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Eherecht Miet - und Pachtrecht Verkehrsrecht - Draußen

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04 | 10<br />

1,80<br />

Straßenmagazin für Münster <strong>und</strong> das Münsterland 0,70 Euro für den Verkäufer www.muenster.org/draussen<br />

Die Biene - das unbekannte Wesen<br />

1


2<br />

Editorial<br />

Liebe Leserinnen <strong>und</strong> Leser,<br />

in den letzten Wochen wurde uns doch tatsächlich übel mitgespielt.<br />

Erschrocken mussten wir feststellen, dass von einer uns<br />

bis dahin unbekannten Person versucht wurde, bei zahlreichen<br />

Münsteraner Geschäften in unserem Namen Spenden in Form<br />

von Geldzuwendungen zu erhalten.<br />

Obwohl wir finanziell nicht auf Rosen gebettet sind, würden<br />

wir niemals auf diese Art auf Sie zukommen. Deshalb können<br />

Sie sich vorstellen, dass eine gewisse Hektik in unserer ansonsten<br />

stressresistenten Redaktion aufkam. Die gute Nachricht ist,<br />

wir haben den Übeltäter! Sigi konnte dank minuziöser Auswertung<br />

unserer vorgeschriebenen Verkäuferausweise, die einem<br />

Profiler alle Ehre gemacht hätte, die Sache binnen St<strong>und</strong>en unter<br />

Kontrolle bringen <strong>und</strong> den Delinquenten ermitteln. Sicherlich<br />

ist uns bewusst, dass das kein Spaß ist <strong>und</strong> es sich hierbei<br />

auch nicht um ein Kavaliersdelikt handelt, dennoch haben<br />

wir von einer Anzeige abgesehen, nachdem in einem Gespräch<br />

klar gemacht werden konnte, dass so ein „Vergehen“ nicht nur<br />

die Arbeit für eine Minderheit, die kaum eine Lobby hat, erschwert,<br />

sondern vielmehr unfair denen gegenüber ist, die unsere<br />

Unterstützung wirklich brauchen. Sollte also in der Zukunft<br />

Anzeige<br />

jemand bei Ihnen vorbeikommen <strong>und</strong> nach einer Geldspende<br />

für die ~ fragen, kramen Sie schnell diese Ausgabe hervor<br />

<strong>und</strong> klären Sie Ihr Gegenüber auf.<br />

Aufklärung bestimmt auch den Fokus der deutschen Medienlandschaft,<br />

wobei sich derzeit die katholische Kirche selbst zum<br />

Beichtstuhl führen lassen muss. Aber auch Guido Westerwelle<br />

steht weiter im Fokus, der sich trotz der Kampagne gegen ihn<br />

nicht den Schneid abkaufen lassen will, aber dennoch möchte<br />

man glauben, dass der Wähler ihm bei den kommenden Landtagswahlen<br />

die Quittung ausstellt. Was ist sonst noch so passiert?<br />

Bill Gates ist offiziell nur noch drittreichster Bürger der<br />

Welt, die Boni der Manager fließen wieder, die WM kommt <strong>und</strong><br />

es ist endlich Frühling. Herrlich!<br />

Ihr<br />

Jörg Hüls


Für Ihre<br />

Patenschaft<br />

unser<br />

Patenspendenkonto<br />

Kto 34205427<br />

BLZ 40050150<br />

Sparkasse Münsterland Ost<br />

Ihre Unterstützung ist Hilfe, die direkt ankommt<br />

Anzeige<br />

Jeder Euro wird sinnvoll <strong>und</strong> verantwortungsvoll genutzt, um Obdachlosen <strong>und</strong> schwer<br />

vermittelbaren Langzeitarbeitslosen neue Chancen zur Verbesserung ihrer Lebenssituation<br />

zu bieten. Helfen Sie mit, es gibt vielfältige Möglichkeiten:<br />

Kaufen <strong>und</strong> Weiterempfehlen der ~ ist die direkte Hilfe zur Selbsthilfe für<br />

die VerkäuferInnen (kleines Zubrot, Akzeptanz, Eröffnung neuer Perspektiven)<br />

<strong>und</strong> steigert die Auflage der Zeitung. Preis: 1,80 Euro.<br />

Seitensponsoring ist eine besondere Form, die Druckkosten einer Seite in der<br />

~ direkt zu finanzieren. Preis: ab 50,- Euro. (Kto 33878, BLZ 40050150)<br />

Werbung in ~ unterstützt die laufenden Betriebskosten <strong>und</strong> zeigt außerdem<br />

Ihr gesellschaftliches Engagement <strong>und</strong> Ihre soziale Verantwortung. Preis ab<br />

58,- Euro (inkl. MwSt.) (Kto 33878, BLZ 40050150)<br />

Spenden sind wichtig für den Erhalt des Projektes. Summe: beliebig<br />

(Kto 33878, BLZ 40050150)<br />

Patenschaften ermöglichen uns die Finanzierung von Voll- <strong>und</strong> Teilzeitstellen<br />

für Verkäufer. Summe: langfristig <strong>und</strong> beliebig<br />

3


4<br />

„Die Bienen schenken dem Menschen<br />

mehr als Honig <strong>und</strong> duftendes Wachs!“


Impressum Inhalt<br />

Herausgeber<br />

~ e. V.<br />

Berliner Platz 8<br />

48143 Münster<br />

Redaktion<br />

Heinz Dalmühle<br />

Jörg Hüls<br />

Sabrina Kipp<br />

Sigi Nasner<br />

Carsten Scheiper (V.i.S.d.P.)<br />

Telefon 0251 / 4909118<br />

E-Mail-Adresse<br />

draussen-redaktion@live.de<br />

Streetwork<br />

Sabrina Kipp<br />

draussen-kipp@hotmail.com<br />

Internetseite<br />

www.muenster.org/draussen<br />

Administrator: Cyrus Tahbasian<br />

An dieser Ausgabe haben mitgearbeitet<br />

Adik Alexanian, Heinz Dalmühle, Thorsten<br />

Enning, Horst Gärtner, Sonja Fölting, Lisa<br />

Haalck, Martina Hegemann, Michael Heß,<br />

Jörg Hüls, Sabrina Kipp, Christina Klatt,<br />

Frank Knauss, Annalena Koch, Katharina<br />

Maiss, Nina Mühlmann, Sigi Nasner,<br />

Carsten Scheiper, Kathrin Staufenbiel<br />

Fotos<br />

Heinz Dalmühle, Neema Dalmühle, Michael<br />

Heß, Winfried Jaeger, Sigi Nasner, Jan-Eric<br />

Nord, Ludger Schnieder<br />

Illustration<br />

Thorsten Enning<br />

Titelfoto<br />

Christine Unsöld<br />

Layout, Titelgestaltung<br />

Heinz Dalmühle<br />

Gestaltungskonzept<br />

Lisa Schwarz/Christian Büning<br />

Druck<br />

Borgsmüller Druck<br />

Auflage 8000<br />

unterstützt durch<br />

Siverdes-Stiftung<br />

Bankverbindung<br />

Sparkasse Münsterland Ost<br />

Konto-Nr. 33 878<br />

BLZ 400 501 50<br />

Paten-Spenden-Konto<br />

Sparkasse Münsterland Ost<br />

Konto-Nr. 34205427<br />

BLZ 400 501 50<br />

Wir danken allen Spendern<br />

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Jungbrunnen Bienenzucht<br />

Eine Huldigung an die Honigbiene<br />

Moral in der Politik<br />

Dürfen wir nicht mehr erwarten?<br />

Holland in Not<br />

Rechte nutzen Neuwahlen<br />

Die dritte Haut<br />

Thema bei der Linken: Wohnungslosigkeit<br />

Extrakosten ohne Rücksicht?<br />

Zusatzbeitrag bei den gesetzlichen Krankenkassen<br />

Ein Bus macht mit der Kälte Schluss<br />

Winter ade - das Scheiden tut nicht weh<br />

Kinderarmut<br />

Globales Problem mit regionalen Unterschieden<br />

Bloß nicht aufgeben!<br />

Futterhilfe e. V. organisiert sich<br />

Theater im Pumpenhaus feiert 25 Jahre<br />

Großes Theater in Münster: STATEMENTS<br />

Die Totgesagten leben<br />

BSV Fortuna Frauen bleiben am Ball<br />

Gefangen im Ritual<br />

Alltägliche Zwangshandlungen<br />

Columne<br />

Kietz im Plastikrausch<br />

Brennnesselrezepte<br />

Unkraut zum Vernaschen<br />

Anzeige<br />

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6<br />

Bericht | Text: Christine Unsöld | Fotos: Winfried Jaeger<br />

Jungbrunnen Bienenzucht<br />

Eine Huldigung an die Honigbiene<br />

Die Bienen <strong>und</strong> ihr Honig spielen für die<br />

Menschen schon seit Urzeiten eine bemerkenswerte<br />

Rolle. Schon steinzeitliche<br />

Höhlenmalereien zeigen die Menschen<br />

im Kontakt mit den Bienen, die<br />

antiken Kulturen betrieben fleißig Bienenzucht<br />

<strong>und</strong> schätzten die Immen als<br />

Symbol des Göttlichen. Das Mittelalter<br />

führte diesen Brauch fort. Christine Unsöld<br />

berichtet für die ~ über die<br />

Freuden der Imker, die eine uralte Tradition<br />

bewahren.<br />

Es ist allgemein bekannt, dass viele Imker<br />

bis ins hohe Alter rüstig <strong>und</strong> fit bleiben.<br />

Mag das damit zusammenhängen,<br />

dass Imker viel Honig essen? Vielleicht<br />

spielt auch eine Rolle, dass sie während<br />

des Sommers gelegentlich vom Gelee Royale<br />

naschen, dem hochwertigen Futtersaft,<br />

mit welchem die Arbeiterinnen im<br />

Bienenvolk ihre Königin füttern <strong>und</strong> dem<br />

w<strong>und</strong>ersame Wirkungen zugeschrieben<br />

werden, wie z.B. eine Erhöhung der Zellvitalität<br />

oder die günstige Beeinflussung<br />

von Blutdruck <strong>und</strong> Blutzucker. Eine andere<br />

Theorie könnte sein, dass die Imker<br />

ihre Arbeit am Stock mit viel Ruhe, Entspanntheit<br />

<strong>und</strong> Gelassenheit verrichten<br />

müssen. Die Bienen merken sofort, wenn<br />

man hektisch <strong>und</strong> unter Zeitdruck arbeitet,<br />

sie werden dann selbst nervös <strong>und</strong><br />

bis zum ersten Stich dauert es nicht lange.<br />

Maurice Maeterlinck bringt die Sache<br />

auf den Punkt, indem er in seinem Buch<br />

„Das Leben der Bienen“ schreibt: „Die<br />

Bienen schenken dem Menschen Honig<br />

<strong>und</strong> duftendes Wachs, aber, was vielleicht<br />

mehr wert ist als Honig <strong>und</strong> Wachs,<br />

sie lenken seinen Sinn auf den heiteren<br />

Junitag, sie öffnen ihm das Herz für den<br />

Zauber der schönen Jahreszeit <strong>und</strong> alles,<br />

woran sie Anteil haben, verknüpft sich in<br />

der Vorstellung mit blauem Himmel, Blumensegen<br />

<strong>und</strong> Sommerlust. Sie sind die<br />

eigentliche Seele des Sommers...“ Jeder<br />

Imker wird hier beipflichten können. Und<br />

was ist schon gesünder <strong>und</strong> erquickender<br />

als sich in frischer Luft zu bewegen <strong>und</strong><br />

sich mit der Natur eins zu fühlen?<br />

_Nicht nur die Bienen spielen im Leben<br />

des Imkers eine große Rolle. Denn er wird<br />

immer darauf bedacht sein, daß seine<br />

geflügelten Schützlinge eine reiche Bienenweide<br />

finden. In seinem Garten wird<br />

er fade immergrüne Gewächse mit Büschen<br />

vertauschen, die im Frühjahr reich<br />

blühen <strong>und</strong> zuerst den Bienen <strong>und</strong> später<br />

den Vögeln Nahrung bieten <strong>und</strong> aus<br />

dessen Beeren auch leckere Marmeladen<br />

gekocht werden können. Blumen<br />

mit gefüllten Blüten werden durch bienenfre<strong>und</strong>liche<br />

ersetzt, die reichlich Nektar<br />

<strong>und</strong> Pollen spenden bis in den späten<br />

Sommer hinein. So mögen zum Beispiel<br />

nicht nur Bienen die Blüten des Thymian<br />

<strong>und</strong> des Borretsch sehr gerne - auch<br />

wir Menschen können Teile dieser Gewächse<br />

gut verwerten: Mit frischen Thy-<br />

mianblättchen lassen sich warme Gerichte<br />

schön schmackhaft machen (die desinfizierende,<br />

Husten <strong>und</strong> Magenkrämpfe<br />

lindernde Wirkung der Pflanze bekommt<br />

man obendrein) <strong>und</strong> mit den Blüten<br />

des Borretsch kann man Salaten reizende<br />

blaue Farbtupfer geben. Chemische<br />

Pflanzenschutzmittel verbannt der Imker<br />

aus dem Garten, denn schließlich will er<br />

weder seine Bienen gefährden noch Honig<br />

essen, der möglicherweise mit Rückständen<br />

aus Pflanzenschutzmitteln belastetet<br />

ist.<br />

_Selbst im Winter, wenn sich die Bienen<br />

im Stock in der so genannten Wintertraube<br />

fest zusammenkuscheln, mag der Imker<br />

nicht auf sein Glück mit seinen Bienen<br />

verzichten: Eine Kerze aus ihrem Wachs<br />

erhellt ihm die trüben St<strong>und</strong>en <strong>und</strong> erfüllt<br />

ihn mit Freude über die Arbeit, die<br />

er <strong>und</strong> seine Bienen während des Sommers<br />

gemeinsam geleistet haben. Während<br />

sich seine Bienen der wohlverdienten<br />

Ruhe hingeben, beschäftigt er sich<br />

mit dem Bau neuer Bienenkästen, pflegt<br />

<strong>und</strong> repariert seine Imkerutensilien, setzt<br />

über den Sommer ausgedachte Pläne in<br />

die Tat um, werkelt, liest Bienenliteratur<br />

<strong>und</strong> freut sich auf die wärmere Jahreszeit,<br />

wenn das Schaffen mit den Bienen<br />

wieder losgeht.<br />

_Wenn die Temperaturen steigen <strong>und</strong> die<br />

ersten wärmenden Sonnenstrahlen auf<br />

die Bienenstöcke scheinen, legt er sein<br />

Ohr an die Kästen um zu hören, ob sich<br />

drinnen etwas regt. Und welches Glück,<br />

wenn sie sich beim ersten schönen <strong>und</strong><br />

milden Wetter am Flugloch zeigen <strong>und</strong><br />

sich zum Reinigungsflug begeben. Da<br />

summen sie wieder! Die Hochsaison der<br />

Bienen hat begonnen, jetzt blühen die<br />

meisten Massentrachten, wie es der Bienenvater<br />

nennt, vor allem Obstbäume <strong>und</strong><br />

Sträucher - Schlehe, Weißdorn, Heckenrose<br />

-, später sind Kastanien <strong>und</strong> Linden<br />

<strong>und</strong> unter den Stauden die Korbblütler ein<br />

wichtiger Nahrungslieferant für sie.


_Nun ist aber doch erst Ostern, wo wir die<br />

Auferstehung des Herrn feiern. Bei diesem<br />

Fest hat in längst vergessenen Tagen<br />

die Biene eine nicht geringe Rolle in der<br />

katholischen Kirche gespielt. Noch heute<br />

werden wir daran erinnert, wenn in der<br />

Osternacht das Exsultet gesungen wird,<br />

der Lobgesang auf die Osterkerze: „Frohlocket,<br />

ihr Chöre der Engel, frohlocket,<br />

ihr himmlischen Scharen, lasset die Posaune<br />

erschallen, preiset den Sieger, den<br />

erhabenen König!“ Und weiter: „Nimm<br />

an, heiliger Vater, das Abendopfer unseres<br />

Lobes, nimm diese Kerze entgegen<br />

als unsere festliche Gabe, aus dem köstlichen<br />

Wachs der Bienen bereitet.“<br />

_Der Imker hebt den Kopf <strong>und</strong> denkt mit<br />

Stolz: „Ja, die Bienen, die sind doch einfach<br />

einmalig!“ Warum aber finden sie<br />

im österlichen Lobgesang Erwähnung?<br />

Das hat folgende Bewandtnis: Die Biene<br />

wurde im Mittelalter „als das einzige Tier<br />

betrachtet, das aus dem Paradies entsprossen<br />

ist, Gott schenkte ihm seinen Segen<br />

<strong>und</strong> deshalb ist die Messe nicht ohne<br />

Wachs zu singen“, wie man in der Malbergischen<br />

Glosse nachlesen kann. Und neben<br />

einem paradiesischen Ursprung wurde<br />

der Honigbiene auch eine jungfräuliche<br />

Geburt nachgesagt, eine Vorstellung,<br />

die von antiken Schriftstellern entlehnt<br />

worden ist. Aufgr<strong>und</strong> ihrer Keuschheit<br />

<strong>und</strong> Reinheit wurde sie mit der Jungfrau<br />

Maria verglichen: Wie diese Jesus Christus<br />

geboren <strong>und</strong> mit ihm das Licht in die Welt<br />

gebracht hat, so ist die jungfräuliche Biene<br />

die Erzeugerin des Wachses, aus dem<br />

Kerzen hergestellt werden können, die,<br />

symbolisch gesehen, das Licht in der Welt<br />

verbreiten. Die Kerze wurde zum Symbol<br />

für die Menschwerdung Christi. In der Osternacht<br />

steht die Osterkerze für den auferweckten<br />

Christus.<br />

_Das ist also die Biene, wie sie unsere<br />

Vorväter gesehen haben. Wer das erste<br />

Mal in einen Bienenstock schaut, „der<br />

schon von schwärzlichen, kribbelnden<br />

Fluten brodelt <strong>und</strong> überschwillt“, wie<br />

Maurice Maeterlinck sich ausdrückt, der<br />

wird mit offenem M<strong>und</strong>e schauen <strong>und</strong><br />

staunen über die W<strong>und</strong>erwerke, welche<br />

die Honigbiene vollbringt. Er wird sehen,<br />

wie sie ihre Waben baut, wie sie ihre<br />

Wintervorräte anlegt, ihre Brut pflegt<br />

<strong>und</strong> füttert <strong>und</strong> wie die Kleinen heranwachsen<br />

<strong>und</strong> sich entwickeln. Wer diese<br />

erfüllenden, spannenden <strong>und</strong> entspannten<br />

Momente bei der Durchsicht<br />

eines Bienenvolkes erleben möchte, der<br />

schaue einem Imker bei der Arbeit über<br />

die Schulter. Die Mitglieder des Imkervereins<br />

laden herzlich dazu ein. #<br />

Kontakte können über die Internetseite<br />

des Vereins geknüpft<br />

werden unter:<br />

www.imkerverein-muenster.de<br />

oder unter Tel. 0251 9 24 57 31<br />

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8<br />

Bericht | Text: Frank Knauss<br />

Moral in der Politik<br />

Dürfen wir nicht mehr erwarten?<br />

Betrachtet man die Meldungen der letzten<br />

Wochen, so muss man sich als aufmerksamer<br />

Bürger doch fragen, an welchen<br />

moralischen Werten unsere politischen<br />

<strong>und</strong> religiösen Leitfiguren<br />

heutzutage <strong>und</strong> auch schon seit Längerem<br />

ihr Handeln, das ja eigentlich dem<br />

Wohle der Bevölkerung dienen sollte,<br />

ausrichten. Ein Kommentar von ~<br />

-Autor Frank Knauss.<br />

Da wird berichtet von der Vorsitzenden<br />

der evangelischen Kirche Deutschlands,<br />

die mit hoher Blutalkoholkonzentration<br />

Auto fahrend angetroffen wird. Da wird<br />

bekannt, dass die nordrhein-westfälsche<br />

CDU Gespräche mit ihrem Obersten,<br />

dem amtierenden Ministerpräsidenten<br />

des Landes, gegen hohe Entgelte vermittelt.<br />

Der B<strong>und</strong>esaußenminister, der sich<br />

bemüßigt fühlt, wortgewaltig Missstände<br />

bei Hartz-IV-Empfängern als „spätrömische<br />

Dekadenz“ anzuprangern, aber<br />

gleichzeitig seinen Lebensgefährten auf<br />

dienstliche Auslandsreisen mitnimmt,<br />

eine Verquickung von dienstlichen <strong>und</strong><br />

privaten Belangen wiegelt er ab. Ein<br />

B<strong>und</strong>estagsabgeordneter, der im Wahlkampf<br />

mit seinem Doktortitel auf jedwedem<br />

Wahlplakat steht, um wenige Monate<br />

nach knapp gewonnener Wahl eingestehen<br />

zu müssen, dass er diesen Titel in<br />

Deutschland gar nicht führen darf. Dass<br />

er in seinem Lebenslauf falsche Angaben<br />

gemacht hat <strong>und</strong> sich ein dort genannter<br />

Arbeitgeber nur an ihn als Praktikanten<br />

erinnern kann, bewegt ihn nach wie vor<br />

nicht dazu, sein B<strong>und</strong>estagsmandat zurückzugeben.<br />

Noch aus dem letzten Jahr<br />

ist uns allen eine Ministerin gut im Gedächtnis,<br />

die auf Mallorca urlaubte <strong>und</strong><br />

für die Wahrnehmung einiger dienstlicher<br />

Termine zwingend ihre Dienstlimousine<br />

vor Ort haben musste, die ihr der<br />

Chauffeur in Begleitung seines Sohnes auf<br />

die Insel brachte, wo das Luxusgefährt<br />

dann auch prompt gestohlen wurde. In<br />

vielen Institutionen der katholischen Kirche<br />

bis hin zu den Regensburger Domspatzen,<br />

dem ältesten Chor Deutschlands<br />

mit tausendjähriger Geschichte, den der<br />

Bruder des derzeitigen Papstes eine Zeit<br />

lang geleitet hat, werden Übergriffe verschiedenster<br />

Art offenbar.<br />

_All diese Vorgänge <strong>und</strong> noch viel mehr,<br />

die aber in dem Wust von Nachrichten,<br />

die tagtäglich auf den Leser <strong>und</strong> Zuseher<br />

einstürmen, untergehen, lassen mich<br />

darüber nachdenken, was diejenigen, die<br />

uns regieren <strong>und</strong> moralisches Vorbild sein<br />

sollen, denn so jeden Tag bewegt. Frau<br />

Käßmann hat aus ihrem Fehlverhalten<br />

recht rasch <strong>und</strong> gründlich die Konsequenzen<br />

gezogen: Sie ist zurückgetreten, auch<br />

von ihrem Bischofsamt. Ein Schritt, der,<br />

so scheint es, mehr Mut erfordert als das<br />

Beharren auf dem Posten <strong>und</strong> das Abwiegeln.<br />

Keiner der anderen oben Genannten<br />

hatte die Zivilcourage, denselben<br />

Schritt zu gehen.<br />

Den Schritt<br />

zu gehen <strong>und</strong><br />

gleichzeitig weiteren<br />

Schaden<br />

von dem Amt,<br />

das er bekleidet,<br />

abzuwenden.<br />

_Jürgen Rüttgers,<br />

der sich auf<br />

Geheiss seiner<br />

Partei bei ‚gesponsorten‘Ge-<br />

sprächen prostituierte, gibt lediglich bekannt,<br />

von alldem nichts gewusst zu haben.<br />

Selbst wenn er nicht gewusst hat,<br />

so ist dies einerseits keine Entschuldigung<br />

für derartiges Verhalten, das vor allem<br />

die Käuflichkeit der Politik demonstriert,<br />

andererseits ist es peinlich für<br />

Herrn Rüttgers. Als Führungsspitze der<br />

nordrhein-westfälischen CDU kann von<br />

ihm erwartet werden, dass er weiß, was<br />

in seinem Namen geschieht. Weiß er es<br />

nicht, so ist ihm organisatorisches Versagen<br />

vorzuwerfen. Desweiteren weiß jeder,<br />

ganz gleich ob Angestellter, Arbeiter<br />

oder Geschäftsführer, dass man für<br />

Handlungen derjenigen, die für einen<br />

tätig sind, auch verantwortlich ist. Nichts<br />

gewusst zu haben, reicht da nicht aus.<br />

Passend fand ich die Anmerkung, dass,<br />

wenn Frau Käßmanns Missgeschick Herrn<br />

Rüttgers passiert wäre, jetzt das Auto zurücktreten<br />

müsste.<br />

_Die Episode „Dr.“ Jasper zeigt etwas anderes<br />

ebenfalls deutlich. Nicht nur, dass<br />

der Abgeordnete Jasper es offensichtlich<br />

mit der Wahrheit nicht so genau nimmt,<br />

nein, es interessiert außer dem direkten<br />

politischen Gegner auch nicht wirklich<br />

jemanden. Ein Verfahren wird es wohl<br />

nicht geben, er behält sein Mandat <strong>und</strong><br />

die Sache wird wohl bald in Vergessenheit<br />

geraten. Man stelle sich einmal vor,<br />

was passiert, wenn irgendein Otto Normalbürger<br />

sich auf eine Stellung bewirbt,<br />

dabei einerseits einen Titel angibt, den<br />

er gar nicht führen darf, <strong>und</strong> in der Bewerbung<br />

Arbeitsverhältnisse benennt,<br />

die es so nie gegeben hat. Selbst wenn<br />

dieser Otto Normalbürger die Stelle bekommen<br />

würde, er wäre sie spätestens<br />

in dem Moment los, in dem sein Arbeitgeber<br />

von diesen unwahren Angaben bei<br />

der Bewerbung erfährt. Nun, Herr Jasper<br />

kann anscheinend nicht gekündigt werden,<br />

<strong>und</strong> den Mumm, aus seinem Verhalten<br />

die Konsequenzen zu ziehen, hat er<br />

offensichtlich ebenfalls nicht.


_Der B<strong>und</strong>esaußenminister, immerhin<br />

der zweite Mann nach der Kanzlerin, ist,<br />

wie es seine Amtsbezeichnung nahelegt,<br />

für die Außenpolitik zuständig, fühlt sich<br />

aber bemüßigt, in der Innenpolitik kräftig<br />

mitzumischen, vermeintliche Missstände<br />

wortgewaltig anzusprechen <strong>und</strong><br />

nebenbei mit seinem Bild von der spätrömischen<br />

Dekadenz auch noch eklatante<br />

Lücken im eigenen Geschichtswissen<br />

zu offenbaren. Er ist wohl auch nicht<br />

in der Lage, Konsequenz aus seinem Tun<br />

zu ziehen. Aber es geht ja noch weiter:<br />

Da findet sich, wo immer der B<strong>und</strong>esaußenminister<br />

sich mit großem Gefolge<br />

auf dienstlicher Auslandsreise befindet,<br />

auch der Lebensgefährte des B<strong>und</strong>esaußenministers<br />

in selbigem Gefolge,<br />

selbstverständlich nicht in seiner Funktion<br />

als Eventmanager oder Inhaber <strong>und</strong><br />

Geschäftsführer einer Veranstaltungs-<br />

<strong>und</strong> Vermarktungsfirma, nein, nur als Lebensgefährte<br />

des B<strong>und</strong>esaußenministers<br />

reist er mit, <strong>und</strong> es ist ein Schelm, wer<br />

Böses dabei denkt. Der B<strong>und</strong>esaußenminister<br />

will jedenfalls trotz öffentlicher<br />

Kritik nicht von dieser Praxis abweichen.<br />

_Nicht anders die katholische Kirche, Hüterin<br />

der Moral <strong>und</strong> der hehren Werte.<br />

Hier mauert man, was das Zeug hält. Wohl<br />

in der Hoffnung, dass was jahrzehntelang<br />

hinter dicken Kloster-, Kirchen- <strong>und</strong> Internatsmauern<br />

im Verborgenen be- <strong>und</strong><br />

vor allem getrieben wurde, auch am besten<br />

dort bleibt, man wohl nur lange genug<br />

eine verkappte Beschwichtigungsstrategie<br />

fahren muss, um anschließend<br />

so weiterzumachen wie bisher: Business<br />

as usual, könnte man meinen. Jedenfalls<br />

sind die Bemühungen der Kirche, hier eine<br />

deutliche Sprache zu sprechen, sogar<br />

vielleicht ein Exempel zu statuieren,<br />

eher als mager zu bezeichnen. Sicher, es<br />

werden Bemühungen unternommen, es<br />

wird an Betroffene der Aufruf gestartet,<br />

sich zu melden <strong>und</strong> Hilfe wird verspro-<br />

chen. Aber auf der anderen Seite stellt<br />

der Freiburger Erzbischof der B<strong>und</strong>esjustizministerin<br />

ob deren Kritik an der Kirche<br />

<strong>und</strong> deren Behandlung dieses Missbrauchsskandals<br />

ein Ultimatum, ihre in<br />

einem Interview geäußerte Ansicht, die<br />

katholische Kirche erwecke bislang nicht<br />

den Eindruck, dass sie auch nur bei Verdachtsfällen<br />

mit den Strafverfolgungsbehörden<br />

konstruktiv zusammenarbeiten<br />

wollte, zurückzunehmen. Es handele sich<br />

um eine schwerwiegende Attacke auf die<br />

katholische Kirche. Wieso denn das, fragt<br />

sich der geneigte Leser. Hat die Ministerin<br />

doch Recht <strong>und</strong> mit solchen vollm<strong>und</strong>igen<br />

Forderungen wie vom Herrn Erzbischof<br />

ist man, meine ich, eher kontraproduktiv<br />

unterwegs.<br />

_Man gewinnt angesichts dieser Vielzahl<br />

an Skandalen <strong>und</strong> Affären in Politik <strong>und</strong><br />

Kirche, von denen hier nur ein Teil wiedergegeben<br />

wurde, ganz zu schweigen<br />

von der Dunkelziffer, langsam aber sicher<br />

den Eindruck, dass die Lenker <strong>und</strong><br />

Denker dieser unserer Republik mit Moral<br />

<strong>und</strong> Handeln zum Wohle der Allgemeinheit<br />

nicht mehr viel am Hut haben.<br />

Jedem ist der eigene Vorteil die<br />

einzige Antriebsfeder seines Tuns, hinter<br />

den Kulissen wird gemauschelt <strong>und</strong><br />

geschoben, wenn dann doch etwas ans<br />

Licht der Sonnen gelangt, wird abgestritten,<br />

geleugnet <strong>und</strong> gemauert, was das<br />

Zeug hält. Einzig Frau Käßmann ist da<br />

mit leuchtendem Beispiel vorangegangen<br />

<strong>und</strong> hat rasch die Konsequenzen aus<br />

ihrem Fehlverhalten gezogen. Lobenswert.<br />

Leider aber wird dieses Beispiel ein<br />

Einzelfall bleiben, Nachahmer sind wohl<br />

nicht in nennenswertem Maß zu erwarten.<br />

Bei derartiger Vetternwirtschaft ist es<br />

nicht verw<strong>und</strong>erlich, dass in dieser unserer<br />

Gesellschaft die Kluft zwischen Arm<br />

<strong>und</strong> Reich immer größer, die Anzahl derer,<br />

die sich auf der Seite der Armen wiederfinden,<br />

immer mehr wird. #<br />

Diese Seite wurde von Zoodirektor Jörg Adler gesponsert<br />

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10<br />

Bericht | Text <strong>und</strong> Illustration: Thorsten Enning<br />

Holland in Not<br />

Rechte Kräfte nutzen Neuwahlen<br />

Jan Peter Balkenende hat es momentan<br />

nicht leicht. Der niederländische Regierungschef<br />

muß wohl um seinen Parteivorsitz<br />

fürchten angesichts der Tatsache,<br />

dass seine Partei, die CDA (de<br />

Christelijk Democratisch Appéll), bei den<br />

Gemeinderatswahlen im vergangenen<br />

März eher mit einem verhaltenen Ergebnis<br />

abschnitt. Darüber hinaus finden<br />

Neuwahlen aufgr<strong>und</strong> des umstrittenen<br />

Afghanistan-Mandats am neunten<br />

Juni statt <strong>und</strong> die Holländer müssen<br />

sich kurzfristig für ein neues Parlament<br />

entscheiden. Dieser politische Neubeginn<br />

gibt auch den rechtsextremistischen<br />

Kräften genug Nährboden, um<br />

bedrohlich mitzumischen. Was ist los im<br />

Land von „Vrouw Antje?“ ~-Autor<br />

Thorsten Enning hakt nach.<br />

Fangen wir doch einmal ganz von vorn<br />

an, um den „Feyenoord“ liebenden, im<br />

Caravan lebenden <strong>und</strong> ständig in einer<br />

lustigen Sprache brabbelnden Nachbarn<br />

besser kennen zu lernen. Nach der Aufteilung<br />

des Frankenreiches gehörten die<br />

niederen Lande zum ostfränkischen Königreich<br />

(Regnum Teutonicae) <strong>und</strong> danach<br />

zum Hl. Römischen Reich. Unter<br />

Kaiser Karl V., der auch spanischer König<br />

war, war das Land damals in 17 Provinzen<br />

aufgeteilt. Am 15. <strong>und</strong> 16. Juni 1572 ka-<br />

Anzeige<br />

men Repräsentanten der meisten Städte<br />

der Grafschaft Holland in Dordrecht zusammen,<br />

um ihre Unabhängigkeit von<br />

Spanien zu erklären. Nach der Utrechter<br />

Union vom 23. Januar 1579, der endgültigen<br />

Unabhängigkeitserklärung vom 26.<br />

Juli 1581 <strong>und</strong> dem achtzigjährigen Krieg<br />

gegen die spanischen Habsburger wurde<br />

die formelle Unabhängigkeit von Spanien<br />

im Friedenssaal zu Münster als Teil des<br />

westfälischen Friedens am 16. Mai 1648<br />

besiegelt. Dieses Datum gilt als die Geburtsst<strong>und</strong>e<br />

der Niederlande.<br />

_Zwischenzeitlich machten die Handelskoggen<br />

holländischer Kaufleute ordentlich<br />

Profit in exotischen Ländern, was zu<br />

einem blühenden Wirtschaftsaufschwung<br />

führte <strong>und</strong> den kulturellen F<strong>und</strong>us der<br />

Allgemeinheit bereicherte. Nicht nur<br />

fremde Gewürze oder feinste Seide kamen<br />

mit den Schiffen zurück nach Amsterdam,<br />

sondern auch viele Menschen<br />

aus den neu erschlossenen Gebieten.<br />

Der daraus resultierende Migrationsanteil<br />

nimmt unweigerlich einen massiven<br />

Einfluß auf die holländische Gesellschaft.<br />

Abgesehen von vielen Zugezogenen aus<br />

den umliegenden Nachbarstaaten, unter<br />

anderem Deutschland, Belgien, Frankreich,<br />

leben hier vor allem Menschen<br />

aus anderen Erdteilen, wie z. B. Marokko<br />

oder der Türkei <strong>und</strong> den ehemaligen<br />

Kronkolonien Indonesien, Surinam <strong>und</strong><br />

der Karibik. Nach einem toleranten Miteinander<br />

innerhalb des Landes war dann<br />

Mitte der 1960er Jahre erst einmal Schluß!<br />

Die Monarchie geriet durch die Heirat der<br />

Tochter Beatrix mit einem „Mof“, wie<br />

die Niederländer abwertend einen Deutschen<br />

bezeichnen, unter Beschuß <strong>und</strong> die<br />

„Kraakerbeweging“ ( Hausbesetzerszene)<br />

legte ganze Stadtteile in Amsterdam <strong>und</strong><br />

Den Haag in Schutt <strong>und</strong> Asche, um gegen<br />

die Sozialpolitik der damaligen Regierung<br />

zu protestieren. Als sich der orangefarbene<br />

Sturm der Anarchie gelegt hatte, kehrte<br />

wieder ein wenig Ruhe <strong>und</strong> Stabilität<br />

ein. Selbst der deutsche Pauschaltourist<br />

war wieder gern gesehen auf den Campingplätzen<br />

in Zeeland sowie Zandvoort<br />

<strong>und</strong> genoss seine Frikandel im Sonnenuntergang.<br />

Mit der Duldung weicher Drogen,<br />

die frei verkäuflich wurden, sicherte<br />

sich die kleine Seefahrernation als liberales<br />

Utopia endgültig einen festen Platz<br />

in den Annalen der Weltgeschichte.<br />

_Aber dann fand ganz unerwartet ein<br />

Wechsel statt. Inzwischen starben Menschen,<br />

die sich entweder auf das Recht<br />

der freien Meinungsäußerung beriefen<br />

oder gesellschaftskritisch zu vielen Themen<br />

Stellung bezogen. Als plötzlich Pim<br />

Fortuyn, der bekannte Politiker, Publizist<br />

<strong>und</strong> Soziologe kurz vor den Parlamentswahlen<br />

2002 von einem militanten<br />

Menschenrechtler <strong>und</strong> Tierschützer getötet<br />

wurde, kamen Zweifel auf an der Debatte<br />

zur Einwandersituation in den Niederlanden.<br />

Zunächst schwieg der Täter<br />

zu den Motiven, doch später verriet er,<br />

„Muslime schützen“ zu wollen. Aus den<br />

Verhören ging hervor, dass Fortuyn Muslime<br />

als „Sündenböcke“ benutzte <strong>und</strong><br />

sich auf Kosten des Islam politisch profilieren<br />

wollte. Deshalb musste er sterben.<br />

Pim Fortuyn vertrat einige heftig diskutierte<br />

Standpunkte, wie z. B. das Scheitern<br />

des Multikulturalismus. Er war gegen<br />

die Monarchie <strong>und</strong> die traditionell starke<br />

Rolle der Kirche. Er sprach sich stets


vehement gegen den so genannten „politischen“<br />

Islam aus, wünschte sich aber<br />

trotz allem eine offene Gesellschaft, was<br />

wohl eher an seiner Homosexualität lag,<br />

zu der sich öffentlich bekannte. Auch seine<br />

arrogante wie unverantwortliche Haltung<br />

dem Tierschutzgesetz gegenüber mit<br />

Sprüchen wie „Wählt mich, dann könnt<br />

ihr Pelze tragen!“ sorgte dann noch für<br />

das letzte bisschen Unverständnis in der<br />

Bevölkerung, dessen Unmut <strong>und</strong> Frust in<br />

Straßenschlachten gipfelte.<br />

_Dann, zwei Jahre später, stirbt Theo van<br />

Gogh. Der niederländische Filmemacher<br />

fiel 2004 auf einer belebten Straße in<br />

Amsterdam einem tödlichen Attentat zum<br />

Opfer, das der islamistische F<strong>und</strong>amentalist<br />

Mohammad Bouyeri zu verantworten<br />

hat. Nach der Ermordung van Goghs<br />

kam es in den Niederlanden zu Brandanschlägen<br />

auf muslimische Einrichtungen.<br />

Der Ruf nach einer Beschränkung in der<br />

Auslegung der religiösen Freiheit innerhalb<br />

des Landes wurde immer lauter. Erste<br />

holprige parlamentarische Diskussionen<br />

wurden geführt, verliefen aber im Sande<br />

<strong>und</strong> gerieten kurzzeitig wieder in Vergessenheit.<br />

Van Gogh selbst wollte aufklären<br />

über eine Religion, die wir Europäer<br />

nicht annehmen wollen aufgr<strong>und</strong> fälschlicher<br />

Ausführungen bestimmter Textpassagen<br />

der heiligen Schrift, um den Krieg<br />

Allahs gegen die Ungläubigen dieser Welt<br />

zu rechtfertigen. Ihm ging es vor allem<br />

um die Rolle der Frau im Islam, die durch<br />

das Patriarchat konsequent untergeordnet<br />

wird, <strong>und</strong> das schon seit über 2000 Jahren.<br />

Theo van Gogh lenkte den Focus auf<br />

gesellschaftliche Reibungsflächen wie etwa<br />

das Tragen der Burka im öffentlichen<br />

Raum oder die häusliche Gewalt der Männer,<br />

um an die ehelichen Pflichten zu erinnern.<br />

Der Tod des populären Regisseurs,<br />

der mit vielen Preisen in Cannes <strong>und</strong> Berlin<br />

ausgezeichnet worden war, führte<br />

schließlich zu einer Zerrissenheit im Dialog<br />

zwischen Christen <strong>und</strong> Muslime im sagenumwobenen<br />

Land des Liberalismus.<br />

_Und diese Spannungen nutzte ein charismatischer<br />

Rechtspopulist namens Geert<br />

Wilders von der PVV (Partij voor de<br />

Vrijheid) schamlos für seine Zwecke aus,<br />

um einen noch tieferen <strong>und</strong> breiteren<br />

Graben durch das gesellschaftlich immer<br />

komplizierter werdende Miteinander zu<br />

ziehen. Dieser von sich selbst berauschte<br />

Blondschopf versucht in aller Seelenruhe<br />

mit seiner pseudo-fanatischen Vaterlandsliebe<br />

Zwietracht unter den Generationen<br />

zu säen. Für Wilders ist der Islam<br />

ein „Werk des Teufels“ <strong>und</strong> er gehört<br />

nach seiner Auffassung den verfassungswidrigen<br />

Schriften zugeordnet. Doch der<br />

Heißsporn geht sogar noch weiter: Einige<br />

Male schon wurde er von britischen Zollbeamten<br />

an der Einreise nach England<br />

gehindert <strong>und</strong> in eine Maschine gesetzt,<br />

die ihn schleunigst nach Holland zurückbringen<br />

sollte. Geert Wilders hatte vergeblich<br />

versucht, vor dem britischen Unterhaus<br />

zu sprechen, um vor einer „Islamisierung“<br />

Europas zu warnen. Doch<br />

selbst die konservativen Mitglieder des<br />

britischen Unterhauses lehnten es ab,<br />

Wilders ein Forum zu bieten. Zwischenzeitlich<br />

wurde in den Niederlanden Anklage<br />

wegen Volksverhetzung gegen den<br />

Politiker Wilders erhoben. Zu Recht! Dieser<br />

realitätsfern agierende Scharfmacher<br />

schießt unkontrolliert aus der Hüfte, veranlasst<br />

nur sinnloses Säbelrasseln gegen<br />

eine längst verwurzelte Kultur <strong>und</strong> dessen<br />

Religion in der holländischen wie<br />

auch der europäischen Gesellschaft <strong>und</strong><br />

propagiert einen generalisierten Boykott<br />

gegen die komplette arabische Welt. Das<br />

ist gefährlich <strong>und</strong> muß ernst genommen<br />

werden. Herr Wilders schreckt ebenfalls<br />

nicht davor zurück in seinen Hetz- <strong>und</strong><br />

Hassparolen ungeniert einen gewissen<br />

großen deutschen „Feldherren“ zu zitieren,<br />

um damit allen Ernstes auf Stimmfang<br />

zu gehen. Das ist der Gipfel der Geschmacklosigkeit!<br />

Aber nichtsdestotrotz<br />

bleibt es spannend wie der Wahlkampf<br />

ausgehen <strong>und</strong> vor allen Dingen die europäische<br />

Union beeinflussen wird. Es ist<br />

wichtig, diesem wirklich saudummen Politiker<br />

keinen Glauben zu schenken. Der<br />

Tenor vieler Parteien war eindeutig <strong>und</strong><br />

klar formuliert: Niemand wäre bereit mit<br />

Herrn Wilders zu koalieren. Und wenn die<br />

nötige Mehrheit fehlt...? Abwarten <strong>und</strong><br />

Frikandel essen. Ich jedenfalls wünsche<br />

meinem persönlichen Lieblingsgegner im<br />

europäischen Fußball alles Gute für eine<br />

starke <strong>und</strong> reformwillige Regierung,<br />

die das Land der Deiche <strong>und</strong> Windmühlen<br />

wieder in ruhigere Gewässer führt. #<br />

11


12<br />

Bericht | Text <strong>und</strong> Foto: Michael Heß<br />

Die dritte Haut<br />

Tagung der LINKEN zur Wohnungslosigkeit<br />

Sie sei die dritte Haut - nichts verdeutlicht<br />

die soziale <strong>und</strong> ges<strong>und</strong>heitliche<br />

Funktion einer Wohnung besser. Dennoch<br />

kümmen sich die etablierten Parteien<br />

mit einer Ausnahme wenig um das<br />

Thema. Nur bei der LINKEN gibt es eine<br />

b<strong>und</strong>esweite AG Städtebau- <strong>und</strong> Wohnungspolitik<br />

(BAG), die die draußen!<br />

fre<strong>und</strong>lich zu einer Tagung über Obdachlosigkeit<br />

einlud. Berührungsängste<br />

sind der draußen! fremd. In Hannover<br />

erlebte Michael Heß sachk<strong>und</strong>ige Debatten<br />

zu einem unerfreulichen Thema.<br />

Die niedersächsische Landeshauptstadt<br />

empfängt am 13. Februar mit Schnee <strong>und</strong><br />

Matsch sowie jeder Menge Polizei auf<br />

dem Hauptbahnhof. „Der Fußball. Hannover<br />

96 gegen Werder Bremen. Und wegen<br />

des Karnevals“, gibt ein fre<strong>und</strong>licher<br />

Polizist Auskunft auf eine neugierige Frage.<br />

Karneval in Hannover? Einen knappen<br />

Kilometer entfernt, am Leibnizufer<br />

<strong>und</strong> im Schatten der Basilika St. Clemens,<br />

merkt man davon nichts mehr.<br />

_Unter Leitung der LINKEN-B<strong>und</strong>estagsabgeordneten<br />

Heidrun Bluhm treffen<br />

sich in der Katholischen Familienbildungsstätte<br />

etwa 25 Mitglieder der<br />

BAG <strong>und</strong> Basisaktive. Das Thema ist bei<br />

der LINKEN bestens aufgehoben, fordert<br />

die Partei seit Jahren doch ein Gr<strong>und</strong>recht<br />

auf Wohnen ein. Gast in Hannover<br />

ist deshalb auch Werena Rosenke von<br />

der Bielefelder B<strong>und</strong>esarbeitsgemeinschaft<br />

Wohnungslosenhilfe (nicht zu verwechseln<br />

mit der BAG der LINKEN), die<br />

auch das zentrale Referat hält. „Gr<strong>und</strong>recht<br />

auf Wohnen - Wohnungslosigkeit in<br />

Deutschland“ erläutert in einer Fülle von<br />

Zahlen die Entwicklungen seit etwa 2000.<br />

Nach Rosenke „gibt es keine offiziellen<br />

Zahlen zur Wohnungslosigkeit“, die BAG<br />

Wohnungslosenhilfe arbeitet stattdessen<br />

mit hinreichend präzisen Schätzungen.<br />

Demnach waren 2008 b<strong>und</strong>esweit etwa<br />

227.000 Personen von Wohnungslosigkeit<br />

betroffen, weitere 100.000 Personen wa-<br />

ren akut vom Verlust ihrer Wohnung bedroht<br />

bedroht. Stabil blieb die Zahl der<br />

„Platte machenden“ Frauen <strong>und</strong> Männer<br />

mit etwa 20.000 Betroffenen (weitere<br />

Zahlen zum Thema im Infokasten). Deutlich<br />

wird, warum nur auf <strong>Miet</strong>schulden<br />

zielende präventive Maßnahmen zu kurz<br />

greifen. Die kulturelle, medizinische <strong>und</strong><br />

soziale Aspekte enthaltende Gemengelage<br />

ist viel zu komplex.<br />

_Das f<strong>und</strong>ierte Zahlenwerk beeindruckt.<br />

„Das Impulsreferat verdeutlichte einerseits<br />

die verschiedenen Dimensionen<br />

des Problems <strong>und</strong> andererseits bot es einen<br />

guten Überblick über die Auslöser für<br />

Wohnungslosigkeit“, bewertet Heidrun<br />

Bluhm Rosenkes Ausführungen. Die wohnungslosen<br />

Menschen in Deutschland<br />

seien nach verschiedenen Aspekten wie<br />

der Herkunft, dem Alter <strong>und</strong> Geschlecht<br />

sowie der Ausbildung zu unterscheiden.<br />

Werena Rosenke kündigt ihrerseits eine<br />

b<strong>und</strong>esweite Kampagne „Der Sozialstaat<br />

gehört uns allen“ an.<br />

_Intensiv verläuft auch die anschließende<br />

Debatte der Anwesenden. Objektförderung<br />

versus Personenförderung oder<br />

Fehlbelegungsabgabe versus einkommensabhängige<br />

<strong>Miet</strong>en - die Diskussionen<br />

der ausgewiesenen Fachleute gehen<br />

ins Detail <strong>und</strong> sie orientieren sich an den<br />

sozialen Ansätzen der LINKEN.<br />

_Grau bliebe aber auch hier die Theorie<br />

<strong>und</strong> darum geht es nach dem Debattieren<br />

in die nahe Ökumenische Essensausgabe.<br />

Die Ökumene stimmt schon, handelt<br />

es sich hierbei doch um ein gemeinsames<br />

Projekt evangelischer, katholischer <strong>und</strong><br />

reformierter Gemeinden. Bis zu 150 Essen<br />

werden zwischen Dezember <strong>und</strong> März<br />

täglich ausgegeben. Während die Gäste<br />

Teller mit Nudeln <strong>und</strong> Gulasch schaufeln,<br />

erläutern Michael Schroeder-Busch<br />

<strong>und</strong> Ina Tatje sachk<strong>und</strong>ig Geschichte, Arbeit<br />

<strong>und</strong> Perspektiven der Essensausgabe<br />

<strong>und</strong> ihrer Träger. Die wiederum gut zu<br />

tun haben, leben doch mittlerweile über<br />

100.000 Hannoveraner in Armut. Eine<br />

Zahl, über die in Hannover ebenso ungern<br />

gesprochen wird wie in Münster. Die<br />

ökumenische Essensausgabe ist ein Projekt<br />

wie viele, das Modell der treuhänderischen<br />

Kontoführung für Wohnungslose<br />

hingegen nicht. B<strong>und</strong>esweit einmalig,<br />

werden derzeit etwa 300 Konten geführt;<br />

die ~ wird darüber noch berichten.<br />

_Was bleibt nach der Tagung? Für Heidrun<br />

Bluhm ist klar: „Für mich zeigte sich<br />

während der Veranstaltung abermals,<br />

dass sich die Politik bislang nicht ausreichend<br />

mit dem Thema auseinandersetzt,<br />

was unseren Arbeitsschwerpunkt noch<br />

einmal unterstreicht.“ Für die BAG insgesamt<br />

ist sozialer Wohnungsbau im Rahmen<br />

der Wohnungspolitik unverzichtbar.<br />

Zahlen zur Wohnungslosigkeit<br />

2008<br />

betroffen: 227.000 Personen<br />

akut bedroht:<br />

100.000 Personen<br />

auf der Platte:<br />

20.000 Personen<br />

Anteil Männer: 78,6 Prozent<br />

Anteil Frauen: 21,4 Prozent<br />

Anteil Migranten: 14 Prozent<br />

erwerbstätig: 11,2 Prozent<br />

Bezug Hartz IV nach SGB II:<br />

43,3 Prozent<br />

Bezug Sozialhilfe nach SGB<br />

XII: 13,7 Prozent<br />

Quelle: BAG Wohnungslosigkeit,<br />

Bielefeld


Bericht | Text: Martina Hegemann<br />

Extrakosten ohne Rücksicht?<br />

Der Zusatzbeitrag der gesetzlichen Krankenkassen<br />

Wir erinnern uns: Als die Ges<strong>und</strong>heitsreform<br />

mit Ges<strong>und</strong>heitsfonds <strong>und</strong> einheitlichem<br />

Beitragssatz für alle gesetzlich<br />

Versicherten in Kraft trat, beruhigten<br />

uns die Politiker auf Nachfrage zum<br />

§242 SGBV (Kassenindividueller Zusatzbeitrag),<br />

dieser sei nur für den unwahrscheinlichen<br />

Fall, dass die Krankenkassen<br />

mit der Zuteilung aus dem Ges<strong>und</strong>heitsfonds<br />

nicht auskommen würden,<br />

vorgesehen <strong>und</strong> würde in absehbarer<br />

Zeit wohl nicht zur Anwendung kommen.<br />

Die angesprochene absehbare Zeit<br />

ist offensichtlich kürzer als gedacht,<br />

denn der Zusatzbeitrag ist da. Die ersten<br />

gesetzlichen Krankenkassen haben<br />

ihn bereits erhoben, die anderen werden<br />

vermutlich folgen. Was heißt das<br />

nun für die gesetzlich Versicherten im<br />

Einzelnen? Martina Hegemann schaut<br />

für die ~ genauer hin.<br />

Gr<strong>und</strong>sätzlich gilt: Jedes Mitglied einer<br />

gesetzlichen Krankenkasse hat entweder<br />

einen monatlichen Pauschalbetrag von<br />

höchstens 8 Euro (ohne Prüfung der beitragspflichtigen<br />

Einnahmen) oder maximal<br />

1% der beitragspflichtigen Einnahmen<br />

(mit Prüfung, bei gut Verdienenden<br />

aufgr<strong>und</strong> der gesetzlichen Obergrenze der<br />

Versicherungspflicht bis höchstens 37,50<br />

Euro) zu zahlen. Welche Variante angewendet<br />

wird, entscheidet die Krankenkasse.<br />

An sie ist auch der Zusatzbeitrag<br />

zu zahlen. Jedes Mitglied muß also selbst<br />

dafür sorgen, dieser Verpflichtung nachzukommen,<br />

ansonsten drohen Versäumniszuschläge<br />

<strong>und</strong> im schlimmsten Fall ein<br />

Mahnverfahren, das bis zur Pfändung des<br />

fälligen Betrages führen kann.<br />

_Beginnen wir mit guten Nachrichten.<br />

Mitversicherte Familienmitglieder (nicht<br />

berufstätige Eheleute <strong>und</strong> Kinder) sind<br />

beitragsfrei <strong>und</strong> damit auch vom Zusatzbeitrag<br />

nicht betroffen. Entlastet<br />

sind auch Empfänger von Sozialhilfe <strong>und</strong><br />

Gr<strong>und</strong>sicherung. Für sie zahlt das Sozialamt<br />

den Zusatzbeitrag.<br />

_Alle anderen gesetzlich Versicherten, egal<br />

ob Student, Rentner oder Bezieher von<br />

ALG I <strong>und</strong> II, sind zur Zahlung verpflichtet.<br />

Wenn z. B. der Pauschalbetrag erhoben<br />

wird, bedeutet das übrigens auch, dass<br />

alle Versicherten mit Einnahmen unter<br />

800 Euro brutto (Teilzeitjobs von 20 Wochenst<strong>und</strong>en<br />

unter einem St<strong>und</strong>enlohn<br />

von ca. 10 Euro <strong>und</strong> so genannte Minijobs)<br />

den vollen Betrag von bis zu 8 Euro zu tragen<br />

haben, genauso wie Arbeitnehmer an<br />

der gesetzlichen Obergrenze von derzeit<br />

3750 Euro brutto im Monat. Auch für Bezieher<br />

von ALG I gibt es keine Ausnahme.<br />

_Besonders spannend wird es bei Beziehern<br />

von ALG II, denn auch dort besteht<br />

gr<strong>und</strong>sätzlich Zahlpflicht. Zur Zeit wird der<br />

Zusatzbeitrag nicht vom Amt übernommen.<br />

Stattdessen wird auf das Sonderkündigungsrecht<br />

verwiesen, d.h. ein Wechsel<br />

der Krankenkasse wird quasi verlangt.<br />

Wie lange eine solche „Wanderungsbewegung“<br />

Sinn machen wird, hängt davon<br />

ab, wie lange es noch Krankenkassen ohne<br />

Zusatzbeitrag geben wird. Sobald alle<br />

Krankenkassen den Beitrag erheben,<br />

wird er flächendeckend <strong>und</strong> würde damit<br />

zu einem Teil des „Warenkorbes“, aus<br />

dem sich der Regelsatz berechnet. Spätestens<br />

dann müsste der Gesetzgeber reagieren.<br />

Bis dahin gibt es nur eine Härtefallregelung,<br />

die dann zum Erfolg führen kann,<br />

wenn der Wechsel z.B. aufgr<strong>und</strong> ges<strong>und</strong>heitlich<br />

benötigter besonderer Leistungen<br />

der derzeitigen Krankenkasse, die die anderen<br />

nicht leisten, unzumutbar wird. Da<br />

kommt einiges an zusätzlicher Arbeit auf<br />

die Sachbearbeiter zu.<br />

_Gr<strong>und</strong>sätzlich beruht die gesetzliche<br />

Krankenversicherung auf dem Solidaritätsprinzip.<br />

Nach dem Verständnis eines<br />

Normalbürgers wäre dann die 1%-Regel<br />

gerechter. Die berücksichtigt zumindest<br />

die individuelle Einnahmensituation,<br />

was in einigen Fällen zu geringen, meistens<br />

jedoch zu höheren Beiträgen als dem<br />

Pauschalbetrag führen kann. Die Ent-<br />

scheidung obliegt jedoch der jeweiligen<br />

Krankenkasse <strong>und</strong> wird sicher auch nach<br />

Kosten des Verwaltungsaufwandes entschieden.<br />

Und der dürfte bei der 1%-Regelung<br />

wohl höher liegen.<br />

_Nun gibt es aber auch das Bürgerentlastungsgesetz,<br />

das seit dem 1. Januar 2010 in<br />

Kraft getreten ist. Danach sind Krankenkassenbeiträge,<br />

also auch der Zusatzbeitrag,<br />

als Sonderausgabe steuerlich absetzbar.<br />

Gr<strong>und</strong>sätzlich ist dagegen ja nichts zu<br />

sagen, aber hier gilt wie bei allen steuerlich<br />

absetzbaren Sonderausgaben: Nur<br />

wer Lohn- oder Einkommenssteuer zahlen<br />

muss, erhält den entsprechenden Steueranteil<br />

zurück. Alle anderen, besonders die<br />

oben genannten Menschen (z.B. Minijobber),<br />

bleiben auf dem gesamten Beitrag<br />

(Einheitsbeitrag plus Zusatzbeitrag) sitzen.<br />

Da ist die vorsichtige Frage erlaubt:<br />

Wer soll eigentlich entlastet werden? Zur<br />

Zeit sind es jedenfalls nicht die unteren<br />

Einkommensklassen sondern die oberen,<br />

denn wer viel Steuern zahle, erhält auch<br />

am meisten zurück, während die Geringverdiener<br />

auf den vollen Beiträgen sitzen<br />

bleiben <strong>und</strong> immer weniger in der Lohntüte<br />

haben.<br />

_Aus den Reihen der Politiker waren unterschiedliche<br />

Reaktionen zu hören. Ges<strong>und</strong>heitsminister<br />

Philipp Rösler wiederholt<br />

sich in seinem Ruf nach der Kopfpauschale,<br />

während B<strong>und</strong>eskanzlerin Angela<br />

Merkel „not amused“ über den Zusatzbeitrag<br />

ist. Die SPD fordert neuerdings sogar<br />

die Abschaffung des § 242 SGBV. Was daraus<br />

wird, bleibt abzuwarten. Nun, die Position<br />

des B<strong>und</strong>esges<strong>und</strong>heitsministers ist<br />

keine Überraschung. Bleibt aber die Frage,<br />

warum wurde durch die Große Koalition<br />

per Gesetz bei der Ges<strong>und</strong>heitsreform diese<br />

Möglichkeit des Zusatzbeitrages in dieser<br />

Form verabschiedet?<br />

_Bitteres Fazit zum Schluss: So oder so,<br />

„Verlierer“ dieses Zusatzbeitrages sind die<br />

so genannten Geringverdiener. #<br />

13


14<br />

Bericht | Text: Lisa Haalck | Foto: Jan-Erik Nord<br />

Ein Bus macht mit der Kälte Schluss<br />

Winter ade - das Scheiden tut nicht weh<br />

Sibirische Temperaturen, Eis, Schnee,<br />

schneidender Wind. In diesem langen<br />

<strong>und</strong> harten Winter war der Kältebus<br />

der Stadtmission Berlin zum 15. Mal<br />

vom 1. November bis 31. März im Einsatz,<br />

um wohnungslose Menschen, die<br />

nicht mehr aus eigener Kraft eine Notübernachtung<br />

aufsuchen können, vor<br />

dem Erfrierungstod zu bewahren. Lisa<br />

Haalck im Gespräch mit Ortrud Wohlwend,<br />

Mitarbeiterin der Stadtmission<br />

Berlin, über die vergangenen Monate,<br />

die ganz besondere Gastfre<strong>und</strong>schaft<br />

der Kältehilfe <strong>und</strong> die Hoffnung, in Gestalt<br />

einer Hündin.<br />

Um 21.00 h, wenn sich die Tür öffnet,<br />

steht die ganze Treppe schon voller Menschen.<br />

Es spricht sich schnell rum, wohin<br />

man sich wenden kann, um nachts nicht<br />

auf der Straße zu bleiben <strong>und</strong> etwas Seltenes<br />

zu finden: Wärme, das Gefühl, willkommen<br />

zu sein <strong>und</strong> als Mensch wahrge-<br />

nommen zu werden.<br />

Hier wird<br />

keiner abgewiesen.<br />

Erste Begrüssung<br />

am Eingang<br />

der Notübernachtung<br />

in der Lehrter Straße unweit vom<br />

Berliner Hauptbahnhof. Hier findet jeder<br />

eine helfende Hand, ein fre<strong>und</strong>liches<br />

Wort, etwas Warmes für den Bauch <strong>und</strong><br />

eine Matte für die Nacht. Jeder Gast wird<br />

bei Bedarf mit Kleidung, Beratung <strong>und</strong><br />

Seelsorge versorgt. Jeder Mensch, in jeder<br />

Verfassung ist hier willkommen. Egal<br />

ob alkoholisiert oder unter Drogen, krank<br />

oder mit H<strong>und</strong>. Hier bleibt die Tür nicht<br />

verschlossen. Schilder in verschiedenen<br />

Sprachen weisen auf die Hausregeln<br />

hin, es sind nur drei - kein Alkohol, keine<br />

Drogen, keine Gewalt. Da sind selbst<br />

die Regeln in Jugendheimen härter. Sie<br />

dienen einem Zweck: der Erhaltung dieses<br />

Unterschlupfes als einen Ort des Friedens.<br />

Frauen haben ein eigenes Schlafzimmer,<br />

eigene Sanitäranlagen. Wer diese<br />

als Mann nutzt, bekommt Hausverbot.<br />

Da wird hart durchgegriffen, denn keine<br />

Frau soll sich hier bedroht fühlen. Dann<br />

wird jeder einzeln hereingebeten. ,,Wie<br />

geht es Ihnen? Wie war Ihr Tag?“ Es folgt<br />

eine Körpervisite - eine Begegnung auf<br />

Augenhöhe, kein Ausdruck von Hierarchie.<br />

Ganz vorsichtig wird berührt, für<br />

viele der einzige körperliche Kontakt am<br />

Tag. Im Anschluss wird an der langen<br />

Theke eine Tasse warmer Tee oder Kaffee<br />

gereicht, dazu Salat, Suppe oder Eintopf.<br />

Man kommt ins Gespräch!<br />

_Zeitgleich dreht ab 21.00 h der Kältebus<br />

in Berlin seine R<strong>und</strong>en, um nach Menschen<br />

zu schauen, die zu kraftlos sind,<br />

um die Kältenotunterkunft aufzusuchen.<br />

Artur, der Kältebusfahrer, war selber einmal<br />

obdachlos - er weiß, wo er suchen<br />

muss. In Begleitung eines Mitarbeiters<br />

<strong>und</strong> seiner Hündin Tikwa versucht er Kontakt<br />

aufzunehmen. ,,Hast du schon einen<br />

Schlafplatz für die kommende Nacht?“ Er<br />

„Wenn ich etwas Warmes gegessen <strong>und</strong> getrunken habe, fühle ich mich ganz<br />

langsam wieder wie ein Mensch. Die Kälte friert einfach alles ein, jedes Gefühl,<br />

auch den Mut, auf ein anderes Leben zu hoffen.“ (Zitat eines Gastes)<br />

bietet eine Tasse Tee oder einen warmen<br />

Schlafsack. Artur fährt auch oft zu Menschen,<br />

von denen er weiß, dass sie nicht<br />

mitfahren werden. Einfach um ihnen zu<br />

zeigen, dass man sie nicht vergessen hat,<br />

dass man an sie denkt. Vielleicht fahren<br />

sie eines Tages mit. Oft hat Artur es nur<br />

Tiwka zu verdanken, dass die Obdachlosen<br />

Vertrauen haben zu diesem Kältebus.<br />

,Tikwa‘ bedeutet auf hebräisch Hoffnung,<br />

denn ohne die geht es eben einfach nicht.<br />

,,Was dich überleben lässt, ist die Hoffnung.<br />

Die Hoffnung auf ein besseres Leben“,<br />

sagt Frau Wohlwend. In großen Lettern<br />

steht ein Text an der Wand im Speisesaal.<br />

„Gottes guter Segen sei mit euch,<br />

um euch zu stärken, um euch zu schützen<br />

auf allen Wegen. Mut um zu wagen, nicht<br />

zu verzagen, auf allen Wegen, heute <strong>und</strong><br />

morgen seid ihr geborgen, auf allen We-<br />

gen.“ Jeden Morgen vor dem Frühstück<br />

wird jedem Besucher dieser kleine Hoffnungsschimmer<br />

mit auf den Weg gegeben.<br />

Es wird gemeinsam gesungen, manche<br />

schlafen noch halb, andere summen<br />

das Lied noch, wenn um 8 Uhr die Notübernachtung<br />

ihre Türen schließt <strong>und</strong><br />

sich ihre Wege wieder in der Stadt verlieren.<br />

Frau Wohlwend singt mir das Lied<br />

vor. Ich kenne es nicht. Das Lied wird<br />

hier sehr gerne angestimmt, selbst von<br />

denen, die mit Gott nicht viel zu schaffen<br />

haben. Dies ist kein Ort christlicher<br />

Bekehrung, sondern ein Ort christlicher<br />

Nächstenliebe.<br />

_Die Geburtsst<strong>und</strong>e des Kältebusses liegt<br />

im Jahre 1994. In diesem Winter erfror<br />

trotz bestehender Notunterkünfte ein<br />

Obdachloser auf der Straße. Einer von<br />

vielen Wohnungslosen, die zu krank, zu<br />

geschwächt, zu unterkühlt sind, um aus<br />

eigener Kraft eine Notübernachtung auf-<br />

zusuchen.Schockiert von diesem<br />

Kältetod<br />

suchten Mitarbeiter<br />

der Stadtmission<br />

nach einer<br />

Lösung: Der VW-Bus eines Mitarbeiters<br />

wurde umfunktioniert <strong>und</strong> startete<br />

schon in der gleichen Nacht seine erste<br />

Tour. Doch irgendwo mussten die aufgelesenen<br />

Menschen ja untergebracht werden.<br />

Die Kältenotübernachtung wurde<br />

eingerichtet. Diese Kältehilfe gehört zum<br />

breiten Angebot der Stadtmission - ein<br />

eigener Verein, der mit vielen anderen<br />

Einrichtungen, die ebenfalls eine Notunterkunft<br />

anbieten, zusammenarbeitet.<br />

Der erste Kontakt mit der Kältehilfe<br />

bedeutet meist den Einstieg in das Hilfssystem<br />

der Stadtmission. Viele Hilfs- <strong>und</strong><br />

Beratungsangebote können die Wohnungslosen<br />

wahrnehmen - <strong>und</strong> das tagtäglich,<br />

das ganze Jahr.<br />

_Zwischen 12 <strong>und</strong> 15 Mitarbeiter sind pro<br />

Nacht im Einsatz. Es handelt sich um ein


unt gemischtes, Generationen übergreifendes<br />

Team, ebenso bunt gemischt wie<br />

die Gäste selbst. Haupt- <strong>und</strong> ehrenamtliche<br />

Helfer, egal ob Student oder Pensionär,<br />

sorgen für das Essen, liebe Worte, eine<br />

medizinische Erstversorgung. Im Projekt<br />

,,Berlin bei Nacht“ engagieren sich<br />

viele Nicht-Berliner für mehrere Wochen,<br />

im Gegenzug bekommen sie Kosten <strong>und</strong><br />

Logis frei. Für viele eine ganz besondere<br />

Erfahrung <strong>und</strong> die sie Jahr für Jahr wiederholen.<br />

Jeder Abend ist anders, jedes<br />

Mal müssen sich die Mitarbeiter neu auf<br />

ihre Gäste einstellen. Ihr Dienst beginnt<br />

am Abend mit einer Andacht, um für Geduld<br />

<strong>und</strong> Kraft zu bitten. Die braucht<br />

man nämlich hier. Nach dem Essen gesellen<br />

sich die Mitarbeiter an den Tisch,<br />

natürlich erst nach einem ,,Darf ich mich<br />

vielleicht dazu setzen?“ Manche bleiben<br />

lieber unter sich, genau wie andere Gäste<br />

auch. Oder würde sich im Hotel der Kellner<br />

auch einfach so an unseren Tisch setzen?<br />

,,Unsere Gäste unterscheiden sich<br />

nur in ihrer Wohnungslosigkeit von anderen<br />

Menschen. Auch unter unseren<br />

Gästen findet man Solidarität, Fre<strong>und</strong>lichkeit,<br />

Egoismus <strong>und</strong> Aggressivität. Wie<br />

überall!“, so Ortrud Wohlwend, Mitarbeiterin<br />

der Stadtmission Berlin.<br />

_Im vergangen Winter war die Notübernachtung<br />

oft überlaufen, im Schnitt kamen<br />

pro Nacht 125 Gäste. Das wurde bald<br />

für die Mitarbeiter <strong>und</strong> die Gäste untereinander<br />

zu einer starken Belastung,<br />

denn eigentlich gibt es nur ca. 60 Plätze<br />

in der Notübernachtung. Egal wie voll<br />

es ist, keiner wird an der Tür abgewiesen,<br />

selbst als die Gästezahl die Grenze<br />

von 180 knackte. Jemanden abzuweisen,<br />

würde für den Betroffenen eventuell<br />

den Tod bedeuten. Mit steifen Fingern<br />

<strong>und</strong> rotgefrorener Nase hatte ich mich<br />

oft gefragt, wie wohl das Echo der Berliner<br />

auf die Kältehilfe sei. In vollen U<strong>und</strong><br />

S-Bahnen war ich auf die Werbung<br />

der Kältehilfe gestoßen. Mit dem Motiv<br />

des „Eismenschen“, in dem man einen<br />

wohnungslosen Menschen erkennen<br />

kann, wirbt die Berliner Stadtmission<br />

um Spenden für die Kältehilfe, denn sie<br />

wird nur zum Teil von öffentlichen Mitteln<br />

getragen <strong>und</strong> ist auf Spenden angewiesen.<br />

Oft fragte ich mich, wer wohl<br />

im Bestreben, selbst schnell in die Wärme<br />

zu kommen, zum Hörer greift in der<br />

Sorge um einen Obdachlosen in der Kälte?<br />

,,Man kann den Berlinern ja einiges<br />

vorwerfen, dass sie schnoddrig sind <strong>und</strong><br />

unfre<strong>und</strong>lich, aber eines sind sie gewiss<br />

nicht: herzlos.“ Besonders diesen Winter<br />

haben etliche Berliner die Kältebus Rufnummer<br />

gewählt.<br />

_Frau Wohlwend erzählt mir von regelmäßigen<br />

Führungen von Schulklassen.<br />

,,Viele begreifen dann ganz schnell: Nur<br />

weil wir ein Dach über dem Kopf haben,<br />

sind wir nichts Besseres. Ich versuche<br />

vor allem eine Sache zu vermitteln:<br />

Schau nicht herab auf den Mensch,<br />

schau ihn mit Liebe an! Es steht uns<br />

nicht zu, zu urteilen, weil jemand Glück<br />

oder Pech hatte in seinem Leben.“<br />

_Als ich die Kältehilfe verlasse <strong>und</strong> sich<br />

auch meine Wege in der Stadt verlieren,<br />

summe ich das Lied. Das haben Ohrwürmer<br />

so an sich. Sie begleiten dich - auf<br />

allen Wegen. Genau wie die Stadtmission.<br />

#<br />

Spendenkonto:<br />

Bank für Sozialwirtschaft<br />

Kto 5444<br />

Stichwort Kältehilfe<br />

BLZ 100 205 00<br />

www.kaeltebus.de<br />

www.kaeltehilfe.de<br />

Veranstaltungshinweis<br />

Das zehnte<br />

lebensFEST<br />

mit Götz Alsmann<br />

in der Halle Münsterland<br />

Das lebensFEST feiert Jubiläum! Die Benefiz-Gala<br />

für das Hospiz lebensHAUS findet<br />

am 10. April zum zehnten Mal statt.<br />

Im lebensHAUS können jeweils zehn unheilbar<br />

kranke Menschen in ihrer letzten<br />

Lebensphase versorgt <strong>und</strong> begleitet<br />

werden, wenn die Pflege zu Hause nicht<br />

möglich ist. Bislang haben jährlich etwa<br />

100-110 sterbende Menschen (<strong>und</strong> ihre<br />

Familien) dieses Angebot genutzt. Da<br />

die Kranken-Pflegekassen nur ca. 70%<br />

der Kosten erstatten, muss das Handorfer<br />

Hospiz bis zu 30% der Kosten für die<br />

Versorgung <strong>und</strong> Begleitung von Hospizgästen<br />

<strong>und</strong> Angehörigen selbst aufbringen:<br />

In 2010 werden das etwa 250.000<br />

Euro sein.<br />

_Im Bühnenprogramm, das wieder von<br />

Götz Alsmann moderiert wird, treten<br />

Klaus Renzel (Comedy), die „Bandidas“<br />

(Frauen-Samba-Band), X-travagance<br />

(Hip-Hop-Tanzformation), die Theatergruppe<br />

der kfd Handorf (Künstler-Persiflage),<br />

die „Makros“ (Akrobatik) <strong>und</strong> die<br />

BlechHarmoniker (Musik-Comedy) auf.<br />

In der Programmpause kann zu Musik<br />

der „Zwillinge Jazz-Universität“, getanzt<br />

werden. Bei der anschließenden Hot Parkett-Party<br />

(ab ca. 23.15 h) legt DJ Rita Tücking<br />

Scheiben von Walzer über Foxtrott<br />

bis zu Charts-Hits auf.<br />

_Vorverkauf: 20,00 - 40,00 Euro im WN-<br />

Ticket-Shop, bei Münsterland Ticket, im<br />

Internet unter www.eventim.de <strong>und</strong><br />

über die Eventim-Ticket-Hotline 01805-<br />

570070. Beginn 20.00 Uhr, Einlass <strong>und</strong><br />

Abendkasse 19.00 Uhr.<br />

15


16<br />

Bericht | Text: Annalena Koch | Fotos: Heinz Dalmühle<br />

Kinderarmut<br />

Ein globales Problem mit Unterschieden<br />

Über Brasilien hat Annalena Koch für die<br />

~ schon berichtet. Vor allem über<br />

die Armut, die sie dort sehr schockiert<br />

hat <strong>und</strong> deren Ausmaß sich niemand<br />

vorstellen kann, der sie noch nicht gesehen<br />

hat. Diesmal geht es ihr darum<br />

auf ein Phänomen hinzuweisen, das ihr<br />

sowohl aus beruflicher Perspektive als<br />

angehende Heilpädagogin als auch privat<br />

sehr am Herzen liegt: das Wohl der<br />

armen Kinder.<br />

Wie oft sagen Eltern zu ihren Kindern:<br />

„Iss deine Suppe auf, die Kinder in Afrika<br />

würden sich darüber freuen“. Armut<br />

<strong>und</strong> Hunger scheinen weit weg,<br />

wir leben ja schließlich in der „ersten<br />

Welt“ in einem Wohlfahrtsstaat.<br />

Armut ist bei uns doch nur relativ.<br />

Falsch gedacht! Wussten Sie, dass<br />

drei Millionen der 10,5 Millionen Kinder<br />

unter 14 Jahren in Deutschland in<br />

Armut leben. Also fast ein Drittel. Bevor<br />

man in die Entwicklungsländer<br />

schaut, muss man erst mal vor seiner<br />

eigenen Haustür kehren. Auch den<br />

Politikern scheint dieses Thema äußerst<br />

peinlich <strong>und</strong> delikat zu sein, denn bisher<br />

hat sich kaum jemand, egal aus welcher<br />

Partei, diesem Problem gewidmet.<br />

_Seit 2005 mit der Einführung von Hartz<br />

IV, dem Zusammenlegen von Arbeitslosengeld<br />

<strong>und</strong> Sozialhilfe, stieg die Zahl der<br />

betroffenen Kinder stark an. Der Kinderschutzb<strong>und</strong><br />

hatte schon vor Inkrafttreten<br />

davor gewarnt. Am meisten sind Alleinerziehende<br />

<strong>und</strong> Migranten gefährdet, bei<br />

den Alleinerziehenden sind sogar 95%<br />

betroffen. Ein besonderes Dilemma dabei<br />

ist, dass diese keinen Anspruch auf<br />

einen Kindergartenplatz oder irgendeine<br />

Form von Betreuung haben <strong>und</strong> somit<br />

wegen der Kinderbetreuung häufig dazu<br />

gezwungen sind, zu Hause zu bleiben,<br />

<strong>und</strong> sich keinen neuen Job suchen können.<br />

Ein Teufelskreis entsteht. Dabei gibt<br />

der Staat jährlich fünf Milliarden Euro für<br />

die Hilfen zur Erziehung aus. Kann es sich<br />

unser Staat wirklich leisten, drei Millio-<br />

nen Kinder an den Rand der Gesellschaft<br />

zu drängen?<br />

_Hinzu kommt eine für mich aus beruflicher<br />

Perspektive sehr erschreckende<br />

Zahl: 13,8% der Kinder, die in Armut aufwachsen,<br />

sind in ihrer geistigen Entwicklung<br />

beeinträchtigt. Außerdem gibt es eine<br />

größere Anfälligkeit für Neurodermitis<br />

oder Asthma, da viele Eltern es sich<br />

schlichtweg nicht leisten können die 10<br />

Euro Praxisgebühr aufzubringen. Die Zahl<br />

der Kinder, die in Deutschland die Tafeln<br />

oder ähnliche Einrichtungen besuchen,<br />

weil sie nicht im Stande sind, das Essensgeld<br />

in der Mensa aufzubringen, steigt<br />

ebenso. Auch hier gibt es immer mehr<br />

Menschen, die in Mülltonnen nach Essensresten<br />

wühlen. Wo ist der Sozialstaat<br />

geblieben? Wo sind die Menschenrechte<br />

<strong>und</strong> die soziale Gerechtigkeit? Sind es nur<br />

leere Worte, nichts als Schall <strong>und</strong> Rauch?<br />

Die Kinderarmut ist ja kein Phänomen,<br />

das plötzlich als Folge der Weltwirtschaftskrise<br />

auftrat. Es ist ein typisches<br />

soziales Problem, wie der Soziologe sagen<br />

würde, weil es sich um einen längerfristigen<br />

Zustand handelt. Von der Politik wird<br />

es aber eben nicht angegangen, obwohl<br />

die Annahme der Veränderbarkeit gilt<br />

<strong>und</strong> Sie <strong>und</strong> ich uns darüber aufregen,<br />

denn diese Form der Armut ist mit einem<br />

hohen affektiven Gehalt verb<strong>und</strong>en, da<br />

es sich ja um kleine, süße, unschuldige<br />

Kinder handelt <strong>und</strong> nicht um das Stereotyp<br />

des Harz-IV-Empfängers, der dem<br />

Staat ohne schlechtes Gewissen das Geld<br />

aus der Tasche zieht, mit der Bierfla-<br />

sche vor dem Fernseher den Tag verbringt<br />

<strong>und</strong>, wenn er denn arbeiten geht, dann<br />

nur schwarz. Wir pflegen häufig dieses<br />

viel zu starke Schwarz-Weiß-Denken.<br />

_Hierzulande ist Kindheit mit Spielen<br />

<strong>und</strong> ganz viel Entwicklungs- <strong>und</strong> Entfaltungsspielraum<br />

verknüpft, man denke<br />

nur mal an die unzähligen Musik-,<br />

Sport- <strong>und</strong> Sprachangebot. In welchem<br />

Maß dies sinnvoll ist, ist eine andere Frage.<br />

Man darf dabei aber auch nicht die<br />

Kinder in Deutschland vergessen, die auf<br />

Gr<strong>und</strong> finanzieller Not ihrer Eltern, diese<br />

Möglichkeiten nicht wahrnehmen<br />

können, sie sind wirklich strukturell<br />

benachteiligt.<br />

_Wir machen uns aber viel zu selten<br />

klar, dass unser Bild von Kindheit<br />

noch gar nicht so alt ist <strong>und</strong> sich erst<br />

mit der Industrialisierung entwickelte.<br />

Kindheit wird in vielen Ländern<br />

dieser Welt völlig anders definiert.<br />

Die Situation vieler armer Kinder in<br />

Brasilien <strong>und</strong> weiter Teile der Entwicklungs-<br />

<strong>und</strong> Schwellenländer weist<br />

erhebliche Unterschiede zu unseren Verhältnissen<br />

auf. Hier arbeiten die Kinder<br />

sogar mit, um ihre Familie zu ernähren,<br />

sich das Schulgeld zu finanzieren <strong>und</strong> um<br />

in der Landwirtschaft mitzuhelfen. Auch<br />

hier in Deutschland mussten Kinder immer<br />

schon in der Landwirtschaft mithelfen.<br />

Mir ist es nach langem Nachdenken<br />

<strong>und</strong> eigener Auseinandersetzung mt der<br />

Thematik unverständlich, wie wir Europäer<br />

manchmal so leichtfertig sagen<br />

können, dass wir Kinderarbeit kategorisch<br />

ablehnen, wenn sie doch den Menschen<br />

hilft <strong>und</strong> dabei niemand, vor allem<br />

nicht das Kindeswohl, zu Schaden<br />

kommt.<br />

_Es ist eben nicht unsere Vorstellung<br />

von einer glücklichen, unbeschwerten<br />

Kindheit, die wir hier vorfinden, sondern<br />

kleine Erwachsene, die verantwortungsbewusst<br />

um ihr tägliches Überleben<br />

kämpfen. #


Bericht | Text: Katharina Maiss | Foto: Neema Dalmühle<br />

Bloß nicht aufgeben!<br />

Die Futterhilfe Münster e. V. auf dem Weg ins Leben<br />

Schon vor einem Jahr ging es los. Damals<br />

hatte Dieter Burger die Idee, nach dem<br />

Vorbild der Menschentafel auch eine Tafel<br />

für Tiere zu gründen. Deutschlandweit<br />

gibt es schon viele Tiertafeln <strong>und</strong><br />

er begann mit der Arbeit hier in Münster.<br />

Katharina Maiss von der Futterhilfe<br />

Münster e.V. berichtet für die ~<br />

über ihre Arbeit.<br />

Aller Anfang ist schwer, doch es kamen<br />

erste Helfer dazu <strong>und</strong> einige feste Hilfezusagen:<br />

Jemand machte unser Logo<br />

<strong>und</strong> Futterspenden wurden gesammelt.<br />

Großzügige Futterspender machten uns<br />

immer wieder Mut. Schwer wurde dann<br />

die Raumsuche. Aber auch damit sind wir<br />

nicht allein – selbst in so großen<br />

Städten wie Berlin <strong>und</strong> München<br />

dauert es manchmal Jahre,<br />

bis ein Ort gef<strong>und</strong>en ist, wo<br />

möglichst mietfrei eine Ausgabestelle<br />

gegründet werden kann.<br />

Da ist Geduld <strong>und</strong> Zähigkeit gefragt<br />

<strong>und</strong> Aufgeben kommt einfach<br />

nicht in Frage. Am schwersten<br />

wiegt bei der <strong>Miet</strong>suche häufig<br />

das Thema Lärmbelästigung,<br />

weil natürlich zu den Ausgabezeiten<br />

auch Leute mit ihren H<strong>und</strong>en<br />

kommen werden, wie sollte<br />

es auch anders sein. Für uns gab<br />

es sogar die eine oder andere Möglichkeit,<br />

aber ohne feste Sponsoren war da<br />

nichts zu machen. Im Herbst schrien wir<br />

zunächst „Hurra!“, als wir die Zusage für<br />

folgenden Platz erhielten: Ein Autohändler<br />

hatte uns die rückwärtige Seite seines<br />

Gr<strong>und</strong>stückes zur Verfügung gestellt.<br />

_Aber das Ganze hatte einen Haken. Da<br />

das Gelände wohl seit Jahren nicht umzäunt<br />

gewesen war, hatte es sich als<br />

Müllhalde für jedermann angeboten -<br />

manche Leute scheinen sich bis heute<br />

daraus ein gewisses Gewohnheitsrecht<br />

abzuleiten. So hieß es erst mal: Ärmel<br />

hoch, Nase zu <strong>und</strong> loslegen. An mehreren<br />

Samstagen trafen wir uns – meist so<br />

ein kleines Trüppchen um die zehn Leute<br />

– um den Müll zu entsorgen. Netterweise<br />

stellte uns die Stadt 1,5 Müllcontainer<br />

zur Verfügung, damit wir diesen fremden<br />

Müll entsorgen konnten. Leider geht das<br />

Zumüllen aber immer weiter <strong>und</strong> das ist<br />

manchmal deprimierend.<br />

_Nun haben wir vor Ort immerhin schon<br />

einen ausrangierten Container für uns,<br />

der zunächst entkernt werden musste. So<br />

weit sind wir bis jetzt, nächsten Samstag<br />

soll ein Bauzaun kommen <strong>und</strong> ich hoffe,<br />

dass er bald steht. Es wäre eine gutes<br />

Sig nal, dass hier etwas Neues beginnt,<br />

obwohl man das eigentlich schon ganz<br />

gut sehen kann. Denn wir haben den<br />

Boden begradigt <strong>und</strong> einige Kubikme-<br />

ter Erde wurden uns von einer Baustelle<br />

zur Verfügung gestellt. Wieder ein paar<br />

Samstage mit Harken verbracht. Einmal<br />

kam der WDR – wir hatten gerade unsere<br />

frisch gebackene erste Vereinsvorsitzende<br />

Leslie Bernecker gewählt – <strong>und</strong> filmte<br />

uns beim Schippen. Nie hätten wir alle<br />

gedacht, dass Basisarbeit so viel Erde an<br />

den Fingern bedeuten kann.<br />

_Und all das neben dem normalen „Vereinskram“:<br />

Satzung überarbeiten <strong>und</strong> zu<br />

Gericht bringen <strong>und</strong> hin <strong>und</strong> her, bis alles<br />

ok ist, einen Flyer entwerfen, sich einig<br />

werden, abstimmen, Statuten für<br />

Mitgliedschaft <strong>und</strong> Sonstiges klären, Flyer<br />

herstellen, kopieren, verteilen, die Ämter<br />

vergeben uvm. Zum Glück haben wir er-<br />

fahrene Menschen mit im Team. Ende des<br />

Jahres, als manchen von uns ein bisschen<br />

die Puste ausgegangen war, kam dann<br />

plötzlich die Anerkennung unserer Gemeinnützigkeit<br />

von der Stadt. Die städtische<br />

Angestellte sagte zu unserer Vorsitzenden,<br />

wir wären für einen neuen Verein<br />

sehr schnell! Das tat gut zu hören,<br />

denn gerade in diesem schlimmen Winter<br />

hätten wir nur allzu gerne irgendwo<br />

bereits eine Futterausgabe gehabt, zumal<br />

sich das Futter bei einigen von uns schon<br />

stapelte.<br />

_Jetzt bleibt uns noch die Lösung für<br />

das Futterlager zu finden – zuerst sollten<br />

wir einen Raum im Autohaus bekommen,<br />

der war dann aber leider<br />

doch nicht verfügbar – <strong>und</strong><br />

den Kampf gegen die Nager aufzunehmen,<br />

die schon ihre Zähne<br />

wetzen, um die Tüten durchzubeißen.<br />

Ohne Heizung <strong>und</strong> ohne<br />

alles wird es schwer <strong>und</strong> sollte<br />

jetzt jemand einen Raum wissen,<br />

der schon lange leer steht. HER<br />

DAMIT! – Träumen muss erlaubt<br />

sein. Wir freuen uns jedenfalls<br />

über jede Unterstützung, seien es<br />

Futterspenden oder Sachspenden<br />

- übrigens dürfen wir auch angebrochene<br />

Tüten weiterverwenden<br />

-, sei es später Hilfe bei der Ausgabe.<br />

Hier zur Sicherheit schon einmal für alle,<br />

die sich jetzt fragen: „Krieg ich auch?“<br />

unsere Kriterien: die Bedürftigkeit muss<br />

nachgewiesen werden, die Tiere müssen<br />

schon länger im „Haushalt“ leben (also<br />

keine Welpen!) <strong>und</strong> es gibt Futter für<br />

drei Tage. Das bedeutet im Klartext: Die<br />

Futterhilfe unterstützt Tierhalter in Not,<br />

ist aber nicht dafür da, dass sich jemand<br />

jetzt deswegen ein neues Tier anschaffen<br />

kann. Damit diese Frage schon mal beantwortet<br />

ist. Nun hoffen wir, bald loslegen<br />

zu können. #<br />

Weitere Infos siehe www.<br />

futterhilfe-muenster.de<br />

17


18<br />

Bericht | Text: Michael Heß | Fotos: Michael Heß <strong>und</strong> Ludger Schnieder<br />

Das Theater im Pumpenhaus feiert 25 Jahre<br />

STATEMENTS - Münsters größtes Theaterfestival aller Zeiten<br />

Münsters freie Theaterszene gilt b<strong>und</strong>esweit<br />

als einzigartig. TITANICK <strong>und</strong> Jugendtheater<br />

CACTUS, Borchert-Theater<br />

<strong>und</strong> Der kleine Bühnenboden, das Ensemble<br />

Freuynde <strong>und</strong> Gaesdte <strong>und</strong> die<br />

English Drama Group - alle tragen ihren<br />

Teil bei zum Theatermekka Münster.<br />

Mittendrin eine besondere Spielstätte:<br />

das Theater im Pumpenhaus, das<br />

nun mit einem außerordentlichen Programm<br />

sein 25-jähriges Jubiläum als Ort<br />

der freien Szene feiert. Über Geschichte<br />

<strong>und</strong> Geschichten <strong>und</strong> über das Jubiläum<br />

selbst unterhielt sich Michael Heß<br />

mit Geschäftsführer Ludger Schnieder.<br />

Anzeige<br />

Das Gebäude fällt auf. Mit seinen Erkern<br />

<strong>und</strong> Nischen, Türmchen <strong>und</strong> verwinkelten<br />

Fenstern <strong>und</strong> Anbauten atmet es immer<br />

noch den Charme einer verblichenen Industriearchitektur<br />

mit Fachwerk <strong>und</strong> Jugendstilanklängen.<br />

Der Name “Pumpenhaus”<br />

verweist auf die frühere Funktion<br />

als städtische Pumpstation; seit 1901 leitete<br />

es städtische Abwässer auf die sechs<br />

Kilometer entfernten Rieselfelder. Das ist<br />

längst Geschichte, hat die ursprüngliche<br />

technische Gebäudefunktion doch der<br />

Kultur Platz gemacht, auch wenn die den<br />

Namen gebenden Pumpen heute noch<br />

den Parkplatz neben dem Gebäude zie-<br />

ren. Im vormaligen, seit Beginn der 70er<br />

Jahre leer stehenden Pumpwerk eröffnete<br />

nach einer anderthalb Jahre währenden<br />

Umbauphase am 10. Mai 1985<br />

das Theater im Pumpenhaus (TiP) als erstes<br />

freies Theater in NRW überhaupt. Getragen<br />

von der Theaterinitiative Münster,<br />

einem seinerzeitigen Zusammenschluss<br />

von sieben Ensembles. Passend mit einem<br />

Stück zu den Wiedertäufern: “Herz<br />

der Freiheit”, die brilliante Inszenierung<br />

sorgt noch heute für Gesprächsstoff. Mit<br />

Ablauf des Jahres 1998 war die Theaterini-tiative<br />

Geschichte, ab dem 1. Januar<br />

1999 wird das Haus städtische GmbH.<br />

Wie auch immer, ist es 25 Jahre <strong>und</strong> ungezählte<br />

Aufführungen später an der Zeit,<br />

eine großartige Bilanz zu ziehen. Und das<br />

kann niemand besser als der langjährige<br />

Leiter des Hauses, Ludger Schnieder.<br />

_Schnieder selbst ist prädestiniert für den<br />

Job. Der 54-jährige Münsteraner (verheiratet,<br />

zwei Töchter) studierte an der WWU<br />

Germanistik <strong>und</strong> Publizistik, spielte seit<br />

seinem 16. Lebensjahr Theater, war in<br />

den 70er Jahren Mitglied der legendären<br />

Theatergruppe “Die Sägen” (auf die letztlich<br />

die heutigen Bullemänner zurückgehen)<br />

<strong>und</strong> organisierte später Theaterfestivals<br />

in Hannover. Als Filmschauspieler<br />

gelangt er aufgr<strong>und</strong> einer Hauptrolle<br />

in Adolf Winkelmanns Film “Die Abfahrer”<br />

zu beginnendem Ruhm, steigt aber<br />

wieder aus. Noch später schließen sich<br />

regelmäßige Arbeitsaufenthalte u.a. in<br />

Japan <strong>und</strong> den USA an. Zum Theater im<br />

Pumpenhaus stößt Schnieder 1984. “Ich<br />

habe dort den Keller gemalert”, erinnert<br />

er sich an seine erste Tätigkeit noch<br />

während des Umbaus zur Spielstätte.<br />

Er bleibt da hängen, mutiert zum spiritus<br />

rector der Theaterinitiative <strong>und</strong> ist<br />

seit 1999 Leiter des renommierten Hauses<br />

an der Gartenstraße. Schnieder profiliert<br />

die Spielstätte in einem festen Bezugsrahmen.<br />

“Mir geht es beim Theater<br />

immer um Kunst” <strong>und</strong> “Wir haben immer<br />

nur das gemacht, was bezahlt wer-


den konnte” umreißt es hinlänglich genau.<br />

Wer mit Schnieder zu tun hat, spürt<br />

schnell: Hier spricht ein theaterbessener<br />

Realist, der das Machbare kultiviert.<br />

Oberbürgermeister Markus Lewe attestiert<br />

ihm anerkennend Querköpfigkeit, Bissigkeit<br />

<strong>und</strong> Engagement, die oft erst Unmögliches<br />

möglich gemacht haben. Er ist<br />

mehr Impressario als Geschäftsführer.<br />

_Allerdings verfügt das TiP über kein eigenes<br />

Ensemble, ist es “nur” Spielstätte<br />

um Ludger Schnieder, den Technischen<br />

Leiter Volker Sippel <strong>und</strong> freie Mitarbeiter<br />

<strong>und</strong> Praktikanten herum. Aber eine mit<br />

Grenzen überschreitendem Ruf. Manche<br />

internationale Karriere begann hier vor<br />

bis zu 170 Sitzplätzen wie die von Sascha<br />

Walz <strong>und</strong> von Samir Akika, die des belgischen<br />

Ensembles Victoria, des Griechen<br />

Theodoros Terzopoulos oder des japanischen<br />

Kollektivs Dump Type; die Liste ließe<br />

sich endlos fortsetzen. Mit dem Pumpenhaus<br />

verb<strong>und</strong>en ist die Kristallisation<br />

der heutigen freien Szene Münsters<br />

<strong>und</strong> die Vernetzung mit weiteren Häusern<br />

wie dem Hamburger Kampnagel,<br />

dem Pact Zollverein in Essen. Über 200<br />

Aufführungen gibt es jährlich im TiP zu<br />

sehen. Nationale <strong>und</strong> internationale Premieren,<br />

Gastspiele <strong>und</strong> Koproduktionen<br />

<strong>und</strong> vielfach preisgekrönt. Heute gehört<br />

das TiP zu den besten Adressen für junge<br />

<strong>und</strong> experimentelle Kunst. Genreübergreifend<br />

<strong>und</strong> jenseits des Mainstreams,<br />

spielfreudig, anregend <strong>und</strong> auch riskant,<br />

so soll freies Theater sein. Heute ist das<br />

Pumpenhaus eines von drei freien Theatern<br />

in NRW, denen die Spitzenförderung<br />

des Landes zuteil wird. Es ist ein<br />

Haus mit bemerkenswert jungen Altersschnitt<br />

der Besucher, der bei den durchschnittlich<br />

15.000 Besuchern im Jahr bei<br />

rekordverdächtigen 30 Jahren liegt. Das<br />

im klassischen Sprechtheater geronnene<br />

<strong>und</strong> sich seiner selbst zu oft zu sichere<br />

Bildungsbürgerliche schwappt im TiP<br />

folglich nur verdünnt. Schnieders Truppe<br />

kann gar nicht genug experimentieren,<br />

andere Intendanten kommen ins Träumen.<br />

Gleichwohl wünscht sich die Pumpenhausmannschaft<br />

eine Erhöhung des<br />

städtischen Etats. „Um freie Techniker<br />

angemessen zu bezahlen“, weist auf ein<br />

generelles Problem der Sparte hin: Feste<br />

Arbeitszeiten sind selten dienlich, freie<br />

Mitarbeiter das Übliche, ohne den Blick<br />

zur Stechuhr, hart an der Selbstausbeutung<br />

<strong>und</strong> doch mit dem verständlichen<br />

Anspruch einer auskömmlichen Bezahlung.<br />

Mit knurrendem Magen spielt sich<br />

schlecht Theater.<br />

_Wie auch immer, sind nun erfolgreiche<br />

25 Jahre angemessen zu begehen.<br />

Freuen dürfen sich deshalb die theaterbegeisterten<br />

<strong>und</strong> -verwöhnten Münsteraner<br />

auf STATEMENTS, das größte Theaterfestival<br />

aller Zeiten in der Stadt. Von<br />

April bis Juni gibt es an 58 Tagen 50 Produktionen<br />

in 70 Aufführungen zu sehen.<br />

“Es ist eine Leistungsschau, was Theater<br />

kann”, bewertet Schnieder diese Wochen<br />

ambitioniert <strong>und</strong> “die Gästeliste<br />

reicht von Abidjan über Berlin <strong>und</strong> New<br />

York bis nach Seoul <strong>und</strong> Tokio. Das Festival<br />

im Pumpenhaus ist auch ein Fest mit<br />

Fre<strong>und</strong>en.” Ludger Schnieder nennt das<br />

Programm ein Brennglas des 25-jährigen<br />

Erfolges. Die einzelnen Stücke sind persönliche<br />

Sichtweisen auf eine globalisierte<br />

Welt, sie sollen inspirieren <strong>und</strong> neue<br />

Akzente setzen <strong>und</strong> natürlich über Grenzen<br />

gehen. Was aber gibt es im Einzelnen<br />

zu sehen?<br />

_Los geht es jedenfalls am frühen Morgen<br />

des 17. April mit dem Birdwatcher Breakfast<br />

mitten in den Rieselfeldern. Enden<br />

tut es am 13. Juni mit einem R<strong>und</strong>gang<br />

zum Leben des Kunsthistorikers Max<br />

Geisberg (1875-1943). Dazwischen Schauspiel,<br />

Performances, Konzerte, Tanz, Lesungen,<br />

Hip Hop. Am 30. April steigt das<br />

Konzert der ungarischen Avantgardeband<br />

Pop Ivan im Pumpenhaus. Am 2. Mai gibt<br />

es eine Hommage an Paul Wulf, dessen<br />

in Beton gegossene Biografie bis heute<br />

für ges<strong>und</strong>e Aufregung in Münsters Kulturpolitik<br />

sorgt. Am 11. Mai starten mehrere<br />

Aufführungen von “Look At Me” des<br />

Jugendtheaters CACTUS, am 21. Mai konzertieren<br />

Samir Akika <strong>und</strong> die Hip Hop-<br />

Academy Hamburg. Nicht zu vergessen<br />

die Wiederaufführung des Titanick-Klassikers<br />

Titanic am 5. Juni am Aasee, dieses<br />

nach 20 Jahren. Es ist ein wahrer Rosenkranz<br />

aus ästhetischen Bekenntnissen,<br />

oftmals zugleich Uraufführung, Europa-<br />

oder Deutschlandpremiere. Unmöglich,<br />

hier zu sehr ins Detail zu gehen. Wer Näheres<br />

wissen möchte, dem bleibt nur der<br />

Griff zum voluminösen Programmheft.<br />

Oder der Blick ins Internet - es lohnt sich<br />

garantiert.<br />

_Das dezentrale Verständnis des Pumpenhaus-Teams<br />

prägt auch die Spielorte<br />

von STATEMENTS. Neben Aufführungen<br />

an der Gartenstraße sind die Rieselfelder<br />

Schauplatz <strong>und</strong> der Große Sitzungssaal<br />

des Landgerichts, die Ausstellungshalle<br />

für Zeitgenössische Kunst im Hafen, Jörgs<br />

CD-Forum am Alten Steinweg, das Landesmuseum,<br />

ein Tourneebus <strong>und</strong> selbst<br />

die Wohnzimmer mehr oder minder prominenter<br />

Münsteraner. Nur die nahe Justizvollzugsanstalt<br />

an der Gartenstraße<br />

gab nach den jüngsten sicherheitstechnischen<br />

Kalamitäten einen Korb. Mit dem<br />

Ludger Schnieder gut leben kann: “Also<br />

gönnen Sie sich das Risiko: Gehen Sie ins<br />

Theater”, denn gutes Theater sei wie eine<br />

ungeahnte Geschmacksexplosion: Sterneküche<br />

vs. Junk Food Empire. Stimmt<br />

ebenso wie: “STATEMENTS ist Ihr Fest. Unser<br />

Fest. Wir laden herzlich!” Danke! #<br />

Theater im Pumpenhaus <strong>und</strong><br />

Infos zum Festival<br />

STATEMENTS<br />

Fon 0251 / 23 34 43<br />

www.pumpenhaus.de<br />

19


20<br />

Bericht | Text <strong>und</strong> Foto: Kathrin Staufenbiel<br />

Die Totgesagten leben<br />

Die Frauen vom BSV Fortuna Münster bleiben am Ball<br />

Fußball ist bekanntlich ein Mannschaftssport.<br />

Kriselt es in der Elf, bleibt<br />

meist auch der Erfolg auf dem Platz aus.<br />

Dagegen hilft nur, sich als Team wiederzufinden.<br />

Das gilt für die B<strong>und</strong>esliga<br />

genauso wie für die Kreisklasse, für<br />

die kickenden Männer genauso wie für<br />

ihre weiblichen Pendants. Kathrin Staufenbiel<br />

berichtet über eine vorbildliche<br />

Frauenmannschaft in Münster, die<br />

fast auseinanderbrach <strong>und</strong> doch ihren<br />

Team-<strong>und</strong> Kampfgeist bewahrt hat.<br />

Es ist kurz nach ein Uhr an einem Sonntagnachmittag.<br />

Das Wetter lässt weiter<br />

auf den Frühling warten, ein kalter Wind<br />

<strong>und</strong> Regen stürmen über den Kunstrasenplatz<br />

in Hiltrup Süd. Dennoch sind sie alle<br />

da, <strong>und</strong> zwar pünktlich. Die Spielerinnen<br />

der ersten Frauenmannschaft des BSV<br />

Fortuna Münster sammeln sich vor den<br />

Umkleidekabinen, knappe zwei St<strong>und</strong>en<br />

vor Spielanpfiff. Es sind Studentinnen,<br />

die das Lernen auf anstehende Prüfun-<br />

Anzeige<br />

gen unterbrochen haben. Schülerinnen,<br />

die andere Freizeitbeschäftigungen, Familie<br />

<strong>und</strong> Fre<strong>und</strong>e für die nächsten St<strong>und</strong>en<br />

hinten anstellen. Es sind Frauen, die<br />

bereits mitten im Berufsleben stecken<br />

<strong>und</strong> ruhige St<strong>und</strong>en am Wochenende<br />

gegen Fußballspiele in Wind <strong>und</strong> Regen<br />

umtauschen. Und zwar genau jetzt umso<br />

bewusster <strong>und</strong> entschlossener. Es sind<br />

noch genau 100 Minuten bis zum Spielanpfiff.<br />

Spielerinnen anderer Mannschaften<br />

sind zu diesem Zeitpunkt vielleicht<br />

noch am Frühstücken. Die Spielerinnen<br />

des BSV Fortuna Münster sitzen in der Kabine.<br />

Vergnügt <strong>und</strong> doch bereit. Für den<br />

Klassenerhalt ist eine perfekte Spielvorbereitung<br />

Pflicht. Ralf Laukötter, der Trainer<br />

der ersten Frauenmannschaft, kommt<br />

herein, schließt die Tür hinter sich <strong>und</strong><br />

begrüßt jede Spielerin mit Handschlag.<br />

Es wird ruhig in der Kabine. Alle Anwesenden<br />

wissen, um was es geht. Es geht<br />

um den Klassenerhalt in der Westfalenliga.<br />

Und es geht darum zu zeigen – sich<br />

selbst <strong>und</strong> der Welt – was ein Team erreichen<br />

kann. Ein Team, welches vor einem<br />

guten halben Jahr als mausetot<br />

verschrien wurde. Ein Team, welches<br />

tatsächlich vor einem guten halben<br />

Jahr mehr tot als lebendig war.<br />

_„Letzten Sommer hatten wir 13 Abgänge<br />

zu verschmerzen. Nur sechs<br />

Spielerinnen entschlossen sich zu<br />

bleiben, “ meint Trainer Ralf Laukötter,<br />

„Fortuna wäre nach über 20 Jahren<br />

in der Westfalenliga fast auseinander<br />

gebrochen.“ Die Gründe für<br />

die vielen Abgänge waren vielfältig.<br />

Manche Spielerinnen mussten<br />

aus beruflichen Gründen aufhören,<br />

andere Spielerinnen suchten eine<br />

neue sportliche Herausforderung <strong>und</strong><br />

schließlich kam es zu einer Dominoreaktion:<br />

„Natürlich haben dann<br />

auch Spielerinnen Angst bekommen<br />

<strong>und</strong> das sinkende Schiff lieber verlassen.<br />

Es war ja nicht klar, ob Fortuna<br />

für die neue Saison eine Mann-<br />

schaft melden könne, geschweige denn,<br />

ob diese wettbewerbsfähig sei, “ so Laukötter.<br />

Genau aus diesem Gr<strong>und</strong> gestaltete<br />

sich auch die Verpflichtung neuer<br />

Spielerinnen schwierig. Die Mannschaft<br />

startete schließlich in die Saison<br />

2009/2010 mit Spielerinnen, die bis dato<br />

nur den Spielverkehr der Kreisliga gewöhnt<br />

waren <strong>und</strong> mit Spielerinnen, die<br />

im Sommer eigentlich in den wohlverdienten<br />

Fußballerruhestand eintreten<br />

wollten. Um die Frage zu beantworten,<br />

was seine eigene Motivation war, nicht<br />

das Handtuch zu werfen <strong>und</strong> dem Verein<br />

<strong>und</strong> der Mannschaft treu zu bleiben,<br />

muss Laukötter nicht lange nachdenken:<br />

„Mich hat die Entschlossenheit der Spielerinnen<br />

überzeugt, die geblieben sind.<br />

Auf solche Spielerinnen kann man sich<br />

verlassen. Auch überzeugt hat mich der<br />

Einsatz von Einzelnen im Umfeld, vom<br />

Vorsitzenden Norbert Krevert <strong>und</strong> besonders<br />

von Marita Kumbrink.“<br />

_Marita Kumbrink schmeißt die ersten<br />

Würstchen auf den Grill. Der Container,<br />

der lange Zeit nur Trainingsmaterial beherbergt<br />

hatte, wurde vor ein paar Monaten<br />

auch zur Imbissbude umfunktioniert.<br />

Die Zuschauer des Westfalenligisten<br />

sollen ja schließlich Hunger <strong>und</strong> Durst<br />

am Spielfeldrand stillen können. Dies ist<br />

eine von vielen Veränderungen, die seit<br />

dem letzten Sommer unter der Regie von<br />

Marita Kumbrink entstanden sind. Marita<br />

Kumbrink, die lange Zeit selbst Spielerin<br />

des BSV Fortuna Münster war, fungiert<br />

seit dieser Saison als Abteilungsleiterin<br />

der beiden Frauenmannschaften:<br />

„Ich wollte den Verein in dieser schweren<br />

Phase noch stärker als bisher unterstützen.<br />

Beim besten Willen hätte ich mir<br />

nicht vorstellen können, den Verein zu<br />

wechseln.“<br />

_Noch stärker unterstützen, noch mehr<br />

geben, noch entschlossener auftreten.<br />

All dies ist von allen Beteiligten im Umfeld<br />

der ersten Frauenmannschaft des


BSV Fortuna Münster gefordert. Von Spielerinnen,<br />

Funktionären <strong>und</strong> Zuschauern.<br />

Nach ein paar herben Niederlagen<br />

zu Beginn der Vorr<strong>und</strong>e, formierte sich<br />

die Mannschaft von Ralf Laukötter immer<br />

mehr <strong>und</strong> konnte gegen Ende der<br />

Vorr<strong>und</strong>e sogar ein paar erste Siege einfahren.<br />

Neben zwei Trainingseinheiten<br />

pro Woche <strong>und</strong> Mannschaftsabenden<br />

soll auch Mentaltraining zusätzlich unterstützen<br />

<strong>und</strong> einen Beitrag zum angestrebten<br />

Klassenerhalt liefern. Unter der<br />

Leitung einer Psychologiestudentin aus<br />

Münster arbeiteten die Fortuna-Frauen<br />

an der Kommunikation <strong>und</strong> der Disziplin<br />

innerhalb der Mannschaft. Auch das<br />

Verarbeiten von schwierigen Spielen <strong>und</strong><br />

die Konzentration auf dem Platz waren<br />

Inhalt von einzelnen Mentaltrainingssitzungen.<br />

In der Winterpause wurde auf<br />

Gr<strong>und</strong> von Schnee <strong>und</strong> Eis Krafttraining<br />

<strong>und</strong> Aquafitness ausprobiert. Mit den bereits<br />

eingefahrenen Punkten ist Fortuna<br />

zwar immer noch stark vom Abstieg<br />

gefährdet, doch der Klassenerhalt erscheint<br />

nun mehr <strong>und</strong> mehr möglich <strong>und</strong><br />

realisierbar.<br />

_60 Minuten vor Spielanpfiff. Die Spielerinnen<br />

der ersten Frauenmannschaft des<br />

BSV Fortuna Münster kommen zusammen<br />

aus der Umkleidekabine <strong>und</strong> beginnen,<br />

sich warm zu laufen. Erst liegen noch ein<br />

paar Anekdoten aus dem Privatbereich in<br />

der Luft, doch schließlich herrscht konzentrierte<br />

Ruhe. Unter den Spielerinnen<br />

auch zwei Rückkehrer. Andrea Hester<br />

<strong>und</strong> Steff Hekkens spielten schon vor<br />

ein paar Jahren bei Fortuna, waren dann<br />

jedoch bei anderen Vereinen tätig. Als sie<br />

hörten, wie ernst es um ihre ehemalige<br />

Mannschaft steht, wechselten sie wieder<br />

zurück zur Fortuna. Und auch wenn sie<br />

beide aus beruflichen Gründen teilweise<br />

direkt von einer Nachtschicht zu Spielen<br />

kommen, geht die Rechnung auf <strong>und</strong><br />

so konnten sie gemeinsam im Sturm bereits<br />

einige Akzente setzen. Akzente, die<br />

nach einer durchwachsenen Vorr<strong>und</strong>e für<br />

Hoffnung sorgen.<br />

_Zehn Minuten vor Spielanpfiff. Ralf Laukötter<br />

steht in der Mitte der Kabine <strong>und</strong><br />

schwört seine Mannschaft auf das anstehende<br />

Spiel ein. Danach schließen die<br />

Spielerinnen ihre Augen <strong>und</strong> machen<br />

eine Konzentrationsübung. Schließlich<br />

joggen sie zusammen auf das Spielfeld.<br />

Noch ein paar Sprints <strong>und</strong> Luftkopfbälle.<br />

Das Spiel wird angepfiffen.<br />

_ „Unser Teamgeist ist klar unsere Stärke“,<br />

meint Uta Möller, Kapitän der abstiegsgefährdeten<br />

Mannschaft, „Wir machen<br />

privat viel zusammen <strong>und</strong> die Stimmung<br />

in der Mannschaft ist gut.“ Die<br />

Chancen für einen Klassenerhalt schätzt<br />

Möller realistisch ein: „Unsere Chancen<br />

steigen zwar, doch es hängt sehr viel von<br />

den nächsten drei Spielen ab.“<br />

_93 Minuten nach Spielanpfiff. Die erste<br />

Frauenmannschaft des BSV Fortuna<br />

Münster startet mit einem 1:1 Unentschieden<br />

<strong>und</strong> einer über weite Strecken<br />

des Spieles guten Leistung in die Rückr<strong>und</strong>e.<br />

Zukunftsweisend für die Mannschaft<br />

werden die nächsten Spiele sein.<br />

Eines ist bereits jetzt jedoch sicher: Die<br />

Totgesagten leben, <strong>und</strong> zwar sehr. #<br />

§Rechtsanwältin<br />

Annette Poethke<br />

Fachanwältin<br />

für Familienrecht<br />

Tätigkeitsschwerpunkte:<br />

<strong>Eherecht</strong><br />

<strong>Miet</strong> - <strong>und</strong> <strong>Pachtrecht</strong><br />

<strong>Verkehrsrecht</strong><br />

Interessenschwerpunkte:<br />

Arbeitsrecht<br />

Erbrecht<br />

Anzeige<br />

Hüfferstraße 8 | 48149 Münster<br />

Tel.: 0251-511023 <strong>und</strong> 511024 | Fax: 0251-57606<br />

21


22<br />

Bericht | Text: Sonja Fölting<br />

Gefangen im Ritual<br />

Wenn Zwänge den Alltag bestimmen<br />

Der Zwang als ernsthafte Erkrankung –<br />

R<strong>und</strong> ein bis zwei Prozent der Deutschen<br />

Bevölkerung leiden irgendwann in ihrem<br />

Leben unter ausgeprägten Zwängen.<br />

Zwangstörungen sind also keinesfalls<br />

selten <strong>und</strong> haben in der Regel einen<br />

chronischen Verlauf. Sonja Fölting<br />

hat sich mit dem sensiblen Thema auseinandergesetzt.<br />

Der Schwede Pelle Sandstrak beschreibt<br />

in seinem 2009 in Deutschland erschienenen<br />

autobiographischen Bericht „Herr<br />

Tourette <strong>und</strong> ich. Bericht eines glücklichen<br />

Menschen“ sehr eindrucksvoll die<br />

Entstehung <strong>und</strong> Überwindung seiner<br />

ausgeprägten Zwangserkrankung. Sandstrak<br />

ist zwar auch am Tourette-Syndrom<br />

erkrankt, aber in erster Linie quälen ihn<br />

umfangreiche Zwangsrituale. Als junger<br />

Erwachsener braucht er beispielsweise<br />

St<strong>und</strong>en, um eine Türschwelle zu überschreiten<br />

<strong>und</strong> den halben Tag, um sich<br />

an- oder auszuziehen.<br />

_Gewisse Zwänge kennt fast jeder von<br />

uns: „Habe ich das Auto wirklich abgeschlossen?“<br />

oder: „Die schwarze Katze<br />

heute am 13. bringt mir sicherlich<br />

Unglück!“. Solche „normalen“ Zwänge<br />

dienen der Bewältigung des täglichen<br />

Lebens. Sie stellen Sicherheit her<br />

<strong>und</strong> reduzieren Ängste. Doch wann wird<br />

aus einer eher harmlosen Marotte eine<br />

ernsthafte Erkrankung? Die Übergänge<br />

sind oft fließend. Hauptmerkmal einer<br />

wirklichen Zwangsstörung sind wiederkehrende<br />

Zwangsgedanken <strong>und</strong>/oder<br />

Zwangshandlungen wie zum Beispiel<br />

Wasch- <strong>und</strong> Reinigungszwänge, Wiederholungszwänge<br />

oder Ordnungszwänge.<br />

Bei Zwangsgedanken handelt es sich<br />

um aufdringliche Ideen, Gedanken, Bilder<br />

oder auch Impulse.<br />

_Zwangshandlungen sind also sinnlos<br />

oder zumindest übertrieben empf<strong>und</strong>ene<br />

Handlungen, zu denen sich der Betroffene<br />

innerlich gedrängt fühlt. Zwangs-<br />

erkrankte – das wird auch in dem Bericht<br />

von Sandstrak deutlich – befinden<br />

sich in einem Gefängnis ihrer Zwänge.<br />

Sie werden von ihnen buchstäblich erdrückt,<br />

womit wir uns bei der ursprünglichen<br />

Bedeutung des Wortes „Zwang“,<br />

mittelhochdeutsch „zwanc“ = „das Zusammenpressen,<br />

das Drücken“ befinden.<br />

Oft ist den Kranken die Sinnlosigkeit ihres<br />

Denkens <strong>und</strong> Handelns bewusst, aber<br />

die zwanghaften Strukturen haben sich<br />

bereits im Gehirn regelrecht „festgefressen“.<br />

Wie auch bei Pelle Sandstrak, werden<br />

die Zwänge oft so dominant <strong>und</strong><br />

quälend, dass ein geregeltes Privat- <strong>und</strong><br />

Berufsleben nicht mehr möglich ist. Die<br />

Folgen sind Rückzug <strong>und</strong> oft auch eine<br />

Depression.<br />

_Im Anfangsstadium der Krankheit betrachten<br />

die Betroffenen ihre Ängste<br />

<strong>und</strong> Zwänge oft als einen persönlichen<br />

Aberglauben. Mit der Ausdehnung<br />

des Zwangs, häufig durch Konflikte oder<br />

Lebenskrisen verursacht, beginnen dann<br />

aber die ersten Beeinträchtigungen. Ähnlich<br />

wie bei nicht Zwangskranken, wollen<br />

die Zwangserkrankten durch das Ausführen<br />

ihrer Zwänge das Gefühl bekommen,<br />

dass wirklich alles in Ordnung ist.<br />

Denn dieses Gefühl stellt sich bei den<br />

Betroffenen unter normalen Umständen<br />

nicht ein. Fatal: Durch das Ausführen<br />

des Zwangsrituals wird der Zwang<br />

immer stärker <strong>und</strong> die Betroffenen erreichen<br />

immer schwerer ein Gefühl der Sicherheit.<br />

Ein Teufelskreis.<br />

_Als Ursachenerklärung gibt es zwei Modelle,<br />

das neurobiologische Erklärungsmodell,<br />

das die Zwangserkrankung als eine<br />

Störung im Gehirn sieht <strong>und</strong> verschiedene<br />

psychologische Erklärungsmodelle.<br />

Die gute Nachricht: Es gibt Hilfe. Pelle<br />

Sandstrak zum Beispiel kann heute dank<br />

intensiver <strong>und</strong> langwieriger kognitiver<br />

Verhaltenstherapie ein normales Leben<br />

führen. Vor Beginn seiner Therapie wird<br />

er sich bewusst: „Ich muss im Gr<strong>und</strong>e ge-<br />

nommen alles von vorn <strong>und</strong> neu lernen.<br />

Wie ein Kind lerne ich, wie die Normalvariante<br />

eines Menschen Fahrrad fährt,<br />

ich lerne, wie die Normalvariante eines<br />

Menschen eine Türschwelle überquert,<br />

eine Jacke anzieht, die Schuhe bindet,<br />

die Tasse anhebt, die Tür schließt, die Tür<br />

öffnet.“ Manchen Patienten helfen auch<br />

Psychoanalyse oder multimodale Verhaltenstherapie.<br />

Dabei stellt der Therapeut<br />

die emotionale <strong>und</strong> lerngeschichtliche<br />

Seite der Zwangsstörung als Ursache<br />

in den Mittelpunkt. Neben der Therapie<br />

verabreichen Ärzte gegen die Zwänge in<br />

der Regel auch ein Medikament aus einer<br />

bestimmten Gruppe der Antidepressiva.<br />

Beide Therapieansätze können vielen<br />

Betroffenen gut helfen, vollständig geheilt<br />

werden jedoch die wenigsten. Hilfe<br />

finden können Betroffene auch in einer<br />

Selbsthilfegruppe. Es tut gut zu sehen,<br />

dass man nicht allein dasteht. Wichtig ist<br />

aber vor allem die Unterstützung durch<br />

Angehörige. Dazu müssen diese über die<br />

Erkrankung ihrer Lieben vollständig aufgeklärt<br />

werden. Der Dialog zwischen Betroffenen<br />

<strong>und</strong> Angehörigen ist ein unverzichtbarer<br />

Bestandteil auf dem Weg aus<br />

dem Zwang. #<br />

Hilfe <strong>und</strong> Information:<br />

Deutsche Gesellschaft<br />

Zwangserkrankungen e. V.<br />

www.zwaenge.de<br />

Buchtipp:<br />

Sandstrak, Pelle:<br />

„Herr Tourette <strong>und</strong> ich“<br />

Bericht eines<br />

glücklichen Menschen.<br />

Aus dem Schwedischen<br />

von Susanne Dahmann<br />

Bergisch Gladbach 2009


Fräulein Nina<br />

F-Promi aus St. Pauli <strong>und</strong> Dortm<strong>und</strong>-<br />

Persebeck. Die Kleinstkünstlerin mit der<br />

großen Klappe lebt seit zwei Jahren in<br />

Hamburg <strong>und</strong> stammt gebürtig aus dem<br />

Ruhrgebiet. Als Sängerin der Band „Fräulein<br />

Nina <strong>und</strong> das Resopal“ singt sie vollen<br />

Herzens schlimmste 50er-Jahre-<br />

Schlager. Sie schreibt Songtexte, Prosa,<br />

Theater- <strong>und</strong> Kabaretttexte <strong>und</strong> tritt<br />

als lesende Autorin auf. Seit 6 Jahren ist<br />

sie freie Redakteurin beim Straßenmagazin<br />

bodo. Ab diesem Jahr veröffentlicht<br />

sie auf St. Pauli eine erste eigene Zeitung<br />

-was sie ziemlich stolz macht- ihre Klozeitung<br />

rosette.<br />

www.fraeulein-nina.de<br />

www.klozeitung-rosette.de<br />

Cubarett<br />

~ auf Cuba!<br />

Cubarett ist die offene Kabarettbühne<br />

Münsters im Cuba Nova,<br />

unter der Leitung von Christoph<br />

Tiemann<br />

Ab April 2010 schreibt einer der<br />

aktuell auftretenden Künstler in<br />

der ~. Den Anfang macht<br />

Nina Mühlmann aus Hamburg<br />

Die nächsten Cubaretttermine<br />

sind der 5.April <strong>und</strong> der 3.Mai<br />

Der Beginn ist 20 Uhr<br />

Der Eintritt beträgt 4 Euro<br />

Columne: ~ auf Cuba! | Text: Fräulein Nina<br />

Kiez im Plastikvollrausch<br />

Die Reeperbahn ist nicht nur geile Meile,<br />

sondern auch ganzjährige Partyzone<br />

mit viel Krawall. Seit dem letzten Jahr<br />

gilt hier <strong>und</strong> in den anliegenden Straßen<br />

Glasflaschenverbot. Nicht nur für Besucher,<br />

sondern auch für alle Anwohner.<br />

Vor Feier- <strong>und</strong> an den Wochenendtagen<br />

ab 22 Uhr bis montags um sechs Uhr<br />

ist das Mitführen <strong>und</strong> der Außer-Haus-<br />

Verkauf von Glasbehältnissen verboten.<br />

Wenn man mit dem Auto zu besagten<br />

Zeiten durch diese Gegend fährt <strong>und</strong><br />

dabei eine Glasflasche an Bord hat, kann<br />

allein das schon ein Bußgeld bis zu 5.000<br />

Euro kosten.<br />

_Erste Razzien durch Ordnungshüter fanden<br />

statt. Vorm Discounter musste ich erleben,<br />

dass Polizisten eine ältere Frau<br />

aufforderten, den mit leeren Glasflaschen<br />

gefüllten Rollkoffer in der bereitgestellten<br />

Mülltonne zu entsorgen. Sie hatte vermutlich<br />

ein Tagewerk darauf verwendet,<br />

Geld in Form von Flaschenpfand zu verdienen.<br />

Nachdrücklich wurde ihr klar gemacht,<br />

dass sie bloß froh sein solle, nicht<br />

noch ein hohes Strafgeld zahlen zu müssen.<br />

Ich rege mich auf.<br />

_Doch nach einigen Wochen: die positive<br />

Wende. Nun flanieren viele mit PET-Bierflaschen<br />

über den Kiez, die Pfandsammler<br />

freuen sich, denn pro Flasche gibt es<br />

nicht mehr bloß acht, sondern 25 Cent.<br />

Die Kioskbetreiber gehen nicht pleite,<br />

sondern lassen sich was einfallen. Das<br />

Flaschen-No-Go bringt neue Jobs. In den<br />

Trinkhallen bedienen nun zwei, statt nur<br />

einer Person die bierdurstigen K<strong>und</strong>en.<br />

Einer kassiert das Geld, der andere füllt<br />

das Kehlengold von der Flasche in Plastikbecher<br />

um. Auf die wird kein Pfand erhoben.<br />

Gibt also mehr Müll in den Straßen.<br />

Vielleicht neue Reinigungsjobs? Tja,<br />

<strong>und</strong> was ist mit der Polizei <strong>und</strong> den Krawallen?<br />

Mir fällt eines auf: Die Partytouristen<br />

stürzen ihr Bier viel schneller aus<br />

den Plastikbechern herunter als aus der<br />

Flasche. Könnte ja schal werden <strong>und</strong> da<br />

macht das Biertrinken einfach nicht so<br />

viel Spaß. Ich habe den Eindruck, nun<br />

sind die Feierer viel schneller viel betrunkener<br />

als vor dem Verbot. Da kann man<br />

nur hoffen, dass sie durch die Druckbetankung<br />

zeitiger nach Hause <strong>und</strong> brav<br />

ins Bett gehen. Und dabei nicht über den<br />

Plastikmüllberg stolpern <strong>und</strong> sich so doch<br />

noch eine blutige Nase holen. #<br />

Die neue ~<br />

erscheint am 30. 04. 2010<br />

Redaktionsschluss<br />

ist der 15. 04. 2010<br />

Tauschrausch:<br />

www.muenster.org/draussen/tauschrausch.html<br />

23


24<br />

Tipps | Buch: Sigi Nasner | CD: Adik Alexanian<br />

Lesen<br />

Petra Ramsauer<br />

„So wird Hunger gemacht“<br />

Verlag Carl Ueberreuter<br />

206 Seiten, 19,95 Euro<br />

ISBN 978-3-8000-7400-6<br />

Hören<br />

Stefan S<strong>und</strong>rup<br />

„Verliebt in das alles“<br />

Tonstudio: Reiner Wyen<br />

2009; 10,00 Euro<br />

Best.-Nr. TZ515<br />

Die Preise für Lebensmittel haben in den<br />

vergangenen Jahren drastisch zugenommen,<br />

was dazu geführt hat, dass die Anzahl<br />

der Hungernden enorm angestiegen<br />

ist. Die Auswirkungen des weltweiten<br />

Finanzkollapses sowie erste Folgen<br />

des Klimawandels forcieren diese Entwicklung<br />

zusätzlich, so dass die Zahl der<br />

unterernährten Menschen weltweit auf<br />

über eine Milliarde angestiegen ist, <strong>und</strong><br />

ein Ende ist nicht in Sicht. Nötig wäre<br />

dieser Anstieg der Armut nicht, denn unsere<br />

Erde ist eigentlich in der Lage doppelt<br />

so viele Menschen zu ernähren. Darum<br />

liegt der Gr<strong>und</strong> für diese Krise auch<br />

nicht im Nahrungsmangel, sondern vielmehr<br />

in der ungerechten Verteilung. Ein<br />

wesentlicher Gr<strong>und</strong> liegt jedoch auch in<br />

den Spekulationen mit Rohstoffen an<br />

den Börsen, der Profitgier großer Agrar-<br />

Konzerne sowie dem enormen Verbrauch<br />

von lebenswichtigen Lebensmitteln für<br />

Treibstoffe.<br />

_Die Autorin Petra Ramsauer recherchierte<br />

in Europa, Asien <strong>und</strong> Afrika <strong>und</strong><br />

trug Fakten zusammen, die deutlich ma-<br />

Entweder wird man von klein auf mit<br />

Musik vertraut gemacht oder man muss<br />

sie sich selbst erobern. Und wie geht das?<br />

Natürlich wenn man Musik im Blut hat.<br />

Bei Stefan S<strong>und</strong>rup gab es leider kein<br />

Geld für Musikunterricht, eine auf dem<br />

Sperrmüll gef<strong>und</strong>ene Gitarre weckt seine<br />

Leidenschaft für die Musik <strong>und</strong> nach<br />

<strong>und</strong> nach bringt er sich den Umgang mit<br />

dem Instrument selbst bei. Die Musik<br />

wird für Stefan S<strong>und</strong>rup die beste Methode,<br />

abzuschalten <strong>und</strong> den grauen Alltag<br />

zu vergessen.<br />

_Seine erste CD versucht der Musiker zunächst<br />

alleine aufzunehmen. Seine Songs<br />

finden in seinem Umfeld schnell Anklang,<br />

so dass es S<strong>und</strong>rup gelingt, weitere interessante<br />

Musiker für sein Vorhaben zu<br />

begeistern. Sie schließen sich zu einer<br />

chen, wie gnadenlos die Ärmsten durch<br />

Profitgier <strong>und</strong> politische Fehlentscheidungen<br />

immer weiter in die Hungerkatastrophe,<br />

in Elend <strong>und</strong> Tod getrieben<br />

werden. Die Selbstmordrate nimmt in<br />

manchen Gegenden rasant zu. In der indischen<br />

Baumwollregion Vidarbha in Maharashtra<br />

tötet sich alle acht Minuten ein<br />

Bauer selbst, weil er vor Schulden nicht<br />

mehr weiter weiß, während in Maharashtras<br />

Hauptstadt Mumbai 25.000 Dollarmillionäre<br />

wohnen. Nicht zuletzt liegt<br />

der Gr<strong>und</strong> für den Preisverfall, der diese<br />

Menschen in den Tod treibt, aber in der<br />

Subventionspolitik für landwirtschaftliche<br />

Güter der westlichen Welt. Aber auch<br />

im europäischen Raum geht die Schere<br />

von Arm <strong>und</strong> Reich immer weiter auseinander.<br />

Sozialkaufhäuser <strong>und</strong> Essenstafeln<br />

schießen wie Pilze aus dem Boden.<br />

_In diesem Buch werden dem Leser neben<br />

sehr persönlichen Einblicken in die Realität<br />

von Armut <strong>und</strong> Elend auch Möglichkeiten<br />

aufgezeigt, wie die Nahrungsverteilung<br />

besser stattfinden könnte <strong>und</strong> uns<br />

dennoch genügend Wohlstand bliebe. #<br />

Band zusammen, die nun ihr Erstlingswerk<br />

vorgelegt hat.<br />

_Die Liebe ist für S<strong>und</strong>rup eines der<br />

wichtigsten Themen in seinem Leben <strong>und</strong><br />

das spiegelt sich auch in seinen Texten.<br />

„Ein Mensch, in dem keine Liebe wohnt,<br />

ist wie eine Blume, die nicht blüht“ lautet<br />

ein Gr<strong>und</strong>bekenntnis des Musikers.<br />

Sein aktuelles Album „Verliebt in das alles“<br />

soll diese Botschaft weitertragen. „Es<br />

ist nicht einfach glücklich zu sein, aber<br />

das Glück ist einfach <strong>und</strong> das scheint das<br />

Komplizierte zu sein!“ #


Rezepte | Text: Martina Hegemann<br />

Brennnessel-Süppchen<br />

Zutaten:<br />

1 Zwiebel<br />

1 EL Butter<br />

250 g Brennnesseln<br />

1 l Gemüsebrühe<br />

1 EL Tomatenmark<br />

Gewürze wie z. B. Liebstöckel, Oregano<br />

oder Thymian<br />

süße Sahne, Salz, Pfeffer<br />

geröstete Weißbrotwürfel<br />

Zubereitung:<br />

„Unkraut“ zum Vernaschen<br />

Endlich ist nach diesem langen Winter der heißersehnte Frühling da. Überall grünt <strong>und</strong> blüht es, das eine oder andere Wildkraut<br />

ist sogar kulinarisch eine Bereicherung des Speiseplans. Exemplarisch sei hier einmal die Brennnessel vorgestellt, sie<br />

ist fast überall zu in so genannten Herden zufinden. So wird dann ein F<strong>und</strong>ort, der möglichst nicht an einer viel befahrenen<br />

Straße oder einem frisch gespritzten Feldrand liegen sollte, gleich ergiebig. Je früher an möglichst trockenen Tagen gesammelt<br />

wird, desto besser das Aroma. Es werden nur junge Triebe bzw. Blätter verwendet. Als Richtschnur empfehle ich<br />

die oberen 4, höchstens aber 6 Blätter. Ältere <strong>und</strong> größere Blätter entwickeln ein unangenehmes Aroma. Beim Sammeln<br />

die Handschuhe nicht vergessen, da an der Blattunterseite die bekannten Brennhaare sitzen. Keine Sorge, deren Giftladung<br />

entlädt sich beim Waschen, spätestens beim Blanchieren oder Kochen. Zum Transport ist eine Baumwolltasche geeignet,<br />

da durch die mögliche Atmung das Aroma am besten erhalten bleibt. Noch am gleichen Tag zu einem schmackhaften Gericht<br />

verarbeiten. Verbinden Sie doch Ihren nächsten ausgedehnten Frühjahrsspaziergang mit einer Sammelaktion. Es macht<br />

Spaß, es macht auch Mühe, aber es lohnt sich.<br />

Zwiebel fein würfeln <strong>und</strong> in Butter glasig<br />

dünsten. Brennnesseln fein gewiegt<br />

dazugeben <strong>und</strong> unter ständigem Rühren<br />

kurz mitdünsten.<br />

Mit Gemüsebrühe aufgießen, Tomatenmark<br />

<strong>und</strong> Gewürze einrühren <strong>und</strong> etwa<br />

10 Minuten leise köcheln lassen.<br />

Mit süßer Sahne, Salz <strong>und</strong> Pfeffer abschmecken<br />

<strong>und</strong> mit den gerösteten Weißbrotwürfeln<br />

bestreut servieren. #<br />

Brennnessel-Risotto<br />

Zutaten:<br />

1 Zwiebel<br />

Olivenöl<br />

200 g Risottoreis<br />

Weißwein<br />

Gemüsebrühe<br />

200 g Brennnesseln<br />

Parmesan<br />

Salz, Pfeffer, Curry<br />

Zubereitung:<br />

Zwiebel fein würfeln <strong>und</strong> in heißem Olivenöl<br />

glasig dünsten. Reis dazugeben<br />

<strong>und</strong> kurz mitdünsten. Mit Weißwein ablöschen<br />

<strong>und</strong> auf kleiner Flamme quellen<br />

lassen. Bei Bedarf Gemüsebrühe unterrühren<br />

<strong>und</strong> einköcheln lassen.<br />

Brennnesseln hacken <strong>und</strong> ebenfalls in<br />

Olivenöl andünsten.<br />

Brennnesseln <strong>und</strong> geriebenen Parmesan<br />

in das fertige Risotto rühren. Mit Salz,<br />

Pfeffer <strong>und</strong> Curry abschmecken. Eventuell<br />

noch mit ein paar Parmesanflocken bestreuen.<br />

#<br />

Brennnessel- Eiersalat<br />

Zutaten:<br />

400g Brennnesselblätter<br />

6 hart gekochte Eier<br />

Salz, schwarzer Pfeffer<br />

1 TL Senf<br />

2 EL Öl<br />

etwas Zitronensaft<br />

Zubereitung:<br />

Die Brennnesselblätter waschen <strong>und</strong> abtropfen<br />

lassen, kurz in kochend heißes<br />

Wasser legen (blanchieren), dann abtropfen<br />

lassen.<br />

Die Eier würfeln <strong>und</strong> mit den Gewürzen,<br />

Senf, Öl <strong>und</strong> Zitronensaft vorsichtig mischen.<br />

Brennnesselblätter unterheben.<br />

Ein Tipp zum Schluss: Sollten Sie nicht genug Brennnesseltriebe zusammenbekommen,<br />

einfach mit Spinat (frisch oder tiefgekühlt) auffüllen. Das mildert zudem noch den Wildgeschmack ab. #<br />

25


26<br />

Bericht | Text: Rechtsanwältin Annette Poethke<br />

§<br />

Neues aus dem <strong>Verkehrsrecht</strong><br />

Als Radfahrer in der Radfahrmetropole Münster stellt man sich<br />

unwillkürlich die Frage, ob denn die Fußgänger vogelfrei sind<br />

<strong>und</strong> insbesondere an Marktsamstagen, ohne links <strong>und</strong> rechts<br />

zu schauen, Prinzipalmarkt oder Rothenburg überqueren dürfen<br />

oder noch schlimmer dort flanieren, egal ob Radfahrer oder<br />

Autos sich nähern.<br />

Selbstverständlich gilt für alle Verkehrsteilnehmer die Gr<strong>und</strong>regel<br />

ständiger Vorsicht <strong>und</strong> gegenseitiger Rücksicht, wie man es<br />

auch in der Fahrschule gelernt hat:<br />

„Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, dass kein<br />

Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen<br />

unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.“ (§ 1 II<br />

StVO)<br />

Das Oberlandesgericht München hatte vor kurzem im Verhältnis<br />

von Fahrradfahrer zu Fußgänger einen Fall zu entscheiden <strong>und</strong><br />

die Haftungsquote festzulegen.<br />

Der Radfahrer Robert war auf einem gemeinsamen Geh- <strong>und</strong><br />

Radweg mit seinem Rad unterwegs. Er näherte sich einer Fuß-<br />

Leila<br />

Die knapp achtjährige Hündin Leila wurde vom B<strong>und</strong> gegen Missbrauch der Tiere (BMT)<br />

aus einer rumänischen Tötungsstation befreit <strong>und</strong> lebt seit Juni 2009 im Tierheim an<br />

der Kötterstraße. Anfänglich ließ sie sich nicht anfassen <strong>und</strong> wenn, dann erstarrte sie<br />

vor Angst. In ihrer Gruppe versteckte sie sich zunächst hinter den anderen Rüden <strong>und</strong><br />

Hündinnen. Kamen fremde Menschen an ihrem Gehege vorbei, geriet sie schnell in<br />

Panik <strong>und</strong> versuchte die Besucher immer zu verbellen. Besonders Männer bereiteten<br />

ihr extremes Unbehagen.<br />

Mit der Zeit legte sie jedoch ganz allmählich einen Teil ihrer Skepsis ab <strong>und</strong> mittlerweile<br />

lässt sie sich von einigen auserwählten Betreuern im Tierheim auch gerne <strong>und</strong><br />

ohne Anspannung streicheln. Sie hält sich bei Fremden weiterhin erstmal zurück.<br />

Wenn Leila allerdings einen Menschen in ihr Herz geschlossen hat, ist sie eine treue<br />

<strong>und</strong> anhängliche Begleiterin. Sie unternimmt momentan erste Erk<strong>und</strong>ungstouren auf<br />

dem Tierheimgelände <strong>und</strong> folgt ihrer Betreuerin wie ein Schatten.<br />

Wann Leila soweit ist, wie ein ganz normaler unbekümmerter H<strong>und</strong> ausgiebige<br />

Spaziergänge mit ihrem Zweibeiner zu unternehmen, ist ungewiss. Im Tierheim kann<br />

man auf die Bedürfnisse eines derart traumatisierten H<strong>und</strong>es nicht in dem Maße<br />

eingehen, wie es beispielsweise auf einer privaten Pflegestelle der Fall wäre. Wir<br />

wünschen uns daher ganz dringend, h<strong>und</strong>eerfahrene Menschen zu finden, die Leila<br />

eine Chance geben. Sie ist verträglich mit Artgenossen <strong>und</strong> auch Katzen <strong>und</strong> könnte<br />

von einem bereits im Haushalt lebenden souveränen H<strong>und</strong> nur profitieren. Wer bereit<br />

ist, Zeit <strong>und</strong> Geduld zu investieren, wird in Leila definitiv eine treue Gefährtin finden.<br />

Tierfre<strong>und</strong>e Münster e. V.<br />

Kötterstr. 198, 48157 Münster<br />

Telefon: 0251/ 32 50 58<br />

www.tierfre<strong>und</strong>e-ms.de<br />

gängertruppe <strong>und</strong> klingelte. Obwohl die Fußgänger nicht reagierten<br />

fuhr Robert ungebremst weiter. Die Fußgängerin Frieda<br />

trat zurück, wodurch es zum Unfall kam.<br />

Das Gericht hat beiden ein Fehlverhalten angelastet, da sie das<br />

Gebot der gegenseitigen Rücksichtnahme nicht beachtet haben,<br />

allerdings stufte das OLG das Fehlverhalten des Radfahrers Robert<br />

höher ein, da er die Fußgänger schon von Weitem gesehen<br />

hat <strong>und</strong> diese auf sein Klingeln nicht reagiert haben. Robert<br />

hätte also seine Geschwindigkeit drosseln müssen, so dass<br />

er jederzeit gefahrlos zum Stehen hätte kommen können. Er<br />

hätte also lediglich Schrittgeschwindigkeit von 5-7 km/h fahren<br />

dürfen. Der Haftungsanteil von Robert lag nach der gerichtlichen<br />

Entscheidung bei 2/3 <strong>und</strong> die Fußgängerin Frieda, da sie<br />

auf das Klingeln nicht reagiert hat, hatte den Schaden zu 1/3 zu<br />

übernehmen.<br />

OLG München, Urteil vom 23.10.2009 – 10 U 2809/09, BeckRS<br />

2009,28836 #


Bericht | Text <strong>und</strong> Fotos: Christine Klatt<br />

Was passiert, wenn man da so steht<br />

20 Minuten als Straßenmusiker<br />

Die Atmosphäre von heutigen großstädtischen<br />

Fußgängerzonen ist oft hektisch,<br />

überfüllt von großen Marken <strong>und</strong><br />

vielen Menschen, die diesen nachjagen.<br />

Ab <strong>und</strong> zu hasten die Ruhelosen an Inseln<br />

der Musik vorbei, Straßenmusikern,<br />

die Leidenschaft <strong>und</strong> Arbeit nachgehen,<br />

um bis zum Abend ein paar Euro<br />

im Gitarrenkoffer zusammen sammeln<br />

zu können. Aber wie ist das eigentlich<br />

so als Straßenmusiker? Daniel hat sich<br />

für die ~ als Anfänger in Sachen<br />

Straßenmusik in die münsteraner Fußgängerzone<br />

gestellt, Christine Klatt hat<br />

ihn <strong>und</strong> die Ruhelosen dabei aus sicherer<br />

Entfernung beobachtet.<br />

Der Aktion vorangegangen ist ein Anruf<br />

beim städtischen Ordnungsamt. Die<br />

Auflagen: Immer zur vollen St<strong>und</strong>e eine<br />

halbe St<strong>und</strong>e spielen, ohne Verstärker,<br />

dann 200 Meter weiterziehen, eine halbe<br />

St<strong>und</strong>e warten. Wenn man einen ganzen<br />

Tag spielen möchte, hat man die kleine<br />

münstersche Innenstadt bei diesen Abständen<br />

aber schnell verlassen. Und woher<br />

soll man eigentlich wissen, wann<br />

genau die 200 Meter erreicht sind? Bekommt<br />

man eine Strafe aufgebrummt,<br />

wenn man nur<br />

199 Meter gelaufen ist? Wie<br />

misst man das aus? Fragen<br />

über Fragen.<br />

Nach einer kurzen Zeit der<br />

Orientierung ist die richtige<br />

Stelle gef<strong>und</strong>en. Vor dem<br />

plakatierten Schaufenster einer<br />

großen Mobilfunkfirma,<br />

die mit dem Bild einer blonden,<br />

kichernden Frau am<br />

Handy dem Slogan „Ich liebe<br />

meine Redefreiheit“ ein<br />

bischen Mario-Barth-Humor<br />

verleiht, klappt unser Straßenmusiker<br />

Daniel seinen Notenständer auf.<br />

Die Gitarre darf erst in zwei Minuten aus<br />

dem Koffer geholt werden, denn die volle<br />

St<strong>und</strong>e hat noch nicht begonnen. Ne-<br />

ben ihm steht eine Gruppe pubertierender<br />

Jugendlicher, die Jungen pöbeln, die<br />

Mädchen gackern. Es ist ganz schön kalt.<br />

Dann geht es los. Daniel beginnt mit einem<br />

semibekannten Beatles-Song. Die<br />

Leute hetzen vorbei, ab <strong>und</strong> zu werfen sie<br />

ihm verstohlene Blicke zu. Nur zwei Tauben<br />

rücken auf einem Fenstersims über<br />

ihm immer näher zusammen, turteln <strong>und</strong><br />

gurren. Ihnen scheint die Musik zu ge-<br />

fallen. Beim dritten Lied gesellt sich ein<br />

Rollstuhlfahrer zu ihm, der andächtig ein<br />

paar Liedern lauscht, anschließend das<br />

Gespräch mit ihm sucht <strong>und</strong> dann wieder<br />

verschwindet. Ab <strong>und</strong> zu bleiben jetzt<br />

doch ein paar Leute stehen, dafür aber<br />

in sicherer Entfernung. Sie könnten da<br />

auch einfach so stehen, beispielsweise<br />

um auf die Fre<strong>und</strong>in<br />

zu warten, die nicht<br />

nur oft für wenig<br />

Geld mit ihren geschwätzigenFre<strong>und</strong>innen<br />

telefoniert,<br />

sondern auch ausgiebig<br />

shoppen geht.<br />

Bei echten Gassenhauern<br />

wie „Wonderwall“<br />

huscht ein<br />

Lächeln der Erkenntnis<br />

über gefrorene<br />

Gesichter. Schließlich<br />

bekommt Daniel<br />

von einem anderen<br />

Gitarrenspieler<br />

das Angebot, mal mit<br />

ihm zusammen die Strasse zu beschallen.<br />

Vielleicht klappt es ja dann mit der<br />

Menschentraube?<br />

Und dann sind die zwanzig Minuten auch<br />

schon um. Daniels Füße <strong>und</strong> vor allem<br />

Hände sind steifgefroren, wie er sagt,<br />

<strong>und</strong> seine Gitarre klingt auch irgendwie<br />

komisch. Das ist dem möglichen Straßenmusiker-Partner<br />

auch schon aufgefallen.<br />

„Die hat sich wohl wegen der Kälte<br />

verzogen. Vielleicht ist es eine Art Anfängerfehler,<br />

bei diesen Temperaturen zu<br />

spielen. Auch eventuelle Zuhörer bleiben<br />

wohl eher bei wärmeren Temperaturen<br />

stehen“, mutmaßt Daniel.<br />

Und wie war es nun da so zu stehen, frage<br />

ich ihn, der daraufhin die Situation<br />

mit einer „normalen“ Bühnensituation<br />

vergleicht: „Wenn du einen Auftritt hast,<br />

weißt du, dass die Leute wegen dir kommen.<br />

Du weißt, was sie von dir erwarten.<br />

Hier stehst du auch auf einer Art Bühne,<br />

aber die Situation ist viel unberechenbarer.<br />

Du weißt eben nicht, was die Leute<br />

von dir halten, von dir erwarten. Das<br />

macht den Unterschied aus.“ #<br />

27


28<br />

Bericht | Text: Horst Gärtner<br />

Schlussakkord<br />

Und dräut der Winter noch so sehr<br />

mit trotzigen Gebärden,<br />

<strong>und</strong> streut er Eis <strong>und</strong> Schnee umher,<br />

es muss doch Frühling werden.<br />

Dieses Gedicht, das Emanuel Geibel vor 150 Jahren schrieb, hat<br />

mich spätestens seit dem 1. März immer wieder aufgebaut,<br />

wenn ich morgens aus dem Fenster schaute <strong>und</strong> nach einem<br />

langen, strengen Winter die Dächer mal wieder wussten, dass<br />

die Straßen <strong>und</strong> Bürgersteige zum Schneeräumen reif waren. Ist<br />

es Ihnen auch so ergangen? Hoffentlich sind Sie ges<strong>und</strong> durch<br />

den Winter gekommen, denn jetzt wird es wirklich Frühling:<br />

Schneeglöckchen <strong>und</strong> Krokusse sind da, Narzissen, Tulpen <strong>und</strong><br />

Hyazinthen schauen schon aus der Erde, warten sehnsüchtig<br />

darauf, dass die kalte Luft endlich dort bleibt, wo wir sie am<br />

liebsten haben: im Norden <strong>und</strong> im Osten.<br />

Zu diesem Bild passt auch die gute Nachricht, dass David Garrett,<br />

den wir im Januar auf unserer Titelseite <strong>und</strong> im Interview<br />

hatten, für sein herausragendes, international anerkanntes<br />

Geigenspiel die goldene Kamera bekommen hat; auch von uns<br />

hierzu herzlichen Glückwunsch.<br />

Cloe <strong>und</strong> Clark<br />

Aber unsere Welt träumt nicht nur vom Frühling <strong>und</strong> verleiht<br />

nicht nur höchste Ehrungen, sondern Deutschland wird seit<br />

Monaten erschüttert von Meldungen, die uns fassungslos machen.<br />

Auch Münster, die lebenswerteste Stadt der Welt ist davon<br />

betroffen. Es gibt sie nicht mehr, die heile Welt; Dauergrollen<br />

in kirchlichen, staatlichen <strong>und</strong> privaten Schulen sowie<br />

Erziehungseinrichtungen, da, wo wir unsere Kinder in sicherer<br />

Obhut wähnten, wo ihnen der Weg zu einem gradlinigen Leben<br />

mit festen F<strong>und</strong>amenten gestaltet <strong>und</strong> geebnet werden sollte.<br />

Alles muss getan werden, um Licht in das Dunkel zu bringen<br />

<strong>und</strong> Vorsorge zu treffen, dass so etwas nicht wieder vorkommt.<br />

Wahlkampf ist in Nordrhein-Westfalen. Erneut fehlt uns die<br />

saubere Auseinandersetzung mit Sachargumenten, erneut wird<br />

der politisch Andersdenkende als „Gegner“ hingestellt, erneut<br />

spricht man von „Schlagabtausch“, erneut wird „Kaffeesatz gelesen“<br />

<strong>und</strong> alles heraus- <strong>und</strong> hervorgekramt, was nur irgendwie<br />

dazu geeignet sein könnte, den politisch Andersdenkenden<br />

in der Gunst der Wählerinnen <strong>und</strong> Wähler herabzusetzen. Wenn<br />

man genau hinschaut, dann merkt man, dass Politik auch etwas<br />

mit Macht zu tun hat. Wir meinen: Zaubern können sie alle<br />

nicht <strong>und</strong> alle müssen auch verantwortlich mit dem Geld umgehen,<br />

das wissen die Wählerinnen <strong>und</strong> Wähler <strong>und</strong> das sollten<br />

sich die Politiker immer wieder vor Augen halten!<br />

Ich wünsche Ihnen nach dem strengen Winter einen April mit<br />

Mai-Wetter. #<br />

Cloe ist ein hübsches, ca. sieben Monate altes dreifarbiges Katzenmädel <strong>und</strong> ihr Bruder Clark ein schwarzer Kater.<br />

Mit meinem schwarzen Bruder Clark kann ich bei meinen liebevollen Pflegeeltern nach Herzens Lust herumtollen. Erst<br />

aber verstecke ich mich gerne hinter Clark <strong>und</strong> schaue, ob die Luft rein ist. Ich kann sehr verschmust sein, aber wenn ich<br />

mich bedrängt fühle, dann kann ich noch gut fauchen. Clark dagegen ist sehr neugierig <strong>und</strong> zutraulich, er sucht förmlich<br />

die Nähe des Menschen. Mit dem Hochnehmen klappt es noch nicht gut.<br />

Natürlich sind wir beide sehr verspielt. Wir sind sehr rücksichtsvoll <strong>und</strong> vertraut miteinander. Deswegen wünschen wir<br />

uns, zusammen vermittelt zu werden. Am liebsten wäre uns ein ruhiger Haushalt ohne Kinder. Gerne mit Balkon.<br />

Kontakt: Tel. 0251/8469757 oder www.katzenhilfe-muenster.de


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