen

Viertel. Altbauwohnviertel sind besonders

beliebt bei Studenten, die

dann bestenfalls nach dem Studium

ihre neugegründete Kleinfamilie und

Katze in eine aufwändig sanierte

Bleibe parken und mit ihnen Investoren

und der ganze Gentrifizierungsrattenschwanz

angezogen wird.

Der Startup Ich-AGler mit IPhone,

IPad und Apple-Netbok sitzt sich

6


aus begehrten Wohnvierteln vertrieben

oder verdrängt wurden, ob

durch Investoren oder explodierende

Mieten. Für eine „sanfte“ Form

spricht der immer noch hohe Wohnungsleerstand,

die Vielzahl an alternativen

Wohnmöglichkeiten und die

geringe Anzahl von Haushalten mit

überdurchschnittlich hohem Einkommen.

Ein Grund zur Sorglosigkeit ist

das dennoch nicht, denn das heißt im

Gegenzug, dass Leipzig eigentlich zu

arm ist und seine Bevölkerung deswegen

schlichtweg keine klassischen

„Gentrifizierer“ besitzt, die irgendwen

verdrängen könnten. Genauer

gesagt lag Leipzig 2009 sachsenweit

auf dem vorletzten Platz, zumindest

noch vor Chemnitz, was das jährlich

verfügbare, durchschnittliche Pro-

Kopf-Einkommen betrifft (14.648

Euro).

Allerdings gibt es auch Einzelfälle in

denen Eigentümer mit aggressiven

Modernisierungsmaßnahmen ansässige

studentische Wohngemeinschaften

aus den begehrten Wohnlagen

des Waldstraßenviertels heraus

kaufen wollten. Trotz des Widerstands

einiger renitenter Bewohner

gelang dies letztendlich, sie zogen

aus und mussten der Luxussanierung

freien Lauf lassen. Wohlgemerkt

nachdem Strom, Wasser ab und zu

abgestellt wurden, Bauarbeiter alles

mit Gerüsten versahen und die Bauarbeiten

neben den verblieben Bewohnern

begannen, zeitweise hatte

das Haus auch gar keine Eingangstür.

Nun erstrahlt es im frischen modernisierten

Glanz mit neuen gut betuchten

Bewohnern der oberen Mittelklassen.

Zumindest die Südvorstadt ist aus

stadtsoziologischer Sicht bei genauem

Hinsehen besser als ihr Ruf vom

gentrifizierenden Hipstertum. Hier

gibt es den soziologischen Inbegriff

der „Studentifizierung“ zu bestaunen.

Nähe zu Fach- und Hochschule,

Altbaukernbestand und Parknähe

machen sie zu einem beliebten

Wohngebiet. Es ziehen vermehrt

junge Haushalte zu und vervierfachdann

im schokobraunen Café mit

seinem drei Euro fünfzig Latte den

Hintern breit, plant Projekte mit Umhängetasche

und frönt als Mitglied

der Creative Class der Freizeit- und

Arbeitsgestaltung in hippen Fabriklofts.

Zwischenzeitlich machen

der letzte Schuster und Uhrmacher

Platz für die zehnte Galerie und den

achten Handyladen und schon ist die

Milieuverschiebung vollendet. Fleischer

werden durch vegane Bio-Imbisse

ersetzt und der böse Investor

aus Fernwest will Punks und Arbeiter

aus angestammten Wohnlagen vertreiben,

am Besten in Randgebiete

wie Grünau. Zudem kann man gerade

Leipzigs erster Gated-Area, der

Central Park Residence, einen Steinwurf

neben der Pferderennbahn entfernt,

beim Wachsen zusehen und so

eine der größten deutschen Sicherheitsdeluxewohnzonen

besichtigen.

So könnte sich die einfache und

sehr einseitige Klischee-Version einer

Leipziger Gentrifizierungsstory

lesen. Ist dieser Prozess wirklich so

einfach und einseitig? Nein, denn

die Realität ist vielgestaltig und natürlich

funktioniert sie nicht nach

dem Gut-Böse-Schema wie ein Hollywoodfilm.

Die Gated Area lässt einen

in ihrem überzogenen Anspruch

eher schmunzeln, und Leipzig ist von

südamerikanischen Verhältnissen in

Punkto Gated Communities mit abgeriegelten

Stadtteilen für reiche

Bewohner, die inmitten von Slums

prunken, noch weit entfernt. Leipzig

hat trotzdem, das belegen Forschungen,

gentrifizierte Stadtteile: nicht

die Südvorstadt oder Schleußig, sondern

das begehrte Wohnquartier

Waldstraßenviertel mit vielen kinderlosen

Haushalten in aufwändig

sanierten Gründerzeitbauten. Bei

jedem zweiten Bewohner findet sich

ein Fach- oder Hochschulabschluss

und dazu relativ hohe Mieten. Prinzipiell

ist aber auch im Waldstraßenviertel

nicht von einer „verdrängenden“

Gentrifizierung auszugehen.

Bisher blieb es dabei, dass auch weniger

gut situierte Haushalte nicht

Dokumentarfilm

zu Gated Communities:

Auf der sicheren

Seite (2010)

Eindrucksvoller

Spielfilm zur

Problematik

„urbaner Festungen“

in Mexiko:

La Zona (2007)

Weiterlesen:

www.schrumpfende-stadt.de

und http://www.

ifl-leipzig.de

Wiest, Karin; Hill

André, Sanfte

Gentrifizierung,

Studentifizierung

und Inseln

ethnischer

Konzentration

in ostdeutschen

Innenstadtrandgebieten.

Ein

Beispiel Leipzig, in

Raumforschung

und Raumordnung,

Nr. 6 (2006),

S. 361-374.

Hefert, Günter,

Zwischen Gentrification

und

Abwärtspirale.

Sozialräumliche

Differenzierung in

Wohnquartieren

sächsischen Großstadtregionen

Ende der 1990er

Jahre, in: Raumforschung

und Raumordnung,

Nr. 3

(2003), S. 170-184.

7


„Sanfte

Gentrifizierung“:

die Karli in der

Südvorstadt

© Juliane Scholz

ten den Anteil an Wohngemeinschaften

seit den 1990er Jahren. Da trotz

der dreizehn Prozent Leerstand die

Wohnzufriedenheit sehr hoch ist,

gibt es hier auch steigende Mieten zu

beobachten, da sich der Wohnungsmarkt

langsam sättigt. Dennoch ist

die Südvorstadt soziokulturell gut

durchmischt, es teilen sich Arbeiter

wie Alte mit Studenten den Hausaufgang.

Natürlich gibt es auch Problemstadtteile

wie Grünau und Neustadt-

Schönefeld. Letzterer wird in der

Forschung gerne mit der Wortgruppe

der „ethnischen Segregation“

umrissen. Inzwischen widmen sich

städtebauliche aber auch Nachbarschaftsmaßnahmen

diesen Stadtteilen.

Grünau wird beispielsweise rückgebaut.

Statt des Bestandsschutzes

für die vierzehngeschossige Einheitsplatte

in der Jupiterstraße, reißt man

Stockwerke ab und legt Wohnungen

zusammen, um die Platte für junge

Menschen attraktiver zu machen.

Ob das gelingen kann bleibt fraglich.

Schließlich haben mehr als die Hälfte

der ehemals über 80.000 Bewohner

der ehemals drittgrößten Plattenbausiedlung

der DDR den Stadtteil

verlassen. Oftmals gelten jene Stadtteile

nur als Durchgangsstation und

werden wegen der niedrigen Mieten

bevorzugt. Ein hoher Prozentsatz

will fortziehen und ist eher unzufrieden,

andere wohnen dort weil sie

dort schon immer wohnten und verstehen

die Aufregung einfach nicht,

denn man hat sich längst mit der Situation

arrangiert und jätet gemeinsam

im Nachbarschaftsgarten.

Wichtig ist aber neben der Hipsterdiskussion

und Kritik an der Wertsteigerung

von etablierten Wohngebieten

wie Südvorstadt und

Waldstraßenviertel, zu Teilen neuerdings

auch Schleußig, andere Wohnquartiere

nicht zu vernachlässigen

und beispielsweise Neonazis oder

autonomen Nationalisten zu überlassen.

Weiterhin plädiere ich dafür,

dass eine Straße nicht nur aus Galerien

und Cafés bestehen sollte (vgl.

Karl-Heine-Straße).

In diesem Sinne liebe Leser: Besucht

die gute alte Eckkneipe mit schmierigem

Holztisch und der freundlichen

Wirtin mit Lederschürze und trinkt

ein frisches, gezapftes Bier. Kauft

beim Fleischer in der Nebenstraße

und beim Fahrradladen von gegenüber,

beim Nicht-Ketten-Bäcker

oder im Laden, in den man immer

gehen kann, wenn man nicht sicher

ist, wo man diese Holznupsis zum

Reparieren der Schublade und einzelne

Schrauben kaufen kann und

dafür nicht extra zum Baumarkt im

Einkaufspark rausfahren will.

Juliane Scholz

8


My Home is My Castle

Urban Provincialism

Das Modewort „urban“ meint eigentlich

die Absenz alles Provinziellengstirnigen.

Warum der „Geist der

Vorstadt“ dennoch vermehrt Einzug

in die Innenstädte hält, hat ANTON

zusammen mit dem Kunsthistoriker

Arnold Bartetzky zu ergründen versucht.

An einem kalten Januarmorgen

flanierten wir durch Leipzig und

nahmen einen bestimmten Typus des

Wohnens in kritischen Augenschein:

das Stadthaus, gern auch Stadtvilla,

vulgo: Reihenhaus. Wieso Reihenhaus?

Wir haben doch hier eine paradiesische

Dichte altehrwürdiger und

sanierter Gründerzeitbauen, und wer

es anders mag, auch moderner Neubauten!

Denkt man. Die Stadt dachte

anders und ersann vor einigen Jahren

einen Plan, wie man die Einwohner

von einer Migration in die Vorstädte

abhalten könnte, braucht man doch,

ganz kühl bilanziert, ihre Steuern

und ihre Kaufkraft. Wer ein Einfamilienhaus

haben will, der soll es auch

bekommen, auch mitten in der Stadt,

nur eben angepasst, also kleiner, und

in der Reihe, mit Garage und Garten.

Spießig oder provinziell soll das Ganze

nicht aussehen, wir sind nämlich

in der Stadt, hier pulsiert das Leben,

da müssen Jägerzaun und Satteldach

von vornherein ausgeschlossen werden.

Moderne war das Stichwort: kubisch,

eckig, flach. Das Bauhaus-Ideal

sollte eben jene kaufkräftige, modernistische

Klientel anziehen, die sich

in ein- bis zweistöckigen Wohnkisten

wohlfühlt, weil es das selbstbestimmte

Leben im EFH ermöglicht

und man trotzdem per pedes in die

urbane Lebenswelt gelangt. Mittendrin

oder nur dabei, wie und wann

man es mag.

Abschottung vor der Öffentlichkeit

Wir stehen in der Brandvorwerkstraße,

wo vor einiger Zeit eierschalfarbene

Kastenhäuser errichtet

wurden. Schon in ihrer Anlage sind

diese Häuser anti-urban konnotiert,

kehren der Stadt ihren, metaphorisch

gesprochen, Hintern zu. Das,

was man von der Straße aus sieht,

seien doch nur „die Eingeweide“ der

Häuser, spitzt es Bartetzky zu. Es sei

das eigentlich Nicht-Repräsentative:

Garagentor, Kunststoffeingangstür,

Mülltonnen (manchmal verschämt

in einem Sperrholzkasten, Kastanie

lasiert, untergebracht). Das Erdgeschoss

zeigt dem Flaneur den Stinkefinger,

jede einzelne Tür demarkiert

„meins“, schließt den öffentlichen

Raum aus, extrahiert seine Bewohner

aus dem urbanen Getümmel der

bunten Vielfalt.

Dem Bedürfnis nach Privatheit wird

hier in extremer Weise gehuldigt.

Kleinste Fenster, alles dicht. Nichts

gebietet einen Einblick des Öffentlichen

in die abgeschirmte Wohnparzelle.

Kein individuelles Gestaltungselement

gibt Aufschluss über

Geschmack des Bewohners, über den

zu streiten doch die Diskussionskultur

einer Stadt permanent befruchtet.

Alles Lebendige und Individuelle,

also Garten, Terrasse, Zimmerfenster

ist nach hinten raus angelegt, von

allen Seiten abgeschirmt. Die Front

ist abweisend, glatt verputzt oder

mit sterilen Platten bedeckt. Nichts

kommuniziert mit dem öffentlichen

Raum, schmückt ihn, bereichert ihn.

Stadthäuser Brandvorwerkstraße

© Arnold Bartetzky

9


Nichts Strukturiertes, Ornamentales,

Haptisches stimuliert das ästhetische

Bewusstsein.

Der Sweetwaterwohnkomplex durchs Guckloch

in der Holbeinstraße

© Arnold Bartetzky

Apropos Haptik: Die zementierte Privatheit

evoziert ein mulmiges Gefühl

dabei, dem Objekt nahe zu kommen.

Wir trauen uns darum auch kaum,

den riesigen, die gesamte vertikale

Regenrinne ummantelnden Eiszapfen

an einem Haus zu berühren, in

der Angst hier Eigentums- oder Persönlichkeitsrechte

zu verletzen. Die

Grundstücksgrenze weitet sich atmosphärisch

bis auf den Bürgersteig

aus. Wo man sonst vor der verschnörkelten

Eingangstür eines Mehrfamilienaltbaus

stehen bleibt und betrachtet,

guckt man sich hier, sofern es

überhaupt was zu beschauen oder

anzufassen gibt, wie ein Hühnerdieb

um, ob auch kein Anwohner sprich,

der Hausbesitzer, in Sichtweite ist.

Kitsch und Krempel

Neben der architektonischen Abschottung,

die wohl all dem Unbill des

chaotischen, riskanten Urbanen „da

draußen“ gilt, dem Krach, Schmutz,

der Diversität und ihren Konfliktpotentialen,

deren Fernhaltung zur

Bedingung eines Verbleibs in die Innenstadt

gemacht wird, sind aber

bisweilen auch eigentümliche Aneignungen

des angebotenen Wohnraumes

zu beobachten. Da, wo eines der

renommiertesten Architekturbüros

der Region karge Kühle und kantige

Modernität anbietet, wie auch immer

man geschmacklich dazu steht,

bringt der Bewohner seine eigenen,

an Behaglichkeit und Idylle orientierten

Einrichtungsideen ein. So zu beobachten

an den Stadthäusern Ecke

Industriestraße/Holbeinstraße, dem

„Sweetwater“-Komplex des Büros

Weis & Volkmann. Die Häuser liegen

direkt am Heine-Kanal, ein künstlich

geschaffener Seitenarm verschafft

jeder Parzelle einen eigenen Bootsanlegeplatz.

Naturidyll und Urbanität

scheinen architektonisch vereint.

Doch hie und da zeugt ein Pflanzkasten

auf einem Betonvorsprung über

der Eingangstür oder die eigenwillige,

private Gemütlichkeit simulierende

Nachgestaltung der Sichtbetonwand,

mal mit Naturstein, mal mit

Kletterpflanzen aufgehübscht, vom

Eigensinn der Eigentümer, es noch

etwas idyllischer haben zu wollen.

Dass der Flaneur dies überhaupt mitbekommt,

ist dem Durchsetzungsvermögen

der Architekten zu verdanken,

die auf die Einfügung eines

Sichtfensters, einer größeren Aussparung

in der Mauer an der Holbeinstraße,

bestanden, um der absoluten

Abschottung zumindest ein wenig

entgegen zu wirken.

Der Gipel der Gemütlichkeit

Mehr noch als hier ist ein Stück die

Industriestraße hinauf, jenseits der

Zschocherschen Straße, der Geist

der Vorstadt spürbar. Der kühlen

Klarheit wird ein Riegel, respektive

eine Gardine vorgezogen, dem

Minimalismus der Außenhaut wird

mit Spitze begegnet, die die großen

Fenster blickdicht verhängt. Provinziell

anmutende, an elterliche

Spießigkeit gemahnende Elemente

lassen die Absicht der Stadt, hier junge,

offene, hippe, eben „urbane“ Familien

mit Kindern einzugliedern als

Utopie erscheinen, deren Scheitern

man nur dennoch mit Humor und Gelassenheit

begegnen sollte. „Urbanität“

als Lebenseinstellung muss auch

ertragen können, wenn der einst

10


heimelige Industriestraße

eher in Satellitenstädten anzutreffende

Geist mit Kind und Kegel ins

Innere zurückkehren und sich dem

potentiell Offeneren der Innenstädte

verweigert, respektive moderne

Umgebung und piefiges Interieur

zu einer Synthese verknüpfen, die

dem ursprünglichen Gedanken widerspricht.

Solange man über diese

Widersprüche streiten kann und es

anderes, gern auch als „urban(er)“

etikettiertes Wohnen in Leipzig gibt,

und die Stadthäuser nicht komplett

zum Castle im Sinne der Trutzburg

mit Wehrgraben drumherum werden,

solange ist die Urbanität nicht in

Gefahr.

Frank Henschel

© Arnold Bartetzky

Schöne neue Stadt

Urbane Utopien im Wandel der Zeit

Stadtpläne zeugen mit ihrem unregelmäßig

verdichteten Muster aus

Straßen und Plätzen vom historischen

Gewordensein der Stadt. Sie

sind Nachzeichnungen eines komplexen

Gebildes, dessen Aufbau nur

bedingt rational planvollem Handeln

entsprungen zu sein scheint. Siedlungen

wuchsen an für den Handel geographisch

günstig gelegenen Plätzen

zu Städten heran. Der mittelalterlichen

Stadt gaben die Stadtmauern

zum Schutz vor unliebsamen Eindringlingen

eine Eingrenzung ihrer

Ausdehnung vor. Markante Bauten

waren Burg und Kirche; um sie herum

gruppierten sich ohne erkennbar

durchdachte Struktur Straßen und

Häuser - ein Sinnbild für die damaligen

Macht- und Ordnungsverhältnisse.

Die Strukturen einer Stadt zu

untersuchen ist in diesem Sinne nicht

nur für die Architektur, sondern auch

für die Kulturwissenschaften von

Interesse. Grundgegenstand der

Kultursoziologie ist die Frage nach

der Entstehung von Gesellschaft,

nach dem Verhältnis zwischen Individuum

und Gesellschaft. Gerade

die Stadt, als komplettes Ganzes aus

Einzelheiten zusammengefügt, bietet

eine anschauliche Möglichkeit

der Bearbeitung dieser Fragestellungen.

Auch eine kulturgeschichtliche

Betrachtung der Entwicklung des

Städtebaus ist lohnenswert, denn im

Gesicht einer Stadt lässt sich von den

Ideen und Ansichten ihrer Erbauer

lesen.

Eine besondere Entwicklung erfährt

die Städtearchitektur mit Beginn der

Renaissance, die eine Wende im architektonischen

Entwerfen und die

moderne Stadtplanung einläutet.

Der Mensch des Mittelalters unterstellte

sein Handeln dem göttlichen

Sogewolltsein der herrschenden

Verhältnisse. Im Irdischen konnte es

demnach keine vom Menschen gedachte

und erstrebte ideale Gesellschaftsordnung

geben.

Das himmlische Jerusalem war die

einzige Stätte, in der Idealvorstellungen

ihren ewigen Platz erhielten.

In der Renaissance fassen, in Anlehnung

an die antike Polis, humanistisch

gebildete Architekten den

Städtebau nunmehr nicht allein als

schönes zweckdienliches Stückwerk

auf, sondern als ganzheitliche Wissenschaft,

die in architektonischen

Entwürfen die ideale Stadt einer

neuen Gesellschaftsordnung vorzeichnet.

Filarete ist der erste, der in

11


seinem 1464 verfassten „Trattato di

Architettura“ den idealen Aufbau einer

Stadt beschreibt. Sein Sforzinda

hat den Grundriss eines achteckigen

Sternes, umringt von einem Graben.

Ein geometrisch geordneter Konter-

Entwurf zum ungeordneten und eng

gedrängten Stadtbild des Mittelalters,

der die politischen Ansprüche

von effizienter und geordneter Verwaltung

und die militärischen von

effektiver Bewehrung der Stadt umsetzen

soll.

Thomas Morus

gibt seiner

idealen Stadt,

der Hauptstadt

„Amaurotum“,

in seinem bekannten

literarischen

Werk

„Utopia“ geschildert,

dagegen

eine quadratische

Grundform.

Die ebenso

g l e i c h f ö r m i g

g e o m e t r i s c h e

Anlage der Stadt

ist Form gebend

für das Zusammenleben

seiner

Bewohner,

die in ihrer glücklichen Gemeinschaft

alles teilen und in der es keinen Besitz

gibt. Morus‘ Werk gilt als erste

große literarische Sozialutopie der

Neuzeit. Nun liegt es im Wesen von

Utopien, dass sie zwar den Anspruch

an eine in sozialer, politischer oder

gar religiöser Hinsicht Verbesserung

der Verhältnisse formulieren, jedoch

deren absolute Verwirklichung nie

oder nicht in absehbarer Zeit möglich

scheint. Der Bau einer Idealstadt will

als Mikrokosmos der Gesellschaft

utopischen Ideen zumindest in formaler

Hinsicht entsprechen.

In der Renaissance gibt es jene absolutistischen

Herrscher als Bauherren,

die die nötige Macht und das Interesse

daran besitzen, solche Idealstädte

zu bauen. So setzt, wenn auch nicht

mit dem Ansinnen eine völlig neue

Gesellschaftsordnung zu stiften,

Friedrich der I., Herzog von Württemberg,

als einer der ersten in Deutschland

seiner totalitären Herrschaft mit

dem Bau von Freudenstadt ein formales

Äquivalent. Er lehnt sich dabei an

die von Morus inspirierten Quadradtstadtzeichnungen

Dürers an. Ordnung

und Kontrolle sind die hervorstechende

Prinzipien der damaligen

Entwürfe von Gesellschaftsutopien

und der hierzu komplementären Idealstädte.

Die alle

Bereiche des Lebens

umschließende

Kontrolle

ist die Schattenseite

jener Utopien.

Ob in Morus Utopia

oder in Campanellas

Sonnenstaat,

das

Individuum findet

nicht in der

S e l b s t b e s t i m -

mung, sondern

nur im restriktiven

Schoß der

G e m e i n s c h a f t

sein Glück. Die

große Leistung

von Utopien jedoch

ist, dass sie Probleme ihrer Zeit,

beispielsweise die mit dem Aufbrechen

der ständischen Gesellschaft

des Mittelalters zunehmend spürbare

soziale Ungleichheit, bearbeiten.

Wenn auch weniger sozialutopische

Gedanken, so schwingen doch Vorstellungen

von der idealen Optimierung

des urbanen Lebens auch bei

dem Bau von Städten in neuerer Zeit

mit. Le Corbusier will mit seinem

„Plan Voisin“ für Großstädte wie

Paris, die Rationalisierungs- und Effizienzansprüche

des modernen Arbeitslebens

in genauso rationalisierter

Architektur verwirklichen – ihm

schweben auf großzügigen Grünflächen

errichtete kreuzförmige, in der

Höhe gewaltige Wohn- und Bürotürme

vor, die eine dichte Bevölkerungskonzentration

ermöglichen und von

Freudenstadt, quadratisch, praktisch, gut?

12


schachbrettartigen Verkehrsadern

durchschnitten sind, die einer reibungslosen

Verkehrszirkulation dienen.

Im Unterschied zu den Entwürfen

der Renaissance ist Le Corbusiers

Stadt nur ein bedingt sozialpolitisches

Projekt, in ihrer Totalität aber

ebenso utopische architektonische

Umsetzung der Anforderungen einer

urbanen Massengesellschaft.

Weniger wirtschaftlich, sondern politisch

motiviert ist da der Bau der

brasilianischen Hauptstadt

Brasília in den

Sechzigern. Brasilianische

Politiker wollen

mit dem Bau einer

neuen Hauptstadt der

Nation eine neue Identität

stiften, die Gräben

zwischen den ethischen

Gruppen und die

Gegensätze zwischen

dem verarmten Nordosten

und dem wohlhabenden

Südosten

beseitigen. Um die Einheit zu symbolisieren,

wählten sie die geographische

und noch unbebaute Mitte des

Landes als Bauplatz für das auch im

übertragenen Sinne neue „Zentrum“

des Landes. Hauptachse des als Allegorie

auf den Fortschritt in Form

eines Flugzeugs von Architekt Lucio

Costa entworfenen Grundrisses der

Stadt, bildet eine breite Prachtstraße,

gesäumt von den Regierungsgebäuden.

Dass dieser öffentliche Raum

für den neuen Menschen der Hauptstadt

Brasilia künstlich geschaffen

und eben nicht den Bedürfnissen

seiner Bewohner entsprechend „gewachsen“

ist, kommentiert der Philosoph

Flusser sarkastisch: „Vor dem

prophetischen Auge erscheint diese

Achse voll tobender Menschen des

Sforzinda, Stadtplan aus

dem 16. Jahrhundert

lung von der perfekten Planung, dem

Ideal einer Stadt bei allem Pragmatismus

und Pluralismus der Ideen, und

wenn ja, wo werden solche Städte

noch gebaut? In der westlichen Welt,

abgesehen von ein paar religiösen

und weltanschaulichen Gruppen,

die in isolierten, ihren Ansprüchen

nach idealen Kommunen leben, wohl

kaum. Universalen Problemen entgegenzutreten,

verspricht dagegen ein

Großprojekt des Emirats Abu Dhabi.

Masdar City soll die

erste emissionsneutrale

Großstadt der Welt

werden. Mitten in der

Wüste, deren Beherrscher,

die Scheichs,

das Öl reich gemacht

hat, wächst die Ökostadt

bereits aus dem

sandigen Boden. Kein

noch neueres New

York als Dubai mit seinen

hohen Bürotürmen

aus Glas, sondern ein

an traditioneller arabischer Bauweise

orientiertes Stadtlabor der Zukunft.

Masdar verheißt den Traum eines

modernen urbanen Lebens ohne

Verschwendung und im Einklang mit

den natürlichen Gegebenheiten. Es

ist kein Projekt babylonisch anmutender

Hybris wie die in derselben

Gegend verwirklichten Palm Islands,

wenn auch ähnlich verwegen. Es ist

ökoutopische Mission und Profitprojekt

in einem. Beides beschäftigt die

Forschung an der rein auf erneuerbaren

Energien ausgerichteten Universität

Masdars. Mit den dort geförderten

Innovationen soll Masdar,

zu deutsch „Quelle“, den Reichtum

des Emirats nachhaltig speisen, auch

dann, wenn das Öl versiegt ist. Der

Promotionsfilm des Großprojekts

kündigt am Ende mit zukunftssonorer

Musik unterlegt feierlich an: „one

day all cities will be built like this“. Ein

Anspruch, den jede urbane Utopie

für sich erhebt.

Tabea Link

zweiundzwanzigsten Jahrhunderts

(…). Vorläufig ist sie jedoch menschenleer.“

Dies sind Beispiele von

Versuchen des letzten Jahrhunderts,

eine ideale Städtearchitektur zu

verwirklichen. Wie aber sieht es mit

den Stadtkonzepten des 21. Jahrhunderts

aus? Gibt es noch die Vorstel-

www.masdarcity.ae

13


Camden Lock

Market, London

© Giuditta

Cortinovis

Streetart

Kunst im urbanen Raum

Mit Straßenkunst oder dem weitaus

geläufigeren Begriff „Streetart“ wird

im allgemeinen Kunst bezeichnet,

die im öffentlichen Raum stattfindet

oder ausgestellt wird. Als Vater dieser

Kunst gilt Gérard Zlotykamien,

der 1963 als erster im öffentlichen

Raum mit Kreide und Pinsel Strichfiguren

auf Mauern abbildete, die sich

zumeist mit den Themen Faschismus,

Krieg, sowie Kommunismus

beschäftigten. Dabei war der in Paris

geborene Künstler nicht nur in seiner

Heimatstadt aktiv, sondern auch in

Prag, Johannesburg, Ulm, Berlin und

sogar Leipzig.

Auch wenn die wohl bekannteste

Art der Straßenkunst die eher ungewollten

Graffitis an Häuserwänden

sind, so wird dabei mit verschiedenen

Materialien an Wänden, Mauern,

Ampeln, Telefonzellen und weiteren

öffentlichen Flächen gearbeitet,

so zum Beispiel neben Sprühdose

und Pinsel auch mit Aufklebern und

Postern, um den urbanen Raum zu

gestalten. Heutzutage wird Straßenkunst

sogar durch Auftraggeber

initiiert und löst in diesem Zusammenhang

zunehmend eine Kommerzialisierung

dieser Kunstform

aus, die sich in ihrer oftmals anarchischen

Grundhaltung doch eigentlich

gegen Kommerz, Kapitalismus und

das heutige unreflektierte Konsumverhalten

wenden möchte. Die Diskussion

über die Vermarktung von

Straßenkunst wurde zuletzt 2009 in

Berlin angefacht, als die Marke Adidas

zum 60. Geburtstag eine Webpage

über Streetart protegierte und im

Zuge einer Marketingstrategie Straßenkünstler

in direkten Bezug zur

Sportmarke setzte, um der Marke

ein rebellisches Image zu geben. Als

Adidas-Träger wollte aber keiner der

involvierten Künstler definiert werden,

und so wurde auch eine Werbeaktion

der Marke boykottiert, bei der

60 Paar Adidas Schuhe an „Street

Art Hot Spots“ in Berlin versteckt

wurden, die von den Künstlern eingesammelt

wurden um daraus eigene

Kreationen zu schaffen und mit

teilweise geschredderten Schuhen

ein Zeichen zu setzen. Bei dieser Aktion

wurden die so umfunktionierten

Markenschuhe auf einer Auktion versteigert

und die Einnahmen für Straßenkunst-Projekte

gespendet.

Streetart ist aber nicht nur als Kunst

auf Mauern und Gebäuden in den

Städten zu erkennen, sondern bezeichnet

auch Straßenkünstler die

mit Musik, Theater oder akrobatischen

Fähigkeiten im öffentlichen

Raum aufführen. In den U-Bahnen

Londons und mittlerweile auch anderen

Städten wie New York, Paris,

Athen und Stuttgart, gibt es nun

auch für Literaturfans die Möglichkeit

sich im öffentlichen Raum und

Großstadtgetummel einen Platz zu

schaffen. Das Projekt heißt „Poems

on the Underground“ und feiert dieses

Jahr sein 25-jähriges Jubiläum in

London. Als Konzept wurde es 1986

als Idee dreier poesiebegeisterter

Pendler ins Leben gerufen um sich

dem eintönigen Alltagstrott im Berufsverkehr

durch Literatur zu entziehen.

Die Gedichte, die es dabei

in den U-Bahnen zu entdecken gibt,

stammen nicht nur von bekannten

historischen und zeitgenössischen

britischen Schriftstellern, sondern

auch aus einer breiten Palette internationaler

Dichtung. Dabei gilt

14


es zudem, junge Poeten zu fördern

und so wurde im letzten Jahr das

Projekt „Young Poets on the Underground“

ins Leben gerufen, bei dem

Jugendliche aus aller Welt Gedichte

einreichen konnten, von denen drei

der besten poetischen Werke in den

Wintermonaten in den Londoner U-

Bahnen zu bestaunen waren.

Die Intension des Projektes der „Poems

on the Underground“ reiht sich

dabei in die anderer Formen der

Straßenkunst mit ein: Kunst für jedermann

zugänglich, von Kunstliebhabern

für andere Kunstbegeisterte

und solche, die es werden wollen,

um den grauen Alltag im urbanen

Raum aufzuhellen.

Franziska Burstyn

Sind wir jetzt Hamburg oder Dessau?

Leipzig zwischen postsozialistischer

Schrumpfung und

postmoderner Verheißung

Nachdem Leipzig, als ehemals viertgrößte

Stadt Deutschlands, schwarz

vom Chemiedreieck, um ein- bis

zweihunderttausend Einwohner ärmer

und mit einer Infrastruktur aus

den 60er Jahren im wiedervereinigten

Deutschland angekommen war,

schlug auch hier der sogenannte

„Strukturwandel“ zu. Das heißt Deindustrialisierung

von dem was übrig

war, Suburbanisierung und demografischer

Wandel machten sich in

Leipzig mit einer Abwärtsspirale aus

weiterem Bevölkerungsschwund

und städtischen Einnahmeausfällen

bemerkbar.

Nachdem diesem Trend im ersten

Jahrzehnt nach der Wende wenig

entgegengesetzt werden konnte,

verabschiedete man sich vom

Wachstumsparadigma und versuchte

von stadtplanerischer Seite die

„schrumpfende Stadt“ als eigene

Herausforderung und nicht ausschließlich

als Degenerationsform zu

begreifen. In der Praxis blieb dieses

Konzept jedoch vielerorts Verwaltung

des Verfalls.

Zum Glück wurden zwischendurch

noch die creative industries erfunden,

die es ermöglichen, wieder einen

wachstumsorientierten Ansatz

zu verwenden. Kurz gesagt wird in

dieser Logik die immaterielle Kultur

einer Stadt (gemeint sind zum Beispiel

Atmosphäre, Normen, Werte,

Ideen) als eine wirtschaftliche Ressource

aufgefasst, die bestimmte

Akteure in die Lage versetzt, mithilfe

ihrer individuellen Kreativität Produkte

symbolisch aufzuladen und sie

damit in ihrem Wert zu steigern (die

sog. Ökonomie der Symbole ).

Auch in Leipzig wird diese Idee von

der Stadtplanung aufgegriffen, allerdings

als ein Element von vielen.

Ein wichtiger Ansatz ist nach wie

vor, durch klassische Standortpolitik

Wirtschaftsunternehmen in die

Stadt zu locken und von den Wachstumsschüben

zu profitieren, was

mit BMW, DHL und Amazon auch

teilweise gelungen ist. Andererseits

hat man sich von der Idee des einen

Masterplans für die ganze Stadt verabschiedet

und setzt nun auch auf

kleinteiliges Quartiers- und Viertelmanagement,

auf Moderation zwischen

den beteiligten Akteuren vor

Ort und Unterstützung der Bewohner

zur Eigeninitiative. Dabei ist die

Förderung der Kreativwirtschaft ein

explizites Ziel. Mittel der Wahl sind

dabei im subkulturellen Kontext

zum Beispiel enger Kontakt mit der

Szene, Vermittlung von Räumen und

Zwischennutzung oder bisweilen sogar

Flexibilität in Ordnungs- und Sicherheitsauflagen.

Freilich geschieht

das nicht zum Selbstzweck, sondern

dient der Schaffung von Arbeitsplätzen

und der wirtschaftlicher

Entwicklung. Die Kreativwirtschaft

ist dabei auch nur ein etwa einseiti-

zur kritischen

Vertiefung

lesenswert:

„Die Schrumpfende

Stadt. Die

Kreative Stadt“

[am Beispiel

von Leipzig] |

Magisterarbeit

von Piet Felber am

Institut für Kulturwissenschaften

Uni Leipzig | 2009

„Integriertes Stadtentwicklungskonzept

Leipzig 2020

| Stadt Leipzig |

www.leipzig.de/

stadtentwicklungskonzept

Zusammenfassung

und Mitschnitt

des Panels „Meine

Miete steigt, also

brennt Dein Auto!“

| Pop Up 2010

im Werk II

| www.leipzigpopup.de/

15


ger Teilaspekt in einem 240-seitigen

Stadtentwicklungsplan. Offenbar

gibt man sich im zuständigen Amt

auch nicht der Illusion hin, mit der

Kreativwirtschaft ein Zaubermittel

gefunden zu haben, mit dem sich alle

Probleme beseitigen lassen, wie das

in anderen deutschen Großstädten

mitunter der Fall zu sein scheint.

Leipzig nimmt somit zwischen der

schrumpfenden und der kreativen

Stadt eine Mittelrolle ein: Die Stadt

ist massiv vom generellen Trend des

Strukturwandels betroffen, was sich

offenbart, wenn man die jungen und

„kreativen“ Räume verlässt. Gleichzeitig

gibt es in wirtschaftlicher,

künstlerischer und (noch zumindest)

akademischer Hinsicht einen soliden

Status Quo und Potentiale, was sich

auch in einem kleinen Bevölkerungszuwachs

seit der Jahrtausendwende

mit leichter Tendenz nach oben ausdrückt.

Jonas Brückner

Urbanes Leben in der Moderne

Das Wachstum der Megastädte

Smog in NYC

© Köttbullekvist

http://nycsludge.com/

Während einige

Industriestädte

mittlerweile

mit

der Verminderung

ihrer Einw

o h n e r z a h l

kämpfen, ist

es bei einigen

Großstädten

das Gegenteil,

das den Stadtplanern mittlerweile

zu schaffen macht. Die Population

von New York City hat sich über das

vergangene Jahrhundert verdoppelt

und auch Großstädte wie Buenos

Aires, Dhaka und Sao Paulo kämpfen

mit den steigenden Zahlen ihrer Population.

Das zunehmende Wachstum

der Großstädte zieht eine Vielzahl

von Problemen nach sich, die

sich oftmals auf die Schnelle nicht

nachhaltig lösen lassen. Eines der

größten Probleme ist die Müllproduktion

der vielen Millionen Einwohner.

Die Mülldeponien wachsen mit

der Einwohnerzahl und ein Abbau

der Müllberge ist nicht in Sicht. In

vielen Städten Asiens ist Recycling

zudem ein Fremdwort und Müll und

Abwasser werden oftmals direkt

auf den Straßen vor den Wohnstätten

entsorgt. Abwassersysteme und

Wasseraufbereitungsanlagen müssen

in den schnell wachsenden Städten

oft erst nachgerüstet werden

und die Versorgung mit Trinkwasser

ist teilweise jetzt schon äußert problematisch.

Aber auch in westlichen

Großstädten wie New York City und

Los Angeles ist Umweltbewusstsein

keine Selbstverständlichkeit. Die

New Yorker Kanalisation ist mittlerweile

schon etliche Jahrzehnte alt

und wurde seither nicht grundlegend

erneuert. Journalistikstudenten der

Columbia University machen unter

dem Projektnamen „NYC Sludge“

darauf aufmerksam, wie in New York

mit der Abwasserproblematik umgegangen

wird. Nachdem das Abwasser,

das nachweislich neben Fäkalien

auch eine Vielzahl von Arzneistoffen

und Chemikalien enthält, die Kläranlage

einmal durchlaufen hat und

chemisch behandelt wurde, wird es

in New York direkt wieder in den Umlauf

gebracht und in den East River

geleitet. Der übrig bleibende Klärschlamm,

also alle festen bis halbfesten,

aus dem Wasser gefilterten

Stoffe, alles was in ganz New York jemals

in einer Toilette landet, wird an

Farmer als Düngemittel abgegeben,

die damit großzügig ihre Felder bestellen

dürfen. Dieser „organische“

Dünger wird gratis an die Farmern

geschickt, Hormone und Antibiotika

gleich inbegriffen. Und dies ist nur eines

der Nebenprodukte einer wachsenden,

überforderten Großstadt

des 21. Jahrhunderts.

16


Die meisten wachsenden so genannten

Megacities liegen allerdings in

Entwicklungsländern, in denen die

Mehrzahl der Bevölkerung unterhalb

der Armutsgrenze lebt. In den Großstädten

wird Wohn- und Arbeitsraum

immer knapper und somit immer

teurer. Die weniger wohlhabende

Bevölkerung wird mehr und mehr

an die Stadtgrenzen gedrängt, wo

Wohnraum günstiger ist. In Entwicklungs-

und Schwellenländern bestehen

diese außerhalb des Stadtzentrums

liegenden Wohnviertel oft aus

Slums und Favelas, in denen die Städter

unter ärmlichsten Bedingungen

leben und ums Überleben kämpfen.

Strom- und Wasserversorgung sind

hier meist ohnehin

nicht gegeben

und von der Stadtverwaltung

auch

nicht vorgesehen.

Aus diesen Verhältnissen

zu entkommen

und auf

der Sonnenseite

der Glitzerstädte

Fuß zu fassen,

bleibt für viele

hier ein Traum. Drogen, Gewalt und

bittere Armut gehören zum Stadtbild

der Megastädte wie Wolkenkratzer

und Apartmentblocks. Nirgendwo

sind soziale Unterschiede sichtbarer

als hier. Wohnraum ist in vielen Großstädten

mittlerweile so teuer, dass

wenige Quadratmeter zum Leben

ausreichen müssen. In Japan werden

neuerdings zwei Quadratmeter

große Internetcafe-Kabinen als Miniwohnraum

vermietet, um denen,

welche sich den überteuerten Wohnraum

in den Wolkenkratzern nicht

mehr leisten können und vom fehlenden

Sozialsystem nicht aufgefangen

werden konnten, wenigstens ein

Dach über dem Kopf zu bieten. Was

in Japans Großstädten jedoch tadellos

funktioniert, sind die öffentlichen

Verkehrsmittel, die jeden Morgen

tausende von Japanern zur Arbeit

und abends wieder zurück bringen.

Auf besonders vollen U-Bahnlinien

stehen auf den Bahnsteigen Angestellte

der Verkehrsbetriebe bereit,

die eigens dazu da sind, die täglichen

Menschenmassen in die Bahnen zu

quetschen bzw. nachzuschieben,

bis sich die Türen der überfüllten

Bahnen doch noch schließen lassen.

Aussteigen und auf die nächste Bahn

warten ist hier keine Option, denn

Zeit ist Geld, wenn man in Japan auf

dem Weg zur Arbeit ist. In anderen

Großstädten, beispielsweise Jakarta,

sieht es wiederum ganz anders aus.

Im Großraum leben über 23 Millionen

Menschen, die dort jeden Tag zur Arbeit,

zur Schule oder zum Einkaufen

fahren müssen. Wer hier von A nach

B kommen will braucht viel Zeit und

Geduld, denn

der Verkehr ist

ein ständiger,

nur zähfließender

Stau und

ein System gut

funktionierender

öffentlicher

Verkehrsmittel

kann oder will

sich die Regierung

momentan

noch nicht leisten. Smog ist in vielen

Großstädten zudem ein akzeptiertes

Nebenprodukt.

Dennoch ist für viele Menschen

kein Wohnort so anziehend wie die

wachsenden Großstädte der Welt.

Nirgendwo findet man mehr Leben,

mehr internationales Flair, mehr Vielfalt

und nirgendwo ist der Zeitgeist

spür- und sichtbarer als in der Großstadt.

Während China bereits die Verstädterung

der ländlichen Gebiete

plant und die Umsiedlung vieler Bauern

in neu entstehende Städte dort

schon beschlossen wurde, wachsen

andere Metropolen von alleine und

es ist fraglich, ob in einigen Ländern

die klassische Landbevölkerung in 50

Jahren überhaupt noch existent sein

wird.

Favelaz in Brasilien

Maja Neumann

© Köttbullekvist

17


Es läuft nicht immer rund

©LE-Bulls

www.lebulls.de

www.roterstern-leipzig.de

www.sachsenleipzig.de

www.lokleipzig.com

Sozio-ökonomische und sozio-kulturelle

Schieflagen in Leipzig

Vor rund einem Jahr, am 30. Juni

2010 titelte der Spiegel: „Leipzig ist

Deutschlands Armutshauptstadt“.

Nach einer Vergleichsstudie des Statistischen

Bundesamtes ständen 27

Prozent der Leipziger weniger als

60 Prozent des monatlichen Durchschnittseinkommens

zur Verfügung.

Somit lebe jeder vierte Leipziger in

Armut. Gleichzeitig zeigt sich die

städtische Wirtschaft jedoch extrem

dynamisch:

Großunternehmen

wie BMW,

Porsche und

DHL siedelten

sich an und das

Leipziger Intern

e t u n t e r n e h -

men Unister

schreibt kontinuierlich

Er-

Fanclub des RB-Leipzig

folgsgeschichten. Die Heldenstadt

gilt als ostdeutsche Leuchtturm-

Region und Paradebeispiel für den

Aufbau Ost. Dennoch kann dies nicht

darüber hinwegtäuschen, dass das

Armutsniveau in den letzten drei

Jahren kontinuierlich stieg. Während

die Innenstadt erblüht, bilden sich in

den Peripherien Armensiedlungen.

Finanzielle Notwendigkeiten und der

Wunsch nach sozialer Homogenität

führen letztendlich zu einer sozialen

Segregation. Dies ist zwar in vielen

deutschen Großstädten Normalität,

in Leipzig hat es jedoch eine besondere

Signifikanz: Aufgrund des raschen

sozialen Wandels nach der

Wiedervereinigung entstand ein Zustand

möglicher gesellschaftlicher

Anomie. Dieser wiederum hat einen

großen soziokulturellen Einfluss auf

die Stadt und deren Subsysteme. Als

beispielhaft für den sozialen und wirtschaftlichen

Widerspruch erweist

sich dabei besonders der Leipziger

Fußball: Zu DDR-Zeiten spielten zwei

große verfeindete Vereine um die

Gunst der Zuschauer: Der vom Staat

geförderte Leistungsclub Lokomotive

Leipzig und die ungeförderte BSG

Chemie, heute FC Sachsen. Nach der

Wende kam für die Traditionsvereine

analog zur Wirtschaft der Absturz,

nach mehreren Insolvenzen landeten

sie schließlich in der inzwischen

fünftklassigen Oberliga. Der FC Sachsen

schließt zurzeit seine zweite Insolvenz

ab, Lok Leipzig wurde 2003

(unter den Namen VfB Leipzig) zwischenzeitlich

sogar aus dem Vereinsregister

gelöscht. Beide Mannschaften

schafften es trotz vorhandener

Möglichkeiten nicht, sich höherklassig

zu etablieren

und stehen vor

einem finanziellen

Scherbenhaufen.

Gleichzeitig kämpfen

sie auch mit

Problemen anderer

Natur: Gewalt

und politischer Extremismus

sind vor

allem bei Lok Leipzig

keine Seltenheit. Bei einem Pokalspiel

der A-Jugend bildeten „Fans“

2006 ein lebendiges Hakenkreuz. Ein

Jahr später kam es nach einem Pokalspiel

gegen die zweite Mannschaft

von Erzgebirge Aue zu einer Straßenschlacht

von rund 800 Lok-Anhängern

mit der Polizei, bei der mehrere

Beamte schwer verletzt wurden. So

ist es nicht schwer zu verstehen, dass

für viele Fußballfans der Einstieg des

österreichischen Weltkonzerns Red

Bull in Leipzig einen Segen darstellt.

Der Hersteller des berühmten Energy-Getränks

übernahm im Sommer

2009 die erste Herrenmannschaft

des SSV Markranstädt mit dem Ziel

den neugegründeten Verein Rasen-

Ballsport (RB) Leipzig in die Bundesliga

zu führen.

Dieses Konglomerat Leipziger Vereine

stellt gewissermaßen einen Mikrokosmos

der ökonomischen Situation

mit ihren Auswirkungen dar. Einerseits

gibt es die einst glanzvollen und

nun abgestürzten Traditionsvereine,

anderseits den strahlenden aber kri-

20

18


tisch beäugten Großinvestor mit seinen

ehrgeizigen Zielen. Allein bei der

Betrachtung der Zuschauer wird der

soziale Unterschied sichtbar: Während

sich die Masse der Fans des FC

Sachsen bei den Spielen im ehemaligen

Zentralstadion entschloss im

kostengünstigeren Fanblock zu stehen,

positionieren sich die Anhänger

von RB Leipzig mehrheitlich auf der

komfortableren Haupttribüne. Während

Lok Leipzig im Ruf steht eine

relativ hohe Anzahl an sozial schwachen,

latent gewaltbereiten Zuschauern

zu haben, glänzt RB Leipzig mit

einer familiären Stimmung und einer

überdurchschnittlich hohen Frauenquote.

Dabei wirken die sozialen

Gegensätze eben auch direkt auf die

Leipziger Vereine: Die gesellschaftliche

Anomie, daher die Unmöglichkeit

für große Teile der Bevölkerung

die kulturell definierten Ziele mit anerkannten

Mitteln zu erreichen, fördert

abweichendes (kriminelles) Ver-

2010_naTo_anton_anzeige_pfade.FH10 Fri Sep 24 23:52:49 2010 Seite 1

halten, welches beim Fußball in einer

gewaltbereiten Gegenkultur kulminieren

kann. Ein weiteres Problem

ist anhand des linken Szenevereins

Roter Stern erkennbar: Nach dem

Aufstieg in die Bezirksklasse 2009

kam es bei den Auswärtsspielen in

der Leipziger Umgebung vermehrt

zu Übergriffen durch rechtsradikale

Hooligans, trauriger Höhepunkt

stellte dabei der Überfall von mehr

als 50 vermummten Schlägern in

Brandis dar. Neben der gesteigerten

Gewaltbereitschaft kann somit auch

politischer Extremismus als eine

mögliche Folge der verbreiteten Armut

konstatiert werden. Am Fußball

ist somit gut erkennbar, inwieweit

sich sozio-ökonomische Schieflagen

in verschiedenen gesellschaftlichen

Teilbereiche auswirken können.

Jakob Dopheide

19


Elfenbeinturm

Nachrichten aus dem FSR

Die Umstrukturierung zu Hauptfach-/

Nebenfach-Modellen laufen – hin

und her, vor und zurück. Wir wollen

in Zukunft versuchen, diese Themen

für euch transparenter zu machen.

Zu unseren Sitzungen könnt ihr sowieso

immer kommen und euch einbringen,

schließlich wollen wir EURE

Interessen vertreten.

Alle grundsätzlichen und aktuellen

Infos, die im Leben eines Kuwi-Studierenden

von Bedeutung sein können,

gibt’s auf unserer Homepage

kulturmeter.de nachzulesen. Auch

die Sitzungsprotokolle werden dort

hochgeladen. Wie euch sicher schon

aufgefallen ist, präsentiert sich unsere

Seite in neuem Glanz. Schaut doch

mal in die Rubrik „Ausschreibung“.

Ihr findet Angebote, die reichlich in

unserem elektronischen Briefkasten

landen, beispielsweise freie Stellen

im StuRa, zu besetzende Ämter bei

der KSS (Konferenz Sächsischer Studierendenschaften),

Wettbewerbe

oder Workshops.

Allen Infohungrigen sei nun noch

gesagt, dass rechtzeitig genauere

Angaben zu den Veranstaltungen auf

der Homepage, auf Aushängen (eine

Stellwand im Foyer des GWZ sollte

schon bald mit unseren Infos bestückt

sein) und in unseren bunten

Newslettern folgen.

Mit dem FSR Kuwi seid ihr gut informiert

und könnt ein hoffentlich wolkenloses

Sommersemester genießen!

www.kulturmeter.de

fsr.kuwi@gmx.net

Vollbepackt mit frischen Ideen und

voller Tatendrang wird euer FSR auch

dieses Semester wieder euren Studienalltag

erheitern. Das erste wichtige

Highlight, das ihr sofort in eure

Terminkalender aufnehmen solltet,

ist der Institutstag am 27. April. An

diesem Tag fallen zwar alle Kuwi-Veranstaltungen

aus, dafür seid ihr aber

herzlich zum Meinungsaustausch in

offener Runde mit Lehrenden und

Kuwi-Studierenden eingeladen. In

diesem Jahr bietet sich unter anderem

die Möglichkeit, das Thema der

Abschlussarbeiten zu besprechen.

Die diesjährige Sommerparty à la

„Grill&Chill“ wird in Zusammenarbeit

mit den anderen Instituten der

Fakultät stattfinden (deshalb: „Fak-

Party“). Das rauschende Fest kann

somit unser (und euer!?) Netzwerken

anregen und/oder fördern.

Neben Institutstagen, Fußballspielen

und Amüsements hat euer Lieblings-FSR

aber noch mehr drauf. Wir

entscheiden bei wichtigen Anliegen

in StuRa, Fakultätsrat, Institutsrat,

Studienkommission, Prüfungsausschuss

usw. mit, werfen Fragen auf

und regen Diskussionen zu brennenden

Themen an. Bei uns wird die aktuelle

Hochschulpolitik erörtert, wir

nehmen uns Probleme zu Herzen,

zum Beispiel mit Studienorganisation

und Seminaren, oder kümmern

uns um orientierungshilfsbedürftige

(nicht nur) Neulinge. Auch an Institut

und Fakultät bewegt sich einiges.

Antje Richly

Football is coming home!

Nachdem das Team Kuwi im letzten

Jahr den Siegerpokal für das beste

Fußballteam der Fakultät ans Institut

holen konnte, sind wir in diesem Jahr

Das KuWi-

Gewinnerteam

2010

© Marcus Heinz/

FranzErhard

22


damit betraut, das Turnier auszurichten.

Leider fand das Sportereignis im

letzten Jahr nur wenig öffentlichen

Anklang - dies muss sich ändern! 2011

findet das Fakultätsfußballturnier am

24. Juni statt und alle hoffen neben

der kulturwissenschaftlichen Titelverteidigung

auch auf großen Zuschauerzuspruch.

Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren.

Ziel ist es, ein attraktives

Turnier für alle Teilnehmer zu ermöglichen,

vor allem aber auch die Studierenden

der Fakultäten aus dem

GWZ zusammen zu bringen. Hierfür

wird es in diesem Jahr erstmals eine

Ausweitung auf alle Institute und damit

verbundene Fachschaften des

geisteswissenschaftlichen Zentrums

geben. Darüber hinaus werden wir

einen Wanderpokal stiften, der nicht

zuletzt als Ansporn dienen soll, das

Neues aus dem Institut

Dorothea Trebesius hat am 18.11.2011

erfolgreich ihre Dissertation zum

Thema „Komponieren als Beruf.

Frankreich und die DDR im Vergleich

1950-1980“ verteidigt. Dafür erhielt

sie „summa cum laude“, also mit

höchstem Lob. ANTON gratuliert zu

diesem großen Erfolg und wünscht

der Kulturhistorikerin alles Gute für

die Zukunft.

Dr. Frank Hadler vom Geisteswissenschaftlichen

Zentrum Geschichte und

Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) in

Leipzig wurde zum Honorarprofessor

für Kulturgeschichte am Instituts

ernannt. Damit setzt er seine langjährige

Lehrtätigkeit am Institut fort

und verbreitert das Lehrangebot

auch im Sommersemester 2011 mit

einem BA-Seminar.

Das von Prof. Wohlrab-Sahr beantragte

Exzellenzcluster „Secularities

and Cultural Dynamics“ ist leider

nicht von der DFG in die nächste Entscheidungsrunde

übernommen worden.

Von den 29 Anträgen, die die

zweite Runde erreichten, sind nur

Sommerturnier wieder neu als gesamtstudentische

Veranstaltung zu

etablieren. Deshalb soll auch ein Anreiz

für alle Unterstützer der Teams

geschaffen werden. So wird es neben

Auszeichnungen für die besten

Fans auch ein begleitendes Rahmenprogramm

geben. Wer jetzt schon

Lust hat mit anzupacken, kann sich

einfach unter GWZ-Cup@gmx.de

melden und mit in die Realisierung

eines engagierten Kuwi-Projektes

einsteigen. Über eure Unterstützung

würden sich alle SpielerInnen freuen.

Im Verlauf des Sommersemesters

wird es weitere Informationen und

Hinweise bezüglich Anmeldung und

allem Weiteren geben.

Wir sehen uns zur Titelverteidigung!

Marcus Heinz und Franz Erhard

drei aus den Geisteswissenschaften,

der Rest stammt aus naturwissenschaftlichen

Fächern.

Das Institut war hat wieder fleißig publiziert.

Hinweisen möchten wir euch

auf den von Gert Pickel und Kornelia

Sammet herausgegebenen Band zu

m Wandel der Religiösität im wiedervereinigten

Deutschland.

Eine umfangreiche und tiefgründige

konfrontative Studie der philosophischen

und soziologischen Theorien

und Ansätze in den Werken Walter

Benjamis und Georg Simmel hat Marian

Micko mit ihrer Dissertation vorgelegt.

Über die institutionelle Entwicklung

des Urheberrechts zwischen 1886

und 1952 informiert euch dagegen

die im letzten Jahr erschienene Dissertation

von Isabella Löhr.

Frank Henschel

www.uni-leipzig.

de/~kuwi

© VS

© Harrassowitz

© Vandenhoeck

& Ruprecht

23


Über Pfarrerinnen,

das Kapital und Harry Potter

Ein Interview mit Dr. Kornelia Sammet

Kornelia Sammet ist seit 2008 am

Kuwi Institut und forscht im Bereich

Soziologie am DFG-Projekt „Biographische

Einbettung und soziale Bezüge

von Weltsichten in prekären

Lebenslagen. Fallrekonstruktive Analysen.“

ANTON hat sich mit Kornelia

Sammet auf einen Kaffee getroffen,

nachgefragt, was es damit auf sich

hat – und auch sonst einiges von ihr

erfahren.

Wie sind Sie eigentlich

an unserem

Institut gelandet –

und wie gefällt es

Ihnen?

Für mein DFG-Projekt

brauchte ich

eine Institution, die

mich aufnimmt.

Hier in Leipzig hatte

ich den Eindruck,

dass es ein ganz gutes

Umfeld für das

ist, was ich machen

wollte. Weil die Religionssoziologie

eine wichtige Rolle spielt, aber eben

nicht nur, und weil auch viele in qualitativen

Methoden gut ausgebildete

Leute da sind. Und ich habe mir ein

gutes Umfeld für Diskussionen erhofft

– das hat sich auch bestätigt.

Mittlerweile habe ich vor allem mit

Gert Pickel von der Theologie eine

gute Kooperation – wir haben 2009

zusammen eine Tagung über Religion

in Ostdeutschland veranstaltet,

im Anschluss daran das Buch „Religion

und Religiosität im vereinigten

Deutschland“ herausgegeben. Wir

arbeiten da noch an einer zweiten

Publikation, „transformations of religiosity“,

da geht es mehr um Osteuropa.

Und mittelfristig wollen wir ein

kleines Büchlein zu Methoden der

Religionsforschung schreiben, dabei

übernimmt Gert Pickel die quantitativen

und ich die qualitativen Methoden.

Wie war denn Ihr Studium?

Ich habe vor allem Soziologie studiert.

Erst in den achtzigern in Freiburg,

mit den Nebenfächern Ethnologie

und Geographie. Geographie

war immer ein sehr großes Steckenpferd

von mir. Aber

ich bin 1985 an die

Freie Universität

Berlin gewechselt,

und da war diese

Kombination nicht

mehr möglich.

Dazu kam, dass

mich an der Geographie

vor allem

das Naturwissenschaftliche,

die

physische Geographie

interessiert

hat, und das war

irgendwann dann

auch mit der Soziologie

nicht mehr so

gut zu vereinbaren.

Als ich an die FU kam, hatte ich die

meisten Scheine schon gemacht,

war also ziemlich frei, und habe

mich breit umgesehen. In der Soziologie

habe ich dann zum Beispiel

einen „Kapital“-Kurs gemacht. Da

haben wir drei Semester lang sehr

genau den ersten Band des Kapitals

gelesen, haben dazu Papers

geschrieben, jede Woche den Text

vorbereitet... also das war sehr intensiv.

Das konnte man damals halt

auch noch machen. Insbesondere in

Westberlin hatte man zu dieser Zeit

insofern mehr Freiheiten, dass man

wusste, man findet immer einen

Job und kann sich immer irgendwie

durchschlagen. Ich kannte viele Leute,

die sehr stark aus reinem Interes-

24


se studiert haben, sich mit den Texten

auch aus politischem Interesse

auseinandergesetzt haben und – das

ist dann die Kehrseite – auch das Studium

nicht zu Ende brachten. Auch,

weil sie sich nicht vom System korrumpieren

lassen wollten. Ich fand

das dann ein bisschen schade, dass

einige die Perspektive Soziologie als

Beruf gar nicht mehr in den Blick bekamen,

aus Angst, dass man dann

zum Establishment gehören würde.

Wussten Sie denn schon immer, dass

Sie als Soziologin arbeiten wollen?

Nicht so während des Studiums. Erst

am Ende kam das immer mehr in den

Blick. Nach meinem Diplom musste

ich aber auch erst einmal jobben.

Ich habe in den verschiedensten Bereichen

gearbeitet: in Fabriken, als

Bürohilfe, und – das war schön – als

Vorleserin bei einem blinden Anwalt.

Das waren auch ganz wichtige Erfahrungen.

Gerade als Soziologin kann

man nicht genug von der Arbeitswelt

kennen.

Aber ich habe da auch gemerkt, dass

ich eben doch gerne forschen möchte,

und habe dann meinen ersten Antrag

geschrieben. Damals gab es in

Berlin noch ein schönes Programm

für Nachwuchswissenschaftler. Man

konnte selbst Projekte entwerfen,

die einen Berlin-Bezug haben mussten

und man brauchte Kooperationspartner

außerhalb der Uni. Da habe

ich erfolgreich zwei Zwei-Drittel Stellen

in einem Projekt über evangelische

Pfarrerinnen beantragt – und

so zwei Jahre erste Forschungserfahrung

gesammelt. So eine Förderung

kann man sich heute gar nicht mehr

vorstellen...

Ja, das klingt zu schön um wahr zu

sein... Um was geht es denn bei Ihrem

jetzigen Projekt, was wollen Sie

da rauskriegen?

Sehr viel! (lacht) Also es geht ganz

allgemein um religiöse und nicht-religiöse

Welt- und Lebensdeutungen.

Und mich haben da besonders Leute

interessiert, die in ihrer sozialen Lage

über wenig Ressourcen und wenig

gesellschaftliche Gestaltungs- und

Teilhabemöglichkeiten verfügen.

Nach meiner Promotion habe ich bei

der Evangelischen Kirche gearbeitet,

und im Rahmen der vierten „Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung“

Gruppendiskussionen

gemacht. Da ging

es auch schon um Weltsichten. Die

Weltsichten sind ein Konzept, das

Monika Wohlrab-Sahr entwickelt

hat – das können Sie sich ja mal von

ihr erklären lassen. Ich fand es ganz

brauchbar und es wurde auch in

der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung

angewandt. Die Gruppendiskussionen

da wurden aber mit natürlichen

Gruppen geführt, und da hatte

man dann Personen, die da sehr stark

integriert sind und in diesen Gruppen

auch Anerkennung erfahren. Mir

schien, dass da eine systematische

Lücke blieb: Nämlich Menschen, die

nicht integriert sind und keine Anerkennung

erfahren. Das wollte ich

mir also noch einmal genauer ansehen.

Die Idee war, dass bei solchen

Menschen auch anomische und fatalistische

Tendenzen verbreitet sein

müssten. Meine ursprüngliche Projektidee

war deshalb, biographische

Interviews zu führen, um zu sehen,

wie sich bei Menschen, die wenig

Möglichkeiten und wenig Ressourcen

haben, Weltsichten entwickeln

und auf welchen lebensgeschichtlichen

Erfahrungen das beruht.

Mittlerweile machen wir aber doch

auch wieder Gruppendiskussionen

– weil meine Projektmitarbeiter das

gerne wollten, und ich finde es auch

gut, weil sich dadurch auch wieder

Vergleichsmöglichkeiten zur Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung

ergeben.

Das Projekt wurde ursprünglich auf

zwei Jahre beantragt und wurde inzwischen

aber noch bis Sommer 2012

verlängert. Wir werden dann gegen

Ende dieser Zeit sehen, was das Material

letztendlich hergibt und was

die Auswertungen ergeben. Ziel ist

25


© Maria Jakob und

Maja Neumann

es dann auch, Artikel entsprechend

dem Forschungsmaterial- und Stand

zu veröffentlichen.

Was kommt nach dem Projekt in

Ihrem Leben?

Das werden wir sehen (lacht). Ich

möchte auf jeden Fall gerne weiter

forschen. Ich habe einige Ideen für

weitere Projekte, möchte jetzt aber

noch nicht zu viel verraten.

Welchen Stellenwert hat der religiöse

Aspekt in Ihrer Forschung für Sie?

Ich hatte eigentlich schon immer ein

Interesse an Religion. Nach einer religiösen

Phase in meiner Jugend habe

ich mich später auch von einem differenzierteren

Standpunkt aus gefragt,

was Religion in der Welt und für den

Mensch eigentlich leistet. Nicht nur

als Instrument der Unterdrückung,

sondern auch als befreiendes Moment

und Utopie. Im Studium habe

ich mich aber weniger mit Religion

beschäftigt.

Später bin ich dann über ein Forschungsprojekt

dazu gekommen,

mich mit Pfarrerinnen zu beschäftigen.

Ein befreundeter Theologe

meinte damals, Anfang der 90er Jahre,

dass er den Eindruck hätte, dass

sich das Pfarramt durch die Zunahme

von Pfarrerinnen verändern würde.

Das war für mich eine Forschungsaufgabe

zu der ich recherchierte.

Pfarrerinnen gab es in Berlin tatsächlich

erst seit Anfang der siebziger

Jahre. Dort habe ich dann gemerkt,

dass dieses Thema doch ein sehr interessanter

Gegenstand ist. Ich bin

dann, auch auf Ermunterung von

Monika Wohlrab-Sahr, die ich in Berlin

kennen gelernt hatte, zu Tagungen

der Sektion Religionssoziologie

gefahren und habe dort erlebt, dass

man mich sehr offen und interessiert

aufgenommen hat und ich als Doktorandin

sehr willkommen war.

Fühlen Sie sich wohl am Institut für

Kulturwissenschaften?

Ja sehr. Ich finde die Mischung der

Bereiche hier sehr interessant. Auch

für meine Dissertation im Bereich

Soziologie war Kulturgeschichte relevant.

Die methodische Ausbildung,

die Sie hier genießen dürfen, finde

ich sehr gut. Für meine Arbeit finde

ich hier immer sehr gute Diskussionsund

Gesprächspartner.

Eine ganz andere Frage. Sie haben

über Harry Potter und Liebesfilme

auch publiziert, haben Sie eine besondere

Filmaffinität?

Bei Harry Potter mochte ich die Romane

besonders. Da konnte ich die

Gelegenheit mal nutzen, etwas darüber

zu schreiben. Ich bin natürlich begeisterte

Kinogängerin. In Dresden

habe ich damals an einem Projekt zu

Paarbeziehungen gearbeitet, daher

die Verbindung zu Liebesfilmen. In

diesem Projekt wurden unter anderem

auch Liebesfilme analysiert.

Was haben Sie zuletzt im Kino gesehen?

Ich war auf der Berlinale. „The Forgiveness

of Blood“ war der letzte Film,

den ich sah. Der Film spielt in Albanien

und handelt von interessanten

Familien- und Gesellschaftsstrukturen.

Im Zuge der Handlung durften

die männlichen Familienmitglieder

wegen der Blutrache das Haus nicht

mehr verlassen und die Tochter

musste die Arbeiten des Vaters übernehmen.

Ein sehr interessanter Film.

Danke für den Kinotipp und

das Interview!

ANTON sind

Maria Jakob

und

Maja Neumann

26


Der misslungene Spagat zwischen Wissenschaft und Praxis

Über die Diskriminierung des Bereichs Kulturmanagement

Warum sollte man Kulturwissenschaften

in Leipzig studieren? Das

häufigste Argument dafür ist die einzigartige

Ausrichtung des Leipziger

Kuwi-Instituts mit seinen vier Fachbereichen.

Besonders der Bereich

Kulturmanagement lockt jährlich viele

Abiturienten hierher. Paradoxerweise

wird gerade dieser Bereich seit

Jahren stieftöchterlich behandelt.

An der Universität Leipzig wird das

Phänomen Kultur unter dem Blickwinkel

der drei akademischen Disziplinen

Kulturphilosophie, Kulturgeschichte

und Kultursoziologie

betrachtet. Der Bereich Kulturmanagement

soll demgegenüber als berufspraktische

Orientierung dienen

– allerdings nur rein theoretisch.

Das Konzept der Neugründung des

Kuwi-Instituts im Dezember 1993 sah

vor, dass jeder Fachbereich eine Professur,

zwei wissenschaftliche Mitarbeiter

und zwei nichtwissenschaftliche

Stellen erhalten sollte. Am

Ende wurden dem Institut jedoch

nur drei Professorenstellen, fünf

Mitarbeiterstellen und anderthalb

nichtwissenschaftliche Mitarbeiterstellen

gewährt. Der Bereich Kulturmanagement

erhielt dabei keine

Professorenstelle und nur eine wissenschaftliche

Mitarbeiterstelle. Obwohl

der Bereich Kulturmanagement

völlig überlaufen ist, konnte er diese

strukturelle Fehlausstattung bis dato

nicht überwinden. Der Spagat zwischen

Wissenschaft und Praxis misslang.

Auch die jüngste Aufwertung

des Bereichs Kulturmanagement zur

Juniorprofessur ist reine Makulatur.

Zwar können nun auch Abschlussarbeiten

im Bereich Kulturmanagement

geschrieben werden. Personell

hat sich jedoch nichts geändert.

Weiterhin decken fast ausschließlich

Gastlehrkräfte und Dozenten der

anderen Fachbereiche die Lehre ab.

Zudem gab es in den letzten Jahren

eine Verlagerung weg von der zunächst

betriebswirtschaftlichen hin

zu einer stark soziologischen Ausrichtung.

Da im Rahmen des Bachelor- und

Mastersystems mehr Wert auf die

Berufsqualifzierung der Studierenden

gelegt wird, stellt sich die Frage,

warum der Bereich Kulturmanagement

weiterhin so wenig Beachtung

findet. Besonders da nur rund zehn

Prozent der ehemaligen Kuwi-Studierenden

nach dem Studium in der

Forschung bleiben. Laut einer Untersuchung

von Dirk Kuntze arbeitet

die große Mehrheit der Kuwis im Kulturmanagement,

oftmals sogar als

Selbstständige. Doch dafür braucht

man betriebswirtschaftliches Know-

How. Christian Rost, Berater für Existenzgründung

am Kompetenzzentrum

Kultur- und Kreativwirtschaft

des Bundes, stellt fest, dass Studenten

während des Studiums kaum auf

das spätere Berufsleben vorbereitet

werden. „Vielen Studienabsolventen

ist nicht bewusst, dass sie für ihr Produkt

auch ein Publikum finden müssen.“

Es fehle an grundlegendem

betriebswirtschaftlichem Wissen.

„Manche wissen nicht einmal, wo sie

ihre Steuernummer beantragen müssen

oder woher sie eine Förderung

bekommen“, so Rost.

Auch Uta Kösser, emeritierte Professorin

für Kulturphilosophie in Leipzig,

stellte in ihrer Festschrift zur

Institutsgeschichte fest, dass „der

heutige Zugang zur kulturellen Praxis

vor allem betriebswirtschaftlich über

Finanzierung und Sponsoring, Controlling

und Verwaltung erfolgt. Es ist

immer wichtiger, dass auch praxisorientiert

ausgebildet wird. Die Chance

mit dem Bereich Kulturmanagement

ist da, sie muss nur genutzt werden.“

Oliver Matthes

27


Wir sahen Schwarz

Bericht über die WGT-Forschungsseminare

© Jaqueline Scholz

Um im Rahmen des Kulturwissenschaftsstudiums

das Feld der Sozialforschung

kennen zu lernen, konnte

man im letzten Sommersemester

das Modul „Methoden der Kultursoziologie

und ihre Anwendung“,

besuchen. Laut Ankündigung im Vorlesungsverzeichnis

sollte man in der

Vorlesung des Moduls einige empirische

Forschungsmethoden kennen

lernen und diese in den zugehörigen

Seminaren praktisch anwenden.

Oberthema des ganzen Moduls war

das Wave-Gothic-Treffen, welches

jährlich in Leipzig stattfindet. Die Methoden,

die man in den Seminaren

erlernen konnte, wollen wir im Folgenden

kurz vorstellen.

A-Die Beobachtungsgruppe

Leute beobachten, und das sogar

im Auftrag der Wissenschaft? Klingt

cool, mach ich! Das dachte ich mir am

Beginn des Sommersemesters 2009.

Die teilnehmende Beobachtung, als

eine Methode der empirischen Sozialforschung,

schickt den Forscher ins

Feld. Mal verdeckt, mal offen beobachtend,

ständig das Gesehene im

Kopf und auf Papier (und auf Tonbandgerät)

protokollierend, betrachtet

der Forscher die soziale Welt.

Nach dem wir die theoretischen

Grundlagen der teilnehmenden Bobachtung

erlernt hatten, bildeten

sich im Seminar schnell einzelne Beobachtungsgruppen

heraus. Unsere

Gruppe wollte sich mit Fotografie-

Situationen befassen. So beobachteten

wir am WGT-Wochenende Fotografen,

Leute, die sich fotografieren

ließen, Leute, die zusahen wie fotografiert

wurde, Leute,

die sich für ein Foto

in Position brachten,

Leute die ohne ihr Wissen

fotografiert wurden

und so weiter und

so weiter. Am Ende saßen

wir vor 30 Seiten

Protokoll, die nun in

Gruppenarbeit

i n t e r p r e t i e r t

werden wollten,

um herauszufinden,

was

genau bei so

einer Foto-Situation

eigentlich

passiert. Eine

Arbeit, die zwar

den ganzen Sommer über gedauert

hat – es aber auch absolut wert war!

B-Diskursanalyse

Ein weiteres Seminar, das im Modul

„Methoden der empirischen Sozialforschung“

angeboten wurde, war

die Diskursanalyse. Der Titel des Seminars

ließ für die meisten nicht unmittelbar

auf den Inhalt schließen,

so dass man sich ein wenig überraschen

lassen musste. So ist auch das

Prinzip der Diskursanalyse am besten

zu verstehen, wenn man selbst empirisch

forscht. Voraussetzung dafür ist

natürlich, sich mir den verschiedenen

Forschungsansätzen vertraut zu machen,

also erstmal Bücher wälzen. Da

das Thema des Moduls das WGT-Festival

war, wurden unterschiedliche

Diskurse der Subkultur betrachtet

und alle Studentinnen konnten sich

ihre selbstgewählten Forschungsbereiche

aussuchen. Von Gewalt in der

Gothic-Szene bis zu Uniformen und

Geschlechterkonstruktionen war alles

möglich. Ein weiterer Pluspunkt

des Seminars war die vielseitige und

spannende Suche nach Material und

die Materialanalyse. Es wurden beispielsweise

Kontaktanzeigen analysiert,

Internetforen durchforstet

oder Liedtexte auseinandergenommen

und vieles mehr. Da es sehr

viel zu analysieren und entdecken

gab, nahm das Modul viel Zeit in Anspruch,

besonders für die Erstellung

der Hausarbeit. Das Modul hätte deswegen

auch auf zwei Semester ausgeweitet

werden können.

Mia Kaduk, Iliane Kiefer und Tabea Link

28


Anzeige

29


Studentenfutter


Anton im Gespräch mit KuWi-Studentin Birgit Frank, die

das Wintersemester 2010/2011 als Erasmusstudentin in

Granada verbrachte.

©Birgit Frank

Wie bist du auf die Idee gekommen

ein Auslandssemester in Spanien zu

machen?

Den Plan hatte ich seit Studienbeginn,

weil ich während der Schulzeit

mal im Ausland war und das

Erasmus-Programm an der Uni mich

überzeugt hat. Und nach Spanien

bin ich gegangen, weil ich schon spanisch

sprach, ich liebe die Sprache

und die spanische Mentalität hat

ihre Vorzüge. Ein bisschen habe ich

natürlich auch mit schönem Wetter

gerechnet.

Wie sahen deine

Vorbereitungen

aus? Hat alles geklappt?

Im Prinzip gingen

die ein Jahr vorher

los. Flug buchen,

Semesterablaufplan

angucken,

Auslandskrankenversicherung,

mein Zimmer untervermieten,

Koffer packen...und nein,

geklappt hat nicht alles wie gedacht.

Ende Juni lief es ein bisschen aus

dem Ruder, da ich an der falschen

Fakultät angemeldet war. Deshalb

habe ich dann tausend Emails geschrieben,

bin im Endeffekt noch

schnell ans Institut für Soziologie in

Leipzig gewechselt, weil die noch einen

Platz übrig hatten.

Was für Erlebnisse hast du als Erasmusstudentin

gemacht?

Oh Gott, vieles in Spanien ist anders.

Ich werde ständig mit „Blondine“ [=

‚rubia‘, Anm. d. Red.] auf der Straße

angesprochen, was aber nicht wie im

Deutschen abwertend gemeint ist.

Am Strand klauen Ratten einem das

Baguette, und im Januar in T-Shirt

und kurzer Hose in der Sonne zu sitzen

war mir auch neu.

Was ist anders am spanischen Universitätssystem,

womit kamst du

klar und womit nicht?

Ich bin mal ehrlich, ich war kein großer

Fan von der spanischen Uni. Einerseits

gibt es sehr viele spezielle

Soziologiekurse, man kommt leichter

in die Kurse rein, die ProfessorInnen

sind sehr offen gegenüber

den Erasmusstudierenden und es

werden sehr viele kulturelle oder

sportliche Veranstaltungen von der

Uni umsonst angeboten. Allerdings

bestehen die meisten Kurse so aus

30 bis 40 Leuten und man sitzt in

Seminarräumen in denen aber Vorlesungsbänke

sind, schön alle hintereinander,

und vorne ist ein Podest, der

Professor redet zwei Stunden und

man hört zu, der Spanier schreibt

jedes gesprochene Wort mit, auch

„die UN ist eine internationale Organisation“,

und dann geht man in die

nächste „Clase“. Da ist also nicht so

viel mit eigener Meinung und Partizipation.

Man muss jedoch sagen, dass

es auch ProfessorInnen gibt, die die

Studierenden mit einbeziehen und

moderne Lehrtechniken anwenden.

Worauf hast du dich am meisten gefreut

als du wieder zuhause warst?

Auf die Zentralheizung!!! Es war in

Spanien zwar 20°C tagsüber und

strahlender Sonnenschein, aber

nachts wurde es auch kalt und ich

wohnte in einer sehr schönen, aber

alten Wohnung. Und klischeehaft

deutsches Brot!

Abschließend: gibt es irgendwas,

das du unbedingt loswerden musst?

Estar preparado es importante,

saber esperar lo es aún más, pero

aprovechar el momento adecuado

es la clave de la vida. [freie Übersetzung

d. Red.: “Vorbereitung ist gut,

Ausdauer ist besser, doch den richtigen

Moment auszunutzen ist unbezahlbar.”]

Anton ist Maria Kaduk

30


Wenn die Geschichte zum

Distinktionsmerkmal wird

Bachelor-Arbeit in der Kulturgeschichte

Meine Bachelor-Arbeit behandelte

die Thematik „Die Rolle der Geschichte

in der Markenbildung“. Ich

befasste mich darin mit der Frage, ob

und wie Geschichte für die Herausbildung

einer (starken) Marke genutzt

werden kann.

Heutzutage müssen Unternehmen

häufig neue Wege einschlagen, um

sich gegen die jeweilige Konkurrenz

durchsetzen zu können und sich auf

dem Markt gut zu positionieren.

Vielfältige Prozesse der Industrialisierung

und Technisierung, beispielsweise

die Massenproduktion, sowie

die fortschreitende Globalisierung

und der daran gekoppelte gesellschaftliche

Wandel tragen Schuld daran,

dass die Märkte sich weiter aus

differenzieren.

Durch den ansteigenden Massenkonsum

wurde die Erfindung von

„Marken“ notwendig. Diese dienen

als eine Art Wegweiser in der Konsumgüterlandschaft

und helfen dem

Verbraucher sich zu orientieren. Gerade

wenn jedes Produkt als „total

neu“, und natürlich als „das Beste

aller Zeiten“ angepriesen wird, ist es

für den Kunden schwer möglich, den

Überblick zu behalten.

Hier setzt die Idee der Nutzung von

Geschichte an: Durch ein langes

„Überleben“ am Markt wird dem

Konsumenten aufgezeigt, dass das

Unternehmen hält, was es verspricht.

Denn eine lange Tradition steht für

Qualität und fördert so das Vertrauen

der Kunden, welches sich auf

die Marke selbst ausdehnt. Dies geschieht

durch Kommunikations- und

Präsentationsformen, die Einfluss

auf die Kunden sowie das Unternehmen

nehmen. Ein Unternehmen, das

auf eine lange Geschichte zurückblicken

kann, suggeriert den Arbeitnehmern

die Sicherheit

eines langfristigen Arbeitsplatzes.

Das fördert

wiederum eine

positive Arbeitsmotivation

und korreliert

mit den Umsätzen, da

die Begeisterung und

der Arbeitswille für

die Firma ansteigen.

So wie eine Person

oder eine Gesellschaft

eine Vergangenheit

haben, so hat dies

auch ein Unternehmen.

Niemand würde

sagen, dass seine persönliche

Geschichte irrelevant für seine zukünftigen

Entscheidungen sei, da

die gemachten Erfahrungen in die

Entscheidungen mit einfließen. Die

eigene Zukunft wird mit Hilfe der Erfahrungen

antizipiert und gestaltet.

Das ist durchaus nicht einfach, da

die individuelle Identität auf Grund

des globalen Zusammenwachsens

immer mehr Einflüssen standhalten

muss. Durch den Umgang mit der

eigenen Historie wird die Identität

„konservierbar“.

Mit Hilfe des Einsatzes von Geschichte

bei der Markenbildung und -kommunikation,

kann sich ein Unternehmen

also positiv von der Konkurrenz

abheben. Hierbei ist auch ein offener

Dialog über „schwarze Flecken“,

zum Beispiel die Rolle des Unternehmens

in der NS-Zeit, unabdingbar.

Der Umgang mit Geschichte ist also

nicht per se als „trocken“ oder „langweilig“

abzutun, sondern er kann

durchaus kreativ und spannend sein.

Markus Feiks

© Iliane Kiefer

31


Die neue Zivilgesellschaft

Buchrezension: Widerstand im Netz

© transcript Verlag

Winter, Rainer: Widerstand

im Netz.

Zur Herausbildung

einer transnationalen

Öffentlichkeit

durch netzbasierte

Kommunikation

(= Cultural studies

; 21), Bielefeld:

transcript 2010, 165

Seiten, Ill., kart.

18,80 Euro, ISBN

978-3-89942-555-0.

Die große Mehrheit der Publikationen

über soziale Netzwerke im Internet

beschäftigt sich mit der Frage,

wie diese als Marketinginstrument

für Unternehmen genutzt werden

können. Rainer Winter geht hingegen

in seinem Buch „Widerstand im

Netz“ der Frage nach, wie transnationale

zivilgesellschaftliche Netzwerke

im Internet entstehen und wie sie

eine alternative politische Öffentlichkeit

implementieren und die gesellschaftliche

Wirklichkeit verändern

können.

Laut Winter entstehen im Internet

anders als bei den Leitmedien transnationale

Gegenöffentlichkeiten,

die die neoliberale Ordnung infrage

stellen und für eine Demokratisierung

eintreten. Winter sieht Wissenschaft,

Wirtschaft und Journalismus

westlicher Staaten in einem zentralen

techno-kolonialistischen Diskurs

gefangen, der das Internet nur als

Möglichkeit von Freiheit, Individualismus

und mobiler Privatisierung

wahrnimmt. Demgegenüber böten

transnationale soziale Bewegungen

im Internet die Möglichkeit, Hierarchien,

Isolation und Unterdrückung

zu überbrücken. Für Winter wohnt

Medientechnologien eine die Realität

konstituierende Mächtigkeit

inne, weshalb die technologische

Kultur zum dominanten Diskurs des

21. Jahrhunderts avancieren werde.

Demnach brächten das Internet

und die sozialen Bewegungen, die es

nutzten, kollektive Identitäten hervor,

die ein Korrektiv zu dominanten

hegemonialen Institutionen wie der

WTO oder der Weltbank bildeten.

Transnationale soziale Bewegungen

würden das Internet für eine Globalisierung

„von unten“ nutzen im Gegensatz

zur Globalisierung der etablierten

Institutionen, die „von oben“

erfolge.

Voraussetzung für eine moderne

Demokratie im Sinne Winters ist

der „digital citizen“. Dieser kosmopolitische

Bürger schließe sich mit

Gleichgesinnten zu virtuellen, heterogenen

Formationen zusammen.

Auf diese Weise bilden sich im Netz

demokratisch organisierte, soziale

Informations- und Diskussionsforen

heraus, die zu einer gemeinsamen

demokratischen Konsensfindung

und zu politischen Aktivitäten führen

könnten. Wie in solchen Fällen politisch

engagierte Menschen wirklich

an transnationaler Kommunikation

teilnehmen, erläutert Winter leider

nicht. Stattdessen bleibt er abstrakt,

unkonkret und lässt empirischen Daten

vermissen. Sein Buch gerät oft zu

einer reinen Zustandsbeschreibung

des Internets als soziales Netz.

Rainer Winter agiert in seinem Buch

weniger als Wissenschaftler, denn

als Postkapitalist und Postnationalist,

der Kritik am neoliberalen Kapitalismus

und an staatlicher Dominanz

gegenüber dem Bürger übt. An

seiner überwiegend normativen Argumentationsweise

stößt man sich

als Leser mitunter. Im sechsten Kapitel

beschreibt der Autor drei zivilgesellschaftlichen

Bewegungen anhand

ihrer Websites. Er gibt allerdings

lediglich den Aufbau der Internetseiten

und deren Inhalte wider.

Ebenso bringt Winter einen kurzen

Exkurs über Fankulturen im Internet,

der fremd und etwas unpassend

wirkt, da er den roten Faden des Buches

unterbricht. Die Publikation versprach

in der Einleitung viel, das sie

nicht halten konnte. Winters Buch,

das aus einer Studie für das Büro

für Technikfolgen-Abschätzung des

Deutschen Bundestages von 2004

entstanden ist, lässt eine tiefgreifende

Analyse von spezifischen Netzkulturen

vermissen. Der Text kratzt deshalb

oft nur an der Oberfläche und

ist zudem sehr redundant - er könnte

auch mit der Hälfte der Seiten locker

auskommen.

Oliver Matthes

32


Die Alles-Dimension

Buchrezension „Kulturelle

Dimensionen von Konflikten“

Konflikte besitzen eine kulturelle

Dimension. Punkt. Ach was? Ich bin

doch KuWi-Student, ich kann und

weiß alles, und wenn es nur ist, dass

alles irgendwie Kultur ist. Von dieser

wenig befriedigenden Nulldefinition

von Kultur können sich auch die

Herausgeber des vorliegenden Sammelbandes

leider nicht verabschieden.

Da sie keinem essentialisierenden

Kulturalismus erliegen wollen

(der Konflikte eben auf kulturelle

Unterschiede zum Beispiel zwischen

westlicher und islamischer „Kultur“

zurückführt), fassen sie Kultur

„als Bedeutungssystem [auf], das

sich je nach historisch-spezifischem

Kontext über unterschiedliche Praktiken

auf allen Ebenen der Lebensweise

spezifischer gesellschaftlicher

Gruppen ausdrückt.“ (S. 8). Die Einigung

über das jeweils geltende Bedeutungssystem

rufe zwangsläufig

(mehr oder minder gewalttätige)

Konflikte hervor, in denen sich eine

dominante Seite durchsetze und

über das Maß der Marginalisierung

der „Anderen“, also die Spürbarkeit

des Gewaltverhältnisses, bestimme.

Das Buch gliedert sich in vier thematische

Kapitel, bei denen aber nur

das zum Thema „Geschlechterverhältnisse

– Gewaltverhältnisse“ auf

den ersten Blick Eindeutiges ankündigt.

Die anderen drei („Wider die

Verallgemeinerung“, „Ver-fremden“,

„Die Vergangenheit muss sich ihrer

Gegenwart stellen“) könnten auch

ANTON-Titelthemen sein, hinter denen

sich dann irgendwas Spannendes

verbirgt.

Präferierte Methode ist übrigens

die (Kritische) Diskursanalyse, will

sagen, es werden verschiedene Texte

(Zeitungsberichte, Romane, institutionelle

Programmatiken) nach

den in ihnen sichtbar werdenden

ethnischen, geschlechtlichen, sozialen

und politischen Konfliktlinien ab-

geklopft. Der Fokus ist hierbei auch

räumlich breit, von Deutschland,

über Europa in die USA, nach Indien

und Südamerika.

Dadurch wird der Anspruch eingelöst,

der mit der einleitenden Kritik

von Fabian Virchow am Kulturclash-

Paradigma Huntingtons postuliert

wird: Nicht zwischen angeblich kohärenten,

überzeitlichen Kulturkreisen

sondern innerhalb jeder Gesellschaft

verlaufen Konfliktlinien mannigfacher

Art (S. 23f.). Die zur Herstellung

und Sicherung der Macht politischer

und ökonomischer Eliten notwendigen

Diskurse um In- und Exklusion

von Individuen und Kollektiven konstruieren

fortlaufend unter Berufung

auf kulturelle Symbole und Bedeutungszusammenhänge

Identitätsangebote,

denen es sich zu unterwerfen

gilt. So erklären laut des Beitrags

von Karmen Erjavec und Zala Volčič

kroatische und serbische Tageszeitungen

unter Bezugnahme auf den

von den USA ausgerufenen „War

on Terror“ bosnische Muslime zu

Terroristen und rechtfertigen damit

nachträglich ihre massenweise Ermordung

während der Kriege in den

neunziger Jahren. Geetha Ramanthan

zeigt, wie zwei Romane aus Indien

und Pakistan zumindest in einigen

Ansätzen die Selbstbestimmung

der Frau postulieren, während Christopher

Kilmartin kritisiert, wie in den

USA Gewalt gegen Frauen als individuelles

Problem dargestellt wird und

nicht als äußerster Ausdruck einer

strukturellen Erniedrigung.

Insgesamt bietet der Band einen interessanten

und breiten Forschungsüberblick

und verweist auf Desiderate

zur weiteren Forschung. Wegen

der teilweise arg verstiegenen Satzkonstruktionen

und der abstrakten

methodischen Ausführungen nicht

unbedingt für Erstsemester geeignet,

aber wer für seine Abschlussarbeit

ein wenig Inspiration sucht, sollte

einen Blick hinein werfen.

Frank Henschel

© transcript Verlag

Berger, Wilhelm

[u.a.] (Hrsg.),

Kulturelle Dimensionen

von Konflikten.

Gewaltverhältnisse

im

Spannungsfeld von

Geschlecht, Klasse

und Ethnizität (=

Kultur und Konflikt

; 2) Bielefeld:

transcript 2010,

198 Seiten, kart.,

24,80 Euro, ISBN

978-3-8376-1367-4.

33


The Real World

Der Ansatz des

„Inclusive Research“

stammt

von Walmsley

& Johnson aus

dem Jahr 2003.

Die Universitäten

Wien und Leipzig

wollen in den kommenden

Jahren

zusammen mit

anderen deutschsprachigen

Universitäten

ein internationales

Netzwerk

„Inklusive Forschung“

aufbauen.

http://inklusiveforschung.net/

Leipzig anders sehen

Erster Kulturführer für Menschen mit geistiger Behinderung

„Einfach Leipzig. Ein Kulturführer

in Leichter Sprache“ – so heißt das

148seitige Endergebnis des Forschungsprojekts

der Initiative „Gemeinsam

Forschen“. Zwischen 2008

und 2010 testete ein zwölfköpfiges

Forscherteam Leipziger Kultureinrichtungen

auf ihre Barrierefreiheit

gegenüber Menschen mit geistiger

Behinderung. Finanziert wurde das

Projekt mit Geldern des Europäischen

Sozialfonds und des Freistaat

Sachsen. Die Ergebnisse dieser Untersuchung

wurden im vergangenen

Jahr in einem speziellen Kulturführer

präsentiert.

Dem Projekt liegt die Forschungsmethode

des Inklusiven Forschens

zugrunde. Diese fordert eine gleichberechtigte

Kollaboration zwischen

Menschen mit und ohne Behinderung

über den ganzen Forschungsprozess

hinweg. So besteht das

Forscherteam von „Gemeinsam Forschen“

aus vier ehemaligen Studierenden

der Leipziger Universität und

acht Beschäftigten der Lebenshilfe

Werkstatt. Auch die Forschungsergebnisse

werden beim Inklusiven

Forschen transparent für alle Beteiligten

dargestellt. Deshalb ist der

Kulturführer „Einfach Leipzig“ in einer

besonders leicht verständlichen

Sprache geschrieben. Der Führer

liefert eine bebilderte Kurzbeschreibung

der jeweiligen Kultureinrichtung,

eine Wegbeschreibung sowie

Angaben zu Adresse, Öffnungszeiten

und Eintrittspreisen. Außerdem

verwendet der Kulturführer die etablierten

Symbole des Behindertenverbands.

Auf diese Weise ist geistig

Behinderten eine selbstständige Erkundung

der Leipziger Kulturbetriebe

möglich.

Projektleiterin Karen Kohlmann war

überrascht, wie gut die Leipziger Kulturbetriebe

auf die Forschergruppe

eingingen. „Die Leipziger Kultureinrichtungen

sind auf Menschen mit

geistiger Behinderung gut eingestellt.

Wir haben ein sehr positives

Bild von den Einrichtungen gewonnen.

Mit dem Kulturführer wollen wir

Menschen mit geistiger Behinderung

und ihren Unterstützern zeigen, wie

vielfältig die Kultur in Leipzig ist und

dass sich ein Besuch lohnt“, so Kohlmann.

„Die Kulturbetriebe nahmen

unsere Anregungen begeistert auf.

Zwei Einrichtungen wollten sogar

unsere Hilfe für eine behindertengerechtere

Umgestaltung ihrer Ausstellungsräume.“

Noch mangele es

aber meist an einer Umarbeitung

der Exponatsbeschreibungen und

Ausstellungsführer hin zur Leichten

Sprache.

Bei ihren Tests achtete das Forscherteam

von „Gemeinsam Forschen“

nicht nur auf die Barrierefreiheit für

Menschen mit geistiger Behinderung,

sondern auch darauf, wie hilfsbereit

und respektvoll die Mitarbeiter der

jeweiligen Kultureinrichtung mit der

Besuchergruppe umgingen. Getestet

wurden 33 Einrichtungen,unter

anderem der Botanische Garten, das

Völkerkundemuseum und das Gewandhaus,

aber auch das Oldtimerund

das Straßenbahnmuseum.

Die bislang deutschlandweit einmalige

Idee eines Kulturführers für

geistig Behinderte stieß auf über-

Projektgruppe

„Gemeinsam

Forschen“

34


aschend große Resonanz. Bereits

während des Forschungsprozesses

wurde das Projekt von einem Kamerateam

begleitet und später in

der MDR-Sendung „Selbstbestimmt“

vorgestellt. Auch andere Medien

wie die Deutsche Welle berichteten

über die Leipziger

Forschungsinitiative.

Das Forscherteam

von „Gemeinsam Forschen“

wurde auch

nach Charlottenburg

eingeladen, um dort

an einem Projekt zur

kulturellen Barrierefreiheit

für Menschen

mit geistiger Behinderung

teilzunehmen.

Inzwischen entstehen

bundesweit viele Projektinitiativen,

die ebenfalls einen solchen Kulturführer

entwickeln, unter anderem in

Heidelberg und Karlsruhe.

Bei der eigentlichen Zielgruppe,

den Menschen mit geistiger Behinderung,

stieß der Kulturführer auf

großes Interesse. So gab es bereits

zahlreiche Anfragen nach dem Kulturführer.

Inzwischen hat sich bei

der Lebenshilfe Leipzig sogar eine

eigene Kulturgruppe gegründet, die

einmal pro Monat eine Kultureinrichtung

mit Hilfe des Kulturführers besucht.

Der Kulturführer „Einfach

Leipzig“ wird in

Einrichtungen der Behindertenhilfe

Leipzig

kostenlos verteilt. Er

kann aber auch direkt

bei der Lebenshilfe Leipzig

bestellt oder herunter

geladen werden. Das

Team von „Gemeinsam

Forschen“ arbeitet bereits

an seinem nächsten

Projekt: Einem Leipziger

Stadtführer in Leichter Sprache. Dieser

soll dann bundesweit im Buchhandel

vertrieben werden.

Johanna Puchta

Der Kulturführer

kann per Mail an

info@lebenshilfeleipzig.de

bestellt

oder auf http://

www.lebenshilfeleipzig.de

in der

Rubrik „Projekte“

direkt herunter

geladen werden

„Uni baut Uni“

Weitblick e.V. – ein Verein zieht seine Kreise

Wer sich schon einmal gefragt hat,

wie man die Zeit neben dem Studium

sinnvoller nutzen könnte, dem sei

hiermit freundlichst geholfen: Wie

wäre es mit einem ehrenamtlichen

Engagement bei weitblick Leipzig

e.V.? ANTON war bei der diesjährigen

Jahreshauptversammlung des

noch jungen, aber hoch motivierten

gemeinnützigen Vereins und konnte

interessante Einblicke erhaschen.

Gegründet wurde die Studenteninitiative

weitblick Leipzig e.V. am

28.04.2010 mit 12 Mitgliedern im

Leipziger Café Hundertwasser. Der

Verein hat sich seither dem Leitsatz

„Vermitteln - Fördern - Bilden“

verschrieben. Weitblick e.V. ist ursprünglich

kein Leipziger Phänomen.

Bereits 2008 wurde in Münster die

erste Studenteninitiative weitblick

e.V. gegründet, welche sich auf mittlerweile

elf autonome Vereine ausgeweitet

hat. Neben Leipzig und Münster

haben es auch Studenten anderer

Universitäten wie etwa in Hannover,

Tübingen, Berlin, Hamburg und Köln

den Münsteranern gleich getan und

sich dem Vereinsnetzwerk angeschlossen.

Weitere Städte stehen bereits

in den Startlöchern. Für das Jahr

2011 ist die Gründung eines Dachverbandes

geplant, der die Koordination

zwischen den Vereinen zur Aufgabe

hat, ihre Eigenständigkeit jedoch

nicht infrage stellt.

Die nunmehr 54 Mitglieder der Studenteninitiative

weitblick Leipzig

e.V. haben eins gemeinsam: die Lust

etwas zu bewegen. Weil damit je-

35


Projekt

„Uni baut Uni“

© weitblick

Leipzig e.V.

www.weitblicker.

org/leipzig

doch noch niemandem geholfen ist,

wartet das Team um die Vorstandsvorsitzenden

Birgit Kemmerling,

Anja Kleffner, Fritz Oldemeier und

Paul Dralle mit spannenden Projektideen

auf.

Nach dem Motto „Uni baut Uni“

wurde mit dem Bau eines neuen

Seminar- und Hörsaalgebäudes für

die Universität Abomey-Calavi im

westafrikanischen Benin, einem der

ärmsten Länder der Welt, begonnen.

Durch die Kooperation mit der DAAD-

Lektorin Marit Vissiennon und das

ehrenamtliche Engagement eines

Architekturbüros vor Ort konnten

erste Zielvorstellungen verwirklicht

werden. Die größte Hürde, die Projektkosten

von circa 200.000 Euro,

gehen die Weitblicker mit einer Vielzahl

von Aktionen an: So sind für 2011

Partys, Benefizflohmärkte und Spendenläufe

geplant, die die erprobten

Sammelevents wie Glühweinmarkt

und Waffelverkäufe unterstützen.

Bei allem „Weitblick“ haben die Mitglieder

jedoch nicht verlernt, vor der

eigenen Haustür zu kehren. Auch in

Leipzig besteht Hilfsbedarf, den das

Team erkannt und mit dem Projekt

„weitblickKids“ in Angriff genommen

hat. Im Kern geht es dabei um

Bildungspatenschaften zwischen

Leipziger Studenten und Kindern.

Mindestens einmal wöchentlich finden

Treffen zwischen „groß“ und

„klein“ statt, die zu spielerischem

Lernen und kreativer Entfaltung einladen

und Zeit bieten bleibt für Ausflüge,

Spaß und Kreativität.

Für die bessere Vernetzung der einzelnen

weitblick-Vereine findet alljährlich

das weitblick Sommercamp

statt. In diesem Jahr laden die Leipziger

zum Kennenlernen und zum

Erfahrungsaustausch am Lagerfeuer

ein. Für ein verlängertes Wochenende

gilt es mit den Weitblickern anderer

Städte über Projekte zu reden,

Erfahrungen auszutauschen und

voneinander zu lernen, um das übergeordnete

Ziel der Hilfe für all jene,

die sie benötigen, anzugehen.

Wie das markante gelbe Puzzleteil

aus dem Logo des Vereins suggeriert,

kann die Bekämpfung von Armut,

sozialer Ungerechtigkeit und

Bildungsnot nur schwer endgültig

erreicht werden. Dennoch haben

sich alle Weitblicker dies als Motivation

auf die Fahne geschrieben. Dem

Ziel näher zu kommen, bedarf jedoch

der Unterstützung weiterer aktiver

wie fördernder Mitglieder verschiedenster

Fachrichtungen. Eben diese

Heterogenität ist das Besondere an

weitblick e.V.

ANTON hat die Mitgründerin von

weitblick Berlin, Linda Pförtner, zur

Vielfalt innerhalb und zwischen den

Vereinen befragt: Sie sieht in der Zusammensetzung

und der Vernetzung

der Mitglieder das größte Potenzial

von weitblick. „Das Zusammentreffen

unterschiedlicher Hintergründe

und unterschiedlichen Know-Hows

stellt eine Bereicherung dar und trägt

zur gegenseitigen Befruchtung bei“,

so die 26jährige Masterstudentin aus

Berlin. „Weitblick ist eine Möglichkeit,

die Geschicke einer Organisation

selbst zu lenken und fernab von

üblichen Problemen, wie dem Amtsmissbrauch,

etwas Gutes auf den

Weg zu bringen und denen zu helfen,

die Hilfe am nötigsten haben.“

In Leipzig findet jeden zweiten Montag

im Seminarraum 5 in der Wirtschaftswissenschaftlichen

Fakultät

(Campus Augustusplatz, Institutsgebäude)

ein Treffen von weitblick

Leipzig statt. Wer Interesse hat, sich

zu informieren oder bereits mit Ideen

aufwarten kann und sich einbringen

will, ist dort gerne gesehen und

wird herzlich empfangen.

Gordon Oslislo

36


Welcome to Keats House

Praktikum an einem Londoner Museum

Wie jeden Morgen öffne ich die Fensterläden

des Museums, Zimmer für

Zimmer. Zum Vorschein kommt ein

bildschöner Garten mit einem Maulbeerbaum,

der schon zu Zeiten von

John Keats hier stand. Meine Kollegin

bringt mir sogar einen Kaffee an

meinen Arbeitsplatz und versorgt

mich mit Keksen. Die Atmosphäre

im Büro ist entspannt und überaus

freundlich. Ich möchte es fast nicht

Arbeit nennen, denn Keats House ist

geradezu ein Paradies für Literaturfans

und anglophile Studenten wie

mich.

Beworben habe ich mich für das Praktikum

auf Eigeninitiative, aufgrund

eines Museumsbesuchs vor einigen

Jahren. Damals waren kaum Besucher

im Museum, weshalb ich darauf

schloss, dass es sich beim Keats

House eher um einen Geheimtipp als

ein typisch touristisches Ziel handelt.

Während meines Praktikums habe

ich dann aber überraschend feststellen

können, wie viel Engagement

doch hinter einem so kleinen Museum

stecken kann. Es ist nicht nur der

Ort, an dem der englische Romantiker

seine bedeutendsten Gedichte

geschrieben hat, sondern auch ein

pulsierender Ort an dem Dichtkunst

zelebriert wird. Junge Poeten stellen

hier jeden Monat ihre neuesten

Werke vor, diskutieren und üben Kritik

an sozialen Netzwerken. Andere

recyceln die Liebesgeschichte zwischen

Keats und seiner Verlobten als

Highschool Romanze und Senioren

tragen in der „Poetry Appreciation

Group“ ihre liebsten Gedichte vor.

Die Energie, die von diesem Ort ausgeht,

der so viele unterschiedliche

Menschen gleichermaßen anzieht,

ist ansteckend.

Somit gab es auch fast immer etwas

zu tun, da das Museum neben den

normalen Öffnungszeiten auch Gedichtlesungen

hält, Teddybären-Picknicks

mit Geschichtenerzählen für

Kinder veranstaltet, Vorträge über

das Leben zur Zeit von Keats organisiert,

oder gar über die Weihnachtszeit

einen Musiker in historischen

Gewandungen für originelle und

authentische musikalische Unterhaltung

sorgen lässt. Als Praktikantin

habe ich dort zahlreiche Aufgaben

übernehmen können: das Programm

für die Lesungen zusammenstellen,

den Museumsführer ins Deutsche

übersetzen, eine eigene Museumstour

erarbeiten und natürlich bei der

alltäglichen Kundenbetreuung mitwirken.

Das Museum wird von der

„City of London“-Bezirksverwaltung

geleitet, was mir auch die Möglichkeit

bot, weitere „City of London“-

Sehenswürdigkeiten zu besuchen,

wie zum Beispiel die Guildhall Art

Gallery. Somit habe ich nicht nur einen

Einblick in die Museumsarbeit

bekommen, sondern auch die kulturelle

Umgebung vom Keats House

erkunden können. Dies wird vor allem

dadurch ermöglicht, dass Londoner

Museen gemeinsam ein hervorragendes

Programm für Volontariate

erarbeitet haben, in denen Freiwilligen

teilweise sogar an Workshops

teilnehmen können, zum Beispiel

zum richtigen Umgang mit Museumsobjekten,

und jungen Menschen

somit die Chance für einen leichteren

Berufseinstieg im kulturellen Sektor

geboten wird.

John Keats

(1795-1821)

© Keats House

John Keats ist

einer der bedeutendsten

englischen

Dichter des

19. Jahrhunderts.

In Hampstead,

London hatte er

seine produktivste

Schaffensphase

und wohnte Tür

an Tür mit Fanny

Brawne. Die beiden

verlobten sich,

waren aber aufgrund

seiner Armut

und Tuberkulose

Erkrankung nicht

in der Lage zu

heiraten. Auf einer

Kurreise in Rom

verstarb er im Alter

von 25 Jahren.

http://keatshouse.

cityoflondon.

gov.uk/

Franziska Burstyn

37


SATIRE

Anzeige

IN BESTFORM

STEFAN SCHWARZ

»ICH KANN NICHT, WENN

DIE KATZE ZUSCHAUT«

STEFAN SCHWARZ

»WAR DAS

JETZT SCHON SEX?«

ANDRÉ MEIER

»DIE KLEINE

AUSSTEIGER FIBEL«

STEFFEN MENSCHING

»OHNE THEO

NACH LODZ«

Klappenbroschur,

144 Seiten, 9,90 Euro,

ISBN: 978-3-937088-06-8

Klappenbroschur,

128 Seiten, 9,90 Euro,

ISBN: 978-3-937088-00-6

Klappenbroschur,

144 Seiten, 9,90 Euro,

ISBN: 978-3-937088-05-1

Klappenbroschur,

128 Seiten, 9,90 Euro

ISBN: 978-3-937088-04-4

MANN IN NOT

So geht es zu in Langzeitbeziehungen:

Stefan Schwarz, ein

mittelgroßer Mann mit mittelgroßen

Problemen, erzählt

urkomische Kurzgeschichten

über das ganz normale Paar-

Chaos. Er muss sich wegen

memmenhafter Schreckhaftigkeit

rechtfertigen, die Frau

will im Bett noch nicht abgedimmt

werden, die verdammte

Ossi-Katze hat immer was zu

jammern, und der irrlichternde

Alt-Vater gerät mit rutschender

Hose beinahe in eine

Pressekonferenz mit Angela

Merkel. 38

FAMILIE FÜR ANFÄNGER

»Im Leben mit Kindern ist die

Verkettung unglücklicher

Umstände der Regelfall.« Das

schreibt Stefan Schwarz, und

er weiß, wovon er redet.

Selbst Vater von zwei Kindern,

hat er ausreichend Gelegenheit,

die Katastrophen des

Alltags eingehend zu studieren.

Denn nicht nur der Nachwuchs,

auch die Frau und die

eigenen Eltern sind immer

für Turbulenzen gut. Für Stefan

Schwarz steht fest: »Familie ist

das letzte Abenteuer der

Menschheit.«.

FÜR STADTFLÜCHTLINGE

Ein unterhaltsamer Ratgeber

für alle, die vom Leben auf dem

Land träumen. Wo finde ich das

richtige Haus? Wie schütze ich

mich vor Mäusen, missmutigen

Nach barn und zu hohen Abwasser

ge büh ren? Was muss ich tun,

um meiner Tochter die vorzeitige

Defloration, meinem Sohn

den frühen Unfalltod am

Straßenbaum und meinem Partner

den Weg in die Trunken heit

zu ersparen? Warum soll ich

meine Hühner nicht beim

Namen nennen? Und wieso ist

ein Pferd besser als Günther

Jauch?

SOLOTOUREN

Was passiert, wenn man die

Reiseführer zwar im Gepäck

hat, aber dann doch ohne sie

eine Stadt erkundet? Steffen

Mensching geht gern auf

Solotour und entdeckt die

Welt auf eigene Faust – nicht

an den exotischen Orten,

sondern mitten im Alltag der

Länder, die er besucht. Ziele

wie Moskau, New York, Havanna,

Jerusalem, Neapel, Paris,

Tirana, Pjöng jang, Málaga oder

Lodz erkundet er abseits

der Sehenswürdigkeiten und

hat immer Erstaunliches zu

erzählen.

W E I T E R E I N F O R M AT I O N E N U N T E R W W W. S E I T E N S T R A S S E N V E R L A G . D E O D E R T E L : 0 3 0 / 4 8 4 9 6 2 3 0


Am Ende der Treppe

Traumpraktikum im Goethe-Zentrum Antananarivo

(D) Zehn Monate habe ich gebraucht

um es mir leisten zu können, mein

Praktikum im Goethe-Zentrum Antananarivo

in Madagaskar. Ich habe

den Leiter angeschrieben und es

prompt bekommen. Ich frage beim

DAAD an. Tatsächlich werde ich unterstützt,

muss aber trotzdem jeden

Tag arbeiten. Doch ich bin euphorisch

und überzeugt von der wahnwitzigen

Idee: Ich arbeite um in der

Dritten Welt arbeiten zu gehen.

(U) Die Stufen vorm Goethezentrum

in Tana sind verstopft. Männer verkaufen

Stempel, Frauen Lederwaren,

Holzautos. Weiße Touristen steigen

die Stufen bis nach oben zum Präsidentenpalast.

„Madama, madama,

la vanille, la vanille, Gewürze, Postkarten“.

Nein, ich will nicht. Ich will

nicht. Kinder nutzen den Stau, um

zwischen den Wagen auf Geldjagd

zu gehen, kleine Mädchen, in Tragetüchern

noch kleinere Mädchen haltend.

Ich sehe sie aus dem Taxi heraus,

wie sie an der Fensterscheibe

kleben, das Kleine im Arm haltend,

dem der Rotz von gestern noch unter

den Nasenlöchern klebt. Redend,

madagassischer Singsang, Hunger,

die offene Hand, bettelnd. Im Goethezentrum

ist es ruhig. Die Treppen

nach oben selektiert sich die Masse

von der Straße und zurück bleibt die

Elite von Antananarivo, Madagaskars

Hauptstadt. Jene, die das Glück

haben, sich auf unbequemen Holzstühlen

zu bilden, Deutsch zu lernen,

A1 bis C2, alle Niveaus für die Wenigen,

die es sich leisten können. In der

Empfangshalle sitzen Studenten aus

der Universität. Sie lernen hier jeden

Tag. Auch wenn die Uni schon lange

streikt. Sie warten und lernen. In der

Bibliothek finden sich Goethe, Schiller

und Stefan Zweig, alte Spiegelausgaben,

Videokassetten von Fassbinder,

wenige DVD‘s. Das Internet

ist immer noch zu lahm, aber man ist

hier froh darüber. „Vor ein paar Jahren

war die Internetverbindung noch

miserabler“, sagt Olszowski, der Leiter

des Goethezentrums. Seit 30 Jahren

schon ist er Chef des Cercle Germano-Malagasy,

einem Ort für den

Austausch der Kulturen, Interkommunikation

zwischen Deutschland

und Madagaskar, wie man so sagt.

Dschungelbahn

(D) Der Chef ist nicht da, und nun?

Keiner interessiert sich für uns, manche

wissen gar nichts von Praktikanten.

Wir sollen auf einen Empfang

der Deutschen Botschaft kommen,

unser Chef sei auch da. Wir dürfen

einmal Hände schütteln. Aufgeregt

und angewidert zugleich, fliehe ich in

den Schatten, begaffe die Szenerie.

Alle lachen, kennen sich. Ein Musiker

tritt auf, es wird geklatscht, vorbei.

Grandioser Auftakt, doch wir werden

am folgenden Tag enttäuscht. Im

Büro des Chefs wollen wir die nächsten

Wochen besprechen. Noch gäbe

es nicht viel zu tun, sagt er grimmig.

Ich möchte etwas über die Institution

erfahren, doch er wimmelt ab. „Ach

ja, eine Facebook-Präsenz hätte ich

gerne.“ Zwei Wochen sind wir damit

beschäftigt, dank der langsamen Internetverbindung.

Wir teilen zu dritt

einen Computer, es ist zu heiß zum

denken. Noch sind wir von unserer

neuen Umgebung abgelenkt, ist es

© Katharina Hoyer

/ pixelio.de

39


© Lothar Henke

/ pixelio.de

aufregend und lustig. Dann beginnen

wir uns zu langweilen. „Was können

wir tun?“ frage ich den Chef. „Gebt

doch einen Konversationskurs. Ich

lasse Euch alle Freiheiten“. Das tun

wir. Der Andrang ist groß und unser

Kurs beliebt. Uta und ich brennen

vor neuen Ideen und arbeiten eifrig.

Wir organisieren einen Filmklub mit

aktuellen deutschen Produktionen,

auch der Chef findet es gut.

Das Hochland von Madagascar

Wir diskutieren über unsere Kultur,

sprechen über Politik, Gemeinschaft,

Emanzipation und Bildung. Viele äußern

sich. Frankreich ist ebenso verhasst

wie der Sextourismus im Land.

Als es Mitte November zu Spannungen

auf der Insel kommt und das

Militär versucht zu putschen, laufen

die Gespräche von selbst, so dass

wir nur noch gebannt zuhören. Doch

bald schwinden die Teilnehmer, der

sprachliche Ausdruck unserer Schüler

stagniert. Die anfängliche Begeisterung

ist vorbei, weiterhin bekommen

wir keine Unterstützung. Das

Praktikum ist höchst unbefriedigend.

Alle Aufgaben haben wir uns selbst

gesucht, sie hätten für einen Monat

gereicht. Das Unterrichten ist spannend

und lehrreich, entspricht aber

nicht unseren Kompetenzen. Niemand

steht uns professionell zur Seite.

Ich frage mich noch immer, was

ich eigentlich erwartet habe? Frustriert,

ahnend, daß wir unsere Zeit

nur noch absitzen werden, gehen

wir drei Wochen in den Weihnachtsurlaub.

(U) Aus der Hauptstadt hinaus führen

vier Straßen. Reisfelder liegen hinter

der Stadt, ganz grün gegen die roten

Hügel des Hochlandes. Zeburinder

grasen auf abgewetzten Grasflächen.

Die Luft wird frischer, je weiter

man die Hauptstadt hinter

sich lässt. Die Madagassen

fahren gewöhnlich

in kleinen Buschtaxis.

Umgerechnet fünf Euro

bis an die Küste bei einer

Fahrt von acht Stunden.

Am Straßenrand verkaufen

die Leute Bananen,

Mangos, Litschis. Kinder

stoßen Fahrradreifen mit

Stöcken vor sich her. Kurze

Zeit später folgt ein

Bach dem Straßenverlauf

und das Taxi weicht einem

Chamäleon aus, das

in der Hitze auf dem Teer

sitzt. Bis zum Meer ist

es noch weit. Reisen auf

Madagaskar ist nicht komfortabel.

Doch sieht man am Ziel das andere

Gesicht der Insel. Lianen im Wald,

den indischen Ozean, Lemuren auf

der Île Sainte Marie, weiße Strände

und Palmen und ein Leben, das sich

zum Großteil aus der Landwirtschaft

und dem Fischfang speist. Hier holen

Laster die Litschis, die in Tana ausgespuckt

auf der Straße liegen. Hier

holt sich Tana das Tropenholz, das an

den Ständen verkauft wird, die Vanille,

die Mangos, den Reis, die Bananen.

Verkauft von bettelarmen Händlern

vor dem Präsidentenpalast. Am

Ende der Treppe, wo die Schneise

zwischen arm und reich nicht größer

sein könnte. Wo der Übergangspräsident

in einer Limousine an Reihen

wartender Taxifahrer vorbeifährt.

Dort, am Ende der Treppe.

(D)iana Acker, (U)te Meichelbeck

40


Studieren im Osten – ein Abenteuer?

Über Sinn und Unsinn einer Imagekampagne

Moderne Ausstattung, sehr gute

Betreuung, starke Forschung, hohe

Lehrqualität, guter Service, niedrige

Kosten – das sind sechs Gründe, mit

denen die Werbekampagne „Studieren

in FernOst“ westdeutsche Studienanfänger

an die Hochschulen in

Ostdeutschland locken will. Insgesamt

16 Millionen Euro investiert der

Staat in die Initiative, die 2009 startete

und auf vorerst fünf Jahre angelegt

ist. Die Initiatoren sind die Kultus-

und Wissenschaftsminister der

fünf neuen Bundesländer. Sie wollen

ihre Hochschullandschaft bewerben

und vor allem in den Augen westdeutscher

Studienanfänger attraktiv

machen und beschlossen daher im

Rahmen des ‚Hochschulpakt 2020

die Initiative.

Beauftragt wurde die Berliner Werbeagentur

„Scholz & Friends“, die

auf der Internetseite der Initiative

mit bunten Werbevideos unter dem

ironisch zweideutigen Titel „Studieren

in FernOst“ wirbt. Zwei asiatisch

anmutende Schauspieler mit den Namen

Gang und Dong stellen darin die

ostdeutschen Hochschulen und Studienstädte

mit etwas unkonventionellen

Methoden vor und versuchen

mit Witz und Charme ihre Zielgruppe

– westdeutsche Schüler zwischen 16

und 19 Jahren – zu begeistern.

Die Party steigt im Internet

Zentrales Werbemittel ist das Internet,

besonders das soziale Netzwerk

deutscher Schüler: „schülerVz“. Von

dort aus gelangt man auch zur Kampagne

eigenen Hochschulsuchmaschine

mit Gang und Dong. Die beiden

schrillen Animateure stellen dem

orientierungslosen Studienplatzsucher

Fragen über seine Wünsche und

Vorstellungen. Große oder kleine

Stadt? Wo verbringt der Kandidat

am liebsten seine Freizeit? Wie eng

soll das Verhältnis zwischen Studierenden

und Dozenten sein? Aus den

gewählten Antwortmöglichkeiten

errechnet die Maschine dann eine

Liste mit Hochschulen, die in Frage

kommen. Viele Nutzer kritisieren dabei,

dass die Aufbereitung von Frage

und Antwortmöglichkeiten zu knapp

und oberflächlich gehalten werde, da

Fragen zum

Interesse bezüglich

Lehre

und Forschung

kaum

v o r h a n d e n

sind. Ganz

am Anfang

der Suche

steht die Kleiderauswahl.

Identifiziert man sich mit Gang und

Dong eher sobald sie einen Strickpulli

tragen oder soll es doch lieber der

schicke Business-Anzug sein? Es stellt

sich die Frage, wie die Suchmaschine

diese Auswahl der entsprechenden

Kleidung verwertet und ob diese Option

eher Spielerei ist oder am Ende

eine klassifizierende Aussage über

den Studiensucher trifft.

Zusätzlich berichten 24 Nachwuchsjournalisten

bei der Rallye FernOst

aus 16 verschiedenen Hochschulstandorten.

In vier Teams waren sie in

grellbunten Kleinbussen unterwegs

und stellen in Kurzfilmen die Besonderheiten

der jeweiligen Universitäten

und Fachhochschulen vor.

Und wozu der ganze Aufwand?

Hintergrund ist folgender: Im Osten

Deutschlands gehen die geburtenstarken

Jahrgänge zurück, so dass

immer mehr mit freien Kapazitäten

an den Lehreinrichtungen zu rechnen

ist. Dagegen sind die Universitäten

im Westen bereits jetzt überfüllt

und rechnen in den nächsten Jahren

mit einem noch größeren Ansturm,

unter anderem aufgrund der doppelten

Abiturjahrgänge in einigen Bundesländern.

Teilnehmer des

Abenteuertrips

© Sebastian

Mengewein

www.studierenin-fernost.de

41


Teilnehmer der

Abenteuerreise

2010

© Projekt FernOst

Statistisch gesehen bleiben die westdeutschen

Studenten eher in ihren

Heimatregionen, wohingegen die

Ostdeutschen öfter ihre vertraute

Umgebung verlassen und in entfernter

liegende Städte zum Studieren

ziehen, vermehrt auch in die alten

Bundesländer. Wenn die Hochschulen

in Westdeutschland jedoch ohnehin

in den folgenden Jahren überfüllt

sein werden, wäre es eigentlich nicht

auszuschließen, dass die Studierenden

spätestens aus der Not heraus

auf die Lehreinrichtungen der gesamten

Bundesrepublik ausweichen

und damit eine Kampagne in diesem

Rahmen eher überflüssig würde.

In den Statistiken

wird ganz

klar zwischen

alten und neuen

Bundesländern

getrennt. Es

wird dabei der

Eindruck eines

künstlichen Ost-

West Unterschiedes

erweckt, der eigentlich schon

seit über 20 Jahren nicht mehr existieren

sollte.

Laut Aussage der Initiatoren der

Kampagne gehen die investierten

Millionen nicht zu Lasten der Etats

für Forschungsgelder – trotzdem

erfolgt aus vielen Hochschulen der

Ruf nach mehr Geldern für eigene

Marketingaktionen, denn diese seien

weitaus effektiver, als der allgemeine

Ruf irgendwo im Osten Deutschlands

sein Studium zu absolvieren.

Wäre es nicht also sinnvoller, das

Geld in die Forschung, die Betreuung

der Studenten und in Tutorien zu investieren,

damit gute moderne Werbeargumente

wie Ausstattung, sehr

gute Betreuung, starke Forschung

und hohe Lehrqualität auch in Zukunft

erhalten blieben?

Was sonst noch passiert

Zusätzlich zur bundesweiten Kampagne

können die einzelnen Hochschulen

eigene Werbeaktionen im Rahmen

eines Wettbewerbs entwickeln,

um ihre Studentenzahlen zu erweitern.

Der Etat der Kampagne vergibt

dann Preisgelder für die besten Werbeideen.

So gewann eine Projektgruppe

des Instituts für Kommunikations-

und Medienwissenschaften an

der Uni Leipzig 100 000 Euro für die

Aktion „Abenteuer FernOst – Leipziger

Freiheit erleben“. Damit verbunden

sind Aktionen wie die ‚AbenteuerReise‘,

bei der zukünftige Leipziger

Studenten im Sommer vor ihrem

Studienbeginn an wenigen Tagen

Stadt und Uni entdecken können.

Für alle neuen Studenten gibt es im

Rahmen der Erstsemesterwoche ein

Programm mit Stadt- und Campusführungen,

Sächsischen Koch- und

Sprachkursen, kulturellen Veranstaltungen

und ähnlichem. Die Leipziger

Kampagne spricht gezielt Studienbewerber

der Uni Leipzig an und kann

dadurch spezifisch arbeiten und auf

die Interessen aller Studienneulinge

eingehen – egal ob aus Ost-, West-,

Süd- oder Norddeutschland. Auffällig

ist, dass die Seite der bundesweiten

Kampagne wenig auf solche hochschuleigenen

Initiativen hinweist.

Albern und klamaukig kommt die

Kampagne insgesamt dennoch daher.

Von der pinken Mütze Gangs

über den schrill-bunten Hintergrund

der Internetseite bis zum silbernen

Cyberspace-Anzug von Dong. Die

bunte Internetwerbung steht im

Kontrast zu den oft sterilen Online-

Auftritten der Hochschulen, die bei

Antwort suchenden Schülern nicht

selten für noch größere Verwirrung

sorgen. Nichtsdestotrotz wirkt das

ganze wie die Werbung für eine

Spaßveranstaltung.

Die Inhalte der Kampagne „Studieren

in FernOst“ sind dabei gut und

sinnvoll, um sich über ein Studium

und das Studentenleben in Ostdeutschland

zu informieren, aber ein

bisschen mehr Ernsthaftigkeit würde

der Werbeaktion für ihre Glaubwürdigkeit

ganz gut tun.

Verena Engelhardt

und Carolin Knoop

42


Eigensinn

© Iliane Kiefer

43


Über Schuhe reden ist nicht schwer,

Schuhe schmeißen umso mehr!

© Maria Kaduk

Diese altbekannte

Weisheit glaube ich inzwischen

gerne. Nachdem

ich nun schon über

mehrere Ausgaben hinweg

dem Phänomen

der „an Bäumen hängenden

Schuhe“ nachgegangen bin,

musste ich es ja unbedingt mal selber

ausprobieren.

Es folgt ein Erfahrungsbericht:

1.Vorbereitung:

Alles was man braucht ist ein durchtrainierter

Arm, ein Paar Schuhe das

man nicht mehr braucht und einen

geeigneten Baum.

Da ich seit jeher täglich meine einarmigen

Liegestütze mache war der

trainierte Arm kein Problem. Die alten

Schuhe jedoch wurden es. Ich

schmeiße Schuhe ja generell nicht so

gerne weg, wer weiß welche „Mode“

noch mal wieder kommt.

Letztendlich konnte ich mich dann

aber doch von einem durchgelatschten

Paar Stoffschuhe trennen. Blieb

der Baum und der war ein wirkliches

Problem. Er musste abgelegen stehen.

Gut, Wald wäre eine Option. Da

gefährden die hängenden Schuhe

auch keine Menschen. Aber Wald?

Ernsthaft? Andere Idee: Ein Baum in

einem Garten. Gott sei Dank hat sich

eine Freundin von mir neulich erst ein

kleines Laubengärtchen zugelegt.

2. Umsetzung:

Schuhe geschultert, und los geht’s,

der Garten ist ein kleines Stück weiter

außerhalb

von Leipzig,

aber als Erwärmung

kommt

mir die Radtour

gerade Recht.

Dort angekommen

mache

ich zunächst

die Schuhe schussbereit. An den

Schnürsenkeln zusammenknoten,

zur Sicherheit noch etwas Gaffa oder

Paketband um den Knoten wickeln,

sicherheitshalber noch einmal prüfen

ob der auch nicht aufgeht und

schon kann es losgehen.

Der erste Versuch die Schuhe über

einen Ast zu bekommen scheitert

kläglich. Statt auf dem Baum landen

diese nämlich im Nachbargarten.

Was für ein Mist! Gott sei Dank ist im

Februar noch kaum einer in seinem

Garten, so kann ich mir meine Schuhe

ohne viel Aufsehen zu erregen zurückholen.

Versuch Nummer zwei: Es

wird besser! Ich denke in zwei, drei

Stunden hab ich die Dinger auf dem

Baum….

3. Der Tag danach:

Es hat tatsächlich noch fünf Versuche

gebraucht, bis ich den Dreh mit

dem „richtig schleudern“ raus hatte.

Als die Schuhe dann endlich auf dem

Baum hingen, erfüllte mich ein wenig

Stolz! Aber irgendwie war es nun

auch genug. Heute habe ich Muskelkater,

eine ordentliche Erkältung und

die Einsicht gewonnen, dass Schuhe

bei mir ausschließlich an die Füße gehören!

Denn ehrlich gesagt reicht es

mir jetzt auch langsam mit der Sch…,

ähm, mit den Schuhen!

(Die Redakteurin verspricht hiermit, sich nie

wieder mit „Schuhen an den Bäumen“ zu beschäftigen,

da sie diesen Slogan inzwischen

auch nicht mehr hören kann)

Maria Kaduk

44


Arthur Missa

45


Impressum

anton – Magazin für Kulturwissenschaften

Ausgabe 19 / April 2011

Erscheinen: halbjährig

Auflagenhöhe: 200

V.i.S.d.P.: Frank Henschel

Kurt-Eisner-Straße 50

04275 Leipzig

Email: antonredaktion@gmx.de

Antonblog:

http://antonmagazin.wordpress.com/

Chrefredaktion:

Frank Henschel, Johanna Puchta

Redaktion:

Franziska Burstyn, Jakob Dopheide, Ricarda Maria Dreher, Verena Engelhardt, Frank Henschel,

Maria Jakob, Maria Kaduk, Iliane Kiefer, Carolin Knoop, Tabea Link, Oliver Matthes, Arthur Missa, Maja Neumann,

Johanna Puchta, Juliane Scholz, Danny Walther

Gastredaktion:

Diana Acker, Jonas Brückner, Franz Erhard, Markus Feiks, Marcus Heinz, Ute Meichelbeck, Antje Richly

Finanzen: Maria Kaduk

Werbung: Tabea Link

Leitung Layout: Henrike Judwitt

Layout: Jakob Dopheide, Frank Henschel, Maria Kaduk, Iliane Kiefer, Johanna Puchta, Juliane Scholz

Titelbild und Fotografie: Katharina Hahn

Druck: Merkur Druck-und Kopierzentrum GmbH, Hauptmannstraße 4, 04109 Leipzig

Anzeige

Anzeige


Anzeige

CT+ SK

Centraltheater + Skala

www.schauspiel-leipzig.de Kartentelefon: (0341) 1268-168


größte sammlung

L E I P Z IGER SCH U L E

Anzeige

jeder tag ist kundentag!

sparkassenkunden haben freien eintritt in die kunsthalle.*

*gilt nicht für veranstaltungen

K U N S T H A L L E der sparkasse leipzig

otto-schill-straße 4 a. 04109 leipzig

dienstag, donnerstag bis sonntag,

feiertage 10—18 uhr / mittwoch 12—20 uhr

tel. 0341 986-9898. fax 0341 986-9899

ausstellungen und veranstaltungen

unter www.kunsthalle-sparkasse.de

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine