typisch evangelisch - Kirchenbezirk Geislingen

kirchenbezirk.geislingen.de

typisch evangelisch - Kirchenbezirk Geislingen

Evangelische

Nachrichten aus dem Filstal und dem Helfensteiner Land

2008/2009

Kirchenbezirks-Zeitung Geislingen

” Von der bunten

Vielfalt des

evangelischen

Glaubens

” Neues aus

Bezirk und

Gemeinden

” Aktuelles

Informationen

Evangelisch aus gutem Grund


Inhalt

Impressum

Zeitung des

Evangelischen Kirchenbezirks

Geislingen (Steige)

Nr. 11 – 2008/2009

vom 1. Juli 2008

Herausgeber:

Evangelischer Kirchenbezirk

Geislingen

Hansengasse 2,

73312 Geislingen (Steige),

Tel. (0 73 31) 4 17 61

Email:

Ev.Dekanat.Geislingen@t-online.de

www.kirchenbezirk-geislingen.de

Redaktion:

Anita Gröh, Daniela Hartmann,

Judith Heiter, Susanne Jutz,

Friederike Maier,

Gertraude Reich-Bochtler

Druck:

C. Maurer, Druck und Verlag,

Geislingen (Steige)

Layout, Repro, Satz:

Typografie + Medienwerkstatt

Hermann, Schlat

Auflage: 20.000

Vertrieb:

Evangelischer Kirchenbezirk

Geislingen

Titelbild:

„Kommunikation“

Textiles Wandbild aus

Seidenstoffen von Nicole Basien,

Bad Ditzenbach

Rückseite:

Typisch evangelisch

Fotos:

Gröh: 3, 7, 10, 13, 15, 17,

18, 19, 22, 23, 26, 27, 31,

43, 44, 45, 46, 47, 48

Privat: 4, 5, 6, 8, 9, 11, 14,

16, 19, 23, 24, 25, 28, 29,

30, 31, 32, 33, 34, 35, 36,

37, 38, 39, 40, 41, 42, 43,

44, 45, 46, 47, 48

OKR: 12, 21

V.i.S.d.P.:

Dekanin Gerlinde Hühn,

Hansengasse 2,

73312 Geislingen (Steige)

2 EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

3 Editorial

Gerlinde Hühn

4 Die neugewählten

Kirchengemeinderäte

6 Impuls

Friederike Maier

13 In eigener Sache . . .

25 Quiz: Bin ich evangelisch?

35 Wo finde ich Information und Hilfe

43 Von Menschen, Begegnungen und Jubiläen

Aus Kirche und Gesellschaft

7 Umfrage: Was ist typisch evangelisch?

8 Portrait

Ulrike Voigt

Gerlinde Hühn

10 Aus der Landessynode

Anita Gröh, Geislingen

Beate Keller, Süßen

12 Evangelische Kirche –

„nicht Kirche im eigentlichen Sinn?“

Frank Otfried July

14 Wie Geislingen evangelisch wurde

Karlheinz Bauer

16 95 Thesen verändern die Welt

Dr. Michael Kannenberg

17 Gemeinsamer Religionsunterricht

für Evangelische und Katholische

Johannes Geiger

18 Kleine Kirche im katholischen Umfeld

Gerlinde Hühn

Anita Gröh

20 Alles evangelisch, oder was?

Annette Kick

21 Singen ist evangelisch

Bernhard Leube

23 Gottes Wort vielfältig und lebendig

unters Volk bringen

Martina Rupp

24 Den eigenen Zugang zu Gott finden

Markus Hartmann

26 Wenn das Weib nicht mehr schweigt

Sabine Bayreuther

Aus dem Kirchenbezirk

28 „Ich will immer ein Anwalt der Armen sein“

Alfred Ehmann

29 Miteinander Glauben leben

Friederike Maier

30 Lobby für Kinder

Yasna Crüsemann

31 Evangelisch sein im Pflegeheim

Claudia Kupfer-Feine

32 Chorgesang im Krankenhaus

Klaus Hoof

33 Wenn man sich schon an Weihnachten

auf den Sommer freut

Daniela Hartmann

34 Genussvoll essen mit gutem Gewissen

Judith Riehle

Aus den Distrikten

DISTRIKT ALB

36 Gott ist treu – 15 Tage Zeltfestival

in Amstetten

36 Martin Luther und die Luther-Kirche

in Böhmenkirch

36 50 Jahre Posaunenchor Schalkstetten

DISTRIKT GEISLINGEN

37 Sozialführerschein in Geislingen

37 40 Jahre Christus-Kirche in Eybach

38 Künstlerisches Kleinod auf der Alb –

Die Michaelskirche in Stötten

38 It’s my life!? – Das etwas andere Fotoprojekt

DISTRIKT OBERE FILS

39 325 Jahre Pfarrei Ganslosen-Auendorf

39 Kunst in der Christuskirche

in Bad Ditzenbach

40 Martinskirche Gruibingen in

neuer Helligkeit

40 Gottesdienst für Motorradfahrer

40 Musik in der Kirche fürs Gemeindehaus

in Deggingen-Bad Ditzenbach

41 200. Geburtstag in Wiesensteig

DISTRIKT UNTERES FILSTAL

42 Augenblickmal – Ausstellung in Donzdorf

42 100 Jahre Kirchenchor Kuchen


Liebe Leserinnen und Leser

unserer neuen Kirchenbezirkszeitung,

„Evangelisch aus gutem Grund“

so lautet das Thema dieser Ausgabe, das

sich durch fast alle Artikel hindurch zieht

und von den verschiedenen Seiten beleuchtet

wird: Evangelisch im Kindergarten, im

Waldheim, im Religionsunterricht, in der

Kirchenmusik, in Umfragen, im Gegenüber

zu den Freikirchen, bei Ehepartnern unterschiedlicher

Konfession – das sind nur einige

der Themen, über die Sie etwas erfahren

können.

In einer Zeit, in der die religiösen Profile zu

verschwimmen scheinen, ist es sinnvoll,

sich immer wieder klar zu machen, welchen

Schatz wir an unserem reformatorischen

Erbe haben. Für Luther stand das Kreuz, an

dem sich Gott in Christus als der Liebende

offenbart, im Zentrum seiner Theologie.

Unser Titelbild weist darauf hin. Deutlich

wird auch die bunte Vielfalt innerhalb der

Evangelischen Kirchen.

Der Schwedenkönig Gustav Adolf II. (1594

bis 1632) hat die evangelische Kirche in

Deutschland gerettet. Sein Eingreifen bewahrte

die Protestanten davor, verfolgt und

niedergemetzelt zu werden wie die Hugenotten

in Frankreich, und sie konnten nicht

in die Illegalität gezwungen werden wie die

Evangelischen damals in Österreich.

Das nach ihm benannte Werk der Evangelischen

Kirche setzt sich heute noch zum

Ziel, kleine evangelische Minderheiten im

Ausland zu unterstützen.

Das Fest des Gustav-Adolf-Werks (GAW)

findet im kommenden Jahr wieder einmal

im Kirchenbezirk Geislingen statt.

Auch im Dekanat Geislingen gab es die Erfahrungen,

als Evangelische in der Minderheit

zu sein. Zwei Kirchengebäude, in

Donzdorf und in Wiesensteig, wurden mit

Mitteln des GAW gebaut. Inzwischen sind

diese beiden evangelischen Kirchengemeinden

dort zu einem deutlich wahrnehmbaren

Element im Leben des Ortes geworden.

Von vielen Seiten ist die Qualität unserer

Kirchenbezirkszeitung bereits gelobt worden.

Das liegt vor allem an unserem Redaktionsteam,

das sich von Jahr zu Jahr mehr

journalistische Kenntnisse aneignet und mit

großer Freude und mit Begeisterung für das

neue Thema zusammenarbeitet. Ihnen sei

an dieser Stelle gedankt für ihre Arbeit.

Ebenso danke ich den Gemeinden und ihren

Gemeindediensten, die wieder treu für die

Verteilung der Zeitung an die 20.000 evangelischen

Haushalte sorgen.

Ihnen, liebe Leser und Leserinnen, wünsche

ich viel Freude beim Lesen und Entdecken.

Und wenn Sie nach der Lektüre darin bestärkt

worden sind, dass es gut ist, dass es

unsere evangelische Kirche gibt, dann hat

sich unsere Arbeit gelohnt.

Es grüßt Sie

Ihre

Editorial

EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

3


GRUIBINGEN

WIESENSTEIG

AUENDORF

DEGGINGEN

4 EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

UNTERBÖHRINGEN

HAUSEN

SÜSSEN

DONZDORF

GINGEN

KUCHEN

„...dass die Kirche auf dem Grund des

Evangeliums gebaut wird.“

GEISLINGEN, MARKUSGEMEINDE

BAD ÜBERKINGEN GEISLINGEN, MARTINSKIRCHE


GEISLINGEN, STADTKIRCHE

GEISLINGEN, PAULUSGEMEINDE

Die neugewählten

Kirchengemeinderäte

EYBACH

STÖTTEN

STEINENKIRCH

TÜRKHEIM

AUFHAUSEN

WEILER O. H.

WALDHAUSEN

AMSTETTEN

SCHALKSTETTEN

BRÄUNISHEIM

STUBERSHEIM

HOFSTETT-EMERBUCH

EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

5


impuls

6 EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

Evangelisch aus gutem Grund?

Evangelisch auf gutem Grund!

FRIEDERIKE MAIER

Gründe fürs evangelisch sein, ließen sich spontan

einige nennen: Evangelische Pfarrer dürfen heiraten.

Eine Frau kann Pfarrerin sein. Lehrmeinungen

werden mehr in der Diskussion errungen, weniger

von der Kirchenleitung vorgegeben. Und in

Gesprächen mit Menschen begegnet mir oft die

Aussage: Der evangelische Glaube sei freier, verständlicher,

weltoffener, näher am Leben. Es gäbe

weniger Dogmen, Regeln und altertümliche

Gebräuche. All das könnte man als gute Gründe

nennen, evangelisch zu sein.

Doch den evangelischen Glauben nur daran fest

zu machen, greift für mich zu kurz. Ich möchte

weiter gehend fragen: Was macht unseren evangelischen

Glauben aus? Was ist die Grundlage?

Von der ursprünglichen Bedeutung her leitet sich

evangelisch“ von „Evangelium“ ab. Evangelisch

ist, was der „guten Nachricht“, was der „frohen

Botschaft“ entspricht.

Vier grundsätzliche Kennzeichen eines evangelischen

Glaubens hat die reformatorische Theologie

formuliert: Solus Christus – allein Christus,

sola gratia – allein aus Gnade, sola fides – allein

im Glauben, sola scriptura – allein die Heilige

Schrift.

In kurzen Sätzen erklärt, meint dies: Unser Heil

kommt allein von Jesus Christus her. In ihm

erweist Gott uns Menschen all seine Liebe. Aus

eigener Kraft können wir unser Leben nicht zurechtbringen,

mit unseren Werken unser Heil

nicht verdienen. Gott schenkt uns sein Ja aus

Gnade – „gratis“. Allein im Glauben haben wir

daran Teil. Und die Heilige Schrift ist es, die uns

Gott und seinen Heilswillen für uns offenbart.

Was heißt das ins Leben übersetzt?

Ein paar Spuren seien angedeutet.

Wer entscheidet darüber, ob mein Leben recht ist?

Nicht mein Tun und Lassen; nicht meine Leistung

und mein Versagen; schon gar nicht Macht, Geld

und Erfolg; auch nicht die Meinung der anderen.

Gott ist es, der mein Leben zurechtbringt – obwohl

ich Fehler mache, obwohl ich scheitere, obwohl

so vieles bruchstückhaft bleibt. Gott ist es,

der mir Heil schenkt, mich heil macht und mir zusagt:

„Du bist mein geliebtes Kind!“ Darauf zu

vertrauen, das ist evangelisch.

Die Heilige Schrift ist so etwas wie das „Grundnahrungsmittel“

für meinen Glauben: Ein Losungswort

begleitet mich durch den ganzen Tag.

Eine gute Predigt am Sonntagmorgen gibt mir

Kraft für die nächste Woche. Ein Denkspruch, ein

Wort Gottes, mir persönlich zugesprochen, geht

mit mir durch mein Leben. Davon lebe ich, dass

Gott mich anspricht – täglich neu.

Das „Priestertum aller Gläubigen“ besagt, dass

jeder Christ, jede Christin mündig den eigenen

Glauben gestalten kann und soll. Wohl gibt es

Pfarrerinnen, Diakone und andere, die speziell

zum Dienst der Verkündigung freigestellt und beauftragt

sind. Doch sie sind nicht höher gestellt,

sie sind genauso Glied am einen Leib Christi. Alle

wirken zusammen, jeder bringt sich mit seinen

Begabungen ein, zusammen sind wir Kirche!

All das und noch viel mehr ist evangelischer

Glaube – Glaube, der sich aufs Evangelium gründet,

der von der frohen Botschaft lebt. Evangelisch

auf gutem Grund!

Doch da lässt sich fragen: Ist solcher Glaube ein

Vorrecht der evangelischen Kirche allein? Erheben

die anderen Konfessionen nicht auch den Anspruch,

auf dem Grund des Evangeliums zu stehen?

Ist evangelisch also nicht gleich evangelisch?

Mit unserer Kirchebezirkszeitung wollen wir das

Gespräch darüber eröffnen.

Evangelisch auf gutem Grund, was heißt das

für Sie?

Friederike Maier,

Pfarrerin in Süßen


UMFRAGE:

Was ist typisch evangelisch?

Was schätzen Sie an der evangelischen Kirche?

Günter

Junginger,

Geislingen

Das kann ich so nicht sagen.

Ich finde alles normal. Ich

finde es sehr wichtig, dass es

die evangelische Kirche gibt.

Dass bestimmte Gruppierungen

in der evangelischen Kirche

sich nicht so politisch einbringen,

finde ich schlecht.

Felix Müller, Dekanatsreferent

im katholischen Kirchenbezirk

Göppingen-Geislingen:

Ich schätze das politische

und diakonische Engagement.

Ich bewundere die konsequente

Bestärkung junger Menschen

im Glauben durch die Konfirmation.

Ich kenne evangelische

Christen, die mit ihrem

Glaubenszeugnis nicht hinterm

Berg halten.

Maie Pollety, Geislingen

Typisch evangelisch?

Der evangelische Glaube.

Pfarrer Martin Ehrler,

St. Maria Geislingen:

Ich schätze an den Evangelischen

ihren Umgang mit der Bibel.

Dr. Dieter Wolf, Geislingen

Typisch evangelisch? Leider

immer weniger. Die Beziehung

zur Gemeinde geht sehr zurück.

Damit geht Engagement und

Bindung verloren. Problematisch

ist dies im persönlichen Bereich.

Die Orientierung für Einzelne

und die Gesellschaft verfällt.

Ich möchte keine kirchliche

Zentrierung. Individualität bei

gewissen Zielen, sowohl

politisch wie gesellschaftlich,

kann sich in der Kirche sehr

wohl zeigen. Auch bei der

Auseinandersetzung mit Muslimen

könnte dies sehr fruchtbar

sein, wenn wir Stellung beziehen

können.

Alwine Aubele, Nähe Ulm

Ich bin katholisch und wohne

in einer stark katholischen

Gemeinde. Ich erlebe die evangelische

Gemeinde als klein

und familiär.

Annemarie

Stütz,

Geislingen

Ich hole 14-tägig die Seniorinnen

und Senioren vom Samariterstift

in den Gottesdienst.

Unter evangelisch verstehe ich

Christsein. Ich habe mir noch

nie nähers Gedanken gemacht,

obwohl ich mitten drin bin

in der Kirche.

Vikar

Gerwin Klose,

Katholische

Kirchengemeinde

Süßen

Eine gewisse Freiheit, die es vielleicht

katholischer Seits nicht

gibt. In manchen Punkten kann

man mehr experimentieren, was

es heißt Kirche zu sein – mit

allen Chancen und Gefahren,

die das mit sich bringt.

Schwester

Arntraud und

Mitschwestern

der Vinzenz

Klinik in Bad

Ditzenbach:

An der evangelischen Kirche

schätzen wir: den Umgang und

Gebrauch der Heiligen Schrift

und des täglichen Losungswortes,

das Gesangbuch mit dem –

die verschiedenen Generationen

ansprechenden – Inhalt, die

melodisch und textlich sehr

schönen Choräle und Lieder,

den Dienst der Diakonissen und

der Diakonischen Schwestern

und Brüder, die Offenheit für die

Probleme in den Familien und

der Gesellschaft

Prälat

Hubert Bour,

Domkapitular

der Diözese

Rottenburg-

Stuttgart:

In Tübingen bin ich mit Evangelischen

in Berührung gekommen.

Da habe ich ihre Ernsthaftigkeit

kennen gelernt, mit

der evangelische Christen sich

auf das Wort Gottes einlassen.

Doris Zwiersch, Geislingen

Frei, aufgeschlossen, tolerant

nicht eng und stur.

Evangelisch ist man halt.

Gülcan

Özdemir,

Geislingen

Die Töchter meiner Nachbarin

gehen in den evangelischen

Kindergarten.

Gerda

Kottmann,

Geislingen

Nachdem alles so ökumenisch

ist, ist das schwierig.

Typisch evangelisch ist für mich

die Musik, Kirchenchöre und

Posaunenchöre.

7


P O R T R A I T

8 EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

Ulrike Voigt

GERLINDE HÜHN

Wer ist Ulrike Voigt? Wir begegnen einer brandenburgischen

Theologin, 45 Jahre alt. Sie ist

verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Seit 17 Jahren ist sie Gemeindepfarrerin in

Schlepzig; seit 8 Jahren Superintendentin des

Evangelischen Kirchenkreises Lübben im Spreewald,

bekannt durch seinen berühmtesten

Pfarrer, Paul Gerhardt. Wie lebt und arbeitet

Ulrike Voigt in einem Kirchenkreis und in einer

Landeskirche mit den Erfahrungen von 40 Jahren

atheistischem Staat? Wie ist das Verhältnis der

Bevölkerung zur Kirche? Warum ist Ulrike Voigt

Theologin geworden?

Warum Theologin?

Ulrike Voigt ist die Enkelin von Bischof Albrecht

Schönherr, der Vorsitzender des Bundes der

Evangelischen Kirchen in der DDR war. Auch ihr

Vater war Pfarrer.

Haben der Großvater und der Vater sie beeinflusst?

Eigentlich sei eher ihre Großmutter Annemarie

Schönherr ihr weibliches Vorbild als

Theologin gewesen, meint sie. Theologie studiert

habe sie aus dem Gefühl heraus,

„da müssen mehr Frauen rein“. Unter

2 Schwestern und 19 Cousinen und Cousins

ist sie als einzige ihrer Generation

in der Familie Theologin geworden. Die

großen männlichen Vorbilder empfand

sie lange als hinderlich. Sie musste sich

auseinandersetzen mit der Theologie der

Väter. Dadurch hat sie sich frei geschwommen

und ist zu eigenen Themen

gelangt. Es prägten sie die Feministische

Theologie von der Großmutter her, und

von der Mutter her die Seelsorgebewegung.

Ihre Mutter war eine der ersten

ausgebildeten Krankenhausseelsorgerinnen

in der DDR. Mit einem Wort: Ulrike

Voigt musste sich an den Vätern abarbeiten,

um zu dem zu gelangen, was von

den Müttern her kam.

Ihr Dienst

Das Amt der Superintendentin entspricht dem

einer Dekanin in Württemberg. Ulrike Voigt ist

Dienstvorgesetzte für Pfarrerinnen und Pfarrer

und Angestellte. Sie leitet den Kirchenkreis Lübben.

40 % ihrer Tätigkeit füllt der Pfarrdienst

aus. Da macht sie alles einschließlich Konfirmandenunterricht,

Beerdigungen, Frauenkreis

und vieles mehr. Verantwortlich ist sie auch für

die theologische Arbeit im Kirchenkreis und für

die Visitationen der Gemeinden. Zur finanziellen

Struktur erklärt sie, dass die Haushalte der

Kirchenkreise mit einem festen Budget auskommen

müssen, ähnlich wie in Württemberg die

Kirchenbezirke.

Der Kirchenkreis Lübben ist von der Fläche her

beinahe so groß wie die Stadt Berlin. Er hat

17,5 Pfarrstellen und 90 Kirchen, davon sind

89 denkmalgeschützt. 23.500 Gemeindeglieder

leben in 52 rechtlich selbständigen Gemeinden,

die aber zusammenarbeiten. Ein Pfarrer muss

bis zu zwölf Gemeinden versorgen und entsprechend

viele Predigtstellen.

Kirche im nichtchristlichen Umfeld

Kirche im nichtchristlichen Umfeld ist eine

große Herausforderung. „Unter den Nicht-Christen

herrscht eher eine große Gleichgültigkeit als

kämpferischer Atheismus“ meint die Superintendentin.

„Man begegnet der Kirche mit Misstrauen

und Ablehnung. Es gibt viele Leute, die

nie eine Kirche betreten würden. Jeder, der das

DDR-Schulsystem durchlaufen hat, ist an

folgende drei Sätze gewöhnt: Die Kirche ist

Opium des Volkes. Sie ist rückwärts gewandt

und unglaubwürdig. Die Pfarrer predigen Wasser

und trinken Wein. So kommt die Kirche mit

vielen Leuten gar nicht ins Gespräch. Deshalb

muss man als Pfarrerin Familienfeste wahrnehmen,

denn dort trifft man auch diese Leute.“

Wichtig ist Ulrike Voigt, dass die Kasualien, also

Taufen, Trauungen und Beerdigungen, insgesamt

gut gemacht sein müssen. Nur so könne ein

positiver Eindruck von Kirche vermittelt werden.

Die kirchliche Situation in der Nach-DDR fasst

Ulrike Voigt mit einem Zitat des Theologen

Wolf Krötke zusammen: „Die Kirche hat die

Menschen in Massen verloren, und wir können

sie nur einzeln zurückgewinnen.“

Kirche auf dem Land

Die Situation der Kirche auf dem Lande beschreibt

Ulrike Voigt pragmatisch. Nicht überall

kann alles angeboten werden. Der Grundsatz

ihrer Arbeitet lautet: „In einer Gemeinde

geschieht, was die Gemeinden selber erfinden.“

Dabei begleiten die Hauptamtlichen die Ehrenamtlichen,

helfen, die Arbeitsprozesse zu strukturieren,

greifen bei Konflikten ein, üben Seelsorge

in besonderen Fällen und führen die

Taufen, Konfirmationen, Trauungen und Beerdigungen

durch.

Ulrike Voigt stellt fest, dass die Gemeinden sehr

unterschiedlich sind. Es gibt Gemeinden, die die

kirchliche Arbeit bewusst in die Hand nehmen

und es gibt Gemeinden, die (noch!) gar nichts tun.

Als Beispiel erzählt sie von einem Miteinander

von 15 Gemeinden, die nur noch zwei Pfarrstellen

haben. Dort wurde ein Gemeindeberatungsprozess

begonnen, um den Neuanfang vorzu-


ereiten, da die zwei Pfarrer demnächst in den

Ruhestand gehen. „Es passieren erstaunliche

Dinge“, beobachtet Ulrike Voigt. Ein Kinderkirchkreis

wurde von Gemeindegliedern ins

Leben gerufen, in einer anderen Gemeinde ein

Hausgesprächskreis gegründet. Auch engagieren

sich Gemeindeglieder kirchenmusikalisch. In

einem Dorf bietet sich eine Familie als kirchlicher

Ansprechpartner an. Einmal im Monat gestaltet

sie einen Kindernachmittag für alle Kinder des

Dorfs – auch für die nicht-evangelischen. Alle

15 Kinder des Ortes kommen. Die Christenlehre

findet zentral in den Schulorten statt, weil in

den jeweiligen Gemeinden keine Gruppe groß

genug ist. In vielen Dörfern gibt es nur noch

ganz wenige Kinder.

Zukunft mit Kindern

„Wir haben wenige Kinder, aber investieren

überproportional in sie“, berichtet die Superintendentin.

Die Frage ist jedoch, ob diese Kinder

der Kirche erhalten bleiben. Es kommen viele in

den Konfirmandenunterricht. Eine Austrittswelle

ereignet sich beim Antritt der ersten Arbeitsstelle,

wenn Kirchensteuer zu zahlen ist. Aber

Ulrike Voigt ist überzeugt, dass Menschen, die

im Kinder- und Jugendalter gute Erfahrungen in

der Kirche gemacht haben, wiederkommen. Sie

tauft jetzt die Kinder ihrer ersten Täuflinge und

Konfirmanden.

Ulrike Voigt ist noch im selben Dorf Pfarrerin, in

dem sie vor 17 Jahren angefangen hat, nämlich

in Schlepzig. 685 Einwohner, 350 Evangelische,

also ein großes Dorf mit einer guten Infrastruktur:

Es gibt Geschäfte, ein Hotel, Gasthäuser, der

Ort ist lebendig, „da brummt es“ sagt sie zufrieden.

Kinder treffen sich im Mütter-Kind-Kreis,

dem so genannten „Zwergenkreis“. Auch nichtkirchliche

Mütter kommen. Die Kinder werden

dann in die evangelische Grundschule eingeschult.

Es kommt vor, dass sie ganze Familien

tauft.

Kirche und Schule

In der Schule sind Ressentiments auf beiden

Seiten da. Es hat nie eine öffentliche Entschuldigung

für die Repressionen gegen Christen in

den DDR-Schulen gegeben. Auch heute noch

gibt es starke Ablehnung von Seiten mancher

Schulen gegenüber der Kirche. Deshalb ist es oft

schwer, den Religionsunterricht in den Schulen

zu verankern. Er ist nicht einmal ordentliches

Lehrfach. „Die Einstellung hängt sehr stark vom

Schulleiter aber. Wenn es Schulleiter vom alten

Schlag sind, arbeiten sie dagegen. Es gibt allerdings

auch Schulen, an denen der Religionsunterricht

als Bereicherung erlebt wird“, sagt Ulrike

Voigt.

„Kleinarbeit ist nötig, so Ulrike Voigt. Die Kirche

muss mit guter Qualität in die Schulen gehen,

im Gespräch mit Lehrern

offen reden und nicht

ideologisch sein. Es geht

über persönliche Kontakte.“

Ulrike Voigt hat

eine evangelische Grundschule

gegründet, weil sie

erlebt hat, wie wenig veränderungsbereit

die staatlichen

Schulen sind.

In den Familien gibt es zu

wenig gelebten christlichen

Alltag. An den

evangelischen Schulen

können die Kinder eine

christliche Sozialisation

bekommen, die sie woanders

nicht erhalten. Die Gesellschaft brauche

Kinder mit einer nachhaltigen christlichen Erziehung.

An der evangelischen Grundschule in

Lübben werden auch nichtchristliche Kinder

aufgenommen. Ulrike Voigt hält dies für eine

missionarische Gelegenheit. Die verschiedenen

Kinder lernen sich gegenseitig wertschätzen.

Staatliche Grundschulen empfinden die kirchlichen

als Konkurrenz.

Der Rechtsradikalismus

Der Rechtsradikalismus ist nach Ulrike Voigts

Erfahrung ein Problem in Lübben. „Der Rechtsradikalismus

ist nicht nur ein ostdeutsches Phänomen,

sondern eine Herausforderung für Kirchen

und Gemeinden in ganz Deutschland, der wir

uns stellen müssen“ sagt sie.

PROTESTANTISCHE VORBILDER

Sie ist der Auffassung, dass sich 1933 nicht

wiederholen werde. Aber diese rechtsradikalen

Gruppen verbreiteten Angst. Sie würden Vorurteile

gegen Ausländer, Juden und Christen pflegen.

Sie hätten simple Antworten auf komplexe

Probleme und schafften es, ein Klima von

Angst, Vorurteilen, Hass und Misstrauen zu

erzeugen. Dadurch entstehe eine Bunkermentalität.

Sie war eine der ersten Frauen,

die Pfarrerin werden wollten.

Die Methode der Rechtsradikalen sei, gesell-

Doch sie wurde von der Kirche

schaftliche Orte zu besetzen. Sie böten zum

an die Berufsschule abge-

Beispiel an, das Kriegerdenkmal zu pflegen. schoben.

Dann hieße es: „So nette junge Männer“. Ina Gschlössl, 1898 geboren,

Auch Jugendarbeit bieten sie an, sozusagen eine nimmt das evangelische Theo-

Pfadfindergruppe mit rechter Einstellung. Die logiestudium im Jahr 1922 auf.

Kirche müsse vor ihnen da sein und Alterna- Da gibt es zwar noch keine

tivangebote haben. Die Kirche müsse das Aussicht für Frauen, fürs Pfarr-

Hinsehen fordern, wenn die Menschen einamt zugelassen zu werden.

Aber träumen wird man ja

geschüchtert würden.

wohl dürfen. Doch ihr Lebenstraum

platzt. Zwar dürfen

Die Zukunft der Kirche

Frauen ab 1927 Vikarin wer-

Wohin steuert die Kirche, was sind die

den. Doch die unbequeme

Gschlössl wird im November

Zukunftsvisionen von Superintendentin Voigt?

1927 an die Berufsschule

In einem langen, nun schon 10 Jahre andauern- „abkommandiert“, wie sie selber

den Veränderungsprozess wurden in Branden- bis ins hohe Alter immer wieder

burgischen Landeskirche bisher 40 % der Pfarr- bitter beklagt.

stellen abgebaut. Bei den Angestellten ist es so

EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

9


Aus Kirche und Gesellschaft

ähnlich. Fusionen von Kirchenkreisen und Gemeinden

fanden und finden statt.

In drei Punkten fasst Superintendentin Voigt die Trostbotschaft

zusammen, die von Lübben nach Geislingen

gesandt werden kann angesichts der augenblicklichen

Situation:

1. Die Kirche lebt nicht davon, dass sie viele bezahlte

MitarbeiterInnen hat.

2. Es ist schmerzhaft, von vielem Abschied nehmen zu

müssen. Doch Abschied ermöglicht

Neubeginn und Neubesinnung. Man

bekommt die Hände frei für Neues.

3. Wenn Gott möchte, dass Kirche da

ist, wird Kirche da sein, unabhängig

von den Ressourcen.

Das Gespräch mit Ulrike Voigt

führte Dekanin Gerlinde Hühn

Was sagt Ulrike Voigt zu . . .

Freikirchen

Wenn wir auch mal so wären – gut, dass wir

nicht so sind.

Martin Luther

Gut, dass er so eine starke Frau hatte.

Was ist Ihre Stärke?

Ich kann gut andere Menschen einbeziehen

und für etwas begeistern.

Was ist Ihre Schwäche?

Ich nehme mir mehr vor, als ich schaffen kann.

Was ist Ihr Traum von Kirche?

Ich halte in einem Dorf an, betrete die offene

Kirche, treffe dort Gemeindeglieder, die

gemeinsam den nächsten Gottesdienst vorbereiten

und mit Freude dazu einladen.

Gibt es ein Vorbild?

Meine Großmutter, Annemarie Schönherr.

Das ärgert Ulrike Voigt:

Menschen, die an allem immer nur das

Schlechte sehen können – und schlecht vorbereitete

Gottesdienste.

Was würden Sie mit einem Lottogewinn

machen?

Ein Schulhaus für die Evangelische Grundschule

Lübben bauen.

Was ist Ihr Lieblingsbuch?

Thomas Mann: Joseph und seine Brüder

Ihr Lieblingsessen?

Spreewälder Spargel mit neuen Kartoffeln

Lieblingsstelle in der Bibel?

Johannes 4, Jesu Gespräch mit der samaritanischen

Frau am Jakobsbrunnen;

Deuterojesaja, es hat einen schönen Anfang:

„Tröstet, tröstet mein Volk“. Ein biblisches

Buch, das nahe bei den Menschen ist, die

Menschenfreundlichkeit Gottes verkündet und

seelsorgerlich mit den Menschen umgeht.

10 EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

A U S D E R

Ich will in meinem Teil

dafür Sorge tragen

ANITA GRÖH

„Willst du dir das wirklich antun?“ Dies hörte ich nicht nur

einmal, als die Anfrage kam, ob ich bei der Kirchenwahl im

November 2007 für die Landessynode kandidieren würde.

In der Entscheidung, ob Ja oder Nein, ließ mich dieses

„Willst du dir das wirklich antun?“ schon nachdenklich

werden. Es ist ja nicht nur eine Frage, sondern auch eine

Wertung mit einer doch recht negativen Vorstellung von

einem Wahl-Amt.

Was letztendlich meine Entscheidung zum „Ja“ beeinflusste,

ist meine Überzeugung, dass wir weiterhin eine

Volkskirche brauchen. Eine Volkskirche, die vor Ort präsent

ist. Eine Volkskirche, die Menschen zur Seite steht in

der Verkündigung, der Seelsorge, der Bildung, der Beratung

und der Hilfe in Nöten aller Art. Eine Volkskirche,

die sich als starke Institution für Menschen einsetzt. Eine

Volkskirche, die gewählte Gremien hat, in denen die

Entscheidungen über die inhaltlichen Schwerpunkte, die

Strukturen und Finanzen demokratisch getroffen werden.

Eine Volkskirche, die Kirche für alle ist und nicht nur für

bestimmte Zielgruppen. Eine Volkskirche, die sich ihrer

evangelischen Tradition bewusst ist, und die ihren Auftrag

kennt und voran bringt.

Alle Landessynodalen wurden bei der konstituierenden

Sitzung der Landessynode am 23. Februar 2008 von

Landesbischof Frank Otfried July mit folgendem Gelübde

verpflichtet:

„Ich gelobe vor Gott, mein Amt als Mitglied der Landessynode

im Aufsehen auf Jesus Christus, den alleinigen

Herrn der Kirche, zu führen. Ich will in meinem Teil dafür

Sorge tragen, dass die Kirche in Verkündigung, Ordnung

und Leben auf den Grund des Evangeliums gebaut werde,

wie es in der Heiligen Schrift gegeben und in den

Bekenntnissen der Reformation bezeugt ist, ich will die


L A N D E S S Y N O D E

Verfassung der Kirche gewissenhaft wahren und darauf

Acht haben, dass falscher Lehre, der Unordnung und dem

Ärgernis in der Kirche gewehrt werde. So will ich treulich

mithelfen, dass die Kirche in allen Stücken wachse an

dem, der das Haupt ist, Christus.“

Als Mitglied im Ausschuss für Mission und Ökumene

freue ich mich darauf, dort die Diskussion über den Begriff

„Mission“ führen zu dürfen. Was heißt für uns als evangelische

Kirche heutzutage Mission? Und ich freue mich

darauf mit dazu beizutragen, den Prozess der Ökumene

im Bewusstsein unseres evangelischen Glaubens weiter

voran zu führen.

Ich will in meinem Teil dafür Sorge tragen, dass unsere

Württembergische Evangelische Landeskirche, in der 1534

die erste evangelische Predigt in der Stuttgarter Stiftskirche

gehalten wurde, auch zukünftig Gott lobt, das

Recht ehrt und Gesicht zeigt.

Anita Gröh, Geislingen

Landessynodale, Offene Kirche

Evangelisch –

aus gutem Grund

BEATE KELLER

Beim Lesen dieses vorgegebenen Themas stellte sich mir

die Frage, wie sie auch Kinder oft stellen: Warum bin ich

evangelisch? Aus gutem Grund?

Wir wissen, dass die Zugehörigkeit zu einer Konfession

durch entsprechende Entscheidungen und Überzeugungen

von den jeweiligen Herzögen, Fürsten oder Grafen

bestimmt wurde und dann später von Generation zu

Generation in der Regel weitervererbt wurde. Nur wenige

unserer Mitchristen hatten oder nahmen sich die Möglichkeit,

ihre Konfession zu wählen. Jedoch evangelisch zu

bleiben, dafür gibt es viele gute Gründe. Einige der wichtigsten

sind:

Evangelisch – die Botschaft von der freien Gnade

Gottes

Theologisch wird sie die Botschaft von der Rechtfertigung

des Menschen durch Gott genannt. Gott nimmt den Menschen

an und wir Menschen können diese Annahme

nicht durch Wohltaten oder besondere gute Leistungen

erzwingen oder verdienen.

Gottes Gnade ist freiwillig geschenkt, vollkommen unabhängig

von der Person oder den Leistungen. Dies ist wahrlich

Evangelium – Frohe Botschaft, in einer Zeit, wo der

Mensch im Wesentlichen nach seiner Leistung beurteilt

und abgeurteilt wird, sei es im Beruf, Sport oder selbst in

seiner Freizeit. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und

wer nichts leistet, ist nichts wert und hat nichts verdient.

Wie vollkommen anders sieht Gott uns als Mensch an, als

sein Gegenüber, dem er seine Gnade zuteil werden lässt,

dem er seine Liebe schenkt, dem er seine Schuld vergibt –

ohne Leistungsvorgabe, allein aus Gnade.

Evangelisch – die Botschaft vom Kreuz

Die Gnade Gottes erschließt sich nur vom Kreuz Christi her.

Gottes Gnade erfahren wir Menschen darin, dass Gott in Jesus

sich in unsere Welt aufgemacht hat, an allen Niedrigkeiten

unseres menschlichen Lebens teilnahm und am Ende für

unsere Schuld am Kreuz gestorben ist – die Strafe liegt auf

ihm, „auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden

sind wir geheilt“ (Jesaja 53, 5). Viele Menschen durften erfahren,

wie zentnerschwere Lebenslast durch die Botschaft

vom Kreuz von ihnen genommen wurde.

Wir dürfen es uns täglich neu sagen lassen, das Gott uns

unsere Schuld vergibt. Dies macht uns zu freien Menschen,

frei von Schuld, frei zur Vergebung, frei zum Neubeginn,

frei Brücken zu schlagen und Frieden zu stiften.

Evangelisch – das Priestertum aller Gläubigen

Hinter dieser Sichtweise steht das Bild von der Kirche als

dem einen Leib Christi. Es ist ein Leib, und jedes Glied hat

eine unersetzbare Funktion. Es gibt kein Oben und Unten.

Ordinationen, theologische Bildungen oder andere Ehren

machen keines dieser Glieder wichtiger oder größer. Die

Mitarbeiterin in der Kinderkirche, der Gemeindebriefausträger,

der Jungscharleiter, die Posaunenspielerin, . . . alle

sind Mitarbeiter im Reich Gottes und bekommen von

Gott die Legitimation Priester zu sein, Verantwortung in

der Kirche zu übernehmen und die Botschaft auf seine

Weise weiterzugeben.

Beate Keller, Süßen

Landessynodale, Lebendige Gemeinde

Gerne sind die Landessynodalen im Wahlkreis Geislingen-

Göppingen bereit, in die Gemeinden zu kommen und über

das Geschehen und die Entwicklungen in der Landeskirche zu

informieren und zu diskutieren. Denn nur so ist auch eine

gemeindebezogene Arbeit in der Landessynode möglich.

Gehen Sie auf sie zu.

EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

11


Aus Kirche und Gesellschaft

Evangelische Kirche –

„nicht Kirche im eigentlichen Sinn“?

FRANK OTFRIED JULY

Landesbischof

Frank Otfried July

12 EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

Eine Veröffentlichung des vergangenen

Jahres hat in besonderer

Weise in den evangelischen

Kirchen für Aufregung

und Verstimmung gesorgt.

„Gemeinschaften, die aus der

Reformation des 16. Jahrhunderts

hervorgegangen sind,

können nicht Kirchen im

eigentlichen Sinn genannt

werden.“ So formulierte es

die vatikanische Kongregation

für Glaubenslehre in einer

Schrift vom 29. Juni 2007 1 .

In dieser Schrift, die von

Papst Benedikt XVI. befürwortet wurde, wird in fünf

Abschnitten das Selbstverständnis der römisch-katholischen

Kirche dargestellt.

Der Satz ist nicht neu. Im Jahr 2000 hatte die Glaubenskongregation

unter dem Vorsitz von Joseph Kardinal

Ratzinger dem Protestantismus schon einmal die volle

Kirchlichkeit abgesprochen. 2

Warum können – nach römisch-katholischem Verständnis

– Gemeinschaften, die aus der Reformation des 16. Jahrhunderts

hervorgegangen sind, nicht Kirchen im eigentlichen

Sinn genannt werden? Wichtige „Kennzeichen“ von

Kirche fehlten diesen Gemeinschaften, z. B. das sakramentale

Priestertum, die apostolische Sukzession, die Anerkennung

des Primates des Papstes und die „ursprüngliche

und vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums“,

wie es in dem Papier heißt. Schon im Jahr 2000

fanden viele ökumenisch Gesonnene auf beiden Seiten

diese Formulierungen missglückt und missverständlich.

Das katholische Kirchenverständnis

Der Dialog der römisch-katholischen mit der evangelischen

Kirche hat ganz besonders die Frage nach dem

geistlichen Amt und der „Successio“, der Nachfolge in

diesem Amt, im Blick. Hier genügt zum Beispiel nicht die

bloße Beauftragung als Voraussetzung für eine gültige

Abendmahlsfeier, sondern es braucht den sakramental

geweihten Priester für diesen Dienst. Ein weiterer Streitpunkt

ist die regelgerechte Nachfolge im Bischofsamt. Ein

Bischof muss nach römisch-katholischem Verständnis von

einem anderen Bischof eingesetzt sein, der sich in direkter

Linie zurückführen lässt auf jene Bischöfe, die von den

Aposteln mit der Autorität Christi in den einzelnen Kirchen

eingesetzt worden seien. Nur so steht er in der apostolischen

Nachfolge. Zusammenfassend kann man das in

einem Text des II. Vatikanischen Konzils lesen. 3 Wenn

diese Grundaussagen ernst genommen werden, kann die

römisch-katholische Kirche die evangelischen Kirchen gar

nicht Kirchen im eigentlichen Sinne nennen.

Das evangelische Kirchenverständnis

Das evangelische Kirchenverständnis aber ist von Grund

auf anders. Martin Luther schreibt in den Schmalkaldischen

Artikeln 1537 4 : „Es weiß – Gott Lob! – ein Kind

von sieben Jahren, was die Kirche sei: die heiligen Gläubigen

und die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören.“

Kirche konstituiert sich nach evangelischem Verständnis

also durch das Evangelium und durch den Glauben, der

aus dem Evangelium folgt. Kirche ist somit eine verborgene

Größe. Natürlich muss sie für den Dienst an Wort

und Sakrament und für die Verwirklichung der christlichen

Jüngerschaft auch sichtbare Strukturen schaffen. Aber

diese Strukturen sind nicht heilsnotwendig. Wahre Kirche

ist überall dort zu finden, wo das Evangelium rein gepredigt

wird und die Sakramente evangeliumsgemäß gereicht

werden. Das ist der Grund, weshalb nicht eine Kirche

allein, sondern die vielen miteinander die eine Kirche Jesu

Christi verwirklichen.

Der christliche Glaube

Aus Luthers Äußerungen zur Kirche kann man zusammenfassend

vier wichtige Merkmale für den christlichen

Glauben ableiten: Er ist schriftgebunden, er ist katholisch,

er ist protestantisch und er ist evangelisch 5 . Das muss

man genauer erläutern:

Christlicher Glaube ist schriftgebunden, weil für alles, was

die Kirche verkündigt und lehrt und woraus sie lebt, die

Heilige Schrift die alles bestimmende Grundlage ist. Sie

gehört daher auch in die Hand jedes Christen und ist

nicht besonders autorisierten Menschen vorbehalten.

Das Zentrum dieser Schrift ist Jesus Christus. Von ihm

und von seiner Verkündigung aus legt sich ihr gesamter

Inhalt aus.

Christlicher Glaube ist vom griechischen Ursprung des

Wortes her katholisch. Das Wort heißt auf Deutsch „allgemein“.

Gott ist der Vater aller Menschen und er nimmt

alle Menschen in die Pflicht, weltweit. Durch die Taufe

will er Gott aller Christen sein, und von daher gelten

unter ihnen keinerlei Unterschiede mehr, weder hinsichtlich

des Bildungsstandes noch hinsichtlich der von außen

wahrgenommenen Frömmigkeit. Das bedeutet ganz konkret:

Jeder getaufte Christ ist vor Gott ein Priester mit

allen Rechten und Pflichten.

Dass christlicher Glaube protestantisch ist, bedeutet:

Zuständige Verfassungsorgane und alle einzelnen Christen

haben nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, kritisch

Rechenschaft abzugeben über das eigene Handeln und


über das Handeln der gesamten Kirche und der Gesellschaft.

Die Kirche ist zwar das Werk Christi, und in Christi

Wort ist sie heilig und gewiss. Aber in ihrer irdischen

Form ist sie fehlbar. Und deshalb muss sie zuhören,

bekennen und bereit sein, immer wieder Buße zu tun.

Christlicher Glaube ist evangelisch. Das heißt, dass ein

Christ nicht aus eigener Kraft seine Erlösung vor Gott

erarbeiten muss. Er ist erlöst, weil Gott zu ihm steht und

ihn bei sich haben will, ohne Wenn und Aber. Ein Christ

kann furchtlos leben und handeln, weil er weiß, dass

Gott ihn bedingungslos liebt. Das ist die Mitte des Evangeliums

und die Mitte des evangelischen Glaubens.

Aus gutem Grund evangelische Kirche sein

Aus all dem folgt: Uns kommt nach römisch-katholischer

Definition die Bezeichnung „Kirche“ nicht zu. Das

schmerzt einerseits, weil die vielfach gelebte ökumenische

Gemeinsamkeit immer wieder neuen Belastungsproben

ausgesetzt wird; andererseits kann es tapfer ertragen werden,

weil wir die römisch-katholische Definitionshoheit

über uns nicht anerkennen. Wir glauben, dass wir mit

unserem Kirchenverständnis auf gutem biblischen Grund

stehen. Weniger ist mehr!

Fundamental wichtig ist für evangelische Kirchen die Verpflichtung,

im Hören auf Gottes Wort ihre Gestalt und

ihre Praxis jeweils so zu reformieren, dass sie dem Grund

der Kirche in Jesus Christus entspricht. Die wahre Kirche

ist und bleibt immer ein Geschöpf des Evangeliums.

Das ist unser evangelischer Glaube, den wir getrost und

gelassen bekennen sollen. Wir sind evangelisch aus gutem

Grund. Gleichzeitig streben wir immer neu die eine heilige,

christliche Kirche an – in versöhnter Verschiedenheit.

Die Ökumene aber wird das nicht beeinträchtigen.

Sie lebt vom langen Atem aller Beteiligten. Um sie ist

mir nicht bange. Denn über uns allen steht der Herr der

Kirche, den wir gemeinsam glauben und bekennen und

der spricht: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der

Welt Ende“ (Matth. 28, 20).

1 Das am 29. Juni veröffentlichte Dokument der Kongregation für die Glaubenslehre

trägt den Titel: „Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über

die Kirche“ und lässt sich zusammen mit einem Kommentar im Internet abrufen

unter dem Stichwort „Vatikan: Glaubenskongregation gibt Antwort“.

2 Erklärung Dominus Iesus vom 6. August 2000. Im Schlussteil heißt es: Bei der Erörterung

des Themas der wahren Religion stellten die Väter des Zweiten Vatikanischen

Konzils fest: „Diese einzige wahre Religion, so glauben wir, ist verwirklicht in der

katholischen, apostolischen Kirche, die von Jesus dem Herrn den Auftrag erhalten

hat, sie unter allen Menschen zu verbreiten.“

3 Die dogmatische Konstitution Lumen gentium 8 von Papst Paul VI. vom 21. November

1964 schreibt: „Die einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als

die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen, ist in dieser Welt als Gesellschaft

verfasst und geordnet und subsistiert in der katholischen Kirche, die vom

Nachfolger des Petrus und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird.“

4 Deutscher Text nach: Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche (1930),

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 405–468. 57: Artikel 12: Von der Kirche:

„Wir gestehen ihnen nicht zu, daß sie die Kirche seien, und sie sind es auch nicht,

und wir wollen auch nicht hören, was sie im Namen der Kirche gebieten oder verbieten;

denn es weiß gottlob ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei, nämlich

die heiligen Gläubigen und »die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören« (Joh 10,3)“

5 So aufgeführt bei Manfred Schulze, Was die Kirche trägt: Grundentscheidungen der

Reformation Luthers für alle Geistliche. In: Die kleine Prophetin Kirche leiten. Festschrift

für Gerrit Noltensmeier, hg. v. Martin Böttcher, Arno Schilberg, Andreas-

Christian Tübler. Wuppertal 2005,195-210

D I E R E D A K T I O N

In eigener Sache . . .

Liebe Leserin, lieber Leser!

Die Geislinger Kirchenbezirks-Zeitung lebt

davon, dass die Leserinnen und Leser nicht

nur Informationen bekommen, sondern dass

auch ihre Meinung zu den Themen zu lesen

ist. Dies war uns im Redaktionsteam immer

wichtig. Sie, die Leserinnen und Leser, sollen

die Möglichkeit haben, sich zu äußern. So

weit so gut.

Auch in dieser 11. Ausgabe der Kirchenbezirks-

Zeitung war uns Ihre Sicht wichtig. Deshalb

sind wir auf den Wochenmarkt gegangen und

haben gefragt. „Was ist für Sie typisch evangelisch?

Was schätzen Sie an der Evangelischen

Kirche?“ Die Reaktionen waren ernüchternd:

„Umfrage? Nein danke.“

„Meine Meinung veröffentlichen? Das will ich

nicht“.

„Woher kommen Sie? Von der Kirche? Da

weiß ich nichts“.

„Typisch evangelisch? Das kann ich Ihnen

nicht sagen“.

„Mit Bild? Auf gar keinen Fall.“

„Ich bin im Dienst. Da mache ich nicht mit“.

Ist es ein gesellschaftliches Phänomen, dass

die eigene Meinung nicht mehr öffentlich

gesagt wird? Wird insgesamt zuviel befragt?

Oder hängt es damit zusammen, dass die

Kirche fragt? Vielleicht war die Frage zu

schwer?

Wir haben im Redaktionsteam über diese

Erfahrung diskutiert. Das Fazit: Uns ist Ihre

Meinung trotz allem wichtig. Und so freuen

wir uns, wenn Sie uns schreiben – zum Thema,

zu einzelnen Artikeln, was Ihnen gefallen hat

oder nicht, was sie gefreut oder geärgert hat,

kurz: Sagen Sie uns Ihre Meinung.

Es grüßt Sie

Ihr Redaktionsteam

Redaktionsteam der Kirchenbezirks-Zeitung

Evangelisches Dekanatamt

Hansengasse 2

73312 Geislingen

Email: Ev.Dekanat.Geislingen@t-online.de

EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

13


Aus Kirche und Gesellschaft

KARLHEINZ BAUER

Die Reformation veränderte die kirchlichen Verhältnisse

auch in unserer Landschaft tief greifend. Die Kunde über

den Thesenanschlag Martin Luthers vom 31. Oktober

1517 verbreitete sich in Windeseile und sein mutiges

Auftreten im Sinne einer Erneuerung der Kirche löste in

weiten Teilen des Reiches hohe Erwartungen, aber auch

bange Fragen aus. In unserem Gebiet war es zuerst die

Reichsstadt Ulm, in der die Schriften Luthers eifrig gelesen

wurden. Als dann dort 1521 die ersten Prediger erschienen,

um die neue Lehre zu verkünden, kamen sie als Aufwiegler

kurzerhand ins Gefängnis. Doch bald milderte sich

die Haltung des Rates. In Ulm wurde 1524 als evangelischer

Prediger Konrad Sam aus Rottenacker angestellt; er

war ein Freund des Schweizer Reformators Ulrich Zwingli.

Es war unausbleiblich, dass der reformatorische Brandherd

in Ulm auch einen Funkenflug nach Geislingen bewirkte.

Der Geislinger Stadtpfarrer Dr. Georg Osswald sah sich im

Frühjahr 1526 veranlasst, gegen die evangelische Bewegung

vorzugehen. Es war ihm bekannt geworden, dass

auch in Geislingen schon Leute das Neue Testament

besitzen und lesen. Von der Kanzel aus schalt er den

Ulmer Prediger Konrad Sam einen Ketzer und behauptete,

in Ulm lebe man „türkisch, viehisch und teuflisch“. Daraufhin

wurde Osswald vor den Ulmer Rat geladen, der

ihm sein höchstes Missfallen ausdrückte und ihn vor weiteren

Schmähungen warnte. Doch der kampfbereite Pfarrer

ließ sich davon nicht beirren und wetterte auf der Kanzel

der Geislinger Stadtkirche weiterhin

leidenschaftlich gegen die neue

Lehre. Es half freilich wenig. Ulm

setzte schon 1527 in Geislingen

einen evangelischen Prädikanten

ein; es war Paulus Beck aus Munderkingen,

der zunächst in der

dortigen Spitalkirche (ehemals am

Wilhelmsplatz) predigte.

Martin Luther

Wie Geislingen evangelisch wurde

Bürgerentscheid

über Reformation

Um das Kirchenwesen zu verändern,

ging der Ulmer Rat äußerst

vorsichtig zu Werk. Die Reformation

wurde in der Reichsstadt

nicht durch einen obrigkeitlichen

Akt eingeführt, sondern kam auf

demokratischem Wege zu Stande.

Die gesamte Bürgerschaft war am

3./4. November 1530 zur Abstim-

Philipp Melanchton mung aufgerufen. Bei dieser denkwürdigen

Befragung entschieden

sich sieben Achtel der wahlberechtigten Bevölkerung für

die evangelische Sache. Angesichts dieser breiten Mehrheit

sah sich der Ulmer Rat berechtigt, in seinem gesamten

Hoheitsgebiet das Kirchenwesen zu reformieren. Er

bestellte dazu 1531 die berühmten Prediger Martin Butzer

14 EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

von Straßburg, Johann Ökolampad von Basel und

Ambrosius Blarer von Konstanz. Es waren Theologen, die

weniger im Sinne Martin Luthers dachten, sondern der

Lehrmeinung Ulrich Zwinglis folgten.

Zwangsweise sollte die Reformation im Ulmer Land nicht

eingeführt werden. Es wurde vielmehr beschlossen, sämtliche

Untertanen in ihre Amtsorte zu laden, dort drei Tage

hintereinander durch einen Prediger aufklären und für die

neue Sache gewinnen zu lassen. Man ging davon aus,

dass sich die Abschaffung der Messe und die Beseitigung

der Bilder aus den Kirchen leichter durchführen lasse,

wenn eine entsprechende Belehrung des Volkes vorausgegangen

wäre.

Predigt und Gegenpredigt

Diese Predigtaktion begann am Pfingstsonntag 1531.

Sämtliche Untertanen mussten mit ihren Frauen, Kindern

und Dienstboten morgens um 7 Uhr in den Kirchen der

gebotenen Amtsorte zur Unterweisung erscheinen. Die

Predigten in der Geislinger Stadtkirche hielt der Reformator

Martin Butzer aus Straßburg. Dabei kam es zu einem

höchst dramatischen Auftritt. Als Butzer seine Predigt

beendet hatte, entgegnete ihm der streitbare Geislinger

Stadtpfarrer Osswald: „Wenn ihr nicht gelehrter seid,

wäret ihr wohl daheim geblieben.“ Dann bestieg er selbst

die Kanzel und hielt eine Gegenpredigt, in der er Butzers

Worte als ketzerische Lehre brandmarkte. Osswald fehlte

es nicht an Mut und Kampfgeist; er war im ganzen Ulmer

Land der einzige Pfarrer, von dem solches berichtet wird.

Nachdem die Bevölkerung über die neue Lehre und die

kirchlichen Veränderungen unterrichtet war, setzte man

sich mit der Geistlichkeit auseinander. Alle Pfarrer wurden

nach Ulm geladen und mussten ihre persönliche Haltung

zu der neuen Lehre darlegen. Bei der Vernehmung seiner

Pfarrer zeigte sich der Ulmer Rat wenig nachsichtig. Wer

die Neuerungen ablehnte und sich weiterhin zur alten

Lehre bekannte, wurde kurzerhand entlassen.

Aus Altenstadt war Pfarrer Magister Hans Ruß ins Ulmer

Rathaus zitiert. Er zeigte sich von Anfang an aufgeschlossen

für die Reformation und

erklärte bei seiner Vernehmung,

er halte die Ulmer

Artikel für christlich. Nachdem

er den geforderten Eid

auf das veränderte Kirchenwesen

abgelegt hatte, durfte

er in seiner Gemeinde bleiben.

Hans Ruß war damit

der letzte katholische und

zugleich der erste evangelische

Pfarrer in Altenstadt.

Über sein Verbleiben

beschloss der Ulmer Rat:

„Ist zu dulden, in [der] Hoffnung,

er werde Gottes Wort

fleißiger als bisher oblie- Stadtkirche Geislingen


gen“. Weiter erging die Weisung, er soll „sich aber ehrlich

den Artikeln gemäß halten und seine Dirne [Haushälterin]

ehelichen.“ Ein Freund der Ehe scheint der gute Mann

nicht gewesen zu sein, denn einige Wochen später wird

über ihn berichtet: „Der Pfarrer zu Altenstadt hat seine

Kellnerin noch immer zum Ärgernis bei sich und will sie

nicht zur Kirche führen.“

„In Geislingen sparet keine Mühe“

In der Stadt Geislingen stieß der Ulmer Rat auf unerwartete

Schwierigkeiten. Starke altgläubige Kräfte suchten

dort die religiöse Neuordnung zu hintertreiben, ein

Grund, dass sich die Reformation in der Stadt nicht

sofort, sondern erst nach Ablauf vieler Jahre durchsetzte.

Es war vor allem der hochgebildete und wortgewaltige

Pfarrer Osswald – er hatte zwei Doktorgrade erworben –,

der in einem leidenschaftlichen und polemischen Schriftwechsel

mit dem Ulmer Rat verbissen um sein Amt

kämpfte und auch die Bevölkerung zu mobilisieren wusste.

Der Geislinger Widerstand erregte weithin Aufsehen.

In einem Brief klagte der Reformator Martin Butzer, „die

Geislinger seien ein hartnäckiges, jämmerlich verführtes

Volk“, und selbst aus der Schweiz schaltete sich der

Reformator Ulrich Zwingli ein, der schrieb: „In Geislingen

sparet keine Mühe, bis auch sie dem Wort des Allmächtigen

weichen.“

Es gelang dem Ulmer Rat zwar, Osswald zum Verzicht

auf sein Amt zu zwingen, aber die Bevölkerung trotzte

mehrheitlich weiterhin mit Ungehorsam. Der Besuch der

evangelischen Gottesdienste in der Stadtkirche ließ sehr

zu wünschen übrig. Viele besuchten noch lange die

katholischen Gottesdienste in Eybach. Dieser Ort gehörte

nicht zum Ulmer Herrschaftsgebiet, sondern teils dem

Stift Ellwangen, teils den Grafen von Degenfeld, die erst

1607 in dem ihnen gehörigen Teil des Orts die Reformation

einführten. So war Eybach der nächstgelegene Ort,

wo noch katholische Messen gelesen wurden. Viele trugen

ihre Kinder nach Eybach zur Taufe, ließen dort noch

Wachs und Palmen weihen.

Bilderkult und Bildersturm

Auch der Bilderkult blühte noch lange Zeit nach. Nach

Aussagen etlicher Frauen habe ein Marienbild in Altenstadt

angefangen zu reden, so dass bald viele Menschen

dahin zur Wallfahrt strömten. Der Ulmer Rat ließ sofort

die Kirche schließen und stellte die Frage, was daraus

wohl für ein Götzenspiel geworden wäre, wenn man dem

Teufel nicht gewehrt hätte. In Geislingen erzählten sich

alte Frauen, dass man zur Nacht die Muttergottes in

einem weißen Mantel um die Stadtkirche gehen sehe.

Bildwerke in den Kirchen wurden nach dem veränderten

theologischen Verständnis als „Götzen“ betrachtet. Im

Ulmer Land wurden daher Statuen, Gemälde und Altäre

unnachsichtig aus den Kirchen entfernt, wobei die Beseitigung

der Bilder emotionaler verlief wie in anderen Territorien,

so dass damals viele mittelalterlichen Kunstwerke

dem Bildersturm zum Opfer fielen. So ist in der Geislinger

Stadtkirche, die einstmals etwa zwölf Altäre enthielt,

heute nur noch als einziger der spätgotische Daniel-

Mauch-Altar erhalten geblieben.

Der Augsburger Religionsfrieden von 1555 schuf klare

Fronten, indem er festlegte: Wer die politische Herrschaft

über ein Gebiet besitzt, soll auch die konfessionelle

Zugehörigkeit seiner Untertanen bestimmen

dürfen. Das Ulmer Land war am Ende der religiösen

Wirren ein evangelisches Territorium, und

zwar lutherischer Prägung. Die Ulmer PROTESTANTISCHE VORBILDER

Reformation hatte inzwischen ihre oberdeutschen

Züge (Zwingli) ganz aufgegeben

und sich vollständig dem Luthertum

angeschlossen.

Geislingen bleibt stur

Aber auch jetzt waren die Verhältnisse in

unserer Landschaft alles andere als stabil.

Die heftigen konfessionellen Streitigkeiten

hatten die einfachen Leute verunsichert;

in ihren Köpfen lebte noch lange altkirchliches

Glaubensgut fort. Noch 1572 stöhnte

der Pfarrer an der Stadtkirche, „dass es nirgends

so eine verfluchte, gotteslästerliche

und teuflische Gemeinde gebe wie hier in

Geislingen“.

Einen Hort des alten Glaubens bildete

immer noch die Klause der Franziskanerinnen

(im heutigen evangelischen Pfarrhaus

neben der Stadtkirche). Die Nonnen

wohnten dort unter der Leitung einer

„Mutter“ in klosterähnlicher Gemeinschaft

zusammen und versahen soziale Dienste an der ärmeren

Stadtbevölkerung. Die Reformation hatte ihr beschauliches

Dasein jäh erschüttert. Die Schwestern wollten aber

katholisch bleiben und wichen dem Druck erst 1590,

indem sie nach Wiesensteig zogen.

Auch nach dem Wegzug der Nonnen ließ sich der Katholizismus

nicht aus der Stadt vertreiben. Eine zweite Reformation

wurde notwendig. 1593 mussten die Einwohner

auf Geheiß des Ulmer Rates wieder an drei Sonntagen

hintereinander Predigten besuchen. Doch die Katholiken,

für die sie in erster Linie bestimmt waren, blieben den

Predigten fern. Gegen diese „Unbelehrbaren“ ging man

jetzt energisch vor. Man bestellte die katholischen Einwohner

einzeln auf das Rathaus zu einer Aussprache.

Danach gab es zwar zahlreiche Übertritte, aber ein Rest

erwies sich als „halsstarrig“. Nach einer erneuten Belehrungspredigt

blieben noch sieben Personen übrig, die den

Übertritt verweigerten. Man zeigte sich ihnen gegenüber

großzügig und ließ sie weiterhin in Geislingen wohnen

und absterben. Der letzte Katholik starb erst kurz nach

dem Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648) als Evangelischer,

weil man ihm als Katholiken eine Leichenpredigt verweigert

hätte.

Karlheinz Bauer war

Stadtoberarchivrat

und Leiter des

Geislinger Kulturamtes

von 1965 bis 1977

Margot Käßmann, Landesbischöfin,

Hannover:

„Neidisch bin ich nur darauf,

dass der Papst rote

Schuhe tragen darf, ohne

dass dies jemand kritisiert.

Der Protestantismus zeichnet

sich durch etwas ganz

anderes aus: Bei uns herrscht

inhaltliche Vielfalt.

Wir sagen: Um die Wahrheit,

um den richtigen Weg

muss immer wieder gerungen

werden. Das ist natürlich

anstrengend und nicht

so populär. Dennoch ist

das für eine Kirche der

richtige Weg, denke ich.“

EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

15


Aus Kirche und Gesellschaft

95 Thesen verändern die Welt

Warum sind wir evangelisch?

DR. MICHAEL KANNENBERG

Als der Augustiner-Mönch und Wittenberger Theologie-

Professor Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95

Thesen gegen den Ablass am Schwarzen Brett der Universität

– oder war es doch an der Tür der Schlosskirche?

– anheftete, da war das nichts Außergewöhnliches. Akademische

Lehrer veröffentlichten auf diese Weise ihre

Gedanken und stellten sie einem gelehrten Publikum zur

Diskussion. Heute würde Luther einen Artikel an die

Frankfurter Allgemeine Zeitung oder an die Süddeutsche

Zeitung schicken. Und er könnte sicher sein, dass ihm

schon bald mehr oder weniger schlaue Leserbriefe antworten

würden. Oder er ließe einen Aufsatz in einer

theologischen Zeitschrift abdrucken und würde dann

gespannt auf die Reaktionen der Fachkollegen warten.

Vom akademischen Streit zur Spaltung der Kirche

Vor knapp 500 Jahren machte man einen Thesenanschlag

und das kam öfter vor. Selten fand eine solche akademische

Veröffentlichung aber ein derart gewaltiges Echo wie

Luthers Ablassthesen. Er hatte den Nerv der Zeit getroffen.

Und er hatte Freunde, die seine lateinischen Thesen ins

Deutsche übersetzten, vervielfältigten und als gedruckte

Flugblätter einem breiten Publikum in allen deutschen

Ländern zugänglich machten. Das aber forderte den Widerstand

der Kirchenhierarchie heraus. Solange gelehrte

Theologen untereinander in universitären Hinterzimmern

streiten, hebt kein dösender Bischof ein Augenlid. Wenn

aber plötzlich in ganz Deutschland die kritischen Thesen

eines bisher unbekannten Mönches diskutiert werden und

vor allem Unterstützung finden, dann brennt die Kurie in

Rom. Nicht lange und Luther hatte einen Glaubensprozess

am Hals. Nur politische Gründe zögerten das Verfahren

mehrere Monate hinaus. Im Juni 1520 wurde Luther

schließlich die Exkommunikation angedroht. Genau besehen

kam er der Kirche zuvor: Am 10. Dezember 1520

verbrannte er vor dem Wittenberger Elstertor ein Exemplar

des Kanonischen Rechts, also des kirchlichen Gesetzbuches.

Mit diesem symbolischen Akt exkommunizierte

Luther seinerseits die Papstkirche, die er ursprünglich von

innen hatte reformieren wollen.

Weniger mit dem 31. Oktober 1517 als mit dem 10. Dezember

1520 war die Spaltung der Kirche vollzogen und

die Entstehung zweier getrennter Konfessionskirchen

angelegt. Luther und seine Anhänger gingen ab diesem

Zeitpunkt daran, unabhängig von Rom, vom Papst und

von den Bischöfen Kirche zu gestalten. Damit haben wir

eine erste ereignisgeschichtliche Erklärung, warum wir

heute evangelisch sind.

Reformation begünstigt durch technischen Fortschritt

Dass ein in den Anfängen akademischer Streit über den

Ablass derart weitgreifende Folgen nach sich ziehen

konnte, hatte allerdings notwendige Vorbedingungen und

tiefer liegende Ursachen. Wie gesagt, Luther hatte den

Nerv der Zeit getroffen. Aber er traf auch auf günstige

Umstände. Dazu zählten wichtige Fortschritte der Kommunikation.

Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen

Lettern und das gleichzeitig entstehende öffentliche

16 EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

Postwesen eröffneten ungeahnte Möglichkeiten der Massenkommunikation.

Buchdruck und Post bewirkten eine

Revolution der Kommunikation noch vor der Reformation

und förderten diese ungemein. Hundert Jahre früher hätten

Luthers Gedanken kaum diese rasche und umfassende

Verbreitung finden können.

Aufbruchstimmung

Die tieferen Ursachen von Luthers Erfolg sind vielschichtig.

Gelehrte Köpfe haben dazu schon unzählige Blätter

an Papier und Tabak verbraucht und sind sich in hitzigen

Debatten in die Haare geraten (so noch vorhanden).

Die Jahrzehnte vor und nach 1500 waren in Europa eine

ungeheuer dynamische Zeit. Neben der erwähnten Kommunikationsrevolution

seien die Entdeckung ferner Erdteile

durch Kolumbus und andere oder die Entdeckung

des Individuums durch die Renaissancekunst genannt.

Vieles war im Aufbruch. Und diese allgemeine Stimmung

des Aufbruchs verband sich mit einer spürbaren antiklerikalen

Stimmung auf der Ebene der Gemeinden. Kurz

gesagt: Die spätmittelalterliche Papst-, Bischofs-, Priesterund

Mönchskirche war schon lange reformbedürftig und

hatte seit einiger Zeit auch schon manche Reform erfahren.

Luther und seine Anhänger vermochten es aber nun,

das Reformbedürfnis in griffige Formeln und Formulierungen

zu packen. Sola scriptura war eine solche Formel.

Allein die Schrift, allein die Bibel sollte darüber entscheiden,

was in der Kirche und im Glauben richtig und

wichtig sei – und nicht mehr der Papst oder die Bischöfe.

Sola gratia, allein aus Gnade, war ein anderes wichtiges

Schlagwort. Gott allein bewirkte das Heil der Menschen,

nicht die Priester oder die Heiligen. Und schließlich und

damit zusammenhängend: das allgemeine Priestertum

aller Gläubigen. Nicht der Kirchenapparat von oben, sondern

die Gemeinde vor Ort und von unten sollte das

Gestaltungsprinzip der Kirche als Ganzer sein. Jede einzelne

dieser Formeln ist für sich ein theologischer Grund,

warum wir heute evangelisch sind.

Einfluss vom Süden

Als bewusste Württemberger und Württembergerinnen

sollten wir allerdings eines – bei aller Ehre für Luther –

nicht vergessen: Fast gleichzeitig mit ihm wirkte südlich

unseres Landes der Schweizer Zwingli, der mit seinen

Anhängern zu ganz ähnlichen Einsichten wie Luther

gekommen war. Dass wir in und um Geislingen evangelisch

sind, hat auch ziemlich viel mit Zwingli und den

Seinen zu tun. Denn zur Zeit der Reformation gehörte

Geislingen zur Reichsstadt Ulm. Die aber wurde mit ihrem

ganzen Territorium durch drei Freunde Zwinglis evangelisch:

Martin Butzer, Johannes Ökolampad und Ambrosius

Blarer. Unser schöner württembergischer

Gottesdienst hat bei diesen Theologen

seinen Ursprung. Nicht der schlechteste

Grund, evangelisch zu sein!

Dr. Michael Kannenberg war Pfarrer in

Unterböhringen und Hausen. Er wohnt

nun in Künzelsau und unterrichtet dort

Religion am Gymnasium.


Gemeinsamer Religionsunterricht

für Evangelische und Katholische

Ein Modellprojekt an den Schulen

JOHANNES GEIGER

Zur ersten Religionsstunde im neuen Schuljahr sollen die

Erstklässler in den evangelischen oder katholischen Religionsunterricht

gehen. Ein paar Kinder stehen unsicher da,

sie fragen, wohin sie gehen sollen, weil sie gar nicht

wissen, ob sie evangelisch oder katholisch sind. Diese

Erfahrung machen LehrerInnen in jedem Schuljahr.

Im Religionsunterricht werden Fragen nach Gott, der Bibel

und dem Glauben besprochen, die SchülerInnen lernen

die Bedeutung von christlichen Festen und Bräuchen kennen

und vieles mehr. In der Regel gestalten die ReligionslehrerInnen

über den Unterricht hinaus auch die Schulgottesdienste.

Nach Artikel 7, 3 des Grundgesetzes wird

der Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach, als evangelischer

oder katholischer Religionsunterricht erteilt. Im

Kirchenbezirk Geislingen besuchen in diesem Schuljahr

über 5100 SchülerInnen den evangelischen Religionsunterricht.

An fünf Schulen im Bezirk wird eine besondere

Form des Religionsunterrichts praktiziert: der konfessionell-kooperativ

Religionsunterricht.

Was bedeutet konfessionell-kooperativ?

Grundlage ist die am 1. März 2005 von den evangelischen

und katholischen Kirchen in Baden-Württemberg

verabschiedete Vereinbarung zur konfessionellen Kooperation

im Religionsunterricht an allgemein bildenden

Schulen. Sie gilt zunächst für drei Jahre, derzeit läuft die

wissenschaftliche Auswertung, die eine Grundlage für

weitere Beschlüsse bilden wird.

Grundsätzlich ist auch der konfessionell-kooperative Religionsunterricht

konfessioneller Religionsunterricht. Er ist

keine neue Form zusätzlich zum evangelischen und

katholischen Unterricht, sondern eine besondere Form.

Aus diesem Grund wird der etwas sperrige Begriff

„konfessionell-kooperativ“ verwendet und nicht „ökumenisch“.

Es gibt ja keine ökumenische Konfession,

sondern die evangelische und die katholische.

Für zwei Schuljahre werden die evangelischen und katholischen

SchülerInnen einer Klasse gemeinsam in Religion

unterrichtet, in den Klassen 1 und 2 der Grundschule

oder in zwei Jahrgängen der weiterführenden Schulen,

zum Beispiel in den Klassen 5 und 6. Die evangelische

und katholische Lehrkraft wechseln sich in diesem

Zeitraum ab, in der Regel nach einem Jahr.

Die Inhalte

Bedingung für die Genehmigung ist ein Unterrichtsplan,

der die Schwerpunkte der Bildungspläne beider Konfessionen

erfüllt. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass mit

den SchülerInnen alle verbindlichen Themen der eigenen

und darüber hinaus die der anderen Konfession erarbeitet

werden, ohne dass dadurch mehr Themen bearbeitet

werden.

Evangelische und katholische SchülerInnen sitzen dabei

gemeinsam im Religionsunterricht. Sie haben die Möglichkeit,

die jeweils andere Konfession authentisch zu

erleben, durch die Unterrichtsthemen und durch die

Gespräche in der Gruppe. Fast zwangsläufig führt das

immer wieder zu der Frage: was heißt es, evangelisch zu

sein, was heißt es, katholisch zu sein. Gibt es Fragen, die

die MitschülerInnen aus der anderen Konfession anders

beantworten? Wie sehen sie beispielsweise Maria und

wie wir? Konfessionell-kooperativer Religionsunterricht

befasst sich noch intensiver mit der eigenen Konfession.

Natürlich betrifft dies nicht nur die Kinder, sondern auch

die Lehrkräfte, die sich in neue Fragestellungen einarbeiten

und Themen unterrichten, die bisher nicht vorkamen.

Erfahrungen

Die Erfahrungen mit dem konfessionell-kooperativen Religionsunterricht

sind ausgesprochen positiv, bei Schülern,

Lehrkräften und Eltern. Die ReligionslehrerInnen machen

gute Erfahrungen, obwohl mehr Aufwand und Absprachen

mit dieser Form des Religionsunterrichts verbunden

sind. Die Zusammenarbeit der evangelischen und katholischen

Fachschaften wird auf diese Weise intensiver. Das

Modell eignet sich jedoch nicht für jede Schule in gleicher

Weise, es kommt immer auf die örtlichen Gegebenheiten

an, die in jedem Fall einzeln zu prüfen sind.

Die wissenschaftliche Auswertung ist noch nicht abgeschlossen,

daher sind für das kommende Schuljahr

2008/09 nur Folgeanträge der Schulen zugelassen, die

bereits nach dem Modell arbeiten. Eine gut fundierte Analyse

und Auswertung der bisherigen Modellphase ist notwendig

und wird innerhalb der Kirchen in Baden-Württemberg

erwartet. Sie ist auch unter dem bundesweiten

Blickwinkel wichtig, da das Modell aus den evangelischen

und katholischen Kirchen außerhalb Baden-Württembergs

sehr aufmerksam verfolgt wird. Es bleibt spannend

abzuwarten, welche Beschlüsse die Kirchen nach dem

Abschluss der Auswertung fassen werden. Ich hoffe

jedoch, dass das Modell fortgesetzt und damit auch für

andere Schulen geöffnet wird.

Johannes Geiger ist Schuldekan

der Kirchenbezirke

Geislingen und Heidenheim

EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

17


Aus Kirche und Gesellschaft

18 EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

Kleine Kirche im katholischen Umfeld

Evangelisch sein ist Berufung – die Waldenserkirche in Italien

Professor Dr. Paolo Ricca, Jahrgang 1936, ist emeritierter Professor für Kirchengeschichte und

Praktische Theologie der Waldenserfakultät in Rom. Bei seinem Besuch in Geislingen konnten

Dekanin Gerlinde Hühn und Anita Gröh, Geschäftsführerin im Dekanatsbüro in Geislingen,

folgendes Interview mit ihm führen und ihn zur Situation der evangelischen Waldenserkirche in

Italien und zur Ökumene befragen.

GERLINDE HÜHN · ANITA GRÖH

Frage: Professor Dr. Ricca: Evangelisch aus

gutem Grund ist das Thema dieser Ausgabe der

Geislinger Kirchenbezirks-Zeitung. Gibt es gute

Gründe evangelisch zu sein?

Ricca: Es gibt gute Gründe, Christ zu sein. Evangelisch

zu sein ist nichts

anderes, als eine besondere

Art Christ zu sein.

Warum ist jemand Christ?

Es hängt nicht von uns ab,

Christ zu sein. Die Entscheidung

fällt zuerst bei

Jesus. Nicht wir haben ihn

gewählt, sondern er uns.

Der gute Grund, Christ

zu sein, liegt außerhalb unserer Entscheidung.

Christ sein ist eine besondere Art und Weise des

Menschseins. Luther sagte: Ein Christ ist ein

Mensch, der nicht mehr in sich selbst und für sich

selbst lebt, sondern in Christus durch den Glauben

und durch die Liebe.

Ein Leben, das im Glauben und in der Liebe gelebt

wird, wird vermutlich ein gutes Leben sein,

indem es zum Segen wird für die anderen Menschen

und für die Umgebung. Andere Menschen

werden sagen: „Wie froh war ich, einem solchen

Menschen begegnet zu sein.“

Frage: Wie ist es, evangelisch zu sein in einem

katholischen Umfeld wie in Italien?

Ricca: Evangelisch im konfessionellen Sinne ist

die schlichteste Gestalt des Christentums.

Schlicht heißt, auf das Wesentliche im Christentum

konzentriert.

Wesentlich ist Jesus, in ihm finden wir nicht nur

die ganze Offenbarung Gottes, sondern auch die

Erschließung dessen, was wir sind und wozu

wir berufen sind. Heute ist Schlichtheit wichtig.

Im Katholizismus gibt es vielerlei, was nicht

wesentlich ist für den Glauben nicht wesentlich

ist: Marienverehrung, Heilige, Hierarchie.

Die evangelische Kirche hat eine Gestalt von

Kirche zustande gebracht, die der grundsätzlichen

geschwisterlichen Struktur der christlichen

Gemeinde Rechnung trägt. Die katholische und

die orthodoxe Kirche haben eine hierarchische

Struktur. Dies entspricht nicht der evangeliumsgemäßen

Form der Liebe, wie sich die Gemeinde

Jesu im und aus dem NT entwickelt hat. Die

Gestalt der Gemeinschaft, wie sie Jesus um sich

geschart hatte, ist grundsätzlich eine geschwisterliche

Gemeinde, in ihr sind alle Brüder und

Schwestern.

Frage: Wie ist man evangelisch?

Ricca: Evangelisch ist nicht ein Titel, sondern

eine Berufung. Man soll sein ganzes Leben als

Berufung verstehen und versuchen, sie umzusetzen.

Allerdings ist das Risiko der Freiheit für

evangelische Christen hoch. Freiheit und Verantwortung

zusammen zu halten ist schwer, und

es macht Angst, wirklich frei zu sein. Im Katholizismus

ist Gehorsam das Hauptanliegen.

Frage: Wie ist die Situation einer Minderheits-

Kirche, wie sie die Waldenserkirche in Italien ist?

Ricca: In Italien ist das Papsttum zuhause. Die

Macht der katholischen Kirche ist spürbar. Allerdings

hat sich die Situation der Minderheits-

Kirchen in Italien verändert. Die Gesellschaft ist


pluralistischer, niemand

fragt nach der Zahl der

Mitglieder, sondern

danach, was man zu

sagen oder beizutragen

hat. Die Sache zählt. Die

Säkularisierung hat die

Situation der Minderheiten

gegenüber früher

verbessert.

Selbst die katholische Kirche bezeichnet sich

mittlerweile als Minderheit. Der Mailänder Kardinal

Martini meint, nur 9 bis 10 % der Katholiken

in Italien seien streng gläubig, und höchstens

25 bis 30 % fühlen sich zur katholischen Kirche

zugehörig. Politisch und diplomatisch ist die

katholische Kirche allerdings noch eine Macht.

Frage: Warum hat Papst Benedikt der XVI. den

Protestanten abgesprochen, Kirche zu sein?

Ricca: Mit dieser Erklärung des Papstes sollten

wir dasselbe tun wie einst Luther mit der Bannbulle:

sie verbrennen. Gott wird sagen, ob die

evangelische Kirche eine Kirche ist, das heißt,

ob wir mit unserem Leben ausfüllen, was Kirche

bedeutet. Mich hat immer beeindruckt, dass im

NT Jesus die Jünger als „kleingläubig“ bezeichnet

hat. Mit Kleinglauben kann man nicht

Kirche sein. Wir sollten das sehr ernst nehmen.

Gott entscheidet, wer Kirche ist oder nicht.

Frage: Warum hat Ihrer Einschätzung nach der

Papst diese Erklärung abgegeben?

Ricca: In der katholischen Kirche wächst an der

Basis die Überzeugung, dass die Protestanten

Kirche sind. Gegen diese Überzeugung will der

Papst ankämpfen. Viele Katholiken in Italien sind

über die Erklärung des Papstes betrübt. Sie riefen

bei mir an oder schickten bedauernde E-Mails.

Ich denke, der Papst wollte damit ein klares Wort

gegen diese wachsende Überzeugung innerhalb

der katholischen Kirche sagen.

Frage: Welche Rolle haben die Protestanten in

der EU? Wie sieht die Waldenserkirche dies?

Ricca: Für die Waldenser ist es gut, dass Europa

wichtiger wird und einheitlicher denkt. Dadurch

ist auch in Italien der Protestantismus kein Fremdkörper

mehr. Die katholische Auffassung über die

Waldenser war Jahrhunderte lang die einer „importierten

Ware“. Das ist jedoch völlig falsch.

Die Waldenser gibt es seit Anfang des 13. Jahrhunderts

in Italien, als es „Italien“ noch gar nicht

gab. Je mehr die Italiener Europäer werden, desto

weniger fremd wird der Protestantismus für sie.

Allerdings wird über die Medien ein anderes Bild

vermittelt: Päpste, Kardinäle werden bevorzugt

befragt und zunehmend als Sprecher der Christenheit

betrachtet. Das halte ich für problematisch.

Ottopermille = 8 pro Mille = 8 %0

Mit „8 %0“ bezeichnet man die so genannte Kultussteuer,

die jeder Steuerzahler in Italien entrichten

muss. Er kann dabei auf seiner Steuererklärung ankreuzen,

welcher Institution er sein Geld zufließen

lassen will: dem Staat, der Katholischen Kirche,

den Waldensern, den Lutheranern, der jüdischen

Glaubensgemeinde u.v. a.

Innerhalb der Waldenserkirche hatte es lang anhaltende

Diskussionen darüber gegeben, ob man aus

theologischen Gründen überhaupt die Gelder des

Ottopermille annehmen dürfe. Die Synode hat sich

endlich dafür entschieden, allerdings werden die Einnahmen

nur für diakonische und kulturelle Zwecke

verwendet, nicht aber für die Kernaufgabe der Kirche,

die Verkündigung des Evangeliums und auch

nicht für die Pfarrerbesoldung.

Da nur ein Bruchteil der Italiener überhaupt bei der

Rubrik Ottopermille ankreuzt, werden die restlichen

Einnahmen im Verhältnis der übrigen Ankreuzungen

verteilt.

Bisher hat die Waldenserkirche dieses zusätzliche

Geld nicht angenommen. Es setzt sich aber immer

mehr die Auffassung durch, dass es besser sei, das

Geld für Diakonie und kirchliche Entwicklungshilfe

zu verwenden, als es dem Staat für Irakeinsätze zu

überlassen.

Die Waldenserkirche ist die einzige Institution, die

über die Verwendung der Ottopermille-Gelder völlig

transparent berichtet. Dazu lässt sie einmal im Jahr

in einer großen Tageszeitung die Bilanz veröffentlichen.

Das trägt sehr zu ihrer Glaubwürdigkeit bei.

Frage: Wie groß ist die Waldenserkirche in Italien?

Ricca: Die Waldenserkirche hat etwa 20.000 Mitglieder.

Durch die zurückgehende Geburtenrate

wird die Zahl kleiner. Bei der Verteilung des „8%0

(Ottopermille, siehe Kasten), der Steuer für kirchliche

oder soziale Aufgaben in Italien, entscheiden

sich mehr als 200.000 Steuerzahler dafür, die Waldenserkirche

zu unterstützen, das sind zehn mal

mehr als die Waldenserkirche Steuerpflichtige hat.

Die Lutherische Kirche in Italien hat rund 5000 bis

6000 Mitglieder. Sie beginnt jetzt allmählich damit,

ihre Gottesdienste auch ab und zu in italienischer

Sprache zu halten, denn die jungen Gemeindeglieder

sprechen nicht mehr Deutsch. Aber es

wird noch zwei bis drei Generationen dauern, bis

die Lutherische Kirche Italiens eine italienische

Kirche sein wird.

Frage: Gibt es in Italien ökumenische Gottesdienste?

Ricca: Ökumenische Gottesdienste finden nur in

der „Gebetswoche für die Einheit der Christen“

statt. Bei gesellschaftlichen Anlässen ist in der

Regel die einzig eingeladene Kirche die katholische.

Sie ist so viel größer als die anderen

Kirchen, dass unter kirchlicher Präsenz immer nur

die der katholischen Kirche verstanden wird.

PROTESTANTISCHE VORBILDER

Johannes Rau,

Bundespräsident,

* 16. Januar 1931;

† 27. Januar 2006:

Von 1965 bis 1999 gehörte

Johannes Rau der Landessynode

der Evangelische

Kirche im Rheinland an

und war stellvertretendes

Mitglied der Kirchenleitung

der Evangelischen Kirche im

Rheinland; dem Deutschen

Evangelischen Kirchentag

war Rau eng verbunden;

von 1966 bis 1974 war er

Mitglied des Präsidiums und

nahm auch danach regelmäßig

am Kirchentag in

offizieller Funktion und als

Privatmann teil. Seine Art,

den christlichen Glauben

öffentlich zu leben, trug

Rau die Bezeichnung

„Bruder Johannes“ ein,

aber auch satirische

Wertung als „gefürchteter

Kirchentagsschwätzer“.

EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

19


Aus Kirche und Gesellschaft

Alles evangelisch, oder was?

Die Vielzahl evangelischer Gemeinden fordert uns heraus!

ANNETTE KICK

„Kann denn niemand mehr normal glauben?“ seufzte eine

besorgte Großmutter, deren Enkelin in eine neu gegründete

Gemeinde im Nachbarort geht. „Ist das wirklich eine evangelische

Freikirche oder ist das eine Sekte?“ so lautet meist

die Standardfrage. Die Antwort fällt aber nicht so einfach

aus wie gewünscht. Denn die beiden Begriffe „Sekte“ und

„Freikirche“ helfen uns nicht viel weiter. „Sekte“ wird unterschiedlich

definiert und ist normalerweise zur Bezeichnung

auch radikalerer Gruppen, die sich im protestantischen

Spektrum bilden, nicht hilfreich. Des Weiteren ist weder der

Begriff „evangelisch“ noch „Freikirche“ geschützt. Auch

Gemeinden, die sich früher als überkonfessionell oder charismatisch

oder pfingstlich bezeichnet haben, übernehmen

jetzt gerne die Bezeichnung „evangelische Freikirche“.

Die klassischen Freikirchen, wie die Methodisten, Baptisten,

Mennoniten, die sich die Seriosität dieser Bezeichnung

mühsam erarbeitet haben, sind eher unglücklich über die

inflationäre Ausbreitung der Bezeichnung „evangelische

Freikirche“. Die Verwechselbarkeit des Begriffes führt dann

auch manchmal zu Vorwürfen von Betroffenen gegenüber

mir als landeskirchlicher Beauftragter: „Ihr als Evangelische

Landeskirche müsst doch dafür sorgen, dass eine so radikale

Gruppe nicht unter dem Begriff „Evangelische (Frei-)Kirche

segeln darf!“ Meine Antwort: „Dafür können wir nicht

sorgen; aber dafür, dass wir informieren und auffordern,

genau zu schauen, was da jeweils drin ist, wo Evangelisch

drauf steht.“

„Normal glauben“?

Was die Anfragerin mit „normal glauben“ gemeint hat, ist

das, woran man sich in Deutschland in Jahrhunderten

gewöhnt hat. Gemeint ist, dass man zu einer der zwei

großen Kirchen gehört. Seit etwa 20 Jahren lässt die Bindekraft

und gesellschaftliche Bedeutung dieser großen Kirchen

nach, ein ganz normaler Vorgang in einer modernen

offenen Gesellschaft in einem neutralen Staat. Eine Vielzahl

von religiösen Anbietern hat sich etabliert und stellt

sich den Suchenden zur Wahl. Nicht einfach die religiöse

Zugehörigkeit der Eltern zu übernehmen, sondern eine

eigene Option zu treffen, wird mehr und mehr die Normalität.

Für die Landeskirche und ihre Gemeinden führt

das zu der ungewohnten Situation, dass auch sie nicht

mehr einfach „das Normale“ sind, sondern dafür werben

müssen, dass Menschen sich bewusst für sie entscheiden.

Dazu müssen nun auch wir sagen, was drin ist, wenn bei

uns „evangelisch“ drauf steht. So können wir in den

neuen Freikirchen nicht nur die Gefahren sehen, z. B. die

Gefahr der völligen Zersplitterung des Protestantismus.

Sondern sie können uns zugleich auch Anlass sein, unser

eigenes evangelisches Profil zu überprüfen.

Grob gesagt, mit einigen Ausnahmen, sind etwa zwei

Drittel dieser neuen Gemeinden charismatisch-pfingstlich

geprägt, darunter auch fremdsprachige aus Afrika oder

20 EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

Lateinamerika. Ein Drittel ist bibelfundamentalistisch, darunter

auch eine Anzahl von russlanddeutschen Gemeinden.

Sie treten meist mit dem Anspruch auf, direkt an die

Bibel und die biblische Gemeinde anzuknüpfen; wobei

sie übersehen, dass es schon in der Bibel verschiedene

Gemeindemodelle gibt. Die meisten dieser neuen Gemeinden

sind hierarchisch geführt, in der Altersstruktur und

Schichtzugehörigkeit ziemlich homogen. Sie erwarten von

ihren Mitgliedern meist eine große Konformität. Organisatorisch

teilen sie viele Kennzeichen mit den klassischen

Freikirchen. Theologisch gibt es aber zwischen den

meisten von ihnen und der Landeskirche gegenseitige

Vorbehalte und deutliche Unterschiede.

Fragen, zu denen die neuen Freikirchen uns herausfordern:

Auf welche Stärken können wir uns besinnen?

Von allen Schätzen, die wir aus der Vergangenheit und in

der Gegenwart haben, will ich hier nur einen nennen: In

einer Hinsicht sind wir als heutige Landeskirche vielleicht

evangelischer als alle anderen: Wir nehmen ganz ernst,

dass der Mensch allein aus Glaube gerechtfertigt wird. Da

kein Mensch diesen Glauben beurteilen kann, verzichten

wir darauf, innerhalb unserer Mitglieder eine menschlich

bestimmbare Grenze zwischen Christ und Nichtchrist zu

ziehen. Wir verlangen nicht ein bestimmtes Maß an

Engagement, an engen, angeblich biblischen Verhaltensnormen,

an besonderen Erfahrungen mit dem Heiligen

Geist. Wir erlauben es Menschen, ihren Abstand zur

Gemeinde selbst zu bestimmen und ihr Christsein frei zu

gestalten. Die Vielfalt von Glaubensstilen und Aktivitäten,

die in einer evangelischen Landeskirche Platz haben, darf

nicht verwechselt werden mit Beliebigkeit, sondern sie ist

Programm einer Kirche, die ernst nimmt, dass das Evangelium

zu verschiedenen Menschen verschieden spricht. Der

Beliebigkeit ist aber zu wehren, indem inhaltlich um Mitte

und Grenze dessen gerungen werden muss, was in einer

evangelischen Gemeinde möglich ist.

Was haben diese Gemeinden,

was wir verloren haben?

Die charismatisch-pfingstlichen Gemeinden erinnern uns

vor allem daran, dass die Erfahrungs- und Erlebnisseite

des Glaubens bei uns oft zu kurz kommt. Die fundamentalistischen

Gemeinden erinnern uns daran, dass vor allem

junge Menschen mehr klare Orientierung aus der Bibel

suchen und Mitchristen, die einen Schritt weiter sind und

mit ihnen den richtigen Weg suchen. Alle diese kleinen

freien Gemeinden mit ihrem engen sozialen Zusammenhalt

erinnern uns daran, dass wir neben den Außenbezirken

mit distanzierten Mitgliedern, neben der Vielfalt mehr

oder weniger verbindlicher Angebote in der Mitte der

Gemeinde eine Gruppe brauchen, die sich insofern „freikirchlich“

versteht, als hier Wärme, Geborgenheit, Verbindlichkeit

und hohes Engagement in einem geistlichen

Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen gelebt wird.


Was wollen wir als landeskirchliche Gemeinden

bewusst „festhalten“?

æ Freiheit zu verschiedenen Ausprägungen statt Konformität.

æ Die Freude die biblischen Geschichten täglich neu von

ihrer Mitte her zu entdecken statt der Bibel als starres

Gesetzbuch.

æ Kein schwarz-weiß Denken, das für die bunte Welt und

die so verschiedenen Geschöpfe Gottes nur zwei

Schubladen hat.

æ Die Zusage, dass Gott und in seinem Auftrag die

Gemeinde den Einzelnen in Freud und Leid durchträgt,

kein Wohlstandsevangelium, das die falsche Versprechung

in die Welt setzt, Glaube mache reich, gesund

und erfolgreich.

æ Das Bewusstsein, dass Gott auch in den kleinen

Zeichen der Bewahrung, Begleitung, des Kraft-Schöpfens

mitten im Alltag erlebt wird und nicht nur in

Wundern und außerordentlichen Erfahrungen.

æ Keinen Umgang mit dem Bösen, bei dem man dessen

Ursache hauptsächlich außen sucht, in dämonischen

Einflüssen, die man dann austreiben muss. Wir verstehen

uns als Gemeinschaft von Menschen, die auch als

Christen noch Sünder bleiben, die

aber immer wieder in der Seelsorge,

im Gottesdienst, im Abendmahl

Gottes unverdiente Gnade erfahren.

Pfarrerin Annette Kick

ist Weltanschauungsbeauftragte

der Landeskirche

Singen ist evangelisch

Die Geschichte der evangelischen Kirche ist zugleich eine Geschichte der Kirchenmusik

BERNHARD LEUBE

Als in den Tagen der Reformation, so erzählt man, die

Ideen dieses Wittenberger Mönches zur Reform der Kirche

auch in die Stadt Lemgo gedrungen waren, entstand

auf dem Rathaus eine gewisse Unruhe, denn Gerüchte

schwirrten durch die Stadt, in den Gottesdiensten würden

sich merkwürdige Dinge zutragen, Leute gäb’s, die wollten

in der Kirche alles anders machen. Der Luther würde

noch gefährlich werden, wenn man nicht aufpasste.

Sicher konnte man nicht alles lassen, wie es war, aber die

Sache durfte auch nicht aus dem Ruder laufen. Der Bürgermeister

wollte genauer Bescheid wissen und schickte

seinen Stadtschreiber in das Gotteshaus, er solle da mal

nach dem Rechten sehen und ihm von diesen Umtrieben

berichten. Nach geraumer Zeit kam der Schreiber wieder

zurück ins Rathaus. „Und?“ fragte der Bürgermeister. „O

Herr, die singen schon alle!“ antwortete der Ratsschreiber

nur, und der Bürgermeister stellte lakonisch fest: „Ei, dann

ist alles verloren.“ Der Mann hat etwas von Musik und

ihrer Kraft verstanden! Singen ist evangelisch.

Das Wort wird lebendig im Klang

Die Reformation ist eine Singbewegung und die

Geschichte der evangelischen Kirchen von Anfang an

zugleich eine reiche Geschichte der Kirchenmusik. Kirchenmusik

ist in der evangelischen Kirche deshalb unverzichtbar,

weil die Lebendigkeit des Evangeliums an seiner

Mündlichkeit hängt, an seinem Erklingen. Das Evangelium

ist ein Klangereignis. Was wir gedruckt in Büchern haben,

ist eine Gedächtnisstütze für unser schwaches Gehirn, das

die Bibel nicht auswendig kann. Lebendig aber wird das

Wort erst im Klang.

Lieder sind Gottesrede

Es gibt von Luther jene berühmte Definition des Gottes-

dienstes, die er in der Predigt

zur Einweihung der Torgauer

Schlosskirche formulierte, in

diesem Haus solle nichts

anderes geschehen, „als dass

unser lieber Herr selbst mit

uns rede durch sein heiliges

Wort und wir wiederum

mit ihm durch Gebet und

Lobgesang.“ Das könnte

man oberflächlich so deuten,

als habe eben der

Pfarrer oder die Pfarrerin

das göttliche Wort zu

sagen, und die Gemeinde

antworte darauf unter anderem mit ihrem

Singen. Wenn wir die Lieder Luthers aber selbst

anschauen, sehen wir sofort, dass das Singen auf beiden

Seiten der liturgischen Kommunikation seinen Ort hat.

Viele Lieder sind Lob- und Danklieder, Klage- und Bittlieder.

Wenn wir sie singen, dann loben und danken wir,

klagen und bitten. Aber das ist nur die eine Seite. Geistliche

Lieder sind nicht nur das eigene Wort derer, die Gott

gemeinsam antworten, sondern sie sind auch das fremde

Wort, das paradoxerweise in unserem eigenen Mund von

außen auf uns zukommt, ja in ihnen spricht unter

Umständen Gott selbst: „Er sprach zu mir: ‚Halt dich an

mich, es soll dir jetzt gelingen; ich geb mich selber ganz

für dich …“ (EG 341,7) Das sage nicht ich, wenn ich

singe, das sagt Christus. Die letzten Strophen von Luthers

„Nun freut euch, lieben Christen g’mein“ redet Christus.

Auch Jochen Kleppers „Ja, ich will euch tragen bis zum

Alter hin“ (EG 380) könnte man nennen, das ganze Lied

ist pure Gottesrede nach Jesaja 46, 3.4.

Die evangelische Kirchenmusik hat auf dieser anspruchsvollen

Grundlage in mehreren Jahrhunderten einen riesigen

Aufschwung genommen, nicht zuletzt dadurch, dass

EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

21


Aus Kirche und Gesellschaft

an den großen Kirchen und Höfen auch große

Musiker angestellt waren, zu deren Aufgaben die Komposition

gehörte. Für alle erdenklichen Anlässe entstanden

Oratorien, Kantaten, Liedsätze, Motetten, Sologesänge,

Singsprüche, groß besetzt und für die kleinen Verhältnisse,

Orgelmusik en miniature und im großen Stil.

Kirchenmusik ist Seelenmusik und Predigtmusik, Spruchund

Evangelienmotetten machten den Chor zum Prediger

und Seelsorger.

Singen ist fühlen und handeln

Die Grundlagen der Kirchenmusik und damit des Singens

in der Kirche verstehen sich heute nicht mehr von selbst.

Was das Singen in der Kirche anbelangt, sind wir heute

alle vom Pietismus geprägt, denn im Singen drücken wir

uns selbst aus, außerdem sind wir alle Romantiker, denn

wir empfinden Singen und Musik als Sprache des Gefühls.

„Was ich nicht fühlen kann, kann ich auch nicht singen“,

sagt Herbert Grönemeyer. Heute tritt die Popularmusik an

mit dem Anspruch, gerade in der Kirche am Musikgeschmack

der jüngeren Generation anzuknüpfen, Selbstausdruck

und Gefühl eine ansprechende Gestalt zu geben

und die jungen Leute musikalisch zu beheimaten. „Wir

müssen die Menschen doch da abholen, wo sie sind“,

wird oft als Motivation genannt. Vorausgesetzt wir wissen,

wo die Menschen sind, worüber man streiten

könnte, habe ich manchmal den Eindruck, wir holen dann

zwar die Menschen da ab, wo sie vermeintlich sind, wir

gehen aber nirgendwo hin mit ihnen, drehen uns ein paar

Mal, und bleiben am Ende da, wo wir angefangen haben.

Dass wir im geistlichen Singen und Musizieren nicht nur

wir selbst sind, sondern mehr, ist aus dem Blick geraten:

geistliches Singen ist auch Rollenhandeln. Wer singt, geht

immer über sich hinaus.

Das Singen der Gemeinde ist der Mutterboden aller Kirchenmusik.

Wo er nicht gebildet und gepflegt wird, hängen

Passionen und Motetten von Heinrich Schütz oder

ein Deutsches Requiem von Brahms, hängt die Kirchenmusik,

die auf weite Strecken Liedbearbeitung ist, auf die

Dauer in der Luft. Die Kirchenmusik macht einen großen

Teil unseres kulturellen Erbes als evangelische Kirche aus.

Zwei Drittel der Orgelwerke Bachs sind Choralbearbeitungen,

die zur schönen Klangsoße werden, wenn wir die

zugehörigen Lieder nicht mehr assoziieren und innerlich

mithören können. Es gibt heute neue geistliche Lieder in

unübersehbarer Zahl, deren größter Teil dazu dient,

bestimmten Milieus stets neue Klangmittel zur Darstellung

ihrer selbst an die Hand zu geben. Das ist schön.

Musik allerdings, die ursprünglich dazu diente, Menschen

miteinander zu verbinden, dient heute weithin dazu, sie

voneinander zu unterscheiden. Das kann man bedauern,

es führt aber nichts an dieser Feststellung vorbei.

Bei Fulbert Steffensky lese ich den schönen Satz: „Die Kirche

hat Traditionen und heilige Texte, die die Menschen

davor bewahren, in der puren Gegenwart zu versinken.“

Nicht zuletzt die kirchenmusikalischen Traditionen

gehören zum Reservoir unserer Identität. Wenn wir sie

selbst nicht ernst nehmen, wie wollen wir erwarten, dass

wir damit ernst genommen werden?

22 EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

PROTESTANTISCHE VORBILDER

Dietrich Bonhoeffer, 4. Februar 1906 bis

9. April 1945, evangelischer Theologe.

Bonhoeffer wollte kein Heiliger werden.

1944 schreibt er „Ich erinnere mich eines

Gesprächs mit einem französischen jungen

Pfarrer vor 13 Jahren. Wir hatten uns

ganz einfach die Frage gestellt, was wir

mit unserem Leben eigentlich wollen. Da

sagte er: ich möchte ein Heiliger werden ...;

das beeindruckte mich damals sehr. Trotzdem widersprach

ich ihm und sagte ungefähr: ich möchte glauben lernen,

indem ich so etwas wie ein heiliges Leben zu führen versuche...

Später erfuhr ich und ich erfahre es bis zur Stunde,

dass man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben

lernt. Erst wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus

sich selbst etwas zu machen – sei es einen Heiligen oder

einen bekehrten Sünder oder einen Kirchenmann…, dann

wirft man sich Gott ganz in die Arme… und so wird man

ein Mensch, ein Christ.“

Er wollte kein Heiliger werden. Vielleicht ist er aber für

manchen von uns ein Vorbild, ein Lehrer – oder hat doch

auch etwas Heiliges?

Dietrich Bonhoeffer wurde am 9. April 1945 im

KZ Flossenbürg durch die SS ermordet.

30 Lieder für alle Gemeinden

Der weiträumige Verlust einer gemeinsamen, generationenübergreifenden

Liederkenntnis hat kürzlich zu der Initiative

der „Kernliederliste“ geführt. In Württemberg und

Baden wurde eine Liste von 30 Liedern und 3 Kanons erarbeitet

und von beiden Kirchenleitungen allen Gemeinden

empfohlen 6 . Inzwischen empfehlen sogar alle evangelischen

Kirchen in Deutschland ihren Gemeinden die Kernliederliste

zur Übernahme, um langfristig wieder auf ein

gemeinsames, generationenübergreifendes Liederrepertoire

zuzugehen. Die Resonanz vor allem unter Religionslehrerinnen

und -lehrern ist groß. Das Singen mit Kindern im

Kindergarten und in der Grundschule, in Kinderchören und

im Kindergottesdienst, die langfristig überlegte und wiederholte

Verwendung dieser Lieder auch im Gottesdienst wird

das künftige Bild der Kirchenmusik entscheidend prägen.

Nicht nur zuhören, wie andere uns Lieder vorsingen, sondern

selber singen, nicht sich im Stillen ärgern, wenn Lieder

unbekannt sind, sondern fragen: wo können wir sie lernen,

wenn sie interessant sind, das würde ich evangelisch nennen,

die Mündigkeit der Christen an ihrer Mündlichkeit festmachen

und sich inhaltlich nach wie vor daran orientieren,

was Luther in seiner ersten Gesangbuchvorrede schrieb,

„dass Christus unser Lob und Gesang sei“, auch wenn seit

der Reformation im 16. Jahrhundert einiges Wasser die Elbe

hinuntergeflossen ist.

6 Zu finden bei: www.kirchenmusik.elk-wue.de; oder:

www.gottesdienste.de/liturgische_projekte.php

Prof. Bernhard Leube aus Süßen ist

Pfarrer im Amt für Kirchenmusik,

Stuttgart


Gottes Wort vielfältig und lebendig

unters Volk bringen

Evangelischer Gottesdienst – mehr als Martin Luther und Paul Gerhardt

MARTINA RUPP

Wenn man an einen typisch evangelischen Gottesdienst

denkt, dann hat man den Pfarrer vor Augen, der – mit

schwarzem Talar und weißem Beffchen angetan – wortgewaltig

predigt. Die Orgel tönt und der Gemeindegesang

ist mal stärker, mal schöner.

Typisch evangelisch ist der Gottesdienst am Sonntagmorgen

mit Martin Luther und Paul Gerhardt. Aus gutem Grund

ist das so. Aus gutem Grund ist es aber auch noch ein bisschen

anders.

Seit 1968 stehen auf Württembergs evangelischen Kanzeln

auch Frauen und sind als ausgebildete Pfarrerinnen zur

Leitung des Gottesdienstes beauftragt.

Neben dem schwarzen Talar, der auf die Gelehrtentracht der

Reformationszeit zurückgeht, tragen immer mehr Pfarrer

und Pfarrerinnen an den Hochfesten die weiße Mantelalbe

mit einer Stola in den Farben des Kirchenjahrs. Dabei haben

sie nicht bei ihrem katholischen Kollegen in den Schrank

gegriffen. Seit 1993 ist auch das helle Amtsgewand nach

württembergischer Kleiderordnung genehmigt.

Ordnung und Vielfalt

Der württembergische Gottesdienst hat einen festgelegten

Ablauf, der in allen Gemeinden mehr oder weniger gleich

ist. Und das aus gutem Grund: Die Pfarrerinnen und Pfarrer

müssen nicht jeden Sonntag den Gottesdienst neu erfinden

und die Gemeinde muss nicht jeden Sonntag neu lernen,

was jetzt wieder kommt.

Dennoch ist der evangelische Gottesdienst so vielfältig wie

die Gemeinden, die ihn feiern.

Da ist die musikalische Gestaltung: Lieder aus Taizé haben

Gottesdienst beim Stötten-Tag

Einzug in den Gottesdienst gehalten. Manche

Gemeinden haben eine Schola und singen

gregorianisch Psalmen, anderswo gibt es eine

Band. Das neue Ergänzungsheft zum Gesangbuch

„Wo wir dich loben, wachsen neue

Lieder“ bietet eine Sammlung neuer Lieder, die

sich seit Erscheinen des neuen Gesangbuchs

1996 etabliert haben.

Mit allen Sinnen

In den letzten Jahrzehnten wurde die Feier des

Abendmahls wieder stärker in den Mittelpunkt

des gottesdienstlichen Geschehens gerückt.

Auch da gibt es eine große Vielfalt in der Ausgestaltung.

Da ist die evangelische Messe, die

mit ihren Wechselgesängen und Dialogen die

Gemeinde stärker einbindet ins Geschehen.

Da wird am Gründonnerstag das Abendmahl

an Tischen gefeiert. Oder man verbindet die

Austeilung der Gaben mit einem gemeinsamen

Essen, so dass es bei der Mahlfeier noch mehr

zu schmecken gibt als Brot und Wein.

Gottes Wort lebendig unters Volk bringen –

Evangelischer Gottesdienst

„Schmecket und sehet“ – typisch evangelisch ist eher das

Hören. Aber auch da hat sich in den letzten Jahren ein

Wandel angebahnt. In der evangelischen Kirche werden

neben dem Ohr auch die anderen Sinne wiederentdeckt

und im Gottesdienst angesprochen.

Als sichtbares Zeichen für die Hoffnung auf Auferstehung

und ewiges Leben ist in vielen Kirchen die Osterkerze eingezogen.

Bei Tauffeiern werden Taufkerzen an ihr entzündet.

Gottesdienste, in denen eine Salbung oder eine Einzelsegnung

vollzogen wird, berühren auf eindrückliche Weise.

Bei Filmgottesdiensten werden Aussagen und die Bilderkraft

eines Kinofilms mit der biblischen Botschaft in Beziehung

gesetzt. Und der Motorradgottesdienst in Oberböhringen

hat gezeigt: Biken und Bibel sind kein Widerspruch.

Gottes Wort lebendig unters Volk zu bringen – das ist

typisch evangelisch in aller Vielfalt.

Martina Rupp ist Pfarrerin

in Deggingen-Bad Ditzenbach

und Mitglied im Ausschuss der

Landeskirche für Liturgie

Paul-Gerhardt-

Denkmal in Lübben

(vor der

Paul-Gerhardt-

Kirche).

EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

23


Aus Kirche und Gesellschaft

Luther beim Thesenanschlag

Den eigenen Zugang zu Gott finden

Martin Luthers Übersetzung der Bibel war revolutionär

MARKUS HARTMANN

Welches Schlagwort fällt einem katholischen Theologen

als erstes ein zum Thema protestantische Theologie?

Richtig: Zuerst das sola gratia. Und als Zweites gleich das

sola scriptura, die Besinnung darauf, dass die Heilige

Schrift die einzige und authentische Quelle theologischer

Erkenntnis ist. Und das nicht nur für Theologen, sondern

für alle Glaubenden. Diese Erkenntnis ist im Grunde

selbstverständlich. Dennoch war sie zur Zeit Martin

Luthers, in der beginnenden Renaissance, in Vergessenheit

geraten. Die Frömmigkeit dieser Zeit war geprägt von

Vorstellungen des Spätmittelalters von einem richtenden

und strafenden Gott, vor dem der Mensch bestehen

muss. Das gilt auch für den jungen Martin Luther. Über

seine Zeit im Erfurter Augustinerkloster schreibt er selbst:

»Ist je ein Mönch in den Himmel gekommen durch Möncherei,

so wollte ich auch hineingekommen sein«. Luther

ringt immer wieder darum, die biblischen Texte über die

Gerechtigkeit Gottes richtig zu verstehen. Er kommt zu

der Einsicht, dass dem Menschen vom richtenden Gott

nicht zwangsläufig ein hartes Urteil droht. Vielmehr

schenkt Gott ihm die Gerechtigkeit durch seinen Sohn

Jesus Christus. In seiner Übersetzung des Römerbriefs hat

er diese Erkenntnis so formuliert: »So halten wir nun

dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes

Werke, allein durch den Glauben« (Röm 3,28).

In elf Wochen übersetzt Luther

das Neue Testament

Mit seiner neuen Lehre gerät Luther auch in Konflikt mit

der Kirche seiner Zeit, insbesondere mit einer Praxis, die

sich beim Bußsakrament eingeschlichen hat: dem Ablasshandel.

Luther fasst seine Einwände in 95 Thesen zusammen,

die er am 31. Oktober 1517 an der Tür der Schlosskirche

in Wittenberg anbringt. Der Konflikt eskaliert und

am 3. Januar 1521 verhängt der Papst den Bann über

Luther. Im April des gleichen Jahres steht Luther vor dem

Reichstag in Worms. Unbeirrt hält er an seiner Meinung

fest und wird als Ketzer für vogelfrei erklärt. Sein Landes-

24 EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

herr, Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen, lässt ihn

auf dem Rückweg von Worms zum Schein entführen und

auf die Wartburg bringen. Dort lebt Luther zehn Monate

zurückgezogen unter dem Decknamen »Junker Jörg« und

übersetzt in der unglaublichen Zeit von nur elf Wochen

das Neue Testament ins Deutsche. Im September 1522

erscheint die Übersetzung in Wittenberg im Druck (das

sogenannte »September-Testament«). Die Auflage war für

die damalige Zeit ungewöhnlich hoch. Dennoch war das

Buch in kürzester Zeit ausverkauft. Schon im Dezember

1522 kommt eine zweite Auflage mit Verbesserungen im

Text und Korrekturen an den Bildern auf den Markt

(»Dezember-Testament«).

Über Jahrhunderte ist Luthers

Übersetzung Maßstab

Für die Übersetzung des Alten Testaments benötigt

Luther länger Zeit. Im Jahre 1534 zur Leipziger Michaelismesse

vom 4. bis 11. Oktober 1534 legt er die erste vollständige

Fassung seiner Bibel vor. Sie besteht aus sechs

Einzelteilen mit jeweils eigenem Titelblatt und eigener Seitenzählung:

Mose-Bücher (Pentateuch), historische und

poetische Bücher, Propheten, Apokryphen (Spätschriften),

Neues Testament. In der Folge arbeitet Luther bis an sein

Lebensende weiter an seiner Übersetzung. Die letzte Fassung,

die Luther selbst bearbeitet hat, die so genannte

»Ausgabe letzter Hand«, erscheint im Todesjahr Luthers

1545 in Wittenberg. Sie bleibt für die nächsten Jahrhunderte

maßgeblich.

Luther-Bibel vereinheitlichte

die deutschen Sprache

Einer der entscheidenden Faktoren für den Erfolg seiner

Übersetzung war ihre sprachliche Qualität. Luther orientierte

sich bei seiner Übersetzung an der sächsischen

Kanzleisprache, »welcher es alle Herzöge und Könige

Deutschlands nachtun, alle Reichsstädte, Fürsten, Höfe«.

Sie wurde in ganz Deutschland verstanden, was wesentlich

zur Verbreitung beitrug. Auf der anderen Seite

gewann diese Sprache, die zunächst nur Verwaltungssprache

gewesen war, eine Form, die sie zur Grundlage der

deutschen Hoch- und Literatursprache werden ließ. So

stammen zahlreiche, bis heute geläufige Sprichwörter und

Redensarten aus der Lutherbibel, und erst ihre Verbreitung

schuf die Voraussetzungen, dass Deutschland zu

einem einheitlichen Sprachraum zusammenwachsen

konnte.

Luther selbst schreibt in seinem »Sendbrief vom Dolmetschen«,

dass er beim Übersetzen »dem Volk aufs Maul

sehen« wollte. Das bedeutet aber keineswegs, dass er sich

eines volkstümlichen Gassenjargons bediente. Es ging ihm

vielmehr darum, von möglichst vielen Menschen verstanden

zu werden. Das wird unter anderem an der Art und

Weise deutlich, wie Luther übersetzt hat: Er versucht, den

charakteristischen Eigenarten der deutschen Sprache


Wartburg

gerecht zu werden. Das heißt: Wichtiger als die genaue

Reproduktion des Wortlauts des hebräischen und griechischen

Originaltextes der Bibel war ihm, den Sinn des

Textes möglichst treffend wiederzugeben: »Wer Deutsch

reden will, der muss nicht der hebräischen Worte Weise

führen, sondern muss darauf sehen, dass er den Sinn

fasse und denke also: Lieber, wie redet der deutsche

Mann in solchem Fall? Wenn er nun die deutschen Worte

hat, die hierzu dienen, so lasse er die hebräischen Worte

fahren und spreche frei den Sinn heraus aufs beste

Deutsch, so er kann«

Die Bibel wird immer wieder überarbeitet

Seit der letzten Ausgabe der Übersetzung durch Luther

hat sie mehrere sorgfältige Anpassungen an die gewandelte

Gegenwartssprache und neuere theologische

Erkenntnisse erfahren. Man spricht dabei von »Revisionen«.

Jede dieser Überarbeitungen war streng dem Geiste

Luthers verpflichtet. Und nur durch diese Revisionen

konnte verhindert werden, dass die Übersetzung von

Luther zum reinen Museumsstück wurde. So ist sie bis

heute aktuell geblieben.

Bis heute ist die Lutherbibel die in Deutschland am meisten

gebrauchte Bibelübersetzung. Luthers Übersetzung

der Bibel in eine Sprache, die »die Mutter im Hause, die

Kinder auf der Gasse, der gemeine Mann auf dem Markt«

verstehen können, war revolutionär: Jetzt war jeder

Mensch grundsätzlich in der Lage, ohne Vermittlung

durch die Kirche seinen eigenen Zugang zu Gott zu

finden – allein durch das Studium der Heiligen Schrift.

Seither spendet die Lutherbibel vielen Menschen in den

unterschiedlichsten Situationen des

Lebens Halt und Trost. Das ist ein kostbares

Erbe, das es zu bewahren gilt.

Markus Hartmann ist

katholischer Theologe und Lektor

für Jugendmedien bei der

Deutschen Bibelgesellschaft

in Stuttgart

Bin ich evangelisch?

Der ultimative Test für Protestanten.

Und für alle, die es werden wollen.

Bitte jeweils eine Antwort ankreuzen.

Welche Bedeutung hat Brot und Wein beim

Abendmahl nach Luther?

a) ~ Sie stehen symbolisch für Christi Leib und

Blut

b) ~ In, mit und unter Brot und Wein gibt sich

uns Christus

c) ~ Brot und Wein wandeln sich in Christi Leib

und Blut.

Was würden Sie am ehesten über Ihr Bett

hängen?

a) ~ Poster von Tom Cruise?

b) ~ Poster von Paris Hilton?

c) ~ Bild von Papst Benedikt?

d) ~ Bild von Martin Luther?

e) ~ Ein Kreuz?

3. Was sind reformierte Kirchen?

a) ~ Ein anderer Begriff für Evangelische Kirchen?

b) ~ Kirchen, die sich auf die Lehre von Calvin

und Zwingli berufen?

c) ~ Kirchen, in denen es die Frauenordination

gibt?

4. Was ist ein Kernsatz der Reformation?

a) ~ Allein die Schrift

b) ~ Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen

c) ~ An Euren Werken werdet Ihr gemessen

5. Was ist die Barmer Erklärung?

a) ~ Zusicherung der Barmer Krankenkasse, den

Angestellten der evangelischen Kirchen in

Deutschland ein bevorzugtes Versicherungsverhältnis

einzuräumen

b) ~ 1934 verfasste Erklärung der Bekennenden

Kirche gegen den diktatorischen Machtanspruch

des nationalsozialistischen Staates

c) ~ 1449 auf Deutsch verfasste päpstliche

Enzyklika zur Sozialethik „Des Schwachen

sullt der Frumbe barmen“ (Der Fromme soll

allem Schwachen gegenüber Barmherzigkeit

üben).

6. Von wem stammt der Satz: „Sündige tapfer

und glaube noch tapferer?“

a) ~ Papst Johannes Paul II

b) ~ Billy Graham

c) ~ Martin Luther

7. Wo waren Sie bei der letzten Papstwahl?

a) ~ Keine Ahnung

b) ~ Vor dem Fernseher

c) ~ In Rom

Von Renate Schwarz und Elmar Bruker

Auflösung und Testauswertung auf Seite 34

EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

QUIZ

25


Aus Kirche und Gesellschaft

Wenn das Weib nicht mehr schweigt . . .

Württemberg ordinierte vor 40 Jahren die ersten Pfarrerinnen

SABINE BAYREUTHER

Typisch evangelisch? Im Gegenüber zur römisch-katholischen

und auch zu manchen anderen Kirchen sind Pfarrerinnen

typisch evangelisch: Frauen im Talar, Frauen auf der

Kanzel, Frauen als Leiterinnen einer Gemeinde oder eines

Kirchenbezirks.

Das war nicht immer so und ist auch heute noch - weltweit

betrachtet – nicht in allen evangelischen Kirchen so.

Die Geschichte der Pfarrerinnen ist noch jung: Vor gerade

einmal 40 Jahren, im berühmten Jahr 1968, wurde in der

Württembergischen Landeskirche die Frauenordination

eingeführt. Und erst vor 30 Jahren, 1978, erreichten die

Pfarrerinnen in der EKD die volle rechtliche Gleichstellung

gegenüber ihren männlichen Kollegen.

„Während Sie da oben stehen,

ist die Kanzel keine Kanzel.“

Man kann wohl nicht genug Hochachtung haben vor

dem Mut und dem Glauben der ersten Theologinnen! In

den ersten Jahren, als Frauen zum Theologiestudium

zugelassen waren, gab es noch keine vorgezeichnete Laufbahn

als Theologin. Zwar konnten Frauen ab 1904 in

Württemberg Theologie studieren, die übliche Abschlussprüfung,

die bei der Kirche abgelegt wurde, war ihnen

jedoch verwehrt. Als 1927 Elisabeth Mack als erste Frau

in Württemberg die 1. Theologische Dienstprüfung

ablegte, musste sie ihre Examenspredigt unter der

Bezeichnung „biblische Ansprache“ nur vor der Prüfungskommission

unter Ausschluss der Öffentlichkeit und nicht

von einer Kanzel halten. Als zwei Jahre später die Theologin

Else Breuning ihren Abschluss machte, war der

Winter so kalt, dass die Prüflinge ihre Examenspredigten

nicht im Kirchenraum, sondern in der Sakristei der Tübinger

Schlosskirche halten mussten. Da in der Sakristei

einzig eine Kanzel zum Predigen zur Verfügung stand,

definierte einer der Prüfer kurzerhand: „Während Sie da

oben stehen, ist die Kanzel keine Kanzel.“ Es darf eben

nicht sein, was mancher nicht wahr haben will.

Der Weg ins Pfarramt

Der „ordentliche“ Weg auf die Kanzel war Ende der

1920er Jahre für Frauen noch weit entfernt. Den Theologinnen

wurde ab 1927 der Dienst als Religionslehrerin

gestattet, sie wurden dafür mit dem Titel ausgestattet:

„Höher geprüfte kirchliche Religionshilfslehrerin“ – wohlgemerkt:

die Frauen hatten alle ein Universitätsstudium

erfolgreich absolviert. Ihre männlichen Kollegen, mit

denen sie gemeinsam studiert und das Examen abgelegt

hatten, wurden Vikare und Pfarrer.

Hinnehmen wollten diesen Zustand schon damals einige

Frauen nicht und schlossen sich zu einer „Vereinigung

Evangelischer Theologinnen“ zusammen. Ihr Ziel war das

volle, ordentliche Pfarramt für Frauen. Für die Mehrheit der

26 EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

v.l.n.r.: Annette Leube, Donzdorf; Ingeborg Brüning,

Steinenkirch; Edeltraud Meyer, Stubersheim; Helga Striebel,

Türkheim; Dekanin Gerlinde Hühn, Gertraude Reich-

Bochtler, Aufhausen; Susanne Jutz, Bad Überkingen;

Claudia Kupfer-Feine, Altenheime; Sabine Kluger,

Geislingen-Pauluskirche; Sabine Bayreuther, Donzdorf,

Eva Zähringer, Deggingen-Bad Ditzenbach

Männer in der Kirche war das jedoch noch undenkbar. Ab

1937 wurden Theologinnen zwar für einen Dienst in der

Kirche eingesegnet, dieser Dienst war jedoch nicht der

Pfarrdienst und die Einsegnung war nicht die Ordination,

wie Pfarrer sie erhielten. Frauen durften nur für Frauen

und für Kinder die Schrift auslegen und konnten in Kirchengemeinden

als Pfarrgehilfinnen arbeiten. Rechtlich

war ihre Tätigkeit nicht abgesichert: sie erhielten ein minimales

Einkommen und waren nicht sozialversichert.

Frauen als Notnagel

Die Notzeit des 2. Weltkrieges führte dann dazu, dass

Theologinnen in der Praxis alle Aufgaben eines Pfarrers

inklusive der Leitung von Gemeinden übernehmen mussten.

Als immer mehr Vikare und Pfarrer zum Kriegsdienst

eingezogen wurden, sollte das gottesdienstliche und

gemeindliche Leben weitergehen: Kinder waren zu taufen,

Gottesdienste für Erwachsene und Kinder sollten gehalten

werden, Verstorbene mussten bestattet werden. Damit

dies alles möglich blieb, wurden Laien, also geeignete Personen

ohne theologische Ausbildung, für diesen Dienst

beauftragt; und in den Gemeinden, in denen es sogenannte

Pfarrgehilfinnen gab, übernahmen diese Theologinnen

in der Regel die Arbeit des Pfarrers – ohne

offizielle Beauftragung. Die Gemeinden konnten so die

Erfahrung machen, dass es gut ist, wenn Frauen den

Dienst des Pfarrers übernehmen.

„Mit dem Wesen der Frau unvereinbar“

Als nach 1945 die Pfarrer und Vikare zurückkamen, mussten

die Frauen das Feld wieder räumen. Was in der Notzeit

möglich gewesen war, dass Frauen öffentlich das

Wort verkündigen, Abendmahlsgottesdienste feiern und

eine Gemeinde leiten, war nun von einem Tag auf den

anderen mit dem Wesen der Frau nicht mehr vereinbar. Es

wurde tatsächlich 1948 ausdrücklich festgestellt, dass der


schöpfungsmäßige Unterschied zwischen Mann und Frau

Leitungsaufgaben allein Männern vorbehalte. Besonders

schwer vorstellbar schien es, dass eine verheiratete Frau

Pfarrerin sein könnte, womöglich gar als Mutter von Kindern.

Deswegen gab es für Vikarinnen – wie ab 1948 die

Theologinnen im Gemeindedienst ihr Leben lang tituliert

wurden – eine Zölibatsklausel: mit der Eheschließung

wurden die Frauen in der Regel aus dem kirchlichen

Dienst entlassen.

Dennoch wurde die Zahl der Theologinnen immer größer

und ihre Arbeit immer mehr geschätzt. Deshalb musste

man Regelungen finden, wie theologisch ausgebildete

Frauen in der Kirche arbeiten können. Den Frauen zuzugestehen,

dass sie ordentliche Pfarrerinnen mit Talar und

allen Kompetenzen sein können, fiel vor allem den männlichen

Kollegen schwer; die Gemeinden hatten damit

erheblich weniger Probleme. Vielen Menschen in den

Gemeinden schien es irgendwann nicht mehr plausibel,

dass Frauen keine Pfarrerinnen sein sollten.

Die Wende

Das Jahr 1968 brachte dann den Theologinnen in Württemberg

die Feststellung: „Der Dienst der Theologin und

des Theologen sind gleichwertig.“ Nun konnten Frauen

ins Pfarramt ordiniert werden, durften öffentlich in

Gemeindegottesdiensten das Wort verkündigen, Kinder

taufen und Abendmahlsgottesdienste feiern. Nur in der

Bezahlung waren Theologinnen und Theologen noch 10

weitere Jahre nicht gleichgestellt.

1970 wurde Heide Kast als erste Gemeindepfarrerin unserer

Landeskirche in Ludwigsburg eingesetzt und Marianne

Koch wurde 1984 in Weikersheim erste Dekanin.

Ein Hauch von Progressivität –

Pfarrerinnen im Kirchenbezirk Geislingen

Vermutlich gab es im Kirchenbezirk Geislingen vor und

während des 2. Weltkrieges noch keine Theologinnen,

aber bereits 1951 kam eine Vikarin nach Geislingen: Ruth

Wöhr. Sie muss wohl eine begabte Theologin gewesen

sein, hatte offenbar aber im Umgang mit Menschen

wenig Ausstrahlung. Sie war über 20 Jahre, von 1951 bis

1975 in Geislingen tätig, vor allem als Klinikseelsorgerin;

ein Gemeindepfarramt hatte sie nie inne.

Seit den 1980er Jahren waren dann immer wieder Ausbildungsvikarinnen

im Kirchenbezirk. Die erste Gemeindepfarrerin

kam erst 1992: Annegret Maurer in Gruibingen.

1995 wurde mit Gerlinde Hühn zum zweiten Mal in der

Württembergischen Kirchengeschichte eine Frau zur

Dekanin gewählt, jetzt in Geislingen. Das Württembergische

Gemeindeblatt titelte damals: „Ein Hauch von Neuerung

durchweht den Bezirk“. Und es war und ist noch

immer etwas Besonderes, wenn eine Frau in der Kirche

ein solches Leitungsamt übernimmt.

In den 51 württembergischen Kirchenbezirken gibt es

heute gerade mal 6 Dekaninnen. An der mangelnden

Begabung von Frauen kann das kaum liegen. Dass Frauen

für das Dekaninnenamt genauso qualifiziert und begabt

sind wie Männer, ist wohl keine Frage mehr. Ob es die

qualifizierten Frauen selber sind oder die sie umgebenden

Männer, die ihnen die Übernahme eines so machtvollen

Amtes nicht zutrauen, kann man nur mutmaßen. Es

gibt darüber keine Untersuchungen.

Auch das Pfarramt hat landeskirchenweit noch mehrheitlich

ein männliches Gesicht. Einen einzigen Kirchenbezirk

in der Landeskirche gibt es, in dem genauso viele Frauen

wie Männer im Pfarramt sind: unseren Kirchenbezirk Geislingen.

Die Vision der frühen Theologinnen, dass Frauen

gleichberechtigt Pfarrerinnen sein können, ist bei uns im

Kirchenbezirk Wirklichkeit.

Die Zukunft der evangelischen Kirche:

Der Pfarrberuf als Frauenberuf?

Auch wenn heute noch – von Geislingen einmal abgesehen

– Pfarrer mehrheitlich Männer sind, beginnen manche

Menschen sich darüber Gedanken zu machen, ob und

warum der Pfarrberuf zum Frauenberuf wird. Schaut man

sich die Entwicklung an den Universitäten an, dann kann

man in der Theologie seit vielen Jahren einen kontinuierlichen

Anstieg der Zahl der Studentinnen sehen. An der

Universität Tübingen haben an der Evangelisch-theologischen

Fakultät die Frauen die Männer überholt. Im letzten

Wintersemester 2007/08 studierten dort 55% Frauen und

nur noch 45% Männer. So wird es in ein paar Jahren vermutlich

mehr Vikarinnen als Vikare und in ein paar Jahrzehnten

mehr Pfarrerinnen als Pfarrer geben.

Aber nicht erst dann werden die Frauen dem Pfarramt ein

neues Gesicht geben. Das geschieht bereits jetzt. Denn

mit dem Einzug von Pfarrerinnen in die evangelischen

Pfarrhäuser sind die Lebensformen im Pfarrhaus vielfältiger

geworden. Das traditionelle Modell des Pfarrers, dessen

Frau als Pfarrfrau aktiv das Gemeindeleben mitgestaltet,

ist immer seltener zu finden. Stattdessen findet man Ehepaare,

die in Stellenteilung ein Pfarramt versehen, oder

Pfarrerinnen, deren Ehemänner ihren eigenen Berufen

nachgehen. Auch gibt es inzwischen Männer, die mit Teilauftrag

Pfarrer sind, weil sie sich an der Erziehung ihrer

Kinder intensiv und gleichberechtigt beteiligen wollen.

Wie wird sich das Pfarramt wohl weiter entwickeln,

wenn immer mehr Frauen Pfarrerinnen werden? Wir werden

es sehen. Aber das weibliche Gesicht des Pfarramtes

ist aus der evangelischen Kirche nicht mehr wegzudenken.

Für die Gemeinden und die Kirche ist es ein Segen,

dass Frauen Pfarrerinnen sind.

Wenn das Weib nicht mehr schweigt… wie arm wäre die

Kirche, wenn sie auf die Gaben ihrer Pfarrerinnen

verzichten würde!

Sabine Bayreuther

ist Vikarin in Donzdorf

40 Jahre Frauenordination – dieses Jubiläum

wird begangen mit einem Gottesdienst im

Ulmer Münster mit Prälatin Gabriele Wulz am

15. November 2008 um 15.00 Uhr

EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

27


Aus dem Kirchenbezirk

„Ich will immer ein Anwalt der Armen sein“

(Gustav Adolf II., 1594 –1632)

Das Gustav-Adolf-Werk unterstützt mehr als 40 Partnerkirchen

ALFRED EHMANN

Das älteste evangelische Hilfswerk in Deutschland ist das

Gustav-Adolf-Werk, kurz „GAW“ genannt. Es ist das

Diasporawerk der Evangelischen Kirchen und engagiert

sich weltweit.

„Diaspora“, das sind die zahlenmäßig kleinen und zum

Teil weit verstreut lebenden evangelischen Gemeinden in

Ost- und Südeuropa und in Lateinamerika. Das GAW

unterhält intensive Kontakte zu diesen Gemeinden und

ihren Einrichtungen, um sie zu begleiten, zu stärken und

zu ermutigen.

Es geht um christliche Nächstenliebe nach dem biblischen

Motto „Lasset uns Gutes tun an jedermann, allermeist

aber an des Glaubens Genossen“ (Galater 6, 10). Das ist

der Grundgedanke, mit dem im Jahr 1832 in Leipzig die

„Stiftung zur Unterstützung bedrängter evangelischer

Gemeinden in der Zerstreuung“ ins Leben gerufen wurde.

Schwedenkönig als Vorbild

Diese Stiftung wurde nach dem Schwedenkönig Gustav

Adolf benannt. Ihm wollte man mit nichtmilitärischen

Mitteln nacheifern, um den schwachen und zum Teil

unterdrückten protestantischen Gemeinden zur Seite zu

stehen.

Gleichberechtigte Haupt- und Zweigvereine in allen deutschen

Ländern sollten entstehen. Ein „Centralvorstand“

wählte den Gründungsort Leipzig zu seinem Sitz.

Nach der deutschen Wiedervereinigung hat das GAW als

erstes kirchliches Werk seine Zentrale in die neuen Bundesländer

verlegt, wieder nach Leipzig, in den Gründungsort.

Praktische Hilfe

Die GAW-Partnerkirchen sind kleine protestantische Minderheitenkirchen

in einem katholischen oder orthodoxen,

zunehmend aber auch in einem muslimischen oder entkirchlichten

Umfeld. Im Verhältnis zur Gesamtzahl der

Bevölkerung im jeweiligen Land haben sie nur kleine Mitgliederzahlen,

genießen geringe öffentliche Anerkennung

und oft nur beschränkte Rechte.

Das GAW unterstützt sie bei der Renovierung, beim Kauf

und Neubau von Kirchen, Gemeinderäumen, Heimen und

Schulen, bei der Finanzierung von Fahrzeugen für die oft

weiten Wege und bei der Aus- und Weiterbildung von

kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Gefördert

werden sozialdiakonische Vorhaben wie Schulspeisungen

und die Arbeit mit Straßenkindern.

Der GAW-Slogan „Partner evangelischer Minderheiten in

der Welt“ verbindet lutherische, reformierte, unierte, presbyterianische

Christen, Waldenser, Baptisten, Methodisten

und Pfingstkirchler. So stellte der frühere Generalsekretär

Ernst Wähner fest, dass die Arbeit des GAW „interkulturell,

versöhnend und der Verständigung dienend“ sei.

28 EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

Württemberg und die weite Welt

Das württembergische GAW ist einer von 26 GAW-

Vereinen in Deutschland, gegründet am 25. April 1843.

Es beteiligt sich maßgeblich am Projektkatalog der

Zentrale in Leipzig.

Insgesamt konnten (im Jahr 2005) über 600.000 € vom

GAW Württemberg für die Diasporaarbeit zur Verfügung

gestellt werden. Diese hohe Summe wurde aufgebracht

durch das landeskirchliche Opfer am 1. Advent, durch die

so genannte Konfirmandengabe, die in vielen Kirchengemeinden

von den Konfirmanden bei der Konfirmation

erbeten wird, und durch viele Einzelspenden. Einen maßgeblichen

Anteil leisten die GAW-Frauenkreise in vielen

Gemeinden, die fast ein Viertel des Betrags aufgebracht

haben.

Um die Verbindung mit den Minderheitenkirchen in

Europa zu festigen und auch das Verständnis im wachsenden

Europa zu fördern, bietet das GAW Württemberg

ein vielfältiges Programm an. Dazu gehören Studien- und

Begegnungsreisen nach Russland, Rumänien, Italien,

Tschechien oder in die Slowakei und für Konfirmanden

die Konfi-Touren nach Tschechien und zu den Waldensern

nach Italien.

In den letzten Jahren hat sich die Freiwilligenarbeit immer

stärker entwickelt. „Mit dem GAW unterwegs…“ gehen

junge Frauen und Männer für eine bestimmte Zeit, meistens

für ein halbes oder für ein Jahr, in eine der Partnerkirchen.

15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren es im

Jahr 2005, die über das GAW Württemberg nach Italien,

Paraguay, Uruguay, Argentinien, Brasilien, Chile und

Guatemala ausgereist sind.

GAW in Geislingen

1869 wurde in Geislingen der erste Gustav-Adolf-Kreis

gegründet. Aktuell gibt es zwei Kreise, der Gustav-Adolf-

Kreis in Geislingen und der in Altenstadt.

Jährlich veranstaltet das württembergische GAW ein Jahresfest,

bei dem die Verbindung zur Diaspora durch Gäste

aus vielen Ländern gefördert wird. Der Kirchenbezirk Geislingen

ist Gastgeber des Jahresfestes 2009. Drei Tage lang,

vom 26. bis 28. Juni, wird das Gustav-Adolf-Werk mit

vielen Gästen aus dem In- und Ausland im Kirchenbezirk

gefeiert. Nach 1895, 1922 und 1966 ist es das vierte

Jahresfest in Geislingen.

Pfarrer Alfred Ehmann, Süssen,

ist Bezirksbeauftragter des GAW


Miteinander Glauben leben

Die Erfahrung eines Ehepaares verschiedener Konfession

FRIEDERIKE MAIER

Heutzutage sind konfessionsverschiedene Ehen – eine

Ehe also, bei welcher ein Partner evangelisch, der andere

katholisch ist – keine Seltenheit mehr.

Das war früher anders. Fanden ein Evangelischer und eine

Katholische zusammen, so hatten sie oft beide Familien

gegen sich: „Wie kannst du einen „Wiaschdglaibigen“

heiraten?“ Manch katholischer Priester versuchte von der

Heirat abzuraten oder den evangelischen Partner zum

Übertritt zu bewegen. Bei der Hochzeit verpflichteten sich

beide, ihre Kinder im römisch-katholischen Glauben zu

erziehen. Viel Druck und Anfeindung von verschiedenen

Seiten mussten die Paare standhalten.

Das ist heute – Gott sei dank – nicht mehr so.

Seit 1971 gibt es die Möglichkeit einer Trauung, in der

Pfarrer beider Konfessionen beteiligt sind. Eine ökumenische

Trauung ist das freilich nicht. Kirchenrechtlich

heiratet man entweder evangelisch – mit Beisein eines

katholischen Priesters. Oder katholisch – mit Beisein eines

evangelischen Pfarrers, einer evangelischen Pfarrerin. Auch

sonst ist es nicht immer einfach: Bei der Taufe der Kinder

muss die Entscheidung für eine Konfession fallen, gemeinsam

Abendmahl feiern ist kirchenrechtlich nicht möglich.

Ganz zu schweigen von pragmatischen Fragen: Wo besuchen

wir den Gottesdienst? In welcher Kirchengemeinde

engagieren wir uns?

Und doch gestalten konfessionsverbindende Ehepaare

ihren Alltag ökumenisch: Sie sind in beiden Kirchen

zuhause, geben ihren Kindern zwei Traditionen weiter,

leben gemeinsam Glauben in Vielfalt.

Glauben in Vielfalt leben

Wie das gelingen kann, ist deutlich geworden im

Gespräch mit Hans-Peter und Hildegard Bühler aus

Kuchen, die eine konfessionsverbindene Ehe führen.

Hildegard Bühler stammt aus Dellmensingen bei Ulm,

einem tief-katholischen Gebiet. Sie ist im römisch-katholischen

Glauben aufgewachsen wie ihre ganze Familie.

Hans-Peter Bühler dagegen hat eine stark evangelische

Prägung erfahren. Zum damaligen Kuchener Pfarrer

Fabinyi stand er wie in einem „Ziehsohnverhältnis“.

Im Pfarrhaus ging er ein und aus, bekam Zugang zum

Glauben, Verbindung zur evangelischen Kirche.

Als Hans-Peter und Hildegard sich kennen und lieben

lernten, machten sie die Erfahrung, dass sie in der Familie

des jeweils anderen herzlich aufgenommen wurden.

„Weder ihre Familie, noch sie oder der Priester haben den

Versuch gestartet, dass ich konvertieren soll“, erzählt er,

„auch nicht umgekehrt.“ Die unterschiedliche Konfession

war kein Problem.

Da es Trauungen mit Pfarrern beider Konfessionen damals

noch nicht gab, haben sie katholisch geheiratet. Das war

eine eher pragmatische Entscheidung, da überwiegend die

Hildegard und Hans-Peter Bühler

Mutter die Kinder erziehen würde. Und so wurden Thomas

und Angelika katholisch getauft.

In ihrem Alltag war die Familie in beiden Kirchen

zuhause: Hildegard Bühler engagierte sich als Kommunionsmutter,

Hans-Peter Bühler war im evangelischen Kirchengemeinderat

aktiv, die Kinder feierten Kommunion

und besuchten Kinderkirche und Jugendgruppen der

evangelischen Kirchengemeinde. Das Miteinander beider

Konfessionen war unkompliziert und selbstverständlich.

„Wir diskutierten viel, aber wir akzeptierten uns gegenseitig.

Es standen nie irgendwelche Dinge zwischen uns.“

„Ich will evangelisch werden!“

Für Überraschung sorgte Tochter Angelika, als sie als

12-Jährige den Wunsch äußerte „Ich will evangelisch werden!“

Für die Eltern war es zunächst ein Schock. Das kam

so unerwartet. Sie versuchten, ihre Gründe zu verstehen.

Die Eltern wollten ihre Tochter einerseits auf ihrem Weg

begleiten, andererseits nicht vorschnell einem Übertritt

zustimmen. So haben sie sich miteinander auf den Weg

gemacht: Angelika besuchte zwei Jahre den evangelischen

Religionsunterricht und nahm am Konfirmandenunterricht

teil. Schließlich ließ sie sich konfirmieren und wurde

damit evangelisch.

Im Rückblick sagen die Eltern: „Wir fanden es toll, wie

stark sie sich mit dem Glauben auseinandersetzte. Wir

wollten sie begleiten, ihr deutlich machen, dass sie nicht

alleine ist, wenn sie ihren Weg geht, dass wir hinter ihr

stehen.“

Die Familie hat sich zusammen auf den Weg gemacht

und beide Traditionen vertieft entdeckt. Miteinander leben

sie Ökumene, gestalten gemeinsam

Glauben. Und wie selbstverständlich

und fröhlich sie das tun, das strahlt aus!

Das Gespräch führte

Friederike Maier,

Pfarrerin in Süßen

EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

29


Aus dem Kirchenbezirk

Lobby für Kinder

Die Evangelischen Kindergärten

YASNA CRÜSEMANN

„Angenommen du würdest verhaftet, weil du Christ bist:

Gäbe es genügend Gründe, dich zu überführen?“ Diese

Frage, über die es sich nicht nur als Jugendliche nachzudenken

lohnt, lässt sich auch auf die evangelischen Kindergärten

übertragen: Angenommen, jemand kommt in

einen evangelischen Kindergarten. Gäbe es genügend

Merkmale, diesen als evangelischen Kindergarten zu

„überführen“? Anders gefragt: Was ist evangelisch am

evangelischen Kindergarten? Wenn evangelische Kindergärten

nämlich sind wie die anderen, wer braucht uns

dann? Evangelisch heißt ja auch protestantisch und das

heißt sein eigenes, unverwechselbares Gesicht zum

Ausdruck bringen.

Entscheidend ist dabei nicht, uns von anderen abzugrenzen,

sondern uns klar zu machen, warum wir „aus gutem

Grund“ evangelische Kindergärten betreiben und brauchen.

Was evangelisch meint, lässt sich an den vier

Grundeinsichten der Reformation durchbuchstabieren:

allein Christus (solus Christus) – allein durch Gnade (sola

gratia) – allein durch den Glauben (sola fide) – allein die

Schrift (sola scriptura). Was können sie für die evangelische

Kindergartenarbeit, die qualifiziert öffentliche

Bildungsverantwortung übernimmt, bedeuten?

Allein Christus

Das heißt: Wer wissen will, wie Gott ist, muss auf Christus

schauen, der uns Gottes Wesen zeigt. Die Zuwendung

Jesu zu den Kindern ist Grundlage evangelischer

Kindergartenarbeit: „Lasset die Kinder zu mir kommen

und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich

Gottes!“ (Markus 10, 13). Die Zuwendung Jesu zu den

Kindern bietet keine beschauliche Kinderidylle, sondern

steht in krassem Gegensatz zum Umgang mit den Kindern

in der antiken Welt, wo Kinderhandel und -sklaverei

verbreitet waren. Die Haltung Jesu, der die Kinder in die

Mitte der Jünger – und damit in die Mitte der Gemeinde –

stellt und segnet, bietet ein konkretes Gegenmodell zur

ausbeuterischen gesellschaftlichen Praxis damals. Ein

Gegenmodell zur heutigen gesellschaftlichen Praxis

könnte demzufolge sein, Kinder nicht als „Humanressourcen“

zu sehen, in die man „für die Zukunft investiert“,

sondern sie so zu sehen, wie es das Leitbild der evangelischen

Kindergärten in Geislingen formuliert: „Jedes Kind

ist ein von Gott geliebtes und

gewolltes einzigartiges und

einmaliges Geschöpf. In einer

Atmosphäre von Vertrauen

und Geborgenheit erfahren die

Kinder, dass sie von Gott

bedingungslos angenommen

und geliebt sind und dass sie

unter Gottes Schutz und Segen

stehen“. Damit ist die zweite

reformatorische Grundeinsicht

bereits angesprochen:

30 EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

Allein durch Gnade

Das heißt: Gottes Liebe gilt allen Menschen ohne Vorbedingungen.

Diese Liebe Gottes soll im Kindergarten

erfahrbar werden, in den Beziehungen zwischen Mitarbeiterinnen,

Eltern, Kindern und Trägern. Sie soll erfahrbar

werden im Umgang mit den Geschöpfen, der Natur, den

Tieren, den Ressourcen und der Erde, aber auch in den

Krisen und Störungen, in denen das Gespräch miteinander

und Hilfen zur Bewältigung gesucht werden. Sich

selbst als Gottes Ebenbild angenommen und geliebt zu

wissen, ermöglicht auch andere Menschen anzunehmen,

offen auf sie zuzugehen und auch Andersgläubigen mit

Respekt und Achtung zu begegnen. Die Zuwendung Jesu

zu den Kindern ist Teil seiner Zuwendung zu den Schwachen.

Die Solidarität mit den Armen und Schwachen

gehört daher zu den Wesensmerkmalen evangelischer

Kindergartenarbeit. Sie drückt sich nicht zuletzt auch in

solidarischen Kindergartengebühren aus.

Allein durch Glauben

Die Grunderfahrung, angenommen und geliebt zu sein, ist

die Voraussetzung für Eigenständigkeit und Gemeinschaftsfähigkeit,

dem Bildungsziel aller Kindergärten. Weil

Menschen Gottes Liebe als Grund ihres Daseins erfahren,

hängt ihre Würde und Anerkennung nicht von ihren

Leistungen, ihrem Können und Wissen ab. Das ist auch

wichtig im Hinblick auf die zunehmende Verschulung der

Kindergartenarbeit, der Tests und „screenings“, die auf

Defizite starren, Kinder immer mehr zu Förderobjekten

degradieren und auch Eltern immer stärker unter Druck

setzen. Erst wer sich bedingungslos angenommen weiß

und sich bewusst ist, dass nicht alles von der eigenen

Leistung abhängt, kann seine Fähigkeiten voll entfalten.

Die evangelische Kindergartenarbeit macht darum Angebote

im spielerischen und spirituellen Bereich, die den

Totalansprüchen der Konsum- und Leistungsgesellschaft

entgegenwirken.

Allein die Schrift

Eigenständigkeit und Gemeinschaftsfähigkeit braucht eine

Wurzel, eine Quelle, aus der sie schöpft. Diese Rückbindung

(re-ligio) finden wir im Glauben an Gott, wie er uns

in der Bibel begegnet. Dass Gott liebt, befreit, hilft, vergibt

und segnet, erfahren Kinder in verlässlichen Beziehungen,

aber auch in Geschichten, Liedern, Ritualen und Festen, in

denen sie einer Weltsicht und einem Raum begegnen, in

dem man sich bergen kann. Kinder brauchen Ausdrucksformen

gelebter Religiosität, Freiräume für religiöse Erfahrungen

und Deutungen, Menschen, die mit ihnen über die

großen Fragen des Lebens ins Gespräch kommen. Dort,

wo von Gott die Rede ist und wo es Ausdrucksformen

gelebter Spiritualität gibt, kann ein Kind seine eigene

Theologie entwickeln. Staatliche Kindergärten, die weltanschaulich

neutral sein müssen, können keinen öffentlichen

Raum für solche Orientierungen und Ausdrucksmöglichkeiten

bieten. Die Aufgabe evangelischer Kindergärten ist


es, Lebensorientierung, Vertrautheit und Beheimatung im

christlichen Glauben zu ermöglichen und die Kinder

anderer Religionen die Begegnung mit dem Christentum

mit seinen zentralen Elementen wie Nächstenliebe,

Verantwortung, Respekt, Vergebung und Versöhnung.

Fazit

Evangelischen Kindergärten leisten religiöse Erziehung

nicht durch eine „Extrastunde“ irgendwann in der Woche,

sondern durch eine eigene Kultur, einen eigenen Geist,

der sich in allen Entwicklungsfeldern (Körper, Sinne, Sprache,

Denken, Gefühl und Mitgefühl) entfaltet und der sich

bis in das Gebet vor dem Essen, der Achtung der Schöpfung,

den Festen des Kirchenjahres und in den respektvollen

Umgang mit den Muslimen hineinzieht.

Pfarrerin Yasna Crüsemann

ist Beauftragte für die

Evangelischen Kindergärten

in Geislingen

Evangelisch sein im Pflegeheim

„Wir haben alle nur einen Herrgott“

CLAUDIA KUPFER-FEINE

Wenn im „Blättle“, dem monatlichen Mitteilungsblatt der

Pflegeheime der Samariterstiftung in Geislingen, Gottesdienst

steht, dann kommen am Sonntagmorgen oder am

Freitagnachmittag die Bewohnerinnen und Bewohner des

Hauses zusammen – jedenfalls die, die noch selbst können

und die, die gebracht werden. Ob der Gottesdienst

von mir, der evangelischen Pfarrerin, oder den katholischen

Kollegen gehalten wird, das wird manchmal nachgefragt.

Wem es wichtig ist, der geht auch in den Gottesdienst

der anderen Konfession.

Wichtiger als „evangelisch“ oder „katholisch“ ist, dass

man sich kennt. Und dass es helfende Hände, Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter und natürlich Ehrenamtliche gibt,

die die Bewohnerinnen und Bewohner zum Gottesdienst

begleiten und wieder abholen. Für nicht wenige ist der

Ausflug zum Gottesdienst etwas, das aus dem Gewohnten

herausfällt, und daher eine willkommene Abwechslung.

Aber oft braucht es auch jemanden, der Mut macht,

Altenpflegeheim Bronnenwiesen in Geislingen

und das „Ach, kommen Sie, wir gehen zusammen“, ist

für viele wie ein Geländer, an dem man sich festhalten

kann.

Kann man also sagen, dass im (hohen) Alter anderes

wichtiger ist, als die eigene Konfession? Und zwar, weil

wir alle nur einen Herrgott haben?

Dass der Glaube die tiefste Dimension von Heimat ist, das

ist im Pflegeheim sehr spürbar. Menschen im Pflegeheim

sind an einer letzten Station angekommen.

Sie leben bewusster damit, dass „wir hier keine bleibende

Stadt“ haben. Diese Menschen schätzen die geistliche

und die konkrete Gemeinschaft der Kirchen, in Gottesdienst,

Gesprächen und der Anwesenheit von Personen,

die von außen ins Haus kommen. Und man kann auch

hören: „Ach wissen Sie, mir ist es gleich, ob Sie evangelisch

oder katholisch sind, aber Sie kommen und besuchen

mich“.

An den Liedern werden die Konfessionsunterschiede im

Pflegeheim noch am ehesten sichtbar. Aber für die Menschen

im Pflegeheim ist es nicht mehr so wichtig, welcher

Konfession sie angehören.

„Verwirf mich nicht im Alter, Verlass mich nicht mein

Gott! Bist du nur mein Erhalter, so werd ich nie zu

Spott“ 7

7 aus dem Geistlichen Liederkästlein von

Philipp Friedrich Hiller (1699–1769) Pfarrer in

Steinheim/Heidenheim

Claudia Kupfer-Feine ist Pfarrerin

für die Alten- und Pflegeheime

im Kirchenbezirk Geislingen

EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

31


Aus dem Kirchenbezirk

Chorgesang im Krankenhaus

Mit Liedern trösten

KLAUS HOOF

Der christliche Glaube singt und spielt! Schon die älteste

Christenheit konnte nicht anders: Sie sang Psalmen und

Hymnen in ihren Gottesdiensten. Und nicht selten gingen

die Ältesten der Gemeinde aus diesen Gottesdiensten hinaus

in die Häuser kranker Gemeindeglieder, um diese zu

besuchen und zu salben.

Nachdem im Mittelalter das Singen im Gottesdienst im

Wesentlichen von Priestern, Solisten und einer Schola

übernommen wurde, setzte mit der Reformation eine kräftige

Singbewegung ein, die das neu entdeckte Evangelium

mit gemeinsam gesungenen Liedern und Musik in die

Gottesdienste einbrachte. Die neu entstehenden Kirchenlieder

umfassten alle Themen des Lebens und Glaubens.

Sie haben in hohem Maß zur Verbreitung evangelischen

Glaubens beigetragen und den Charakter evangelischer

Gottesdienste geprägt. Bis heute ist das geistliche Singen

unverzichtbares Element im evangelischen Gottesdienst.

Singen hat eine heilende Wirkung

Schon Saul, der erste König Israels, ließ sich von David

Lieder auf der Harfe vorsingen und -spielen, um seine

Depressionen aufzuhellen. Singen bewegt alle Fasern des

Leibes. Wer singt, kann von sich absehen und für Augenblicke

sogar seine Krankheit vergessen.

In den Krankenhausgottesdiensten der Helfenstein-Klinik

in Geislingen kommt das Singen und Musizieren zu kurz.

Menschen, die im Krankenhaus liegen, sind in einer

besonderen Situation. Ihnen ist in aller Regel nicht zum

Singen zumute. Da wäre es gut, wenn andere für sie singen

würden.

Im Krankenhaus tauchen Fragen auf, die im Alltag oft

nicht wahrgenommen werden: Warum bin ich krank? Bin

ich selber „schuld“ an meiner Krankheit? Wer oder was

war in meinem Leben bis jetzt wichtig? Wer trägt mich,

wenn ich krank und schwach bin? Was ist mit mir, wenn

ich sterben muss?

Helfenstein-Klinik in Geislingen

32 EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

Fenster im Andachtsraum der Helfenstein-Klinik

In den Gesprächen am Krankenbett, in Gebet, Predigt und

Abendmahl der Klinikgottesdienste finden diese Fragen

Raum. Doch eine wertvolle Gestaltungsmöglichkeit fehlt

bis jetzt: Das Singen und Musizieren von Liedern. Liedtexte

und Melodien können Menschen in einer Weise aufschließen,

wie es dem gesprochenen Wort nicht gelingt,

zumal Kranke dem gesprochenen Wort oft nur eine

begrenzte Zeit folgen können. Und was für wunderschöne

Trostlieder haben wir in unserer protestantischen

Liedtradition mit Liederdichtern wie Martin Luther, Paul

Gerhardt und Jochen Klepper, mit Liedkomponisten wie

Johann Crüger, Johann Sebastian Bach und Johannes

Petzold!

Die heilende Wirkung des Singens und der Musik möchte

ich gerne verstärkt in die evangelischen Sonntagsgottesdienste

der Helfenstein-Klinik einbringen, die 14-tägig um

9 Uhr stattfinden. Ich wünsche mir, dass in jedem Gottesdienst

neben der Orgel noch ein Chor, eine Instrumentalgruppe,

eine einzelne Instrumentalistin, ein sich für diesen

Zweck spontan zusammenfindendes Gesangs- oder

Instrumentalquartett den Gottesdienst mitgestaltet.

Haben Sie Interesse oder gar Lust und Freude daran?

Dann bitte melden bei Pfarrer Klaus Hoof,

Tel. (0 73 31) 3 05 98 34 oder

Email: klaus.hoof@web.de

Klaus Hoof ist Pfarrer

an der Helfenstein-Klinik


Wenn man sich schon an Weihnachten

auf den Sommer freut

Im Waldheim körperlich und seelisch auftanken

DANIELA HARTMANN

„Wieso ist das Waldheim typisch evangelisch? Da gehen

doch auch katholische Kinder hin!“ Stimmt. Und konfessionslose

– vereinzelt sogar muslimische Kinder.

Und dennoch ist das Waldheim „typisch evangelisch“:

Die Evangelische Landeskirche in Württemberg versteht

sich als eine einladende Kirche und möchte das Evangelium

von Jesus Christus an alle Menschen weitergeben.

Und genau diesem Grundsatz hat sich auch die Waldheimarbeit

verschrieben.

1921 entstanden die ersten Ferienwaldheime in Württemberg

evangelische Stadtranderholungsprogramme, bei

denen die Kinder körperlich und seelisch auftanken konnten.

1959 wurde vom damaligen Dekan Jakob Straub in

Stötten ein solches Ferienwaldheim gegründet und mittlerweile

ist es aus dem Kirchenbezirk nicht mehr wegzudenken.

Viele kennen es und waren selbst schon dort:

als Kind oder als Mitarbeiter.

Bis heute hat die Ferienwaldheimarbeit nichts an Aktualität

eingebüßt.

Alle Kinder sind willkommen!

Selbstverständlich hat sich das Waldheim in den Jahren

weiterentwickelt und verändert, aber die Grundgedanken

sind gleich geblieben:

„ Die Waldheimarbeit richtet sich an alle Kinder – unabhängig

von ihrer sozialen oder religiösen Herkunft und

unabhängig von ihren Begabungen und Fähigkeiten.

„ Die Kinder stehen an erster Stelle. Kinder haben Bedürfnisse

und diese sollen im Waldheim geweckt und

gestillt werden. Gemeinschaft, Spiel, Freizeit, Bewegung

und Kreativität gehören fest zum Waldheim. Ein

abwechslungsreiches und altersgerechtes Programm soll

jedem Kind mit allen seinen Stärken und Schwächen

Entfaltungsmöglichkeiten bieten.

„ „Wann gibt’s Imbiss?“ ist die tägliche Frage. Selbstverständlich

soll auch das leibliche Wohl nicht zu kurz

kommen. Wurden früher die Kinder „aufgepäppelt“,

steht heute eine regelmäßige, gesunde und ausgewogene

Ernährung im Vordergrund. Auch das gemeinsame

am Tisch sitzen ist für viele Kinder ungewohnt und

spannend.

„ Kinder haben das Recht Gott kennenzulernen – das

geschieht zum Beispiel durch altersgerechte und fetzige

Andachten. Da wird Weihnachten schon mal in den

Sommer verlegt oder Jesus und seine Jünger flimmern

als Playmobilfiguren in selbstgedrehten Filmen über die

Leinwand. Und von sämtlichen Waldheimhits wie „Laudato

si“ müssen täglich alle Strophen gesungen werden,

sonst geht die Kinderschar auf die Barrikaden!

„ Nicht zuletzt stehen Spiel und Spaß in der Natur und

im Wald hoch im Kurs. Aus Ästen und Paketschnur

entstehen tolle Bauwerke, die sogenannten „Lägerle“.

„ Die Kinder lernen die Natur kennen und lernen auch,

verantwortungsvoll mit ihr umzugehen.

Waldheim ist aber nicht nur eine Freizeit für Kinder.

Waldheim ist auch etwas Besonderes für Mitarbeiter.

Trotz der vielen Aufgaben und manch schwieriger Kinder

ist das Waldheim für viele wie Urlaub. Waldheim hat

Suchtpotential – oder wie lässt es sich sonst erklären,

dass viele Mitarbeiter jedes Jahr wiederkommen und sich

schon an Weihnachten auf den Sommer freuen?

Weitere Infos gibt’s unter:

www.kirchenbezirk-geislingen.de

Daniela Hartmann

ist Jugendreferentin

in der Geislinger

Gesamtkirchengemeinde

und Leiterin des

Waldheimes Stötten

Pyramidentest

bei der Lägerles-

Bewertung

Trojanisches

Pferd

EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

33


Aus dem Kirchenbezirk

Genussvoll essen mit gutem Gewissen

Von Archepassagieren und . . .

JUDITH RIEHLE

Ein reichhaltiges Buffet mit regionalen Köstlichkeiten

wurde beim kulinarischen Vortragsabend im Bonhoeffer-

Gemeindehaus Hausen zusammengetragen. „Es ist ganz

erstaunlich, auf welche Vielfalt an regional hergestellten

Produkten man trifft, wenn man nur mal genau hinschaut“,

war Pfarrer Georg Braunmüller bei der Vorbereitung

überrascht. Als Bezirksbauernpfarrer war Braunmüller

maßgeblich an der Organisation des vom Evangelischen

Bauernwerk veranstalteten Abends beteiligt. Vom selbstgebackenen

Brot aus dem Holzofen über gefärbte Ostereier

bis hin zur Wurst von den eigenen Schafen reichte

die Palette an Beiträgen fürs Buffet.

Den Anstoß zu diesem Abend hatte der österreichische

Dokumentarfilm „We feed the World“ gegeben. Der Film

berichtet in eindrücklichen Bildern, in welchem Maße die

Nahrungsmittelwirtschaft globalisiert und zentralisiert ist.

Einen positiven Gegenimpuls zur düsteren Grundstimmung

des Films wollte man mit dem kulinarischen Vortragsabend

setzen und zeigen, dass es auch anders geht.

Slow Food: gut, sauber, fair

Der Name „Slow Food“ steht schon seit mehreren Jahren

für eine Bewegung, die vorlebt, dass man sehr wohl noch

in regionalen Kreisläufen und handwerklichen Strukturen

arbeiten kann. „Gut, sauber und fair genießen“, stellte

Roman Lenz, Referent des Abends und Vorsitzender der

Stuttgarter Regionalgruppe, das Motto von Slow Food

vor. Guter Geschmack stehe im Fokus vieler Aktivitäten,

so Lenz, doch reine Gourmets, die ein Vermögen für

exquisiten Wein aus Übersee ausgeben, seien bei Slow

Food fehl am Platze. Denn Wahrung der biologischen

Vielfalt sei ein genauso wichtiges Ziel wie die Zusammenführung

von Erzeugern und Verbrauchern. Guter

Geschmack sei eben keine Geschmackssache, sondern

letztlich eine Frage von Qualität, betonte er. Und die

bedeute auch Wahrung der natürlichen Lebensgrundlagen

sowie eine handwerkliche Verarbeitung.

So bemüht sich Slow Food um die Erhaltung von alten

Sorten landwirtschaftlicher Nutzpflanzen, die als soge-

34 EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

nannte „Archepassagiere“ in die Arche des Geschmacks

aufgenommen werden. Einer der ersten Archepassagiere

war die Champagner Bratbirne, die inzwischen wieder

erfolgreich in Schlat vermarktet wird. Daneben gibt es in

Baden-Württemberg noch den Albschneck, das Filderspitzkraut

oder auch die Alblinsen, die alle ihre ganz

eigene Geschichte hinter sich haben. Die zwei vor dem

zweiten Weltkrieg auf der Alb angebauten Sorten Alblinse

1 und 2 galten zum Beispiel schon als verschollen, da sie

in Deutschland nirgendwo mehr aufzufinden waren.

Durch aufwändige Recherchen haben Slow Food-Mitglieder

diese zwei Sorten jetzt aber in der Vavilov-Genbank

in St. Petersburg wieder gefunden. Sie werden derzeit

wieder vermehrt, so dass die ursprünglichen Sorten bald

auch wieder kommerziell angebaut werden können.

Slow Food hat seine Wurzeln in Italien, ist inzwischen

aber weltweit zu finden, und auch in Deutschland haben

die Slow Food Regionalgruppen großen Zulauf. Lenz führt

diesen Erfolg darauf zurück, dass Slow Food eben nicht

mit erhobenem Zeigefinger arbeite, sondern das Positive

herausstelle. „Gut essen möchte jeder gern, und wenn ich

damit auch noch etwas Gutes für die Artenvielfalt und

die örtlichen Landwirte tun kann, ist das ja doppelt gut“,

ergänzte ein Zuhörer.

Gut schmecken ließen sich die Teilnehmer

beim kulinarischen Vortragsabend des Evangelischen

Bauernwerks die Köstlichkeiten vom regionalen Buffet.

Judith Riehle ist Bildungsreferentin beim

Evang. Bauernwerk

Test-Auflösung und Auswertung von S. 25: Mehr als 22 Punkte:

Frage 1

a = 2 Punkte (beschreibt die reformierte …)

b= 3

c = 1 (… beschreibt die katholische Lehre zum Abendmahl)

Geschummelt! Oder Sie können nicht zusammenzählen.

22 Punkte:

Glückwunsch! Luther wäre stolz auf Sie. Wenn Sie es noch

nicht sind, sollten Sie sofort evangelisch werden.

Frage 2

a = 0 Punkte

b= 0

Frage 4

a= 3

b= 1

Frage 6

a= 1

b= 0

15 bis 21 Punkte:

Ziemlich ökumenisch, mal so, mal so.

Gewisse katholische Anteile sind nicht zu verkennen.

c= 2

c= 1

c= 3 10 bis 14 Punkte:

d= 3

Lesen Sie mal den Römerbrief. Es sei denn, Sie sind gerne

e= 4

katholisch. (Keine Angst, Gott liebt auch Katholiken).

Frage 3 Frage 5

Frage 7 0 bis 9 Punkte:

a= 1

a= 0

a= 3 Wissen Sie eigentlich, was Sie glauben? Gehen Sie zurück

b= 3

b= 3

b= 1 in den Konfirmandenunterricht. Begeben Sie sich direkt

c= 0

c = 1 (siehe Evangelisches c= 2 dorthin. Ziehen Sie nicht über Konfirmation, ziehen Sie

Gesangbuch S.1506)

nicht 4000 € ein.


Evangelisches Dekanatamt

Dekanin Gerlinde Hühn

Hansengasse 2, 73312 Geislingen

Tel. (0 73 31) 4 17 61, Fax (0 73 31) 4 17 51

email: Ev.Dekanat.Geislingen@t-online.de

www.Kirchenbezirk-Geislingen.de

Konto Evangelischer Kirchenbezirk:

Konto-Nr. 600 862 8, KSK Göppingen, BLZ 610 500 00

Evangelisches Schuldekanat

Schuldekan Johannes Geiger

Bahnhofstraße 33, 89518 Heidenheim

Tel. (0 73 21) 92 49 49, Fax (0 73 21) 92 49 47

Altenheim-Seelsorge

Pfarrerin Claudia Kupfer-Feine

73079 Süssen, Falkenstraße 6

Tel. (0 71 62) 9 64 06 79

Evangelisches Jugendwerk

Sabine Angnes

Friedensstraße 44, 73312 Geislingen

Tel. (0 73 31) 4 28 72, Fax 4 47 12

Diakonische Bezirksstelle

Hospizarbeit im Kirchenbezirk

Ernst-Wilhelm Weid, Doris Ita-Sawall

Steingrubestraße 6, 73312 Geislingen

Tel. (0 73 31) 4 14 89, Fax 4 51 46

Diakonieladen „Kunterbunt“

Moltkestraße 25, 73312 Geislingen

Tel. (0 73 31) 40 05 39

Diakonie-Kaffeehaus

Moltkestraße 27, 73312 Geislingen

Tel. (0 73 31) 98 48 96

Bikers Helpline

01 80/44 333 33

oder Buchstabenwahl 0180 – Helpline

Blindenseelsorge

Pfarrerin Friederike Maier

Heidenheimer Straße 59/1, 73079 Süßen

Tel. (0 71 62) 4 40 74

friederike.maier@web.de

Gehörlosenseelsorge

Pfarrerin Edeltraud Meyer

Pfarrweg 2, 73340 Stubersheim

Tel. (0 73 31) 4 15 36, Fax (0 73 31) 44 03 00

Evangelische Erwachsenenbildung

Günther Alius

Bahnhofstr. 75, 73312 Geislingen

Tel. (0 73 31) 30 70 97-30, Fax (0 73 31) 30 70 97-39

HIV-Infizierte und Aidskranke

Pfarrerin Sabine Kluger

Hohenstaufenstraße 35, 73312 Geislingen

Tel. (0 73 31) 6 39 60

Pfarrer Eckhard Ulrich

Markusplatz 1, 70180 Stuttgart

Tel. 0711/60 38 55

Email: aidsseelsorge@elk-wue.de und

aidsseelsorge_ulrich@yahoo.de

Jugendheim Stötten

Belegung über

Kirchenbezirksrechner Klaus Machacek

Tel. (0 73 31) 30 70 97 21

Kirchenmusik

Gerhard Klumpp, Kirchenmusikdirektor

Staufeneckstraße 7, 73312 Geislingen

Tel./Fax (0 73 31) 6 13 77

Posaunenchorarbeit

Armin Fischer

Teilwiesenstraße 16, 73079 Süßen

Tel. (0 71 62) 94 81 84

Online-Seelsorge

www.ekd.de/internet/internetseelsorge.html

Klinik-Seelsorge

Pfarrer Klaus Hoof

Uhlandstr.5/1, 73337 Bad Überkingen

Tel. (0 73 31) 3 05 98 34

Ökumenische Sozialstation Geislingen

Bronnenwiesen 16, 73312 Geislingen

IAV-Stelle, Tabea Astfalk, Tel. (0 73 31) 93 73-20

Nachbarschaftshilfe, Ute Gröner, Tel. (0 73 31) 93 73-23

Pflegedienst, Ute Kothe, Tel. (0 73 31) 93 73-21

Psychosoziale Beratungsstelle für Suchtkranke

und Suchtgefährdete

Klaus Kohle, Sascha Lutz

Steingrubestraße 6, 73312 Geislingen

Tel. (0 73 31) 4 45 81

TelefonSeelsorge

(kostenlose Rufnummern)

0800 111 0 111 und 0800 111 0 222

PROTESTANTISCHE VORBILDER

Regine Hildebrandt: Mich interessieren

andere Religionen auch. Aber entscheidend

ist für mich, wie ich als Christ

geprägt bin. Mein Schwiegervater war ein

richtiger ostpreußischer Pfarrer, der gegen

Fußball am Sonntagvormittag gewettert

hat und dagegen, dass man bei der

Konfirmation nur aufs Äußere achtet. Wir sind Sonnabend im

Dunkeln konfirmiert worden, damit wir uns wirklich aufs

Abendmahl konzentrieren konnten und auf die Wortverkündigung.

Wir bekamen eine klare Orientierung. Diese Prägung hat

bei mir gehalten. Zu DDR-Zeiten war für mich klar: Du machst

hier keine Kompromisse, also ist eine Karriere nicht drin. Beliebigkeit

ist für mich schlimm.

Mir waren immer die gleichen Sachen wichtig. Zu DDR-Zeiten

habe ich versucht, so zu leben, wie ich es für richtig hielt: mit

den Säulen Beruf, Familie, Freunde, Domkantorei.

Regine Hildebrandt, geb. 1941, war Sozialministerin in

Brandenburg von 1990 bis 1999. Sie starb 2001.

EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

35

Wo finde ich Information und Hilfe?


Aus den Distrikten

DISTRIKT ALB

Gott ist treu – 15 Tage Zeltfestival in Amstetten

Der Höhepunkt der kirchengemeindlichen Arbeit 2007 in

Amstetten war das Zeltfestival im Alten Steinbruch.

Das Motto des Festivals „Gott ist treu“ war im Ort nicht

zu übersehen. Große Banner und Plakate luden zu den

Themenabenden ein, zudem wurden die BürgerInnen mit

einem Schreiben von Bürgermeister Jochen Grothe und

Pfarrer Reinhard Hoene persönlich eingeladen.

Gott ist treu – das war zu erleben bei den Abendveranstaltungen

und bei den Gottesdiensten, die viele fleißige

Helfer mitgestalteten mit musikalischen Beiträgen, mit

Anspielen, mit Moderation, mit geschmackvoller Dekoration,

mit allerlei Leckereien im Bistro und vielen treuen

Diensten.

Gott ist treu – das war auch persönlich zu erleben bei

Vorträgen und Themen, die den Glauben stärkten, neue

Impulse gaben oder schon Vertrautes wieder neu erleben

ließen.

Gott ist treu – das konnte man auch nachmittags erleben

beim Kinderprogramm, wenn man sah, wie begeistert die

Kinder mit Singen, Spielen und Hören dabei waren.

Musikalische Gäste bereicherten die Veranstaltungsreihe:

Ein eigens für das Zelt zusammengestellter Chor aus

Gemeindegliedern rund um Amstetten, der Kirchen- und

der Posaunenchor Amstetten, die Feuerwehrkapelle

Amstetten, der Männergesangverein Amstetten, JGoB

(Jugendgottesdienstband aus Steinheim), der Gospelchor

36 EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

„No distance“ aus Geislingen, das Musikerduo „Didi &

Andi“ aus Stuttgart sowie eine Spontan-Band aus der

Jugendarbeit des Evangelischen Jugendwerks

Geislingen/Albdistrikt – alle zusammen gaben ihr Bestes.

Es tat gut, zu erleben wie die Kirchengemeinde bei diesem

Projekt unterstützt wurde von der kommunalen

Gemeindeverwaltung, von den örtlichen Vereinen und

auch von vielen Einzelpersonen. Insgesamt sorgten mehr

als 120 Frauen und Männer für einen reibungslosen

Ablauf.

Das gute Miteinander war eine sehr ermutigende Erfahrung

– Gottes Treue hat sich gezeigt!

Martin Luther und die Luther-Kirche in Böhmenkirch

50 Jahre Posaunenchor Schalkstetten

Am 6. Mai 1958 wurde der Posaunenchor Schalkstetten

vom damaligen Pfarrer Emil Sautter gegründet. Es war

eine Zeit, in der viele Chöre gegründet wurden.

Um 1850 entstanden innerhalb der neupietistischen

Erweckungsbewegung in Nord- und Westdeutschland die

ersten typischen Posaunenchöre, in Süddeutschland um

1880. Zu diesem Zeitpunkt begann auch die Ära Johannes

Kuhlo (1880-1920). Er war nicht nur ein guter Musiker,

er war auch ein guter, begabter Stratege. Es gelang

ihm deutschlandweit bei den Noten für Posaunenchöre

Die Lutherkirche in Böhmenkirch wird 25 Jahre alt. Ihren

Namen verdankt sie Martin Luther. Der erste Spatenstich

zur Lutherkirche war 1983, 500 Jahre nach Luthers

Geburtstag. Nun wurde ein kleiner Anbau erstellt. Es gab

dafür Spenden und viel persönliches Engagement. Dieser

Anbau ist ein winziger Raum, das unsere Stühle und

Tische beherbergt, die nun endlich nicht mehr im Weg

herumstehen.

die Klangschrift (Klavierschreibweise) durchzusetzen.

Dadurch hatte er sein Ziel erreicht, dass die Jünglinge von

den Posaunenchören nicht so leicht zur Militärmusik und

den Musikvereinen wechseln konnten. Er war auch der

größte Verfechter, dass in einem Posaunenchor nur mit

Blech gespielt wird. Sein Klangideal war die Familie der

Hörner: Flügelhorn, Tenorhorn, Bariton und Tuba. Diese

Zusammensetzung hielt nicht lange, durch die Erweiterung

der Musikrichtungen kamen Trompeten und Posaunen

(Alt-, Tenor- und Bassposaune) dazu.


Posaunenchor Schalkstetten

Sozialführerschein in Geislingen

In Geislingen fiel der Startschuss für den ersten Sozialführerschein.

Ein Führerschein, der nicht unbedingt lehrt, wie

man durch Geislingens Straßen kommt, der aber Wege

beschreibt, die die Diakonie im Kirchenbezirk Geislingen

einschlägt.

Zielsetzung des Kurses ist es, die Teilnehmenden für die

diakonischen Aufgaben in unserer Gesellschaft und insbesondere

im Kirchenbezirk Geislingen zu sensibilisieren.

Die Mitglieder des Diakonischen Bezirksausschusses erhoffen

sich darüber hinaus, dass der eine oder die andere

KursteilnehmerIn sich bereit erklärt, Diakoniebeauftragter

in der jeweiligen Ortsgemeinde zu werden. So könnte

eine stärkere Vernetzung und Wahrnehmung der Diakonie

im Kirchenbezirk erreicht werden und Ehrenamtliche dazu

ermutigt werden, sich sozialdiakonisch in den verschiedenen

Arbeitsfeldern der diakonischen Einrichtungen im

Kirchenbezirk zu betätigen.

Am ersten Abend wurden die 16 TeilnehmerInnen

zunächst einmal auf sich selbst zurückgeführt. Fragen, die

ausführlich diskutiert wurden, waren:

Was bringe ich mit an Erfahrungen und Stärken, was

brauche ich für Rahmenbedingungen im Ehrenamt und

wohin möchte ich mich entwickeln? Was passt zu mir

und wie finde ich den passenden Ort für mich?

Am zweiten Abend informierten dann Ernst-Wilhelm

Weid und Doris Ita-Sawall von der Diakonischen Bezirks-

40 Jahre Christus-Kirche in Eybach

Die evangelische Kirchengemeinde Eybach besteht seit

1649. Über 350 Jahre waren geprägt von einem schwierigen

Miteinander mit der katholischen Mehrheit am Ort.

Den Hauptstreitpunkt bildete die gemeinsame Benutzung

der Simultankirche Maria Himmelfahrt. Das Verhältnis

zwischen evangelischer und katholischer Gemeinde war

jedoch intensiver als in anderen Gemeinden.

Trotz manch kritischer Äußerungen der Obrigkeit

spielen schon seit ungefähr 1950 Frauen und Mädchen in

den Posaunenchören mit. Wie den Bildern entnommen

werden kann, ist das auch in Schalkstetten so. Es würde

Entscheidendes fehlen, wenn sie nicht dabei wären.

In fast jeder zweiten evangelischen Gemeinde gibt es

inzwischen einen Posaunenchor. Die Anzahl der Bläserinnen

und Bläser in Deutschland liegt bei über 100 000.

Damit zählt die Posauenchorbewegung zu den größten

Laienbewegungen des deutschen Protestantismus überhaupt.

Ganz erfreulich ist, dass die Posauenchorarbeit

durch die Kirche im Bund, Land und Bezirk gekonnt und

effizient unterstützt wird.

Der Posauenchor Schalkstetten unter Leitung von Hermann

Frieß feiert sein nunmehr 50-jähriges Jubiläum zusammen

mit dem Männergesangverein Schalkstetten, der sein

125-jähriges Bestehen begeht. Das Abschlusskonzert des

Festjahres findet am 2. Advent, 7. Dezember 2008, um

19:30 Uhr in der Veitskirche in Schalkstetten statt.

DISTRIKT GEISLINGEN

stelle Geislingen über Auswirkungen der Armut in Geislingen.

Zugleich wurden die unterschiedlichen diakonischen

Handlungsfelder im Kirchenbezirk Geislingen vorgestellt

und die TeilnehmerInnen konnten sich überlegen, wo sie

ein Schnupperpraktikum absolvieren wollten.

Nach dem Praktikum lernten die TeilnehmerInnen noch

Grundkenntnisse der Kommunikation kennen. Diese

helfen, den Anderen besser wahrzunehmen und zu

verstehen – wichtige Voraussetzung für jegliches ehrenamtliches

Engagement.

1968 wurde die evangelische Christuskirche in Eybach

eingeweiht. Das verbesserte die ökumenische Zusammenarbeit.

1972 gab es bereits eine ökumenische Bibelwoche

und ökumenische Gottesdienste. 1978 baten der katholische

Pfarrer Kammerer und der evangelische Pfarrer Deppert

gegenseitig um Verzeihung und Vergebung der entstandenen

Kränkungen und Verletzungen.

EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

37


Aus den Distrikten

DISTRIKT GEISLINGEN

Seit 1987 wird der Weltgebetstag ökumenisch

begangen. Seit 1989 besuchen die Sternsinger auch evangelische

Familien. 1996 lagen der zweite Vorsitz sowohl

in der evangelischen wie in der katholischen Kirchengemeinde

ökumenisch in den Händen des Ehepaares Vater.

1999 wurde die gemeinsame Erklärung zwischen dem

Lutherischen Weltbund und dem Vatikan in Augsburg

auch in Eybach sehr begrüßt: „Die gegenseitigen Lehrverurteilungen

des 16. Jahrhunderts, insbesondere über die

Rechtfertigung, treffen nicht.“

Seit vielen Jahren gibt es ökumenische Schulgottesdienste,

Künstlerisches Kleinod auf der Alb –

Die Michaelskirche in Stötten

Die evangelische Kirche in Stötten wurde im 14. Jahrhundert

erbaut und ist dem Erzengel Michael geweiht. Der

urige Taufstein stammt aus der Erbauerzeit. Archäologische

Ausgrabungen belegen, dass bereits im 8. Jahrhundert

dort eine Kirche und ein Friedhof existierten.

Die Kirche war mit vielen Wandmalereien ausgestattet,

die bald nach der Reformation übermalt wurden. Seit

1881 war bekannt, dass es unter dem Putz im Chor mittelalterliche

Wandmalereien gab. Diese wurden aber erst

1974 frei gelegt und restauriert. Zum Vorschein kamen

lebendige, mit leichter Hand in den noch feuchten Putz

gemalte Bilder. Es ist anzunehmen,

dass Vertreter der

Ulmer Schule diese Kirche

ausgemalt haben. Stötten

gehörte damals zur unteren

Herrschaft Helfenstein und

damit zur Reichsstadt Ulm.

Das Thema der Ausmalung

ist die Leidensgeschichte

Christi. An der Westwand

Michaelskirche Stötten

über dem Triumphbogen

Was passiert, wenn elf Jugendliche den Auftrag bekommen,

ihr Leben zu fotografieren?

Dann entstehen ziemlich coole und witzige Fotos von

Klamotten, Quietsche-Enten oder von dem Lieblingsessen.

Dann werden schon mal Gesichter bunt eingefärbt oder

Omas 80. Geburtstag nachgestellt. Da wird so mit Licht

gespielt, dass von einer Person sowohl wunderschöne als

auch gruselige Porträts entstehen. Und nicht zuletzt laufen

die Computer heiß, denn die Bilder müssen noch nachbearbeitet

und richtig in Szene gesetzt werden.

Inspiriert durch eine PLAYING ARTS-Veranstaltung des

Evangelischen Jugendwerks in Württemberg kamen Sabine

Angnes und Daniela Hartmann auf die Idee, selbst mit

Jugendlichen kreativ zu werden. So fand in den Osterferien

dieses in Geislingen neuartige Projekt statt. An vier Tagen

wurde geplant, fotografiert, bearbeitet und überlegt. Auch

der Spaß kam nicht zu kurz. Am fünften Tag gab es dann

die heiß ersehnten Ergebnisse: die besten Bilder lagen end-

38 EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

gegenseitige Grußworte

an Weihnachten,

Ostern und Pfingsten.

Das 40-jährige Kirchenjubiläum

dient nicht nur

der Rückbesinnung und Christus-Kirche in Eybach

der Weiterentwicklung

des ökumenischen Miteinanders. Es dient auch der

inneren Weiterentwicklung unserer Gottesdienste, die

möglichst viele Gemeindeglieder in ihrer Lebenssituation

ansprechen sollen.

wird das Abendmahl dargestellt. An der Nordwand des

Chores folgt eine stark ergänzte Ölbergszene. Gut erhalten

sind die beiden zentralen Bilder zwischen den rechteckigen

Chorfenstern im Osten mit dem Kreuzweg Christi.

Die mittlere Gewölbekappe zeigt die Krönung Marias.

Das Kreuzrippengewölbe enthält die Evangelistensymbole.

Im Osten der kraftvolle Adler von Johannes, auf dem

Spruchband die Jahreszahl 1500. Gegenüber der geflügelte

Stier des Lukas. Über der Ölbergszene der Löwe des Markus.

In der Südkappe schließlich der mit einem weiten

Gewand bekleidete Engel des Matthäus.

Die Holztafelbilder der Empore stammen wohl von dem

Maler Merroth aus Ulm. Sie sind aus der Mitte des

18. Jahrhunderts und zeigen die Evangelisten und Apostel.

Die Wandmalereien und die Bilder auf der Empore sind

bedeutende künstlerische Zeugnisse. Zugleich stellen sie

einen wichtigen Ausdruck des Evangeliums der Armen

dar, die im ausgehenden Mittelalter fast alle nicht schreiben

und lesen konnten. Sie bedurften daher der Umsetzung

des Evangeliums in Bilder, die für sich selbst sprachen.

Es lohnt sich ein Besuch, um sich selbst ein Bild zu

machen.

It’s my life!? – Das etwas andere Fotoprojekt

lich als Fotobuch vor. Außerdem gab es einen Film zum

Abschluss. Thema? Fotografieren natürlich!

Bilder sagen mehr als 1000 Worte – wenn Sie an den

Ergebnissen interessiert sind, dann schauen Sie im Internet

unter:

http://www.kirchenbezirk-geislingen.de/cms/startseite/

gesamtkirchengemeinde-geislingen/kinder-undjugendliche/its-my-life-das-etwas-andere-fotoprojekt/

Auszug aus dem

Fotobuch


DISTRIKT OBERE FILS

325 Jahre Pfarrei Ganslosen-Auendorf

Der Fußweg von Auendorf nach Gruibingen führt 5 Kilometer

über den Berg. Heute schafft man das auf Asphalt

und gepflegtem Feldweg bequem auch mit dem Fahrrad

oder kann dort einen Kinderwagen schieben.

Im 17. Jahrhundert war diese Strecke unwirtlich, dazu im

Winter weglos und tief verschneit. Kurzum, die Gruibinger

evangelischen Gemeindeglieder aus der Filiale Ganslosen

– bis 1849 hieß Auendorf so – wurden im Gottesdienst

in Gruibingen kaum gesichtet. Jedenfalls wollten

die Gansloser eine eigene Pfarrei haben. Eine richtige

Kirche, St. Stephan, hatten sie schon. Die einstige Kapelle

war 1618 zur heutigen Größe ausgebaut worden.

1683 wurde der Wunsch der Gemeinde erfüllt und der erste

Pfarrer kam nach Ganslosen. Gleichzeitig erbaute die Gemeinde

ein Pfarrhaus, das bis 1973 seinen Dienst tat und

danach durch ein neues ersetzt wurde. 48 Pfarrer und zwei

Pfarrerinnen sind dem ersten Geistlichen bis heute nachgefolgt.

Im Jahr 2008 sind es 325 Jahre, dass Johann Casper Friedrich

seinen Dienst in der kleinen Gemeinde angetreten

hat. Bis zum Jahr 2011 werden die beiden Kirchengemeinden

Bad Ditzenbach und Auendorf fusionieren. Damit

geht die lange Spanne der selbständigen Pfarrei Auendorf

zu Ende und etwas Neues beginnt.

In dieser Übergangszeit möchte

die Kirchengemeinde die 325

Jahre feiernd begehen – nicht

aus Nostalgie, sondern um zu

schauen: Woher kommen wir

und wohin wollen wir gehen?

Was hat uns als Gemeinde

geprägt? Was ist wichtig beim

Weitergehen?

So wünscht sich der Kirchengemeinderat

im Jubiläumsjahr

lebhafte Begegnungen und

Ausblicke. Vier ehemalige Pfarrer,

eine Pfarrerin und eine Pfarr- Auendorfer Pfarrtafel

frau haben ihr Kommen zugesagt.

Ein Vortrag von Archivar

Karl-Heinz Bauer, Amstetten, und ein Orgelkonzert von

Barbara Weber aus Deggingen auf der historischen Goll-

Orgel sind weitere Glanzpunkte im Gedenkjahr.

Sonntag, 5. Oktober, Erntedankfest

10.00 Uhr Familiengottesdienst

14.00 Uhr Gemeindemittag zum Pfarrei-Jubiläum.

Festvortrag: Karl-Heinz Bauer, Archivar, Amstetten

Kunst in der Christuskirche in Bad Ditzenbach

Die evangelische Christuskirche

in Bad Ditzenbach ist eine ganz

schlichte Kirche. Dadurch kann

sie unterschiedlichen Kunstwerken

Raum geben – auf Zeit

und für länger.

Drei Bildtafeln aus handgefärbter

Seide, angefertigt von der

Textilgrafikerin Nicole Basien

aus Gosbach, waren an Pfingsten

2007 in der Kirche zu

sehen. Eine davon hat die Kirchengemeinde

erworben. Sie

stellt einen Weg in Form eines

Kreuzes dar und nimmt die

Farben auf, die in dem Fensterband auf der gegenüberliegenden

Seite enthalten sind. Ein textiles Wandbild aus

Seidenstoffen mit dem Namen “Kommunikation“ ist das

Titelbild der vorliegenden Kirchenbezirkszeitung.

Engel waren so einige zu Besuch im Lauf dieses Kirchenjahres.

Drei begleiteten das Konzert von Werner Dannemann.

Ein Engel blickte in der Christnacht auf die Krippe

und machte sich so seine Gedanken, was aus dem Jesuskindlein

und seinem großen Auftrag wohl werden würde.

Und der goldene Engel brachte Licht ins Todesdunkel und

verkündete zum Osterfest die Botschaft von der Auferstehung

Jesu Christi.

Farbe und Gestalt gegeben hat den Engeln Christel Fuchs,

Malerin aus Bad Ditzenbach und seit November im

Kirchengemeinderat.

Im Leiden Christi sehen wir die Verstrickungen, in denen

sich Menschen verfangen haben. In seinem Kreuz erkennen

wir die Last, unter der Menschen sich beugen. Aus

Stahl geschmiedete Skulpturen von Josef Wehrle, Bauer

und Bildhauer im Allgäu, führten dies den Gottesdienstbesuchern

in der Passionszeit eindrücklich

vor Augen.

„Kunst schläft nicht“, unter diesem Motto stand die

zweite Bad Ditzenbacher Kunstnacht im Mai. Überall im

Ort stellten Künstler ihre Werke aus. Dieser kunstvolle

Nachtspaziergang führte auch zur evangelischen Christuskirche

als Ort der Stille und Besinnung.

EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

39


Aus den Distrikten

DISTRIKT OBERE FILS

Martinskirche Gruibingen in neuer Helligkeit

Nach umfangreichen Sanierungsmaßnahmen in den vergangenen

Jahren überrascht die Gruibinger Martinskirche

ihre Besucher nun wieder in neuer Helligkeit. Dunkle

Fleckenbildung aufgrund eindringender Feuchtigkeit hatte

zuvor die Erscheinung des Innenraumes getrübt. Zunächst

schien sich das Problem

durch eine

Teilerneuerung der

Drainage beheben

zu lassen. Im Verlauf

der Arbeiten

stellte sich jedoch

heraus, dass auch

die historischen

Wandmalereien, die

bis auf das 13. Jahrhundert

zurück-

Gottesdienst für Motorradfahrer

„Der Berg ruft“ so lautete die Einladung zum ersten

Motorradgottesdienst in Oberböhringen.

Motorradfahrer aus Gingen, Unterböhringen und Oberböhringen

hatte diesen Gottesdienst vorbereitet.

Bei sonnigem Wetter kamen rund 150 MotorradfahrerInnen

vor dem ehemaligen Berghaus Sankt Michael zusammen.

Pfarrer Georg Braunmüller aus Unterböhringen

begrüßte die Biker und predigte zum Thema: „Dem Leben

mit Gott Gummi geben“. Das Motto drückt Schwung und

Leidenschaft aus. So wie Gummi dehnbar sei, müssten

auch wir fragen, in welche Richtung unser Leben gehe.

Mit Beispielen vom Motorradfahren und Bildern aus der

Szene wurde bald der Draht zu den Zuhörern gefunden.

Der Motorradgottesdienst zum „Auftanken“ wurde mit

rockig gespielten christlichen Liedern von der Musikgruppe

„Timeless“ begleitet. Gemeinsam wurde ein

„Motorradfahrerpsalm“ gebetet. Mit Fürbitten wurde an

Biker gedacht und Gott um seinen bewahrenden Segen

für die neue Motorradsaison gebeten.

Im Februar gab die Band „Mixed Generations“ mit ihrem

Bandleader Fritz Lübke ihr erstes Konzert. Der Abend

stand unter dem Motto „Eingeladen zum Fest“. Der Erlös

kam der Gemeindehausrenovierung zu Gute.

Bisher hatte „Mixed Generations“ immer wieder bei Konfirmationen

und anderen Gottesdiensten die musikalische

Gestaltung übernommen. Als „Konfiband“ sind sie einmal

angetreten und aus den aktuellen Konfirmandengruppen

kommen immer wieder neue Musiker und Musikerinnen

dazu. Neue geistliche Lieder, Kirchentagsongs, Gospels,

Pop und Big-Band-Arrangements machen das inzwischen

beachtliche Repertoire von „Mixed Generations“ aus.

40 EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

gehen, angegriffen waren. Dies machte konservatorische

Arbeiten in größerem Umfang erforderlich. Durch Restauratorin

Sigrid Sauter, Riedlingen, die ihr Handwerk auf der

Insel Reichenau gelernt hatte, wurden die Arbeiten in

kompetenter Weise ausgeführt. Die Flächen wurden gereinigt,

teilweise musste der Untergrund verfestigt werden.

Zudem musste eine automatische Belüftungsanlage in die

Martinskirche eingebaut werden.

Nun sind die Arbeiten seit dem vergangenen Spätherbst

abgeschlossen. Als Beitrag zur Deckung der hohen Sanierungskosten

gibt es den Gruibinger Martinstaler und

Martinswein zu kaufen.

Übrigens: Wer die Martinskirche besuchen möchte, kann

dies sonntags tun. Vom Gottesdienst an bis zum Spätnachmittag

ist die Kirche geöffnet. Für interessierte Gruppen

kann gerne auch eine Führung veranstaltet werden.

Telefon Pfarramt Gruibingen 0 73 35-52 00.

Im Sommer trifft sich an jedem ersten und dritten Donnerstag um

18.00 Uhr in Unterböhringen ein Motorradtreff zu gemeinsamen

Ausfahrten und Gespräch. Nähere Infos: Pfarramt Unterböhringen

Telefon 0 73 34 / 43 64.

Deggingen-Bad Ditzenbach:

Musik in der Kirche fürs Gemeindehaus


200. Geburtstag in Wiesensteig

„Seine Königliche Majestät haben vermöge Allerhöchster

Resolution vom 23.ten d. M. die Errichtung einer eigenen

evangelisch-lutherischen Pfarrgemeinde in Wiesensteig unter

den angeführten Bestimmungen genehmigt, dabei aber

verordnet, dass dadurch dem Staate keine Lasten zugehen

sollen. Dem königlichen Ober-Consistorium wird diese

allerhöchste Resolution eröffnet, um den Supplikanten

Nachricht davon zu geben.

Stuttgart, den 24.ten März 1808, Ministerium der Geistlichen

Angelegenheiten“.

Das ist ein Auszug aus der Gründungsurkunde der evangelischen

Kirchengemeinde in Wiesensteig, deren Entstehung

sich zum 200. Mal jährt. Gewachsen ist die evangelische

Gemeinde neben einer starken katholischen Majorität – vor

allem aber zusammen mit den katholischen MitchristInnen.

Das 200jährige Jubiläum steht an. Evangelischer Glaube in

Wiesensteig ist aber noch weitaus älter als 200 Jahre.

Von 1555 bis 1567 war Wiesensteig für zwölf Jahre evangelisch

– auf Basis des Grundsatzes „cuius regio, eius religio“

(Wessen Herrschaft, dessen Religion), der dem Augsburger

Religionsfrieden entstammte. Graf Ulrich XVII. von

Helfenstein und sein Bruder Sebastian führten 1555 die

Reformation in ihrer Grafschaft ein.

Die zwölf folgenden Jahre waren geprägt von der Abneigung

der Chorherren des Stifts und vor allem der Gemahlin

Ulrichs, Katharina von Montfort, die ihren Gatten wohl

auch dazu brachte, im Jahr 1564 die Rückkehr zum katholischen

Bekenntnis zu beschließen und 1567 zu vollziehen.

Ein sehr bekannter Prediger in Wiesensteig war der damalige

Dekan in Göppingen und spätere Universitätsdirektor in

Tübingen, Jakob Andreä.

Ein Schnelldurchlauf bis ins Gemeindegründungsjahr 1808

zeigt in der Zeit der Gegenreformation ein sehr tolerantes

Nebeneinander der Konfessionen, wobei die evangelischen

Christen in einer Art Hauskreis zusammenkamen.

Bis 1810 war Wiesensteig Oberamtssitz, worin im

Grunde die Basis für die Gründung der evangelischen

Gemeinde liegt.

Viele evangelische Beamte lebten zu dieser Zeit in Wiesensteig,

die dann im Juni 1808 eine königliche Resolution

erwirkten, in enger Absprache mit dem Gruibinger

Pfarrer Lederer.

Mit eigenen Mitteln wurde ein Raum hergerichtet, der

sich im Erdgeschoss des Forsthofes, damals Revieramtsgebäude,

befunden haben muss.

„Einige Sitze, eine abgängige in Westerheim gekaufte

Kanzel und eine höchst dürftige, unmelodische Orgel,

welche schon vorhanden war und offenbar aus dem

Frauenkloster stammte“ bildeten wohl die damalige

Einrichtung. Organist und Abendmahlsgefäße kamen

vermutlich aus Gruibingen herüber.

Am 21. Juni 1808 fand denn die erste Wochenkinderlehre

statt; am 26. Juni wurde die erste Predigt gehalten, und

am 21. August das erste Abendmahl gefeiert.

Auf der Kippe stand die Gemeinde, als Wiesensteig 1810

den Oberamtssitz verlor und die Zahl der Evangelischen

bis zum Jahr 1819 auf ganze sieben Leute zurückgegangen

war. Bis 1852 stieg die Zahl aber wieder auf 147 und

Wiesensteig wurde Pfarrverweserei.

Wichtig ist noch das Jahr 1821, in dem die Gemeinde

eine neue Kirche bekam: Die Kapelle des 1808 säkularisierten

Franziskanerinnen-Klosters wurde ihr mit einigen

Auflagen überlassen. Ein hölzernes Kruzifix wurde angeschafft,

sowie der Altar für den evangelischen Gottesdienst

hergerichtet. Der Raum blieb der Gemeinde erhalten,

bis er Anfang der 70-er Jahre verkauft und das

jetzige Gemeindezentrum gebaut wurde.

Gemeindeforum im Wiesensteiger Gemeindezentrum

PROTESTANTISCHE VORBILDER

Dorothee Sölle, geb. 30. September 1929,

gestorben 27. April 2003, war eine deutsche

evangelische Theologin und eine der

weltweit bekanntesten und umstrittensten

Theologinnen des 20. Jahrhunderts.

Sölle war verheiratet mit dem ehemaligen

Benediktinermönch Fulbert Steffensky

(Professor für Religionspädagogik,

Hamburg). Sie war vierfache Mutter und Großmutter.

Dorothee Sölles Glaube war nach eigenen Aussagen „geprägt

von dem Bewusstsein (. . .) nach Auschwitz zu leben“. Die

Lehre von der Allmacht Gottes wurde so für sie zum Gegenstand

kritischen Nachdenkens. Ihre Auffassung war „Gott hat

keine anderen Hände als unsere.“ Sie vertrat eine politische

Theologie, die sich durch eine radikale Diesseitigkeit und eine

Entmythologisierung der Bibel auszeichnete. Weiterhin bestimmend

war eine durch den Feminismus geprägte Mystik, die

ohne die Vorstellung eines persönlichen Gottes auskam. Viele

Ideen Sölles waren von der Befreiungstheologie Lateinamerikas

geprägt, die durch Sölle in Deutschland erst bekannt wurde.

EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

41


Aus den Distrikten

DISTRIKT UNTERES FILSTAL

Augenblickmal

„Augenblickmal“ war der Titel einer rundum gelungenen

Ausstellung im Donzdorfer Jubiläumsjahr 2007.

Pfarrerin Annette Leube hatte Gemeindeglieder ermutigt,

ihr Hobby und ihr künstlerisches Talent öffentlich zu zeigen.

23 Gemeindeglieder aus der weit verstreut lebenden

Gemeinde haben sich beteiligt und ihre Werke der Öffentlichkeit

vorgestellt.

Eine beeindruckende Steinskulptur und eine Rötelstiftzeichnung

empfingen die BesucherInnen im Foyer, die

anderen Arbeiten (Acryl- und Aquarellmalerei, sowie

Arbeiten in Ton und eine Assemblage) fanden an den

Wänden des Kirchenraums Platz.

Die künstlerische Leitung lag bei den Künstlern und

Gemeindegliedern Gerhart Kraner und Regine Ludmann.

Es war eine ungewöhnliche, interessante Ausstellung:

klein, bunt und vielfältig wie die junge Kirchengemeinde

Donzdorf selbst.

Zwei Mädchen schreiben im Gästebuch: „Kunst ist schön

und lebendich!“ Besucher aus dem Kirchenbezirk meinen:

„Wunderbar, was diese Kirchengemeinde für interessante

Künstler hat.“ Oder kurz und bündig: „Kunst in der

Kirche – welch gelungenes Zusammenspiel!“

Bei der Vernissage überraschte Gerhart Kraner die Kirchengemeinde

mit einem Geschenk: eine Ausarbeitung

100 Jahre Kirchenchor Kuchen

1908 gab es im Kuchener Kirchengemeinderat Gespräche

über die Gründung eines Kirchenchores.

„Sangesfähige und sangesfreudige Männer und ebenso

Frauen und Jungfrauen sollen zur Besprechung der Sache

ins Lokal der Oberklasse kommen.“

Am 15. November 1908 wurde der Kuchener Kirchenchor

gegründet. Unter der Direktion des Hauptlehrers Rieker

hat er schon am 4. Advent zum ersten Mal im Gottesdienst

gesungen. In der damaligen Zeit war es üblich,

dass die Herren Hauptlehrer die Chöre dirigierten. Deshalb

fand ein häufiger Dirigentenwechsel wegen Umzugs der

Lehrer statt.

Die Sängerinnen und Sänger nehmen als Gemeindeglieder

42 EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

vom Jubiläumslogo in bunten, kräftigen Farben. Dieses

Werk, das im Zentrum den einladenden Christus darstellt,

erinnert an die Ausstellung und an das vielfältig gefeierte

Jubiläumsjahr – und es gibt schon weitere Ideen, Kunst

und Kirche ins Gespräch zu bringen.

aktiv am kirchlichen Leben teil. Das Singen und Musizieren

wirkt sich in besonderer Weise auf die zwischenmenschlichen

Beziehungen aus. Diese Menschen haben

sich darauf eingelassen, zur Ehre Gottes singend das

Evangelium unter die Leute zu bringen und in Bewegung

zu halten.

Das bedeutet Mühe in den Proben nach einem arbeitsreichen

Tag, das bedeutet aber auch Freude beim Gelingen

der Aufführungen im Gottesdienst oder bei anderen

Gelegenheiten.

Zusammen mit der langjährigen Chorleiterin Heidi Stehle,

bereitet der Kirchenchor Kuchen sein Jubiläumswochenende

am 27./ 28. September 2008 vor.


VON MENSCHEN, BEGEGNUNGEN UND JUBILÄEN

Abschied von Judith

und Peter Heiter

Die heiteren Zeiten im Kirchenbezirk

dauerten drei Jahre

– von September 2004 bis

Dezember 2007 waren Judith

und Peter Heiter in Eybach

und Stötten bzw. an der Geislinger Stadtkirche tätig. Das

Pfarrersehepaar teilte sich zu Beginn seiner Amtszeit die

Pfarrstelle Eybach und Stötten. Ab September 2006 wechselte

Judith Heiter auf die Stelle der Pfarrerin zur Dienstaushilfe

bei der Dekanin. Peter Heiter erregte durch seine legendär

gewordenen Fußball-Gottesdienste in Eybach Aufmerksamkeit

über die Gemeindegrenzen hinaus, und mit Judith

Heiter verlor nicht nur die Geislinger Stadtkirchengemeinde

sondern auch das Redaktionsteam der Geislinger Kirchenbezirks-Zeitung

eine wichtige Stütze. Seit Januar 2008

teilen sich beide die Pfarrstelle an der Johanneskirche in Asperg,

Dekanat Ludwigsburg. Und im Februar kam in der

neuen Gemeinde gleich noch ein Gemeindeglied hinzu:

Annabelle Lotte Heiter. Und davon kann ausgegangen werden,

dass bei diesen Eltern die kleine Annabelle in nicht

allzu ferner Zukunft wohl in Deutschlands Frauenfußball-

Nationalmannschaft kicken wird.

Jubiläum des Singkreises Deggingen

Die Gottesdienste

zur Weihnachtszeit

mit Chormusik zu bereichern

– mit dieser

Absicht hatten sich

vor 20 Jahren Sängerinnen

und Sänger um

Chorleiterin Christine

Wilms geschart. Unter

den über 30 Mitgliedern des Singkreises sind noch einige

aus dem Gründungsjahr dabei. Seit mehreren Jahren wird

die Zusammenarbeit mit den Chören der Nachbargemeinden

im oberen Filstal groß geschrieben. Zu hören ist das jedes

Jahr beim Täles-Distriktgottesdienst, der an Kantate

2008 in der Martinskirche in Gruibingen wieder mit den

vereinigten Täleschören gefeiert wurde.

Zwei Pfarrerinnen teilen sich eine Pfarrstelle

Die Pfarrstelle Türkheim

ist wieder ganz besetzt.

Das Besetzungsgremium,

das aus den

Kirchengemeinderäten

aus Aufhausen und

Türkheim besteht, hat

die beiden Pfarrerinnen Helga Striebel (Bild links) und

Gertraude Reich-Bochtler (Bild rechts) gewählt. Sie teilen

sich die Pfarrstelle und haben je einen Dienstauftrag von

50 %. Wie die Dienste der beiden Pfarrerinnen in den Kirchengemeinden

Türkheim und Aufhausen geregelt sind, ist

in der Geschäftsordnung festgelegt. Helga Striebel ist bereits

seit 1. Februar 2006 für Türkheim zuständig. Nach ihrer

mehrjährigen Beurlaubung aus familiären Gründen wur-

de sie vom Evangelischen Oberkirchenrat mit diesem

Dienst beauftragt. Das Besetzungsgremium hat sie nun auf

die Pfarrstelle Türkheim mit einem halben Dienstauftrag gewählt.

Gertraude Reich-Bochtler war als Pfarrerin am Altenzentrum

in Dornstadt tätig. Die gebürtige Ulmerin hat nun

die zweiten 50 % der Pfarrstelle inne. Einen weiteren Seelsorgeauftrag

hat ihr der Evangelische Oberkirchenrat im

Blaubeurer Kirchenbezirk im Bereich der Altenheim-Seelsorge

übertragen. Pfarrerin Reich-Bochtler wohnt mit ihrer

Familie im Aufhausener Pfarrhaus. Ihr Ehemann Gerhard

Reich ist Pfarrer in der Nachbargemeinde Nellingen.

Gisela Werner im Ruhestand

Ein Wechsel fand im Pfarrbüro der Stadtkirchengemeinde

statt: die lang gediente und vielen wohlbekannte Pfarramtssekretärin

trat in den verdienten Ruhestand.

Gisela Werner war seit 1986 für die

Stadtkirche und die Kirchengemeinde Weiler

tätig. Als alte Geislingerin kennt sie die

ganze Gemeinde sozusagen persönlich

und war zahlreichen Gemeindegliedern

wohl vertraut. Dass sie nun dienstags und freitags nicht

mehr am Telefon des Pfarramtes sich meldet oder die Tür

öffnet, daran werden sich manche erst gewöhnen müssen.

Gisela Werner wurde mit vielen Dankesworten geehrt für

ihre treue und engagierte Arbeit, die zeitlich weit über das

Maß hinausging, das im Arbeitsvertrag eigentlich vorgesehen

war. Vermutlich hat sie schon manch Geislinger Spätheimkehrer

zu nachtschlafender Zeit ins Pfarrhaus gehen

sehen, wenn es galt, wichtige Dinge ohne Störungen vom

Telefon zu erledigen. Wer anrief, erhielt

immer kompetente und freundliche Auskunft,

und wer Sorgen hatte, fand ein

mitfühlendes Ohr. Ihre Nachfolgerin ist

Iris Goebel. Dass sie auch als Pfarramtssekretärin

in Auendorf arbeitet, hat ihr

den Arbeitseinstieg erleichtert.

Günther Alius ist neuer Bildungsreferent

Seine Interessen sind vielseitig: So war er schon Vorsitzender

eines Kreisverbandes des Verkehrsclubs Deutschland

e.V., war Mitglied im Stadtteilausschuss Eglosheim des

Gemeinderats von Ludwigsburg, war

in verschiedensten Universtitätskommissionen,

war Leiter eines Hausbibelkreises

in Heidelberg, Leiter eines

Gesprächs- und Begegnungskreises in

Heidelberg, hatte die Organisation,

Leitung und Moderation eines Abendgottesdienstes

und ist jetzt Kirchengemeinderat in seiner

Heimatgemeinde Owen. Günther Alius ist seit Oktober

2007 Erwachsenenbildungsreferent im Geislinger Kirchenbezirk.

Seine Stelle hat einen Umfang von 60 %. Dies

kommt ihm entgegen. So übernimmt er einen Teil der

Erziehung seiner Tochter, da seine Frau als Lehrerin tätig ist.

Dem gelernten Historiker merkt man an, dass es ihm Spaß

macht, etwas auf die Beine zu stellen. Er hat Ideen, setzt

sich ein und motiviert mitzumachen. Mit seiner Begeisterung

wird er viele anstecken.

EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

Aus dem Kirchenbezirk

43


Aus dem Kirchenbezirk

Neue Leitung des Kirchenbezirks gewählt

Der Evangelische Kirchenbezirk

Geislingen hat eine neue

Leitung. Die Bezirkssynode

wählte in geheimer Abstimmung

mit überwältigender

Zustimmung Hans-Peter

Bühler aus Kuchen zum

Ersten Vorsitzenden der

Bezirkssynode. Es steht damit zusammen mit Dekanin

Gerlinde Hühn dem Evangelischen Kirchenbezirk Geislingen

vor. Für die Dauer seiner Amtszeit ist Hans-Peter

Bühler zum Ehrenbeamten des Kirchenbezirks ernannt.

Der 64-jährige ist Beamter im Wirtschaftsministerium in

Stuttgart und war 18 Jahre Mitglied im Kirchengemeinderat

in seiner Heimatkirchengemeinde Kuchen. Seit vergangenem

Jahr ist er auch im Lektorendienst im Kirchenbezirk

tätig und feiert in dieser Funktion mit den Gemeinden

zusammen sonntägliche Gottesdienste. Ebenso wird

Hans-Peter Bühler bei anstehenden Pfarrstellenbesetzungen

abwechselnd mit den anderen von der Bezirkssynode

gewählten Vertretern Armin Beck, Karl-Heinz Doster, Hannelore

Klein und Hans Werner Löchli den Kirchenbezirk

im Besetzungsgremium der jeweiligen Kirchengemeinde

vertreten.

Im Auftrag des Herrn

Zu lesen ist es deutlich, in wessen

Auftrag Reinhard Hoene unterwegs ist:

In Gottes Auftrag. Der Amstetter Pfarrer

ist bekannt für seine einprägende

äußerliche Erscheinung. Bei der Geislinger

Bezirkssynode trug er eine Krawatte,

die sein Handeln deutlich lesen

ließ: „On a mission from God“.

Grüner Gockel in Geislingen

kommt in Fahrt

„Bewahrung der Schöpfung“ war immer

schon ein protestantisches Anliegen. Und

dass dies nicht nur in der Theorie passiert

sondern auch in der Praxis, ist in der Geislinger Gesamtkirchengemeinde

augenblicklich zu sehen. Verschiedene

Umwelt-Teams der Kirchengemeinden sind unterwegs mit

Messgeräten und notieren zuerst einmal den Verbrauch

an Energie, Wasser, Papier in den kirchlichen Gebäuden.

Dabei kommen erstaunliche Werte zu tage: Allein die

Lampen in der Stadtkirche verbrauchen mehrere Kilowatt

Strom, wenn das Kirchenschiff beleuchtet ist. Schon sich

das bewusst zu machen hilft, energie(spar)bewusster mit

der Technik umzugehen. Das Umwelt-Team wird von

einem Experten, den die Landeskirche vermittelt hat,

beraten. Ziel ist ein Umweltmanagement, das hilft, die

Schöpfung zu bewahren.

Eugen Zoller aus Unterböhringen erhielt

Brenz-Medaille

Im Gottesdienst im Januar in Unterböhringen wurde

Eugen Zoller die Johannes-Brenz-Medaille der Landeskirche

für 30 Jahre ehrenamtliches Engagement in der Kirche verliehen.

Pfarrer Georg Braunmüller sprach in seiner Laudatio

davon, dass der Name Zoller immer mit der Kirchengemeinde

Unterböhringen verbunden sei. Eugen Zoller

44 EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

habe die Gemeinde geprägt und mitgestaltet in den über

30 Jahren Kirchengemeinderatsarbeit und seinem weiteren

ehrenamtlichen Engagement in der Gemeinde. Der Jugendund

Kinderarbeit galt sein besonderes Interesse: So war er

lange Mitarbeiter in der Kinderkirche und noch viel länger

beim Pfingstzeltlager auf der Oberböhringer Heide, auch

jahrzehntelang als Leiter und Verantwortlicher. Als Zweiter

Vorsitzender im Kirchengemeinderat

hatte

er immer das Augenmerk

für die Gemeinde,

aber zugleich auch den

Blick darüber hinaus. Eugen

Zoller war wesentlich

beteiligt bei der Gemeindeentwicklung und dem Beschluss,

eine Gesamtkirchengemeinde Bad Überkingen,

Hausen und Unterböhringen zu bilden.

Neuer im Jugendwerk

Das Jugendwerk bekommt Verstärkung:

Der „Neue“ heißt Daniel Dorn, ist 24 Jahre

alt, studiert derzeit noch am CVJM Kolleg

in Kassel und kommt ab 1. September.

Zusammen mit Sabine Angnes und Schwester

Claudia ist er für die Jugendarbeit im

Kirchenbezirk zuständig. Ergänzt wird das Team noch

von der Jugendreferentin der Geislinger Gesamtkirchengemeinde,

Daniela Hartmann.

Wachsende Kirche im Geislinger Bezirk

Oft heißt es, in den Kirchengemeinden laufe

ja nichts. Dass dies nicht den Tatsachen entspricht,

hat nun Dekanin Gerlinde Hühn aufgezeigt.

Sie hat die Pfarrerinnen und Pfarrer der

Kirchengemeinden darum gebeten, ihr mitzuteilen,

was an Projekten, Besonderheiten, und

Veranstaltungen in ihren Gemeinden angeboten wird. Es

ist viel. In der extra hergestellten Broschüre „Wachsende

Kirche im Kirchenbezirk Geislingen“ ist dokumentiert, wie

vielfältig und kreativ die Kirchengemeinden tätig sind.

Vom Kirchenkino über Bibelkurs, von Kooperationen in der

Konfi-Arbeit über ökumenische Brückentage, von Kinderbibelwochen

über Frauenfrühstück, vom Internet-Café

über Schülergottesdienste am Mittwochmorgen… Diese

Broschüre ist erhältlich beim Evangelischen Dekanatamt

Geislingen (2,– € pro Exemplar).

Abschied und Neubeginn im Pfarramts-Büro der

Paulusgemeinde Geislingen

Nach über neun Jahren verließ Pfarramtssekretärin

Simone Wolf die Paulusgemeinde

und wechselte zu ihrer

neuen Tätigkeit in der Kirchenpflege

der Gesamtkirchengemeinde. Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter, Gemeindeglieder

und Pfarrerin haben an ihr

vor allem ihr ruhiges und freundliches Wesen geschätzt

und auch die Zuverlässigkeit, mit der sie allen Aufgaben

nachkam. Der Abschied fällt nicht leicht, ist aber begleitet

von Dankbarkeit und guten Wünschen. Mit Regine Weit,

der neuen Pfarramtssekretärin, war eine nahtlose Übergabe

möglich. Herzlich willkommen!

rechts: Eugen Zoller


Der mit der Orgel tanzt

10 jähriges Dienstjubiläum

von Kantor Seiichi Komaya,

Martinskirche Geislingen

Wenn er spielt, ist der ganze Mensch

in Bewegung. Davon können sich die

Besucher der Gottesdienste oder kirchenmusikalischen

Veranstaltungen

überzeugen, wenn sie den Maestro selbst an der Orgel

erleben. Seiichi Komaya lebt in seiner Musik und schafft

es immer wieder die Zuhörenden mit seinem Spiel zu

berühren.

Geboren ist Seiichi Komaya am 1962 in Sapporo/ Japan.

Er begann bereits als Achtjähriger mit Schlagzeug zu

spielen, um Jazzmusiker zu werden. Wenn es da nicht

das Zusammentreffen mit Johann Sebastian Bach gegeben

hätte. Komaya war 15, als er eine Schallplatte mit Bachs

Orgelmusik hörte und sein Leben änderte. Gleich am

nächsten Tag stellte er sein Schlagzeug in die Ecke, kaufte

sich Studienführer der japanischen Musikschule und nahm

Klavierunterricht. Er studierte an den Hochschulen für

Musik und Darstellende Kunst in Tokio und Stuttgart

sowie an der Hochschule für Kirchenmusik in Esslingen.

Er konzertierte seit 1984 als Solist und Continuo-Spieler

in Japan, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und

in osteuropäischen Ländern und wirkte bei Rundfunkaufnahmen

und CD-Produktionen mit. Seit September 1998

ist er Kantor an der Martinskirche in Geislingen.

Ambitionierte Chorprojekte wie das Requiem von Maurice

Duruflé oder „Die Himmelfahrt Christi“ von Carl Philipp

Emanuel Bach, ausgefallene Kombinationen von Instrumenten

– etwa Orgel und Gongs oder Orgel und Saxophon

– aber auch Projekte wie die Musikalische Inszenierung

von Peter Ebns Hiob und Faust waren Höhepunkte

der Arbeit Komayas.

Orgeljubiläum in Unterböhringen

Das 20-jährige Jubiläum der

Unterböhringer Orgel wurde

am 15. Juni mit einem musikalischen

Gottesdienst und

anschließender Matinee gefeiert.

Kirchenmusikdirektor

Gerhard Klumpp an der

Orgel und Ulrich Nachbauer

mit dem Kirchenchor gestalteten

den Gottesdienst mit.

Die Unterböhringer Orgel

wurde im Mai 1988 eingeweiht.

Die Firma Orgelbau

Rensch aus Lauffen/Neckar hatte die Orgel mit 16 Registern

und zwei Manualen in rund 4000 Arbeitsstunden

erstellt.

Wechsel im Mesneramt in Gingen

Nach siebeneinhalbjähriger Mesnerinnentätigkeit schied

Christa Bantleon als Mesnerin an der Johanneskirche Gingen

aus. Sie war eine Mesnerin mit Herzblut und die Kirchengemeinde

Gingen ist sehr dankbar für die Zeit, in der

sie die halbe Mesnerinnenstelle versah. Zum Glück konnte

mit Ruth Kohn schnell eine Nachfolgerin gefunden werden,

so dass das Mesnerinnenteam nun wieder komplett ist.

Pietismusgespräch im

Kirchenbezirk

„Warum braucht der Pietismus

die Landeskirche und

warum braucht die Landeskirche

den Pietismus“, lautete

das Thema des jährlich

stattfinden Gespräches der

Gemeinschaften im Geislinger Kirchenbezirk mit Dekanin

Hühn, den Pfarrerinnen und Pfarrern im Kirchenbezirk

und den Landessynodalen Beate Keller und Anita Gröh.

Als Referent konnte Horst Neugart gewonnen werden.

Der ehemalige Präsident der Württembergischen Landessynode

berichtete auch über das aktuell stattgefundene

Pietismusgespräch auf Landesebene.

Die neue MAV ist

gewählt.

Am 4. März 2008 wurde

im Kirchenbezirk eine neue

Mitarbeitervertretung

gewählt. Die neue MAV

wird auch in der kommenden

Amtszeit weiterhin

ihre Verantwortung für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit

von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit den

Dienststellenleitungen übernehmen.

Für die Arbeit der MAV ist es eine sehr gute Basis, dass

möglichst viele verschiedene Berufsgruppen im Gremium

vertreten sind. Zu den zum Teil schon langjährigen MAV

Mitgliedern kam Jutta Förstner, Diakonin und Religionslehrerin

aus Süssen, neu dazu.

Ferner sind gewählt: Hedy Binder, Sylvia Büttner, Jutta

Förstner, Stephanie Eisele, Gabi Straub, Simone Wolf und

Andrea Eberhard, die auch Vorsitzende ist.

Stötten-Tag trotzt dem Regen und freut sich

an der Sonne

„Seht die Vögel unter dem

Himmel . . .“ – dieses Motto

des diesjährigen Stötten-

Tages war Anlass für die Besucherinnen

und Besucher,

Vögel aus Papier zu basteln.

Trotz des abwechslungsreichen

Wetters zwischen strahlendem Sonnenschein und

kurzen Regengüssen war wieder für viele Gemeindeglieder

aus dem Kirchenbezirk der Stötten-Tag der jährliche Treffpunkt.

Sie kamen miteinander ins Gespräch, feierten gemeinsam

Gottesdienst und freuten sich bei Kaffee über die

wundervoll schmeckenden Kuchen. An den Gästen beim

Stötten-Tag wird auch deutlich, wie weit sich der Kirchenbezirk

erstreckt: Von Wiesensteig bis Böhmenkirch und

von Donzdorf bis Aufhausen. Im nächsten Jahr wird anstelle

des Stötten-Tags im Kirchenbezirk das Fest des Gustav-

Adolf-Werkes der Württembergischen Landeskirche gefeiert,

und zwar vom 26. bis 28. Juni 2009.

Langjährige Verdienste in Bad Überkingen

Besondere Auszeichnungen konnte Pfarrerin Susanne Jutz

am Ersten Advent 2007 im Namen von Landesbischof

Frank Otfried July drei langjährigen Kirchengemeinderats-

Mitgliedern überbringen.

EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

45


Aus dem Kirchenbezirk

Ernst Lutz erhielt die Johannes-Brenz-Medaille. Er war von

1989 bis 2007 Kirchengemeinderat in Bad Überkingen,

war jedoch schon vor mehr als dreißig Jahren im Evangelischen

Jugendwerk in Geislingen engagiert als Mitglied

des Bezirksarbeitskreises. Zudem war er für eineinhalb

Wahlperioden im Stadtkirchengemeinderat in Geislingen.

Während seiner KGR-Tätigkeit in Bad Überkingen

fungierte er lange auch als Mitglied des Kirchenbezirksauschusses

und im Stöttenrat.

Gerhard Straub ist Mitglied im Kirchengemeinderat seit

1977 und nun zum sechsten Mal wieder gewählt. Die

Johannes-Brenz-Madaille stellt eine erfreuliche Anerkennung

dar für das große Engagement von Gerhard Straub,

seiner Frau Inge und seinen Kindern Daniel und Simone in

der Bad Überkinger Kirchengemeinde und darüber hinaus!

Siegfried Schneider war 24 Jahre Kirchengemeinderat in Bad

Überkingen und Ortsverantwortlicher der Liebenzeller Gemeinschaft.

Seine Verdienste würdigte der Landesbischof

mit einer Ehrenurkunde.

Hansdieter Lenz ist Kirchengemeinderat seit 36 Jahren, er

trat 2007 zum siebten Mal zur Wahl an. Nach seiner erneuten

Amtseinsetzung wurde er zum zweiten Vorsitzenden

des Kirchengemeinderates gewählt. Bereits 2001 wurde

Hansdieter Lenz mit der Johannes-Brenz-Medaille der Landeskirche

geehrt. Wie aus dem Bischofsbüro zu erfahren

war, gibt es keine Steigerung für diese Auszeichnung. Umso

mehr Anerkennung und Dank verdient sein Engagement.

Doris Gerstenlauer gestorben

Sie war von der Evangelischen

Kirchenpflege Geislingen

nicht wegzudenken:

Doris Gerstenlauer. 36

Jahre war sie für die GeislingerGesamtkirchengemeinde

als Verwaltungsangestellte

tätig. Sie wusste

Bescheid. War etwas unklar in Haushaltsfragen oder im

Bereich Kindergarten – Doris Gerstenlauer konnte gefragt

werden. In ihrer unaufdringlichen und freundlichen Art

war sie immer bereit zu helfen. Auf sie war Verlass. Über

lange Zeit war sie in die Mitarbeitervertretung gewählt

und kümmerte sich um die Angelegenheiten ihrer Kolleginnen

und Kollegen. Mit der Kirchengemeinde fühlte sie

sich eng verbunden. Von jung an sang sie in der Kantorei

der Stadtkirchengemeinde und im Geislinger Singkreis. Mit

55 Jahren verstarb sie im Juli 2007 an einem schweren

Krebsleiden. Die Gemeindeglieder und die Mitarbeitenden

der Gesamtkirchengemeinde vermissen sie.

Dr. Karl-Heinz Drescher-Pfeiffer hat ein Herz

für die Diakonie

Sucht man im Internet „Karl-Heinz Drescher-Pfeiffer“, wird

schnell deutlich, dass der Diakonie sein Herz gehört.

So verfasste er das Buch „Die diakonische Seelsorge im

21. Jahrhundert“ mit und hatte einen Auftrag beim Diakonischen

Werk Deutschland. Dr. Karl-Heinz Drescher-Pfeif-

46 EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

fer ist nun im Geislinger Kirchenbezirk

tätig. Er hat seit Jahresbeginn die Vakaturvertretung

in Eybach und Stötten und

unterstützt den Kirchenbezirk in verschiedenen

Arbeitsgruppen. Gerne lässt

sich der gebürtige Berliner auch in die

Gemeinden einladen zu Vorträgen. Er ist

Experte für diakonische Themen, unter

anderem auch zu Johann Hinrich Wichern, dem Gründer

des Rauhen Hauses, dessen Geburtstag sich dieses Jahr

zum 200. Mal jährt.

Mesner- und Hausmeisterinnen-Wechsel

in Schalkstetten

„HERR, ich habe lieb die

Stätte deines Hauses und

den Ort, da deine Ehre

wohnt“, unter diesem Leitvers

aus Psalm 26 stand

die Verabschiedung der

langjährigen Mesnerin

Anneliese Lischke. 15 Jahre

lang versah sie den Mesnerund

Hausmeisterdienst in

der Veitskirche und im

Gemeindehaus in Schalkstetten.

Das Mesneramt ist ein geistliches

Amt und als solches

hat Frau Lischke es verstanden:

Es schafft den Raum,

dass Gottes Wort seine Wirkung entfalten kann. Wer

Kirche und Gemeindehaus betrat, der merkte, dass Frau

Lischke ihren Dienst mit Leib und Seele versah, dass sie

mit ganzem Herzen dabei war. Die „gute Stube“ unseres

Dorfes hat sie gepflegt und versorgt und auf diese Weise

dazu beigetragen, dass diese stets zu einem ansprechenden

Ort wurde.

Zusammen verabschiedet mit ihr wurde auch unsere stellvertretende

Mesnerin, Maria Wittlinger, die 15 Jahre

ehrenamtlich einsatzbereit und zuverlässig zur Stelle war.

Schön, dass sich mit Anne Eberhardt eine Nachfolgerin

gefunden hat.

Kuchen hat neues Logo

Die Kirchengemeinde Kuchen hat ein

neues Logo. Entworfen hat es der in

Kuchen lebende Grafiker und Designer

Stefan Ruther. Das Zeichen ist in

vielschichtiger Weise auslegbar: Es

zeigt einen Menschen in vorwärtsstrebender

Bewegung, es ist zweitens

das Kreuz Christi darin zu erkennen; zum Dritten ist der

Buchstabe J für Jakobuskirche darin verborgen.

Christel Krauß ist seit 25 Jahre für die

Stubersheimer Alb tätig

Vor 25 Jahren hat Gemeindesekretärin Christel Krauß aus

Bräunisheim angefangen, ihre Arbeitskraft treu in den

Dienst der Gemeinde zu stellen. Das war ein guter Anlass,

einmal innezuhalten und auch öffentlich all das zu würdigen,

was Christel Krauß – oft im Verborgenen – geleistet


hat und noch immer weit

über die ihren Dienstauftrag

hinaus Woche für

Woche tut. Und das alles

nicht nur für eine, sondern

gleich für die fünf Gemeinden

und die zwei Pfarrämter

der Gesamtkirchengemeinde

Stubersheimer Alb. Gefeiert wurde dieses

besondere Jubiläum beim Mitarbeiterfest der Gesamtkirchengemeinde

im Januar 2008, das mit einem Abendmahlsgottesdienst

in der Veitskirche begann.

Wechsel in der Kirchenpflege Donzdorf

Nach zehn Jahren hat Brigitte

Mank im März 2008

die Kirchenpflege in neue

Hände übergeben. Sie

wünscht sich für die

Zukunft wieder mehr persönlichen

Freiraum, unter

anderem auch für ehrenamtliches

Engagement in der Kirchengemeinde. Die vielseitige

Arbeit in der Kirchenpflege hat sie gewissenhaft und

sachkundig, genau und stets ansprechbereit für viele

Anliegen erledigt. Den Kirchengemeinderat hat sie hervorragend

beraten und mit den geschäftsführenden Pfarrern

problemlos zusammengearbeitet. Über die Kirchenpflege

hinaus hat sie sich auf weiteren Feldern der Gemeindearbeit

eingesetzt, z. B. in der Jugendarbeit. Auch auf

Bezirksebene hat sie sich als Mitglied der Bezirkssynode

und des KBA eingebracht.

Als Nachfolgerin hat Stefanie Lenz die Kirchenpflege übernommen.

Sie ist wie Frau Mank als Bankangestellte und

Betriebswirtin „vom Fach“. Sie wohnt mit ihrem Mann in

Nenningen und kennt die kirchliche Arbeit durch ihre

Mitarbeit in der Kinderkirche und bei den Pfadfindern in

Salach, wo sie aufgewachsen ist. Die Gemeinde wünscht

ihr eine gute Einarbeitung und freut sich an dieser jungen

Mitarbeiterin, die das Gewicht von Lauterstein verstärkt.

Ruhestandspfarrer bei Dekanin

v.l.n.r.:

Wolfgang Seybold,

Jürgen Peylo,

Hermann Stahl,

Dekanin Hühn,

Günther Herzog,

Dieter Wiedmaier,

Karl Scheufele,

Siegfried Götz

Die Ruhestandspfarrer im Geislinger Kirchenbezirk kamen

auf Einladung von Dekanin Hühn zusammen, um sich über

die neuesten Entwicklungen in der evangelischen Kirche zu

informieren. Dekanin Hühn berichtete Aktuelles aus dem

Kirchenbezirk. So standen unter anderem Fragen zu

Konfirmandenunterricht, Pfarrplan, Gemeindefusionen und

Immobilienmanagement zur Diskussion. Landessynodale

Anita Gröh informierte über landeskirchlichen Themen.

Besonders interessierten ihre Ausführungen über die

Anträge zu neuen Gemeindeformen in der Landeskirche.

Feierliche Amtsübergabe der

Kirchenpflege in Bad Überkingen

In einem Gottesdienst wurde Dorothee

Deppert als neue Kirchenpflegerin in

Bad Überkingen eingesetzt. Sie lebt mit

ihrem Mann und ihren drei Kindern in

Unterböhringen. Die ausgebildete

Groß- und Außenhandelskauffrau ist

seit Oktober 2003 Kirchenpflegerin in Unterböhringen.

Die seitherige Überkinger Kirchenpflegerin Anja Polscher

hat aus familiären Gründen ihren Dienst nach fünfjähriger

Tätigkeit beendet.

Der neue KBA

ist im Amt

Als „ständiger Ausschuss

für die Angelegenheiten

des Kirchenbezirks“

fungiert der

Kirchenbezirksausschuss

(KBA). Die Bezirkssynode, das höchste Gremium

im Kirchenbezirk, wählte die neuen Mitglieder des KBA:

Pfarrer Holger Platz, Schalkstetten; Hermann Frieß,

Schalkstetten; Manfred Tonnier, Amstetten; Pfarrerin Ulrike

Knapp, Martinskirche; Irene Gottwik, Martinskirche;

Günther Vonhof, Stadtkirche; Pfarrerin Susanne Jutz,

Bad Überkingen; Bernd Britzelmayer, Hausen; Dr. Carsten

Würz, Bad Überkingen; Pfarrer Frank Bendler, Kuchen;

Barbara Hewelt, Gingen; Hans Werner Löchli, Süssen;

Dekanin Gerlinde Hühn; Hans-Peter Bühler, 1. Vorsitzender

der Bezirkssynode; Schuldekan Johannes Geiger und

Klaus Machacek, Kirchenbezirksrechner.

Lektoren im Gespräch

Einen interessanten Tag erlebten die Geislinger und Göppinger

Lektorinnen und Lektoren bei ihrem diesjährigen

Treffen in der Martinskirche Geislingen. Mit einem

gemeinsamen Gottesdienst wurde der Tag begonnen und

im thematischen Teil informierte Dekanin Gerlinde Hühn

zur aktuellen Diskussion über den „historischen“ Jesus.

Das Bezirkslektorentreffen ist einmal jährlich, abwechselnd

im Göppinger oder Geislinger Kirchenbezirk.

Kirchenbezirks-Zeitung auf „Rad-Tour“

Aus umweltschützenden Gründen

und – weil es eben auch

Freude bereitet – sind doch

immer mehr Leute mit dem

Fahrrad unterwegs. So auch

Pfarrer Martin Breitling. Ihn

stören die topografischen Bergauf-

und Bergab-Schwierigkeiten der Geislinger Region

wenig. Und wenn es das Gepäck erfordert, in dem Fall die

Kirchenbezirks-Zeitungen für seine Gemeinde, hängt er

einfach noch einen Anhänger ans Rad.

EVANG. KIRCHENBEZIRKSZEITUNG

47


Jahreslosung 2008

„Jesus Christus spricht:

Ich lebe

und Ihr sollt auch leben“.

Johannes 14, 19

. . . typisch evangelisch

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