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Anlagen - Deutsche Islam Konferenz

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<strong>Deutsche</strong> Botschaft , Rom - Caritas Italiana<br />

In Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Sti ft ung, Rom<br />

und dem Dossier Stati sti co Caritas/Migrantes<br />

Vom Einwanderer zum Mitbürger<br />

Erfahrungen in Deutschland und Italien<br />

Integrati on von Migranten, ihren Familien und jungen Menschen<br />

Europäisches Jahr des interkulturellen Dialogs<br />

Edizioni Idos<br />

Rom, Februar 2008


Beiträge von:<br />

Lale Akgün, Mitglied des Bundestags, Migrati onspoliti sche Sprecherin und <strong>Islam</strong>beauft ragte der SPD-<br />

Bundestagsfrakti on<br />

Maria Böhmer, MdB, Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin, Beauft ragte der Bundesregierung für<br />

Migrati on, Flüchtlinge und Integrati on<br />

Ursula Boos-Nünning, Universität Duisburg/Essen<br />

Claudio Cecchini, Assessor für Sozialpoliti k der Provinz Rom<br />

Teresa De Bellis, Rat der Stadt Köln<br />

Luca di Sciullo, Redakteur, Dossier Stati sti co Immigrazione Caritas/Migrantes<br />

Mons. Guerino Di Tora, Direktor der Caritas Diözese Rom<br />

Bruno Ducoli, Präsident des Europäischen Zentrums zur Förderung der Interkulturalität, Gargnano<br />

Wolfgang Fehl, Koordinator des „Netzwerkes Integrati on durch Qualifi zierung“ der Zentralstelle für die<br />

Weiterbildung im Handwerk, Düsseldorf<br />

Paolo Ferrero, Minister für Soziale Solidarität<br />

Franco Fratti ni, Vizepräsident der EU-Kommission<br />

Annegret Goebel, Botschaft der Bundesrepublik Deutschland Rom<br />

Yasemin Karakaşoğlu, Universität Bremen<br />

Kamila Kowalska-Angelelli, Wissenschaft lerin<br />

Chiara Mellina, Wissenschaft lerin<br />

Mons. Francesco Montenegro, Bischof, Präsident der Caritas Italiana<br />

Franco Pitt au, Leitender Redakteur, Dossier Stati sti co Immigrazione Caritas/Migrantes<br />

Albert Schmid, Präsident des Bundesamtes für Migrati on und Flüchtlinge<br />

Klaus Schmitz, Botschaft der Bundesrepublik Deutschland Rom<br />

Michael Steiner, Botschaft er der Bundesrepublik Deutschland Rom<br />

Daniele Valli, Leiter des Interkulturellen Didakti schen Zentrums Celio Azzurro<br />

Herausgeber<br />

Luca Di Sciullo, Franco Pitt au, Klaus Schmitz<br />

Sekretariat Redakti on<br />

Maria Pia Borsci, Annegret Goebel, Patrizia Liberatore<br />

Fotosatz<br />

Sinnos Soc. Cooperati va Sociale ONLUS - Roma<br />

Botschaft der Bundesrepublik Deutschland<br />

Via San Marti no della Batt aglia, 4 - 00185 Roma<br />

Tel.: 06.49213.220<br />

e-mail: soz-1-dip@rom.auswaerti ges-amt.de<br />

Bestellungen bei:<br />

Centro Studi e Ricerche Idos<br />

Via Aurelia, 796 - 00165 Roma<br />

Tel.: 06.66514.345/502<br />

Fax: 06.66540087<br />

e-mail: idos@dossierimmigrazione.it


INHALTSVERZEICHNIS<br />

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 7<br />

Einleitung<br />

M. Steiner, Migration verbindet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9<br />

F. Montenegro, Integration, ein Prozess, der die ganze Gesellschaft betrifft . . . . . . . . .10<br />

Die deutsch-italienische <strong>Konferenz</strong> zur Integrati on von Migranten, ihren Familien und<br />

jungen Menschen<br />

A. Goebel, K. Schmitz, Thematische Zusammenfassung der Beiträge der <strong>Konferenz</strong> . .15<br />

D. Valli, Celio Azzurro – Eine „besondere Begegnung” mit der Staatsministerin für<br />

Migration M. Böhmer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .25<br />

Politi sche Beiträge<br />

F. Frattini, Keine Einwanderung ohne Integrationspolitik – Der europäische Rahmen<br />

für die Integration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .28<br />

M. Böhmer, Migration und europäische Identität – Bildung und Arbeit als Schlüssel<br />

– Der deutsche Weg der Integrationspolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .33<br />

P. Ferrero, Die neue italienische Einwanderungspolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .39<br />

L. Akgün, Moderne Einwanderungs- und Integrationspolitik muss mehr für Chancengleichheit<br />

und Anerkennung tun . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .46<br />

B. Ducoli, Migration und europäische Identität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .51<br />

Erfahrungen in Italien und Deutschland<br />

L. Di Sciullo, F. Pittau, Ein Panorama der Migration – Italienische und deutsche Erfahrungen<br />

- ein Vergleich in 10 Thesen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .56<br />

G. Di Tora, Rom und die Stadt der Zukunft: international, interkulturell und interreligiös . 70<br />

C. Cecchini, Migration in Rom Anfang 2007 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .78<br />

A. Schmidt, Herausforderung Migration: Integration fordern und fördern - Entwicklung<br />

der Zuwanderung und Situation der Migranten in Deutschland . . . . . . . . . . . . .80<br />

T. De Bellis, Köln, eine multikulturelle Stadt – Eine kommunale Integrationspolitik . . 87<br />

W. Fehl, Köln, ein Beispiel für gelungene berufliche Integration . . . . . . . . . . . . . . . . . .91<br />

K. Kowalska, C. Mellina, F. Pittau, Integration von Migranten in Rom – Ansichten ausgewählter<br />

Interviewpartner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .92<br />

U. Boos-Nünning, Y. Karakaşoğlu, Lebenslage von Mädchen und jungen Frauen mit<br />

Migrationshintergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .104<br />

5


6<br />

<strong>Anlagen</strong><br />

Der Nationale Integrationsplan – Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland . 112<br />

Charta der Werte, der Staatsbürgerschaft und der Integration – Ministerium des Inneren<br />

der Republik Italien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .115<br />

Statistische Daten: Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .120<br />

Statistische Daten: Italien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .125


Vorwort<br />

In den 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union leben rund 30 Millionen Migranten<br />

aus EU- und Nicht-EU-Staaten, deren Staatsangehörigkeit sie nicht besitzen. Diese Zahl verdoppelt<br />

sich noch, wenn die Menschen mitgerechnet werden, die die Staatsbürgerschaft des Landes<br />

erworben haben. Es handelt sich um eine bemerkenswerte Präsenz, die der Zahl nach einem<br />

der größeren Mitgliedsstaaten entspricht.<br />

Die Struktur der Migranten ist sehr differenziert: ihre regionale Konzentration ist je nach<br />

Land und Zeitverläufen verschieden, die Herkunftsgebiete stimmen oft nicht überein, die bei der<br />

Integration verfolgten Ansätze erscheinen eher zufällig und unterschiedlich, die Eingliederung<br />

ins Arbeitsleben ist an den Anforderungen der lokalen Arbeitsmärkte orientiert.<br />

Angesichts dieses komplexen Kontextes ist es schwierig, eine europäische Vision zu finden.<br />

Deshalb wurde daran gedacht, ausgehend von einem sorgfältig durchgeführten Vergleich zweier<br />

wichtiger Beispiele, dem Deutschlands und Italiens, zum Thema „Integration von Migranten,<br />

ihren Familien und jungen Menschen” Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen den in<br />

Nordeuropa und den im Mittelmeerraum gemachten Erfahrungen aufzuzeigen. Hierzu fand<br />

auch eine vielbesuchte Tagung in Rom (11. Juni 2007 im Goethe-Institut) statt, deren Ergebnisse<br />

wir mit einigen Ergänzungen hiermit vorlegen wollen.<br />

Deutschland steht mit seinen fast 7 Millionen ausländischen Bürgern weiterhin an erster<br />

Stelle, was die Zahl der Migranten betrifft, davon sind mehr als eine halbe Million Italiener, die<br />

nach der großen türkischen Gemeinschaft an zweiter Stelle kommen.<br />

Nach über fünfzig Jahren nicht nachlassender Zuwanderung, die erst in letzter Zeit stark<br />

zurückging, definierte sich Deutschland endlich an der Schwelle zum 3. Jahrtausend auch<br />

offiziell als Einwanderungsland. Diese neue Sichtweise und die abgestimmte Handlungsweise<br />

machen Deutschland zu einem Beispiel, das höchste Aufmerksamkeit verdient.<br />

Italien schickte über 150 Jahre lang seine überzähligen Arbeitskräfte in die Industriestaaten<br />

der ganzen Welt. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg emigrierten die Italiener vor allem<br />

in die europäischen Länder und hier besonders nach Deutschland. Seit den siebziger Jahren<br />

verwandelte sich Italien erst langsam und dann, nach dem Fall der Berliner Mauer und dem<br />

Zustrom aus dem Osten, schneller in ein großes Einwanderungsland, in dem inzwischen schon<br />

3,7 Millionen legale Immigranten leben. In einigen Jahrzehnten wird Italien wahrscheinlich<br />

mit Deutschland gleichziehen und damit den zahlenmäßigen Rückgang an Bevölkerung und<br />

Arbeitskräften ausgleichen.<br />

In Deutschland finden wir im Lauf der Zeit sich verfestigende Vorgehensweisen, die sich<br />

teilweise in der Praxis bewährt haben, aber teilweise angepasst werden müssen. Italien blickt<br />

auf weniger Erfahrungen zurück und muss angesichts einer grundlegend verschiedenen Migrationssituation<br />

andere innovative Ansätze wählen, die dann mit vorherigen Erfahrungen<br />

verglichen werden müssen. Denken wir nur daran, wie heikel die Themen langfristiger Integrationsstrategien<br />

sind, z.B. im Hinblick auf die Einhaltung allgemeiner Regeln, die Berücksichtigung<br />

von Andersartigkeit, den Erwerb der Staatsbürgerschaft, die Schule und die zweite<br />

Generation.<br />

Das vorrangige Ziel der Tagung in Rom und nun dieses Buchs besteht darin, einen umfassenden<br />

Vergleich zwischen den beiden wichtigsten europäischen Migrationserfahrungen vorzunehmen,<br />

indem wir die wesentlichen statistischen Daten zur Verfügung stellen die Studien von<br />

7


8<br />

Fachleuten und einschlägigen Untersuchungen auswerten, um unter Einbeziehung der verantwortlichen<br />

Politiker und Verwaltungsbeamten, eine breite Diskussion an der Basis, besonders bei<br />

den NRO und anderen Organisationen anzustoßen.<br />

Diese Initiative wurde auf deutscher Seite von der <strong>Deutsche</strong>n Botschaft und der Friedrich-<br />

Ebert-Stiftung und auf italienischer Seite von der Caritas Italiana und der Arbeitseinheit<br />

„Dossier Statistico Immigrazione Caritas/Migrantes“ organisiert.<br />

Der Wunsch der Organisatoren ist es, dass dieser zweisprachig erscheinende Band zu weiteren<br />

umfassenden Diskussionen und einem Austausch zwischen beiden Ländern anregt, als<br />

Nachschlagewerk dient und insbesondere auch dazu beiträgt, die Migrationspolitik in der Europäischen<br />

Union weiterzubringen.


Einleitung<br />

Migrati on verbindet<br />

Michael Steiner, Botschaft er der Bundesrepublik Deutschland<br />

Die Migration ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Leider werden<br />

häufig nur negative Seiten in der Öffentlichkeit diskutiert. In Deutschland wird oft übersehen,<br />

dass von den 15 Millionen Menschen mit einer Einwanderungsgeschichte, von<br />

denen die Hälfte die deutsche Staatsangehörigkeit hat, die große Mehrheit gut integriert<br />

ist, so auch unsere 670.000 Mitbürger mit italienischem Migrationshintergrund. Diese<br />

Mitbürger waren und sind nicht nur unersetzbar für unsere Volkswirtschaft, sondern<br />

haben einen wichtigen Beitrag dafür geleistet, dass Deutschland weltoffener und lebenswerter<br />

geworden ist. In ihrer langen Geschichte wurde Deutschland, ebenso wie Italien,<br />

auch von Einwanderung geprägt. Vieles, auf das wir in unseren Ländern stolz sind, beruht<br />

auf der wirtschaftlichen und kulturellen Bereicherung durch Einwanderer.<br />

Seit einigen Jahren steigt die Zahl der ausländischen Staatsbürger in Deutschland<br />

nur mehr geringfügig. Ihre Gesamtzahl betrug 2006 6,75 Millionen (8,8% der Gesamtbevölkerung).<br />

Der positive Saldo von Zu- und Abwanderung von Ausländern lag<br />

seit 2004 bei unter 100.000. Hinter dieser Zahl stehen jedoch enorme Wanderungsbewegungen,<br />

die oft übersehen werden und für die Integrationspolitik relevant ist:<br />

2006 wurden 558.000 Zuzüge und 484.000 Fortzüge von Menschen mit ausländischer<br />

Staatsbürgerschaft registriert.<br />

Zurecht stellt Franco Frattini, Vizepräsident der Europäischen Kommission, in seinem<br />

Beitrag fest, dass Immigration der Integrationspolitik bedarf. Diese Politik muss<br />

zum sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft beitragen und insbesondere den Kindern<br />

und Jugendlichen aus Migrantenfamilien eine reale Lebensperspektive geben. Die hohe<br />

Gewaltbereitschaft junger Männer aus Migrantenfamilien ist ein schlimmes Signal von<br />

Perspektivlosigkeit. In einer im Dezember 2007 von Staatsministerin Maria Böhmer<br />

vorgestellten Studie wurde festgestellt, dass 18% der Kinder aus Migrantenfamilien<br />

(einschließlich der mit deutscher Staatsangehörigkeit) die Schule abbrechen und nur<br />

23% eine Berufsausbildung absolvieren.<br />

Dieses Buch will einen konkreten Beitrag zum deutsch-italienischen Erfahrungsaustausch<br />

auf dem Feld der Integrationspolitik leisten. Es geht um Fragen der Sprache, der<br />

Schule, der Ausbildung, des Berufs und nicht zuletzt um Wohnung und Wohnumfeld. Ich<br />

teile die Auffassung von Mons. Montenegro, Präsident der Caritas Italiana, dass es keine<br />

allgemein gültigen „Modelle“ gibt. Jedes Land muss ausgehend von seiner Geschichte seine<br />

Erfahrungen machen, ohne die Erkenntnisse aus anderen Ländern zu vernachlässigen.<br />

Ich glaube, dass der deutsch-italienische Erfahrungsaustausch auch deswegen fruchtbar<br />

sein kann, weil die Migration unsere beiden Länder miteinander stark verbunden hat.<br />

Staatsministerin Maria Böhmer schreibt in ihrem Beitrag, dass Integration „gleichberechtigte<br />

Teilhabe in allen Lebensbereichen“ bedeute. Diese Teilhabe bedarf des Willens<br />

von Seiten der Migranten, sich den Anforderungen unserer Gesellschaft zu stellen,<br />

aber auch der Bereitschaft von Staat und alteingesessenen Bürgern zur Aufnahme und<br />

9


10<br />

Förderung. Nur auf dieser Grundlage kann sich ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln,<br />

das in Respekt der kulturellen Unterschiede ein fruchtbares Miteinander ermöglicht.<br />

Minister Paolo Ferrero unterscheidet in seinem Beitrag zwischen dem Recht,<br />

seine eigene Lebensweise und Gebräuche weiter pflegen zu dürfen und der allgemeinen<br />

Anerkennung der verfassungsrechtlichen Rechte und Pflichten. Besonders hervorheben<br />

möchte ich die „Charta der Werte, der Staatsbürgerschaft und der Integration“, die unter<br />

Federführung des italienischen Innenministers Giuliano Amato und in Zusammenarbeit<br />

mit Migrantenorganisationen und Religionsgemeinschaften erstellt wurde.<br />

Als Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Rom möchte ich besonders auf<br />

die völkerverbindende Dimension der Migration hinweisen. Über 4 Millionen Italienerinnen<br />

und Italiener sind nach dem Krieg nach Deutschland gekommen. 3,5 Millionen<br />

von ihnen sind wieder in ihre Heimat, meist im hohen Alter, zurückgekehrt. Trotz<br />

mancher Schwierigkeiten und Konflikte sind sich die Menschen der beiden Länder kulturell<br />

aber auch persönlich näher gekommen. 2005 wurden 82.000 deutsch-italienische<br />

Ehen geschlossen. Außerdem glaube ich, dass die Rückkehrer, die einen Großteil ihres<br />

Lebens in Deutschland verbracht haben, in ihrer italienischen Heimat so etwas wie<br />

Botschafter Deutschlands geworden sind. Diesen Eindruck konnten wir auch bei den<br />

Veranstaltungen aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums des deutsch-italienischen Anwerbeabkommens<br />

2005 in Süditalien sehr konkret gewinnen.<br />

2008 ist das „Europäische Jahr des Interkulturellen Dialogs“. Ich hoffe, dass diese<br />

Veröffentlichung hierzu einen kleinen Beitrag leisten kann. Besonders danken möchte<br />

ich der Caritas Italiana, ohne die dieses Projekt nicht zustande gekommen wäre.<br />

Integrati on, ein Prozess, der die ganze Gesellschaft betriff t<br />

Mons. Francesco Montenegro, Bischof, Präsident der Caritas Italiana<br />

Zunächst möchte ich die Anerkennung der Caritas Italiana für die Initiative der<br />

<strong>Deutsche</strong>n Botschaft zum Ausdruck bringen, an der Persönlichkeiten des öffentlichen<br />

Lebens und Experten aus Deutschland und Italien beteiligt sind, wohl wissend, dass<br />

Überlegungen über die Migration, um so zuverlässiger sind, je mehr Gesichtspunkte<br />

berücksichtigt werden. Da jedes Land sich mit seiner besonderen Situation auseinandersetzen<br />

muss, sollte diese gegenseitige Aufmerksamkeit auf EU-Ebene, wie auch<br />

in der Beziehung zwischen den EU-Staaten, gegeben sein. Tatsächlich ist jedoch die<br />

Fähigkeit, dem Anderen zuzuhören, eher gering. Alle neigen dazu, die Situation im<br />

eigenen Lande als Maßstab für Europa anzusehen, weshalb auch die EU beim Aufbau<br />

einer gemeinsamen Migrantenpolitik nur sehr langsam vorankommt und schwerlich<br />

wirksame Antworten findet.<br />

In Fortsetzung dieser Überlegungen kann ich ohne Übertreibung sagen, dass diese<br />

Initiative wichtig ist, weil sie die Erfahrungen zweier Länder verbindet, die Deutschlands,<br />

des Mitgliedsstaats mit der größten Gemeinschaft an Migranten, einer über<br />

fünfzig Jahre langen Erfahrung an Massenzuwanderung und interkulturellem Zusammenleben,<br />

und die Italiens, das sich spät von einem Auswanderungs- zu einem Einwan-


derungsland verwandelte, dessen demografische Kurve extrem sinkt und wo die Zahl<br />

ausländischer Bürger im Rhythmus von über 300.000 im Jahr zunimmt. Wenn wir diese<br />

Zahlen bewerten, so stellen wir fest, dass die Einwanderungsquote Italiens im Verhältnis<br />

zu der der Vereinigten Staaten sogar höher ist. In wenigen Jahrzehnten wird Italien<br />

eines der Länder mit dem höchsten Ausländeranteil sein, mit einem Prozentsatz, der<br />

zwischen dem von Kanada (16%) und dem der Schweiz (20%) liegen wird. Wenn ich<br />

auf die Veränderungen in Italien, aber auch in Spanien und anderen EU-Staaten des<br />

Mittelmeerraums hinweise, dann muss ich auch hinzufügen, dass auf EU-Ebene nicht<br />

immer eine ähnlich schnelle Auffassungsgabe besteht, wie sie unter den Organisatoren<br />

dieser Initiative vorhanden ist. Es muss endlich verstanden werden, dass uns die Geschichte<br />

im Süden zwingt, einen Weg einzuschlagen, der nicht unbedingt mit dem der<br />

EU-Staaten in Mittel- und Nordeuropa verglichen werden kann.<br />

Leider betrifft die mangelnde Aufmerksamkeit für Argumente des Anderen nicht<br />

nur die Beziehungen zwischen den EU-Staaten, sondern auch das Innenverhältnis eines<br />

Landes und, je nach politisch-kultureller Ausrichtung, die Beziehungen zwischen<br />

politischen Parteien und Bürgern. Bei uns in Italien sind wir noch weit von einer Vermittlung<br />

auf oberster Ebene entfernt, wie wir Bischöfe sie uns wünschen würden. Wir<br />

denken, dass sie möglich und fruchtbar wäre, jedoch von einer großen ideologisch-parteipolitischen<br />

Engstirnigkeit vereitelt wird. Die entgegengesetzten Positionen, über<br />

die alle politischen Lager ernsthaft nachdenken sollten, sind oft nicht zu rechtfertigen.<br />

Das sagen wir als kirchliche Gemeinschaft, die wir uns immer schon auf Seiten der Migranten<br />

eingesetzt haben. Man muss ein Gefühl für das Maß haben und die politische<br />

Orientierung in Verbindung bringen können mit den höheren Werten, den Interessen<br />

des eigenen Landes, einer harmonischen Integration der Zuwanderer, der Anerkennung<br />

der Menschen- und religiösen Rechte und unserer Zukunft.<br />

Die Integration, die den Kern dieser Initiative darstellt, ist bei der Caritas Italiana<br />

seit geraumer Zeit Gegenstand umfassender Überlegungen. Obwohl Deutschland über<br />

50 Jahre einschlägige Erfahrungen hat und die Erfahrungen Frankreichs und Großbritanniens<br />

noch länger zurückreichen, müssen sich auch diese Länder immer wieder<br />

kurzfristig neu ausrichten. Die Gewissheiten der Vergangenheit gelten nicht mehr. Wir<br />

alle müssen die Demut besitzen, uns auf die Suche zu begeben. Damit möchte ich keinesfalls<br />

behaupten, dass das, was in diesen Ländern an Erfahrungen gesammelt wurde,<br />

heute nicht mehr wichtig ist. Dabei denke ich an die Verpflichtung in Frankreich, sich<br />

an den lokalen juristisch-kulturellen Rahmen zu halten, an die Autonomiefreiräume, die<br />

Großbritannien den Gemeinschaften der Zuwanderer einräumt, und den Respekt der<br />

Sprache und Kultur des Herkunftslands, der Deutschland auszeichnet. Diese Ansätze,<br />

die immer noch ihre Gültigkeit haben, doch im Rahmen von Integrationsmodellen<br />

der jüngsten Migrationsentwicklung als teilweise überholt angesehen werden müssen,<br />

veranlassen uns festzustellen, dass wir alle in diesem Bereich noch Lehrlinge sind und<br />

zusammen mit den neuen Immigrationsländern neu beginnen müssen, denn sonst werden<br />

wir – wie Goethe im Faust sagt – zu Opfern unserer Geschöpfe.<br />

In Italien sind wir noch weit von einem landesweit akzeptierten Integrationsmodell<br />

entfernt. Der Weg hat viele Ungewissheiten, auch weil Gesellschaft und Wirtschaft es<br />

nicht verstanden haben, die italienischen Bürger für einen Prozess der Eingliederung<br />

und Beteiligung zu gewinnen. Wenn wir dieses komplexe Phänomen definieren wollen,<br />

sollten wir uns auf den Text der europäischen Caritas besinnen, in dem die Integration<br />

11


12<br />

als ein langfristiger Prozess mit vielen Elementen und Faktoren beschrieben wird, der<br />

uns viel abverlangt und darauf abzielen muss, dass zwischen allen Mitgliedern einer<br />

Gesellschaft, einschließlich den Migranten, Beziehungen der Gleichheit, Gegenseitigkeit<br />

und Verantwortung geschaffen werden.<br />

Die Integration ist also vor allem eine Frage gleichwertiger Beziehungen zwischen Personen<br />

verschiedener Zugehörigkeit und Identität, die die gleichen physischen, sozialen,<br />

administrativen und politischen Räume miteinander teilen. In gewissem Sinne geht es<br />

hier nicht um die Begegnung oder den Zusammenprall verschiedener Kulturen, sondern<br />

um Menschen, die Träger dieser Kulturen sind. Andererseits kann heute kein<br />

Mensch mehr nur einer homogenen Zugehörigkeit zugerechnet werden, es sind vielmehr<br />

Individuen, Gruppen und Gemeinschaften, die ohne Unterlass gezwungen sind,<br />

sich mit ständig neuen kulturellen Horizonten auseinanderzusetzen.<br />

Die Integration ist aber auch, und vor allem, ein Prozess der ganzen Gesellschaft, der die<br />

ökonomischen, sozialen, politischen und religiösen Aspekte beinhalten muss, ohne die der<br />

Prozess nicht vollständig wäre. Deswegen muss anerkannt werden, dass nicht so sehr die<br />

Anpassung der Individuen ausschlaggebend ist. Entscheidend sind vielmehr die Rahmenbedingungen,<br />

mit all ihren Beziehungen, Vorgehensweisen und Organisationen und inwieweit<br />

sich diese für die Integration als günstig oder ungünstig erweisen.<br />

Der Integrationsprozess betrifft schlussendlich auch verschiedene Arten der Zugehörigkeit<br />

– u.a. ethnische, nationale, politische, berufliche – die das Leben einer Person<br />

konkret prägen. Er stellt sich so als ein Prozess dar, der die Gruppen mit ihren besonderen,<br />

auch kollektiven Identitäten einbezieht. Diese Identitäten der Gruppen sind ihrerseits,<br />

genauso wie die ihrer Mitglieder, ständigen Veränderungen unterworfen.<br />

Die Herausforderung besteht nicht so sehr darin, dass die in anderen Ländern erprobten<br />

Integrationsmodelle einfach übernommen werden. Alte Erfahrungen können<br />

durchaus helfen, negative Auswirkungen wie die der Zwangsassimilation, zu vermeiden,<br />

die bei unterschiedlichen und sich verändernden Zugehörigkeiten die soziale Anerkennung<br />

keineswegs fördern. Ein weiteres Beispiel ist die soziale Trennung, bei der die Achtung<br />

und der Erhalt der Verschiedenheit zum Alibi dafür wird, sich einer umfassenden<br />

Auseinandersetzung und den durch die tagtäglichen Beziehungen zwischen Menschen<br />

und Gemeinschaften entstehenden Veränderungen nicht zu stellen.<br />

Angesichts der Tatsache, dass es heute keinen Sinn mehr macht, sich automatisch<br />

auf Vergangenes zu beziehen, sollte man sich fragen, ob nicht die Entwicklung eines<br />

italienischen Wegs der Integration möglich ist, bei dem es aber nicht um eine am Reißbrett<br />

entwickelte Lösung gehen sollte, sondern um das Experimentieren in einem Prozess<br />

des sozialen Zusammenhalts und der Teilhabe, unter Nutzung der großen Ressource,<br />

nämlich der christlichen Gemeinschaft in Italien, die immer noch überall vernetzt ist<br />

und nichts von ihrer Dynamik verloren hat. Da wir uns zunehmend bewusst werden<br />

müssen, dass die Ausländer in Italien bleiben werden und ihre Zahl sogar zunehmen<br />

wird, sollte diese Entwicklung möglich sein.<br />

Ein Mann der Kirche hat auch die Pflicht, von Religion zu sprechen. In Anlehnung<br />

an die Botschaft von Johannes Paul II. anlässlich des Weltmigrationstags 2001 möchte<br />

ich daran erinnern, dass die Migration immer zwei Gesichter hat, das des Andersseins<br />

und das des Universellen. Das Erste bedeutet Konfrontation zwischen einander fremden<br />

Menschen und Volksgruppen. Diese führt unvermeidlich zu Spannung, versteckter Zurückweisung<br />

und offenen Angriffen. Das Zweite bedeutet harmonische Begegnung ver-


schiedener sozialer Akteure, die sich im gemeinsamen Erbe der Menschheit, der Menschlichkeit<br />

und Brüderlichkeit wiederfinden. Wir bereichern uns gegenseitig, wenn wir die<br />

vielen anderen Kulturen kennenlernen. Im ersten Fall führt die Migration zu Trennung<br />

und größeren Schwierigkeiten in der aufnehmenden Gesellschaft, im zweiten Fall tragen<br />

sie entscheidend zur Einheit der menschlichen Familie und zum Wohl aller bei.<br />

In diesem Zusammenhang setzt sich die Caritas das Ziel, die Integration zunächst<br />

durch neue Kenntnisse der Migrationsprozesse zu unterstützen. Dabei wollen wir<br />

konkret sein. In diesem Band wird die Gruppe vom „Dossier Statistico Immigrazione<br />

Caritas/Migrantes“ nicht nur durch Zahlen Übereinstimmung und Unterschiede<br />

zwischen der deutschen und italienischen Situation darstellen, sondern auch die Ergebnisse<br />

einer Umfrage zur Integration präsentieren, die mit Hilfe von rund sechzig in<br />

Rom tätigen Vertretern von Migrantenverbänden durchgeführt werden konnte (in der<br />

Stadt und Provinz Rom sind über 400.000 legale Zuwanderer aus den EU und Nicht-<br />

EU-Staaten registriert).<br />

Ferner möchte ich auch darauf hinweisen, dass der „Nationale Rat für Wirtschaft<br />

und Arbeit“ seit nunmehr fünf Jahren, anhand von sozio-statistischen Indices, eine Integrationsstudie<br />

zur Migration in den einzelnen Regionen Italiens durchführt, um den<br />

Stand der integrationsfördernden Maßnahmen zu bewerten. In diesem Jahr begann<br />

die Gruppe von „Dossier Statististico Immigrazione Caritas/Migrantes“ ein Projekt,<br />

das einen Vergleich zwischen unseren Versuchen zur Integrationsmessung und denen<br />

von vier anderen Mitgliedstaaten, einem nordeuropäischen und drei südeuropäischen<br />

Ländern (Großbritannien, Portugal, Spanien und Frankreich), erlaubt. Dieses Engagement<br />

wollen wir auch um die in Italien und Deutschland mit der Migration gemachten<br />

Erfahrungen ergänzen.<br />

Zum Schluss möchte ich noch daran erinnern, dass Caritas und Migrantes schon<br />

1991 die Arbeitsgruppe „Dossier Statistico Immigrazione“ mit dem Ziel gegründet<br />

haben, dem hier von mir beschriebenen Ansatz mit Hilfe detaillierter Daten und vorurteilsfreier<br />

Vergleiche eine konkrete Unterstützung zu geben.<br />

13


<strong>Konferenz</strong> über die Integrati on von Migranten,<br />

ihren Familien und jungen Menschen<br />

Rom, 11. Juni 2007<br />

Themati sche Zusammenfassung<br />

Von Annegret Goebel und Klaus Schmitz, Botschaft der Bundesrepublik Deutschland<br />

Vorbemerkung<br />

Italien und Deutschland eint eine lange Erfahrung im Bereich der Migration. Uwe<br />

Reissig, Direktor des Goethe Instituts und Dr. Otfried Garbe, Gesandter der <strong>Deutsche</strong>n Botschaft,<br />

erinnerten an das 50-jährige Jubiläum der Unterzeichnung des deutsch-italienischen<br />

Anwerbeabkommens von 1955. In Deutschland leben ca. 670.000 Menschen<br />

mit italienischem Migrationshintergrund, davon ca. 540.000 Personen mit italienischer<br />

Staatsbürgerschaft. Italien hat sich in den letzten Jahren vom Auswanderungsland zu<br />

einem der wichtigsten Einwanderungsländer Europas gewandelt, während in Deutschland<br />

die Zuwanderung stark zurückgegangen ist.<br />

Am 11. Juni 2007 veranstalteten die <strong>Deutsche</strong> Botschaft Rom und das Goethe-Institut<br />

Rom, in Zusammenarbeit mit der Caritas Italiana, eine <strong>Konferenz</strong> zum Thema „Integration<br />

von Migranten, ihren Familien und jungen Menschen“. Aus Anlass der deutschen<br />

EU-Ratspräsidentschaft und des „Europäischen Jahres der Chancengleichheit für<br />

alle“ fand ein Erfahrungsaustausch zwischen Politikern und Experten aus Deutschland<br />

und Italien statt. Redebeiträge hielten (in der Reihenfolge ihres Auftritts):<br />

Uwe Reissig, Direktor Goethe-Institut Rom<br />

Dr. Otfried Garbe, Gesandter der <strong>Deutsche</strong>n Botschaft<br />

Mons. Francesco Montenegro, Bischof, Präsident der Caritas Italiana<br />

Dr. Franco Pittau, Leitender Redakteur des „Dossier Statistico Immigrazione“ Caritas/Migrantes<br />

Dr. Luca Di Sciullo, Redakteur des „Dossier Statistico Immigrazione“ Caritas/<br />

Migrantes<br />

Dr. Albert Schmid, Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge<br />

Prof. Maria Böhmer, MdB, Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin, Beauftragte<br />

der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration<br />

On. Paolo Ferrero, Minister für Soziale Solidarität<br />

Cav. Bruno Ducoli, Präsident des Europäischen Zentrums zur Förderung der Interkulturalität,<br />

Gargnano<br />

Vinicio Ongini, Berater im Bildungsministerium zu Fragen der Integration<br />

Dr. Lale Akgün, Mitglied des Bundestags, Migrationspolitische Sprecherin und<br />

<strong>Islam</strong>beauftragte der SPD-Bundestagsfraktion<br />

Anas Breigheche, Vorsitzender der „Jungen Muslime Italiens“ (GMI)<br />

Wolfgang Fehl, Koordinator des „Netzwerkes Integration durch Qualifizierung“<br />

der Zentralstelle für die Weiterbildung im Handwerk<br />

15


16<br />

Prof. Jean Leonard Touadi, Beigeordneter der Stadt Rom<br />

Teresa De Bellis, Rat der Stadt Köln<br />

Rodolfo Ortolani, Vize-Generaldirektor der UniCredit Banca<br />

Marcella Lucidi, Staatssekretärin im Innenministerium<br />

Die folgende Zusammenfassung der Redebeiträge und der Plenumsdiskussion erfolgt<br />

unter thematischen Gesichtspunkten.<br />

1. Sozialstruktur der Personen mit Migrati onshintergrund<br />

Italien und Deutschland sind beides Einwanderungsländer mit dem Unterschied,<br />

dass der Einwanderungsprozess in der Bundesrepublik bereits in den 50er Jahren begann,<br />

während er in Italien erst in den 70er Jahren einsetzte. Allein in den 60er und<br />

70er Jahren stieg die Zahl der Ausländer in Deutschland um 3,9 Millionen. Von 1952,<br />

dem Jahr der Einführung der offiziellen Wanderungsstatistik, bis 2006 sind 36,3 Millionen<br />

Menschen nach Deutschland zu- und 26,5 Millionen aus Deutschland abgewandert.<br />

Derzeit zählt Deutschland ca. 6,8 Millionen Ausländer. Werden den Ausländern<br />

die eingebürgerten <strong>Deutsche</strong>n und eingebürgerten Kinder von Zuwanderern hinzugezählt,<br />

so leben in Deutschland überweg 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund.<br />

Dies entspricht einem Anteil an der Bevölkerung von 19%. Franco Pittau und<br />

Luca Di Sciullo, Redakteure des „Dossier Statistico Immigrazione“ (Caritas/Migrantes), die<br />

ihr Referat gemeinsam vortrugen, schätzen, dass in Italien ca. 3,5 Millionen Ausländer<br />

leben, die zum großen Teil der ersten Generation zuzurechnen sind. Über die Hälfte<br />

von ihnen lebt seit weniger als 5 Jahren in Italien.<br />

Beschränkte sich die geringe Zuwanderung in Deutschland in den letzten Jahren<br />

weitgehend auf die Familienzusammenführung, so ist die starke Zuwanderung nach<br />

Italien, mit ca. jährlich 300.000 Personen (davon 100.000 Familiennachzug) in den letzten<br />

Jahren, auf den großen Arbeitskräftebedarf zurückzuführen. 19% aller Neueinstellungen<br />

kamen 2005 aus Nicht-EU-Staaten (einschl. Rumänien und Bulgarien). Franco<br />

Pittau und Luca Di Sciullo prognostizierten, dass Italien in einigen Jahren den heutigen<br />

deutschen Wert von fast 7 Millionen Ausländer erreichen werde. Italien könnte sogar<br />

das Land mit der größten Anzahl an Migranten innerhalb der Europäischen Union<br />

werden. Begleitet werde diese Entwicklung von einem, für die EU typischen, Rückgang<br />

der einheimischen Bevölkerung zwischen 19 und 44 Jahren. So werde in Italien das<br />

Geburtendefizit durch Zuwanderung ausgeglichen.<br />

Die Struktur der Herkunftsländer unterscheidet sich in beiden Ländern erheblich.<br />

In Italien besteht eine polyzentrische Struktur. Ein Drittel der in Italien lebenden Einwanderer<br />

kommt aus den drei Ländern Rumänien, Albanien und Marokko. In Deutschland<br />

dagegen bildet allein die Gruppe der Türken ein Viertel aller Ausländer. Weitere<br />

große Einwanderergruppen in Italien kommen aus der Ukraine, China, den Philippinen.<br />

Aus Afrika sind insgesamt 23%, aus Asien 17% und aus Amerika 11% der Immigranten.<br />

Die Zuwanderung nach Italien weist eine starke „Dritte Welt“-Orientierung<br />

auf, während die Ausländer in Deutschland mit 80% größtenteils aus Europa (einschl.<br />

Türkei) stammen. Der europäische Anteil beträgt in Italien 49%.<br />

In beiden Ländern lässt sich eine ungleiche regionale Verteilung der Ausländer<br />

feststellen. In Italien sind wegen dem wirtschaftlichen Nord-Süd-Gefälle die Immigranten<br />

insbesondere im Norden des Landes anzutreffen. In Deutschland hat die Tei-


lung in zwei Staaten zu einer weitgehend nur auf den Westen orientierte Zuwanderung<br />

geführt. Das seit der Wiedervereinigung bestehende wirtschaftliche Gefälle hat<br />

die regionale Verteilung der Ausländer gefestigt. In beiden Ländern konzentriert sich<br />

die Migration insbesondere auf die Städte. Teresa De Bellis, Mitglied des Kölner Stadtrats<br />

berichtete, dass in Köln über 30% der Einwohner und über 45% der Jugendlichen einen<br />

Migrationshintergrund haben. Ein großes Problem, insbesondere in Italien, stellt die<br />

illegale Einwanderung dar.<br />

2. Problemfelder der Integrati on und Lösungsansätze<br />

Einige europäische Staaten, insbesondere die ehemaligen Kolonialländer, aber auch<br />

Deutschland, haben im Vergleich zu Italien eine längere Erfahrung mit Immigration.<br />

Trotz dieser Erfahrung, die auch verbunden sei mit unterschiedlichen Konzepten der<br />

Integration, so Monsignore Francesco Montenegro, Präsident der Caritas Italiana, gelten<br />

alte Gewissheiten nicht mehr. Wir sind alle Lernende und müssen uns in großer Bescheidenheit<br />

auf die Suche nach Wegen für eine geeignete Integrationspolitik machen.<br />

Gerade auch deswegen begrüße er diesen deutsch-italienischen Dialog. Er unterstrich,<br />

dass Integration zunächst immer die persönliche Beziehung von einzelnen Menschen<br />

beinhalte, nicht Kulturen sondern einzelne Menschen begegnen sich.<br />

Viele Herausforderungen an die beiden Länder sind ähnlich, doch bestehen auch wichtige<br />

Unterschiede. Den beiden Ländern gemeinsam sei, dass die meisten Integrationsprobleme<br />

weniger ethnische oder religiöse, sondern soziale Ursachen haben, so die Bundestagsabgeordnete<br />

Lale Akgün. Eine erfolgreiche Integrationspolitik bedeute deswegen vor allem,<br />

die strukturellen Bedingungen für mehr Chancengleichheit in Bereichen wie Schule, Arbeit,<br />

Kultur, Politik zu schaffen. Die vorrangige Aufgabe Italiens bestehe darin, die soziale Eingliederung<br />

der Zuwanderergeneration zu bewältigen, während Deutschland sich, abgesehen<br />

von der Eingliederung der sogenannten „Russlanddeutschen“, die nach der Öffnung des<br />

„Eisernen Vorhangs“ nach Deutschland kamen, den Integrationsproblemen von Migranten<br />

der zweiten und dritten Generation stellen müsse, so Albert Schmid, Präsident des Bundesamtes<br />

für Migration und Flüchtlinge. Marcella Lucidi, Staatssekretärin im Innenministerium, sah in<br />

der Migrations- und Integrationspolitik eine europäische Herausforderung.<br />

2.1 Eingliederung der ersten Generati on<br />

Besonders dringlich sei in Italien das Angebot an geeigneten öffentlichen Dienstleistungen,<br />

um den Immigranten die notwendigen ersten Hilfen anzubieten, so Franco<br />

Pittau und Luca Di Sciullo. Dies betreffe insbesondere die Arbeit, die Wohnungssuche<br />

und das Erlernen der italienischen Sprache. Als eine gute Erfahrung wurde der Einsatz<br />

von Sprach- und Kulturmediatoren in Italien angesehen. Sie arbeiten in Behörden<br />

(einschl. Polizei und Gerichte), Schulen und Krankenhäusern. Rodolfo Ortolani, Vize-<br />

Generaldirektor der UniCredit Banca, unterstrich, dass auch private Dienstleistungsunternehmen,<br />

wie auch seine Bank, Sprach- und Kulturmediatoren einsetzen und darüber<br />

hinaus Sprachschulungen durchführen. Insgesamt sei die Eingliederung der Migranten<br />

in Italien, auch dank der kirchlichen und gewerkschaftlichen Organisationen, gut<br />

gelungen, so Franco Pittau und Luca Di Sciullo. 8 von 10 Einwanderern sagen, dass<br />

sich ihre Lebensverhältnisse in Italien verbessert haben. Otfried Garbe verwies auf die<br />

große Opferbereitschaft der neuen Zuwanderer, auch weil sie ihre Lage mit der ihres<br />

17


18<br />

Heimatlandes vergleichen.<br />

Italien sei in einer Übergangsphase, so Paolo Ferrero, Minister für Soziale Solidarität.<br />

Er berichtete über Initiativen seiner Regierung, wie das Gesetz über den erleichterten<br />

Zugang zur italienischen Staatsbürgerschaft, das Gesetz zur Familienzusammenführung<br />

sowie ein neues Rahmengesetz (Amato-Ferrero-Gesetz) zur Migration. Das Rahmengesetz<br />

soll neben dem kommunalen Wahlrecht insbesondere den legalen Zugang<br />

nach Italien erleichtern. Das bestehende Gesetz (Bossi-Fini-Gesetz), das die Einreise<br />

und den Aufenthalt an den Nachweis eines registrierten Arbeitsplatzes knüpft, fördere<br />

illegale Immigration und illegalen Aufenthalt.<br />

Nach dem neuen Amato-Ferrero-Gesetz soll, unabhängig vom Vorliegen eines Arbeitsvertrags,<br />

eine Einreise zum Zweck der Arbeitsaufnahme möglich sein, wenn sich<br />

eine natürliche oder juristische Person dafür verbürgt, dass dem Zuwanderer in Italien<br />

ausreichende finanzielle Mittel zur Verfügung stehen oder wenn er diese selbst gewährleisten<br />

kann. Minister Paolo Ferrero informierte über die Einführung eines Integrationsfonds<br />

in Höhe von 50 Mio. Euro. Unbedingt notwendig sei, die schleppenden<br />

bürokratischen Verfahren zu beschleunigen. Er berichtete, dass Ausländer aus Nicht-<br />

EU-Staaten für die Verlängerung von Aufenthaltsgenehmigungen über sechs Monate<br />

und Personen, die einen Antrag auf die italienische Staatsbürgerschaft gestellt haben,<br />

sechs bis sieben Jahre nur auf eine erste Antwort ihrer Anfrage warten müssten. Er<br />

forderte die italienischen diplomatischen Vertretungen in den Herkunftsländern der<br />

Immigranten auf, ihrer Aufgabe bei der Steuerung der Zuwanderung besser gerecht<br />

zu werden.<br />

2.2 Integrati on von Migranten mit Bleibeabsicht<br />

2.2.1 Sprache<br />

Das frühzeitige Erlernen der Sprache wurde als Schlüssel zur Integration angesehen.<br />

„Sprache ist nicht alles, aber ohne Sprache ist alles nichts“, so formulierte es<br />

Albert Schmid. Mangelnde Sprachkenntnisse führen in den Aufnahmeländern zu weit<br />

reichenden Beeinträchtigungen in Schule, Arbeitswelt und Gesellschaft. Staatsministerin<br />

Maria Böhmer, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration,<br />

und Minister Paolo Ferrero unterstrichen die zentrale Bedeutung der Förderung<br />

der Sprachkenntnisse von Migranten. In Deutschland werden, so informierte Albert<br />

Schmid, mit erheblichem finanziellen Aufwand, bundesweit Integrationskurse, im Wesentlichen<br />

Sprachschulungen mit 600 Stunden, künftig 900 Stunden, nach Zielgruppen<br />

differenziert, angeboten. Ein Großteil der finanziellen Mittel des Integrationsfonds aus<br />

dem italienischen Staatshaushalt ist für Sprachkurse vorgesehen.<br />

Ein Schlüssel für das bessere Erlernen der Sprache sind die Eltern. In beiden Ländern<br />

wird diese Zielgruppe verstärkt angesprochen. Da Mütter meist die Erziehung<br />

und Betreuung ihrer Kinder übernehmen, sollen sie beim Erlernen der Sprache besonders<br />

unterstützt werden, so Staatsministerin Maria Böhmer. In Deutschland werden<br />

in Kindergärten „Mamakurse“ für Deutsch angeboten. Um in Deutschland die<br />

Eltern besser erreichen zu können, werde über Konsulate, Migrantenorganisationen<br />

und Moscheen-Gemeinden für Sprachkurse geworben. Hierbei konnten auch türkische<br />

Zeitungen erfolgreich einbezogen werden. Sie hoffe, damit die Hemmschwelle für die<br />

Teilnahme an Sprachkursen zu verringern. Minister Paolo Ferrero berichtete von ver-


gleichbaren Initiativen in Italien, wie die mit der Moschee in Rom. Er regte an, eine<br />

beliebte Fernsehsendung zur Sprachvermittlung aus den 60er Jahren, „Es ist nie zu<br />

spät“, wieder ins Programm zu nehmen.<br />

Die Kinder müssten vor der Einschulung die deutsche Sprache beherrschen, so<br />

Staatsministerin Maria Böhmer. In Deutschland wird damit begonnen, im vierten Lebensjahr<br />

mit allen Kindern, nicht nur mit denen aus Familien mit Migrationshintergrund,<br />

Sprachprüfungen durchzuführen, um ihnen, bei festgestellten Schwächen, eine<br />

spezifische Förderung anzubieten. Ausdrücklich wiesen beide Minister darauf hin, dass<br />

zur Sprachförderung auch die Muttersprache gehöre. Von diesen Sprachkenntnissen<br />

profitiere auch das Aufnahmeland. Teresa De Bellis unterstrich die große Bedeutung der<br />

Mütter bei der bilingualen Erziehung der Kinder.<br />

2.2.2 Schule<br />

Die wichtigste Integrationsinstitution ist die Schule. Sie hat in beiden Staaten große<br />

Probleme, sich dieser Herausforderung zu stellen. Die besondere Schwierigkeit in<br />

Deutschland besteht darin, dass in immer mehr Großstadtschulen Kinder mit Migrationshintergrund<br />

die Mehrheit bilden (durchschnittlich kommen in allen deutschen<br />

Schulen 22% der 15-jährigen Schüler aus Migrantenfamilien). Das größte Problem in<br />

Italien ist die rasche Zunahme von Migrantenkindern in den Schulen.<br />

Nicht zuletzt wegen der mangelnden Sprachkenntnisse können viele Kinder dem<br />

Unterricht nur schwer folgen. In Deutschland sind große Sprachdefizite auch bei in<br />

Deutschland geborenen Kindern mit Migrationshintergrund festzustellen. 44% der<br />

ausländischen Jugendlichen besucht eine Hauptschule, dagegen nur 19% der <strong>Deutsche</strong>n<br />

(in Deutschland werden die Kinder normalerweise nach einer vierjährigen Grundschule<br />

in der Sekundarstufe I auf Hauptschule, Realschule und Gymnasium aufgeteilt). 17%<br />

der ausländischen Schulabgänger erreicht gar keinen Abschluss, gut doppelt so viele<br />

wie <strong>Deutsche</strong>. Leider haben italienische Kinder, auch im Vergleich zu anderen Migrantenkindern,<br />

größere schulische Probleme, so Staatsministerin Maria Böhmer. Die PISA-<br />

Studien der OECD zeigen, dass in Deutschland, im Vergleich zu anderen Staaten, der<br />

Schulerfolg stärker von dem sozialen Status der Eltern abhängt und auch die Schulleistungen<br />

der Migrantenkinder schlechter sind.<br />

Deswegen werden in Deutschland Initiativen zur Stärkung der Lernbereitschaft<br />

von Migrantenkindern gefördert, so Staatsministerin Maria Böhmer. Hierzu gehöre eine<br />

geeignete Lehrerausbildung wie eine bessere Ansprache der Eltern. Ähnlich dem Modell<br />

der Kulturmediatoren in Italien sollen in Deutschland so genannte „Bildungspaten“<br />

geschaffen werden. Diese sollen Kindern mit Migrationshintergrund während ihrer<br />

schulischen und beruflichen Laufbahn zur Seite stehen, wenn Eltern wegen mangelnder<br />

Sprachkenntnisse oder wegen Unkenntnis über das Schulsystem und die folgenden<br />

Berufsmöglichkeiten dies nur ungenügend leisten können. Wichtig ist eine aktive Beteiligung<br />

der Eltern in der Schule, wie z.B. durch die Teilnahme an Elternabenden. Die<br />

Migrantenorganisationen in Deutschland haben zugesagt, sich bei der Ansprache der<br />

Eltern zu beteiligen. Angesichts der vergleichsweise größeren schulischen Probleme<br />

italienischstämmiger Kinder berichtete Staatsministerin Maria Böhmer von Gesprächen<br />

mit dem italienischen Botschafter Puri Purini in Berlin. Um die Lernprobleme dieser<br />

Kinder überwinden zu helfen, wurden Regionalkonferenzen vereinbart, die sich insbesondere<br />

an italienische Eltern wenden sollen.<br />

19


20<br />

Ein großes Problem in Italien sei der vorzeitige Schulabgang von über 25% der<br />

Kinder aus Zuwandererfamilien, so Minister Paolo Ferrero. In Zusammenarbeit mit dem<br />

Bildungsministerium sollen geeignete Initiativen entwickelt werden. Die italienische<br />

Schule bekenne sich klar zum integrativen Ansatz, so Vinicio Ongini, Berater im Bildungsministerium.<br />

Dies bedeute eine enorme Herausforderung, angesichts der schnellen<br />

Zunahme von ausländischen Kindern mit oft nur unzureichenden Kenntnissen der italienischen<br />

Sprache. Besondere Probleme ergeben sich dabei bei älteren Schülern, die im<br />

Zusammenhang mit der Familienzusammenführung ohne jede Sprachkenntnisse in höhere<br />

Klassen eingeschult werden. Vinicio Ongini berichtete über fünf Handlungslinien.<br />

Sie betreffen die Ausbildung der Schulleiter der Schulen, den Einsatz von 700 Lehrern<br />

für Italienisch als Zweitsprache, die vom normalen Unterricht ganz oder teilweise befreit<br />

werden und auch als Sprachmediatoren tätig sein sollen, die Förderung von Eltern<br />

und ihren Familien in Erwachsenenbildungszentren, die Überarbeitung der Kurrikula,<br />

insbesondere in Geschichte und Erdkunde, und den Ausbau des internati onalen Erfahrungsaustauschs<br />

zwischen Zuwanderungsländern (<strong>Konferenz</strong> im Oktober) und Herkunftsländern<br />

(im Juni mit Rumänien).<br />

Die Schule hat auch als Ort der kulturellen Begegnung in den Stadtteilen eine<br />

bedeutende Integrationsfunktion, da sie über die Kinder die Familien mit Migrationshintergrund<br />

erreichen kann. Notwendig hierzu ist, dass die Eltern sowie Initiativen<br />

von und für Migranten in den Schulalltag eingebunden werden. Gute Erfahrungen hat<br />

hiermit die Caritas Italiana gemacht. Die gleichberechtigte Förderung der Mädchen<br />

aus muslimischen Familien wurde gefordert. Ein Problem ist die Weigerung einiger<br />

Eltern, ihren Töchtern die Teilnahme an Klassenfahrten und koedukativem Sportunterricht<br />

zu erlauben. Notwendig ist, so Staatsministerin Maria Böhmer, dass vermehrt<br />

Lehrerinnen und Lehrer mit Migrationshintergrund eingestellt werden. Sie informierte<br />

über eine diesbezügliche Verabredung mit den hierfür zuständigen Bundesländern.<br />

2.2.3 Ausbildung und Beruf<br />

Schwache schulische Leistungen verschließen vielen Migrantenkindern den Weg<br />

in höherwertige Ausbildungsberufe, zum Studium und damit zu anspruchsvolleren Berufen.<br />

Für viele ist die Arbeitslosigkeit vorprogrammiert. Die Arbeitslosenquote der<br />

ausländischen Jugendlichen in Deutschland ist doppelt so hoch wie die der deutschen<br />

Jugendlichen. Nach einer IRES/CGIL-Studie erreichen in Italien nur 35% einen beruflichen<br />

Aufstieg (Frauen nur 11,4%). Die Probleme sind in Deutschland gravierender,<br />

weil unqualifizierte Arbeitskräfte, im Unterschied zu den 60er und 70er Jahren, nicht<br />

mehr gesucht werden. Die Situation auf dem deutschen Ausbildungsmarkt ist schwierig.<br />

Schlimm ist, so Staatsministerin Maria Böhmer, dass 40% der Jugendlichen aus Zuwandererfamilien<br />

keinen Berufsabschluss nachweisen können.<br />

Ohne qualifizierte berufliche Bildung haben die Jugendlichen aus Familien mit Migrationshintergrund<br />

nur geringe Chancen auf eine berufliche Perspektive. Eine sehr<br />

große Bedeutung hat in Deutschland die dreijährige betriebliche Ausbildung, die in<br />

Verbindung mit der Berufsschule durchgeführt wird. Wolfgang Fehl vom „Netzwerk Integration<br />

durch Qualifizierung“ berichtete von einem Projekt in Köln, dem es gelang,<br />

die Ausbildungsquote von Jugendlichen aus Familien mit Migrationshintergrund<br />

stark zu erhöhen. Er unterstrich die Notwendigkeit der Ansprache der Jugendlichen,<br />

der Eltern, der Multiplikatoren sowie der Migrantenorganisationen und Unterneh-


men. Gezielte Informationskampagnen, direktes Herangehen an Unternehmen über<br />

die Kammerorganisationen und Beratungsstellen in Konsulaten hatten geholfen, den<br />

Anteil von ausländischen Auszubildenden von 4% auf 18% in Köln zu erhöhen. Diese<br />

positiven Erfahrungen haben ihren Niederschlag im „Nationalen Integrationsplan“ der<br />

Bundesregierung gefunden, so Wolfgang Fehl.<br />

Staatsministerin Maria Böhmer stellte fest, dass in den Firmen das Bewusstsein wachse,<br />

kulturelle Vielfalt und Mehrsprachigkeit als Chance für ihr Unternehmen zu erkennen,<br />

und berichtete von einer Initiative zur Verbesserung der Einstellungschancen von<br />

Jugendlichen aus Familien mit Migrationshintergrund. Ein wichtiger Erfolg sei die Zusage<br />

ausländischer Unternehmensverbände, bis 2010 10.000 neue Ausbildungsplätze zu<br />

schaffen. Italien müsse sich in naher Zukunft mit vergleichbaren Problemen auseinandersetzen,<br />

denn, so Minister Paolo Ferrero, die zweite und dritte Generation der heute in Italien<br />

lebenden Immigranten werden nicht mehr bereit sein, die niedrig dotierten Arbeiten<br />

ihrer Eltern und Großeltern zu übernehmen. Dies werde ein großes Problem für den<br />

stark segmentierten italienischen Arbeitsmarkt sein. Eine wichtige berufliche Perspektive<br />

sei für viele Migranten die Selbständigkeit, so Rudolfo Ortolani. Er verwies auf die<br />

meist geringen Eigenmittel und die Probleme der Kreditaufnahme dieser Personengruppe.<br />

Selbständigkeit sei im Übrigen ein wichtiger Schritt zur Integration.<br />

2.2.4 Stadtentwicklung und Wohnungssituati on<br />

In Italien besteht auch wegen der starken Zuwanderung eine große Nachfrage<br />

nach Wohnraum. Der italienische Wohnungsmarkt ist geprägt von einer hohen Eigentumsquote<br />

(ca. 80%) und einem geringen Anteil von Sozialwohnungen (nur 5% der<br />

Wohnungen sind in öffentlicher Hand). Nach einer Umfrage des Verbandes der Wohnungseigentümer<br />

in zwölf italienischen Städten sind 57% der Vermieter nicht bereit<br />

ihre Wohnung an Migranten zu vermieten. Vor diesem Hintergrund müssen viele Migranten<br />

mit sehr beengten Wohnverhältnissen zurecht kommen. Oft sind sie gezwungen,<br />

überhöhte Mieten für unzulängliche Wohnungen zu bezahlen. Deswegen ist der<br />

Bedarf an Wohnungseigentum sehr stark, so Rudolfo Ortolani. Das Problem ist jedoch,<br />

dass angesichts steigender Wohnungspreise (50% in den letzten 5-6 Jahren) und der<br />

meist unregelmäßigen Einkommen der Migranten erhebliche Finanzierungsprobleme<br />

bestehen. Deswegen regte er die Schaffung von Garantiefonds der öffentlichen Hand<br />

(Kommunen, Regionen) an, um die Finanzierung von Wohneigentum besser sichern<br />

zu können. Derzeit gehen 16% der Wohnungsdarlehen an Ausländer (für 2008 werden<br />

20% geschätzt). Minister Paolo Ferrero berichtete, dass 50% des Integrationsfonds der<br />

Wohnungsförderung und Stadtentwicklung dienen soll, um der Gefahr der Gettoisierung<br />

entgegenzuwirken.<br />

In Deutschland sind in einigen Ballungsgebieten, Stadtviertel mit hohen Migrantenanteilen<br />

zu beobachten. Diese Segregation zwischen Einheimischen und Bürgern<br />

mit Migrationshintergrund vergrößert die kulturelle und soziale Kluft und führt zu<br />

Parallelgesellschaften, so Albert Schmid. Lale Akgün wies in diesem Zusammenhang<br />

darauf hin, dass die Segregation wesentlich sozialer Natur sei, da diese Stadtviertel<br />

von meist armen und arbeitslosen Menschen bewohnt werden. Um der Gettoisierung<br />

entgegen zu wirken, sei auch eine umfassende Stadtentwicklungspolitik notwendig, so<br />

Stadträtin Teresa De Bellis. Stadtentwicklungspolitik sei eine Querschnittsaufgabe, die<br />

des Einsatzes unterschiedlicher Maßnahmenbereiche bedürfe: über die Zuweisung von<br />

21


22<br />

sozialen Mietwohnungen, sofern genügend städtische Wohnungen vorhanden sind,<br />

könne ein Beitrag zur Bevölkerungsvielfalt geleistet werden; durch die Förderung von<br />

Eigenheimen könne die Sozial- und Altersstruktur verbessert werden; über eine aktive<br />

Infrastrukturpolitik, wie gepflegte und sichere Straßen, einen gut erreichbaren<br />

öffentlichen Personennahverkehr, Schulen, Gesundheitsdienste und Bildungsangebote,<br />

könne das Stadtviertel an Wert und Anerkennung gewinnen. Wichtig für die Stadtentwicklung<br />

sei es, Chancen der Partizipation zu schaffen, damit sich auch die Bürger<br />

mit Migrationshintergrund mit ihrem Stadtviertel identifizieren können, z.B. durch<br />

Stadtteilfeste. Die Städte, betonte Teresa De Bellis, gewinnen durch Internationalität<br />

und Mehrsprachigkeit ihrer Bewohner. Franco Pittau und Lucio Di Sciullo plädierten für<br />

die Stadt der Zukunft mit den drei „I“: international, interkulturell und interreligiös.<br />

3. Zielvorstellung von Integrati onspoliti k<br />

Integration sei Teilhabe, so Staatsministerin Maria Böhmer, und aktive Integrationspolitik<br />

bedeute deswegen, Rahmenbedingungen für Chancengleichheit für die Bürger<br />

mit Migrationshintergrund zu schaffen. Ihnen müsse aber auch das Gefühl vermittelt<br />

werden, dass sie als Teilhaber der Gesellschaft erwünscht sind. Grundlage für das<br />

Zusammenleben müsse die Akzeptanz der in der Verfassung formulierten Werteordnung<br />

sein, so Minister Paolo Ferrero. Dies beinhalte im Übrigen nicht nur die Wahrnehmung<br />

von Rechten, sondern auch die Übernahme von Pflichten. Integration ist eine<br />

umfassende Aufgabe von Politik und Gesellschaft. Ergebnis eines breiten Dialogs in<br />

Deutschland, an dem insbesondere auch Vertreter der Migranten beteiligt waren, sei<br />

der deutsche „Nationale Integrationsplan“, der am 12. Juli 2007 von der Bundeskanzlerin<br />

vorgestellt werde, so Staatsministerin Maria Böhmer. Mit ihm werde eine nachhaltige<br />

Integrationspolitik in Deutschland eingeleitet. Monsignore Francesco Montenegro<br />

unterstrich die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Konsens und kritisierte<br />

parteipolitisch und ideologisch motivierte Auseinandersetzungen. Jean Leonard Touadi,<br />

Beigeordneter der Stadt Rom, bedauerte, dass die italienische Politik nicht wisse, welchen<br />

Weg der Integrationspolitik sie gehen wolle.<br />

3.1 Bereitschaft zur Aufnahme in die Gesellschaft<br />

Deutschland habe sich lange der Einsicht widersetzt, ein Einwanderungsland zu sein,<br />

so Staatsministerin Maria Böhmer. Auch die italienische Bevölkerung, so Minister Paolo<br />

Ferrero, habe weitgehend den Wandel ihres Landes vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland<br />

noch nicht wahrgenommen. Es bestehe ein ambivalentes Verhältnis. Einerseits<br />

wissen die Italiener um den Bedarf an Arbeitskräften, andererseits wehren sich viele<br />

gegen die Präsenz von Ausländern. Jean Leonard Touadi kritisierte die Vorstellung, dass<br />

Migranten nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses das Land verlassen müssten. Dahinter<br />

stehe eine ablehnende Haltung gegenüber diesen Menschen und ihren Familien.<br />

Er kritisierte den Erinnerungsverlust der italienischen Gesellschaft gegenüber den Erfahrungen,<br />

die früher die italienischen Auswanderer gemacht hatten.<br />

Nach einer repräsentativen Umfrage von Eurobarometer in 31 europäischen Städten<br />

glaubten 2004 an eine insgesamt gelungene Integration: in Berlin nur 34%, in<br />

München 48%, in Rom 52% und in Turin wiederum nur 38%. Vorurteile, Probleme<br />

vor Ort und zum Teil situationsbezogene Stimmungen lösen bei der einheimischen


Bevölkerung gegenüber den Migranten Skepsis und Befürchtungen aus. Diese Haltung<br />

gegenüber Einwanderern wird in der 15. Shell-Studie auch für deutsche Jugendliche<br />

bestätigt. Statt 48% im Jahr 2002 lehnten im Jahr 2005 bereits 58% der befragten Jugendlichen<br />

eine weitere Zuwanderung ab. Oft wird mit den Ausländern höhere Kriminalität<br />

verbunden. Nach einer repräsentativen Umfrage von SWG aus dem Jahre 2005<br />

glaubten 58% der Italiener, dass die Immigranten stärker in Straftaten verwickelt seien.<br />

Staatssekretärin Marcella Lucidi, wies darauf hin, dass ein Großteil der Kriminalität von<br />

illegal im Land lebenden Migranten ausgeht und gut integrierte Menschen weniger zu<br />

kriminellen Taten neigen.<br />

Auf Seiten der einheimischen Bevölkerung besteht ein starker Anpassungsdruck gegenüber<br />

den Migranten. Nach einer Umfrage des deutschen Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung<br />

erwarten 87% der Einheimischen, dass Ausländer, die sich länger in<br />

Deutschland aufhalten wollen, Sprache, Bräuche und Regeln des Landes lernen sollten.<br />

Demgegenüber, so Albert Schmid, besteht die Tendenz, dass die Migranten und insbesondere<br />

die Jugendlichen der zweiten und dritten Generation sich oftmals stärker in ihre<br />

nationale Gemeinschaft zurückziehen. Viele Migranten empfinden einen Mangel an Aufnahmebereitschaft,<br />

teilweise sogar Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in der sie umgebenden<br />

Gesellschaft. Nach einer Umfrage der UIL unter 3.000 Immigranten in Latium<br />

beklagen sich ein Drittel über die mangelnde Aufnahmebereitschaft der italienischen<br />

Mitbürger. Nach der Shell-Studie empfinden 63% der ausländischen Jugendlichen in<br />

Deutschland Benachteiligungen. Bezogen auf das Arbeitsleben belegt eine IRES/CGIL-<br />

Studie, dass sich in Italien 60% der Ausländer am Arbeitsplatz diskriminiert fühlen. Nach<br />

wie vor sind in beiden Ländern Formen der Diskriminierung in Schule, Hochschule, in<br />

Verwaltungen und Betrieben sowie bei öffentlichen Dienstleistungen zu beobachten. In<br />

beiden Ländern gibt es Nottelefone und öffentlich Beauftragte, die in konkreten Fällen<br />

helfen. Entscheidend sei jedoch, über präventive Maßnahmen, wie Kampagnen, das Bewusstsein<br />

der Menschen zu beeinflussen, sagte in der Diskussion die Richterin Paola Lucarelli<br />

des Antirassismusbüros der italienischen Regierung (UNAR).<br />

Deutschland verdanke, so Staatsministerin Maria Böhmer, den italienischen Zuwanderern<br />

ein Stück Wohlstand und Lebenskultur. Die einheimische Bevölkerung dürfe die<br />

Menschen mit Migrationshintergrund nicht länger als eine Bedrohung wahrnehmen,<br />

sondern sollte sie als einen Gewinn für das eigene Land erkennen lernen, ein Mentalitätswechsel<br />

sei erforderlich. Lale Akgün wies darauf hin, dass viele Migranten sich<br />

in der Gesellschaft nicht aufgenommen fühlen. Minister Paolo Ferrero beklagte, dass<br />

viele dazu neigen, den einzelnen Migranten gemäß seiner ethnischen Herkunft einem<br />

Klischee von Identität zuzuordnen und unterstrich die individuelle Pluralität des Menschen.<br />

Gerade die Kinder von Zuwanderern, die in der neuen Heimat aufgewachsen<br />

sind, fühlten sich durch diese Vorurteile ausgegrenzt. Staatsministerin Maria Böhmer<br />

berichtete über einen in Berlin kürzlich abgehaltenen Jugendintegrationsgipfel, auf<br />

dem sich Vertreter ausländischer Jugendlicher gewünscht hatten von den <strong>Deutsche</strong>n<br />

ein größeres Gefühl der Zugehörigkeit zu erfahren.<br />

3.2 Entwicklung von Heimatgefühl<br />

In Deutschland habe man in den letzten Jahren zu sehr ein Nebeneinander der Kulturen<br />

zugelassen, so Staatsministerin Maria Böhmer. Notwendig sei die Förderung eines<br />

echten Miteinanders. Sie unterstrich, dass gleichberechtigte Teilhabe mit der Bereit-<br />

23


24<br />

schaft, Verantwortung für die neue Heimat übernehmen zu wollen, einher gehen müsse.<br />

Teresa De Bellis betonte die Bedeutung des Heimatgefühls für das bürgerschaftliche<br />

Engagement. Dies gelte ganz besonders für das eigene Wohnumfeld. Beängstigend sei,<br />

dass gerade Jugendliche der dritten Generation, auch mangels persönlicher Perspektiven<br />

(hohe Jugendarbeitslosigkeit), sich in ihre ethnische Gemeinschaft flüchten. Jean<br />

Leonard Touadi verwies auf die Notwendigkeit, den Kindern aus den Zuwanderfamilien,<br />

insbesondere den in der neuen Heimat geborenen, über die Staatsbürgerschaft<br />

die Zugehörigkeit zu ihrer neuen Heimat zu vermitteln. Staatssekretärin Marcella Lucidi<br />

machte darauf aufmerksam, dass Kinder aus Familien mit unsicherem aufenthaltsrechtlichen<br />

Status Aversionen gegen das Land in dem sie aufwachsen entwickeln.<br />

Wichtig für die Entwicklung von Heimatgefühl ist, neben der (beruflichen) Lebensperspektive,<br />

das menschliche Miteinander, das der Einzelne mit seinem Umfeld verbindet.<br />

Immerhin pflegen, nach einer Untersuchung des deutschen Zentrums für Türkeistudien,<br />

40% der Menschen mit türkischem Migrationshintergrund freundschaftliche<br />

Beziehungen mit <strong>Deutsche</strong>n. Nach einer Untersuchung im Auftrag des Bundesfamilienministeriums<br />

beteiligen sich 61% der Migranten außerhalb von Familie und Beruf<br />

aktiv an Vereinen, Gruppen und Organisationen. Jean Leonard Touadi verwies auf positive<br />

Erfahrungen von Integration in der italienischen Gesellschaft, die zum Ausgangspunkt<br />

für eine italienische Integrationspolitik gemacht werden sollten.<br />

3.3 Wertekonsens und Identi tät<br />

Die Basis für das Zusammenleben sind die in der Verfassung verankerten Grundwerte,<br />

so Staatssekretärin Marcella Lucidi, in ihren die <strong>Konferenz</strong> abschließenden Worten.<br />

Sie informierte über die unter Federführung des Innenministeriums in Erarbeitung<br />

befindliche „Charta der Werte, der Staatsbürgerschaft und der Integration“ (Carta dei<br />

Valori della Cittadinanza e dell’Integrazione), die im Dialog mit Vertretern von Migranten<br />

und Religionsgemeinschaften formuliert werde. Es gehe um europäische Werte wie<br />

Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Toleranz, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit<br />

und Gleichberechtigung, so Staatsministerin Maria Böhmer. Teresa De Bellis unterstrich<br />

die Bedeutung der Chancengleichheit von Frauen und Mädchen, deren Durchsetzung<br />

oft vernachlässigt werde. Integration als gleichberechtigte Teilhabe erfordert<br />

von allen Beteiligten die Identifikation mit den Grundwerten des Landes, in dem sie leben<br />

wollen. Die Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft werde insofern in Deutschland<br />

als Ausdruck einer gelungenen Integration angesehen, so Albert Schmid.<br />

Ein Bekenntnis zu einem europäischen <strong>Islam</strong> machte Anas Breigheche, Vorsitzender<br />

der „Jungen Muslime Italiens“, der sich als ein italienischer Muslim bezeichnete. Der<br />

<strong>Islam</strong> dürfe nicht als etwas uneuropäisches angesehen werden, zumal in Europa 30 Millionen<br />

Muslime leben. Große Anstrengungen seien erforderlich, die Vorurteile auf beiden<br />

Seiten abzubauen. Er berichtete von den Schwierigkeiten in denen sich Jugendliche<br />

befinden, die sich zum muslimischen Glauben bekennen und zwischen den Traditionen<br />

ihrer eingewanderten Eltern und Großeltern sowie ihrer italienischen Umgebung stehen.<br />

Staatsministerin Maria Böhmer informierte über die <strong>Deutsche</strong> <strong>Islam</strong>konferenz, zu<br />

der Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble eingeladen hatte. Muslimischer Religionsunterricht<br />

und der Bau von Moscheen müssten, sofern bestimmte Regeln eingehalten<br />

werden, ermöglicht werden. Minister Paolo Ferrero sprach sich für ein neues Gesetz<br />

zur Religionsausübung in Italien aus und erinnerte daran, dass das gegenwärtige Ge-


setz über die „zugelassenen Kulte“, das sich mit den nicht-katholischen Religionsgemeinschaften<br />

befasst, aus dem Jahr 1929 stammt.<br />

Zwischen der Akzeptanz von Grundwerten der Verfassung und der Übernahme von<br />

landesüblichen Bräuchen müsse klar unterschieden werden, so Minister Paolo Ferrero. Gerade<br />

weil sich Bräuche und Lebensgewohnheiten ändern würden, müsse die Gesellschaft<br />

hier Toleranz zeigen. Seine Großmutter habe beispielsweise noch ein Kopftuch getragen.<br />

Staatssekretärin Marcella Lucidi definierte Integration als Interaktion, die die Entfernung<br />

zwischen dem Einheimischen und dem Migranten verkürze. Bruno Ducoli vom Zentrum<br />

zur Förderung der Interkulturalität in Gargnano, warnte davor, die Verteidigung der eigenen<br />

Identität zu einem Kampfbegriff („identità assassine“) zu machen. Jede Kultur und somit<br />

Identität beruhte schon immer auf einem ununterbrochenen Prozess des kulturellen Im-<br />

und Exports. Europa, das der Menschheit die Menschenrechte geschenkt habe, konnte erst<br />

nach viel gegenseitigem Hass und zwischenstaatlichen Kriegen über den Dialog, unter Respektierung<br />

der Verschiedenheiten, zur Einheit finden. Bruno Ducoli: „Die Gesellschaft der<br />

Zukunft ist die, welche zu vereinen weiß, ohne zu vermischen, und welche zu unterscheiden<br />

weiß, ohne zu trennen“.<br />

3.4 Herausforderungen an Politi k und Gesellschaft<br />

Nicht zuletzt wegen der demografischen Entwicklung ist Europa langfristig auf Zuwanderung<br />

angewiesen. Die europäischen Staaten werden die Integration von Menschen<br />

aus anderen Kulturkreisen gestalten müssen. Die Frage des sozialen Zusammenhalts wird<br />

damit zu einer zentralen Herausforderung unserer Gesellschaften. Die zweite strategische<br />

Aufgabe gilt der Förderung der Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund. Sie<br />

sind, wie alle Kinder, das Zukunftspotential unserer Gesellschaften.<br />

Celio Azzurro – „Eine besondere Begegnung“ mit der<br />

deutschen Staatsministerin für Migrati on, Maria Böhmer<br />

Daniele Valli, Leiter des Interkulturellen Didakti schen Zentrums Celio Azzurro<br />

Celio Azzurro ist ein Ort, an dem man gelernt hat aufzunehmen, d.h. hier wurde<br />

sogar aus der Aufnahme ein Schwerpunkt der eigenen pädagogischen Arbeit gemacht.<br />

Meist stehen Kinder und ihre Familien im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, andere Male<br />

entdecken interessierte Jugendgruppen, was hier passiert, und mehrmals im Jahr geht es<br />

hier um unsere Brüder und „Weggenossen”, die „Kulturmediatoren“ des Forums.<br />

Diesmal haben wir eine Ministerin bei uns „aufgenommen“ und zwar keine Geringere<br />

als die Staatsministerin für Migration der Bundesrepublik Deutschland, Frau<br />

Maria Böhmer.<br />

Da wir davon überzeugt sind, dass bei Aufnahme vor allem auch die Gefühlswelt<br />

angesprochen werden muss, auch weil wir überzeugt sind, dass die Gefühle überall auf<br />

der Welt, in jedem Alter, in jeder sozialen Klasse und in jeder sozialen „Rolle“ gleich<br />

sind, haben wir die Staatsministerin mit der gleichen Einfachheit, der gleichen Herzlichkeit<br />

und Freude begrüßt, mit der wir alle aufnehmen.<br />

25


26<br />

Das machte die Begegnung sofort dynamisch und inoffiziell. Die Staatsministerin<br />

und ihre Delegation hatten um dieses Treffen gebeten, um besser verstehen zu können,<br />

wie die Caritas, das „Forum per l’intercultura” (Interkulturelles Forum) der Caritas und<br />

auch die ganz kleine didaktische und interkulturelle Struktur „Celio Azzurro“ (ebenfalls<br />

eine Einrichtung der Caritas) im interkulturellen Bereich arbeiten.<br />

Der Direktor der Diözesanscaritas, Monsignore Guerino Di Tora und vier kulturelle<br />

Mediatoren des Forum per l’intercultura: Luci Zuvela (Verein der slawischen Frauen,<br />

LIPA), Calo Palanti (Verein der Brasilianer in Italien), Godwin Chuckwu (Verein<br />

Baobab) und Ejaz Ahmad (Redakteur der Zeitung für Pakistani in Urdu) informierten<br />

unseren Gast über die Lage in Rom. Ich selbst nahm in zwei Funktionen, nämlich als<br />

Mediator und Sprecher von Celio Azzurro, teil.<br />

Zu Beginn der Diskussion stellte Mons. Di Tora unserem Gast die verschiedenen<br />

von der Caritas organisierten und unterstützten Dienstleistungen für die Migranten<br />

vor. Die Caritas begann Anfang der achtziger Jahre mit dem Angebot von Dienstleistungen<br />

für die Zuwanderer, einmal, um ihre Probleme kennenzulernen und sie der<br />

Öffentlichkeit bekannt zu machen, zum anderen, um bedürftigen Zuwanderern im<br />

Rahmen einer ersten Anlaufstelle konkrete Hilfe (Essen, Unterkunft, medizinische<br />

Versorgung, Kleidung, usw. bekamen) und im Rahmen einer zweiten Aufnahmephase<br />

(Sprachkurse, Berufsausbildung, Arbeitssuche, Beratungen verschiedenster Art) anzubieten.<br />

Außerdem wurden die Behörden bezüglich verschiedener Erfordernisse angesprochen<br />

und Beiträge zur Weiterentwicklung der Gesetzgebung zur Eingliederung<br />

von Zuwanderern gemacht. Dazu kamen noch vom „Forum per l’intercultura“ Initiativen<br />

zur Sensibilisierung der Bevölkerung und zugunsten der interkulturellen Bildung. Es<br />

handelt sich hierbei um ein Sonderprogramm, das die Caritas mit Unterstützung von<br />

italienischen und Migrantenvereinen durchführt.<br />

Nachdem mir das Wort erteilt wurde, versuchte ich unseren Gesprächspartnern<br />

die Werte und Gründe zu erklären, die Celio Azzurro dazu veranlassen, dem Anderssein<br />

eine besondere Bedeutung zu geben und gleichzeitig dabei zu helfen, sich der eigenen<br />

Wurzeln zu besinnen. Ich wollte vor allem hervorheben, dass, wenn die spezifischen<br />

Entwicklungszeiten und Besonderheiten jedem Kind und seiner Familie zugestanden<br />

werden, ein kleines Wunder geschehen kann, nämlich das Entstehen einer Gemeinschaft<br />

in Handeln und Fühlen, d.h. ein Netz der Zuneigungen, das es jedem erlaubt, sich<br />

in einer Gesellschaft, die oft fremd und manchmal sogar feindlich erscheint, nicht mehr<br />

alleine zu fühlen. Ich sagte weiterhin, dass diese Erfahrung verbreitet werden müsste<br />

und dass dies über das Forum per l’intercultura erfolgt.<br />

An diesem Punkt meldete sich Carlo Palanti zu Wort, der der deutschen Delegation<br />

mit Engagement genau erklärte, wie und in welchem Umfeld das Forum tätig ist und<br />

vor allem, welche Aufgaben ein „Kulturmediator“ hat. Wir stellten dann das Modell der<br />

interkulturellen „Mediation“ mit seinen drei Phasen vor: in der ersten Phase geht es um<br />

die Förderung der Begegnungen zwischen den verschiedenen „Welten” und Kulturen;<br />

in der zweiten Phase um das sich gegenseitig Kennenlernen und in der dritten Phase<br />

um den persönlichen Austausch und damit um eine veränderte Einstellung.<br />

Unser Gast dankte uns für den „Berg“ an wertvollen Informationen, und fragte die<br />

anderen Mediatoren, weshalb sie diesen „Beruf“ gewählt hatten und wie viel Zeit sie am<br />

Tag für ihn verwenden.<br />

Ejaz Ahmad erklärte, was er unter interkultureller Mediation versteht. Er sag-


te, dass Italien noch viel aufzuholen habe, mehr als es in der Begegnung deutlich geworden<br />

wäre. Er wies darauf hin, dass manchmal einige tief verwurzelte kulturelle<br />

Unterschiede (z.B. Polygamie, Zwangsehen, usw.) in den verschiedenen Ländern das<br />

spannungsfreie und positive Erleben gemeinsamer Erfahrungen erschweren können.<br />

Godwin Chuckwu sprach dann als erfahrener Kulturmediator des Forum per<br />

l’intercultura von seinen Anfängen als Kulturmediator als er fast gar nicht wusste, was<br />

eigentlich die europäischen Kulturen von denen des afrikanischen Kontinents unterscheiden.<br />

Er ist überzeugt, dass man die Geschichte und das kulturelle Erbe, die ein<br />

Volk und ein Land reich machen, kennenlernen muss. Nur so kann man den Leuten<br />

verständlich machen, dass es keine Länder mit mehr oder weniger Geschichte oder<br />

Kultur gibt, sondern sich diese nur unterschiedlich entwickelt haben.<br />

Frau Staatsministerin Böhmer fragte uns alle dann, was in der Vergangenheit hätte<br />

anders gemacht werden können und welche Pläne wir für die Zukunft hätten. Luci<br />

Zuvela wies darauf hin, dass es in der Vergangenheit zu wenig Begegnungsstätten gegeben<br />

und dass man die Kulturenvielfalt nicht genügend geschätzt habe. Eine bessere<br />

Kenntnis des Anderen hilft, das größte Hindernis für friedliches Zusammenleben, die<br />

Angst, zu beseitigen.<br />

Bei der Verabschiedung von der Staatsministerin unterstrichen wir alle wie im<br />

Chor, dass in der heutigen Zeit ein interkultureller Ansatz nicht nur das Zusammenleben<br />

mit Menschen aus fernen Ländern fördere, sondern auch die Voraussetzung für<br />

positive Beziehungen zwischen ihnen sei - egal woher sie kommen.<br />

Celio Azzurro ist ein Interkulturelles Zentrum, in dem ausländische und italienische Kinder<br />

von drei bis sechs Jahren aufgenommen werden. Das Zentrum, das von einer Gruppe Erzieher<br />

des gleichnamigen Vereins geleitet wird, die in verschiedenen Bereichen mit Minderjährigen arbeiten<br />

und neuen interkulturellen Themen gegenüber besonders aufgeschlossen sind, konnte am<br />

1. Juni 1990 dank der Finanzierung durch die Stadt Rom eingeweiht werden. Celio Azzurro war<br />

das erste interkulturelle Zentrum für Migrantenkinder in Italien. In den letzten siebzehn Jahren<br />

wurde das Zentrum von über siebenhundert Kindern aus fünf Kontinenten besucht. Das Ziel ist,<br />

Zeugnis dafür abzulegen, dass im Zeichen der gegenseitigen Achtung, des Austauschs und vor<br />

allem der Aufwertung anderer Kulturen mit den Migrantenkindern und ihren Familien ein Zusammenleben<br />

möglich ist. Das Zentrum arbeitet mit dem Forum per l’intercultura zusammen und<br />

arbeitet mit diesem Ausbildungswege aus, die vor allem, aber nicht ausschließlich, für Schulen<br />

und Sozialarbeiter gedacht sind. In den Ausbildungsabläufen sind „emotionale Beziehungen“ das<br />

beste Instrument für die Begegnung, das gegenseitige Kennen- und Schätzen lernen sowie das<br />

Zuhören und Entdecken. Auf dieser Grundlage sehen die Laboratorien eine direkte Beteiligung<br />

der Kinder und Lehrer durch Lesen, Diskussionen, Vergleiche, Rollenspiele und Gruppenarbeit<br />

vor.<br />

(Centro didattico interculturale Celio Azzurro, salita S. Gregorio al Celio, 3, Rom: Tel./Fax<br />

06 7004271- celioazzurro@tiscali.it - www.celioazzurro.org).<br />

27


28<br />

Politi sche Beiträge<br />

Keine Einwanderung ohne Integrati onspoliti k<br />

Der europäische Rahmen für die Integrati on<br />

Franco Fratti ni, Vizepräsident der Europäischen Kommission<br />

In den letzten zehn Jahren ist die Einwanderung zu einem prioritären Thema<br />

auf der internationalen und der europäischen Agenda geworden. Alljährlich werden<br />

2,2 Millionen Aufenthaltsgenehmigungen für Drittstaatsangehörige erteilt, die in der<br />

EU leben möchten – um eine Erwerbstätigkeit auszuüben, aus Gründen der Familienzusammenführung,<br />

für Forschungszwecke oder um ein Studium zu absolvieren. Im<br />

Januar 2006 hielten sich 18,5 Millionen Bürger von Nicht-Mitgliedstaaten, d.h. 3,8%<br />

der Gesamtbevölkerung, legal in der EU auf.<br />

Eins wird immer klarer: In allen EU-Staaten besteht – wenn auch in unterschiedlichem<br />

Maße – ein Problem, das ein gemeinsames Vorgehen erfordert. Dies gilt insbesondere,<br />

seit der gemeinsame Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts geschaffen<br />

und die Kontrollen an den Binnengrenzen aufgehoben wurden. Die Migranten spielen<br />

in der EU-Wettbewerbsstrategie eine entscheidende Rolle; gleichwohl können sie ihr<br />

Potenzial nur dann vollständig ausschöpfen, wenn ihnen Gelegenheit geboten wird, sich<br />

in die Gesellschaft und Wirtschaft des Aufnahmelandes zu integrieren. Deshalb gehört<br />

die Integration von Einwanderern, die sich rechtmäßig im EU-Gebiet aufhalten, zu den<br />

Hauptprioritäten und ist ein Schlüsselelement der umfassenden Migrationspolitik der<br />

EU. 1 Entsprechend der EU-Agenda geht die Entwicklung von Maßnahmen zur Förderung<br />

der legalen Migration mit Fortschritten auf dem Gebiet der Integration einher.<br />

In den Schlussfolgerungen des Rates vom Juni 2007 zur Stärkung der Integrationspolitik<br />

in der Europäischen Union durch Förderung von Einheit in der Vielfalt haben<br />

die Regierungen der Mitgliedstaaten auf die zusätzliche Verknüpfung von Einwanderungs-<br />

und Integrationsmaßnahmen hingewiesen.<br />

Gleichzeitig ist die Konsolidierung der Rechtsvorschriften zu den Einreise- und<br />

Aufenthaltsbedingungen von Drittstaatsangehörigen für einen kohärenten Integrationsansatz<br />

der EU unverzichtbar. Verschiedene Aspekte, wie Familienzusammenführung,<br />

langfristige Aufenthaltsberechtigung und Anerkennung von Drittstaatsangehörigen<br />

oder Staatenlosen als Personen, die internationalen Schutz benötigen, sind<br />

bereits geregelt. Wie im strategischen Plan zur legalen Einwanderung angekündigt,<br />

haben wir unlängst zwei Legislativvorschläge unterbreitet: einen Vorschlag für eine<br />

allgemeine Rahmenrichtlinie, in der die Grundrechte von zugewanderten Arbeitnehmern<br />

in der EU festgelegt sind, und einen Vorschlag für eine Richtlinie betreffend die<br />

Einreise- und Aufenthaltsbedingungen von hochqualifizierten Zuwanderern.<br />

Ich werde mich hier auf einige zentrale Bestandteile der EU-Integrationspoli-<br />

(1) Schlussfolgerungen des Vorsitzes über eine umfassende Migrati onspoliti k, Europäischer Rat<br />

vom 14./15. Dezember 2006 in Brüssel, htt p://www.consilium.europa.eu/ueDocs/cms_Data/docs/<br />

pressData/de/ec/92202.pdf


tik, wie sie in diesem Kontext umgesetzt wird, konzentrieren. Insbesondere werde ich<br />

darstellen, welche konkreten Maßnahmen und Projekte wir durchgeführt haben und<br />

welche Instrumente und Ressourcen wir künftig einsetzen wollen, um den absehbaren<br />

Integrationsproblemen zu begegnen.<br />

Entwicklungen bei der Zusammenarbeit und dem Austausch bewährter<br />

Verfahren im Bereich der Integrati on<br />

Gemäß dem Haager Programm von 2004 ist es erforderlich, die nationalen Integrationsmaßnahmen<br />

umfassender zu koordinieren und die einschlägige Tätigkeit der<br />

EU auf gemeinsame Grundprinzipien zu stützen. Der Rat verabschiedete im November<br />

desselben Jahres elf Gemeinsame Grundprinzipien (GGP) für die Politik der Integration<br />

von Einwanderern in der Europäischen Union 2 und die Kommission unterbreitete<br />

im September 2005 eine „Gemeinsame Integrationsagenda“ 3 , die einen Rahmen für die<br />

Integration von Drittstaatsangehörigen in der EU vorgibt. Der Rat unterstützte in<br />

seinen Schlussfolgerungen zur Gemeinsamen Agenda deren allgemeine Leitlinien und<br />

betonte, dass es erforderlich sei, stärker einen gemeinsamen Ansatz für Integrationsstrategien<br />

und -maßnahmen zu verfolgen. 4 Die Gemeinsame Agenda enthält konkrete<br />

Maßnahmen zur Umsetzung der Gemeinsamen Grundprinzipien und bietet eine Reihe<br />

europäischer Rechtsinstrumente, um diesen Prozess zu erleichtern, in dessen Verlauf<br />

ein besonderer europäischer Ansatz zur Integration durch Zusammenarbeit und Austausch<br />

von bewährten Verfahren entwickelt werden soll.<br />

Das Netz der nationalen Kontaktstellen für Integration wurde ursprünglich als Ergebnis<br />

der Schlussfolgerungen des Rates „Justiz und Inneres“ von Oktober 2002 eingerichtet,<br />

der festgestellt hatte, dass der Austausch von Informationen und bewährten Verfahren<br />

notwendig sei und ein entsprechendes Netz aufgebaut werden müsse. Dieses Netz fand<br />

später die Zustimmung des Europäischen Rates von Thessaloniki, der in seinen Schlussfolgerungen<br />

von Juni 2003 die Bedeutung des Ausbaus der Zusammenarbeit und des Informationsaustauschs<br />

hervorhob und erklärte, dass insbesondere die Maßnahmen auf<br />

einzelstaatlicher wie auf EU-Ebene effizienter koordiniert werden müssten. Mit dem<br />

Netz soll vor allem ein Forum für den Austausch von Informationen und bewährten Verfahren<br />

zwischen den Mitgliedstaaten auf EU-Ebene geschaffen werden, das es ermöglicht,<br />

wirksame Lösungen für die Integration von Migranten in allen Mitgliedstaaten<br />

zu finden; außerdem soll das Netz die Koordinierung und Kohärenz der einschlägigen<br />

Maßnahmen auf nationaler Ebene sowie mit EU-Initiativen gewährleisten.<br />

Die Handbücher zur Integration für Entscheidungsträger und Praktiker 5 , die in Zusammenarbeit<br />

mit den nationalen Kontaktstellen unter Mitwirkung regionaler/lokaler<br />

Behörden und nichtstaatlicher Beteiligter erstellt wurden, sind ein unentbehrliches<br />

Instrument für den Austausch von Informationen und bewährten Verfahren. Gegenstand<br />

der ersten Ausgabe (2004) waren Einführungskurse für Zuwanderer und anerkannte<br />

Flüchtlinge, deren gesellschaftliche Teilhabe sowie Integrationsindikatoren. In<br />

(2) Ratsdokument 14615/04.<br />

(3) KOM(2005) 389.<br />

(4) Ratsdokument 14390/05.<br />

(5) htt p://ec.europa.eu/justi ce_home/doc_centre/immigrati on/integrati on/doc_immigrati on_integrati<br />

on_de.htm<br />

29


30<br />

der zweiten Ausgabe (2007) wurden andere Schlüsselthemen behandelt, die in den Gemeinsamen<br />

Grundprinzipien entwickelt worden waren: Einbeziehung der Integration<br />

in viele Politikbereiche und Aufbau einer Integrationsinfrastruktur, Prüfung der für die<br />

Umsetzung erfolgreicher Integrationsstrategien in allen Politikfeldern angewandten<br />

Verfahren, Wohnen in einem städtischen Umfeld und wirtschaftliche Integration sowie<br />

Darlegung der in diesen Bereichen gewonnenen Erfahrungen. Eine dritte Ausgabe ist<br />

für 2009 geplant.<br />

In den Jahresberichten über Migration und Integration wird untersucht, welche Maßnahmen<br />

zur Aufnahme und Integration von Drittstaatsangehörigen auf einzelstaatlicher<br />

und EU-Ebene ergriffen werden; die Berichte bieten einen Überblick über politische Entwicklungen<br />

und tragen zur Bewertung und Stärkung von Integrationsmaßnahmen bei.<br />

Der dritte Jahresbericht, den ich auf der hochrangigen <strong>Konferenz</strong> über legale Zuwanderung<br />

im September in Lissabon vorgestellt habe, verdeutlicht, wie die Integrationsdebatte<br />

im letzten Jahr sowohl auf EU-Ebene als auch in den einzelnen Mitgliedstaaten an<br />

Intensität zugenommen hat. Immer mehr Mitgliedstaaten verfolgen eine neue Integrationspolitik<br />

und passen Strategien an, die auf den bisherigen Erfahrungen aufbauen. Wir<br />

zeigen auch auf, inwiefern die Einbeziehung von Integrationsmaßnahmen in zahlreiche<br />

Politikbereiche der EU, wie Beschäftigung, Unternehmertätigkeit, kulturübergreifender<br />

Dialog, Grundrechte, Diskriminierungsverbot und Chancengleichheit, soziale Einbeziehung<br />

und Sozialschutz, Städtepolitik, Gesundheit und Bildung, zu einem wesentlichen<br />

Bestandteil der politischen Beschlussfassung und der Umsetzung und Finanzierung<br />

konkreter Maßnahmen geworden ist. Ein interessanter Bestandteil des Berichts ist der<br />

umfassende Überblick über einzelstaatliche Integrationsmaßnahmen, der durch eine in<br />

Zusammenarbeit mit den nationalen Kontaktstellen erarbeitete Zusammenfassung der<br />

Integrationsmaßnahmen in der EU-27 ergänzt wird. Darin beschreiben wir Trends und<br />

erläutern ausführlich Beispiele der Umsetzung der Gemeinsamen Grundprinzipien für<br />

Integration aus verschiedenen Ländern.<br />

Im Haager Programm wurde eine leicht zugängliche europäische Integrationswebseite<br />

gefordert. Diese wird gegenwärtig von der Kommission aufgebaut und soll den strukturellen<br />

Austausch von Erfahrungen und Informationen im Bereich Integration unterstützen.<br />

Die Webseite dürfte 2008 zur Verfügung stehen.<br />

Ferner ist ein Europäisches Integrationsforum für die auf EU-Ebene im Integrationsbereich<br />

Tätigen geplant. EU-Dachverbände mit Mitgliedern in einer Reihe von<br />

Mitgliedstaaten werden Sachwissen austauschen und Empfehlungen ausarbeiten, die<br />

sodann auf der Integrationswebseite veröffentlicht werden sollen. Das Forum wird in<br />

enger Zusammenarbeit mit dem Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss eingerichtet,<br />

der die organisierte Zivilgesellschaft auf EU-Ebene vertritt.<br />

Von den vorbereitenden Maßnahmen (INTI) zum Europäischen Fonds für<br />

die Integrati on von Dritt staatsangehörigen<br />

Seit 2003 kofinanziert die Kommission über das Programm INTI – Integration von<br />

Drittstaatsangehörigen 6 - grenzübergreifende Integrationsprojekte zur Förderung der<br />

diesbezüglichen Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten. Sie stellte für die Jahre 2003-2006<br />

(6) htt p://ec.europa.eu/justi ce_home/funding/2004 2007inti /funding_inti _de.htm


insgesamt 20 Mio. Euro zur Verfügung. Die Mitgliedstaaten bewerten die Integration<br />

von Drittstaatsangehörigen jeweils sehr unterschiedlich und haben in unterschiedlichem<br />

Maße Integrationsmaßnahmen entwickelt und umgesetzt. Einige Länder verfügen bereits<br />

über eine lange Erfahrung in diesem Bereich, während andere erst vor kurzem mit<br />

der Konzeption einer entsprechenden nationalen Politik begonnen haben. Gleich, ob sie<br />

über mehr oder weniger Erfahrung verfügen – alle Mitgliedstaaten ziehen aus dem Programm<br />

INTI einen Nutzen. Ein gemeinsames Merkmal aller INTI-Projektpartnerschaften<br />

ist die aktive Einbeziehung der zivilgesellschaftlichen Organisationen und einer Vielzahl<br />

von Beteiligten sowie der regionalen und lokalen Gebietskörperschaften.<br />

Als Beispiel für dieses heterogene Projektnetz sei das Projekt „Integrating Cities“ genannt,<br />

das 2006 im Rahmen der „Benchmarking Integration Governance in European<br />

Cities“ (Leistungsvergleich erfolgreicher Governance-Strukturen für die Integration in<br />

europäischen Städten) ausgewählt wurde. Ziel des Projekts ist die Unterstützung der<br />

Städte bei ihren Integrationsmaßnahmen; dazu konzentriert es sich auf das Benchmarking<br />

erfolgreicher Governance-Strukturen für die Integration in europäischen Städten<br />

und die Förderung eines innovativen Modells, bei dem Verbindungen zwischen Akteuren<br />

auf lokaler, nationaler und europäischer Ebene hergestellt werden.<br />

Das Projekt ist eine Folgemaßnahme des 2006 von der Europäischen Kommission<br />

und EUROCITIES angestoßenen Prozesses, in dem eine Reihe von <strong>Konferenz</strong>en<br />

vorgesehen sind; Ziel der Arbeiten ist es, einen Dialog über die Integrationsthematik<br />

einzuleiten und Brücken der Zusammenarbeit zwischen der lokalen, der nationalen und<br />

der europäischen Ebene zu bauen. Die erste <strong>Konferenz</strong> unter dem Titel „Integrating<br />

Cities“ fand 2006 in Rotterdam statt. Führende Experten, Entscheidungsträger und<br />

Praktiker aus dem Bereich der Integration von Migranten erläuterten, wie sie sich<br />

die praktische Umsetzung der Gemeinsamen Grundprinzipien und des Europäischen<br />

Rahmens für die Integration auf lokaler Ebene vorstellen. Auf der im November 2007<br />

in Mailand veranstalteten <strong>Konferenz</strong> EUROCITIES unterzeichneten der Bürgermeister<br />

von Mailand und ich eine gemeinsame „Erklärung“, in der wir uns verpflichten,<br />

beständig dafür einzutreten, dass die Städte bei der Gestaltung der europäischen Gemeinsamen<br />

Integrationsagenda ein stärkeres Mitspracherecht erhalten; wir engagieren<br />

uns außerdem für einen kontinuierlichen, engeren Dialog sowie eine fruchtbare Zusammenarbeit<br />

im Hinblick auf die erfolgreiche Integration von Migranten und werden unsere<br />

Maßnahmen auf die Grundsätze Partnerschaft, Mitverantwortung und effiziente<br />

Verwaltung stützen.<br />

Zwei wichtige, 2004 durch das Programm INTI finanzierte, Projekte betreffen Caritasverbände<br />

in verschiedenen EU-Mitgliedstaaten. Im Rahmen von INTI wurde 2004<br />

ein Netz nationaler Kontaktstellen für Integrationsfragen errichtet. Federführend waren der<br />

Europäische Rat für Flüchtlinge und im Exil lebende Personen des Vereinigten Königreichs.<br />

Dem Netz gehören erfahrene Kräfte von NRO an, die sich im Bereich Flüchtlingshilfe<br />

und Migration für folgende Ziele engagieren: Formulierung grundlegender<br />

Vorschläge für die Integration von Migranten und Flüchtlingen; Darstellung positiver<br />

Beispiele dafür, wie sich Migranten und Flüchtlinge wirtschaftlich, sozial und kulturell<br />

in die Aufnahmegesellschaft einbringen können; Überzeugungsarbeit mit Blick auf<br />

Politiker, Beamte und Entscheidungsträger durch Vorschläge zur Wiederbelebung der<br />

Integrationsdebatte. Caritas Europa (im Namen von acht nationalen Caritasverbänden)<br />

und der <strong>Deutsche</strong> Caritasverband in Freiburg sind Partner dieses wichtigen Projekts.<br />

31


32<br />

Ein weiteres INTI-Projekt, an dem Caritasverbände (insbesondere der Caritasverband<br />

der Erzdiözese Warschau) beteiligt sind, zielt auf die Selbsthilfe und Mitverantwortung<br />

von Migranten sowie die Integration durch Information und Schulung von Beamten<br />

und NRO; für die Abwicklung dieses Projekts ist die Tschechische Republik<br />

zuständig.<br />

Angesichts der positiven Erfahrungen und des Erfolgs des Programms INTI hat<br />

die EU einen neuen Europäischen Fonds für die Integration von Drittstaatsangehörigen 7 für<br />

den Zeitraum 2007 – 2013 aufgelegt, der der stärkeren finanziellen Unterstützung von<br />

Integrationsmaßnahmen dient und mit 825 Mio. EUR ausgestattet ist. Als einer der<br />

vier Fonds des Programms „Solidarität und Steuerung der Migrationsströme“ 8 zielt der<br />

Integrationsfonds darauf ab, die Mitgliedstaaten dabei zu unterstützen, Drittstaatsangehörigen<br />

mit unterschiedlichem wirtschaftlichem, kulturellem, religiösem, sprachlichem<br />

und ethnischem Hintergrund, die Erfüllung der Aufenthaltsbedingungen zu<br />

ermöglichen und es ihnen zu erleichtern, sich in die europäische Gesellschaft gemäß<br />

den Gemeinsamen Grundprinzipien für die Politik der Integration von Einwanderern<br />

in der Europäischen Union zu integrieren. Dank des Fonds werden die Mitgliedstaaten<br />

über größere Kapazitäten für die Entwicklung und Umsetzung nationaler Integrationsstrategien<br />

im Hinblick auf alle Aspekte der Gesellschaft verfügen; insbesondere<br />

wird dem Grundsatz Rechnung getragen, dass Integration ein dynamischer, wechselseitiger<br />

Prozess des gegenseitigen Entgegenkommens aller Migranten und aller in den<br />

Mitgliedstaaten ansässigen Personen ist.<br />

Die nationalen Programme werden u.a. folgende Prioritäten enthalten: Durchführung<br />

von Maßnahmen zur praktischen Umsetzung der Gemeinsamen Grundprinzipien; Entwicklung<br />

von Indikatoren und Bewertungsmethoden zur Messung der Fortschritte, zur<br />

Anpassung der Strategien und Maßnahmen sowie zur Erleichterung der Koordination<br />

des vergleichenden Lernens; Stärkung des Aufbaus integrationspolitischer Kapazitäten,<br />

Koordinierung und Aufbau interkultureller Kompetenz in den Mitgliedstaaten auf allen<br />

Regierungsebenen sowie Austausch von Erfahrungen, bewährten Verfahren und Informationen<br />

über Integrationsfragen zwischen den Mitgliedstaaten. Im Rahmen dieser vier<br />

Prioritäten kann der Gemeinschaftsbeitrag für bestimmte Maßnahmen auf 75% aufgestockt<br />

werden. Dies gilt für Maßnahmen in den Mitgliedstaaten, die sich mit den spezifischen<br />

horizontalen Prioritäten befassen, z.B. Partizipation als Mittel zur Förderung<br />

der gesellschaftlichen Eingliederung von Drittstaatsangehörigen; besondere Berücksichtigung<br />

einzelner Zielgruppen wie Frauen, junger Migranten und Kinder aus Migrantenfamilien;<br />

innovative Einführungsprogramme und -aktivitäten sowie interkultureller<br />

Dialog und Einbindung der Aufnahmegesellschaft in den Integrationsprozess.<br />

Was die Gemeinschaftsmaßnahmen anbelangt, so werden bei der Unterstützung<br />

grenzübergreifender Projekte drei Hauptprioritäten behandelt: Interaktion zwischen<br />

Drittstaatsangehörigen und EU-Bürgern sowie Förderung von Integrationsmaßnahmen<br />

und bewährten Verfahren, die auf die ganze Gesellschaft abzielen; zielgerichtete<br />

Integrationsstrategien und –maßnahmen für verschiedene Migrantengruppen, wobei<br />

(7) Entscheidung 2007/435/EG, veröff entlicht am 25. Juni 2007.<br />

(8) Die anderen drei Fonds des Programms „Solidarität und Steuerung der Migrati onsströme“ sind<br />

der Außengrenzenfonds, der Flüchtlingsfonds und der Rückkehrfonds. Die Gesamtmitt el für das Rahmenprogramm<br />

belaufen sich für 2007-2013 auf 4020,37 Mio. EUR.


die speziellen Bedürfnisse von Kindern und Migrantinnen besonders berücksichtigt<br />

werden; Maßnahmen zur Stärkung der zusätzlichen Verknüpfung von Migrations- und<br />

Integrationspolitik.<br />

Ausblick<br />

Die auf der ersten Ministerkonferenz zum Thema Integration 2004 in Groningen<br />

angestoßene politische Debatte wurde im Mai 2007 auf einem informellen Treffen der<br />

für Integration zuständigen EU-Minister in Potsdam fortgesetzt. Der Rat verabschiedete<br />

im Anschluss daran Schlussfolgerungen zur Stärkung der Integrationspolitik in<br />

der Europäischen Union durch Förderung von Einheit in der Vielfalt. Diese Schlussfolgerungen<br />

werden uns als Bezugspunkt für die bevorstehenden neuen Herausfor de r ungen<br />

im Zusammenhang mit der Entwicklung von Integrationsstrategien und -maßnahmen<br />

auf europäischer Ebene dienen.<br />

Die künftigen Verpflichtungen der Kommission in diesem Bereich, die auch im Dritten<br />

Jahresbericht über Migration und Integration genannt sind, werden verschiedene Aspekte<br />

umfassen. So beabsichtigt die Kommission, den verschiedenen Konzepten und Ansätzen zur<br />

Partizipation nachzugehen und zur Klärung beizutragen und sich mit den in der Diskussion<br />

befindlichen Konzepten der Bürgerschaft zu befassen. Wir werden die Umsetzung von auf<br />

die Aufnahmegesellschaft zugeschnittenen Integrationsmaßnahmen fördern, um so die Fähigkeit<br />

der staatlichen Einrichtungen und der Medien zu ausgewogener Reflexion und zur<br />

Steuerung der migrationsbezogenen Vielfalt in der Gesellschaft zu stärken.<br />

Wir werden untersuchen, welcher zusätzliche Nutzen von gemeinsamen europäischen<br />

Modulen für die Integration von Migranten zu erwarten ist; diese Module sollen<br />

in einem eigenständigen Projekt ausgehend von den auf einzelstaatlicher Ebene<br />

gewonnenen Erfahrungen im Zusammenhang mit Einführungs- und Sprachkursen,<br />

der Einbeziehung der Aufnahmegesellschaft, der Förderung der Teilhabe der Migranten<br />

am Gemeindeleben und anderen Integrationsaspekten entwickelt werden. Darüber<br />

hinaus wird die Kommission untersuchen, wie Integrationsprogramme und -maßnahmen<br />

sozialer Entfremdung und Radikalisierung vorbeugen können. Die Förderung der<br />

Entwicklung gemeinsamer Indikatoren und Indizes, die eine effektivere Überwachung<br />

und Bewertung von Fortschritten in der Integrationspolitik ermöglichen, wird bei unserer<br />

künftigen Arbeit ebenfalls einen hohen Stellenwert einnehmen.<br />

Migrati on und europäische Identi tät - Bildung und Arbeit als<br />

Schlüssel - Der deutsche Weg der Integrati onspoliti k<br />

Prof. Dr. Maria Böhmer, MdB, Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin, Beauft ragte<br />

für Migrati on, Integrati on und Flüchtlinge<br />

2007 ist das „Europäische Jahr der Chancengleichheit für alle“, 2008 wird das Europäische<br />

Jahr des interkulturellen Dialogs“ sein. Damit stehen hoch spannende Fragen<br />

auf der europäischen Agenda: Wie stärken wir den sozialen Zusammenhalt? Wie<br />

33


34<br />

ermöglichen wir bessere Bildung? Wie erhöhen wir die Arbeitsmarktchancen für Zuwanderer?<br />

Wie verständigen wir uns auf grundlegende gemeinsame Werte? Dem entspricht,<br />

dass nahezu alle europäischen Länder ihre Integrationspolitik neu definieren,<br />

wie auf der großen <strong>Konferenz</strong> der europäischen Integrationsminister in Potsdam im<br />

Mai 2007 deutlich wurde, zu der die deutsche Ratspräsidentschaft eingeladen hatte.<br />

Alle gehen dabei eigene Wege. Denn die Geschichte der Zuwanderung ist jeweils eine<br />

andere. Die dominierenden Zuwanderungsgruppen unterscheiden sich, Staatsbürgerschaft<br />

wird unterschiedlich verstanden. Gleichwohl bestehen zum Teil sehr ähnliche<br />

Probleme und zum Teil werden darauf ähnliche Antworten gegeben. Deshalb brauchen<br />

wir den Austausch unter den europäischen Ländern und darüber hinaus.<br />

In Deutschland haben wir mit dem „Nationalen Integrationsplan“ einen völlig neuen<br />

Weg beschritten. Aus der Erkenntnis heraus, dass Integration eine gesamtgesellschaftliche<br />

Aufgabe darstellt, die der Staat nicht alleine lösen kann, hat die Bundesregierung alle<br />

an einen Tisch geholt: Vertreter von Bund, Ländern und Kommunen, Vertreter von Verbänden,<br />

der Wirtschaft, der Gewerkschaften, der Kirchen, der Wissenschaft, des Sports,<br />

der Medien, der Kultur und vor allem der Migranten selbst. Kennzeichen des Nationalen<br />

Integrationsplans sind die Selbstverpflichtungen, die alle Beteiligten eingehen, insgesamt<br />

400. Damit tragen alle dazu bei, dass Talente erkannt und Potenziale ausgeschöpft werden.<br />

Dieser neue Weg stößt in anderen Ländern auf großes Interesse.<br />

Die Situati on in Deutschland und Italien<br />

Deutschland und Italien verbindet eine lange Migrationserfahrung: 2005 haben wir<br />

den 50. Jahrestag des deutsch-italienischen Anwerbeabkommens begangen. Über 4 Millionen<br />

Italiener sind seit dem 2. Weltkrieg nach Deutschland gekommen. Sie stellen mit<br />

etwa 540.000 Personen die zweitgrößte Gruppe von Ausländern in Deutschland dar.<br />

Deutschland verdankt ihnen einen Teil seines Wohlstands, aber auch seiner Lebenskultur.<br />

Im Verhältnis zu den alten Einwanderungsländern Frankreich und USA sind<br />

Deutschland und Italien eher junge Einwanderungsländer, weitgehend ohne koloniale<br />

Migration. Deutschland war lange Zeit Auswanderungsland. Zuwanderung wurde,<br />

jedenfalls quantitativ, erst nach dem Zweiten Weltkrieg bedeutsam. Nach 1945 hat<br />

Deutschland erfolgreich Millionen von Vertriebenen und Flüchtlingen integriert. Das<br />

waren <strong>Deutsche</strong>, aber auch sie mussten erst neu ankommen und aufgenommen werden.<br />

Dann kamen die so genannten „Gastarbeiter“. Sie haben zur wirtschaftlichen Kraft und<br />

kulturellen Vielfalt Deutschlands beigetragen. Zu Beginn der 1990er Jahre kamen viele<br />

Spätaussiedler aus Osteuropa und viele Flüchtlinge, insbesondere aus dem ehemaligen<br />

Jugoslawien. Deutschland hat mehr Asylbewerber aufgenommen als alle anderen europäischen<br />

Länder. Das ist durchaus vergleichbar mit den seit 2006 stark ansteigenden<br />

Anlandungen von Flüchtlingen in Süditalien.<br />

In den letzten Jahren ist die Zuwanderung zurückgegangen und hat fast die Zahl<br />

der Auswanderung erreicht. 2006 lag der Saldo bei 20.000. Seit 2005 ist in Deutschland<br />

eine verstärkte Abwanderung junger Menschen zu beobachten. Bei Menschen mit deutschem<br />

Pass gab es sogar eine Netto-Abwanderung von 52.000. Hinter diesen Zahlen<br />

verbergen sich große Wanderungsbewegungen mit Zuzügen und Fortzügen von über<br />

600.000 Personen. Die verringerte Zuwanderung ändert aber nichts an der Tatsache,<br />

dass 15 Millionen Menschen in Deutschland aus Zuwandererfamilien stammen, also


jeder Fünfte. In großen westdeutschen Städten stammen bis zu 40% der Jugendlichen<br />

aus Zuwandererfamilien, in einigen Jahren werden es die Hälfte sein.<br />

Die meisten Migranten haben sich gut integriert. Bei einem Teil der Kinder und<br />

Enkel der Immigranten bestehen jedoch Probleme wie schlechte Sprachkenntnisse,<br />

niedriges Bildungsniveau und hohe Arbeitslosigkeit. Integration ist deshalb eine<br />

Schlüsselaufgabe in Deutschland. Lange Zeit hatten wir keine systematische Integrationspolitik.<br />

Lange Zeit glaubten beide Seiten, die „Gastarbeiter“ würden in ihre<br />

Heimatländer zurückkehren. Aber die Mehrheit ist geblieben. Deutschland ist Integrationsland.<br />

Ausdruck hierfür ist auch das am 1. Januar 2005 in Kraft getretene Zuwanderungsgesetz.<br />

In Italien stellt sich die Situation etwas anders dar: Es ist erst in jüngster Zeit<br />

vom Auswanderungs- zum Aufnahmeland geworden. Aktuell steht es im Spannungsfeld<br />

zwischen illegaler Migration und großem Bedarf an Arbeitskräften und mitten in<br />

der Debatte um ein neues Zuwanderungsgesetz. Trotz der Unterschiede in den beiden<br />

Ländern ist ein Mentalitätswechsel in Politik und Bevölkerung erkennbar und notwendig,<br />

eine gesellschaftspolitische Neuorientierung im Sinne des aktiven Handelns für ein<br />

besseres Zusammenleben in allen Bereichen, gerade auch vor dem Hintergrund religiöser<br />

und kultureller Spannungen.<br />

Schlüsselaufgabe Integrati on<br />

Integration bedeutet gleichberechtigte Teilhabe in allen Lebensbereichen. Es bedeutet,<br />

Verantwortung zu übernehmen und sich mit der neuen Heimat zu identifizieren,<br />

ohne die eigenen Wurzeln aufzugeben. Dies müssen wir fordern und fördern.<br />

Die Bundesregierung begreift Integration als eine der Zukunftsaufgaben überhaupt.<br />

Sie kann nur gemeinsam bewältigt werden. Daraus hat die Bundesregierung<br />

zwei Konsequenzen gezogen: Erstens, wir haben einen ständigen Dialog mit allen Beteiligten<br />

begonnen. Wir reden nicht mehr übereinander, sondern miteinander. Zweitens,<br />

wir nehmen uns der Integration in allen ihren Facetten an, in Schule und Beruf,<br />

in der Kultur, in den Medien, dem Sport. Ein besonderer Stellenwert kommt dabei den<br />

Sprachkenntnissen, der Bildung, der Integration in den Arbeitsmarkt und der Gleichberechtigung<br />

der Frauen und Mädchen zu.<br />

Ein Blick in den Nationalen Integrationsplan, der auf dem Zweiten Integrationsgipfel<br />

von der Bundeskanzlerin am 12. Juli 2007 vorgelegt wurde, belegt, dass Deutschland<br />

sich anschickt vom Land der Projekte zum Land erfolgreicher Programme für<br />

bessere Integration zu werden. Klaus Bade, der Nestor unter den deutschen Migrationsforschern,<br />

nennt Integration in Deutschland einen „pragmatischen Erfolgsfall“, der<br />

gleichzeitig viele Defizite aufweist. Wir stehen vor großen Herauforderungen.<br />

Bildung, Ausbildung, Arbeit<br />

Bildungschancen von Kindern hängen in Deutschland stärker als in anderen europäischen<br />

Ländern immer noch stark von der sozialen Herkunft ab. Diese Abhängigkeit<br />

müssen wir durchbrechen, und zwar aus ökonomischen wie aus moralischen Gründen.<br />

Chancengerechtigkeit herzustellen ist eine der wichtigsten Aufgaben des demokratischen<br />

Staates. Bildung ist zugleich der Schlüssel zu Integration. Und Bildung ist unsere<br />

wichtigste Ressource. Neben der Bildung und Ausbildung entscheidet die Arbeit mit<br />

35


36<br />

über das Gelingen oder Misslingen von Integration. Für die hier genannten Fragen ist<br />

nicht allein die Bundesregierung zuständig. Im Fall der Bildung sind es die Bundesländer,<br />

im Fall der frühen Sprachförderung die Kommunen.<br />

Der Philosoph Wittgenstein hat gesagt: „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen<br />

meiner Welt“. In diesem Sinne eröffnen wir Welten, indem wir die Kenntnis der Landessprache<br />

fördern. Deswegen müssen die Sprachkenntnisse vieler Kinder und Jugendlicher,<br />

auch der zweiten und dritten Generation, systematisch verbessert werden, und dies<br />

vom Kindergarten und der Vorschule an. Notwendig sind so genannte Sprachstandsfeststellungen,<br />

wie sie in einigen Bundesländern vorgesehen sind. Die Deutschkenntnisse<br />

der Kinder werden vor der Einschulung geprüft. Das bedeutet nicht „Auslese“, sondern<br />

ist eine Grundlage für weitergehende und spezifische Förderung. Dafür entscheidend ist,<br />

dass wir Eltern und potentielle Eltern stärken, dies gilt insbesondere für die Mütter. Ihnen<br />

kommt eine Schlüsselfunktion im Integrationsprozess zu.<br />

In Deutschland sind Integrationskurse Pflicht für alle Neu-Zuwanderer. Sie bestehen<br />

aus Sprachunterricht sowie einem Orientierungsunterricht, der Grundkenntnisse<br />

von unserem Staat, unserer Gesellschaft und unserer Geschichte vermittelt. Neu ist die<br />

stärkere Differenzierung nach dem Grad der Alphabetisierung, der Ausbildung und<br />

den bereits vorhandenen Deutschkenntnissen. Bestimmte Personengruppen werden<br />

dann 900 – nicht wie bisher 600 - Stunden Sprachunterricht erhalten. Arbeitslose, die<br />

bereits hier leben, werden verpflichtet, daran teilzunehmen, um ihre Chancen auf einen<br />

Job zu verbessern. Entscheidend ist aber, Hemmschwellen abzubauen und Angebote zu<br />

machen, die die jeweilige Lebenssituation berücksichtigen. Wir sind dabei auf die Mitwirkung<br />

der Migrantenverbände und Moschee-Gemeinden sowie der ausländischen<br />

Medien angewiesen. Diese sind zunehmend bereit, zur Integration in Deutschland beizutragen<br />

und sich nicht mehr wie bisher nur als Brücke in die alte Heimat zu verstehen.<br />

So bietet beispielsweise die türkische Zeitung SABAH einen fortlaufenden Deutschkurs<br />

in ihrer Zeitung an.<br />

Die verhältnismäßig geringe Bildung der Menschen aus Migrantenfamilien ist darauf<br />

zurückzuführen, dass viele Zuwanderer nicht oder nur gering qualifiziert waren.<br />

Das Bildungsniveau der Eltern prägte das der Kinder und teilweise auch das der Enkel.<br />

41% der ausländischen Jugendlichen besuchen eine Hauptschule, nur 15% der deutschen;<br />

18% der ausländischen Jugendlichen erreichen keinen Schulabschluss, hingegen<br />

nur 7,5% der deutschen.<br />

Die Probleme sollten jedoch die positiven Anknüpfungspunkte nicht überdecken:<br />

Die hohe Lernbereitschaft und die positive Lerneinstellung vieler Jugendlichen aus Zuwandererfamilien,<br />

vor allem der Mädchen, und die hohe Bildungsakzeptanz der Eltern,<br />

die ihren Kindern eine bessere Zukunft bieten wollen.<br />

In Finnland lautet das Leitmotiv der Bildungspolitik: „Wir brauchen hier jeden,<br />

hoffnungslose Fälle können wir uns nicht leisten“. Das sollten wir uns zu eigen machen.<br />

In diesem Sinne müssen wir handeln. Wir brauchen mehr Erzieherinnen und Erzieher,<br />

mehr Lehrerinnen und Lehrer aus Migrantenfamilien. Wir müssen die Lehrerausbildung<br />

an die Gegebenheiten anpassen. Wir müssen die Eltern stärker einbeziehen und<br />

mit den Verbänden zusammenarbeiten. Der Nationale Integrationsplan wird uns in<br />

allen diesen Bereichen voranbringen.<br />

Die Bildungsdefizite sind bei den verschiedenen Migrantengruppen unterschiedlich<br />

groß. So haben nicht nur türkisch-stämmige, sondern gerade auch italienisch-stämmi-


ge Jugendliche große Probleme einen guten Abschluss zu machen. Deshalb arbeite ich<br />

mit dem italienischen Botschafter in Berlin, Herrn Puri Purrini, zusammen. Gemeinsam<br />

haben wir bereits eine große Informationsveranstaltung für italienisch-stämmige<br />

Familien im Raum Ludwigshafen-Mannheim durchgeführt. Weitere Veranstaltungen<br />

in Regionen mit vielen italienisch-stämmigen Familien werden folgen. Dabei setzen<br />

wir auch auf die Elternvereine. Gemeinsam wollen wir Hilfe zur Selbsthilfe geben, den<br />

Wert der Bildung vermitteln und das Verständnis für das deutsche Schul- und Hochschulsystem<br />

fördern.<br />

Was die Ausbildung anbelangt, so bleiben 41% der 25-bis 35jährigen aus Migrantenfamilien<br />

ohne beruflichen Bildungsabschluss, bei den anderen sind es nur 15%. Die<br />

Ausbildungsbeteiligungsquote sinkt seit 1994. Von 34% im Jahr 1994 auf 23% im Jahr<br />

2006. Gegen diesen Trend haben wir Initiativen entwickelt. Wir müssen die Bedeutung<br />

der dualen Ausbildung vermitteln. Wer eine einfache Arbeit sucht, für den kann<br />

sich die duale Ausbildung als Verzögerung des Arbeitsanfangs darstellen, aber einfache<br />

Jobs fehlen in Deutschland. Deswegen ist Qualifizierung so notwendig. Wir brauchen<br />

mehr Ausbildungsplätze. Im Rahmen der Kampagne „Aktiv für Ausbildungsplätze“ haben<br />

wir schon jetzt die Zusage der ausländischen Unternehmensverbände, 10.000 neue<br />

Ausbildungsplätze bis 2010 zu schaffen.<br />

Mein persönlicher Beitrag für Bildung und Ausbildung wird ein bundesweites<br />

„Netzwerk Bildungspaten“ sein. Die italienischen Kulturmediatoren („mediatori culturali“)<br />

in Schulen, Krankenhäusern, öffentlichen Verwaltungen, Polizei und Gerichten<br />

stellen dafür eine gute Anregung dar.<br />

Derzeit ist die Arbeitslosenquote von Ausländern etwa doppelt so hoch wie von<br />

<strong>Deutsche</strong>n. Hier müssen wir das Bewusstsein in Unternehmen fördern: Die Vielfalt der<br />

Menschen, ihre unterschiedlichen Erfahrungen, Sprachkenntnisse und Kompetenzen,<br />

ihr Bezug zu unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen muss als große Chance erkannt<br />

werden. Die Bundesregierung fördert dies nach Kräften. Die Bundeskanzlerin hat die<br />

Schirmherrschaft über die „Charta der Vielfalt“ übernommen, die bislang von mehr als<br />

100 Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen unterzeichnet worden ist. Damit<br />

sie weiter Verbreitung findet, habe ich die Kampagne „Vielfalt als Chance“ angestoßen,<br />

ein neues Markenzeichen der Bundesregierung. In diesem Rahmen werden wir drei<br />

Wettbewerbe für die besten Modelle der Förderung von Vielfalt in Unternehmen ausschreiben.<br />

So eröffnen wir einen besseren Zugang zum Arbeitsmarkt. Fördern wollen<br />

wir auch Existenzgründungen von Migranten. Schon heute haben 300.000 von ihnen<br />

Unternehmen gegründet und eine Million Arbeitsplätze geschaffen.<br />

Gemeinsame Werte als Grundlage<br />

Integration heißt Chancen geben. Aber das genügt nicht. Trevor Phillips, der Vorsitzende<br />

der künftigen „Commission for Equality and Human Rights“ und früher Anhänger<br />

des britischen Multikulturalismus, hat mir vor einiger Zeit gesagt: „Wir haben<br />

uns zu sehr auf das ‚Multi’ konzentriert und zu wenig auf die gemeinsame Kultur“.<br />

Nach den U-Bahn-Attentaten in London sei er selbst nachdenklich geworden. Heute<br />

sagt er: „Wer Menschen immer verschiedenen Kulturen zuordnet, geht von einem<br />

statischen Konzept aus, in dem sich die Kultur nicht ändert. Er wird den Menschen<br />

nicht gerecht“. Integration ist ein wechselseitiger Prozess. Er verändert den, der zu<br />

uns kommt, aber auch uns.<br />

37


38<br />

Gemeinsame Werte sind grundlegend für ein friedliches und erfolgreiches Zusammenleben.<br />

Es sind die Werte unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Niemand<br />

muss seine Wurzeln aufgeben. Aber die Grundlage ist klar: die Akzeptanz von<br />

Menschenrechten, Demokratie, Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit<br />

- das sind nicht verhandelbare Werte.<br />

Ich selbst komme aus der Frauenpolitik und setze mich besonders für die Gleichberechtigung<br />

ein. Das, wofür wir jahrzehntelang gekämpft haben, was wir durchgesetzt<br />

haben, ist in vielen Migrantenfamilien keine Realität. Die Gleichberechtigung der<br />

Mädchen und Frauen im Alltag muss gestärkt werden. Alle müssen an Klassenfahrten<br />

teilnehmen dürfen und niemand darf gezwungen werden, das Kopftuch zu tragen.<br />

Zwangsverheiratung soll ein eigener Straftatbestand werden.<br />

Immer mehr Bundesländer planen, muslimischen Religionsunterricht einzuführen,<br />

viele sind in der Erprobungsphase weit fortgeschritten. In mehreren großen Städten<br />

in Deutschland sind große Moscheen in Planung. Beides ist Ausdruck der Religionsfreiheit<br />

und beides dokumentiert, dass der <strong>Islam</strong> Teil der deutschen Gesellschaft geworden<br />

ist, wie Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble es formuliert hat. Alle Seiten<br />

haben hier die Pflicht, Konfrontationen zu entschärfen, den Dialog zu suchen und<br />

die Religionsfreiheit als Kernfreiheit demokratischer Staaten anzuerkennen. Probleme<br />

entstehen dort, wo bestimmte Gruppen Religionsfreiheit in Anspruch nehmen, aber<br />

nicht bereit sind, unsere grundgesetzliche Ordnung zu akzeptieren. Hier müssen beide<br />

Seiten einander entgegenkommen und zu Veränderungen bereit sein. Dem dient auch<br />

die <strong>Deutsche</strong> <strong>Islam</strong>konferenz, die seit September 2006 auf Einladung des Bundesinnenministers<br />

tagt.<br />

Vielfalt in Einheit<br />

Vor 50 Jahren wurden in Rom die Römischen Verträge unterzeichnet, der Grundstein<br />

für unser Zusammenleben in Europa heute. Der Reichtum Europas ist die Vielfalt<br />

seiner Menschen. Sie leben zum ersten Mal in der Geschichte seit mehr als 50 Jahren in<br />

Frieden. So wie Europa zeichnen sich unsere Gesellschaften durch Vielfalt aus. Vielfalt<br />

bedeutet Bereicherung und Chance. Durch mehr Verständnis füreinander können wir<br />

Konflikte vermeiden.<br />

Dies gelingt nur als gemeinsame Anstrengung. Wir müssen für ein positives Verständnis<br />

werben und aus Erfahrungen anderer lernen. Zugleich stehen wir als Europäer in der<br />

Verantwortung für das, was an Europas Außengrenzen geschieht. Patroullienboote und<br />

Zäune reichen nicht. Sehen wir die Menschen: ihre zum Teil völlig unrealistischen Hoffnungen,<br />

die Schicksale ihrer Familien. Gemeinsam müssen wir dazu beitragen, die Situation<br />

in den Herkunftsländern zu verbessern. Nur dann können wir Zuwanderung steuern. Ich<br />

bin gegen eine Festung Europa und für ein Europa der Vielfalt, das seiner humanitären<br />

Verpflichtung gerecht wird. So wie wir Globalisierung gestalten wollen und müssen, so<br />

müssen wir Migration und Integration gestalten. Für das friedliche Zusammenleben in<br />

unseren Ländern, in Europa und in der Welt, ist keine Anstrengung zu groß.<br />

Weitere Informationen zur Integrationspolitik der Bundesregierung und zum Nationalen<br />

Integrationsplan finden Sie unter: www.integrationsbeauftragte.de; www.vielfalt-als-chance.de;<br />

www.zuwanderung.de.


Die neue italienische Einwanderungspoliti k<br />

Paolo Ferrero, Minister für soziale Solidarität<br />

Über Einwanderung sprechen bedeutet, so glaube ich, vor allem über Eingliederung<br />

zu sprechen. Es ist ein kompliziertes Problem und dies aus verschiedenen Gründen.<br />

Zunächst ist die Einwanderung ein strukturelles Phänomen, ein Phänomen, das<br />

seinen Ursprung in den Einkommensunterschieden zwischen nördlichen und südlichen<br />

Ländern des Erdballs hat. Aber die Mehrzahl der Bewohner der nördlichen Länder<br />

neigt dazu, diese Ursache nicht in Betracht zu ziehen und eine ambivalente Haltung<br />

einzunehmen. Einerseits wird der Bedarf an Arbeitskräften bejaht, andererseits neigt<br />

man jedoch dazu, die mit der Einwanderung verbundenen Störfaktoren sehr negativ zu<br />

beurteilen. Die Befürchtungen um den eigenen sozialen Status machen die Sache nicht<br />

einfacher.<br />

In Italien ist die Einwanderung ein sehr junges Phänomen, vor allem quantitativ.<br />

Wir sprechen hier von einem Land, das weiterhin dieses Phänomen aus der Perspektive<br />

eines armen Landes betrachtet, aus dem man sich verabschiedet, „um sein Glück zu<br />

machen“, wie es einmal hieß, und nicht aus der Perspektive eines reichen Landes, das<br />

Arbeitskräfte anzieht.<br />

Das neue Einwanderungsgesetz<br />

Mir sind die Schwierigkeiten, von der die politischen Auseinandersetzungen nur<br />

ein Aspekt sind, bewusst. Ich spreche von den zahlreichen politischen Konflikten, die<br />

den Weg der Verabschiedung des von Minister Amato und mir vorgelegten Gesetzes<br />

begleitet haben und begleiten werden. Bei Verabschiedung dieses Gesetzes durch das<br />

Parlament wird das sog. „Bossi-Fini-Gesetz“ endgültig der Vergangenheit angehören.<br />

Vermutlich ist die Frage der „Identität“ diejenige, die die meisten Konflikte und Meinungsverschiedenheiten<br />

auslösen wird. Mit diesem komplexen Problem sollte man sich<br />

nicht nur auf der politischen, sondern auch auf der kulturellen Ebene auseinandersetzen.<br />

Zunächst möchte ich einen kurzen Umriss des neuen Gesetzes liefern: Das Bossi-<br />

Fini-Gesetz muss ersetzt werden. Dafür gibt es verschiedene Gründe, von denen ich<br />

einen hervorheben möchte: das zur Zeit gültige Gesetz zwingt geradezu Hunderttausende<br />

von Migranten in die Illegalität.<br />

•<br />

Unsere Absicht mit dem neuen Gesetz ist es vor allem, die Bedingungen für<br />

die Zuwanderung in Italien radikal zu verändern. Hierfür haben wir verschiedene<br />

Zugangswege vorgesehen und haben versucht, die weniger formalisierten Zugangswege<br />

ans Licht zu bringen, um so die illegale Zuwanderung einzuengen, die durch<br />

die Strenge des Bossi-Fini-Gesetzes unvermeidlich war. Diese Vielfalt der Zugangswege<br />

sollte Angebot und Nachfrage nach Arbeitskräften angleichen – etwas das in<br />

anderen Ländern längst geschieht.<br />

•<br />

Überdies haben wir eine bedeutende Verlängerung der Gültigkeitsdauer (bis<br />

zur doppelten Dauer) von Aufenthaltsgenehmigungen vorgesehen. Die Genehmigungen<br />

werden auch während ihrer Erneuerung gültig sein, also in der Genehmigungsphase,<br />

nachdem die alte Aufenthaltsberechtigung abgelaufen ist. Die Zuständigkeit<br />

hierfür soll in die Kompetenz der Gemeinden übergehen.<br />

39


40<br />

• Das neue Gesetz sieht auch das aktive und passive Wahlrecht der Migranten<br />

auf lokaler Ebene sowie eine andere Behandlung der unbegleiteten Minderjährigen<br />

vor. Praktisch heißt dies, dass bei Vollendung des achtzehnten Lebensjahres ihr<br />

weiterer Aufenthalt in Italien erleichtert und ein Fonds für ihre soziale Eingliederung<br />

eingerichtet wird.<br />

• Darüber hinaus wird das Thema „Zuwanderung“ wieder in die gewöhnliche<br />

Rechtsprechung zurückgeführt. Damit wird die Rechtsprechung des Friedensrichters<br />

und auch das System der CPT (Centro di Permanenza Temporanea [Durchgangslager<br />

für ausländische Bürger ohne reguläre Aufenthaltserlaubnis]) wie wir es bislang<br />

kennen, überwunden. Die Bedeutung der CPT für die Zuwanderer – sowohl<br />

bezüglich der potentiell Betroffenen als auch der Anzahl der CPT – wird drastisch<br />

eingeschränkt. Wir wollen die Transparenz der CPT erhöhen und den Zugang für<br />

Journalisten und Vertreter der Gebietskörperschaften ermöglichen.<br />

• Was wir vorlegen, ist ein Gesetz, das die Aufenthaltsberechtigung zum Zweck<br />

der Arbeitsaufnahme abschafft und die Beziehung zwischen Arbeitsplatz und regulärer<br />

Aufenthaltserlaubnis weniger stringent gestaltet. Es wird die Überführung<br />

aller Zuwanderer in einen regulären Status nach einem Aufenthalt von wenigstens<br />

achtzehn Monaten ermöglicht, sofern sie nach dem Verlust der Bedingungen für<br />

einen regulären Aufenthalt wieder eine Arbeit gefunden haben.<br />

•<br />

Im Übrigen sehen wir für alle Zuwanderer, die sich bereits zwei Jahre in Italien<br />

aufhalten, alle Formen der sozialen Fürsorge vor.<br />

Unser Gesetzesentwurf zielt also darauf ab, das Phänomen der Zuwanderung aus<br />

der Notstands-Logik zu befreien und es einer rationalen Behandlung zu unterziehen.<br />

Es empfiehlt sich daran zu erinnern, dass die letzten Jahre bei uns von einer illegalen<br />

Zuwanderung bedeutenden Ausmaßes gezeichnet waren. Deswegen erscheint<br />

uns der erste Punkt so wichtig, der über eine Vielfalt der Zugangswege eine geordnete<br />

Zuwanderung – im Rahmen der Zuwanderungsquoten – ermöglicht. Während wir also<br />

an der Änderung der Gesetze arbeiten, müssen wir jedoch gleichzeitig die staatlichen<br />

Zuständigkeiten klären, besser gesagt die staatlichen Verfahrensweisen verbessern und<br />

anpassen, um den gesamten Komplex besser handhaben zu können.<br />

Einem <strong>Deutsche</strong>n mag dies merkwürdig erscheinen: ein Migrant, der die italienische<br />

Staatsbürgerschaft beantragt, muss in Italien für die bloße Empfangsbestätigung<br />

der Behörden in etwa genau so viele Jahre in Rechnung stellen, wie in anderen Ländern<br />

für die Gewährung der Staatsbürgerschaft nötig ist. Ich möchte dies an einem Beispiel<br />

erläutern. Heute bedarf es in Italien eines zehnjährigen Aufenthalts, um die Staatsbürgerschaft<br />

zu beantragen. Zu diesen zehn Jahren kommen weitere sechs oder sieben<br />

Jahre für die Antwort der Behörden hinzu. Für Migranten, die die Verlängerung ihrer<br />

Aufenthaltserlaubnis beantragt haben, beträgt die durchschnittliche Wartezeit über<br />

sechs Monate. Wir sprechen hier über Menschen, die während der Wartezeit blockiert<br />

sind und Italien nicht verlassen dürfen.<br />

Ein weiteres Beispiel: Italien hat ein weitverzweigtes Netz von Botschaften und<br />

Konsulaten in den Zielländern der italienischen Auswanderung (Schweiz, Deutschland,<br />

Vereinigte Staaten, Schweden), verfügt jedoch nicht über ein entsprechendes Netz in<br />

den Herkunftsländern der Zuwanderer. Dies macht es unendlich schwierig die Wanderungsströme<br />

nach Italien zu regulieren.<br />

Insofern stehen wir nicht nur vor einer Änderung der bestehenden Gesetze, son-


dern auch vor einer Änderung der konkreten staatlichen Funktionsweisen gegenüber<br />

den Einwanderern. Hierzu braucht es viel Zeit. Eine – wie auch immer geartete – Gesetzesänderung<br />

reicht nicht aus, denn vom geschriebenen Gesetz bedarf es der Schritte<br />

zur reibungslosen und gerechten Umsetzung.<br />

Marschrichtung der Migrati onspoliti k<br />

Zuallererst: die Vermeidung von Gettos und territorialer Ausgrenzung. Banlieues<br />

bestehen in Italien nicht. Die Einwanderung knüpft in Italien, anders als in Frankreich<br />

oder Deutschland, nicht an die große fordistische Fabrik, sondern an viele kleine Produktionseinheiten<br />

im Land. Daher verfügen wir nicht über große, von Einwanderern<br />

geprägte Vororte. Trotzdem haben wir kleine Gettos, die völlig heruntergekommen<br />

sind.<br />

Der inzwischen verabschiedete Migrationsfonds, der über fünfzig Millionen Euro<br />

verfügt, wird zur Hälfte für die Beseitigung von Gettos und die soziale Eingliederung<br />

der Menschen in das Wohnumfeld der Städte verwandt. Mit einigen lokalen Behörden<br />

leisten wir hier hervorragende Arbeit, zum Beispiel in Padua und Brescia: hier heißt es,<br />

am Ball zu bleiben und unsere Aktivitäten auszuweiten. Wir sagen ein striktes Nein<br />

zur Ausgrenzung und müssen aufpassen, dass keine Stadtviertel entstehen, die nur aus<br />

Bewohnern einer Nationalität bestehen oder sich auf die Diskriminierung von Einwanderern<br />

gründen.<br />

Zweitens: die Bedeutung der Unterrichtung der italienischen Sprache. Unserer Ansicht<br />

nach ist die Kommunikationsfähigkeit die Voraussetzung für die Veränderung der<br />

Lebensverhältnisse eines Menschen, die ihm die Möglichkeit gibt, eine Beziehung zu<br />

einer Gemeinschaft aufzubauen, die sich von der eigenen Herkunftsgemeinschaft unterscheidet.<br />

Es besteht deshalb die absolute Notwendigkeit die italienische Sprache als<br />

Kulturträger, als allgemeine Ausdrucksform durchzusetzen.<br />

Ein großer Anteil des Integrationsfonds wird Schulen und Kurse finanzieren, die<br />

von Vereinigungen bürgerschaftlichem Engagements und der sozialen Solidarität getragen<br />

werden, von den Kirchen bis zu den Gewerkschaften, die bisher auf informeller<br />

Ebene gearbeitet haben. Wir werden diese lokalen Initiativen unterstützen und ausweiten.<br />

Wir haben bereits in Zusammenarbeit mit dem islamischen Kulturzentrum einen<br />

Versuch mit der römischen Moschee gestartet. Wir lancieren zwei Kurse, einen in Italienisch,<br />

einen anderen in staatsbürgerlicher Erziehung. Diese Kurse zielen vor allem<br />

auf Frauen, auch weil es vielleicht für eine islamische Einwanderin von fünfzig Jahren<br />

einfacher ist, in einer Moschee Italienisch zu lernen als in einer öffentlichen Schule. Auf<br />

diese Art wollen wir Italienischkurse dorthin bringen, wo sich die Migranten treffen.<br />

Auf ähnliche Weise arbeiten wir mit dem Bildungsministerium an einem Programm<br />

zur Gewährleistung der Schulpflicht für junge Migranten oder Migrantenkinder. Tatsächlich<br />

ist die Quote von Jungen und Mädchen, die die Schule vorzeitig verlassen mit<br />

über 25% sehr hoch.<br />

Im Hinblick auf die Verbreitung der Sprache sind wir auch in Verhandlungen mit<br />

der RAI [öffentlich-rechtliches Fernsehen Italiens] wegen der Wiederausstrahlung<br />

eines Programms aus den sechziger Jahren. Italiener eines gewissen Alters werden<br />

sich daran erinnern. Es hieß „Non è mai troppo tardi“ [„Es ist niemals zu spät“] und<br />

stand unter der Verantwortung des Grundschullehrers Alberto Manzi. Er brachte<br />

die Grundbegriffe unserer Sprache denjenigen bei, denen diese nicht so geläufig war.<br />

41


42<br />

Dieses Angebot sollte jetzt über das öffentlich-rechtliche Fernsehen den Zuwanderern<br />

gemacht werden. (Erinnern wir uns, dass der italienische Nationalstaat jung ist. Leute<br />

wie mein Vater zum Beispiel lernten das Italienische nicht zu Hause, sondern in der<br />

Schule. Zu Hause sprach jeder einen anderen Dialekt.) Wir sind dabei, eine gegliederte<br />

Struktur für die Unterrichtung und Verbreitung der italienischen Sprache aufzubauen.<br />

Ausgehend von den Kindern, also von den öffentlichen Schulen, wollen wir bis zu den<br />

Erwachsenen über die finanzielle Unterstützung von Ehrenamtlichen Italienisch unterrichten<br />

und in diesen Prozess die Massenkommunikationsmittel, jedenfalls die am<br />

weitesten verbreiteten, einbeziehen.<br />

Drittens: Im Mittelpunkt steht die italienische Verfassung. Wir möchten ins öffentliche<br />

Bewusstsein und in das konkrete Handeln – nicht nur bei Migranten, sondern<br />

in unseren Gemeinschaften – alle bürgerlichen Grundsätze, Grundrechte und Grundpflichten<br />

sowie soziale Rechte rücken, die das Fundament unseres Zusammenlebens<br />

sind - oder sein sollten - und in unserer Verfassung verankert sind. Es geht um Demokratie,<br />

Gleichheit, Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, Religionsfreiheit<br />

und Meinungsfreiheit. Wir wollen uns auf die Verfassung konzentrieren und spezifische<br />

Gesetze vermeiden.<br />

Beispielsweise halte ich es für verfehlt, Gesetze über Fragen des Brauchtums zu<br />

erlassen. Ich denke an die italienische Diskussion über die Notwendigkeit, gesetzlich<br />

den Gebrauch des Schleiers zu verbieten. Ich habe mich nachhaltig dagegen engagiert,<br />

denn wir sollten uns auf grundsätzliche Fragen des zivilen Zusammenlebens<br />

beschränken. Ich glaube, dass wir gerade in Achtung der Verfassung niemanden dazu<br />

zwingen dürfen, zwischen dem Brauchtum seines Herkunftslandes sowie seiner Glaubenszugehörigkeit<br />

und dem Leben in Italien wählen zu müssen. Wir haben uns auf<br />

die grundlegenden, für das zivile Zusammenleben unabdingbaren Elemente und nicht<br />

auf äußere Erscheinungsformen, auf Fragen des Brauchtums, die historisch begründet<br />

sind, zu konzentrieren. Ich glaube, bei letzteren sollten wir die Freiheit der Wahl gewährleisten.<br />

Fragen des Brauchtums dürfen nicht zu Konflikten, zu eindeutigen Vorgaben<br />

führen. Wir können weder eine Treue zum italienischen Staat erzwingen, noch eine<br />

Zuordnung zur eigenen, sozusagen ursprünglichen, Identität fördern.<br />

Ich bin überzeugt, dass die Laizität des Staates für die Integration und den sozialen<br />

Zusammenhalt entscheidend ist, denn gerade in der Laizität finden wir die grundlegenden<br />

Elemente des zivilen Zusammenlebens. Ich bringe immer das Beispiel meiner Großmutter,<br />

die ein Kopftuch trug, und meiner Tochter, die einen Minirock anzieht. Meine<br />

Großmutter wäre niemals im Minirock herumgelaufen, noch würde meine Tochter ein<br />

Kopftuch tragen. Beide sind sie jedoch Italienerinnen. Die Bräuche ändern sich, wenn sie<br />

es nicht sind, die die Identität begründen oder – schlimmer – erzwingen. Wir sind es,<br />

die wir diese Zwangslage vermeiden müssen und Menschen nicht auf einen einzelnen<br />

Aspekt ihrer Identität, den des Migrantseins, reduzieren dürfen.<br />

Letztlich geht es darum, die Verfassung als zentrales Gesetz ohne weiteres Beiwerk<br />

anzunehmen. Wie es in der Bibel heißt: „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was<br />

darüber ist, das ist vom Übel.“ Dies ist aus meiner Sicht die zentrale Bedeutung der<br />

Verfassung. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.<br />

Erweiterung der sozialen, bürgerlichen und religiösen Rechte<br />

Ausgehend von diesen Voraussetzungen wollen wir zuallererst auf eine substanti-


elle Erweiterung der sozialen Rechte hinarbeiten. Wir wollen, dass, jeder der in Italien<br />

arbeitet, dieselben Rechte wie ein Italiener genießt. Es bedarf eines universalistischen<br />

Wohlfahrtsstaats, der alle einschließt, da alle, die auf italienischem Boden leben und<br />

arbeiten, zur Finanzierung des Sozialstaats beitragen. Es ist übrigens interessant festzustellen,<br />

dass die Beschäftigungsquote der italienischen Bevölkerung 57% beträgt,<br />

während die entsprechende Rate bei den regulären Migranten in Italien bei 67% liegt.<br />

Das bedeutet, dass die Migranten proportional stärker als die Italiener zur Finanzierung<br />

des Sozialsystems beitragen. Darum müssen der Wohlfahrtsstaat und die sozialen<br />

Rechte für alle gleichermaßen gelten.<br />

Zweitens: Es bedarf der schrittweisen Ausweitung der bürgerlichen Rechte. Da rum<br />

haben wir das kommunale Wahlrecht, die längere Gültigkeit der Aufenthaltserlaubnis<br />

und die Vereinfachung des Antragsverfahrens, für das künftig die Einwohnermeldeämter<br />

der Gemeinden zuständig sein sollen, sowie die Überwindung des besonderen<br />

Strafrechts für Migranten vorgesehen.<br />

Zuletzt, jedoch nicht weniger wichtig: Notwendig ist ein Gesetzes, das die Religionsfreiheit<br />

anerkennt und respektiert. Dies bedeutet die Übersetzung des Verfassungsauftrags<br />

in die Verfassungswirklichkeit. Was ich hier sage, mag in Deutschland<br />

merkwürdig klingen, aber in Italien gilt immer noch ein Gesetz über die „zugelassenen<br />

Kulte“. Es handelt sich um ein Gesetz aus dem Jahr 1929 und betrifft die von der katholischen<br />

Religion verschiedenen Kulte. Damals befanden wir uns in der Blüte des<br />

Faschismus und es handelte sich um ein Polizeigesetz. Heute sehen wir die Notwendigkeit,<br />

ein neues Gesetz über die Religionsfreiheit zu verabschieden, ein Gesetz, das die<br />

Verfassungsordnung, so wie sie seit über fünfzig Jahren in Kraft ist, widerspiegelt.<br />

Diese drei Elemente (soziale Rechte, bürgerliche Rechte und Religionsfreiheit)<br />

haben ein einfaches Ziel: der eingewanderten Person die Achtung ihrer wesentlichen<br />

Rechte, ihrer Grundrechte zu gewährleisten. Gleichzeitig fordern wir vom Migranten<br />

die Achtung der Verfassung und das Erlernen der italienischen Sprache. Der Migrant<br />

darf nicht dazu gedrängt werden, sich über die Zugehörigkeit zu einer abgeschlossenen<br />

Gemeinschaft behaupten zu müssen. Dem Migranten muss die Möglichkeit gegeben<br />

werden, in der Mitte unserer Gesellschaft zu leben. Der Migrant wie die Migrantin<br />

dürfen sich nicht so schwach fühlen, dass sie einem tribalen Abwehrmechanismus gehorchend,<br />

sich gezwungen fühlen, Schutz in einer Gruppe zu suchen.<br />

Ich denke, dass die Formen von Gemeinschaft, die sich in westlichen Ländern unter<br />

den Migranten herausbilden, keine Residuen einer ursprünglichen Identität sind, sei<br />

sie nun religiös oder national. Ich glaube es handelt sich hier um neue, von Menschen<br />

mit Migrationshintergrund entwickelte Formen der Verteidigung. Sie tun dies in einer<br />

Situation, in der sie sich gefährdet fühlen. Ich glaube sie haben eine Wahrnehmung, die<br />

mehr oder weniger so lautet: „Besser in der Gruppe beisammen, allein machen sie uns<br />

fertig und achten uns nicht“. Die Grundrechte, die das Fundament unserer Verfassung<br />

bilden, müssen vom italienischen Staat und nicht durch eigenständige Gemeinschaften<br />

gewährleistet werden.<br />

Staatsangehörigkeit, Arbeit, Identi tät<br />

Abschließend wende ich mich dem Komplex der zweiten Generationen sowie der<br />

Frage, wie wir dieses Gesetz auf den Weg gebracht haben, zu. Ich glaube ganz allgemein,<br />

dass die Staatsbürgerschaft weniger ein Schlusspunkt als eine Etappe eines<br />

43


44<br />

Prozesses darstellt. Das sieht man sehr gut an der zweiten Generation. Auch wenn sie<br />

zum großen Teil bereits die Staatsbürgerschaft besitzt, weisen die jungen Migranten<br />

und Migrantinnen eine komplexe Problematik auf.<br />

Nehmen wir zum Beispiel die Arbeit. Die Art der Beschäftigung, die von der ersten<br />

Generation als Segen betrachtet wurde, wird von der zweiten nicht gleichermaßen akzeptiert.<br />

Im Durchschnitt tun die Migranten das, wofür die Italiener sich inzwischen<br />

zu schade sind: sie arbeiten in Gießereien, in Ackerbau und Viehzucht, als Hirten und<br />

Haushaltshilfen mit langen Arbeitszeiten und sehr niedrigem Einkommen. Alles Arbeiten,<br />

die die Italiener ablehnen. Aber die Kinder der Einwanderer werden nicht mehr in<br />

diesem Maße bereit sein, solche Tätigkeiten zu verrichten.<br />

Das ist kein geringes Problem, denn dieselbe Arbeit, die für Vater oder Mutter einen<br />

Beginn im fremden Land darstellte, wird von der zweiten Generation als Element<br />

von Ausgrenzung bzw. Diskriminierung angesehen. Dies ist ein entscheidender Punkt,<br />

der Konsequenzen für die schulische und berufliche Bildung hat. Wir müssen die italienischen<br />

Gesetze ändern, angefangen beim Gesetz Nr. 30 (Gesetz zur Flexibilisierung<br />

des Arbeitsmarktes), damit der Arbeitsmarkt nicht zu stark segmentiert wird. Wenn<br />

heute diese Segmentierung noch nicht als Problem erkannt wird, dann deshalb, weil sie<br />

mit immer neuen Wellen der Zuwanderung zugedeckt wird. In zehn Jahren wird diese<br />

Segmentierung ein großes Problem darstellen.<br />

Ein anderes Element, das unsere Aufmerksamkeit verdient, betrifft die Identität.<br />

Wir haben uns daran gewöhnt, über die Migranten in allgemeiner Form zu sprechen.<br />

Das ist schon an für sich ein wenig lächerlich, denn unter den Migranten gibt es Algerier<br />

sowie Chinesen oder Brasilianer, also Personen, die miteinander nichts anderes<br />

gemein haben als die Tatsache, eines Tages in Italien angekommen zu sein. Wenn man<br />

hier bei uns von Migranten spricht, scheint man sich fast in einem dieser Bilder zu befinden,<br />

die New York darstellen, wo die Stadt bei der Vierten oder Fünften Straße aufhört,<br />

und der Rest in einem ununterscheidbaren Hintergrundgebilde, einem Amalgam<br />

verschwimmt. Das mag für die erste Generation gelten. Für die zweite gilt dies nicht,<br />

denn wer in Italien geboren ist oder einen beträchtlichen Teil seines Lebens in Italien<br />

verbracht hat, betrachtet sich nicht in erster Linie als Kind von Einwanderern, sondern<br />

geht von den eigenen Erfahrungen aus.<br />

Stark hat mich ein Mädchen dunkler Hautfarbe der zweiten Generation beeindruckt.<br />

Sie sprach im römischen Dialekt, war Fan des A.S. Roma und fühlte sich als<br />

Römerin. Sie sagte mir eines Tages: „Ich bin in Rom geboren und dass ich eine dunkle<br />

Hautfarbe habe, bemerke ich nur, wenn andere es mir sagen“. Wir müssen aufpassen,<br />

dass wir die Identität dieses Mädchens nicht nur auf einen Aspekt reduzieren, dem<br />

ihrer Hautfarbe, der für sie keineswegs das grundlegende Element ihrer Identität darstellt.<br />

Wir müssen die plurale Identität von uns allen anerkennen (so bin ich männlich,<br />

Italiener, Kommunist, Waldenser, weiß, derzeit Minister und liebe Bergwanderungen).<br />

Deswegen können wir in Bezug auf die erste Generation vielleicht noch denken, dass<br />

wir es mit „Zuwanderern“ zu tun haben, der zweiten Generation müssen wir eine plurale<br />

Identität zuerkennen. Daher kann die Wahrnehmung dieser jungen Leute nur als<br />

Kinder eines Immigranten, d. h. durch die Hervorhebung nur eines Aspekts gegenüber<br />

all dem, was sie wirklich sind, aus ihrer Sicht zu einer Form unannehmbarer Diskriminierung<br />

werden.<br />

Ich möchte dieses Konzept der subjektiven Wahrnehmung von Diskriminierung


und ihre Unannehmbarkeit hervorheben. Es gibt Dinge, die für die erste Generation<br />

annehmbar sind. Die erste Generation erträgt eine Reihe von Dingen, die sie nicht<br />

für diskriminierend hält. Womöglich weiß der Immigrant der ersten Generation, dass<br />

bestimmten diskriminierenden Vorfällen eine Ungerechtigkeit zugrunde liegt, aber er<br />

nimmt sie hin. Vielleicht reibt er sich daran, es herrscht jedoch ein größerer Grad an<br />

Bereitschaft, dies zu akzeptieren. Für die zweite Generation wird die Diskriminierung<br />

unannehmbar, denn die jungen Leute sehen zu Recht nicht ein, welcher Unterschied<br />

zwischen ihnen und ihren Gleichaltrigen bestehen soll, die dieselbe Schule besuchen,<br />

dieselbe Sprache sprechen und bisher genau denselben Werdegang haben. Ich denke,<br />

man muss die Idee der pluralen Identität akzeptieren und, dass es Beziehungen gibt,<br />

die die Identität ändern. Wenn wir viele sind, so modifiziert sich über die Beziehungen<br />

die Identität von allen, nicht nur die der zuletzt Gekommenen. Dies ist der entscheidende<br />

Ansatzpunkt, der verhindern kann, dass die zweite, dritte, vierte Generation ex<br />

novo geschlossene Gemeinschaften bilden, die in unserer westlichen Welt zu einer Art<br />

konkreter Apartheid führen könnten.<br />

Ich glaube nicht, dass das strategische Problem bei der ersten Generation liegt.<br />

Die Herausforderung unserer Zeit liegt darin, das Fortbestehen der westlichen Grundwerte,<br />

Freiheit, Demokratie, Menschenwürde, letztlich die Werte der Französischen<br />

Revolution, die sozialen Rechte und die Anerkennung pluraler Identitäten zusammenzubringen.<br />

Es geht um die entscheidende Frage, ob die Tatsache Migrant zu sein, zum<br />

diskriminierenden Merkmal der zweiten, dritten, vierten Generation wird. Mit anderen<br />

Worten, die Perspektive der Kinder von Einwanderern darf weder in der Gettoisierung<br />

noch in einem Selbstverständnis einer in sich abgeschlossenen Identität liegen.<br />

Ich will noch kurz auf den durch öffentliche Beteiligung geprägten Werdegang unseres<br />

Gesetzentwurfs und darauf, wie wir gearbeitet haben, hinweisen sowie von der aktiven<br />

Beteiligung an diesem Gesetzentwurf und der umfangreichen und reichhaltigen<br />

Debatte in diesen Monaten berichten. Viele haben daran teilgenommen: Gemeinden, Verbände,<br />

Gewerkschaften, Unternehmer. Viele Vorschläge wurden gemacht, es wurde viel<br />

polemisiert – wie es eben normal ist. Auch wenn dieses Gesetz den Forderungen, die von<br />

Einzelpersonen und vielen Verbänden eingebracht wurden, nicht vollständig nachkommt,<br />

so glaube ich doch, dass es im Falle seiner Verabschiedung eine echte Wende in der Einwanderungspolitik<br />

darstellt und die Einwanderung von einem Problem der öffentlichen<br />

Ordnung zu einer großen sozialen und kulturellen Herausforderung wird.<br />

Wenn nämlich die Kriterien, aufgrund derer eine Person in einem CPT landen<br />

kann, erheblich eingeschränkt werden und wenn die Bedingungen für Transparenz, die<br />

wir für denjenigen erlangen wollen, der in ein CPT gelangt, verbessert werden, können<br />

wir dann hoffen, mit der Zeit auf das allgemeine Bewusstsein einen positiven Einfluss<br />

zu haben? Für das allgemeine Bewusstsein scheint mir noch eine andere vorgeschlagene<br />

Gesetzesnorm relevant zu sein: die Legalisierung der Migranten, die sich achtzehn<br />

Monate in Italien aufgehalten haben, auch wenn sie sich am Ende mit einer Schwarzarbeit<br />

arrangiert haben. Ich hoffe, dies sind Maßnahmen, die dazu dienen können, die<br />

Gleichung Immigrant gleich Illegaler gleich Delinquent aufzulösen.<br />

Danksagung an die anti rassisti sche Bewegung<br />

Das was wir erreicht haben, verdanken wir zuallererst dem Erfolg der antirassistischen<br />

Bewegung, sich mit enormer Anstrengung im Land verankert zu haben. Die<br />

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46<br />

Verbände, die Ehrenamtlichen haben nicht nur sehr viel, sondern auch gut gearbeitet.<br />

Ihre Arbeit ist zu einem Gutteil den lokalen Behörden zugeflossen, hat sie beeinflusst<br />

und ihnen neue Impulse gegeben.<br />

Was mich als Minister betrifft, so habe ich versucht, Kanäle und Wege zu öffnen,<br />

damit diese Vorarbeiten, vor allem diese weit verbreitete politische Praxis, Eingang in<br />

die Formulierung des Gesetzes finden konnte. Unter diesem Gesichtspunkt waren die<br />

Anhörungen in den regionalen Versammlungen und die nationalen Treffen mit den<br />

Verbänden entscheidende Elemente für die Gesetzeserarbeitung. Der endgültige Wortlaut<br />

ist also das Ergebnis eines politischen Ansatzes, der darauf abzielt, die Politik mit<br />

der sozialen Praxis zu verbinden, indem wir Prozesse der Teilhabe in Gang setzten, um<br />

eine selbstbezogene Abgehobenheit der Politik zu verhindern. Ich glaube, unsere Arbeit<br />

muss fortgesetzt werden, wenn wir unser Land insgesamt ziviler und insbesondere<br />

ziviler gegenüber den Migranten gestalten wollen.<br />

Wir müssen weiter machen und die Grundlagen dafür schaffen, den Rechtspopulismus<br />

zu besiegen, der im Rassismus, in der Mobilisierung von Ängsten und in der Spaltung<br />

der Arbeitnehmer seine Stärke hat. Das müssen wir wissen, wenn wir eine Gesellschaft<br />

schaffen wollen, in der ein ziviles Zusammenleben möglich ist, in der die Vielfalten<br />

ihre Wertschätzung ohne Hierarchien oder Ausgrenzung erfahren können.<br />

Moderne Einwanderungs- und Integrati onspoliti k muss<br />

mehr für Chancengleichheit und Anerkennung tun –<br />

Integrati on ist Querschnitt spoliti k<br />

Dr. Lale Akgün, Mitglied des Bundestags, migrati onspoliti sche Sprecherin und<br />

<strong>Islam</strong>beauft ragte der SPD-Bundestagsfrakti on<br />

In meinem Beitrag werde ich mich auch kritisch mit der Einwanderungs- und Integrationspolitik<br />

der Bundesregierung auseinandersetzen, insbesondere mit dem, was<br />

auf Bundesebene in den vergangenen Monaten getan wurde. Es gibt noch viel zu tun<br />

und zu verändern.<br />

Integrati onspoliti k ist die Konsequenz von Einwanderung<br />

Zunächst einmal möchte ich kurz vorausschicken, was Integrationspolitik für mich<br />

eigentlich bedeutet: Integrationspolitik ist für mich eine kurzfristige Folge von Einwanderungspolitik<br />

– daher sind beide Politikbereiche eng miteinander verknüpft. In<br />

Kanada hat man eine genaue Vorstellung von Integration: Gemeint ist die Förderung<br />

und Qualifizierung von Einwanderern in der ersten Zeit nach ihrer Einreise, also eine<br />

Art Umzugs- und Orientierungshilfe bei der Suche nach Arbeit, Wohnung, Sprachkursen,<br />

Netzwerken und Kontakten.<br />

Integrationspolitik ohne Einwanderung ist jedoch wie Kochen ohne Topf – sie<br />

funktioniert nicht. In der Politik spricht man daher derzeit gerne von „nachholender<br />

Integration“. Dieser Begriff ist dann berechtigt, wenn gemeint ist, dass Kinder von


Zuwanderern eine zusätzliche Förderung erfahren sollen, die ihren Eltern bei deren<br />

Zuwanderung in Ermangelung einer Integrationspolitik verwehrt war. Der Begriff<br />

„nachholende Integration“ ist aber dann geradezu gefährlich, wenn er all denjenigen,<br />

die nachholend integriert werden sollen, unterstellt, sie seien nicht Teil dieser Gesellschaft.<br />

Unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung<br />

Maria Böhmer sprechen gerne von 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund,<br />

die mittels nachholender Integration zu fordern und fördern seien.<br />

15 Millionen Menschen wird somit unterstellt, sie seien kein oder zumindest nur ein<br />

unvollständiger Teil dieser Gesellschaft. So zu argumentieren ist gefährlich und ein<br />

sozialer Sprengsatz für unsere gesamte Gesellschaft. Es geht nicht um die Integration<br />

von 15 Millionen Menschen in Deutschland. Es geht vielmehr um die Unterstützung<br />

einiger Menschen, denen wir aufgrund verschiedenster Defizite (Bildung, Mangel an<br />

Arbeits- oder Ausbildungsplatz und vielem mehr) und aus unterschiedlichsten Gründen<br />

die Chance auf eine aktive Teilnahme an unserem gesellschaftlichen Leben ermöglichen<br />

müssen. Dies funktioniert aber nur, wenn man die einzelnen Menschen kennt<br />

und gezielt auf sie eingehen kann. Nur auf der kommunalen Ebene ist das möglich. Die<br />

nationale Ebene ist eine Nummer zu groß und führt dazu, dass man immer nur abstrakt<br />

über Probleme spricht statt die Einzelfälle vor Ort unter die Lupe zu nehmen.<br />

Ein nationaler Integrationsgipfel in dieser Größe und mit diesem Aufwand war daher<br />

ziemlich überflüssig: Die Erwartungen, die an ihn gerichtet sind, können gar nicht<br />

erfüllt werden. Es hätte gereicht, sich ein Mal zu treffen, um über Leitlinien zu sprechen.<br />

Der erste Integrationsgipfel hatte daher sicherlich einen wichtigen Symbolwert,<br />

weil sich zum ersten Mal Migrantenverbände mit der Bundeskanzlerin getroffen haben.<br />

Die Nachfolgeveranstaltungen bringen jedoch nicht viel, da der Bund in den meisten<br />

Fragen der Integration ohnehin nicht zuständig ist. Entsprechend nebulös bleibt<br />

daher auch der Text des „Nationalen Integrationsplans“. Er enthält auf 200 Seiten eine<br />

Flut von Allgemeinplätzen und Absichtserklärungen. Über die Umsetzung und die<br />

Finanzierung findet sich darin sehr wenig, weil diejenigen, die da am Tisch sitzen, gar<br />

nicht darüber entscheiden können. Verbindliche Zusagen kann der Bund eigentlich nur<br />

bei der Verbesserung der Integrations- und Sprachkurse für Neuzuwanderer machen.<br />

Aber dafür braucht man nicht 250 Experten, sechs Arbeitsgruppen und große Medienevents.<br />

Das wurde längst schon in den Fachausschüssen des Bundestages erarbeitet.<br />

Die kommunale Ebene ist die eff ekti vste<br />

Auf kommunaler Ebene gibt es in vielen Städten und Kommunen, zum Teil auch<br />

auf Stadtteilebene, lokale Integrationsbündnisse, die sehr erfolgreich arbeiten. Sie sind<br />

erfolgreich, weil sie spezifisch auf die Situation vor Ort eingehen können und in der<br />

Lage sind, Verwaltung, Politik, Wohlfahrtsverbände, Migrantenorganisationen und<br />

Unternehmen zu vernetzen und einzubinden, und zwar mit konkreten Zuständigkeiten<br />

und verbindlichen und überprüfbaren Zielen. Diese Verbindlichkeit fehlt einem nationalen<br />

Gipfel.<br />

Der „Kölnberg“ in meinem Wahlkreis in Köln ist ein gutes Beispiel für eine gelungene<br />

Zusammenarbeit vor Ort. Bei der Lehrstellensuche für die jungen Leute ist die<br />

kleinräumige Arbeit vor Ort besonders wichtig. Dort haben sich alle maßgeblichen Akteure<br />

zu einem runden Tisch zusammengeschlossen. Man kennt die problematischen<br />

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48<br />

Jungs, man kennt die ansässigen Firmen und hat es durch persönliche Kontakte geschafft,<br />

möglichst viele Jugendliche unterzubringen und zu begleiten. Dieser persönliche<br />

Kontakt wäre in großräumigen Zusammenhängen gar nicht möglich, erst recht<br />

nicht auf nationaler Ebene.<br />

Die gesellschaft liche Integrati on<br />

Etwas anderes ist es, wenn wir von gesellschaftlicher Integration sprechen. Das<br />

heißt für mich als Sozialdemokratin in erster Linie, dass wir für Gleichberechtigung<br />

und Chancengleichheit sorgen müssen. Und zwar nicht nur in Bezug auf Menschen<br />

mit so genanntem Migrationshintergrund, sondern für alle. Die größer werdende<br />

Schere zwischen Arm und Reich und zwischen Menschen mit guten und schlechten<br />

Bildungschancen darf von uns nicht hingenommen werden. Dabei sind für mich zwei<br />

Stichworte besonders wichtig: soziale Integration und Anerkennung. Soziale Integration<br />

heißt für mich insbesondere, dass wir der jungen Generation gerechte Chancen<br />

auf eine gute Bildung und Ausbildung ermöglichen müssen. Dabei sollten wir uns<br />

erinnern, dass wir in den Sechziger-Jahren ganz gezielt Niedrigqualifizierte als Arbeitskräfte<br />

angeworben haben. Die Frage der Bildungsferne trifft die erste Einwanderergeneration<br />

und deren Nachkommen also ganz besonders. Jahrzehntelang haben wir<br />

keine gezielte Integrationspolitik betrieben. Im Gegenteil: Spätestens seit PISA wissen<br />

wir, dass das deutsche Bildungssystem Bildungsferne und mangelnde Chancengleichheit<br />

systemimmanent vererbt.<br />

Angesichts dieser Geschichte ist Integration erstaunlicherweise vielfach gut gelungen,<br />

nicht wegen, sondern trotz der politischen Rahmenbedingungen. Wir haben immer<br />

mehr gut ausgebildete Menschen aus der zweiten und dritten Generation, vor allem<br />

Frauen, die Anwälte, Politikerinnen oder Unternehmerinnen geworden sind. Aber wir<br />

haben auch einen viel zu großen Anteil von jungen Menschen, die sozial ausgegrenzt<br />

bleiben. Eine Reform des Bildungssystems ist daher die größte und dringendste Baustelle,<br />

an der wir zu arbeiten haben. Das Ziel muss dabei ein möglichst langes gemeinsames<br />

Lernen sein. Das dreigliedrige Schulsystem in Deutschland ist für die Migrantenkinder,<br />

die zum großen Teil aus bildungsfernen Schichten stammen, kontraproduktiv. Bei der<br />

frühen Selektion, die unser Schulsystem heute ausmacht, sind alle sozial benachteiligten<br />

Kinder die Leidtragenden. Heute haben Akademikerkinder im Vergleich zu Arbeiterkindern<br />

die sechsfache Chance, die Schule mit dem Abitur abzuschließen.<br />

Anerkennung als Bürger dieses Landes<br />

Ein weiteres wichtiges Stichwort ist für mich das der Anerkennung. Bei der Anerkennung<br />

geht es darum zu sagen: „Ihr gehört zu uns, wir gehören zu Euch, wir alle sind<br />

Teil dieses Landes, egal, welche Herkunft oder welche Religion wir haben“. Nur wenn<br />

alle Menschen das Gefühl haben, anerkannt zu sein, können sie sich auch mit diesem<br />

Land identifizieren und sind bereit, Verantwortung für seine und die eigene Zukunft<br />

zu übernehmen. Von dieser Realität, dieser selbstverständlichen Anerkennung aller, als<br />

Teil dieser Gesellschaft, sind wir in der Realität jedoch leider weit entfernt.<br />

Ich fürchte im Gegenteil, dass in Deutschland eine Art neuer Rassismus hoffähig<br />

wird, der sich gezielt gegen Muslime richtet. Auf diese Gruppe werden alle Probleme<br />

dieser Gesellschaft projiziert. Themen wie Zwangsheirat oder Ehrenmorde werden


jetzt schon gerne missbraucht, um eine aggressive Diskussion anzufachen. Ich erlebe<br />

mit Schrecken, dass sich gerade die ultrakonservativen Politiker hervortun, die seit jeher<br />

ein konservatives Familienbild und das klassische Frauenbild der drei „K’s“ (Kinder,<br />

Küche, Kirche) predigen, also quasi das gleiche Familienbild wie konservative islamische<br />

Verbandsfunktionäre vertreten. Sie outen sich plötzlich scheinbar als glühende<br />

Feministen, wenn es um Frauenrechte im <strong>Islam</strong> geht. Das nützt aber nicht den Frauen,<br />

sondern schürt letztlich nur die Ressentiments. Ehrenmorde und Zwangsheiraten sind<br />

eine Randerscheinung. Da ist jeder Fall sicher einer zu viel. Aber das Thema wird<br />

aufgebauscht, um Ressentiments zu schüren und eine ganze Gruppe von Menschen,<br />

nämlich die Muslime, in Sippenhaft zu nehmen.<br />

Die Änderungen am Zuwanderungsgesetz fördern weder Integrati on noch<br />

Anerkennung<br />

Das führt mich zur Frage nach der Rolle der sogenannten „Mehrheitsgesellschaft“<br />

– also nach der Rolle aller Menschen hier ohne Migrationshintergrund. Denn die öffentliche<br />

Diskussion fokussiert nahezu ausschließlich auf Anforderungen an Migrantinnen<br />

und Migranten. Bestehende Diskriminierungen im Alltag, bei der Wohnungssuche<br />

und auf dem Arbeitsmarkt werden in der öffentlichen Diskussion geflissentlich<br />

ignoriert. Eine rechtliche Gleichstellung, beispielsweise über die Hinnahme der doppelten<br />

Staatsangehörigkeit, ist immer noch nicht erreicht.<br />

Diese Tendenz der Skepsis und der einseitigen Anforderungen an die Zuwanderer<br />

zieht sich leider auch durch unsere Gesetzgebung, speziell bei der Reform des Aufenthaltsrechts<br />

im Sommer 2007. Das Gesetz enthält einige begrüßenswerte Verbesserungen<br />

und Klarstellungen, wie etwa die Einbeziehung deutscher Staatsangehöriger in<br />

die Sprachkurse und die Schaffung einer gesetzlichen Altfallregelung für langjährig geduldete<br />

Ausländer. Wo es die europäischen Richtlinien umsetzt, geschieht dies jedoch<br />

regelmäßig nur restriktiv. Möglichkeiten zur Verschärfung des Ausländerrechts werden<br />

wahrgenommen, humanitäre Verbesserungen unterbleiben hingegen sogar dann,<br />

wenn sie europarechtlich geboten sind.<br />

Ein zentraler Kritikpunkt sind die vorgesehenen Verschärfungen bei der Familienzusammenführung.<br />

Die Bekämpfung von Schein- und Zwangsehen, mit der die<br />

Maßnahmen begründet werden, sowie die Verbesserung der Integration von Familien<br />

sind sicher wichtige Themen. Allerdings sind die vorgesehenen Regelungen zur Erreichung<br />

dieser Ziele nicht die geeigneten Mittel. Statt wirksam gegen die genannten<br />

Phänomene vorzugehen, werden alle Ehen mit einem ausländischen Partner unter den<br />

Generalverdacht gestellt, dass der Abschluss dieser Ehen unter Zwang oder mit Täuschungsabsicht<br />

erfolgt. Gem. § 30 Abs. 1 AufenthG muss beim Ehegattennachzug der<br />

nachziehende Ehepartner künftig nachweisen, dass er sich zumindest auf einfache Art<br />

in deutscher Sprache verständigen kann. Keine Sprachkenntnisse benötigen Personen,<br />

die „einen geringen Integrationsbedarf haben“, oder die wegen ihrer Staatsangehörigkeit<br />

auch für längere Aufenthalte visumsfrei nach Deutschland einreisen können, wie<br />

Japaner oder US-Amerikaner. Damit werden faktisch zwei Klassen von ausländischen<br />

Ehegatten geschaffen.<br />

Das Zuwanderungsgesetz hatte insbesondere durch die Aufnahme des Rechtsanspruchs<br />

auf Sprachkurse richtige Signale gesetzt. Mit diesen Kursen erhielten Einwanderer<br />

und Einwanderinnen erstmals Angebote zum Erlernen der deutschen Sprache<br />

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50<br />

und zur Orientierung in einem für sie fremden Land. Diese von den Migrantinnen<br />

und Migranten positiv aufgenommen Kurse werden in ihrer Wirkung durch dieses<br />

Gesetzesvorhaben nachhaltig geschwächt. Die vorgeschlagene Regelung verlegt den<br />

Zeitpunkt des Spracherwerbs vor die Einreise. Entsprechende Angebote zum Spracherwerb<br />

gibt es aber in vielen Ländern nicht oder nur in einigen Großstädten. Auch wenn<br />

nun entsprechende Deutschkurse in einigen Ländern geplant sind, eine flächendekkende<br />

Sprachförderung weltweit ist nicht zu realisieren, zumal die Sprachkurse für die<br />

Betroffenen dann auch finanzierbar sein müssten. In Deutschland Deutsch zu lernen,<br />

wäre für alle Beteiligten wesentlich einfacher. Diese Regelung ist damit integrations-,<br />

familien- und frauenpolitisch kontraproduktiv.<br />

Deutschland und Europa benöti gen Einwanderung<br />

Für die Zuwanderung Hochqualifizierter tut das Gesetz ebenfalls kaum etwas:<br />

Deutschland bleibt für diese Gruppe leider unattraktiv. Und in den letzten Wochen<br />

mehren sich zudem die Anzeichen, dass die jetzt erforderlichen Deutschkenntnisse bei<br />

der Einreise von Familienangehörigen besonders auch viele Hochqualifizierte trifft, für<br />

die Deutschland damit noch einmal ein Stück unattraktiver wird.<br />

Dabei wird doch immer mehr deutlich, dass wir in Zukunft Zuwanderung qualifizierter<br />

Menschen benötigen. Es gibt für mich auch keinen Grund, Zuwanderung<br />

und Ausbildung der „einheimischen“ Bevölkerung gegeneinander auszuspielen. Beides<br />

ist wichtig. Und die Zuwanderung Hochqualifizierter hilft letztlich auch den geringer<br />

Qualifizierten hierzulande. Denen helfen wir im Gegenteil gar nicht, wenn Firmen aus<br />

Deutschland abwandern, die künftig die Stellen für Hochqualifizierte nicht mehr besetzen<br />

können, weil wir eine derart restriktive Zuwanderungspolitik betreiben.<br />

Der Vorschlag des EU-Innen-Kommissars Franco Frattini, mit Hilfe einer „Blue<br />

Card“ mehr hochqualifizierte Migranten nach Europa zu holen, indem die Voraussetzungen<br />

für Aufenthalts- und Arbeitsbedingungen erleichtert werden, ist daher richtig<br />

und kommt genau zur rechten Zeit. Im Moment liegt die Europäische Union im globalen<br />

Wettbewerb um hochqualifizierte Zuwanderung auf dem letzten Platz, weil vor allem die<br />

klassischen Einwanderungsländer USA und Kanada viel attraktiver sind.<br />

Anerkennung bedeutet auch Staatsbürgerschaft<br />

Wenn wir die Attraktivität Europas erhöhen wollen, ist das aber letztlich nicht<br />

nur mit verbesserten Aufenthalts- und Arbeitsbedingungen zu erreichen. Attraktiv ist<br />

unser Land nur dann, wenn die Eingewanderten die Chance sehen, voll und ganz Teil<br />

dieses Landes werden zu können, und nicht immer Bürger zweiter Klasse zu bleiben.<br />

Dazu gehört auch die formale Staatsangehörigkeit. Ich glaube, dass das Sein das Bewusstsein<br />

bestimmt. Und das bleibt für den Einzelnen nicht ohne Wirkung auf seine<br />

Wahrnehmung der Gesellschaft und den eigenen Platz in der Gesellschaft. Mit dem<br />

deutschen Pass ist man deutscher Staatsbürger. Angesichts zurückgehender Einbürgerungszahlen<br />

müssen wir dafür eintreten, dass Einbürgerung erleichtert und attraktiver<br />

wird. Neben der Attraktivität für Migranten kommt noch ein anderes wichtiges Argument<br />

hinzu: In einer Demokratie ist es nicht hinnehmbar, dass immer mehr Menschen<br />

im Land kein Wahlrecht besitzen. Wir müssen dafür sorgen, dass Wohnbevölkerung<br />

und Staatsbevölkerung identisch sind.


Migrati on und europäische Identi tät<br />

Bruno Ducoli, Präsident des Europäischen Zentrums zur Förderung der Interkulturalität<br />

, Gargnano (Provinz Brescia)<br />

„Der Mensch“, warnte Adam Smith bereits 1776 in seinem Werk „Wohlstand der<br />

Nationen“ „ist die Ware, die sich am schwierigsten befördern lässt“. Und genau aus<br />

diesem Grunde trifft die Migration eine Bevölkerung in ihrem Innersten, berührt ihr<br />

kollektives Unterbewusstes. Ein Phänomen, das aufgrund seiner hohen Zahlen und<br />

Herausforderungen dazu bestimmt ist, eine immer entscheidendere Rolle innerhalb der<br />

europäischen Gesellschaften zu spielen. Ich habe 30 Jahre lang in Brüssel mit Migranten<br />

zusammengearbeitet, und gerade Brüssel ist eine Stadt mit sehr vielen Migranten.<br />

30 Jahre lang habe ich, halb Wissenschaftler und halb Sozialarbeiter, Fußsteige und<br />

Kreuzwege begangen, Um- und Abwege im täglichen Leben vieler Migranten kennen<br />

gelernt und im Laufe der Jahre ihre Erfolge und Misserfolge beobachtet.<br />

Jacques Lacan, einer der bedeutendsten europäischen Vertreter des psychoanalytischen<br />

Gedankens, pflegte zu sagen, dass die Worte uns vorauseilen, dass sie „uns ansprechen,<br />

bevor wir sie aussprechen“. So besteht zum Beispiel der Themenkomplex, der mir zugeteilt<br />

wurde, aus drei Begriffen, die uns stark ansprechen, auch wenn – und davon bin ich fest<br />

überzeugt – auf unterschiedliche Weise: Immigration, Identität, Europa.<br />

Migrati on<br />

Beginnen wir mit dem ersten Begriff. Immigration löst in jedem von uns ganz<br />

persönliche Vorstellungen aus, und Vorstellungen sind eben wie schöne Frauen – jeder<br />

von uns liebt natürlich die eigene. Dennoch wissen wir, dass Schönheit an und für<br />

sich nicht von einer einzigen Person verkörpert werden kann, sondern als Synthese<br />

aller schönen Dinge auf Erden verstanden werden sollte. In Anlehnung dazu stellt der<br />

Begriff Immigration die Synthese all unserer persönlichen Vorstellungen dar und ist<br />

als solcher bei weitem vollkommener als die einseitige Vorstellung, die jeder von uns<br />

aus seinem individuellen Blickpunkt entwickelt. Europa kennt das Phänomen der Migration<br />

seit mehreren Jahrzehnten, ist aber bis heute noch nicht mit ihr im Reinen und<br />

das, obwohl vielfach die Meinung vertreten wird, dass Migration eines der heikelsten<br />

Probleme des neuen Jahrhunderts sein wird. Wenn man die Vergangenheit mit den<br />

Worten Max Frischs umschreiben möchte - „Wir erwarteten Arbeitskräfte, und es kamen<br />

Menschen“, kann man die Gegenwart mit dem Titel des Hauptwerks von Marcel<br />

Proust zusammenfassen: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“.<br />

Die Bemühungen, die verlorene Zeit nachzuholen, reflektieren meines Erachtens<br />

das wahre Verhältnis, das Europa heute zu seinen Einwanderern hat. Trotz ihrer steigenden<br />

Anzahl werden sie meistens in eine Art Vorhölle verbannt, in der sie lediglich<br />

als rein zweckmäßige Figuren der Wirtschaft gelten, oft sogar als mögliche Gefahr<br />

angesehen werden. Dagegen fordern Einwanderer eine ausgewogene Integration, bei<br />

der die Unterschiede nicht gleich ein Grund für Ausgrenzung sind. Wenn wir verhindern<br />

möchten, dass sich unsere Gesellschaft in ein Schlachtfeld verwandelt, auf dem<br />

jeder gegen jeden kämpft, müssen wir zusammenhängender denken, nur so werden wir<br />

die angesammelte verlorenen Zeit aufholen können. Dabei müssen wir vermeiden, dass<br />

wir den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Gleiches gilt insbesondere für die<br />

51


52<br />

Massenmedien. Unter Migration versteht man nicht nur die illegalen Landungen auf<br />

der italienischen Insel Lampedusa und den Kanarischen Inseln oder das listige Handeln<br />

krimineller Profiteure im Untergrund, sondern vor allem die Millionen Migranten, die<br />

rechtmäßig arbeiten und Unternehmen gründen; die Millionen Studierende, die unsere<br />

Schulen darauf vorbereiten, zukünftige Mitbürger zu werden.<br />

Das Problem der Kriminalität unter den Migranten darf zwar nicht stillschweigend<br />

übergangen werden, dennoch muss auch daran erinnert werden, dass ein Baum,<br />

der fällt, größeres Aufsehen erregt, als ein Wald der wächst. Vor allem muss klar sein,<br />

dass wir in einer Welt, die sich allzu schnell in ein „globales Dorf“ verwandelt hat, nur<br />

dank dieser Millionen legaler Einwanderer im Stande sind, die Herausforderungen unserer<br />

Zeit anzunehmen und uns mit dem rasanten Entwicklungsprozess anzufreunden.<br />

Um dem Drängen nach mehr Sicherheit seitens einer Öffentlichkeit, die nicht immer<br />

versteht, woher dieses dunkle und vielseitige Gefühl der Unsicherheit kommt, ernsthaft<br />

gerecht zu werden, müssen wir der Forderung der Migranten nachgehen und sie<br />

als aktive Subjekte des zivilen Zusammenlebens an der Gestaltung eines neuen Sozialvertrags<br />

teilhaben lassen.<br />

Das mittlerweile als strukturell angesehene Langzeitphänomen der Immigration<br />

erfordert einen Dialog, dessen Grammatik oder Syntax Europa noch nicht beherrscht.<br />

Nachdem die Migration über Jahrhunderte hinweg passiv anstatt aktiv konzipiert wurde,<br />

tut sich Europa heute ein wenig schwer damit, eine neue Sichtweise anzunehmen.<br />

Auch wenn Italien das Land mit der höchsten Auswandererquote Europas ist, fällt bei<br />

genauerem Hinsehen auf, dass kein einziges europäisches Land die langwierige Erfahrung<br />

der Migration schmerzfrei bewältigt hat. Lange waren die in Europa zur Migration<br />

durchgeführten Studien durch einen konjunkturellen Ansatz geprägt, der dann auch<br />

zum Ausgangspunkt für das Problem der Migranten zweiter und dritter Generation<br />

wurde: Migrationswellen wurden immer nur als Nebeneffekt der Vollbeschäftigung<br />

betrachtet und man ging davon aus, dass die Einwanderer, sobald sie ein kleines Sümmchen<br />

angehäuft hätten, wieder in ihre Heimat zurückgehen würden. Diese Fehleinschätzung<br />

hat sich über Jahrzehnte hinweggezogen und so sind die Migrantenkinder<br />

– häufig aber auch deren Kinder – mit gravierenden Misserfolgen in der Schule, einer<br />

starken Diskriminierung und der Unmöglichkeit, sich in einem Land, in einer Nation<br />

oder in einer Kultur zu Hause zu fühlen, groß geworden. Sie sind als Findelkinder zurückgeblieben.<br />

Während die Migration in der unmittelbaren Nachkriegszeit auf den produzierenden<br />

Sektor mit Wettbewerbsproblemen gerichtet war und über Zuwanderungskontingente<br />

in zwischenstaatlichen „Anwerbeabkommen“ geregelt wurde, so sind seit den<br />

80er Jahren die Migrationswellen in Richtung der Länder mit geschlossenen Grenzen<br />

meist illegal, vermehrt mit Menschenhandel verbunden, verzeichnen eine höhere<br />

Frauenquote sowie einen höheren Bildungsgrad und enden in den verschlungenen Wegen<br />

der Schattenwirtschaft. Somit kann man unschwer voraussehen, dass die Spannung<br />

zwischen einem Produktionssystem, das mehr Einwanderer benötigt, und einem Staat<br />

oder einer Gesellschaft, die sie zurückweisen, weiter zunehmen wird. Solch eine Lage<br />

erschwert natürlich die Umsetzung jeder Form von Solidarität auch für diejenigen,<br />

die auf englisch mit dem Begriff „advocacy coalition“ bezeichnet werden. Und wie es<br />

immer der Fall ist, nimmt die Komplizenschaft zu, sobald die Solidarität verschwindet.<br />

Die Migranten, die sich auf einmal selbst helfen müssen, haben enorme Schwierigkei-


ten, eigene Netzwerke aufzubauen, die aber gerade in der Geschichte der Migration<br />

stets einen besonders positiven Mehrwert dargestellt haben.<br />

Trotz dieser prekären Situation und der vielen Schwierigkeiten, die nicht zuletzt<br />

auf die komplexe internationale Entwicklung, die wir erleben, zurückzuführen sind,<br />

hat sich die Migration im Laufe der Zeit auch in Europa zum normalen Alltag entwikkelt.<br />

Europa gewöhnt sich langsam an die Migranten und diese wiederum an Europa<br />

– so wird es möglich, auf Grundlage geteilter Schicksale eine gemeinsame Zukunft<br />

zu planen. Dies vorausgesetzt, wird es um so nötiger sein, diejenigen, die immer noch<br />

der Meinung sind, von Migration nicht berührt zu sein, aufzufordern, sich nicht der<br />

Geschichte und Geographie zu entziehen. Alle wirtschaftlichen und demografischen<br />

Parameter belegen, dass die Zuwanderung nach Europa zunehmen wird. Daher ist es<br />

unabdingbar, sie „homöopathisch“ zu gestalten. Homöopathisch meint weder homogen,<br />

noch nach unserem Bilde geschaffen – es meint schlicht und einfach, immun gegen jede<br />

Form von Gewalt, die sowohl von uns, als auch von den anderen ausgeübt wird, und<br />

unfähig, eine soziale Kettenreaktion auszulösen. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig,<br />

denjenigen, die von offenen und unbewachten Grenzen träumen, ins Gedächtnis zu<br />

rufen, dass sich dieser Traum sehr schnell in einem Alptraum verwandeln könnte. Eine<br />

Bevölkerung in ihrem Innersten zu verletzen, löst immer unkontrollierte, ja unkontrollierbare<br />

Reaktionen aus. Wenn die Immigration ein globales gesellschaftliches Problem<br />

ist, kann sie Reaktionen sowohl emotionaler Art als auch systematischen Charakters<br />

auslösen. Wenn globale soziale Gegebenheiten abgelehnt werden, spiegelt sich eben<br />

diese Ablehnung gezwungenermaßen auch auf globaler Ebene wider.<br />

Identi tät<br />

Doch gibt es auch einen zweiten Begriff der entschlüsselt und interpretiert werden<br />

will: Identität. Die enorme Beliebtheit, die dieser Begriff derzeit genießt, verdankt er<br />

vor allem der Krise der Gesellschaften, in denen er umgeht. In jeder Krisensituation<br />

kann es sehr leicht geschehen, dass Identität als Wert gesehen wird, an dem man<br />

sich festhalten kann, wenn man das Gefühl hat, dass alles schief läuft. Doch dauert es<br />

nicht lange, bis sich dieser Unterschlupf in ein Gefängnis verwandelt, das einem zwar<br />

Schutz bietet, jedoch einsperrt, zwar verteidigt, jedoch auch den letzten Atem und die<br />

Lebensfreude raubt. Gerade auf diese Weise entwickeln sich Persönlichkeiten, die der<br />

Libanese Amin Maalouf als „mörderische Identitäten“ bezeichnet. Gut gefestigte Traditionen<br />

haben Auseinandersetzungen nie gescheut und haben aus jedem Dialog neue<br />

Lebenskraft geschöpft. So konnten alle Kulturen wachsen und gedeihen. Kulturen sind<br />

schließlich nichts anderes als das Produkt einer ununterbrochenen kulturellen „Ein-<br />

und Ausfuhr“. Sogar Europa begann zu wachsen, nachdem Hass und gegenseitiges<br />

Misstrauen überwunden, der Krieg verbannt wurde und die Völker sich nicht mehr als<br />

Feinde, sondern als Partner angesehen haben.<br />

Von uns wird nun verlangt, dass wir einen brüderlichen Blick auf solche antiken<br />

und glorreichen Kulturen werfen, die wir im Laufe der Jahrtausende nur aus der Ferne<br />

kennen gelernt haben, oft auch mit Misstrauen und oberflächlicher Stereotypie. Vor einigen<br />

Jahren habe ich ein Motto geprägt, dass mittlerweile in mehrere Sprachen übersetzt<br />

wurde: „Die Gesellschaft der Zukunft ist die, welche zu vereinen weiß, ohne zu<br />

vermischen, und welche zu unterscheiden weiß, ohne zu trennen“. Es sind die Gesellschaften<br />

des Zuhörens, des Dialogs, der Synthese und der respektvollen Vereinigung<br />

53


54<br />

der Unterschiede. Jene Narben der Geschichte, die wir Grenzen nennen, sind heute<br />

flüchtige Schaumkronen, auf die wir eingehen oder auch nicht. Es ist an der Zeit, die<br />

kulturellen Einflüsse zu erkennen, aus denen unsere Gesellschaften hervorgegangen<br />

sind, und das zu schätzen, was uns verbindet, statt immer nur auf dem zu beharren, was<br />

uns trennt. Es ist an der Zeit zu begreifen, dass vieles von uns in den anderen steckt<br />

und dass wir vieles von den anderen übernommen haben.<br />

Die Gegenüberstellung „Wir / die Anderen“ muss überwunden werden, weil diese<br />

Begriffe jetzt in einem anderen Verhältnis zueinander stehen. Jeder von uns muss sich<br />

an ein „gastfreundliches Wir“ gewöhnen. Heute wird es um so deutlicher, dass man Zukunft<br />

nur mit den anderen aufbauen kann - und nicht ohne oder gar gegen die anderen.<br />

Mehr als in der Vergangenheit ist es heute dringend, die Zukunft mit mehreren Federn<br />

zu schreiben. Wie der Historiker Rudolf von Thadden zu Recht festgestellt hat, lässt<br />

sich ohne die anderen weder ein vereintes Europa noch eine versöhnte Welt erbauen.<br />

Der „Clash of Civilizations“ von dem so oft die Rede ist, ist womöglich nichts anderes<br />

als ein durch gegenseitige Ignoranz bedingter Schock. Über den Anblick der Erde ausserhalb<br />

des Solarsystems konnte der Astronom Carl Sagan mit Hilfe der Aufnahmen<br />

aus dem Raumschiff Voyager schreiben: „Unser Planet ist nichts weiter als ein einsamer<br />

Punkt im riesigen Bauch der kosmischen Dunkelheit. Ein kleiner Punkt, der das<br />

Herz rührt und Bescheidenheit lehrt. Dieses zerbrechliche Bild erinnert uns an unsere<br />

Verantwortung und fordert uns auf, uns wohlwollender um die anderen zu kümmern,<br />

diesen hellblau strahlenden Punkt zu schützen – unser Staubkorn, der an einem Sonnenstrahl<br />

schwebt“.<br />

Europa<br />

Zuletzt der dritte Begriff, der hier erörtert wird: Europa. Von allen dreien fühle<br />

ich mich bei diesem hier am meisten zu Hause, auch wenn es gerade eine schwierige<br />

Zeit für Europa ist. Die Europäische Union ist wahrhaftig ein kleines, aber auch großes<br />

Wunder, zu dem Deutschland und Italien seit der Gründung beigetragen haben. Eine<br />

Werkstatt, die nie einfach zu leiten war und dennoch solide Ergebnisse erbracht hat: 50<br />

Jahre Frieden in einem Subkontinent, der, seit dem Fall des Römischen Reiches, durchschnittlich<br />

alle 20 Jahre einen Krieg erlebt hat. Dazu kommt aber auch das andauernde<br />

und ununterbrochene Wachstum eines Wohlstands, wie man ihn vorher noch nie gekannt<br />

hatte. Zu Recht hatte Thomas Moore einst behauptet, dass keine Landkarte wirklich<br />

vollkommen ist, solange es auf ihr keinen Landstreifen, den man Utopie benennt,<br />

gibt. Und diese Utopie erkannten viele im europäischen Gedanken, den Adenauer, De<br />

Gasperi und Schuman aus den noch rauchenden Trümmern des Zweiten Weltkrieges<br />

entwickelt hatten.<br />

So wenig es auch bedeutet, bin ich fest überzeugt, dass es durchaus eine europäische<br />

Identität gibt und diese sogar tiefer verankert ist, als wir glauben. Und dies nicht nur,<br />

weil jeder Kirchturm und jeder Handbreit Acker ein Teil dieses Europa ist, sondern<br />

vor allem, weil es der Menschheit Gedanken von beträchtlicher Substanz sowie eine<br />

soziale Philosophie geschenkt hat, aus der die „Menschenrechte“ und die Verbreitung<br />

eines in der Welt unbekannten Wohlstandes hervorgegangen sind. Trotz der schweren<br />

Fehler, die seine Geschichte geprägt haben, ist Europa in den letzten Jahrzehnten ein<br />

Leuchtturm für die Menschheit gewesen und hat sich zu einem Labor entwickelt, in<br />

dem Fragen der menschlichen Zukunft reflektiert werden.


Vor dem Hintergrund der beeindruckenden Traditionen besteht die größte Schwierigkeit<br />

darin, sich der Vergangenheit würdig zu erweisen und in der Gegenwart den<br />

Anfang für ein Zukunftskonzept zu setzen. Das Problem Europas ist nicht nur, dass es,<br />

wie die Amerikaner sagen, keine „Telefonnummer“ hat - es muss auch lernen, seinem<br />

Erbe gewachsen zu sein. Wir können uns nicht unserer Verpflichtung entziehen, einen<br />

Vertrag der Brüderlichkeit mit den Neuangekommenen zu schließen, eine neue Identität<br />

zu entwickeln, die sie einschließt und nicht ausschließt, und sie auf dem Kontinent<br />

der Menschheit zu Reisegefährten zu machen, ohne dabei unseren Stolz als Europäer<br />

zu vergessen. Europäer zu sein bedeutet heute, als bescheidener aber entschlossener<br />

Architekt an der Erbauung eines globalen Dorfs mit zu wirken, das sich auf die Vielfalt<br />

seiner Bürger stützt und den Weg zu einer unbekannten pluralen Einheit zu wagen.<br />

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56<br />

Erfahrungen in Italien und Deutschland<br />

Ein Panorama der Migrati on - Italienische und deutsche<br />

Erfahrungen - Ein Vergleich in 10 Thesen<br />

Dr. Luca Di Sciullo, Dr. Franco Pitt au, Dossier Stati sti co Immigrazione Caritas/Migrantes<br />

1. Die stati sti schen Daten helfen einen verlässlichen Vergleich zwischen<br />

Italien und Deutschland durchzuführen.<br />

Die hier verfolgte Methode soll einen verlässlichen Vergleich ermöglichen. Richtig<br />

ausgewertete Zahlen sind ein wirksames Mittel gegen Vorurteile, helfen die Strukturen<br />

der Migration zu definieren, ermöglichen einen detaillierten Vergleich der beiden<br />

Länder und verdeutlichen Übereinstimmungen und Unterschiede. In Italien versuchte<br />

der „Nationaler Rat für Wirtschaft und Arbeit“ (CNEL) mit der Methode statistischer<br />

Indikatoren differenzierte Integrationspotentiale der Regionen Italiens und von EU-<br />

Staaten darzustellen. 9<br />

Wir möchten die Lage der Migration in Italien mit der in Deutschland vergleichen<br />

und werden dabei auch die aufschlussreichen Ergebnisse einer Umfrage berücksichtigen,<br />

die wir in Zusammenarbeit mit der <strong>Deutsche</strong>n Botschaft und der Friedrich-Ebert-<br />

Stiftung im Mai 2007 in Vorbereitung der deutsch-italienischen Tagung über die Integration<br />

durchgeführt haben (62 Migranten aus Rom und Umgebung - dem Gebiet mit<br />

der höchsten Zahl von Migranten in Italien – wurden interviewt).<br />

Zweifellos weisen die sozioökonomischen Verhältnisse in beiden Ländern große<br />

Unterschiede auf. Dies gilt für die Gesetzgebung, die Verwaltungstradition, die Rolle<br />

der Parteien, die Wirtschaft, das integrationspolitische Konzept und, wie im Folgenden<br />

dargestellt, die Struktur der ausländischen Bevölkerung. Es fehlt nicht an Übereinstimmungen,<br />

umso mehr als Deutschland in der Nachkriegszeit das Land war, das die<br />

meisten Emigranten aus Italien aufgenommen hat. Einige dieser Aspekte, die wir hier<br />

aufgreifen und vertiefen wollen, wurden übrigens schon ausgewertet. 10<br />

Wenn wir die Daten des deutschen Statistischen Bundesamts zur Grundlage nehmen,<br />

so stellen wir fest, dass seit dem deutsch-italienischen Anwerbeabkommen im Jahre 1955<br />

1.903.237 Italiener in den sechziger Jahren, 1.166.720 in den siebziger Jahren, 477.719 in<br />

den achtziger Jahren und 375.194 in den neunziger Jahren nach Deutschland auswander-<br />

(9) CNEL, Indici di inserimento territoriale degli immigrati in Italia (Indikatoren der territorialen Eingliederung<br />

in Italien), Hrsg. von L. Di Sciullo, Rom, September 2004; nachfolgende Berichte können auf<br />

der Webseite www.cnel.it eingesehen werden.<br />

(10) Vgl. A. Ricci, M. M. Ambrosini, A. D’Angelo, „Contesto internazionale ed europeo“ (Der internati<br />

onale und europäische Rahmen), Caritas/Migrantes, Dossier Stati sti co Immigrazione 2007, Edizioni<br />

Idos, Rom 2007, S. 15-66 und insbesondere: E. Pugliese, „L’immigrazione straniera in Germania“ (Die<br />

Zuwanderung von Ausländern nach Deutschland), S. 37-46; A. D’Angelo, „L’immigrazione e la presenza<br />

straniera nell’Unione europea a 27“ (Migrati on und die Präsenz von Ausländern in der EU mit 27 Mitgliedstaaten),<br />

S. 25-34.


ten. In der gleichen Periode betrug die Zahl der Rückkehrer 1.454.160 in den sechziger<br />

Jahren, 1.056.837 in den siebziger Jahren, 580.965 in den achtziger Jahren und 347.424<br />

in den neunziger Jahren. Der größte Wanderungssaldo war in den sechziger Jahren mit<br />

rund 450.000 Italienern in Deutschland; in den siebziger Jahren glichen sich die Zahlen<br />

der Aus- und Rückwanderung aus; in den achtziger Jahren kehrten mehr italienische<br />

Auswanderer nach Italien zurück (rund 100.000 Personen); in den neunziger Jahren<br />

war die Zahl der eingereisten und ausgereisten Italiener fast gleich, mit einem kleinen<br />

Überschuss der Auswanderer; seit dem Jahr 2000 reisten 20.000-25.000 Italiener nach<br />

Deutschland ein und 30.000-35.000 aus. Man kann sich also ausrechnen, dass in der Zeit<br />

von 1957 – 2004 über 4 Millionen (4.090.362) nach Deutschland auswanderten und über<br />

dreieinhalb Millionen (3.662.873) nach Italien zurückkehrten. Das bedeutet, dass rund<br />

eine halbe Million Italiener (427.489) mehr in Deutschland blieben als zurückreisten.<br />

Dieses Ergebnis, bei dem die in Deutschland geborenen Kinder von Italienern nicht mitgezählt<br />

wurden, stimmt mit den Zahlen der Einwohnermeldeämter überein, die im Mai<br />

2007 die Zahl der in Deutschland wohnenden Italiener mit 579.644 angaben. In Bezug<br />

auf die Migrationsflüsse kann gesagt werden, dass in der Zeit von 1960-1970 in einigen<br />

Jahren über 200.000 und in der ersten Hälfte der siebziger Jahre über 150.000 Personen<br />

nach Deutschland ausreisten. Diese Zahlen fielen dann 1974 unter 100.000 und lagen<br />

1982 bei 50.000, während derzeit offiziell rund 70.000 Personen nach Deutschland ein-<br />

oder ausreisen (die wirklichen Zahlen sind wahrscheinlich höher) . 11<br />

Die Tatsache, dass nur ein Zehntel der Emigranten in Deutschland geblieben ist, weist<br />

darauf hin, dass wir es hier mit einem deutschen „Rotationsmodell“ oder auch „Gastarbeitermodell“<br />

zu tun haben. Die Meisten, von einer kleinen Zahl abgesehen, hatten vor, auch<br />

nach einem längeren Aufenthalt endgültig nach Italien zurückzukehren. Schon vor dem<br />

Jahr 2000 begann Deutschland sich als Einwanderungsland zu betrachten und hatte damit<br />

begonnen, interessante integrationsfördernde Maßnahmen zu ergreifen. Wahrscheinlich<br />

waren die italienischen Migranten hier weniger integriert als in anderen Ländern. Ganz<br />

anders ist die einschlägige italienische Erfahrung, die schon ab den neunziger Jahren (das<br />

bedeutet knapp 10 – 15 Jahre nach Beginn der Zuwanderung) voraussehen ließ, dass die<br />

ausländischen Bürger sich auf Dauer in Italien niederlassen werden.<br />

2. Italien entwickelt sich wie Deutschland zu einem großen Einwanderungsland<br />

und dieser Prozess wird sich voraussichtlich beschleunigen.<br />

Italien hat mit rund 3.690.000 halb so viele Migranten wie Deutschland (6.751.002;<br />

31.12.2006), was 6,2% der Gesamtbevölkerung entspricht. 12 Wenn jedoch in Deutschland<br />

die Migranten mit deutscher Staatsbürgerschaft hinzugezählt werden, so kommen<br />

wir auf 15 Millionen Personen mit einer Migrationsgeschichte, von denen 670.000<br />

(11) F. Heins, E. Pugliese, „Germania: il primo paese degli emigrati all’estero“ (Deutschland, das erste<br />

Land der italienischen Emigranten), Fondazione Migrantes, Rapporto Italiani nel Mondo 2006 (Bericht<br />

über die Italiener in der Welt 2006), Edizioni Idos, Rom 2006, S. 267-281; für die nachfolgenden Aktualisierungen<br />

vgl. Fondazione Migrantes, Rapporto Italiani nel Mondo 2007, Edizioni Idos, Rom 2007.<br />

(12) F. Pitt au, L. Di Sciullo, „Consistenza, provenienza e insediamento degli immigrati “ (Zahl,<br />

Herkunft und Niederlassung der Immigranten), Caritas/Migrantes, Dossier Stati sti co Immigrazione<br />

2006, edizioni Idos, Rom, 2006, S. 87-95.<br />

57


58<br />

einen italienischen Hintergrund haben. 13<br />

Anfangs verdoppelte sich die Zahl der Zuwanderer in Italien alle 10 Jahre. So war es<br />

in den siebziger, in den achtziger und den neunziger Jahren. Ab 2000 verdoppelte sich<br />

die Zahl schon alle 5 Jahre. In Deutschland überschritt die Zahl der Ausländer 1993 die<br />

Schwelle von 7 Millionen und hielt sich dann 10 Jahre lang auf diesem Niveau, ging anschließend<br />

2004 um 250.000 Einheiten zurück, wobei die Ausländerquote von 8,9% auf<br />

8,1% fiel.<br />

In Italien multiplizierte sich die Zahl der Zuwanderer seit 1970, als es nur 144.000<br />

waren, etwa mit 25. Alles deutet darauf hin, dass es in 10 Jahren 7 Millionen Ausländer<br />

sein werden, genauso viele wie heute in Deutschland. Der hohen Zahl der Zuwanderer<br />

steht ein demografischer Trend gegenüber, der noch negativer verläuft als in der EU<br />

und den anderen Ländern der Erde: die letzten Prognosen (ISTAT 2006) sprechen davon,<br />

dass die Zahl der Italiener zwischen 19 und 44 Jahren zwischen 2005 und 2020 um<br />

viereinhalb Millionen zurückgehen wird.<br />

Wenn sich dieser Trend unverändert fortsetzen sollte, wird schon lange vor dem<br />

Jahr 2050 (wahrscheinlich reichen schon rund zwanzig Jahre aus, d.h. also 2027) die<br />

Zahl der Ausländer die 10-Millionen-Marke übersteigen - d.h. ein Verhältnis von dann<br />

1 zu 5 (Ausländer zu Einheimischen). Damit kann man prognostizieren, dass Italien das<br />

Land mit der höchsten Ausländerzahl in der EU sein und an die Stelle von Deutschland<br />

treten wird, das heute nur noch qualifizierte Arbeitskräfte einlassen will. Die jüngste<br />

Migrationsgeschichte in Italien zeigt deutlich die Unterschiede zu Deutschland, einem<br />

Land, in dem es schon seit langem Zuwanderung gibt und in dem schon ein Fünftel<br />

der Ausländer im Land geboren wurde (rund 30% der dort wohnenden Italiener, d.h.<br />

160.144 Personen).<br />

Die unterschiedlich lange Migrationsgeschichte ist auch an Hand der Aufenthaltsdauer<br />

von ausländischen Bürgern in Deutschland festzustellen: 17,3 Jahre sind es für<br />

alle Einwanderer und 25,1 Jahre für Italiener (länger ist die Aufenthaltsdauer bei Holländern,<br />

Österreichern, Slowenen und Spaniern). Überraschenderweise leben schon<br />

84% der Ausländer über 5 Jahre in Deutschland (und 72% über 10 Jahre), in Italien<br />

dagegen wohnt noch nicht einmal die Hälfte der Migranten über fünf Jahre im Land.<br />

Wenn wir Deutschland und Italien vergleichen, so erkennen wir eine gegensätzliche<br />

Entwicklung. Deutschland hat in den fünfzig Jahren von 1951 bis 2001 31 Millionen<br />

Zuwanderer aufgenommen (einschließlich der Deutschstämmigen, die in anderen<br />

Ländern geboren wurden und rund die Hälfte der Gesamtzahl ausmachen); 22 Millionen<br />

wanderten aus. Von den 28 Millionen Bürgern, die Italien seit 1861 verließen<br />

– abzüglich der Rückkehrer und derjenigen, die die Staatsbürgerschaft des Landes angenommen<br />

haben oder verstorben sind – haben noch immer dreieinhalb Millionen die<br />

italienische Staatsbürgerschaft, während die Zahl der Menschen italienischer Herkunft<br />

auf 60 bis 70 Millionen geschätzt wird. 14<br />

Was die Zuwanderung betrifft, so sieht sich Italien heute in einer ähnlichen Lage<br />

wie Deutschland in den sechziger und Anfang der siebziger Jahre. Eine vorsichtige<br />

Schätzung geht von jährlichen Zuwachsraten der Ausländer von mindestens 300.000<br />

(13) Vgl. Anhang, Stati sti sche Daten: Deutschland<br />

(14) Vgl. Fondazione Migrantes, Rapporto italiani nel mondo 2006 (Bericht über die Italiener in der<br />

Welt), edizioni Idos, Rom 2006.


Einheiten pro Jahr aus (200.000 neue Arbeitskräfte, 100.000 Familienzusammenführung<br />

und 60.000 Neugeborene jährlich). Dieser Trend muss nach oben korrigiert werden,<br />

weil im Jahr 2006, im Rahmen der Zuwanderungsquote, 540.000 Anträge und im<br />

Rahmen der neuen Quote für 2007 bis Dezember schon fast 700.000 neue Anträge zum<br />

Zweck der Arbeitsaufnahme gezählt wurden.<br />

2006 war in Deutschland der Zuwanderungssaldo der Ausländer positiv, betrug<br />

jedoch nur 74.693 (558.467 Zuwanderer und 483.774 Rückwanderer). In Italien verließen<br />

viel weniger Menschen das Land (rund 15.000 im Jahr, abgesehen von den Saisonarbeitern)<br />

und der Zuwanderungssaldo war erheblich höher. Auch die Zahl der Asylbewerber<br />

in Deutschland, die bis 1997 bei über 100.000 lag, ging 2004 auf 35.000 zurück<br />

(blieb jedoch immer noch dreimal höher als die in Italien, welches jedoch mit großer<br />

Wahrscheinlichkeit als Grenzland mehr illegale Zuwanderung verzeichnet).<br />

Trotz aller Unterschiede müssen Italien wie auch Deutschland sich heute mit der<br />

Frage der Migration intensiv befassen.<br />

3. Italien unterscheidet sich von Deutschland durch die nati onale Vielfälti<br />

gkeit seiner Migranten und ihre andersarti ge Eingliederung.<br />

Es ist bekannt, dass die Türken mit einem Viertel der Gesamtzahl und 1.739.000<br />

Personen, die zahlenmäßig stärkste ausländische Bevölkerungsgruppe in Deutschland<br />

sind. Italien nennen wir dagegen ein polyzentrisches Zuwanderungsland, ein Land mit<br />

vielen verschiedenen und mehr oder weniger gleichstarken Gruppen: Um auf ein Drittel<br />

der Migranten zu kommen, sind die ersten drei Nationalitäten zusammenzuzählen<br />

(Rumänen 556.000, Albaner 381.000 und Marokkaner 387.000). Danach folgen andere,<br />

weniger große Gemeinschaften aus einer Reihe von Ländern, die zwar nicht so stark<br />

vertreten sind, aber doch eine relevante Zahl aufweisen. Einige haben sich seit längerer<br />

Zeit in Italien niedergelassen, andere erst seit kurzem. Sie kommen aus der Ukraine<br />

und China (jede Gruppe mit etwas unter 200.000 Einheiten). Es folgen mit rund 70.000<br />

bis 100.000 Einheiten die Moldawier, Tunesier, Inder, Polen, Bangladeschi, Peruaner,<br />

Ägypter und die Zuwanderer aus Sri Lanka. In dieser Spitzengruppe sind vier Kontinente<br />

(Europa, Afrika, Asien und Amerika), verschiedene Subkontinente, viele Sprachen<br />

(mindestens 150) und kulturelle Traditionen vertreten.<br />

Außerdem sind hier praktisch alle Religionen der Welt zu finden: 1.792.000 Christen<br />

mit einem Anteil von 48,6% (unter ihnen 918.000 Orthodoxe, 685.000 Katholiken,<br />

Protestanten und andere christliche Gemeinschaften), 1.202.000 Muslime (32,6%),<br />

99.000 Hindus, 68.000 Buddhisten, 41.000 Gläubige anderer traditioneller Religionen<br />

(unter ihnen 9.000 Juden) und diejenigen, die keinem Glauben anhängen. Keine Migrantengruppe<br />

könnte aufgrund der großen Vielfalt die eigene Sprache, Kultur und<br />

Religion gegen die anderen im Integrationsprozess durchsetzen. Deshalb darf man annehmen,<br />

dass diese Vielfalt, trotz aller Schwierigkeiten, eine Garantie für Demokratie<br />

und ein Bollwerk gegen Einseitigkeit ist, wenn die geeigneten Maßnahmen ergriffen<br />

werden.<br />

Auch was die Herkunft nach Kontinenten betrifft, so ist der Unterschied zwischen<br />

beiden Ländern groß. In Deutschland registrierte man diese Daten: Europa 79,6%<br />

(5.375.000, 2,2 Millionen aus der EU und 535.000 alleine aus Italien), Afrika 4,0%,<br />

Amerika 3,2%, Asien 12,1%, Australien und andere Regionen 0,2%.<br />

Die Migranten in Italien kommen dagegen überwiegend aus der Dritten Welt: Europa<br />

59


60<br />

49,6%, Afrika 22,3%, Asien 18,0%, Amerika 9,7%, Ozeanien und andere Regionen 0,1%.<br />

Diese Komplexität der Migration hat ihre ganz spezifischen Strukturmerkmale:<br />

hohe, schnell wachsende Zuwachsraten, Herkunft aus vielen verschiedenen Ländern,<br />

ungleichmäßige Verteilung im Land, demografisch ausgeglichene Struktur (beide Geschlechter<br />

sind gleich vertreten, mehr Paare als Unverheiratete, hoher Anteil an Minderjährigen),<br />

anhaltende Nachfrage nach mehr Arbeitskräften, wachsende Konsolidierung<br />

der Aufenthaltsdauer und steigendes Bedürfnis nach Räumen der Teilhabe.<br />

4. Im Unterschied zu Deutschland braucht Italien derzeit unqualifi zierte<br />

ausländische Arbeitskräft e.<br />

Nach einer Umfrage von ISTAT (Statistisches Amt Italiens) stieg 2006 die Zahl<br />

der ausländischen Arbeitnehmer auf 1.475.000 Personen (1.348.000 Beschäftigte und<br />

127.000 Arbeitslose, Arbeitslosenquote von 8,6%), davon sind 40% der Industrie, 55%<br />

dem Dienstleistungsgewerbe und 5% der Landwirtschaft zuzuordnen. 15<br />

Aus den Daten der INAIL (Italienische Versicherungsanstalt für Arbeitsunfälle<br />

und Berufskrankheiten) ergeben sich für die im Ausland geborenen Arbeitnehmer folgende<br />

Zahlen: 1.856.932 (2006) abhängig Erwerbstätige aus Nicht-EU-Staaten (8,5%<br />

Anteil), das entspricht 10,5% aller Erwerbstätigen, 337.339 aus der EU25 (Rumänien<br />

und Bulgarien nicht enthalten). 16 Sie tragen überproportional zum Bruttosozialprodukt<br />

bei, da ihre Beschäftigungsquote (nach ISTAT) 67,5% beträgt und damit rund 10 Prozentpunkte<br />

über der der italienischen Erwerbstätigen liegt.<br />

In 141.393 Unternehmen kommt der Firmeninhaber aus dem Ausland, ein Trend,<br />

der auch in der derzeit nicht guten Konjunkturphase der italienischen Wirtschaft steil<br />

nach oben geht (70% dieser Unternehmen sind im Handel und im Baugewerbe tätig).<br />

Bemerkenswert ist, dass diese Unternehmer, anders als in anderen Ländern, nur im<br />

Verhältnis von 1 zu 16 direkt aus dem Ausland kommen. 17<br />

Der Anteil der Frauen, die Hälfte der Migranten, an den ausländischen Erwerbstätigen<br />

liegt bei 40% (85% davon sind im Haushalt tätig) und an den ausländischen<br />

Firmeninhabern bei 16,2%. 18<br />

Der Anstieg der Erwerbstätigenzahl 2006 in Italien um 425.000 Personen ist nach<br />

ISTAT zu rund zwei Fünftel auf Ausländer mit registriertem Wohnsitz zurückzuführen.<br />

INAIL errechnete, dass 235.096 der im Ausland geborenen Erwerbstätigen ihre<br />

Arbeit in Italien neu aufgenommen haben, eine im Verhältnis zu anderen europäischen<br />

(15) M. Albisinni, F. Pintaldi, „Gli immigrati nel mercato del lavoro italiano“ (Die Migranten auf dem<br />

italienischen Arbeitsmarkt), in Dossier Stati sti co Immigrazione 2007, S. 229-237; INPS, Immigrazione:<br />

una risorsa da tutelare (Immigrati on, eine Ressource, die es zu schützen gilt), Rom, INPS, 2006, S.<br />

38-47); ebd., Regolarità, normalità, tutela, II Rapporto su immigrati e previdenza negli archivi Inps<br />

(Legalität, Normalität, Schutz. Bericht über Immigranten und Vorsorge aus den Archiven der INPS),<br />

Rom 2007.<br />

(16) Kommentare zu den INAIL- und INPS-Daten vgl. Caritas/Migrantes, Dossier Stati sti co Immigrazione<br />

2007, Edizioni Idos, Rom 2007, G. Demaio (S. 238-246), F. Meloni (S. 247-256), M. P. Nanni, A.<br />

Fucilitti , F. Di Maggio (S. 256-264).<br />

(17) F. Dota, F. Grande, C. Catena e G. Bea, „L’imprenditoria immigrata in Italia“ (Migranten als Unternehmer<br />

in Italien), in Dossier Stati sti co Immigrazione 2007, S. 274-282.<br />

(18) W. Bonapace, „L’immigrazione al femminile“ (Die Zuwanderung von Frauen), Caritas/Migrantes,<br />

Dossier Stati sti co Immigrazione 2007,vgl.,S. 123-131.


Ländern hohe Zahl. Wie schon gesagt, deutet alles darauf hin, dass sich dieser Prozess<br />

noch beschleunigen wird.<br />

Bei den ausländischen Erwerbstätigen beträgt die Fluktuationsrate 1,7% (durchschnittlich<br />

fast zwei Arbeitsverträge in einem Jahr), ein weiterer Hinweis für die weniger<br />

sicheren und daher weniger attraktiven Arbeitsplätze. ISTAT hob auch hervor,<br />

dass die Migranten besonders belastete Arbeitsplätze einnehmen, die die Italiener<br />

nicht mehr wollen: ein Viertel der ausländischen Beschäftigten arbeitet in Abend- oder<br />

Nachtschichten: 19% abends (von 20 bis 23 Uhr), 12% nachts (nach 23 Uhr) und 15%<br />

sonntags.<br />

Im allgemeinen arbeiten die Migranten nicht in Berufen, die ihrer Ausbildung und<br />

beruflichen Qualifikation entsprechen; sie werden geringer eingestuft, u.a. weil die Arbeitgeber<br />

nicht bereit sind, ausländische Abschlüsse anzuerkennen und es vorziehen,<br />

diese vor Ort nicht zu berücksichtigen. So besteht oft ein großer Unterschied zwischen<br />

der Ausbildung der Migranten und ihrer Einstufung am Arbeitsplatz. Die Migranten<br />

verfügen häufiger über einen Schul- und Universitätsabschluss als die Italiener (39,5<br />

gegenüber 33,4 - ein Unterschied von 6,1 Prozentpunkten), sind aber vor allem als Arbeiter<br />

tätig (83,7% aller ausländischen Erwerbstätigen, gegenüber von 54,7% bei den<br />

Italienern - ein Unterschied von knapp 29 Prozentpunkten).<br />

In Italien kann man von einer „ethnisch“ bedingten Einstufung am Arbeitsplatz<br />

sprechen. Die Migranten übernehmen die Arbeitsplätze, die die Italiener nicht wollen.<br />

Im Produzierenden Gewerbe sind sie vor allem im Baubereich zu finden (ein Fünftel<br />

aller Bauarbeiter kommt aus Nicht-EU-Staaten), im Dienstleistungsbereich arbeiten<br />

sie in den Familien (über zwei Drittel aller Beschäftigten), wir finden sie in Hotels und<br />

Restaurants (Anteil von 20,4%) und in der Landwirtschaft (ein Fünftel). Man kann<br />

annehmen, dass auch in Zukunft viele dieser offenen „schlechteren“ Arbeitsplätze weiterhin<br />

mit diesen, an sich überqualifizierten Zuwanderern ausgefüllt werden. Die Bereitschaft<br />

der ersten Migrantengeneration, diese Stellen zu übernehmen, führte dazu,<br />

dass ihre Rolle auf dem Arbeitsmarkt gewachsen ist; bei ihren in Italien aufgewachsenen<br />

Kindern, die die gleichen Ansprüche wie Italiener stellen, wird diese Bereitschaft<br />

schwerer zu finden sein, obwohl die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften nur<br />

wenig steigen dürfte.<br />

Aber es gibt noch andere Nachteile für die Migranten, auf die aufmerksam gemacht<br />

werden soll. Aus einer in ganz Italien von den Gewerkschaften durchgeführten Umfrage<br />

ergibt sich, dass sich die Migranten mit absteigender Priorität über folgende Mängel<br />

beklagen: Arbeitsverträge werden nicht eingehalten, keine korrekten Gehaltszahlungen,<br />

Sozialbeiträge werden nicht richtig abgeführt, zu niedrige Entgelteinstufung und allgemein<br />

schlechtere Behandlung als Italiener. Zu der oft nicht korrekten Abführung der<br />

Sozialbeiträge kommt, dass für die Schwarzarbeit, die häufig die Hälfte des Arbeitseinkommens<br />

ausmacht, keine Sozialbeiträge gezahlt werden. Die Arbeitszeiten sind länger<br />

(möglicherweise muss nachts gearbeitet werden), Überstunden werden nicht entgolten<br />

und sie bekommen weder bezahlte noch unbezahlte Ferien, kein 13. Monatsgehalt und<br />

keine Abfindung bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses. Weiterhin werden sie häufig<br />

fristlos und ohne triftigen Grund entlassen und es wird nur wenig Rücksicht auf die religiösen<br />

Anliegen und Essensbedürfnisse der Migranten genommen. 19<br />

(19) F. Benti vogli, M.I. Macioti , von „Immigrazione, sindacato e tutela“ (Immigrati on, Gewerkschaf-<br />

61


62<br />

Angesichts all dieser Fakten versteht man nur zu gut, warum ein 2007 vom „Europäischen<br />

Zentrum für Politik und soziale Studien“ veröffentlichter Bericht darauf<br />

hinwies, dass die Gefahr arm zu werden, für aus Nicht-EU-Staaten kommende Migranten<br />

2 bis 3mal höher ist als für die jeweilige einheimische Bevölkerung. Caritas Europa<br />

hatte schon im Vorjahr auf dieses Risiko hingewiesen. 20<br />

Man kann also sehr damit einverstanden sein, was CNEL in seinen Berichten, ausgehend<br />

von den Integrationsindikatoren, hervorhebt: Arbeit allein kann, wenn es keine<br />

passende Unterstützung für die Familie, noch andere Hilfen gibt, die Defizite im Integrationsprozess<br />

nicht ausgleichen. 21<br />

5. Italien hat sich schneller als Deutschland als Einwanderungsland verstanden.<br />

In Italien begann die Migration Anfang der siebziger Jahre, zu einer Zeit, als die<br />

europäischen Länder gerade infolge der Erdölkrise und Stagnation damit begannen, die<br />

Migrationsflüsse einzudämmen. 22<br />

In der ersten Phase seiner Migrationsgeschichte, in den achtziger Jahren, war Italien<br />

vor allem ein Durchgangsland für Migranten, die entweder in die französisch- oder<br />

englischsprachigen Länder wollten im Falle der Kurden und Türken, nach Deutschland<br />

weiterreisten, oder für Asylbewerber, die weiter nach Übersee, besonders Nordamerika,<br />

wollten.<br />

Mit dem Martelli-Gesetz 1990 und der Zuwanderung in den neunziger Jahren, die<br />

außerhalb der niedrigen offiziellen Zuwanderungsquoten erfolgten, entwickelte sich in<br />

Italien das Bewusstsein, dass die Migranten bleiben wollen. Die Italiener brauchten u.<br />

a. deshalb weniger Zeit als die <strong>Deutsche</strong>n, um diese Schlussfolgerung zu ziehen, weil in<br />

der Zwischenzeit in der ganzen EU offensichtlich geworden war, dass die Migrationsflüsse<br />

keine vorübergehende Erscheinung sind.<br />

Diese Überzeugung schlug sich in den nachfolgenden italienischen Einwanderungsgesetzen<br />

nieder: das betrifft das erste Migrationsgesetz (aus dem Jahre 1986) über gleiche<br />

Rechte für Migranten auf soziale Leistungen und das Gesetz aus dem Jahre 1998 bezüglich<br />

Integrationsmaßnahmen und der Öffnung gegenüber anderen Kulturen.<br />

Heute weiß man in Deutschland und Italien, dass trotz der hohen Arbeitslosenzahlen<br />

(2007 in Deutschland 3,6 Millionen, doppelt so viele wie in Italien), arbeitsuchende<br />

Migranten nicht alle offenen Stellen füllen können, wobei der grundsätzliche Unterschied<br />

zwischen beiden Ländern darin besteht, dass in Deutschland vor allem qualifizierte<br />

Arbeitskräfte gesucht werden, während es in Italien auch eine Nachfrage nach<br />

unqualifizierten Arbeitskräften gibt.<br />

ten und Schutz), in Dossier Stati sti co Immigrazione 2006, Idos Roma, 2006, S. 315-324.<br />

(20) Caritas Europa, „La migrazione: un viaggio verso la povertà?” (Immigrati on eine Reise in die<br />

Armut?), Anterem, Rom 2006.<br />

(21) CNEL – (Nati onale Organisati on zur Koordinierung der Integrati onspoliti k der Ausländer), Indici<br />

di integrazione degli immigrati in Italia. IV e V Rapporto (Integrati onsindex der Integrati on von<br />

Migranten in Italien, IV. und V. Bericht) von L. Di Sciullo und F. Pitt au, Rom 2007 (wird demnächst<br />

veröff entlicht).<br />

(22) F. Pitt au, „35 anni di immigrazione in Italia“ (35 Jahre Immigrati on in Italien) Caritas/Migrantes,<br />

Dossier Stati sti co Immigrazione 2006, Edizioni Idos, Rom 2006, S. 69-76.


In Italien ist die Tendenz, sich langfristig niederzulassen, besonders groß: hohe<br />

Zahl der Familienzusammenführungen (rund 100.000 im Jahr in Italien gegenüber<br />

76.000 in Deutschland); jährlich stark steigende Zahl Minderjähriger (80.000 mehr als<br />

2006), mit einem Anteil an der ausländischen Bevölkerung von 22,6% (in Deutschland<br />

beträgt der Anteil 18,2%, etwas über 4 Punkte weniger), mit Spitzenwerten von 25% in<br />

einigen Gebieten Norditaliens. Dafür spricht auch die zahlenmäßige Ausgewogenheit<br />

zwischen den Geschlechtern (in Deutschland beträgt der Anteil der Männer dagegen<br />

52%) und die hohe Geburtenrate von Kindern, deren beide Elternteile Ausländer sind<br />

(57.000 im Jahre 2006), was einem Zehntel aller Geburten entspricht. In Deutschland<br />

lag diese Zahl bei knapp 30.000 Geburten (weniger als ein Drittel gegenüber 100.000<br />

Geburten in den neunziger Jahren; insgesamt waren es 672.000 Geburten). Man muss<br />

hier allerdings berücksichtigen, dass viele der Neugeborenen seit dem neuen Staatsbürgerschaftsgesetz<br />

als deutsche Bürger gelten.<br />

ISTAT hat 2006 zum ersten Mal eine Zählung der zweiten Migrationsgeneration<br />

durchgeführt, d.h. die Zahl aller in Italien geborenen Ausländer (ohne diejenigen, die<br />

schon die italienische Staatsangehörigkeit erworben haben) ermittelt: es sind 398.295<br />

Personen, mehr als die Hälfte davon sind Minderjährige, die 13,5% der in Italien wohnenden<br />

Ausländer ausmachen; angesichts der kurzen Migrationsgeschichte des Landes<br />

eine bemerkenswert hohe Zahl.<br />

Ein weiteres Zeichen dafür, dass die italienische Gesellschaft, trotz vieler Widersprüche,<br />

immer interkultureller wird, sind die binationalen Ehen (1 von 8), wobei mehr<br />

italienische Männer als Frauen einen ausländischen Ehepartner wählen (1 zu 5). Heute<br />

gibt es über 200.000 binationale Ehen (über die nichtehelichen Lebensgemeinschaften<br />

liegen keine Zahlen vor).<br />

6. Es ist notwendig, die Aufnahme der neuen Zuwanderer mit der Integrati<br />

on der schon langfristi g ansässigen Migranten in Einklang zu bringen.<br />

Italien muss weiterhin wegen der starken, auch illegalen Zuwanderung (es sind<br />

mehr als in Deutschland) „Notmaßnahmen“ ergreifen. Gleichzeitig verlangt die Integration<br />

der langfristig ansässigen Migranten uns immer mehr ab.<br />

Für die Zuwanderer müssen Maßnahmen ergriffen werden, die die für einen Neuanfang<br />

typische Notlagen überwinden helfen: man kennt weder die Sprache noch die<br />

Mentalität, weiß nicht wie die Ämter arbeiten oder welche Regeln befolgt werden müssen.<br />

Deswegen gilt es vor allem, die Ämter funktionstüchtiger zu machen, ein Dauerproblem,<br />

das man über Modellversuche zu verbessern versucht. Weiterhin brauchen<br />

die Zuwanderer Hilfe beim Erledigen von Verwaltungssachen, sie brauchen Hinweise,<br />

Übersetzungen, Verdolmetschung und Betreuung.<br />

Rund die Hälfte der Ausländer lebt schon seit über fünf Jahren in Italien und gehört<br />

damit zu den „langfristig“ Ansässigen (dieser Prozentsatz lag in der Vergangenheit<br />

noch höher und sank in letzter Zeit durch starke Neuzuwanderung). Diese langfristig<br />

Ansässigen brauchen nur in Ausnahmefällen eine „Nothilfe“, dafür aber eine Unterstützung<br />

für eine nicht nur oberflächliche Integration. Obwohl die Migranten aus verschiedenen<br />

Kulturen stammen, wollen sie sich harmonisch und dauerhaft in die italienische<br />

Gesellschaft integrieren und fordern deswegen auch Möglichkeiten einer wirklichen<br />

Teilhabe: hier kann die Lage Italiens mit der Deutschlands und anderer EU-Staaten<br />

verglichen werden, auch wenn bis jetzt noch keine Integrations- und Sprachkurse an-<br />

63


64<br />

geboten werden (in Deutschland erhalten Neuankömmlinge heute 900 Stunden).<br />

In Italien gibt es viele „Kulturmediatoren“, deren Arbeit hochgeschätzt wird und<br />

die im Vergleich zu den traditionellen Strukturen, wie den Patronati (gewerkschaftlich<br />

orientierte soziale Beratungsdienste) weniger technisch, sondern stärker kulturell ausgerichtet<br />

sind. Die früher nicht vorstellbare Vielfalt der heutigen Gesellschaft unterstreicht<br />

die Bedeutung der „Mediation“, den Migranten Unterstützung bei der Anpassung an die<br />

Italiener und die italienischen Grundnormen zu geben, heißt aber auch, dass die Italiener<br />

ihrerseits davon überzeugt werden müssen, die soziokulturellen Eigenheiten der Migranten<br />

kennen zu lernen und zu achten. Die ganze Gesellschaft ist aufgerufen, in ihren Gesetzen,<br />

Ämtern und der Mentalität ihrer Bürger interkulturell zu werden.<br />

Die Aufwertung der Migrantenvereine ist daher von strategischer Bedeutung, aber bis<br />

heute wurden die hierzu notwendigen Ressourcen nicht zur Verfügung gestellt. Obwohl<br />

man die Bedeutung von national gemischten Vereinen erkannte, war man auf italienischer<br />

Seite nicht immer bereit den Migranteninitiativen eine besondere Rolle zuzuerkennen und<br />

den Migranten eine leitende Funktion in italienischen Organisationen zu überlassen.<br />

7. Eingeschränkte Teilhabe erschwert die Integrati on.<br />

Die relativ positive Eingliederung der ersten Generation ist auf viele Fakten zurückzuführen:<br />

auf den vergleichsweise offenen Charakter der Gesetze, die positive Haltung<br />

von Gesellschaft und Kirche, die Unterstützung von Gewerkschaften und Unternehmern,<br />

die große Nachfrage nach Arbeitskräften und die wenig kulturell und religiös<br />

bedingten Konflikte. Aber nicht alles verlief immer glatt und dieser Prozess hat sich<br />

heute verlangsamt. Verschiedene Beispiele zeigen, dass es Diskriminierung gibt, den<br />

Migranten im öffentlichen Leben, in der Gesellschaft und am Arbeitsplatz eine nur<br />

begrenzte Teilhabe zugebilligt wird und ein guter Teil der Bevölkerung sich ihnen<br />

gegenüber wenig oder gar nicht offen verhält.<br />

60% der Migranten leidet unter Diskriminierung seitens der Arbeitskollegen und<br />

nur 33% erklärt, dass sie beruflich befördert wurden, ein Prozentsatz, der bei den Frauen<br />

sogar auf 11,4% sinkt (IRES-CGIL 2005).<br />

Obwohl die Weigerung, Migranten mit Aufenthaltserlaubnis eine Wohnung zu<br />

vermieten, eine klare Diskriminierung darstellt, die mit einer Entschädigung und einer<br />

Haftstrafe bis zu 3 Jahren geahndet wird, findet man immer wieder diskriminierende<br />

Zeitungsannoncen (“Porta Portese” in Rom und “Secondamano” in Mailand; Studie der<br />

Internetzeitung www.stranieriinitalia.it vom April 2005). Dass man nicht an Migranten<br />

vermieten will, wird auch von einer bei 10.000 (von 60.000) Mitgliedern des „Vereins<br />

Kleiner Wohnungseigentümer“ in 5 Städten in Norditalien und in 7 Städten in<br />

Süditalien durchgeführte Umfrage bestätigt: 57% der interviewten Eigentümer waren<br />

nicht bereit, an Migranten zu vermieten.<br />

In den italienischen Schulen gibt es heute über eine halbe Million ausländischer Schüler<br />

(Schuljahr 2006/2007), was einem Anteil von 5,6% an der gesamten Schülerzahl entspricht;<br />

in einigen Gebieten ist die Zahl sogar mehr als doppelt so hoch (1 ausländischer<br />

Schüler auf 8 italienische Schüler). In Mailand und Rom finden wir die meisten ausländischen<br />

Schüler: 48.000 bzw. 40.000 Schüler mit ausländischer Staatsbürgerschaft. An den<br />

höheren Schulen sind diese dagegen kaum vertreten (nur 9.000 treten zum Abitur an), sie<br />

besuchen vielmehr technische Fach- und Berufsschulen und finden deswegen nur schlechtere<br />

Arbeitsplätze, genau so wie es für die Kinder von Italienern in Deutschland der Fall


ist. Man schätzt, dass mehr als drei Viertel der ausländischen Schüler sitzenbleiben oder<br />

verspätet eingeschult werden. Das ist besonders besorgniserregend in einem Land, in dem<br />

viele Schüler (ein Fünftel) die Schule frühzeitig ohne Abschluss verlassen. Die italienische<br />

Schule, die in der Vergangenheit so wichtig für die Eingliederung von Migrantenkindern<br />

war, fängt an, Ermüdungserscheinungen zu zeigen, nicht nur weil jede neue Regierung<br />

eine andere Schulpolitik vertritt, sondern weil auch zu geringe finanzielle Ressourcen zur<br />

Verfügung gestellt werden, um die sprachlichen Schwierigkeiten der Migrantenkinder<br />

auszugleichen und eine kulturelle Vermittlung zwischen den Neuankömmlingen und den<br />

italienischen Schülern und ihren jeweiligen Eltern zu ermöglichen. Außerdem führte der<br />

so schnell wachsende Anteil von ausländischen Schülern in vielen Gebieten in den letzten<br />

Jahren zu Widerständen in der Bevölkerung.<br />

Heute muss uns die geringe (und kaum beachtete) Beteiligung der jungen Migranten<br />

an gemeinsamen Aktivitäten mit Italienern Sorge machen. Zudem ist es immer noch<br />

schwierig, die italienische Staatsbürgerschaft zu erwerben. In Deutschland, wo 2006<br />

125.000 Personen eingebürgert wurden, sechsmal so viel wie in Italien, das 2006 19.000<br />

Personen die Staatsbürgerschaft verlieh (immerhin, fast doppelt so viel wie in den Vorjahren),<br />

gibt es seit dem 1. Januar 2001 ein neues Gesetz, nach dem die erforderliche Aufenthaltsdauer<br />

für Erwachsene von 15 auf 8 Jahre gesenkt und die Kenntnis der deutschen<br />

Sprache für den Erwerb der Staatsbürgerschaft vorausgesetzt wird. Minderjährigen mit<br />

mindestens einem Elternteil, der seit 8 Jahren eine zeitlich unbeschränkte Aufenthaltserlaubnis<br />

hat, wird der Erwerb der Staatsbürgerschaft ermöglicht. In Italien erwerben dreimal<br />

weniger Migranten die Staatsbürgerschaft als im europäischen Durchschnitt. In der<br />

italienischen Gesellschaft gibt es deshalb nur wenige hunderttausende italienische Staatsbürger<br />

mit Migrationshintergrund, die die zahlreichen Migrantengemeinschaften auf<br />

den verschiedenen Ebenen des öffentlichen Lebens (Parlament, Ämter, Schulen, religiöse<br />

Organisationen, usw.) vertreten und eine Vermittlungsfunktion übernehmen können. In<br />

Italien besteht im Gegensatz zu Deutschland und anderen EU-Staaten eine größere Unsicherheit<br />

in Bezug auf das Verfahren zum Erwerb der Staatsbürgerschaft für langfristig<br />

in Italien lebende Migranten. Ein wohl überdachter Grundgedanke könnte sein, dass<br />

die Staatsbürgerschaft als Krönung eines soziokulturellen Anpassungsprozesses an die<br />

neue Gesellschaft und nicht als Instrument zur leichteren Anpassung verstanden wird.<br />

Zusätzlich sollten noch andere Instrumente erwogen werden, wie eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung<br />

und das Kommunalwahlrecht in der Stadt, in der der Nicht-EU-<br />

Ausländer gemeldet ist.<br />

8. Italien hat auf dem Weg zu einem Zukunft skonzept von Integrati on, auf<br />

das sich Deutschland in den letzten Jahren mit großer Überzeugungskraft<br />

verständigen konnte, nur die halbe Strecke zurückgelegt.<br />

Da allgemein bekannt ist, dass auf die ausländischen Arbeitskräfte nicht verzichtet<br />

werden kann (man schätzt, dass schon heute in über einer Million Familien Ausländerinnen<br />

aushelfen), könnte man zu der Überzeugung kommen, dass die Integration<br />

der Migranten in die Gesellschaft und das persönliche Umfeld leicht sein müsste. Das<br />

ist aber keineswegs der Fall. Abgesehen von verschiedenen Vorkommnissen von Diskriminierung,<br />

besteht in Teilen der Gesellschaft Skepsis, ob ein harmonisches Zusammenleben<br />

überhaupt möglich sei. Die Bevölkerung scheint geteilter Meinung zu sein,<br />

als ob sie zu dem Zeitpunkt auf halber Wegstrecke stehenbleiben wolle, als die Zu-<br />

65


66<br />

wanderungszahlen in die Höhe schnellen; auch beeinflusst von falschen, auf jeden Fall<br />

aber ungenauen Informationen. Einer Studie von “Makno & Consulting” zufolge, die<br />

im Auftrag des Innenministeriums durchgeführt wurde, bilden sich die interviewten<br />

Italiener ihre Meinung vor allem durch die Fernsehnachrichten (in 85% der Fälle) und<br />

denken häufig, dass die Zahl der illegalen Migranten die der legalen um 50% überschreitet<br />

(das wären 4,5 Millionen illegale Migranten!).<br />

Aus einer Umfrage von Eurobarometer aus dem Jahre 2005 ergibt sich, dass 54%<br />

der <strong>Deutsche</strong>n und 40% der Italiener davon überzeugt sind, dass die Migranten härter<br />

als die Einheimischen arbeiten, ein Fakt, der durch statistische Zahlen belegt wird.<br />

Außerdem denken 41% der Italiener, dass Migranten mehr an kriminellen Aktivitäten<br />

beteiligt sind als Einheimische, nur 14% nimmt das Gegenteil an.<br />

Aus einer anderen Umfrage ist zu entnehmen, dass 58% der interviewten Italiener<br />

der Meinung sind, dass vor allem Migranten für die steigende Kriminalität und weniger<br />

Sicherheit verantwortlich gemacht werden müssen (SWG-Umfrage für den Espresso,<br />

Juli 2005).<br />

Ausgehend von einer Umfrage in 31 Städten der EU (15 Mitgliedstaaten) von Eurobarometer<br />

(Januar 2004) stehen 42% der Turiner der Integration von Migranten kritisch<br />

gegenüber, während der europäische Durchschnitt bei 30,5% liegt (höhere negative<br />

Spitzen finden sich dagegen in Stockholm, Rotterdam und Amsterdam; http:/europa.<br />

eu.int/comm/public_opinion/flash/fl_156_en.pdf). Zuversichtlicher sind die Römer, die zu<br />

46,5% eine positive Einstellung zur Integration haben (noch positiver eingestellt sind<br />

die Neapolitaner mit 49,3%).<br />

Es ist also noch nicht alles verloren. Wenn wir einen Vergleich mit anderen Mitgliedsstaaten<br />

und anderen Parametern machen, steht Italien ziemlich gut da. In der<br />

Studie Die Herausforderung Europas 2005 des GFK-Instituts in Nürnberg erscheinen die<br />

Franzosen, <strong>Deutsche</strong>n und Italiener als die tolerantesten und am wenigsten fremdenfeindlichen<br />

Völker der EU und zeigen sich in dieser Reihenfolge auch weniger besorgt,<br />

wenn es um Migration geht (www.gfk.com).<br />

Man kann auch eine große Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Kulturen und<br />

anderen Religionen feststellen. Anhand einer 2004 in Mailand, Bologna, Rom, Neapel<br />

und Palermo von CIRM mit 1000 Italienern durchgeführten Umfrage sind 55% damit<br />

einverstanden, dass die Migranten ihre eigenen Sitten beibehalten sollen und haben<br />

eine positive Meinung zu binationalen Ehen und dem islamischen Schleier (je 63% und<br />

69%). Die Vorurteile gegenüber Muslimen, Juden und Migranten aus Nicht-EU-Staaten<br />

sind jedoch allgemein höher: fast 50% der interviewten Italiener denkt, dass diese<br />

in ihre Heimat zurückkehren sollten (Studie anhand von 22.000 Jugendlichen zwischen<br />

14 und 18 Jahren, die in über 100 Gemeinden verschiedener Größe von der Universität<br />

Rom, La Sapienza, Fakultät für Sozialforschung G. Statera durchgeführt wurde – Prof.<br />

Campilli koordinierte diese Studie, die am 28. April 2004 vorgestellt wurde).<br />

Das Alter beeinflusst auch die Vorurteile. Schüler und Studenten scheinen offener<br />

zu sein. Bei einer Umfrage mit 4.000 Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren<br />

ergab sich, dass 56% der Schüler und Studenten meinen, durch ausländische Studenten<br />

andere Kulturen kennenzulernen, dagegen stehen nur 19% den Ausländern völlig<br />

gleichgültig gegenüber und 7% sehen in ihnen eine Gefahr für die italienische Gesellschaft<br />

(www.studenti.it).<br />

Wenn wir schließlich zu den Maßnahmen kommen, so sind nach Ansicht der Italie-


ner die Schaffung von Arbeitsplätzen, mehr binationale Ehen und die Teilnahme an den<br />

Kommunalwahlen die wichtigsten Instrumente zur Förderung der Integration. Von<br />

63% der Befragten wird befürwortet, dass Migranten mit nachweislich 10 Jahren Aufenthaltsgenehmigung<br />

sich an Kommunalwahlen beteiligen sollen (Umfrage von 1.000<br />

Personen in Mailand, Bologna, Rom, Neapel und Palermo, 2005 von der Società Dinamiche/Palermo<br />

durchgeführt).<br />

9. Der italienische Weg kann sich auf keine erprobten Modelle beziehen,<br />

deswegen ist innovati ves Experimenti eren im Rahmen einer größeren<br />

europäischen Dimension erforderlich.<br />

Italien, das sich bewusst geworden ist, ein Einwanderungsland zu sein, ist im Unterschied<br />

zu Deutschland, Frankreich, Großbritannien und anderen EU-Staaten weit<br />

weniger durch seine Erfahrungen geprägt, wie es der Präsident der Caritas, Bischof<br />

Francesco Montenegro, hervorgehoben hat: Wir müssen vor dem Hintergrund der<br />

neuen Erfordernisse der europäischen Migration die Grenzen der in diesen Staaten<br />

erprobten Modelle erkennen, auch wenn selbstverständlich alle Modelle positive Elemente<br />

enthalten, die es zu sichern gilt, und nicht von vorne angefangen werden muss.<br />

Einige Beispiele für wichtige europäische Erfahrungen:<br />

•<br />

Ausnahmen bei der Anwendung von Grundnormen dürfen auf keinen Fall zu-<br />

gelassen werden. Außerdem muss besonderer Wert auf die Sitten und Gebräuche<br />

eines westlichen Landes, die Grundsätze der Laizität einer Gesellschaft, die Chancengleichheit<br />

für alle Bürger, die gesetzliche Gleichberechtigung der Geschlechter<br />

und die Gleichstellung der Religionen - nur einige wichtige Beispiele - gelegt<br />

werden.<br />

•<br />

Die Tatsache, dass einige Länder Erleichterungen für den Erwerb der Staats-<br />

bürgerschaft geschaffen haben, erweitert den Spielraum eigener Identifikation und<br />

Teilhabe, insbesondere für die Migrantenkinder, auch wenn dies nicht ausschlaggebend<br />

für ein friedliches Zusammenleben ist, wenn nicht zuvor alles unternommen<br />

wird die Gesellschaft offen und pluralistisch zu gestalten.<br />

•<br />

Vieles was ein fruchtbares Zusammenleben fördern kann, hängt jedoch we-<br />

niger von Gesetzen, als von den Bemühungen, einander zu verstehen, ab. Die Geschichte,<br />

die von uns und den Migranten ein friedliches Zusammenleben erfordert,<br />

zwingt uns zu einer Haltung der gegenseitigen Anpassung.<br />

Erforderlich ist ein verändertes Integrationskonzept, das sich von dem der Vergangenheit<br />

abhebt, das alle EU-Staaten – die alten wie die neuen Einwanderungsländer, die<br />

Mitgliedsstaaten im Norden, im Zentrum und am Mittelmeer – in die Rolle von Lehrlingen<br />

verweist: wir sind alle, einschließlich der Migranten dazu aufgerufen, ein neues<br />

Modell für das Zusammenleben zu entwickeln, das europäischere und gemeinschaftlichere<br />

Züge trägt und weniger auf die Bedürfnisse des einzelnen Staates orientiert ist.<br />

In dieser umwälzenden Situation der Migration in Europa wirkte sich das Scheitern<br />

der Volksbefragungen 2005 in Frankreich und den Niederlanden zur Verfassung<br />

negativ aus, auch wenn die anschließende Vermittlung aus der Sackgasse herausgeführt<br />

hat. Diese schon an sich schwierigen Verhältnisse werden noch durch die politische<br />

Lage in Italien erschwert, die durch die Konflikte zum Thema Migration zusätzlich<br />

belastet wird. Das Land sollte ideologische Auseinandersetzungen verringern können.<br />

67


68<br />

10. Das Vertrauen der Migranten in die Italiener macht uns Hoff nung.<br />

Die Analyse wichtiger, in den letzten drei Jahren durchgeführter Studien erlaubt<br />

uns die Feststellung, dass die Migranten gegenüber den Italienern eine wohlwollende<br />

und grundsätzlich positive Haltung einnehmen. Wie aus einer im Auftrag des italienischen<br />

Innenministeriums 2007 durchgeführten Studie hervorgeht, bestätigen die meisten<br />

Migranten, dass es ihnen in Italien gut geht, weil sie Arbeit gefunden haben, ihnen<br />

die Freundlichkeit und Lebensart (einschließlich der Küche) der Italiener, die schöne<br />

Architektur und das Klima gefallen; auch wenn die Aufnahme im Land, insbesondere<br />

auf der Arbeit und bei der Wohnungssuche zu wünschen übrig lässt.<br />

Diese Einschätzung geht auch aus der von Dossier Caritas/Migrantes (im Mai<br />

2007) im Auftrag der <strong>Deutsche</strong>n Botschaft und der Friedrich-Ebert-Stiftung in Rom<br />

durchgeführten Umfrage hervor. Die Mängel Italiens und der Italiener, die aus einer<br />

Mischung aus unzureichenden Gesetzen, Vorurteilen, Misstrauen und konkreten Hindernissen<br />

bei Bürokratie, sozialen Dienstleistungen und Wohnungsmarkt bestehen,<br />

werden vor allem durch die Solidarität, aber auch durch Angebote bei der gesundheitlichen<br />

Versorgung, beim Zugang zu Schulen und sozialen Dienstleistungen sowie<br />

schließlich durch das große Ausmaß an Wertschätzung und Zuneigung kompensiert.<br />

Auch wenn in anderen Ländern größere Arbeitschancen, ein besserer Wohlfahrtsstaat<br />

und eine größere Vertrautheit mit einer multikulturellen Gesellschaft bestehen, so ist<br />

Italien dennoch für die meisten Migranten das Land, in dem sie bleiben möchten. Diese<br />

tröstliche Grundbereitschaft bezieht sich auf eine Wirklichkeit voll von Licht und<br />

Schatten.<br />

In der Europäischen Union wird jedes Jahr am 26. September der europäische Tag<br />

der Sprachen, ein außerordentliches, zu schützendes und zu förderndes Erbe, begangen.<br />

In Italien sprechen die Migranten rund 150 Sprachen. Für sie gibt es ein Angebot von<br />

172 Radioprogrammen, 20 Fernsehprogrammen und 29 Zeitungen in Fremdsprachen<br />

(Radio- und Fernsehprogramme werden auch auf Italienisch gesendet), die ausschließlich<br />

an die Migranten gerichtet sind: 7 in spanischer Sprache, 3 in englischer Sprache,<br />

3 in Portugiesisch, jeweils 2 in chinesischer, albanischer, ukrainischer und rumänischer<br />

Sprache, jeweils 1 in Punjabi, Französisch, Polnisch, Bulgarisch, Pakistanisch, Russisch,<br />

Tagalog und Arabisch (2005). Diese Zahlen dürfen nicht darüber hinweg täuschen, dass<br />

es sich nur um einen Anfang handelt und noch viel zu tun ist. Bei dieser Aufzählung<br />

dürfen nicht die Migranten vergessen werden, die in italienischer Sprache schreiben.<br />

Die Datenbank “Basili” zählt 279 Schriftsteller (119 davon Frauen, das entspricht 43%;<br />

davon kommen 96 aus Afrika, 54 aus Amerika, 47 aus Asien, 82 aus Europa; insgesamt<br />

80 Nationalitäten).<br />

Die Beziehungen der Italiener zu ihren ausländischen Nachbarn sind im Allgemeinen<br />

gut und von gegenseitigem Entgegenkommen geprägt, 30% der interviewten<br />

Italiener zeigen eine eher freundliche Gleichgültigkeit; seltener geht es in offene Feindschaft<br />

und völlige Ablehnung/Intoleranz über (Progetto Inte.Mi.gra 2004). Eine andere,<br />

in der Toskana durchgeführte Studie legte offen, dass zwar zwei Drittel eine positive<br />

Einstellung haben, doch Unterschiede gemacht werden zwischen Achtung fühlen<br />

(35%) und Toleranz üben (29%). 8 von 10 interviewten Migranten erklären dagegen,<br />

dass ihr Leben sich seit der Ankunft in Italien verbessert hat und über 60% sind sicher,<br />

auf Dauer in Italien bleiben zu wollen. Sie sind aber keinesfalls „blauäugig, kennen die


Schwachstellen des „Italienischen Systems“ und fordern vor allem allgemeine Dienstleistungen<br />

(bei Arbeits- und Wohnungssuche, dem Erlernen der Italienischen Sprache,<br />

bei der Religionsausübung). Am Anfang geht es hauptsächlich um das Überleben, man<br />

bekommt Hilfe von den eigenen Landsleuten und später auch von Migrantenfreunden.<br />

Nach dieser Anfangsphase kommt Heimweh auf, man leidet unter Einsamkeit und<br />

darunter, dass man sich nicht einbezogen fühlt (IREF-ACLI-Studie, Dezember 2005 -<br />

März 2006; durchgeführt auf der Grundlage von 1.000 Familien mit 31 verschiedenen<br />

Staatsangehörigkeiten).<br />

Bei ihrer Eingliederung stoßen die Migranten immer wieder auf einen Mangel an Sensibilität<br />

bei den Italienern. In einer auf der Basis von 3.000 Migranten 2003 durchgeführten<br />

Umfrage vom Osservatorio Immigrati der UIL von Rom und Latium erklärte sich ein<br />

Drittel der Migranten unzufrieden mit der Aufnahme und Toleranz seitens der Italiener<br />

und gut 40% waren mit dem Verhalten der Mitarbeiter der Behörden nicht zufrieden.<br />

Wie schon angedeutet wurde, fehlt es nicht an wirklicher Diskriminierung. Es sind<br />

vor allem Menschen, die schon seit längerer Zeit legal in Italien leben, durchschnittlich<br />

40 Jahre alt sind, einen festen Arbeitsplatz und feste Beziehungen haben und ihre Rechte<br />

und Pflichten besser kennen, die das “Grüne Telefon” von UNAR-Ufficio Antidiscriminazioni<br />

Razziali anrufen. Das zeigte die Auswertung von 3.438 Telefongesprächen,<br />

die 2005 bei der UNAR eingingen, und von 10.000 Anrufen im Jahre 2006, bei denen<br />

man den Hinweisen nachging und 351 wirkliche Fälle von Diskriminierung feststellte.<br />

Die meisten Klagen gingen von afrikanischen und besonders nordafrikanischen Migranten<br />

aus (ein Fünftel aller Fälle) und betreffen meistens Arbeit und Wohnung und<br />

weniger das tägliche Zusammenleben und die öffentlichen Dienstleistungen. 23<br />

Trotz allem sind die Migranten optimistischer als die Italiener; sie sparen mehr,<br />

sind eher bereit, Risiken auf sich zu nehmen, Herausforderungen einzugehen und neigen<br />

allgemein eher dazu, Kredite aufzunehmen, um ihren Lebensstandard zu verbessern<br />

(laut einer CENSIS-Studie für den Delta-Konzern anhand von 800 Migranten, die<br />

im November/Dezember 2005 durchgeführt wurde).<br />

Die Caritas Italiana und die Fondazione Migrantes, zwei im Migrationsbereich tätige<br />

Organe der italienischen Bischofskonferenz, sind der Überzeugung, dass auf „ein<br />

friedliches Zusammenleben, in dem Italiener und Migranten sich gemeinsam für den<br />

Fortschritt einsetzen, nicht verzichtet werden darf, denn eine in ihrem Inneren gespaltene<br />

Gesellschaft hat schlechte Zukunftsaussichten. Es muss nicht nur in Italien, sondern<br />

auch auf EU-Ebene, gelingen, die Mehrheit der Bürger an einem Prozess zu beteiligen,<br />

der darauf abzielt, dass die vielen Kulturen der Zuwanderer mit den tragenden<br />

Linien der westlichen Tradition in Einklang gebracht werden. Die italienische Kirche<br />

war und ist ihrerseits nie der Ansicht, dass offene und gerechte Migrationsgesetze eine<br />

Gefahr für den christlichen Glauben darstellen, dessen Fundament, sofern es stabil ist,<br />

in der Auseinandersetzung auch gestärkt wird“.<br />

(23) Ministero Pari Opportunità/Uffi cio Nazionale Antdiscriminazioni Razziali (Ministerium für Chancengleichheit<br />

– Nati onales Amt gegen rassisti sche Diskriminierung, UNAR) Un anno di atti vità contro la<br />

discriminazione razziale, Rapporto 2005, (Ein Jahr der Akti vitäten gegen rassisti sche Diskriminierung,<br />

Jahresbericht 2005, Rom 2006 Demetra); P. Vulpiani, „Disparità di tratt amento e discriminazione razziale:<br />

i dati dell’UNAR” (Ungleiche Behandlung und rassisti sche Diskriminierung: Daten der UNAR), in Caritas/<br />

Migrantes, Dossier Stati sti co Immigrazione 2007. Edizioni Idos, Rom 2006, S. 220-228.<br />

69


70<br />

Rom und die Stadt der Zukunft : internati onal, interkulturell<br />

und interreligiös<br />

Mons. Guerino Di Tora, Direktor der Caritas Diözese Rom<br />

Die Kirche von Rom ist natürlich eng mit der Stadt verbunden, die zugleich auch Sitz<br />

des Oberhaupts der Katholischen Kirche ist. Der Verantwortliche für die Diözesanscaritas<br />

in Rom steht natürlich genauso wie alle anderen Bürger dem Weltgeschehen aufgeschlossen<br />

gegenüber und schenkt dementsprechend der Migration eine große Aufmerksamkeit.<br />

Aufgrund unserer langen, einschlägigen Erfahrung möchte ich die Merkmale erläutern,<br />

die eine Stadt auszeichnen sollte, die sich mit der Migration, einem europaweiten Phänomen,<br />

auseinanderzusetzen in der Lage ist.<br />

Nach den Vorgaben des II. Vatikanischen Konzils soll die Kirche nicht von der Gesellschaft<br />

getrennt leben, sondern wie Hefe in ihrem Inneren wirken: deshalb sind wir<br />

berufen, die Probleme, Risiken und Hoffnungen der Migranten und ihre unvollkommenen<br />

und ungerechten Weltverflechtungen, die viel Leid verursachen, zu teilen. Auch<br />

ohne diese religiöse Begründung ist klar, dass die Migranten die wichtigste menschliche<br />

Seite der Globalisierung darstellen, denn der Wegfall der Grenzen hat für sie nicht<br />

nur eine physische Seite, sondern wird als existenzielle Erfahrung, mit seinen täglichen<br />

Höhen und Tiefen, erlebt. Sie sind für uns wie ein offenes Buch, das uns einlädt zu fragen<br />

und zu entscheiden, ob wir die Zuwanderer wirklich aufnehmen oder uns gegen sie<br />

abschotten wollen. Diese ambivalente Haltung führt in allen europäischen Ländern zu<br />

ernsthaften Problemen.<br />

Die Migration ist heute eines der Merkmale unserer Zeit. Migration gab es auch<br />

in der Vergangenheit und Italien legt dafür mit 28 Millionen Auswanderern seit 1861<br />

– noch heute leben rund 3,5 Millionen italienische Staatsbürger im Ausland – ein beredtes<br />

Zeugnis ab. Die heutige Migration, eine der Folgen der Globalisierung einer Welt<br />

als “globalem Dorf“, verursacht durch ein Reihe von strukturellen Veränderungen, ist<br />

ein Schlüssel zum Verständnis unserer Zeit. Dies nicht zur Kenntnis zu nehmen, hieße<br />

die Augen vor der Wirklichkeit verschließen. Doch diese Feststellung reicht allein<br />

nicht aus, wir müssen die Bedeutung dieser Tatsache auch verstehen.<br />

Es freut mich, die Stadt Rom als die Stadt der drei I’s vorzustellen: als eine internationale,<br />

interkulturelle und interreligiöse Stadt. 24 Ich denke jedoch, dass diese Eigenschaften<br />

nicht nur uns gehören und deshalb möchte ich sie in Bezug auf alle europäischen<br />

Städte kommentieren.<br />

Das erste „I“ steht für internati onal<br />

Rom ist auf eine besondere Art und aus verschiedenen Gründen eine internationale<br />

Stadt. Zu verweisen ist auf die römische Geschichte, die Katholische Kirche, die Kunst,<br />

den Sitz der italienischen Regierung, den Vatikanstaat und die FAO (UN-Organisation<br />

für Ernährung und Landwirtschaft) sowie eine weitere Vielzahl von UN-Vertretungen.<br />

Die internationale Dimension Roms wird durch die Migration noch verstärkt, denn<br />

hier wohnen die meisten Migranten Italiens.<br />

(24) Caritas Rom, Osservatorio Romano sulle Migrazioni. Terzo Rapporto, (Römische Beobachtungsstelle<br />

zur Migrati on, 3. Bericht) Edizioni Idos, Rom 2007, S. 5-12.


Anfang 2007 war die Zahl der Migranten in der Provinz Rom auf 431.000 Einheiten<br />

gestiegen (Schätzung des Dossier Statistico Immigrazione Caritas/Migrantes<br />

Ende 2006); 25 heute sind es fast eine halbe Million. Zwei Drittel davon leben in der<br />

Hauptstadt und ein Drittel in den über 100 Gemeinden der Provinz. Sie kommen aus<br />

allen Ländern der Welt und bilden große Gemeinschaften, denken wir an die Rumänen,<br />

Albaner, Marokkaner, Chinesen, Philippiner, Peruaner, Pakistani und Bangladeschis.<br />

Sie kommen, um sich langfristig oder endgültig niederzulassen (Arbeit und Familie),<br />

um sich in allen Wirtschaftsbereichen zu etablieren.<br />

In Rom begegnen wir den unterschiedlichsten Gruppen von Migranten, was den<br />

Zweck des Aufenthalts und ihre Ausbildung betrifft: von Ordensleuten bis Diplomaten,<br />

von Studenten bis Geschäftsleuten, von Arbeitnehmern bis zu Unternehmern. Viele<br />

kommen nach Rom, bevor sie sich dann in einer anderen italienischen Stadt oder im<br />

Ausland niederlassen; andere wollen endgültig in einer so faszinierenden Stadt leben.<br />

Alle finden hier Landsleute. Rom ist wie eine „Lunge”, die viele für einen längerfristigen<br />

Aufenthalt aufnimmt, um sie dann später wieder auf das Land, je nach persönlichen<br />

Erwartungen, familiären und ethnischen Verbindungen, zu verteilen.<br />

Alle italienischen und europäischen Städte sind – wenn auch auf verschiedene<br />

Weise – infolge der Zuwanderung internationaler geworden: so entstanden neue wirtschaftliche,<br />

kulturelle und soziale Verbindungen, die immer stärker werden. Wegen<br />

der demografischen und Beschäftigungsentwicklung bekommt die Zuwanderung eine<br />

immer größere strukturelle Bedeutung und wird weiter wachsen. Wenn dies richtig ist,<br />

so gehört eine internationale Aufgeschlossenheit in das Gepäck einer modernen Stadt.<br />

Die Päpste haben sich als Bischöfe Roms bei verschiedenen Gelegenheiten dafür<br />

ausgesprochen, dass sich Rom aufgeschlossen zeigen muss, um die Zuwanderer eingliedern<br />

zu können. Gleiches schlugen sie an den Weltmigrationstagen der ganzen Welt<br />

vor. Den Zuwanderern müssen gleiche Rechte zugestanden werden, während von ihnen<br />

die Beachtung der grundlegenden Normen des Gastlandes verlangt werden muss.<br />

Die Anwesenheit der Migranten, die Tatsache, dass sie viel arbeiten und alles tun, um<br />

zu sparen und Geld in ihre Herkunftsländer zu schicken, macht unsere Städte zu Trägern<br />

internationaler Solidarität und aus Migranten internationale Entwicklungshelfer. In der<br />

heutigen Welt, in der es nicht viel Grund zur Hoffnung gibt, bedeuten die Riesensummen,<br />

die die Migranten in ihre Herkunftsländer schicken, einen wahren Segen. 26<br />

Die Überweisungen sind der Ausdruck einer gemeinschaftlichen Strategie, über<br />

die das Familieneinkommen im Herkunftsland verbessert und ein Beitrag zur Wirtschaft<br />

des ganzen Heimatlandes geleistet werden kann. Diese Ressourcen, ohne die diese<br />

Menschen um das nackte Überleben kämpfen müssten, sichern ihnen einen höheren<br />

Lebensstandard; sie können auch helfen einen Entwicklungsprozess in diesen Ländern<br />

einzuleiten, wobei viel von der lokalen Politik abhängt.<br />

(25) G. Demaio, A. Colaiacomo, F. Pitt au, „Roma. Rapporto immigrazione 2007“ (Rom, Migrati -<br />

onsbericht 2007), Caritas/Migrantes, Dossier Stati sti co Immigrazione 2007, Edizioni Idos, Rom 2007,<br />

S. 398-401.<br />

(26) M. C. Chiuri, N. Coniglio, G. Ferri, „Le rimesse degli stranieri in Italia” (Die Überweisungen der<br />

Ausländer in Italien) bei Caritas/Migrantes, Dossier Stati sti co Immigrazione 2007, Edizioni Idos, Rom<br />

2007, S. 292-300; „Rimesse e sviluppo economico” (Überweisungen und wirtschaft liche Entwicklung),<br />

ebd., Edizioni Idos, Rom 2006, S. 315-324.<br />

71


72<br />

Die Experten sind sich nicht sicher, ob diese Überweisungen, makroökonomisch gesehen,<br />

in jedem Fall einen Impulsgeber für Entwicklung darstellen. Einerseits loben sie die<br />

durchaus positiven Auswirkungen auf die Zahlungsbilanz, das Nationaleinkommen und<br />

seine bessere Verteilung sowie den Lebensstandard der Bevölkerung des Herkunftslandes.<br />

Andererseits weisen sie darauf hin, dass die Überweisungen auch einen Teufelskreis<br />

auslösen können, der die Herkunftsgemeinschaften in die Abhängigkeit treibt, zu mehr<br />

Auswanderung von Arbeitskräften führt, öffentliche Investitionen zurückgehen lässt und<br />

die Verbraucher- und Lebensmodelle der örtlichen Bevölkerung verändert, unabhängig<br />

von den Folgen, die eine Verringerung dieser Finanzströme auslösen würde.<br />

Es geht hier natürlich nicht um überflüssige oder dem Prestige dienende Ausgaben,<br />

sondern vor allem um den Kauf eines Hauses, die Erziehung der Kinder und die gesundheitliche<br />

Versorgung, die mittel- und langfristig produktiv und zukunftsfördernd<br />

für diese Länder sind. Unter Berücksichtigung der Erfahrungen in einigen Ländern<br />

sind jedoch die geeigneten Entwicklungsbedingungen vor Ort zu klären.<br />

Die Hauptakteure dieses globalen Phänomens sind die bei uns lebenden Migranten und<br />

zusammen mit ihnen unsere Städte, die in Ergänzung zu diesen Überweisungen spezifische<br />

Entwicklungsprojekte realisieren. Ich denke, dass wir diesen Ansatz verstärken sollten.<br />

Das zweite „I“ steht für interkulturell<br />

Aus Angst vor dem Verlust des eigenen kulturellen und religiösen Erbes stellen<br />

sich viele gegen die Zuwanderung. Den Anderen aufnehmen, heißt aber keinesfalls,<br />

auf die eigene Kultur und den eigenen Glauben zu verzichten und seine Wurzeln zu<br />

kappen. Im Gegenteil, dies alles muss neu belebt werden, um einen umfassenden Dialog<br />

führen zu können. Die Angst, die eigene Identität zu verlieren, sollte nicht auf die Zuwanderung,<br />

sondern auf die nur oberflächliche Entwicklung dieser Identität zurückgeführt<br />

werden. Gerade der Kontakt mit dem Anderen kann dazu beitragen, die eigene<br />

Identität zu stärken. Kardinal Roger Etchegaray, Präsident von „Justitia et pax“, sprach<br />

im Jahr 2000 bei der Vorstellung des „Dossier Statistico Immigrazione“ über das Zusammenleben<br />

der Unterschiede, so auch dem der Religionen. Seine Worte drückten<br />

sehr gut aus, was das Lehramt der Kirche über die Migration denkt und welches die<br />

Aufgaben sind, die jeden von uns erwarten.<br />

Modern sein bedeutet Austausch, Begegnung der Kulturen, Beziehungen zu mehr<br />

Ländern, mehr Sprachen, größere religiöse Sensibilität. Auch uns würde es gut tun,<br />

mehr zu erfahren über die Geschichte anderer Länder und Regionen, über neue Musik<br />

und neuen Gesang und andere Lebensmittel. Gewiss müssen die Veränderungen<br />

schrittweise erfolgen und ein richtiges Gleichgewicht zwischen Einheitlichkeit und<br />

Verschiedenheit muss gefunden werden. Kulturelle Prozesse vollziehen sich nur langsam<br />

und nur, wenn sie eine gewisse Reife erlangt haben, können Menschen überzeugt<br />

werden, ohne dass ihre Gefühle verletzt werden. Das Andersartige verliert das Feindliche,<br />

wenn es uns näher kommt, und zieht und regt gerade wegen seinem Anderssein<br />

an. Es geht nicht darum, eine Rangfolge aufzustellen, sondern darum, das Besondere zu<br />

entdecken, das anders ist als bei uns, die Hintergründe zu verstehen, aber auch Anpassung<br />

zu verlangen, wenn der neue soziale Kontext dies erfordert, wie auch das Andere<br />

zu fördern, soweit es keine Konflikte hervorruft.<br />

Interkulturell ist das geeignete Adjektiv, um auf die notwendigen Synergien hinzuweisen,<br />

die zwischen uns, den Einheimischen und den Zuwanderern geschaffen werden


müssen. Ausgehend von dieser Überzeugung hat die römische Caritas sich zunächst<br />

um die Grundbedürfnisse der Zuwanderer (Essen, eine warme Mahlzeit) gekümmert<br />

und seit Anfang der neunziger Jahre ein besonderes Konzept, das sogenannte Forum per<br />

l’intercultura (multikulturelles Forum) entwickelt, an dem sich italienische Verbände und<br />

Migrantenvereine jeder Religionszugehörigkeit beteiligen können. Im Laufe der Jahre<br />

haben wir mit dem Ziel der interkulturellen Bildung mit rund 5.000 Dozenten und<br />

zehntausenden Schülern zusammengearbeitet und in den Schulen ähnliche Initiativen<br />

angeregt. Darüber haben wir aber keinesfalls die anderen Teile der Gesellschaft vergessen<br />

- Gemeinden, Pfarreien, Vereine, Bewegungen, Zirkel, Stadtviertel, manchmal<br />

auch die politischen Parteien und Berufsverbände (Polizisten, Verkehrspolizei, Richter,<br />

Sozialarbeiter, Psychologen) - haben Tagungen, Kurse und Feste organisiert und<br />

„Kulturmediatoren“ für Problemlösungen zur Verfügung gestellt. Um diese Aufgaben<br />

leichter umsetzen zu können, veröffentlichten wir auch verschiedene Bände, z.B. :<br />

- 1990 nach Verabschiedung des Martelli-Gesetzes den ersten Band über die Migration:<br />

Il pianeta immigrazione: dal conflitto alla solidarietà (Der Planet der Migration: vom Konflikt<br />

zur Solidarität);<br />

-<br />

1991 das erste (und damals einzige) Dossier statistico Immigrazione (Statistisches Migra-<br />

tionsdossier) und ein Buch über den <strong>Islam</strong>, damit nach dem Golfkrieg die Leser, die nichts<br />

vom <strong>Islam</strong> wussten, diesen kennenlernen konnten (Per conoscere l’islam. Cristiani e musulmani<br />

nel mondo di oggi - Den <strong>Islam</strong> kennenlernen. Christen und Muslime in der heutigen Welt);<br />

- 1993 Roma multiculturale (Das multikulturelle Rom), später Italia multiculturale (Das<br />

multikulturelle Italien) mit Informationen über die Herkunftsländer der Migranten;<br />

- 1994 Immigrati e religioni (Migranten und Religionen) in Kooperation mit dem CSER,<br />

die bis in die heutigen Tage anhält, Schätzung der religiösen Zugehörigkeit der bei uns<br />

lebenden Migranten;<br />

-<br />

1995 Die ersten Dieci itinerari didattici (Zehn didaktische Wege) vom Forum per<br />

l’intercultura, zwei Jahre später folgten die Nuovi itinerari didattici (Neue didaktische Wege)<br />

und 1998 der Band Migrazioni, paesi e culture: esperienze europee a confronto (Migrationen,<br />

Länder und Kulturen: europäische Erfahrungen im Vergleich);<br />

- 1996 die erste Studie über Pregiudizio e Intercultura (Vorurteile und Interkulturalität) in<br />

der Schule in Rom, ausgehend von einer Umfrage bei 250 Lehrern und 2.700 Schülern;<br />

-<br />

1997 ein Buch des Direktors, Mons. Luigi Di Liegro, das sich mit der Notwendigkeit<br />

befasst, ein neues Einwanderungsgesetz zu verabschieden (Immigrazione. Un punto di vista -<br />

Migration, ein Standpunkt) und ein anderes Buch, das nach der Billigung von Gesetz 40/1998<br />

folgte (L’immigrazione alle soglie del 2000 - Die Migration an der Jahrtausendwende);<br />

-<br />

1998 die erste Auflage des Führers Immigrati a Roma. Luoghi di incontro e di preghiera<br />

(Zuwanderer in Rom. Stätten der Begegnung und des Gebets) und der erste Bericht über<br />

Elend und Armut in Rom (Rapporto disagio e povertà a Roma), in dem ein Kapitel der Migration<br />

gewidmet ist;<br />

- 2000 der einführende statistische Bericht in zwei Bänden für die Tagung Migrazioni.<br />

Scenari per il XXI secolo (Migration, Szenarien für das XXI. Jahrhundert), ein aufwendiger<br />

Auftrag, der von der Agenzia Romana anlässlich des „Heiligen Jahres“ erteilt wurde;<br />

- 2004 eine Studie über die Ausbildung von Kulturmediatoren (Mediatori interculturali.<br />

Un’esperienza formativa - Kulturmediatoren, eine Ausbildungserfahrung);<br />

-<br />

Seit 2004 die Jahresberichte des Osservatorio Romano über die Migration, herausgegeben<br />

in Zusammenarbeit mit der Provinz, Gemeinde und Industrie- und Handelskammer Rom.<br />

Die Ansprache von Migranten erfolgt paritätisch: heute beteiligen sich rund 60<br />

„Kulturmediatoren“ im Jahr im Forum per l’intercultura, von ihnen hat die Mehrheit einen<br />

Migrationshintergrund (sie wurden auf Grund ihrer guten Ausbildung und ihres<br />

Kommunikationstalents ausgewählt). Sie sollen Italienern und Migranten beim Zusammenleben<br />

helfen, indem sie, bei Achtung der jeweiligen Unterschiede, Gemeinsam-<br />

73


74<br />

keiten entwickeln. Diese kulturelle Mediation besteht nicht darin zu Dolmetschen, eine<br />

lobenswerte und notwendige Aufgabe gegenüber den Zuwanderern, denn dies allein<br />

kann nicht die Erwartungen der Menschen erfüllen, die bleiben wollen. Die Aufnahme<br />

bedarf einer interkulturellen Dimension, die in den öffentlichen Einrichtungen und<br />

sozialen Organisationen verankert werden muss. Hierdurch kann eine offenere Mentalität<br />

erzeugt werden, die das Angebot an Dienstleistungen, aber auch den erleichterten<br />

Zugang zur Staatsbürgerschaft und zum Kommunalwahlrecht betrifft. 27<br />

Besondere Bedeutung haben die Schulen, die alle Generationen besuchen müssen<br />

und die ein herausragendes „Netz“ für die Bildung der Bürger von morgen darstellen,<br />

indem sie lernen, kulturelle Unterschiede nicht zum Vorwand für die Ablehnung von<br />

Migranten zu nehmen. Die Caritas Rom richtete unter anderem den ersten interkulturellen<br />

Kindergarten Roms, den Celio Azzurro, ein, in dem Kinder bis fünf Jahren aus<br />

rund zwanzig verschiedenen Ländern aufgenommen werden, außerdem den Kinderhort<br />

Piccolo mondo, ebenfalls mit einer multiethnischen Struktur, dessen Konzept auch<br />

von anderen aufgegriffen wurde.<br />

Das Forum per l’intercultura leistet Beiträge zur Information über die Herkunftsländer<br />

der Migranten und ihre Traditionen, auch indem die Migranten über ihr Land<br />

„erzählen“; zur multikulturellen Bildung von Schülern und Lehrern; zur Präsentation<br />

von Literatur aus anderen Ländern; zur Unterstützung der ersten Migranteneliten<br />

beim Schreiben in italienischer Sprache (dabei sich an Traditionen erinnernd, die die<br />

unserigen waren - denken wir nur an die mündliche Überlieferung) und zur Veröffentlichung<br />

ihrer Texte (Roma multiculturale und Italia multiculturale - Das multikulturelle<br />

Rom und das multikulturelle Italien). So werden die Unterschiede nicht verteufelt, sondern<br />

dienen der Anregung.<br />

Unsere besondere Aufmerksamkeit gilt den Kulturmediatoren, den wichtigsten<br />

Akteuren in diesem großen Projekt. Mit der Verfestigung der Migration in Rom seit<br />

Mitte der neunziger Jahre wurde es notwendig Menschen auszubilden, die in der Lage<br />

waren, die soziokulturelle Begegnung zwischen der aufnehmenden Gesellschaft und<br />

den ausländischen Bürgern zu erleichtern. Man orientierte sich dabei an den schon in<br />

Nordeuropa erprobten Modellen bei NRO und kommunalen Behörden, die schon das<br />

Berufsbild des Kulturmediators eingeführt hatten. Dessen Schlüsselfunktion ist es, eine<br />

Art „Brücke“ zwischen den ausländischen Bürgern und der aufnehmenden Gesellschaft<br />

zu schlagen. Die Ausübung dieses Berufs, dessen Bedeutung immer mehr anerkannt<br />

wird, erfordert eine mittlere/hohe kulturelle Bildung, eine Begabung zur zwischenmenschlichen<br />

Kommunikation, eine Bereitschaft zum Zuhören, gute Kenntnisse sowohl<br />

der italienischen Sprache als auch der Sprachen der Migranten und der Sitten sowie<br />

(27) Heute werden vier beisitzende Stadträte in Groß-Rom und je 1 Stadtrat in jedem der 19 Bezirke<br />

Roms gewählt: diese Räte sind den anderen Räten gleichgestellt mit der Ausnahme des Sti mmrechts.<br />

G. Demaio, „Roma e i consiglieri aggiunti : una forma di partecipazione” (Rom und die beisitzenden<br />

Stadträte: eine Art der Beteiligung), Caritas Rom, Osservatorio Romano sulle Migrazioni. Terzo Rapporto<br />

(Römische Beobachtungsstelle zur Migrati on. Dritt er Bericht), Edizioni Idos, Rom 2006, S. 322-<br />

327. Zu der Frage des Wahlrechts für Migranten vgl. Caritas Italiana, Immigrati e partecipazione. Dalle<br />

consulte e dai consiglieri aggiunti al diritt o di voto (Migranten und Beteiligung. Von den Räten und den<br />

beisitzenden Stadträten zum Wahlrecht), Edizioni Idos, 2005.


Erfahrungen mit der Gesetzgebung im Bereich Migration und Asyl. 28<br />

Neben der Caritas sind in diesem Bereich in Rom viele andere soziale Organisationen<br />

und – wie schon erwähnt – viele Lehrer aus Schulen tätig: insgesamt ist es gelungen<br />

die interkulturelle Dimension im tagtäglichen Leben der Bürger konkret werden<br />

zu lassen. Viele italienische und europäische Städte haben sich aktiv dem Thema „Begegnung<br />

der Kulturen“ gewidmet. Das zeigt, dass man auf diesem Gebiet Akteur sein<br />

kann, wobei der Erfahrungsaustausch über das Erreichte dazu dienen kann, sich noch<br />

weitere, höhere Ziele zu setzen.<br />

Das dritt e “I” steht für interreligiös<br />

Infolge der Migration beobachten wir in allen italienischen und europäischen Städten<br />

eine Vielfalt an Religionen. Ihre Verbreitung auf Weltebene beträgt: 46,3% Christen,<br />

24,8% Muslime und 27,5% Gläubige der östlichen Religionen. Die Migranten in Italien<br />

verteilen sich ebenfalls auf verschiedene Religionen: eine Hälfte gehört christlichen<br />

Konfessionen an (in Rom machen sie zwei Drittel aus), ein Drittel sind Muslime und 5%<br />

gehört östlichen Religionen an, darüber hinaus bestehen andere religiöse Gruppen. 29<br />

Die Caritas der Diözese Rom war im interreligiösen Dialog schon bahnbrechend,<br />

als die Zeiten schwieriger waren. 1991 während des Golfkriegs hatte die Caritas Rom<br />

den Mut römische Bürger zu einem Kurs mit dem Thema „Den <strong>Islam</strong> kennenlernen“<br />

einzuladen, an dem die bekanntesten Experten der Päpstlichen Universitäten teilnahmen.<br />

Die Vorträge des Kurses wurden in einem Buch mit einem Vorwort von Kardinal<br />

Ruini zusammengefasst. Wir organisierten seit 1991 jedes Jahr einen weiteren Kurs, zu<br />

denen wir Protestanten, Orthodoxe, Juden, Muslime, Buddhisten, Hindus und andere<br />

einluden, um die in diesen Religionen enthaltenen Wahrheiten zu erklären und nach<br />

dem Vorbild des Papstes zu verhindern, dass der Gott des Friedens einen Vorwand für<br />

Krieg und Hass liefern könnte. 30<br />

Eine andere Initiative, die 1998 begonnen und 2002 und 2004 aktualisiert wurde<br />

(derzeit wird an einer neuen Aktualisierung gearbeitet), ist der Führer Migranten in Rom,<br />

Stätten der Begegnung und des Gebets, in dem wir die Adressen von Kultstätten auflisten,<br />

Karteien über die Religionen und einen Kalender mit den Festtagen zusammenstellen. So<br />

wollen wir zeigen, dass wir die Wahrheiten, die in allen Religionen enthalten sind, schätzen<br />

und dazu einladen, in den religiösen Unterschieden nicht einen Anlass für Konfrontation,<br />

sondern eine Gelegenheit zu sehen, Zeugnis für den Frieden abzulegen. 31<br />

(28) Der „Kulturmediator“ ist in ganz Italien verbreitet. Da es sich hier um den Kompetenzbereich<br />

der Regionen handelt, gibt es noch keine einheitliche Regelung. Die größten Problemen bestehen in<br />

den kurzfristi gen Einsatzzeiten, bei der Finanzierung, bei der Anerkennung der Qualifi zierung, bei den<br />

Ausbildungskursen und in der Gefahr, die Arbeit auf einfache Dolmetscherleistungen zu reduzieren.<br />

(29) G. Gnesott o, F. Marsico, F. Pitt au, M. P. Nanni, „Il panorama multi religioso in Italia” (Das multi -<br />

religiöse Panorama in Italien), Caritas/Migrantes, Dossier Stati sti co Immigrazione 2007 (Stati sti sches<br />

Migrati onsdossier), Edizioni Idos, Rom 2007, S. 192-201.<br />

(30) L. Di Liegro, F. Pitt au (Hrsg.), „Per conoscere l’islam. Cristi ani e musulmani nel mondo di oggi”<br />

(Den <strong>Islam</strong> kennenlernen. Christen und Muslime in der heuti gen Welt), Einleitung von Kardinal Ruini,<br />

Edizioni Piemme/Caritas diocesana Rom, Casale Monferrato 1991.<br />

(31) Caritas diocesana Rom, Migrantes Roma e Lazio, Immigrati a Roma. Luoghi di incontro e di<br />

preghiera (Migranten in Rom. Stätt en der Begegnung und des Gebets), Rom 2004.<br />

75


76<br />

Die Zahl der Gebets- und Begegnungsstätten für Migranten stieg von 154 in 2000<br />

auf 185 in 2004, die der Katholiken von 105 auf 132, die der Protestanten von 20 auf<br />

26, die der Orthodoxen von 3 auf 10, die der Juden gingen von 6 auf 5 zurück, die der<br />

Muslime stiegen von 5 auf 7, während die Zahl der östlichen Kultstätten bei 5 blieb.<br />

Die aufgezählten Stätten liegen meist im 1. Stadtbezirk von Rom, nicht nur deshalb,<br />

weil es leichter ist, dort katholische Kirchen zu finden, die man zur Verfügung stellen<br />

kann, sondern weil man auch leichter aus den verschiedenen anderen Stadtteilen dorthin<br />

gelangen kann. Es gibt jedoch eine gewisse Tendenz, die Gebetsstätten dorthin zu<br />

verlegen, wo die meisten Migranten leben. 32<br />

Die Kultstätten können zugleich religiöse und soziale Zentren sein und als Bezugspunkt<br />

für viele unterschiedliche Initiativen dienen.<br />

Wir haben nicht nur geholfen, Begegnungsstätten zu finden, sondern auch über<br />

die Begegnung der Religionen nachgedacht. Im katholischen Christentum gibt es nicht<br />

nur das Gebot der Nächstenliebe, sondern auch eine Vielzahl anderer Doktrinen, die<br />

sich von denen anderer Religionen und auch von denen anderer christlicher Konfessionen<br />

unterscheiden. Nach einer leidvollen Geschichte haben wir im Westen gelernt<br />

zu akzeptieren, dass das Individuum in Freiheit entscheiden kann und dass dies vom<br />

Gesetzgeber durch einen allgemeinen, von allen einzuhaltenden Gesetzesrahmen geschützt<br />

werden muss. Das Konzept der „laizistischen Gesellschaft“ entstand zwar im<br />

Westen, ist aber als gesellschaftliches Konzept von allgemeiner Bedeutung, weil so<br />

(32) Die katholischen Migranten sind die größte Gruppe und verfügen deshalb über die meisten<br />

Kultstätt en. Diese stehen 57 nati onalen Gruppen und 2 internati onalen Gruppen (aus Lateinamerika<br />

und ausländische Studenten) zur Verfügung. Einige Nati onalitäten verfügen ebenfalls über mehrere<br />

Kultstätt en: die Philippiner (39), die Polen (12), die Franzosen (5), die Ukrainer und die Migranten aus<br />

Sri Lanka (je 4), je zwei haben die Griechen, Inder, Iren, Libanesen, Rumänen, Russen, Slowenen und<br />

die <strong>Deutsche</strong>n. Die Lateinamerikaner verfügen über 7 multi nati onale und 12 nati onale Strukturen,<br />

insgesamt also 19 Kultstätt en.<br />

13 Kultstätt en stehen den Katholiken des östlichen Ritus zur Verfügung: mit alexandrischem Ritus für<br />

Ägypter, Äthiopier und Eriträer, mit anti ochischem Ritus für die Syro-Libanesen und Maroniten des<br />

Libanon; mit armenischem Ritus für die Armenier, dem chaldäischen Ritus für die Iraker und dem syromalabarischen<br />

Ritus für die Menschen aus dem Mitt leren Osten und Indien; mit dem byzanti nischen<br />

Ritus für die italienischen Albaner und die Albaner, die Griechen und Leuten aus dem Mitt leren Osten,<br />

den Rumänen, Russen und Ukrainern.<br />

10 Kultstätt en stehen den orthodoxen, nichtkatholischen Riten, den griechischen, russischen, ägypti -<br />

schen, äthiopischen, eriträischen und rumänischen Orthodoxen zur Verfügung. Letztere versammeln<br />

sich aufgrund ihrer stark steigenden Zahl zur Zeit in 4 Gebetsstätt en. Die östlichen Riten mit ihren<br />

verschiedenen Zweigen laden dazu ein, sich diesen kaum bekannten Konfessionen zu nähern.<br />

Bei den Protestanten fi nden wir an erster Stelle die Advenisten (12 Kirchen), gefolgt von den Waldensern<br />

(4) und dann je eine Kultstätt e für Anglikaner, Lutheraner, Presbyterianer, Episkopale, die<br />

Heilsarmee und chinesische, äthiopische und französichsprechende evangelische Christen. Eine dieser<br />

Stätt en hat einen internati onalen Charakter und eine steht den Bibelgruppen zur Verfügung.<br />

In den 5 Gebetsstätt en, in die sich die Migranten des jüdischen Glaubens begeben, kann man zwischen<br />

sephardischem und aschkenasischem Ritus wählen.<br />

Den muslimischen Migranten stehen 7 Moscheen zur Verfügung, darunter die Moschee von Monte<br />

Antenne, die größte Europas.<br />

Für die Angehörigen östlicher Religionen dienen die Meditati onszentren zugleich als Stätt en der Begegnung,<br />

es gibt 4 Strukturen für die Buddhisten und eine für die Sikh.


von vornherein ausgeschlossen wird, dass eine Religion eine Vorrangstellung vor den<br />

anderen einnehmen kann. Dieses pluralistische Konzept ist nach jahrhundertelangen<br />

Auseinandersetzungen entstanden und ist keinesfalls oberflächlicher Natur, sondern<br />

beruht auf einem Gleichgewicht, das von beiden Extremen (dem des Fundamentalismus<br />

und dem des Säkularismus) gleich weit entfernt ist. 33<br />

Der von den Einen angerufene Gott darf nicht als Vorwand dienen, um gegen den<br />

Gott der Anderen vorzugehen; wir wollen keine Unterwerfung sondern den Frieden<br />

fördern. In Übereinstimmung mit der überkommenen Lehre der Päpste setzen wir uns<br />

dafür ein, in den Religionen ein Instrument des Friedens zu sehen und die Besonderheit<br />

des eigenen Glaubens nicht als Waffe gegen den des Anderen zu verwenden.<br />

Damit das Zusammenleben in den europäischen Ländern, in denen es immer mehr<br />

Migranten geben wird, friedlich verlaufen kann, tragen die verschiedenen Religionen<br />

eine besondere und gemeinsame Verantwortung. Jede religiöse Gemeinschaft ist aufgerufen,<br />

dem eigenen Glauben zu folgen und sich dafür einzusetzen, dass der Konflikt<br />

zwischen den verschiedenen Religionen überwunden wird und die Gemeinsamkeiten<br />

hervorgehoben werden. Der einzelne Gläubige muss sich an diese Verpflichtung halten<br />

und versuchen, auch auf diejenigen einzuwirken, die der Auffassung sind, dass die Welt<br />

ohne Religionen friedlicher wäre. Dies kann er jedoch nur durch sein Zeugnis beweisen,<br />

dass der Glaube an Gott ein Konzept der menschlichen Solidarität beinhaltet und mehr<br />

Wert hat als alle gängigen gesellschaftlichen Mythen.<br />

Aus dieser Sicht kann die Migrationserfahrung im Laufe der Zeit zu einer Chance<br />

werden, die Welt zu verändern, indem die Religionen zu einem Instrument der Menschlichkeit<br />

werden. Die europäischen Städte können dank des Konzepts der laizistischen Gesellschaft,<br />

des Pluralismus und der Achtung der Gewissensfreiheit zu „Leuchttürmen“<br />

werden, was auch den Herkunftsländern als Beispiel dienen kann.<br />

Wenn von den Kirchen – und in unserem Fall von der Caritas – gesprochen wird,<br />

so denkt man fast immer an die Hilfe für die besonders Bedürftigen und insbesondere<br />

an die Einrichtungen die den Migranten helfen, die sich in Not befinden. Auf diese<br />

Arbeit sind wir stolz. Doch sollten wir uns hüten der Migration das Etikett der Armut<br />

zu geben und dabei übersehen welche innovative Kraft aus ihr entsteht. Wenn wir an<br />

die Zukunft unserer Städte denken, die wir nicht aus den Augen verlieren dürfen, wenn<br />

wir wollen, dass sie immer moderner und dynamischer werden, dann dürfen wir nicht<br />

den ideellen Wert der Dynamik von Migration übersehen: es sind doch gerade die<br />

Ideen und die Werte, die die Welt verändern können, einzelne Menschen stehen dabei<br />

im Mittelpunkt, ohne dass sie auf Entscheidungen der Politiker warten. Die in Rom<br />

gemachten Erfahrungen bestärken uns in dieser Überzeugung. Wir hoffen, dass viele<br />

andere europäische Städte sich unserer Meinung anschließen und – wenn dem so sein<br />

sollte – die Migration trotz all ihrer besonderen Probleme eine Chance für das Wachstum<br />

Roms und der anderen Städte und ganz Europas darstellt.<br />

(33) Die Auswüchse des Laizismus in französischer Version wurden noch jüngst vom französischen<br />

Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy im Rahmen eines Rombesuchs relati viert. La laicità si coniuga con<br />

la fede religiosa - Da Sarkozy, manifesto per una nuova visione dello Stato (Die Verbindung von Laizität<br />

und Religion – Von Sarkozy, Manifest für eine neue Vorstellung von Staat), in Avvenire, 21 Dezember<br />

2007 (Wiedergabe der Rede aus der Lateransbasilika).<br />

77


78<br />

Immigrati on in Rom Anfang 2007<br />

Claudio Cecchini, Assessor für Sozialpoliti k der Provinz Rom<br />

Mir kommt die Aufgabe zu, grundlegende Daten über die Anwesenheit der Migranten<br />

in Rom zu liefern, die fast 10% der gemeldeten Bevölkerung ausmachen.<br />

Einigen Schätzungen zufolge, belaufen sich die legalen Migranten in der Provinz<br />

Rom auf 431.000, mit einem Zuwachs von 17,7% und 65.000 Einheiten gegenüber<br />

dem Vorjahr: zwei Drittel dieser Migranten leben in der Hauptstadt, das verbleibende<br />

Drittel lebt in den Gemeinden der Provinz. Was die Gesamtzahl betrifft, so liegen die<br />

Provinz und die Stadt Rom jeweils an erster Stelle vor Mailand.<br />

Rom ist eher euro-asiatisch als euro-mediterran geprägt. Die europäischen Migranten<br />

belaufen sich nur auf etwas mehr als 40%, die Asiaten auf über ein Fünftel<br />

der Gesamtzahl und die Amerikaner und Afrikaner auf etwas mehr als 10%. Es sind<br />

mehr Frauen als Männer. Diese junge Bevölkerung, die sich vor allem aus der Altersstufe<br />

zwischen 19-40 Jahren zusammensetzt, ist zu etwas mehr als 50% ledig (auch auf<br />

Grund der vielen Priester und Nonnen).<br />

Die bedeutendsten nationalen Gruppen, unterteilt nach Herkunftskontinent, sind:<br />

Europäische Union: Rumänien, Polen, Spanien, Frankreich, Großbritannien, Deutschland;<br />

Europäische Nicht-EU-Staaten: Ukraine, Albanien, Moldawien, Bulgarien;<br />

Afrika: Ägypten, Marokko, Tunesien, Nigeria, Äthiopien, Cap Verdische Inseln;<br />

Asien: Philippinen, Bangladesch, China, Indien, Sri Lanka;<br />

Amerika: Peru, Ecuador, Brasilien, USA, Kolumbien, Mexiko, Argentinien und Kuba;<br />

Ozeanien: Australien, Neuseeland.<br />

Während die Anzahl der Personen mit einer Aufenthaltserlaubnis in der Stadt Rom<br />

290.000 beträgt, belaufen sich die beim Einwohnermeldeamt gemeldeten Personen auf<br />

nur 250.000. Diese Diskrepanz verweist deutlich auf das schwerwiegende Problem der<br />

Wohnungssituation, vor allem in der ersten Niederlassungsphase. Bei den Migranten<br />

sind die Frauen in der Überzahl, auch auf Grund ihres immer häufigeren Einsatzes<br />

im Bereich der Dienstleistungen, vor allem in der Haushalts- und Familienpflege (im<br />

Dienstleistungssektor arbeiten 74,3% der Beschäftigten, während 6,1% im produzierenden<br />

Sektor, vor allem im Baugewerbe arbeiten). Die meisten sind aus Arbeitsgründen<br />

in der Stadt und machen fast 10% aller Beschäftigten aus.<br />

Von großer Bedeutung und ständig zunehmend sind auch die Existenzgründungen.<br />

Viele Migranten, die zunächst Arbeitnehmer waren, haben beschlossen sich selbständig<br />

zu machen. Sie können dadurch die Möglichkeiten ihrer Ausbildung besser aus schöpfen,<br />

besser verdienen und haben weniger Schwierigkeiten mit der Aufenthaltserlaubnis. In<br />

der Provinz Rom belaufen sich die Unternehmer mit ausländischer Staatsangehörigkeit<br />

auf 11.700 und die Teilhaber auf 4.000, jeder Fünfte ist weiblich. Insgesamt sind von<br />

1.000 Ausländern 43 als Selbständige registriert (der italienische Durchschnitt ist 57)<br />

und es wären sicher mehr, gäbe es weniger bürokratische Schwierigkeiten und einen<br />

einfacheren Zugang zu Bankkrediten.<br />

Die ausländischen Minderjährigen in der Provinz Rom belaufen sich auf 54.063,<br />

ein Fünftel der ausländischen Bevölkerung: drei Viertel der Kinder sind in der Region<br />

geboren, ein Hinweis auf die ältere Immigration in Rom und Umgebung. Die in den<br />

römischen Schulen eingeschriebenen ausländischen Schüler beliefen sich im Schuljahr<br />

2006/07 auf 25.868, also 6,6% der Gesamtzahl (ein Prozentpunkt mehr als der Durch-


schnitt aller ausländischen Schüler in Italien). Der Anteil beläuft sich auf 7,4% in der<br />

Grundschule, auf 7,5% in der Mittel- und Oberstufe. Der Anteil der Migrantenkinder<br />

geht in der Oberstufe dagegen auf 6% zurück. Obwohl diese für Migrantenkinder ungleich<br />

schwieriger ist, wird sie in Rom, im Vergleich zum nationalen Durchschnitt, von<br />

fast doppelt so vielen Schülern besucht. Das lässt für die Zukunft Gutes hoffen.<br />

Traditionell hat Rom Migranten mit hoher Schul- und Berufsbildung aufgenommen,<br />

auch wenn sie meist auf einem ihrer Ausbildung nicht entsprechenden, niedrigerem<br />

Niveau eingesetzt werden. Dies ist heute bereits ein Problem und wird für die<br />

nachfolgenden Generationen zu einem noch größeren Problem werden. Dieses hohe<br />

Niveau der Berufsausbildung erfordert eine stärkere Unterstützung durch die Migrantenorganisationen<br />

und den Ausbau ihrer Beteiligungsrechte.<br />

Die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass viele Arbeitnehmer anfangs<br />

schwarz arbeiten, was ihre Rechte sehr beeinträchtigt: ein typisches Beispiel dafür ist<br />

das Baugewerbe, in dem ein Drittel der Arbeitskräfte Migranten sind.<br />

Rom als Metropole ist für die umliegenden 110 Gemeinden der Provinz, in die die Migranten<br />

auf Grund der billigeren Wohngelegenheiten immer häufiger ziehen, der Bezugspunkt.<br />

Die Migrationspolitik muss sich deshalb stärker mit der gesamten Region befassen.<br />

Ein letzter Hinweis betrifft den 2007 verzeichneten Zuwachs, der nicht geringer als<br />

der des Vorjahres gewesen sein dürfte. Für Rom und Umgebung werden zur Zeit ca.<br />

eine halbe Million Migranten geschätzt, was die Notwendigkeit öffentlichen Handelns<br />

unterstreicht.<br />

Provinz und Caritas Rom<br />

Schema aus Anlass des 15. Jahrestages des “Forum per l’intercultura”<br />

Auswirkung der Migrati on auf die Stadt Rom<br />

Unternehmer 1 von 12 in Rom täti gen Unternehmern ist im Ausland geboren<br />

Einwohner 1 von 10 Einwohnern Roms ist Ausländer<br />

Aufenthaltsberechti gte 1 von 11 Arbeitnehmern auf dem römischen Arbeitsmarkt ist Ausländer<br />

Ehen 1 von 10 Ehen ist binati onal, weil ein Partner Einwanderer ist<br />

Akademiker 1 von 10 Ausländern hat einen Hochschulabschluss<br />

Dauerhaft gemeldet 1 von 9 Migranten in Italien lebt in Rom<br />

Geburten 1 von 8 Neugeborenen ist Kind ausländischer Eltern<br />

Minderjährige 1 von 7 Migranten ist minderjährig<br />

Neu Eingestellte 1 von 6 eingestellten Arbeitnehmern ist im Ausland geboren<br />

Konzentrati on 1 von 5 Einwohnern des 1. Bezirks ist Ausländer<br />

2 von 3 Migranten der Provinz lebt in Rom<br />

Verheiratet 1 von 3 gemeldeten Ausländern ist verheiratet<br />

Geschlecht 1 von 2 Migranten ist eine Frau<br />

Aufenthaltsgründe Provinz Rom (31.12.2006)<br />

Langfristi g registriert 90 von 100 Migranten haben eine langfristi ge Aufenthaltserlaubnis<br />

Arbeit 58 von 100 Migranten sind zum Zweck der Arbeitsaufnahme aufenthaltsberechti<br />

gt<br />

Familie 25 von 100 Migranten sind wegen Familienzusammenführung aufenthaltsberechti<br />

gt<br />

Kirche 10 von 100 Migranten sind wegen kirchlicher Dienste aufenthaltsberechti<br />

gt<br />

79


80<br />

Studium 3 von 100 Migranten sind aus Studiengründen aufenthaltsberechti gt<br />

Asyl 1 von 100 Migranten haben um politi sches Asyl nachgefragt<br />

Andere Gründe 2 von 100 aufenthaltsberechti gte Migranten<br />

Herkunft<br />

Europäer 43 von 100 Aufenthaltsberechti gten sind Europäer<br />

Asiaten 29 von 100 Aufenthaltsberechti gten sind Asiaten<br />

Afrikaner 13 von 100 Aufenthaltsberechti gten sind Afrikaner<br />

Amerikaner 15 von 100 Aufenthaltsberechti gten sind Amerikaner, vor allem Lateinamerikaner<br />

Religionen<br />

Christen 61 von 100 Aufenthaltsberechti gten sind Christen<br />

- davon Katholiken 36 von 100 Aufenthaltsberechti gten sind Katholiken<br />

- davon Orthodoxe 36 von 100 Aufenthaltsberechti gten sind Orthodoxe<br />

- davon Protestanten 6 von 100 Aufenthaltsberechti gten sind Protestanten<br />

Muslime 20 von 100 Aufenthaltsberechti gten sind Muslime<br />

Andere Religionen 7 von 100 Aufenthaltsberechti gten gehören einer anderen oder keiner<br />

Religion an<br />

Interkulturelle Aspekte Stadt Rom (31.12.2006)<br />

Primat Roms Rom ist die erste Provinz Italiens mit ca. 431.000 Aufenthaltsberechti gten<br />

Rom ist die erste Gemeinde Italiens mit ca. 290.000 Aufenthaltsberechti<br />

gten<br />

Nati onalität 195 sind die Nati onalitäten der in Rom gemeldeten Migranten<br />

Call center 1.000 sind die Call Center und Internet Points in denen sich Migranten<br />

treff en<br />

Kulturmediatoren auf 500 werden die in Rom vorhandenen Sprach- und Kulturmediatoren<br />

geschätzt<br />

Schule 1 von 15 Schülern der Schulen in Rom ist Kind von Migranten<br />

Kultstätt en 222 sind die Begegnungs- und Kultstätt en der Migranten<br />

Quelle: Statistisches Dossier Immigration Caritas/Migrantes, aus unterschiedlichen Datenbeständen<br />

Herausforderung Migrati on: Integrati on fordern und fördern -<br />

Entwicklung der Zuwanderung und Situati on der Migranten in<br />

Deutschland<br />

Dr. Albert Schmid, Präsident des Bundesamtes für Migrati on und Flüchtlinge<br />

„Echte Kulturen suchen die Begegnung mit anderen Kulturen“<br />

Papst Benedikt XVI. betonte auf seiner Brasilien-Reise am 13. Mai 2007:<br />

„Echte Kulturen sind weder in sich selbst verschlossen noch in einem bestimmten Augenblick der<br />

Geschichte erstarrt, sondern sie sind offen, mehr noch, sie suchen die Begegnung mit anderen Kulturen,<br />

hoffen, zur Universalität zu gelangen in der Begegnung und im Dialog mit anderen Lebensweisen<br />

und mit den Elementen, die zu einer neuen Synthese führen können, in der man die Vielfalt der Aus-


drucksmöglichkeiten und ihrer konkreten kulturellen Verwirklichung respektiert.“ 34<br />

Das Phänomen großer anhaltender Wanderungsbewegungen und die damit einhergehenden<br />

Fragen werden uns dauerhaft begleiten. Wenn Migration nicht zum Problem<br />

für die innere Toleranz und die Stabilität unserer Freiheitsordnungen werden<br />

soll, muss die Integration der Zuwanderer gelingen. Der wohl berühmteste Redner des<br />

antiken Rom, Cicero, formulierte in seiner Schrift „De officiis“: „Wer aber sagt, man müsse<br />

Rücksicht nehmen auf seine Mitbürger, nicht aber auf Ausländer, der hebt die alle umfassende<br />

Gemeinschaft der Menschen auf.“<br />

Weltweit gibt es derzeit rund 190 Millionen Migranten – Menschen, die fern ihrer<br />

Heimat leben wollen oder leben müssen. Das entspricht in etwa drei Prozent der Weltbevölkerung.<br />

Nach einem Bericht der Global Commission on International Migration sind<br />

Hauptbeweggründe für die internationale Migration die so genannten 3D-Faktoren:<br />

„development, demography and democracy“, d.h. Unterschiede bei der Wirtschaftsentwicklung,<br />

der Demografie und der Demokratie.<br />

Migration ist keine vorübergehende Erscheinung; Migration ist ein Grundelement<br />

menschlicher Existenz. Die Menschheitsgeschichte ist zugleich eine Wanderungsgeschichte.<br />

„Den ,Homo migrans’ gibt es seit es den ‚Homo sapiens’ gibt; denn Wanderungen<br />

gehören zur Conditio humana wie Geburt, Fortpflanzung, Krankheit und Tod“. 35<br />

Um die Herausforderung der Integration von heute zu verstehen und zu meistern,<br />

muss man die Zuwanderung von gestern mit ihren unmittelbaren Einflüssen auf die<br />

Gegenwart kennen.<br />

Zentrale Phasen der Zuwanderung nach Deutschland<br />

Zwischen 1952 – dem Jahr der Einführung der offiziellen Wanderungsstatistik – und<br />

2006 sind 36,3 Millionen Menschen nach Deutschland zugezogen. Im selben Zeitraum sind<br />

rund 26,5 Millionen <strong>Deutsche</strong> und Ausländer fortgezogen. Hierbei ergibt sich für Deutschland<br />

ein Wanderungsplus von 9,8 Millionen. In dieser Zeit hat sich die Struktur der Zuwanderung<br />

stark verändert, so dass fünf Zuwanderungsphasen unterschieden werden können:<br />

1. In den Nachkriegsjahren kamen zunächst Flüchtlinge und Vertriebene nach<br />

Westdeutschland.<br />

2. Der Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit führte zu einem erhöhten Arbeitskräftebedarf.<br />

Als Reaktion darauf ging die Bundesrepublik Deutschland zur Anwerbung<br />

von so genannten „Gastarbeitern“ aus dem Ausland über. Der erste Anwerbevertrag<br />

wurde 1955 mit Italien geschlossen. Ausgelöst durch die erste Ölpreiskrise und steigende<br />

Arbeitslosigkeit wurde im November 1973 ein Anwerbestopp verhängt.<br />

3. Viele angeworbene Arbeitskräfte blieben im Land und begannen nun verstärkt,<br />

Familienangehörige nachzuholen. Schätzungen zufolge machte Mitte der 70er bis Ende<br />

der 80er Jahre der Familiennachzug, meist zu ehemaligen „Gastarbeitern“, mehr als die<br />

Hälfte des Gesamtzuzugs aus.<br />

4. Nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes stellte das Jahr 1990 eine Zäsur dar.<br />

Die Migrantenstruktur veränderte sich, weil die Zahl der Asylbewerber und Aussiedler<br />

bzw. Spätaussiedler aus Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion anstieg. Bei den<br />

Asylanträgen wurde der Höchststand im Jahr 1992 erreicht. Damals kletterte die Zahl<br />

(34) Die Welt, 23. Mai 2007: Christus ist keiner Kultur fremd, S. 15.<br />

(35) Klaus J. Bade, 2002.<br />

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82<br />

der Asylgesuche auf rund 440.000. Der im gleichen Jahr beschlossene Asylkompromiss,<br />

der auch eine Kontingentierung des Spätaussiedlerzuzugs beinhaltete, führte zu<br />

einem kontinuierlichen Rückgang beider Migrationsarten. 1998 sank die Zahl der<br />

Asylerstantragsteller unter 100.000, 2006 ersuchten rund 21.000 Menschen Asyl.<br />

Ebenfalls rückläufig ist der Zuzug von Spätaussiedlern: Er sank von einem historischen<br />

Hoch über 400.000 Personen im Jahr 1990 bis zu 7.700 Personen in 2006.<br />

5. Gegenwärtig befinden wir uns in einer Konsolidierungsphase: Die Zugangszahlen<br />

sind insgesamt rückläufig und die Familieneinheit ist ein dominierender Migrationsfaktor.<br />

Facett en der Zu- und Abwanderung – Soziodemografi sche Struktur<br />

Um ein umfassendes Bild der Migrationssituation zu zeichnen, ist sowohl die Zahl<br />

der in Deutschland lebenden Ausländer wie auch der Anteil der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte<br />

einzubeziehen. 19% der Bevölkerung in Deutschland weist einen Migrationshintergrund<br />

auf – das heißt, beinahe jeder fünfte Einwohner Deutschlands hat<br />

eine Zuwanderungsgeschichte. Von diesen rund 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund<br />

leben 96% in den westlichen Bundesländern Deutschlands und Berlin.<br />

Inzwischen hat fast jedes dritte Kind unter fünf Jahren einen Migrationshintergrund.<br />

Ein Blick in die Klassenzimmer deutscher Schulen zeigt: Durchschnittlich rund 22%<br />

der 15-jährigen Schüler haben einen Migrationshintergrund. In Großstädten ist der<br />

Anteil der Migranten im Vergleich zur Gesamtbevölkerung am größten: In Stuttgart,<br />

Frankfurt/Main und Nürnberg haben rund 40% der Einwohner einen Migrationshintergrund.<br />

36 Im Gegensatz zu den Personen ohne Migrationshintergrund sind in der Gruppe<br />

der Menschen mit Migrationshintergrund Frauen etwas unterrepräsentiert. Die Bevölkerung<br />

mit Migrationshintergrund ist außerdem deutlich jünger als die ohne Migrationshintergrund,<br />

erkennbar am geringeren Durchschnittsalter, dem höheren Anteil der<br />

bis 15-Jährigen und dem deutlich geringeren Anteil der über 65-Jährigen. 37<br />

Betrachtet man lediglich den Anteil an Ausländern in Deutschland, so liegt ihre<br />

Zahl laut Ausländerzentralregister bei 6,75 Millionen. Davon kommt der Großteil aus<br />

Europa, nämlich rund 80% bzw. 5,4 Millionen Menschen – dies umfasst alle europäischen<br />

Länder inklusive Türkei und Russische Föderation. Von diesen 5,4 Millionen<br />

entfallen wiederum rund 2,2 Millionen auf EU-Staaten, wobei die „alten“ EU-Staaten<br />

etwa 1,7 Millionen ausmachen. Die größte Ausländergruppe sind mit 1,8 Millionen<br />

türkische Staatsangehörigen. Italien folgt auf Platz zwei mit 530.000 Personen. Die<br />

durchschnittliche Aufenthaltsdauer aller Ausländer liegt derzeit bei 17,3 Jahren. Im<br />

Vergleich dazu bleiben Italiener im Durchschnitt deutlich länger, nämlich rund 25 Jahre.<br />

Der Anteil derjenigen Ausländer, die weniger als vier Jahre bleiben, liegt bei 15%;<br />

mehr als 30 Jahre bleibt rund 22%. Insgesamt sinken die Zuwandererzahlen seit einigen<br />

Jahren, die nachhaltige Zuwanderung nach Deutschland hat einen relativ geringen<br />

Umfang – wenn auch der öffentliche Eindruck ein anderer sein mag.<br />

Durch den demografischen Wandel in Deutschland – die Bevölkerung altert und<br />

schrumpft – wird die Frage nach einem Ausgleich durch Zuwanderung aufgeworfen.<br />

Je nach Wanderungssaldo wird die Bevölkerung Deutschlands im Jahr 2050 von 82,5<br />

(36) Stati sti sches Bundesamt: Bevölkerung und Erwerbstäti gkeit. Bevölkerung mit Migrati onshintergrund<br />

– Ergebnisse des Mikrozensus 2005. Wiesbaden 2007.<br />

(37) ebd.


Millionen auf 75 bis 67 Millionen sinken. Doch Migration, die demografische Defizite<br />

ausgleichen könnte, wäre nicht verkraftbar für die deutsche Aufnahmegesellschaft. Das<br />

Argument, wonach aus demografischen Gründen die Einwanderung zunehmen müsste,<br />

wird auch von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung nicht geteilt – 83% verneinen<br />

dies in einer Befragung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. 38<br />

Paradigmenwechsel durch das Zuwanderungsgesetz<br />

Lange Zeit wurde die Anwesenheit der „Gastarbeiter“ als vorübergehendes Phänomen<br />

interpretiert. Erst allmählich setzte sich die Einsicht durch, dass es einer gezielten<br />

und systematischen Integration bedarf. Das Zuwanderungsgesetz, das am 1. Januar<br />

2005 in Kraft trat und sich auf einen breiten politischen Konsens stützt, bewirkte eine<br />

Neuausrichtung. Damit hat Deutschland den Einstieg in eine systematische Integrationspolitik<br />

vollzogen und erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik ein bundesweit<br />

einheitliches Grundangebot zur Integrationsförderung von Neuzuwanderern geschaffen.<br />

Erstmals hat der Gesetzgeber die „Förderung der Integration“ an zentraler Stelle<br />

normiert. Das Gesetz berücksichtigt, dass Deutschland im Bereich der Migration und<br />

Integration vor besonderen Herausforderungen steht.<br />

Integration heißt nach unserem Verständnis eine gleichberechtigte Teilhabe von Migranten<br />

am gesellschaftlichen, kulturellen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Leben.<br />

Integration bedeutet Chancengleichheit. Zwei Aspekte sind von entscheidender Bedeutung:<br />

- Erfolgreiche Integration rechtmäßig in Deutschland lebender Migranten liegt im<br />

Interesse der Zuwanderer wie auch der Aufnahmegesellschaft.<br />

- Integration geschieht nicht von selbst, sondern ist ein Prozess, an dem beide aktiv<br />

ihren Beitrag leisten müssen. Integration muss erarbeitet werden.<br />

Einstellungsmuster und Parti zipati onsräume<br />

Die Aufnahmegesellschaft fordert von der ausländischen Bevölkerung in hohem<br />

Maße Integration. 87% sagen laut einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung,<br />

dass Ausländer, die sich länger in Deutschland aufhalten wollen, auch die<br />

Sprache, Bräuche und Regeln lernen sollten. 39 Die Befragten sprechen sich mehrheitlich<br />

dafür aus, Integration zu fördern, aber auch dafür, Integrationsunwillige auszuweisen.<br />

Deutlich wird zudem der Wunsch, dass Zuwanderung geregelt wird.<br />

Nur wer teilhaben kann, wird sich mit einer Gesellschaft identifizieren und sich<br />

ihr zugehörig fühlen. Integration heißt: Identität bewahren und Identifikation mit dem<br />

Aufnahmeland fordern – eine Identifikation mit der freiheitlich demokratischen Grundordnung<br />

Deutschlands unter Beibehaltung kultureller Eigenheiten. Das Grundgesetz<br />

bestimmt die Grundwerte unserer Gesellschaft und ist auch für Migranten verbindliche<br />

Grundlage des Lebens in Deutschland. Die Erfahrung von Mitgestaltung gesellschaftlichen<br />

Lebens fördert Identifikationsprozesse. Die gesellschaftliche Teilhabe der gesamten<br />

Bevölkerung mit Migrationshintergrund ist noch nicht umfassend untersucht.<br />

Eine Studie zum bürgerschaftlichen Engagement im Auftrag des Familienministeri-<br />

(38) Bundesinsti tut für Bevölkerungsforschung: Einstellungen zu demographischen Trends und zu bevölkerungsrelevanten<br />

Politi ken. Ergebnisse der Populati on Policy Acceptance Study. Sonderheft 2005.<br />

(39) ebd.<br />

83


84<br />

ums hat ergeben, dass sich Migranten zu 61% außerhalb von Familie und Beruf aktiv<br />

in Vereinen, Gruppen, Organisationen oder Einrichtungen beteiligen – bei Menschen<br />

ohne Migrationshintergrund liegt der Anteil bei 71%. 40<br />

Migranten, die in eigenethnischen Kontexten aktiv sind, werden mitunter mit dem<br />

Vorwurf der Abschottung konfrontiert. Festzuhalten ist, dass beispielsweise bei türkischen<br />

Migranten die Beteiligung in deutschen und türkischen Organisationen gleich<br />

hoch ist und dass Beteiligung in eigenethnischen Kontexten oft dort erfolgt, wo keine<br />

„deutschen“ Alternativen existieren (z.B. Bereich Religion). Gleichwohl gibt es in einigen<br />

Gebieten Parallelgesellschaften, in denen Bevölkerungsgruppen weitgehend ohne<br />

Berührungspunkte in ihrer eigenen Lebenswelt mit eigenen Wertvorstellungen nebeneinander<br />

her leben. Integration heißt aber nicht, nebeneinander her zu leben, sondern<br />

gemeinsam Gesellschaft zu gestalten.<br />

Arbeitsmarktbeteiligung und Bildung<br />

Auch Partizipation am Arbeitsmarkt ist ein Integrationsfaktor: Während die Arbeitslosenquote<br />

für <strong>Deutsche</strong> im Jahresdurchschnitt 2006 bei 10,8% lag, betrug sie bei<br />

Ausländern rund 23,6%. 41 Personen mit Migrationshintergrund sind nach Ergebnissen<br />

des Mikrozensus 2005 häufiger auf Arbeitslosengeld I oder II 42 angewiesen als Personen<br />

ohne Migrationshintergrund. Da Ausländer auch nach Erkenntnissen der Bundesagentur<br />

für Arbeit im Durchschnitt eine geringere Qualifikation aufweisen, haben<br />

sie es auf dem Arbeitsmarkt häufig schwerer. Während in den 50er und 60er Jahren<br />

zahlreiche ungelernte Arbeiter von der Industrie aufgenommen wurden, sind heute<br />

viele dieser Arbeitsplätze durch den Strukturwandel weggefallen. So sind auch auf<br />

Grund ihrer vergleichsweise niedrigen Bildungsabschlüsse die Migranten in Deutschland<br />

in den Berufsgruppen für Geringqualifizierte überrepräsentiert. Doch gerade in<br />

diesen Sektoren ist die Beschäftigung seit Jahren rückläufig. Auch sprachliche Defizite<br />

sind ein Problem. Dies gilt insbesondere für die zweite und dritte Generation, in deren<br />

Familien nach wie vor häufig kein Deutsch gesprochen wird.<br />

Im Auftrag der Ständigen <strong>Konferenz</strong> der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik<br />

Deutschland und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung legte das<br />

„Konsortium Bildungsberichterstattung“ einen indikatorengestützten Bericht mit dem<br />

Titel „Bildung in Deutschland“ vor. 43 Es zeigte sich, dass im Vergleich zu den <strong>Deutsche</strong>n<br />

ohne Migrationshintergrund Migranten ein niedrigeres Bildungsniveau aufweisen. Dieser<br />

Unterschied besteht sowohl bei den allgemeinen Schul- als auch bei den beruflichen<br />

Bildungsabschlüssen. Gemeinsam ist beiden Personengruppen jedoch, dass jeweils die<br />

jüngeren (25 bis 45 Jahre) einen deutlich besseren Bildungsstand vorweisen können als die<br />

(40) TNS Infratest Sozialforschung (2005): Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999-2004. Migranti<br />

nnen und Migranten. Studie im Auft rag des BMFSFJ<br />

(41) Bundesagentur für Arbeit, Stati sti k Berichtsjahr 2006. Quote bezieht sich auf alle zivilen Erwerbspersonen.<br />

(42) Arbeitslosengeld II ist eine bedürft igkeitsgeprüft e Sozialhilfe, die im Anschluss an die Versicherungsleistung<br />

Arbeitslosengeld I bezahlt wird.<br />

(43) Konsorti um Bildungsberichterstatt ung (2006): Bildung in Deutschland. Ein indikatorengestützter Bericht<br />

mit einer Analyse zu Bildung und Migrati on. Bericht im Auft rag der Ständigen <strong>Konferenz</strong> der Kultusminister der<br />

Länder in der Bundesrepublik Deutschland und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Bonn.


älteren (45 bis 65 Jahre). Ergebnisse des Mikrozensus 2005, die auch die Bildungsstudie<br />

anführt, belegen, dass bei der Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund mit rund<br />

10% ein vergleichsweise großer Anteil über keinen allgemeinen Schulabschluss verfügt.<br />

Zum Vergleich: Bei Personen ohne Migrationshintergrund sind es nicht einmal 2%. Auch<br />

haben rund die Hälfte aller Personen mit Migrationshintergrund keinen beruflichen Bildungsabschluss.<br />

Bei den Personen ohne Migrationshintergrund sind es rund 27%.<br />

Die Situati on von Jugendlichen - Erfahrungen, Einstellungen, Ergebnisse<br />

Hinsichtlich schulischer Bildungs- und Abschlusserfolge stellt sich die Situation<br />

auch für Jugendliche mit Migrationshintergrund als schwierig dar. Dass diese Kinder<br />

im deutschen Schulsystem weniger erfolgreich sind, haben die Schulstudien PISA<br />

und IGLU gezeigt. Anhand von PISA-Daten (OECD) konnte gezeigt werden, dass<br />

Migranten der ersten und zweiten Generation, die zu Hause nicht die Sprache des Aufnahmelandes<br />

sprechen, in den OECD-Staaten im Schnitt einen deutlichen Rückstand in<br />

Mathematik haben. Vergleichbares zeigt sich auch bei den Leseleistungen. 44<br />

Doch auch der Übergang in die Ausbildung stellt sich bei Jugendlichen dieser<br />

Gruppe als kritisch dar: jeder zweite Schüler mit Hauptschulabschluss und jeder vierte<br />

mit Realschulabschluss landet zunächst in einer schulischen oder berufsvorbereitenden<br />

Maßnahme. Hinzu kommt die Zahl der Abgänger ohne Abschluss: Insgesamt verließ<br />

im Jahr 2004 fast jeder fünfte Schüler mit Migrationshintergrund die Schule ohne<br />

Abschluss – unter deutschen Schülern blieb weniger als jeder Zehnte ohne formalen<br />

Abschluss. 45 Insbesondere die Schulbildung italienischer Kinder ist problematisch: Sie<br />

besuchen überdurchschnittlich häufig Sonderschulen für Schüler mit Lernproblemen<br />

oder Hauptschulen. Auch auf dem Ausbildungsmarkt ist die Situation schwierig. Rund<br />

41% in der Altersgruppe der 25- bis unter 35-jährigen in der Bevölkerung mit Migrationshintergrund<br />

haben keinen beruflichen Bildungsabschluss. Zum Vergleich: in der<br />

Gruppe ohne Migrationshintergrund sind es 15%. 46<br />

Die Zahl der Jugendlichen, die einen weiteren Zuzug von Migranten eher stoppen<br />

wollen, hat sich von 48% im Jahr 2002 auf 58% im Jahr 2005 erhöht. 24% der Jugendlichen<br />

sind hingegen der Auffassung, dass auch künftig so viele Zuwanderer aufgenommen werden<br />

sollten wie bisher. Das geht aus der 15. Shell Jugendstudie hervor. Der Wunsch nach<br />

einer künftigen Verringerung bzw. Begrenzung des weiteren Zuzugs ist bei Jugendlichen<br />

in Ostdeutschland ausgeprägter als in Westdeutschland. Generell gilt, dass diejenigen<br />

Jugendlichen, die keine Kontakte zu Ausländern haben, sich deutlich häufiger für eine Begrenzung<br />

der Zuwanderung aussprechen. Woher kommt diese eher vorsichtige Haltung<br />

gegenüber weiterer Zuwanderung? In diese Stimmungslage können unterschiedlichste<br />

Faktoren eingeflossen sein – negative Alltagserfahrungen mit Migranten, diffuse Ängste<br />

oder Vorurteile sowie sicherlich ein zunehmender existenzieller Druck. 47<br />

Im Alltag lassen sich auch zahlreiche Beispiele für das Gelingen von interkultu-<br />

(44) ebd.<br />

(45) IW-Trends 4/2005, Vierteljahresschrift zur empirischen Wirtschaft sforschung aus dem Insti tut<br />

der deutschen Wirtschaft Köln, S. 8.<br />

(46) Vgl. Fußnote 43.<br />

(47) Shell Deutschland Holding (Hrsg.): Jugend 2006. Eine pragmati sche Generati on unter Druck.<br />

Hamburg 2006.<br />

85


86<br />

rellem Zusammenleben finden. Eine Untersuchung des Zentrums für Türkeistudien<br />

zeigt, dass rund 40% der türkischstämmigen Bevölkerung engere freundschaftliche Beziehungen<br />

zu Deut schen pflegt, nur 6% hat gar keine Kontakte zu <strong>Deutsche</strong>n und mehr<br />

als die Hälfte der Befragten wünscht sich interkulturelle Kontakte. Die Untersuchung<br />

kommt auch zu dem Schluss, dass fehlende Kontakte zu <strong>Deutsche</strong>n nicht immer gewollt<br />

sind, sondern auch auf einen Mangel an Gelegenheiten oder möglicherweise auch auf<br />

eine zunehmende Distanz der <strong>Deutsche</strong>n zurückzuführen sind. 48<br />

Einstellungen der Aufnahmegesellschaft zu <strong>Islam</strong> und Muslimen<br />

Die deutsche Bevölkerung weist eine überdurchschnittlich große Aufgeschlossenheit<br />

gegenüber fremden Kulturen auf, doch eine Mehrheit sieht die Signale der Ausbreitung<br />

des <strong>Islam</strong> mit wachsendem Unbehagen. Zu diesem Ergebnis kommt das Institut<br />

für Demoskopie Allensbach in einer Befragung im Jahr 2006: „Angesichts des diffusen<br />

Gefühls der Bedrohung und der vermuteten Intoleranz des <strong>Islam</strong> sinkt die Bereitschaft der <strong>Deutsche</strong>n,<br />

ihrerseits Toleranz gegenüber dem muslimischen Glauben zu üben.“ 49<br />

56% der <strong>Deutsche</strong>n teilten in der Umfrage die Auffassung, dass zwischen<br />

Christentum und <strong>Islam</strong> ein „Kampf der Kulturen“ im Gange sei. Zwei Jahre zuvor<br />

waren es noch 46%. Samuel Huntington hat diesen Begriff vom „Kampf der Kulturen“<br />

in einem Artikel von 1993 geprägt. Was zunächst als Frage „Clash of civilizations?“<br />

formuliert war, wurde im Titel seines nachfolgenden Buches zu einer Feststellung. 50<br />

Huntington bezog sich dabei auf den seiner Meinung nach bevorstehenden Kampf<br />

zwischen insgesamt acht globalen Kulturkreisen, insbesondere zwischen dem westlichen<br />

Kulturkreis auf der einen und dem islamischen auf der anderen Seite.<br />

Maßnahmen zur Integrati on<br />

1. Der Dialog mit dem <strong>Islam</strong><br />

Für den Dialog mit dem <strong>Islam</strong> hat Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble die<br />

<strong>Deutsche</strong> <strong>Islam</strong>konferenz ins Leben gerufen – neben dem Integrationsgipfel mit seinem<br />

„Nationalen Integrationsplan“ das derzeit wichtigste Integrationsprojekt der Bundesregierung.<br />

In Deutschland leben derzeit rund 3,4 Millionen Muslime. Sie kommen aus<br />

verschiedenen Regionen der islamischen Welt und spiegeln eine Vielfalt in nationaler,<br />

kultureller und religiöser Hinsicht wider. Viele Zuwanderer aus muslimisch geprägten<br />

Herkunftsländern sind gut in Deutschland integriert – bei einem Teil jedoch treten zunehmend<br />

Schwierigkeiten auf: Vor allem junge Muslime der zweiten und dritten Generation<br />

haben wachsende Probleme in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt. Der Dialog<br />

zwischen Vertretern des deutschen Staates und Vertretern der hier lebenden Muslime<br />

ist in der <strong>Islam</strong>konferenz als langfristiger Kommunikationsprozess angelegt.<br />

2. Integrati onskurse<br />

Sprache ist der Schlüssel zur Integration, Sprache öffnet Türen. Gute Deutschkennt-<br />

(48) 7. Mehrthemenbefragung des ZfT zu den Lebenslagen der Türkinnen und Türken in NRW.<br />

(49) Prof. Dr. Neumann, Elisabeth / Dr. Petersen, Thomas: „Eine fremde, bedrohliche Welt�. In: Frankfurter<br />

Allgemeine Zeitung vom 17.05.2006, S. 5.<br />

(50) Samuel Hunti ngton: The clash of civilizati ons and the remaking of world order. New York 1996.


nisse sind eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Voraussetzung für Integration.<br />

Deutschkenntnisse begünstigen den Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft. Je besser<br />

die Befragten ihre Deutschkenntnisse einschätzen, desto häufiger geben sie Besuche bei<br />

<strong>Deutsche</strong>n oder von <strong>Deutsche</strong>n in den Befragungen an. Auch im Freundeskreis ist dieser<br />

Effekt deutlich erkennbar; denn je besser die subjektive Sprachkompetenz bewertet wird,<br />

umso mehr deutsche Personen befinden sich unter den drei besten Freunden. 51<br />

Kern des staatlichen Integrationsangebots in Deutschland sind die Integrationskurse.<br />

Nach dem Grundsatz des „Forderns und Förderns“ gibt es einen Anspruch auf, aber auch<br />

eine Verpflichtung zur Teilnahme. Der Integrationskurs stützt sich auf zwei Säulen: 600<br />

Stunden Sprachkurs und 30 Stunden Orientierungskurs zur Rechtsordnung, Geschichte<br />

und Kultur in Deutschland. Begleitend dazu gibt es ein individuelles Beratungsangebot<br />

für Migranten, die so genannte Migrationserstberatung, die auf drei Jahre angelegt ist.<br />

Außerdem stehen Mittel für rund 400 Integrationsprojekte bereit, die beispielsweise die<br />

Arbeit von Streetworkern in schwierigen Stadtteilen unterstützen.<br />

3. Verzahnung bietet Perspekti ven<br />

Deutschland ist im Bereich Integration mit einer Vielzahl von einzelnen Maßnahmen<br />

aktiv. Das übergeordnete Ziel der Integrationsförderung muss aber sein, den Integrationsprozess<br />

als Ganzes erfolgreich zu gestalten – dies erfordert eine systematische Verzahnung<br />

von Angeboten zu Sprache, Bildung, Beruf und Beratung. Eine Perspektive bietet das bundesweite<br />

Integrationsprogramm, das das Bundesamt auf Basis der gesetzlichen Vorgaben<br />

entwickelt: bestehende Integrationsangebote von Bund, Ländern, Kommunen und privaten<br />

Trägern werden festgestellt und Empfehlungen zu ihrer Weiterentwicklung vorgelegt.<br />

Die Dynamik jeder Gesellschaft ergibt sich aus der Interaktion von Kollektiven. Durch<br />

Zuwanderung kommt ein weiteres Kollektiv hinzu. Unser Blickfeld richtet sich auf die Interaktion<br />

mit der Gesellschaft, im Kontext von Migration auf die Interkulturalität. Hier<br />

sind auch weiterhin beide Seiten gefordert: Migranten und Aufnahmegesellschaft. Denn<br />

echte Kulturen sind offen, sie suchen die Begegnung und den Dialog mit anderen Kulturen.<br />

Köln, eine multi kulturelle Stadt –<br />

Eine kommunale Integrati onspoliti k<br />

Teresa De Bellis, Mitglied des Rats der Stadt Köln<br />

Von 1 Million Kölner Bürgern haben 322.000, also 31,4%, eine Migrationsgeschichte.<br />

Hierzu gehören neben den Ausländern auch die <strong>Deutsche</strong>n, die eingebürgert<br />

wurden, und die Kinder und Enkel von Immigranten. 75.000 sind unter 18 Jahren. Ihr<br />

Anteil an dieser Altersgruppe in Köln beträgt 47,1% und wird in einigen Jahren über<br />

50% erreichen. Werden nur die ausländischen Staatsbürger gezählt, so kommen wir in<br />

Köln auf 177.000 Ausländer, davon sind 65.000 Türken und 19.000 Italiener.<br />

(51) Leibold, Jürgen / Kühnel, Steff en / Heitmeyer, Wilhelm: Abschott ung von Muslimen durch generalisierte<br />

<strong>Islam</strong>kriti k? In: Aus Politi k und Zeitgeschichte, Heft 1-2/2006, Januar 2006.<br />

87


88<br />

Der großen Zahl von Migranten entspricht eine Vielzahl von Migranten-Vereinigungen<br />

in Köln. Dies gilt auch für die Menschen mit italienischer Migrationsgeschichte.<br />

Hervorzuheben sind das COMITES (Komitee der Italiener im Ausland), eine<br />

von den italienischen Staatsbürgern gewählte Vertretung, und der Elternverein CO.AS.<br />

SC.IT. Beide Organisationen sind für den Bezirk des italienischen Konsulats Köln zuständig.<br />

Außerdem bestehen in Köln 13 Vereine mit teilweise regionalem Charakter im<br />

Bildungs- und Freizeitbereich. Auf dem Feld der Sozialberatung sind neben zwei Patronati<br />

(ACLI, ITAL) auch der katholischen Kirche nahe stehende Stellen (u.a. Caritas)<br />

aktiv. Hervorzuheben sind schließlich das italienische Kulturinstitut „Dante Alighieri“<br />

und der WDR mit seinem italienischen Hörfunkprogramm „Radio Colonia“.<br />

Eine wichtige Vertretungsfunktion der Migranten hat in Köln der „Integrationsrat“.<br />

Das Gremium besteht aus 11 Mitgliedern des Stadtrats sowie aus 22 von Migranten,<br />

nicht nur von ausländischen Staatsbürgern, gewählten Vertretern. An der Wahl 2004<br />

nahmen 25.000 Kölner Bürger teil. Der Integrationsrat kann sich als beratendes Gremium<br />

mit allen Angelegenheiten der Stadt befassen. In den Rat der Stadt Köln wurden bei<br />

der letzten Kommunalwahl 3 Mitglieder mit einer Migrationsgeschichte gewählt.<br />

Konsens für off ensive Integrati onspoliti k<br />

Alle großen Parteien im Stadtrat bekennen sich zu einer offensiven Integrationspolitik.<br />

Sie betrifft nicht nur die neu nach Köln kommenden Ausländern, sondern gerade<br />

auch die vielen schon seit langem in Köln wohnenden Menschen mit Migrationsgeschichte.<br />

Integration erledigt sich nicht von selbst, wie wir schmerzhaft bei der<br />

dritten Generation von Migranten feststellen mussten. Nicht wenige hat es erstaunt,<br />

dass selbst viele Enkelkinder der Zuwanderer Probleme mit der deutschen Sprache<br />

haben. Auch wenn dies nur für eine Minderheit gilt, so ist dies doch eine Partei übergreifende<br />

Herausforderung, denn mangelnde Sprachkenntnisse bedingen schlechte Bildungschancen<br />

und oftmals Langzeitarbeitslosigkeit.<br />

Eine offensive Integrationspolitik ist im Interesse der Stadt und seiner Bürger. Mi-<br />

granten sind ein Gewinn, weil<br />

-<br />

-<br />

-<br />

-<br />

Mehrsprachigkeit eine Ressource ist,<br />

Kunst, Literatur und Film davon Impulse erfahren,<br />

Wissenschaft und Wirtschaft davon profitieren und<br />

gerade auch im zusammenwachsenden Europa sich hieraus große Chancen<br />

entwickeln können.<br />

Kommunale Integrationspolitik ist eine Querschnittsaufgabe, die insbesondere die<br />

Rahmenbedingungen verbessern muss. Ohne die Integrationswilligkeit der Migranten<br />

und einer aktiven Aufnahmebereitschaft der alt eingesessenen Kölner Bürger wird Integration<br />

nicht gelingen. Die wichtigsten Handlungsfelder sind die Sprachvermittlung,<br />

die Schule, die Chancengleichheit von Frauen, die Berufsausbildung, die Existenzgründung<br />

und die Stadtentwicklung.<br />

Handlungsfeld Sprachvermitt lung<br />

Das Erlernen der deutschen Sprache ist für alle Zuwanderer nach Deutschland verpflichtend.<br />

Den Zuwanderern und, auf freiwilliger Basis, den in Köln lebenden Menschen<br />

mit Migrationsgeschichte werden Sprachkurse angeboten, die mit einem Orientierungs-


unterricht zu Staat, Gesellschaft und Geschichte Deutschlands verbunden werden. Neben<br />

der Volkshochschule, die die Koordinierung hat, bieten 18 Organisationen solche Kurse in<br />

Köln an. Zusätzlich zum Angebot für Erwachsene besteht auch eine Sprachförderung für<br />

Kinder. Zwei Jahre vor der Einschulung müssen sich alle schulpflichtigen Kinder, nicht<br />

nur die Migrantenkinder, einem Sprachtest unterziehen. Werden Probleme festgestellt,<br />

so wird diesen Kindern parallel zum Kindergarten die Teilnahme an einem Förderunterricht<br />

zur Pflicht gemacht. Die Sprachförderung wird in den Schulen fortgesetzt, wenn<br />

auch nicht systematisch. Hier besteht ein Nachholbedarf. Notwendig ist, dass die Sprachlernangebote<br />

für Eltern, und insbesondere für Mütter, ausgebaut werden. Damit können<br />

sie auch besser in den Bildungsprozess ihrer Kinder einbezogen werden.<br />

Erheblicher Nachholbedarf besteht bei der bilingualen Förderung der Kinder mit<br />

Migrationsgeschichte. Es bestehen nur wenige bilinguale Bildungseinrichtungen. Für<br />

italienische Kinder mit Migrationsgeschichte bestehen in Köln nur ein Kindergarten<br />

der Caritas, drei Grundschulen (Primärbereich) sowie drei Gesamtschulen/Gymnasien<br />

(Sekundärbereich) mit bilingualem Angebot. Darüber hinaus bieten zu wenige Gymnasien<br />

italienisch als Fremdsprache an. Die Stadt Köln muss und will den bilingualen<br />

Schulunterricht ausbauen.<br />

Handlungsfeld Schule<br />

Neben der Sprachförderung ist jedoch die allgemeine schulische Förderung von<br />

Kindern mit Migrationsgeschichte wichtig. Das größte Problem besteht darin, dass die<br />

Eltern ihre Kinder meist wenig unterstützen können. Hinzu kommt, dass die Migranten<br />

sich oft auf bestimmte Stadtteile konzentrieren, so dass in einigen Schulen weit<br />

über die Hälfte der Kinder eine Migrationsgeschichte aufweisen. Dies ist besonders<br />

problematisch, wenn in Schulklassen Schüler einer Nationalität eine dominierende Rolle<br />

haben. Notwendig ist deswegen, dass die Lehrer mehr Zusatzschulungen erfahren<br />

und das Personal in diesen Schulen erhöht wird.<br />

Für den Lernerfolg der Kinder ist die Mitarbeit der Eltern auch in den Schulen wichtig.<br />

Die Eltern sollten ermutigt werden, zu den Elternabenden, Einschulungs- und Informationstagen<br />

der Schulen zu kommen. Die Lehrer sollten diese Veranstaltungen verstärkt<br />

für persönliche Gespräche nutzen. Aktive Mitarbeit und Unterstützung der Eltern<br />

während der Schullaufbahn ihrer Kinder gelingt dann besser, wenn sie sich mit der jeweiligen<br />

Schule identifizieren können. Hervorheben möchte ich in diesem Zusammenhang<br />

die schulische und pädagogische Beratungseinrichtung RAA („Regionale Arbeitsstellen<br />

zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien“, NRW) in Köln.<br />

Handlungsfeld Chancengleichheit von Frauen<br />

Besondere Aufmerksamkeit muss der Förderung der Mädchen gelten. Viele Töchter<br />

aus traditionell geprägten Familien mit Migrationsgeschichte, insbesondere aus<br />

dem islamischen Kulturkreis, erfahren nicht nur eine geringere Förderung und Benachteiligung<br />

(Teilnahmeverbot an Sport und Schulausflügen), sondern werden teilweise in<br />

ihrer Menschenwürde verletzt. Die Zwangsverheiratung ist leider keine Seltenheit und<br />

muss stärker geächtet werden. Hierfür darf es keine Toleranz geben.<br />

Schlimm ist auch, dass die Töchter und häufig auch ihre Mütter häusliche Gewalt<br />

durch männliche Familienmitglieder erfahren. Die CDU in Köln fordert deswegen ein<br />

89


90<br />

Netzwerk „Gegen Gewalt an Frauen und Mädchen mit Zuwanderungsgeschichte“ zwischen<br />

der Stadt Köln, den interkulturellen Zentren und den Moscheevereinen. Häusliche<br />

Gewalt ist leider nicht ausschließlich ein Problem der Familien mit Migrationsgeschichte,<br />

sondern findet auch in deutschen Familien statt. Frauen mit Zuwanderungsgeschichte<br />

haben jedoch den großen Nachteil, dass ihnen weniger Handlungsmöglichkeiten offen<br />

stehen, weil sie oft weder ein soziales Netzwerk außerhalb der Familie besitzen, noch über<br />

das nötige Geld verfügen, um sich eine eigene Wohnung mieten zu können. Deswegen<br />

muss die Beratungsinfrastruktur, einschließlich kulturell sensibler Unterstützungsangebote,<br />

für diese Mädchen und Frauen ausgebaut werden. Ich begrüße es, dass die Stadt<br />

Köln eine Reihe von Aufklärungsaktivitäten gegen „Zwangsheirat“ und „Gewalt gegen<br />

Frauen“ durchgeführt hat.<br />

Handlungsfeld Berufsausbildung<br />

Ein großes Problem ist für viele Jugendliche mit Migrationsgeschichte die Arbeitslosigkeit.<br />

Neben teilweise geringen Sprachkenntnissen ist hierfür die mangelnde berufliche<br />

Qualifikation die wichtigste Ursache. Oft besteht bei den Eltern völlige Unkenntnis über<br />

die Bedeutung der beruflichen Ausbildung in Deutschland. Da 63,6% der ausländischen<br />

Beschäftigten in Köln keinen Berufsabschluss aufweisen, ist auch nicht verwunderlich, dass<br />

sie ihren Kindern insbesondere den Mädchen kein Vorbild sein können.<br />

In Köln fanden eine Vielzahl von Kampagnen statt, um Schulabgänger mit Zuwanderungsgeschichte<br />

zur Berufsausbildung zu motivieren. Neben einer gezielten Ansprache<br />

der Jugendlichen und ihrer Eltern wurden insbesondere Arbeitgeber aufgefordert,<br />

diesen Jugendlichen einen Chance zu geben. Bei einer Reihe von Aktionen wurden auch<br />

in Zusammenarbeit mit dem italienischen Generalkonsulat italienische Migranten angesprochen.<br />

Es hat sich als sehr erfolgreich erwiesen, neben den Migrantenvereinigungen<br />

auch Unternehmer mit Migrationshintergrund anzusprechen. Vor dem Ausscheiden<br />

aus der Schule erhalten die Schüler zwar Informationen über ihre berufliche<br />

Perspektive und die berufliche Ausbildung, diese Informationen müssen jedoch für die<br />

Jungen und insbesondere für die Mädchen mit Migrationsgeschichte systematischer<br />

vermittelt werden. Notwendig ist ein Monitoring-Programm für junge Frauen, bei<br />

dem berufserfahrene Mentorinnen zum Einsatz kommen sollten.<br />

Handlungsfeld Existenzgründung<br />

Neben der Förderung der beruflichen Qualifikation gilt es auch, die Unterstützung<br />

für Existenzgründungen aus dem Kreis der Migranten zu verstärken. Es ist zu begrüssen,<br />

dass die Kammerorganisationen in Köln spezifische Beratungsangebote anbieten.<br />

Eine unterstützende Rolle spielen hierbei auch das „Regionale Förderzentrum für ausländische<br />

Existenzgründer und Unternehmer“ (RFZ) in Köln sowie türkische, italienische<br />

und griechische Unternehmervereinigungen. Dennoch habe ich den Eindruck,<br />

dass in Köln noch viel mehr gemacht werden könnte. Hierbei appelliere ich insbesondere<br />

an die Unternehmer.<br />

Handlungsfeld Stadtentwicklung<br />

Die Querschnittsaufgabe von kommunaler Integrationspolitik wird insbesondere<br />

bei der Stadtentwicklungspolitik deutlich. In einigen Kölner Stadtteilen besteht eine


erhebliche Konzentration der Problemlagen von sozial Benachteiligten und von Bewohnern<br />

mit Zuwanderungsgeschichte. Integrationspolitik bedeutet vor allem soziale<br />

und ethnische Absonderung und die Entstehung von Parallelgesellschaften in den<br />

Stadtteilen zu verhindern. Integration geschieht vor Ort, also in der Nachbarschaft,<br />

im Wohnumfeld und im Stadtteil. Wo die Mehrheitsgesellschaft aber nicht mehr als<br />

Mehrheit präsent ist, sind Integrationsbemühungen mit besonderen Erschwernissen<br />

verbunden. Die wichtigsten Handlungslinien sind:<br />

- Eine intelligente Belegungspolitik bei den Sozialwohnungen (in Köln bestehen ca.<br />

50.000), um die Ballung von ethnischen Gruppen zu vermeiden bzw. abzuschwächen,<br />

-<br />

-<br />

-<br />

-<br />

eine bessere Erreichbarkeit mit dem öffentlichen Nahverkehr;<br />

eine Verstärkung der Sicherheit auf den Straßen;<br />

der Ausbau der Bildungsangebote vor Ort;<br />

die Förderung von Bürgerinitiativen z.B. für gruppenübergreifende Straßenfeste.<br />

Eine integrationsorientierte Stadtteilpolitik muss insbesondere auf die Partizipation<br />

der Migranten setzen. Alle müssen aufeinander zugehen. Dies betrifft auch Fragen<br />

der Lebensweise, der Religionsausübung, so auch den Bau von Moscheen. Der Dialog<br />

muss gerade in den Stadtteilen besser organisiert werden. Das Kölner Projekt „Stadtteil-Manager“<br />

ist ein gutes Beispiel und sollte fortgesetzt werden.<br />

Heimatgefühl für die eigene Stadt entwickeln<br />

Meiner Ansicht nach beruht eine erfolgreiche Integration auch auf dem bürgerschaftlichen<br />

Engagement. Gerade auch den Menschen mit Migrationsgeschichte müssen<br />

hierzu mehr Chancen eröffnet werden. Aber die Migranten und insbesondere die<br />

Migrantenvereinigungen müssen erkennen, dass ihr Engagement sich nicht nur auf<br />

Forderungen an die Institutionen beschränken kann. Sie müssen lernen, Mitverantwortung<br />

zu übernehmen. Teilhabe ohne Mitverantwortung funktioniert nicht. Dies<br />

betrifft die Eltern, die sich für ihre Schule einsetzen, die Unternehmer, die mehr Berufsausbildungsplätze<br />

anbieten und die Bürger, die sich in ihrem Stadtteil engagieren. Aber<br />

auch die einheimische alt eingesessene Kölner Bevölkerung muss lernen, die Anregungen<br />

und Vorschläge der Migranten nicht nur ernst zu nehmen, sondern sie auch als<br />

Bereicherung des Zusammenlebens zu erkennen. Dann kann es auch gelingen, dass die<br />

Menschen mit Migrationsgeschichte für ihre Stadt ein Heimatgefühl entwickeln, eine<br />

wichtige Grundlage für den sozialen Zusammenhalt einer Gemeinschaft.<br />

Köln – Ein Beispiel für gelungene berufl iche Integrati on:<br />

BQN – das „Kölner Modell“<br />

Wolfgang Fehl, Leiter des Koordinierungsprojektes „Integrati on durch Qualifi zierung“<br />

(IQ) bei der Zentralstelle für die Weiterbildung im Handwerk (ZWH), Düsseldorf.<br />

In den 80er Jahren betrug der Anteil der Jugendlichen ausländischer Herkunft in<br />

der Kölner Bevölkerung fast 30%, bei den Auszubildenden dagegen nur 4%: Was war zu<br />

91


92<br />

tun, um die vielen Jugendlichen an das Ausbildungssystem heranzuführen?<br />

Arbeitsverwaltung, Gewerkschaften, Kammerorganisationen, Kreishandwerkerschaft<br />

und Arbeitgeberverbände waren bereit zu einer konzertierten Aktion. Am 1.<br />

Mai 1989 wurde bei der Industrie- und Handelskammer sowie der Handwerkskammer<br />

zu Köln eine „Beratungsstelle zur Qualifizierung ausländischer Nachwuchskräfte“<br />

(BQN) eingerichtet. Sie wurde finanziert durch die Robert-Bosch-Stiftung, das Bundesbildungsministerium,<br />

das Landesarbeitsministerium und das Arbeitsamt Köln.<br />

Es wurden insbesondere organisiert:<br />

-<br />

-<br />

-<br />

-<br />

-<br />

Ausbildungstrainings,<br />

Multiplikatorenschulungen,<br />

Aktivierung von Personen mit erfolgreichem Ausbildungsabschluss,<br />

Elterninformationen,<br />

Öffentlichkeitskampagnen.<br />

BQN trug dazu bei, dass sich bis Mitte der 90er Jahre der Anteil der ausländischen<br />

Auszubildenden an allen Auszubildenden in Köln von 4 auf 18% erhöhte. Die Industrie-<br />

und Handelskammer sowie die Handwerkskammer in Köln führen das Projekt<br />

mit Finanzierung aus eigenen Mitteln bis heute fort.<br />

Das BQN-Projekt wurde zu einem Modellprojekt auf nationaler Ebene. Anregungen<br />

gingen sowohl in das „Nationale Bündnis der Arbeit, Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit“<br />

vom 26.06.2000 als auch in den „Nationalen Integrationsplan“, der am<br />

12.07.2007 von der Bundeskanzlerin der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.<br />

Die Integrati on von Migranten in Rom –<br />

Ansichten ausgewählter Interviewpartner<br />

Kamila Kowalska-Angelelli, Chiara Mellina, Wissenschaft lerinnen und Franco<br />

Pitt au, Dossier Stati sti co Immigrazione Caritas/Migrantes 52<br />

Zweck und Eigenschaft en der Untersuchung<br />

Die Untersuchung über die Integration von Migranten in Rom wurde im Juni und<br />

Juli 2007 durchgeführt, wobei 63 ausgewählte Interviewpartner als Vertreter der Migranten<br />

befragt wurden, das heißt Sprecher von Verbänden, Sprach- und Kulturmediatoren<br />

und weitere Vertreter aus der Welt der Sozialarbeit.<br />

Was Italien betrifft, so ist Rom die Stadt mit der höchsten Migrantenzahl. 290.000<br />

in der Stadt und 431.000 in der Provinz Rom sind nach Schätzungen des „Dossier<br />

Statistico Immigrazione Caritas/Migrantes“ aufenthaltsberechtigt. Während die Zahl<br />

der gemeldeten Einwohner nach Angaben der Stadt Rom und von ISTAT um einige<br />

zehntausend niedriger liegt. Es gibt für jede nationale Gruppierung in Rom eine oder<br />

(52) Dem Forscherteam gehören auf Ebene der Hauptredakti on des Dossier Stati sti co Immigrazione,<br />

Luca Di Sciullo und Maria Pia Borsci an; die Interviews führten Chiara Mellina und Kamila Kowalska, die<br />

auf diesem Gebiet große Erfahrungen und verschiedene Publikati onen veröff entlicht haben.


mehrere Verbände und nicht wenige geeignete Vertreter, mit deren Hilfe versucht werden<br />

kann, den künftigen Integrationsprozess einzuschätzen.<br />

Von den Befragten sind 9 von 10 junge Erwachsene in der Altersklasse zwischen<br />

18 und 45 Jahren. Die Vertreter der so genannten extremen Altersklassen (Minderjährige<br />

oder über 65jährige) sind dagegen minimal. Es handelt sich also um die Vertreter<br />

der ersten Generation, die die Emigration noch selbst erlebt haben, und die noch nicht<br />

erfahren haben, was es bedeutet, ein alter Mensch in der Emigration zu sein.<br />

Die Befragten wurden an Hand der Kenntnisse der Teammitglieder des „Dossier<br />

Statistico Immigrazione Caritas/Migrantes“ und des “Forum per l’intercultura” der<br />

Caritas Rom ausgewählt. Außerdem wurde die Gelegenheit der im Mai 2007 jährlich<br />

stattfindenden Veranstaltung „Intermundia“ genutzt. (Dabei handelt es sich um ein<br />

interkulturelles Festival, das seit einigen Jahren von der Stadt Rom gefördert und auf<br />

der Piazza Vittorio, dem interethnischsten Platz der ganzen Stadt, veranstaltet wird.<br />

Migrantenverbände und jene die mit Migranten arbeiten, stellen ihre Stände auf, veranstalten<br />

Debatten, didaktische Initiativen und Spiele, stellen Arbeiten aus und organisieren<br />

künstlerische Veranstaltungen, an denen die Besucher unmittelbar beteiligt<br />

werden).<br />

Obwohl die Befragten zufällig ausgewählt wurden, können sie zahlenmäßig und<br />

herkunftsmäßig als repräsentativ angesehen werden. Es waren 19 Europäer, 16 Amerikaner,<br />

15 Asiaten, 11 Afrikaner und 1 aus Ozeanien, die insgesamt aus 32 Ländern,<br />

einschließlich Deutschland, kamen, beteiligt. Obwohl diese Aufteilung nicht hundertprozentig<br />

der kontinentalen Verteilung der Migranten in Rom entspricht, spiegelt sie<br />

doch ziemlich getreu die Verbandswelt wider. Alle Angesprochenen haben den Fragebogen<br />

weitgehend beantwortet. Die Interviews wurden von einer Italienerin und einer<br />

Migrantin gemeinsam ausgeführt. Der Fragebogen war im Vorfeld von dem Team des<br />

Dossier Statistico Immigrazione mit der Absicht ausgearbeitet worden, von Standardfragen<br />

abzusehen und auch die europäische Perspektive zu berücksichtigen.<br />

Initiatoren der Initiative waren die <strong>Deutsche</strong> Botschaft Rom und die Friedrich-<br />

Ebert-Stiftung. Sie hatten anlässlich einer deutsch-italienische Tagung zur Integrationsproblematik<br />

(Juni 2007) ihr Interesse an der Präsentation der Umfrageergebnisse<br />

einer „Feldstudie“ über Integration zum Ausdruck gebracht, die ihren Schwerpunkt<br />

auf die besondere Migrationssituation Roms legen sollte. Das von deutscher Seite geäußerte<br />

Interesse war dadurch bedingt, dass Italien, obwohl es in Europa heute zu<br />

den großen Immigrationsländern gehört, erst seit relativ kurzer Zeit diese Erfahrung<br />

macht und sich dabei mit vielen neuen Problemen auseinandersetzen muss, was Herkunft,<br />

Eingliederung in die Arbeitswelt, aber vor allem soziales und religiöses Zusammenleben<br />

anbelangt. Der Vergleich zur deutschen Situation, die auf einer längeren<br />

Erfahrung beruht, ist sinnvoll, um hieraus Denkanstöße und Handlungsmöglichkeiten<br />

zu gewinnen.<br />

Von den befragten Personen leben fast alle (mehr als 9 von 10) seit mehr als 5 Jahren<br />

in Italien, jedoch nicht immer mit einem Partner (mehr als ein Drittel der Fälle) und nicht<br />

immer mit Kindern (mehr als die Hälfte der Fälle), jedoch möchte jeder Zweite sich definitiv<br />

in Italien niederlassen, etwas weniger als in der jeweiligen nationalen Zugehörigkeitsgruppe.<br />

(In der Untersuchung wurden die Befragten aufgefordert nicht nur für sich<br />

selbst, sondern auch für die jeweilige nationale Zugehörigkeitsgruppe zu antworten).<br />

93


94<br />

Integrati on: wie defi niert man sie, wie wird sie gefördert<br />

Nach Ansicht der Hälfte der Befragten sollte Integration als Anerkennung, gegenseitige<br />

Achtung der Unterschiede, Ausübung der gleichen Rechte und friedliches<br />

Zusammenleben verstanden werden. Weitere Definitionen, wenn auch weniger häufig,<br />

sind: Nichtdiskriminierung, Interaktion, Anpassung an die neue Umwelt, bei Wahrung<br />

der eigenen Eigenschaften, Auseinandersetzung mit dem Anderen, sich Wohl fühlen,<br />

wenn auch in einem fremden Land, ein geregeltes Leben führen.<br />

Nach Ansicht fast aller bedeutet eine Gesellschaft des interkulturellen Austauschs,<br />

dass Italiener und Ausländer in ihren Bemühungen um gegenseitige Anpassung unterstützt<br />

werden und diese Anpassung nicht nur von den Migranten verlangt wird.<br />

Zur Verwirklichung einer besseren Integration müssen vor allem (so die Hälfte<br />

der Antworten) gegenseitige Achtung gelernt werden, Vorurteile abgebaut und die<br />

Gesetzgebung verbessert werden. Es wird auch darauf verwiesen, dass Integration<br />

nur durch konkrete Maßnahmen entstehen kann: hierzu gehören mehr finanzielle Mittel,<br />

um Maßnahmen für die unterschiedlichen Aspekte der Eingliederung fördern zu<br />

können (Wohnung, Schule, verschiedene Dienstleistungen, Sprachförderung, Unterstützung<br />

der Verbände, Einsatz von Kulturmediatoren).<br />

Öffentliche Einrichtungen und Verbände werden als sehr wichtig für die Integration<br />

der Migranten erachtet und aufgefordert, sich stärker zu engagieren. Die Tatsache,<br />

dass sie namentlich genannt werden, kann als Anerkennung und Ansporn verstanden<br />

werden. Erwähnung finden: katholische Verbände (24 Mal), die Caritas (24 Mal),<br />

soziale, gesundheitliche und schulische Einrichtungen (14 Mal), die Gemeinschaft<br />

Sant’Egidio (13 Mal), die Stadt Rom und ihre Bezirksverwaltungen (12 bzw. 10 Mal),<br />

die Provinz (8 Mal), die Kultstätten der jeweiligen Religionen (8 Mal) und andere nationale<br />

und territoriale öffentliche Einrichtungen sowie einzelne Verbände.<br />

Gesellschaft liches Leben, Rechte, Staatsbürgerschaft und Wahlrecht<br />

Fast die Hälfte der Befragten nimmt häufig an kulturellen, künstlerischen und politischen<br />

Veranstaltungen teil, während nur 1 von 10 dies nie tut. Unter den Personen<br />

der eigenen Zugehörigkeitsgruppe halbiert sich der Prozentsatz derjenigen, die häufig<br />

teilnehmen, jedoch ist der Anteil derjenigen, die sich hin und wieder beteiligen, größer.<br />

Deshalb stellen, trotz der Einschränkungen der bestehenden Gesetze, Immigration<br />

und gesellschaftliche Teilhabe keine Widersprüche dar.<br />

4 von 10 Befragten haben häufig von Diskriminierungsvorkommnissen gehört, 5<br />

von 10 nur hin und wieder, meistens durch Fernsehen und Presse oder (ein Fünftel der<br />

Fälle) von Personen der eigenen Zugehörigkeitsgruppe, die von ähnlichen Erfahrungen<br />

berichten. Die Diskriminierungsfälle verteilen sich gleichmäßig auf die Bereiche Arbeit,<br />

Schule, öffentliches Leben und Sonstiges. Wie wir im Folgenden feststellen können,<br />

beeinträchtigen diese negativen Diskriminierungserfahrungen die starke Bindung<br />

zur neuen Umwelt, vor allem zu Rom, jedoch nicht so stark.<br />

Fast alle (9 von 10) bestätigen die Bedeutung der Aufenthaltserlaubnis, weil sie<br />

größere Unbeschwertheit, Sicherheit, Stabilität und Legalität gibt und die Grundlage<br />

für die eigene Lebensplanung darstellt, da sie Rechte und Schutz, von der Freizügigkeit<br />

bis zur Eingliederung in die Arbeitswelt, gewährleistet.<br />

6 von 10 Befragten erachten die Staatsbürgerschaft als sehr wichtig, da sie eine en-


dgültige Integrationsmaßnahme darstellt, 1 von 10 dagegen als vollkommen unwichtig.<br />

5 von 10 beabsichtigen die Staatsbürgerschaft zu beantragen, vor allem um die gleichen<br />

Rechte wie die Italiener zu bekommen, was sich auch positiv auf die berufliche Karriere<br />

auswirken würde.<br />

Mehr als zwei Drittel der Befragten hatte die Möglichkeit die italienische Staatbürgerschaft<br />

zu erlangen. Nur ein Fünftel hat sie tatsächlich erhalten, die anderen erklären hieran<br />

Interesse. Daraus folgt, dass zwar Hindernisse rechtlicher und bürokratischer Art bestehen,<br />

jedoch fehlt es bei einigen auch an wirklichem Interesse. In diesem Zusammenhang muss<br />

an die früheren Nicht-EU-Bürger gedacht werden, deren Staaten seit Mai 2004 bzw. Januar<br />

2007 Mitglieder der EU geworden sind. Für sie war die Erlangung der Staatsbürgerschaft<br />

in der Vergangenheit eine Zweckentscheidung, um eine dauerhafte Aufenthaltsberechtigung<br />

in Italien zu erhalten. Heute ist diese Sicherheit durch das EU-Recht gewährleistet,<br />

mit der Folge, dass kein Interesse an der italienischen Staatsbürgerschaft mehr besteht. Da<br />

jedoch die Aufenthaltsdauer bei einer immer größeren Zahl zunimmt, ebenso die Zahl derjenigen,<br />

die dauerhaft ansässig sind, muss auch mit einer Zunahme neuer Staatsbürger gerechnet<br />

werden, auch unabhängig davon, ob das entsprechende Gesetz unverändert bleibt<br />

oder, in Folge der derzeit im Parlament zur Diskussion stehenden Abänderungsvorschläge,<br />

das Gesetz weniger restriktiv gestaltet wird.<br />

Nur knapp die Hälfte der Migranten, die bereits die italienische Staatsbürgerschaft<br />

oder die eines anderen EU-Landes hat und deswegen auch das Wahlrecht bei den Regional-<br />

und Gemeindewahlen hatte, ist im Mai 2007 auch wählen gegangen. 7 von 10<br />

Befragten erachten es als sehr wichtig, dass ein ausländischer Bürger das Wahlrecht<br />

hat, weil dieses Wahlrecht eine Chance für gesellschaftliche Teilhabe und ein Ausdruck<br />

der Gleichberechtigung ist, wenn auch hierzu das Wahlrecht zur nationalen Parlamentswahl<br />

gehören sollte. Nur 1 von 10 tut das Wahlrecht als unbedeutend ab.<br />

Sprache und Schule<br />

Die Landesssprache ist ein hervorragendes Mittel zur Integration und mehr als 9 von<br />

10 Befragten beherrschen sie recht gut, ja sogar sehr gut. Man darf jedoch nicht glauben,<br />

dass dies nur für die ausgewählten Interviewpartner gilt: auch die anderen Migranten der<br />

eigenen Zugehörigkeitsgruppe weisen ausreichende Sprachkenntnisse auf (8 von 10).<br />

Obwohl in Italien, im Gegensatz zu Deutschland und anderen EU-Staaten, eine organische<br />

Strategie zum Erlernen der italienischen Sprache für Ausländer fehlt, spricht<br />

doch nur 1 von 10 Befragten zu Hause nur die Muttersprache, während ansonsten<br />

beide Sprachen oder sogar nur Italienisch gesprochen werden.<br />

Dank der Beherrschung der italienischen Sprache sehen auch zwei Drittel der Befragten<br />

häufig italienisches Fernsehen, nur 1 von 10 tut dies selten. Dies gilt, so die<br />

Aussagen der Befragten, auch für die Menschen der eigenen Zugehörigkeitsgruppe.<br />

Um die Lage weiter zu verbessern, äußern alle den Wunsch nach einem größeren<br />

Angebot an Sprachkursen, die besser an die Arbeitszeiten angepasst, nach unterschiedlichen<br />

Kenntnisebenen gestaffelt sind und die Erfordernisse der jeweiligen Nationalitäten<br />

stärker berücksichtigen. Des Weiteren sollte auch die Möglichkeit obligatorischer,<br />

unentgeltlicher Sprachkurse für alle Ausländer in Betracht gezogen werden. Einige<br />

weisen auch darauf hin, dass es sich positiv auf die Sprachkenntnisse auswirken würde,<br />

wenn Italiener und Migranten mehr Zeit miteinander verbringen und mehr Kontakte<br />

zueinander hätten.<br />

95


96<br />

Die Hälfte der Befragten ist der Ansicht, dass Migrantenkinder in der Schule häufig<br />

oder gelegentlich Schwierigkeiten haben dem Unterricht zu folgen, und dies insbesondere<br />

wegen der Sprachschwierigkeiten bei der Einschulung. Doch dies sei nicht das<br />

einzige Problem in der Schulklasse: Hinzu kämen emotionale, psychologische, kulturelle<br />

Probleme sowie die im Vergleich zum Heimatland unterschiedlichen Lehrpläne und<br />

Schulsysteme sowie die mangelnde Unterstützung seitens der Eltern.<br />

Zwei Drittel der Antworten heben die Tatsache hervor, dass das italienische Schulsystem<br />

dem multikulturellen Kontext nicht angepasst ist, da die Lehrpläne und Schulbücher<br />

die neue multiethnische Realität nicht berücksichtigen. Außerdem sollten Fortbildung<br />

und Motivation der Lehrer verbessert werden.<br />

Angesprochen sind auch die Immigranten-Eltern: nur ein Drittel der Befragten bestätigt<br />

eine regelmäßige Teilnahme an Elternversammlungen in den Schulen ihrer Kinder.<br />

Das Wohnungsproblem<br />

Die Wohnungssituation der Interviewpartner ist besser, als die der Mehrheit der<br />

Migranten, von denen ihrer Ansicht nach 8 von 10 in einer kaum oder sogar nicht akzeptablen<br />

Wohnung leben.<br />

Der Wunsch nach dauerhafter Niederlassung steht im Gegensatz zu den Wohnungsschwierigkeiten,<br />

die die Migranten als Mieter wie auch als Hausbesitzer haben. Mehr<br />

als ein Drittel der ausgewählten Interviewpartner hat Eigentum - ein sehr hoher Prozentsatz,<br />

doppelt so hoch wie der Durchschnitt der Ausländer in Rom und Italien. Beide<br />

Kategorien verursachen hohe Ausgaben, erstere wegen der hohen Mieten, letztere auf<br />

Grund der teuren Bankkredite. Damit wird deutlich, dass der Integrationsprozess nicht<br />

nur von nicht-materiellen Aspekten (Einstellung, kulturelle Ausrichtung, Bereitschaft<br />

zur Verständigung), sondern auch von ganz konkreten Dingen (finanzielle Beiträge für<br />

die Integrationsmaßnahmen, Investitionen in soziale Infrastrukturen) abhängt.<br />

In einer großen Stadt wie Rom, geprägt vom ständigen Kommen und Gehen der Migranten,<br />

verwundert es nicht, dass 1 von 10 Einwanderern eine ständig wechselnde Wohnung hat:<br />

bescheidene Pensionen die schon bald wieder verlassen werden müssen, weil die Ersparnisse<br />

aufgebraucht sind; Freunde und Verwandte, die nur zeitlich begrenzt Unterkunft bieten können<br />

oder Unterbringung vom Arbeitgeber, die jedoch nur für die Dauer des Arbeitsverhältnisses<br />

genutzt werden kann, was zu Lasten der Familienbeziehungen geht. Andere versuchen<br />

in Hinterzimmern unterzukommen, in einem verlassenen Gehöft, einer ausrangierten Werkstatt<br />

oder haben an den Ufern des Tibers kleine illegale Lager eingerichtet.<br />

Diese extrem defizitäre Situation muss zu Maßnahmen der Gebietskörperschaften<br />

und der nationalen Politik führen, die hierzu seit vielen Jahren eine völlig unzulängliche<br />

Haltung eingenommen haben.<br />

Der multi religiöse Zusammenhang<br />

Die Religionsprobleme, die sich durch die Immigration in Italien ergeben, sind in<br />

der Studie ganz bewusst behandelt worden. Damit wird ein spezifischer Aspekt Italiens<br />

unterstrichen, der großes Interesse, nicht nur von deutscher Seite, sondern auch seitens<br />

anderer EU-Staaten hervorzurufen scheint 53 .<br />

(53) Zur Aktualisierung der Zahlen in Bezug auf die multi religiöse Anwesenheit sowie die dadurch


Ein Drittel der Befragten war der Ansicht, dass die unterschiedliche Religionszugehörigkeit<br />

bei der Bemühung um eine harmonische Integration ein Hindernis darstellt.<br />

In diesem Zusammenhang wird vor allem der <strong>Islam</strong> genannt, betroffen sind aber<br />

auch alle anderen Religionen und die Menschen, die eine Religion praktizieren: es betrifft<br />

die Außensicht (Vorurteile, Instrumentalisierung seitens der Politiker und der<br />

Medien) und das Innenverhältnis (fehlende Laizität, Rolle der Frau).<br />

Es ist allgemein bekannt, dass bei der Bemühung um Integration das Religionsproblem<br />

häufig ein wirkliches Problem darstellt. Auch Italien ist davon nicht ausgeschlossen,<br />

obwohl es weniger akut als in anderen Ländern ist. Ausschlag gebend ist die sehr<br />

diversifizierte Verteilung der verschiedenen Religionen: die Christen machen die Hälfte<br />

(zu gleichen Teilen Katholiken und Orthodoxe), die Muslime ein Drittel der Gesamtzahl<br />

aus, auch die großen orientalischen Religionen sind stark vertreten, um nur die<br />

wichtigsten Religionsgemeinschaften anzuführen.<br />

Dieser Polyzentrismus hat dazu geführt, dass es keiner religiösen Gemeinschaft<br />

möglich ist, ihre Forderungen in absolutistischer Form zu stellen. Man würde auch die<br />

Problematik reduzieren, wenn der durch die Immigration entstandene multireligiöse<br />

Kontext auf den <strong>Islam</strong> beschränkt und die anderen Religionen außer Acht gelassen<br />

würden. Die Tatsache, dass Medien, Politiker und Vorurteile der Menschen das gegenseitige<br />

Verständnis nicht fördern, darf aber nicht dazu führen, dass die den verschiedenen<br />

Glaubensrichtungen innewohnenden Probleme vergessen werden, die vor allem<br />

die personalen Rechte betreffen, ein Aspekt der nicht immer gesehen und diskutiert<br />

wird, obwohl er von grundlegender Bedeutung für einen ernsthaften und respektvollen<br />

Dialog ist. Dies hob auch ein Drittel der Befragten hervor.<br />

In Rom, wo zwei Drittel der Migranten Christen sind und die katholische Kirche<br />

ihr Zentrum hat, scheinen die Dinge etwas besser zu laufen: dies Dank des bedeutsamen<br />

Einsatzes des päpstlichen Magisteriums (was auch die Fundiertheit der<br />

Reaktionen auf die Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI. einschränkt), Dank<br />

der Bereitschaft zur Zusammenarbeit seitens der Pfarreien (die in den Muslimen und<br />

den anderen Gläubigen vor allem Brüder sehen), auch Dank der Offenheit der Verantwortlichen<br />

des islamischen Kulturzentrums in der großen Moschee in Rom und der<br />

italienischen Sektion der Internationalen Muslimischen Liga. Hervorzuheben ist die<br />

unermüdliche Arbeit der muslimischen interkulturellen Mediatoren, die im Sinne eines<br />

friedlichen Zusammenlebens und auf der Grundlage der Achtung der unabdingbaren<br />

gemeinsamen Grundnormen sowie des Respekts der Andersartigkeit in Rom mit den<br />

Vertretern der katholischen und anderen Religionen (zum Beispiel im Rahmen des Forums<br />

per l’intercultura der Caritas Rom) zusammenarbeiten. Mühsam und schrittweise<br />

setzt sich die Überzeugung durch, dass die Gläubigen aller Religionen eine besondere<br />

Verantwortung haben Zeugnis gegenüber der realen Welt abzulegen, wenn sie vermeiden<br />

wollen, dass Religiosität hierzu in Widerspruch gerät. Diese reale Welt, die nicht<br />

neu ist und nicht immer Ausgangspunkt für die Beziehungen und Auseinandersetzungen<br />

zwischen den Religionen war, erfordert von allen Verantwortlichen einen größeren<br />

Einsatz auf der Suche nach gemeinsamen, nicht konfliktbelasteten Wegen.<br />

entstehenden Probleme und Perspekti ven, vgl. G. Gnesott o, F. Marsico, M. P. Nanni, F. Pitt au, „Il panorama<br />

multi religioso in Italia“, in Caritas/Migrantes, Dossier Stati sti co Immigrazione 2007, Edizioni<br />

Idos, Roma 2007, S.192-201.<br />

97


98<br />

Von der ersten zu der zweiten Generati on<br />

Die ausgewählten Interviewpartner bieten ein zwischen der ersten und zweiten<br />

Generation differenziertes Bild.<br />

Die erste Generation wird folgendermaßen geschildert: bemüht um Erfüllung der<br />

Grundbedürfnisse (wie Wohnung und Arbeit), ohne große Erwartungen, angepasster,<br />

naiver und eher bereit geduldig zu ertragen, gleichzeitig jedoch stark im Bewältigen der<br />

Schwierigkeiten, stärker an den Kontakten zum Herkunftsland interessiert, eher zurückgezogen<br />

als integriert, ohne den Lebensplan der Migration wirklich erfüllt zu haben. Dies<br />

ist Tatsache, obwohl die Vertreter der ersten Migrationsströme in Italien, im Gegensatz<br />

zu Zuwanderern vieler anderer Länder, ein hohes Bildungsniveau haben. Der Anteil der<br />

Ausländer mit Schul- und Berufsschulabschluss bzw. Fach- und Hochschulabschluss liegt<br />

um 6% über dem der Italiener. Dies hat sie nicht daran gehindert, als Hilfsarbeiter zu arbeiten<br />

oder jedenfalls niedrigere Arbeiten anzunehmen, die von Italienern nicht ausgeübt<br />

werden.<br />

Die zweite Generation dagegen ist vollkommen integriert, daran interessiert aller<br />

Rechte teilhaftig zu werden und nicht bereit die niedrigen Arbeiten ihrer Eltern auszuführen,<br />

deren Lebensstandard sie enttäuscht. Jedoch ist diese weniger stark in der<br />

Bewältigung von Schwierigkeiten und – wie die Statistiken beweisen - fehlt es ihr an<br />

dem hohen Bildungsniveau ihrer Eltern.<br />

Durchaus erwähnenswert ist die Tatsache, dass dieser harte Vergleich von den Angehörigen<br />

der ersten Generation selbst gemacht wird und darauf schließen lässt, dass<br />

auch in Italien das Zusammenleben mit der zweiten Generation durchaus schwierig<br />

werden kann, sofern nicht auf gesetzlicher und gesellschaftlicher Ebene konsequent<br />

vorgegangen und den positiven Beispielen gefolgt wird, die eine gute soziale Praxis<br />

hervorgebracht haben.<br />

Zukunft sperspekti ven: der Vorzug gilt jedenfalls Rom und Italien<br />

Die Schwächen Italiens und der Italiener beruhen auf einer Mischung aus unangemessenen<br />

Gesetzen, Vorurteilen und Misstrauen sowie konkreten Schwierigkeiten<br />

bei Bürokratie, sozialen Diensten und Wohnraum. Ihre Stärken sind sicher die Solidarität,<br />

untermauert durch konkrete Leistungen im Gesundheitsdienst, beim Zugang zur<br />

Schulbildung und zu sozialen Diensten. Rom ist<br />

nicht nur die Stadt, in der man sich vorübergehend aufhält, sondern in der ein großer<br />

Teil (4 von 10) der Befragten auch dauerhaft leben will. Diejenigen, die bereit wären in<br />

eine andere Stadt zu ziehen, würden Bologna, Siena, Triest, Florenz oder, allgemein gesagt,<br />

eine Stadt des Nordens oder des Südens wählen. Die Gründe dieser Vorlieben wurden<br />

nicht hinterfragt, da sie auch von den persönlichen Vorstellungen und Beziehungen<br />

abhängen bzw. und von der Faszination, die andere Städte ausüben. Rom schneidet<br />

jedenfalls sehr gut ab. Die Gründe für eine Niederlassung in dieser Stadt sind sehr<br />

konkret und weniger ideell: das tägliche Leben ist einfacher, mehr Arbeitsmöglichkeiten,<br />

der Familien- und Freundeskreis, die Verfügbarkeit von sozialen Diensten. Hinzu<br />

kommen anspruchsvollere Begründungen: Rom als internationale und multiethnische<br />

Stadt, ästhetisch schön und den Migranten gegenüber offener, mit einer geringeren<br />

Neigung zur Diskriminierung. Wir haben es hier mit einem Bonus an Wertschätzung<br />

und Anhänglichkeit zu tun, der bei den Maßnahmen zur Aufnahme von Zuwanderern


und beim persönlichen Verhalten nicht gering geschätzt werden sollte.<br />

Die Länder in denen es sich nach Ansicht der Befragten als Migrant am Besten<br />

leben lässt, sind Großbritannien, Holland und Schweden, denen das mediterrane Spanien<br />

mit mehr als 20 Angaben, folgt. Die zwei bedeutenden Immigrationsländer Deutschland<br />

und Frankreich werden nicht einmal erwähnt. In Bezug auf die angegebenen<br />

Länder werden deren Immigrationspolitik und Gesetzgebung, das der Multiethnizität<br />

gegenüber offenere Gesellschaftsmodell, die besseren Arbeitsmöglichkeiten und der<br />

besserer Wohlfahrtsstaat geschätzt.<br />

Italien insgesamt schneidet jedoch noch besser als Rom ab und behauptet sich als<br />

jenes Land, in dem die Hälfte der Befragten sich dauerhaft niederlassen möchte und als<br />

Land, das zwei Drittel den anderen EU-Staaten vorzieht. Die Befragten sind mit dem<br />

Gesamtkontext, der Lebensqualität und den geknüpften Beziehungen zufrieden und<br />

wollen nicht woanders noch einmal von vorne anfangen.<br />

Wie die Dinge in Italien weitergehen werden, ist nach Ansicht der befragten Migranten<br />

offen. Ein Teil glaubt, dass es zu einer Verbesserung der Situation kommen<br />

wird (die größere Gruppe, aber weniger als die Hälfte), ein anderer Teil ist skeptischer<br />

(ein Drittel der Gesamtzahl). Diese Licht und Schatten-Darstellung spiegelt die unbeständige<br />

Beziehung zwischen italienischer Gesellschaft (auch der Stadt Rom) und der<br />

Immigration wider, eine Art „Liebes-Syndrom“ („Ich möchte und möchte doch nicht“),<br />

denn einerseits wird die Notwendigkeit der Migranten zur Unterstützung des Arbeitsmarktes<br />

anerkannt, andererseits ist man nicht zu hundert Prozent bereit mit ihnen<br />

auf gesellschaftlicher und individueller Ebene zusammenzuleben. Gesetzgeber und<br />

Gebietskörperschaften haben also noch viel Arbeit vor sich.<br />

Es war vorauszusehen, dass die Mehrheit (6 von 10) den Einflusses der EU auf die Migrationspolitik<br />

Italiens und die der anderen Mitgliedstaaten als wichtig erachtet. Dennoch<br />

war verwunderlich, dass immerhin ein Fünftel der Antworten hierbei skeptischer waren.<br />

Zitate der Betroff enen 54<br />

Meinungen zur Integrati on<br />

„Es handelt sich um einen Prozess, dessen Ziel die aktive Beteiligung der Migranten am<br />

wirtschaftlichen, kulturellen, sozialen und politischen Leben des Landes ist“.<br />

„Was uns von den Anderen unterscheidet sind nur kulturelle Aspekte, die, wenn sie<br />

angemessen genutzt werden, eine große Bereicherung sein können. Wir müssten einen<br />

Schritt weiter gehen und an die Person, an die Menschlichkeit, an die Menschheit, die<br />

jeder von uns in sich trägt, denken, an all das was uns verbindet. Wir hegen alle die gleichen<br />

Träume, den selben Wunsch, unseren Kindern eine friedliche und bessere Welt zu<br />

hinterlassen, in der das Wort ‚Ausländer’ nicht mehr vorkommt“.<br />

„Eigentlich möchte ich nicht von Integration sondern von Interaktion sprechen. Meiner<br />

Ansicht nach ist es wichtig, dass beide Seiten, also die der Ausländer wie auch die der<br />

Italiener, lernen zusammen zu leben und bereit sind gegenseitig die Welt des Anderen kennen<br />

zu lernen. Es geht auch um die Bereitschaft, die verschiedenen Kulturen erforschen<br />

zu wollen, sie zu verstehen, aber auch – wenn nicht vor allem – sie zu respektieren. Die<br />

Interaktion muss schon aus ihrer Definition heraus gegenseitig sein, muss friedlich und<br />

(54) Herausgegeben von Chiara Mellina und Kamila Kowalska.<br />

99


100<br />

von den Menschen bewusst gewollt werden, ohne Angst vor dem Unbekannten und dem<br />

Anderen.“<br />

„Um von Integration sprechen zu können, müssen wir als erstes aus unserer Denkweise<br />

jene Schranken verbannen, die uns trennen.“<br />

„Wenn von Integration gesprochen wird, ist meist gemeint, dass die Migranten<br />

sich einfügen sollen, ohne die Italiener zu stören, sich also so integrieren sollen, dass<br />

sie den Italienern ähnlicher werden.“<br />

Hinweise zur Verbesserung der Integrati on?<br />

„Den Migranten bei seiner Ankunft als Bringer von Wissen und Kompetenzen anerkennen,<br />

die er in seinem Land erworben hat, und versuchen, alle seine Fähigkeiten<br />

auf kreative, offene und konstruktive Weise zu achten, ohne ihn unterqualifiziert zu<br />

beschäftigen, auf dass er nicht einfach auf zwei Arbeitsarme für die italienische Wirtschaft<br />

reduziert wird.“<br />

„Allem voran müssen das Staatbürgerschaftsgesetz sowie das Bossi-Fini-Gesetz abgeändert<br />

werden. Aufenthaltsgenehmigungen und Zuwanderungsquoten müssen im Einklang<br />

mit der Integrationspolitik gestaltet werden. Des Weiteren ist eine schnellere Anerkennung<br />

der im Ausland erworbenen Abschlüsse und größere Aufmerksamkeit gegenüber<br />

den minderjährigen Ausländern erforderlich. Die Zerfaserung der Maßnahmen sollte überwunden<br />

und auf nationaler Ebene eine koordinierte Abstimmung eingeleitet werden“.<br />

„Um die Situation zu verbessern, müsste man als Erstes die Vorstellungen darüber<br />

was Integration ist, von Grund auf ändern. Man müsste versuchen, dass sich Italiener<br />

und Migranten gegenseitig annähern und dabei die rein einseitige Ausrichtung vermeiden,<br />

Migranten hätten auf Italiener zuzugehen.“<br />

„Um dies zu verwirklichen muss seitens aller politischen Parteien und der Massenmedien,<br />

den Themen der Migration größere Beachtung entgegengebracht werden,<br />

ebenso sollte die öffentliche Meinung stärker sensibilisiert werden.“<br />

„Des Weiteren müssen die von Gesetz und Verfassung anerkannten Rechte (z.B.<br />

was Asyl und Nicht-Diskriminierung anbelangt) geachtet und verteidigt werden. Weitere<br />

Rechte, wie das Wahlrecht, müssen gesetzlich anerkannt werden.“<br />

„Das was wirklich getan werden sollte ist vielleicht nicht ‚integrieren’, sondern<br />

‚gemeinsam schaffen’.“<br />

Die Integrati on von Migranten in Rom (Mai-Juni 2007) – Untersuchung des<br />

„Dossier Stati sti co Immigrazione“ 55 – in Zusammenarbeit mit der <strong>Deutsche</strong>n<br />

Botschaft Rom 56<br />

Welche wichti gen Mängel sollte Italien gegenüber den Migranten vermeiden? (Stelle eine Prioritätenliste<br />

auf)<br />

a.W. %<br />

Ausbeutung am Arbeitsplatz und Schwarzarbeit 34 17,6<br />

Immobilienmarkt (Probleme mit Unterkunft , Wohnung, Mieten, Hypotheken) 30 15,5<br />

(55) Interviews und Stati sti k von Chiara Mellina und Kamila Kowalska-Angelelli<br />

(56) Mit Unterstützung der Friedrich-Ebert-Sti ft ung


Mentalität, Vorurteile, Stereotypen, Misstrauen der Leute 29 15,0<br />

Zugang zu den sozialen Dienstleistungen 23 11,9<br />

Zugang zur Erwachsenenbildung, mehr Kurse für italienische Sprache und Kultur,<br />

Probleme der Anerkennung von Berufsabschlüssen<br />

19 9,8<br />

Gesetzeslücken und widersprüchliche Gesetze 16 8,3<br />

Verwaltungswege, Druck durch die Bürokrati e 15 7,8<br />

Keine Räumlichkeiten, für Treff punkte von Migranten oder für die Religionsausübung 9 4,7<br />

Erwerb der Staatsangehörigkeit 6 3,1<br />

Ungenügende Vorbereitung der Schulen auf die Veränderungen 6 3,1<br />

Rassismus in den Behörden 2 1,0<br />

Wahlrecht für die Migranten 1 0,5<br />

Keine Probleme, wer hier leben will, muss sich anpassen 1 0,5<br />

Dienstleistungen des Gesundheitswesens 1 0,5<br />

Dienstleistungen der Banken 1 0,5<br />

ANTWORTEN INSGESAMT<br />

Welche Vorteile bietet Italien? (Stelle eine Prioritätenliste auf)<br />

193 100,0<br />

a.W. %<br />

Gesellschaft liche Solidarität, Menschlichkeit der Italiener, Aufgeschlossenheit und<br />

Aufnahme seitens der Gesellschaft insgesamt<br />

31 25,0<br />

Recht auf Bildung und Zugang zum Bildungswesen (Rechte der Kinder) 25 20,2<br />

Gesundheitliche Versorgung 20 16,1<br />

Ein (verglichen mit der Vergangenheit) leichterer Zugang zu sozialen Dienstleistungen 11 8,9<br />

Vorhandensein von Kultstätt en zur Ausübung der verschiedenen Religionen 8 6,5<br />

Allgemeine Freiheit 6 4,8<br />

Vereinigungen (auch zur Organisati on von Kursen für italienische Sprache und Kultur) 5 4,0<br />

Keine Vorteile 4 3,2<br />

Man fi ndet leicht Arbeit (wenn auch schlechtbezahlt und „unterqualifi ziert”), vor<br />

allem im Gaststätt engewerbe und in der Gebäudereinigung<br />

4 3,2<br />

Allgemeine Flexibilität im Alltagsleben 3 2,4<br />

Ich weiß nicht 3 2,4<br />

Chance sich selbständig zu machen 2 1,6<br />

Gut organisierte Informati onsstellen/Beratungsstellen für Ausländer 1 0,8<br />

Gleichberechti gung 1 0,8<br />

ANTWORTEN INSGESAMT 124 100,0<br />

Worin unterscheiden sich vor allem die Erwartungen zwischen der ersten und der folgenden<br />

Generati on?<br />

a.W. %<br />

101


102<br />

Die erste will „Grundbedürfnisse” (Arbeit, Wohnung); die zweite wie die Italiener<br />

leben können<br />

20 31,7<br />

Die erste ist naiver/angepasster/moderner Sklave/ohne Erwartungen, erträgt alles;<br />

die zweite ist fähiger, akti ver, integriert, fordernd, will nicht mehr die niedrigen<br />

Arbeiten der Eltern verrichten<br />

11 17,5<br />

Die erste ist weniger integriert; die zweite ist völlig integriert 6 9,5<br />

Die erste will weiterhin zum Herkunft sland Kontakte halten; die zweite eher weniger 6 9,5<br />

Die erste versucht, etwas aufzubauen, ist aber zwischen beiden Ländern hin- und<br />

hergerissen; die zweite fühlt sich weder als Italiener, noch als Ausländer<br />

4 6,3<br />

Die erste fühlt sich stärker und erträgt alle Schwierigkeiten; die zweite ist schwächer<br />

und lebt zwischen zwei Ländern<br />

4 6,3<br />

Die erste nimmt alles schwerer; die zweite ist vom Leben der Eltern entt äuscht 2 3,2<br />

Die erste lebt zurückgezogen und weniger integriert; die zweite hat keine Komplexe<br />

und will alle Rechte<br />

2 3,2<br />

Keine Unterschiede festgestellt 2 3,2<br />

Es gibt keine Unterschiede: es ist für alle schwer 1 1,6<br />

Die erste hat ihr Migrati onsprojekt nicht umgesetzt; die zweite braucht die Eltern 1 1,6<br />

Es gibt kaum Unterschiede zwischen den Generati onen; die zweite hat keine Pläne 1 1,6<br />

Ich weiß nicht 3 4,8<br />

ANTWORTEN INSGESAMT 63 100,0<br />

Nehmen die Migranten, die du kennst, an von Italienern organisierten kulturellen, politi schen<br />

und anderen Veranstaltungen teil?<br />

a.W. %<br />

oft 16 25,4<br />

manchmal 31 49,2<br />

selten<br />

nie<br />

16 25,4<br />

ANTWORTEN INSGESAMT<br />

Siehst du italienisches Fernsehen?<br />

63 100,0<br />

oft 41 65,1<br />

manchmal 14 22,2<br />

selten 7 11,1<br />

nie 1 1,6<br />

ANTWORTEN INSGESAMT<br />

Sehen die Migranten, die du kennst, italienisches Fernsehen?<br />

63 100,0<br />

oft 37 58,7<br />

manchmal 19 30,2<br />

selten<br />

nie<br />

7 11,1


ANTWORTEN INSGESAMT 63 100<br />

Wie wichti g ist für dich die italienische Staatsbürgerschaft ?<br />

a.W. %<br />

sehr wichti g 36 57,1<br />

nicht so wichti g 18 28,6<br />

unwichti g 8 12,7<br />

wichti g, aber ich weiß nicht, ob es sehr wichti g ist oder nicht 1 1,6<br />

ANTWORTEN INSGESAMT<br />

Wenn ja, welcher Grund ist am wichti gsten? (mehrere Antworten sind erlaubt)<br />

63 100,0<br />

um ein Bürger mit allen Rechten zu sein 33 42,9<br />

um nicht als Ausländer diskriminiert zu werden 6 7,8<br />

um die eigenen berufl ichen Aussichten zu verbessern 16 20,8<br />

als Ausdruck einer endgülti gen Eingliederung 8 10,4<br />

Andere Antworten 14 18,2<br />

ANTWORTEN INSGESAMT<br />

Wie könnte man das Integrati onskonzept defi nieren?<br />

77 100,0<br />

a.W. %<br />

Gegenseiti ge Anerkennung und Achtung, Achtung der Unterschiede, Ausübung der<br />

gleichen Rechte<br />

37 36,3<br />

Friedliches Zusammenleben 19 18,6<br />

Keine Diskriminierung 8 7,8<br />

Interakti on 7 6,9<br />

Sich dem neuen Rahmen anzupassen, ohne auf die eigenen Eigenschaft en verzichten<br />

zu müssen<br />

7 6,9<br />

Ein Dialog verschiedener Standpunkte, eine Gegenüberstellung von Ideen, ein<br />

Verlassen des Egozentrismus<br />

7 6,9<br />

Man fühlt sich wohl, auch wenn man nicht in dem Land lebt, in dem man geboren wurde 5 4,9<br />

Feste Beziehungen, stabiles Leben, Wohnung, Arbeit, Familie 4 3,9<br />

Grenzen abzuschaff en 2 2,0<br />

Es ist ein dornenreicher (schwieriger) Weg, der von oben angegangen werden muss 2 2,0<br />

Kein Beitrag 2 2,0<br />

Das Recht auf die Staatsbürgerschaft 1 1,0<br />

Ich weiß nicht 1 1,0<br />

ANTWORTEN INSGESAMT 102 100,0<br />

Was muss konkret geschehen, damit die Integrati on besser verläuft ? (Stelle eine Prioritätenliste auf)<br />

a.W. %<br />

Erwachsenen und Kindern beibringen sich gegenseiti g zu achten, Erziehungsprogramme,<br />

Beziehungen knüpfen, die auf Gleichheit aufb auen, und alle, Einheimische<br />

wie Ausländer, einbeziehen<br />

22 19,5<br />

103


104<br />

In der ganzen italienischen Gesellschaft gegen Vorurteile und vorgefasste Meinungen<br />

kämpfen/ mehr Auseinandersetzungen<br />

21 18,6<br />

Gezielte politi sche Maßnahmen und geeignete Strafen bei Vergehen. Das gegenwärti<br />

g gülti ge Gesetz abändern, mehr Kontrolle der Zuwanderung und vor allem der<br />

Ausbeutung von Migranten<br />

16 14,2<br />

Förderung der gesellschaft lichen Eingliederung, Wohnung, Arbeit, Ausbildung,<br />

Familienzusammenführung<br />

11 9,7<br />

Mehr staatliche fi nanzielle Förderung für die Integrati on und die Verbände und<br />

weniger für die Kontrolle<br />

6 5,3<br />

Kurse für das Erlernen der italienischen Sprache und Kultur, Geschichtsunterricht<br />

über die verschiedenen Herkunft sländer für die Italiener und Italiens für Ausländer<br />

5 4,4<br />

Förderung einer Staatsbürgerschaft der Teilhabe, gemeinsam und solidarisch, bei der der<br />

Einheimische wie der Migrant zusammen agieren; beide Seite Projektt räger und Umsetzer<br />

4 3,5<br />

Keine Diskriminierung bei der Anerkennung der Kompetenzen und berufl ichen<br />

Abschlüsse der Ausländer<br />

4 3,5<br />

Gleiche Rechte und Pfl ichten 4 3,5<br />

Zielgerichtete Projekte im öff entlich-rechtlichen und privaten Bereich 3 2,7<br />

Mehr Kuturmediatoren insbesondere in öff entlichen Einrichtungen (Krankenhäuser,<br />

Polizeipräsidien, öff entliche Verwaltung, usw.)<br />

3 2,7<br />

Mit einer neuen Wohnungspoliti k beginnen 3 2,7<br />

Kein Beitrag 3 2,7<br />

Verständliche Gesetze 2 1,8<br />

Ein Ministerium für Migrati on 2 1,8<br />

Informati onen 2 1,8<br />

Mit solchen Interviews aufh ören und damit beginnen, einander kennenzulernen 1 0,9<br />

Ich weiß nicht 1 0,9<br />

ANTWORTEN INSGESAMT 113 100,0<br />

Lebenslage von Mädchen und jungen Frauen mit Migrati onshintergrund<br />

Studie im Auft rag des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend<br />

von Prof. Dr. Ursula Boos-Nünning (Universität Duisburg/Essen) und Prof. Dr.<br />

Yasemin Karakaşoğlu (Universität Bremen)<br />

Die in 2004 veröffentlichte Studie „Viele Welten leben“ beruht auf einer Untersuchung der<br />

Lebenslagen von Mädchen und jungen Frauen mit griechischem, italienischem, jugoslawischem<br />

und türkischem Migrationshintergrund und aus Aussiedlerfamilien aus Russland (meist im 18.<br />

Jahrhundert emigriert, oft ohne Deutschkenntnisse). Gefragt wurden Mädchen und junge Frauen,


deren beide Eltern im Herkunftsland geboren sind. Die Studie umfasst die Migrationsbiografien und<br />

die sozialen Rahmenbedingungen des Aufwachsens, die Rolle und die Bedeutung der Familie, Freizeit<br />

und Freundschaften, Schule und Ausbildung, Mehrsprachigkeit und Sprachmilieu, Vorstellungen<br />

von Partnerschaft, Erziehung und Geschlechterrollen, Körperbewusstsein und Sexualität,<br />

Ethnizität und psychische Stabilität, Religiosität und Inanspruchnahme von Beratungsangeboten<br />

in Krisen. Befragt wurden von November 2001 bis März 2002 insgesamt 950 (davon 183 italienische)<br />

Mädchen und unverheiratete Frauen im Alter von 15 bis 21 Jahren. Die Erhebung erfolgte<br />

mittels Zufallsauswahl in verschiedenen Regionen durch persönliche Interviews und basiert auf<br />

einem Fragebogen mit 138 Fragen.<br />

Für den vorliegenden Sammelband wurde die Kurzfassung des Kapitels „Herkunft zählt:<br />

Ethnizität und psychische Stabilität“ ausgewählt (die Tabellen und die Graphik sind der Langfassung<br />

entnommen). Die Studie kann auf den Internetseiten des Bundesministerium für Familie,<br />

Senioren, Frauen und Jugend abgerufen werden: http://www.bmfsfj.de.<br />

Herkunft zählt: Ethnizität und psychische Stabilität<br />

Das Selbstverständnis und die psychische Befindlichkeit von Mädchen und jungen<br />

Frauen mit Migrationshintergrund wird sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der<br />

Fachdiskussion nicht selten mit Metaphern umschrieben, die auf Instabilität hinweisen.<br />

Sie lebten, so wird gesagt, „zwischen zwei Stühlen“ oder „zwischen den Kulturen“. Auch<br />

in die Diskussion eingebrachte Begriffe eines Lebens „auf beiden Stühlen“ oder „des dritten<br />

Stuhls“ bewirken kaum, dass Vorstellungen Verbreitung finden, die Zweisprachigkeit<br />

und Bikulturalität als Ressource einordnen. Zuwanderung wird in der Regel als Kosten<br />

bilanziert und daher mit Vorstellungen von Verlust der ethnischen oder kulturellen Identität,<br />

Identitätsdiffusion und psychischer Gefährdung in Verbindung gebracht.<br />

Ethnizität<br />

Ethnizität ist seit langem die Schlüsselkategorie zur Beschreibung der Selbstverortung<br />

der Zugewanderten und zur Erklärung von Verhaltensweisen dieser Gruppe,<br />

sowohl von Konflikten zwischen verschiedenen Zuwanderergruppen als auch von Zugewanderten<br />

und <strong>Deutsche</strong>n. Ethnizität wird auf der einen Seite als ethnische Verortung<br />

(ethnische Identifikation), auf der anderen Seite als sich Wohlfühlen in ethnischen<br />

Beziehungen verstanden.<br />

Die Mädchen verorten sich kaum als <strong>Deutsche</strong><br />

Die Frage nach der ethnischen Selbstverordnung folgt Konzepten, die von der<br />

Möglichkeit ausgehen, dass sich ein Mensch gleichzeitig verschiedenen Gruppen in<br />

unterschiedlicher Stärke zuordnet und somit seine Identität konstruiert. Die jungen<br />

Frauen bekamen die Möglichkeit, sich sowohl als <strong>Deutsche</strong>, wie auch als Angehörige<br />

der Herkunftsgruppe und/oder der Religionsgruppe und/oder der Stadt und/oder<br />

als Europäerin und/oder als Ausländerin zu identifizieren (ein aktuelles Stichwort ist<br />

hierbei die „Hybridität“ von Identitäten in Zuwanderungsgesellschaften). Trotz der<br />

Möglichkeit, mehrere Verortungen vorzunehmen, fühlen sich nur wenige der Mädchen<br />

und jungen Frauen (auch) als <strong>Deutsche</strong> (3% „sehr stark“ und 15% „stark“). Ein erheblicher<br />

Teil wehrt diese Verortung ab (22% „wenig“ und 23% „gar nicht“). Die ethnische<br />

Selbstverortung als <strong>Deutsche</strong> findet die geringste Zustimmung und die größte Ablehnung<br />

von allen Vorgaben, gefolgt von der Selbstdefinition als Ausländerin.<br />

105


106<br />

Die Mädchen und jungen Frauen aller nationalen Hintergründe verorten sich hingegen<br />

überwiegend als Angehörige der Herkunftsgruppe. Nahezu drei Viertel (genau: 37%<br />

„sehr stark“ und 34% „stark“) fühlen sich (auch) als Angehörige der Herkunftsgruppe, nur<br />

sieben Prozent (4 Prozent „wenig“ und 2% „gar nicht“) wehren eine solche Zuordnung ab.<br />

Im Vergleich zwischen der ethnischen Verortung als <strong>Deutsche</strong> oder als Angehörige der<br />

Herkunftsgruppe ist die Zahl derer, die sich nur als <strong>Deutsche</strong> verstehen, mit 8 Prozent<br />

äußerst gering, die Zahl derjenigen, die sich nur als Angehörige der Herkunftsgruppe<br />

verstehen, mit 61 Prozent sehr groß. Als beiden zugehörig versteht sich mit 10 Prozent<br />

ebenfalls nur eine kleine Minderheit. Dieses sind weniger als diejenigen, die beide Zuordnungen<br />

zurückweisen (21%). Es sind die Mädchen mit griechischem (77%) und italienischem<br />

(65%) Hintergrund, die sich in dieser Gegenüberstellung ausschließlich in der<br />

Herkunftsgruppe verorten. Und es sind die mit türkischem (59%) und jugoslawischem<br />

(56%) Hintergrund, die sich nur als herkunftsgruppenzugehörig benennen. Dieses führt<br />

kaum zu einer stärkeren Akzeptanz einer deutschen ethnischen oder zu einer bikulturellen<br />

Verortung. Ein Blick auf die Mädchen und jungen Frauen aus Aussiedlerfamilien<br />

zeigt, dass sich bei ihnen nur eine ausgesprochene Minderheit von 14 Prozent nur als<br />

<strong>Deutsche</strong>, die Mehrheit von 48 Prozent als herkunftsgruppenzugehörig fühlt. Eine besonders<br />

große Zahl von 28 Prozent wählt weder das eine noch das andere.<br />

Die Mädchen und jungen Frauen aller nationalen Hintergründe fühlen sich demnach<br />

überwiegend mit der Herkunftsgruppe ethnisch verbunden, nur eine ganz kleine<br />

Zahl verortet sich als <strong>Deutsche</strong> oder als bikulturell.<br />

Sich-Wohlfühlen in Deutschland ist durchgängig gegeben.<br />

Die meisten Mädchen und jungen Frauen aller Herkünfte fühlen sich in Deutschland<br />

wohl, allerdings auch in der eigenen Ethnie in Deutschland, und auch im Herkunftsland.<br />

Es sind die Mädchen mit türkischem, gefolgt von denen mit jugoslawischen<br />

Hintergrund, die emotional am konsequentesten an Deutschland und deutlich weniger<br />

am Herkunftsland (der Eltern) orientiert sind und es sind die mit griechischem Hintergrund,<br />

die sich häufiger im Herkunftsland emotional aufgehoben fühlen.<br />

Tabelle 9.8: Wohlfühlen in Deutschland und im Herkunft sland (in Prozent*)<br />

Migrati onshintergrund<br />

Ich fühle mich... Aussiedl. griech. ital. jugosl. türk. Gesamt<br />

Gesamt (a.W.) 200 182 183 172 213 950<br />

in Deutschland wohl<br />

44 37 44 55 57 48<br />

(voll)<br />

(451)<br />

in Deutschland fremd<br />

47 41 53 51 44 47<br />

(gar nicht)<br />

(446)<br />

wohl in eigener Ethnie 38 57 42 44 33 42<br />

in Deutschland (voll)<br />

(400)<br />

im Herkunft sland wohl 22 59 51 51 20 40<br />

(voll)<br />

(375)<br />

im Herkunft sland<br />

41 55 54 44 21 42<br />

fremd (gar nicht)<br />

(399)<br />

* Mehrfachnennungen möglich (Summe über 100%)


Kontakte fi nden häufi ger in ethnischen als in deutschen oder multi kulturellen<br />

Kontexten statt .<br />

Die Freizeit wird von deutlich mehr Mädchen und jungen Frauen im Kontext der<br />

eigenen Herkunftsgruppe als im multikulturellen oder deutschen Kontext verbracht.<br />

Die Ausdifferenzierung nach Herkunftsgruppen offenbart ein sehr unterschiedliches<br />

Bild. Die Mädchen und jungen Frauen mit türkischem (71%) und griechischem (65%) Hintergrund<br />

sowie die Aussiedler (69%) verbringen ihre Freizeit nur wenig im einheimischen<br />

deutschen Kontext. Wenig Bedeutung hat für diese Herkunftsgruppen auch der multikulturelle<br />

Kontext. Von Interesse ist das Ergebnis, dass Mädchen und junge Frauen mit türkischem<br />

Hintergrund ihre Freizeit zu fast gleich großen Anteilen wenig bzw. viel in einem<br />

eigenethnischen Freundinnen/Freundeskreis verbringen, während bei der griechischen<br />

Herkunftsgruppe und den Aussiedlerinnen deutlich wird, dass sie ihre Freizeit überwiegend<br />

in einer eigenethnischen Gruppe von Freundinnen und Freunden verbringen.<br />

Ein Blick auf die Interkorrelation belegt, dass Mädchen und junge Frauen, die<br />

ihre Freizeit im ethnischen Kontext verbringen, sich nur wenig im deutschen Kontext<br />

aufhalten. Über ein Drittel Mädchen mit türkischem und jugoslawischem Hintergrund<br />

(jeweils 30%), aber mehr als zwei Drittel der jungen Aussiedlerinnen (70%) bewegt sich<br />

überwiegend im ethnischen Kontext.<br />

107


108<br />

Die Ehe mit einem deutschen Mann ist für einen erheblichen Teil der<br />

Mädchen und jungen Frauen nicht vorstellbar.<br />

Der Wunsch nach ethnisch homogenen persönlichen Beziehungen besteht vor allem<br />

bei Mädchen mit türkischem und griechischem Hintergrund. Die Ehe mit einem (einheimischen)<br />

deutschen Mann lehnen 38 Prozent (16% „auf keinen Fall“) der Mädchen<br />

mit italienischem Hintergrund, 47 Prozent (22%) der Aussiedlerinnen, 54 Prozent (28%)<br />

derjenigen mit jugoslawischem Hintergrund, aber 66 Prozent (41%) der Mädchen mit<br />

griechischem und 78% (48%) mit türkischem Hintergrund ab. Die Vorstellung einer Kulturverbindung<br />

über eine binationale Ehe liegt damit den Mädchen und jungen Frauen<br />

zu einem erheblichen Teil fern. Die Mädchen und jungen Frauen mit türkischem Hintergrund<br />

antizipieren am häufigsten Einwände ihrer Eltern, zu gleichen Teilen bei der<br />

Mutter wie bei dem Vater. Am wenigsten Widerstand der Eltern erwarten Mädchen und<br />

junge Frauen italienischer Herkunft und junge Aussiedlerinnen.<br />

Die formale Mitgliedschaft in Form der deutschen Staatsangehörigkeit<br />

wird vor allem von Mädchen mit türkischem Hintergrund angestrebt.<br />

Die formale Mitgliedschaft in Form der deutschen Staatsangehörigkeit wird vor allem<br />

von Mädchen mit türkischem Migrationshintergrund gewünscht. Abgesehen von den<br />

Mädchen und jungen Frauen aus Aussiedlerfamilien, die weitestgehend über die deutsche<br />

Staatsangehörigkeit verfügen, besitzt nur bei den Mädchen mit türkischem (81%) und jugoslawischem<br />

(65%) Hintergrund ein größerer Teil die deutsche Staatsangehörigkeit oder hat<br />

Interesse an einer formalen Mitgliedschaft über die Beantragung oder den Wunsch danach.<br />

Mädchen mit griechischem und italienischem Hintergrund sind nicht interessiert, weil sie<br />

– anders als erstere – im Erwerb des deutschen Passes keine Vorteile sehen.<br />

Tabelle 9.17: Planung des zukünft igen Lebens (in Prozent)<br />

Migrati onshintergrund<br />

Aussiedl. griech. ital. jugosl. türk. Gesamt<br />

Gesamt (a.W.) 200 182 183 172 213 950<br />

Deutschland 84 27 52 74 73 63<br />

mal Im Herkunft sland,<br />

mal In Deutschland<br />

5 23 16 11 15 13<br />

Herkunft sland 1 41 23 4 2 14<br />

sonsti ges Land 10 9 0 11 10 10


Die künft ige Lebensplanung ist bei einigen Herkunft sgruppen eindeuti g<br />

auf Deutschland ausgerichtet.<br />

Mädchen mit jugoslawischem und türkischem Hintergrund sehen ihre Zukunft zu<br />

drei Vierteln eindeutig in Deutschland, Mädchen mit italienischem Hintergrund nur<br />

zur Hälfte (ein Viertel im Herkunftsland) und mit griechischem Hintergrund zu einem<br />

Viertel. Nur die zwei letzten Gruppen sind überwiegend bereit, für ein interessantes<br />

Berufsangebot in das Herkunftsland der Eltern umzuziehen. Deutschland ist (nur) für<br />

Mädchen aus Aussiedlerfamilien und mit türkischem und jugoslawischem Hintergrund<br />

zum künftigen Lebensmittelpunkt geworden. Für einen Teil der Mädchen mit italienischem<br />

Hintergrund und der Mädchen mit griechischem Hintergrund enthält die Lebensplanung<br />

die Vorstellung von Rückkehr in das Herkunftsland der Eltern.<br />

Es gibt kaum Bereitschaft zur Anpassung an deutsche Bräuche. Bei dem<br />

überwiegenden Teil bleibt das Leben in der Schwebe zwischen den beiden<br />

Ländern.<br />

Die Anpassung an deutsche Sitten und Gebräuche wird zurückgewiesen. Nur die<br />

Mädchen aus Aussiedlerfamilien sind zu einem größeren Teil der Meinung, dass von<br />

jemandem, der schon lange in Deutschland lebt, Anpassungsleistungen im Hinblick<br />

auf Kleidung und Essgewohnheiten erwartet werden können.<br />

Selten fi ndet sich die Bereitschaft zur Aufgabe der Herkunft skultur der Eltern,<br />

aber es besteht die Bereitschaft zur Anpassung an funkti onale Aspekte.<br />

Kaum ein Mädchen hält die Aufgabe der Kultur der Eltern für akzeptabel. Aber<br />

immerhin zwischen 15 Prozent (Befragte mit griechischem Hintergrund), 35 Prozent<br />

(Befragte mit türkischem Hintergrund) und 40 Prozent (Aussiedlerinnen) akzeptieren<br />

die überwiegende Erziehung der Kinder in der deutschen Sprache. Positiv eingestuft<br />

wird eine funktionale Beziehung zum deutschen Kontext. Weitaus die meisten Mädchen<br />

und jungen Frauen erwarten von Personen, die schon lange in Deutschland leben,<br />

die Beherrschung der deutschen Sprache (78% bis 91%), etwas weniger die Aufnahme<br />

von Kontakten zu <strong>Deutsche</strong>n (64% bis 80%).<br />

Es besteht eine starke eigenethnische Identi fi kati on bei allen Gruppen.<br />

Bei allen Mädchen und jungen Frauen mit Migrationshintergrund ist die Zahl derer,<br />

die eine starke ethnische Identifikation mit der Herkunftsgruppe besitzen, deutlich<br />

größer als die mit geringer ethnischer Identifikation. Am stärksten ausgeprägt ist die<br />

Bindung an die eigene Ethnie bei den Mädchen und jungen Frauen mit griechischem<br />

(80% „stark“ und „sehr stark“), gefolgt von denen mit italienischem (78%) Hintergrund.<br />

Mädchen aus Aussiedlerfamilien und Mädchen mit türkischem Hintergrund haben<br />

niedrigere Werte: Ihre Identifikation gilt weniger dem Herkunftsland der Eltern als<br />

vielmehr der eigenethnischen Gruppe und Familie in Deutschland.<br />

Psychische Stabilität: Die Zufriedenheit mit der Lebenssituati on ist groß.<br />

Mädchen und junge Frauen mit Migrationshintergrund sind mit ihrer Lebenslage<br />

überwiegend zufrieden, vor allem mit der Wohngegend (64%) und mit dem schulisch<br />

109


110<br />

und beruflich Erreichten (56%), weniger mit der Freizeit (49%) und mit der finanziellen<br />

Situation (47%). Unzufriedener als die Übrigen sind Mädchen und junge Frauen aus<br />

Aussiedlerfamilien.<br />

Eine große Zahl von Mädchen lebt ohne psychosomati sche Beschwerden<br />

und ist psychisch stark.<br />

Mädchen mit Migrationshintergrund sind überwiegend psychisch stark. Aber es<br />

gibt eine nicht unerhebliche Zahl (9% bis 18%) von Mädchen mit Migrationshintergrund,<br />

die sich selbst als psychisch belastet definieren. Bei der Zahl von Mädchen mit<br />

psychosomatischen Beschwerden (Konzentrations- und Schlafstörungen nennen 24%)<br />

sind die Mädchen mit türkischem Hintergrund überrepräsentiert (32%). Auch bei Fragen<br />

nach psychischer Stärke und denen, wo sich die überwiegende Zahl der Mädchen<br />

als glücklich, voller Energie, „gut drauf“, und nicht als einsam und nicht traurig präsentiert,<br />

sind neben Mädchen und jungen Frauen aus Aussiedlerfamilien die mit türkischem<br />

Hintergrund in den negativen Bewertungen überrepräsentiert.<br />

Persönliche Krisen (Streitigkeiten in der Familie, Verlust einer wichtigen Person,<br />

Trennung vom Partner und Zurückstufung bzw. sitzen bleiben in der Schule) bilden<br />

die am häufigsten erlebten kritischen Lebenssituationen. Wenn sie erfahren werden,<br />

werden sie in der Regel als Belastung empfunden.<br />

In diesem Themengebiet wurden auch Kontrollüberzeugungen erhoben, die ermitteln,<br />

ob interne oder äußere Kontrolle als maßgeblicher angesehen wird. Interne Kontrolle verbindet<br />

sich mit Vorstellungen von Selbstregulierung und Innenlenkung und damit auch<br />

mit Autonomie des selbstverantwortlich handelnden Individuums in der Moderne. Externe<br />

Kontrolle verbindet sich mit Außenlenkung, Passivität und der Zuweisung von Ursachen<br />

für Erfolg oder Misserfolg an Instanzen außerhalb der eigenen Handlungsmöglichkeiten.<br />

Die Mehrheit der Mädchen mit Migrationshintergrund stimmt Aussagen zu, welche die<br />

eigene Verantwortung betonen und damit auf internale Kontrolle hinweisen. Sie lehnt die<br />

Items ab, welche die Außenlenkung und damit eine externale Kontrolle betonen.<br />

Die Vorstellung eines psychisch belasteten und hilflosen Mädchens mit Migrationshintergrund,<br />

das „wenig Zukunftsperspektiven und kaum Möglichkeiten zur aktiven<br />

Lebensgestaltung“ hat und „vielfach ihrer Situation hilflos ausgeliefert“ ist, wird durch<br />

unsere Daten widerlegt. Mädchen mit Migrationshintergrund werden in den Gestaltungsmöglichkeiten<br />

ihrer – objektiv von ungünstigen Faktoren beeinflussten – Lebenswelt<br />

oft unterschätzt.<br />

Migrati onsspezifi sche belastende Lebensereignisse werden seltener erlebt<br />

als persönliche Krisen.<br />

Angesichts der spezifischen Migrationsbiografien verwundert es nicht, dass die<br />

Ausreise nach Deutschland von einem Drittel der Mädchen und jungen Frauen aus<br />

Aussiedlerfamilien als belastende Lebenssituation empfunden wird/wurde. Jede dritte<br />

Aussiedlerin (33%) und jede fünfte Befragte mit jugoslawischem Migrationshintergrund<br />

(21%) gibt an, dadurch „sehr stark“ oder „stark“ belastet zu sein. Bei diesen zwei<br />

Herkunftsgruppen gibt es die höchsten Anteile an denen, die einer starken Belastung<br />

wegen der Arbeitslosigkeit der Eltern ausgesetzt sind. (12% der Befragten jugoslawischer<br />

Herkunft und 11% der Aussiedlerinnen).


Rassistische Abwertung, seltener in Form von körperlichen Angriffen im öffentlichen<br />

Raum (von 4% erlebt), häufiger in Form von verbalen Angriffen (22%), der schlechten<br />

Behandlung in der Schule, der Ausbildung (22%) oder in Geschäften bzw. Ämtern (24%),<br />

noch häufiger als Verbot der Benutzung der Herkunftssprache in der Schule (30%) erlebt,<br />

stellen bei denjenigen, die sie erleben, Ereignisse mit hohem Belas tungsgrad dar.<br />

Erlebt haben solche Situationen häufiger Mädchen und junge Frauen mit türkischem<br />

Hintergrund und aus Aussiedlerfamilien. Allerdings wirken sie sich wegen des seltenen<br />

Vorkommens auf die Gesamtzahl der Mädchen und jungen Frauen deutlich weniger als<br />

belastende Elemente aus als die häufig erlebten persönlichen Krisen.<br />

Zusammenfassung<br />

1. Alle Bereiche, in denen Ethnizität erhoben wird, weisen auf eine starke Bindung an<br />

die eigene (Herkunfts-) Ethnie und auf eine geringe Bindung an die deutsche Kultur hin.<br />

2. In der ethnischen Selbstverortung fühlen sich die Mädchen der Herkunftskultur<br />

zugehörig und weisen die Selbstverortung als <strong>Deutsche</strong> wie auch die Bekundung von<br />

Zugehörigkeit zu beiden Kulturen (bikulturelle Identität) zurück.<br />

3. Eine Eheschließung mit einem deutschen Mann wird von den meisten nicht in<br />

Betracht gezogen.<br />

4. Dennoch fühlen sich die Mädchen und jungen Frauen aller Herkünfte in Deutschland,<br />

allerdings auch im Herkunftsland, wohl und die Zufriedenheit mit der Lebenssituation<br />

ist groß.<br />

5. Mädchen und junge Frauen mit türkischem Migrationshintergrund sind am<br />

konsequentesten an dem Leben in Deutschland orientiert, allerdings als Angehörige<br />

der türkischen Minderheit. Die Mädchen mit griechischem Hintergrund sind am wenigsten<br />

an Deutschland ausgerichtet; ihre emotionale Orientierung gilt stärker als bei<br />

allen übrigen dem Herkunftsland. Alle Herkunftsgruppen sehen ihre Zukunft zu einem<br />

erheblichen Teil in Deutschland, aber eine Anpassung an deutsche Lebensformen wird<br />

abgewehrt (Kleidung, Essgewohnheiten).<br />

6. Die deutsche Staatsangehörigkeit wird nahezu ausschließlich von Mädchen mit<br />

türkischem und jugoslawischem Hintergrund beantragt oder gewünscht und zwar in<br />

erster Linie aus Nützlichkeitserwägungen.<br />

7. Es besteht keine Bereitschaft, die Kultur der Eltern aufzugeben. Am ehesten<br />

findet die überwiegende Erziehung der Kinder in der deutschen Sprache Akzeptanz.<br />

Anpassungsnotwendigkeit wird vor allem in der Beherrschung der deutschen Sprache<br />

und in der Kontaktaufnahme mit <strong>Deutsche</strong>n gesehen.<br />

8. Es lässt sich bei hoher psychischer Stabilität der meisten Mädchen und jungen Frauen<br />

eine Minderheit von 10 bis 20 Prozent herauslösen, die über psychosomatische Beschwerden<br />

klagt, sich als psychisch schwach definiert und ihr Leben nicht aktiv bewältigt.<br />

9. Migrationsbedingte kritische Lebensereignisse wie Migration aber vor allem<br />

rassistische Vorfälle bzw. Diskriminierung sind relativ selten und betreffen vor allem<br />

Aussiedlerinnen und Mädchen türkischer Herkunft. Wenn sie vorkommen, werden sie<br />

als belastend empfunden.<br />

111


112<br />

<strong>Anlagen</strong><br />

Der Nati onale Integrati onsplan<br />

Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland<br />

Integrati on: eine zentrale Herausforderung für die Gesellschaft<br />

Deutschland ist ein weltoffenes Land. Hier leben rund 15 Millionen Menschen aus<br />

Zuwandererfamilien. Das sind mehr als 18 Prozent der Bevölkerung. Deshalb ist Integration<br />

eine Schlüsselaufgabe unserer Zeit. Die Bundesregierung hat dieses Thema zu<br />

einem Schwerpunkt ihrer Arbeit gemacht.<br />

Neue Wege, neue Chancen<br />

Erfolgreiche Integration bedeutet gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen<br />

Leben und Übernahme von Verantwortung. Dafür sind Anstrengungen des<br />

Staates und der Gesellschaft, aber auch der Zuwanderer selbst notwendig. Gute<br />

Deutschkenntnisse, gute Bildung und die Aufnahme in den Arbeitsmarkt stehen<br />

dabei im Vordergrund. Im Juli 2006 hat auf Einladung der Bundeskanzlerin erstmalig<br />

ein Integrationsgipfel stattgefunden. Ziel war es, bis zum Sommer 2007 ein<br />

gemeinsames integrationspolitisches Konzept zu erarbeiten. Dieser Gipfel hat eine<br />

neue Entwicklung in der Gesellschaft angestoßen.<br />

Das Ergebnis hat die Bundeskanzlerin beim zweiten Integrationsgipfel im Juli 2007<br />

vorgestellt: den Nationalen Integrationsplan. Entwickelt wurde er nach zwei Leitlinien:<br />

1. im Dialog mit den Migrantinnen und Migranten – mit ihnen reden, nicht über sie.<br />

2. konkret: von jedem Beteiligten Selbstverpflichtungen einfordern, denn jeder kann<br />

einen Beitrag zum Gelingen von Integration leisten.<br />

Nati onaler Integrati onsplan<br />

Der Nationale Integrationsplan geht neue Wege und eröffnet neue Chancen für die<br />

Integration von Zuwanderern. Erstmals wirken alle, die in Politik und Gesellschaft mit<br />

Integration befasst sind, Hand in Hand: Bund, Länder, Kommunen, Migrantinnen und<br />

Migranten, Institutionen und Organisationen aus Wissenschaft, Medien, Kultur, Sport,<br />

Wirtschaft, Gewerkschaften, Religionsgemeinschaften.<br />

Das sind die wichtigsten Themen des Nationalen Integrationsplans:<br />

• Integrationskurse verbessern<br />

• Von Anfang an deutsche Sprache fördern<br />

• Gute Bildung und Ausbildung sichern, Arbeitsmarktchancen erhöhen<br />

• Lebenssituation von Frauen und Mädchen verbessern, Gleichberechtigung<br />

verwirklichen<br />

• Integration vor Ort unterstützen<br />

• Kulturelle Vielfalt leben<br />

• Integration durch Sport<br />

• Medien - Vielfalt nutzen<br />

•<br />

Integration durch bürgerschaftliches Engagement und gleichberechtigte Teil-


habe stärken<br />

• Wissenschaft – weltoffen!<br />

Fördern und Fordern<br />

Integration ist eine Aufgabe von nationaler Bedeutung. Grundlage ist neben unseren<br />

Wertvorstellungen und unserem kulturellen Selbstverständnis die freiheitliche und<br />

demokratische Ordnung, wie sie sich aus der deutschen und europäischen Geschichte<br />

entwickelt hat und im Grundgesetz ihre verfassungsrechtliche Ausprägung findet.<br />

Integration kann nicht verordnet werden. Sie erfordert Anstrengungen von allen,<br />

vom Staat und der Gesellschaft. Maßgebend ist zum einen die Bereitschaft der Zuwanderer,<br />

sich auf ein Leben in unserer Gesellschaft einzulassen, unser Grundgesetz<br />

und unsere gesamte Rechtsordnung vorbehaltlos zu akzeptieren und insbesondere<br />

durch das Erlernen der deutschen Sprache ein sichtbares Zeichen der Zugehörigkeit<br />

zu Deutschland zu setzen. Auf Seiten der Aufnahmegesellschaft sind Akzeptanz, Toleranz,<br />

zivilgesellschaftliches Engagement und die Bereitschaft unverzichtbar, Menschen,<br />

die rechtmäßig bei uns leben, ehrlich willkommen zu heißen: Integration – eine<br />

Chance für unser Land!<br />

Die vielfältigen Begabungen von Zuwanderern sind bisher nicht immer ausreichend<br />

anerkannt und gefördert worden. Das will die Bundesregierung in Zukunft ändern. Alle<br />

Menschen, die dauerhaft in Deutschland leben, sollen ihre Begabungen entfalten können<br />

und Sicherheit durch Bildung und Arbeit gewinnen.<br />

„Unsere Gesellschaft wird reicher und menschlicher durch Toleranz und Offenheit.<br />

Integration geht daher uns alle an – die Menschen aus Zuwandererfamilien genauso<br />

wie die Bürgerinnen und Bürger, die schon lange hier leben. Integration kann nur miteinander<br />

gelingen.“ (Bundeskanzlerin Angela Merkel)<br />

„Die Integration der Menschen aus Zuwandererfamilien ist eine riesige Herausforderung.<br />

Machen wir sie zu einer großen Chance für unser Land! Denn hier entscheidet<br />

sich letztlich die Frage nach der Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft - sowohl auf<br />

nationaler als auch auf europäischer Ebene.“ (Maria Böhmer, Staatsministerin im Kanzleramt<br />

und Beauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration)<br />

Viele machen mit<br />

Bund, Länder und Kommunen sichern wichtige Voraussetzungen für das Gelingen<br />

von Integration. Allein kann der Staat die gesamtgesellschaftliche Aufgabe Integration<br />

aber nicht erfüllen; dies gelingt nur mit einer aktiven Bürgergesellschaft. Deshalb<br />

bring en sich beim Nationalen Integrationsplan viele ein: Staat und gesellschaftliche<br />

Gruppen, Medien, Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft ebenso wie Migrantenorganisationen<br />

– sie alle haben sich zu konkreten Maßnahmen verpflichtet. Hier einige Beispiele:<br />

Die Bundesregierung wird<br />

• Integrationskurse zum Erwerb der deutschen Sprache ausbauen;<br />

• zusammen mit Ländern und Kommunen die Zahl der Ganztagsschulen und<br />

Tagesbetreuungsplätze erhöhen;<br />

•<br />

mit dem Modellprogramm „Die 2. Chance“ die Zahl der Schulabbrüche verringern;<br />

113


114<br />

• mit einem Netzwerk „Bildungspaten“ Kinder und Jugendliche unterstützen;<br />

• durch gezielte Maßnahmen die Chancen auf gute Ausbildung und ein erfolgreiches<br />

Studium erhöhen.<br />

Die Länder werden<br />

• die Förderung der deutschen Sprache vom Kindergarten über die Schule bis in<br />

die Ausbildung verstärken;<br />

• mehr Migrantinnen und Migranten als Erzieherinnen und Lehrkräfte gewinnen;<br />

• den Zugang von Migrantinnen und Migranten zu gesundheitlichen Angeboten,<br />

Pflegediensten und Seniorenangeboten verbessern.<br />

Die Kommunalen Spitzenverbände empfehlen<br />

• die Unterstützung der Migranten durch „Integrationslotsen“;<br />

• Migrantinnen und Migranten stärker an den Entscheidungs- und Gestaltungsprozessen<br />

vor Ort zu beteiligen;<br />

• in Stadtteilen mit Integrationsdefiziten durch Quartiersmanagement und Netzwerkbildung<br />

das Zusammenleben zwischen den Bevölkerungsgruppen zu fördern.<br />

Die Organisati onen von Migranti nnen und Migranten werden<br />

• eine Kampagne „Frauen haben Rechte“ durchführen;<br />

• die Bildungsbeteiligung von jungen Migrantinnen und Migranten durch gezielte<br />

Elternarbeit und Bildungspaten verbessern.<br />

Die Wirtschaft wird<br />

• in Betrieben, die von Migranten geführt werden, 10.000 zusätzliche Ausbildungsstellen<br />

schaffen;<br />

• mit der „Charta der Vielfalt“ die Ausbildungs- und Arbeitsmarktintegration<br />

verbessern.<br />

Der <strong>Deutsche</strong> Olympische Sportbund und der <strong>Deutsche</strong> Fußball-Bund werden<br />

• die Bedeutung der Integration als ein Schwerpunktthema des Sports in die<br />

Verbände tragen, Übungsleiterschulungen anbieten und bei Migrantenfamilien<br />

Mitglieder werben.<br />

Die Sti ft ungen werden<br />

• die Integration zu einem zentralen Ziel ihres bürgerschaftlichen Engagements<br />

und ihrer Begabtenförderung entwickeln.<br />

Die deutschen und ausländischen Medien werden<br />

• Journalisten und Schauspieler ausländischer Herkunft verstärkt in Redaktionen<br />

und Programme einbeziehen;<br />

•<br />

die Medienforschung intensivieren und die Medienkompetenz fördern.<br />

Ausführliche und aktuelle Informationen unter: www.Nationaler-Integrationsplan.de, www.<br />

integrationsbeauftragte.de, www.bundesregierung.de


Charta der Werte, der Staatsbürgerschaft und der Integrati on<br />

Ministerium des Inneren der Republik Italien<br />

Italien: Eine Personen- und Wertegemeinschaft<br />

Italien ist eines der ältesten Länder Europas, dessen Wurzeln auf die klassische<br />

Kultur Griechenlands und Roms zurückgehen. Es hat sich in der Perspektive des<br />

Christentums entwickelt, das seine Geschichte durchdrungen hat und, gemeinsam mit<br />

dem Judentum, der Öffnung gegenüber der Moderne und den Prinzipien der Freiheit<br />

und Gerechtigkeit den Weg bereitete.<br />

Die Werte, auf die sich die italienische Gesellschaft gründet, sind das Ergebnis des Engagements<br />

von Generationen von Menschen verschiedener Weltanschauungen, sowohl säkular<br />

als auch religiös, und wurden in der demokratischen Verfassung von 1947 verankert.<br />

Die Verfassung stellt den Bruch mit Totalitarismus und Antisemitismus dar, die Europa im<br />

20. Jahrhundert vergiftet und das jüdische Volk und seine Kultur verfolgt haben.<br />

Die Verfassung gründet sich auf die Achtung der Menschenwürde und ist von den<br />

Freiheits- und Gleichheitsprinzipien inspiriert, die für jeden gelten, der in Italien lebt.<br />

Auf der Basis seiner Verfassung hat Italien dazu beigetragen, ein vereintes Europa<br />

samt seiner Institutionen aufzubauen. Die europäischen Verträge und Konventionen<br />

tragen zur Verwirklichung einer internationalen Ordnung bei, die auf den Menschenrechten<br />

sowie der Gleichheit und Solidarität zwischen den Völkern basiert.<br />

Die geografische Lage Italiens, seine jüdisch-christliche Tradition sowie die freien<br />

und demokratischen Institutionen des italienischen Regierungssystems begründen seine<br />

Haltung gegenüber der Aufnahme anderer Nationalitäten. Italien, das inmitten des<br />

Mittelmeers liegt, war schon immer ein Kreuzungspunkt von Völkern verschiedener<br />

Kulturen, und seine Bevölkerung weist noch heute die Zeichen dieser Vielfalt auf.<br />

All das, was das Erbe Italiens darstellt, seine künstlerischen und natürlichen Schönheiten,<br />

seine wirtschaftlichen und kulturellen Ressourcen, sowie seine demokratischen<br />

Institutionen, steht im Dienst der Männer, Frauen, Jugendlichen und künftigen Generationen.<br />

Unsere Verfassungscharta schützt und fördert die unantastbaren Menschenrechte,<br />

um die Schwächeren zu unterstützen und um die Entfaltung der Fähigkeiten<br />

und Eignungen jeder Person zu gewährleisten, sei es bei der Arbeit, in moralischer oder<br />

in geistiger Hinsicht.<br />

Menschenwürde, Rechte und Pfl ichten<br />

1. Italien setzt sich dafür ein, dass jeder Mensch, sobald er sich auf italienischem<br />

Staatsgebiet befindet, ohne Unterschied des Geschlechts, der Volksgruppe, der Religion<br />

und der sozialen Verhältnisse die Grundrechte genießen kann. Zugleich muss jeder<br />

in Italien lebende Mensch die Grundwerte der Gesellschaft, die Rechte der Anderen<br />

und die gesetzlichen Pflichten zur Solidarität achten. Unter den gesetzlich vorgeschriebenen<br />

Bedingungen gewährt Italien jenen, die in ihren eigenen Ländern verfolgt oder<br />

an der Ausübung der Grundfreiheiten gehindert werden, Asyl und Schutz.<br />

2. Indem die Gleichheit der Rechte und Pflichten für alle vorgesehen ist, unterstützt<br />

das Recht jene, die diskriminiert werden oder bedürftig sind, insbesondere Frauen und<br />

Minderjährige; zu diesem Zweck beseitigt es die Hindernisse, die die volle Entfaltung<br />

der Persönlichkeit verhindern.<br />

115


116<br />

3. Die Freiheitsrechte und die Rechte auf Sozialleistungen, die unsere Rechtsordnung<br />

im Laufe der Zeit entwickelt hat, müssen auf alle Migranten ausgeweitet werden.<br />

Das Recht auf Leben ist von seinem Anfang bis zu seinem natürlichen Ende gewährleistet,<br />

genauso wie das Recht auf Gesundheit mit kostenlosen Behandlungen, wenn<br />

sie notwendig sind; ein besonderer Schutz ist für die Mutterschaft und Kindheit vorgesehen.<br />

Das Recht auf Bildung wird als unentbehrliches Instrument zur persönlichen<br />

Entfaltung und zur Eingliederung in die Gesellschaft anerkannt.<br />

4. Mann und Frau sind gleichberechtigt und genießen gleiche Rechte innerhalb<br />

und außerhalb der Familie. Italien bieten den Frauen, den Männern und den jungen<br />

Migranten einen Prozess der Integration an, der die Identität jeder Person achtet und<br />

es all denen, die sich in Italien niederlassen wollen, ermöglicht, an dem Sozialleben des<br />

Landes aktiv teilzuhaben.<br />

5. Der Migrant kann unter den gesetzlich vorgesehenen Bedingungen die italienische<br />

Staatsangehörigkeit erwerben. Um sie gemäß den gesetzlichen Bestimmungen zu<br />

erhalten, ist es erforderlich, die italienische Sprache und die Grundelemente der nationalen<br />

Geschichte und Kultur zu kennen sowie die Prinzipien, die unsere Gesellschaft<br />

bestimmen, zu teilen. Im selben Land zu leben bedeutet die Fähigkeit, gemeinsam<br />

vollwertige Bürger zu sein und sich mit Loyalität und Konsequenz gemeinschaftliche<br />

Werte und Verantwortungen anzueignen.<br />

Soziale Rechte, Arbeit und Gesundheit<br />

6. Italien schützt und fördert die Arbeit in allen Formen, verurteilt und bekämpft<br />

jede Art von menschlicher Ausbeutung, insbesondere die der Frauen und Kinder. Die<br />

Arbeit hilft der persönlichen Entfaltung und der Verwirklichung der Begabungen und<br />

der natürlichen Fähigkeiten.<br />

7. Migranten haben wie alle italienischen Bürger Anspruch auf eine angemessene<br />

Besoldung für die von ihnen verrichtete Arbeit, auf die Einzahlung von Beiträgen für<br />

das Gesundheits- und Sozialversicherungswesen, auf die Gewährleistung des Lebensunterhaltes<br />

im Falle einer Krankheit oder eines Unfalls und im fortgeschrittenen<br />

Alter auf das vom Gesetz Vorgesehene. Die Arbeitsbedingungen müssen die Gesundheit<br />

und Unversehrtheit der Person garantieren.<br />

8. Jedermann, der Belästigungen, Diskriminierungen oder Ausbeutung in seiner<br />

Arbeit erträgt, kann sich an die öffentlichen Behörden, an die Gewerkschaften und an<br />

Hilfsorganisationen wenden, damit seine Rechte anerkannt werden und seine Aufgaben<br />

unter Achtung der Menschenrechte erfüllt werden können.<br />

9. Italienische Bürger und Migranten haben Anspruch auf medizinische Betreuung<br />

in öffentlichen Einrichtungen. Die ärztlichen Behandlungen werden so durchgeführt,<br />

dass der Wille und das Empfinden jeder Person respektiert werden. Jede Körperverstümmelung,<br />

von wem auch immer verursacht, wird bestraft, sofern sie nicht medizinisch<br />

notwendig ist.<br />

10. Italien setzt sich dafür ein, dass jedem ein den Bedürfnissen seiner Familie angemessener<br />

Wohnraum zu vernünftigen Kosten zur Verfügung steht. Diejenigen, die<br />

in Not sind oder die dazu gezwungen werden, überhöhte Kosten für das eigene Haus zu<br />

tragen, können sich an die öffentlichen Behörden oder an die Gewerkschaften wenden,<br />

um betreut zu werden und um für die Wahrung ihrer Rechte zu sorgen.


Soziale Rechte, Schule, Bildung, Informati on<br />

11. Kinder und Jugendliche haben das Recht und die Pflicht, die Pflichtschule zu besuchen,<br />

um sich in die Gesellschaft als gleichberechtigte Personen einzugliedern und aktive<br />

Staatsangehörige zu werden. Jeder italienische oder ausländische Elternteil hat die Pflicht,<br />

seine Kinder bei der Ausbildung zu unterstützen, wobei er sie zuerst für die Pflichtschule,<br />

die von der Grundschule bis zur Vollendung des 16. Lebensjahres dauert, anmelden muss.<br />

12. Der Unterricht bezweckt die Ausbildung der Person und fördert die Kenntnis der<br />

Grundrechte und die Erziehung zur Legalität, die freundlichen Beziehungen unter den<br />

Menschen, den Respekt und das Wohlwollen jeder Form von bestehendem Leben gegenüber.<br />

Auch um die Teilung der gleichen Werte zu fördern, sieht die Schule Programme<br />

zur Kenntnis der Geschichte, der Kultur und der Prinzipien der italienischen und europäischen<br />

Traditionen vor. Zum Zwecke eines dem gesellschaftlichen Pluralismus angemessenen<br />

Unterrichts ist es auch wesentlich, aus einer interkulturellen Perspektive die<br />

Kenntnis der Kultur und der eigenen Religion der Kinder und ihrer Familien zu fördern.<br />

13. Die Schule fördert die Bekanntschaft und die Integration unter allen Kindern und<br />

Jugendlichen, die Überwindung von Vorurteilen und das gemeinsame Aufwachsen der Jugendlichen,<br />

indem Trennungen und Diskriminierungen verhindert werden. Der Unterricht<br />

wird unter Achtung der religiösen Überzeugungen sowie der Ideale der Jugendlichen und<br />

der Familien erteilt. Unter bestimmten Bedingungen werden religiöse Unterrichtungskurse<br />

vorgesehen, die freiwillig von Schülern und ihren Eltern gewählt werden können.<br />

14. Auf der Grundlage gleicher Werte ist es auch Aufgabe der Massenmedien das<br />

Wissen über die Migration sowie ihre kulturellen und religiösen Aspekte zu fördern,<br />

indem Vorurteile und jegliche Art von Ausländerfeindlichkeit bekämpft werden. Ihre<br />

Rolle ist wesentlich, um einen kulturellen Pluralismus zu verbreiten, der die Traditionen<br />

und die Grundwerte der italienischen Gesellschaft respektiert.<br />

15. Organisationen und Privatleute haben das Recht, Schulen und Schulkurse zu<br />

gründen, vorausgesetzt, dass sie die Schüler aus Gründen der Ethnie oder des Bekenntnisses<br />

nicht diskriminieren und einen Unterricht im Einklang mit den allgemeinen<br />

Prinzipien von Bildung und Menschenrechten garantieren. Jede Art von Unterricht,<br />

sowohl privat als auch öffentlich, muss die Überzeugungen eines jeden respektieren<br />

und die Menschen eher einen als trennen.<br />

Familie, neue Generati onen<br />

16. Italien anerkennt die Rechte der Familie als eine natürliche auf die Ehe gegründete<br />

Gemeinschaft und betrachtet die Bildung in der Familie als ein notwendiges<br />

Instrument zum Wachsen der neuen Generationen.<br />

17. Die Ehe ist auf Gleichheit von Rechten und Verantwortungen zwischen Ehemann<br />

und Ehefrau gegründet und aus diesem Grund hat sie einen monogamischen<br />

Charakter. Die Monogamie vereint zwei Leben und macht die Ehepartner mitverantwortlich<br />

für das, was sie gemeinsam verwirklichen, an erster Stelle bei der Erziehung<br />

der Kinder. Italien untersagt die Polygamie, da sie die Rechte der Frau verletzt, auch im<br />

Einklang mit den von den europäischen Institutionen vertretenen Prinzipien.<br />

18. Die italienische Rechtsordnung untersagt jede Art von Zwängen und Gewalt<br />

innerhalb und außerhalb der Familie und schützt die Würde der Frau in all ihren Erscheinungen<br />

und in jedem Moment des sozialen Lebens. Die Basis der Ehevereinigung<br />

117


118<br />

ist die Ehefreiheit, die besonders den jungen Leuten gewährt werden muss; sie setzt das<br />

Verbot von Zwangsehen und Kinderehen voraus.<br />

19. Italien schützt die Freiheit der Minderjährigen, was die Entfaltung der eigenen<br />

Persönlichkeit anbelangt. Diese Entfaltung verwirklicht sich auch in der Begegnung<br />

mit anderen Jugendlichen und in der Beteiligung an sozialen Tätigkeiten. Das<br />

Gleichheitsprinzip ist nicht vereinbar mit den Forderungen einer Trennung gemäß<br />

Bekenntniszugehörigkeit oder nach Männern und Frauen, Jungen und Mädchen, in den<br />

öffentlichen Dienstleistungen und am Arbeitsplatz.<br />

Laizität und Religionsfreiheit<br />

20. Italien ist ein laizistisches Land, das auf die völlige individuelle und kollektive<br />

Religionsfreiheit gründet. Die Religionsfreiheit wird jedem gewährt, Staatsbürgern<br />

oder Ausländern sowie den religiösen Gemeinschaften. Religion und Weltanschauung<br />

dürfen nicht einen Grund zur Diskriminierung im sozialen Leben darstellen.<br />

21. Alle Religionsbekenntnisse sind in gleicher Weise frei vor dem Gesetz. Der laizistische<br />

Staat anerkennt den positiven Beitrag, den die Religionen für die Gemeinschaft<br />

leisten und will das moralische und geistige Vermögen jeder Religion aufwerten. Italien<br />

fördert den interreligiösen und interkulturellen Dialog, um den Respekt der Menschenwürde<br />

wachsen zu lassen und um zur Überwindung von Vorurteilen und Intoleranz beizutragen.<br />

Die Verfassung sieht Abkommen zwischen dem Staat und den konfessionellen<br />

Gemeinschaften vor, um ihre spezifischen juridischen Bedingungen zu regeln.<br />

22. Grundsätze der Freiheit und die Rechte der Person können nicht im Namen irgendeiner<br />

Religion verletzt werden. Jede Art von Gewalt oder Anstiftung zur Gewalt,<br />

egal durch welche Religion begründet, wird ausgeschlossen. Das bürgerliche Recht<br />

oder Strafrecht ist für alle dasselbe, gleich welcher Religion jemand angehört, und es<br />

gibt nur eine Gerichtsbarkeit der Gerichtshöfe für die, die sich in Italien befinden.<br />

23. Die Religions- und Gewissensfreiheit beinhaltet das Recht, einen religiösen<br />

Glauben zu haben oder ihn nicht zu haben, ihn zu praktizieren oder nicht, die Religion<br />

zu wechseln und sie zu verbreiten, indem man die anderen überzeugt, sich in Bekenntnisorganisationen<br />

zu vereinen. Die Freiheit des Kultus wird völlig gewährleistet<br />

und jeder darf die Religionsvorschriften erfüllen, vorausgesetzt, dass sie nicht mit den<br />

Strafregeln und mit den Rechten anderer Leute in Widerspruch stehen.<br />

24. Die Rechtsordnung schützt die Freiheit der Forschung, der Kritik und der Diskussion<br />

auch im Bereich der Religion und untersagt die Beleidigung einer Religion und<br />

des Religionsgefühls der Leute. Für das staatliche Gesetz ist der Religions- und Überzeugungsunterschied<br />

kein Hindernis zur Ehe.<br />

25. Italien, aufgrund seiner religiösen und kulturellen Tradition, respektiert die<br />

Symbole und Zeichen aller Religionen. Niemand kann sich beleidigt fühlen, wenn er<br />

Zeichen und Symbole anderer Religionen sieht. Wie die internationalen Verträge vorsehen,<br />

sollen die Kinder und Jugendlichen zur Respektierung der Religionsüberzeugungen<br />

anderer Leute erzogen werden, ohne dass sie darin Faktoren der Spaltung zwischen<br />

den Menschen sehen.<br />

26. In Italien gibt es keine Beschränkungen, was die Kleidung von Personen anbelangt,<br />

vorausgesetzt, dass sie frei gewählt wird und nicht würdeschädigend ist. Kleidungen,<br />

die das Gesicht verdecken, sind nicht annehmbar, da sie verhindern, die andere<br />

Person zu erkennen, und die Beziehungen zu anderen Leuten hemmen.


Das Internati onale Engagement Italiens<br />

27. Im Einklang mit diesen Prinzipien setzt sich Italien in der Welt für eine Politik<br />

des Respekts und des Friedens unter den Ländern ein, um das friedliche Zusammenleben<br />

aller Völker zu fördern, um Krieg und Terrorismus zu besiegen. Italien engagiert<br />

sich im internationalen Bereich dafür, die Reichtümer des Lebens und die Umwelt des<br />

Planeten zu schützen.<br />

28. Italien schwört dem Krieg als Lösungsinstrument der internationalen Kontroversen,<br />

den Massenvernichtungswaffen und jeder Form von Folter oder die Menschenwürde<br />

degradierenden Strafen ab. Es verurteilt Antisemitismus, der zum Genozid des jüdischen<br />

Volkes geführt hat, einschließlich jeder rassistischen Neigung, die die Menschen trennen<br />

und die Schwächeren erniedrigen will. Italien schwört jeder Erscheinung von Ausländerfeindlichkeit<br />

ab, die sich bisweilen als <strong>Islam</strong>ophobie oder in Form von Vorurteilen gegen<br />

diejenigen, die aus anderen Teilen der Welt kommen, ausdrückt.<br />

29. Zusammen mit anderen europäischen Ländern hat Italien die Todesstrafe abgeschafft<br />

und setzt sich in den internationalen Gremien dafür ein, dass sie in der übrigen<br />

Welt abgeschafft wird. Die Abschaffung der Todesstrafe stellt ein Zivilisationsziel dar,<br />

durch welches der Respekt vor dem Leben den Geist der Rache überwindet.<br />

30. Italien setzt sich dafür ein, friedlich die internationalen Krisen zu lösen, insbesondere<br />

den seit vielen Jahren andauernden israelisch-palästinensischen Konflikt.<br />

Das Engagement Italiens befürwortet stets eine Lösung, die die Völker der Region<br />

zusammenleben lässt, in erster Linie Israelis und Palästinenser in zwei verschiedenen<br />

demokratischen Staaten.<br />

31. Gemeinsam mit den anderen europäischen Ländern ist Italien auf internationaler<br />

Ebene tätig, um überall die Achtung der Menschenwürde und -rechte zu fördern<br />

und um den Erfolg der parlamentarischen Demokratie als Staatssystem zu begünstigen,<br />

das sowohl die Bürgerbeteiligung als auch die zunehmende Achtung der Staatsbürgerrechte<br />

vorsieht.<br />

Rom, den 23. April 2007<br />

119


120<br />

Stati sti sche Daten: Deutschland<br />

Deutschland: Wichti gste Herkunft sgebiete und Länder von Menschen mit<br />

Migrati onshintergrund* (2005)<br />

Herkunft sregion In 1.000 %<br />

EUROPA 8.321 54,3<br />

EU 25 3.099 20,2<br />

Griechenland 351 2,3<br />

Italien 670 4,4<br />

Polen 763 5,0<br />

Sonsti ges Europa 5.222 34,1<br />

Bosnien-Herzegowina 294 1,9<br />

Kroati en 355 2,3<br />

Serbien - Montenegro 397 2,6<br />

Rumänien 324 2,1<br />

Russland 1.012 6,6<br />

Türkei 2.397 15,6<br />

AFRIKA 376 2,5<br />

Nordafrika 198 1,3<br />

Sonsti ges Afrika 178 1,2<br />

AMERIKA 243 1,6<br />

Nordamerika 122 0,8<br />

Lateinamerika 121 0,8<br />

ASIEN 1.120 7,3<br />

Vorderasien ** 521 3,4<br />

Süd- und Ostasien*** 599 3,9<br />

Staatenlos, nicht zuzuordnen 5.191 33,9<br />

INSGESAMT 15.333 100,0<br />

*Alle Ausländer, die in Deutschland wohnen, alle nach 1949 nach Deutschland Zugewanderte, die<br />

die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten haben, einschließlich der in Deutschland Geborenen mit<br />

zumindest einem zugewanderten oder ausländischen Elternteil.<br />

** insbesondere Irak und Iran.<br />

***insbesondere Vietnam, Afghanistan, und China.<br />

Quelle: DESTATIS – Mikrozensus


Deutschland: Ausländische Bevölkerung nach Herkunft sland (2006)<br />

Herkunft sregion Insgesamt Davon<br />

Im Ausland In Deutschland<br />

geboren geboren<br />

a.W. % a.W. % a.W. %<br />

EUROPA 5.375.126 79,6 4.165.034 77,5 1.210.092 22,5<br />

EU-Länder 2.183.365 32,3 1.779.666 81,5 403.699 18,5<br />

Griechenland 303.761 4,5 219.703 72,3 84.058 27,7<br />

Italien 534.657 7,9 374.513 70,0 160.144 30,0<br />

Polen 361.696 5,4 347.769 96,1 13.927 3,9<br />

Sonsti ges Europa 3.191.761 47,3 2.385.368 74,7 806.393 25,3<br />

ehemaliges Jugoslawien 949.937 14,1 753.116 79,3 196.821 20,7<br />

Bosnien – Herzegowina 157.094 2,3 129.945 82,7 27.149 17,3<br />

Kroati en 227.510 3,4 178.074 78,3 49.436 21,7<br />

Serbien – Montenegro 282.067 4,2 218.333 77,4 63.734 22,6<br />

ehemalige Sowjetunion 505.624 7,5 487.515 96,4 18.109 3,6<br />

Türkei 1.738.831 25,8 1.149.384 66,1 589.447 33,9<br />

AFRIKA 272.376 4,0 235.117 86,3 37.259 13,7<br />

Nordafrika 120.665 1,8 102.009 84,5 18.656 15,5<br />

AMERIKA 213.069 3,2 204.147 95,8 8.922 4,2<br />

Nordamerika 112.437 1,7 105.636 94,0 6.801 6,0<br />

ASIEN 819.623 12,1 732.359 89,4 87.264 10,6<br />

Vorderasien* 262.320 3,9 225.459 85,9 36.861 14,1<br />

Süd- und Südostasien** 285.048 4,2 251.227 88,1 33.821 11,9<br />

Ost- und Zentralasien*** 269.226 4,0 252.983 94,0 16.243 6,0<br />

OZEANIEN**** 10.832 0,2 10.361 95,7 471 4,3<br />

Staatenlos, nicht zuzuordnen 59.976 0,9 39.550 65,9 20.426 34,1<br />

INSGESAMT<br />

* insbesondere Irak und Iran.<br />

** insbesondere Vietnam.<br />

*** insbersondere China.<br />

**** insbesondere Australien.<br />

6.751.002 100,0 5.386.568 79,8 1.364.434 20,2<br />

Quelle: DESTATIS - Zentralregister für Ausländer<br />

121


122<br />

Deutschland: Ausländische Bevölkerung nach Durchschnitt salter und –<br />

aufenthaltsdauer, sowie Herkunft sland (2006)<br />

Herkunft sregion Insgesamt<br />

a.W.<br />

Jahresdurchschnitt<br />

Alter Aufenthaltsdauer<br />

EUROPA 5.375.126 37,6 19,1<br />

EU-Länder 2.183.365 40,3 20,2<br />

Griechenland 303.761 40,3 24,1<br />

Italien 534.657 39,5 25,1<br />

Polen 361.696 36,3 9,5<br />

Sonsti ges Europa 3.191.761 k.A. k.A<br />

ehemaliges Jugoslawien 949.937 37,4 19,7<br />

Bosnien – Herzegowina 157.094 37,4 18,0<br />

Kroati en 227.510 43,3 25,4<br />

Serbien – Montenegro 282.067 33,3 16,5<br />

ehemalige Sowjetunion 505.624 36,1 6,3<br />

Türkei 1.738.831 34,6 20,7<br />

AFRIKA 272.376 32,0 10,8<br />

Nordafrika 120.665 34,1 13,1<br />

AMERIKA 213.069 38,3 12,5<br />

Nordamerika 112.437 42,6 15,7<br />

ASIEN 819.623 32,1 9,1<br />

Vorderasien* 262.320 30,7 9,4<br />

Süd- und Südostasien ** 285.048 33,2 10,6<br />

Ost- und Zentralasien *** 269.226 32,4 7,4<br />

OZEANIEN 10.832 38,8 11,7<br />

Staatenlos, nicht zuzuordnen 59.976 30,3 16,1<br />

Insgesamt<br />

* insbesondere Irak und Iran.<br />

** insbesondere Vietnam.<br />

*** insbesondere China.<br />

6.751.002 36,7 17,3<br />

k.A.: keine Angaben, Daten stehen nicht zur Verfügung.<br />

Quelle: DESTATIS – Zentralregister für Ausländer


Deutschland: Ehepaare und nichteheliche Lebensgemeinschaft en mit ausländischer<br />

Beteiligung Deutschland nach Herkunft sgebieten der ausländischen<br />

Partner/Partnerinnen (2005)<br />

Herkunft sregion Alle Paare mit<br />

ausländischer<br />

Beteiligung<br />

Beide Partner<br />

Ausländer<br />

Ausländerin<br />

mit deutschem<br />

Mann<br />

Ausländer mit<br />

deutscher Frau<br />

1000 % 1000 % 1000 % 1000 %<br />

EHEPAARE INSGESAMT 2.438 100,0 1291 52,9 602 24,7 545 22,4<br />

EU-Länder* 788 100,0 327 41,5 234 29,7 227 28,8<br />

Griechenland k.A. k.A. k.A. k.A. 6 k.A. 14 k.A.<br />

Italien k.A. k.A. k.A. k.A. 19 k.A. 63 k.A.<br />

Polen k.A. k.A. k.A. k.A. 69 k.A. 16 k.A.<br />

Sonsti ges Europa k.A. k.A. k.A. k.A. 197 k.A. 206 k.A.<br />

Bosnien - Herzegowina k.A. k.A. k.A. k.A. 7 k.A. 15 k.A.<br />

Kroati en k.A. k.A. k.A. k.A. 16 k.A. 14 k.A.<br />

Serbien - Montenegro k.A. k.A. k.A. k.A. 10 k.A. 17 k.A.<br />

Russland k.A. k.A. k.A. k.A. 60 k.A. 37 k.A.<br />

Türkei k.A. k.A. k.A. k.A. 52 k.A. 90 k.A.<br />

Afrika k.A. k.A. k.A. k.A. 24 k.A. 35 k.A.<br />

Amerika k.A. k.A. k.A. k.A. 44 k.A. 35 k.A.<br />

Vorderasien k.A. k.A. k.A. k.A. 24 k.A. 19 k.A.<br />

Süd- und Südostasien k.A. k.A. k.A. k.A. 58 k.A. 13 k.A.<br />

Ost- und Zentralasien k.A. k.A. k.A. k.A. 13 k.A. *** k.A.<br />

NICHTEHELICHE LEBENS�<br />

GEMEINSCHAFTEN **<br />

242 100,0 58 24 80 33,1 104 43<br />

EU-Länder* 130 100,0 21 16,2 47 36,2 62 47,7<br />

Italien k.A. k.A. k.A. k.A. 7 k.A. 21 k.A.<br />

Sonsti ges Europa k.A. k.A. k.A. k.A. 18 k.A. 26 k.A.<br />

Türkei k.A. k.A. k.A. k.A. *** k.A. 11 k.A.<br />

Übrige Welt k.A. k.A. k.A. k.A. 15 k.A. 16 k.A.<br />

* ausländischer Partner mit EU-Staatsangehörigkeit.<br />

**heterosexuelle Paare.<br />

*** Keine Angaben, da Zahlenwerte nicht sicher genug.<br />

k.A.: Keine Angaben, Daten stehen nicht zur Verfügung.<br />

Quelle: DESTATIS - Mikrozensus – Bevölkerung (Lebensformenkonzept)<br />

123


124<br />

Deutschland: Einbürgerungen nach Herkunft sländern (2004-2006)<br />

Wichti gste europäische 2004 2005 2006 2004-06<br />

Länder<br />

a.W. % a.W. % a.W. % Änderung in %<br />

ehemaliges Jugoslawiens 8.664 6,8 13.187 11,2 17.366 13,9 100,4<br />

Bosnien-Herzegowina 2.103 1,7 1.907 1,6 1.862 1,5 -11,5<br />

Kroati en 1.689 1,3 1.287 1,1 1.729 1,4 2,4<br />

Serbien - Montenegro 3.539 2,8 8.824 7,5 9.552 7,7 169,9<br />

Polen* 7.499 5,9 6.896 5,9 6.907 5,5 -7,9<br />

Rumänien* 1.309 1,0 1.789 1,5 1.379 1,1 5,3<br />

Russland* 4.381 3,4 5.055 4,3 4.679 3,8 6,8<br />

Türkei 44.465 35,0 32.661 27,9 33.388 26,8 -24,9<br />

Ukraine*<br />

Sonsti ge Länder<br />

3.844 3,0 3.363 2,9 4.536 3,6 18,0<br />

Marokko 3.820 3,0 3.684 3,1 3.546 2,8 -7,2<br />

Afghanistan 4.077 3,2 3.133 2,7 3.063 2,5 -24,9<br />

Irak 3.564 2,8 4.136 3,5 3.693 3,0 3,6<br />

Iran 6.362 5,0 4.482 3,8 3.662 2,9 -42,4<br />

Israel 3.164 2,5 2.871 2,4 4.313 3,5 36,3<br />

Kazachistan* 1.443 1,1 2.975 2,5 3.207 2,6 122,2<br />

Insgesamt 127.153 100,0 117.241 100,0 124.566 100,0 -2,0<br />

Männer 64.560 50,8 59.923 51,1 63.049 50,6 -2,3<br />

Frauen 62.593 49,2 57.318 48,9 61.517 49,4 -1,7<br />

* Deutschstämmige Zugewanderte wurden nicht berücksichti gt.<br />

Quelle: DESTATIS – Einbürgerungsstatistik


Stati sti sche Daten: Italien<br />

Italien: Ausländer, nach Herkunft und Geschlecht (geschätzt, 2006)<br />

Herkunft sregion Insgesamt davon Frauen<br />

a.W. % a.W. %<br />

EU 25* 291.402 7,9 188.834 64,8<br />

Mitt el- und Osteuropa 1.523.652 41,3 819.122 53,8<br />

Andere europäische Länder 14.927 0,4 8.714 58,4<br />

EUROPA 1.829.982 49,6 1.026.938 56,1<br />

Nordafrika 286.886 7,8 253.962 88,5<br />

Westafrika 185.916 5,0 64.061 34,5<br />

Ostafrika 39.382 1,1 23.054 58,5<br />

Zentral- und Südafrika 16.048 0,4 7.428 46,3<br />

AFRIKA 822.191 22,3 277.828 33,8<br />

Westasien 27.799 0,8 10.705 38,5<br />

Zentral- und Südasien 301.988 8,2 98.782 32,7<br />

Ostasien 332.961 9,0 179.961 54,0<br />

ASIEN 662.748 18,0 292.680 44,2<br />

Nordamerika 54.424 1,5 33.996 62,5<br />

Mitt el – und Südamerika 301.719 8,2 203.338 67,4<br />

AMERIKA 356.144 9,7 237.759 66,8<br />

OZEANIEN 4.023 0,1 2.427 60,3<br />

Staatenlos 349 0,0 k.A. k.A.<br />

Nicht identi fi ziert 14.615 0,4 k.A. k.A.<br />

GESAMT<br />

* ohne Rumänien und Bulgarien<br />

3.690.052 100,0 1.842.004 49,9<br />

k.A.: keine Angaben, Daten stehen nicht zur Verfügung.<br />

Quelle: Statistisches Dossier Immigration Caritas/Migrantes<br />

125


126<br />

Italien: Ausländer nach Nati onalität und Geschlecht der 20 führenden<br />

Nati onalitäten (geschätzt, 2006)<br />

Nati onalität Insgesamt Davon Frauen<br />

a.W. % a.W. %<br />

1 Rumänien 555.997 15,1 296.896 53,4<br />

2 Marokko 387.031 10,5 136.793 35,3<br />

3 Albanien 381.011 10,3 161.219 42,3<br />

4 Ukraine 195.412 5,3 163.407 83,6<br />

5 Volksrepublik China 186.522 5,1 86.059 46,1<br />

6 Philippinen 113.907 3,1 70.694 62,1<br />

7 Moldawien 98.149 2,7 66.870 68,1<br />

8 Tunesien 94.861 2,6 26.209 27,6<br />

9 Indien 91.781 2,5 33.377 36,4<br />

10 Polen 90.776 2,5 65.657 72,3<br />

11 Serbien u. Montenegro 79.468 2,2 33.449 42,1<br />

12 Bangladesch 77.229 2,1 18.166 23,5<br />

13 Peru 76.406 2,1 49.325 64,6<br />

14 Ägypten 73.747 2,0 14.381 19,5<br />

15 Sri Lanka 69.919 1,9 29.798 42,6<br />

16 Ecuador 67.327 1,8 43.505 64,6<br />

17 Makedonien 65.880 1,8 24.712 37,5<br />

18 Senegal 65.136 1,8 8.351 12,8<br />

19 Pakistan 56.949 1,5 12.368 21,7<br />

20 USA 50.820 1,4 31.931 62,8<br />

INSGESAMT 3.690.052 100,0 1.842.004 49,9<br />

Quelle: Statistisches Dossier Immigration Caritas/Migrantes


Italien: Ausländer mit Aufenthaltserlaubnis, nach Aufenthaltsgrund<br />

(geschätzt, 2006)<br />

Region a.W. Davon in % (horizontal)<br />

Insgesamt Arbeit Familie Studium Religion Wohnsitz andere<br />

Gründe<br />

Aosta-Tal 6.325 52,8 39,9 2,6 0,5 2,3 1,8<br />

Piemont 292.886 56 38,6 2,5 0,5 1,1 1,3<br />

Lombardei 850.873 56,5 37,6 2,7 0,3 1,6 1,2<br />

Ligurien 94.446 54,5 36,4 2,7 0,8 4,2 1,5<br />

Nordwesten 1.244.530 56,2 37,8 2,7 0,3 1,7 1,3<br />

Trenti no-Südti rol 68.825 51,7 41,1 2,9 0,4 2,7 1,2<br />

Veneti en 398.099 55,3 40,1 2,4 0,2 0,7 1,3<br />

Friaul-Julisch Veneti en 98.881 49,3 38,2 5,8 0,2 2 4,4<br />

Emilia-Romagna 388.203 57,5 37,3 3,1 0,2 0,6 1,2<br />

Nordosten 954.008 55,3 38,8 3,1 0,2 0,9 1,6<br />

Norden 2.198.538 55,8 38,2 2,9 0,3 1,4 1,4<br />

Toskana 289.775 54,1 36,9 4,1 0,8 2,4 1,7<br />

Marken 115.715 51,5 41,7 3,3 0,5 1,5 1,6<br />

Umbrien 77.924 53,4 37,3 4,6 1,4 1,8 1,5<br />

Lati um 500.007 58,2 25,5 2,8 10,8 1,1 1,5<br />

Mitt elitalien 983.422 55,8 31,7 3,4 5,9 1,6 1,6<br />

Abruzzen 59.209 54,3 39,4 2,8 0,9 0,6 2<br />

Kampanien 168.285 68,5 25,5 1,6 1,1 0,6 2,7<br />

Molise 6.632 55,9 33 2,5 1,8 1,7 5,1<br />

Basilikata 10.735 65 28,4 1,6 0,8 0,5 3,8<br />

Apulien 73.610 55,1 34,1 4,1 1 0,9 4,8<br />

Kalabrien 57.822 63,1 24,9 1,8 1,1 0,6 8,7<br />

Süden 376.293 62,5 29,5 2,3 1,1 0,7 4<br />

Sizilien 107.196 55,8 37,3 2 1,1 1,2 2,6<br />

Sardinien 24.603 47,8 38,3 2,3 1 8,1 2,5<br />

Inseln 131.799 54,3 37,5 2 1,1 2,5 2,6<br />

ITALIEN 3.690.052 56,5 35,6 2,9 1,9 1,4 1,8<br />

Quelle: Statistisches Dossier Immigration Caritas/Migrantes<br />

127


128<br />

Italien: Ausländische Schüler im Schuljahr 2006-07<br />

(insgesamt und Sekundarstufe 2) nach Regionen<br />

Region Registrierte Schüler Schuljahr 2006-07 Davon Sekundarstufe 2<br />

Insgesamt Davon Ausländer Insgesamt Davon Ausländer<br />

a.W. % a.W. %<br />

Aosta-Tal 16.189 991 6,1 4.736 187 3,9<br />

Piemont 568.109 48.349 8,5 162.996 9.409 5,8<br />

Lombardei 1.316.993 121.279 9,2 363.067 22.489 6,2<br />

Ligurien 194.394 15.253 7,8 58.578 3.877 6,6<br />

Trenti no-Südti rol 158.711 11.297 7,1 39.573 1.638 4,1<br />

Veneti en 684.687 61.734 9,0 192.855 10.758 5,6<br />

Friuli-Julisch Veneti en 153.927 11.932 7,8 45.941 2.549 5,5<br />

Emilia-Romagna 547.290 58.515 10,7 161.139 13.225 8,2<br />

Norditalien 3.640.300 329.350 9,0 1.028.885 64.132 6,2<br />

Toskana 474.199 39.631 8,4 145.590 8.460 5,8<br />

Marken 220.754 19.397 8,8 71.010 4.261 6,0<br />

Umbrien 119.021 12.064 10,1 37.879 2.508 6,6<br />

Lati um 823.292 49.428 6,0 256.587 12.200 4,8<br />

Mitt elitalien 1.637.266 120.520 7,4 511.066 27.429 5,4<br />

Abruzzen 194.858 8.202 4,2 64.422 1.732 2,7<br />

Kampanien 1.114.051 11.114 1,0 350.627 2.580 0,7<br />

Molise 48.650 746 1,5 17.137 174 1,0<br />

Basilikata 98.927 1.072 1,1 35.863 264 0,7<br />

Apulien 711.196 9.038 1,3 228.979 2.069 0,9<br />

Kalabrien 344.672 6.232 1,8 117.824 1.490 1,3<br />

Süditalien 2.512.354 36.404 1,4 814.852 8.309 1,0<br />

Sizilien 895.550 11.938 1,3 287.837 2.354 0,8<br />

Sardinien 246.017 2.725 1,1 86.370 605 0,7<br />

Inseln 1.141.567 14.663 1,3 374.207 2.959 0,8<br />

ITALIEN 8.931.487 500.512 5,6 2.729.010 102.829 3,8<br />

Quelle: Statistisches Dossier Immigration Caritas/Migrantes, Ausarbeitung aus Daten der Bildungsministeriums


Italien: 2005* abgeschlossene Ehen mit mindestens einem ausländischen<br />

Partner<br />

Region a.W. %<br />

Lombardei 5.647 17,7<br />

Lati um 4.924 15,4<br />

Veneti en 3.545 11,1<br />

Toskana 3.226 10,1<br />

Emilia-Romagna 2.657 8,3<br />

Piemont 2.447 7,7<br />

Kampanien 2.031 6,4<br />

Ligurien 1.194 3,7<br />

Sizilien 845 2,6<br />

Friaul-Julisch Veneti en 832 2,6<br />

Marken 814 2,6<br />

Trenti no-Südti rol 760 2,4<br />

Umbrien 649 2,0<br />

Apulien 614 1,9<br />

Kalabrien 515 1,6<br />

Abruzzen 472 1,5<br />

Sardinien 448 1,4<br />

Basilikata 124 0,4<br />

Aosta-Tal 89 0,3<br />

Molise 58 0,2<br />

Nordwesten 9.377 29,4<br />

Nordosten 7.794 24,4<br />

Mitt elitalien 9.613 30,1<br />

Süden 3.814 12,0<br />

Inseln 1.293 4,1<br />

Italien<br />

* Die verwendeten ISTAT-Daten sind provisorisch.<br />

31.891 100,0<br />

Quelle: Statistisches Dossier Immigration Caritas/Migrantes. Ausarbeitung mit Daten von ISTAT<br />

129


130<br />

Italien: Gewährung der Staatsbürgerschaft nach Grund und Herkunft (2005)<br />

Herkunft sregion Insgesamt Durch Heirat<br />

a.W. % a.W. %<br />

EU 15 367 1,9 270 73,6<br />

EU neue Mitgliedsländer* 1.161 6,0 929 80,0<br />

Mitt el-Osteuropa 5.505 28,6 3.447 62,6<br />

Europa andere 624 3,2 617 98,9<br />

EUROPA 7.657 39,7 5.263 68,7<br />

Nordafrika 3.734 19,4 975 26,1<br />

Westafrika 671 3,5 224 33,4<br />

Ostafrika 415 2,2 171 41,2<br />

Zentral- und Südafrika 210 1,1 135 64,3<br />

AFRIKA 5.030 26,1 1.505 29,9<br />

Westasien 649 3,4 266 41,0<br />

Zentral- und Südasien 496 2,6 147 29,6<br />

Ostasien 578 3,0 288 49,8<br />

ASIEN 1.723 8,9 701 40,7<br />

Nordamerika 250 1,3 213 85,2<br />

Mitt el- und Südamerika 4.539 23,6 4.120 90,8<br />

AMERIKA 4.789 24,9 4.333 90,5<br />

OZEANIEN 54 0,3 48 88,9<br />

STAATENLOS 13 0,1 4,0 30,8<br />

GESAMT 19.266 100,0 11.854 61,5<br />

* Polen, Tschechien, Ungarn, Kroati en, Slowenien, Litauen, Lett land, Estland, Malta, Zypern; ohne<br />

Rumänien, Bulgarien.<br />

Quelle: Statistisches Dossier Immigration Caritas/Migrantes. Ausarbeitung aus Daten von ISTAT


Italien: Gewährung der Staatsbürgerschaft nach Grund und Region (2005)<br />

Region Insgesamt Durch Heirat<br />

a.W. % a.W. %<br />

Aosta-Tal 54 0,3 30 55,6<br />

Piemont 1.681 8,7 928 55,2<br />

Lombardei 3.109 16,1 1.475 47,4<br />

Ligurien 533 2,8 352 66,0<br />

Nordwesten 5.377 27,9 2.785 51,8<br />

Trenti no-Südti rol 463 2,4 242 52,3<br />

Veneti en 1.934 10,0 1.009 52,2<br />

Friaul-Julisch Veneti en 673 3,5 397 59,0<br />

Emilia-Romagna 2.200 11,4 1.051 47,8<br />

Nordosten 5.270 27,4 2.699 51,2<br />

Norden 10.647 55,3 5.484 51,5<br />

Toskana 1.340 7,0 771 57,5<br />

Marken 852 4,4 463 54,3<br />

Umbrien 365 1,9 233 63,8<br />

Lati um 1.374 7,1 761 55,4<br />

Mitt elitalien 3.931 20,4 2.228 56,7<br />

Abruzzen 400 2,1 276 69,0<br />

Kampanien 413 2,1 326 78,9<br />

Molise 37 0,2 30 81,1<br />

Basilikata 56 0,3 49 87,5<br />

Apulien 311 1,6 209 67,2<br />

Kalabrien 183 0,9 157 85,8<br />

Süden 1.400 7,3 1.047 74,8<br />

Sizilien 485 2,5 343 70,7<br />

Sardinien 169 0,9 143 84,6<br />

Inseln 654 3,4 486 74,3<br />

Auslandsitaliener 2.634 13,7 2.609 99,1<br />

ITALIEN 19.266 100,0 11.854 61,5<br />

Quelle: Statistisches Dossier Immigration Caritas/Migrantes. Ausarbeitung aus Daten von ISTAT<br />

131

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