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Die Klinke

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<strong>Klinke</strong><br />

Literatur und Psychiatrie in Münster<br />

Jahresausgabe 2010 / Nr. 35<br />

kostenfrei zum mitnehmen<br />

9. Irrlichter Lesung<br />

Sonntag, 02. Mai 2010, 19.00 Uhr <strong>Klinke</strong> live!<br />

Studiobühne Münster, Domplatz 23a


Impressum<br />

<strong>Die</strong> KLINKE ist eine Zeitschrift aus<br />

dem Psycho-Sozialen Zentrum.<br />

<strong>Die</strong> KLINKE erscheint einmal im<br />

Jahr. Namentlich gekennzeichnete<br />

Artikel geben nicht unbedingt die<br />

Meinung der Redaktion wieder.<br />

Anschrift:<br />

<strong>Die</strong> KLINKE<br />

c/o Psycho-Soziales Zentrum<br />

Paulstr. 19<br />

48151 Münster<br />

Tel. 0251/39937-0<br />

e-Mail:<br />

psz@muenster.de<br />

Auflage: 1500<br />

Redaktion (im engeren Sinne,<br />

neben vielen externen “Textlieferanten“)<br />

dieser Ausgabe:<br />

Christoph Aschenbrenner, Henning<br />

Baxmann Hans-Jürgen Blümel,<br />

Nina Burmeister, Jens Dombrowski,<br />

Elke Falk, Jürgen Knoch, Eduard<br />

Lüning, <strong>Die</strong>ter Radtke, Jürgen Rath,<br />

Anke S., Regina Schmick, Regina<br />

Seehausen, Martin Schröer, Thomas<br />

Speich, Andreas Stork, Charlotte<br />

Tözlin<br />

Verantwortlich:<br />

Michael Winkelkötter<br />

Dank an:<br />

David Ehlert, Petra Wagner<br />

Zeichnungen:<br />

Jens Dombrowski, Jürgen Knoch,<br />

Gerd Vehreschild, Ingo Wabnik<br />

Titel: Regina Seehausen<br />

Seite 2: Nina Burmeister<br />

Fotos: Gerd Potthoff, Jens Dombrowski,<br />

Regina Seehausen, Michi K.,<br />

Gabriele Treige<br />

Inhaltsverzeichnis Seite<br />

Folter ist das klein’re Übel 4<br />

Gedichte 6<br />

Der Stempel 7<br />

Gefangen in der Psychomühle 8<br />

Gedichte 10<br />

Leichenleiber 11<br />

Gedichte 12<br />

Das Eis der Menschen 13<br />

Meine wilden Hunde 14<br />

Gedichte 15<br />

Wo Recht zu Unrecht... 18<br />

Kommt noch was 19<br />

Licht und Schatten des Showbiz 20<br />

Gedichte 21<br />

Irrlichter in Rheine 22<br />

Das Rosenhan-Experiment 25<br />

Schwäche ist es, die gleich Schuld 26<br />

Gedichte 28<br />

<strong>Die</strong> Tagesstätte / Raum der Stille / Urlaub 29<br />

Buchbesprechung / Notizen zur Psychiatrie 30<br />

Gedichte 31<br />

Psychiatrie oder Psychoterror 33<br />

<strong>Die</strong> Machtpsychiatrie 35<br />

Für meine Freunde / Das war Gut / Tragödie 37<br />

Psychose als Jenseits / Ein offener Wunsch 38<br />

Sternstunden / Frau mit drei Bällen 39<br />

Ein kleines Apercu 40<br />

Gedichte 41<br />

Der Wissenschaftler und die einbeinige Ente 45<br />

Der Mann und sein rechter Zeigefinger 46<br />

Ein letzter Sommer 48<br />

Das Rätsel der verschwundenen <strong>Klinke</strong>n 50<br />

Uns gibt es auch online: www.muenster.org/klinke<br />

<strong>Die</strong> <strong>Klinke</strong><br />

<strong>Die</strong> <strong>Klinke</strong> öffnet mir das Tor,<br />

an guten wie an schlechten Tagen,<br />

die Lust, das Leid hinaus zu tragen<br />

als kleines Lied im Dichterchor.<br />

Jens Dombrowski<br />

Sie können die Arbeit der <strong>Klinke</strong>-Redaktion tatkräftig<br />

unterstützen!<br />

Wenn Ihnen die aktuelle Ausgabe gefallen hat und Sie uns aktiv helfen wollen, auch in den<br />

nächsten Jahren weiterhin für die Belange von (ehemals) psychisch kranken Menschen<br />

einzutreten, dann freuen wir uns über eine Geldspende, die direkt für die Arbeit der Redaktion<br />

(Druckkosten, Satztechnik, Arbeitsmaterialien usw...) verwandt wird.<br />

Spendenkonto: Förderkreis Sozialpsychiatrie e. V., Bank für Sozialwirtschaft, Bankleitzahl<br />

370 205 00, Stichwort: „<strong>Klinke</strong>“, Konto Nr. 72 24 200<br />

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Gerd Vehreschild


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1.10.2009<br />

Kirche<br />

Liebe,<br />

Amen<br />

Ingo Wabnik<br />

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Irrlichter-Lesung in Rheine<br />

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Psychiatrie oder Psychoterror?<br />

Eine Betrachtung in zwei Teilen<br />

<strong>Die</strong> kränkende Psychiatrie<br />

oder <strong>Die</strong> Macht des Wortes<br />

„Ich bin noch nie so sehr gedemütigt und<br />

abgewertet, ja, regelrecht entwürdigt und<br />

traumatisiert worden, wie von der Psychiatrie.“<br />

So lautet eine Eintragung in mein Tagebuch vom Juli<br />

2008. Eine erschreckende Aussage, die man kaum<br />

glauben mag, da doch die Psychiatrie eigentlich das<br />

Gegenteil tun sollte: Ermutigen, das Selbstvertrauen<br />

stärken und stabilisieren!<br />

Juni 2008. Der Gestank des schlecht geputzten<br />

Klos, vor dem ich knie, verstärkt meine Übelkeit<br />

noch. Ich hoffe, das ganze Gift, das in meinem<br />

schmerzenden Kopf kreist, mit ’rauskotzen zu können.<br />

Aber sogar während ich den Mageninhalt würgend<br />

in die Kloschüssel göbele, drehen sich die<br />

immer selben Sätze in meinem Schädel. Nein, sie<br />

lassen sich nicht mit ’rauskotzen, sie bleiben und<br />

tun das, was sie schon seit Tagen, Wochen, Monaten,<br />

Jahren tun: Sie kreisen wie eine Endlosschleife<br />

in meinem Kopf. Und das nun, in den vielen Nachtstunden,<br />

in denen ich, zitternd vor Übelkeit, immer<br />

wieder den langen Flur zwischen Toilette und Pensionszimmer<br />

hin und her laufe, mit noch größerer<br />

Unnachgiebigkeit. Dabei weiß ich, hatte es schon<br />

gewusst, als sie diese verachtenden Sätze hasserfüllt<br />

zu mir sagte, dass das, was sie mir unterstellte,<br />

nicht stimmte, ja vollkommen absurd war. Dennoch<br />

hatten mich ihre Worte treffen können, hatten sich<br />

wie widerhakenbesetzte Giftpfeile in mich hinein gebohrt:<br />

Mein ganzes Umfeld würde ich abwerten mit<br />

meiner Schwarz-Weiß-Seherei, hatte sie behauptet<br />

und mein Protest hatte sie nur angestachelt, noch<br />

gemeiner werden lassen: Ich würde mit niemandem<br />

klarkommen und keiner würde mit mir klarkommen.<br />

Das hätte sich schon durch mein ganzes Leben gezogen<br />

und rühre von meiner schweren Persönlichkeitsstörung<br />

her, deren Wurzeln tief in meiner<br />

Kindheit lägen.<br />

Sie kannte mich gerade mal fünfzehn Minuten und<br />

wusste so gut wie nichts von mir.<br />

Ich hatte zuvor angedeutet gehabt, dass nicht alles<br />

stimme, was in den Gutachten und Arztberichten,<br />

die ich ihr mitgebracht hatte, über mich geschrieben<br />

stand, und dass einige dieser Fehldiagnosen<br />

mir den Boden unter den Füßen weggezogen hatten.<br />

Ihr Gesamturteil über meine Person war daraufhin<br />

zutiefst vernichtend ausgefallen: Sämtliche<br />

meiner Charaktereigenschaften waren laut ihres 27-<br />

<strong>Klinke</strong> 33<br />

seitigen psychiatrischen „Gutachtens“ gestört, nicht<br />

ein gutes Haar hatte sie an mir lassen können.<br />

Dabei war Frau Dr. C. so gut ausgebildet, war nicht<br />

nur Psychiaterin und Neurologin, sondern auch Diplompsychologin<br />

mit einer auffallend langen Liste<br />

von bescheinigten Zusatzqualifikationen.<br />

Immer wieder habe ich bei psychiatrischen Kontakten<br />

die Erfahrung machen müssen, dass man meist<br />

nur einseitig negativ gesehen und interpretiert wird,<br />

was einer regelrechten Verleumdung gleichkommt.<br />

Aus heilkundlicher Sicht eine Katastrophe.<br />

Bis dahin hatte man mir wenigstens noch mein gesundes<br />

Denken lassen können, aber für Herrn<br />

Dr. H.-P. musste auch das gestört sein, damit seine<br />

Diagnose einer „Schizophrenia simplex“ stimmte.<br />

<strong>Die</strong> Partnerschaft, die ich seit einigen Jahren führte,<br />

„war ja nix“, weil man bei einer „Schizophrenia simplex“<br />

zwar nicht wahnsinnig, aber zumindest, außer<br />

denkgestört, auch kontakt- und beziehungsunfähig<br />

war. Da vieles von dem, was ich ihm über mich und<br />

mein Leben zu vermitteln versucht hatte, nicht in<br />

seine schablonenhafte Vorstellungswelt passte, deklarierte<br />

er meine Gesprächsführung schlechthin als<br />

wirr.<br />

Auch für Frau Dr. C., die offensichtlich nur dazu<br />

imstande war, das den derzeitigen Normen Entsprechende<br />

nachzuvollziehen, lag das Problem<br />

ihres Unvermögens, mich zu verstehen in „meinem<br />

Unvermögen, mich verständlich zu machen“. <strong>Die</strong>s<br />

passte auch sehr hübsch zu der Persönlichkeitsstörung,<br />

in die mich wiederum einzuordnen sie sich<br />

entschlossen hatte.<br />

Es schien den Damen und Herren Fachleuten nicht<br />

aufzufallen, dass sie immer genau die Störungen in<br />

mir „wahr“-nahmen, die laut dem gerade aktuellen<br />

Symptomkatalog der Diagnose, die ich angeblich<br />

haben sollte, zugesprochen wurden. Da mir im<br />

Laufe der Jahre insgesamt ca. zehn verschiedene<br />

Diagnosen gestellt worden waren, war die Liste<br />

meiner angeblichen Schwächen, Störungen und<br />

Defizite sehr lang und wurde mit jedem Psychiaterbesuch<br />

länger.<br />

Was denn in letzter Zeit in mich gefahren sei, fragten<br />

mich meine Familienangehörigen und Freunde,<br />

wenn ich mich bei ihnen, die sie mich ja schon lange


und gut kannten, verunsichert erkundigte, ob sie<br />

mich für beziehungsgestört hielten oder für empathielos,<br />

ob ich respekt- und distanzlos sei, ob sie mit<br />

mir nicht klarkämen, oder ob sie glaubten, ich würde<br />

mich nicht bemühen ...<br />

Seit über einem Jahr ging das nun schon so, dass<br />

ich nur noch häppchenweise Schonkost zu mir<br />

nehmen konnte, beträchtlich abgenommen hatte<br />

und mich häufig übergeben musste. Es war die Wut,<br />

die fassungslose Wut, die nicht mehr von mir wich,<br />

seit ich mit der Psychiatrie zu tun hatte. „Mit Ihrer<br />

Wut erreichen Sie gar nichts, sie ist einfach nur<br />

des truktiv“, hatte Psychiaterin H. gesagt. Sie konnte<br />

nicht verstehen oder wollte es nicht, dass ich diese<br />

Wut brauchte, damit mich die darunter liegenden<br />

Gefühle von Verzweiflung und Angst nicht zerfraßen,<br />

dass meine Wut heilsam und notwendig war, um<br />

mich gegen die Zerstörung durch die Berufsgruppe,<br />

die mir eigentlich hatte helfen sollen, zu wehren.<br />

Frau H. schrieb meinen übermäßigen Wunsch danach,<br />

gesehen zu werden, meiner vermeintlichen<br />

psychischen Gestörtheit zu.<br />

Wieder einmal hatte ich für einen Rentenverlängerungsantrag<br />

eine fachärztliche Bescheinigung über<br />

das, was an mir „nicht richtig“ war, gebraucht, eine<br />

„Fehler- oder Störungsmeldung“, wie ich es nannte.<br />

Mittlerweile hatte ich richtig Angst vor diesen „Verleumdungsschriften“,<br />

diesen „Giftblättern“, konnte<br />

sie nicht mehr ertragen; zu viele hatte es in den letzten<br />

Jahren schon gegeben. Ich wollte dieses negative,<br />

zerstörerische Zeug über mich nicht mehr<br />

hören und lesen, wollte nicht mehr, dass so etwas<br />

Ekelhaftes überhaupt irgendwo in dieser Welt über<br />

mich kursierte. Es machte mich krank. Frau H., die<br />

ich notgedrungen um eine solche Bescheinigung<br />

bitten musste, verstand meine Not nicht: Ich wolle<br />

doch die Rente, da müsse sie schließlich schlimme<br />

Dinge über mich schreiben. Sie konnte nur die<br />

formale Seite sehen, nicht jedoch die heilkundliche,<br />

und als ich sie darauf hinwies, wie sehr mir diese<br />

Falschdiagnosen und Verleumdungen in der<br />

Vergangenheit psychisch geschadet hatten, erklärte<br />

sie sich für überfordert, sich auf beide Seiten einzulassen.<br />

Meine Bemühungen, zumindest in ihrem persönlichen<br />

Bild über mich auch einige positive Eigenschaften<br />

vorkommen zu lassen, um nicht wieder<br />

völlig desolat ihre Praxis verlassen zu müssen,<br />

machten sie sichtlich aggressiv. „Sie können sich<br />

nicht anpassen“, warf sie mir vor.<br />

Danach saß ich tagelang in meiner Küche und<br />

durchforstete mein ganzes Leben nach Anzeichen<br />

meines mangelnden Anpassungsvermögens - und<br />

das, obwohl laut Frau Dr. S., meine Fähigkeit zur Introspektion<br />

(Innensicht) und Selbstreflexion sehr gering<br />

sei. Immer wieder verfiel ich nach derartigen<br />

negativen Äußerungen von Psychiatern, im Versuch,<br />

den Wahrheitsgehalt zu überprüfen, in Grübeleien,<br />

um mich nicht fälschlicherweise mit diesem de-<br />

<strong>Klinke</strong> 34<br />

struktiven Mist zu identifizieren. Und diesen intuitiven<br />

Selbsterhaltungsdrang nennt die Fachschaft<br />

abwertend Grübelzwang.<br />

Mittlerweile nehme ich mir ein Beispiel an meinem<br />

Freund N., der sagt: „Ich höre gar nicht mehr hin,<br />

was die Psychiater sagen, die wissen doch selber<br />

nicht, was sie da reden. Ich erzähle denen auch<br />

nichts mehr von mir, die hören einem doch sowieso<br />

nicht zu“.<br />

Als ich Frau H. in der nächsten „Behandlungssitzung“<br />

darauf aufmerksam machte, wie sehr sie mich<br />

mit ihren Unterstellungen gekränkt hatte, wurde sie,<br />

ohne darauf einzugehen, sehr wütend und warf<br />

mich hinaus.<br />

Es ist für das Selbstverständnis dieser „Fachleute“<br />

bezeichnend, dass meine zunehmende Fähigkeit,<br />

auf derartige Kränkungen und Erniedrigungen<br />

kritisch zu reagieren, von diesen nicht gewürdigt,<br />

sondern als Misstrauen und erhöhtes Kränkungs -<br />

erleben pathologisiert wird.<br />

Neulich traf ich meinen Freund N. in der Apotheke<br />

wieder. Er war schlecht ’drauf. „Wenn ich will, dass<br />

es mir besser geht, muss ich möglichst wenig mit<br />

diesen Psychiatern und Sozialarbeitern zu tun<br />

haben“, sagte er und schüttelte resigniert den Kopf.<br />

Zuhause begegnete mir im Hausflur mein Nachbar<br />

A.: „Ich komme gerade von einem von denen, die<br />

uns nicht helfen können“, erzählte er. Da ich wusste,<br />

dass er schon seit vielen Jahren unter einer<br />

Schizophrenie litt, fragte ich, ob er bei seinem Psychiater<br />

war. „Ja“, sagte er, „aber das sind doch gar<br />

keine Psychiater.“ – „Wieso nicht?“ fragte ich verwundert.<br />

„Na, die wissen doch gar nichts, die reden<br />

doch nur irgendwas daher“, antwortete er.<br />

„Ich kenne nichts auf der Welt, das eine solche<br />

Macht hat, wie das Wort“, hatte Emily Dickinson,<br />

eine bedeutende amerikanische Dichterin des 19ten<br />

Jahrhunderts gesagt.<br />

Da doch der Psychiatrie am ehesten von allen<br />

schulmedizinischen Disziplinen die „Sprechende<br />

Medizin“ als Werkzeug dient, sollte sie sich der<br />

Macht des Wortes äußerst bewusst sein, sowohl der<br />

heilenden, als auch der kränkenden Macht, und<br />

sollte die Fähigkeit besitzen, das eine vom anderen<br />

zu unterscheiden. Sie sollte wissen, wie sensibel die<br />

menschliche Psyche auf Worte und deren Schwingungen<br />

reagiert, was ganz besonders auf Menschen<br />

zutrifft, die sich in einer labilen Phase<br />

befinden. Zumal man umso verletzbarer ist, je mehr<br />

man sich öffnet; nirgendwo sonst entblößt der<br />

Patient so sehr sein Innerstes.<br />

Unsere Psychiater, die in ihrer Ausbildung weder in<br />

Selbstreflexion geschult worden sind, noch darin,<br />

den Patienten ganzheitlich wahrzunehmen, sind bereits<br />

hiermit hoffnungslos überfordert. Kein Wunder,


sind sie doch jahrelang dazu gedrillt worden, in einer<br />

plumpen Schwarz-Weiß-Negativ-Sichtweise Heilungssuchende<br />

lediglich gezielt nach „Störungen“,<br />

also Schwächen, Defiziten und Abweichungen vom<br />

„Normalen“ abzusuchen, um sie dann gemäß vorgegebener<br />

so genannter „Störungsbilder“ in vorgestanzte<br />

Schubladen einzuordnen. Dass die<br />

Behandlung, die hiernach erfolgt, in den seltensten<br />

Fällen zu einer Heilung führt, wird schon seit langer<br />

Zeit immer wieder kritisiert. Eine Zunft, die den psychisch<br />

leidenden Menschen mit solch kränkenden<br />

Wortprägungen wie „persönlichkeitsgestört“ abstempelt<br />

und seine angeblich „defizitäre Persönlichkeitsstruktur“<br />

für sein Leiden verantwortlich<br />

macht, hat wahrlich wenig über die sehr komplexen<br />

und tiefgründigen Phänomene Krankheit und Heilung<br />

verstanden. Das sehr weltvereinfachende<br />

Denksystem der Psychiatrie, und vielfach auch der<br />

Psychotherapie, sind nicht dazu angetan, ein solches<br />

Verständnis zu ermöglichen.<br />

Selbst Eltern, die in den allermeisten Fällen nur das<br />

<strong>Die</strong> Machtpsychiatrie<br />

<strong>Klinke</strong> 35<br />

Beste für ihre Kinder wollen, werden sekundär mitgekränkt<br />

durch solch simplifizierende Ursachenerhebungen<br />

wie „vererbt“ oder „in der Kindheit durch<br />

Erziehung erworben“. Wer würde sich nicht schuldig<br />

fühlen bei dem Gedanken, etwas Defizitäres<br />

weitervererbt, geschweige seine eigenen Kinder<br />

krankgeprägt zu haben? Man hat schon erlebt, dass<br />

ganze Familien nach derartigen psychiatrischen<br />

Thesen, die als wissenschaftlich fundierte Tatsachen<br />

ausgegeben werden, depressiv wurden - nicht<br />

nur aufgrund der Versagensangst, sondern auch<br />

aufgrund der Sorge, dass eventuell auch in anderen<br />

Angehörigen oder in einem selbst das vermeintlich<br />

defekte Gen (das bis heute noch niemand gefunden<br />

hat!) seine Wirkung entfalten könnte. Aber auch<br />

solche Auswirkungen kümmern die Psychiatrie<br />

nicht, sie sind ihr noch nicht einmal bewusst.<br />

Eine Psychiatrie, die kränkt, ist krank, denn das Wenigste,<br />

was man von ihr erwarten können sollte, ist<br />

doch, dass sie, wenn sie schon nicht heilt, zumindest<br />

nicht kränkt. So sollte man zumindest meinen.<br />

„Willst Du den wahren Charakter eines Menschen erkennen, so gib’ ihm Macht“<br />

Abraham Lincoln<br />

Eigentlich hatte ich sie gar nicht aufsuchen wollen.<br />

Ich war sozusagen von meiner Krankenkasse, von<br />

der ich Krankengeld bezog, zur Aufnahme einer<br />

psychiatrischen Behandlung gezwungen worden.<br />

So saß ich ihr nun gegenüber. „Ich verschreibe<br />

Ihnen Stangyl“, sagte Psychiaterin G., krakelte<br />

etwas auf ein Rezept und hielt es mir hin. Anstatt<br />

danach zu greifen, verschränkte ich meine Arme vor<br />

der Brust und gab ihr zu verstehen, dass ich nichts<br />

von dieser gewaltsamen und nebenwirkungsträchtigen<br />

Symptomunterdrückerei hielte, also auch nicht<br />

dieses Antidepressivum einnehmen wolle. Daraufhin<br />

wurde sie böse: „Sie tun ja nichts dafür, dass es<br />

Ihnen besser geht!“ fuhr sie mich an.<br />

Nachdem sie erfahren hatte, dass ich mich, obwohl<br />

ich seit längerem unter Ängsten, Erschöpfung und<br />

depressiven Phasen litt, ganz bewusst nicht in die<br />

Hände von Psychiatern begeben hatte, unterstellte<br />

sie mir sogar, dass ich bislang fahrlässig mit meiner<br />

psychischen Erkrankung umgegangen sei und mich<br />

nicht darum gekümmert hätte. Nun, sie kannte mich<br />

kaum und konnte daher auch nicht wissen, wie sehr<br />

ich in all’ den Jahren, anstatt mich passiv zudröhnen<br />

zu lassen, aktiv und erfolgreich um die Verbesserung<br />

meines Zustandes gekämpft hatte.<br />

Seinerzeit war ich zu der Auffassung gelangt, dass<br />

wirkliche Heilung nur in der klaren und nicht durch<br />

Medikamente verschleierten Selbstwahrnehmung<br />

möglich ist, im Erspüren und Erproben dessen, was<br />

einem gut tut und weiterhilft. Das Spektrum der<br />

mich unterstützenden Aktivitäten erstreckte sich<br />

von Yoga, Meditation, alternativen Heilverfahren


über Musizieren, Natur und Arbeiten bis hin zu Gesprächen<br />

mit klugen Menschen und Psychotherapie.<br />

Ich ging meinen eigenen Weg, versuchte, auf<br />

mich selbst zu hören und machte dabei immer wieder<br />

die Erfahrung, dass es richtig ist, meiner inneren<br />

Stimme zu folgen.<br />

Zur Psychiatrie hatte ich kein Vertrauen. Ich ahnte damals<br />

schon, dass Psychiater aufgrund ihres in der<br />

Ausbildung erworbenen Welt- und Menschenbildes<br />

nicht in der Lage wären, mich so zu sehen, wie ich<br />

wirklich war, und mich deshalb völlig in die Irre leiten<br />

würden. Wie richtig meine Einschätzung war, sollte<br />

sich später, als ich aufgrund meiner Erwerbsunfähigkeit<br />

doch in Kontakt mit der Psychiatrie kam, zeigen.<br />

Immer wieder waren es die Kenntnis meiner selbst<br />

und das intuitive Gefühl, das etwas falsch lief, gewesen,<br />

die mich aus dem Irrgarten der Diagnosen und<br />

Behandlungskonzepte gerettet hatten, in die mich die<br />

Psychiater zu stecken versuchten.<br />

Das Dilemma dieser Berufsgruppe ist, dass sie sich<br />

für die einzig kompetente zur Behandlung der angeschlagenen<br />

Psyche hält. <strong>Die</strong>se vermeintliche „Allwissenheit“<br />

verengt den Blick, macht intolerant<br />

gegenüber jegliche Kritik an ihren Sicht- und Behandlungsweisen<br />

und verleitet zu Machtmissbrauch<br />

– Verhaltensweisen, die nicht selten auch in Psychotherapien<br />

zutage treten.<br />

„<strong>Die</strong> Würde des Menschen ist unantastbar“ heißt<br />

es in unserem Grundgesetz. Ein wesentlicher<br />

Aspekt dieser Würde ist das Recht eines jeden Menschen<br />

auf ein selbstbestimmtes Leben.<br />

Vielen Psychiatern ist Selbstbestimmtheit eher ein<br />

Dorn im Auge. Anstatt meine Selbständigkeit und<br />

mein Selbstvertrauen zu unterstützen, was eine<br />

wirkliche Hilfe gewesen wäre, musste ich mir wiederholt<br />

Sätze anhören, wie: „Sie tun ja nicht, was die<br />

Fachleute Ihnen sagen, das sind schließlich Experten“<br />

und „Man kann aber von Ihnen erwarten, dass<br />

Sie auf die Empfehlungen der Fachleute hören!“<br />

Man prophezeite mir, dass ich aufgrund meines<br />

„Ungehorsams“ Ärger mit den Behörden bekommen<br />

könne, was mir in meiner Situation natürlich Angst<br />

machte, da ich es als Erpressung und Versuch zur<br />

Zwangsbehandlung empfand. Ich habe nichts<br />

gegen Ratschläge, aber inwieweit ich sie befolge,<br />

muss in meiner eigenen Entscheidungsmacht<br />

liegen!<br />

<strong>Klinke</strong> 36<br />

Als ein Beispiel dafür, dass die „Heilmittel“ der<br />

Psychiatrie, also Psychopharmaka und gängige<br />

kassenzugelassene Psychotherapie-Verfahren,<br />

nicht immer die Mittel der ersten Wahl sein müssen,<br />

möchte ich eine Freundin erwähnen, die vor Jahren<br />

an einer Psychose erkrankt war und mittlerweile<br />

wieder vollständig gesund ist, obwohl (sie behauptet<br />

sogar: weil) sie weder Pillen geschluckt, noch<br />

sich einer psychotherapeutischen Behandlung unterzogen<br />

hatte. Sie war lediglich sehr vertrauensvoll<br />

ihren eigenen, individuellen Heilungsweg gegangen<br />

und hatte daraus sogar soviel gelernt, dass sie<br />

heute selbst im heilerischen Bereich tätig ist.<br />

Dass für erschreckend viele Psychiater die Würde<br />

des Menschen spätestens da aufhört, wo man dem<br />

regulären Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung<br />

steht, zeigte mir sehr eindrücklich Dr. L., den ich<br />

wegen seines ausgewiesenen neurologischen Fachwissens<br />

aufsuchte, da ich schon seit längerem unter<br />

zunehmenden Missempfindungen in der rechten<br />

Gesichtshälfte litt. Nachdem er hektisch zwei Nervenaustrittspunkte<br />

gedrückt hatte, schrieb er die<br />

Schmerzen und Taubheitsgefühle meiner Einbildung<br />

zu, in die ich mich hineinsteigern würde, da ich aufgrund<br />

meiner Angsterkrankung zu vernünftiger<br />

Wahrnehmung gar nicht fähig sei. Als ich mich<br />

gegen diesen Unsinn wehrte, entgegnete er: „Sie<br />

müssen sich schon etwas sagen lassen, sie werden<br />

schließlich von der Allgemeinheit mit durchgezogen.“<br />

Ich musste mir also, weil ich von Rente und<br />

Sozialhilfe lebte, meine gesunde Körperwahrnehmung<br />

absprechen lassen, und das ausgerechnet<br />

von einem Fachmann der Nerven- und Seelenheilkunde,<br />

der sich schließlich von dem Geld mit durchziehen<br />

lässt, das die Allgemeinheit, in berechtigter<br />

Erwartung einer kompetenten Behandlung, in das<br />

Gesundheitssystem einzahlt, und der als Gegenleistung,<br />

anstatt sich ein bisschen Mühe zu geben, nur<br />

dummes Geschwätz von sich gibt. Eigentlich müsste<br />

dieser Arzt, der zudem auch Rentengutachter<br />

ist, für derartig beleidigende Äußerungen bestraft<br />

anstatt honoriert werden.<br />

Meinem Gesicht geht es übrigens wieder gut. Wie<br />

mein Physiotherapeut sofort feststellen konnte, war<br />

ein Zuleitungsnerv durch eine Nackenblockade<br />

irritiert.<br />

Regina Seehausen<br />

Fotos: Regina Seehausen


<strong>Klinke</strong> 37


<strong>Klinke</strong> 38<br />

Gerd Vehreschild


<strong>Klinke</strong> 39


Studiobühne der Universität Münster<br />

Domplatz 23 a<br />

48143 Münster<br />

<strong>Klinke</strong> 40<br />

Unbedingt vormerken!<br />

Lesung am<br />

02. Mai 2010<br />

um<br />

19.00 Uhr<br />

in der Studiobühne Münster<br />

Domplatz 23a<br />

48143 Münster<br />

Eintritt: 4 € / 6 €


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Gerd Vehreschild


Gerd Vehreschild<br />

<strong>Klinke</strong> 44


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„Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt“, sagte Joachim Ringelnatz<br />

„Humor ist Tragik plus Zeit“, sagte Jürgen von der Lippe<br />

„Der Humor stirbt zuletzt“, sagt Regina Seehausen und erzählt uns folgende Geschichte:<br />

Der Mann und sein rechter Zeigefinger<br />

Kommt ein Mann zum Arzt, einem Orthopäden. „Herr<br />

Doktor“, sagt er, „wenn ich hier drücke“ – er drückt<br />

mit dem rechten Zeigefinger auf seine linke Schulter<br />

- „das tut weeh, und wenn ich hier drücke“, - er<br />

drückt mit dem rechten Zeigefinger auf die rechte<br />

Hüfte, „das tut weeh, und wenn ich hier drücke“, - er<br />

drückt mit dem gleichen Finger auf sein linkes Knie,<br />

„das tut soo weeh!“ Der Orthopäde untersucht die<br />

Schulter, die Hüfte und das Knie des Mannes und<br />

sagt: „Ich kann da nichts feststellen, ich glaube, Ihre<br />

Schmerzen kommen von den Nerven her, ich überweise<br />

Sie mal zu einem Neurologen.“<br />

Der Mann geht zu einem Neurologen und jammert:<br />

“Herr Doktor, mit meinen Nerven stimmt etwas<br />

nicht, wenn ich hier drücke“, - er drückt wieder mit<br />

seinem rechten Zeigefinger auf verschiedene Körperstellen,<br />

wie Kopf, Brust und Popo, „das tut weeh,<br />

ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie weh das tut!“<br />

Der Neurologe holt sein Hämmerchen, untersucht<br />

damit die Körperstellen, auf die der Mann mit dem<br />

Zeigefinger gedrückt hat, schüttelt den Kopf und<br />

sagt: „Ich kann da an Ihren Nerven nichts feststellen,<br />

bei Ihnen ist das psychosomatisch, ich glaube,<br />

Sie bilden sich die Schmerzen nur ein.“ – „Was“, ruft<br />

der Mann empört, „aber Herr Doktor, ich bilde mir<br />

die Schmerzen doch nicht ein, es tut wirklich weh,<br />

glauben Sie mir, wo ich auch drücke, es tut weh!“ –<br />

„Wenn ich bei Ihnen nichts feststellen kann, dann<br />

bilden Sie sich die Schmerzen nur ein!“ konstatiert<br />

der Neurologe. „Aber warum sollte ich das denn<br />

tun?“ fragt der Mann gekränkt. „Na, Sie haben dadurch<br />

einen Krankheitsgewinn“, sagt der Neurologe.<br />

„Einen was?“ ruft der Mann. „Einen Krankheitsgewinn“,<br />

erklärt der Neurologe, „sie profitieren von<br />

Ihren Schmerzen.“ – „Wie bitte, ja wieso das denn?“<br />

fragt der Mann ungläubig. “Na, das weiß ich doch<br />

nicht“, sagt der Neurologe, gereizt, „das ist ein Fall<br />

für den Psychiater, ich überweise Sie mal zu einem<br />

Psychiater.“<br />

Der Mann geht zu einem Psychiater und sagt weinerlich:<br />

„Herr Doktor, ich habe eingebildete Schmerzen<br />

und einen Krankheitsgewinn, können Sie mir<br />

helfen?“ Der Psychiater stützt sein Kinn auf dem<br />

rechten Daumen ab, legt nachdenklich den Zeigefinger<br />

über die Lippen und fragt: „Gibt es in Ihrer Familie<br />

irgendwelche psychischen Erkrankungen?“<br />

Der Mann überlegt, schüttelt den Kopf und sagt:<br />

„Nein, Herr Doktor, sind alle kerngesund.“ – „Hm,<br />

auch nicht unter Ihren Vorfahren oder entfernteren<br />

Verwandten?“ fragt der Psychiater weiter. Der Mann<br />

überlegt wieder, „ja“, sagt er, „mein Großonkel, der<br />

Onkel Theodor aus Nürnberg, der hatte mal De-<br />

<strong>Klinke</strong> 46<br />

pressionen gehabt“. – „Sehen Sie“, ruft der Psychiater,<br />

„da haben wir es, Sie sind depressiv!“ –<br />

„Was? Nein, Herr Doktor, ich bin nicht depressiv“,<br />

widerspricht der Mann, „mir geht es gut, ich bin<br />

glücklich, wirklich, wenn nur diese fürchterlichen<br />

Schmerzen nicht wären, egal, wo ich auch drücke“,<br />

er drückt wieder mit seinem rechten Zeigefinger auf<br />

verschiedene Körperstellen. „Das ist es ja“, erklärt<br />

der Arzt, bei Ihnen handelt es sich um eine larvierte,<br />

also versteckte Depression, und weil Sie die nicht<br />

sehen wollen, schieben Sie nun die Schmerzen vor,<br />

und das ist Ihr Krankheitsgewinn.“ Dem Mann verschlägt<br />

es zunächst die Sprache, dann stottert er:<br />

„Ja, aber aber, wo kommt die Depression denn<br />

her?“ – „Na, das ist ein genetischer Defekt, den<br />

haben Sie geerbt“, erläutert der Psychiater, „von<br />

Ihrem Onkel Theodor.“ - „Ach herrje, so ist das also<br />

alles!“ ruft der Mann erstaunt, „da wäre ich ja nie<br />

’drauf gekommen, wie gut, dass ich zu Ihnen gekommen<br />

bin! Was mache ich denn jetzt?“ Darauf<br />

der Arzt, sichtlich stolz, nun dank seiner Kompetenz<br />

den Schmerzen des Mannes auf die Spur gekommen<br />

zu sein: „Ich verschreibe Ihnen gegen Ihre Depression<br />

erstmal ein Antidepressivum, das übrigens<br />

auch schmerzdistanzierend wirkt, damit Sie sich<br />

nicht mehr so stark auf Ihre Schmerzen fixieren, und<br />

dann überweise ich Sie zu einem Psychotherapeuten,<br />

damit Sie mit seiner Hilfe Ihre verdrängte Depression<br />

bearbeiten können.“<br />

Der Mann geht dankbar nach Hause, schluckt folgsam<br />

jeden Tag seine Pillen und sucht einen Psychotherapeuten<br />

auf. „Was kann ich für sie tun?“<br />

fragt der Therapeut. „Ach, Sie werden es mir nicht<br />

glauben“, klagt der Mann, „ich leide unter einem<br />

Krankheitsgewinn: Ich bilde mir nämlich Schmerzen<br />

ein, egal, wo ich auch drücke, es tut ganz furchtbar<br />

weh. Und wissen Sie auch warum ich das tue?“ Nun<br />

flüstert er ganz geheimnisvoll: „Ich habe nämlich<br />

von meinem Onkel Theodor eine Depression geerbt,<br />

und die will ich nicht wahrhaben, verstehen Sie?“<br />

Der Therapeut lehnt sich in seinen Sessel zurück,<br />

schlägt die Beine über einander, verkreuzt die Arme<br />

vor seiner Brust und fragt: „Wie war denn eigentlich<br />

so Ihre Kindheit?“ – „Schön“, sagt der Mann spontan,<br />

„ja, ich hatte eine sehr schöne Kindheit.“ - „Ach<br />

wirklich?“ fragt der Therapeut misstrauisch, „erzählen<br />

sie mir doch mal Genaueres.“ - „Also“, erzählt<br />

der Mann, „meine Eltern waren sehr lieb zu mir,<br />

mit meinen Geschwistern habe ich mich sehr gut<br />

verstanden, auch meine Großeltern haben sich<br />

rührend um mich gekümmert…“ – „Mein Gott, das<br />

ist ja furchtbar“, unterbricht ihn der Therapeut, „kein


Wunder, dass sie depressiv geworden sind, sie sind<br />

ja völlig überbehütet aufgewachsen!“ Der Mann<br />

stammelt ganz entsetzt: „Aber, aber, ich war doch<br />

ein sehr glückliches Kind.“ – „Nein, nein“, Ihre Kindheit<br />

war gar nicht gut, dieses Überbehütetsein hat<br />

Ihnen sehr geschadet, sagt der Therapeut überzeugt<br />

und erklärt sachlich: „Es ist sehr typisch, dass<br />

Menschen mit einer Vergangenheit wie der Ihrigen<br />

ihre Depressionen unterdrücken und stattdessen<br />

körperliche Symptome entwickeln, wie undifferenzierte<br />

Schmerzen zum Beispiel, die mal hier und mal<br />

da auftauchen, genauso, wie Sie sie ja auch beschreiben.“<br />

Der Mann ist am Boden zerstört und<br />

fragt verzweifelt: „Und nun? Was machen wir nun?“<br />

Der Therapeut beruhigt ihn: „Wir arbeiten nun gemeinsam<br />

Ihre überbehütete Kindheit auf und dann<br />

wird es Ihnen wieder besser gehen.“ – „Und die<br />

Schmerzen?“, jammert der Mann. – „<strong>Die</strong> verschwinden<br />

dann auch“, beschwichtigt ihn der Therapeut.<br />

„Dann ist ja gut“, sagt der Mann erleichtert<br />

und lässt sich hoffnungsvoll auf die Therapie ein.<br />

Nach eineinhalb Jahren muss die Therapie beendet<br />

werden, weil die Krankenkasse nicht mehr zahlt.<br />

Der Mann ist nun sehr depressiv. Er kann seine<br />

falsch verlaufene Kindheit nicht überwinden und<br />

hat den Kontakt zu seinen Eltern und Geschwistern<br />

abgebrochen, da diese ihm ja sehr geschadet<br />

<strong>Klinke</strong> 47<br />

haben. Außerdem macht ihm sein genetischer Defekt<br />

große Angst, so etwas ist ja nicht heilbar.<br />

Nachdem die Antidepressiva seine Libido zum Erliegen<br />

gebracht haben, hat ihn seine Frau mitsamt<br />

den Kindern verlassen. Sie fand ihn auch nicht mehr<br />

attraktiv, so depressiv wie er nun geworden war, und<br />

so dick, als Nebenwirkung der Pilleneinnahme.<br />

Aufgrund seiner massiven Gewichtszunahme hat er<br />

nun auch noch Rückenbeschwerden bekommen.<br />

Um diese behandeln zu lassen, geht er zu einem<br />

Physiotherapeuten mit Zusatzausbildung in Osteopathie.<br />

Nachdem dieser seine Rückenschmerzen<br />

behandelt hat, fragt er den Mann: „Und, haben Sie<br />

sonst noch irgendwo Schmerzen, kann ich Ihnen<br />

sonst noch irgendwie helfen?“ – „Ja“, sagt der<br />

Mann, „wenn ich hier drücke“ – er drückt mit dem<br />

rechten Zeigefinger auf seinen rechten Oberschenkel<br />

– „das tut weeeh, und wenn ich hier drücke“, - er<br />

drückt mit dem Zeigefinger auf seinen linken Ellenbogen<br />

– „das tut weeeh, und wenn ich hier drücke“,<br />

- er drückt mit dem gleichen Finger auf seinen<br />

Nacken – „das tut so fürchterlich weh!“ - „Zeigen<br />

Sie mir doch mal Ihren Finger“, bittet der Osteopath.<br />

Er untersucht den rechten Zeigefinger des Mannes<br />

und ruft aus: „Kein Wunder, dass der weh tut, der<br />

ist ja gebrochen!!“<br />

(<strong>Die</strong>se Geschichte ist dem Physiotherapeuten Klaus Zierke gewidmet sowie seiner Frau und Mitarbeiterin Petra<br />

Zierke, die leider vor kurzem verstorben ist).<br />

Regina Seehausen<br />

Kennen Sie den schon….?<br />

Kommt ein Mann zum Psychiater und sagt: „Herr Doktor, ich bilde mir ein, ich sei ein Hund.“<br />

Sagt der Psychiater: „Na dann legen Sie sich mal auf die Couch.“<br />

„Nein“, ruft der Mann, „ich darf doch nicht auf die Couch!”<br />

(Aufgeschnappt von Regina Seehausen)


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