Der Geheimbund der Wahrheit

SONNENecodesign

Als ob es nicht schon schwer genug ist, ein Teenager zu sein, wird Rosalie nun auch noch zu ihrer Tante Olivia aufs Land geschickt und das gleich für die ganzen Sommerferien. Aber eigentlich ist sie auch ganz froh den ewigen Vorwürfen und Ermahnungen ihrer Mutter für eine Weile zu entkommen. Aber muss es denn gleich in diesem Provinznest sein, wo es nicht einmal drahtlosen Internetzugang gibt?
Rosalies anfängliche Abneigung legt sich aber rasch, als sie merkt, dass man sie, hier was Ordnungsfragen und Tagesablauf anbelangen, weitgehend in Ruhe lässt. Auch die neue Umgebung bewirkt, dass sie ihre Welt ganz anders wahrnimmt und ihr der Verlust ihrer Freunde und des Internets gar nichts mehr ausmachen. Währen sie so einiges findet, wie zum Beispiel ein mysteriöses Amulett oder zwei neue Freunde, verliert sie aber auch beinahe den Verstand. Plötzlich ist nichts mehr, wie es einmal war – ihre ganze Verwandtschaft stellt sich quer. Selbst die Zeit hat es auf sie abgesehen und sie muss es tapfer mit verschiedenen Vergangenheiten aufnehmen.

Eine Romanserie für Mädchen ab 12 Jahren von Emma Page, der Berner Autorin.

osalie

DEVILLE

ROMAN

DER GEHEIMBUND DER WAHRHEIT

EMMA PAGE


SONNEN

WERBUNG & VERLAG

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ROSALIE DEVILLE. Der Geheimbund der Wahrheit. Band 1

© SONNEN Werbung & Verlag, 2014

sonnen.ch

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-9524167-3-0

milliewiesengross.ch / rosaliedeville.ch / plutotrawell.ch

Emma Page hat auch geschrieben:

MILLIE WIESENGROSS. Von Kühen und anderen Exoten. Band 1

MILLIE WIESENGROSS. Kuhlinarische Geheimnisse. Band 2

MILLIE WIESENGROSS. Stammbäume und andere Früchtchen. Band 3

ROSALIE DEVILLE. Der Geheimbund der Wahrheit. Band 1

ROSALIE DEVILLE. Zwischen Zeit & Raum. Gedichte

PLUTO TRAWELL. Am Rand des Universinns. Band 1


DER GEHEIMBUND

DER WAHRHEIT

EMMA PAGE


Vorwort

Emma Page

Wenn man im Voraus wüsste, wer für eine gute Geschichte

wichtig ist, wen man getrost außer Acht lassen kann und wem

man besonders viel Aufmerksamkeit widmen sollte, dann würde

man sich vieles ersparen können. Aber seien wir einmal ehrlich,

wir wären nicht die, die wir sind. Alles, was geschieht, hat einen

Grund oder eine Ursache. Und die wiederum entstand wegen

irgendetwas anderem.

Manchmal sind wir auf der Suche und wissen gar nicht,

wonach wir suchen. Es kann aber auch sein, dass wir plötzlich

auf etwas stoßen, das wir gar nicht gesucht haben. Rosalie

Deville ist das passiert. Es ist noch nicht lange her und es hat ihr

Leben völlig umgekrempelt.

Egal, wo man mit einer Geschichte beginnt, den Anfang

wird man nie genau finden, denn auch der resultiert aus einer

Geschichte, die dieser schon vorausgegangen ist. Aber irgendwo

muss man beginnen. Je mehr man erfährt, desto mehr macht alles

einen Sinn, auch wenn es manchmal nicht den Anschein hat.


Das letzte Kapitel

Vincent

„Ist sie tot?“, fragt Jonathan, während Tränen der Verzweiflung

über sein Gesicht rinnen.

„Lass mich sehen.“

Ich dränge ihn zur Seite und beuge mich über ihren reglos am

Boden liegenden Körper. Sachte lege ich meinen Kopf auf ihre

Brust und mache gleichzeitig mit der Hand eine Geste, welche

Jonathan anweist, still zu sein. Um sich die Tränen aus den

Augen zu wischen, nimmt er seinen Hemdsärmel und hält ihn

sich vor den Mund. Der Ärmel ist feucht und wahrscheinlich

voller Schmutz von der Kletterei über die Mauer. Trotzdem hält

er die Schluchzer für einen Moment in Schach, bis ich flüstere:

„Sie atmet …“

„Grundgütiger Herr, gedankt sei dir“, murmelt Jonathan und

erneut rinnen ihm Tränen über die Wangen, diesmal jedoch vor

Erleichterung.

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„Lass uns einen Arzt holen – Nein, bleib du besser bei ihr, ich

hole den Arzt, du scheinst kaum in der Lage zu sein, aufrecht zu

stehen, geschweige denn zu reiten.“

Ich lasse ihn mit ihr zurück im Wissen, dass er von jetzt an

keine Sekunde mehr von ihr weichen wird. Nie wieder.

Romilda

Jonathan ist nach Hause gegangen. Endlich. Er hat zwei

Nächte in diesem Sessel verbracht. Die Luft ist stickig in

dem kargen, weißen Zimmer, aber ich darf die Fenster nicht

selbst öffnen, und eine Schwester zu rufen, ist auch keine

wünschenswerte Option, denn diese wird auch gleich meinen Puls

fühlen, meinen Brustkorb abklopfen, Fieber messen und mich mit

Lebertran und ähnlich üblem Gebräu quälen. Warum muss ich

überhaupt hierbleiben? Es geht mir gut. Die Atmosphäre dieses

Spitalzimmers trägt nicht zu meinem Wohlbefinden bei, aber

meine Mutter besteht darauf, dass ich die bestmögliche Pflege

erhalte. Inselspital. Mit einer Insel hat das hier rein gar nichts

zu tun, eher mit einem Gefängnis.

Ich bekomme noch immer Medikamente gegen meine

Kopfschmerzen, aber Schmerzen sind nicht das Problem.

Eigentlich sind sie ein gutes Zeichen. Es ist viel schlimmer,

nichts zu fühlen, so wie davor. Das Gefühl, in einem Zustand

gefangen zu sein, der alle Aktivitäten beeinträchtigt und einen von

bewussten Entscheidungen fernhält. So habe ich mir vorher bloß

vorgestellt, was passieren würde, wenn ich dieses oder jenes

täte, und während ich mir dies überlegte, hörte ich in meinem

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Kopf die Zeit verstreichen, wie das unbarmherzige Rieseln von

imaginärem Sand durch ein metaphorisches Stundenglas, das

meine Lebenszeit beinhaltet. Lange Zeit war es mir unmöglich,

mich auf etwas zu konzentrieren, und daher auch unmöglich

zu handeln. Trotzdem habe ich es geschafft, diese innere Mauer

zu durchbrechen. Es war nicht der beste und ganz sicher nicht

der einfachste Weg, den ich gewählt habe, aber ich konnte die

anderen Möglichkeiten einfach nicht erkennen. Ich dachte, ich

hätte niemanden, mit dem ich darüber reden könnte oder der

es verstehen würde, ich konnte ja selbst nicht verstehen, was

mit mir passierte. Aber Tatsache ist, dass ich Mutters Schlaftabletten

zusammen mit einer Flasche bittersüßem Kirschlikör,

den ich zu meinem zwanzigsten Geburtstag bekommen habe,

innerhalb von wenigen Minuten geschluckt habe, und ich

glaube, ich werde in meinem ganzen Leben keinen einzigen

Schluck Kirschlikör mehr trinken können. Wer weiß, ob ich je

wieder Kirschkuchen essen kann.

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Der Aufbruch oder

das Durchbrechen von Mustern

Rosalie

„Rosie, beeil dich!“, dröhnt Mamans Stimme den Flur

entlang. Sie hallt durch den langen Flur, prallt von den Wänden

und sucht sich ihren Weg durch die Ritze zwischen Boden und

Tür hindurch. Es ist das gleiche Phänomen wie beim Licht, das

auch immer dort hindurchsickert, in umgekehrter Richtung

natürlich, wenn ich spätnachts noch wach bin und lese oder im

Internet surfe. In der Regel klopft Maman dann an meine verschlossene

Zimmertür und flüstert mit ebenso durchdringender

Stimme als würde sie laut rufen: „Rosie, schläfst du schon?“

Was für eine bescheuerte Frage! Ist ja schon möglich, dass

ich öfter mal bei vollem Licht oder mit Kopfhörern auf dem

Kopf einschlafe. Aber was soll das denn bringen, wenn man

jemanden weckt, nur um ihn zu fragen, ob er schläft?

Aber so ist sie eben und es macht keinen Sinn, deswegen

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mit ihr zu streiten. Unverzüglich wird sie einen Grund finden,

um vom Thema abzukommen. Sie wird irgendetwas finden, was

ich vergessen oder noch immer nicht erledigt habe. Zuge geben,

davon gibt es genug, aber ich habe die Nase trotzdem voll

davon, mir die endlosen Reden über Zuverlässigkeit, Diszi plin

und Ordnungssinn anhören zu müssen, eine wahre Tortur.

Deshalb rufe ich in einem ebenso schrillen Ton zurück „Une

seconde!“ und weiß gleich, dass das taktisch falsch gewesen

ist. So etwas bringt sie meistens noch mehr auf die Palme, weil

sie alles immer präzise und wahrheitsgetreu beantwortet haben

will. Für flapsige Umgangsfloskeln hat sie weder die Toleranz

noch den nötigen Humor. Ich beeile mich deshalb, diese Sekunde

nicht unnötig lange zu strapazieren, aber ich kann meine

bescheuerte Lieblingskette nirgends finden. Wann habe ich sie

zuletzt angehabt und weshalb habe ich sie überhaupt abgenommen?

Ich kann mich kein bisschen mehr daran erinnern.

„Merde“, murmle ich tonlos, damit Maman nicht mitbekommt,

dass ich fluche, während ich zur Zimmertür hinaus quer über

den Flur ins Bad stürze. Dort finde ich die Kette auch nicht.

Dafür liegt mein Handy auf dem Waschbeckenrand und mit einem

erleichterten Pfeifen durch die Schneidezähne stecke ich es schnell

in die hintere Jeanstasche. Fehlt noch, dass ich es vergessen hätte.

Wo ist das Aufladekabel? Ich hechte zurück in mein Zimmer.

„Maman, t’a vue mon collier?“, frage ich sie wenig hoffnungsvoll

im Vorbeirasen.

„Welche Halskette? Sprich Deutsch mit mir, Rosie. Du solltest

dich langsam damit anfreunden, sonst wirst du’s schwer haben

in der nächsten Zeit.“

„’Alskette – bon. ’Ast du sie nun gese’en?“, erwidere ich mit

aufgesetztem Akzent, nur um sie zu ärgern.

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„H-alskette“, korrigiert sie mich prompt und ungeduldig.

„Mein Gott, stell dich nicht so an, Rosie. Das ist doch schließlich

deine Muttersprache. Und nein, ich hab nirgends eine Kette

gesehen. Du musst endlich lernen, selber auf deine Sachen zu

achten. Emilia wird dir nicht dein ganzes Leben lang hinterherräumen.

Schlimm genug, dass sie es überhaupt tut.“

„Dafür wird sie schließlich bezahlt“, murre ich, aber achte

darauf, dass sie mich nicht hört. Maman macht immer ein solches

Theater darum. Wäre es ihr lieber, die Haushälterin würde

sich den ganzen Tag nur Soaps ansehen oder mit ihren Freundinnen

während der Arbeitszeit telefonieren? Emilia hat ja echt

nicht viel zu tun, wenn ich in der Schule bin und Maman sowieso

nur zum Abendessen und Schlafen nach Hause kommt.

„Rosie, wir müssen los! Ich habe keine Ahnung, wie übel

der Verkehr sein wird. Oh nein, hier sieht’s ja wieder aus.

Kein Wunder, dass du nie deine Sachen findest. Habe ich dir

nicht gestern gesagt, du sollst alles, was du mitnehmen willst,

schon bereitlegen? Hast du wenigstens eine Haarbürste dabei?

Nimm doch endlich deine Haare aus dem Gesicht, Rosie. Immer

versteckst du dich hinter diesem Fransenvorhang. So könnte

ich auch nichts finden. Nimm einfach die Kette, die ich dir zum

Geburtstag geschenkt habe, die passt zu allem, sogar zu Jeans.“

Resigniert seufze ich. Ich will nicht diese Passt-zu-allem-

Kette, ich will meine Lieblingskette, die von Papa, die er mir

aus Irland mitgebracht hat. Aber das versteht sie nicht, genauso

wenig wie sie versteht, dass ich nicht mehr drei bin.

„Nenn mich nicht immer Rosie, ich bin schließlich kein

Baby mehr.“

„Für mich bist und bleibst du meine kleine Rosie, und solange

du dich aufführst, wie eine …“

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Automatisch blende ich den Ton aus. Den Rest kenne ich

schon. Ich kenne sogar den genauen Wortlaut der immer

gleichen und über die Jahre gefestigten Standardermahnungen

und Vorwürfe, die sie an fast jede Unterhaltung knüpft, seit ich

mich erinnern kann. Noch in hundert Jahren wird Maman sich über

meine Haare aufregen und in meinen Schubladen herumwühlen.

Sie wird sich niemals ändern. Sie erwartet einfach, dass ich mich

ändere, darum schickt sie mich nun weg. Es ist das allererste

Mal, dass sie so etwas tut. Ich fasse es noch immer nicht! Einfach

so, ganz allein und ohne einen Grund. Normalerweise lässt sie

mich nicht einmal vor die Tür gehen, um bei der Boulangerie

um die Ecke ein Baguette zu kaufen. Schon gar nicht, um mich

mit meinen Freundinnen in der nahen Einkaufspassage zu

treffen. Glücklicherweise kommt sie selten früh nach Hause. Auf

Sophies Drängen hin, habe ich im letzten Schuljahr dem Fahrer

des Schulbusses glaubhaft verklickern können, ich wohne jetzt

zwei Stationen weiter in der Nähe des großen Einkaufstempels

Les Galeries Lafayette. Das ist auch so eine Schikane. Wir hätten

wirklich genug Geld für einen eigenen Chauffeur, aber Maman ist

zu geizig dafür. Sie findet den Schulbus praktisch, aber das ist so

unflexibel. Er wartet nicht eine winzige Minute, wenn man mal

etwas spät dran ist.

Jedenfalls habe ich durch diese kleine Anpassung meinen

Bewegungsradius um einiges ausdehnen können. Ich kann

nun mit Sophie und den andern unbeschwert am Boulevard

Haussmann abhängen und nehme später dann die Métro

nach Hause. Davon hat Maman natürlich nicht den blassesten

Schimmer. Sie würde schon die Nase rümpfen, wenn sie das

Wort Métro nur aussprechen müsste. Sie würde mich umbringen,

wenn sie wüsste, dass ich damit fahre, obschon genau das ihre

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größte Befürchtung ist, nämlich dass ich dabei umkomme.

Als ob ausschließlich Massenmörder und Auftragskiller die

Métro benutzen würden, zusammen mit ein paar ahnungslosen

Touristen. Für mich ist es gerade deshalb ein besonderer

Nervenkitzel, obschon ich dank der jahrelangen erzieherischen

Ermahnungen schon automatisch darauf bedacht bin, nie

die Stangen zu berühren oder mich auf einen der schäbigen,

abgewetzten Sitze zu setzen. Auch Sophie findet es verwegen

und cool, weil sie ständig ihren Chauffeur im Nacken hat, der

ihre Taschen beäugt, wenn wir wieder einmal dem Kaufrausch

zum Opfer gefallen sind. Ich kann das Zeug wenigstens

unbesehen zu Hause verstauen. Wenn Maman sich doch über

die neuen Klamotten wundert, die ich in letzter Zeit angehäuft

habe, behaupte ich einfach, ich hätte sie im Internet bestellt. Sie

toleriert es, weil sie einerseits ein schlechtes Gewissen hat, dass

sie mir so wenig Zeit widmet, und andererseits, weil sie ganz

einfach keine Zeit hat, um es nachzuprüfen.

Papa hingegen scheinen solche Sachen nicht zu kümmern.

Er glänzt die meiste Zeit des Jahres durch Abwesenheit, die er

allmonatlich kurz unterbricht, um mit weltmännischer Großzügigkeit

Maman und mich mit Blumen, Ohrringen oder Parfüms

zu überhäufen. Veilchen für seine blauäugige Gattin,

die daraufhin für mindestens anderthalb Tage das Nörgeln

reduziert, sie denkt wohl wirklich, dass Geschenke die Freundschaft

erhalten, und natürlich Rosen für seine blühende Rosie.

Papa ist der Einzige, bei dem ich meinen Kosenamen dulde, da

er ihn mit einem gurrend rollenden R in seinem charmanten

südfranzösischen Akzent erklingen lässt. Ich mache mir nichts

aus Blumen. Meistens verkümmern sie unbeachtet in einer Ecke

meines Zimmers, aber den Rosenduft mag ich sehr. Inzwischen

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ist es zu meinem Markenzeichen geworden, obwohl Parfüm in

der Schule von den Lehrern weder besonders gern gesehen noch

gerochen wird.

Papa ist nie verärgert oder mürrisch, er ist einfach zu selten

da, als dass ihn irgendetwas aufregen könnte. An ihm kann es

also nicht liegen, dass ich den Sommer über verbannt werde.

Seit ich mich erinnern kann, verbringe ich die letzten Juliund

die ersten Augustwochen gemeinsam mit meiner Familie in

unserem Ferienhaus in Südfrankreich. Im Grunde finde ich es

ziemlich öde, denn es spielt sich Jahr für Jahr das Gleiche ab.

Selbst die Ferien nutzen meine Eltern, um Geschäftsbeziehungen

zu pflegen. Zum Sterben langweilig, aber da es die einzige Zeit im

Jahr ist, in der Papa nicht ausschließlich mit ein- oder auspacken

beschäftigt zu sein scheint, ist auch Maman während dieser Zeit

entspannter und weniger auf mich fixiert.

Und nun auf einmal das: Sie schickt mich weg. Aus heiterhellem

Himmel raus aufs Land, auf so eine Art Bauernhof in

einer ’provinzigen’ Stadt in der Schweiz. Ich dachte immer,

dieser Ort sei um jeden Preis zu meiden. Das war er zumindest

in den vergangenen Jahren. Maman findet, es lauern dort

zu viele unliebsame Erinnerungen. Papa hingegen findet, das

liege nur an Mamans komplizierter Verwandtschaft. Maman hat

eine jüngere Schwester, Olivia. Sie wohnt dort gemeinsam mit

ihrem Mann. Ich erinnere mich nur noch anhand einiger verblasster

Fotos und vagen Erzählungen aus frühen Kindertagen

an sie. Krass ist, sie arbeitet in einem städtischen Tierpark als

Tier wärterin. Maman hat das bisher für eine furchtbar anrüchige

Sache gehalten. Tiere sind voller Schmutz und Bakterien

und vollkommen unberechenbare Kreaturen, denen man nicht

mit Vernunft oder gegenseitiger Kooperation beikommen kann.

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Weshalb sollte ich also an so einem Ort meine Ferien verbringen

wollen? „Es wird dir gut tun und dir eine ganz neue Perspektive

aufs Leben eröffnen“, hat sie mir als Begründung genannt.

Trotzdem kann ich dieses Gefühl des Bestraftwerdens einfach

nicht abschütteln. Sie findet anscheinend, ich bräuchte einen

Tapetenwechsel. Normalerweise würde ich zustimmen. Ich hasse

es, wenn ich sie dauernd sagen höre, ich könne mich glücklich

schätzen, in der beliebtesten Stadt der Welt zu wohnen. Nun

kann ich mich wohl auch glücklich schätzen, aufs Land verbannt

zu werden. Sie dreht alles, wie es ihr gerade in den Kram

passt. Ich habe schon jetzt eine leichte Tollwut im Magen. Bin

ich überhaupt dagegen geimpft?

Violetta

Zum hundert-und-x-ten Mal schaue ich auf meine winzige,

mit Brillanten verzierte Uhr. Sie ist eines der unzähligen

Präsente, die Ludovic mir in den vergangenen Jahren um den

Hals oder ums Handgelenk gelegt hat, als würde einzig die

Hochkarätigkeit der Masse helfen, die Anziehungskraft zwischen

uns zu festigen. Die Zeiger sind vor lauter Funkeln und Glitzern

kaum zu erkennen, aber es ist sicher schon viel zu spät. Entnervt

sammle ich zusammengeknüllte Socken vom Badezimmerboden

und zupfe die Fussel und Haare von deren Sohlen, bevor ich

sie in den großen Wäschekorb stecke, wo sie hingehören. Dass

Rosie nie ihre Sachen wegräumt, nervt mich genauso wie die

Tatsache, dass ich Emilia diese Woche bereits in den Urlaub

fahren ließ. Nun muss ich alles selber erledigen, dabei habe ich

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weiß Gott Wichtigeres zu tun. Rosie ist vierzehn und könnte

schließlich auch ab und zu einen Staubsauger bedienen!

Eigentlich bin ich ja selbst schuld. Meine Tochter ist eine

verwöhnte Prinzessin, ein typisches Einzelkind würden meine

Eltern behaupten. Es macht keinen Sinn, deswegen wieder einen

Streit mit Rosie anzufangen, das wird die Prozedur des Packens

nur verzögern und das kann ich im Moment wirklich nicht

gebrauchen. Packen ist ohnehin schon nervenaufreibend und

Rosie ist keine Hilfe. Das Wetter in der Schweiz ist in der Regel

auch im Sommer so unbeständig, ich weiß beim besten Willen

nicht, ob sie alles hat, was sie brauchen wird. Ich hätte Emilia

bitten sollen, alles schon vorzubereiten, aber ich wollte mich

wieder einmal als gute Mutter beweisen.

Ich bin Olivia wirklich dankbar, dass sie sich so ohne Weiteres

dazu bereit erklärt hat, Rosie den Sommer über zu sich zu

nehmen. Die Sommerferien in Paris sind wesentlich länger als

dort. Rosie hat zwei Monate frei, und nach dem Vorfall in den

Frühlingsferien, die sie bei Sophie verbrachte, bin ich froh, wenn

sie eine Zeit lang aus dem Schussfeld verschwindet. Ich habe

Olivia natürlich nichts davon erzählt. Ich habe ihr nur gesagt,

dass Ludovic sich im Moment auf einer längeren Reise in Asien

befindet und ich dringende Angelegenheiten zu erledigen hätte,

die sich nicht aufschieben lassen. Wenn sie wüsste …

„Rosie!“, rufe ich nun hoffentlich ein letztes Mal durch den

hallenden Flur. „Lass uns endlich fahren.“

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Rosalie

Die Fahrt zum Flughafen scheint sich endlos hinzuziehen.

Maman ist nervös und löchert mich ununterbrochen mit unnötigen

Fragen wie: „Rosie, hast du genügend Unterwäsche

eingepackt? Ich hoffe, du hast die neuen Sachen mitgenommen

und nicht diese alten, verwaschenen …“

„Mamaaan“, stöhne ich laut, „du hast meine Taschen

selbst gepackt und seither mindestens dreimal durchgewühlt.

Sag nicht, du hättest dabei nicht auch meine Unterwäsche

gründlichst inspiziert.“

„Und bitte sei ein wenig umgänglich zu Olivia und Max. Sie

sind nicht an Kinder gewöhnt. Du willst doch sicher nicht, dass

sie ihren Kinderwunsch deinetwegen überdenken müssen, sollte

Olivia überhaupt einen verspüren … Gott bewahre, sie ist erst

sechsundzwanzig, das hat noch ewig Zeit!“

„Was willst du damit sagen? Willst du nun, dass sie Kinder

bekommen möchte, oder lieber doch nicht? Ich kann mich

darauf einstellen“, antworte ich eine Spur zu frech, denn

Maman verliert sich sogleich in einer längeren Debatte über das

Pro und Kontra des Kinderkriegens und des ewigen Stresses, den

die Verantwortung in der Erziehung hervorriefe, und überhaupt,

die Erwartungen und Enttäuschungen im Leben, die einhergingen

mit der verlorenen Jugend, die man zu wenig genutzt

hätte. Sie sagt tatsächlich genutzt und nicht genossen, denn

dieses Wort genießen ist ihr ebenso fremd wie das Gefühl der

inneren Ruhe und Zufriedenheit. Es macht mich traurig. Ihr Job

ist kein Spaziergang, das hat sie mir nicht selten in den vergangenen

Jahren erklärt. Die Familie und der Haushalt sind aber seit

jeher ständiger Anlass zur Frustration. Irgendwann ist einfach

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eine Art Sicherung bei ihr durchgeschmort und sie kann, ähnlich

wie ein Hamster in seinem Laufrad, nicht mehr aufhören,

zu hetzen und zu strampeln. Sie hat sich immer mehr in eine

zähe Bitterkeit gehüllt, um damit die drohende Erschöpfung in

Schach zu halten, so stelle ich es mir jedenfalls vor. Maman steht

mit gezücktem Schwert in Form von Vorwürfen bereit, um alle

frisch sprießenden Enttäuschungen kurz und klein zu hacken,

bevor sie zu etwas Großem heranwachsen. Die effektivste Art der

Unkrautvertilgung, jedenfalls für eine ambitionierte Anwältin.

Nur mit giftigem Nachgeschmack. Leider.

Ich drehe den Kopf zum Fenster und beobachte mit gespieltem

Interesse die vorbeirasende Landschaft, um einem

weiteren Gespräch zu entrinnen. Maman fährt viel zu schnell,

wie immer. Ich habe mich bereits daran gewöhnt, soweit

das überhaupt möglich ist. Meistens bin ich gefasst auf die

hektischen Lenkmanöver und die abrupten Bremsaktionen.

Trotzdem ist es nervenaufreibend, auf dem Beifahrersitz festgeschnallt

zu sein und immer wieder den Atem anzuhalten

oder die Handtasche einzuräumen, die infolge der heftigen Turbulenzen

ihren Inhalt auf den Boden gekotzt hat. Hier auf der

Autobahn ist es in dieser Hinsicht etwas ruhiger, dafür ist die

Landschaft nicht gerade berauschend und auch meine noch so

große Motivation, mich dafür zu begeistern, scheitert an dem

tristen Anblick. Endlos scheint sich die Kulisse aus unbuntem

Graubraun der hässlichen Industriebauten hinzuziehen.

Ich nehme mein Handy und schalte den Ton auf stumm,

damit Maman nicht mitkriegt, dass ich an Sophie texte.

Scheißferien, schreibe ich. Sie ist online und antwortet: Schon

in der Verbannung? – Schlimmer … gekidnappt :’(

Doch Sophie ist bereits offline und es folgt keine Antwort mehr.

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Endlich erreichen wir die gewünschte Ausfahrt. Maman hätte

sie beinahe übersehen, erst als ich rufe: „Maman, da drüben ist

doch …“, schwenkt sie das Lenkrad mit einem kräftigen Ruck

nach rechts und tritt gleichzeitig viel zu heftig auf die Bremse,

sodass ich, schräg auf den Schalthebel gestützt, gerade noch das

Buch an den Kopf geschlagen bekomme, das ich zuvor leichtsinnigerweise

auf dem Armaturenbrett deponiert hatte.

„Autsch!“, maule ich und reibe mir die Stirn.

„Tut mir leid, Rosie. Aber du siehst ja, es ist ein Mordsverkehr

und die Leute fahren wie die Irren. Ich hab dir schon hundert

Mal gesagt, du sollst dich aufrecht hinsetzen und deine Sachen

in der Tasche verstauen.“

Es geht schon wieder los. Warum bestand sie nur darauf,

selber zum Flughafen zu fahren? Wahrscheinlich nur, um noch

länger nörgeln zu können. Wären wir in einem Taxi, würde

sie sich zurückhalten müssen. Ab morgen hat sie aber keinen

mehr, den sie maßregeln kann, ohne Gefahr zu laufen, dass eine

Kündigung ansteht. Ich kann mich glücklich schätzen, wenn

ich mich in nächster Zeit nur noch mit Ziegen und Hühnern

abgeben muss. Die meckern und gackern zwar auch den ganzen

Tag lang, aber wenigstens geht mich das nichts an.

„Nun muss ich noch Fred finden, dann haben wir’s geschafft“,

höre ich Maman sagen.

„Hier kannst du nicht parken, das ist Kiss and fly. Das ist

übrigens optional, man kann sogar auf das Küssen verzichten,

dann spart man die verlorenen Sekunden an der Schranke

wieder ein. Aber Anhalten wäre praktisch. Super, du kannst

mich hier rauslassen, dann suche ich deinen Frédéric.“

„Sei nicht albern. Ich gehe. Du bleibst im Auto.“

„Mamaaan, ich werde ihn schon finden. Ich kann lesen und

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im Zweifelsfall sogar nach ihm fragen. Ich schaff das schon, ich

bin ja nicht blond.“

Das war ein bewusster Seitenhieb, weil sie sich seit einiger

Zeit die Haare aufhellen lässt. Sie meint, sie sehe dadurch

jugendlicher aus. Inzwischen ist sie aber immun gegen solche

Sticheleien. Vielleicht hört sie auch einfach nicht mehr zu.

Sie hört tatsächlich nicht zu und steigt aus dem Auto. Ich

bleibe allein im Wagen sitzen und beobachte missmutig die Autos

vor mir in der Spur. Sie fahren der Reihe nach weg, nachdem

die Leute ihr Rollköfferchen aus dem Kofferraum gefischt und

sich verabschiedet haben. Kuss und Abflug, wie es sich gehört.

Nun bin ich zuvorderst in der Schlange und von Maman keine

Spur. Hinter mir beginnen die ersten Autos zu hupen. Gott, ist das

peinlich, ich rutsche ganz nach unten auf meinem Beifahrersitz.

Endlich ist Maman zurück und mit ihr Frédéric, ihr treuer

Assis tent. „Es ist kein Gepäckwagen aufzutreiben, aber der

Check-in ist nicht weit“, sagt Maman unbeirrt. „Können Sie mir

helfen, Fred? Es sind nur zwei Koffer und die beiden Taschen

da. Wir nehmen die Koffer mit den Rollen. Die Taschen können

Sie uns bringen, sobald Sie den Wagen geparkt haben, nicht?“

Fred schaut wenig erfreut auf die beiden großen vollge

stopften Taschen. Selbst der Verbundenheit heuchelnde

Kosenamen kann ihn nicht darüber hinwegtäuschen, dass er

gerade zum Gepäckträger degradiert worden ist. Während die

Autos nun ungehalten und ohne Unterlass hupen, ruft er ein

paar genervte Worte in deren Richtung und macht eine nervös

fuchtelnde Geste, während er die handlichen Koffer aus dem

Wagen hievt und die schweren Taschen wieder zurückstellt.

„Rosie, komm schon“, sagt Maman. „Nimm diesen Koffer, der

ist nicht so schwer. Trödel nicht, wir sind spät dran.“

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Olivia

„Wann kommen sie?“ Max blickt fragend hinter der Tageszeitung

hervor. Bereits das fünfte Mal in dieser knappen Viertelstunde

schaue ich auf die Wanduhr über der Küchentheke. Ich

rechne nochmal nach.

„Das Flugzeug landet um 16 Uhr 35, dann brauchen sie noch

etwas Zeit, um ihr Gepäck zu holen, aber das wird Violetta

bereits organisiert haben. Ich würde also sagen, so in etwa

fünfzehn Minuten sollten sie hier sein.“

Bei Violetta ist immer alles minutiös organisiert. Als ob

wir nicht im Stande wären, Rosie abzuholen. Naja, ich sollte

froh sein, denn ich habe bis vorhin gearbeitet, aber trotzdem

ist es reine Geldverschwendung, mit dem Taxi extra hierher zu

fahren. Violetta hat jedoch darauf bestanden. Anscheinend hat

der Flug sie nichts gekostet, da sie den Firmenjet der Anwaltskanzlei

beanspruchen konnte. Sie hätte am Abend in Zürich

zu tun, informierte sie mich gestern beiläufig am Telefon,

deshalb werde sie leider umgehend weiterfliegen müssen. Dass

sie trotzdem noch einen Abstecher vom Flughafen in Belp nach

Bern macht, ist ein Wunder. Irgendetwas läuft außer Plan, soviel

ist klar. Violetta lässt ihre behütete Tochter nicht ohne Grund

bei Max und mir, wo Rosalie uns doch kaum kennt.

„Natürlich, kein Problem“, habe ich geantwortet. Sie würde

nicht fragen, wenn es nicht wichtig wäre. Aber als ich Max

davon erzählte, hat der seine Bedenken geäußert.

„Ein Teenager“, hat er gesagt. „Also ich kenn’ mich da nicht

aus. Was ist, wenn sie etwas ausgefressen hat?“

„Sie ist erst vierzehn“, habe ich geantwortet. „Was sollte sie

schon ausgefressen haben in ihrem Alter? Außerdem ist sie ein

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liebes Kind, jedenfalls war sie das immer. Ich hab sie schon

ziemlich lange nicht mehr gesehen.“

„Seit du Violetta von unserer Hochzeit erzählt hast“, hat Max

zielsicher die noch nicht ganz verheilte Wunde getroffen.

„Das könnte aber auch an dir liegen“, habe ich scherzhaft

gekontert und dabei mit einem viel zu aufgesetzten Lachen diese

nicht so erfreuliche Tatsache zu überspielen versucht. „Sie war

eben beschäftigt.“ Ich habe Violetta seit jeher immer in Schutz

genommen. „Sie hat es nicht leicht in ihrem Job und dann noch

ein Kind großzuziehen. Das ist bestimmt nicht immer die pure

Harmonie. Ludovic ist ihr auch keine Hilfe mit seiner ewigen

Rumreiserei. Wer weiß, was er überhaupt macht.“

„Ich glaub, das weiß er selbst nicht, und es kostet ihn sicher

mehr, als er je einbringen wird mit seinem Kunstkrempel“, hat

Max knapp und ohne einen Hauch von Bewunderung geäußert.

„Zeitgenössische urbane Kunstlichtinstallationen, so hieß sein

letztes großes Projekt. Ich hab das neulich irgendwo gelesen.

Er hat verschiedene U-Bahn-Schächte in zahlreichen großen

Städten der Welt fotografiert. Ich kann mir wirklich schönere

Motive vorstellen. Er könnte Bäume fotografieren. Baum porträts

zu verschiedenen Jahreszeiten vielleicht. Bäume in Großstädten

meinetwegen. Wie die Natur ihren Platz zurückerobert.“

„Das kann uns doch egal sein, was der fotografiert“, hat Max

nur erwidert.

„Ich weiß, wir sind eben beide keine Experten auf dem Gebiet

der Kunst.“

Der Erfolg wird zeigen, ob es Kunst ist oder nicht. Da muss

man kein Experte sein. Wenn’s jemand für viel Geld kauft, ist

das allein schon eine Kunst.“

Beim Gedanken an dieses Statement muss ich immer noch

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lachen. Das ist typisch für Max. Früher habe ich mir gewünscht,

dass er sich etwas mehr für Kunst oder Literatur begeistern

könnte, aber ich habe aufgehört, ihn damit zu konfrontieren.

Ich lasse Max in seiner eigenen Welt, die vorwiegend aus

Motorradteilen und seiner Vorliebe für etwas eigenartige Tiere

besteht. Mir ist’s recht, denn ich liebe Tiere über alles. Jedes

von ihnen bringt neue und inspirierende Aspekte in unsere Vorstellung

von Welt. Max findet, ich übertreibe, aber ich würde

um nichts in der Welt unsere Art zu Leben eintauschen wollen,

trotz der vielen Arbeit. Ich weiß, dass Max nicht begeistert ist

von meiner Schwester und dem Franzosenschnösel, wie er ihn

immer nennt. Nun jedoch geht es um meine Nichte und die ist

schließlich noch ein Lamm und kein Aasgeier, wenn man es

einmal in tierischen Metaphern ausdrücken will.

„Dann stehen sie auf einmal wieder auf der Matte“, höre ich

in Gedanken Max Worte nachhallen. „Wenn sie nicht mehr

weiterwissen, fällt ihnen plötzlich wieder ein, dass sie noch

Familie haben.“

Ja, so ist Violetta. Wie ein Gewitter kann sie einen überraschen,

und genauso schnell, wie es aufgezogen ist, auch

wieder verschwinden.

Es klingelt an der Tür.

„Na endlich“, seufze ich, erleichtert darüber, den Abstecher

in meine Erinnerungen unterbrechen zu können. Gemeinsam

gehen wir zur Tür, Max mit langsamen, zögerlichen Schritten

und ich mit geröteten Wangen und verschwitzten Händen.

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Rosalie

Auf dem Flugplatz angekommen, bestätigten sich meine

schlimmsten Befürchtungen. Alles, was ich sehen konnte, war

eine große, grüne Ebene, umrandet von niedrigen Hügeln und

ein paar vereinzelten kleinen Wohnhäusern und Bauernhöfen.

Je mehr wir uns der Adresse nähern, die Frédéric umständlich

in sein GPS getippt hat, desto dichter und größer

werden die Häuserreihen und plötzlich sieht es sogar aus wie in

einer Kleinstadt.

Das Haus, vor dem er abbremst, sieht einladend aus. Es ist

kein Bauernhof, wie ich es erwartet habe. Maman hat immer

so geklungen, als wäre es eine heruntergekommene Hütte mit

einem Stall daneben, aber hier ist keine Spur von unserer kleinen

Farm. Es ist ein gemütlich aussehendes Haus mit einem hinter

einer Hecke verborgenen Vorgarten. Die vielen Fenster, deren

Fensterläden in den verschiedensten Grüntönen gestrichen sind,

erwecken den Eindruck, als ob sich die Bewohner noch nicht

schlüssig seien, welche Farbe ihnen am besten gefällt.

„Es gibt keine Einfahrt zum Haus, Fred“, sagt Maman und

es klingt wie eine Entschuldigung. „Halten Sie einfach auf der

Straße an.“

Gedankenversunken steige ich aus. Wie soll ich meine Tante

nennen? Tante Livi, wie ich es als kleines Mädchen getan habe,

oder doch besser einfach Olivia? Und wie heißt noch gleich ihr

Mann, der Bauer?

Bevor ich weiter darüber grübeln kann, klingelt Maman

schon. Die Tür geht auf und ein paar Sekunden lang scheint die

Welt stillzustehen. Wir stehen uns alle wortlos gegenüber und

schauen uns prüfend an.

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„Ich habe ein kleines Mädchen erwartet. Bist du’s wirklich?“

Meine Tante lächelt. Ich stöhne innerlich.

Dann, wie durch einen plötzlichen Schups in Gang gebracht,

kommt sie auf uns zu und umarmt erst Maman und dann mich

innig. Ich mache mich so gut es geht physisch präsent, blende

mich aber für die Dauer des Augenblicks aus dieser emotionsgeladenen

Szenerie aus, wie ich es bereits bis zur Perfektion

beherrsche. Artig schüttle ich auch dem Bauern die Hand und

überlasse die nun folgende Konversation Maman und meiner

Tante. Inzwischen hat es sich bewölkt und die Hecken und

Sträucher stehen düster und starr wie Wachsoldaten neben der

Veranda. Oder war da nicht ein Schatten?

„Livi”, höre ich Maman säuseln, „schön, dich zu sehen. Es ist

so lange her.”

„Sehr lange”, bestätigt Olivia ein wenig steif.

Sie reden weiter und ich starre wie gebannt auf die Hecke.

Was befindet sich dahinter? Aus den Augenwinkeln sehe ich,

wie Maman mit fast hysterischer Überschwänglichkeit die Hand

des Bauern schüttelt, sodass man fürchten muss, er wird ein

Schütteltrauma erleiden.

„Rosie, kommst du?“, holt Mamans Stimme mich wieder in

die Szenerie zurück.

„Ich danke dir, Olivia”, sagt sie mit vor Erleichterung

beschwingter Stimme. „Ich bin telefonisch immer unter dieser

Nummer zu erreichen, falls etwas sein sollte.”

Sie drückt Olivia eine Visitenkarte, die sie aus ihrer

winzigen Handtasche hervorkramt, in die Finger und fügt

überflüssigerweise an: „Rosie, sei bitte ein wenig kooperativ!

Tante Livi möchte dir sicher auch nicht immer alles zweimal

sagen müssen.”

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„Nenn mich nicht immer Rosie”, murre ich automatisch.

„Mein Name ist Rosalie!”

„Hab dich lieb, Rosie. Ich wünsche euch eine tolle Zeit. Mein

Gott, ist es schon wieder spät, ich muss dringend los.”

Sie haucht einen angedeuteten Kuss in Olivias Richtung und

zieht mich zur Seite.

„Rosie, versprich mir, dass du mich anrufen wirst. Lass mich

wissen, wenn du etwas brauchst oder etwas auf dem Herzen

hast oder auch, falls du mich vermisst“, fängt Maman plötzlich

und ohne Ankündigung dieses Gefühlsausbruchs an. Ihre

Augen glitzern verdächtig feucht, wie kurz vor einem Tränendammbruch.

„Sicher“, antworte ich verdutzt. Na jetzt aber … Ich betrachte

weiter angestrengt diese blöde Hecke, als wäre etwas Interessantes

darin zu entdecken. Fehlt nur noch, dass sie mich zum

Heulen bringt vor diesen Leuten.

Da ich nichts weiter sage, steigt sie in das schon ungeduldig

dumpf brummende Auto. Dieses rollt mit kaum erhöhtem

Motorgeräusch den sauber asphaltierten Quartiersweg entlang

und biegt in die nächste Hauptstraße ein. Frédéric fährt um

einiges weniger hektisch als Maman. Sie wäre mit quietschenden

Reifen davongebraust, da bin ich sicher.

Das Motorengeräusch hat sich gelegt. Alles ist ruhig, bis

auf meinen Herzschlag, den ich monoton durch meinen Hals

pulsieren spüre.

„Dann komm mal rein, Rosalie“, unterbricht Olivia mit

freundlicher Stimme die sich ausbreitende Stille.

Wenigstens hat sie das mit dem Namen gleich geschnallt. Ich

werde sie also Olivia nennen. Aber wie zum Henker heißt nun

der Bauer?

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Ohne Netz und doppelten Boden

Rosalie

Der Bauer hat sich alle meine schweren, ledernen Reisetaschen

und Koffer, die Frédéric mühsam auf dem Trottoir aufgetürmt

hat, mit einem Mal gepackt und sie die Stufen hinauf durch den

engen Eingang in das Zimmer ganz am Ende des Flurs gebracht.

Danach ist er wortlos verschwunden und ich stehe mit Olivia

allein im Flur. Verlegen werkle ich an den Knöpfen meiner Jacke

herum, ohne zu wissen, wo ich sie hinhängen soll. Normalerweise

würde ich sie einfach auf die Kommode im Flur werfen, damit

Emilia sie in der Ankleide aufhängt, aber es gibt keine Kommode

hier in dem engen Flur und ich vermute, dass es auch keinen

separaten Raum für Jacken und Mäntel gibt. Olivia deutet auf die

Tür am Ende des Flurs. Schon zu früh gemeckert, denke ich, und

werfe meine Jacke schwungvoll auf das schmale Tagesbett, das

den kleinen Raum fast vollständig einnimmt.

„Wo ist mein Zimmer?“, frage ich neugierig.

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„Äh ... das hier ist dein Zimmer, Rosalie“, meint Olivia etwas

verlegen.

Soviel ich sehe, hat es in dem winzigen Zimmer, in dem

bereits meine Taschen und Koffern einquartiert sind, kaum

mehr Platz, um sich zu drehen. Nicht einmal einen Stuhl finde

ich, worauf ich meine Jacke ansonsten hätte legen können.

Hier sind nur ein Bett, eine kleine Kommode und ein Wandregal

mit ein paar Büchern drauf.

„Komm, gib mir deine Jacke“, sagt Olivia hilfsbereit. „Ich

werde sie in den Schrank im Flur hängen. Im Zimmer hat es

nicht viel Platz.“

„Aha“, murmle ich. Ich hatte wirklich nichts Spezielles

erwartet, aber das hier ist ein Witz. Ich bin es ja gewohnt, mich

mit meinem Laptop auf dem Bett zu tummeln. Nun macht es

aber den Anschein, als würde ich in den nächsten Wochen

meine ganze Freizeit hier verbringen, oder wird ernsthaft erwartet,

dass ich mich dauernd bei ihnen im Wohnzimmer aufhalte? Wie

kann man überhaupt ein so winziges Zimmer bauen? Ich werde

bestimmt innerhalb weniger Tage eine schwere Klaustrophobie

entwickeln.

Achtlos lasse ich meine Tasche auf dem Boden liegen, nachdem

ich den Computer herausgefischt habe. Es wird keinen

Sinn machen auszupacken. Mein kleiner Koffer allein ist schon

größer als diese Kommode da.

„Kannst du mir das Passwort geben?“, frage ich schnell,

bevor Olivia das Zimmer wieder verlässt.

„Das Passwort wofür?“, fragt sie erstaunt.

„Na, fürs Internet?“ Ich sehe sie an, um zu prüfen, ob sie

scherzt. Ich habe wirklich das Schlimmste erwartet, aber es

scheint, als könnten sie mich tatsächlich noch überraschen.

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„Wi-Fi. Ich muss mich einloggen …“, fange ich zu erklären an,

als keine sichtbare Reaktion kommt, aber Olivias Kopfschütteln

lässt mich mitten im Satz verstummen.

„Oh, so etwas haben wir nicht“, antwortet Olivia mit überzeugtem

Nachdruck. „Es stört den Fluss der Energie und macht

die Tiere, die sehr empfänglich für solche Strahlungen sind,

unnötig nervös. Du kannst aber Max fragen, ob du an seinen

Computer im Arbeitszimmer darfst, wenn du etwas nachschauen

willst.“

Nachschauen? Das kann doch nicht ihr ernst sein. Ich starre

meine Tante ungläubig an. Es geht doch nicht darum, etwas

nachzuschauen. Wie soll ich hier überleben, wenn ich nicht

ins Netz kann? Schnell checke ich mein Handy. Wenigstens

habe ich Empfang, somit ist das mit den Strahlen sowieso eine

unaufhaltsame Nebenwirkung der modernen Zivilisation. Sie ist

ziemlich naiv, wenn sie glaubt, man könne dem entgehen.

Es wird den von Maman äußerst knauserig bemessenen

Taschengeldrahmen aufs Gröbste sprengen, wenn ich mit

meinem französischen Handy surfe oder chatte. Na super, die

wollen mich hier allen Ernstes versauern lassen. Meine Freunde

werden alle denken, ich sei unter einen Zug gekommen oder

tatsächlich gekidnappt worden. In Gedanken sehe ich schon, wie

sie verwundert nach Spuren eines digitalen Lebenszeichens von

mir suchen. Oder noch schlimmer, vielleicht werden sie meine

Abwesenheit gar nicht bemerken. Die Schule ist schon ätzend

genug, wenn man nicht die Ambitionen oder die Voraus setzungen

besitzt, von sämtlichen Jungs der Schule angehimmelt zu

werden. Jungs sind Idioten. Denen ist egal, ob du dich wirklich

für sie interessierst. Es ist ihnen sogar egal, ob du dir die Schuhe

selber zubinden kannst, solange deine Haare blond und deine

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T-Shirts eng sind. Meine Haare sind natürlich nicht blond,

sondern rotbraun, und als besonderes Handicap habe ich auch

noch Sommersprossen. Das ist weit schlimmer als Sophies Pickel,

denn die verschwinden wenigstens nach einer Weile wieder.

Die Mädchen sind noch schlimmer. Sie machen sich fortwährend

gegenseitig das Leben schwer. Mein einziges Vergnügen

an dieser Schule besteht darin, für die Schülerzeitung zu

schreiben. Ich habe schon einige satte Treffer gelandet mit

meinen Artikeln, aber das hat mir natürlich nicht nur

Sympathien eingebracht. Mein Ruf hat außerdem vor kurzem

einen weiteren Knick erlitten. Dummerweise gab es nach den

letzten Ferien, die ich bei Sophie verbrachte, diesen peinlichen

Zwischenfall mit den Fotos. Sophie und ich hatten ein paar

ältere Jungs heimlich fotografiert. Um ein bisschen anzu geben,

haben wir sie in der Schule herumgezeigt und behauptet, es

wären unsere Freunde. Leider ist eines der Bilder irrtümlich

auf dem USB-Stick mit den Bildern für meine Klassenarbeit

gelandet. Ich weiß noch heute nicht, wie das passieren

konnte. Zum Spaß hatten wir gefakte Liebesschwüre und

Herzchen darauf gephotoshopt. Unser Lehrer fand das blöde

Bild, auf dem ausgerechnet mein Name stand, und hat

umgehend meine Eltern benachrichtigt. Eigentlich war es keine

große Sache, aber Maman machte einen riesigen Aufstand

wegen meines geschädigten Rufs und dem verletzten Datenschutz

dieses Typen, den wir nicht einmal kennen. Sie hat

zudem mein Zimmer durchgewühlt, was ich ihr nie verzeihen

werde, und dabei die rest lichen Bilder gefunden. Nun findet sie,

Sophie sei ein schlechter Umgang für mich.

„Rosalie?“, höre ich Olivias Stimme vom Flur her. „Das

Abendessen ist fertig.“

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Olivia

„Was ist denn das?“, fragt Max verwundert, als er in die

Küche kommt.

Ich blicke mich um und sehe die zwei kleinen, hübsch

verpackten Geschenke auf dem Küchentisch liegen.

„Hat jemand Geburtstag? Hab ich etwas nicht mitgekriegt?“

Max rätselt weiter und kratzt sich den Dreitagebart.

„Das habe ich euch aus Paris mitgebracht“, erklärt Rosalie.

„Das wäre doch nicht nötig gewesen“, sage ich mit einem

staunenden Blick.

Rosalie drückt mir eines der Päckchen in die Hand und

ich löse vorsichtig das Geschenkband. Ein kleines hellblaues

Kästchen kommt zum Vorschein.

„Das ist aber hübsch“, sage ich erfreut.

„Schau rein“, drängt Rosalie.

Neugierig öffne ich das Kästchen und finde darin ein zierliches

Perlenarmband mit einigen Seesternanhängern.

„Das ist … Wow … das kann ich doch nicht annehmen.“

„Hauptsache, es gefällt dir“, sagt Rosalie.

„Das Armband ist wunderschön“, versuche ich zu erklären,

„aber es ist bestimmt ein Vermögen wert.“

„Ich wage gar nicht in meines hineinzuschauen“, scherzt

Max skeptisch.

„Nur zu“, antwortet Rosalie. „Für dich habe ich etwas

Praktischeres ausgesucht.“

„Gott sei Dank“, erwidert Max. „Perlen lassen mich immer

etwas mollig aussehen.“

Rosalie schaut ihn an, um zu prüfen, ob er es ernst meint. Sie

ist nicht an seinen Humor gewöhnt. Ich lache etwas überdreht,

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um die Situation aufzulockern, und wünsche mir ohne große

Hoffnung, Max würde den dringend neu gebrauchten Bolzenschneider

und keine goldenen Manschettenknöpfe in seinem

Päckchen finden.

„Oh, was ist das?“, fragt er, kaum hat er das Papier entfernt.

„Ein Chronometer“, erklärt Rosalie und öffnet den Deckel der

fein lackierten Holzbox.

„Kann ich damit einen Satelliten steuern?“

Rosalie schaut ihn konsterniert an.

„Das ist ein Sammelstück“, erklärt sie. „Papa hat einige

davon. Die sind supergenau, auf die Millisekunde.“

„Weshalb ist dir das nie in den Sinn gekommen?“ Max schaut

mich schelmisch an. „Das habe ich mir immer gewünscht. Ich

werde ab jetzt nie mehr zu spät in den Stall kommen.“

Ich seufze. Max geht mit seinem Holzkistchen in der Hand,

dessen Inhalt bestimmt wertvoller ist als seine alte Karre, in

Richtung Tür. Unwillkürlich verlangsamt er seinen Schritt und

bleibt auf halbem Weg doch stehen und dreht sich zu Rosalie

um.

„Wirklich tolle Geschenke, Rosalie“, sagt er ohne falschen

Unterton. „Wenn du dich umschaust, wirst du erkennen, dass

wir nicht auf großem Fuß leben. Alles hier ist bestimmt viel

einfacher, als du es von Zuhause kennst. Solcher Luxus ruft

gewöhnlich etwas Sarkasmus in mir hervor. Das soll aber deine

Großzügigkeit nicht schmälern. Vielen Dank.“

Max hat es geschafft, seine Meinung über unsinnigen

Reichtum rechtzeitig auszublenden. Ich bin erleichtert.

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Rosalie

Eine Reihe von ungewohnt lauten Geräuschen dringt in mein

Bewusstsein. Es dauert einen Moment, bis mir wieder einfällt,

wo ich mich befinde. Ich habe tief und traumlos geschlafen,

fast so, als wäre ich gestern Abend ins Komma gefallen. Da

ich nicht wie üblich bis tief in die Nacht im Internet hängengeblieben

bin, welches mich wie ein großes, klebriges Spinnennetz

als Beute gefangen hält, wollte ich mich in das Buch, das

ich mitgebracht habe, vertiefen. Ich habe gelesen und bin dabei

gleichzeitig mit den Gedanken abgeschweift, bis die Buchstaben

vor mir zu tanzen begonnen haben und ich einen Moment lang

die Augen schließen musste, damit sie sich beruhigen konnten.

Dabei muss ich eingeschlafen sein, denn das Buch liegt neben

mir auf dem Kissen und scheint beleidigt zusammengeklappt

über so viel nachlässige Behandlung.

Einen Moment lang lausche ich dem Gepolter und Geklapper,

und obwohl ich keine Lust habe aufzustehen, weiß ich nicht,

was ich sonst tun soll. Also beschließe ich, es doch zu tun. Ich

ziehe mir nur die Jeans über, duschen kann ich später noch.

Schließlich bin ich hier völlig abseits jeden kritischen Blicks

meiner Freundinnen oder von Maman. Es wird mit Sicherheit

niemandem auffallen, wenn ich mit strähnigen Haaren und

einem schlichten T-Shirt zum Frühstück erscheine. Ich sprühe

mir von meinem Rosenparfüm hinter die Ohren und gehe den

Flur entlang in die Küche.

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Olivia

Seit einer halben Stunde stehe ich in der Küche und hoffe,

dass Rosalie bald aufwachen wird. Ich müsste eigentlich schon

längst los zur Arbeit. Soll ich sie mitnehmen? Ist vielleicht keine

gute Idee, der Tierparkdirektor versteht keinen Spaß, wenn es um

Vorschriften geht. Besser, ich lasse Rosalie hier. Max muss sich

eben um sie kümmern. Er könnte sie erst einmal mit unseren

Tieren vertraut machen. Mit Max zusammen die Tiere zu füttern,

ist keine große Sache, das macht ihr bestimmt Spaß. Der Deckel

der Pfanne fällt mir aus den Händen in die Spüle und spritzt mich

mit Abwaschwasser voll.

„Scheiße“, entfährt es mir, und als ich mich umdrehe, steht

Rosalie in der Küchentür.

„Tut mir leid“, entschuldige ich mich für das Fluchen.

„Kein Problem, ich war sowieso wach von dem Gepolter“,

erwidert Rosalie und setzt sich an den gedeckten Küchentisch.

„Das hingegen ist gut. Ich hätte dich beinahe aufwecken

müssen“, kontere ich mit einem Augenzwinkern. „Hier, dein

Frühstück. Mach dich bitte gleich fertig, ich sollte nämlich

schon längst drüben im Tierpark sein. Aber vorher werde ich

dir zeigen, womit du dich heute Morgen beschäftigen kannst.“

„Beschäftigen?“

Rosalie schaut mich erstaunt an. Natürlich hat sie nicht damit

gerechnet, dass ich sie bei den anfallenden Arbeiten einspannen

werde. Wahrscheinlich ist sie es gewohnt, in den Ferien den

ganzen Tag vor dem Fernseher oder Computer abzuhängen.

Ich reiche ihr, da sie sich nicht fürs Frühstück zu interessieren

scheint, ein paar bunte Gummistiefel, die sie verwundert betrachtet.

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„Wozu sind die?“, fragt sie.

„Wirst du schon sehen“, sage ich, während ich sie ums Haus

herum in den Stall führe.

Rosalie weitet entsetzt die Augen, als wir den Stall betreten.

„Hier stinkt’s“, bemerkt sie.

„Nein, die Pinguine stinken und die Waschbären. Das hier ist

nichts im Vergleich dazu, glaub mir.“

Rosalie sieht mich stirnrunzelnd an und hält sich die Nase zu.

„Und was soll ich nun hier?“

„Ich wäre froh, wenn du die beiden Kühe und die drei Ziegen

auf die Wiese lassen könntest. Max wird gleich rüberkommen,

den Stall ausmisten und neues Stroh für die Tiere bereitlegen.“

Rosalie starrt mich an, als würde ich ihr Hausarrest verpassen.

„Du kannst mit Max das Futter zurechtmachen. Das macht

Spaß, glaub mir. Tiere lieben Futter, sie werden dir aus der Hand

fressen. Wasser kannst du auch nachfüllen und ein paar frische

Äpfel oder Karotten für die Ziegen wären toll. Alles klar soweit?“

Rosalie

Mit offenem Mund starre ich auf die bunt gemischte Herde

im Stall. Warum zum Henker soll ich mich mit diesen Tieren

beschäftigen wollen? Schließlich habe ich Ferien! Der Gedanke

allein ist schon absurd. Ich habe nicht die geringste Ahnung

von Tieren. Maman erlaubte mir ja nicht einmal, einen Hamster

zu haben. Der Gestank bringt mich fast um. Mein Parfüm

war völlig umsonst, ich werde stinken, als wäre ich in einen

Misthaufen gefallen.

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Ein seltsamer Anblick, diese Viecher. Sollte eine Herde nicht

immer aus gleichen Tieren bestehen? Da stehen aber drei

verschiedenfarbige Ziegen. Eine ist weiß und schaut mich scharf

an. Verstehen die etwa, was man sagt? Sie sieht fast ein wenig

beleidigt aus. Eine andere ist champagnerfarben und betrachtet

scheinbar ihr eigenes Spiegelbild in einem Wasserbottich. Eitle

Ziege, aber hübsch ist sie mit ihrem langen, wehenden Fell. Die

dritte schließlich ist bullig und schwarz, aber von der sehe ich

nur das Hinterteil.

Dann ist da noch eine Kuh. Sie ist ziemlich groß, so aus der

Nähe. Automatisch mache ich einen Schritt rückwärts. Hat

Olivia nicht etwas von zwei Kühen gesagt? Ich sehe mich

suchend um und entdecke hinter der ersten Kuh stehend eine

kleine Version in der Größe eines frisch geborenen Kalbs.

„Oh, du bist ja niedlich“, sage ich und bin überrascht, wie

diese kleine Kuh mich scheinbar neugierig beobachtet. „Warum

bist du denn so klein?“

Die schwarze Ziege steht plötzlich vor mir und meckert mich

an. Was hat sie denn? Ich will ihr doch nichts tun.

Okay, alles klar, das ist nichts für mich. Olivia muss sich

etwas anderes ausdenken, um mich zu beschäftigen. Ich drehe

mich nach ihr um und stelle fest, dass sie bereits verschwunden

ist. Sie lässt mich hier einfach alleine? Ach, du Schande. Was

ist, wenn die mich als Eindringling betrachten und mich beißen

und treten? Was soll ich jetzt tun? Rauslassen hat sie gesagt,

aber das sieht gefährlich aus. Suchend blicke ich mich um und

sehe eine große Mistgabel an der Wand hängen.

Die Ziege hört nicht auf zu meckern. Ich kann nur hoffen,

dass sie mehr Angst vor mir hat, als ich vor ihr.

„Du bist wohl der Schüchternste hier“, sage ich in

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eruhigendem Ton. „Hab keine Angst vor mir. Ich lasse dich

als Ersten heraus, dann kannst du dich im Garten verstecken.“

Mit der Mistgabel dränge ich die Viecher in die gewünschte

Richtung und möglichst weit weg von mir. Die verängstigte Ziege

jedoch muss ich an den Hörnern zum Stalltor hinausbefördern,

abwechselnd zerrend und schiebend.

Max

Durch das Küchenfenster sehe ich, wie Rosalie wild mit der

Mistgabel herumfuchtelt. Die Kleine sticht noch jemandem ein

Auge aus, mit dem Ding. Seufzend stelle ich die Tasse Kaffee

zurück auf die Theke. Besser, ich geh rüber und schau nach, was

sie angerichtet hat.

„Wie ich sehe, legst du dich bereits mit Egon an“, bemerke

ich amüsiert.

„Wer ist Egon?“

„Na der bockige Ziegenbock.“

„Ah, ja“, gibt sie knapp zurück.

Na wenigstens ist sie keine Quasselstrippe. Reden nur um des

Redens willen, ist eine nervige Angewohnheit, da ziehe ich es

vor, mich mit Tieren zu beschäftigen. Olivia sieht das auch so,

wenigstens was das Beschäftigen angeht. Im Gegensatz zu mir

redet sie aber ununterbrochen, selbst mit den Tieren. Manchmal

kommt es mir vor, als würden die sie sogar verstehen. Klar, es

sind lebendige Wesen, die auf Zuwendung und Aufmerksamkeit

genauso reagieren wie Menschen. Aber irgendetwas lässt mich

manchmal glauben, dass Olivia eine besondere Gabe hat. Schon

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ziemlich schrullig, das kennt man sonst eher von alternden

Filmdivas als von attraktiven Mittzwanzigern.

„Fertig“, bemerke ich nach kurzer Zeit. Wir sind schneller

vorangekommen, als ich erwartet habe, da Rosalie kaum im

Weg gestanden hat. Sie muss noch lernen, richtig anzupacken,

aber erstmal ist es gut, nur zu beobachten.

Es dauert noch mehr als eine Stunde bis Mittag. Womit soll

ich sie weiter beschäftigen? Sie streichelt Gisèle, die langhaarige

Ziege, und steckt ihr Gänseblümchen ins Fell. Diese lässt es sich

bereitwillig gefallen. Mädchenkram.

„Rosalie, kommst du?“, sage ich ohne weitere Erklärung.

In der Garage sind ein paar Kessel Kraftfutter deponiert. Die

können wir noch umfüllen in kleinere Behälter.

Rosalie folgt mir wortlos über das kurze Stück Wiese zum

Haus. Das Schweigen scheint ihre Laune nicht zu beeinflussen,

im Gegenteil. Sie sieht versöhnlicher aus als gestern, als sie

angekommen ist. Sie schaut sich in der geräumigen Garage um

und bemerkt plötzlich: „Wem gehört die?“

Erstaunt sehe ich, wie sie mein altes Motorrad bewundernd

umrundet.

„Mir“, antworte ich nicht ohne Stolz. „Die habe ich schon

etliche Jährchen. Ich hab sie mir von meinen ersten Ersparnissen

gekauft.“

„Ich bin noch nie mit so etwas gefahren“, bemerkt Rosalie.

„Wir können eine Runde drehen, wenn du willst“, schlage

ich vor und prüfe mit einem kurzen Druck auf die Reifen deren

Luftdruck.

„Auf keinen Fall“, ist ihre knappe Antwort darauf.

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Die Zeitenwende

Rosalie

Inzwischen habe ich jegliches Gefühl für Zeit verloren. Wie

viele Tage ist es her, seit ich hier angekommen bin? Ich habe

keine Ahnung und natürlich habe ich mein Handy wieder

irgendwo liegenlassen. Ich vergesse andauernd, es einzustecken,

das ist nichts Neues, aber nun, da die Dämmerung anbricht, ist

mir doch etwas unheimlich zumute.

Der Wechsel aus meinem Leben, wie ich es bisher gekannt

habe, scheint mir unwirklich. Es ging so plötzlich, als hätte

mich jemand aus einem Traum gerissen. Ich fühle mich seltsam

wach und lebendig. Es scheint hier alles so unkompliziert.

Gut, vielleicht nicht alles. Beim Einchecken wurde mir nur die

Besenkammer zugeteilt, anstelle der üblichen Suite. Der Bauer

meinte, wenn ich mich nicht zwischen ihn und meine Tante

legen wolle, müsse ich mich mit diesem Zimmer arrangieren,

ansonsten sei der Stall die einzige Option. Immerhin habe es

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eine Tür zum Schließen und ein Fenster mit Aussicht auf Kühe

und Ziegen. Das Rahmenprogramm ist auch nicht sehr verlockend

auf den ersten Blick.

Aber ich bin es gewohnt, allein zu sein, und eigentlich

brauche ich niemanden, damit ich mich nicht langweile. Ich kann

meinen Gedanken nachhängen und ich habe auch wieder angefangen,

kurze Geschichten zu schreiben. Was soll ich sonst tun

ohne Internet? Die Sportsendungen, die der Bauer sich ansieht,

interessieren mich nicht die Spur und die beiden Bücher, die ich

mitgebracht habe, bin ich durch. Olivias Bestand besteht fast nur

aus Sachbüchern über Tierpflege und einigen Kochbüchern. Die

Tiere sind zwar noch immer ungewohnt, aber wenigstens eine

Ablenkung. Trotz des strengen Geruchs macht es schon beinahe

Spaß, mich um sie zu kümmern. Heute habe ich sogar das

Fell der champagnerfarbenen Ziege mit einem alten Striegel

gebürstet. Aus Spaß habe ich Sophie ein Foto davon geschickt.

Ihhh lol, ist alles, was ihr dazu eingefallen ist. Auch der Bauer

hat schallend gelacht, als er mich dabei gesehen hat.

„Hoffentlich bekommt Gisèle nun keine Flöhe“, hat er gutgelaunt

gemeint. „Das ist nämlich die Hundebürste.“

Manchmal bringt er mich schon zum Lachen. Natürlich kenne

ich inzwischen seinen Namen. Max, das passt zu ihm. Kurz und

bündig, wie die Konversation, die man mit ihm führt. Wortkarg

ist keine Untertreibung, aber wenn er etwas sagt, ist er witzig.

Vielleicht liegt es an der Sprache. In Paris habe ich mich immer

gesträubt, Schweizerdeutsch zu sprechen, aber Maman hat es

voll durchgezogen. Sie gibt nie auf, wenn sie sich etwas in den

Kopf gesetzt hat, niemals.

Max’ Einsilbigkeit hat einen weiteren Vorteil. Wenn ich

das Heu in die falsche Ecke geschaufelt habe, schichtete er es

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einfach wortlos wieder um und pfeift dabei sogar ruhig und

gelassen vor sich hin. Wenn ich am Abend meine Jacke im Flur

auf dem Boden liegen lasse, ist sie am nächsten Morgen immer

noch am selben Ort. Niemanden scheint es zu stören. Kann es

wirklich so sein? Kein Genörgel und keine Vorwürfe? Maman

ist doch Olivias ältere Schwester, warum sind die beiden nur so

verschieden?

Langsam und in Gedanken versunken schlendere ich über

die Wiese. Die Kühe grasen ruhig und konzentriert. Ich schaue

ihnen eine Weile zu. Die kleine Kuh, Millie heißt sie, ist

besonders zutraulich und ich kraule sie zwischen den kleinen

Hörnern. Vor ihr habe ich keine Angst.

„Kannst du mir sagen, wie spät es ist?“, frage ich und Millie

schüttelt energisch den Kopf. Ein paar Fliegen schwirren davon.

„Das hab ich mir schon gedacht“, fahre ich fort, „Zeit ist nicht

so wichtig hier. Bei uns ist das ganz anders, da bist du meistens

schon zu spät dran, bevor der Tag richtig begonnen hat. Es fängt

mit dem blöden Schulbus an und zieht sich wie eine brennende

Zündschnur durch den Tag, bis sie irgendwann hochgeht, die

tickende Zeitbombe. Ich glaube zwar, dass Zeitbomben gar keine

Zündschnur haben, aber wenn, dann sähe das noch verschärft

viel brenzliger aus, wenigstens in Filmen. Aber du schaust dir

vermutlich keine an, hab ich recht?“

Millie schüttelt wieder den Kopf und weitere Fliegen schwirren

umher.

„Du hast es gut. Man hat echt seine Ruhe hier. Ich glaube,

für Maman wäre es das Beste, wenn sie auch einmal raus aus

dem Großstadtmief käme. Eigentlich sollte sie es sein, die einen

Gang herunterschaltet und auf ihr ganzes Equipment verzichtet.

Aber sie ist nicht so cool wie ich, sie würde glatt durchdrehen.

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Maman hält es ja nicht einmal eine Stunde hier aus, um ihre

Schwester zu besuchen, die sie seit Jahren nicht gesehen hat.

Weiß der Kuckuck, warum ich mit einer Kuh rede. Sophie würde

sagen, dass ich langsam durchdrehe, aber was soll’s, ich werde

ihr bestimmt keine Fotos davon schicken, nicht einmal, wenn

ich mein Handy dabei hätte.“

„Hier steckst du, Rosalie“, höre ich Olivias Stimme plötzlich

hinter mir. „Ich habe dich gesucht. Willst du auf der Wiese übernachten?“

„Ich hab die Zeit vergessen“, sage ich entschuldigend.

„Ist nicht weiter schlimm.“ Olivia lächelt mir zu. „Ich hab

mich nur gewundert, dass du so lange draußen bleibst.“

Was soll ich auch sonst tun? Schließlich ist es Sommer und

eigentlich sollte ich mich am Strand der Côte d’Azur bräunen

lassen und das Ferientaschengeld meines Vaters in Eiscreme

und neue Sonnenbrillen investieren, was auch nicht wirklich

prickelnd wäre. Ehrlich gesagt vermisse ich die langen

Diners im Kreis der Schickimickigesellschaft meiner Eltern nicht

besonders. Ich genieße es, Max’ Pizza oder Olivias Kartoffelsalat

auf der Veranda in der Schaukel liegend schmatzend in mich

hineinzustopfen. Mit Mamans ermahnenden Blicken im Nacken,

die mir bedeuten, ich möge meine Haltung kontrollieren, könnte

ich das sicher nicht.

„Tante Livi?“, frage ich gedankenverloren. „Warum habe

ich dich nie mehr gesehen in den vergangenen Jahren? Hatten

Maman und du einen Streit?“

„Nein, Rosie“, Olivia streicht mir behutsam ein paar Haare

aus dem Gesicht. „Es gab eigentlich nie einen richtigen

Streit zwischen uns. Aber irgendwann gab es halt auch keine

Gemeinsam keiten mehr und keine Verbindung zueinander. Wir

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haben uns einfach voneinander entfernt, ich kann mich nicht

mehr genau erinnern, wie es dazu kam.“

„Warum nennst du mich auf einmal Rosie?“, frage ich verwundert.

„Solange du mich Tante Livi nennst, werde ich dich mit Rosie

anreden. So habe ich dich auch in Erinnerung, Violetta nennt

dich doch immer noch Rosie.“ Olivia lacht. Ich überlege einen

Moment und stimme dann mit ein.

„Das war ein Ausrutscher“, versichere ich entschuldigend.

„Ich war mit meinen Gedanken schon viel zu weit in der

Vergangenheit. Eigentlich mag ich keine Kosenamen. Papa ist

der Einzige, bei dem ich es dulde, und Maman kann ich nicht

dazu bringen, es zu lassen, du kennst sie. Sie zieht es vor, mich

bis an mein Lebensende damit zu quälen.“

„Sie kann die Vergangenheit wohl auch nur schwer hinter sich

lassen. Ab und zu darf man schon mal dorthin zurück kehren,

aber man sollte nicht zu lange verweilen. Du siehst selbst, wie

schnell man den Überblick über die Zeit verlieren kann. So, ich

geh zurück ins Haus. Kommst du auch?“

„Gleich“, antworte ich.

Ziellos streife ich durch den Garten und schaue über den Zaun

hinweg zum mittlerweile ruhigen Tierparkgelände hinüber. Ich

habe noch keine Lust, in das muffige kleine Zimmer zurückzugehen.

Es wird sowieso mindestens eine halbe Stunde dauern,

bis es Abendessen gibt, da Olivia erst etwas kochen muss. Wie

können sie überhaupt ohne eine Haushaltshilfe auskommen?

Der Königstiger dreht in monotonen Schritten seine Abendrunden

und die Flamingos ziehen bereits die Köpfe ein und machen

sich für die Nachtruhe bereit. Etwas weiter hinten sehe

ich die Wölfe in ihrem weitläufigen Gehege. Tagsüber kann

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man sie kaum erkennen, aber jetzt, wo es langsam dunkel wird,

sieht man ihre Augen zwischen den Bäumen und Sträuchern

hervor blitzen. Gruslige Tiere, kein Wunder gibt es so viele

Horrorstorys über sie. Wer ist wohl auf die Idee gekommen,

sie als Haustiere zu domestizieren? Diese stechenden Augen,

diese furchtein flößenden Reißzähne und wenn sie heulen,

kriegt man eine Gänsehaut, die minutenlang nicht weggeht.

Eine grauenvolle Szene aus einem Film kommt mir in den Sinn

und instinktiv laufe ich ein paar Schritte schneller. Ich höre

das dumpfe Schuhuen einer Eule. Auch das noch. Was ist denn

nur los mit euch Viechern? Gehört das zum allabendlichen

Einschüchterungsritual, damit kleine Kinder, die um diese Zeit

nichts mehr draußen verloren haben, verängstigt zurück nach

Hause laufen? Ich lasse mich doch von ein paar funkelnden

Augen und dem Geschrei eines kauzigen Vogels nicht

entmutigen!

Während ich trotzdem meine Schritte beschleunige, löst sich

die Eule von ihrem Ast und fliegt mit wenigen ruhigen Flügelschlägen

über meinen Kopf hinweg auf das Gebäude am Ende

der Wiese zu. Es sieht ein bisschen aus wie eine Scheune oder

ein Lagerhaus. Ich laufe der Mauer entlang und hinter ein paar

wild wuchernden Sträuchern finde ich den Eingang in das

heruntergekommene Gebäude.

Im ersten Moment sehe ich gar nichts. Hier ist es dunkel wie

in einem Verlies. Ich sollte von hier verschwinden, denke ich,

aber während ich noch zögere, hellt sich die Umgebung allmählich

auf und im spärlichen Abendlicht, das durch die trüben

Fenster auf der anderen Seite des Raumes fällt, sehe ich ein

wirres Durcheinander an altem Krempel. Es hat zerschlissene

Möbel, alte Spielautomaten, Regale mit Kisten und Büchern

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und im hinteren Teil sogar ein altes Karussell mit Tieren aus

Holz, deren Lack sich spröde wie die schuppige Hornschicht von

Eidechsen über ihre Körper zieht. Wahnsinn, denke ich. Das ist

ja wie auf einem alten Flohmarkt.

Plötzlich kommt es mir vor, als hätte ich etwas gehört. „Ist

da jemand?“, flüstere ich in die düstere Stille hinein. Vielleicht

eine Maus oder der Wind, der durch die halbgeöffnete Tür weht,

versuche ich, mich zu beruhigen.

Langsam schleiche ich vom Regal zum Schrank, dann zu

einer Kiste und fahre dabei mit den Fingern über die trockene

Staubschicht, die sich in den vergangenen Jahrzehnten gebildet

hat. Ich entdecke alte Magazine und Prospekte mit sonderbar

verblichenen Tierbildern. In den Schubladen des hohen Regals

finde ich alte Plakate und Rollen von Eintrittskarten, die wohl

nicht verkauft worden sind, weil man die Preise erhöht hat,

bevor alle aufgebraucht waren. Warum bewahrt man das alles

hier auf? Wenn jemand noch irgendwelche Verwendung für

dieses Zeug hat, dann sollte er es sorgfältiger verstauen.

Einige Zeichnungen liegen achtlos auf dem Boden. Die sind

aber nicht alt. Kein Staub zu sehen, kein vergilbtes Papier.

Anscheinend war vor kurzem jemand hier und hat sie liegengelassen.

Ich hebe den Stapel auf und betrachte die feinen Linien.

Auf allen Zeichnungen ist dieselbe Frau skizziert. Da scheint

jemand schwer fasziniert zu sein. Ich finde es romantisch, dass

der Zeichner das Profil seiner Angebeteten aus allen möglichen

Perspektiven studiert hat. Wahrscheinlich ahnt sie nichts von

seiner Obsession, denn er scheint sie lediglich aus dem Gedächtnis

zu zeichnen. Einmal sind ihre Haare lang und lockig, dann sind

ihre Augen etwas größer. Trotzdem scheint es immer dieselbe

Frau zu sein. Auf einem der Blätter steht ein Name an den Rand

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gekritzelt, Jonathan. Vielleicht ein verschmähter Verehrer oder

ein heim licher Liebhaber, wer weiß, jedenfalls kann er zeichnen.

Plötzlich schrecke ich auf. Ein dumpfes Knarren ist ganz

deutlich zu hören. Jetzt bin ich mir sicher, da muss jemand sein.

Mir reicht’s, ich will hier raus. Schnell drehe ich mich um und

schlüpfe hinter ein Regal, um erst einmal in Deckung zu gehen.

„Autsch!“, höre ich laut, aber das war nicht ich, obschon ich

mich gestoßen habe. In Panik stoße ich einen Schrei aus. Eine

Hand packt mich blitzschnell und hält mir den Mund zu. Vor

Schreck bin ich wie gelähmt und wehre mich nicht. Mein Herz

rast wie nie zuvor. Ich spüre es bis in meinen Kopf pochen und

eiskalt fährt es mir den Nacken entlang über den Rücken. Ich

kriege keine Luft. Panisch warte ich auf den Schmerz. Scheiße,

denke ich plötzlich. So viel Aufwand all die Jahre, mich in

Watte zu packen, um mich wohlbehütet durch den Großstadtdschungel

zu schleusen, und ausgerechnet hier im Nirgendwo

werde ich erdrosselt oder in hundert Stücke zerlegt. Was für ein

leichtes Opfer ich doch bin, unfähig, mich zur Wehr zu setzen.

Unfähig, ein paar Wochen auf mich selbst gestellt zu überleben.

Maman hat es immer gesagt, nun hat sie sogar recht, es ist aus.

Ich höre ein lautes, durchdringendes Rauschen und Dunkelheit

zieht sich seitlich über mein Blickfeld.

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Der Geheimbund der Wahrheit

Joel

Das Geräusch des quietschenden Scheunentors durchdringt

die Stille. Ein Gefühl von Panik macht sich in mir breit. Mir

bleibt keine Zeit, meine Sachen zusammenzuräumen, ich kann

nur noch knapp unbemerkt wie ein Schatten hinter dem alten

Bücherregal verschwinden. Die Angst, entdeckt zu werden, ist

ständig da, seit ich damals beinahe erwischt worden wäre. Wer

kommt überhaupt um diese Zeit noch hierher? Der Tierpark hat

bereits seit zwei Stunden geschlossen.

Ein Mädchen? Langsam und zögernd bewegt sie sich

durch den Raum. Ihr Haar schimmert kupferrot im Schein des

spärlichen Lichtes. Ich kriege eine Gänsehaut. Es ist, als ob

ich eine Locke ihres Haars schon einmal für kurze Zeit in den

Fingern gehalten hätte. Sie wird sich nur kurz umsehen, sich

etwas gruseln und dann wieder verschwinden, hoffe ich. Sobald

sie am Regal vorbei ist, versuche ich, unbemerkt durch das halb

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geöffnete Scheunentor zu schleichen und zu verschwinden.

Oh nein, falsche Richtung. Sie steuert geradewegs auf

mich zu. Ich muss einfach still ausharren, dann wird sie mich

hoffentlich nicht entdecken. Wenn sie mich hier findet, wird

sie entweder in panisches Geschrei ausbrechen oder mich mit

Fragen löchern, die ich ihr nicht beantworten kann. Nicht hier,

wo ich gar nicht sein dürfte.

Ich drücke mich an die große Holzkiste hinter mir. Ein kurzes,

aber deutliches Knarren durchdringt die Stille. Erst bleibt sie

abrupt stehen, um gleich darauf mit einem flinken Sprung in

meine Richtung direkt vor mein Schienbein zu treten.

„Autsch“, zische ich.

Plötzlich passiert alles Knall auf Fall. Sie stößt einen Schrei

aus und mit einem Arm umschlinge ich sie und presse ihre Arme

fest an ihren Körper. Mit der anderen Hand halte ich ihr den

Mund zu, da ich weiß, dass sie sonst die ganze Nachbarschaft

zusammenschreien wird.

„Nicht schreien“, sage ich mit möglichst ruhiger Stimme. „Ich

lasse dich gleich wieder los, aber du schreist nicht, versprochen?“

Sie gibt keine Antwort.

„Verstehst du mich? Nicht schreien“, sage ich etwas lauter. Sie

aber keucht und windet sich, sodass ich sie unmöglich los lassen

kann. Mir bleibt keine weitere Zeit, um zu überlegen, was ich

tun soll, denn plötzlich fällt sie wie ein nasser Sack in sich

zusammen. Oh Mann, das hat noch gefehlt. Sie ist tatsächlich vor

Schreck ohnmächtig geworden. Ich kann sie kaum mehr halten,

also lasse ich uns beide so sanft wie möglich zu Boden gleiten.

Verdammt, was hab ich nun wieder angestellt? Beine hochlagern

… Hätte ich im Nothelferkurs nur besser aufgepasst. Puls

hat sie jedenfalls noch. Gott sei Dank, sie öffnet die Augen.

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„Ein Mord würde sich ziemlich schlecht in meinem Lebenslauf

machen. Ladendiebstahl wäre besser. Ich möchte Medizin

studieren, da würden sie einen Mord schon etwas krumm nehmen“,

versuche ich zu scherzen, um die Peinlichkeit der Situation

zu entschärfen.

Langsam kneift sie die Augen zusammen, windet zittrig

ihren Oberkörper aus meinen Armen und schlägt in der nächsten

Sekunde auch schon wild auf mich ein, als müsse sie um ihr

Leben kämpfen.

„Hau bloß ab, du Vollidiot!“ Tränen der Wut schießen ihr in

die Augen.

„Tut mir leid, ich kann doch nichts dafür“, versuche ich sie zu

beschwichtigen, aber sie scheint fuchsteufelswild zu sein.

„Nichts dafür?“, schreit sie mich wütend an, während Farbe

in ihr blasses Gesicht zurückkehrt. „Das ist alles deine Schuld.

Hörst du, alles! Wegen dir bin ich vor Angst fast gestorben, und

du findest das auch noch komisch? Dich sollte man einbuchten!“

Sie kann sich nur schwer wieder beruhigen, aber immerhin

lässt sie kurz von mir ab. Ich stolpere nach hinten und falle

rückwärts über einen alten Koffer. Nun findet sie es komisch

und beginnt zu lachen.

„Hey, beruhige dich“, sage ich, am Boden sitzend. „Ich habe

ja nicht geplant, dich zu erschrecken. Siehst du, ich komme von

selbst zu Fall, du brauchst nicht gleich die Polizei zu rufen.“

„Geh einfach“, sagt sie und lacht immer noch.

„Wollte ich gerade tun, aber du hast mich nicht gelassen“,

sage ich seufzend. „Jetzt ist es zu spät.“

„Zu spät wofür?“

„Zu spät, um unbemerkt zu verschwinden oder um einen

positiven ersten Eindruck zu hinterlassen.“

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„Zu spät, um sich zu entschuldigen“, entgegnet sie mit nun

wieder gefasster Stimme.

Im spärlich flackernden Licht stehen wir uns gegenüber.

Alles ist still um uns herum. Ihre Augen funkeln grün. Ich versuche,

ihren Blick zu halten, aber er dringt durch mich hindurch.

„Was suchst du eigentlich hier?“, frage ich unbedacht, da ich

selbst nicht weiß, ob ich das beantworten könnte.

„Ich hab mich zufällig hierher verirrt. Ist ganz cool hier, wenn

man gerne in altem Krempel herumstöbert und sich den Spaß

nicht von gelegentlichen Überfällen vermiesen lässt“, entgegnet

sie und lächelt tatsächlich, wenn auch etwas zurückhaltend.

„Soso, zufällig“, sage ich spöttisch. Sie sieht nicht aus wie

eine, die Sachen stiehlt oder demoliert, im Gegenteil. Unwillkürlich

muss auch ich lächeln. Es sieht sicher ziemlich blöd aus,

aber ich kann nicht anders, wahrscheinlich ist es pure Verlegenheit.

Sie sieht absolut süß aus und scheint ein wenig jünger zu

sein. Ich bin froh, dass ihre Angst verflogen ist.

„Wie heißt du denn? Nur falls ich dich zufällig wieder einmal

beim Herumschleichen treffen sollte.“

Sie mustert mich zweifelnd. „Wie heißt du denn?“

„Ich habe zuerst gefragt“, antworte ich.

„Rosalie“, sagt sie. „Du bist Jonathan, nicht wahr?“, fügt sie

an, als ich keine Anstalten mache, ihr zu antworten.

Es klingt komisch, als würde ich diesen Namen zum ersten

Mal ausgesprochen hören.

„Ich muss jetzt gehen“, sage ich. Unentschlossen stehen wir

uns gegenüber.

„Wir sehn uns, Jonathan.“

„Wenn du willst“, antworte ich. „Aber nur, wenn du es

niemandem verrätst.“

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„Warum sollte ich?“ Sie scheint überrascht.

„Also dann, bis demnächst“ Ich nehme meine Zeichnungen

vom Boden und verschwinde durch die Scheunentür, bevor sie

fragen kann, wann demnächst sein wird.

Rosalie

Der Koffer, über den Jonathan vorhin gefallen ist, liegt noch

immer auf dem Boden. Er sieht aus, als wäre er aus dem vorletzten

Jahrhundert. Ich sollte ihn wegräumen, bevor ich von

hier verschwinde, damit niemand Verdacht schöpft. Ich bin

immer noch völlig neben der Spur. Diese Begegnung mit

Jonathan war ja endlos peinlich. Ich muss mich von meinen

Gedanken ablenken und zerre den Koffer in die Ecke neben das

Regal, wo ein wenig Platz ist und keine kaputten Möbel herumliegen.

Er ist ziemlich schwer. Vielleicht sind ein paar alte Hemden

oder Westen darin, das wäre cool. Ich lege ihn vor mir auf

den Boden. Die beiden Verschlüsse sind rostig und verbogen.

Es ist nicht einfach, sie aufzukriegen, und ich mühe mich beim

zweiten Schloss beinahe vergebens ab.

Nach kurzem Stöbern bin ich enttäuscht. Nur eine Menge

alter Dokumente und Akten liegen darin. Nichts davon scheint

persönlich zu sein. Ich werfe den Aktenordner achtlos wieder

hinein. Es scheppert blechern aus dem Koffer zurück. Erneut

nehme ich den Ordner heraus und mit ihm einige weitere Dokumente.

Darunter finde ich eine metallene Schachtel mit einem

roten Schriftzug einer längst vergriffenen Kekssorte. Behutsam

öffne ich den Deckel und finde zwischen ein paar alten Post-

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karten einen Umschlag, auf dem handgeschrieben in großen

Buchstaben steht: Der Geheimbund der Wahrheit.

Neugierig öffne ich ihn. Meine Augen streifen über eine

blasse Schwarz-Weiß-Fotografie und eine angelaufene, feine

Silberkette mit einem Amulettanhänger. Eine Uhr in Form einer

Eule, die zu meiner Überraschung noch funktioniert. Auch ein

handgeschriebener Brief kommt zum Vorschein.

Eine Eule, denke ich, das ist schon ein seltsamer Zufall. Es war

die Eule, die mich auf die Scheune aufmerksam gemacht hatte.

Zögernd ziehe ich die Kette über meinen Kopf, schließlich

weiß ich nicht, ob sie jemandem gehört. Verstohlen stecke ich

sie unter meinen Pulli. Es wird sie schon keiner vermissen, versuche

ich mir einzureden, das Zeug liegt schließlich schon Jahrzehnte

hier herum. Den Umschlag stecke ich mitsamt des Fotos

in die Jeanstasche, denn es ist bereits zu dunkel zum Lesen.

Ich fühle mich seltsam. Dieser Überfall-Zwischenfall – bin ich

tatsächlich vor Schreck in Ohnmacht gefallen oder war das so

etwas wie eine Panikattacke? Sophies Maman hatte kürzlich so

eine Attacke. Letzten Monat an der Kasse einer Modeboutique

mitten in der Innenstadt. Sophie und ich wollten denselben

beige farbenen Kaschmirpullover kaufen. Als wir an der Kasse

noch immer darüber diskutierten, zu wem er nun besser passe,

ist sie plötzlich und ohne Vorwarnung aus dem Laden gestürmt.

Wir sind beide hinterher, mit der aufgelösten Verkäuferin im

Schlepptau, da wir den unbezahlten Pulli in der Hektik einfach

mitgenommen haben. Sophies Maman kniete mit geschlossenen

Augen zitternd auf dem Trottoir. Dann aber stand sie auf,

noch immer bleich, aber gefasst, und meinte zur Verkäuferin:

„Madame, anstatt sinnlos herumzufuchteln, bringen Sie uns

lieber drei Gläser Champagner.“

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So kamen Sophie und ich zu unserem ersten offiziellen

Champagnershopping. Den Pulli haben wir allerdings nicht gekauft.

Was den Ohnmachtsanfall vorhin anbelangt, bin ich mir

nicht im Klaren. Es könnte auch an meinem niedrigen Blutdruck

gelegen haben, oder daran, dass ich noch nichts gegessen habe.

Verdammt, das Abendessen, das habe ich ja vollkommen

vergessen!

Romilda

Der Geheimbund ist meine Rettung und mein Verderben.

Ob ich daran glaube, kann ich nicht sagen, aber es hat etwas

Beruhigendes, an irgendetwas glauben zu können. Die Welt ist

seltsam genug und bei Weitem noch nicht bereit, die Launen der

Natur mit der Intoleranz der Gesellschaft zu versöhnen.

Jonathan hat unseren Geheimbund ins Leben gerufen und mir

damit ein geheimes Hintertürchen geschaffen, das mich fern von

Zeit und Raum existieren lässt.

Ich fliehe nicht vor der Wahrheit, im Gegenteil. Die Wahrheit

steht immer im Mittelpunkt. Sie ist mein Elixier, meine Religion.

Wir stellen uns gegenseitig die essentiellen Fragen des Lebens

und diskutieren über die Wahrhaftigkeit und die Legitimität der

Antworten, welche die Wahrheit umkreisen, wie hungrige Wölfe

ihre Beute. Wir teilen die Beute, die Gedanken und die Zeit miteinander.

Zeit, die ich kaum aufbringen kann. Es beruhigt mich

und macht mich glücklich, dass die beiden sich so gut verstehen.

Ich werde mein Geheimnis nicht mehr lange vor der Öffentlichkeit

verbergen können. Die Zeit läuft davon.

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Wie lange werde ich im Geheimbund bleiben können, wenn

er einzig dazu erschaffen wurde, das Geheimnis vor einer

großen Lüge zu schützen? Es dauert nur noch sieben, im besten

Fall siebeneinhalb Monate, bis die Wahrheit ein neues Gesicht

kennt, und es wird das meines Kindes sein. Das Schicksal wird

entscheiden müssen, wenn die Zeit mich im Stich lässt.

Jonathan

„Was willst du tun?“, frage ich so unbeteiligt wie möglich,

um nicht den Eindruck zu erwecken, es könne weitreichendere

Konsequenzen haben, als meine Arbeitsstelle zu verlieren.

„Ich werde sie zur Frau nehmen“, antwortet Vincent mit

der selbstbewussten Stimme eines Mannes, der sich über sein

Handeln und dessen Konsequenzen im Klaren ist.

„Hast du sie schon gefragt?“

Vincent lächelt und ich schließe daraus, dass er es bereits

getan hat. Warum hat Romilda mir nichts davon gesagt, frage

ich mich stirnrunzelnd.

„Du solltest deinen Gesichtsausdruck sehen“, entgegnet

Vincent lachend anstelle einer Antwort. „Meinst du, ich weiß

nicht, dass du sie selbst gern zur Frau hättest? Nein, ich habe

sie noch nicht gefragt, aber sie wird nicht ablehnen. Hast du

nicht gemerkt, dass sie es förmlich darauf anlegt? Sie findet

mich unwiderstehlich.“

Oder bloß dein Geld, denke ich bitter, während ein Stich

der Eifersucht meine Gesichtszüge verhärtet. Aber es ist nicht

klug, den sorgfältig eingefädelten Plan jetzt selbst zu sabotieren.

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Vincent soll ruhig glauben, was er glauben will, obwohl es ihm

in seiner Situation egal sein kann. Er hat die Heiratswillige

gefunden, ohne selbst je den Hof oder auch nur den Vorgarten

einer Dame gemacht haben zu müssen. Und ein Beweis seiner

erfolgreichen Balz und Schürzenjagd ist auch bereits unterwegs.

„Sie wird sicher hingerissen sein“, sage ich deshalb. „Und ich

bin es auch. Ihr seid füreinander geschaffen. Ich würde mir nie

anmaßen, eine Frau ihres Standes als die Meine anzusehen.“

„So viel Standesdünkel lässt du doch sonst nicht auf kommen“,

entgegnet Vincent mit einem fragenden Blick in meine Richtung.

Ich habe keinen, aber dein Vater hat gewiss welchen zu

vererben, denke ich insgeheim und senke den Blick, um dem

Pferd den Sattel fester umzuschnallen.

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Versteckte Qualitäten

Rosalie

Eigentlich vermisse ich meine Freunde nicht allzu sehr. Ich

texte oder telefoniere fast ausschließlich mit Sophie. Sie ist meine

beste Freundin, seit sie mit ihrer Familie vor vier Jahren nach

Paris gezogen ist. Ich wusste, es ist nicht einfach, in eine neue

Klasse zu wechseln, und ich hatte bis dahin keine beste Freundin,

also habe ich mich um sie gekümmert. Sophie ist es gewohnt,

dass man sich um sie kümmert, also hat unsere Freundschaft

bisher ziemlich gut funktioniert. Vor zwei Jahren habe ich sie

sogar überreden können, auch den Schulbus zu benutzen. Viele

Schüler in meiner Klasse werden von ihrem eigenen Chauffeur

zur Schule gefahren. Ich habe Sophie bequatscht, dass es doch

besser sei für die Umwelt und so, wenn sie auch den Bus nimmt.

Aber schlussendlich war es die Tatsache, dass sie sich näher an

der Quelle des täglichen Schultratsches befindet, die sie vom

Busfahren überzeugt hat, denn ihr Chauffeur fährt nun jeden

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Morgen hinter dem Schulbus her und bringt ihr die vergessenen

Bücher und Lunchboxen mit. Von ihr erfahre ich ausführlicher

als mir lieb ist, was ich gerade alles verpasse.

Sophie verbringt ihre Sommerferien meist auch mit ihren

Eltern in einem Strandhaus in Südfrankreich. Dieses Jahr hat

sie sich in einen Jungen aus der Gegend verliebt und ist nun

damit beschäftigt, dessen Aufmerksamkeit und Zuwendung zu

gewinnen. Sie erzählt mir jedes Detail aller mehr oder weniger

aufregenden Begegnungen.

Unvermittelt fragt sie: „Und was tut sich bei dir so?“

„Nichts“, antworte ich automatisch. Ich habe irgendwie keine

Lust, Sophie Einzelheiten über das Landleben, wie sie es nennt,

zu erzählen. Nicht, dass es besonders aufregend wäre, aber

langweilig ist es hier wirklich nicht. Es ist nur nicht das, was

uns beide sonst so beschäftigt und worüber wir normalerweise

sprechen und ich weiß nicht, ob Sophie sich ernsthaft in meine

Lage versetzen könnte, um sich die Situationen, mit denen ich

es hier zu tun habe, auszumalen.

„Ach, du Arme“, bemitleidete sie mich. „Deine Maman hat

dich ja echt aufs Abstellgleis verfrachtet, so wie’s aussieht.“

„Ja, hat sie“, antworte ich und höre mich genauso weit

entfernt an, wie ich gedanklich bereits abgedriftet bin.

„Soll ich meinen Papa beknien, damit du den Rest des

Sommer mit uns verbringen kannst? Ich kann ihn sicher dazu

überreden. Ist ja eine Zumutung, wie man dich aus dem Verkehr

gezogen hat. Soll ich?“

„Lass nur“, sage ich lustlos. „Maman erlaubt es ohnehin

nicht.“

Das ist die Wahrheit, aber selbst wenn sie es erlauben würde,

ich hätte im Augenblick sowieso keine Lust, mich für den Rest

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der Ferien in Sophies Schatten aufzuhalten. Denn wenn Sophie

eines noch weniger leiden kann, als wenn man sich zu wenig

um sie kümmert, ist, wenn man sich um mich kümmert.

Erleichtert nehme ich wahr, dass sie bereits dabei ist, sich zu

verabschieden. Komisch, noch vor einer Woche hätte ich wer

weiß was für eine Wahnsinnsstory erfunden, nur um einigermaßen

interessant zu klingen. Doch jetzt, wo ich tatsächlich

etwas zu erzählen hätte, was Sophie an den Rand des Wahnsinns

bringen könnte, verspüre ich nicht den geringsten Wunsch,

ihr von meinem seltsamen Zusammentreffen mit Jonathan zu

erzählen.

Leider habe ich ihn seit dieser ersten Begegnung in der

Scheune nicht wiedergesehen. Ich habe mich gefragt, ob er

vielleicht ein Praktikum als Tierpfleger oder etwas Ähnliches

macht, da er von der Seite des Tierparks in die Scheune gekommen

war. Ich könnte Olivia fragen, ob sie ihn kennt, aber

das kommt mir albern vor. Seit unserer Begegnung halte ich

mich so oft wie möglich auf dem Tierparkgelände auf, ganz zur

Freude meiner Tante. Doch es sind weniger die Seehunde und

Gnus, die mich magisch anziehen, als vielmehr die Hoffnung,

ihm irgendwo wiederzubegegnen.

Vielleicht hätte ich doch Sophie um Rat fragen sollen. Aber

ihre Ratschläge haben mich schon oft in missliche Lagen

gebracht, also sollte ich nicht allzu viel darauf geben. Was

soll’s, damit muss ich alleine klarkommen. Ich finde es sowieso

unreif und lächerlich, dass jegliche Art der Kommunikation

zwischen einem Mädchen und einem Jungen immer gleich zum

kollektiven Anlass einer allgemeinen Belustigung verkommen

muss.

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Olivia

Ich bin froh, dass Rosalie sich so schnell eingewöhnt hat. Am

Anfang machte es nicht den Anschein, als wäre sie sehr erfreut

über ihren Aufenthalt bei uns. Kann man ja verstehen, sie kennt

uns kaum und unser Leben ist vollkommen anders, als sie es

gewohnt ist. Sie scheint aber ein unkompliziertes Mädchen zu

sein. Mich stört ihr Chaos nicht. Max schüttelt jeweils nur den

Kopf, wenn er ihren Pulli im Stall auf dem Heu liegend findet

oder ihr Handy ihm auf dem Klo begegnet. Er macht sich beim

Frühstück dann einen Spaß daraus, sie zu fragen, an wie viele

Dinge sie sich erinnern kann, die er am Vortag irgendwo deplatziert

vorgefunden hat.

„Lass gut sein, Max“, schalte ich mich meist ein und erzähle

Rosalie eine Anekdote, zum Beispiel als Max sich unfreiwillig

im Affengehege eingesperrt hat, weil er den Schlüssel an der

Tür des Geheges stecken ließ und einer der Affen ihn unbemerkt

geklaut und ganz weit oben im Baum versteckt hatte. Max hat

eine halbe Ewigkeit mit Warten und Suchen zugebracht, bis

ich ihn endlich fand und befreien konnte. Natürlich habe ich

Max’ Schlüssel zurückerhalten, nachdem ich mit dem Affen

geschimpft hatte.

Oder wie er vergaß, den Wagen zu tanken und mit den beiden

Ziegen, die zum Tierarzt sollten, die letzten anderthalb Kilometer

zu Fuß quer durch die Stadt laufen musste. Das wäre

nicht weiter schlimm gewesen, wenn Egon, das störrische Vieh,

nicht im Vorbeigehen einen Zeitungsstand verwüstet hätte

und der Besitzer einen solchen Wutanfall bekam, dass er Max

mit der Polizei drohte, während Egon seelenruhig eine weitere

Cosmopolitan verspeiste.

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Rosalie lacht über diese Geschichten und Max grummelt

beleidigt, bis ich ihm ein Marmeladenglas zum Öffnen gebe

oder sonst eine nützliche und zweifelsfrei einzig durch ihn zu

bewältigende Aufgabe.

Rosalie

Gelassen schlendere ich den Weg zum Terrarium empor, um

mir im subtropischen Klima unter den Palmen und Farnen einen

ruhigen Platz zum Lesen zu suchen. Im Haus besteht ständig

die Gefahr, irgendeiner nützlichen Beschäftigung in die Arme

zu laufen.

Auf dem kurzen Stück Weg komme ich an dem kleinen Laden

vorbei, der, etwas größer als ein durchschnittlicher Bahnhofskiosk,

auch Eis, Plüschtiere und ein eigenartig kitschiges Sortiment

an Romanen führt. Da ich so gut wie nie ins Stadtzentrum

komme, habe ich das Sortiment schon ziemlich oft durchstöbert.

Es ist auch heute nichts Neues dabei und ich wiege gerade

zweifelnd ab, ob Das Schicksal mischt die Karten neu wohl das

Geld und den Versuch wert sei. Dabei sehe ich aus den Augenwinkeln

zu, wie die junge Verkäuferin einem schlaksigen blonden

Jungen ein Comicheft verkauft. Er streckt ihr gedankenversunken

einen Zwanziger entgegen. Sie nimmt ihn, fragt aber, ob

er kein Kleingeld habe, und als er seine Taschen durchstöbert,

wechselt sie seinen Zwanziger flink in einen Zehner. Als der

Junge das Kleingeld zusammengesucht hat, gibt sie ihm ohne

mit der Wimper zu zucken den Zehner zurück und nimmt das

Kleingeld. Der Junge schaut einen Moment lang verdutzt auf

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den Geldschein, scheint sich aber nicht sicher zu sein, ob er sich

vertan hat, und geht von dannen.

So ein Biest, denke ich, die betrügt also ihre Kundschaft. Ganz

schön dreist. Entschlossen nehme ich den Roman, fische einen

Hunderter aus meiner Tasche und gehe zur Verkäuferin hinüber.

„Nein, ich hab kein Kleingeld und das hier ist kein Fünfziger“,

sage ich barsch und knalle das Taschenbuch auf die Kaugummiauslage.

„Gut, dass du dich mit Zahlen besser auskennst als mit

Literatur“, antwortet die Verkäuferin unbeeindruckt.

„Dieses Sortiment hier kann man wohl kaum als Literatur

bezeichnen“, setze ich kampfbereit an. Aber ich bin zu erstaunt

über so viel Schlagfertigkeit und gleichzeitig auch beleidigt

über das Urteil, das die Verkäuferin anhand meiner Bücherwahl

über mich getroffen hat, um angemessen kontern zu können.

Trotzdem füge ich noch an: „Mangels eines besseren Angebots.“

„Wenn du etwas Tolles lesen willst, empfehle ich dir

Zwischen Zeit und Raum von Romilda Darkling“, spricht die

junge Verkäuferin unbekümmert weiter.

„Und wo kriege ich das her? Ich nehme nicht an, dass dieses

Buch hier zu finden ist“, frage ich skeptisch.

„Nein, ganz sicher nicht. Es ist ziemlich alt, doch wenn du

mir versprichst, dass du sorgfältig damit umgehst, werde ich es

dir ausleihen.“

Sie wühlt in einer großen, bunt gemusterten Tasche, die

unter dem Tresen verstaut war, und streckt mir dann ein kleines,

abgewetztes Buch hin. Erstaunt nehme ich es, obwohl ich nicht

sicher bin, ob ich überhaupt etwas mit ihr zu tun haben will.

Vielleicht ist es ein Trick.

„Wie gesagt, es ist ein altes Buch und daher hat es Selten-

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heitswert. Du kannst es mir bei Gelegenheit zurückgeben, ich

seh dich ja dauernd hier. Ich bin übrigens Lily“, fügt sie hinzu

und lächelt mich gewinnend an.

„Ich bin Rosalie“, antworte ich, und immer noch misstrauisch

füge ich an: „Aber hey, entschuldige, wenn ich dich so direkt

frage: Warum bist du so nett zu mir, wo ich dir doch gerade zu

verstehen gegen habe, dass ich weiß, dass du Leute bescheißt?“

„Nicht Leute“, sagt Lily, „aber kleine, fiese Jungs, die ständig

etwas klauen und denken, ich wäre zu blöd, es zu bemerken.“

„Du hast dich gerächt?“, frage ich ungläubig. „Warum stellst

du den Jungen denn nicht zur Rede, wenn du ihn beim Klauen

erwischst? Wäre das nicht einfacher und außerdem legal?“

„Schon.“ Lily zuckt mit den Achseln. „Hab ich auch erst

versucht, aber er streitet es ab.“

„Dann melde es deinem Chef oder besser gleich der Polizei.“

„Das Dumme ist“, meint Lily etwas leiser, „er ist der Sohn des

Tierparkdirektors und der hat mir gesagt, dass ich mich geirrt

hätte. Hab ich aber nicht, er klaut andauernd.“

„Warum macht er das wohl?“, überlege ich laut.

„Einfach weil er es hier tun kann, ohne dass es Konsequenzen

hat. Er ist nämlich nicht gerade raffiniert dabei. Und rechnen

kann er auch nicht besonders gut. Jedenfalls hat er nicht mit

mir gerechnet.“ Lily lacht in einem ansteckend heiteren Ton.

„Und du? Bist du neu in der Gegend oder warum seh ich dich

dauernd hier herumlungern?“

„Ich verbringe die Sommerferien hier bei meiner Tante. Ich

wohne gleich in dem Haus da drüben.“ Ich deute mit dem Kinn

die Richtung an.

„Olivias Nichte?“ Lilys Gesicht hellt sich auf. „Hey, jetzt wo

du’s sagst, seh ich sogar, dass ihr euch ein bisschen ähnelt. Sie

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ist supernett, alle hier mögen sie. Sie erzählt immer haufenweise

lustige Geschichten, die sie mit den Tieren erlebt. Ich arbeite

nur in den Ferien hier, zur Taschengeldaufbesserung neben dem

Gymnasium. Es ist abgesehen von solch kleinen Zwischenfällen

ein ganz ruhiger Job.“

„Ist nicht viel los“, bemerke ich und sehe mich im leeren

Laden um.

Der Ansturm kommt immer in Wellen, wie Ebbe und Flut.

Wenn ein Bus mit einer Schulklasse oder einer Horde Touristen

ankommt, dann herrscht hier Hochbetrieb. Aber wenn’s ruhig ist,

habe ich genug Zeit, um die zoologischen und sozio logischen

Vorgänge, die sich hier so abspielen, zu studieren und zu

vergleichen. Eins kann ich dir sagen: Menschen und Tiere

sind in ihren Verhaltensweisen evolutionär doch nicht so weit

voneinander entfernt, wie man es uns in Biologie und Geschichte

in der Schule verklickern will.“

Ich sehe sie fragend an.

„Schau dich nur mal um. Du kannst genau feststellen,

welchen Grundbedürfnissen sie unterliegen. Siehst du die

beiden plärrenden Kinder da? Sie streiten sich um Kekse. Das

sind sicher Geschwister, und was da abläuft, ist der typische

Futterneid, den man in freier Wildbahn auch bei jungen Wölfen

beobachten kann. Die Rangordnung und somit die gesellschaftliche

Stellung wird so schon vor der Pubertät festgelegt.“

Ich betrachte die Szene genauer. „Stimmt wohl.“ Ich staune.

„Aber es sieht so aus, als würde der Kleinere gewinnen. Bei den

Wölfen wäre das wohl nicht der Fall.“

„Nicht unbedingt“, entgegnet Lily. „Es gewinnt immer der

Stärkere. Derjenige, der sich irgendwie einen Vorteil verschaffen

kann, hat die besseren Überlebenschancen. Dabei spielt alles

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eine Rolle, Größe, Kraft, Ausdauer, aber auch Intelligenz, List

und Erfahrung.“

Ich nicke stumm und betrachte Lily mit einer Mischung

aus Bewunderung und Interesse von der Seite. Sie ist ziemlich

schlau und offensichtlich eine gute Beobachterin. Könnte gut

sein, dass sie Jonathan kennt. Kann ich es wagen und Lily jetzt

schon nach ihm fragen? Nein, besser nicht, schließlich haben

wir uns eben erst kennengelernt, ich werde damit lieber noch

etwas warten. Gut möglich, dass sie sogar befreundet sind.

Vielleicht ist er sogar ihr Freund, sie scheinen ungefähr im

selben Alter zu sein.

Stattdessen verlasse ich den Laden und schlendere mit

Lilys Buch in der Hand weiter, den Weg entlang zum Terrarium

empor. Ein ganz schön mickriges Teil, dieses Buch, denke

ich enttäuscht. Nach kurzem Durchblättern habe ich bereits

gesehen, dass es nur aus kurzen, gedichtartigen Texten besteht.

Nicht gerade eine abendfüllende Story, aber ich habe nicht

unhöflich sein wollen, und öder als die billigen Schundromane

kann es auch nicht sein.

Scheinbar desinteressiert halte ich den Kopf gesenkt, aber

meine Augen spähen wachsam suchend die Gegend nach

Jonathan ab. Immer noch keine Spur von ihm.

Am Terrarium angekommen, sehe ich mich um. Alle guten

Plätze unter den ausladenden Blättern scheinen belegt zu sein.

Auch ein wenig weiter hinten ist alles mit Besuchern überfüllt,

die sich mit einem Picknick und einer Schar lärmender

Kinder ein großes Revier des Tropenparadieses gesichert haben.

Verdammt, fluche ich innerlich, ich bin wieder einmal zu spät

dran. Ich schaue mich weiter suchend um. Am Eingang zum

Terrarium fällt mir plötzlich eine Tür auf, die mit Zutritt nur

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für Personal beschriftet ist. Ich überlege, ob ich nicht eigentlich

auch zum Personal zähle. Was soll’s, ich suche ja nur einen

ruhigeren Platz. Vielleicht ist es auch eine Abkürzung zum

Hauptgebäude zurück.

Vorsichtig öffne ich die Tür und stehe zu meinem Erstaunen

in einem kleinen, lauschigen Innenhof mit einem Baum und

einer kleinen Sitzbank darunter. Na, wer sagt’s denn? Schnell

schließe ich die Tür hinter mir und augenblicklich befinde ich

mich jenseits des Trubels, der Hektik und der Geschäftigkeit des

Tierparkbetriebs. Wow, meine eigene Ferieninsel. Ich setze mich

mit dem Buch auf die kleine Bank in den Schatten. Jetzt fehlen

nur noch das Kissen und ein großes Sandwich, aber morgen

werde ich auch diese Details meiner ansonsten perfekten

Ent deckung optimiert haben.

Entspannt schlage ich das Buch auf und lese die erste Seite,

dort, wo sonst die Widmungen oder andere Kalendersprüche

notiert sind.

Hier ist der Schlüssel zum Versteck all der kostbaren Momente,

die ich insgeheim für dich gespart und aufbewahrt habe. Ich

träume davon, wie sie eines Tages ihren Weg ans Licht finden

werden, damit du sie so erleben kannst, wie ich sie mir für uns

beide ausgedacht habe. Meine Liebe währt immerfort.

In ewig dein, R. D.

Wie schnulzig ist das denn? Erneut lese ich die Zeilen.

Kostbare Momente, Schlüssel zum Versteck, immerwährende

Liebe – das klingt ja doch nach bittersüß tragischem Liebesgesülze.

Hat Lily nicht gesagt, es sei ein faszinierendes Buch? Die

Geschmäcker sind halt verschieden.

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Ich blättere die Seite um, doch als ich mit Lesen beginnen

will, weht der Wind die Seite wieder zurück, sodass ich die

Zeilen nochmal überfliege.

… in ewig dein, R. D.

Das ist mir vorhin nicht aufgefallen. Meine Initialen sind

genau dieselben wie die der Autorin Romilda Darkling. R. D.

für Rosalie Deville. Ich benutze sie, um meine Artikel für die

Schüler zeitung zu unterzeichnen. Sophie hat mich einmal

gefragt, warum ich das tue, mein Name sei doch wunderbar

selbstredend und äußerst treffend für ein Großstadtkind. Allerdings

meinte sie nach kurzem Überlegen auch, sie würde, wenn

es ihr Name wäre, das le am Ende weglassen, dann hieße es

Rosalie Devil, das englische Wort für Teufel.

Später schickte sie mir den Link einer Internetseite mit dem

Namen Nomen est Omen. Dort stand: Der Name jedes Menschen

ist zutiefst mit seinem seelischen Wesen und seinem Schicksal

verbunden. Er ist, wie das Leben, ein Geschenk seiner Eltern

und Vorfahren und zeigt deutlich Aufgabe und Auftrag in dieser

Welt.

Ich hatte mich nur kurz mit diesem Thema befasst, aber dieser

Satz hat sich mir eingeprägt.

Ich beschließe, trotzdem weiterzulesen. Die Einleitung ist

etwas kitschig, aber vielleicht ist sie nur der Ausbruch einer

zutiefst verletzten Seele, die sich an einen mystischen Gedanken

klammert, in der Hoffnung auf Erlösung und Unsterblichkeit.

Natürlich passt das in dieser Kombination nicht wirklich zusammen,

überdenke ich meinen letzten Gedankengang. Erlösung ist

ja letztlich der Tod. Die Unsterblichkeit hingegen dichtet man

eher den Vampiren und Zombies an. Aber hier geht es wohl um

die Unsterblichkeit der Seele und der Erinnerung an die Person.

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Jedenfalls ist R. D. in diesem Buch verewigt, und das ist mehr,

als von den meisten Seelen dieser Welt übrig bleibt.

Ich versuche, diesen Gedanken wegzublättern, und fahre mit

dem Lesen fort.

Die Gedanken

Meine Gedanken sind in ständiger Unordnung.

Manchmal schweifen sie einfach ab

oder machen sich selbstständig.

Oft suche ich nach dem besonderen Gedankenblitz

und genauso oft verliere ich meine Gedanken.

In Gedanken schlafe ich ein,

weil sie dann bei mir sind, wenn ich meine Ruhe haben möchte.

Es erfordert höchste Konzentration,

die Gedanken zu bündeln, zu interpretieren,

und manchmal lassen sie sich einfach nicht bändigen.

Es ist schwer, die Gedanken anderer zu verstehen,

es ist unmöglich, sie zu lesen.

Es erfordert Geschick, zwei Gedanken in Einklang zu bringen.

Es ist so viel Arbeit, sie in Ordnung zu halten.

Joel

„Ich muss aufs Klo“, drängt Julie. „Dringend.“

„Hier ist keins“, antworte ich. Mädchen. Immer im ungünstigsten

Moment müssen sie aufs Klo.

„Vielleicht ist da eins drin?“, quengelt sie weiter.

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„Glaub ich kaum. Hier steht Zutritt nur für Personal.“

„Eine Toilette nur für Personal. Bitte schau nach, Joel.“

„Schau doch selbst“, antworte ich genervt.

„Ich trau mich nicht. Was ist, wenn jemand drin ist?“

„Dann wird er dir sagen, dass du keinen Zutritt hast, was

sonst? Es wird dich schon keiner verhaften, deswegen.“

„Ich trau mich nicht. Mach du es.“

Ich stöhne und verdrehe die Augen. Mädchen sind ja solche

Nervensägen. Also bitte. Ich schiebe sie zur Seite und öffne die

Tür einen Spalt weit.

Hinter der Tür ist ein sonniger Innenhof mit einem kleinen

Rasenplatz in der Mitte. Unter einem alten Baum in der Mitte

steht eine Holzbank, auf der eine feenhafte Gestalt sitzt und ein

Buch liest. Das Sonnenlicht fällt durch die Blätter des Baums

auf ihr rot schimmerndes Haar und helle Lichtflecken tanzen

über ihr Gesicht. Sie ist ganz in ihre Gedanken vertieft und sieht

unbeschreiblich schön aus.

„Was ist?“, drängt Julie.

Schnell und lautlos schließe ich die Tür wieder.

„Kein Klo“, sage ich. „Und es ist jemand drin.“

„Mist“, mault Julie.

Ja, Mist, denke ich. Das wäre der perfekte Ort für ein Treffen

gewesen.

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Das Gleichgewicht der Kräfte

Lily

Gedankenversunken räume ich den Zeitungsständer auf und

entferne die im Verlauf des Tages veralteten Zeitungen. Automatisch

nehme ich eine davon zur Hand und blättere ein paar

Seiten durch, aber in Gedanken schweife ich zurück zu diesem

Mädchen. Die Kleine ist irgendwie cool. Sie ist bestimmt ein

oder zwei Jahre jünger als ich, aber trotzdem war die kurze

Unterhaltung mit ihr spannend und erstaunlich direkt. Es

braucht ziemlichen Mut, jemanden zur Rede zu stellen, von dem

man denkt, er oder sie habe sich nicht korrekt verhalten. Ich

weiß das aus eigener Erfahrung, ich bin da etwas indirekter.

Das ist wohl eine übertrieben harmlose Umschreibung dessen,

wie ich es für gewöhnlich handhabe, das weiß ich selbst. Ich

bringe mich dauernd in Schwierigkeiten damit. Was aber

kann ich dafür, dass ich immer in solch unlösbar verworrene

Geschichten verstrickt werde wie die mit dem fiesen Jungen?

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Leider ist das nur eines von vielen Beispielen. Meine Mutter

schüttelte immer den Kopf, wenn sie sich früher in der Unterstufe

bei den Müttern meiner Klassenkameraden entschuldigen

musste, weil ich jemandem mal wieder die Luft aus dem Fahrrad

gelassen oder die Kleider nach dem Sportunterricht versteckt

hatte. Damals war ich meistens uneinsichtig.

Der hat es doch verdient“, erklärte ich ihr dann trotzig. „Ich

hab selbst gesehen, wie Tom dem Drittklässler aufgelauert ist

und ihm sein ganzes Taschengeld abgenommen hat!“

„Das ist aber nicht dein Problem“, entgegnete meine Mutter

immer. Es kam zu oft heftigen Auseinandersetzungen mit den

Eltern, den Lehrern und auch den Mitschülern. Über die Jahre

habe ich mir den zweifelhaften Ruf eines weiblichen Robin Hoods

zugelegt. So wurde ich von den vermeintlich starken Mit schülern

gehasst und gefürchtet, zog aber dafür einen Rattenschwanz

von Schwächlingen hinter mir her, die andere bei mir verpetzten,

damit ich es denen heimzahlte. Anfangs half ich ihnen, aber da es

ausnahmslos immer an mir hängen blieb, die Sache auszu baden,

hielt ich mich irgendwann von beiden Lagern so gut es ging

fern, was bedeutete, dass ich nicht gerade einen Überschuss an

Freunden hatte. Aber ich war nicht betrübt darüber. Ich verstehe

mich seither bestens aufs Beobachten und Einschätzen von

Situationen und ich hatte eine Menge Zeit zum Lesen. Das

verschafft mir gute Noten in der Schule und den Überblick

über die sozialen Zusammenhänge und Verstrickungen meiner

Mitschüler, was ich oft zu meinem Vorteil nutzen kann.

Als Letztes vergleiche ich die eingetippten Beträge mit dem

Inhalt der Kasse und stecke den überschüssigen Zehner ohne die

Spur eines schlechten Gewissens ein. Schließlich habe ich schon

zu oft Tadel eingesteckt, wenn die Kasse am Ende der Woche

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nicht mit der Inventurliste übereinstimmte. Es ist alles nur eine

Frage des Gleichgewichts. Gerechtigkeit muss man sich eben

erkämpfen, die gibt’s nirgends umsonst.

Rosalie

Inzwischen habe ich mir angewöhnt, meine Zeit draußen zu

verbringen. In Paris hatte ich dazu bislang wenig Gelegenheit.

Meistens hänge ich bei Lily im Laden herum oder schlendere

durch das Tierparkgelände, um nach Jonathan Ausschau zu

halten, der mysteriöserweise wie vom Erdboden verschluckt zu

sein scheint.

Heute aber habe ich fast den ganzen Nachmittag in der Scheune

verbracht. Es gibt so vieles zu entdecken. Ich liebe es, in den

alten Kisten zu stöbern. Im hinteren Teil der Scheune habe ich

mir bereits einen gemütlichen Platz eingerichtet, gut verborgen

hinter dem alten Karussell und dem großen Bücherschrank. Ein

alter, etwas zerschlissener roter Teppich dämmt das Knarren des

zerfurchten Holzbodens und ermöglicht es mir, auf dem Boden

zu sitzen, denn die wenigen vorhandenen Stühle sind allesamt

entweder rostig oder die Stuhlbeine sind nicht mehr vollzählig.

Vor kurzem entdeckte ich einen intakten Gasofen, den ich

ohne Weiteres zum Laufen bringen konnte. Dank diesem kann

ich nun die halbe Nacht hier verbringen, das heißt, ich muss

spätestens um elf im Haus sein, weil Olivia sich sonst Sorgen

macht, aber das ist okay. Ich bin an strengere Regeln gewöhnt.

Alles wäre perfekt, bis auf die Tatsache, dass Jonathan nie

wieder aufgetaucht ist. Ich bin mir sicher, dass auch er oft

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hier herumstöbert. Er wollte doch demnächst wiederkommen.

So habe ich ihn zumindest verstanden. Vielleicht haben wir

uns immer verpasst. Um das zu prüfen, habe ich ein paar Mal

irgendwelche Gegenstände so hingelegt, dass ich tags darauf

sehen würde, ob sie bewegt oder sogar entfernt worden sind. Ich

konnte jedoch nie etwas Eindeutiges feststellen, was ent weder

an meinem fahrigen Gedächtnis liegt oder eben daran, dass

niemand hier gewesen ist. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht

los, dass ich nicht die Einzige bin, die sich hier aufhält.

Die Eule draußen in den Baumwipfeln beginnt mit ihren

abendlichen Rufen. Ich versuche noch immer, das Aufkommen

einer Gänsehaut bei diesem Schuhuen zu unterdrücken. Vielleicht

spukt es hier wirklich.

„Sei nicht kindisch“, sage ich tonlos in die Stille und es hört

sich an wie das Flüstern einer längst verstorbenen Seele aus

dem Jenseits.

Kaum bin ich zurück beim Haus angelangt, bemerke ich, dass

ich Lilys Buch in der Scheune vergessen habe. Mist, muss ich

denn immer alles verlegen? Es ist ganz schön unheimlich, wenn

es dämmert, aber ich will auch nicht das Buch herumliegen lassen,

es könnte geklaut werden und dann hätte ich Zoff mit Lily.

Das Tor ist noch einen Spalt offen, wie ich es verlassen habe.

Ich mache kein Licht an und so sehe ich sofort, dass der Gasofen

noch brennt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich ihn ausgemacht

habe, bevor ich ging. Oder doch nicht?

„Hallo?“, rufe ich zögerlich in die Stille. „Ist da jemand?“

Jonathan würde sich doch zeigen, wenn er hier wäre. Aber es

antwortet niemand.

Ich erschrecke, als plötzlich mein Handy klingelt. Es ist

Sophie, stelle ich erleichtert fest.

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„Salut, Sophie“, grüße ich sie erleichtert, „ich bin gerade

draußen in der Scheune und ich glaube, hier spukt’s. Ich hab’s

mir am Nachmittag etwas gemütlich gemacht, damit ich in Ruhe

lesen kann. Dummerweise hatte ich mein Buch vergessen. Jetzt,

wo ich’s holen will, sehe ich, dass der Ofen brennt, dabei habe

ich ihn ganz sicher ausgemacht. Ja, ich bin sicher … Ziemlich

sicher … Nein, ich bilde mir das nicht ein … Natürlich gibt es

keine Geister, das weiß ich doch auch, aber wir leben hier total

abgelegen … Du hast ja keine Ahnung … Bleibst du bitte noch

dran, bis ich wieder im Haus bin?“

Sorgfältig lösche ich den Ofen und mache mich mit Lilys

Buch in der Hand und Sofies Stimme im Ohr davon.

Romilda

Es ist der schönste und der traurigste Tag in meinem bisherigen

Leben. Natürlich habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als

endlich Vincents Antrag zu erhalten. Wie es sich gehört, hat er

bei meinen Eltern vorgesprochen und meinen Vater mit Honig im

Bart und meine Mutter mit einer glitzernden Halskette um den

Hals in grenzenloser Hochstimmung zurückgelassen. Der Ring

allein könnte meine Zukunft über einige Jahre absichern,

aber nun ist auch mein Ansehen gerettet, und mit ihm das

meiner Familie. Trotzdem ist mein Herz schwer. Mein armer

Jonathan wird nun mein Pferd mit ebensolcher Hingabe versorgen

müssen, wie er mich versorgt weiß. Ich hoffe, dass er der Eifersucht

und dem Neid trotzen und sich mit der Sicherheit unserer

beider Existenzen trösten kann.

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Es bleibt mir ein letzter schwerer Schritt zu tun. Ich muss

Vincent zu einem vorehelichen Liebesakt verführen und

hoffen, dass er danach nicht so genau rechnet wie meine Mutter,

wenn sie erfährt, dass die Tatsache meiner spontan erfolgten

Empfängnis den Termin für die Hochzeit vor die Ankunft ihrer

Schwester legt.

Vincent

„Du bereust doch nicht, was wir getan haben?“

„Warum sollte ich, Liebste?“, frage ich anstelle einer Antwort.

„Glaubst du, ich würde meinen Entschluss, dich zu ehelichen,

dadurch ändern?“

„Um Himmels willen“, stößt Romilda hervor. „Damit hättest

du nicht nur meinen Ruf, sondern auch mein Seelenheil auf dem

Gewissen.“

„Das kann ich auf keinen Fall verantworten“, erwidere ich

lachend.

Natürlich weiß ich genau, was ich soeben getan habe. Ich

habe mit diesem Akt ihren Ruf nicht ruiniert, sondern erst

gerettet. Und meinen noch dazu, um ehrlich zu sein. Die

Leute werden sich ohnehin das Maul zerreißen, aber sie

werden es tolerieren, oder besser noch, bald vergessen haben, da

es in das übliche enge Zeitraster zwischen Hochzeit und Niederkunft

passt. Ich werde ihr dieses Hochzeitsgeschenk bereitwillig

machen und den erfreut Überraschten mimen, wenn sie mich

in etwa einem Monat davon in Kenntnis setzen wird. Ich werde

es tun, weil ich sie gern habe und weil ich Jonathan liebe. Und

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das ist mein Geheimnis, welches ich schützen werde, ebenso wie

die Familie, die wir künftig sein werden und welche nun bis in

alle Ewigkeit besiegelt ist, oder jedenfalls so lange, wie wir uns

einander unsere kleinen Geheimnisse zugestehen werden.

Rosalie

Heute Morgen ist Max bereits weg und ich finde zur

Abwechslung Olivia beim Frühstück vor. Da Max und ich

meist keine Lust zu einem längeren Austausch von Worten in

zusammenhängender Reihenfolge haben, beschränkt sich

unsere Unterhaltung meistens auf: „Morgen“ – „Salut“ – „Alles

klar?“ – „Bestens.“

Damit ist das Wichtigste gesagt und ich kann mich mit einem

Toast und einem Joghurt bestückt an einer Ecke des Küchentischs

in ein Buch vertiefen.

Olivia aber beginnt ohne Umschweife einen ausgedehnten

Monolog, der es mir verunmöglicht, mich auf das neue Buch zu

konzentrieren. Ich versuche, meine Tante mit einsilbigen Antworten

dazu zu bringen, das Thema zu verkürzen, aber das scheint sie

nicht im Geringsten zu irritieren. Ich seufze und klappe demonstrativ

das Buch zu, während ich den Brief, den ich in der Scheune

gefunden habe, als Buchzeichen zwischen die Seiten lege.

„Oh, du hast Post bekommen?“, ruft Olivia aus und freut sich

über ein neues Thema.

„Nein, heutzutage schreibt doch niemand mehr Briefe“, entfährt

es mir unbedacht. „Falls es dir entgangen ist, wir befinden

uns im Zeitalter der elektronischen Botschaften.“

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„Das finde ich schade“, entgegnet Olivia. „Ich finde, die

Handschrift eines Menschen zeigt uns einen großen Teil seines

Charakters. Du kannst viel herauslesen, zum Beispiel, ob jemand

großzügig ist, wenn er mit großen Anfangsbuchstaben und

Bögen …“

Ich hänge bereits wieder meinen eigenen Gedanken nach.

Mir ist gerade klar geworden, dass es mir bisher nicht einmal

entfernt in den Sinn gekommen ist, den Brief zu lesen, seit ich

ihn eingesteckt habe. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich

je einen handschriftlichen Brief bekommen habe, seit jeher bin

ich auf das Blinken des E-Mail-Symbols konditioniert, wenn es

um Nachrichten geht. Nun ist Olivia neugierig auf diesen Brief.

Warum habe ich ihr auch gleich verraten, dass der Brief nicht an

mich gerichtet ist? Was soll ich jetzt sagen, wo ich ihn herhabe?

Ich will auf keinen Fall, dass sie erfährt, dass ich in der alten

Scheune herumgestöbert habe.

„… und ich wäre froh, wenn du mir damit heute helfen

könntest“, beendet Olivia plötzlich ihren Monolog.

Helfen? Wobei denn, überlege ich angestrengt.

„Kein Problem“, antworte ich schnell und mustere den

Küchentisch. Es geht sicher darum, die Küche aufzuräumen, und

das befreit mich von der Verlegenheit, nach einer Erklärung für

den Brief zu suchen.

„Also gut“, sagt Olivia erleichtert, „dann ziehst du am besten

die ältesten Klamotten an, irgendwas, das nicht zu schade ist,

und ich warte am Eingang des Geheges auf dich.“

„Welchem Gehege?“ Ich bin zu verwirrt, um zu überspielen,

dass ich keine Ahnung habe, wovon die Rede ist.

„Vor dem der Pinguine natürlich.“ Olivia schüttelt ver wundert

den Kopf.

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Einen kurzen Moment später zwänge ich mich in ein paar

schon etwas zu kurze Jeans. Das ist das Älteste, was ich dabeihabe.

Es waren vor kurzem meine Lieblingsjeans, aber ich muss

zugeben, dass sie mir inzwischen nicht mehr optimal passen.

Was soll’s, den Pinguinen wird’s nicht auffallen. Ich suche nach

einem Haargummi in meiner Tasche und binde meine Haare

prophylaktisch zu einem Pferdeschwanz zusammen. Missmutig

betrachte ich mich im Spiegel. Jetzt ist es also so weit. Ich bin

zu einem Gretchen mutiert. Wenn ich nur richtig zugehört hätte,

dann wäre mir sicher eine Ausrede in den Sinn gekommen. Was

soll’s, sie wird mir sicher nichts allzu Schwieriges aufbrummen.

Lilys Buch werde ich unter meinem Kopfkissen verstecken.

Irgendwie kommt es mir vor wie ein Tagebuch. Ich will nicht,

dass jemand anderes darin liest, was natürlich albern ist, da es

ja Lilys Buch ist und außerdem kein richtiges Tagebuch. Ein

Buch, das schon viele vor mir gelesen haben, aber trotzdem. Die

Widmung mit den Initialen hat mich seltsam in seinen Bann

gezogen und das Kapitel über die Gedanken ebenso.

Doch bevor ich das Kissen darauf platziere, erinnere ich mich

wieder an den Brief. Ich öffne den Umschlag und nehme ihn

und die Fotografie heraus. Vor Staunen bleibt mir der Mund

offen. Auf dem Foto sind zwei junge Männer abgebildet. Der

eine neben dem Pferd kommt mir bekannt vor. Neugierig drehe

ich das Foto um und versuche die altertümliche Handschrift zu

entziffern: Jonathan Marsen, Vincent Berchtold.

Mein Herz bleibt beinahe stehen vor Entsetzen. Es kann

unmöglich sein, dass der Junge, dem ich in der Scheune

begegnet bin, auf einer Fotografie abgebildet ist, die wahrscheinlich

anfangs des letzten Jahrhunderts aufgenommen worden

ist. Zittrig falte ich den Brief auseinander und sehe enttäuscht,

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dass die Handschrift so alt und krakelig ist, dass ich kaum ein

Wort entziffern kann. Vorsichtig stecke ich beides zurück in den

Umschlag und schiebe ihn unter das Kissen zurück, wo bereits

das Buch liegt. Mein Herz schlägt wie wild. Ich versuche, ruhig

zu atmen. Wie ist das alles zu erklären?

Olivia ist nicht vor dem Pinguingehege, als ich ankomme. Also

gehe ich durch den Eingang und finde sie hinter der Absperrung

auf einem Felsen sitzend und Fische ins Wasser werfend. Wenig

motiviert winke und rufe ich gegen das Geschnatter an. Olivia

schaut kurz auf und deutet mit einem Fisch in der Hand auf das

gegenüberliegende Ende des Geheges. Ich gehe an der Mauer

entlang Richtung Tor und sie lässt mich ein.

„Wunderbar“, freut sie sich. „Pinguine, hört einen Moment

zu! Das ist Rosalie, sie wird sich heute um euch kümmern,

euern Fels abspritzen und das Wasserbecken schrubben. Ihr seid

bitte so lange artig und macht keinen Blödsinn. Es wird nicht

gespritzt oder geschubst! Wenn ich irgendwelche Klagen höre,

gibt’s eine Woche lang keinen Lebertran mehr, habt ihr das alle

verstanden? Henry, du auch?“

Ein wenig angewidert verziehe ich das Gesicht und sehe

verwundert, wie der Pinguin, den Olivia mit Henry angesprochen

hat, seinen Schnabel mit dem Flügel reibt, als wäre es ihm

peinlich. Wäre mir auch unangenehm, wenn ich stinken würde

wie ein gammeliger Hering, denke ich wenig amüsiert. Dass sie

das wirklich durchzieht mit dieser Ansprache. Entweder denkt

sie, ich sei komplett naiv und nehme ihr dieses Theater ab, oder

sie glaubt, es sei witzig.

Ich lächle matt, denn im Moment beschäftigt mich ein ganz

anderes Thema.

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„Ich bin sicher, du wirst keine Schwierigkeiten mit ihnen

haben“, fährt Olivia gutgelaunt fort, „sie lieben Lebertran über

alles, das werden sie bestimmt nicht aufs Spiel setzen.“

„Du nimmst mich auf den Arm“, sage ich skeptisch.

„Natürlich nicht“, versichert Olivia in leicht entrüstetem Ton.

„Die wissen, dass ich keine leeren Drohungen ausspreche.“

Ich sehe sie konsterniert an, aber sie drückt mir bereits den

Schlauch und einen Schrubber in die Hand und macht Anstalten

zu verschwinden. Langsam zweifle ich nicht mehr, dass sie einen

leichten Hick hat. Jedenfalls hat Maman das immer behauptet.

„Wenn ich fertig bin …“, fange ich an.

„Da mach dir keine Sorgen. Ich werde ganz sicher schon

vorher wieder zurück sein“, prophezeit Olivia. „Du wirst hier

eine ganze Weile beschäftigt sein, glaub mir.“

Damit hat sie natürlich Recht. Pinguindreck ist furchtbar

hartnäckig und stinkt wie die Pest. Ich fange da an, wo ich

stehe, und arbeite mich langsam in Richtung des großen Felsens

in der Mitte vor. Schon kurz darauf bin ich völlig erschöpft. Es

ist widerlich und grenzt an Sklavenarbeit. Erst einmal mache

ich Pause. Ich hole das Eulenamulett hervor, um zu sehen, wie

spät es ist. Oh nein, heute wird es nichts mehr mit einem Besuch

bei Lily. Das kann ich wohl knicken.

„Wäre es nicht sinnvoller, du würdest erst einmal ganz oben

beginnen?“, höre ich eine Stimme vom Besucherfelsen her herüberrufen.

Überrascht sehe ich mich um und erstarre. Jonathan

steht auf der Mauer gegenüber und schaut mir amüsiert bei der

Putzaktion zu. Völlig aus dem Konzept gebracht, entgleitet mir

der Schlauch und spritzt unkontrolliert in sämtliche Himmelsrichtungen.

Auch Jonathan bekommt eine kurze Dusche ab,

bevor ich den Schlauch endlich zu fassen bekomme. Als wir

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uns beide triefend gegenüberstehen, bereue ich augenblicklich

die zu kurzen Jeans und den alten Pulli, der mir nass über die

Schulter hängt. Beruhigenderweise sieht Jonathan auch eher

aus wie frisch geschlüpft als wie frisch aus dem Ei gepellt.

„Hast du mich erschreckt“, keuche ich völlig außer Atem.

„Tut mir leid, das soll nicht zur Gewohnheit werden.“ Er

schüttelt seine nassen Stirnfransen und schneidet dabei eine

Grimasse. „Darf ich dir einen gut gemeinten Tipp geben?“

„Nur zu“, erwidere ich knapp.

„Fang doch zuoberst mit dem Reinigen an, sonst machst du

unten gleich alles wieder voller Dreck.“

„Wirklich“, erwidere ich misslaunig, „glaub mir, egal wo ich

anfange, sobald ich fertig bin und mich umdrehe, haben die

Pinguine hinter mir schon wieder alles verwüstet. Damit werde

ich in diesem Leben garantiert nicht mehr fertig!“ Entmutigt

schaue ich auf den scheinbar aus dem Boden wachsenden Felsen,

der sich einem Berg gleich vor mir auftürmt.

„Ach, komm schon.“ Jonathan lacht unbeschwert. „Ich

glaube, du machst das viel zu umständlich. Du musst mehr

Wasser nehmen, um das Ganze richtig aufzuweichen, und dann

erst schrubben. Lass mich dir helfen.“

Leichtfüßig springt er auf die Mauer, balanciert ein paar

Schritte in meine Richtung und hüpft wie eine Raubkatze in

einem Satz auf den Vorsprung des Pinguinfelsens. Ich bin baff

und starre ihn an, als wäre er gerade einem Ufo entstiegen.

Jonathan nimmt mir den Schrubber ab, zieht mich hoch auf

den obersten Punkt des Felsens und weist mich an, mit dem

Schlauch dieses Stück zu bearbeiten. Währenddessen macht

er sich mit dem Schrubber an die Arbeit. Es dauert nicht allzu

lange und der Fels ist blanker als ein Bachkiesel.

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Während wir schweigend arbeiten, betrachte ich ihn fortwährend

aus den Augenwinkeln. Sein Haar ist an den Seiten

kurz geschnitten, nur die Stirnfransen sind lang und fallen ihm

immerzu in die Augen und er wischt sie mit dem Handrücken

wieder und wieder fort. Ich überlege fieberhaft, ob ich ihn auf

die Fotografie und den Brief ansprechen soll, aber ich habe

keine Ahnung, wie ich es einfädeln könnte, dass es nicht

komplett durchgeknallt klingt.

Ich habe keine Ahnung, wie lange wir schon zusammen auf

diesem Felsen stehen. Die Zeit scheint nicht mehr zu existieren.

Ich krame die Kette unter meinem Pulli hervor, klappe die

Eulenflügel beiseite und werfe einen kurzen Blick auf das

Zifferblatt.

„Ich muss jetzt los“, sagt Jonathan abrupt und ohne eine

lange Erklärung. Er schaut mich kurz unter seinen Fransen

hervor an. So sieht es also aus, wenn man die Augen seines

Gegenübers nur angedeutet wahrnimmt. Ich kann nicht einmal

seine Augenfarbe zweifelsfrei erkennen.

„Ja, klar doch“, sage ich. „Danke für deine Hilfe.“

„War mir ein unerwartetes Vergnügen“, entgegnet Jonathan,

und mit einem Satz über die Mauer ist er verschwunden.

Bevor ich mich wundern kann, höre ich Olivias Stimme

hinter mir ertönen. „Du bist ja flink. Ich hätte nie gedacht, dass

du das so schnell und gründlich schaffst“, sagt sie anerkennend.

„Ich hatte ja auch Hilfe“, gebe ich zu, „dein Praktikant hat

mir beim Schrubben geholfen.“

„Welcher Praktikant?“, fragt Olivia erstaunt.

„Jonathan“, erkläre ich. „Er ist groß, gut aussehend, hat

hellbraunes Haar, das ihm andauernd ins Gesicht fällt, und ist

superfreundlich.“

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„Oh, du meinst der, der so aussieht, als hätte man ihn gerade

aus einem Hollywoodfilm entführt?“

“Ja genau“, murmle ich verlegen. „Du kennst ihn?“

“Tut mir leid„, fährt Olivia fort, „das klingt nicht nach

einem unseren Praktikanten. Aber vielleicht bin ich auch nicht

mehr ganz so anfällig für den jugendlichen Charme dieser

heranwachsenden Romeos.“

Ich registriere, dass Olivia offenbar nicht über das gesamte

Personal des Tierparks im Bilde ist. Ich bin mir sicher, dass er

ein Praktikant ist, warum hätte er mir sonst beim Putzen helfen

sollen? Wenn er Olivia nicht aufgefallen ist, dann nur, weil sie

sich entweder zu sehr auf ihre Arbeit konzentriert, oder einen

absolut fehlfunktionierenden Maßstab ansetzt, was die Klassifizierung

der Attraktivität bei Männern angeht. Max ist da keine

gültige Referenz, die das Gegenteil belegt. Er ist ganz passabel

für sein Alter, aber nur, wenn man die verwaschenen Flanellhemden

und die Gummistiefel mental ausblenden kann, was

jedoch ein gewisses Maß an Übung erfordert.

Später beim Abendessen scheitere ich gnadenlos daran, meine

aufgekratzte Laune unter Kontrolle zu halten. Meine Haare sind

noch immer zusammengebunden und Olivia und Max blicken

mich verwundert an. Entweder, weil sie es nicht gewohnt sind,

Blickkontakt mit mir zu haben, oder weil ich plappere wie ein

aufgedrehter Wasserhahn.

„Da steckt also doch eine ungebändigte Euphorie in diesem

wortkargen Mauerblümchen“, neckt mich Max.

„Und die Pinguine? Haben die sich anständig benommen?“,

fragt Olivia, wohl um endlich das Thema auf den eigentlichen

Grund des Felsenschrubbens zu lenken, um das meine Gedanken

seit heute Nachmittag unentwegt schwirren.

83


„Ja, besonders Henry“, bestätige ich übermütig und lache

schallend, als ich Olivias verdutztes Gesicht sehe.

„Du machst Witze.“ Olivia verzieht ihr Gesicht zu einer

Grimasse. „Henry hat nämlich gepetzt und mir gezwitschert,

dass du deinem Zauberlehrling eine unfreiwillige Dusche

verpasst hast. Das nicht spritzen galt übrigens auch für dich.“

Ich habe keine Ahnung, woher Olivia das nun wieder weiß,

aber wenn sie mir weismachen will, dass sie den absoluten Draht

zu Tieren hat und Henry ihr das tatsächlich verraten hat, dann

soll mir das Recht sein. Damit bin ich gedanklich wieder zurück

im Pinguingehege, aber diesmal ist der Fischgeruch eliminiert,

der Felsen mit weichem Gras überzogen und die Pinguine niedliche

Schwalben, die Pirouetten in der Luft drehen. Ich muss

mich ganz dringend mit etwas anderem beschäftigen, bevor ich

noch irgendwo kleben bleibe vor lauter Zuckerguss.

Sophie hat mir heute Abend bereits dreimal eine SMS geschickt

und Maman sollte ich auch dringend zurückrufen. Ich werde es

erst bei Maman versuchen, das wird weniger lange dauern. Ich

bin für beides nicht in der richtigen Stimmung, denn die ist viel

zu euphorisch für das endlose Lamentieren über den unabänderlichen

Lauf der Weltgeschichte und deren Auswirkungen auf das

individuelle Befinden meiner überspannten Mutter oder die Interpretation

der kosmischen Vorhersehung und deren Bedeutung

für das imaginäre Liebesleben meiner Freundin. Es ist trotzdem

besser, es nicht zu lange aufzuschieben, damit die Stimmung der

beiden nicht vollends kippt. Sie sind eh schon ziemlich verwundert,

dass ich mich so gar nicht mehr über das öde Landleben

beschwere. Maman reagiert mit einem Stich von Eifersucht und

Sophie mit einer Mischung aus Misstrauen und dem Verdacht,

dass ich langsam, aber sicher zum Landei werde.

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„Salut Maman“, sage ich freundlich und überrascht, dass sie

schon nach dem zweiten Klingeln abnimmt. Wie erwartet, übernimmt

sie gleich das Gespräch und lässt mich kaum zu Wort

kommen.

„Ja, mir geht’s gut … Alles bestens … Ich hab mich heute im

Tierpark nützlich gemacht und das Pinguingehege geschrubbt …

Nein, das ist nicht gefährlich, die sind harmlos, und außerdem

kann man sie gut unter Kontrolle halten, wenn man ihnen mit

Lebertranentzug droht … Das war ein Scherz, Maman.“

Dass sie immer gleich jedes Wort auf die Goldwaage legen

muss. Ich erzähle noch vom Wetter und was es zu Essen gibt

und will mich dann mit der Ausrede verabschieden, dass ich sehr

müde von der ungewohnten körperlichen Arbeit bin. Das bereue

ich aber augenblicklich, weil Maman gleich anfängt, sie werde

mit Olivia reden müssen, damit diese mich nicht dermaßen überfordere,

sodass ich danach kaum noch in der Lage wäre, mich mit

ihr auch nur fünf Minuten vernünftig zu unterhalten, wenn ich

dann überhaupt endlich mal Zeit für sie hätte.

„Mamaaaan“, maule ich ungehalten, „so ist es doch gar

nicht!“

Es ist keineswegs so, aber ich will unbedingt vermeiden, dass

sie weiter Fragen stellt und mir den eigentlichen Grund für

meine gute Laune entlockt. Die ist nämlich zu meinem eigenen

Erstaunen weiterhin ungetrübt.

Maman seufzt und entschuldigt sich, was mich mehr verwirrt

als die ungerechtfertigten Vorwürfe an Olivias Adresse. Ganz

unverfänglich frage ich also: „Und wie läuft’s bei dir so?“ Damit

bin ich hoffentlich wieder auf sicherem Terrain.

„Ach, ganz gut“, kommt die unerwartete Antwort, „langsam

komme ich ein wenig zur Ruhe.“

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„Toll“, sage ich verwundert, aber das Thema scheint damit

noch nicht erschöpft zu sein.

„Ich werde mir allmählich klar darüber, dass ich so einiges verändern

muss. Meine Prioritäten haben sich in den vergangenen

Jahren etwas einseitig entwickelt. Ich habe einfach meine innere

Balance verloren. Aber ich bin jetzt auf dem richtigen Weg, mein

Karma neu zu definieren.“

Das kam jetzt unerwartet und passt so gar nicht zu ihr.

Maman ist doch der rationale, speditive und vernunftgesteuerte

Typ, diejenige, die sich niemals für irgendwelchen esoterischen

Kram interessiert hat. Sie ist nicht einmal religiös.

„Maman“, sage ich mit angestrengt ruhiger Stimme, „ich bin

froh, das zu hören. Genieß die Zeit und mach dir keine Sorgen

um mich. Ich komme hier gut klar mit Olivia und Max. Und ich

hab auch schon ein Mädchen kennengelernt. Sie arbeitet im

Souvenirladen des Tierparks, nur in den Ferien natürlich … Ja,

ich passe auf … Ja …“

Das Gespräch ist nicht so verlaufen, wie ich es erwartet habe.

Nun bin ich es, die sich Sorgen macht. Steckt meine Mutter

etwa in einer Midlifekrise? Sie ist doch erst zweiunddreißig. Soll

ich Papa kontaktieren und ihm sagen, dass Maman so schräg

drauf ist? Besser nicht, Papa hat nicht gerade das Talent, sie zu

beruhigen, meistens ist eher das Gegenteil der Fall. Ich kann ihn

im Moment sowieso nicht anrufen, weil er irgendwo in Asien

steckt. Er ist nur via E-Mail erreichbar und das Problem hier ist

nicht so klar zu definieren, als dass ich es, in ein paar lockere

Zeilen verpackt, hätte in die Weltgeschichte hinaussenden wollen.

Vielleicht hat Maman auch nur einen tiefen Abstecher nach

Bordeaux im Untergeschoss gemacht. Das würde zumindest das

kurzfristige Aufflackern ihres Karmas erklären.

86


Zwischenräume

Rosalie

Ich habe das dringende Bedürfnis, allein zu sein. Olivia hat

mir heute noch keine Arbeit aufgetragen, also mache ich großmütig

die Küche einigermaßen sauber und mich dann eilig aus

dem Staub, bevor ihr doch noch etwas in den Sinn kommt. Mit

Lilys Buch unter dem Arm schlendere ich den Spazierweg entlang,

erneut in der Hoffnung, zufällig auf Jonathan zu treffen.

Als ich bereits am Kioskladen vorbeigegangen bin, höre ich

unwillkürlich Lilys ansteckendes Lachen. Ich zögere einen kurzen

Moment, bleibe dann aber stehen und sehe auf dem Amulett

nach, wie spät es ist. Es ist noch ziemlich früh. Normalerweise

kommen die ersten Kunden erst nach elf Uhr. Von drinnen höre

ich Lily, wie sie sich über die mit Süßigkeiten und Zeitschriften

bedeckte Theke hinweg mit jemandem unterhält.

„Hast du das Video von den Nova Charms schon gesehen?

Sind echt tolle Ausschnitte aus dem neuen Film, der gerade im

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Kino angelaufen ist. Hast du den auch schon gesehen?“ Sie sagt

es heiter und aufgedreht.

„Nein“, antwortet eine vertraut klingende Jungenstimme.

„Den werde ich mir aber so bald wie möglich ansehen. Also geh

weg mit deinem Ding da, ich will nicht schon all die Highlights

kennen, bevor ich den Film im Kino gesehen habe.“

Lily hält ihm ihr Smartphone wieder und wieder vor die Nase,

auf dem sie sich gerade das Video angesehen hat, und er versucht,

sie davon abzuhalten, ihm die Szenen zu zeigen. Das Gerangel

und Gekicher, das dabei zu hören ist, lässt die Situation

wie eine Filmszene vor meinem innerem Auge abspielen.

Es versetzt mir einen Stich, die beiden so vertraut miteinander

lachen zu hören. Hätte ich mir ja denken können, dass die

sich kennen. Doch dass sie sich gleich so gut verstehen, habe

ich nicht erwartet. Aber sie passen ja auch optimal zusammen.

Lily ist schlank, hochgewachsen und blond, mit einer samtenen

Mädchenstimme, und er ist … er ist einfach perfekt in jeder

Hinsicht. Was soll er schon an mir finden, denke ich düster. Ich

ziehe mir das Haargummi vom Kopf und meine langen Stirnfransen

verbergen hoffentlich das verdächtig feuchte Glitzern

in meinen Augen, während ich mich im Schatten des Eingangs

hinter einem Postkartenständer unsichtbar mache.

„Alles klar?“, fragt Lily, als sie mich schließlich dort findet.

„Salut.“ Ich versuche, ebenso fröhlich zu klingen, wie Lily aussieht.

Aber mein aufgesetztes Lächeln gerät ein wenig zu steif auf

meinem Gesicht. Das ist dann doch zu viel des Guten, denke ich

seufzend und verwerfe die Maske der guten Laune wieder.

„Was ist denn mit dir los?“, fragt Lily. Natürlich ist ihr das

Wechselspiel meiner Gesichtsmimik nicht entgangen.

„Ach, es ist nichts“, weiche ich aus.

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„Erzähl mir keine Märchen.“ Lily schubst mich spielerisch

entrüstet an der Schulter. „Du redest hier mit einem Naturtalent

der Entschlüsselung der Umkehrpsychologie.“

„Was soll das sein?“, frage ich nicht sonderlich interessiert.

„Zum Beispiel wenn ich dem fiesen Direktorensöhnchen sage,

dass er diesen Comicband, der seit Monaten unbeachtet hier

herumliegt, nicht kaufen soll, da es eine völlig überteuerte Sonderausgabe

ist. Er wird ihn daraufhin garantiert kaufen.“

„Dann schicke ich dich am besten einmal zu meiner Mutter“,

antworte ich missgelaunt. „Die kann nämlich sämtliche Tatsachen

und Situationen innert Sekunden komplett umkehren.“

„Ohje“, seufzt Lily, „du hattest also Streit mit deiner Mutter?“

Ich schüttle nur den Kopf. Es ist viel komplizierter als jeder

Streit, den ich jemals mit Maman gehabt habe. Beim Streiten

kenne ich mich aus. Ich weiß genau, welche Waffen ich einsetzen

muss, wann ich offensiv zum Schlag ausholen kann und

wann es besser ist, in Deckung zu gehen. Es ist wie ein jahrelang

eingeübter Kampfsport, bei dem man es nur bis zur Erschöpfung

kommen lässt, niemals darüber hinaus. Aber dieses Spiel, das

jetzt begonnen hat, kenne ich nicht. Wie soll ich da eine Chance

haben, denke ich kopfschüttelnd. Genauso ist es auch im Kampf

um die Gunst dieses Jungen, in den ich blödsinnigerweise verschossen

bin. Natürlich habe ich nicht die geringste Chance gegen

Lily. Ich werde ihr das aber bestimmt nicht erzählen, das

würde unserer neu geschlossenen Freundschaft gleich einen

satten Dämpfer verpassen. Auch hier kenne ich mich mit den

Regeln nicht so genau aus. Ich weiß nur, wenn er wirklich ihr

Freund ist, dann ist er für mich absolut tabu und somit kann ich

ihn gleich abschreiben. Resigniert schüttle ich erneut den Kopf.

„Dein Kopfschütteln ist ja vielsagend“, bemerkt Lily trocken,

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aber trotzdem mit einem aufmunternden Lächeln. „Ich komme

nur leider nicht dahinter, was genau du damit sagen willst.“

„Entschuldige“, sage ich aus meinen Gedanken gerissen, „ich

kann es mir im Moment selber nicht erklären. Also lassen wir

das besser. Was machst du gerade?“

„Ich?“, fragt Lily. „Gar nichts. Ist nichts los heute.“

Erstaunt spähe ich in den Kioskladen. Er ist vollkommen leer.

Olivia

Rosalies Wandlung ist mir nicht entgangen. Zwischen dem

unselbständigen und verschlossenen Teenager, der noch vor

Kurzem etwas verloren in unserem Vorgarten angekommen ist,

und dem aufmerksamen und liebenswürdigen jungen Mädchen

liegen Welten. Ich staune über diese Veränderung, man könnte es

fast schon eine Metamorphose nennen. Rosalie ist sichtlich aufgeblüht,

seit sie sich mit Lily und dem Jungen angefreundet hat.

Ich kenne Lily vom Souvenirladen. Ein aufgewecktes Mädchen,

soweit ich es beurteilen kann, allerdings ist sie bekannt dafür,

dass sie es mit Regeln nicht so genau nimmt.

Den Jungen allerdings habe ich noch nie gesehen, obwohl

Rosalie meint, er wäre ein Praktikant im Tierpark. In den Ferien

hat es oft Praktikanten, die etwas Feriengeld verdienen wollen,

doch einen Jonathan habe ich nirgends auf dem Arbeitsplan gefunden.

Seltsam, aber das wird sich sicher bald aufklären. Sie

scheint richtig angetan von ihm zu sein. Ich will sie jedoch nicht

drängen, ihn mir vorzustellen, ich bin ja schließlich nicht ihre

Mutter. Es wird sich sicher irgendwann die Gelegenheit ergeben.

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Rosalie

Ich brauche dringend eine Ablenkung, meine Gedanken

drehen sich seit heute Vormittag nur noch im Kreis und lassen

sich nicht einordnen.

Wie ist Lily nur zu diesem Buch gekommen? Es ist schon

seltsam geschrieben. Es besteht aus kurzen Abhandlungen über

die abstrakten Dinge des Lebens, die man normalerweise gar

nicht hinterfragt. Aber das macht es interessant.

Ich schlage das Buch auf, nehme den Brief, den ich als Buchzeichen

benutze, zwischen den Seiten heraus, und betrachte ihn

einmal mehr. Das Buch klappt zu. Herrgott bin ich heute schusselig.

Erneut suche ich nach den Seiten und beginne zu lesen.

Die Zeit

Ich würde gern die Zeit in Ordnung halten.

Ich würde die Wartezeit verkürzen.

Ich würde den Zeitvertreib vertreiben

und durch Freizeit ersetzen.

Ich würde genügend Auszeit planen

und die verpasste Zeit mit Zeitfenstern versehen,

damit ich jederzeit einen Blick darauf werfen könnte.

In Zeitlupe würde ich Glücksmomente ablegen

und Trauerzeiten ins Zeitalter der Dunkelheit verbannen.

Ich würde die Zeit hochschätzen

und ihre höchsten Momente zur Hochzeit erklären.

Und ab und zu würde ich eine Zeitenwende einbauen,

um zurückkehren zu können,

und alles noch einmal neu zu erleben.

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Das ist genau, was ich mir wünsche. Ich wünsche mir

nichts sehnlicher, als die Zeit zurückdrehen zu können, um die

beiden Begegnungen mit Jonathan noch einmal zu erleben. In

den vergangenen Tagen bin ich so oft ich konnte im Tierpark

gewesen und habe Ausschau nach ihm gehalten, aber vergebens.

Ich möchte mir endlich Gewissheit verschaffen, was es

mit dem Foto auf sich hat. Er scheint sich in Luft aufgelöst zu

haben, bis auf vorhin bei Lily. Doch am liebsten würde ich diese

Erkenntnis ungeschehen machen und das Rad einfach zurückdrehen.

Ich habe mir die Zeit mit sinnlosem Warten vertrieben,

in der Hoffnung, ich könne endlich erfahren, ob er tatsächlich

ein Praktikum hier macht. Je mehr Zeit vergeht, desto unwirklicher

kommen mir unsere Begegnungen vor.

Schon komisch, dass die Zeit einen scheinbar straft mit der

Geschwindigkeit, in der sie vorübergeht. Viel zu schnell, wenn

man glücklich ist, und quälend langsam, wenn man sich nach

etwas sehnt. Warum kann man sie nicht beeinflussen? Wenn

sie verstrichen ist, ist sie unwiederbringlich weg und nichts von

dem, was passiert ist, hat einen realen Bezug zur Gegenwart.

Wenn sich nun auch noch herausstellt, dass Jonathan Lilys

Freund ist, dann ist das super kompliziert. Wie soll ich mich

dann verhalten? Kann ich dann weiter mit ihr befreundet sein?

Und was, wenn ich ihm wiederbegegne? Mit dieser Gegenwart

kann ich mich absolut nicht anfreunden.

Aber eigentlich habe ich Jonathan gar nicht direkt mit ihr gesehen.

Weder seine Anwesenheit im Laden, noch sein Weggehen

habe ich mit eigenen Augen sehen können, dabei habe ich die

ganze Zeit davorgestanden. Es könnte theoretisch irgendein Typ

gewesen sein, der zufälligerweise eine ähnliche Stimme hatte.

Es kommt mir alles wie ein seltsamer Traum vor, in dem man

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sich sicher ist, nicht zu träumen, aber trotzdem alles keinen Sinn

ergibt. Alles könnte eine Erinnerung sein oder nur ein Wunschtraum.

Das Gedächtnis entscheidet, wie man es deklariert. Das

hat mit der Realität nicht viel zu tun.

Immer wieder sehe ich mir das Foto an und kann es mir nicht

erklären. Die Ähnlichkeit ist mehr als verblüffend, auch wenn

das Foto alt und vergilbt ist. Und beide heißen Jonathan, das

kann doch kein Zufall sein. Das Unsinnigste erscheint mir plötzlich

am plausibelsten. Wie ist ein Sprung durch Zeit und Raum

zu erklären? Existiert Jonathan etwa in verschiedenen Zeiten?

Kann er durch die Zeit reisen? Gibt es ihn vielleicht sogar mehrfach,

und nur einer davon ist Lilys Freund?

Romilda

„Die Amulette …“, fange ich zögernd an.

„Was ist damit?“, fragt Jonathan, ohne aufzublicken.

„Wieso hast du sie gewählt?“

„Es war Zufall“, antwortet Jonathan lächelnd. „Ich hab sie

von einem Straßenhändler erstanden, du weißt schon, sie sind

nicht viel wert, aber sie haben mir gefallen.“

„Das hab ich nicht gemeint“, entgegne ich. „Warum hast du

die Eule für mich ausgewählt und nicht den Fuchs? Der hätte

doch besser zu mir gepasst, wegen meiner Haarfarbe.“

„Die Eule passt perfekt zu dir“, unterbricht mich Jonathan.

„Erstens bist du eine Langschläferin und zweitens steckst du

dauernd deinen Schnabel bis spät in die Nacht in Bücher hinein.

Außerdem machst du komische Geräusche, wenn du …“

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„Untersteh dich, diesen Satz zu beenden, du Scheusal!“

Lachend werfe ich ein zusammengeknülltes Blatt Papier nach

ihm, das er gekonnt auffängt und prompt auseinanderfaltet.

„Du weißt, dass du nichts davon lesen darfst, solange ich es

nicht sauber ins Buch geschrieben habe“, sage ich vorwurfsvoll.

„Wenn du es mir förmlich an den Kopf wirfst …“

„Auch dann nicht.“ Ich sehe ihn mit hochgezogenen Augenbrauen

an.

„Dann sag mir wenigstens, was du da schreibst“, bettelt er,

um mir ein Lächeln zu entlocken.

„Gedanken“, erwidere ich knapp, aber das Lächeln kann

ich ihm nicht verwehren. Ich liebe es, wenn er sich für mein

Geschreibsel interessiert. Ich liebe ihn und davon handeln auch

die Texte.

Joel

Inzwischen hat sie die Scheune völlig in Beschlag ge nommen.

Ihr süßlicher Rosenduft hängt wie ein unsichtbarer Schleier über

dem staubigen Dunst, der durch den spärlichen Lichteinfall der

Fenster über der Szenerie schwebt. Wahrscheinlich geht es ihr

wie mir, der Bann dieser alten Sachen lässt sie nicht mehr los.

Eigentlich sollte ich mich besser von hier fernhalten. Sie hat das

dritte Amulett bereits gefunden. Ich habe gesehen, wie sie es

unter ihrem Pulli hervorgezogen hat. Es ist der Schreck gewesen,

der mich dazu bewogen hat, so überstürzt zu verschwinden.

Irgendetwas ist besonders an diesen Anhängern. Natürlich, sie

sind alt, die Zeit hat ihren Wert verändert. Es liegt immer etwas

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Mystisches in der Vergangenheit. Offenbar steckt eine Geschichte

dahinter, ein Geheimnis vielleicht.

Ich habe ein seltsames Gefühl, aber ich muss herausfinden,

was es damit auf sich hat. Wie aber soll ich sie danach fragen?

Kann ich mir dein Amulett ausborgen, ich möchte kurz die

kosmischen Gesetze auf ihre Gültigkeit prüfen? Das hört sich

doch bescheuert an. Und übrigens, mein Name ist Joel. Aber

die Zeit für eine Richtigstellung ist längst verstrichen. Sie wird

mich für verrückt halten. Das wäre nicht so schlimm, denn

wahrscheinlich bin ich das auch. Verrückt, dass ich immer

wieder hier aufkreuze und sie beobachte. Vielleich sogar ein

bisschen verrückt nach ihr.

Lily

Mäßig interessiert schleicht Rosalie seit Tagen hier im Laden

zwischen der Tür und dem Bücherregal herum. Alle paar Minuten

wirft sie wie zufällig einen Blick nach draußen. Was zum Henker

sucht sie?

„Suchst du wieder nach neuer Lektüre?“, frage ich amüsiert.

„Sag nicht, du bist bereits durch mit meinem Buch?“

„Nein“, entgegnet Rosalie. „Noch nicht. Ich mag es, aber die

Texte sind nicht so einfach zu verstehen.“

„Warum denn?“, frage ich neugierig. „Es ist doch ganz offensichtlich,

worum es Romilda in ihrem Buch geht. Sie beschreibt

ihre Gedanken und Wünsche. Es ist eben ziemlich metaphorisch

geschrieben. Das bedeutet ...“

„Ich weiß schon, was das bedeutet“, entgegnet Rosalie. „Sie

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eschreibt es sehr anschaulich, soviel hab ich schon kapiert. Ich

verstehe nur nicht, was sie dazu bewogen hat. Ich glaube, sie

war unglücklich über die Dinge, die sie nicht selbst beeinflussen

konnte, wie zum Beispiel die Zeit.“

„Genau“, bestätige ich, „die Zeit schien ihr sehr zu schaffen

zu machen. Sie fühlte sich scheinbar fremd in ihrer Zeit. Eine

Zeit, die wir uns gar nicht mehr vorstellen können. In den letzten

hundert Jahren hat sich so einiges verändert - die Gesellschaft,

die Werte und die Stellung der Frau.“

„Aber einiges ist noch immer gleich“, insistiert Rosalie, die

sich plötzlich ohne ersichtlichen Grund aufregt. „Noch immer

sind wir zwischen Hoffen und Bangen dem Warten hilflos ausgeliefert.

Noch immer vergeht die Zeit viel zu schnell oder nie

schnell genug, je nachdem, wie wir uns gerade fühlen, und wir

haben nicht den geringsten Einfluss darauf.“

Ich schaue sie verblüfft an.

„Und sie ist nicht umkehrbar“, fährt Rosalie fort. „Die Zeit

läuft immer nur in einer Richtung ab, oder nicht? Man kann

nicht in der Vergangenheit aufräumen oder in der Zukunft

Vorkehrungen treffen. Es gibt keine Möglichkeit, sich zwischen

diesen Zeitzonen hin und her zu bewegen, oder?“

„Ich glaube nicht“, antworte ich zögernd. „Es gibt haufenweise

Literatur zu diesem Thema, aber meines Wissens noch keinen

Beweis, dass es irgendjemandem je gelungen ist.“

Rosalie sieht mich so betroffen an, als würde ich ihr gerade

erklären, warum der Osterhase die Eier nicht selber legt.

„Das muss aber nicht bedeuten, dass es nicht irgendwann

möglich ist“, beteuere ich schnell. „Die Menschheit hat

einige tausend Jahre an Evolution, Wissen und Kultur anhäufen

müssen, bis es ihr schlussendlich gelungen ist, den Mond zu

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erreichen. Und es bleibt uns noch immer die Wurmlochtheorie

zu erforschen, also die Verbindung von zwei Seiten desselben

Raumes durch einen Tunnel, der zwei weit entfernte Orte im

Universum miteinander verbindet.“

Rosalie betrachtet gedankenverloren den von Menschen

wimmeln den und dadurch lebendig wirkenden Platz vor dem

Laden.

„Warum ist es ihm dann gelungen?“, murmelt sie leise.

„Wem ist was gelungen?“, frage ich nach und mustere sie

skeptisch.

Rosalie überlegt kurz, bevor sie mit der Sprache herausrückt.

„Ich hab mich gefragt, ob dieser Junge, dem ich hier schon ein

paar Mal begegnet bin, wohl durch so ein Wurmloch gefallen ist.“

„Ach, danach hältst du also Ausschau. Du quatschst hier

tiefgründiges Zeug, dabei geht es die ganze Zeit nur darum,

dass du dich in einen Jungen verknallt hast. Dann bin ich ja

beruhigt, ich dachte schon, du hättest einen an der Klatsche.

Wie sieht er denn aus? Bist du schon mit ihm ausgegangen?“,

frage ich neugierig.

„Er ist groß und sieht aus, wie … als hätte Romilda Darkling

ihn erfunden. Ich kenne ihn nur flüchtig und du kennst ihn

womöglich auch. Sein Name ist Jonathan.“

Gespannt wartet sie meine Reaktion ab, doch ich habe keine

Ahnung, auf wen sie anspielt. Ich überlegt einen Augenblick,

und schüttle nur den Kopf.

„Ich kenne niemanden, der so heißt“, sage ich achselzuckend

und Rosalies gute Laune wird augenblicklich wieder von einer

großen, dunklen Wolke der Enttäuschung überschattet.

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Zeitspannen und Spannungen

Olivia

Max steht in der Küche und werkelt mit ein paar Töpfen

herum. Rosalie kommt gerade nach Hause.

„Alles klar?“ – „Sicher.“ – „Hunger?“ – „Bisschen.“

Die Unterhaltung ist somit für beide erledigt. Rosalie nimmt

wortlos die Teller, die auf der Ablage stehen, und bringt sie zum

Esstisch. Inzwischen hat sie gelernt, sich ungefragt nützlich

zu machen. Es duftet nach frischem Basilikum und ich sehe

amüsiert, dass die Pflanze auf dem Fenstersims aussieht, als

wäre er mit einer Machete traktiert worden.

Wie immer, wenn ich den beiden vor sich hin schweigenden

gegenübersitze, versuche ich, ein Thema zu finden, das sowohl

meinen Mann als auch meine Nichte zu ein paar Worten der

Unterhaltung hinreißen könnte.

„Wie geht’s Violetta?“

„Gut“, antwortet Rosalie, ohne vom Teller aufzublicken.

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Das war wohl nichts. Zudem ist es kein Thema, das Max

besonders interessiert. Ich denke also nach, was Rosalie in den

vergangenen Tagen bei Laune gehalten hat, und frage einer

plötzlichen unbedachten Eingebung folgend: „Was ist eigentlich

aus diesem Jonathan geworden? Du hast gar nichts mehr

von ihm erzählt die letzten Tage.“

Rosalie schluckt den Bissen, den sie gerade im Mund hat ohne

weiter zu kauen herunter und schaut von ihrem Teller auf. Max

lässt ebenfalls den Blick von seiner Gabel ab und hält einen

Moment inne, bevor er sich die nächste Ladung hineinschaufelt.

„Nichts“, antwortet Rosalie und das Thema ist für sie damit

erledigt.

Dass man ihr auch jeden Wurm aus der Nase ziehen muss. Ich

versuche es weiter.

„Ich frag ja nur, weil du so begeistert von ihm gesprochen

hast. Ist das schon wieder vorbei? Ich meine, ist er schon nicht

mehr angesagt?“

Max hält geräuschvoll den Atem an und sieht mich an, als

hätte ich soeben einen Bundesrat geduzt. Ich habe es tatsächlich

fertiggebracht, dass beide mir ihre Aufmerksamkeit schenken.

„Nein“, beginnt Rosalie. „Also, er hat sich schon die ganze

Woche nicht blicken lassen. Nicht, dass ich ihn gesucht oder

vermisst hätte … Es fällt mir jetzt erst auf, wo du ihn erwähnst“,

beteuert sie etwas zu beflissen, „und was meinst du überhaupt

mit angesagt? Nur weil ich ihn ab und zu erwähnt habe, muss

das doch lange nicht bedeuten, dass ich … oder, dass ich nicht

mehr … das hat überhaupt nichts zu sagen und angesagt sagt

man schon gar nicht“, schlägt sie nun wild mit Worten um sich.

„Ist ja schon gut“, versuche ich die Lage zu entkrampfen. „Ich

wollte mich nur nach ihm erkundigen.“

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„Ich hab keinen Hunger mehr. Kann ich gehen?“, fragt sie und

lässt ihren halbvollen Teller und unsere beiden bekümmerten

Gesichter zurück.

Max

„Das war jetzt vielleicht ein bisschen …“, fange ich vorsichtig

an, verstumme aber, als Olivia laut seufzt.

„Sie ist ein Teenager, Max“, entgegnet sie achselzuckend.

„Die leben in einem ganz anderen Zeit-Raum-Kontinuum.

Sie befinden sich zwischen Realität und Wunschtraum, irgendwo

zwischen hier und jetzt. Sie reden nicht einmal die gleiche

Sprache wie wir.“

„Kein Wunder, habe ich das eben nicht verstanden“, pflichte

ich ihr schmunzelnd bei. „Dass du dich auch an solche Themen

wie Jungs heranwagst, wow.“

„Herrje“, stöhnt sie auf, „das sollte doch kein Verhör werden!

Und was willst du damit überhaupt sagen? Ich bin schließlich

nicht ihre Oma. So etwas werde ich doch noch fragen dürfen.

Ich versteh sehr wohl, was sich in einer pubertierenden

Mädchenseele abspielt, ich bin weder spießig noch naiv und

mit sechsundzwanzig noch lange nicht zu alt dafür. Außerdem

wollte ich nur ein wenig Konversation machen, aber das ist

weiß Gott nicht einfach mit euch beiden!“

Ich schaue sie prüfend an. Sie hat sich soeben selbst widersprochen

und in der Hitze des Gefechts die Sache gekonnt mir in

die Schuhe geschoben. Ich überlege, wie ich ihr schonend und

ohne allzu viele Argumente außer Acht zu lassen beibringen

100


kann, dass ich nicht im mindesten auf ihr Alter abgezielt habe,

sondern nur auf ihr Bedürfnis, alles zu bereden. Schweigen ist

immerhin auch eine Form der Kommunikation, in der, wenn es

nicht in unbequemes oder betretenes Schweigen ausartet, der

Zustand der inneren Ausgeglichenheit ausgedrückt wird.

Aber während ich noch versuche, das, was ich zwar fließend

denken kann, in angemessene Worte zu übersetzen, durchbricht

Olivia meinen letzten Gedankengang und setzt die Unterhaltung

in Alleingang fort: „Du machst es dir einmal wieder sehr einfach

mit deiner verbalen Zurückhaltung und deiner emotionalen

Enthaltsamkeit.“

Romilda

„Lass uns die Zeit anhalten“, sage ich mit einem Blick auf

das Zifferblatt meines Amuletts.

„Das würde ich sofort tun, mein Liebling“, antwortet Jonathan,

ohne zu zögern.

„Ich weiß.“

„Was hast du auf dem Herzen? Raus damit“, ermutigt er

mich. „Du kannst es mir anvertrauen.“

„Es geht alles zu schnell“, klage ich. „Die Zeit drängt uns zu

Entscheidungen, die wir später bereuen werden.“

„Ich bereue nichts“, antwortet Jonathan mit Überzeugung.

„Wenn ich das täte, müsste ich auch bereuen, dich zu lieben,

und das wäre grauenvoll.“

Ich lächle ihn trotz meiner Zweifel und Bekümmertheit an.

„Doch es ist falsch, Vincent zu belügen“, insistiere ich. „Er

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ist der beste Freund, den man sich wünschen kann. Das hat er

nicht verdient.“

„Was hat er nicht verdient?“, unterbricht mich Jonathan.

„Die wundervollste Frau der Welt zu haben?“

Ich muss unwillkürlich lächeln. Er ist einfach hinreißend in

seiner Überschwänglichkeit.

„Ich verrate dir etwas“, flüstert Jonathan mir ins Ohr. „Eigentlich

ist es ein Geheimnis, aber ich könnte dich einweihen.“

„Was ist es“, flüstere ich erwartungsvoll zurück.

„Wenn sich alle drei Amulette an ein und demselben Ort

befinden und von ihren Besitzern gleichzeitig angehalten

werden, steht die Zeit tatsächlich still.“

Rosalie

Schon viel zu früh an diesem Abend in meinem Zimmer eingeschlossen,

will ich es nun nicht wieder verlassen. Wozu auch?

Lily ist sicher längst nach Hause gegangen und die Scheune

interessiert mich auch nicht. Ich will weder Max noch Olivia

begegnen, also bleibe ich besser in meiner Höhle. Bloß eine

einzige Begegnung würde mich von meinen quälenden und

immer wiederkehrenden trüben Gedanken befreien, doch es gibt

anscheinend wenig Hoffnung, dass er sich irgendwo da draußen

aufhält. Jedenfalls nicht im Umkreis dieses Reviers oder dieser

Zeitzone. Also kann ich mich auch gleich unter der Bettdecke

verkriechen.

Warum hat Olivia gerade jetzt in diese offene Wunde

stechen müssen? Es ist schon hart gewesen, Lily gegenüber

102


nicht ein zugestehen, dass seit Tagen mein ganzes Seelenheil

von der Präsenz oder, noch schlimmer, von der Existenz eines

Jungen abhängt, von dem ich nicht einmal sicher bin, ob ich

ihn mir nur einbilde. Nein, er existiert, daran gibt es nicht den

geringsten Zweifel! Immerhin gibt es sogar ein Foto von ihm,

das beweist, dass es ihn zumindest gegeben hat.

Doch genau an diesem Punkt kommen meine Gedanken ins

Rotieren. Der Beweis beweist eigentlich nur eines ganz klar,

nämlich, dass ich überhaupt keine Ahnung habe, wer und wo

dieser Junge ist, und vor allem nicht, wann.

Um mich von meinem bedauernswerten Zustand abzulenken,

nehme ich Lilys Buch hervor und werfe den Umschlag mit dem

Foto entgegen meiner sonstigen Gewohnheit achtlos in Richtung

Kommode.

Nein, denke ich finster, ich werde dich keines weiteren Blickes

mehr würdigen, so wie auch du dich nicht im geringsten mehr

bei mir blicken lässt. Es ist aus und vorbei.

Ich lege das Buch aufgeschlagen auf mein Kissen, und

während ich noch versuche, die losen Fransen mit den Fingern

in das Haargummi zu flechten, wandern meine Augen bereits

über den nächsten Textabschnitt.

Der Abstand

Er ist undefinierbar weit

und erstreckt sich über mehrere Aspekte.

Man kann ihn aber ungefähr einschätzen,

indem man die räumliche Distanz

mit der zeitlichen Trennung multipliziert

und durch die Anzahl der Augenblicke des Vermissens teilt.

103


Ich bin vom Mindestabstand ausgegangen,

habe aber vergessen, den Sicherheitsabstand einzuberechnen.

Damit habe ich den Höflichkeitsabstand

um einiges verkürzt und somit verfehlt.

Nun bin ich um Lichtjahre vom Ziel entrückt.

Der Abstand wird somit zur Entfernung,

die, objektiv betrachtet, so beabsichtigt ist.

Er muss entweder respektiert oder überwunden werden.

Aber sicher gibt es einen Zwischenraum,

in den ich mich zwischenzeitlich begeben kann,

bis zwischen Raum und Zeit die Dinge wieder

ihre phasenbedingte Position eingenommen haben

und der Lauf der Dinge ihre Bahnen wieder neu berechnet hat.

Das verstehe ich nun gar nicht mehr. Warum muss man

immer irgendwelche Abstände berechnen, einkalkulieren

oder bezwingen? Wäre es nicht einfacher, man könnte eine

Distanz, die einmal überwunden ist, einfach hinter sich lassen?

Aber auch wenn ich mich noch so sehr bemühe, der Abstand zu

Maman ist, solange wir uns beide auf denselben Quadratmetern

aufhalten, niemals zu überwinden. Erst eine reale Entfernung

scheint uns einander wieder etwas näher zu bringen. Also gibt

es ganz verschiedene Arten oder Definitionen von Abstand. Die

Entfernung, was den Ort des Aufenthalts anbelangt, ist sehr

einfach zu ermitteln. Aber die emotionale Distanz, die sich von

zwei verschiedenen Gesichtspunkten her definieren muss, ist

fast unmöglich herauszufinden.

Wie weit ist Jonathan von mir entfernt, während ich in

Gedanken keinen Zentimeter von seiner Seite weiche? Und

wer berechnet eigentlich den Lauf der Dinge? Ist es allein dem

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Schicksal zu überlassen, wie die Dinge sich entwickeln, oder

kann man sie durch die Kraft der Gedanken auch mit beeinflussen?

Meine Gedanken schweifen ab und überwinden plötzlich

mühelos jede Distanz.

Ich habe wieder verschlafen. Nach einem Blick auf mein

Amulett springe ich erschrocken auf. Warum passiert mir das

immer, wenn ich sogar früher als sonst zu Bett gehe? Ich habe

gelesen und bin dabei eingeschlafen.

Schnell schlüpfe ich in die Jeans, schnappe mir das Buch, das

neben meinem Kopfkissen liegt, und husche aus dem Zimmer

am Bad vorbei in die Küche.

„Morgen“, lasse ich verlauten, noch ehe ich die Tür erreicht

habe, doch es sind weder Max noch Olivia da, die etwas erwidern

könnten.

Mir ist mulmig zumute wegen des gestrigen Zwischenfalls.

Natürlich habe ich überreagiert auf Olivias Frage, das ist mir

heute Morgen klar. Hoffentlich sind die beiden nicht beleidigt

und denken, ich sei eine verzickte Göre, oder noch schlimmer,

ich sei undankbar. Ich finde es nämlich inzwischen ziemlich

cool hier.

Ich nehme mir zwei Scheiben Toast und mache mich eilig

auf den Weg in den Tierpark. Mal sehen, ob ich Olivia zur Hand

gehen kann. Ich will die Unstimmigkeiten so rasch wie möglich

ausräumen.

Beim Tierpark angekommen, sehe ich mich erst einmal um.

Ein Blick auf das Amulett verrät, dass es kurz vor elf ist, also

noch zu früh für den allmittäglichen Besucheransturm. Olivia

wird noch nicht durch sein mit ihrer Runde, aber sie ist nirgends

zu sehen. Das Affengehege sieht aus wie nach einer Schlacht

am kalten Buffet, also ist sie hier schon fertig mit der Essens-

105


verteilung. Beim Terrarium stoße ich beinahe mit der kleinen

Karre zusammen, die Olivia zum Transportieren der Futterkessel

braucht. Sie kann also nicht weit sein. Als ich aber um die Ecke

spurte, bleibe ich abrupt und mit offenem Mund stehen. Auf

der anderen Seite des Tigergeheges steht Jonathan unübersehbar

ans Geländer gelehnt. Vor Schreck weiß ich nicht, wie ich

reagieren soll.

„Hey“, ruft er gut gelaunt und lehnt sich winkend herüber.

„Hey“, rufe ich zurück, da mir nichts Schlaueres einfällt.

„Alles klar bei den Pinguinen? Wenn du vorhast, nun beim

Tiger aufzuräumen, muss ich dir leider für heute eine Absage

erteilen“, bringt Jonathan humorvoll die Unterhaltung auf unsere

letzte Begegnung. Es ist also wahr, ich bin erleichtert. Ich habe es

nicht nur geträumt. Die Sonne blendet und ich sehe durch meine

zusammengekniffenen Augen, wie er mich anlächelt. Blendend,

ist alles, was ich denken kann.

„Keine Sorge“, antworte ich, bemüht den Gesprächsfaden

nicht abreißen zu lassen, „das ist erst für morgen vorgesehen.“

„Gut“, ruft Jonathan zurück und lächelt, „heute hab ich schon

etwas vor.“

„Was denn?“, frage ich, bevor ich mich zurückhalten kann.

„Kino“, höre ich ihn rufen. „Ist schon lange geplant.“

Ich überlege, ob er sich womöglich den Film anschaut, über

den er sich mit Lily im Laden unterhalten hat. Aber bevor ich eine

vage interessierte Frage in dieser Richtung stellen kann, höre ich

bereits einige Gesprächsfetzen herüberwehen: „… Buch ist ein uralter

Klassiker … endlich verfilmt worden … absolut der Hammer“

Gab es damals schon Kinos, überlege ich? Vielleicht gab es

nur Theaterstücke oder die ersten Stummfilme und er ist nun

fasziniert von all den Spezialeffekten und dem Dolby Surround,

106


das wäre ich sicher auch. Kann er mich denn nicht fragen,

ob ich mitkommen möchte? Soll ich ihn fragen? Nein, das ist

zu aufdringlich. Er sollte schon selbst auf die Idee kommen.

Ich lasse meinen Blick nervös über die umherschlendernden

Besucher wandern und bete still, er möge den gegenwärtigen

ersehnten Augenblick nicht mit einem nichtssagenden Mach’s

gut in den Abgrund des Tigergeheges stürzen lassen.

„Wir sehen uns“, ruft er aber dann und wendet sich in die

Richtung, aus der er gekommen ist.

Mein Herz macht einen Aussetzer und schlägt dann unverzüglich

schneller, wie um den verpassten Pulsschlag wieder

wettzumachen. Bevor ich etwas Vernünftiges sagen kann, ist er

verschwunden. Er scheint einfach nicht greifbar zu sein. Warum

schaffe ich es nie, locker und unbeschwert mit ihm zu plaudern?

Liegt es an meinen hyperaktiven Hormonen, die mir eine Überdosis

Endorphine verabreichen, sobald ich ihn sehe, oder eher

daran, dass er ein zeitunabhängiges Phänomen zu sein scheint?

Vielleicht kann er gar nicht mit mir ausgehen, da niemand

außer mir ihn sehen kann. Er spaziert einfach am frühen Nachmittag

ins Kino, wenn noch wenig Besucher da sind, und setzt

sich auf einen leeren Platz. Das klingt absolut albern und ich

bin mir wirklich nicht sicher, ob ich gerade mein Herz oder

meinen Verstand verliere.

Ich renne zurück nach Hause. Irgendwo dort muss eine dieser

Zeitungen sein. Max lässt sie doch sonst immer herumliegen,

doch ausgerechnet heute hat Olivia gründlich aufgeräumt. Es

ist zum Verrücktwerden. Ich könnte auch mit dem Handy im

Internet nachsehen. Wo aber ist mein verflixtes Handy?

Endlich finde ich es unter einem T-Shirt, das den Weg in

den Wäschekorb noch nicht gefunden hat. Kinoprogramm Bern,

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Cineman. Vierzehn Uhr ist die erste Vorstellung, dann erst wieder

eine um siebzehn Uhr und noch eine weitere um zwanzig

Uhr fünfzehn. Das Kino heißt Capitol an der Kramgasse. Keine

Ahnung, wo das ist, aber ich werde mich durchgoogeln.

Mist, es ist schon fast ein Uhr. Soll ich mich noch umziehen?

Vielleicht konnte er mich im gleißenden Sonnenlicht auch nicht

so klar sehen. Ich könnte mir ein Kleid anziehen. Besser nicht,

sonst denkt er, ich hätte mich extra für ihn herausgeputzt.

Ich öffne den kleineren Koffer, den ich bisher noch gar nicht

geöffnet habe. Die Jeans behalte ich an und ziehe nur ein neues

T-Shirt an. Das ärmellose Goldfarbene und den beigefarbenen

Blazer dazu – oh nein, ich habe die passenden Schuhe nicht mit

eingepackt. Was ist nur los mit mir? Ich höre mich ja schon an

wie Maman. Er wird sich kaum für meine Schuhe interessieren,

ich kann froh sein, wenn er überhaupt eine Spur von Interesse

für mich aufbringt. Das Amulett werde ich tragen und die Haare

zusammenbinden. Nein, besser doch nicht. Ich muss los, sonst

schaffe ich’s nicht rechtzeitig.

Der Bus hält nicht weit von hier. Ich habe ein paar dieser

Münzen, die ich noch immer nicht auf Anhieb auseinanderhalten

kann, in meiner Hosentasche. Das sollte reichen für ein Ticket.

Ich werfe sie wahllos in den Schlitz und sie landen scheppernd

wieder im Ausgabefach.

„Sie müssen erst den Zielort eingeben, junges Fräulein“, sagt

eine ältere Frau neben mir.

Natürlich, daran habe ich nicht gedacht. Ich nicke lächelnd

und danke ihr in schnellem Französisch, damit sie denkt, ich sei

eine Touristin und keine dämliche Tussi.

Der Bus kommt und ich steige ganz hinten ein.

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Joel

„Joel, hörst du nicht zu?“

„Was ist?“, frage ich in Gedanken versunken. Ich suche nach

etwas Kleingeld für Popcorn, finde aber nur leere Kaugummipapiere

in meiner Jackentasche.

„Ich muss aufs Klo. Wartest du hier?“

Ich stöhne innerlich. Danach könnte man eine Uhr richten.

Cola öffnen, zehn Minuten warten, Klo aufsuchen.

„Ja, geh schon. Aber wenn der Film weitergeht, bin ich

wieder drin.“

Ich weiß, wie das auf der Damentoilette aussieht. Eine endlose

Schlange mit albernen Mädchen, die nur aufs Klo gehen, um ihr

Make-up zu überprüfen. Aber Julie ist acht, sie findet unseren

Platz auch alleine wieder.

„Warte auf mich“, mault sie, stellt sich aber trotzdem in die

Reihe mit den kichernden Mädchen im Foyer.

Mein Blick schweift durch die Menschenmenge. Überrascht

stutze ich. Rosalie? Einen kurzen Moment ist ihr Gesicht in

der Menge aufgetaucht. Es ist zum Bersten voll in dem Foyer.

Mein Glück, dann hat sie vielleicht nicht bemerkt, dass ich mit

meiner kleinen Schwester hier bin. Wäre peinlich, wenn sie

mich mit ihr zusammen sehen würde. Dass ich dauernd die

Kleine an der Backe habe, nervt, aber ich hab’s Mama versprochen.

Ich wäre viel lieber mit ihr ins Kino gegangen, aber ich

kann ja kaum meine Schwester zu einem Date mitbringen. Und

nun sehen wir uns trotzdem denselben Film an. Zur selben

Zeit, fast gemeinsam. Nur fühlt es sich überhaupt nicht an, wie

etwas Gemeinsames. So wie nebeneinandersitzend, das Popcorn

teilen, Hand in Hand.

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Rosalie

Der Film ist ausverkauft. Die erste Vorstellung wäre weniger

voll gewesen, aber die habe ich sausen lassen, da ich Jonathan

nirgendwo entdecken konnte. Stattdessen bin ich die Hauptgasse

auf- und abgeschritten, in der Hoffnung, ihm ganz zufällig zu

begegnen, damit er eine weitere Chance hat, mich zum Kinobesuch

zu überreden. Aber er tauchte nirgends auf. Bei der

zweiten Vorstellung habe ich dann doch ein Ticket gekauft. Er

hat es ja drauf, wie ein Phantom aufzutauchen und wieder zu

verschwinden. Warum nicht zur Abwechslung im Kino?

„Klasse Film, findest du nicht auch?“

Oh nein, ich will jetzt nicht in einen Smalltalk mit einem

fremden Typen verwickelt werden. Ich bin mit Jonathan hier,

wenn es auch für Außenstehende nicht ersichtlich ist.

„Klar“, sage ich deshalb kurz angebunden und ärgere mich

sofort, dass ich vergessen habe, auf Französisch zu antworten.

Das hätte mir sicher den weiteren Verlauf dieses unerwünschten

Gesprächs erspart. Der Typ lässt sich aber nicht so einfach abblitzen

und will mich weiter mit Fragen löchern.

„Hast du Lust, nach dem Kino noch etwas trinken zu gehen?

Kennst du das Highlight?“

„Sorry, ich bin mit meinem Freund da.“ Der Typ sieht mich

fragend an. „Er ist auf dem Klo, kommt aber gleich wieder.“

„Dein fester Freund oder einfach nur so ein Freund?“, bohrt

der Typ weiter.

Das ist doch kaum zu fassen. Allein im Foyer eines Kinos herumzustehen,

mit einem wildfremden Idioten über die Beziehung

mit meinem imaginären Freund zu diskutieren und dabei so zu

wirken, als hätte ich ein echtes Date, ist selbst für meine Ver-

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hältnisse ziemlich bedenklich. Sophie würde mich für verrückt

erklären. Doch was habe ich für Optionen? Außer Lily, Olivia und

Max kenne ich niemanden in dieser Stadt und die haben alle zu

tun mit ihren Jobs. Ich habe schließlich Ferien, da ist es wohl

erlaubt, mal ins Kino zu gehen, mit wem auch immer. Oh

Scheiße! Ich habe vergessen, eine Nachricht für Olivia und

Max zu hinterlassen. Ich sollte sie anrufen. Wo ist nur wieder

mein Handy? Hab ich es verloren oder zu Hause liegen lassen?

So ein Mist aber auch. Meine Gedanken sind zurzeit völlig von

Jonathan blockiert. Hoffentlich sind sie nicht sauer, wenn ich mich

zum Abendessen verspäte. Ich werde einfach sagen, dass ich im

Kino war, ganz spontan. Mit Jonathan, genau. Dann werden sie

schon verstehen, dass ich etwas zerstreut bin und vergessen habe,

Bescheid zu sagen. Olivia ist nicht so streng wie Maman in diesen

Dingen.

„Wie spät ist es?“, frage ich den Typen, der immer noch

neben mir steht.

Er schaut kurz auf sein Handy und sagt: „Viertel vor sechs.“

„Schon? Merde!“

Es ist erst Pause. Das dauert ja ewig. Ich kämpfe mich durch

die Menge nach draußen. Der Film interessiert mich nicht

mehr und wenigstens bin ich den Typen so auch gleich los.

Ich werde mir den Film sowieso noch mindestens drei Mal

mit Sophie ansehen müssen, weil sie den Hauptdarsteller vergöttert.

Die Sache mit Jonathan ist ohnehin gelaufen. Selbst

wenn er sich irgendwo in dieser Menge aufhalten sollte und

ich mich trauen würde, ihn anzusprechen, hätte ich keine Zeit

mehr, um mit ihm etwas zu unternehmen. Ich werde schon

jetzt ziemlich spät zum Abendessen kommen.

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Olivia

„Wo steckt Rosalie eigentlich?“, fragt Max kurz vor dem

Abendessen. „Ich habe sie heute noch gar nicht gesehen.“

„Ich auch nicht“, bestätige ich. „Sie ist nicht wie üblich im

Tierpark aufgekreuzt. Ist sie nicht in ihrem Zimmer?“

„Nein. Sie wird wohl noch etwas durch die Gegend schmollen

und sich in Selbstmitleid baden. Das kann nicht mehr allzu lange

dauern“, versucht Max es mit Humor zu übertünchen.

„Aber sie braucht sich doch nicht gleich den ganzen Tag zu

verkrümeln. Langsam mache ich mir wirklich Sorgen. Ich werde

versuchen, sie auf ihrem Handy zu erreichen.“

Ich wähle die Nummer, die in roter Schrift von einem Zettel

leuchtet, der flatternd an der Kühlschranktüre haftet. Das dumpfe

Plärren einer vertrauten Melodie dringt durch den Flur.

„Das war ja klar“, seufze ich. „Natürlich hat sie ihr Handy

in ihrem Zimmer liegen lassen. Ich schaue einmal nach, ob sie

auch irgendeine Nachricht hinterlassen hat.“

„Das würde ich an deiner Stelle nicht …“, fängt Max an, aber

ich bin schon verschwunden und es bleibt ihm nichts anderes

übrig, als den Satz unvollendet im Raum stehen zu lassen.

Es kann nichts Gutes dabei herauskommen, wenn man sich

einer Teenagerlaune unterwirft. Wenn diese erstmal beschlossen

haben, ihre Mitmenschen mit Verachtung zu strafen, das weiß

ich aus eigener Erfahrung, helfen auch die besten Absichten

nicht, das gutgemeinte Kümmern nicht als bevormundendes

Einmischen aussehen zu lassen. Also kann ich gleich in ihrem

Zimmer nachsehen. Ihre Laune wird dadurch kaum schlechter

werden können.

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Max

Ich stelle den Auflauf besser zurück in den Backofen, das

kann noch ein Weilchen dauern. Die Tageszeitung liegt unter

einem Stapel mit der ungelesenen Post und ich versuche, mich

mäßig interessiert in die Schlagzeilen zu vertiefen. War ja klar,

dass es früher oder später zu Reibereien kommen musste. Sie

ist eben ein Teenager, wir haben in dem Alter alle ein bisschen

rebelliert und ab und zu auf Vorschriften gepfiffen. Das wird

sich schon wieder legen. Sie wird ja nicht gleich mit dem erst

besten Freund durchbrennen.

„Max!“

Olivias Stimme klingt plötzlich beunruhigend schrill.

Was ist denn nun los? Hat sie tatsächlich eine Nachricht

gefunden, in der steht, dass Rosalie ausgerissen ist? Dass dieser

Kerl sie zu irgendwelchem Blödsinn gezwungen hat? An etwas

Schlimmeres will ich gar nicht denken. Ich springe vom Sessel

auf und eile durch den Korridor in Rosalies Zimmer.

„Was ist los?“, frage ich außer Atem, weniger von dem kurzen

Spurt durch den Flur als von der düsteren Vorahnung über die

bevorstehende Neuigkeit.

„Sieh dir das einmal an!“, ruft Olivia aufgelöst und streckt

mir einen alten Brief und ein Foto entgegen.

Mit skeptischem Blick erst auf den Brief, dann auf Olivia

nehme ich das gefaltete und vergilbte Stück Papier in die Hand

und versuche zu entschlüsseln, worum es sich handelt. Die

Schrift ist klein, sauber zwar, aber trotzdem nicht auf Anhieb

lesbar. Darum frage ich kurzerhand: „Was steht drin?“

„Es ist wirklich unglaublich“, fährt Olivia in aufgebrachtem

Ton fort.

113


„Nun beruhige dich doch“, versuche ich sie zu beschwichtigen.

„Soweit ich das beurteilen kann, ist es keine Nachricht von

Rosalie. Ich dachte schon, sie hätte sich mit ihrem neuen Freund

aus dem Staub gemacht.“

„Es gibt ihn gar nicht, diesen mysteriösen Freund“, ereifert

sich Olivia. „Das heißt, es hat ihn schon gegeben, aber er ist

nicht ihr Freund und ich bezweifle, dass er überhaupt noch lebt.“

„Nun versteh ich gar nichts mehr.“ Erneut konzentriere ich

mich auf den Brief.

„Es ist verwirrend, das geb ich zu“, räumt Olivia ein. „Aber

sieh doch mal hier. Das ist ein uralter Brief, den Rosalie wohl

irgendwo gefunden hat. Ich hab ihn schon gesehen, sie benutzt

ihn als Buchzeichen. Als ich vorhin ins Zimmer kam, sah ich

ihn neben der Kommode auf dem Boden liegen. Automatisch

habe ich ihn aufgehoben, weil ich weiß, dass er Rosalie gehört

oder dass sie ihn besitzt, denn gehören tut er ihr ganz

sicher nicht. Jedenfalls ist dabei dieses Foto herausgefallen. Erst

hab ich mir nichts dabei gedacht, aber sieh mal, hier auf der

Rückseite steht es: Jonathan und Vincent.“

„Tut mir leid, aber dass ergibt doch alles keinen Sinn.“ Ich

schüttle nur den Kopf.

„Und ob“, schließt Olivia den Fall ab. „Jonathan ist dieser

junge Mann hier auf dem Foto. Dieser offensichtlich sehr gut

aussehende junge Mann! Rosalie hat sich in das Foto verknallt

und uns in ihrem jugendlichen Eifer einen imaginären Freund

vorgegaukelt.“

„Warum sollte sie so etwas tun?“, frage ich ungläubig.

„Was weiß ich?“, sagt Olivia dennoch entschlossen. „Aus

Langeweile vielleicht, oder um sich wichtig zu machen.

Keine Ahnung, warum sie das nötig hat, aber es ist ein

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durchaus verbreitetes psychisches Phänomen.“

„Phänomen?“ Allmählich wird mir das alles zu bunt. „Eher

eine psychische Störung. Du solltest besser deine Schwester

anrufen. Es geht ja auch nicht, dass sie stundenlang wegbleibt,

ohne uns zu sagen, wo sie sich herumtreibt.“

Rosalie

„Tut mir leid!“ Erstaunt drehen sich beide um. Ich stehe hinter

ihnen in der geöffneten Zimmertür mit geröteten Wangen

und hängenden Schultern. „Es tut mir wirklich leid“, sage ich

nochmals mit schuldbewusster Miene, „ich hab nicht so lange

wegbleiben wollen.“

„Wo um Himmels willen warst du denn?“ Olivia zieht mich

mit einem Ruck an sich und drückt mir kurz die Luft ab in ihrer

überschwänglichen Erleichterung.

„Erst war ich drüben im Tierpark, um dich zu suchen“, erkläre

ich aufrichtig. „Aber anstatt dich habe ich Jonathan getroffen

und er hat mich mit ins Kino genommen. Wir wollten uns erst

die Vorstellung um 14 Uhr ansehen, aber wir verpassten den

Anfang, also gingen wir in die spätere …“

„Rosalie!“, zischt Olivia schärfer, als ich erwartet hätte.

„Was denn?“ Ich erschrecke. „Ich war schon öfter mit Freunden

im Kino. Der Film hat nicht einmal eine Altersbeschränkung. Ich

weiß, ich hätte erst fragen müssen, aber es war eine spontane

Idee.“

„Setz dich“, sagt Max in ruhigem Ton, bemüht, die Situation

nicht eskalieren zu lassen.

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Mir ist nicht bewusst, dass ich mich mit dieser Geschichte

gerade in die Nesseln gesetzt habe, aber Olivia klärt mich unmissverständlich

auf.

„Wir wissen, dass das gelogen ist“, sagt sie mit vor Enttäuschung

zittriger Stimme. „Warum erzählst du uns dieses

Märchen? Sag uns einfach, wo du warst und warum du glaubst,

du müsstest uns einen erfundenen Freund vorflunkern.“

„Er ist nicht erfunden!“, rufe ich entrüstet. “Verstehst du

nicht? Er ist wieder aufgetaucht, es gibt ihn wirklich! Ich hatte

ja selbst schon angefangen, daran zu zweifeln, aber gerade in

dem Augenblick, als ich auf mein Amulett schaute, um zu sehen,

wie spät es ist, war er wieder da. Genau wie beim letzten Mal.

Ich glaube, das Amulett lässt ihn erscheinen!“

Olivia sieht mich mit großen Augen bekümmert an.

Max

Was ist das denn nun für eine Geschichte? Sie kann doch

wirklich nicht erwarten, dass wir ihr glauben, nur weil sie dem

Amulett magische Fähigkeiten andichtet. Die ganze Sache ist

noch beunruhigender, als ich zunächst angenommen habe. Ich

ziehe Olivia beiseite, bevor sie zu einer weiteren Standpauke

ansetzen kann, und sage mit ruhiger Stimme: „Okay, Rosalie.

Beruhige dich erst einmal. Wasch dich und dann komm in die

Küche zum Abendessen.“

Ich ziehe Olivia aus dem Zimmer und mit mir in die Küche.

Sie setzt sich an den Küchentisch und nippt gedankenverloren

an einem halbleeren Wasserglas. Ich nehme es ihr schweigend

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aus der Hand und ersetze es durch ein halbvolles Weinglas.

„Was ist denn bloß in sie gefahren?“ Sie schüttelt betrübt den

Kopf. „Sie hat sich da in eine seltsame Fantasie verstrickt. Das

macht mir Sorgen, Max. Mit vierzehn sollte sie Realität und

Wunschdenken langsam unterscheiden können. Wie sollen wir

darauf nur reagieren?“

„Ruf deine Schwester an. Sie soll entscheiden, was für

Konse quenzen das hat. Wir können Rosalie schließlich keine

Strafe aufbrummen, jedenfalls nicht ohne Violettas Zustimmung“,

sage ich nur.

„Sie hat ja nichts wirklich Schlimmes getan“, überlegt Olivia

laut. „Ich bin auch manchmal weggeblieben oder habe meinen

Eltern nicht immer die Wahrheit erzählt. Wir sollten sie nicht

vorschnell verurteilen.“

„Tun wir nicht, aber denke an die letzten Tage, Olivia. Rosalie

hat begonnen, sich immer mehr abzuschotten. Was ist, wenn sie

plötzlich doch eine Dummheit begeht?“

„Wieso denkst du immer gleich ans Schlimmste?“, fragt sie

erschrocken.

Ich kann ihr keine passende Antwort auf diese Frage geben.

Eigentlich bin ich es ja, der versucht hat, das Ganze locker und

unverkrampft anzugehen. Aber diese Situation gerät allmählich

aus dem Ruder. Ich habe ein ungutes Gefühl.

Olivia

Das Abendessen hat noch schweigsamer stattgefunden als

üblich. Rosalies Laune ist nicht schlechter als sonst, aber das

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macht mich ehrlich gesagt auch nicht ruhiger. Ich werde nicht

schlau aus ihr, sie lässt mich einfach nicht an sich heran. Den

ganzen Abend lang habe ich hin und her überlegt und schlussendlich

muss ich Max recht geben. Violetta sollte es erfahren.

Mit einem weiteren Glas Wein mache ich mich auf ins

Arbeitszimmer und suche nach dem Adressbuch, das ich irgendwo

in einer Schublade des alten Schreibtischs deponiert habe.

Nach kurzem Stöbern finde ich es. Ich drehe die kleine Visitenkarte,

die ich darin gefunden habe, um und lese die winzigen,

in kursiver Schrift gedruckten Zeilen unter dem vertrauten Namen

mehrmals durch. All diese Titel – alles nur eine Kombination

von Buchstaben, die mir ihre genaue Bedeutung und den damit

verbundenen Bewunderungsgrad nicht vermitteln können. Oh,

Violetta, wer bist du nur? Warum bist du mir so fremd geworden?

Ich weiß, dass ich nicht um dieses Gespräch herumkommen

werde, aber ich kann mich einfach nicht durchringen, diese

Nummer zu wählen.

Rosalie

Unaufgefordert räume ich den Tisch ab und spüle das

Geschirr. Ich habe gesehen, wie Olivia und Max tiefgründige

und schwere Blicke ausgetauscht haben. Was werden sie jetzt

unternehmen? Sie glauben kein Wort von dem, was ich erzählt

habe. Ist ihnen auch nicht zu verübeln, schließlich glaube ich

es selbst kaum. Aber es ist wirklich zu blöd, dass Olivia diesen

Brief gefunden und auch noch geöffnet hat. Hätte sie das Foto

nicht gesehen, wäre meine Geschichte aufgegangen.

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Und das mit dem Amulett ist auch eine dämliche Sache,

das hätte ich nicht erwähnen sollen. Aber so unglaubwürdig

auch alles scheint, ich habe in dieser Beziehung nicht gelogen.

Ich bin ziemlich schlampig, zugegeben. Ich habe das Foto,

mein Handy und auch die Zeit vergessen. Ich habe vergessen,

Bescheid zu sagen, und auch, dass Olivia und Max sich sicher

Sorgen machen würden. Dass ich nicht mit Jonathan dort war,

sondern nur wegen ihm, war auch nicht ganz der Wahrheit

entsprechend, aber das bedeutet nicht, dass ich komplett durchgedreht

bin und ihn mir nur eingebildet habe.

Max sieht fern und Olivia ist im Arbeitszimmer verschwunden.

Es gibt nichts weiter zu tun und ich will mir jetzt keinen Vortrag

über Verantwortung oder erste Dates anhören. Gedankenversunken

öffne ich die Tür meines kleinen Zimmers und erschrecke

zum zweiten Mal an diesem Tag.

„Jonathan, was machst du hier?“, flüstere ich beinahe panisch

und schließe eilig die Tür hinter mir. Nach dem Desaster vorhin

will ich mir nicht vorstellen, wie Max und Olivia reagieren werden,

wenn sie einen Jungen in meinem Zimmer vorfinden. Wie schafft

er es nur, immer an den unpassendsten Orten aufzutauchen?

„Ich muss dich dringend sprechen“, flüstert Jonathan zurück.

Sein Anblick, seine Stimme, der Schreck und die Enttäuschung

über die Ereignisse der vergangenen Stunden lassen

meine Gedanken in schwindelerregende Turbulenzen geraten.

Mein Herz pocht bis zum Anschlag. Ich träume wohl, denke

ich im ersten Augenblick. Aber nein, er ist tatsächlich hier in

diesem Zimmer. Wie oft habe ich mir dies in den letzten Tagen

gewünscht. Es ist wie in einer dieser romantischen Komödien,

nur dass ich im Moment das Gefühl habe, im falschen Film zu

sein. Das wird unmöglich ein Happy End geben.

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„Geh besser wieder“, entscheide ich immer noch flüsternd.

„Ich habe bereits genug Ärger für heute.“

„Okay, das werde ich“, sagt Jonathan. „Aber erst möchte ich

dich um etwas bitten.“

„Was denn?“, frage ich, doch plötzlich habe ich eine Idee. Ohne

seine Antwort abzuwarten, lege ich meine Hand auf seinen Arm

und sage: „Komm mit.“

„Wohin?“ Jonathan ist sichtlich irritiert.

„Ich werde dich meinem Onkel und meiner Tante vorstellen“,

erkläre ich in bestimmten Ton. „Sie sollen dich kennenlernen.“

„Ich … Nein … Das geht nicht“, stammelt Jonathan erschrocken.

„Doch, klar geht das. Hab dich nicht so, sie werden dir wohl

kaum gleich den Kopf abreißen.“ Plötzlich bin ich ganz aufgekratzt.

Jetzt wird sich alles klären. Jetzt müssen sie mir einfach

glauben.

Ich öffne die Tür und rufe: „Olivia, Max!“

Max

Ein weiteres Mal höre ich heute meinen Namen durch den

Flur dröhnen. Doch diesmal schrecke ich nicht sofort auf. Ich

nehme die Fernbedienung und stelle den Ton auf stumm. Langsam

erhebe ich mich aus dem Sessel und nehme einen großen

Schluck aus dem noch halbvollen Bierglas. Eigentlich ist mein

Tagesbedarf an Aufregung für heute gedeckt.

Olivia erscheint vor mir im Flur und wir sehen beide Rosalies

Kopf hinter der Zimmertür hervorragen.

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„Er ist hier“, verkündet sie strahlend. „Er ist hier in meinem

Zimmer. Seht selbst.“

Sie öffnet die Tür und unser Blick fällt staunend auf ein leeres

Bett.

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Komplikationen

Jonathan

Es wird immer schwieriger, ein bisschen Zeit mit ihr zu

verbringen. Ich muss meine Zeit stehlen und sie muss ihre

rechtfertigen. Wir sehen uns kaum noch, und wenn, ist Vincent

immer dabei. Unsere Diskussionen, so interessant sie auch sind,

drehen sich um Bücher, Kunst und lauter Dinge, zu denen ich

wenig beitragen kann.

Die Nachricht von ihrer Schwangerschaft hat alles verändert.

Nun hat sie kaum mehr Zeit für mich übrig. Rund um die

Uhr wird sie bemuttert und geschont, als wäre ihr Zustand eine

schwere Krankheit, die absolute Ruhe verlangt. Vincent kann

unmöglich glauben, dass er der Vater ist, aber er spielt diese

Rolle hervorragend. Zu gut für meinen Geschmack, aber seine

Überfürsorglichkeit scheint Romilda auch noch zu gefallen. Bald

glauben sie beide, dass es ihr gemeinsames Kind ist …

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„Was ist los mit dir?“, fragt Vincent.

„Ich weiß nicht, was du meinst“, verteidige ich mich.

„Du bist unkonzentriert. Du solltest besser auf Silberschweif

achten, sein Vorderbein lahmt. Ich will, dass er in einem tadellosen

Zustand ist, wenn ich am Wochenende mit Romildas Vater

ausreite.“

„Keine Sorge, ich kümmere mich darum“, antworte ich. „Er

ist in einen Dorn getreten. Die Wunde hat sich entzündet, weil

ich sie nicht sofort entdeckt habe. Ich …“

„Das sollte nicht passieren“, unterbricht mich Vincent. „Du

musst ihn besser kontrollieren. Wo bist du bloß mit deinen

Gedanken?“

Olivia

Das Gespräch ist nicht gut verlaufen. Violetta ist verärgert

über diese Komplikationen, wie sie es nennt. Ich habe sie zu

beruhigen versucht, aber das scheint sie noch mehr darin zu

bestärken, mir zu verstehen zu geben, dass ich mit der Aufgabe,

ihre Tochter zu beaufsichtigen, offensichtlich überfordert

sei. Ich habe ihr zu erklären versucht, dass zwei oder drei Tage

Hausarrest bestimmt die nötige erzieherische Wirkung erzielen

werden, aber es hilft alles nichts. Violetta besteht darauf, Rosalie

so schnell wie möglich abzuholen. Ich bin bestürzt. Das Problem

bin doch nicht ich, auch wenn ich nicht die Zeit habe, um Rosalie

den ganzen Tag zu beaufsichtigen. Schließlich ist Violetta

ebenfalls berufstätig. Sie streunt ja nicht tagtäglich verwahrlost

auf der Straße herum. Sie hat Aufgaben zu erledigen und wir

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achten auf gemeinsame Mahlzeiten. Es ist eindeutig, dass Rosalie

Probleme hat, Realität und Fantasie voneinander zu trennen.

Aber das kommt bei fantasievollen Menschen eben manchmal

vor. Das lässt sich sicher mit Gesprächen und Zuwendung ganz

einfach wieder ins Lot bringen. Doch Violetta ist für diese Art

der Kritik überhaupt nicht offen. So schlimm, wie sie es aufbauscht,

ist die ganze Angelegenheit nun auch wieder nicht.

„Du hast wie immer keinen Schimmer, was wirklich abläuft“,

kritisiert sie mich. „Du lebst weit jenseits der Realität, das war

schon immer so. Mit all deinen Tiergeschichten, das ist Kinderkram.

Rosalie aber lebt in einer digitalen und virtuellen Zeit.

Die Jugendlichen heute stellen haufenweise Fotos ins Netz und

inszenieren ihre Profile und Alter Egos in der Öffentlichkeit,

ohne zu wissen, was sie tun oder was sie dabei riskieren.

Imaginäre Freunde sind keine Lappalie angesichts des Vorfalls,

der sich vor kurzem an ihrer Schule ereignet hat.“

„Davon kann ich ja nichts wissen, da du mir nie etwas davon

erzählt hast.“

„Es wird auch nicht länger dein Problem sein. Es hat nichts

mit dir zu tun, aber meine Entscheidung ist definitiv“, sagt sie

streng und damit ist die Diskussion beendet.

Es ist absolut haltlos, mir einerseits die Schuld in die Schuhe

zu schieben und mich gleichzeitig auszubooten. Für meine

Schwester, die Anwältin, ist der Fall abgeschlossen. Und ich darf

nun das Urteil Max und Rosalie verkünden. Das kann jedoch bis

zum Frühstück warten.

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Rosalie

„Was hast du getan? Du hast Maman angerufen?“ Mir schießen

die Tränen der Wut in die Augen. Ich fange an zu brüllen. „Wie

konntest du mir das antun? Ich habe nicht gelogen! Er war in

meinem Zimmer, aber dieser Feigling ist einfach durchs offene

Fenster abgehauen!“

„Es war niemand im Zimmer“, beharrt Olivia. „Du hast es dir

vielleicht gewünscht oder …“

„Nein!“, brülle ich weiter. „Ich hab es mir nicht eingebildet!“

Ich bin verzweifelt. Warum glauben sie mir nicht? Warum sollte

ich sie belügen? „Gut“, räume ich ein, „ich war im Kino, ohne

um Erlaubnis zu fragen. Das war dumm. Aber konntest du es

nicht einfach bei einer Verwarnung oder Hausarrest belassen?“

„Rosalie, ich wollte dich doch damit nicht bestrafen“, versucht

Olivia mich zu beschwichtigen. „Aber ich musste es ihr

erzählen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass sie gleich …“

„Musstest du nicht!“, schreie ich erneut. „Du weißt genau, wie

sie ist! Das ist einfach nicht fair!“

Ich renne in mein Zimmer und schlage die Tür mit Wucht

zu, wie ich es zu Hause bei Maman auch getan hätte. Was ist

denn nur los? Hat sich das gesamte Universum gegen mich

verschworen? Jedes Mal, wenn etwas Gutes passiert, geschieht

kurz darauf etwas Schreckliches. Als würde ich jedes Mal

dafür bestraft werden, glücklich zu sein. Warum hat Olivia gleich

Maman angerufen und warum reagiert diese immer wie eine

Furie? Warum ist Jonathan, dieser Idiot, einfach abgehauen und

hat mich im Stich gelassen?

Wütend stopfe ich meine Sachen so, wie sie mir in die Finger

kommen, in die Taschen und Koffer, sauber oder schmutzig, es

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ist mir scheißegal. Ich gehe zur Kommode und suche nach dem

Eulenamulett, aber es ist nicht da. Jetzt kann ich die Tränen

nicht mehr zurückhalten. Ich bin ganz sicher, dass ich es hier

hingelegt habe. Warum ist eigentlich nichts mehr da, wo es sein

sollte? Weinend werfe ich mich aufs Bett und bleibe reglos liegen,

bis auf mein Schluchzen.

Violetta

„Ich kann nicht mehr. Ich weiß nicht mehr weiter. Mir bleibt

auch wirklich nichts erspart.“

„Du bist ja völlig fertig. Nimm erst einmal einen Drink, das

ist gut für deine Nerven“, versucht Elena mich am Telefon zu

beruhigen. „Und dann erzähl mir, was passiert ist. Du klingst ja

grauenhaft.“

„Ich weiß nicht, was genau geschehen ist“, antworte ich wirr.

„Aber es war keine gute Idee, sie dorthin zu schicken.“

„Das weißt du doch gar nicht“, versucht sie mich zu

beschwichtigen. Klar, es war ja auch ihre Idee gewesen.

„Und ob ich das weiß. Sie ist dem noch nicht gewachsen,

sie hat ganz andere Probleme im Moment. Es war zu früh, sie

überhaupt damit zu konfrontieren, solange ich hier nicht durchblicke.“

„Hast du denn schon etwas Neues herausgefunden?“, fragt

sie, wie schon so oft in den letzten Wochen.

„Nein“, antworte ich genervt. „Er ist schon eine Weile

unterwegs und sicher ist er nicht so bescheuert, dass er die

SMS seiner Geliebten an mich weiterleitet. Ich kann sein Handy

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nur checken, wenn er hier ist. So nachlässig, wie er ist, benutzt

er seit Jahrzehnten den gleichen Pincode. Wenn ich nur

wüsste, wer diese SMS damals gesendet hat, aber mit diesen

unterdrückten Nummern heutzutage … unmöglich. Glaubst du,

ich sollte jemanden beauftragen? Einen Privatdetektiv oder

so? Ich habe auch nichts über irgendwelche neuen finanziellen

Arrange ments herausfinden können. Vielleicht hat er ja auch

nicht gleich vor, mit diesem Flittchen ernst zu machen.“

„Du hast nichts entdeckt“, wiederholt Elena nachdenklich.

„Dann hör auf, dir Sorgen zu machen. Er wird Rosie schon

nicht enterben, solange er keinen Beweis hat, dass sie nicht

seine Tochter ist. Woher sollte er das auch erfahren? Wir beide

sind die Einzigen, die das wissen.“

„Bis jetzt.“ Eine Welle der Panik überrollt mich. „Aber was,

wenn Max oder Olivia etwas davon erahnen? Oder Rosie, das

war doch dein Plan? Sie sollte eine Beziehung zu ihrem leiblichen

Vater aufbauen. Das hast du mir doch geraten!“

„Sie soll nur einen Draht zu ihm entwickeln, bevor es zu spät

ist“, beschwichtigt Elena. „Falls Ludovic es irgendwann herausfindet,

und du weißt selbst, dass die Gefahr immer besteht, dann

ist das ihr Fallschirm. Dann kann sie dir später nicht vorwerfen,

du hättest ihr keine Gelegenheit geboten, ihren richtigen Vater

kennenzulernen. Noch ist sie ein unbeschwertes Kind und …“

„Hast du eine Ahnung. Sie hat bereits Dates mit Jungs, die

vor hundert Jahren lebten.“

„Was?“ Elena kann mir nicht folgen.

„Egal, es lief jedenfalls nicht gut. Ich werde sie abholen. Was

meine Tochter braucht, ist kein Fallschirm, sondern einen Anker,

der sie am Boden hält. Auf die Väter kann ich mich jedenfalls

nicht verlassen. Herrgott, ich verdiene genug, sie wird nicht sehr

127


darunter leiden. Was glaubst du, wer hier überhaupt das Geld

verdient? Er bestimmt nicht mit seinen Hirngespinsten.“

„Violetta, wir wissen beide, dass es nicht um dieses Vermögen

geht. Aber sie wird sich von dir abwenden, wenn es zum Eklat

kommt. Ihr seid euch beide zu ähnlich, sie wird rebellieren und

du wirst sie erziehen wollen – es wird nicht funktionieren.“

Ich schweige verbittert. Das ist leider durchaus realistisch. Rosie

würde für alles mir die Schuld geben. Sie würde sich, nur um

mir eins auswischen zu können, sicher an die falschesten Typen

klammern. Oder sie würde die Schule schmeißen, um schnellstmöglich

auszuziehen. Ich kenne diese Reaktionen nur zu gut.

„Beruhige dich und vertrau mir“, sagt Elena, die sich meiner

Verzweiflung bewusst ist. „Ich werde eine gute Lösung für euch

beide parat haben. Vertrau mir.“

Das ist leichter gesagt als getan. Es wäre schon um vieles

einfacher, wenn sie auch nichts von all dem wissen würde und

ich einfach einen großen Deckel über das Ganze stülpen könnte.

Keine Ahnung, keine Verpflichtungen und vor allem keine

Sorgen, dass dieses Geheimnis im falschen Augenblick ans Licht

kommt.

Rosalie

Es klopft, doch bevor ich aufschauen kann, geht die Tür auf

und Maman steht im Flur. Sie bleibt stehen, als würde sie es

nicht wagen, einen so engen Raum zu betreten. Ich begrüße sie

nicht. Ohne sie anzusehen, stehe ich vom Bett auf und stopfe die

restlichen Sachen in meine Tasche.

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„Rosie, hast du alles gepackt?“, fragt sie, aber ich gebe keine

Antwort. Also sagt sie in energischerem Ton: „Dann lass uns

gehen!“

Ich blicke mürrisch auf meine schlampig gepackte Reisetasche.

Es ist mir egal, ob ich alle Sachen habe. Nur Lilys Buch,

das auf der Kommode liegt, stopfe ich wütend ins Außenfach.

Wortlos werfe ich mir die Tasche über die Schulter und gehe

an den drei Erwachsenen im Flur vorbei zur Tür hinaus. Die

übrigen Koffer lasse ich unbeachtet zurück. Ich setze mich nach

hinten ins Taxi, das am Ende des kleinen Vorgartens wartet.

Ich schnalle mich sogar an, damit Maman keinen Grund findet,

ein Wort an mich zu richten. Sie redet noch einen Augenblick

mit den beiden auf dem Treppenabsatz der Veranda, aber aus

dem Wageninnern kann ich nicht verstehen, worum es geht.

Es ist mir auch egal. Ich sehe, dass Olivia verzweifelt versucht,

ihre Schwester zu beschwichtigen, doch das ist ohnehin zum

Scheitern verurteilt. Violetta Deville hat sich noch nie umstimmen

lassen. Sie kann Entscheidungen zwar bereuen oder

ihre Meinung plötzlich ändern, aber jemandem die Möglichkeit

geben, sie mit Argumenten zu beeinflussen, passt nicht ins

Konzept der entschlossenen und konsequenten Businessfrau.

Maman steigt hinten zu mir ins Taxi und der Fahrer fährt

los, bevor sie die Tür richtig schließen kann. Sie wirft mir einen

prüfenden Blick zu, aber ich wende demonstrativ den Kopf zur

Seite. Etwas zu schnell fahren wir die Quartierstraße entlang

bis zur nächsten Abbiegung und ich krame in meiner chaotisch

gepackten Tasche nach dem Buch, um hoffentlich weiterhin

einem Gespräch zu entgehen. Endlich finde ich es, schlage es

auf und bemerke sogleich, dass der Umschlag mit dem Brief und

dem Foto fehlt.

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„Umkehren!“, rufe ich mit einem Anflug von Panik in der

Stimme. „Ich hab etwas Wichtiges vergessen!“

Der Fahrer, der sich hektisch beschleunigend durch den

Stadtverkehr seinen Weg zum Flughafen bahnt, verlangsamt die

Fahrt und wirft stöhnend einen fragenden Blick nach hinten.

„Auf gar keinen Fall!“, entscheidet Maman. „Weißt du eigentlich,

wie viel Zeit ich bereits verloren habe, um dich hier

abzuholen? Was immer es ist, kauf ein Neues. Ich sage dir

sowieso dauernd, du sollst auf deine Sachen aufpassen. Das ist

so typisch, Rosie. Aber es passt ja wieder wunderbar. Du machst

Ärger und ich muss es ausbügeln. Du verlierst deinen Schmuck,

dein Handy – oder deinen Verstand.“

Ich schließe die Augen. Ich kann sowieso nichts mehr sehen

durch den Tränenschleier. In meinem Hals steckt ein dicker Kloß

und ich denke darüber nach, was wohl passieren würde, wenn

ich bei der nächsten Ampel aus dem Wagen springen würde.

Olivia

Betrübt sitze ich am Küchentisch, das Gesicht in die Hände

gestützt, während Max mich stumm betrachtet und nicht weiß,

was er zu der ganzen Geschichte sagen soll. Er ist auch nicht

glücklich, wie alles abgelaufen ist. Aber im Grunde spielt es

keine große Rolle, meint er, ob Rosalie nun zwei Wochen früher

als geplant nach Hause fährt. Was ihn ärgert, ist die Art, wie

Violetta mir zu verstehen gegeben hat, dass sie enttäuscht ist

und es offenbar ein Fehler war, ihre Tochter in die Obhut zweier

… wie hat sie es ausgedrückt? Sie sagte: sich eher den einfache-

130


en Spezies zugewandten Personen zu geben. Sie hat wirklich

keinen Schimmer, was es bedeutete, sich Tag für Tag mit diesen

einfachen Spezies auseinanderzusetzen. Die kann man nicht mit

ein paar einstudierten Argumenten einschüchtern oder durch

ihre offensichtliche Abhängigkeit zu Verpflichtungen nötigen.

Tiere sind auf ihren Instinkt fixiert, aber der ist unverfälscht

und nicht zu bestechen.

„Ich habe einen Fehler gemacht“, sage ich mehr zu mir selbst

als zu Max, der immer noch vor sich hingrübelt.

„Wir machen alle Fehler“, sagt er daraufhin. „Immer wieder,

das ist nicht zu vermeiden.“

„Ich hab das nicht gewollt“, beteuere ich. „Ich wollte nur

helfen. Violetta, Rosalie. Auch dir wollte ich es nur recht

machen“, füge ich mit einem Seufzer hinzu. „Jetzt habe ich es

wohl endgültig versiebt mit Violetta.“

„Das ist wirklich nicht deine Schuld“, sagt Max nachdenklich.

„Irgendetwas ist nicht in Ordnung bei denen, sonst hätte deine

Schwester nicht so übertrieben reagiert. Sie hat sich ja kaum angehört,

worum es eigentlich ging. Sie hörte nur das Wort Komplikation

und ist gleich in hellster Aufregung hier angerauscht. Sie

hat sich nicht einmal Rosalies Version der Geschichte angehört.“

„Aber wir doch auch nicht, Max“, entgegne ich. „Wir

haben uns auch nicht erst alle Fakten und Argumente angehört

und bedacht, bevor wir gehandelt haben.“ Ich wische mir eine

Träne aus den Augenwinkeln und fahre fort: „Wir haben Rosalie

einfach unterstellt, sie würde uns belügen, aber offensichtlich

glaubt sie selbst an das, was sie uns erzählt hat.“

„Hmm“, macht Max und verschwindet in der Küche. Offenbar

will er sich nicht länger über Violettas Beweggründe Gedanken

machen. Er hat recht, es hat noch nie etwas gebracht.

131


Ohne Atempause

Rosalie

Zuhause angekommen verschwinde ich gleich in meinem

Zimmer. Die Tasche werfe ich achtlos in meinem Zimmer auf

den Boden, aber meine Koffer überlasse ich, wer auch immer

sich darum kümmern mag. Soll Maman sich ruhig darüber

ärgern. Ich habe keine Ahnung, ob Emilia schon wieder aus dem

Urlaub zurück ist, aber das Zimmer sieht frisch geputzt aus, was

wohl kaum Maman zu verdanken ist. Sie wird sich also nicht

lange ärgern können.

Als Erstes setze ich mich mit dem Computer aufs Bett.

Ich logge mich ein und bin innert Minuten wieder zurück in

meinem alten Leben und innert einer Stunde wieder auf dem

Laufenden, was mir in den letzten Wochen entgangen ist.

Sophie hat sich in meiner Abwesenheit anscheinend blendend

mit Valérie verstanden und diese ist ganz offensichtlich in den

Mathelehrer verschossen, den sie unverblümt als Mr. Daydream

132


in ihren dramatischen Statusmeldungen deklariert: Multiplikationen

befallen meine Sinne, wenn Mr. Daydream seine Formeln

auf mich anwendet.

Hat die noch alle Tassen im Schrank? Das wird ganz bestimmt

mehr als Multiplikationen auslösen, schließlich ist jungen

Lehrern der Zugang zu sozialen Netzwerken bestens bekannt.

Doch je mehr ich davon lese, desto mehr erscheinen mir die

Gedanken und Problemchen meiner Freunde banal. Sie haben

keine Ahnung, wie es ist, wenn jemand an deinem Verstand

zweifelt, wenn man sogar selbst an seinem Verstand zweifelt.

Violetta

Nervös beiße ich auf meinem Daumennagel herum, was wiederum

bewirkt, dass ich noch nervöser werde. Ich habe neulich

erst ein kleines Vermögen für die Maniküre ausgegeben und

nun fängt bereits der Lack an zu splittern. Mon dieu, Rosie,

denke ich kopfschüttelnd. Mit solchen Geschichten versucht

meine Tochter also, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Muss sich denn immer alles nur um sie drehen?

Ich bin so erleichtert gewesen, dass Rosie sich bereits nach

wenigen Tagen gut eingelebt hat. Beinahe beängstigend gut,

hatte ich mich schon gewundert. Olivia hat mir erzählt, dass

sie sogar abwäscht und im Stall mitgeholfen hat. Das hätte ich

nicht erwartet. Aber kaum ist sie zurück, stellt sie nicht einmal

mehr die Koffer anständig in den Flur. Trotz und Rebellion, wo

immer es möglich ist.

Wenn es nur das wäre, könnte ich mich ja damit abfinden.

133


Nun ist aber offensichtlich das vorgefallen, was nicht hätte

passieren dürfen. Es passt ganz und gar nicht in den Plan, den

Elena mir so sicher und erfolgsversprechend aufgeschwatzt

hat. Natürlich ist mir klar, dass vierzehnjährige Mädchen

bereits den Kopf voller Gedanken an Jungs haben. Aber ich

hätte von Olivia und Max etwas mehr Sensibilität in dieser

Richtung erwartet. Ein älterer Junge, egal ob imaginär oder real,

steht außer Diskussion für meine minderjährige Tochter. Dafür

hat sie noch lange genug Zeit, wenn sie die Schule wieder im

Griff hat und etwas zuverlässiger ist. Sie ist immer noch sehr

verantwortungslos und mit vierzehn noch viel zu jung für … Du

lieber Gott, ich wage gar nicht, daran zu denken! Das hätten die

beiden unterbinden müssen. Sie haben sie einfach tagelang in

der Gegend herumstreunen lassen, ins Kino und wer weiß was

noch alles. Da hätte sonst etwas passieren können. Unterdessen

widmet Rosie bereits ihre ganze Aufmerksamkeit ihrem künftigen

… das kann man ja nicht einmal Schicksal nennen! Das ist

reine Dummheit und Ignoranz.

Und was soll ich überhaupt von Olivias Gerede über Rosies

eingebildeten Freund halten? Mir ist seit langem klar, dass

Olivia einen Hang zum Übernatürlichen hat. Nichts Esoterisches

oder Religiöses, es ist eher eine Wahrnehmungsstörung. Sie ist

der sturen Überzeugung, sie könne mit Tieren kommunizieren.

Eine wirklich kindische Vorstellung. Wenigstens hat ihr diese

besondere Fähigkeit die Bewunderung ihres angetrauten Viehhüters

und diesen unsäglichen und gefährlichen Job eingebracht.

Aber abgesehen davon ist sie in ihrem Nest aus Kinderträumen

und Viehmist hängengeblieben.

Rosalie ist auch ein verträumtes Kind gewesen und ihre

gedanklichen Abschweifungen lassen sie meist die kleinen, aber

134


elementaren Dinge des Lebens außer Acht lassen. Aber trotz

allem ist sie nie eine Spinnerin gewesen. Nie hat sie irgendwelche

Stimmen gehört oder Lügengeschichten erzählt. Wenn

überhaupt, wird sie dazu angestiftet.

Rosalie

Die letzten Tage habe ich nur in meinem Zimmer vor dem

Computer verbracht. Ich habe kaum Appetit und Maman gehe

ich aus dem Weg. Wo steckt Papa überhaupt? Er war noch nie

so lange weg. Hat sie ihn etwa auch schon vergrault? Ich bin

beinahe froh, wenn die Schule wieder beginnt, auch wenn

ich mich dann wieder mit Sophies Problemchen und Valéries

Gezicke abgeben muss. Ich habe mich da erfolgreich raushalten

können, die letzten paar Wochen. Als Sophie erfahren hat, dass

ich zurück bin, hat sie mir natürlich sofort getextet: Alles klar?

Kommst du zu Val heute? – Wozu?, habe ich zurückgetextet.

Nur so, abhängen. – Sorry, Hausarrest, lüge ich, um dem zu

entgehen. Ich hoffe, sie ist nicht allzu sauer deswegen.

Endlich habe ich mich aufgerafft und bin dabei, meine Schulsachen

aus dem Rucksack zu befreien, den ich am Ende des

letzten Schuljahres achtlos in den Schrank geworfen habe, als

Maman ins Zimmer tritt, ohne vorher anzuklopfen. Ich schaue

sie unbeeindruckt an und lasse mir nicht anmerken, wie sehr es

mir missfällt.

Sie schaut wortlos zu, wie ich lose Blätter zwischen den

Buchseiten herauszupfe und die Bücher zu einem schiefen

Stapel auftürme.

135


„Ich werde neue Schulsachen brauchen. Ein paar der Bücher

werden wir wohl in der nächsten Stufe noch mal repetieren,

aber …“

„Du wirst alles neu brauchen“, fällt sie mir ins Wort.

Erstaunt sehe ich auf.

„Du wirst auf eine neue Schule gehen, Rosie. Es ist ein Internat.

Eine betreute Unterkunft für Teenager mit … mit sozialen

Anpassungsschwierigkeiten.“

„Aber … Maman!“ Mehr bringe ich beim besten Willen nicht

heraus.

Violetta

„Sie hat es nicht gut aufgenommen“, sage ich zu Elena am

Telefon. Es war noch untertrieben. „Ich dachte, es würde ihr

nicht so viel ausmachen. Sie mag die Schule sowieso nicht und

ihr Verhältnis zu ihren Freundinnen ist momentan auch nicht so

prickelnd, das hat sie jedenfalls Ludovic geschrieben. Herrgott,

bevor du mir darüber einen Vortrag hältst: Ich musste es lesen,

sie erzählt mir ja schließlich nichts.“

„Lass sie bloß nicht wissen, dass du ihre E-Mails checkst“,

antwortet Elena nur.

„Natürlich nicht, ich hab schon genug Probleme mit Ludovic

deswegen. Aber schließlich gehen mich diese Dinge auch etwas

an. Besonders dann, wenn sie mein Leben beeinträchtigen. Ich

verlass mich darauf, dass du weißt, was du tust. Du hast sichergestellt,

dass sie dir zugewiesen wird?“, frage ich, immer noch

hin und hergerissen von diesem Plan.

136


„Ich bin die einzige Psychologin an dem Internat.“

„Wird man sie überhaupt so kurzfristig aufnehmen?“

„Du hast Glück, dass ich so viel Einfluss auf die Direktorin

habe. Es ist nur ein kurzes Aufnahmegespräch nötig. Ich werde

dir sagen, was du ihr erzählen sollst. Es hört sich zwar hart an,

aber du weißt, dass es zu Rosies Bestem geschehen muss. Außerdem

wirkt sie wirklich etwas depressiv, nach allem, was du mir

erzählt hast.

„Naja, vielleicht ist es auch nur stummer Protest. Sie ist in

der Pubertät. Ach, mein Gott, ich bin mir wirklich nicht mehr

sicher.“

Die ganze Internatsidee von Elena kommt mir auf einmal

übertrieben vor. Andererseits kennt Elena Rosie von klein auf.

Sie wird sie wieder zur Vernunft bringen – das hat sie zumindest

versprochen.

Rosalie

Nur noch vier Tage. Vier Tage, bis ich endlich hier weg bin.

Mir ist inzwischen alles recht. Ich habe die letzten beiden Tage

in einem Zustand zwischen Entsetzen, Groll und Trauer verbracht.

Papa ist noch immer in Asien und nur schwer zu erreichen. Er

ist von seiner eigenen Welt so absorbiert, dass ich nicht einmal

sicher bin, ob er über die jüngsten Ereignisse überhaupt auf dem

Laufenden ist. Wahrscheinlich hat er es wie immer mit halbem

Ohr und mäßigem Interesse zur Kenntnis genommen und dann

irgendwo zwischen Aha und Hmm abgelegt.

137


Mit Maman spreche ich kaum mehr. Das mag ihr nicht aufgefallen

sein, da sie vorzugsweise mit sich selbst diskutiert oder

sich mit Mandanten am Telefon unterhält. Ich sage übertrieben

höflich Danke oder Bitte und setze das falsche Lächeln wie eine

Sonnenbrille auf, sobald sie mir begegnet. Ich kann es noch

immer nicht fassen, dass ich so übel bestraft werde für etwas,

was ich gar nicht getan habe. Auch Maman hat beteuert, genau

wie Olivia zuvor, dass es keine Strafe sei und dass alles nur zu

meinem Besten geschähe. Es ist geradezu grotesk. Wie können

die sich nur anmaßen, sie wüssten, was das Beste für mich ist,

wenn sie nicht den blassesten Schimmer haben, worum es hier

überhaupt geht?

Aber ich werde es ihr nicht leicht machen. Ich werde ihr

nicht die Genugtuung verschaffen, indem ich rebelliere und ihr

damit die Rechtfertigung liefere, ich sei ein schwer zu erziehendes

Kind. Ich werde diese verdammte Schule absolvieren, das

wird sowieso nur noch ein paar Jahre dauern. Dann werde ich

mir ein teures Studium so fern wie möglich finanzieren lassen

und danach so früh wie möglich Kinder in die Welt setzen, die

ich ihrer viel zu jungen Großmutter dann mit fadenscheinigen

Ausreden vorenthalten werde. Wenn es nur mit Jonathan sein

könnte. Ich werde ihn bestimmt nie mehr wiedersehen.

Violetta

In Gedanken versunken ordne ich Rosies Kleidungsstücke,

als könnte ich so gleich auch meine Erinnerungen aufräumen.

Ich falte T-Shirts, drehe Socken um und entferne Löchriges und

138


Verwaschenes. Meine Gedanken kann ich damit jedoch nicht

entrümpeln.

Es war einmal … Nein, so kann ich kaum mit der Bewältigung

meiner Vergangenheit beginnen. Es handelt sich schließlich

nicht um eine märchenhafte Begebenheit. Es war einfach nur

der Drang einer unbedachten und rebellisch veranlagten jungen

Frau, die davon träumte, etwas Bedeutsameres zu erleben, als

zwischen dem Dorfladen und der Sonntagsmesse in Langeweile

zu ertrinken. Aber es hat durchaus einen märchenhaften Aspekt

gehabt, als ich das erste Mal realisierte, wie es sich anfühlte, das

viel zu eng abgesteckte Terrain zu verlassen.

Ich fand meinen Retter in Gestalt eines jungen Motorradhelden,

der mich auf seiner Maschine wie ein Prinz seine

Prinzessin in der Kutsche dem Fußvolk präsentierte. Natürlich

wusste ich, dass meine Eltern es niemals gutheißen würden,

weder das Prinzessinnendasein noch die Zweiradkutsche, und

damit fing auch das Lügen an. Fortan suchte ich nach Schlupflöchern

und unbewachten Grenzübergängen.

Nach und nach entwickelte ich ein Talent im Verschleiern

von Tatsachen und im Ausdehnen von Toleranzen. Einzig die

Konsequenzen machten mir schlussendlich einen Strich durch

die Rechnung. Ich hatte keinen Plan und mich deshalb gründlich

verfahren. Ich befand mich plötzlich in einer scheinbar

ausweglosen Situation, sodass ich mich in Panik an den erstbesten

Anker klammern musste, um nicht komplett aus der

Bahn geschleudert zu werden.

Das Märchen ist falsch abgelaufen, ich habe als Prinzessin

gestartet und bin zum Aschenputtel geworden. Aber die Geschichte

hat zum Glück nicht so geendet, auch wenn es mir

damals wie das Ende vorgekommen ist.

139


Ich seufze, als ich Rosies Taschen durchsehe. Sie hat so wahlund

planlos gepackt, als wolle sie die Tasche mit dem Inhalt

quälen. Natürlich verstehe ich ihre Entrüstung über den plötzlichen

Schulwechsel, aber es gibt leider keinen anderen Weg, sie vor

sich selbst und den schlechten Einflüssen zu schützen. Elena hat

bestimmt recht. Als Einzige hat sie einen objektiven und zudem

professionellen Blick auf das Geschehen. Sie war schon damals

meine beste, nein, meine einzige Freundin. Als ich mit achtzehn

unverhofft und ungewollt schwanger wurde, brach meine bis

dahin so verheißungsvolle Welt zusammen. Ich wusste schon

länger, dass die Motorradgang und ihre Helden nicht meine

Zukunft sein konnten. Und so fädelte ich den Wechsel zu Elenas

Clique, die aus einer Gruppe vielversprechender Psychologieund

Wirtschaftsstudenten bestand, nahtlos ein. Elena hatte mich

mit zu deren Partys genommen und mich in die Runde eingeführt,

in der ich mich von Beginn an intellektuell gefordert und

angespornt fühlte. Es fiel mir nicht schwer, die jungen angehenden

Doktoren mit Charme um sämtliche Finger zu wickeln. Elena

war auch die Erste gewesen, die meine plötzlichen Unpässlichkeiten

nicht dem exzessiven Partytaumel zuschrieb und mich mit

einem Schwangerschaftstest aus der Apotheke aus dem Dunst der

unbeschwerten Unwissenheit und des blauäugigen Leichtsinns in

die bitterwahre Realität zurückholte.

„Weißt du, wer der Vater ist?“, fragte sie mich, als wäre das

ein zufälliger Bonuspunkt, falls dem so sei.

Natürlich wusste ich es, und anstatt beleidigt darüber zu sein,

brachte Elena mich damit auf die zündende Idee. Es war besser,

mein Umfeld nicht über den tatsächlichen Vater in Kenntnis

zu setzen. Also behauptete ich, es wäre Ludovic gewesen. Zu

diesem Zeitpunkt war er die vernünftigste und vielverspre-

140


chendste Wahl und außerdem die einzige Option, die ich hatte.

Schnell war der zurückhaltende Pariser Austauschstudent bereit

gewesen, meine Ehre und seinen Ruf mit einer standesamtlichen

Feier zu retten. Doch Elena war besser im Rechnen als Ludovic.

Sie hat nicht lange gebraucht, um dem Geheimnis um Rosalies

verfrühter Geburt auf die Schliche zu kommen.

„Behalte es um Himmels willen für dich“, flehte ich meine

Freundin an.

Elena hielt Wort und genießt seither mein vollstes Vertrauen

und ab und an ein paar der unterstützenden Empfehlungen und

Hilfestellungen bei ihrer Berufskarriere in Paris, die ich ihr dank

Ludovics einflussreicher Familie zusichern kann. Seit unserer

Studentenzeit ist sie immer in meiner Nähe gewesen, aber nur

sehr selten bei uns zu Besuch. Meistens telefonieren wir oder

treffen uns auf einen Kaffee im Stadtzentrum, wenn wir beide

Zeit dafür finden. Manchmal kommt es mir vor, als würde sie es

meiden, meine Familie richtig kennenzulernen. Sie kennt mein

Leben bis ins Detail und berät mich geduldig und interessiert,

was Erziehungsfragen und Beziehungsprobleme angehen. Sie

hat mir immer wieder geraten, den Kontakt zum eigentlichen

Vater meiner Tochter wiederherzustellen.

„Wozu denn?“, habe ich gefragt. „Unsere Wege haben sich damals

nur durch Zufall gekreuzt. Es gibt keinen Grund, die Geister

der Vergangenheit zu wecken. Rosie hat einen Vater und mit ihm

eine gesicherte Zukunft. Als einzige Enkelin von Ludovics Vater

hat sie Anspruch auf ein beträchtliches Vermögen.“

Ich hätte damals nicht gedacht, dass mir die Neuigkeit meiner

Schwester so sehr zusetzen würde. Ich habe Max mehr geliebt,

als ich geglaubt habe. Er ist ein lieber Kerl, aber wir hätten eben

keine aussichtsreiche Zukunft gehabt. Mit ihm hätte ich nie so

141


viel erreicht, wie ich es mit der Unterstützung von Ludovics

Vater konnte. Ich dachte, ich würde ihn bald vergessen. Das

hätte ich vielleicht auch, wenn nicht ausgerechnet Olivia ihn

sich unter den Nagel gerissen hätte. Und nun ist er ja so glücklich

mit ihr. Was für eine verdammte Seifenoper! Das Schicksal

kann einen wirklich schwer bestrafen. Was, wenn Olivia auch

noch ein Kind von Max erwartet? Unsere Kinder wären nicht

nur Cousins, sondern Halbgeschwister.

„Ludovic ist weder biologisch noch mental der richtige Vater

für Rosie“, bemerkte Elena immer wieder. „Du nimmst ihr vielleicht

die Chance, etwas Grundlegendes über ihre Persönlichkeit

zu erfahren.“

Elena fand die Anzeichen alarmierend. Um mich zu einer

Entscheidung zu bewegen, hat sie zu guter Letzt doch noch

einen wunden Punkt gefunden.

„Wenn du sie nicht irgendwann mit psychischen Störungen

in irgendwelche Suchtprobleme abdriften sehen willst, dann

unternimm jetzt etwas, bevor es zu spät ist. Der einzig richtige

Weg, nein, der einzig wirksame Weg ist das Durchbrechen der

gewohnten Verhaltensmuster, das weißt du selbst nur zu gut aus

deiner eigenen Vergangenheit. Sie muss endlich einmal raus.

Du musst ihr die Möglichkeit geben, ihre Optionen zu erkennen.

Wie soll sie sonst zu schätzen wissen, was sie hat?“

Damals klang es einleuchtend. Aber jetzt … Was habe ich mir

nur dabei gedacht, Rosie in die Höhle des Löwen zu schicken?

Habe ich gedacht, die Löwen wären inzwischen zahm geworden

und würden eine Beute nicht als solche erkennen und sofort

verschlingen? Ich war damals selbst nur knapp entkommen.

Knapp und nicht gerade schadlos, aber letztlich aus eigener

Kraft.

142


Rosalie

Seit Stunden sitze ich am Computer, nage angestrengt an

diesem Bleistift, als würde es irgendwie beim Schreiben

helfen, und tippe dabei eine weitere E-Mail an Papa. Das heißt, ich

versuche es, aber ich scheitere bereits wenige Zeilen nach der

Begrüßungsfloskel. Er hat mir noch immer nicht geantwortet auf

meine letzten Nachrichten, aber jetzt ist es wichtig, dass er mir

hilft. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er wirklich zulässt, dass

Maman mich auf diese Beklopptenschule schickt. Wegen einer

Schwindelei, wegen eines kleinen Vergehens, sie muss mich

wirklich hassen. Kann gut sein, dass er gar nichts davon weiß.

Salut Papa, wie geht es dir? Du fehlst mir. Ich war, wie du

sicher weißt, bei Tante Olivia in den Ferien, deshalb konnte ich

nicht so häufig schreiben. Nach den Ferien werde ich in ein

Internat gehen, aber das weißt du sicher auch schon.

Ich lese den Satz ein paar Mal durch. Es stimmt soweit alles,

aber ich finde es sehr bedeutungslos, ihn lediglich mit Tat sachen

zu versorgen, die er bereits kennen wird, also füge ich an:

Ich hoffe, du kommst bald nach Hause, wo du mich aber dann

leider nicht mehr vorfinden wirst.

Nein, so kann ich den Satz nicht stehen lassen. Sicher will ich

ihm ein bisschen von dem schlechten Gefühl, das in mir brodelt,

servieren. Wie eine leicht versalzene Suppe. Es darf nicht zu

weinerlich klingen. Ich muss es geschickter formulieren. Darum

lösche ich den eben begonnenen Satz und schreibe stattdessen:

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Ich hoffe, du verbringst eine angenehme und kurzweilige Zeit

in Hongkong, oder wo immer dich diese E-Mail erreicht. Wir

werden, wie es aussieht, künftig vermehrt – ich hoffe nicht ausschließlich

(!) auf diesem Weg kommunizieren müssen, da ich

auf Grund der neuen Wohnsituation nicht mehr in der Lage sein

werde, dich freudig erwartend zu Hause in Empfang zu nehmen.

Es wird sich sonst aber nicht viel verändern, wenigsten nicht für

dich, das verspreche ich dir.

Bisou, deine Tochter Rosalie

Wenn Papa nicht völlig gefühlsarm und desinteressiert an

meinem Leben ist, muss er diesen von getarnten Vorwürfen

strotzenden Hilfeschrei zur Kenntnis nehmen. Ich zögere noch

eine kurze Sekunde, doch dann drücke ich auf das Senden-

Symbol.

So, das wäre erledigt. Nun zu Sophie, auch ihr will ich einen

Hilfeschrei senden. Eigentlich würde ich lieber an Lily schreiben,

denn die wäre sicher eine größere Stütze als Sophie, die sich

gleich mit den nächstbesten Hühnern in der Klasse verbrüdert

hat, nur um nicht in Gefahr zu geraten, irgendwo allein herumstehen

zu müssen. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich Schiss,

mich bei Lily zu melden, weil ich einfach so verschwunden bin,

ohne ihr Bescheid zu sagen. Genau genommen ist das nicht

meine Schuld, aber ich habe ihr Buch mitgenommen, das ich

noch immer nicht zu Ende gelesen habe. Lily wird es zurückhaben

wollen, doch ich bin noch nicht so weit, weder zum

Weiterlesen noch zum Zurückgeben.

Ein weiterer Grund ist, dass ich den Kontakt zu Olivia und

Max wieder aufnehmen müsste, die ich nicht ohne Weiteres

übergehen kann. Darum erscheint es mir einfacher, gleich

144


ganz jeglichen Kontakt zu jenen im Umkreis des Wurmlochs,

wie ich es mittlerweile in Gedanken nenne, zu vermeiden. Und

dann, und das ist der eigentliche Grund, bin ich immer noch

nicht über Jonathan hinweg. Er schleicht sich in jeden meiner

Gedanken und ich hasse ihn dafür, dass er mich so schändlich

im Stich gelassen hat, dass er mich, was die Zeit angeht, zum

Narren gehalten hat, dass er Lily mir vorziehen würde, denn

daran habe ich keine Zweifel. Durch das Amulett konnte ich

immer eine Verbindung zu ihm herstellen, aber da ich es seit

unserer letzten Begegnung nicht mehr besitze, kann ich ihn

auch nicht mehr erscheinen lassen. Tränen rinnen mir über

die Wangen, als mir dieser letzte Gedanke durchs Bewusstsein

flimmert. Rosalie, du bist eine durchgeknallte Heulsuse,

beschimpfe ich mich in Gedanken selbst und versuche, mich mit

einer weiteren sinnlosen Beschäftigung davon abzulenken. Ich

schreibe die E-Mail an meine Freundin.

Salut Sophie,

Es fällt mir schwer, doch leider muss ich dir mitteilen, dass

ich den dunklen Mächten um mich herum erlegen bin. Ein böser

Fluch hat mich heimgesucht, gegen den ich mich nicht länger

erwehren kann. Ich bin auf der Flucht vor der Zeit, die sich nun

vollkommen gegen mich gewendet hat. Mein einziger Schutz,

ein Talisman, der diese Zeit für mich gemessen und erschlossen

hat, wurde mir entwendet – ich bin untröstlich deswegen. In

dieser Stunde werde ich an einem neuen, mir völlig fremden Ort

unterge bracht. Du brauchst dir deswegen keine Gedanken zu

machen. Zu deinem Schutz und Seelenheil werde ich dich nicht

mit weiteren Details betrauen, zu verworren sind die Umstände,

die unsere Leben künftig voneinander trennen. Lebe deines

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unbekümmert und im Wissen darum fort, dass ich dich als gute

Freundin in meinen Erinnerungen behalten werde.

Deine Rosalie Devil

PS: Glaube kein Wort über die Gerüchte, die dich unter

Garantie erreichen werden! Es ist alles viel, viel seltsamer.

146


Szenenwechsel

Rosalie

Nach einer ausgedehnten Führung durch die neuen Schulräume,

den Wohntrakt und die angrenzende Mensa werde ich

in einen weiteren Raum gebracht, der ganz anders einge richtet

ist, als man es üblicherweise an so einem Ort erwartet. Ich

schaue mich nur flüchtig um, es interessiert mich alles wenig,

ich hasse diesen Ort schon jetzt. Stattdessen setze ich mich auf

die große grüne Couch und betrachte aus reiner Langeweile

den Umschlag, den ich zuvor von der Schulleiterin überreicht

bekommen habe. Ich drehe ihn und lese: Dr. Elena Poljakow.

Sie ist Mamans langjährige Freundin, die Psychologin. Ich habe

nicht gewusst, dass sie nun Schulpsychologin an dieser Schule

ist. Wie praktisch, da hat Maman wieder sorgsam alle Fäden in

der Hand.

Ich habe ohne jegliche Ungeduld zwölf langsam verstreichende

Minuten allein in diesem Zimmer gewartet. Das weiß ich deshalb

147


so genau, weil ich währenddessen gleich drei SMS-Nachrichten

von diversen Hühnern aus meiner alten Schule erhalten habe, die

ich grimmig registriert, jedoch nicht beantwortet habe. Sophie,

dieses Biest, hat tatsächlich meine E-Mail weiterverbreitet, als

wären es die Schlagzeilen einer Depeschenagentur, um sich damit

wichtig zu machen. Ich wusste, dass mein Fernbleiben von der

alten Schule, in Verbindung mit der Nachricht, die ich Sophie

geschickt habe, seine Wirkung nicht verfehlen konnte. Sollen sie

doch denken, was sie wollen, und sich das Maul darüber zerreißen.

Die Wahrheit werden sie nicht erfahren, die kenne ich

ja selbst nicht. Ich bin fertig mit ihnen. Sophie hat mich bitter

enttäuscht, ich werde ihr das nicht so schnell verzeihen, wenn

überhaupt.

Aber es hat keinen Sinn, dass ich weiter darüber nach denke.

Wenn die Psychotante gleich aufkreuzt, soll sie mich nicht

schon bei der ersten Sitzung in Tränen aufgelöst vorfinden.

Das Ticken der Uhr durchdringt den stillen Raum, sodass mein

Blick unweigerlich an der großen Uhr, die an der gegenüberliegenden

Wand angebracht ist, hängen bleibt. Klischeehafter

geht es gar nicht. Sie wird ihre Sitzungen bestimmt mit den

Worten beenden: So, die Stunde ist um.

Plötzlich öffnet Madame Poljakow die Tür und steht mit zwei

großen Schritten vor mir. Ihr Schatten, den sie dabei über mich

wirft, lässt mich aus meiner Gedankenwelt auftauchen. Sie steht

so dicht vor mir, dass ich es nicht für angebracht halte, mich

von der Couch zu erheben, sonst würde ich Bauch an Bauch mit

dieser hünenhaften Frau im Zimmer stehen. Ich bleibe also sitzen

und reiche ihr mit aufgesetztem Lächeln, das ich inzwischen

ohne Mühe zustande bringe, den schon etwas zerknautschten

Umschlag.

148


„Hallo, Rosie“, sagt sie auf Deutsch, während sie einen kurzen

Blick auf den Inhalt des Briefes wirft und ihn dann scheinbar

ungelesen zurück in den Umschlag steckt.

„Bonjour“, erwidere ich knapp, einerseits, weil ich die Einsilbigkeit

bereits verinnerlicht habe, andererseits, weil ich

Mamans Freundin nicht besonders gut kenne und deshalb

verunsichert bin, wie ich sie anreden soll. Ich lasse es bei

dieser reduzierten Form der Kommunikation, das erspart mir

meist eine Menge unnützer Diskussionen. Inzwischen habe ich

gelernt, Fragen zu vermeiden, Antworten auf ein Minimum zu

reduzieren und jegliches Interesse zu verbergen. Das ist meine

neueste Philosophie, die ich mit grimmig registriertem Erfolg

bestätigt sehe. Aber was soll die Anrede auf Deutsch?

„Ich werde dich also in der nächsten Zeit psychologisch

betreuen. Ich habe gehört, dass du den Sommer in der Schweiz

verbracht hast. War sicher aufregend, nicht wahr? Ist es dir

recht, wenn wir das Gespräch in unserer Muttersprache führen?

Du bist ja nun geübt darin und es wird dir vielleicht ein wenig

Distanz zum Schulalltag geben, eine andere Bezugsebene.“

Was soll dieses Geschwafel?

„Ich bevorzuge Französisch“, unterbreche ich sie. Durch den

Aufenthalt bei Olivia habe ich gerade wieder einen positiven

Zugang zu meiner Muttersprache gefunden. Die Jahre davor

war sie geprägt von Nörgelei und Vorwürfen gewesen. Das will

ich mir von diesen Psychogesprächen nicht wieder vermiesen

lassen. Sie meint wohl, sie hätte damit einen besonderen Draht

zu mir. Sie will den Heimvorteil-Bonus nutzen. Keine Chance,

schließlich sind wir hier in einem Pariser Vorort, da soll sie sich

ruhig anstrengen. „Und mein Name ist Rosalie“, füge ich genervt

an.

149


„Nun gut“, fährt Madame Poljakow unbeirrt in Französisch

fort. „Rosalie. Das grundlegende Ziel ist herauszufinden, was

dich belastet und was deine Probleme verursacht. Erst wenn wir

das herausgefunden haben, können wir diese Probleme gezielt

angehen.“

Ich nicke stumm.

„Also, was denkst du, ist der Grund für deinen Schulwechsel?“,

fragt Madame Poljakow ohne jegliche Umschweife.

„Keine Ahnung“, sage ich kurz und bündig, aber als ich

Madame Poljakows strenge Stirnfalten bemerke, füge ich noch

an: „Da müssen Sie schon Maman fragen.“

„Sie ist nicht anwesend“, erwidere die Psychologin unbeirrt.

Das fängt ja großartig an. Die ist gewohnt, gleich auf den

Punkt zu kommen. So wie es aussieht, brauche ich nicht lange

mit Höflichkeiten rumzusülzen. Man hat schon Schiss vor ihr,

wenn sie sich nur gerade hinsetzt.

„Sie will mich bestrafen“, sage ich deshalb kurzentschlossen

und ohne lange darüber nachzudenken. Das ist der beste und

einzige Grund, der mir einfällt. Ich hoffe, dass damit der Startschuss

zu einem Gespräch gegeben ist, wie ich es gewohnt bin,

und lehne mich zurück in Erwartung einer längeren Abhandlung

über den Einsatz von Maßregelungen und deren Ziel.

„Wofür wirst du bestraft?“, fragt Madame Poljakow stattdessen

weiter.

„Keine Ahnung“, sage ich überrascht. „Ist mir auch egal, ich

kann es ihr sowieso niemals recht machen.“

„Hat sie gesagt, dass es eine Strafe ist?“

Diese Poljakow lässt ja keinen Millimeter von mir ab. Na

gut, das war auch zu erwarten gewesen, aber sie soll sich jetzt

endlich ins Zeug legen, schließlich ist es ihr Job, mich zu

150


therapieren. Das muss doch endlich mal losgehen, ohne diese

sinnlose Fragerei.

„Nein“, antworte ich genervt. Das ist eine zu blöde Frage.

„Natürlich nicht. Sie hat gesagt, dass es keine Strafe sei. Deshalb

denke ich ja eben, dass es eine ist.“

„Wie kommst du darauf?“

„Umkehrpsychologie“, antworte ich sofort und freue mich,

dass ich diesen fachkundigen Begriff, den ich von Lily aufgeschnappt

habe, hier strategisch geschickt einfließen lassen kann.

„Wieso sollte sie dich mit einer Reaktanz dazu bringen wollen,

dich von ihr abzuwenden? Das ist doch ziemlich abwegig.“

Die Poljakow notiert ein paar Worte auf ihrem Blatt. Ich

verstehe den Begriff Reaktanz nicht und daher fehlen mir die

Argumente für einen weiteren Schlagabtausch. Diese Frau hat

doch keinen Schimmer von Maman oder der Beziehung, die wir

miteinander haben. Maman hat sie sicher vorher instruiert, wie

ich zu verhören bin. Sicher hat sie ihr vorgejammert, was für ein

undankbares und nichtsnutziges Kind ich doch bin. Die Gründe

für den Schulwechsel sind im Grunde egal, aber die Tatsachen

sind offensichtlich, die kann ich ihr liefern.

Ich hole tief Luft und dann sprudelt es aus mir heraus: „Sie

kann es nicht ab, dass ich nicht so bin wie sie. Sie ist ein verdammter

Kontrollfreak. Sie gönnt mir keinen Funken Glück, weil

sie es selbst nicht schafft, glücklich zu sein. Sie wollte mich unbedingt

loswerden, die Sommerferien über, und als sie gemerkt hat,

dass ich mich besser fühle als zu Hause, dass ich endlich einmal

Spaß habe und Ruhe vor ihrer ständigen Nörgelei, konnte sie

ihre Eifersucht nicht zügeln und hat mich bei der erstbesten Gelegenheit

wieder weggeholt. Aber sie hält es nicht fünf Minuten

zu Hause mit mir aus, weil ich ja so schlampig und vergesslich

151


in. Deshalb muss sie mir nun ihre Überlegenheit demonstrieren,

indem sie mit mir macht, was sie will!“

„Interessant.“

„Mag ja sein, dass es für Sie interessant ist, für mich ist es

einfach nur beschissen!“

Ich erschrecke selbst über meine Heftigkeit, denn diese Frau

kann ja nichts dafür. Meine Wut ist allein gegen Maman gerichtet.

Es ist nur ihr blöder Job, sich mit den nervigen Problemen

anderer Leute auseinanderzusetzen, und sie machte ihn ziemlich

schlecht, finde ich. Ich hatte nicht vorgehabt, die Contenance

so schnell zu verlieren. Es ist nicht klug, dieser Frau zu viel

Einblick in meine Gedankenwelt zu geben. Immerhin ist sie mit

dem Feind verbündet. Doch wenn ich es geschickt anstelle, werde

ich mir diese Tatsache vielleicht sogar zu Nutzen machen

können, schließlich ist eine Psychologin sicher auch an eine Art

Arztgeheimnis gebunden, oder nicht?

Ich bin in einem großzügigen 2-Zimmer-Appartement zusammen

mit zwei anderen Mädchen einquartiert. Manon ist

etwas älter, aber Elodie geht in dieselbe Klasse. Es gibt ein

geräumiges gemeinsames Schlafzimmer mit drei Betten an

den jeweils gegenüberliegenden Wänden. Die hinteren beiden

Betten sehen belegt aus, also stelle ich meine Tasche neben das

Bett vorne an der Tür. Den Koffer habe ich im Vorraum stehen

gelassen. Der zweite Raum ist eine Mischung aus Wohn- und

Studierzimmer. Er ist mit einem großen Arbeitstisch, der fast die

Hälfte des Raumes einnimmt, einem Bücherregal, zwei kleinen

Sofas mit hellblauen Stoffbezügen und einem Fernseher an der

fensterlosen Wand eingerichtet.

„Wir haben einen festen Plan, welche Sendungen wir uns

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ansehen. Wenn du dir etwas anderes ansehen möchtest, musst

du dich entweder mit jemandem befreunden, der denselben

Geschmack und seinen Fernseher mit dir teilt, oder du schaust

es dir auf deinem Computer übers Netz und mit Kopfhörern an“,

erklärt mir Elodie gerade.

„Klar“, antworte ich ohne große Begeisterung. In welches

Jahrhundert bin ich denn hier strafversetzt worden? Offensichtlich

ist hier nicht nur das Mobiliar veraltet.

„Normalerweise sind wir nur zu zweit in einem Appartement“,

sagt Manon so beiläufig wie möglich. „Ist wohl ein sehr

kurzfristiges Arrangement, dass die dich noch bei uns unterbringen.“

„War ja klar, irgendwann rächt es sich, dass wir die paar

Quadratmeter mehr haben, als die üblichen Zimmer“, sagt

Elodie mit einer Ich-hab’s-ja-gewusst-Stimme.

„Ich werde euch nicht in die Quere kommen“, sage ich und

verstaue meine Tasche ohne sie auszupacken unter dem Bett.

„Oh, ja klar“, sagt Elodie. „Du denkst sicher, deine Maman

holt dich hier gleich wieder ab, sobald sie gemerkt hat, wie sehr

sie dich vermisst.“

Ich erwidere nichts darauf. Ich bin nicht in der Verfassung für

eine solche Auseinandersetzung. Auf dem Handy sehe ich, dass

ich bereits zwei ihrer Anrufe verpasst habe. Vermiss mich ruhig

weiter, denke ich grimmig und schalte es ganz aus.

„Und räum deinen Krempel aus dem Flur!“, brüllt Elodie aus

dem Wohnzimmer. „Oder kommt deine Maman gleich vorbei

und räumt das für dich auf?“

Das kann ja heiter werden.

153


Langsam gehe ich durch den endlosen Raum. Es ist hell,

trotzdem kann ich nicht erkennen, was sich in den aufgeschichteten

Kartons befindet. Ich habe es ganz sicher hier verloren. Verzweifelt

suche ich seit Stunden danach und kann es nicht finden.

Es muss aber hier sein, ich bin mir völlig sicher. Die Kartons

werden immer mehr und ich weiß plötzlich nicht mehr, welche

ich bereits durchsucht habe.

„Sag mir, wo es ist“, schreie ich. „Sag mir endlich, wo du es

versteckt hast!“

Gehetzt laufe ich den Weg entlang ins Terrarium. Irgendwo

ist doch diese Tür, aber ich kann sie einfach nicht mehr finden.

„Ich muss auf die andere Seite“, rufe ich verzweifelt. Alle

lachen. Niemand glaubt mir, dass es eine Tür gibt. „Seht ihr

denn nicht, dass er bereits dort drüben ist? Es muss eine

Tür geben! Niemand geht einfach so durchs Fenster! Nur

Geister können durch Zeitfenster hindurchschlüpfen! Nur Geister

können das“, schreie ich …

„Wach auf“, höre ich eine leise Mädchenstimme flüstern.

„Wach auf, du hast nur schlecht geträumt. Ist alles okay mit

dir?“

„Mir geht’s gut“, murmle ich und drehe mich schweiß gebadet

auf die andere Seite. Auch das noch. Albträume hatte ich schon

seit Jahren keine mehr gehabt. Mein Unterbewusstsein muss

völlig hinüber sein. Ich kann nicht wieder einschlafen. Mein

Handy liegt ausgeschaltet auf einem Stuhl neben meinem Bett

und kann mir die Uhrzeit nicht verraten. Es ist stockdunkel. Da

ich meine erste Nacht in diesem Zimmer verbringe, kann ich

mich nicht erinnern, ob die Fenster am Abend zuvor verdunkelt

wurden. In letzter Zeit achte ich sowieso nie auf solche Details.

154


Ich wate durch die Tage, als wäre ich in dichten Nebel gehüllt.

Meine Gedanken sind fahrig, weil ich ihnen ebenso wenig

Beachtung schenke wie der Umgebung. Ich hasse Maman für

das, was sie mir hier zumutet.

Entschlossen zwinge ich mich dazu, nicht mehr an sie zu

denken. Dieser Ort ist einfach nur grauenhaft. Wäre ich doch

nur vier Jahre älter, dann könnte ich einfach abhauen. Aber

wohin sollte ich gehen? Zu Jonathan? Ich habe das Amulett

nicht mehr. Ich habe den Brief nicht mehr. Ich habe auch das

Foto nicht mehr. Stück für Stück scheint alles zu entschwinden.

Ich habe Angst, dass auch meine Erinnerungen allmählich verblassen

und er somit aufhört zu existieren. Alles, was mich mit

ihm und diesem Ort oder mit dieser Zeit verbunden hat, ist weg.

Ich habe nichts mehr, außer … außer dem Buch. Lilys Buch.

Ich greife unter das Bett in meine Tasche und fische es hervor.

Im fahlen Licht der kleinen Nachttischlampe schlage ich es auf

und blättere darin herum.

Die Wahrheit

Meine Wahrheit braucht nicht real zu sein

und trotzdem stimmt sie.

Meine Wahrheit kann sich ändern.

Sie entsteht aus Träumen, Wünschen und Sehnsüchten,

vermischt mit Erfahrungen, Wissen und Werten.

Jede Wahrheit ist nur in ihrem Zusammenhang zu erkennen.

Jede Wahrheit hat ihr Gesicht,

ihre Verkleidung und ihre Tarnung.

Ich kann so vieles wahr werden lassen.

Ich versuche, mich nicht selbst zu belügen.

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Ich versuche, die Wahrheit zu finden und nicht sie zu erfinden.

Wahr ist, dass ich mich bemühe.

Wahr ist, dass ich alles wissen möchte.

Wahr ist, dass ich mich täuschen lasse

und dass ich zu überzeugen bin.

Jemand sollte das für mich in Ordnung halten können.

Die Wahrheit hat sich also ein neues Gesicht zugelegt. Sie

hat beschlossen, dass es besser ist, wenn sie nicht so auffällig

in Erscheinung tritt. Sie hat gelernt, sich ihrer Umgebung anzupassen

und mit dem Hintergrund zu verschmelzen. Deshalb

scheint sie oft nicht mehr auf Anhieb sichtbar.

Ich habe viel zu lange gebraucht, um zu erkennen, dass

ich die Wahrheit einfach übersehen habe. Vielleicht ist es an

der Zeit, mich auch zu tarnen. Nicht mehr zu versuchen, mich

opferwillig in die Schlacht zu stürzen oder meine Energien zu

verschwenden für etwas, was mich zum Narren halten will.

Ich werde das tun, was Romilda tun würde. Sie würde sich bemühen,

die Wahrheit herauszufinden, koste es, was es wolle.

Dabei kann man sich schon mal täuschen lassen, aber man darf

nicht aufgeben. Wie sonst soll man die Wahrheit finden, wenn

sie sich ständig vor einen zu verbergen sucht? Die meisten

Dinge, oder vielmehr die wichtigen Dinge im Leben lassen sich

sowieso nicht so einfach aufspüren, finden, erzwingen, wie immer

man es formulieren will. Die Dinge nehmen ihren eigenen

Lauf. Sie offenbaren sich. Sie nutzen die Gunst der glücklichen

Schicksalsfügung. Ansonsten würden wir sie nie zu schätzen

wissen, wenn wir sie so einfach aus jedem x-beliebigen Hut

zaubern könnten.

156


Jonathan

„Sie ist das bezauberndste kleine Wesen auf der ganzen

weiten Welt“, schwärmt Vincent. „Ich werde ihr ein Pferd kaufen.

Nein, besser erst ein Pony oder einen kleinen Hund, bevor sie alt

genug ist, um zu reiten. Ach, was soll’s, sie soll einen ganzen

Park voller Tiere haben, aus allen Ländern der Erde.“

„Du bist scheinbar gewillt, sie von Wölfen und Bären aufziehen

zu lassen, so wie Mogli“, bemerke ich, nicht ohne

Sarkasmus.

„Sie soll Tiere ebenso verstehen lernen wie Menschen. Es wird

ihr Vorteile bringen, wenn sie früh lernt, wie die Natur ihre

Angelegenheiten regelt.“

„Ja klar“, entgegne ich spöttisch. „Die Erfolgsgeschichte der

Wildtiere im heutigen Europa. Der tapfere Fuchs lockt den Jäger

in die Falle und der unerschrockene Hase zersägt einen Zauberer

in zwei Teile. Und beide sagen sich höflich gute Nacht, bevor sie

zu Bett gehen.“

„Was ist dein Problem, Jonathan? Seit Tagen bist du unausstehlich.

Du bist doch nicht etwa eifersüchtig auf unser kleines

Glück?“

„Eifersüchtig?“ Ich schnappe hörbar nach Luft und suche

nach passenden Worten, mit denen ich diese Anschuldigung

entkräften kann. „Ich hab keinen Grund eifersüchtig zu sein. So

wie ich das sehe, werde ich es sein, der Paulinchen das Reiten

beibringt und ihr zeigt, wie man Fische angelt.“

„Auf keinen Fall!“ Vincent lacht laut auf. „Meine geliebte

Tochter lass ich doch nicht von Wölfen großziehen.“

Es sollte nach einem Scherz klingen, aber ich lache nicht.

Wenn ich eine Wahl hätte, würde ich meine Tochter auch

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nicht dem Wolf überlassen, denke ich. Aber ich habe sie nun

einmal nicht. Also wer von uns beiden ist nun der Wolf: Der

treue Gefährte oder der Rudelführer?

Rosalie

Ich habe nur wenig und unruhig geschlafen in dieser ersten

Nacht und fühle mich matt und ausgelaugt. Romildas Worte

haben mich noch ziemlich lange beschäftigt. Ich habe das Gefühl,

dass sie mich weiter bringen werden als all die Gesprächstherapiesitzungen

mit der Psychotante. Meine Stimmung hat sich nicht

gebessert. Allerdings ist meine Bettnachbarin auch nicht gut auf

mich zu sprechen, also sind wir schon zwei, die an Schlafmangel

und Übellaunigkeit leiden.

„Nicht in die Quere kommen, dass ich nicht lache“, murmelt

Elodie beim Zusammensuchen ihrer Sachen. „Du hast mich letzte

Nacht dreimal geweckt mit deinem Geplärre!“

„Sie kann doch nichts dafür, wenn sie schlecht träumt“,

sagt Manon mit ein wenig mehr Mitgefühl. „Du hast die ersten

Tage und Nächte auch dauernd geheult, erinnerst du dich nicht

mehr?“

„Ich war erst elf damals!“, verteidigt sich Elodie wütend.

„Und du hast eine Woche lang ununterbrochen geheult und

wolltest wieder zurück zu deiner Maman“, fährt Manon unbarmherzig

fort. „Also sei ein wenig tolerant.“

Ich betrachte Manon erstaunt. Gestern ist sie nicht so freundlich

gewesen. Warten wir’s ab, die Wahrheit wird sich früher

oder später auch in ihrem Gesicht zeigen.

158


„Komm mit“, sagt Manon, die meinen musternden Blick

registriert hat. „Du weißt ja, Frühstück gibt’s nur bis acht. Um

halb neun beginnt der Unterricht.“

Ich folge den beiden in die Mensa und halte dabei den Blick

wach und die Sinne geschärft. Das Bemühen fordert eine ganz

neue Konzentration, die ich in den vergangenen Wochen, nein,

Jahren nie richtig ausgeschöpft habe.

Meine Sachen habe ich noch immer nicht ausgepackt, das hat

Zeit. Aber meine Hefte und Bücher sind ordentlich sortiert und

ich notiere und kritzle alles, was mir wichtig erscheint, in einen

großen neuen Notizblock.

Violetta

Im Flur vor dem Zimmer der Schulleiterin lässt man mich

schon mindestens zehn Minuten warten. Eine Zumutung, diese

Leute haben keine Ahnung, was mich das wieder an Nerven und

Aufwand kostet.

Mit vor Ungeduld zitternden Händen suche ich in der Handtasche

nach einem Bonbon. Natürlich finde ich keines, weil ich

nie welche dabei habe, aber es lenkt trotzdem einen großen Teil

meiner Aufmerksamkeit davon ab, mich immer wieder um das

Verstreichen meiner kostbaren Zeit zu sorgen.

Warum dauert das so lange? Rosie hat mich in den vergangenen

drei Tagen nicht zurückgerufen. Na schön, sie ist sauer, enttäuscht,

beschäftigt wahrscheinlich und sie will mich bestimmt

bestrafen für diese Entscheidung. Leider kann ich mich gegenwärtig

nicht, wie ich es üblicherweise tue, an meine Prinzipien

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halten. Ich weiß nicht, wie die Prinzipien in diesem Fall aussehen.

Es ist eine vertrackte Situation.

Ich habe heute Vormittag endlich mit der Schulleiterin

telefoniert und die hat mir versichert, dass Rosalie pünktlich

zum Unterricht erscheint und sich auch sonst unauffällig verhält.

Das ist immerhin etwas. Trotzdem muss ich mich selbst davon

überzeugen und Rosie zwingt mich förmlich dazu, persönlich

vorbeizukommen und nach dem Rechten zu sehen, indem sie

meine Anrufe ignoriert. Leider habe ich, wie immer, kaum Zeit.

Die Schulleiterin erscheint endlich in der Tür und sieht mich

auf einem dieser unbequemen Stühle im Flur sitzen. Mit einigen

raschen Schritten ist sie bei mir und streckt mir die Hand hin.

„Da sind Sie ja, Madame Deville“, stellt sie fest.

Was denkt die sich denn? Natürlich bin ich hier, wir haben

schließlich einen Termin vereinbart, aber es war weder als Frage

noch als Begrüßung formuliert, also halte ich mich zurück.

„Guten Tag, Madame Molier“, erwidere ich so freundlich wie

möglich. „Wir haben bereits miteinander telefoniert …“, fange

ich an.

„Ich weiß, Sie sind gekommen, um sich zu überzeugen, dass

sich Rosalie hier gut eingelebt hat. Ich kann das verstehen.

Wie ich Ihnen bereits heute Morgen versichert habe, besteht

kein Grund zur Sorge, es geht ihr gut. Sie sind früh gekommen,

Rosalie ist noch bei Dr. Poljakow.“

„Ich weiß, ich weiß“, antworte ich nervös, „ich konnte es

zeitlich nicht besser einrichten. Könnte ich mir vielleicht in

der Zwischenzeit ihr Zimmer ansehen?“

„Es ist nicht ihr alleiniges Zimmer. Wie Sie wissen, teilt sie

es mit zwei anderen Mädchen. Wir legen großen Wert auf den

Schutz der Privatsphäre unserer Schützlinge.“

160


„Das verstehe ich“, sage ich. „Ich hatte nur gehofft, ich könnte

einen kurzen Blick auf ihre Unterkunft werfen. Da ich sie so

kurzfristig angemeldet habe, ist mir der Besuchstag mit der

Besichtigungstour entgangen.“

„Ihre Tochter kann Ihnen alles zeigen, das ist kein Problem“,

sagt Madame Molier freundlich lächelnd.

„Sehen Sie“, fange ich vorsichtig an, „ich habe leider gleich

wieder einen wichtigen Termin und werde Rosie nur noch ganz

kurz antreffen, sobald ihre Therapiestunde vorbei ist. Ich möchte

diese Zeit lieber für ein Gespräch mit ihr nutzen. Wäre es nicht

jetzt möglich, es kurz zu sehen, während ich sowieso warten

muss?“

„Ausnahmsweise“, räumt die Schulleiterin ein. „Ich werde Sie

begleiten.“

Die Zimmer sind erstaunlich groß und gemütlich möbliert.

Ich bin erleichtert, dass es weder karg noch unpersönlich wirkt.

Ich schaue mich um, schreite vorsichtig den Raum ab und spähe

dann ins Schlafzimmer. Madame Molier folgt mir in einem

angemessenen Abstand und verdeutlicht damit, dass sie ihre

Verantwortung gewissenhaft wahrnimmt. Das Zimmer ist recht

ordentlich. Auf dem Stuhl neben dem Bett sehe ich einen Stapel

mit Rosies Kleidern, alle zusammengefaltet. Ich registriere mit

einem kleinen Stich im Magen, dass sie offensichtlich sehr gut

in der Lage ist, ihr Bett zu machen und ihre Kleider zu ordnen.

Madame Moliers Handy klingelt und mit einem entschuldigenden

Seufzer nimmt sie es widerwillig entgegen und eilt aus

dem Zimmer. Privatsphärenkonflikt, denke ich schmunzelnd. Ich

bleibe weiterhin im Schlafzimmer stehen und mein Blick fällt auf

das zerknautschte Kopfkissen auf Rosies Bett. Gedankenverloren

ziehe ich an den Ecken, um es zu glätten. Dabei ertaste ich ein

161


Buch, das darunter verborgen liegt. Verwundert nehme ich es

hervor und klappe es auf.

Das Vertrauen

Vertrauen ist etwas, das schnell verloren gehen kann.

Leider nützt es gar nichts, es zu suchen.

Man muss es gewinnen, sich verdienen

oder einfach haben.

Es wird viel zu oft missbraucht,

viel zu oft verschenkt, verweigert.

Es ist wertvoller noch, als Liebe,

denn die Liebe nützt gar nichts ohne Vertrauen.

Wann ist jemand vertrauenswürdig?

Oder ist er nur vertrauenserweckend?

Und wenn das Vertrauen geweckt ist,

wie geht es mit der ersten Enttäuschung um?

Ist es stark und unerschütterlich?

Ist es zerbrechlich, weil es schon versehrt wurde?

Das Vertrauen wieder in Ordnung zu bringen,

ist fast wie ein Wunder zu vollbringen.

Woher hat Rosie dieses Buch, frage ich mich erstaunt. Es

ist auf Deutsch geschrieben, aber ich selbst habe es nie zuvor

gesehen. Dass Rosie überhaupt deutsche Bücher besitzt, habe

ich nicht gewusst. Vielleicht gehört es Olivia. Die würde solche

Texte lesen, das passt zu ihrer abgehobenen Art. Der Umschlag

ist abgewetzt und ich finde nichts über die Autorin oder eine

Angabe über den Inhalt.

Ich höre, wie die Schulleiterin ihre Schritte wieder in Richtung

162


des Schlafzimmers lenkt, während sie dabei ist, das Gespräch

zu beenden. Schnell schiebe ich das Buch zurück unters Kissen

und blicke scheinbar interessiert aus dem Fenster über den Schulhof

und auf die Kinder und Jugendlichen, die den noch immer

warmen Nachmittag draußen zu genießen scheinen.

„Ein schöner Ausblick“, sage ich anerkennend.

„Rosalies Stunde ist gleich zu Ende, wir sollten zurück ins

Hauptgebäude gehen“, erwidert Madame Molier mit einem Blick

auf die Uhr.

Madame Molier

Rosalie scheint weder erstaunt noch erfreut zu sein, als sie

ihre Mutter erblickt. Ich sehe von meinem offenen Büro aus zu,

wie sie steif und emotionslos den gehauchten Kuss ihrer Mutter

in Empfang nimmt und sie dennoch in höflichem Ton begrüßt.

Was mag sich in dieser Familie abgespielt haben? Die Tochter

erscheint mir weder besonders rebellisch noch schwer erziehbar.

Sie hat lediglich desinteressiert gewirkt, als sie mir beim

Eintrittsgespräch gegenübergesessen hat. Dafür erschien die

Mutter umso motivierter und hat den gesamten Gesprächsverlauf

im Alleingang bestritten. Ich habe ihre Schulzeugnisse und

Berichte aufmerksam studiert und keine Auffälligkeiten

feststellen können. Rosalie ist keine besonders fleißige Schülerin,

aber ihre Noten sind auch nicht beängstigend schlecht.

Sie wird als intelligent und umgänglich beschrieben, aber die

Zuverlässigkeit bei den Hausaufgaben und ihr Ordnungssinn

werden bemängelt. Ihre Mutter beschrieb sie hingegen als labil

163


und mit einer Tendenz zu Wahrnehmungsstörungen, die sich

darin äußern, dass sie sich Personen einbildet und das Zeitgefühl

zeitweilig verliert. Rosalie bestätigte jeweils mit einem

kurzen Kopfnicken oder ein paar einsilbigen Antworten die

ausschweifenden Rapporte ihrer Mutter.

164


Geister der Vergangenheiten

Olivia

Es ist kaum mehr auszuhalten. Ich fühle mich schuldig, missverstanden

und machtlos. Mit Max kann ich das Thema nicht

länger erörtern, für ihn ist der Fall erledigt.

„Sie hat uns nur benutzt“, hat er gesagt, „da läuft was anderes

ab. Etwas, das uns nichts angeht.“

„Natürlich geht es uns etwas an“, habe ich erwidert, „schließlich

ist es meine Familie.“

Ich bin damals noch zu jung gewesen, als Violetta von zu

Hause ausgezogen ist. Nur knapp zwölf war ich und Violetta,

gerade achtzehn geworden, war plötzlich so schnell verschwunden,

dass ich nie die Gelegenheit hatte, sie nach dem Grund zu

fragen. Meine Eltern gaben mir keine schlüssige Auskunft über

die Geschehnisse. Für sie war die Welt wieder in Ordnung, als

Violetta das Baby bekommen und geheiratet hat.

Ich erntete einige hämische Kommentare aus der Nach-

165


arschaft. „Deine Schwester hat ja nicht lange gefackelt, sie

hat sich gleich einen reichen Geldsack geangelt. Hätte nicht

gedacht, dass sie außer als Rockerbraut auch noch Talent als

Erbschleicherin hat.“

Kleinstadttratsch ist übel und leider unvermeidlich. Aber

wie jedes Gerede wird es irgendwann langweilig und die Leute

wenden sich etwas Neuem zu. Als der Küchenbauer im Ort

Konkurs ging und seine Frau mit dem Pfarrer durchbrannte, war

der Spuk vorbei, jedenfalls für Außenstehende.

Ludovic ist der Sprössling eines reichen, verwitweten

französischen Firmenbesitzers. Er war als Austauschstudent

an die Uniklinik in Bern gekommen, hatte aber sein Studium

mangels Ehrgeiz und Dank des Zwischenfalls wenig erfolgreich

abgeschlossen. Sein Vater hat für die Folgen dieses

jugendlichen Frühlingserwachens bezahlt und ermöglichte fortan

seinem Sohn ein brotloses Künstlerdasein und Violetta eine

fundierte Ausbildung, die sie sich zum großen Erstaunen

aller auch tatsächlich zunutze gemacht hat. Rosalie bekam eine

Nanny, eine Menge Spielsachen und so wenig Kontakt wie

möglich zu ihren familiären Wurzeln, was ich nie recht verstanden

habe. Ich liebte meine kleine Nichte über alles und wäre die

beste Babysitterin der Welt gewesen, aber Violetta machte sich

rar, indem sie vorschob, karrierebewusst zu sein.

Als ich erwachsen wurde, näherte ich mich meiner Schwester

langsam wieder an. Ich tat es nicht zuletzt für unsere Mutter, die

unter der Trennung zu ihrer Tochter und dem Entzug ihres ersten

und bisher einzigen Enkelkindes gelitten hat. Meinen Vater konnte

ich jedoch nie zu einer Versöhnung bewegen. Zu tief sitzt die

Schmach, die diese frühzeitige Schwangerschaft mit sich brachte.

Als damaliger Gemeindepräsident wollte er in seiner Vorbildfunk-

166


tion stets eine gute Figur machen. Als Violetta sich endgültig in

Paris niederließ, verbrachte ich ab und zu ein paar Ferientage bei

ihr, meistens wenn Ludovic auf irgendeiner Reise war. Ich ging

mit der kleinen Rosie in den Park oder an die Seine.

Violetta hat mich immer wieder aufgezogen, indem sie mich

nach meinen potenziellen Liebhabern ausgefragt hat.

„Es gibt niemanden“, habe ich schon aus Prinzip darauf

geantwortet. Ich wollte meine Erfahrungen etwas leiser machen

als meine Schwester.

„Ach komm schon“, versuchte es Violetta immer wieder,

„mir kannst du es doch sagen. Du kannst doch nicht als ewiges

Mauerblümchen den Ruf unserer Familie ruinieren.“ Als ob

sie vergessen hätte, dass sie diesen Ruf bereits selbst auf dem

Gewissen hatte. Ich bin nicht diejenige gewesen, die von grünen

Haaren plötzlich auf Chanelkostüme gewechselt hat, als wäre es

eine modische Notwendigkeit.

Als ich Violetta endlich gestand, dass ich mich verliebt habe,

freute sie sich so sehr, dass sie eine Flasche Champagner aus dem

Keller holte und sich feierlich damit in der Küche zu schaffen

machte.

„Wer ist der Glückliche? Nun erzähl schon“, hatte sie fröhlich

aus der Küche gerufen.

Ich lachte, als ich zurückrief: „Du kennst ihn vielleicht. Sein

Name ist Max. Max Palhof.“

Ein dumpfer Knall war alles, was aus der Küche zu hören war.

Es war nicht der Knall des Korkens, sondern der der Flasche, die

auf den Boden gefallen war, jedoch ohne zu zersplittern.

Violetta stand mit versteinerter Miene vor mir, den

Champagner vergessen, und redete in harten Worten auf mich

ein, warum das die schlechteste Idee überhaupt sei. Es war aber

167


keine Idee, und Violettas Argumente, er wäre zu alt für mich

oder zu wenig ambitioniert, konnten meine Gefühle für Max

nicht ändern. Ich zog nach kurzer Zeit zu ihm und entdeckte

dabei auch meine Liebe zu Tieren. Max ist Landwirt und alles

andere als ein stinknormaler Typ. Er gehört sicher nicht zu der

Sorte von Männern, die auf irgendeiner Erfolgsleiter hocken,

um nach Profit Ausschau zuhalten. Nicht, weil er nicht schlau

genug dafür wäre. Er mag einfach nicht, dem ganzen Konsumwahnsinn

hinterherzujagen. Er ist zufrieden, wenn man ihn

zufrieden sein lässt.

Den weiteren Verlauf der Dinge kann man erahnen. Ich

heiratete, Violetta hielt sich erneut fern und unser Verhältnis

war wieder auf Eis gelegt. Und wieder war es mir nicht möglich,

den eigentlichen Grund dafür zu erfahren. Ich verstehe Violetta

nicht und sie scheint mich nicht zu verstehen. Und nun wiederholt

sich alles ein drittes Mal.

Elena

Zum wiederholten Mal seit Rosie hier ist, fragt Violetta mich,

ob es schon irgendwelche Fortschritte gibt. „So etwas geht nicht

von heute auf morgen“, antworte ich ihr jedes Mal. Ich kann

leider nur immer wieder das Gleiche sagen. Wenn sie mich doch

einfach meine Arbeit machen lassen würde. Sie hat ganz andere

Sorgen, von denen sie nicht einmal ahnt. Die Fortschritte

werden noch schnell genug passieren. Violetta Devilles Leben

gleitet langsam, aber sicher auf den Abgrund zu.

Bei aller Liebe, muss ich mich jetzt auch noch um seine Toch-

168


ter kümmern? Ludovic ist ein Feigling. Warum kann er sich

dem Offensichtlichen nicht stellen? Warum kann keiner von

denen die Wahrheit erkennen? Violettas Schwester ist blind,

wenn sie es nicht erkennt, und Max ist ein Narr, dass er sich

damals so einfach aufs Abstellgleis verfrachten ließ. Aber

Ludovic – ich verstehe ihn nicht. Er sollte langsam kapieren, was

hier gespielt wird. Bin ich wirklich die Einzige, die gewillt ist,

sich endlich dem Unvermeidlichen zu stellen? Welche Erleichterung

es nach all den Jahren wäre, könnte ich ihm nur einen

winzigen Schluck reinen Weines einschenken. Doch er würde

ihn nicht trinken wollen. Er hätte kein Verständnis für mich, die

ich all die Jahre Violettas Geheimnis sicher bewahrt habe. Kein

Verzeihen für mich, obwohl ich all die Jahre sein Geheimnis

bewahrt habe. Wozu also länger Zeit verschwenden? Meine

Rolle habe ich schon lange auswendig gelernt. Ich werde mit

Überzeugung die Überraschte und Verständnisvolle spielen. Als

Einzige, werde ich ihm beistehen, wenn ihm die Sache um die

Ohren fliegt. Er wird mich brauchen und dankbar dafür sein,

wie er es auch in den letzten Jahren gewesen war. Sie hin gegen

wird nur bekommen, was sie verdient, wenn diese unsägliche

Geschichte sich endlich selbst ans Licht befördert.

Olivia

„Du hättest den langen Weg nicht auf dich nehmen sollen“,

seufzt Violetta zum wiederholten Mal, „und das auch noch mit

dem Auto. Warum hast du nicht den Flieger genommen? Und

wozu hat man deiner Meinung nach das Telefon erfunden?“

169


„Ich hab mich spontan entschlossen, zu dir zu fahren. Hättest

du mir überhaupt zugehört am Telefon?“, frage ich mit ruhiger

Stimme. Ich kenne die vorwurfsvollen Wortlawinen meiner

Schwester und lasse mich nicht beirren.

„Wahrscheinlich nicht“, gibt Violetta zu.

„Ganz sicher nicht“, bestätige ich.

„Was willst du denn hören?“, fragt Violetta müde und genervt.

„Ich habe dir doch versichert, dass es nichts mit dir zu

tun hat. Rosie geht’s wirklich nicht schlecht im Internat. Es ist

eine renommierte Institution, keine Anstalt oder so. Sie wird es

eines Tages verstehen.“

„Wie soll sie das denn verstehen? Wie soll irgendjemand verstehen,

was deine Beweggründe sind, wenn du uns gewöhnliche

Menschen mit deinen Tatsachen – nein, deinen Konsequenzen

einfach konfrontierst? Die Tatsachen brauchen wir ja offensichtlich

nicht zu erfahren, weil du ganz allein die richtigen

Entscheidungen triffst! Sie wird dir dafür weder dankbar sein,

noch wird sie dich deswegen respektieren. Alles, was sie daraus

lernt, ist, dass sie dir ausgeliefert ist. Um Gottes willen rede mit

den Menschen, die dir am Herzen liegen, Violetta!“

Violetta weiß nicht, was sie antworten soll, deshalb steht sie

auf und verschwindet in der Küche. Ich bleibe auf dem Sessel

im Salon sitzen und schaue mich um. So sieht es also aus, dieses

Leben, für das sie so verbissen kämpft. Verteilt auf beträchtliche

Quadratmeter und ausgestattet von einem namhaften Innendekorateur,

ist Violettas Persönlichkeit so unpersönlich repräsentiert,

dass ich mir vorkomme wie in einem Museum der versteinerten

Wünsche.

Violetta kommt mit einem starken indischen Gewürztee

zurück und stellt mir ungefragt eine dampfende Tasse hin.

170


„Du kannst sie von mir aus im Internat besuchen“, sagt sie

schließlich.

Das klingt wie die Aufhebung eines Verbots oder die Auflösung

eines bösen Zauberbanns. Sieh an, Violetta Deville ist

bereit, ein Zugeständnis zu machen. Benötige ich ihre Erlaubnis?

Naja, ich freue mich trotzdem, es ist mehr, als ich erwartet

habe.

Ich erhebe mich, ohne die Tasse zu beachten, und nehme

meine Tasche vom Sessel.

„Wo willst du hin?“, fragt Violetta. „Du bleibst natürlich über

Nacht hier. Ich lasse dich doch jetzt nicht in ein Hotel gehen.

Kommt nicht in Frage!“

Violetta

„Wie geht’s Ludovic? Wie lange bleibt er in ... “, fragt Olivia,

während ich uns ein Glas Wein einschenke. Ich bin überrascht,

dass es sie interessiert, aber vielleicht will sie auch nur höflich

sein.

„Wenn ich das wüsste“, seufze ich.

Olivia blickt erstaunt auf. „Ihr redet nicht viel miteinander“,

bemerkt sie und es klingt weder mitleidvoll noch sarkastisch,

eher wie eine aufrichtige Feststellung.

„Er lebt eben in seiner eigenen Welt“, erkläre ich nur.

„Das tun sie doch alle.“ Olivia seufzt und nippt an dem Glas

mit dem Wein. „Man muss sie nur ab und zu daraus entführen

oder sie in die eigene Welt einladen. Max ist da auch nicht

anders. Er interessiert sich nicht für Kunst wie Ludovic, so viel

171


ist sicher. Auch nicht für Lokalpolitik oder für Vereine und

Schützenfeste. Das bleibt mir zum Glück erspart, damit hat Papa

uns schon zur Genüge gequält.“

„Ich weiß schon, wie Max tickt“, sage ich unbedacht.

„Naja“, sagt Olivia. „Es ist ja auch kein Geheimnis.“

„Was meinst du damit?“, frage ich erstaunt.

„Er hat nie vorgegeben, jemand anderer zu sein, als er

tatsächlich ist. Das meine ich. Ich habe mich von Anfang an in

seiner Welt wohlgefühlt. Aber der Unterschied zwischen unseren

beiden Welten war vermutlich auch nicht so groß wie bei euch.“

„Ludovic interessiert sich eben nicht besonders für meine

Welt.“ Ich überlege einen Moment. „Dasselbe behauptet er auch

von mir“, muss ich achselzuckend zugeben. „Was uns verbindet,

ist nur die Familie.“

„Aber du bist doch inzwischen nicht mehr auf das Geld seiner

Familie angewiesen“, entfährt es Olivia unbedacht.

Na klar, das musste ja irgendwann kommen. Ich nehme einen

kräftigen Schluck Wein und erwidere: „Ich meinte auch nicht

seine Familie, sondern unsere – Rosie.“

Olivia errötet. „Entschuldige“, sagt sie beklommen.

„Ist schon gut.“ Ich seufze. „Ihr habt doch alle gedacht, dass ich

nur auf sein Geld scharf bin. Aber er ist Rosies Vater. Jedenfalls

der, der sich gekümmert hat. Es war die richtige Entscheidung

damals.“

„Er hat dich eben geliebt“, bemerkt Olivia. Doch plötzlich

scheint sie den eigentlichen Sinn dieser Worte zu begreifen.

„Ja, das muss er wohl getan haben“, sage ich nachdenklich.

„Er ist nicht Rosies leiblicher Vater?“ Olivias Gedanken

flackern beinahe sichtbar auf, während sie versucht, die Puzzlestücke

der vergangenen fünfzehn Jahre zusammenzusetzen.

172


„Du hattest damals einen anderen Freund. Einen, den du unseren

Eltern nie vorgestellt hast. Ich habe damals des Öfteren

gehört, wie er dich spät nachts mit dem Motorrad … Er fuhr ein

Motorrad, genau. War das etwa der Grund?“

Der Grund wofür?“

„Dass du ihn verheimlicht hast. Papa hätte ihn schon nicht

gelyncht. Max fährt schließlich auch Motorrad.“

„Aber inzwischen hat er einen Job und trägt die Haare kurz“,

seufze ich.

„Wir reden hier von deinem Exfreund und nicht von meinem

Mann, oder?“

Ich weiß nicht, ob es am Wein oder der späten Abendstunde

liegt, dass ich mich in diesem Moment so müde, traurig und

unbeschreiblich leer fühle.

„Olivia“, beginne ich vorsichtig. „Doch.“

Ich sehe, wie ein Licht aufgeht und ein Lächeln ausgeht.

Olivia

„Olivia, was machst du denn hier?“, fragt Rosalie überrascht,

als ich mit Violetta vor der Tür ihres Appartements auftauche.

Sie reibt sich die Stirn und blickt verwundert von mir zu ihr und

wieder zurück. Es ist mehrere Wochen her, seit Violetta sie bei

mir abgeholt hat. Seither haben wir nichts mehr voneinander

gehört. Und nun stehe ich plötzlich und unangemeldet hier.

„Du hast etwas vergessen, als du gegangen bist“, sage ich mit

einem versöhnlichen Lächeln und drücke Rosalie den vergilbten

Umschlag, den ich in ihrem Zimmer gefunden habe, in die Finger.

173


Ihre Laune hellt sich so schlagartig auf, als hätte jemand einen

Lichtschalter betätigt.

„Schon möglich“, sagt sie freudig. Sie gibt mir einen Kuss auf

die Wange und steckt den Brief in ihre Tasche. Danach sagt sie

in übertrieben höflichem Ton: „Salut, Maman.“

„Salut, Rosie“, erwidert Violetta und verkneift sich angestrengt

die Frage nach diesem Brief. Wahrscheinlich will sie

nicht gleich mit dem ersten Satz die offenbar aufgeheiterte

Stimmung wieder trüben. Stattdessen fragt sie: „Hast du Zeit

und Lust auf einen kleinen Ausflug?“

„Okay, aber ich habe ein wenig Kopfschmerzen“, antwortet

Rosalie. Schwer zu sagen, ob sie von dieser spontanen Idee

begeistert ist, aber sie sieht sich suchend um. „Ich brauch eine

Minute.“

Während sie durchs Zimmer geht und nach ihrem Handy

und einer Jacke sucht, warten Violetta und ich im Flur. Ein

Mädchen, noch in ihrem Nachthemd, huscht an der Tür vorüber

ins Bad und murrt dabei einen unverständlichen Satz in meine

Richtung. Es ist bereits halb zwölf und Violetta schüttelte bei

ihrem Anblick missbilligend den Kopf.

„Es ist Samstag“, sage ich amüsiert. „Wir können von Glück

sagen, dass uns überhaupt jemand um diese Zeit die Tür geöffnet

hat.“

„Alles klar“, meint Rosalie mit einem Blick über ihre Schulter.

„Ist es warm draußen?“

„Ein herrlicher Tag, perfekt um in den Park zu gehen“,

antwortet Violetta.

174


Rosalie

Ich habe Maman lange nicht mehr so euphorisch erlebt. Sie

versprüht ihre gute Laune, als könnte sie damit Tauben füttern.

Ich weiß nicht, wie und warum sich die beiden wieder miteinander

versöhnt haben, doch ich werde das Thema besser ruhen

lassen. Alles ist heiter, das Wetter, die Stimmung, die Spaziergänger

im Park. Nur meine Gedanken können sich ebenso wenig

entspannen wie Olivias Gesichtsmuskeln, die sie für ihr steifes

Lächeln anspannt. Ich sehe ihr an, dass sie irgendetwas quält.

Hat Maman sie etwa zu einer ihrer Intrigen überredet? Hat sie

mir deshalb den Brief gebracht, damit Maman wieder etwas hat,

das sie mir bei Gelegenheit entziehen kann? Nein, das glaube ich

nicht, Olivia würde sich auf solche Spielchen nicht einlassen.

Der Brief brennt mir beinahe ein Loch in die Tasche.

Verunsichert durch diese seltsame Heiterkeit wage ich nicht,

ihn herauszunehmen und das Foto anzuschauen, nicht in

Mamans Gegenwart. Ich habe den Blick gesehen, mit dem sie ihn

registriert hat, als Olivia ihn mir gegeben hat. Aber ich stehe

seither wie unter Strom. Ich möchte unbedingt das Foto ansehen,

Jonathans Gesicht. Ich schwitze.

Alles scheint sich endlos hinzuziehen. Olivia lächelt weiter,

als wäre sie für einen Oscar nominiert, den sie nie bekommen

wird, während Maman strahlt und redet, als würde sie das

Interview ihres Lebens geben. Keine Ahnung, worum es geht,

aber die Handlung ist künstlich aufgebauscht und das Drehbuch

so schlecht, dass selbst der Kellner sich abwendet und die

bestellten Getränke erst nach dem zweiten Take an den Tisch

bringt. Maman macht eine filmreife Szene, weil der Kellner

sich nicht an sein Script hält. Wer hat diesen Typen gecastet?

175


Er gehört nicht in diesen Film. Er sieht ein bisschen aus wie

Jonathan. Erst habe ich ihn nur von der Seite gesehen, aber

jetzt von vorne – nein, doch nicht. Vielleicht der junge Mann,

der dort drüben an dem Tisch sitzt, könnte er die Rolle übernehmen?

Nein, der hat nur ein gleiches Hemd an. Ich höre

Jonathans Stimme beim Vorbeigehen einer Gruppe. Alles dreht

sich in meinem Kopf, die Augen schmerzen. Plötzlich sehe ich

ihn überall.

„Rosie?“ Ich zucke zusammen und blicke Maman fragend an.

„Was ist los mit dir? Wo bist du mit deinen Gedanken?“, fragt

sie besorgt. „Ich versuche gerade, dir etwas zu erklären.“

„Alles okay“, sage ich abwesend. Es klingt wenig überzeugend,

denn es stimmt auch nicht. „Ich habe elende Kopfschmerzen.“

„Ich glaube, sie hat Fieber“, sagt Olivia und drückt ihre

Handfläche an meine feuchte Stirn. „Ist wahrscheinlich nur

ein Virus, die Sommergrippe vielleicht.“

„Wir sollten besser zurückfahren“, sagt Maman plötzlich und

vehement. „Sie muss sofort zum Arzt.“

„Maman“, stöhne ich. „Es ist nichts. Ich will nur zurück.“

„Ich werde uns ein Taxi rufen.“ Sie wählt bereits die Nummer.

Nach einer längeren Debatte im Taxi beharre ich darauf, im

Internat zu bleiben. Ich habe keine Lust, bei Maman zu Hause

beobachtet, oder besser gesagt, bewacht zu werden. Das hätte

noch gefehlt. Ich will jetzt um jeden Preis allein sein, ich reiße

mich trotz der pochenden Schmerzen in meiner Stirn zusammen

und sage: „Es sind nur Kopfschmerzen, Maman. Ich muss mich

nur ins Bett legen. Morgen ist es sicher schon wieder besser, ich

werde dich anrufen.“

Sie gibt nach, will mir aber noch ein paar Schmerz tabletten

besorgen. Ich winke ab. Um sie zu beruhigen, sage ich:

176


„Ich werde zur Schulschwester gehen, wenn’s schlimmer wird.

Versprochen.“

Olivia

„Du hättest es ihr sagen sollen. So war unsere Abmachung.“

„Aber doch nicht, wenn sie krank ist“, entgegnet Violetta

ärgerlich. „Sie war nicht in der Verfassung, das hast du doch

selbst gesehen.“

„Du hast zu lange gewartet. Für so etwas gibt es nie den

passenden Zeitpunkt. Das Leben hält sich nicht an unsere Vorstellungen,

wie alles ablaufen soll. Man kann nicht immer alles

planen und einfädeln, das sollte selbst dir inzwischen klar sein.“

Violetta ignoriert diesen Satz. Das Taxi fährt uns zurück in

die Wohnung, also kann sie mir nicht aus dem Weg gehen. Ich

nutze diese Tatsache, um die Konsequenzen zu erörtern.

„Was hast du nun vor? Du erwartest doch nicht, dass ich nach

Hause fahre und Stillschweigen darüber bewahre?“

„Das kannst du mir nicht antun“, sagt Violetta erschrocken.

„Weder Max noch Rosie dürfen es anders erfahren, als durch

mich, hörst du? Es spielt eine entscheidende Rolle. Die Sache ist

weit delikater, als du dir vorstellen kannst.“

„Glaubst du wirklich, ich könne mir nicht vorstellen, wie

aufgebracht Max darüber sein wird? Er wird ausrasten und

sicher mit Ludovic reden wollen, aber das ist nicht mein

Pro blem, Violetta. Du hattest vierzehn Jahre Zeit, um den

richtig en Zeitpunkt dafür zu finden. Irgendwann ist Schluss

mit dem Lügengebilde.“

177


„Du würdest Rosies Zukunft ruinieren, wenn Ludovic davon

erfährt. Rosie soll selbst entscheiden, ob sie das will.“

„Wieso soll sie entscheiden, ob dein Mann erfährt, dass

dein Kind seine Tochter ist oder die Tochter deines … Ex-“, ich

schlucke leer bei dem Gedanken, „die Tochter deines

Schwagers“, sage ich bitter. Sie soll ruhig verstehen, dass ich in

dieser Geschichte auch eines ihrer Opfer bin.

„Sobald Rosie achtzehn geworden ist, wird sie von einem

Treuhandfond, den Ludovics Vater für sie eingerichtet hat,

profitieren. Die Bedingung damals war, dass wir zu diesem

Zeitpunkt noch immer eine glückliche Familie sind.“

„Ist nicht dein ernst“, sage ich tonlos.

„Und ob“, bestätigt Violetta. „Es handelt sich um eine

immense Summe und ich setze wirklich alles daran, dass die

Familie erhalten bleibt, aber …“

Ganz plötzlich bricht sie in Tränen aus. Das habe ich nicht

erwartet, nicht in der Öffentlichkeit, in Anwesenheit eines

Taxifahrers, der uns verstört im Rückspiegel anstarrt. Ich versuche,

sie zu beruhigen, und reiche ihr ein Taschentuch.

„Ludovic hat eine Affäre“, sagt sie geknickt.

„Himmel, auch das noch“, stöhne ich auf. „Bist du sicher? Ich

meine, woher weißt du das?“

„Ja, ich bin sicher. Ich habe eine SMS gelesen, die er erhalten

und wohl vergessen hat zu löschen. Es war ziemlich eindeutig

und dauert wahrscheinlich schon eine ganze Weile.“

„Was für ein Schlamassel,“ entfährt es mir leise.

178


Rosalie

Nachdem die Türe endlich hinter mir zufällt und ich alleine

bin, gehe ich ins Schlafzimmer, ziehe nur die Jeans aus, nehme

den Brief aus der Tasche und lege mich ins Bett. Das Foto zittert

in meiner Hand und ich betrachte es eindringlich, bis mein Blick

verschwommen wird.

Wo warst du? Du hast mich im Stich gelassen, scheint das

Bild zu sagen.

Das ist nicht wahr. Du hast mich im Stich gelassen! Ich war

immer da und habe den Augenblick des Wiedersehens ersehnt

und jeden Hoffnungsschimmer in pures Licht verwandelt. Du

hast es einfach nicht gesehen. Könntest du in mir nur deine

Zukunft sehen, weg von der Zeit, die dich gefangenhält. Ich

würde dir alle Zeit der Welt schenken. Meine Zeit und die

unserer gesamten Zukunft. Ich würde meine Zeit sogar aufgeben,

um dich wiederzusehen, so sehr vermisse ich dich.

Wir müssen die Zeit hinter uns lassen.

Ich kann alles hinter mir lassen. Es gibt nichts, was mich hier

hält oder überhaupt noch interessiert. Niemanden schert es, selbst

wenn ich zu dir in die Vergangenheit flüchten müsste. Wir könnten

alles neu erfinden. Ich würde dir überall hin folgen. Ich will deine

Augen strahlen sehen und dein Herz schlagen hören, wenn ich

mit dir gehe und für immer bei dir bleibe.

Was willst du tun?

Ich werde dir die schönsten Augenblicke widmen. Ich werde

dich dazu bringen, sie zu erkennen. Ein einziges Bild vom

Augenblick genügt mir, um mein Glück darin zu erkennen. Ich

werde es dir beschreiben: Augenblick – Blickwechsel – Wechselspiel

– Umarmung … und endlich ist er da, der magische Punkt.

179


Szenenwechsel – Kuss und Punkt. Der Punkt ist notwendig, aber

ich weiß nicht, ob ich ihn schon gesetzt oder zeitlebens übersehen

habe. Wo ist dieser entscheidende Punkt? Ich habe keine

Ahnung, ob irgendetwas davon schon in den Sternen steht oder

ob ich es eigenhändig dort hinschreiben muss.

Du musst mir helfen.

Natürlich werde ich dir helfen, aber wie kann ich das tun? Ich

habe das Amulett nicht mehr. Ich kann es nirgends finden. Ich

kann dich nicht mehr finden. Das Wurmloch, es geht nicht auf

ohne das Amulett. Jonathan, ich kann nichts dafür, Jonathan …

Jonathan, verlass mich nicht … Geh nicht.

„Mit wem redest du denn?“ Manon steht vor meinem Bett

und schaut mich kritisch an.

„Ich bin krank“, murmle ich mit fiebrigem Blick.

„Ich gehe und melde es der Schulschwester“, sagt Manon.

„War deine Mutter nicht gerade noch da?“

Sie wartet die Antwort nicht mehr ab, sondern läuft los.

Romilda

Dummköpfe, alle beide! Sie streiten sich um Paulinchens

Aufmerksamkeit, als wäre ihre Zuwendung ein Indiz für die

rechtmäßige Vaterschaft.

Ich finde Jonathans Eifersucht genauso lächerlich wie

Vincents Überheblichkeit. Ich bin es leid, beide immer wieder zu

beschwichtigen. Jonathan sollte froh sein, dass wir so glimpflich

davonkommen sind. Ich bin es auch. Froh und dankbar für

Vincents Großzügigkeit.

180


Ich bin mir sicher, Vincent wusste die ganze Zeit, dass

Paulinchen nicht seine Tochter sein kann. Gott sei Dank war

sie winzig klein und rosig, als sie zur Welt kam. Die wenigen

Härchen auf ihrem Kopf schimmern kupferrot oder rotgolden, je

nach Licht. Sie kommt ganz nach mir, sagen alle. Ein besseres

Schicksal hätte ihr nicht vorbestimmt sein können. In erster

Linie ist sie meine Tochter. Das hat auch Vincent akzeptiert, ich

bin mir vollkommen sicher, und Jonathan würde es besser auch

akzeptieren.

Nun hat Jonathans Eifersucht trotz allem einen Keil zwischen

uns treiben können. Natürlich ist es beinahe unmöglich, dass

wir uns treffen. Nachrichten kann ich ihm auch nicht zu kommen

lassen, das wäre zu leichtsinnig. Das Warten und die Sehnsucht

zermürben mich ebenso wie ihn, aber es geht nicht anders. Wenn

er mich liebt, soll er die nötige Geduld aufbringen!

Aber er hat sein Temperament nicht zügeln können und

mich mit wenigen, aber unbedarften Behauptungen in Ungnade

gebracht. Natürlich waren seine Worte ausschließlich an Vincent

gerichtet gewesen, aber die Haushälterin hat alles mitgehört und

es meiner Schwiegermutter erzählt.

Sie reden nicht mehr mit mir, und das Schlimmste ist, sie

haben Paulinchen weggebracht. Ich bin allein hier und warte auf

Vincents Entscheidung.

181


Das Wurmloch

Rosalie

Die Träume verfolgen mich. Es dauert drei Tage, bis das Fieber

vorüber ist. Man hat mich ins Krankenzimmer des Internats

verlegt. In diesen drei Tagen bin ich durch sämtliche Zeitfenster

und Schlupflöcher gefallen und habe Dutzende dieser seltsamen

oder zusammenhangslosen Unterhaltungen mit Jonathan

geführt und sie einige Male mit Manon, die mich als Einzige

in den Pausen oder nach dem Unterricht besuchte, beendet.

Natürlich wusste sie nicht, wovon ich redete, und schrieb es

den Fieberträumen zu.

Heute, wo es mir wieder besser geht, setzt sich Manon nach

dem Mittagessen zu mir ans Bett und reicht mir eine Tasse

heißen Tee.

„Wer ist Jonathan?“, fragt sie, ohne zu zögern.

„Ein Freund“, sage ich. „Von früher“, füge ich hinzu, damit sie

nicht weiter nachhakt. Ich habe keine Ahnung, was ich während

182


meiner Fieberschübe alles preisgegeben habe. Ich weiß auch

nicht, ob ich ihr trauen kann, denn seit Sophies Verrat bin ich

vorsichtig mit dem, was ich so genannten Freunden anvertraue.

Am besten, sie wissen nichts, dann haben sie auch nichts gegen

einen in der Hand. Ich hoffe also, das Thema hat sich erschöpft.

„Ist er gestorben?“, fragt Manon unverhofft.

Wie kommt sie darauf? Ich staune, aber es macht irgend

wie Sinn. Einen Moment lang denke ich angestrengt nach. So

ließe sich das Mysteriöse vielleicht erklären. Das Wurmloch

würde zum Jenseits deklariert und Jonathans Erscheinung

offiziell zum Geist erklärt werden. Meine im Fieberrausch

gemurmelten Worte könnte ich so einigermaßen begründen.

„Ja, er ist tot“, sage ich und spüre, wie ein kleiner Riss in

meiner Seele entsteht. Plötzlich bin ich nicht mehr sicher, ob ich

nicht eben die Wahrheit erkannt habe.

Manon

Was für ein Schwachsinn. Die Hexe denkt doch wohl nicht,

dass ich die kleine Heulsuse weiterhin bemuttere und überwache

für all diesen erfundenen Blödsinn. Die ist noch nicht

aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht, seit sie hier ist. Soll die

Psychotante ihren Job doch selber machen, schließlich wird sie

dafür bezahlt und nicht ich. Die paar Tabletten, die sie bei mir

gefunden hat, sind es nicht wert, dass ich meine Zeit damit

vertrödeln muss, die Krankenschwester zu spielen. Ich habe ihre

Sachen durchsucht und nichts gefunden, außer einem alten

Buch in einer fremden Sprache, einem uralten Brief, der nicht

183


einmal ent zifferbar ist, und ihrem blöden Notizblock, den sie mit

kindischem Gekritzel füllt. Was soll eine wie sie denn verbergen?

Diesen toten Freund oder das Vermögen ihrer stinkreichen

Eltern? Das alles kann man ihr in fünf Minuten Therapiesitzung

entlocken. Hat sie echt geglaubt, die hätte irgendetwas Gefährliches

gebunkert? Die ist nie im Leben selbstmord gefährdet.

Aber die Poljakow lässt nicht locker. Ständig will sie wissen,

was der Kleinen auf der Seele lastet. Aber das Ganze ist nur

Theater. Sie ist eine verwöhnte Göre, die meint, sie wäre etwas

Besseres. Sie redet nicht mit gewöhnlichen Leuten. Sie hat es

auch nicht nötig, Freunde zu finden. Ihre Maman kauft ihr

sicher welche, sollte sie die je braucht. Ansonsten hat sie

genügend Spielsachen. Sie hat sogar ihr eigenes Wi-Fi, für das

sie das Passwort nicht herausrücken will.

So gesehen geschieht es ihr recht, dass ich ihr die Pillen

gegeben habe. Ich habe sie ihr Samstagmorgen in ihren Tee

gemischt, damit sie nichts mitbekommt. Ich hätte nicht gedacht,

dass sie daraufhin gleich drei Tage flach liegen würde. Ich

wollte nur, dass sie den Nachmittag verpennt und ich in Ruhe

ihre Sachen filzen kann. Wer konnte schon ahnen, dass ihre

Mutter sie sowieso für den Nachmittag abholen kommt. Ebenso

wenig konnte ich ahnen, dass die bescheuerte Kuh gleich einen

Fieberanfall wegen ein paar halmloser Pillen kriegt. Das beweist

nur, was für ein degeneriertes Zimmerpflänzchen sie ist.

Aber es geht ihr wieder gut. Damit habe ich meine Schuldigkeit

getan. Es hat nichts gebracht und glücklicherweise nicht

viel geschadet. Jeder bekommt eben das, was er verdient.

184


Rosalie

Seit einer Woche geht mir Elodie aus dem Weg und tuschelt

dauernd mit ihrer Freundin Aurélie, während diese mich mit

großen Augen begutachtet, als hätte ich eine ansteckende

Geisteskrankheit. Es ist nicht ansteckend, du blöde Kuh. Es

steckt bereits in dir drin, darum hat man dich ebenso in dieses

Psychoheim abgeschoben wie mich.

Manon hat Elodie natürlich diese idiotische Geschichte über

meinen toten Freund erzählt und nun zerreißt sich die halbe

Schule das Maul über mich. Anfangs habe ich noch geheult deswegen,

aber inzwischen ist es mir egal. Ob ich nun hier oder an

meiner alten Schule bin, macht keinen Unterschied. Es ist sowieso

keiner mehr da, der sich für mich interessiert. Wer braucht schon

Freunde. Freunde werden maßlos überschätzt. Maman werde ich

ganz bestimmt keinen Ton darüber sagen. Sie ruft mich jeden

Abend an, aber ich halte mich so kurz wie möglich. Von Papa

habe ich auch keine zufriedenstellende Antwort bekommen. Er

hat in der Zwischenzeit geschrieben und mir viel Glück für den

Start in der neuen Schule gewünscht, aber das kam mit einer

Woche Verspätung an und hat mich nicht wirklich aufgebaut. Ich

fühle mich elend und zum ersten Mal in meinem Leben einsam.

Der einzige Ort, an dem ich wirklich sein möchte, ist das Wurmloch,

und das befindet sich irgendwo bei Olivia.

Eigentlich ist es unlogisch, einem Wurmloch einen geographischen

Standort zu geben, denn gerade den hat es nicht.

Es ist die Verbindung zwischen Raum und Zeit und das kann

theoretisch überall sein. Aber, und das ist der entscheidende

Punkt, ich habe den Schlüssel dazu gefunden. Oder besser

gesagt, ich hatte den Schlüssel dazu gefunden. Doch ohne das

185


Amulett werde ich die Tür zum Jenseits nicht öffnen können.

Das wäre der einzige Weg, um Jonathan zu befreien, denn

inzwischen glaube ich, dass es das ist, worum er mich damals

bitten wollte, als er in meinem Zimmer erschienen ist. Er wollte,

dass ich ihn aus den Klauen der unbarmherzigen Zeit befreie!

„Kommst du Freitagabend auch?“, höre ich eine Stimme

hinter mir.

Überrascht drehe ich mich um. Elodie und ihre dämliche

Freundin Aurélie stehen da und grinsen mich süffisant an.

„Wohin?“, frage ich kurz angebunden.

„Auf unsere Party“, erklärt Elodie.

„Aha“, sage ich verwundert. „Und wo findet die statt?“

„In meinem Wohnzimmer“, erwidert sie frech und lacht dabei,

als wäre es ein gelungener Witz.

Elena

Die Sitzungen mit Rosalie bringen keine nennenswerten Fortschritte.

Ich habe es nicht geschafft, sie ein weiteres Mal aus

der Reserve zu locken. Es gibt kein Thema, das sie besonders zu

interessieren scheint, auch ihre Wahrnehmungsstörungen will

sie nicht thematisieren. Sie behauptet, dass es ein Irrtum war,

ein Missverständnis zwischen ihrer Tante und ihrer Mutter. Ich

bin immer wieder erstaunt über das fehlende Interesse an den

von mir gestellten Fragen. Rosalie sitzt minutenlang da, starrt

Löcher in die Luft und hängt offenbar ihren Gedanken nach.

Manchmal kritzelt sie auch in ihrem großen Notizblock herum

und klinkt sich gänzlich aus.

186


„Was schreibst du da eigentlich?“, frage ich sie und die

Antwort kommt prompt und ist wenig hilfreich: „Nichts.“

„Nichts ist genau das, was du auch erreichen wirst, wenn du

dich weiterhin weigerst, deine Probleme zu erkennen. Ich habe

das Gefühl, dass du dich mit der Situation einfach abgefunden

hast“, setze ich zu einem gezielten Stich, da die ersten einsilbigen

Gesprächsfetzen kein Weiterkommen in Aussicht stellen.

„Stimmt“, bestätigt Rosalie. „Ich bin geheilt. Vielen Dank und

Adieu.“

Sie klappt den Block zu und will sich von der Couch erheben.

„Nicht so schnell, junge Dame“, sage ich laut. „Ich stelle hier

fest, ob und wann jemand geheilt ist. Und du bist noch weit

davon entfernt.“

Rosalie schlägt den Block erneut auf und kritzelt etwas

hinein. Sie macht mich mürbe, aber ich reiße mich zusammen.

„Finden Sie wirklich, dass ich ein Problem habe?“, fragt sie

plötzlich und blickt endlich von ihrem Notizblock auf. „Ich

erledige meine Hausaufgaben, halte meine Sachen in Ordnung

und bin höflich. Wo liegt Ihrer Meinung nach das Problem?“

„Das Problem ist, dass du dich deinen Problemen nicht stellen

willst. Du bist unkonzentriert in der Schule und du zeigst kein

Interesse an deinen Mitmenschen.“

„Warum sollten die mich interessieren?“

„Weil Interesse wichtig für das Zusammenleben in einer

Gruppe ist. Wenn du dich nicht für sie interessierst, können sie

deine Handlungen und Beweggründe nicht nachvollziehen und

werden dich irgendwann von der Gruppe ausschließen.“

„Auch egal“, sagt Rosalie unbeteiligt.

„Siehst du, und genau da haben wir das Problem“, kontere

ich.

187


Sie seufzt. Vermutlich weiß sie, dass ich recht habe, aber auch

das scheint ihr egal zu sein. Es sieht nicht so aus, als wäre sie

gewillt, ihre Zeit und Aufmerksamkeit den Therapiegesprächen

zu widmen. Einzig ihrem Gekritzel schenkt sie Beachtung. Wie

kann ich sie bloß motivieren, damit sie sich etwas öffnet? Ihren

Zimmerkameradinnen erzählt sie nichts und ihrer Mutter schon

gar nicht. Doch irgendeinen Ansatzpunkt wird es geben, etwas,

das sie interessiert, und ich werde ihn finden. Vermutlich steht

er irgendwo auf diesem Notizblock. Ich habe es satt.

„Wir machen zehn Minuten Pause“, sage ich plötzlich. „Geh

an die frische Luft.“

Rosalie

Unmotiviert schlendere ich über den leeren Schulhof. Es ist

keine schulplanmäßige Pause, darum ist es hier so leer wie in

meinem Kopf. Wozu also die frische Luft, frage ich mich. In

meinem Kopf fühlt sich sowieso alles an wie Luft. Wahrscheinlich

ist die Poljakow auch schon so angeödet von diesen

unsinnigen Gesprächen, dass sie neuerdings Pausen verordnet.

Unvermittelt denke ich an Elodie, die nie ihre Aufgaben

erledigt und mich nun auch noch zur Komplizin ihrer blöden

Freitagsparty gemacht hat. In meinem Wohnzimmer, höre ich sie

sagen. Perfekt, eine Saufparty in unserem Wohnzimmer. Die ist

dauernd auf Ärger aus. Eigentlich sollte sie bei der Poljakow

sitzen und sich therapieren lassen.

Schade, dass ich vergessen habe, meinen Notizblock mitzunehmen.

Ich hätte hier draußen in der Sonne sitzend meine Texte fer-

188


tig schreiben können, ohne immer wieder von dem Psychogelaber

unterbrochen zu werden. Ich habe angefangen, Kurz geschichten

über Millie und die anderen Tiere von Olivia und Max zu

schreiben. Ohne Freunde hat man plötzlich eine Menge Zeit.

Wenn ich das Leben aus der Sicht der Tiere betrachte, kommt mir

alles nicht mehr ganz so verworren vor. Olivias Geschichten fand

ich toll. Sie hat immer so getan, als würden es ihr die Tiere selbst

erzählen. Vielleicht ist es kindisch, aber es hilft mir tatsächlich,

meine Gedanken zu sortieren. Ich hatte schon lange nichts mehr

geschrieben, nicht einmal in meinem Blog. Die Schülerzeitung

fehlt mir. Ich vermisse Olivia und Lily, sogar Max.

Endlich ist die Pause um und ich gehe zurück in den Raum.

„Das, was dich vordergründig interessieren sollte, ist, warum

deine Maman dich weggeschickt hat“, nimmt Madame Poljakow

mit ruhiger Stimme das Gespräch wieder auf. „Ich an deiner Stelle

würde wissen wollen, was der Grund dafür ist. Die Zeit heilt zwar

die meisten Wunden, aber Probleme löst man nicht dadurch, dass

man sie verdrängt. Wenn du nicht mit deiner Maman reden willst,

dann schreib ihr doch, was dich bekümmert. Schreib ihr einen

Brief oder führe ein Buch, in das du deine Gedanken schreibst.

Wenn du sie aufschreibst, sind sie aus deinem Kopf und du kannst

sie klarer erkennen. Das ist eine Praktik, die jeder Autor kennt. So

kann man seine Psyche aufräumen und entwirren.“

„Es wird nichts bringen“, murre ich seufzend. „Glauben Sie

nicht, dass ich bereits versucht habe, sie nach einem Grund für

das hier zu fragen?“

„Natürlich hast du das. Aber hast du die Antworten auch

verstanden? Hast du die Fakten in ihren Antworten analysiert

und ergründet? Hast du die unterschwelligen Gründe für ihre

Entscheidung in Betracht gezogen?“

189


„Ich verstehe nicht, was Sie meinen.“ Misstrauisch betrachte

ich sie. Wovon redete sie da? Macht sie tatsächlich den Versuch,

mich nicht nur mit Fragen zu nerven, sondern mir etwas Hilfreiches

zu erzählen? Kommt sie endlich zum Punkt und gibt mir

ein paar richtige Psychotipps?

„Ich werde dir eines verraten. In der Psychologie geht es

einzig und allein darum, die Wurzel eines Problems zu finden.

Dort, wo das Problem seinen Ursprung hat, findet sich auch die

Lösung. Wenn du etwas über dich selbst erfahren willst, musst

du deine eigenen Wurzeln erforschen. Alles hat seinen Ursprung

in der Vergangenheit. Die Zeit legt einen Schleier darüber. Du

musst dich sorgfältiger umsehen. So wie eine Eule ihren Kopf

um hundertachtzig Grad drehen kann, um den Überblick zu

behalten, musst du dich den Fakten um dich herum zuwenden

und nicht den Blick davor verschließen.“

Wie kommt diese Frau auf eine Eule? Es ist doch nicht möglich,

dass sie von meinem Amulett weiß. Niemand hier weiß

davon, nicht einmal meinen Zimmergenossinnen habe ich davon

erzählt, und hier im Internat habe ich das Amulett bereits gar nicht

mehr besessen. Es kann also niemand gesehen haben oder davon

wissen. Ist es möglich, dass ich unbewusst irgendwelche Signale

aussende? Vielleicht hat sich diese Frau irgendwie Zugang zu

meiner Psyche erschlossen und liest nun meine Gedanken? Oh

nein, wie gruselig! Ich hoffe, das war purer Zufall.

„Nach den Wurzeln suchen“, murmle ich nachdenklich.

Warum weiß ich so wenig über meine Wurzeln? Was ist die

Wahrheit über Maman und Olivia und warum haben die beiden

ein so seltsames Verhältnis zueinander? Was hat es mit Lilys

Buch auf sich und warum kann ich nirgends etwas über die

Autorin Romilda Darkling herausfinden? Aber vor allem

190


möchte ich die Wahrheit über Jonathan herausfinden, darüber,

wo er sich in diesem Augenblick befindet und warum ich im

Sommer diesen mysteriösen Kontakt zu ihm gehabt habe. Und

das Amulett? Das ist auch ein Rätsel, das ich lösen muss.

Meine Gedanken kreisen den ganzen Tag um das letzte

Gespräch mit der Poljakow. Alles hat seinen Ursprung in der Vergangenheit,

hat sie gesagt. Wenn ich etwas Richtiges herausfinden

will, muss ich zurück an den Ort des Geschehens. Das hat mir

die Psychologin mehr als deutlich klargemacht. Es ist wirklich

an der Zeit, dass ich herausfinde, was sich damals abgespielt hat.

Entschlossen klopfe ich an die Tür der Schulleiterin.

„Herein“, höre ich eine Stimme sagen und ich öffne die Tür.

„Was kann ich für dich tun?“, fragt die Schulleiterin freundlich.

„Madame Molier, ich werde ab Morgen in der Schule fehlen.“

Sie sieht mich fragend an. „Aus familiären Gründen. Meiner

Tante geht’s schlecht. Ich muss unverzüglich zu ihr.“

„Das werde ich dir genehmigen, sobald ich die Erlaubnis

deiner Eltern habe“, antwortet die Schulleiterin freundlich.

„Mein Vater ist, wie Sie wissen, in Asien. Es ist im Moment

schwierig, ihn zu erreichen. Maman erlaubt es natürlich, aber

sie hat im Moment keine Zeit, sich um solche Kleinigkeiten zu

kümmern“, sage ich schnell, aber meine Hoffnung sinkt, als ich

ihre zusammengezogenen Augenbrauen sehe.

„Dann kann ich leider nichts machen“, sagt Madame Molier

immer noch freundlich.

Ich habe das bereits vermutet, deshalb sage ich in bestimmendem

Ton: „Ich habe Sie lediglich darüber informiert, damit Sie

Bescheid wissen. Die üblichen Formalitäten werden in diesem

Fall leider warten müssen. Es handelt sich schließlich um einen

Notfall!“

191


„Nein, so läuft das nicht, Rosalie“, sagt Madame Molier

streng. Sie sieht jedoch meine entschlossene Miene und seufzt.

„Du kannst nicht fernbleiben ohne eine schriftliche Erlaubnis

eines Erziehungsberechtigten. Wenn du es trotzdem tust, wird

es ernsthafte Konsequenzen haben. Sieh mal, deine Maman

hat sich sehr bemüht, so kurzfristig noch einen Platz in diesem

Internat für dich zu finden. Du willst doch nicht etwa einen

Schulverweis riskieren, habe ich recht?“

Max

Olivia ist überhaupt nicht besser gelaunt, seit sie aus Paris

zurück ist, stelle ich besorgt fest. Ich war nicht begeistert, als

sie sich kurzentschlossen auf den Weg zu Violetta gemacht hat.

Aber Olivia hat sich nicht davon abbringen lassen. Meinet wegen

hätte der Kontakt ruhig wieder versickern können, ich habe nicht

das geringste Interesse an Violettas Spielchen. Sie wird Olivia

doch nichts von unserer Abmachung erzählt haben? Zu dumm,

dass ich mich auf so etwas überhaupt eingelassen habe. Aber im

Nachhinein ist man immer klüger. Ich habe unsere Beziehung mit

einer Lüge begonnen. Erst war es noch keine Lüge, nur etwas,

was ich gerne verdrängt habe. Mir war schnell klar, dass Olivia

die kleine Livi war, Violettas jüngere Schwester. Natürlich war

ich nicht besonders scharf darauf, ihr gleich zu Anfang zu erzählen,

dass ich einmal eine kurze Beziehung mit ihrer älteren

Schwester hatte. Der richtige Zeitpunkt würde schon kommen

und Violetta war schließlich weit weg in Paris. Zur Lüge wurde es

erst, als ich plötzlich diesen Anruf erhielt. Olivia und ich waren

192


schon ein paar Monate zusammen, als ihre Schwester mich eines

Abends überraschend anrief. Zuerst hatte ich keinen Schimmer,

mit wem ich eigentlich sprach, immerhin waren fast zehn Jahre

vergangen, seit ich sie zuletzt gesprochen hatte. Doch als sie ohne

Umschweife sagte, dass ich mich aus ihrem Leben rauszuhalten

hätte, wusste ich schlagartig wieder, mit wem ich es zu tun hatte.

„Schön, nach so langer Zeit wieder von dir zu hören“, sagte

ich nur. „Dein Leben interessiert mich genauso wenig, wie dich

damals meins interessiert hat.“

Unsere Beziehung hatte nur einen Sommer gedauert. Wahrscheinlich

waren wir beide zu jung für etwas Ernsthaftes, jedenfalls

war das ihre Begründung, als sie mit mir Schluss machte.

Es hat mich damals tief getroffen. Deshalb konnte ich auch nicht

verstehen, dass sie sich kurz darauf diesem Franzosenschnösel

an den Hals geworfen hat und auch gleich ein Kind von ihm

erwartete. Das passte überhaupt nicht zu ihr, obwohl … Es war

eben ein reicher Schnösel.

„Du hast Olivia nicht gesagt, dass wir damals zusammen

waren“, schlug sie einen anderen, sachlicheren Ton an.

„Das werde ich heute Abend nachholen.“

„Ich bitte dich, ihr nichts davon zu erzählen“, sagte sie zu

meinem großen Erstaunen.

„Ich verstehe nicht …“

„Ich kenne meine Schwester besser als du, Max. Sie ist

sensibel. Ihr Herz wird in tausend Scherben zerspringen, wenn

sie davon erfährt.“

Das habe ich ihr damals geglaubt. Ich habe meinen Teil der

Abmachung bis heute gehalten. Schweigen fällt mir im Allgemeinen

nicht besonders schwer. Diese Tatsache vor Olivia zu

verheimlichen, ist aber etwas anderes. Violetta erschien nicht

193


zu unserer Hochzeit und mir tat es im Nachhinein leid, als

ich gesehen habe, wie sehr es Olivia traf. Scherben trotz aller

Vorkehrungen. Und nun ist es Violetta, die die Schranken, die

sie selbst errichtet hat, nach und nach einreißt.

„Ich muss etwas mit dir besprechen“, sage ich also zu Olivia.

„Max, können wir später reden?“, antwortet sie. „Ich muss

das Abendessen vorbereiten.“

„Nein, ich möchte das jetzt klären. Ich habe es schon viel zu

lange aufgeschoben.“

Sie schaut mich verwundert an, setzt sich aber an den

Küchen tisch und nimmt sich ein Glas Bier, obwohl sie sonst

Wein bevorzugt.

„Hör zu“, fange ich an. „Ich weiß nicht, wo ich beginnen soll,

aber es ist meine Schuld. Keine Ahnung, was Violetta dir erzählt

hat, als du in Paris warst. Nun, irgendetwas hat sie gesagt, was

dich traurig macht. Ich möchte dir meine Version erzählen.“

Olivia nimmt einen Schluck aus dem Glas und nickt. Sie

redet nicht, wahrscheinlich, weil sie fürchtet, ich würde wieder

verstummen.

„Die Sache ist die: Deine Schwester und ich, wir waren

einmal zusammen. Das ist über fünfzehn Jahre her, noch vor

Rosalies Geburt natürlich. Es war nur einen Sommer lang

und sie hat plötzlich aus heiterem Himmel Schluss gemacht.

Ich habe damals nicht verstanden, warum. Kurz darauf ist sie

weggezogen, um zu studieren, denke ich. Ich habe viele Jahre

nichts mehr von ihr gehört. Doch ein paar Monate, nachdem wir

uns kennengelernt hatten, hat sie mich überraschend angerufen

und … Ich hab es dir nie erzählt, weil sie mich darum gebeten

hat. Ich bin mir über den Grund inzwischen nicht mehr wirklich

sicher, warum sie nicht wollte, dass du von unserer Beziehung

194


erfährst, aber anscheinend bin ich der Grund, dass sie nach

unserer Hochzeit den Kontakt zu dir abgebrochen hat.“

Es ist hart, das einzugestehen, aber genau so ist es gewesen.

Olivia sieht mich mit weit geöffneten Augen an und sagt noch

immer kein Wort.

„Das ist die Wahrheit, glaub mir bitte“, versuche ich sie zu

überzeugen. „Ich weiß nicht, was genau sie dir erzählt hat, aber

ich hatte nie wieder Kontakt mit ihr, bis Rosalie hier aufgekreuzt

ist. Das musst du mir glauben.“

Olivia rinnen Tränen über die Wangen. Auch das noch, sie

hat also nichts davon gewusst?

„Es tut mir so leid“, ist alles, was ich noch sagen kann.

„Nein, mir tut es leid“, sagt sie plötzlich und ich erstarre

augen blicklich. Was meint sie? Sie will mich doch nicht verlassen

deswegen? Ich verstehe schon, dass sie enttäuscht ist,

aber das kann doch nicht das Ende sein? Kalter Schweiß läuft

mir über den Rücken bei der bloßen Vorstellung.

„Es ist viel schlimmer, als du ahnst“, erklärt Olivia nach einer

kurzen Pause und wischt sich die Tränen entschlossen aus dem

Gesicht. „Ich bin froh, dass du mir das erzählt hast. Aber ist das

auch wirklich alles, was du darüber weißt, Max?“

„Ja – was gibt es denn sonst noch zu wissen?“

„Du hast also keine Ahnung, warum Violetta damals fortgegangen

ist?“, fragt Olivia und schaut mich durchdringend an.

Ich überlege fieberhaft, auf was das hinausläuft. Hat sie mich

etwa als Fremdgänger beschuldigt?

„Nun ich nehme an, sie hatte schon Pläne mit dem Franzosenschnösel.

Sie hat ihn auf einer dieser Studentenpartys kennengelernt.

Er hat ihr schlussendlich besser gefallen und sie hatte

vermutlich schon einen Studienplatz in Paris. Ganz ehrlich, ich

195


war damals ziemlich niedergeschmettert. Sie ging weg, es war

ihre Entscheidung. Du kennst sie, sie lässt sich nicht umstimmen.

Mit mir hatte das Ganze eigentlich wenig zu tun.“

„Das ist wahr“, sagt Olivia matt. „In diesem Fall hattest du

keine Chance. Ich werde dir erzählen, warum sie es getan hat,

aber du musst mir versprechen, dass du nicht ausflippst. Du

darfst niemandem davon erzählen, hörst du?“

Das hört sich nicht gut an. Meine Gedanken überschlagen

sich.

„Keine Geheimnisse mehr, Olivia. Ich bitte dich. Ich habe die

letzten fünf Jahre dieses eine gehütet und du siehst, dass es zu

nichts Gutem geführt hat. Es hat uns beide nur belastet.“

„Ich verstehe das, Max. Trotzdem werde ich dir jetzt ein

Geheimnis erzählen, und du kannst selbst entscheiden, was du

damit machst.“

Ich nicke, um sie zu ermutigen, obwohl ich keine Ahnung

habe, ob ich es wirklich wissen will.

„Violetta hat Ludovic nur geheiratet, weil sie schwanger war.“

„Ja klar, mit Rosalie. Das ging ziemlich schnell.“

„Zu schnell“, bestätigt sie. „Rosalie ist nämlich nicht

Ludovics Tochter.“

„Du meinst … Nein, das glaube ich nicht. Das kann sie nicht

… Willst du wirklich sagen, dass …?“

Mein Magen verkrampft sich und Gedanken schießen wie

ein Gewittersturm durch meinen Schädel. Wie konnte ich nur

so ahnungslos sein? Wer vermutet schon, dass die Frau, die

man geliebt hat, einen so hintergeht? Hat sie mich tatsächlich

fünfzehn Jahre lang im Unklaren darüber gelassen? Hat sie das

wirklich vorsätzlich geplant und durchgezogen? Warum rückt

sie jetzt damit heraus? Will sie unser ganzes Leben ruinieren?

196


„Rosalie ist deine Tochter“, höre ich Olivia sagen. „Das weiß

aber außer uns beiden nur Violetta. Rosalie hat keine Ahnung

und Ludovic darf es nicht erfahren, bis Rosalie achtzehn wird,

sonst erbt sie nichts von dem Vermögen aus Ludos Familie.“

„Das kann doch nicht wahr sein“, rufe ich entsetzt. „Das sind

noch vier Jahre bis dahin. Vier verdammte Jahre. Was will sie

noch von mir verlangen? Warum zum Teufel drückt sie mir immer

ihre verfluchten Geheimnisse auf? Es ist unmöglich, so etwas mit

sich herumzutragen. Jetzt ist Schluss, sage ich dir. Ich weiß nicht,

was ich tun werde, wenn ich sie das nächste Mal sehe.“

„Du kannst es dir in aller Ruhe überlegen“, sagt Olivia.

„Überstürze es nicht, denk an Rosalie.“

„Ich muss hier raus“, sage ich aufgebracht. „Ich brauche

frische Luft, sonst drehe ich durch.“

Ich schnappe mir meine Jacke und mit einem Ruck reiße ich

die Eingangstür auf. Als wäre nicht alles schon genug, steht

Rosalie draußen vor der Tür. Es ist wie ein Fluch.

Ohne etwas zu sagen, laufe ich an ihr vorbei.

197


Die Zeitreise

Rosalie

Ich warte einen Moment lang vor der Tür, um mich zu überwinden,

endlich zu klingeln. Die ganze lange Fahrt im Zug

über habe ich zwischen grimmig überzeugter Entschlossenheit

und ängstlicher Reue geschwankt. Die Konsequenzen habe ich

mir vorher nicht überlegt, absichtlich nicht. Es ist mir bewusst,

dass ich soeben eine Grenze überschritten habe. Eine ganz reale

Grenze in meinem realen Leben. Das ist etwas anderes, als die

Grenze zum Jenseits zu überschreiten. Andererseits gibt es zahllose

Schulschwänzer oder Schulverwiesene und nur wenige, die

je Kontakt zu Geistern oder Zeitreisenden aufgenommen haben.

Ich habe nur den Moment im Fokus behalten.

Elodies blöde Party gestern hat mir den Rest gegeben. Es war,

wie ich erwartet habe, eine Versammlung der strohdümmsten

Hühner am Internat, die sich pinkfarbene, mit Wodka anstatt

Wasser angerührte Jellypuddings reinzogen und sich gegen-

198


seitig blonde Strähnchen in die Haare färbten und die Ohren

piercten. Nachdem die Erste das Bad vollkotzte, weil sie gemerkt

hatte, dass dabei auch Blut fließen konnte, habe ich versucht,

Elodie zur Vernunft zu bringen, aber die hat nur gelacht und

gesagt, dass es ebenso meine Party sei, da ich ja davon gewusst

hätte.

Jedenfalls hatte ich die Schnauze gestrichen voll, und da das

ganze Universum eine große Verschwörung zu sein schien, habe

ich am frühen Morgen meine Tasche unter dem Bett hervorgekramt,

ein paar Sachen reingestopft und sie kurzerhand aus

dem Schlafzimmerfenster in die Hecke fallen lassen und bin

unauffällig aus dem mit Ammoniak und pinkfarbenem Wodka

verseuchten Appartement geschlüpft, als würde ich mal eben

frische Luft schnappen.

Die nächsten Stunden verbrachte ich auf dem Bahnhofsareal.

Der blöde Zug fährt nur einmal am Tag. Fast mein gesamtes

Bargeld ist für das Zugticket draufgegangen, das war knapp.

Ich habe den nächsten Zug genommen und mich auf der Fahrt

ständig gefragt, ob ich auch im richtigen Zug sitze, obwohl es

nur den einen gibt. Am Hauptbahnhof Bern bin ich mit meiner

bunten Reisetasche über der Schulter ausgestiegen. Es schien

mir, als hätte ich seit Wochen auf diese Aktion gewartet. Entschlossen

nahm ich den Bus Richtung Tierpark, schwarz natürlich,

weil ich nur noch ein paar Euros dabei hatte, die für ein

Taxi nicht reichen würden.

Nun bin ich also zurück im Vorgarten des vertrauten kleinen

Stadthauses und die Hecke starrt mich erneut an. Die Schatten

darin verursachen wieder diese knackenden Geräusche als

fragten sie mich in lautlosem Flüsterton: Was willst du schon

wieder hier?

199


Eine Eule krächzt und ich bekomme unwillkürlich eine

Gänse haut vor Aufregung und auch vor Angst. Ich sollte

endlich läuten, aber ich traue mich nicht. Ich weiß, es gibt kein

zurück mehr, das Wurmloch hat mich wieder und es droht mich

zu verschlingen.

Auf einmal öffnet Max die Tür und hält sie stumm erstarrt

geöffnet. Er schaut mich eine Sekunde lang entsetzt an, während

ich mich vorsichtig mit der Tasche in den Armen und eine

Entschuldigung nuschelnd an ihm vorbei in den dunklen Flur

drücke, als wäre ich einfach nur zu spät nach Hause gekommen.

Olivia

Das Zimmer für Rosalie ist fertig. Es ist schon viel zu spät

für ein Abendessen, aber Rosalie sagt, sie hätte keinen Hunger.

Den habe ich ehrlich gesagt auch nicht. Max ist mit seinem

Motorrad weg und ich weiß nicht, ob ich ihn anrufen oder in

Ruhe lassen soll. Nun ja, er hat ja gesehen, dass Rosalie wieder

da ist. Er braucht wohl einen Moment, um sich zu sammeln.

Ich habe die Schulleiterin informiert, dass Rosalie sich in

sicherer Obhut befindet. Diese hat es mit einem resignierten

Seufzer zur Kenntnis genommen und sich statt nach Rosalies

nach meinem Wohlbefinden erkundigt. Es gehe mir gut, habe

ich verwundert geantwortet und zu spät begriffen, dass ich

soeben Rosalies Alibi vernichtet hatte.

Violetta habe ich noch nicht informiert. Ich habe keine

Ahnung, was sie bereits weiß oder wie sie reagieren wird. Aber

das hat jetzt keine Priorität.

200


„Du rufst sie morgen an“, sage ich entschlossen. „Für heute

hatten wir genug Aufregung.“

„Okay“, antwortet Rosalie wenig begeistert. „Was ist denn bei

euch los? Ist Max meinetwegen vorhin so davongestürmt?“

Ich seufze. Was soll ich nur darauf antworten?

„Mach dir keine Sorgen“, sage ich. „Max wird sich schon

beruhigen. Er ist nicht wütend auf dich. Wenn er aber erfährt,

dass du ausgerissen bist, kann ich nicht garantieren, dass er

nicht herumbrüllen wird.“

„Schon klar“, sagt Rosalie. „War nicht meine beste Idee, gebe

ich zu. Aber schlimmer als Maman kann er nicht toben. Ich

wünschte, Papa wäre hier.“

Die arme Kleine. Es bricht mir das Herz. Ich werde ihr helfen,

koste es meine ganze Kraft. Ein Vermögen ist ja schön und gut,

aber was bringt das, wenn ein verängstigtes Mädchen quer durch

halb Europa reisen muss, weil sie kein vernünftiges Zuhause hat.

Violetta hat es gründlich verbockt.

„Geh schlafen, meine Kleine“, sage ich und umarme sie

innig. „Morgen räumen wir auf und machen neue Pläne für

die Zukunft. Noch ist nichts verloren.“

„Danke“, sagt Rosalie und schaut mich verwundert an.

Max

Es gibt nur eine vernünftige Vorgehensweise. Ich lasse mich

nicht länger von Violetta nötigen. Was immer sie für Gründe hatte,

sie interessieren mich nicht mehr. Olivia ist an meiner Seite und

Rosalie ist ebenfalls hier, aus welchem Grund auch immer.

201


Ich stelle das Motorrad zurück in die Garage. Es hat gut

getan, eine Runde zu drehen. Es fühlte sich an wie früher, als

alles noch unkompliziert und sorgenlos war.

Was zum Henker ist eigentlich geschehen? Warum ist

Rosalie hier aufgekreuzt? Hat Olivia davon gewusst? Ich glaube

kaum, denn das Timing hätte ungünstiger nicht sein können.

Was soll’s, ich werde es gleich erfahren.

Olivia ist allein im Wohnzimmer und starrt gedankenversunken

in ein Buch. Als ich eintrete, blickt sie auf und lächelt.

Sie ist also nicht sauer, denke ich erleichtert.

„Wo ist sie?“, frage ich und schaue in die leere Küche.

„Oben. Sie hat eine lange Fahrt hinter sich. Sie wird sicher

schon schlafen. Lass sie sich bitte ausruhen, bevor du sie anbrüllst.“

„Warum sollte ich sie anbrüllen?“, frage ich erstaunt. „Sie hat

etwas ausgefressen“, bemerke ich und lasse mich stöhnend in

den Sessel fallen.

„Nun ja, sie ist aus diesem Internat abgehauen und wahrscheinlich

wird sie einen Schulverweis bekommen. Aber sie war

verzweifelt. Sie hat anscheinend einiges durchgemacht in den

letzten Wochen.“

„Wir sollten es ihr sagen“, überlege ich laut.

„Lass mich erst mit Violetta reden, bitte.“

„Ich werde auf Violetta keine Rücksicht mehr nehmen. Auf

Rosalie natürlich und auf den Franzosenschnösel meinetwegen.

Er wird sicher auch als ahnungsloser Trottel dastehen. Aber ganz

bestimmt lasse ich mich nicht länger von ihr manipulieren.“

„Ist schon klar“, sagt Olivia. „Dann bist du einverstanden,

dass ich sie jetzt anrufe? Sie weiß nämlich noch nichts von

Rosalies Verschwinden, nehme ich an.“

202


„Dann versetz ihr diesen Schlag bitte“, sage ich hart. „Und

lass dir nicht die Schuld dafür in die Schuhe schieben. Soll ich

…?“

„Nein, lass nur“, sagt sie entschlossen und geht ins Arbeitszimmer.

Olivia

Seufzend nehme ich das Telefon zur Hand und schließe die

Tür hinter mir. Ich werde versuchen, vernünftig mit Violetta zu

reden. Kaum habe ich mich gemeldet, höre ich ihre aufgebrachte

Stimme: „Ist sie bei dir? Gott, ich war schon krank vor Sorge.“

Mir bleibt kaum genug Zeit, um ihr zu erklären, was vorgefallen

ist, denn sie lässt mich nicht zu Wort kommen. So schweige ich

einfach und höre zu, wie Violetta die Unterhaltung führt.

„Ich bin am Ende mit meinem Latein, Olivia. Die Schul psychologin

hat mir erst vor ein paar Tagen gesagt, dass Rosie absolut

keine Fortschritte macht. Sie ist überhaupt nicht kooperativ.

Natürlich unterliegt es ihrer Schweigepflicht, aber sie weiß, wie

besorgt ich um sie bin, deshalb meldet sie mir ab und zu, wie

es ihr geht. Rosie ruft mich ja kaum an, und wenn überhaupt,

dann erzählt sie mir nichts. Dieses Kind ist verschlossener als

ein Schweizer Banksafe. Sie hat sich vollkommen abgekapselt

und ihre schulischen Leistungen leiden auch schon darunter.

Es ist wirklich prekär, alles hat sich inzwischen nur noch verschlimmert.

Genau das wollte ich doch vermeiden. Sie ist in

einem labilen Zustand und braucht dringend Hilfe, aber sie lässt

es einfach nicht zu.“

203


„Sie ist zu uns, zu Max und mir gekommen und hat um

Hilfe gebeten, also wird sie sich von uns helfen lassen.“ Violetta

schweigt, also gebe ich ihr einige Sekunden Zeit, bis ich sage:

„Lass sie für eine Weile hier. Ich werde auf sie aufpassen, ich

verspreche es.“

„Wie stellst du dir das vor? Wir wissen beide, wie gut es das

letzte Mal geklappt hat. Das ist doch nicht dein ernst, Olivia, jetzt,

wo du weißt, was auf dem Spiel steht. Stell dir nur vor, Max

würde davon erfahren, das wäre wirklich eine Katastrophe.“

„Max weiß Bescheid“, sage ich knapp. Mir reicht es mit

ihren Predigten. „Und ich weiß, dass du ihn zum Schweigen verdonnert

hast, was eure Vergangenheit angeht. Er ist echt sauer,

Vio letta, und ehrlich gesagt, bin ich es auch. Ich bin überrascht,

dass du immer noch glaubst, du könntest uns alle manipulieren.

Rosalie ist auch seine Tochter, und wenn du meinst, dass wir

kein Recht hätten, uns einzumischen, dann irrst du dich. Deine

Aufgabe ist es, mit Ludovic ins Reine zu kommen, denn sonst

ist die ganze Sache ohnehin gelaufen. Hast du das verstanden?“

Stille in der Leitung.

„Sie kann bleiben“, sagt Violetta schließlich matt. „Sie wird

sowieso von der Schule fliegen.“

Rosalie

Nach einem tiefen, traumlosen Schlaf wache ich auf und

sehe mich in dem kleinen Zimmer um. Sofort fühle ich mich zu

Hause. Ich habe es tatsächlich vermisst. Olivia hat gestern nicht

wütend reagiert, im Gegenteil, sie ist nett und verständnisvoll.

204


Max habe ich nur kurz zu Gesicht bekommen. Bei ihm weiß

ich nicht, wie er reagieren wird. Ich weiß nur, dass ich den

beiden eine Erklärung schulde, aber ich habe keine Ahnung,

was ich sagen soll. Ich werde lieber nicht wieder von Jonathan

an fangen, also sage ich beim Mittagessen: „Das Internat war

ätzend. Die behandelten mich, als wäre ich eine Geisteskranke.

Ich habe es nicht mehr ausgehalten.“

„Ich verstehe“, meint Olivia. „Du wirst am Montag aber trotzdem

wieder zur Schule gehen.“

Als sie meinen entsetzten Blick sieht, fügt sie hinzu: „Auf die

Schule hier bei uns. Du glaubst doch nicht, dass du dich davor

drücken kannst? Da musst du schon in ein anderes Universum

flüchten, um dem zu entkommen.“

Ich lächle matt. Ich weiß, dass Olivia, was das Universum

angeht, nur scherzt, um mich aufzumuntern. Wer weiß, denke

ich, vielleicht schaffe ich irgendwann doch noch den Sprung in

eine andere Dimension. Aber ein bisschen mehr als zwei Tage

zum Eingewöhnen hatte ich mir schon erhofft. Ich dachte, das

würde eine Weile dauern, bis die Schule das mit dem Papierkram

und so geregelt bekäme. Ich habe weder Zeugnisse noch

Schulhefte mitgenommen. Wohlweislich natürlich.

„Ich kann also hierbleiben? Maman hat das erlaubt?“

„Es liegt bei dir“, sagt Max. „Wir werden sehen, wie es läuft.“

„Ich danke euch“, sage ich erleichtert. „Ich werde mich anstrengen,

versprochen.“

„Das wirst du“, sagt Max streng, aber er lächelt dabei. “Du

wirst die Ferien bei deiner Mutter verbringen. Und du wirst

mithelfen im Haus.“

„Natürlich. Ich könnte Besorgungen machen, wenn ich

nachher in die Stadt gehe“, biete ich an, um etwas Nützliches

205


eizutragen. „Ich sollte wohl ein paar Stifte und Hefte besorgen.“

„Versprich mir, dass du keine Dummheiten machst.“ Olivia

betrachtet mich mit besorgtem Blick.

„Ich versprech’s“, versichere ich ihr.

„Bring bitte Milch und etwas Brot mit“, sagt sie schließlich,

womit sie zu ihrer pragmatischen Grundhaltung zurückkehrt.

„Und nimm dein Handy mit. Ich will dich jederzeit erreichen

können, hörst du?“

„Klar“, sage ich, während ich das Handy aus meiner Jeans

fische und es ihr zeige wie ein Beweisstück dem Richter.

„Und ruf deine Maman bitte an, bevor du gehst“, sagt sie. „Sie

macht sich Sorgen.“

Ich verdrehe die Augen, tue aber, was sie verlangt.

Max

Sie bleibt also hier. Olivia hat das geregelt. Keine Ahnung,

was sie ihrer Schwester erzählt hat. Mir hat sie nur gesagt, dass

sie die Sache geklärt habe und ich Rosalie vorläufig nichts sagen

soll.

„Ich werde nicht mehr länger die Geheimnisse anderer

hüten“, habe ich ihr geantwortet.

„Doch, genau das wirst du noch eine Weile tun“, hat sie

daraufhin gemeint. „Sie ist doch völlig verstört. Sie ist fern von

zu Hause, hat ein angeknacktes Verhältnis zu ihrer Mutter, ihr

Vater ist wer-weiß-wo und sie wird zum zweiten Mal dieses

Jahr die Schule wechseln und neue Freunde finden müssen. Sie

ist hierher zurückgekommen, trotz des unschönen Abganges,

206


den sie im Sommer erlebt hat. Ich mag mir gar nicht vorstellen,

welche Sorgen und Unsicherheiten sie plagen. Du wirst das

schön für dich behalten. Du hast es die letzten fünf Jahre

geschafft, Violetta diesen Gefallen zu tun. Nun wirst du es für

deine Tochter auch tun.“

Rosalie

Gedankenversunken schlendere ich durch die belebte Einkaufsstraße

in der Innenstadt. Als ich am Schaufenster einer

Buchhandlung vorbeikomme, fällt mein Blick unwillkürlich

auf ein Buch, dessen Titelbild mich an Jonathan erinnert. Es ist

der Science-Fiction-Klassiker Die Zeitmaschine und das Titelbild

zeigt einen jungen, gut aussehenden Mann, der in einem

schlitten ähnlichen Gefährt durch die Zeit zu rasen scheint. Ich

habe den Film vor einiger Zeit bei Sophie gesehen und kann

mich nur noch an ein paar Details erinnern. Zu dumm, dass

mich das Thema damals so gar nicht interessiert hat. Heute

würde ich den Film unter ganz anderen Gesichtspunkten betrachten.

Vielleicht wäre es nützlich, dieses Buch zu lesen. Ich

habe bereits so viel Geld in sinnloses Schulmaterial investiert,

da kann ich dieses Buch gleich mit verbuchen und habe dann

wenigstens etwas, das mich wirklich interessiert.

Ich gehe in den Laden, um es mir genauer anzusehen. Die

beinahe kindliche Vorstellung, man bräuchte ein Fahrzeug, um

sich in der Zeit fortzubewegen, amüsiert mich. Es ist schließlich

keine physische Reise, man kann einfach an Ort und Stelle verweilen,

während die Umgebung den Wandel durchläuft.

207


Als ich plötzlich eine Hand an der Schulter spüre, zucke ich zusammen

und meine Gedanken purzelten in die Gegenwart zurück.

„Wo hast du denn gesteckt?“, fragt Lily, bevor ich überhaupt

Worte zur Begrüßung finden kann. „Ich dachte nicht, dass ich

dich je wiedersehen würde.“

„Ich bin wieder da“, bemerke ich völlig überflüssigerweise.

„Was hast du ausgefressen?“, fragt Lily ohne Umschweife

weiter. Als ich sie erstaunt ansehe, meint sie scharfsinnig: „Ach,

komm schon, es ist mitten im Schuljahr. Du kannst mir nicht

erzählen, du hättest schon wieder Ferien.“

„Nein“, räume ich ein. „Ich habe nichts ausgefressen, allerdings

bin ich von meiner Schule geflogen, weil ich abgehauen

bin. Das heißt, ich bleibe für eine Weile hier.“

Lily macht große Augen. „Das hört sich nach einem Haufen

Problemen an. Was wirst du nun tun?“, fragt sie interessiert.

„Ich weiß nicht“, erwidere ich unsicher und schaue Lily

prüfend an.

„Komm schon“, ermutigt sie mich. „Ich bin psychologisch

autodidaktisch ausgebildet. Ich weiß, dass du mir etwas verheimlichst.“

Als sie meinen verwunderten Gesichtsausdruck sieht, muss

sie schallend lachen.

„Es ist also wahr“, fügt sie an. „Ich hab nur geraten, aber

erzähl schon, was los ist.“

„Na gut“, seufze ich. „Die Schule ist nicht mein größtes

Problem. Es hat alles schon vorher begonnen, als ich im Sommer

hier war.“ Ich sehe mich im Laden um. „Die Geschichte

könnte länger dauern.“

„Kein Problem“, entgegnet Lily. „Komm gehen wir irgendwo

hin und trinken etwas.“

208


Während wir uns im nahen Café durch ein reiches Sortiment

von Milchshakes durcharbeiten, erzähle ich ihr nach und nach

die ganze Geschichte von Jonathan und den Begegnungen, die

ich mit ihm gehabt habe. Ich erzähle ihr auch von dem Foto

und dem Amulett, das ich in der Scheune gefunden habe. Auch

von meiner Befürchtung, dass es einen Zusammenhang gibt

zwischen dem Amulett und seinem Erscheinen. Dass ich sie im

Laden belauscht habe, lasse ich jedoch weg, und auch, dass ich

damals eifersüchtig war. Das tut meiner Meinung nach nichts

zur Sache. Ich muss erst einmal schauen, wie ich ihr dieses

Zeitreisekonzept glaubhaft verklickern kann, ohne dass sie mich

für komplett überdreht hält.

„Du warst also mit ihm im Kino?“, fragt Lily erstaunt. „Dann

kann er wohl kaum ein Geist sein.“

Die Geschichte mit dem Kino ist mir peinlich und irgendwie

erzähle ich sie noch immer so, als wäre es tatsächlich ein Date

gewesen. Was soll’s, es glauben sowieso alle, dass ich lüge.

„Er ist kein Geist, wie man sich die normalerweise vorstellt.

Also nicht durchsichtig oder so. Er ist ganz real“, versuche ich ihr

klarzumachen. „Ich habe ihn mehrmals gesehen und gesprochen.

Darum ist es ja so unglaublich. Aber das Foto beweist eben ganz

deutlich, dass er nicht aus dieser Zeit stammt. Ich bin inzwischen

überzeugt, dass er irgendwie in der Zeit hin- und herwandern

kann. Vielleicht macht er es ja nicht einmal absichtlich. Vielleicht

habe ich ihn aus seiner Zeit herausgeholt mit dem Amulett.“

„Und er erscheint passend gekleidet und überhaupt nicht

verwirrt hier bei uns im Tierpark?“, fragt Lily, wenig überzeugt

von meiner Theorie.

„Naja“, gebe ich zu, „ich weiß auch nicht, wie es tatsächlich

funktioniert. Vielleicht lebt er in beiden Welten parallel und

209


sucht nach jemandem, der dieses Geheimnis für ihn lüftet und

ihn von dem Fluch befreien kann.“

Lily sieht mich skeptisch an. Wahrscheinlich glaubt sie kein

Wort dieser wirren Geschichte. Aber offensichtlich findet sie es

spannend und ist neugierig, wie es weitergeht.

„Hast du das Foto dabei?“, fragt sie, um weiter bei den Fakten

zu bleiben.

„Nein, ich hab’s nicht da. Es ist im Umschlag zusammen mit

dem Brief und steckt als Lesezeichen sicher verwahrt in … in

deinem Buch“, antworte ich schuldbewusst.

Lily seufzt,.

„Tut mir leid.“

„Oh, es ist nicht wegen des Buchs. Ich hätte zu gerne das Foto

gesehen. Wie heißt er denn eigentlich mit Nachnamen?“, fragt

sie weiter.

„Marsen, Jonathan Marsen“, antworte ich. „Warum fragst du?“

Gedankenverloren betrachte ich das Titelbild des Buchs, das

ich vorhin gekauft habe.

„Lass uns gehen“, sagt Lily ohne lange Erklärung und nimmt

mir das Buch über die Zeitmaschine aus der Hand und lässt es

in ihrer Tasche verschwinden. „Wenn er überhaupt irgendwo zu

finden ist, dann garantiert nicht in Büchern über Zeitreisen. Wir

werden eine Zeitreise der anderen Art machen, wir versuchen es

auf dem Friedhof.“

Den Gedanken finde ich gruselig und wenig reizvoll. Aber

vermutlich hat sie recht. Ich bin entschlossen, die Wahrheit zu

finden, also darf ich mich nicht schon bei der ersten Aufgabe

von eventuellen Unannehmlichkeiten abschrecken lassen.

Der Schosshaldenfriedhof liegt nur wenige Minuten vom

Zentrum entfernt. Lily sagt, es sei der älteste und größte Fried-

210


hof der Stadt. Ein Bus fährt uns direkt zum Haupttor. Das ganze

Areal ist von einer dunklen hohen Steinmauer eingezäunt. Es

sieht nicht sehr einladend aus, aber ich sage nichts. Wenn mit

dieser einschüchternden Architektur verdeutlicht werden soll,

dass die Lebenden sich besser von den Toten fernhalten sollen,

ist sie definitiv aussagekräftig. Ich bin froh, dass Lily bei mir

ist. Erstaunlich, dass sie sich für meine Geschichte überhaupt

interessiert. Ihr Tatendrang ist ansteckend.

Systematisch beginnen wir, die Grabsteine in den Reihen

des alten Friedhofteils nach Jonathans Namen abzusuchen. Je

länger wir erfolglos suchen, desto besser fühl ich mich. Am

liebsten möchte ich wieder gehen und die Toten tot sein lassen.

Die Zeit ist hier in ihrer Endgültigkeit nur allzu gegenwärtig.

Und der Gedanke, Jonathan wirklich an diesem Ort zu finden,

ist unerträglich. Lilys Laune ist jedoch ungetrübt. Sie plaudert

und liest mir die seltsamsten Namen vor und findet es spaßig.

Inzwischen dämmert es bereits und ich mache mir Sorgen, ob

ich meinen Glauben an das Übersinnliche angesichts der Endgültigkeit,

die hier in Stein gemeißelt und mit Erde zugeschüttet

ist, nicht in einen absurden Kontext gebracht habe.

Plötzlich bleibt Lily abrupt vor einem alten, bereits mit Moos

überzogenen Grabstein stehen und zieht mich vorsichtig heran.

„Das war’s.“ Ich schließe die Augen für einen Moment und

völlig unerwartet rollen mir die Tränen über die Wangen. Die

ganze Anspannung der letzten Tage reißt sich los und ich kann

mich nicht länger zurückhalten. Eine tiefe, erdrückende Trauer

schüttelt mich und ich löse mich in Tränen auf.

Lily legt tröstend den Arm um meine Schultern und nach

einer Weile, als ich nicht mehr weinen kann, starren wir gemeinsam

auf die Grabinschrift.

211


Jonathan Marsen 1889 – 1956

Ehemann von Romilda Berchtold-Marsen, geb. Darkling

Vater von Pauline Berchtold

„Warum heißt die Tochter anders mit Nachnamen als der

Vater?“, fragt Lily plötzlich. „Damals war es doch nicht üblich,

dass ein Kind den Mädchennamen der Mutter erhielt.“

„Was steht da?“, frage ich.

„Die Tochter heißt Berchtold, nicht Marsen“, sagt Lily nachdenklich.

„Die Mutter war wahrscheinlich nicht mit dem Vater verheiratet“,

überlege ich laut.

„Aber ihr Mädchenname war Darkling. Jonathans Frau war

Romilda Darkling, die Autorin von Zwischen Zeit und Raum“,

stellt Lily fest. „Das ist ja ein Ding. Dann war sie vielleicht

zuerst mit einem Berchtold verheiratet, dem Vater von dieser

Pauline“, schlussfolgert Lily.

„Und was steht da an der Seite?“, fragte ich, denn durch die

Tränen kann ich noch immer nicht viel erkennen.

„Da steht nichts. Es ist nur der Umriss eines Tiers, eine Katze

vielleicht.“

Ich reibe mir die Augen und sage: „Sieht eher aus wie ein

Wolf. Es wird dunkel, lass uns gehen.“

Jonathan

Der Tod hat nichts Tröstliches an sich“, murmle ich düster.

„Nicht für die, die zurückbleiben“, ergänzt Vincent. „Wer

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weiß, was uns im Jenseits erwartet. Sei nicht so betrübt. Sie

wollte weder Trost noch den Tod finden.“

„Was hatte sie dann vor? Sie hätte uns nicht einmal eine

Mitteilung hinterlassen“, stelle ich betrübt fest.

„Natürlich hätte sie das. Du hast doch ihre Notizen gesehen.

Sie enthalten eine Botschaft.“ Er hält das hübsch verzierte Buch

in den Händen und blättert durch die von Hand bekritzelten

Seiten.

„Sie hat mich nie welche von ihren Texten lesen lassen“, sage

ich erstaunt.

„Seltsam“, meint Vincent verwundert. „Ich glaube, ein paar

ihrer Gedanken kreisen offensichtlich um dich.“

„Welche denn?“

„Das Fazit zum Beispiel.“

Das Fazit

Es wird alles klar.

Mit dem Fazit wird der Wechsel zur Meta-Ebene vollzogen.

Dort werd ich bleiben, mich einrichten

und den Ausblick auf die Zukunft genießen.

Die allfälligen Fragen, die außer Acht gelassen wurden,

sind nicht relevant,

wenn die zentrale Aussage ihren Dienst tut.

… es ist nur der Schlusssatz, der mich irritiert.

Der Schlusssatz“, wiederhole ich nachdenklich. „Was hat sie

damit gemeint? Warum soll das mir gelten?“

213


„Ich kann nur mutmaßen. Sie hat ihre Schlüsse gezogen und

beschlossen, den Verlauf der Dinge selbst in die Hand zu nehmen.“

„Indem sie eine Überdosis Schlaftabletten nimmt?“, brause

ich auf.

„Sieben Tabletten sind noch keine Überdosis. Das bringt

niemanden um. Es war mehr ein Schlussstrich“, er zögert,

„unter ein Kapitel oder einen Lebensabschnitt, wie immer du es

nennen willst.“

„Du denkst, das hat mit mir zu tun?“, frage ich, noch immer

aufgebracht. „Wollte sie mir einen Denkzettel verpassen?

Warum sollte sie einen Schlussstrich ziehen wollen? Es ist

doch längst alles vorbei.“

„Du bist ein Hitzkopf“, sagt Vincent mit nachsichtigem

Kopfschütteln. „Der Schlussstrich galt doch nicht dir. Sie hat

sich entschieden. Sie wollte eine Veränderung verspüren und

der Kirschlikör hat dabei die größte Wirkung erzielt. Sie war

für kurze Zeit auf einer Meta-Ebene, die sie aber zurück auf

den Boden der Tatsachen geschickt hat.“

„Eine Meta-was?“, frage ich irritiert.

„Du kannst es dir als einen großen Spiegel vorstellen, der

nichts weiter als sich selbst darstellt“, erklärt Vincent.

„Das ist doch nicht der Sinn und Zweck eines Spiegels!“ Seine

Worte geben mir Rätsel auf.

„Nun, wenn es relevant für den Spiegel ist, sich selbst zu

erkennen, dann kann es durchaus Sinn machen.“

214


Die Erkenntnis

Rosalie

„Das ist doch nicht das Ende der Geschichte“, sagt Lily am

nächsten Tag tröstend am Telefon, aber ich weiß, dass es vorbei

ist. Ich habe es vermutet, befürchtet und nun ist es amtlich.

„Er ist tatsächlich tot“, sage ich hoffnungslos. „Genau, wie

ich es Manon damals erzählt habe. Es war nur eine Notlüge,

damit sie mich nicht für verrückt hält. Vielleicht habe ich seinen

zeitreisenden Geist mit dieser Aussage von damals sogar selbst

auf dem Gewissen.“

„Nun hör aber auf“, sagt Lily ungehalten. „Komm mal

wieder runter von deinem Psychotrip und überleg einen

Moment logisch. Wenn er tatsächlich ein Geist ist, dann ist er

bereits tot und damit hast du nichts zu tun. Wenn er aber ein

Zeitreisender ist, kann er doch auch in eine Zeit nach seinem

Tod gereist sein, dann ist nur sein damaliges Ich tot. Wie auch

immer, du hast niemanden auf dem Gewissen.“

215


Ich schweige, denn ich hatte diesen Gedanken noch nicht

richtig durchdacht.

„Du hast gesagt, es gibt noch einen Brief zu dem Foto?“, fragt

Lily, da sie das Thema anscheinend nicht so schnell aufgeben

will.

„Ja, aber der ist so alt und krakelig geschrieben, dass ich ihn

nicht entziffern kann“, antworte ich missmutig.

„Das liegt an der alten Schreibschrift. Wir könnten mit dem

Brief zu meiner Oma gehen. Sie kann ihn bestimmt lesen, sie

schreibt auch so unentzifferbar.“

Ich überlege einen Moment. Olivia hat den Brief eine ganze

Zeit lang gehabt. Vielleicht konnte sie ihn ja entziffern.

„Komm rüber in den Tierpark, Lily“, sage ich ohne weitere

Erklärung.

Olivia

Die arme Rosalie war völlig niedergeschlagen gestern Abend.

Ich habe mir Sorgen gemacht. Sie kam ziemlich spät zum

Abendessen, aber ich habe nicht gefragt, wo sie war. Sie hat

all ihre Schulsachen eingekauft, das hat wohl länger gedauert.

Vielleicht hätte ich sie begleiten sollen. Aber ich glaube, es ist

auch gut für sie, wenn sie Gelegenheit hat, ein paar Dinge selbst

zu regeln. Das gibt ihr Selbstvertrauen. Es ist sicher das Beste,

wenn sie sofort wieder mit der Schule beginnt, damit sie einen

geregelten Tagesablauf und ein bisschen Abstand zu ihren Sorgen

findet. Ich hoffe, sie findet schnell neue Freunde. Sie kommt mir

so verlassen und einsam vor.

216


Max bläst auch Trübsal. Das neue Geheimnis belastet ihn.

Zum Glück haben die beiden schon zuvor nie viel miteinander

geredet, somit fällt es nicht auf, dass beide wortkarg vor ihren

Mahlzeiten sitzen und auf ihr Handy, respektive ihre Zeitung

starren. Wenn ich mich nicht den ganzen Tag mit den Tieren

unterhalten könnte, würde ich glatt das Reden verlernen.

Da fällt mir ein, ich muss unbedingt heute Abend mit Violetta

reden. Ich hoffe, sie hat inzwischen mit Ludovic gesprochen.

Sie sollten beide herkommen und wir sollten gemeinsam

beschließen, wie es weitergeht. Natürlich kann Rosalie hierbleiben,

aber sie muss wissen, wie es um ihre Familie steht. Das

Ganze ist eine enorme Belastung für so ein junges Mädchen.

Rosalie

Lily lässt nicht lange auf sich warten, sie ist mit dem Fahrrad

gekommen. Wie gewohnt lässt sie es am Eingangsbereich

stehen und wir gehen zusammen den verschlungenen Fußweg

zwischen den Tiergehegen entlang auf der Suche nach Olivia.

Wir finden sie schließlich im Terrarium.

„Olivia“, platze ich ohne Einleitung heraus. „Hast du eigentlich

den Brief damals, du weißt schon, den alten Brief an Jonathan,

den du mir ins Internat gebracht hattest, hast du den eigentlich

gelesen?“

Olivia schaut mich mit hochgezogenen Augenbrauen verwundert

an und seufzt. Sie hat wohl gehofft, dass ich dieses

Thema inzwischen verworfen hätte. Aber Jonathans Tod hat

das Rätsel noch nicht gelöst. Das Geheimnis um seine Existenz

217


leibt weiterhin verborgen, wenn ich nicht dahinter komme,

was in dem Brief steht und woher der stammt. Ich schaue sie

also erwartungsvoll an und sie seufzt ein zweites Mal.

„Ja“, sagt sie, „ich habe ihn tatsächlich gelesen.“

„Und?“, fragen Lily und ich mit vor Spannung weit geöffneten

Augen. „Was steht darin?“

„Soweit ich mich erinnern kann, war der Brief an einen jungen

Mann – Jonathan, wie du weißt – gerichtet, der anscheinend vor

etwa einhundert Jahren hier in der Gegend gelebt hat“, fängt

Olivia an.

„Soviel haben wir auch schon herausfinden können“, werfe

ich ein. „Wir haben gestern seinen Grabstein auf dem Friedhof

gefunden.“

Olivia nimmt das stumm zur Kenntnis und wirft mir einen

kurzen Blick zu.

„Ja, ich weiß“, sage ich leise. „Das versetzt meinen Geschichten

um die geheimnisvollen Begegnungen mit ihm den allerletzten

Todesstoß. Lily weiß darüber Bescheid. Ich will nun herausfinden,

wen ich tatsächlich getroffen habe.“

„Nun gut“, fährt Olivia fort und ich bin ihr dankbar dafür.

Der Brief ist von seinem besten Freund Vincent, der in einer

benachbarten Villa gelebt hat. Die wurde jedoch vor nicht allzu

langer Zeit abgerissen.“

„Die Villa gibt’s nicht mehr?“ Ich bin enttäuscht.

„Nein, sie brannte nieder, kurz bevor Max und ich hergezogen

sind.“

„Was steht nun in dem Brief? Kannst du ihn uns bitte vorlesen?“

Ich halte ihr den vergilbten Umschlag hin. Sie nimmt ihn und

faltet den Brief sorgfältig auseinander.

218


Lieber Jonathan,

tausend Dank für den wundervollen Talisman, den du mir

gestern geschenkt hast. Ich war zu überrascht, um dir in

Anwesen heit von Romilda zu gestehen, was er mir bedeutet. Der

Bär gibt mir Kraft und Mut, mich meinen Aufgaben zu stellen.

Die Uhr, die er verborgen hält, misst die wertvolle Zeit, die ich

mit dir verbringen will. Ich werde das Amulett mit Stolz und

Freude immer bei mir tragen, denn deine Freundschaft ist mir

das Wichtigste und Teuerste in meinem Leben.

Ich bin, nach eingehender Überlegung, überzeugt davon,

dass wir beide von deinem Vorschlag, Romilda in unserem

Geheimbund aufzunehmen, nur gewinnen können. Sie ist bezaubernd

und ich verstehe nun deine Zuneigung zu ihr. Vergib mir,

wenn meine anfängliche Eifersucht einige Schatten auf unsere

Zukunftspläne geworfen hat. Du weißt, wie sehr ich dich

brauche und dass du mein Leben bereicherst, indem du Romildas

Freundschaft mit mir teilst.

In tiefer Verbundenheit,

Vincent Berchtold

Olivia hat den Brief mit ruhiger Stimme vorgelesen. Es klang,

als wäre er eben erst geschrieben worden, nicht bereits vor hundert

Jahren. Ich bin erstaunt darüber. Die alte Schrift hat mich

eine ganz andere Sprache erwarten lassen. Es ist außerdem von

einem weiteren Amulett die Rede. Vincent hatte ein Bärenamulett,

aber ich habe den Brief zusammen mit dem Eulenamulett

gefunden. Der Brief sollte doch klären, jetzt wirft er noch mehr

Fragen auf.

„So steht es in dem Brief?“, frage ich überrascht.

„Genau so“, bestätigt Olivia.

219


„War das üblich zu dieser Zeit?“, fragt Lily verwundert.

„Haben Freunde sich wirklich solche Briefe geschrieben? Für

mich klingt es wie ein Liebesbrief eines heimlichen Verehrers.“

„Ich weiß nicht“, sagt Olivia. „Es scheint vielleicht mehr

dahinter zu stecken. Aber er schreibt auch von einer Frau.“

„Ja, Romilda“, bestätige ich. „Aber war sie nun Jonathans

oder Vincents Frau?“

„Beides“, sagt Lily, „ihr Name war Romilda Berchtold-

Marsen, geborene Darkling, erinnerst du dich? So stand es auf

Jonathans Grabinschrift.“

Olivia reicht mir den Brief wieder zurück, wobei das Foto aus

dem Umschlag flattert. Lily bückt sich flink und hebt es auf.

„Lass mal sehen“, sagt sie und betrachtet das Foto ein gehend.

“Oh mein Gott“, stöhnt sie und macht dabei ein besorgtes

Gesicht.

„Was ist los?“, will ich wissen und Olivia runzelt die Stirn.

„Hättest du mir dieses Foto doch nur schon früher gezeigt.

Jetzt wird mir einiges klar.“

Ich verstehe nicht, wovon sie spricht, und Olivia, wie es

scheint, auch nicht. Lily holt tief Luft und beginnt vorsichtig.

„Also, der Typ, den du Jonathan nennst, ich glaube, den

kenne ich. Aber er heißt nicht Jonathan, sein Name ist Joel. Die

Ähnlichkeit ist verblüffend. Er geht in meine Parallelklasse. Das

hier könnte tatsächlich Joel sein.“

Olivia und ich schauen sie fassungslos an. Die Erkenntnis ist

so einleuchtend und geradezu banal. Es ist alles nur eine miese

Lüge gewesen! Ich bin wie betäubt von dieser Neuigkeit. All

meine Theorien über Wurmlöcher und Zeitreisen – alles nichts

weiter als ein dummer Streich?

„Rosalie, ich will ja nichts behaupten, aber er sieht diesem

220


Jonathan auf dem Foto wirklich sehr ähnlich. Er ist auch oft hier

im Tierpark, er hat eine jüngere Schwester, auf die er manchmal

aufpassen muss, wenn seine Mutter arbeitet.“

Ich muss mich setzen. Meine Beine zittern und ich kann die

Tränen nicht mehr zurückhalten.

„Das ist doch eine gute Nachricht“, sagt Lily verwirrt. „Er lebt

und du bist nicht verrückt.“

„Es ist zum Kotzen.“ Ich weine wütend. „Ich bin beinahe in

der Klapse gelandet, weil mich dieser Idiot zum Narren gehalten

hat. Und ich habe auch noch um seinen Tod getrauert. Ich werde

ihn eigenhändig umbringen, ich schwör’s!“

Olivia

Die Szene heute Nachmittag geht mir nicht mehr aus dem

Kopf. Das hat gerade noch gefehlt. Nicht genug, dass die Arme

so viele familiäre Probleme hat. Sie hatte diesen Sommer tatsächlich

einen Freund, der nicht eingebildet war, und ich habe

sie beschuldigt, sie würde uns etwas vorlügen. Nun stellt sich

auch noch heraus, dass dieser Junge sie zum Narren gehalten

hat. Das ist wirklich ein harter Schlag.

Was hat diesen Kerl nur dazu bewogen, ihr so übel mitzuspielen?

Ich weiß gar nicht, ob ich Max davon erzählen soll.

Rosalie ist seine Tochter, vielleicht versetzt ihn das so in Rage,

dass er sich diesen Burschen vorknöpfen will. Der kann einen

jetzt schon leidtun. Wenn Max die Ärmel hochkrempelt, wird der

andere aus lauter Angst erwägen, freiwillig auf eine Klosterschule

zu wechseln. Besser, ich rege ihn nicht auf damit, seine Toleranz,

221


was Lügengeschichten angehen, ist im Moment ohnehin nicht

sehr strapazierfähig.

Wo steckt Max überhaupt? Das Telefon klingelt und ich

stecke gerade mit beiden Händen im Kuchenteig.

„Max?“ Er ist nicht da, also nehme ich mit klebrigen Teigfingern

den Anruf entgegen.

„Entschuldigen Sie. Sind sie Rosalies Tante Olivia?“, fragt

eine Frauenstimme am anderen Ende der Leitung.

„Wer möchte das wissen?“, frage ich und wundere mich selbst

über mein forsches Auftreten.

„Mein Name ist Poljakow“, antwortet die Frau. „Ich bin, oder

besser gesagt, ich war Rosalies Therapeutin im Internat von dem

sie … Sie wissen schon, ausgerissen ist.“

„Aha“, sage ich. „Kann ich Ihnen helfen?“ Mir ist bewusst,

dass ich unfreundlich klinge, aber es wundert mich, dass sie hier

anruft. Erstens bin ich keine Erziehungsberechtigte und zweitens

ist es nicht gerade ein Zeugnis ihrer Fähigkeiten, wenn ihr

die Patienten weglaufen.

„Nun, ich wollte mich nur nach Rosalies Wohl erkundigen,

da sie mir sehr am Herzen liegt. Ich mache mir Sorgen um ihre

psychische Verfassung.“

„Ihr geht es bestens“, lüge ich, denn das Gespräch kommt

mir seltsam vor. Sie spricht einwandfreies Schweizerdeutsch.

Violetta hat erwähnt, dass sie des Öfteren mit der Psycho login

gesprochen hat. Aber ich hatte keine Ahnung, dass sich die

beiden von früher kennen.

„Nun ja, ich habe mit Rosalies Mutter gesprochen, die

ebenfalls sehr besorgt ist um den Zustand ihrer Tochter.“

„Ihre Besorgnis ist mir durchaus bewusst, Frau … Wie war

Ihr Name noch gleich?“

222


„Elena Poljakow“, wiederholt sie und ihr wird der Gesprächsverlauf

zusehends unangenehmer. „Sehen Sie, ich will Sie

durchaus nicht beunruhigen.“

„Was wollen Sie denn genau?“, frage ich. „Befürchtet meine

Schwester, dass ich einen negativen Einfluss auf ihre Tochter

ausübe?“

„Nein nein, Sie verstehen das völlig falsch“, beschwichtigt

die Psychologin schnell. „Ich wollte Ihnen nur meine Hilfe

anbieten. Falls Sie Unterstützung brauchen, können Sie sich

jederzeit an mich wenden. Es ist nicht einfach, wenn ein Kind

plötzlich mit der eigenen Identität zu kämpfen hat. Herauszufinden,

wer man ist und wo man hingehört, das kann einen

total aus der Bahn werfen.“

„Was meinen Sie damit?“, frage ich verblüfft. Woher zum

Henker weiß diese Frau davon? Von Rosalie bestimmt nicht.

„Oh, ich darf da leider keine genauere Auskunft geben. Das

unterliegt der Schweigepflicht. Ich war nur der Überzeugung,

Sie wären im Bild. Aber machen Sie sich keine Gedanken. Reden

Sie am besten mit Ihrer Schwester darüber. Ich bin überzeugt,

Rosalie ist bei Ihnen sehr gut aufgehoben. Trotzdem empfehle

ich Ihnen, möglichst schnell professionelle Hilfe beizuziehen,

zur Unterstützung der positiven Entwicklung, die Rosalie bereits

in kurzer Zeit erlangen konnte. Ich wünsche Ihnen alles Gute.

Und rufen Sie mich an, falls Sie Fragen haben. Auf Wiederhören.“

Du lieber Himmel, und ob ich Fragen habe. Was war denn

das jetzt?

223


Rosalie

Lily sitzt bei mir auf dem Bett und wir beraten, was wir tun

sollen. Erst wollte ich auf der Stelle zu diesem Joel hinfahren und

ihn umbringen oder auf den Mond schießen. Oder ihn zumindest

würgen, bis er ausspukt, weshalb er mir so etwas Schändliches

angetan hat. Aber Lily rät mir, mich erstmal zu beruhigen.

„Du hast gut reden“, schnaube ich. „Dich hat er ja nicht wochenlang

verarscht. Er war sogar in meinem Zimmer und sicher

hat er auch mein Amulett geklaut. Wir sollten ihn bei der Polizei

melden. Jugendhaft für mindestens zehn Jahre hat er verdient,

finde ich.“

„Ich glaub’s nicht“, sagt Lily. „Ich bin eigentlich immer gut

mit ihm ausgekommen.“

„Ja klar.“ Ich lache bitter. „Du bist ja auch die Sorte Mädchen,

auf die solche Typen stehen.“

„Jetzt schalt mal einen Gang runter“, fällt Lily mir ins Wort.

„Mit wem ist er denn im Kino gewesen? Er war nicht mit mir

dort, obwohl ich vielleicht zugesagt hätte, falls er mich gefragt

hätte. Was er aber nicht getan hat, weil er ja mit dir hingehen

wollte“, fügt sie an, als sie meinen entsetzten Blick sieht.

Ich schniefe immer noch, aber Lily beruhigt sich wieder.

„Eigentlich schade, dass wir dieses Rätsel so schnell gelüftet

haben“, seufzt sie.

Ich werfe ihr erneut einen entsetzten Blick zu. Macht sie

sich etwa lustig über mich? Aber es ist nicht der Moment, um

beleidigt zu sein. Im Grunde hat sie recht. Ich habe mich in eine

völlig hirnrissige Geschichte verstrickt.

„Also gehen wir noch einmal die Fakten durch“, fängt Lily

erneut an.

224


„Nein“, stöhne ich laut. „Das bringt doch alles nichts. Er hat

mich belogen, ich habe mich in ihn verknallt, er hat mich in den

Augen meiner Verwandten als Lügnerin dastehen lassen und

ich bin daraufhin in das Psychoheim abgeschoben worden. Das

sind die Scheißfakten, Punkt.“

„Allerdings“, bemerkt Lily.

Ich bin nicht sauer auf sie. Ich bin nur sauer auf die ganze

Welt, das ist etwas anderes.

„Jemand hat dir übel mitgespielt“, sagt Lily düster. „Aber es

war nicht unbedingt nur Joel.“

Ich sehe sie skeptisch an.

„Überleg doch, niemand kommt wegen einer Lüge gleich in

ein Psychoheim.“

„Maman hasst mich“, sage ich und die Tränen rinnen mir

wieder übers Gesicht.

„Das tut sie ganz bestimmt nicht“, höre ich Olivias Stimme

plötzlich hinter mir. Sie steht im Türrahmen und streckt uns

zwei Tassen mit warmer Schokolade entgegen. „So etwas darfst

du nicht einmal denken, Süße“, sagt Olivia traurig. „Sie hasst

dich nicht. Sie ist verbissen, nörgelnd und sicher auch nervtötend,

das wissen wir beide. Aber sie ist kein böser Mensch.

Trotzdem hat Lily recht. Irgendjemand spielt dir und deiner

Familie übel mit, und ich werde herausfinden, wer das ist. Ich

glaube, ich habe auch schon eine Ahnung.“

Olivia streicht mir über das Gesicht und wischt mir die Tränen

weg. Ihre Gedanken lassen ihre grünen Augen beinahe funkeln.

„Lass mich mal mit meiner Schwester telefonieren“, sagt sie

und verschwindet so plötzlich, wie sie aufgetaucht war.

„Sind denn jetzt alle verrückt?“, frage ich verwirrt.

„Wenn man im Dunkeln tappt, kann es einem schon verrückt

225


vorkommen“, sagt Lily. „Ich gehe jetzt nach Hause. Überlass

deine Mama am besten Olivia. Und ich übernehme den anderen

Fall.“

„Wie meinst du das?“, frage ich.

„Ich werde mir Joel mal vorknöpfen“, beschließt Lily.

„Aber …“

„Nichts aber. Keine Sorge, ich werde erst die Lage checken.

Du bist nicht in der Verfassung, das emotionslos anzugehen. Ich

kenne Joel, man kann vernünftig mit ihm reden, aber er kann

verschlossen reagieren, wenn man ihn bedrängt. Ich werde dir

Bescheid geben, versprochen.“

Olivia

„Ich fasse es nicht,“ sage ich zu Max, während er mit seinem

Kaffee am Tisch sitzt und mit einem Stift das Kreuzworträtsel

verunstaltet.

„Gibt es Neuigkeiten?“, fragt er stirnrunzelnd und streicht

durch, was er soeben gekritzelt hat.

„Allerdings.“ Ich erzähle ihm, was ich soeben am Telefon

von Violetta erfahren habe. „Violetta ist scheinbar seit Jahren

mit dieser Psychologin befreundet. Sie weiß von der ganzen

Geschichte. Warum, ist mir schleierhaft. Jedenfalls hat sie ihr

dieses Internat empfohlen und es sogar eingefädelt. Warum sie

jetzt allerdings Kontakt mit mir aufgenommen hat und mich

sozusagen auf das Geheimnis aufmerksam machen wollte, kann

sich auch Violetta nicht erklären. Sie war raffiniert, das muss

ich zugeben. Sie muss davon ausgegangen sein, dass ich nichts

226


von all dem weiß. Allerdings war ich ihr da einen Schritt voraus.

Ich habe sie nicht wissen lassen, was genau ich weiß, deshalb

versuchte sie, mein Misstrauen zu wecken. Sie wollte, dass ich

mit Violetta rede. Es kommt mir so vor, als wollte sie erreichen,

dass wir von Violettas Geheimnis Kenntnis erlangen.“

„Das ergibt keinen Sinn“, sagt Max. „Was könnte eine Schulpsychologin

für Interesse haben, Familiengeheimnisse zu

lüften, noch dazu, wenn sie mit der Mutter befreundet ist?“

„Keine Ahnung, aber diese Poljakow kommt mir nicht

geheuer vor.“

„Elena?“ Max sieht mich staunend an. „Elena Poljakow? Das

ist doch ein Witz, oder? Ich kenne die von früher, sie hat ganz

in der Nähe gewohnt. Wenn es irgendwo nach Intrige roch, war

sie bestimmt nicht weit.“

„Das ist schon absurd“, sage ich. „Kaum ist Rosalie wieder

da, jagt schon wieder ein Phantom der Vergangenheit das

nächste. Als hätten wir nicht genug Probleme. Und zu allem

Überfluss stellt sich auch noch heraus, dass sie tatsächlich mit

einem Jungen ausgegangen ist. Der hat sich aber als jemand

anderen ausgegeben. Lily kennt ihn. Ist das denn zu fassen? Ein

Phantom mit gefälschter Identität.“

„Haken wir es ab“, sagt Max erstaunlich gefasst. „Sehen

wir es positiv. Rosalie hat nicht gelogen und sie hat auch keine

Halluzinationen oder Fantasiefreunde. Ich finde, das ist schon

ein Fortschritt. Dieser Typ ist also kein Phantom, sondern ein

ganz normaler Junge.“

„Als normal würde ich ihn nicht bezeichnen, wenn er vorgibt,

ein Zeitreisender zu sein“, entgegne ich stirnrunzelnd.

Max lacht. „Ich bin sicher, das hat er gar nicht behauptet.

Ich kenne euch Frauen. Ihr macht immer gleich eine große

227


Geschichte aus allem. Wahrscheinlich hat Rosalie ihn schon

anhand des Fotos im Geiste zum Helden erklärt und der arme

konnte diesem vorgefertigten Klischee nicht entsprechen, also

musste er sich etwas aufplustern.“

Ich muss lachen trotz der Tragödie, die sich durch dieses Verwirrspiel

ereignet hat.

„Mir ist es ehrlich gesagt lieber, sie jagt Phantome. Es gibt

genügend andere, die nur auf der Jagd nach Geld sind.“

Er hat recht. Ihre Welt braucht sich noch nicht um die

Probleme der Erwachsenen zu drehen. Wir sollten sie erst ein

wenig mit Zeitreisen und Geisterbeschwörungen experimentieren

lassen, bevor sie sich mit Finanzberatungen und

Altersvorsorgen herumkämpfen muss.

228


Aufgabenbewältigung

Lily

„Hi Julie“, sage ich freundlich. „Ist Joel zu Hause?“

„Er ist einkaufen gegangen“, antwortet sie.

„Oh, dann werde ich ein anderes Mal vorbeikommen“

„Wenn du willst, kannst du auf ihn warten. Er ist schon eine

Weile weg und ich bin allein hier. Komm doch rein. Er wird

sicher bald kommen, hoffe ich jedenfalls. Er muss mir helfen,

ich blicke echt nicht durch bei den doofen Matheaufgaben.“

Julie begleitet mich durch den Flur ins Wohnzimmer und ich

setze mich auf das Sofa. Julie steht unschlüssig in der Tür. Sie

will mich nicht allein im Wohnzimmer lassen.

„Mathe?“, frage ich. „Dann zeig doch mal. Ich war nicht

schlecht in der Ersten.“

„Zweiten“, sagt Julie und stellt sich aufrecht hin. „Ich bin

schon in der Zweiten.“

„Auch da war ich nicht schlecht“, entgegne ich lachend.

229


Sie holt ihre Hefte und Bücher und wir vertiefen uns in ihre

Arbeit.

„Jetzt verstehe ich das endlich“, sagt Julie. „Du kannst das

besser erklären als der Lehrer. Und sehr viel besser als Joel.“

„Naja, Mathe ist rein logisch. Es gibt keinen Spielraum für

Interpretationen oder Gutdünken. Das macht es einfach. Es gibt

nur richtig oder falsch, nichts dazwischen.“

„Aber es gibt verschiedene Arten, es zu lösen.“

„Da hast du allerdings recht“, muss ich zugeben. „Wenn man

nur bei allem so genau wüsste, ob es auf ein richtiges oder

falsches Resultat hinausläuft.“

„Wieso?“, fragt Julie.

„Ich meine nur. Wenn man gut im Rechnen ist, kann man jedes

Resultat prüfen und feststellen, ob man richtig lag oder nicht.“

„Ist doch egal. Das sagt einen dann der Lehrer.“

„Ja, in Mathe und in der Schule. Aber was ist mit den anderen

Aufgaben?“

„Ich habe keine mehr.“

„Ich meine doch nicht deine Aufgaben, Julie.“ Sie mustert

mich skeptisch. „Ich rede von echt schwierigen Gleichungen.“

Joel

„Was machst du denn hier?“ Ich bin überrascht, als ich Lily

mit Julie im Wohnzimmer finde.

„Freut mich auch, dich zu sehen“, sagt Lily und klappt das

Buch, das sie gerade in der Hand hält, zu. „Ich löse gerade

Matheaufgaben und ein paar andere Fragen.“

230


„Warum das denn?“, frage ich verdutzt.

„Nur zum Zeitvertreib und weil ich gut darin bin.“ Lily lächelt

und drückt meiner Schwester das Buch in die Hand. „Alles klar,

Julie?“

„Sicher“, antwortet sie. „Hat sogar Spaß gemacht, obwohl ich

das nicht zugeben sollte. Falls das jemand herausfindet, bin ich

ein Nerd, was immer das sein soll.“

„Bin ich im falschen Film, oder was läuft hier? Ich war nur

eine Stunde weg, höchstens anderthalb, und in der Zwischenzeit

hat sich eine Parallelgalaxie gebildet, in der alles ins Gegenteil

verkehrt wurde. Okay, wo versorge ich nun die Lebensmittel?

Ist die Küche noch die Küche oder soll ich die Milch ins Bad

stellen, Julie?“

Julie packt ihre Bücher und streckt mir die Zunge heraus.

„Finde es selber heraus. Vielleicht hilft dir ja deine Freundin

beim Lösen dieser Aufgabe.“

„Sie ist nicht meine Freundin“, sage ich und realisiere sofort,

dass das nicht sehr diplomatisch war. „Ich meine, du bist nicht

… du weißt schon.“

„Ich weiß, was ich bin, Joel“, sagt Lily spöttisch. „Fragt sich

nur, was du bist. Und genau deshalb bin ich hier.“

Rosalie

Die Zeit scheint beinahe nicht zu vergehen. Nervös sitze ich

auf dem Bett in meinem kleinen Zimmer am Ende des Korridors.

Bei Olivia und Max im Wohnzimmer hab ich es nicht ausgehalten.

Ich habe gesagt, dass ich mich für die Schule vorbereiten

231


möchte, aber ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, was mich

dort überhaupt erwartet. Lily hat sich bisher nicht gemeldet,

daher überprüfe ich alle paar Minuten das Display meines

Handys. Es tut sich weiter nichts. Was bespricht sie so lange mit

ihm? Wird sie den Kinobesuch erwähnen, und wenn ja, wird

er ihr sagen, ich wäre verrückt? Sie wird ihm doch nicht

beipflichten, um höher in seiner Gunst zu stehen? Nein, sie ist

meine Freundin, die einzige, die ich zurzeit habe. Hätte ich

nur Die Zeitmaschine, um mich abzulenken. Ich habe vergessen,

dass Lily es noch in ihrer Tasche hat. Ins Internet kann ich

nicht, das Wurmloch ist auch ein Funkloch, das hatte ich schon

verdrängt. Es bleibt mir nichts zu tun, als in Romildas Buch

durch die Seiten zu blättern auf der Suche nach einem ihrer

Gedanken, der die meinen unterbrechen kann.

Die Einsicht

Wenn ich mich umschaue, sehe ich die Dinge,

wie sie mir am wertvollsten erscheinen.

Einsicht hat nichts mit Einblick zu tun,

die Sicht auf die Dinge entsteht nicht

durch den bloßen Blick darauf.

Es liegt ein tieferes Sehen hinter der Einsicht.

Sie kann schmerzhaft sein und trotzdem heilen,

aber manchmal tötet sie die Dinge,

indem sie ihnen die wertvolle Erscheinung entzieht.

Einsicht lässt das Argument gewinnen – immer.

Nur wenige nehmen diesen unfairen Kampf auf,

darum gibt es wenig Einsicht.

Ich will die Dinge wertvoll erscheinen lassen,

232


den Schein wahren, bewahren

und die Argumente zwingen, sich dem Wert unterzuordnen.

Ich will den Blick schweifen lassen

und die Einsicht dazu bringen, sich zu wehren,

den Kampf zu einer lohnenden Aussicht auf Erfolg

werden zu lassen.

Sieh es ein, es bringt nichts,

sich den Zauber von der Seele zu argumentieren,

wenn Aussicht, Einblick und Einsicht

in verschiedene Blickrichtungen weisen.

Der Zauber ist nach wie vor ungebrochen, denke ich. Jonathan

ist eine Seele aus der Vergangenheit und ich habe ihn nie getroffen.

Trotzdem habe ich eine Verbindung zu ihm gehabt, wie

niemals zuvor zu einem Menschen. Romilda hat ihn gekannt und,

wie es scheint, geliebt. Ich habe den Beweis auf dem Grabstein

gesehen. Vincent war der Freund und der Vater oder zumindest

ein Vater von Romildas Tochter Pauline.

Es ist sehr verworren und ich betrachte den Umschlag des

Briefes.

Der Geheimbund der Wahrheit

Es waren drei Freunde, alle drei standen sich sehr nahe. Zwei

davon hatten ein Amulett in Form eines Tieres. Vincent besaß

einen Bären. Wem gehörte dann die Eule? War sie Romildas

oder Jonathans Talisman?

Ich schaue auf mein Handy, noch immer keine Nachricht von

Lily.

233


Max

Olivia hat gesagt, ich solle mich mit ihr zum Abendessen treffen,

sie hätte einen Tisch reserviert. Das hat sie noch nie getan.

Versucht sie nun doch noch, in mir einen Sinn für Romantik zu

wecken? Meinetwegen, wir haben einiges zu besprechen und

sie hat sich ein gediegenes Essen mehr als verdient. Besser, ich

besorge ein paar Blumen, das könnte angebracht sein. Sie mag

Vergissmeinnicht, aber ich glaube, Rosen sind passender.

Ich bin früh dran. Sie wird sich wie gewohnt verspäten. Aber

sie wird auch wie gewohnt eine einleuchtende Erklärung dafür

haben, so wie sie für alles immer eine einleuchtende Erklärung

findet. Sie hat ein großes Herz, alles und jeder wird von ihr entschuldigt,

aber sie erwartet im Gegenzug, dass man tolerant ist.

Ich muss immer schmunzeln, wenn sie Argumente bringt

wie: Das Gnu ist kein Frühaufsteher und möchte vor zehn Uhr

nicht gestört werden. Man weiß nie, ob sie so etwas auch wirklich

ernst meint, aber sie setzt sich für jeden ein. Für die Tiere

genauso wie für die Familie oder für Freunde. Sie hat kein einziges

Wort darüber verloren, was man ihr angetan hat. Weder

bei mir noch bei Violetta. Ich weiß nicht, warum sie noch nicht

möchte, dass ich mit Rosalie reinen Tisch mache. Irgendwann

in naher Zukunft will ich das hinter mich bringen. Es bringt

nichts, zu warten. Je länger man ein fremdes Geheimnis hütet,

desto mehr wird es zum eigenen. Aber um Olivias willen werde

ich Geduld aufbringen, das bin ich ihr wirklich schuldig.

234


Ludovic

„Hallo Max“, sage ich und wundere mich selbst, dass meine

Stimme sich fest und ruhig anhört. Ich habe lange kein Deutsch

mehr gesprochen und einiges verlernt seit meinem Studium.

Max dreht sich um und ich staune, wie er sich kaum verändert

hat in den vergangenen fünfzehn Jahren. Die Haare sind

kürzer und die Taille ein wenig runder geworden, ein stattlicher

Kerl mit wachem Blick. Er mustert mich und scheint mich nicht

gleich zu erkennen.

„Ich bin es, Ludovic. Ich hoffe, du bist nicht verärgert über

diese kleine Täuschung. Ich habe Olivia gebeten, ein Treffen

zwischen uns zu arrangieren.“

„Olivia schickt dich?“, sagt Max. Ich sehe, wie etwas in ihm

auflodert, aber er fasst sich wieder und setzt sich an den Tisch,

an dem er auf Olivia gewartet hat. „Heißt das, sie kommt nicht?“

„Nur wenn wir sie anrufen und zu uns bitten. Aber du wirst

ihr die Blumen auch später überreichen können. Ich nehme

nicht an, dass sie für mich sind.“

Max antwortet nicht. Ich verstehe, dass er nicht zum Scherzen

aufgelegt ist, also setze ich mich erst einmal zu ihm an den Tisch.

„Okay, du hast mich überrumpelt. Was willst du von mir?“,

fragt Max.

„Nun, ich habe Olivia dazu überredet, damit ich die Gelegenheit

habe, einmal unter vier Augen mit dir zu sprechen. Von

Mann zu Mann. Oder besser noch, von Vater zu Vater.“

Max starrt mich an, als hätte ich ihm eine schlechte Nachricht

überbracht.

„Sag mir nur eins“, fordert er mit fester Stimme. „Hast du

irgendetwas davon gewusst all die Jahre?“

235


Bevor ich antworten kann, steht der Kellner am Tisch und ich

schaue Max fragend an, um zu ergründen, ob er überhaupt in

Erwägung zieht, wenigstens ein Getränk zu bestellen.

„Einen doppelten Whisky ohne Eis“, bestellt er schließlich.

Ich komme nicht umhin, herzhaft zu lachen. „Für mich auch“,

sage ich. Der Kellner nickt und geht wieder. „Ich sehe, du hältst

dich nicht an kulinarische Regeln.“

„Warum sollte ich? Kann mir heute irgendetwas noch den

Appetit verderben? Wir können besser gleich so tun, als wäre

alles schon gegessen. Dann bleibe ich dir nichts schuldig, bis

auf einen Drink. Ich habe nämlich nicht vor, dich einzuladen.“

Trotz der Schärfe seiner Worte kann ich mir ein Grinsen nicht

verkneifen. Max war schon immer ein humorvoller Kerl, das hat

sich also nicht geändert.

„Um auf deine Frage zurückzukommen: Nein, ich habe es

nicht gewusst. Ich habe es vielleicht geahnt – irgendwann – und

es hat mich einiges gekostet, diese Tatsache zu verdrängen, oder

sagen wir, zu kompensieren.“

Max schaut mich weiter direkt und durchdringend an. „Was

soll das heißen, du hast es geahnt?“, fragt er schließlich und

nimmt einen großen Schluck Whisky, ohne mit mir anzu stoßen.

Nun gut, ich nehme ebenfalls einen Schluck und seufze.

„Naja, man kann blind vor Liebe sein, wenigstens in der

ersten Zeit einer Beziehung, aber die Liebe war leider nicht

gegenseitig gleich stark. Ich habe mich bald gewundert, warum

Violetta für ihre Tochter kämpfte, als müsse sie ihre finanzielle

Zukunft absichern. Das hat mich stutzig gemacht und meinen

Vater veranlasst, eine Treueklausel in den Erbvertrag einzubauen.

Ich will dich nicht mit Details langweilen, es war gut

gemeint, aber hat letztendlich nur geschadet.

236


Violetta und ich haben uns ziemlich schnell auseinandergelebt.

In meiner Verzweiflung habe ich mich an Elena gewandt.

Sie ist bis heute Violettas engste Freundin und ich hoffte, sie

würde mir helfen, sie zu verstehen, ihr Herz zurückzugewinnen.

Aber es geschah natürlich alles anders, als ich es mir ausgemalt

hatte. Violetta nahm mir das Testament übel und Elena tröstete

mich, bis – ich gebe zu, das war mein allergrößter Fehler – ich

eine Liaison mit ihr begann. Ich mochte Elena. Sie liebte meine

Kunst. Durch sie erhielt ich endlich die Wertschätzung, die mir

zu Lebzeiten meines Papas und während meiner Ehe mit Violetta

von beiden stets verwehrt wurde. Doch meine Liebe galt

weiterhin Violetta.“

Max schaut mich mit versteinerter Miene an. Nach einer

langen Pause fragt er endlich: „Wieso erzählst du mir das?“

„Weil du der Vater meiner Tochter bist, was ich soeben erst

erfahren habe. Violetta und ich, wir haben es vermasselt. Sie

hat mir gestern gestanden, dass Rosalie deine Tochter ist und

ich habe ihr meine Geschichte mit Elena gebeichtet. Weißt du,

Rosalie hat mir geschrieben, dass sie bei euch ist und dass sie

bleiben möchte.“

„Du streichst sie also nicht aus dem Erbvertrag?“

„Selbstverständlich nicht! Sie war schließlich vierzehn Jahre

lang meine Tochter und wird es immer bleiben. Für Violetta und

mich steht die Welt mehr als nur auf dem Kopf und wir brauchen

Zeit, bis wir wieder klar denken können. Dennoch bin ich als

Erstes zu dir gefahren, weil ich wissen muss, ob du dich in dieser

Zeit um Rosalie kümmern wirst.“

„Das steht außer Frage. Und um es vorwegzunehmen, ich

brauche dazu deine finanzielle Unterstützung nicht. Wir

werden ihr nicht dasselbe bieten können, aber sie wird das

237


esser verkraften, als du denkst. Allerdings wird sie es erst verkraften

müssen …“

„Genau das ist der Punkt. Ich habe nur eine Bitte, dass

du mir die Chance gibst, mich mit ihr auszusprechen. Ich

möchte nicht einfach aus ihrem Leben gestrichen werden.

Natürlich hat sie die Möglichkeit mich zu kontaktieren und sie

wird sich ihre eigene Meinung bilden. Aber wir wissen beide,

Einfluss ist eine starke Waffe. Wenn du oder Olivia Groll gegen

mich hegt, dann wird euer Einfluss auf sie meine Beziehung zu

ihr zerstören können.“

Max schweigt und das Whiskyglas ist leer.

„Ludovic“, sagt Max endlich nach einer langen Pause. „Ich

halte nicht viel von Einflussnahme.“

Ich nicke und fühle mich niedergeschlagen wie nie zuvor.

„Aber ich halte viel von Mut und Verantwortlichkeit.“

Rosalie

Mitten in der Nacht werde ich durch ein Geräusch aus

meinem Traum gerissen. Verwirrt schaue ich mich um. Ich bin

eingeschlafen und Lilys Buch liegt neben dem Bett auf dem

Boden. Der Aufprall hat mich wohl geweckt. Beruhigt drehe

ich mich um, ziehe die Decke über die Schulter und will gerade

wieder in den Traum zurücksinken, als erneut ein dumpf

klopfendes Geräusch die Stille durchbricht. Dieses Mal kann ich

es orten. Es kommt vom Fenster. Lautlos schlüpfe ich aus dem

Bett und spähe durch den Spalt der Vorhänge. Im Vorgarten

steht Lily und wirft Kieselsteine gegen mein Fenster.

238


„Bist du noch ganz dicht?“, zische ich durch das halb geöffnete

Fenster.

„Komm endlich raus!“, zischt sie zurück.

Ich schlüpfe in meine Jeans und zur Tür hinaus. Mein Handy,

denke ich und schleiche zurück, um es zu holen. Erstaunt sehe

ich, dass der Akku leer ist. Deshalb also die Kieselsteinaktion.

Lily weiß sich immer irgendwie zu helfen.

Als ich die Haustür leise hinter mir schließe, zieht Lily mich

auch schon hinter die Hecke im Garten, um mich aus dem

Blickfeld des Hauses zu haben.

„Sag endlich, was los ist“, dränge ich. „Hast du Joel …“

„Geduld“, unterbricht mich Lily. „Lass uns in die Scheune

gehen.“

„Jetzt?“ Ich sehe Lily verwundert an.

„Natürlich jetzt, oder muss ich erst einen Termin mit dir

vereinbaren? Das ist gar nicht so einfach, wenn nur der Anrufbeantworter

erreichbar ist.“

„Schon gut“, sage ich. „Ich hab gestern Abend den Akku

gekillt, als ich ständig nach einer Nachricht von dir Ausschau

hielt.“

„Joel kam erst spät am Nachmittag nach Hause. Ich hab mit

ihm geredet, aber erst später. Er konnte zu Hause nicht sofort

weg“, meint Lily entschuldigend. „Seine Mutter ist ziemlich

streng.“

„Schon okay. Lass uns in die Scheune gehen. Wir können

alles in Ruhe besprechen. Ich habe mich dort im Sommer

gemütlich eingerichtet, es hat Decken und Polstermöbel, ein

perfektes Geheimversteck für nächtliche Treffen.“

„Ich weiß“, sagt Lily und ich sehe sie verblüfft an. Woher

weiß sie das denn?

239


Angespannt laufe ich ihr hinterher durch den Garten, dann

leicht geduckt an der Mauer entlang, damit man uns vom Haus

aus nicht so leicht sehen kann. Wir finden das bereits wieder

von Gestrüpp überwucherte Scheunentor, das gerade weit genug

offen steht, dass wir beide hindurchschlüpfen können. Drinnen

ist es dunkel und muffig. Als wir um die Regale biegen, die mein

Versteck vom Rest der Scheune abschirmen, sehe ich, wie das

fahle Mondlicht durch das zerbrochene Scheunenfenster scheint

und ein glimmendes Flackern aus dem Gasofen ein spärliches

Licht verbreitet. Joel sitzt auf einem der Polstersessel und ich

klammere mich instinktiv fest an Lilys Arm.

240


Der Geheimbund tagt

Joel

„Seid ihr noch ganz dicht, mich so zu erschrecken?“, ärgert

sich Rosalie, nachdem sie den ersten Schreck überwunden hat.

„Sei nicht böse“, sagt Lily mit besorgtem Blick auf ihren

entsetzten Gesichtsausdruck. „Ich hab ihn hergebracht. Du

solltest dir seine Version der Geschichte selber anhören.“

„Ich möchte dir alles erklären“, versuche ich sie zu beruhigen.

„Es schien mir die beste Möglichkeit, dich zu treffen. Ich muss

dich so schnell wie möglich sprechen, bevor alles auffliegt und

ich womöglich keine Gelegenheit mehr dazu habe.“

„Wieso? Wovon sprichst du? Redest du vom Diebstahl oder

vom Einbruch in die Scheune oder von deiner falschen Identität?“

Sie ist wütend, das war zu erwarten. Zum Glück ist Lily

dabei, sodass sie hoffentlich nicht komplett ausflippt. Wenn

man sie reden hört, könnte man meinen, ich sei ein krimineller

Psychopath.

241


„Also“, fange ich vorsichtig an, „das klingt alles verrückt und

ich bestreite nicht, dass ich Mist gebaut habe, aber ich erzähle

dir meine Geschichte am besten von Anfang an, bevor du entscheidest,

ob ich deswegen hingerichtet werden soll.“

Rosalie schnaubt, aber Lily legt beruhigend den Arm um sie

und sie setzen sich auf das alte Sofa. Ich setze mich auf den

Teppich davor und beginne zu erzählen.

„Bevor deine Tante und dein Onkel in dieses Haus eingezogen

sind, stand es eine ganze Zeit lang leer. Manchmal habe

ich mich mit ein paar Kumpels dort getroffen. Wir haben nur

herumgehangen, nichts kaputt gemacht oder so. Es war ein

cooler Ort, um sich ungestört zu treffen und abzuhängen. Oben

auf dem Dachboden war alles voller alter Kisten mit Krempel, genau

wie hier. Ich ging öfter dorthin, auch allein, um zu zeichnen.

Irgendwann hatten wir uns, genau wie du hier, eingerichtet und

in den Sachen gestöbert. Keine Ahnung, wem das Zeug gehört

hat. Es schien niemand zu vermissen. Wir haben alles durchsucht,

weil uns langweilig war, aber es war nichts Wertvolles darunter,

also nichts, was sich gelohnt hätte zu verticken.“

„Seid ihr nie erwischt worden?“, fragt Rosalie.

„Glücklicherweise nicht“, erwidere ich. „Einmal war’s allerdings

ziemlich knapp. Jemand von der Verwaltung kam vorbei,

um nach dem Rechten zu sehen. Wir konnten uns auf dem

Dachboden des Hauses verstecken. Ich fand Unterschlupf in

einer der alten Truhen und dabei stieß ich auf eine kleine

Schatulle. Sie war in einer Art Geheimfach versteckt. Ich war

neu gierig und habe sie ohne lange zu überlegen eingesteckt.

Später, zu Hause, habe ich sie geöffnet und fand ein Amulett,

zusammen mit alten Briefen und Fotos.“

„Du hast auch ein Amulett gefunden?“, fragt Rosalie staunend.

242


„Sogar zwei“, antworte ich. „Mit deinem zusammen sind es

drei.“

Um es ihr zu beweisen, greife ich in die Jackentasche und ziehe

daraus die drei Ketten hervor. Sie sind ineinander verheddert,

aber die drei Tieramulette baumeln aus dem Knäuel zwischen

meinen Fingern herab. Die beiden Mädchen schauen gebannt

auf die Anhänger.

„Ein Bär, ein Fuchs …“

„… und meine Eule“, fügt Rosalie an und greift nach den

Amuletten. „Du hast es also doch geklaut!“

„Nur ausgeliehen“, verteidige ich mich. Sie sieht mich

unschlüssig an, aber anstatt etwas zu sagen, beginnt sie die

Knoten der Ketten zu entwirren. Ich versuche währenddessen

weiter, die Geschichte zu entwirren.

„Nach dem ziemlich missglückten Besuch bei dir im Zimmer

wollte ich mich später für meinen schnellen Abgang entschuldigen.

Ich wollte aber nicht riskieren, deinem Onkel über den Weg

zu laufen, also bin ich wieder zu deinem Fenster hoch geklettert.

Du warst nicht mehr im Zimmer, dafür lag das Amulett auf der

Kommode, weswegen ich ja ursprünglich gekommen war. Ich

wollte es nicht klauen. Ich hätte es dir zurückgegeben, Ehrenwort.“

„Ich verstehe nicht“, sagt Rosalie, ohne aufzublicken, da

sie immer noch mit den Knoten in den Ketten beschäftigt ist.

„Warum wolltest du unbedingt mein Amulett haben und warum

willst du Max nicht begegnen?“

„Naja, ich hatte ja, wie du siehst, bereits zwei dieser Anhänger

gefunden. Und einen davon eben in dieser Truhe auf eurem

Dachboden. An dem Tag kam auch dein Onkel mit den ersten

Möbeln und Kisten an. Wir wurden von ihm überrascht und sind

243


durch das Treppenhausfenster in den Garten geflohen, aber er hat

mich und einen meiner Kumpels gesehen, wie wir wegrannten. Er

hat getobt und uns als Einbrecher und Vandalen beschimpft. Ich

möchte ihm lieber nicht begegnen, wenn er wirklich sauer ist.“

„Und das andere Amulett?“, fragt Rosalie, ohne weiter auf die

Fluchtszene einzugehen.

„Das fand meine Schwester ein paar Monate vorher in der

Ruine der alten Villa.“

„In der Villa, die abgebrannt ist?“, fragt Lily sofort.

„Genau. Sie hat dort mit ein paar andern Kindern aus der

Nachbarschaft gespielt, obwohl es verboten war. Nach dem Brand

war das Gebäude ja nur noch eine Ruine, die wenig später abgerissen

wurde. Meine Schwester hat das Amulett in den Trümmern

gefunden. Als ich das zweite Amulett fand, hab ich ihr das erste

abluchsen können im Tausch gegen einen alten Gameboy.“

„Warum bist du denn überhaupt so interessiert an ihnen?“,

fragt Lily neugierig. „Jungs sind doch sonst für Schmuck nicht

so leicht zu begeistern.“

„Mich interessiert nur die Sache mit der Zeit.“

Rosalie schaut mir prüfend in die Augen.

„Was weißt du über die Sache mit der Zeit?“

„Nur das, was in diesem Brief steht“, antworte ich perplex.

Ich ziehe einen zerknitterten Umschlag aus derselben

Jackentasche, aus der ich zuvor die Amulette genommen habe.

„Was steht drin? Konntest du ihn lesen?“, fragt Rosalie, die

bereits ahnt, dass sie nichts davon würde entziffern können.

Ich nehme den Brief aus dem Umschlag und überfliege ihn

einen Augenblick. Die Schrift ist alt, aber ich habe den Brief in

den vergangenen Monaten so eingehend studiert, dass es mir

nicht mehr schwerfällt, ihn zu lesen.

244


Ich habe das Gefühl, so oft die Zeit angehalten zu haben,

dass sie nun beginnt, alles Verpasste wieder aufzuholen. Dennoch

war es nicht umsonst. Ich habe in den gestohlenen Stunden

gefunden, was ich vermisst habe. Die verlorenen Stunden habe

ich dabei kompensiert, die Stunden, in denen ich gewartet oder

gezweifelt habe … sie wurden alle entschädigt.

Es ist ein seltener Zufall, wenn ein Fuchs, ein Bär und eine Eule

Freundschaft fürs Leben schließen. Wenn sie zusammenfinden,

geschieht ein unerklärliches, aber unglaubliches Phänomen.

Sie heben sich gegenseitig auf, halten sich in einem

Bewusstseinszustand der unerschütterlichen Ewigkeit gegenseitig

fest, und wenn alle Rädchen der Uhrzeit stillstehen, wenn das

Ticken verstummt ist, hört die Welt tatsächlich auf, sich zu

drehen. Das hat Jonathan uns ermöglicht …

„So steht es in dem Brief?“, fragt Lily skeptisch. „Geht er

nicht weiter?“

„Und wer hat ihn geschrieben?“, fügt Rosalie an.

„Ich weiß es nicht“, antworte ich. „Ich habe nur diese eine

Seite gefunden. Keine Anrede, keine Unterschrift, nur diese rote

Haarlocke war mit im Umschlag.“

Mit den Fingern fahre ich durch den Umschlag und nach

kurzem Suchen finde ich die lockige, mit einem dünnen Samtband

zusammengebundene Strähne. Lily hält sie im Schein des

Mondlichts an Rosalies Kopf und pfeift anerkennend in die Stille.

„Passt“, sagt sie und schaut uns beide herausfordernd an. „Ha

ha, ihr könnt aufhören damit. Ich durchschaue euch, ihr spielt

mir einen Streich und meint, ich falle auf euer Märchen rein.

Rosalie, das sind deine Haare, das sehe ich doch!“

„Das sind nicht meine“, beteuert Rosalie. „Außerdem hat

245


Jonathan … ich meine Joel, mich zum Narren gehalten, das

weißt du doch.“

„Ich habe dich nicht absichtlich zum Narren gehalten“,

unter breche ich die beiden. „Ich wusste nicht, ob du mich verraten

würdest, als wir uns das erste Mal hier begegnet sind.

Mich Jonathan zu nennen, fiel dir ganz von selbst ein, ehrlich

gesagt. Ich denke, du hast den Namen auf einer meiner Zeichnungen

gelesen und daraus diesen falschen Schluss gezogen.

Später konnte ich das nicht so einfach berichtigen. Ich wollte

nichts aufs Spiel setzen, weil ich dich doch kennenlernen wollte,

wegen des Amuletts.“

„Nur wegen des Amuletts?“ Rosalies enttäuschter Unterton ist

nicht zu überhören.

„Nicht nur“, gebe ich zu. „Als ich diesen Brief gelesen habe und

das zweite Amulett sah, wusste ich, dass es ein weiteres geben

muss. Dann, als wir uns das erste Mal in der Scheune be gegnet

sind, war ich vollkommen verblüfft. Deine Haare sind mir

sofort aufgefallen, dieses schimmernde Rot. Genau wie diese Locke.

Irgendwie hoffte ich, dass du mit dem Brief und den Amuletten

etwas zu tun hattest. Was sich dann auch tatsächlich bestätigte.

Als ich dir an diesem Nachmittag im Tierpark geholfen habe, den

Felsen zu schrubben, hast du das Amulett hervorgeholt und ich

fiel beinahe ins Wasserbecken vor Schreck. Von dem Tag an war

ich entschlossen, die drei Amulette irgendwie zu vereinen, um zu

sehen, ob es … naja …“

„Ob es möglich ist, Zeitreisen zu machen“, ergänzt Rosalie.

„Vielleicht nicht gerade eine Zeitreise, aber die Zeit anhalten

zu können, wäre schon irgendwie cool.“

„Das glaubt ihr doch selbst nicht“, wirft Lily ein. „Ihr seid

beide zu alt für Märchen und Zauberei.“

246


Rosalie legt alle drei Amulette nun entknotet nebeneinander

aufs Sofa. Im fahlen Lichtschimmer sehen sie mystisch aus.

„Es hat ja auch nicht funktioniert“, gebe ich zu. „Ich habe sie

auf die Sekunde genau eingestellt und versucht, sie möglichst

gleichzeitig anzuhalten.“

„So kann es auch gar nicht funktionieren“, bemerkt Lily

scharfsinnig. „Es müssen drei Personen sein, die sich gleichzeitig

in einem Raum befinden und die drei Uhren anhalten.“

„Ich dachte, du glaubst nicht daran, du Schlaumeierin“,

erwidere ich amüsiert.

Sie greift nach dem Bärenamulett und klappt es auf, um die

Uhr zu betrachten.

„Nicht Personen“, bemerkt Rosalie, „es müssen Freunde sein.“

„Was?“ Ich schaue sie verwundert an.

„Ich meine, wer immer diesen Brief geschrieben hat, sprach

von drei Freunden, die sich gegenseitig vertrauen, wie Jonathan,

Romilda und Vincent eben.“

„Wieso glaubst du, haben sie einander vertraut?“, frage ich sie.

„Sie haben einen Geheimbund gegründet“, erklärt Lily. „Sie

hatten offensichtlich ihre Freundschaft mit diesem Geheimbund

besiegelt. Es gab Geheimnisse, Eifersucht und Vertrauens brüche,

aber sie haben ihre Probleme miteinander geteilt.“

„Ich würde auch gern einem Geheimbund beitreten“, meint

Rosalie.

„Meine Freunde würde ich nicht mit meinen Problemen

nerven“, überlege ich laut. „Es interessiert keinen von denen.

Die haben alle genug eigene Probleme.“

„Ein Grund mehr, finde ich. Du kannst von den Problemen

der anderen lernen oder sie können dir helfen, deine Probleme

zu lösen“, sagt Lily.

247


„Ich glaube kaum, dass mir einer von denen helfen kann, wenn

ich wieder mal beim Training fehlen muss, um meiner kleinen

Schwester bei den Hausaufgaben zu helfen“, widerspreche ich.

„Meine Mutter ist dauernd am Arbeiten, seit mein Vater ausgezogen

ist. Das ist echt ätzend. Allerdings war es noch ätzender, als

er noch zu Hause wohnte, weil sie sich dauernd gestritten haben.“

„Meine Eltern sind nicht getrennt“, sagt Rosalie. „Trotzdem

ist Papa nie daheim. Maman streitet deshalb dauernd mit mir.

Es ist ja sonst keiner da, den sie kritisieren kann. Ich bin froh,

wenn sie oft und lange arbeitet, dann hab ich immerhin meine

Ruhe. Und nun bin ich hier ohne meine Eltern.“

„Warum bist du überhaupt hier? Ich meine, das ist ja toll,

aber ist es nicht seltsam, dass deine Eltern dich plötzlich bei

deinen Verwandten wohnen lassen?“

„Ich bin abgehauen“, sagt Rosalie. „Es war meine Entscheidung.

Ich wollte etwas herausfinden.“

„Und hast du es herausgefunden?“, frage ich. Sie zuckt mit

den Achseln.

„Keine Ahnung“, sagt sie dann. „Ich habe das Gefühl, das es

noch nicht vorbei ist.“

„Was sollte denn vorbei sein?“, fragt Lily.

„Na die Geheimnisse. Du hast doch selbst gehört, was Olivia

gesagt hat. Jemand spielt mir übel mit.“

Lily seufzt bei dem Gedanken.

„Eltern haben manchmal keine Ahnung, was sie uns antun.

Kann gut sein, dass sie deine Hilfe bald mehr brauchen, als du

ihre.“

248


Romilda

„Was haben deine Eltern gesagt?“, fragt Vincent besorgt.

„Sie sagten das, was zu erwarten war“, erwidere ich, „plus

das, was wir befürchtet haben. Alles in allem ist es nur ein

Gewittersturm aus enttäuschten Erwartungen und geplatzten

Träumen. Das macht ganz schön Lärm, geht aber vorüber.“

„Was ist mit deinen Träumen?“, fragt er weiter.

„Die sind noch immer da“, muss ich zugeben, seufze aber, als

ich sein Gesicht sehe. „Daran wird auch der stärkste Kirschlikör

nichts ändern. Du hast es immer gewusst. Es war nicht

mein Traum und auch nicht deiner, es war lediglich der unserer

Eltern, den wir weiterzuträumen versuchten.“

„Du hast recht.“ Vincent überlegt lange, bevor er seinen

nächsten Vorschlag macht. „Du sollst deinen Traum leben, ich

kann es nicht. Er liebt dich. Er hat dich immer geliebt und mich

hat er als Freund und Vorgesetzten respektiert.“

„Er liebt auch dich“, versichere ich ihm, „nur nicht auf die

Weise, die du dir erhofft hast.“

„Ich weiß“, sagt er. „Deshalb bitte ich dich um einen Gefallen.“

„Du weißt, ich schulde dir mehr als mein Leben“, erwidere

ich, ohne zu zögern. „Nichts, um was du mich bittest, könnte

ich dir verwehren.“

„Diesmal ist es ein egoistisches Anliegen“, beginnt er.

„Auch dann“, bestärke ich ihn.

„Also gut.“ Vincent zittert leicht beim Zurechtlegen der

folgenden Worte. „Ich möchte Pauline als eine Berchtold

behalten. Ich möchte, dass sie weiterhin vor dem Gesetz und

dem Urteil der Gesellschaft als meine rechtmäßige Tochter

angesehen wird. Es wird ihr in finanzieller Hinsicht einen

249


großen Vorteil bringen und mir einen legitimen Platz in ihrer

Weltordnung sichern. Natürlich soll sie, wenn sie alt genug ist,

die Wahrheit und die Umstände, die dazu führten, erfahren.

Aber bis dahin lass bitte die Kirche im Dorf.“

„Ich bin einverstanden“, sage ich. „Sie ist ein Glückskind.

Sie hat drei Elternteile, die sie lieben und beschützen. Sie hat

Wurzeln und eine interessante Geschichte, die sie zu etwas ganz

Besonderem machen.“

„Jonathan wird es nicht gefallen“, äußert Vincent seine

Befürchtung.

„Er wird es akzeptieren. Schließlich hat er den Geheimbund

für uns geschaffen.“

„Deinen Eltern wird es sicher auch nicht gefallen.“

„Das hingegen würde ich nicht behaupten. Diese Tatsache

wiederum könnte den geplatzten Traum beiseite wischen, um

einem neuen Platz zu schaffen.“

Er lächelt bei meiner treffsicheren Einschätzung.

„Du könntest recht haben. Übrigens habe ich heute Morgen in

einem Buch meines Vaters einen Königstiger gesehen. Eines Tages

werde ich einen solchen beschaffen und unser Garten soll ein

öffentlicher Tierpark werden, der allen Kindern Freude bereitet.“

„Das ist eine wundervolle Idee, Vincent.“

Rosalie

„Was ist nun mit der Wahrheit?“, frage ich.

„Was meinst du?“, entgegnet Joel. „Ich habe nicht aus Falschheit

gelogen. Ich habe doch eben erzählt, was mich dazu ver-

250


anlasst hat. Ich habe mich einfach sicherer gefühlt, als du nicht

wusstest, wer ich wirklich bin. Ich wusste eben nicht, ob ich dir

vertrauen konnte.“

„Davon rede ich doch nicht“, entgegne ich. Jungs sind

einfach begriffsstutzig, was solche Dinge angeht. „Ich meine,

gründen wir nun einen Geheimbund der Wahrheit?“

„Wir können es versuchen“, sagt Lily. „Wir haben inzwischen

schon einiges über die Wahrheit erfahren.“

„Ich hoffe, dass ein paar Sachen davon unter uns bleiben

können“, fügt Joel an. „Nennen wir es also Geheimbund.“

„Dann lasst uns auch die Wahrheit über die Zeit aufdecken“,

schlage ich vor.

„Du willst also wirklich versuchen, die Zeit anzuhalten“, stellt

Lily amüsiert fest und lässt eines der Amulette im Kreis pendeln.

„Warum nicht?“, entgegne ich. „Wir sind drei Freunde, hier

sind drei Amulette, wir sind ein Geheimbund. Es könnte funktionieren.“

„Und wenn’s nicht klappt?“, will Lilly wissen. „Sind wir dann

nicht die richtigen Freunde?“

„Dann liegt es an deinem mangelnden Vertrauen in unsere

magischen Fähigkeiten“, spottet Joel. Als er aber meine

zusammen gezogenen Augenbrauen bemerkt, fügt er bereitwillig

an: „Wir müssen es eben auf einen Versuch ankommen lassen.“

Wir betrachten alle drei die Amulette, die wieder nebeneinander

in der Mitte des alten Sofas liegen.

„Du nimmst sicher die Eule, Rosalie“, stellt Lily fest. „Du hast

sie gefunden und sie passt zu dir.“

Ich lächle und ziehe mir die Kette über.

„Obwohl der Fuchs auch passend wäre“, bemerkt Joel. „Ich

meine nur, passend zu deinen Haaren.“

251


Der Fuchs ist dein Tier, Lily“, sage ich, „weil du so schlau bist.“

„Ich hätte eigentlich lieber den Bären“, seufzt sie. „Ein starkes

Tier, das vor niemandem Angst hat.“

„Dann nimm doch den Bären“, sagt Joel. „Es ist okay. Ich

mag den Fuchs lieber. Schlauheit und ein bisschen List, finde

ich, passen besser zu mir, als so ein riesiges, zottiges Ungetüm.“

Er macht sich groß und brummt einen undefinierbaren Laut, der

eher nach einem alten Elch klingt.

Sie knufft ihn in die Seite und er versucht, sie abzuwehren,

was zu einem Gerangel auf dem Sofa führt.

„Hört auf damit“, sage ich plötzlich.

„Was ist denn los?“, fragt Joel. „Das war nur Spaß.“

„Schhhhhh“, sage ich und ein Schauer läuft mir über den

Rücken. „Hört ihr das?“

„Was denn?“, fragt Lily.

„Ich schaue lieber nach“, sage ich. Schnell schlüpfe ich durch

das Scheunentor in den Garten. Joel folgt mir. Hinter der Hecke

verborgen sehen wir, wie ein Taxi vor unserer Haustür steht und

Max mit jemandem spricht, der noch darin sitzt.

„Oh nein, ich sollte besser gehen“, flüstert Joel leise und

schaut sich nach einem Fluchtweg um.

„Bleib hier, bitte“, flüstere ich und bemerke plötzlich, dass ich

seine Hand halte. „Er kann uns nicht sehen.“

Joels Hand zuckt leicht zusammen, als Max sich vom Wagen

löst und sich umdreht. Ich schließe meine Finger fester um seine,

damit er sich beruhigt.

„Danke fürs Nachhausebringen“, sagt Max und macht ein

Zeichen der Verabschiedung.

Die Tür des Taxis fällt zu und es fährt los. Wer zum Henker

fährt da weg? Mit wem war Max bis tief in die Nacht unterwegs?

252


Mit einem plötzlichen Ruck kommt das Taxi zum Stehen und

die Tür geht erneut auf.

„Max“, ertönt eine mir bekannte Stimme. „Deine Jacke.“

Max dreht sich um und aus dem Auto erscheint der Kopf von

Papa. Ich bin wie erstarrt. Ich drücke Joels Hand so fest, dass er

mich anstupst.

„Das ist Papa“, flüstere ich überwältigt. „Er hat mich also

nicht vergessen.“

„Natürlich nicht“, flüstert Joel zurück. „Warum sollte er dich

denn vergessen haben?“

„Was will er hier?“, frage ich Joel, ohne von ihm wirklich eine

Antwort zu erwarten.

„Er ist extra hergekommen, um zu sehen, ob es dir gut geht.

Um dir zu sagen, dass er dich vermisst und dass du toll bist, ein

mutiges Mädchen und … dass er dich liebt.“

Er sieht mich an und ich halte immer noch seine Hand.

Es ist mitten in der Nacht, denke ich. Das ergibt doch keinen

Sinn. Aber der ganze Augenblick ist so unwirklich, dass es im

Moment völlig egal ist. Papa ist in der Stadt. Er wird schon nicht

abreisen, ohne mich gesehen zu haben, und Joel ist hier. Hier

mit mir und ich halte seine Hand. Ich bin überglücklich.

Joel beugt sich zu mir vor und ohne weiter zu überlegen,

küssen wir uns.

„Wo seid ihr?“, hören wir Lily durch die Nacht zischen.

Schnell lösen wir uns voneinander und tun so, als wäre nichts

Besonderes vorgefallen. Dann gehen wir zurück in die Scheune.

„Was ist nun mit unserem Experiment?“, fragt Lily und lässt

ihr Bärenamulett über die Briefe kreisen. Ich möchte Romildas

Geschichte gern überprüfen. Ich bin sicher, dass sie diesen Brief

geschrieben hat.“

253


„Also gut. Stellen wir uns da drüben hin“, bestimme ich, um

endlich zur Tat zu schreiten.

Wir stellen uns im Kreis auf, alle drei mit den noch nicht

aufgeklappten Amuletten in den Händen, und warten auf eine

weitere Anweisung. Es erfolgt jedoch keine. Nach ein paar endlos

scheinenden Sekunden blicken wir uns an, verwundert über die

plötzliche Veränderung im Raum. Die ersten Sonnenstrahlen

des anbrechenden Morgens dringen lautlos durch die Blätter der

Bäume und durch die trüben Fensterscheiben ins Innere der alten

Scheune. Glitzernde Lichtreflexe tanzen unbekümmert über den

staubigen Dielenboden und umspielen unsere Fußspitzen.

„Wartet“, sage ich unvermittelt.

„Worauf?“, fragt Joel verwundert.

„Habt ihr das eben auch gespürt?“, fragt Lily.

„Genau das meine ich“, antworte ich. „Ich glaube, ich habe es

soeben begriffen.“

„Was denn jetzt?“, fragt Joel. „Halten wir nun die Zeit an

oder nicht?“

„Das brauchen wir gar nicht.“ Ich strahle ihn an, als hätte

nicht nur der neue Tag gerade aufgeleuchtet. „Ich weiß jetzt, was

Romilda gemeint hat mit den gestohlenen und den verlorenen

Stunden. Wir haben uns heute Nacht ein paar Stunden gestohlen.

Stunden, die wir hätten zu Hause verbringen sollen. Irgendwann

werden wir auch ein paar wieder verlieren. Das spielt aber keine

Rolle, denn wir haben eben bewiesen, dass wir die Zeit doch beeinflussen

können.“

„Wie denn?“, fragt Lily.

„Die Nacht ist um und wir haben es gar nicht mitbekommen.

Wir waren so beschäftigt, uns gegenseitig unsere Geschichten

zu erzählen, dass die Zeit sich davongeschlichen hat und eben

254


erst zurückgekehrt ist, als wir beschlossen haben, sie wieder zu

beachten. Das ist das Geheimnis der Zeit: Obschon sie vergeht,

kommt sie doch immer wieder.“

„Wow“, sagt Joel. „Mir kommt es vor, als kennen wir uns

schon seit einer Ewigkeit. Wir haben sie also überlistet.“

Er lächelt zufrieden, als er sein Fuchsamulett unter seinem

Pulli verschwinden lässt, und öffnet die Scheunentür, um den

Rest der Zeit auch noch hereinzulassen.

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twitter.com/hi_emmapage

facebook.com/hi.emma.page

Emma Page

lebt mit ihrer Familie in Bern und in Nizza.

Neben ihrer Tätigkeit als freie Werbetexterin

schreibt sie verschiedene Kinder- und Jugendbücher.

Als leidenschaftliche Sammlerin von sinneswandelnden

Bildern und fantastischen Ideen

sucht sie auch immer nach neuen Wörtern,

die sie sich oftmals selber ausdenkt. Wenn

sie nicht schreibt, beobachtet sie die Welt aus

unterschiedlichen Perspektiven und Winkeln.

Da hilft es auch, wenn man ab und zu den

Standort wechselt. Am Meer ist die Luft klar,

dafür die Sprache undeutlicher. Das schärft

die Sinne – ein guter Ansatz für neue Geschichten,

findet sie.


68 Seiten

Ab 12 Jahren

ISBN

978-3-9524167-5-4

ROSALIE DEVILLE

Zwischen Zeit & Raum. Gedichte

Romilda Darkling hat sich viele Gedanken zu den abstrakten Dingen

des alltäglichen Lebens gemacht. Was sie einst in ihr Notizbuch schrieb,

um sich über Jonathan, Vincent und die Zeit, in der sie lebte, klar zu werden,

hat nichts an Relevanz in Rosalies oder eventuell auch in deinem Leben

verloren.

Mehr Infos unter: www.rosaliedeville.ch

SONNEN

WERBUNG & VERLAG


204 Seiten

Ab 6 Jahren

ISBN

978-3-9524167-0-9

MILLIE WIESENGROSS.

Von Kühen und anderen Exoten. Band 1

Millie Wiesengross ist klein, neugierig und entschlossen. Das ist eigentlich

nichts Besonderes, denn die meisten Kinder sind das auch. Aber Millie ist

außerdem eine Kuh, arbeitet in einem Zoo und hat einen Tiger zum Freund.

So ein Quatsch werden manche denken, eine Kuh frisst doch den ganzen

Tag nur Gras und steht auf der Wiese herum. Geschichten über Wölfe sind

viel spannender. Nicht, wenn man der böse Wolf sein muss und nur ab und

zu ein Geißlein oder eine alte Großmutter fressen darf.

Mehr Infos unter: milliewiesengross.ch

SONNEN

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104 Seiten

Ab 6 Jahren

ISBN

978-3-9524167-2-3

MILLIE WIESENGROSS.

Kuhlinarische Geheimnisse. Band 2

Wenn eine Kuh anfängt Kochrezepte mit einer Ziege auszutauschen, und

ein kleines Huhn lieber eine Suppe kocht, als sie auszulöffeln, dann ist

sicher etwas Ausgekochtes im Gange. Alles Quatsch mit Sauce, denkt ihr?

Dann habt ihr dieses Lesefutter noch nicht probiert. Rezepte werden nicht

nur von Ärzten verschrieben und von Hobbyköchen gesammelt. Es gibt

immer wieder Rezepte, die tatsächlich erlebt wurden. Millie war Zeugin und

Olivia hat sie selber auf Leber und Nieren getestet.

Mehr Infos unter: milliewiesengross.ch

SONNEN

WERBUNG & VERLAG


204 Seiten

Ab 8 Jahren

ISBN

978-3-9524167-6-4

PLUTO TRAWELL

Am Rand des Universinns. Band 1

Plutos Welt ist weder in einer anderen Dimension noch in einer ande ren

Galaxie. Das Einzige, was Pluto von einem durchschnittlichen zwölf jährigen

Jungen unterscheidet, ist die Zeit in der er lebt. Ein Detail, das erst bei einer

Zeitreise so richtig ins Auge fällt. Was passiert, wenn man eine zufällige

Zahlenkombination einfach ausprobiert? Man könnte im Lotto gewinnen,

wenn man Glück hat, oder nach Honolulu telefonieren, wenn man die richtige

Vorwahl kennt ... Wenn sich aber plötzlich ein Wurmloch öffnet, gerät die

Zukunft ganz schön aus der Umlaufbahn.

Mehr Infos unter: plutotrawell.ch

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Die vierzehnjährige Rosalie verbringt ihr Leben

zwischen den Welten. Ob in Paris oder Bern,

in der Realität oder im Bann der Worte aus

einer vergangenen Zeit – diese Romanserie verbindet das

Un wahrscheinliche mit dem Alltäglichen eines Teenagerdaseins.

Während sie so einiges findet, wie zum Beispiel ein

mysteriöses Amulett oder zwei neue Freunde, verliert sie

aber auch beinahe den Verstand. Plötzlich ist nichts mehr,

wie es einmal war – ihre ganze Verwandtschaft stellt sich

quer. Selbst die Zeit hat es auf sie abgesehen und sie muss es

tapfer mit verschiedenen Vergangenheiten aufnehmen.

„Humorvoll

& intelligent

erzählt Emma Page über

das Erwachsenwerden.“

Dr. Gregor Ohlerich

Literaturwissenschaftler, Berlin

SONNEN

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