Bericht Kongoreise Stefan Zolliker April 2009 - EMK Thun ...

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Bericht Kongoreise Stefan Zolliker April 2009 - EMK Thun ...

Bericht Kongoreise Pfarrer Stefan Zolliker 5.4. bis 19.4.09

Wer eine Reise macht, muss sich zuerst mal irritieren lassen …

Wer in eine fremde Kultur mit anderen Sitten reist, der

muss sich nicht wundern, wenn Dinge anders laufen als

gewohnt. Ich will zuerst vom Sperrigen, vom

Ungewohnten, ja manchmal gar Verstörenden berichten …

Der Oster-Gottesdienst in Mulungwishi ist in vollem Gange.

Ich gehöre zu den 3 Pfarrern, die vorne in der Kirche

sitzen, etwas ausgestellt. Gegen Ende des Gottesdienstes

ist die Kollekte angesagt. Die Kollekte wird vorne

eingezogen, indem alle in einer Reihe an den

Kollektenbehältern vorbeigehen. Ich habe vorgesorgt und

eine 10 Dollarnote eingesteckt … doch oh Schreck, weil

Ostern ist, wird es heute zwei Kollekten geben! Wie ziehe

ich mich nur aus der Affäre ohne ein 2. Geldstück im Sack?

Ich bettle meinen Pfarrkollegen aus Fungurume an, der mir

eine 200 Franc-Note zusteckt. Ich flüstere ihm zu, ich würde ihm das Geld nachher

zurückgeben, aber leider kommt es nicht dazu. Ich, der reiche Weisse, musste also

am Osterfest einen armen Pfarrkollegen anpumpen, um nicht geizig dazustehen …

Bussreglemente sind bei uns detailliert ausformuliert. Das darf doch keine Frage der

Willkür sein, welches Vergehen wie viel kostet! Denkste, informiert uns der

kongolesische Fahrer. Er weist auf die überall an den Kreuzungen aufgestellten

Verkehrspolizisten und sagt: Diese haben keinen Lohn, sie leben nur von den Bussen -

meist von willkürlich verhängten Bussen. Er weiss zu berichten, Zimbabwe, Sambia

und andere umliegende Länder hätten sehr wohl präzise Bussenverordnungen - im

Kongo aber gebe es nicht mal Bussenreglemente. Du bist der Willkür völlig

ausgeliefert.

Wir sitzen abends draussen im Innenhof eines gepflegten Restaurants und essen ein

feines Nachtessen. Es wird kühler. Wir beschliessen, den Kaffee drinnen zu trinken -

doch hoppla, was haben wir nur für einen Salon erwischt! Da sitzen zahlreiche Frauen,

alleine, ohne Begleitung, schön herausgeputzt. Sie rücken näher, während wir den

Kaffee trinken, sie suchen Blickkontakt, ja werden gar aufdringlich - wir versuchen

schnell zu zahlen. Doch es zieht sich dahin, weil der Kellner keine Zeit hat - oder

gehört das zum Konzept, um von einer dieser Damen um den Finger gewickelt zu

werden?

Führungskräfte der Kirche kommen nicht mehr um

das Internet herum. Wir kommen mit dem

Distriktsvorsteher von Kolwesi ins Gespräch über

seine Bürogewohnheiten, … schliesslich erfahren

wir, dass er für den Internetanschluss 150 Dollar

pro Monat an die Telefongesellschaft bezahlt! Was

für eine Riesenstange Geld - doch er erklärt, dass

er seine Arbeit nicht mehr ohne Internet und Mail

machen könnte.


Bei einer Begrüssungsrunde macht Andreas einen Spruch, um sich zu entschuldigen:

wir hätten uns zu dieser Reise kurzerhand selbst eingeladen, weil wir es wichtig

fänden, die Kontakte mit den kongolesischen Schwestern und Brüder zu pflegen. Am

nächsten Tag belehrt uns der Gastgeber: So was könne man einfach nicht sagen im

afrikanischen Kontext! In Afrika kommt der Besuch unangemeldet, oder allenfalls

kündet er sein Kommen an. Aber keiner fragt seinen Freund, ob er ihn besuchen

dürfe, ob er Zeit hätte, um Besuch zu empfangen. So können nur Westler reden …

Dass Gottesdienste in Afrika 2-3 Stunden gehen, das war mir bewusst. Dass

Pünktlichkeit keine afrikanische Tugend ist, war mir auch klar. Aber dass es in

Gottesdiensten über eine Stunde gehen kann, bis die Leute da sind, das mitzuerleben

hat mich irritiert. In Mulungwishi ging es mehr als eine Stunde bis die Kirche

einigermassen voll war. Auch die Tauffamilien kamen zu spät, insbesondere auch die

Dozenten und alles, was Rang und Namen hat, kam erst deutlich später …

Nach einer Besprechung an der Universität in Mulungwishi möchten sie uns noch die

Baustellen mit den neuen Schlafräumen für die Studenten zeigen. Zu Fuss ginge es

bis dort vielleicht 20 Min. Doch wir vertrödeln lieber einen halbe Stunde und warten

bis die wenigen Autos im Dorf zusammengesucht wurden und zwängen uns in die

Autos und fahren mühsam über die Holperstrassen, statt dass wir zu Fuss hingehen.

Wer Rang und Namen hat, der geht halt nicht mehr zu Fuss. Es wäre geradezu eine

Beleidigung gewesen, einfach zu Fuss loszugehen, erklärt mir Andreas.

Ja, die Menschen im Kongo, die wissen noch, was es heisst, sich schön zu kleiden!

Absolut verblüffend, wie Männer und Frauen sich zum Gottesdienst herausputzen. Ich

hatte dummerweise weder Krawatte noch Kittel mit in meinem Koffer. Zum Glück hat

mir der Dekan auf dringendes Anraten eines Professors eine Krawatte ausgeliehen. Er

meinte auch, ich bekäme am Ostermorgen früh in der Sakristei einen weissen Talar,

deshalb könne ich auf den Kittel verzichten. Aber oh weh, es hatte nicht genügend

weisse Talare. So war ich an diesem Ostermorgen wohl der schlechtest gekleidete

Mann über 15 Jahren!!!

Achtung: Geh nie weiter, wenn sie im Kongo eine Fahne aufziehen oder einholen!

Andreas entging nur ganz knapp einer Verhaftung in Lubumbashi. Er eilte vom Hotel

ein paar Strassen weiter zum Internetkaffee und merkte nicht, dass an einer

Strassenkreuzung nur für ein paar Minuten alles stillstand, um das Einholen einer

Fahne würdig zu begehen. Der Mob hat ihn gestellt und beinahe verhaftet - nur mit

letzter Kraft konnte er ins Hotel rennen und sagen, dass er dort über die Sache reden

würde.

Zweimal hatten wir einen Platten auf der Reise.

Das eine Mal war der Fahrer hervorragend

ausgerüstet. Innert weniger Minuten war das

Werkzeug gefunden, der Wagenheber im Gebrauch,

das Ersatzrad sofort einsatzfähig, das Gepäck

wieder gut verstaut und die Reise konnte

weitergehen. Das zweite Mal war es ein Taxi in

Kolwesi, das uns zum Flughafen bringen musste.

Hier war’s leider nichts mit Ersatzrad und so. Zum

Glück kennt der Distriktsvorsteher viele Leute.

Er stieg aus dem Taxi, ging auf die andere

Strassenseite, winkte ein Auto der Minengesellschaft herbei und überredete ihn, uns

direkt zum Flughafen zu fahren. Wir waren glücklich, denn unser Flug ging

ausnahmsweise mal erstaunlich pünktlich.


Auch wirtschaftlich gesehen waren die Zeiten nicht rosig. Bei meiner letzten Reise in

den Kongo vor eineinhalb Jahren war die Stimmung positiver. Die Minengesellschaften

tätigten Investitionen und stellten neue Leute ein. Die Rohstoffpreise waren oben. Die

Stadt Lubumbashi vibrierte vor Hoffnung auf eine bessere Zukunft. In den Kirchen war

Aufbruchstimmung. Nun verlieren viele die Arbeit. Die Rohstoffpreise sinken. Die

Wirtschaftskrise trifft verblüffenderweise gerade die Armen. Die Amerikaner senken

ihre Zuwendungen im Bereich Mission und Entwicklung auf einen Bruchteil der

vorherigen Zuwendungen. Die Eisenbahner streiken, die Lehrer streiken, weil sie seit

über 2 Jahren keine Löhne mehr erhalten. Neue Gebühren werden erfunden. Die

Hoffnungen, die in den Präsidenten gesteckt wurden, sind verflogen. Das Regime sei

nicht weniger korrupt als das Mobuturegime, kritisieren einige sehr direkt.

Der Eisenbahnerstreik trifft Mulungwishi hart: fahren keine Züge, gibt es keine

Elektrizität; gibt es keine Elektrizität, geht die Wasserpumpe nicht, das bedeutet kein

Wasser in den Wasserleitungen; gibt es keinen Strom, können die elektrischen Geräte

nur sehr eingeschränkt mit Generatoren betrieben werden, wie soll da eine

Informatikfakultät funktionieren? Wie wollen sie Mails beantworten? Wie soll man sich

in der Nacht ohne Beleuchtung sicher fühlen?

Nach den Irritationen nun aber zur Faszination Kongo …

… und zu dem, was mich aufgestellt und ermutigt hat!!

Die Art und Weise, wie die Kongolesen mit Gästen umgehen, ist sehr berührend.

Zuerst mal danken sie Gott, dass wir gut gereist sind. Dann bewirten sie uns sehr

liebevoll, sie geben ihr Bestes; sie laden dich ein, es zu geniessen und doch nötigen

sie dich nicht. Meist gibt es verschiedene Speisen: 2-3 Sorten Fleisch oder Fisch und

du darfst auslesen - auch den Bukari mit feiner Sauce habe ich richtig lieb gewonnen.

Kuchen und Süsses kennen sie nicht so wie wir - doch eine Frucht zur Nachspeise, das

tut gut. Und oftmals schauen sie auch, dass du nach dem Essen auch noch eine kleine

Ruhezeit bekommst. Wenn du ein Haus verlässt, so begleiten sie dich bis zum Ende

des Grundstücks oder sie bringen dich an den nächsten Ort.

Schön ist es, als Schweizer im Kongo empfangen zu werden. Viele unserer Gastgeber

wissen etwas von der Geschichte, die die Schweizer EMK im Kongo hat; dass früher

zahlreiche Missionare aus der Schweiz im Kongo waren; oder sie wissen um die

kontinuierliche Unterstützung, die wir aus der Schweiz leisten. Sie sehen die

Schweizer als verlässliche Partner, die nicht auf spektakuläre Einzelaktionen aus sind,

auch als demokratischen Partner, mit denen man reden kann, die nicht nur diktieren

wollen.

Faszinierend war zu sehen, wie sich die Menschen in

Mulungwishi auch in ökonomisch zweiJahren hatte das

CDIM, das Landwirtschaftszentrum, 5 Fischteiche

angelegt, um die Nahrungsbasis zu erweitern und ein

neue Einnahmequelle zu suchen. Unterdessen hat es

in Mulungwishi ca. 40 Fischteiche. Einzelpersonen

tragen die Verantwortung dafür. Sie sagen: Und wenn

mal der Lohn nicht kommt, so haben wir doch was zu

essen. Ich bin gespannt, ob das ganze Handling mit

den Fischteichen auch funktionieren wird: Fütterung, Kanalsystem in der Trockenzeit,

Fischfang. Doch der Ansatz dahinter, sich selbst zu helfen, hat mich sehr gefreut.


Sehr gut getan hat es, mit Professoren und Aerzten und kirchenleitenden Personen zu

reden, die zum Teil mit Hilfe der Partnerkirchen eine vertiefende Ausbildung, z. Bsp.

ein Doktorat absolvieren konnten und nun voll motiviert in ihr Land zurückgekehrt

sind. Sie kennen auch die Geschichten derer, die nicht zurückgekehrt sind, weil sie in

Europa oder Südafrika oder Kinshasa mehr Geld verdienen können. Doch die

Leidenschaft, mit der sie der Kirche dienen, hat mich sehr berührt, auch wenn sie

nicht soviel verdienen, wie sie vielleicht könnten mit ihrem Ausbildungsniveau.

Beeindruckend sind für mich die Jugendchöre, die in den Gottesdiensten singen. Meist

sind es junge Menschen, ca. 15-25 Jahre alt, die ihre Freizeit in die Musik stecken. Sie

singen, unterstützt von E-Gitarren und Keyboard, teils auch acapella. Manche Lieder

choreografieren sie, aber nicht zu üppig. Sie können auch sanfte Töne anstimmen, um

Gebete und Segnungshandlungen zu unterstützen, dann wiederum drehen sie voll auf

und nehmen die Gemeinden mit. Meist sind es 12-20 Personen, also pro Chor nicht zu

gross. Dafür singen in einem Gottesdienst 2-4 solcher Chöre.

Ein grosses Thema sind Fragen der Leitung. Der

Dekan der theologischen Fakultät, David Persons,

organisiert Führungsseminare für Bischöfe,

Direktoren, Pfarrer und Professoren. In einem

Umfeld, wo Günstlingswirtschaft, Korruption,

Förderung von Menschen des eigenen Stammes,

etc. eine grosse Rolle spielen, ist es wichtig,

Leitungspersonen gut zu trainieren. „Soyez des

vrais serviteurs!“ so lautet das Jahresthema der

Gemeinde in Mulungwishi. Sie entdecken

miteinander auf allen Ebenen wie Christus den

Menschen gedient hat und wie gerade Leitungspersonen im Dienen und in der

Haushalterschaft wachsen können.

Die Christen im Kongo arbeiten mit viel bescheideneren Ressourcen als wir. Sie haben

viel, viel weniger Geld. Die Löhne steigen nicht. Die Preise jedoch schon. Vor allem in

Kolwesi habe ich etwas davon zu spüren bekommen und ahnen können, wie Menschen

sich aufopfern für die Kirche, wie sie alles geben für den Bau des Reiches Gottes:

- Ein Beispiel ist die Vollendung einer sehr grossen Kirche mit gegen 1’000 Plätzen.

Es ist die Eglise Monseigneur Katembo, die nun fertig gestellt ist. Ueber 100’000

Dollar haben die Christen im Distrikt Kolwesi selbst dafür gesammelt!

- Die Christen werden angeleitet, treu den Zehnten zu geben. Das ist ein grosses

Thema.

- Es gibt keine Rentenvorsorge wie bei uns. Die aktiven Pfarrer in Kolwesi geben

deshalb z.Bsp. ihren Zehnte für die pensionierten Pfarrer, damit diese ein

Auskommen haben.

- Um die Aufgaben der Kirche zu bestreiten, geben Christen aber nicht nur den

Zehnten, sondern manchmal noch darüber hinaus. Ca. einmal im Jahr ruft die

Kirche einen Opfermonat aus. Dann werden Christen gebeten, ihr ganzes

Monatssalär zu opfern! Und manche tun das und werden gesegnet.

- Natürlich benötigt die Kirche Mittel, um Kirchen zu bauen, Pfarrgehälter zu zahlen,

etc. Doch sie sammeln zugleich auch für Strassenkinder und für die Versorgung

von verarmten Witwen.

Sehr spannend war für mich, am Karfreitag einen Morgen lang mit der ganzen

theologischen Fakultät in der Kirche zu erleben. Alle versammelten sich für vier

Stunden zur Retraite. Das machen sie 3 Mal im Jahr. Das Thema war „Solidarität“.

In ganz verschiedenen methodischen Schritten wurde auf sehr lebendige Weise an


diesem Thema gearbeitet: Lobpreis, Referat, Gruppenarbeiten, Präsentation der

Ergebnisse, Diskussion, Musik, Schlusswort. Es war ein sehr lebendiger, partizipativer

Morgen. Eine Schlüsselfrage war: Die 2 bewaffneten Ueberfälle auf Menschen in

Mulungwishi im März hat eine Welle der Mitbetroffenheit, des gemeinsamen

Schockiertseins und der Solidarität ausgelöst - doch basiert die Solidarität denn nur

auf einer gemeinsamen Gefährdung? Wie können die Menschen in Mulungwishi aus

den verschiedenen Bereichen (Uni, Sekundarschule, Dispensaire, Landwirtschaft,

Kirchgemeinde) besser ihre Nöte und Aufgaben teilen? Mich hat die Diskussionskultur

sehr beeindruckt.

Toll für mich als Prediger war es zu erleben: Man applaudiert nicht nur nach einem

guten Konzert, sondern auch nach einer guten Predigt!!!

Ich durfte einer Andacht über Genesis 18 über die

Gastfreundschaft Abrahams beiwohnen. Ich habe

in den letzten Monaten oft über diesen Text

nachgedacht. Im Umfeld erfahrener afrikanischer

Gastfreundschaft hat dieser Text stark auf mich

gewirkt. Bei uns ist Gastfreundschaft oftmals so

was wie ein Lifestyleartikel. Ist doch schön, wenn

man etwas schön anrichten kann … Doch im

Kontext von Unterernährung, Vertreibungen,

weniger guten Verkehrswegen und grösserer

Unsicherheit wirkt der Text noch viel lebendiger

als bei uns. Der Prediger hat vor allem herausgearbeitet, wie die Situation des

schutzlosen Gastes sich mit der Situation eines guten Gastgebers zu einer besonderen

Kommunikationssituation verbindet. Auf dieser radikalen Gastfreundschaft heraus

wächst dann eine neue Fruchtbarkeit.

Nicht selbst erlebt, aber viel darüber gehört habe ich, wie die EMK im Nordkatanga

eine sehr starke soziale Kraft geworden ist. Sichtbarer Ausdruck davon ist die Wahl

des Bischofs Ntambo zum Senator durch das Provinzparlament im Nordkatanga. Die

Kirche engagiert sich stark im Bau von Spitälern, Schulen, Marktplätzen,

Gesundheitsprojekten, Aufnahme von Flüchtlingen, etc. Einige Pfarrer, die unter

Einsatz ihres Lebens mit den Mai - Mai -Kriegern verhandelt hatten, hatten einiges zur

Beendigung des Bürgerkrieges beigetragen.

Emotionale Höhepunkte

Zwei ganz besondere persönliche Höhepunkte waren

- die Feier und Mitgestaltung des Ostergottesdienstes

in Mulungwishi

- und die Tagesreise mit dem Propellerflugzeug von

„Wings in the morning“ nach Kabongo, zum

Wirkungsort meiner Schwester Dr. Ruth Zolliker in

den Neunzigerjahren. Es ist jedoch gar nicht so

einfach, diese emotionalen Höhepunkte in Worte zu

fassen.

Der Ostergottesdienst in Mulungwishi dauerte 3 Stunden. Die erste Stunde war

ziemlich liturgisch: mit Lesungen, Lobteil und Gebeten. In der 2. Stunde gab es

Kindersegnungen, Kindertaufen und Segnung und Taufen von Jugendlichen (wohl

eine Art Konfirmation). In die Gesichter der Jugendlichen zu blicken, die ihre Leben

Christus hingegeben haben, das hat mich tief bewegt. Ich verstand nicht alle


Feinheiten dieser Rituale, da vieles auf Suahili geschah. In der 3. Stunde durfte ich

dann predigen über Joh. 21,15-17: die dreimalige Frage von Jesus an Petrus, ob er

ihn wirklich lieben würde. Zum Glück hat Maman Martine Dr. Pitshi beauftragt, meine

Predigt ins Suahili zu übersetzen! So konnten viel mehr Leute mitfiebern. Das gab mir

etwas Pausen und erhöhte die Wirkung.

Die Ankunft in Kabongo war wie die Ankunft eines

Königs, der in sein Reich zurückkommt. Was für eine

Riesenmenge hat uns am Rand der Graspiste

abgeholt! Die Gespräche mit den Verantwortlichen

und der Besuch im Spital waren freundschaftlich und

informativ. In wenigen Stunden kannst du wenig

Details erfahren. Und doch hatte ich vom

Spitalpersonal einen motivierten Eindruck! Es wird

gearbeitet in diesem grossen Spital. Auf viele Fragen

über ihre Arbeit erhielten wir gute Antworten.

Spannend waren die Fragen, die mir über meine Schwester gestellt wurden: Ob es

stimme, dass sie nun geheiratet habe? Ob sie nicht vorhabe wiederzukommen, nun

sei doch Friede im Lande? Ob sie noch in Tansania lebe? Ich musste all diese Fragen

verneinen!

Erschreckt hat mich eine kleine Sache, die ich zuerst als Detektiv-Geschichte

angeschaut hatte. Andreas Stämpfli wusste noch, dass Ruth bei ihrem überstürzten

Abschied in Kabongo wegen den Unruhen viel Material zurücklassen musste, u.a.

auch ein Satellitentelefon. Das war damals noch ein grösseres Ding. Wir malten uns

aus, wie Detektive nach diesem Telefon suchen und es vielleicht hinter dem Haus im

Hühnerhof ausgraben … Ruth hatte uns noch gemahnt: Macht nicht zuviel Aufruhr um

die Sache, vielleicht haben sie es ja längst gefunden und jemand hat es gebraucht.

Wir haben dann den Spitalverwalter Sabin darauf

angesprochen. Doch der hat uns einen zünftigen

Schreck eingejagt. Er zeigte mit der Hand sofort auf

die Kehle und sagte: „Wegen der Sache hätten die

Soldaten mir beinahe die Kehle durchgeschnitten. Nur

mein guter Ruf hat mich gerettet. Das Telefon war im

Container mit Verbandstoff versteckt. Die Soldaten

durchsuchten alles und fanden es. Sie dachten, ich sei

würde damit dem Feind zudienen - wofür ich denn

sonst solch ein Gerät hätte …?“ Zum Glück konnte die

Sache geklärt werden.

Was beschäftigt die Menschen in unserer Partnergemeinde Mulungwishi

besonders?

Das Dorf wird grösser! Die Anzahl Studenten nimmt

zu! Letztes Jahr im Herbst haben sie in Abwesenheit

von Persons beschlossen, deutlich mehr neue

Informatikstudenten aufzunehmen als bisher. So

sind an der Universität zurzeit 42 Studenten in

Theologie eingeschrieben, 39 in der Fakultät

„Psychologie et Pedagogique“ und 212 (!) in

Informatik. Ich will nicht verschweigen, dass aus

europäischer, sprich strategisch planender Sicht, das

rasante Wachstum an der Informatikfakultät etwas

problematisch ist. Die Anpassung der Infrastruktur


hinkt bös hinterher. Aber so geht es halt in Afrika - man beginnt irgendwo unter

Bäumen ohne nichts mit einer Schule - und schaut dann Schritt für Schritt, was draus

wird.

Mein Freund Elie hat mich wiederum mit seiner Gastfreundschaft sehr beschämt. Elie

ist Pfarrer und Assistent an der Universität. Er gibt schon Kurse und möchte

unbedingt doktorieren - nur weiss ich nicht, wie ihm helfen, es sei denn der Rektor

und der Bischof schicken ein Gesuch an Connexio. Obwohl ich mit ihm in regem

Mailkontakt bin habe ich irgendwie verpasst, dass er unterdessen zum 5. Mal Vater

wurde. Seine Frau hat ihm wüst gesagt, als sie gemerkt hat, dass ich es nicht wusste.

Elie fällt wirklich durch kluge, durchdachte Gesprächsbeiträge auf.

David und Lory Persons beeindrucken mich durch ihre unermüdliche Arbeit, ihren

beharrlichen, bescheidenen Dienst. Noch wenige Jahre und sie werden in den

Ruhestand gehen. Früher gab es zahlreiche Weisse in Mulungwishi. Werden sie die

letzten sein? Wird es in Mulungwishi aufwärts oder abwärts gehen? Einerseits können

sie stolz sein auf manche kongolesische Professoren, die unter ihnen gross geworden

sind und nun selbst lehren. Und doch sind da manche Sorgen rund um die

Haushalterschaft, die Planung, die fehlende Bescheidenheit und das moralische

Vorbild dieser neuen Generation von Leadern … Grosse Sorgen bereitet ihnen, dass

die amerikanischen Methodisten ihre Beiträge wegen der Finanzkrise massiv

zurückgefahren haben.

Im Landwirtschaftsprojekt CDIM läuft nicht alles zum Besten. Löhne konnten nicht

bezahlt werden. Arbeiter haben ihre Stellen verlassen. Der Direktor hat zahlreiche

geschäftliche Sorgen. Das Vertrauen in die Verantwortlichen ist nicht nur gut. Leute

ziehen sich zurück. Die Menschen sind arm und können weniger Dienstleistungen

beziehen. Andererseits hat CDIM einen neuen Partner gefunden, der in sie investiert

und es zeichnet sich gar die Möglichkeit ab, eine Ferme zu übernehmen. Die

Gespräche mit dem Direktor waren offen und gut - es zeichnen sich neue Lichtstreifen

ab, dass die Probleme gemeistert werden können.

Das Dispensaire funktioniert gut. Dr. Napoleon leistet

gute Aufbauarbeit. Es ist einfach sehr unsicher, ob er

bleiben wird, da die amerikanischen Sponsoren, die

seinen Lohn zahlen, nur für 2 Jahre die Gelder

zugesichert haben. Die vergrösserte Maternité ist

fertig. Mit Geldern aus Dänemark konnten Matrazen

und Betten gekauft werden. Es fehlen noch kleinere

Einrichtungen wie Lampen, eine Türe, etc. Leider hat

Pfleger Jean das Dispensaire verlassen und arbeitet

nun südlich von Lubumbashi in einer Krankenstation

einer Minengesellschaft. Sehr schwer ist es, die Arbeit ohne Strom und ohne

fliessendes Wasser gut zu machen. Als nächsten Ausbauschritt planen sie den Bau

eines kleinen Operationstraktes mit amerikanischen Geldern.

Ebenfalls in Mulungwishi habe ich Pfr. Simeon

Kabombo Mpande angetroffen. Sein Vater war mit

seiner Familie in den späten 60er Jahren in der

Schweiz zur Lehrerausbildung und ging oft im Hause

meines Grossvaters aus und ein. Meine vor kurzem

verstorbene Grossmutter hat ihn in ihrem Testament

berücksichtigt und er soll nun einen Betrag erhalten,

den er zum Wohle des kongolesischen Volkes


einsetzen soll. Pfr. Simeon plant, in Fungurume ein grösseres Alphabetisierungs- und

Bildungszentrum für junge Frauen einzurichten. Er hat ähnliche Erinnerungen wie ich

an meinen Grossvater: wie Grossvater neben der Töpferscheibe sitzt und zeigt, wie

wir eine einfache Vase formen können. Zwei Dinge sind Pfr. Simeon v.a. von der

europäischen Kultur geblieben: „Man tötet keine Tiere“ und „Es ist wichtig zu

beachten, was dein und was mein ist.“

Ganz Mulungwishi stand im März im Zeichen der beiden bewaffneten Ueberfälle auf

zwei Professorenhäuser. Unterdessen hat sich die Lage etwas beruhigt. Die Menschen

bleiben wieder länger draussen. Die Menschen sind wieder zu einer gewissen Normalität

zurückgekehrt. Und doch sehnen sich alle dringend nach Strom, weil dann die

Nacht besser zu bewältigen ist. Es gibt Gerüchte, dass die Täter gefasst worden

seien.

Abschluss

Zehnmal bin ich in den zwei Wochen in ein Flugzeug

gestiegen und wieder gut gelandet.

Ich litt zwar teils unter Durchfall, doch bis auf ein

Meeting konnte ich bei allen Gesprächen mit dabei

sein und blieb recht gut in Form.

In manchen brenzligen Situationen hat uns Gott

bewahrt: Einmal wurde ich im Flugzeug ohnmächtig

als ich den Gang zur Toilette unter die Füsse nahm.

Zum Glück verletzte ich mich beim Sturz nicht. Ein

Raubversuch durch Jugendliche verlief glimpflich.

Die verschiedenen Transporte und Passagen von Zollstellen und Kontrollen verliefen

alle ohne grössere Probleme.

Das Klima war insgesamt sehr angenehm: Die Regenzeit ging Ende März zu Ende. Die

Natur war noch grün und doch war es nicht mehr so schwül. Die Temperaturen waren

angenehm, manchmal gar ein bisschen kühl - doch das tat gut.

Ich konnte es geniessen, sehr viel zu erleben, ohne viel organisieren zu müssen.

Mit den transportierten Geschenken hat es gut geklappt. Für Werders transportierte

ich einen Beamer, der ganz ankam und mit dem sie in einer Kirchgemeinde in

Lubumbashi am Karfreitag den Film „Passion of Christ“ zeigen konnten.

An den überbrachten französischen Kommentaren zum AT und NT hatten sie in

Mulungwishi grosse Freude!

Vor allem aber möchte ich meinem Staff in Thun und im Oberland danken, die die

kurzfristig eingefädelte Reise möglich gemacht hatten, weil sie meine Büez

übernommen haben. Ihr wart absolut sensationell! Mit euch zu arbeiten ist ein

grosses Geschenk! Ein grossartiges Dankeschön geht an:

- Johann Wäfler, Sam Humm und das ganze U-16-Team!

- Monika Zolliker, Johann Wäfler, Bernhard Krebs und Martin Rüd, die die

Gottesdienste gestalteten und für Stellvertretungen bereit waren.

- Reto Guntelach, Rosmarie Zosso und den andern Mitgliedern der Leitungsgremien,

die mir den Rücken frei gemacht haben!!

Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus

Christus: Er hat uns in seinem großen Erbarmen neu

geboren, damit wir durch die Auferstehung Jesu

Christi von den Toten eine lebendige Hoffnung haben.

1. Petr. 1,3

Stefan Zolliker, 25.4.2009

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