Anlagen - Deutsche Islam Konferenz

deutsche.islam.konferenz.de

Anlagen - Deutsche Islam Konferenz

Deutsche Botschaft , Rom - Caritas Italiana

In Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Sti ft ung, Rom

und dem Dossier Stati sti co Caritas/Migrantes

Vom Einwanderer zum Mitbürger

Erfahrungen in Deutschland und Italien

Integrati on von Migranten, ihren Familien und jungen Menschen

Europäisches Jahr des interkulturellen Dialogs

Edizioni Idos

Rom, Februar 2008


Beiträge von:

Lale Akgün, Mitglied des Bundestags, Migrati onspoliti sche Sprecherin und Islambeauft ragte der SPD-

Bundestagsfrakti on

Maria Böhmer, MdB, Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin, Beauft ragte der Bundesregierung für

Migrati on, Flüchtlinge und Integrati on

Ursula Boos-Nünning, Universität Duisburg/Essen

Claudio Cecchini, Assessor für Sozialpoliti k der Provinz Rom

Teresa De Bellis, Rat der Stadt Köln

Luca di Sciullo, Redakteur, Dossier Stati sti co Immigrazione Caritas/Migrantes

Mons. Guerino Di Tora, Direktor der Caritas Diözese Rom

Bruno Ducoli, Präsident des Europäischen Zentrums zur Förderung der Interkulturalität, Gargnano

Wolfgang Fehl, Koordinator des „Netzwerkes Integrati on durch Qualifi zierung“ der Zentralstelle für die

Weiterbildung im Handwerk, Düsseldorf

Paolo Ferrero, Minister für Soziale Solidarität

Franco Fratti ni, Vizepräsident der EU-Kommission

Annegret Goebel, Botschaft der Bundesrepublik Deutschland Rom

Yasemin Karakaşoğlu, Universität Bremen

Kamila Kowalska-Angelelli, Wissenschaft lerin

Chiara Mellina, Wissenschaft lerin

Mons. Francesco Montenegro, Bischof, Präsident der Caritas Italiana

Franco Pitt au, Leitender Redakteur, Dossier Stati sti co Immigrazione Caritas/Migrantes

Albert Schmid, Präsident des Bundesamtes für Migrati on und Flüchtlinge

Klaus Schmitz, Botschaft der Bundesrepublik Deutschland Rom

Michael Steiner, Botschaft er der Bundesrepublik Deutschland Rom

Daniele Valli, Leiter des Interkulturellen Didakti schen Zentrums Celio Azzurro

Herausgeber

Luca Di Sciullo, Franco Pitt au, Klaus Schmitz

Sekretariat Redakti on

Maria Pia Borsci, Annegret Goebel, Patrizia Liberatore

Fotosatz

Sinnos Soc. Cooperati va Sociale ONLUS - Roma

Botschaft der Bundesrepublik Deutschland

Via San Marti no della Batt aglia, 4 - 00185 Roma

Tel.: 06.49213.220

e-mail: soz-1-dip@rom.auswaerti ges-amt.de

Bestellungen bei:

Centro Studi e Ricerche Idos

Via Aurelia, 796 - 00165 Roma

Tel.: 06.66514.345/502

Fax: 06.66540087

e-mail: idos@dossierimmigrazione.it


INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 7

Einleitung

M. Steiner, Migration verbindet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9

F. Montenegro, Integration, ein Prozess, der die ganze Gesellschaft betrifft . . . . . . . . .10

Die deutsch-italienische Konferenz zur Integrati on von Migranten, ihren Familien und

jungen Menschen

A. Goebel, K. Schmitz, Thematische Zusammenfassung der Beiträge der Konferenz . .15

D. Valli, Celio Azzurro – Eine „besondere Begegnung” mit der Staatsministerin für

Migration M. Böhmer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .25

Politi sche Beiträge

F. Frattini, Keine Einwanderung ohne Integrationspolitik – Der europäische Rahmen

für die Integration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .28

M. Böhmer, Migration und europäische Identität – Bildung und Arbeit als Schlüssel

– Der deutsche Weg der Integrationspolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .33

P. Ferrero, Die neue italienische Einwanderungspolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .39

L. Akgün, Moderne Einwanderungs- und Integrationspolitik muss mehr für Chancengleichheit

und Anerkennung tun . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .46

B. Ducoli, Migration und europäische Identität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .51

Erfahrungen in Italien und Deutschland

L. Di Sciullo, F. Pittau, Ein Panorama der Migration – Italienische und deutsche Erfahrungen

- ein Vergleich in 10 Thesen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .56

G. Di Tora, Rom und die Stadt der Zukunft: international, interkulturell und interreligiös . 70

C. Cecchini, Migration in Rom Anfang 2007 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .78

A. Schmidt, Herausforderung Migration: Integration fordern und fördern - Entwicklung

der Zuwanderung und Situation der Migranten in Deutschland . . . . . . . . . . . . .80

T. De Bellis, Köln, eine multikulturelle Stadt – Eine kommunale Integrationspolitik . . 87

W. Fehl, Köln, ein Beispiel für gelungene berufliche Integration . . . . . . . . . . . . . . . . . .91

K. Kowalska, C. Mellina, F. Pittau, Integration von Migranten in Rom – Ansichten ausgewählter

Interviewpartner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .92

U. Boos-Nünning, Y. Karakaşoğlu, Lebenslage von Mädchen und jungen Frauen mit

Migrationshintergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .104

5


6

Anlagen

Der Nationale Integrationsplan – Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland . 112

Charta der Werte, der Staatsbürgerschaft und der Integration – Ministerium des Inneren

der Republik Italien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .115

Statistische Daten: Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .120

Statistische Daten: Italien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .125


Vorwort

In den 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union leben rund 30 Millionen Migranten

aus EU- und Nicht-EU-Staaten, deren Staatsangehörigkeit sie nicht besitzen. Diese Zahl verdoppelt

sich noch, wenn die Menschen mitgerechnet werden, die die Staatsbürgerschaft des Landes

erworben haben. Es handelt sich um eine bemerkenswerte Präsenz, die der Zahl nach einem

der größeren Mitgliedsstaaten entspricht.

Die Struktur der Migranten ist sehr differenziert: ihre regionale Konzentration ist je nach

Land und Zeitverläufen verschieden, die Herkunftsgebiete stimmen oft nicht überein, die bei der

Integration verfolgten Ansätze erscheinen eher zufällig und unterschiedlich, die Eingliederung

ins Arbeitsleben ist an den Anforderungen der lokalen Arbeitsmärkte orientiert.

Angesichts dieses komplexen Kontextes ist es schwierig, eine europäische Vision zu finden.

Deshalb wurde daran gedacht, ausgehend von einem sorgfältig durchgeführten Vergleich zweier

wichtiger Beispiele, dem Deutschlands und Italiens, zum Thema „Integration von Migranten,

ihren Familien und jungen Menschen” Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen den in

Nordeuropa und den im Mittelmeerraum gemachten Erfahrungen aufzuzeigen. Hierzu fand

auch eine vielbesuchte Tagung in Rom (11. Juni 2007 im Goethe-Institut) statt, deren Ergebnisse

wir mit einigen Ergänzungen hiermit vorlegen wollen.

Deutschland steht mit seinen fast 7 Millionen ausländischen Bürgern weiterhin an erster

Stelle, was die Zahl der Migranten betrifft, davon sind mehr als eine halbe Million Italiener, die

nach der großen türkischen Gemeinschaft an zweiter Stelle kommen.

Nach über fünfzig Jahren nicht nachlassender Zuwanderung, die erst in letzter Zeit stark

zurückging, definierte sich Deutschland endlich an der Schwelle zum 3. Jahrtausend auch

offiziell als Einwanderungsland. Diese neue Sichtweise und die abgestimmte Handlungsweise

machen Deutschland zu einem Beispiel, das höchste Aufmerksamkeit verdient.

Italien schickte über 150 Jahre lang seine überzähligen Arbeitskräfte in die Industriestaaten

der ganzen Welt. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg emigrierten die Italiener vor allem

in die europäischen Länder und hier besonders nach Deutschland. Seit den siebziger Jahren

verwandelte sich Italien erst langsam und dann, nach dem Fall der Berliner Mauer und dem

Zustrom aus dem Osten, schneller in ein großes Einwanderungsland, in dem inzwischen schon

3,7 Millionen legale Immigranten leben. In einigen Jahrzehnten wird Italien wahrscheinlich

mit Deutschland gleichziehen und damit den zahlenmäßigen Rückgang an Bevölkerung und

Arbeitskräften ausgleichen.

In Deutschland finden wir im Lauf der Zeit sich verfestigende Vorgehensweisen, die sich

teilweise in der Praxis bewährt haben, aber teilweise angepasst werden müssen. Italien blickt

auf weniger Erfahrungen zurück und muss angesichts einer grundlegend verschiedenen Migrationssituation

andere innovative Ansätze wählen, die dann mit vorherigen Erfahrungen

verglichen werden müssen. Denken wir nur daran, wie heikel die Themen langfristiger Integrationsstrategien

sind, z.B. im Hinblick auf die Einhaltung allgemeiner Regeln, die Berücksichtigung

von Andersartigkeit, den Erwerb der Staatsbürgerschaft, die Schule und die zweite

Generation.

Das vorrangige Ziel der Tagung in Rom und nun dieses Buchs besteht darin, einen umfassenden

Vergleich zwischen den beiden wichtigsten europäischen Migrationserfahrungen vorzunehmen,

indem wir die wesentlichen statistischen Daten zur Verfügung stellen die Studien von

7


8

Fachleuten und einschlägigen Untersuchungen auswerten, um unter Einbeziehung der verantwortlichen

Politiker und Verwaltungsbeamten, eine breite Diskussion an der Basis, besonders bei

den NRO und anderen Organisationen anzustoßen.

Diese Initiative wurde auf deutscher Seite von der Deutschen Botschaft und der Friedrich-

Ebert-Stiftung und auf italienischer Seite von der Caritas Italiana und der Arbeitseinheit

„Dossier Statistico Immigrazione Caritas/Migrantes“ organisiert.

Der Wunsch der Organisatoren ist es, dass dieser zweisprachig erscheinende Band zu weiteren

umfassenden Diskussionen und einem Austausch zwischen beiden Ländern anregt, als

Nachschlagewerk dient und insbesondere auch dazu beiträgt, die Migrationspolitik in der Europäischen

Union weiterzubringen.


Einleitung

Migrati on verbindet

Michael Steiner, Botschaft er der Bundesrepublik Deutschland

Die Migration ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Leider werden

häufig nur negative Seiten in der Öffentlichkeit diskutiert. In Deutschland wird oft übersehen,

dass von den 15 Millionen Menschen mit einer Einwanderungsgeschichte, von

denen die Hälfte die deutsche Staatsangehörigkeit hat, die große Mehrheit gut integriert

ist, so auch unsere 670.000 Mitbürger mit italienischem Migrationshintergrund. Diese

Mitbürger waren und sind nicht nur unersetzbar für unsere Volkswirtschaft, sondern

haben einen wichtigen Beitrag dafür geleistet, dass Deutschland weltoffener und lebenswerter

geworden ist. In ihrer langen Geschichte wurde Deutschland, ebenso wie Italien,

auch von Einwanderung geprägt. Vieles, auf das wir in unseren Ländern stolz sind, beruht

auf der wirtschaftlichen und kulturellen Bereicherung durch Einwanderer.

Seit einigen Jahren steigt die Zahl der ausländischen Staatsbürger in Deutschland

nur mehr geringfügig. Ihre Gesamtzahl betrug 2006 6,75 Millionen (8,8% der Gesamtbevölkerung).

Der positive Saldo von Zu- und Abwanderung von Ausländern lag

seit 2004 bei unter 100.000. Hinter dieser Zahl stehen jedoch enorme Wanderungsbewegungen,

die oft übersehen werden und für die Integrationspolitik relevant ist:

2006 wurden 558.000 Zuzüge und 484.000 Fortzüge von Menschen mit ausländischer

Staatsbürgerschaft registriert.

Zurecht stellt Franco Frattini, Vizepräsident der Europäischen Kommission, in seinem

Beitrag fest, dass Immigration der Integrationspolitik bedarf. Diese Politik muss

zum sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft beitragen und insbesondere den Kindern

und Jugendlichen aus Migrantenfamilien eine reale Lebensperspektive geben. Die hohe

Gewaltbereitschaft junger Männer aus Migrantenfamilien ist ein schlimmes Signal von

Perspektivlosigkeit. In einer im Dezember 2007 von Staatsministerin Maria Böhmer

vorgestellten Studie wurde festgestellt, dass 18% der Kinder aus Migrantenfamilien

(einschließlich der mit deutscher Staatsangehörigkeit) die Schule abbrechen und nur

23% eine Berufsausbildung absolvieren.

Dieses Buch will einen konkreten Beitrag zum deutsch-italienischen Erfahrungsaustausch

auf dem Feld der Integrationspolitik leisten. Es geht um Fragen der Sprache, der

Schule, der Ausbildung, des Berufs und nicht zuletzt um Wohnung und Wohnumfeld. Ich

teile die Auffassung von Mons. Montenegro, Präsident der Caritas Italiana, dass es keine

allgemein gültigen „Modelle“ gibt. Jedes Land muss ausgehend von seiner Geschichte seine

Erfahrungen machen, ohne die Erkenntnisse aus anderen Ländern zu vernachlässigen.

Ich glaube, dass der deutsch-italienische Erfahrungsaustausch auch deswegen fruchtbar

sein kann, weil die Migration unsere beiden Länder miteinander stark verbunden hat.

Staatsministerin Maria Böhmer schreibt in ihrem Beitrag, dass Integration „gleichberechtigte

Teilhabe in allen Lebensbereichen“ bedeute. Diese Teilhabe bedarf des Willens

von Seiten der Migranten, sich den Anforderungen unserer Gesellschaft zu stellen,

aber auch der Bereitschaft von Staat und alteingesessenen Bürgern zur Aufnahme und

9


10

Förderung. Nur auf dieser Grundlage kann sich ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln,

das in Respekt der kulturellen Unterschiede ein fruchtbares Miteinander ermöglicht.

Minister Paolo Ferrero unterscheidet in seinem Beitrag zwischen dem Recht,

seine eigene Lebensweise und Gebräuche weiter pflegen zu dürfen und der allgemeinen

Anerkennung der verfassungsrechtlichen Rechte und Pflichten. Besonders hervorheben

möchte ich die „Charta der Werte, der Staatsbürgerschaft und der Integration“, die unter

Federführung des italienischen Innenministers Giuliano Amato und in Zusammenarbeit

mit Migrantenorganisationen und Religionsgemeinschaften erstellt wurde.

Als Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Rom möchte ich besonders auf

die völkerverbindende Dimension der Migration hinweisen. Über 4 Millionen Italienerinnen

und Italiener sind nach dem Krieg nach Deutschland gekommen. 3,5 Millionen

von ihnen sind wieder in ihre Heimat, meist im hohen Alter, zurückgekehrt. Trotz

mancher Schwierigkeiten und Konflikte sind sich die Menschen der beiden Länder kulturell

aber auch persönlich näher gekommen. 2005 wurden 82.000 deutsch-italienische

Ehen geschlossen. Außerdem glaube ich, dass die Rückkehrer, die einen Großteil ihres

Lebens in Deutschland verbracht haben, in ihrer italienischen Heimat so etwas wie

Botschafter Deutschlands geworden sind. Diesen Eindruck konnten wir auch bei den

Veranstaltungen aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums des deutsch-italienischen Anwerbeabkommens

2005 in Süditalien sehr konkret gewinnen.

2008 ist das „Europäische Jahr des Interkulturellen Dialogs“. Ich hoffe, dass diese

Veröffentlichung hierzu einen kleinen Beitrag leisten kann. Besonders danken möchte

ich der Caritas Italiana, ohne die dieses Projekt nicht zustande gekommen wäre.

Integrati on, ein Prozess, der die ganze Gesellschaft betriff t

Mons. Francesco Montenegro, Bischof, Präsident der Caritas Italiana

Zunächst möchte ich die Anerkennung der Caritas Italiana für die Initiative der

Deutschen Botschaft zum Ausdruck bringen, an der Persönlichkeiten des öffentlichen

Lebens und Experten aus Deutschland und Italien beteiligt sind, wohl wissend, dass

Überlegungen über die Migration, um so zuverlässiger sind, je mehr Gesichtspunkte

berücksichtigt werden. Da jedes Land sich mit seiner besonderen Situation auseinandersetzen

muss, sollte diese gegenseitige Aufmerksamkeit auf EU-Ebene, wie auch

in der Beziehung zwischen den EU-Staaten, gegeben sein. Tatsächlich ist jedoch die

Fähigkeit, dem Anderen zuzuhören, eher gering. Alle neigen dazu, die Situation im

eigenen Lande als Maßstab für Europa anzusehen, weshalb auch die EU beim Aufbau

einer gemeinsamen Migrantenpolitik nur sehr langsam vorankommt und schwerlich

wirksame Antworten findet.

In Fortsetzung dieser Überlegungen kann ich ohne Übertreibung sagen, dass diese

Initiative wichtig ist, weil sie die Erfahrungen zweier Länder verbindet, die Deutschlands,

des Mitgliedsstaats mit der größten Gemeinschaft an Migranten, einer über

fünfzig Jahre langen Erfahrung an Massenzuwanderung und interkulturellem Zusammenleben,

und die Italiens, das sich spät von einem Auswanderungs- zu einem Einwan-


derungsland verwandelte, dessen demografische Kurve extrem sinkt und wo die Zahl

ausländischer Bürger im Rhythmus von über 300.000 im Jahr zunimmt. Wenn wir diese

Zahlen bewerten, so stellen wir fest, dass die Einwanderungsquote Italiens im Verhältnis

zu der der Vereinigten Staaten sogar höher ist. In wenigen Jahrzehnten wird Italien

eines der Länder mit dem höchsten Ausländeranteil sein, mit einem Prozentsatz, der

zwischen dem von Kanada (16%) und dem der Schweiz (20%) liegen wird. Wenn ich

auf die Veränderungen in Italien, aber auch in Spanien und anderen EU-Staaten des

Mittelmeerraums hinweise, dann muss ich auch hinzufügen, dass auf EU-Ebene nicht

immer eine ähnlich schnelle Auffassungsgabe besteht, wie sie unter den Organisatoren

dieser Initiative vorhanden ist. Es muss endlich verstanden werden, dass uns die Geschichte

im Süden zwingt, einen Weg einzuschlagen, der nicht unbedingt mit dem der

EU-Staaten in Mittel- und Nordeuropa verglichen werden kann.

Leider betrifft die mangelnde Aufmerksamkeit für Argumente des Anderen nicht

nur die Beziehungen zwischen den EU-Staaten, sondern auch das Innenverhältnis eines

Landes und, je nach politisch-kultureller Ausrichtung, die Beziehungen zwischen

politischen Parteien und Bürgern. Bei uns in Italien sind wir noch weit von einer Vermittlung

auf oberster Ebene entfernt, wie wir Bischöfe sie uns wünschen würden. Wir

denken, dass sie möglich und fruchtbar wäre, jedoch von einer großen ideologisch-parteipolitischen

Engstirnigkeit vereitelt wird. Die entgegengesetzten Positionen, über

die alle politischen Lager ernsthaft nachdenken sollten, sind oft nicht zu rechtfertigen.

Das sagen wir als kirchliche Gemeinschaft, die wir uns immer schon auf Seiten der Migranten

eingesetzt haben. Man muss ein Gefühl für das Maß haben und die politische

Orientierung in Verbindung bringen können mit den höheren Werten, den Interessen

des eigenen Landes, einer harmonischen Integration der Zuwanderer, der Anerkennung

der Menschen- und religiösen Rechte und unserer Zukunft.

Die Integration, die den Kern dieser Initiative darstellt, ist bei der Caritas Italiana

seit geraumer Zeit Gegenstand umfassender Überlegungen. Obwohl Deutschland über

50 Jahre einschlägige Erfahrungen hat und die Erfahrungen Frankreichs und Großbritanniens

noch länger zurückreichen, müssen sich auch diese Länder immer wieder

kurzfristig neu ausrichten. Die Gewissheiten der Vergangenheit gelten nicht mehr. Wir

alle müssen die Demut besitzen, uns auf die Suche zu begeben. Damit möchte ich keinesfalls

behaupten, dass das, was in diesen Ländern an Erfahrungen gesammelt wurde,

heute nicht mehr wichtig ist. Dabei denke ich an die Verpflichtung in Frankreich, sich

an den lokalen juristisch-kulturellen Rahmen zu halten, an die Autonomiefreiräume, die

Großbritannien den Gemeinschaften der Zuwanderer einräumt, und den Respekt der

Sprache und Kultur des Herkunftslands, der Deutschland auszeichnet. Diese Ansätze,

die immer noch ihre Gültigkeit haben, doch im Rahmen von Integrationsmodellen

der jüngsten Migrationsentwicklung als teilweise überholt angesehen werden müssen,

veranlassen uns festzustellen, dass wir alle in diesem Bereich noch Lehrlinge sind und

zusammen mit den neuen Immigrationsländern neu beginnen müssen, denn sonst werden

wir – wie Goethe im Faust sagt – zu Opfern unserer Geschöpfe.

In Italien sind wir noch weit von einem landesweit akzeptierten Integrationsmodell

entfernt. Der Weg hat viele Ungewissheiten, auch weil Gesellschaft und Wirtschaft es

nicht verstanden haben, die italienischen Bürger für einen Prozess der Eingliederung

und Beteiligung zu gewinnen. Wenn wir dieses komplexe Phänomen definieren wollen,

sollten wir uns auf den Text der europäischen Caritas besinnen, in dem die Integration

11


12

als ein langfristiger Prozess mit vielen Elementen und Faktoren beschrieben wird, der

uns viel abverlangt und darauf abzielen muss, dass zwischen allen Mitgliedern einer

Gesellschaft, einschließlich den Migranten, Beziehungen der Gleichheit, Gegenseitigkeit

und Verantwortung geschaffen werden.

Die Integration ist also vor allem eine Frage gleichwertiger Beziehungen zwischen Personen

verschiedener Zugehörigkeit und Identität, die die gleichen physischen, sozialen,

administrativen und politischen Räume miteinander teilen. In gewissem Sinne geht es

hier nicht um die Begegnung oder den Zusammenprall verschiedener Kulturen, sondern

um Menschen, die Träger dieser Kulturen sind. Andererseits kann heute kein

Mensch mehr nur einer homogenen Zugehörigkeit zugerechnet werden, es sind vielmehr

Individuen, Gruppen und Gemeinschaften, die ohne Unterlass gezwungen sind,

sich mit ständig neuen kulturellen Horizonten auseinanderzusetzen.

Die Integration ist aber auch, und vor allem, ein Prozess der ganzen Gesellschaft, der die

ökonomischen, sozialen, politischen und religiösen Aspekte beinhalten muss, ohne die der

Prozess nicht vollständig wäre. Deswegen muss anerkannt werden, dass nicht so sehr die

Anpassung der Individuen ausschlaggebend ist. Entscheidend sind vielmehr die Rahmenbedingungen,

mit all ihren Beziehungen, Vorgehensweisen und Organisationen und inwieweit

sich diese für die Integration als günstig oder ungünstig erweisen.

Der Integrationsprozess betrifft schlussendlich auch verschiedene Arten der Zugehörigkeit

– u.a. ethnische, nationale, politische, berufliche – die das Leben einer Person

konkret prägen. Er stellt sich so als ein Prozess dar, der die Gruppen mit ihren besonderen,

auch kollektiven Identitäten einbezieht. Diese Identitäten der Gruppen sind ihrerseits,

genauso wie die ihrer Mitglieder, ständigen Veränderungen unterworfen.

Die Herausforderung besteht nicht so sehr darin, dass die in anderen Ländern erprobten

Integrationsmodelle einfach übernommen werden. Alte Erfahrungen können

durchaus helfen, negative Auswirkungen wie die der Zwangsassimilation, zu vermeiden,

die bei unterschiedlichen und sich verändernden Zugehörigkeiten die soziale Anerkennung

keineswegs fördern. Ein weiteres Beispiel ist die soziale Trennung, bei der die Achtung

und der Erhalt der Verschiedenheit zum Alibi dafür wird, sich einer umfassenden

Auseinandersetzung und den durch die tagtäglichen Beziehungen zwischen Menschen

und Gemeinschaften entstehenden Veränderungen nicht zu stellen.

Angesichts der Tatsache, dass es heute keinen Sinn mehr macht, sich automatisch

auf Vergangenes zu beziehen, sollte man sich fragen, ob nicht die Entwicklung eines

italienischen Wegs der Integration möglich ist, bei dem es aber nicht um eine am Reißbrett

entwickelte Lösung gehen sollte, sondern um das Experimentieren in einem Prozess

des sozialen Zusammenhalts und der Teilhabe, unter Nutzung der großen Ressource,

nämlich der christlichen Gemeinschaft in Italien, die immer noch überall vernetzt ist

und nichts von ihrer Dynamik verloren hat. Da wir uns zunehmend bewusst werden

müssen, dass die Ausländer in Italien bleiben werden und ihre Zahl sogar zunehmen

wird, sollte diese Entwicklung möglich sein.

Ein Mann der Kirche hat auch die Pflicht, von Religion zu sprechen. In Anlehnung

an die Botschaft von Johannes Paul II. anlässlich des Weltmigrationstags 2001 möchte

ich daran erinnern, dass die Migration immer zwei Gesichter hat, das des Andersseins

und das des Universellen. Das Erste bedeutet Konfrontation zwischen einander fremden

Menschen und Volksgruppen. Diese führt unvermeidlich zu Spannung, versteckter Zurückweisung

und offenen Angriffen. Das Zweite bedeutet harmonische Begegnung ver-


schiedener sozialer Akteure, die sich im gemeinsamen Erbe der Menschheit, der Menschlichkeit

und Brüderlichkeit wiederfinden. Wir bereichern uns gegenseitig, wenn wir die

vielen anderen Kulturen kennenlernen. Im ersten Fall führt die Migration zu Trennung

und größeren Schwierigkeiten in der aufnehmenden Gesellschaft, im zweiten Fall tragen

sie entscheidend zur Einheit der menschlichen Familie und zum Wohl aller bei.

In diesem Zusammenhang setzt sich die Caritas das Ziel, die Integration zunächst

durch neue Kenntnisse der Migrationsprozesse zu unterstützen. Dabei wollen wir

konkret sein. In diesem Band wird die Gruppe vom „Dossier Statistico Immigrazione

Caritas/Migrantes“ nicht nur durch Zahlen Übereinstimmung und Unterschiede

zwischen der deutschen und italienischen Situation darstellen, sondern auch die Ergebnisse

einer Umfrage zur Integration präsentieren, die mit Hilfe von rund sechzig in

Rom tätigen Vertretern von Migrantenverbänden durchgeführt werden konnte (in der

Stadt und Provinz Rom sind über 400.000 legale Zuwanderer aus den EU und Nicht-

EU-Staaten registriert).

Ferner möchte ich auch darauf hinweisen, dass der „Nationale Rat für Wirtschaft

und Arbeit“ seit nunmehr fünf Jahren, anhand von sozio-statistischen Indices, eine Integrationsstudie

zur Migration in den einzelnen Regionen Italiens durchführt, um den

Stand der integrationsfördernden Maßnahmen zu bewerten. In diesem Jahr begann

die Gruppe von „Dossier Statististico Immigrazione Caritas/Migrantes“ ein Projekt,

das einen Vergleich zwischen unseren Versuchen zur Integrationsmessung und denen

von vier anderen Mitgliedstaaten, einem nordeuropäischen und drei südeuropäischen

Ländern (Großbritannien, Portugal, Spanien und Frankreich), erlaubt. Dieses Engagement

wollen wir auch um die in Italien und Deutschland mit der Migration gemachten

Erfahrungen ergänzen.

Zum Schluss möchte ich noch daran erinnern, dass Caritas und Migrantes schon

1991 die Arbeitsgruppe „Dossier Statistico Immigrazione“ mit dem Ziel gegründet

haben, dem hier von mir beschriebenen Ansatz mit Hilfe detaillierter Daten und vorurteilsfreier

Vergleiche eine konkrete Unterstützung zu geben.

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Konferenz über die Integrati on von Migranten,

ihren Familien und jungen Menschen

Rom, 11. Juni 2007

Themati sche Zusammenfassung

Von Annegret Goebel und Klaus Schmitz, Botschaft der Bundesrepublik Deutschland

Vorbemerkung

Italien und Deutschland eint eine lange Erfahrung im Bereich der Migration. Uwe

Reissig, Direktor des Goethe Instituts und Dr. Otfried Garbe, Gesandter der Deutschen Botschaft,

erinnerten an das 50-jährige Jubiläum der Unterzeichnung des deutsch-italienischen

Anwerbeabkommens von 1955. In Deutschland leben ca. 670.000 Menschen

mit italienischem Migrationshintergrund, davon ca. 540.000 Personen mit italienischer

Staatsbürgerschaft. Italien hat sich in den letzten Jahren vom Auswanderungsland zu

einem der wichtigsten Einwanderungsländer Europas gewandelt, während in Deutschland

die Zuwanderung stark zurückgegangen ist.

Am 11. Juni 2007 veranstalteten die Deutsche Botschaft Rom und das Goethe-Institut

Rom, in Zusammenarbeit mit der Caritas Italiana, eine Konferenz zum Thema „Integration

von Migranten, ihren Familien und jungen Menschen“. Aus Anlass der deutschen

EU-Ratspräsidentschaft und des „Europäischen Jahres der Chancengleichheit für

alle“ fand ein Erfahrungsaustausch zwischen Politikern und Experten aus Deutschland

und Italien statt. Redebeiträge hielten (in der Reihenfolge ihres Auftritts):

Uwe Reissig, Direktor Goethe-Institut Rom

Dr. Otfried Garbe, Gesandter der Deutschen Botschaft

Mons. Francesco Montenegro, Bischof, Präsident der Caritas Italiana

Dr. Franco Pittau, Leitender Redakteur des „Dossier Statistico Immigrazione“ Caritas/Migrantes

Dr. Luca Di Sciullo, Redakteur des „Dossier Statistico Immigrazione“ Caritas/

Migrantes

Dr. Albert Schmid, Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge

Prof. Maria Böhmer, MdB, Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin, Beauftragte

der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration

On. Paolo Ferrero, Minister für Soziale Solidarität

Cav. Bruno Ducoli, Präsident des Europäischen Zentrums zur Förderung der Interkulturalität,

Gargnano

Vinicio Ongini, Berater im Bildungsministerium zu Fragen der Integration

Dr. Lale Akgün, Mitglied des Bundestags, Migrationspolitische Sprecherin und

Islambeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion

Anas Breigheche, Vorsitzender der „Jungen Muslime Italiens“ (GMI)

Wolfgang Fehl, Koordinator des „Netzwerkes Integration durch Qualifizierung“

der Zentralstelle für die Weiterbildung im Handwerk

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Prof. Jean Leonard Touadi, Beigeordneter der Stadt Rom

Teresa De Bellis, Rat der Stadt Köln

Rodolfo Ortolani, Vize-Generaldirektor der UniCredit Banca

Marcella Lucidi, Staatssekretärin im Innenministerium

Die folgende Zusammenfassung der Redebeiträge und der Plenumsdiskussion erfolgt

unter thematischen Gesichtspunkten.

1. Sozialstruktur der Personen mit Migrati onshintergrund

Italien und Deutschland sind beides Einwanderungsländer mit dem Unterschied,

dass der Einwanderungsprozess in der Bundesrepublik bereits in den 50er Jahren begann,

während er in Italien erst in den 70er Jahren einsetzte. Allein in den 60er und

70er Jahren stieg die Zahl der Ausländer in Deutschland um 3,9 Millionen. Von 1952,

dem Jahr der Einführung der offiziellen Wanderungsstatistik, bis 2006 sind 36,3 Millionen

Menschen nach Deutschland zu- und 26,5 Millionen aus Deutschland abgewandert.

Derzeit zählt Deutschland ca. 6,8 Millionen Ausländer. Werden den Ausländern

die eingebürgerten Deutschen und eingebürgerten Kinder von Zuwanderern hinzugezählt,

so leben in Deutschland überweg 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund.

Dies entspricht einem Anteil an der Bevölkerung von 19%. Franco Pittau und

Luca Di Sciullo, Redakteure des „Dossier Statistico Immigrazione“ (Caritas/Migrantes), die

ihr Referat gemeinsam vortrugen, schätzen, dass in Italien ca. 3,5 Millionen Ausländer

leben, die zum großen Teil der ersten Generation zuzurechnen sind. Über die Hälfte

von ihnen lebt seit weniger als 5 Jahren in Italien.

Beschränkte sich die geringe Zuwanderung in Deutschland in den letzten Jahren

weitgehend auf die Familienzusammenführung, so ist die starke Zuwanderung nach

Italien, mit ca. jährlich 300.000 Personen (davon 100.000 Familiennachzug) in den letzten

Jahren, auf den großen Arbeitskräftebedarf zurückzuführen. 19% aller Neueinstellungen

kamen 2005 aus Nicht-EU-Staaten (einschl. Rumänien und Bulgarien). Franco

Pittau und Luca Di Sciullo prognostizierten, dass Italien in einigen Jahren den heutigen

deutschen Wert von fast 7 Millionen Ausländer erreichen werde. Italien könnte sogar

das Land mit der größten Anzahl an Migranten innerhalb der Europäischen Union

werden. Begleitet werde diese Entwicklung von einem, für die EU typischen, Rückgang

der einheimischen Bevölkerung zwischen 19 und 44 Jahren. So werde in Italien das

Geburtendefizit durch Zuwanderung ausgeglichen.

Die Struktur der Herkunftsländer unterscheidet sich in beiden Ländern erheblich.

In Italien besteht eine polyzentrische Struktur. Ein Drittel der in Italien lebenden Einwanderer

kommt aus den drei Ländern Rumänien, Albanien und Marokko. In Deutschland

dagegen bildet allein die Gruppe der Türken ein Viertel aller Ausländer. Weitere

große Einwanderergruppen in Italien kommen aus der Ukraine, China, den Philippinen.

Aus Afrika sind insgesamt 23%, aus Asien 17% und aus Amerika 11% der Immigranten.

Die Zuwanderung nach Italien weist eine starke „Dritte Welt“-Orientierung

auf, während die Ausländer in Deutschland mit 80% größtenteils aus Europa (einschl.

Türkei) stammen. Der europäische Anteil beträgt in Italien 49%.

In beiden Ländern lässt sich eine ungleiche regionale Verteilung der Ausländer

feststellen. In Italien sind wegen dem wirtschaftlichen Nord-Süd-Gefälle die Immigranten

insbesondere im Norden des Landes anzutreffen. In Deutschland hat die Tei-


lung in zwei Staaten zu einer weitgehend nur auf den Westen orientierte Zuwanderung

geführt. Das seit der Wiedervereinigung bestehende wirtschaftliche Gefälle hat

die regionale Verteilung der Ausländer gefestigt. In beiden Ländern konzentriert sich

die Migration insbesondere auf die Städte. Teresa De Bellis, Mitglied des Kölner Stadtrats

berichtete, dass in Köln über 30% der Einwohner und über 45% der Jugendlichen einen

Migrationshintergrund haben. Ein großes Problem, insbesondere in Italien, stellt die

illegale Einwanderung dar.

2. Problemfelder der Integrati on und Lösungsansätze

Einige europäische Staaten, insbesondere die ehemaligen Kolonialländer, aber auch

Deutschland, haben im Vergleich zu Italien eine längere Erfahrung mit Immigration.

Trotz dieser Erfahrung, die auch verbunden sei mit unterschiedlichen Konzepten der

Integration, so Monsignore Francesco Montenegro, Präsident der Caritas Italiana, gelten

alte Gewissheiten nicht mehr. Wir sind alle Lernende und müssen uns in großer Bescheidenheit

auf die Suche nach Wegen für eine geeignete Integrationspolitik machen.

Gerade auch deswegen begrüße er diesen deutsch-italienischen Dialog. Er unterstrich,

dass Integration zunächst immer die persönliche Beziehung von einzelnen Menschen

beinhalte, nicht Kulturen sondern einzelne Menschen begegnen sich.

Viele Herausforderungen an die beiden Länder sind ähnlich, doch bestehen auch wichtige

Unterschiede. Den beiden Ländern gemeinsam sei, dass die meisten Integrationsprobleme

weniger ethnische oder religiöse, sondern soziale Ursachen haben, so die Bundestagsabgeordnete

Lale Akgün. Eine erfolgreiche Integrationspolitik bedeute deswegen vor allem,

die strukturellen Bedingungen für mehr Chancengleichheit in Bereichen wie Schule, Arbeit,

Kultur, Politik zu schaffen. Die vorrangige Aufgabe Italiens bestehe darin, die soziale Eingliederung

der Zuwanderergeneration zu bewältigen, während Deutschland sich, abgesehen

von der Eingliederung der sogenannten „Russlanddeutschen“, die nach der Öffnung des

„Eisernen Vorhangs“ nach Deutschland kamen, den Integrationsproblemen von Migranten

der zweiten und dritten Generation stellen müsse, so Albert Schmid, Präsident des Bundesamtes

für Migration und Flüchtlinge. Marcella Lucidi, Staatssekretärin im Innenministerium, sah in

der Migrations- und Integrationspolitik eine europäische Herausforderung.

2.1 Eingliederung der ersten Generati on

Besonders dringlich sei in Italien das Angebot an geeigneten öffentlichen Dienstleistungen,

um den Immigranten die notwendigen ersten Hilfen anzubieten, so Franco

Pittau und Luca Di Sciullo. Dies betreffe insbesondere die Arbeit, die Wohnungssuche

und das Erlernen der italienischen Sprache. Als eine gute Erfahrung wurde der Einsatz

von Sprach- und Kulturmediatoren in Italien angesehen. Sie arbeiten in Behörden

(einschl. Polizei und Gerichte), Schulen und Krankenhäusern. Rodolfo Ortolani, Vize-

Generaldirektor der UniCredit Banca, unterstrich, dass auch private Dienstleistungsunternehmen,

wie auch seine Bank, Sprach- und Kulturmediatoren einsetzen und darüber

hinaus Sprachschulungen durchführen. Insgesamt sei die Eingliederung der Migranten

in Italien, auch dank der kirchlichen und gewerkschaftlichen Organisationen, gut

gelungen, so Franco Pittau und Luca Di Sciullo. 8 von 10 Einwanderern sagen, dass

sich ihre Lebensverhältnisse in Italien verbessert haben. Otfried Garbe verwies auf die

große Opferbereitschaft der neuen Zuwanderer, auch weil sie ihre Lage mit der ihres

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Heimatlandes vergleichen.

Italien sei in einer Übergangsphase, so Paolo Ferrero, Minister für Soziale Solidarität.

Er berichtete über Initiativen seiner Regierung, wie das Gesetz über den erleichterten

Zugang zur italienischen Staatsbürgerschaft, das Gesetz zur Familienzusammenführung

sowie ein neues Rahmengesetz (Amato-Ferrero-Gesetz) zur Migration. Das Rahmengesetz

soll neben dem kommunalen Wahlrecht insbesondere den legalen Zugang

nach Italien erleichtern. Das bestehende Gesetz (Bossi-Fini-Gesetz), das die Einreise

und den Aufenthalt an den Nachweis eines registrierten Arbeitsplatzes knüpft, fördere

illegale Immigration und illegalen Aufenthalt.

Nach dem neuen Amato-Ferrero-Gesetz soll, unabhängig vom Vorliegen eines Arbeitsvertrags,

eine Einreise zum Zweck der Arbeitsaufnahme möglich sein, wenn sich

eine natürliche oder juristische Person dafür verbürgt, dass dem Zuwanderer in Italien

ausreichende finanzielle Mittel zur Verfügung stehen oder wenn er diese selbst gewährleisten

kann. Minister Paolo Ferrero informierte über die Einführung eines Integrationsfonds

in Höhe von 50 Mio. Euro. Unbedingt notwendig sei, die schleppenden

bürokratischen Verfahren zu beschleunigen. Er berichtete, dass Ausländer aus Nicht-

EU-Staaten für die Verlängerung von Aufenthaltsgenehmigungen über sechs Monate

und Personen, die einen Antrag auf die italienische Staatsbürgerschaft gestellt haben,

sechs bis sieben Jahre nur auf eine erste Antwort ihrer Anfrage warten müssten. Er

forderte die italienischen diplomatischen Vertretungen in den Herkunftsländern der

Immigranten auf, ihrer Aufgabe bei der Steuerung der Zuwanderung besser gerecht

zu werden.

2.2 Integrati on von Migranten mit Bleibeabsicht

2.2.1 Sprache

Das frühzeitige Erlernen der Sprache wurde als Schlüssel zur Integration angesehen.

„Sprache ist nicht alles, aber ohne Sprache ist alles nichts“, so formulierte es

Albert Schmid. Mangelnde Sprachkenntnisse führen in den Aufnahmeländern zu weit

reichenden Beeinträchtigungen in Schule, Arbeitswelt und Gesellschaft. Staatsministerin

Maria Böhmer, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration,

und Minister Paolo Ferrero unterstrichen die zentrale Bedeutung der Förderung

der Sprachkenntnisse von Migranten. In Deutschland werden, so informierte Albert

Schmid, mit erheblichem finanziellen Aufwand, bundesweit Integrationskurse, im Wesentlichen

Sprachschulungen mit 600 Stunden, künftig 900 Stunden, nach Zielgruppen

differenziert, angeboten. Ein Großteil der finanziellen Mittel des Integrationsfonds aus

dem italienischen Staatshaushalt ist für Sprachkurse vorgesehen.

Ein Schlüssel für das bessere Erlernen der Sprache sind die Eltern. In beiden Ländern

wird diese Zielgruppe verstärkt angesprochen. Da Mütter meist die Erziehung

und Betreuung ihrer Kinder übernehmen, sollen sie beim Erlernen der Sprache besonders

unterstützt werden, so Staatsministerin Maria Böhmer. In Deutschland werden

in Kindergärten „Mamakurse“ für Deutsch angeboten. Um in Deutschland die

Eltern besser erreichen zu können, werde über Konsulate, Migrantenorganisationen

und Moscheen-Gemeinden für Sprachkurse geworben. Hierbei konnten auch türkische

Zeitungen erfolgreich einbezogen werden. Sie hoffe, damit die Hemmschwelle für die

Teilnahme an Sprachkursen zu verringern. Minister Paolo Ferrero berichtete von ver-


gleichbaren Initiativen in Italien, wie die mit der Moschee in Rom. Er regte an, eine

beliebte Fernsehsendung zur Sprachvermittlung aus den 60er Jahren, „Es ist nie zu

spät“, wieder ins Programm zu nehmen.

Die Kinder müssten vor der Einschulung die deutsche Sprache beherrschen, so

Staatsministerin Maria Böhmer. In Deutschland wird damit begonnen, im vierten Lebensjahr

mit allen Kindern, nicht nur mit denen aus Familien mit Migrationshintergrund,

Sprachprüfungen durchzuführen, um ihnen, bei festgestellten Schwächen, eine

spezifische Förderung anzubieten. Ausdrücklich wiesen beide Minister darauf hin, dass

zur Sprachförderung auch die Muttersprache gehöre. Von diesen Sprachkenntnissen

profitiere auch das Aufnahmeland. Teresa De Bellis unterstrich die große Bedeutung der

Mütter bei der bilingualen Erziehung der Kinder.

2.2.2 Schule

Die wichtigste Integrationsinstitution ist die Schule. Sie hat in beiden Staaten große

Probleme, sich dieser Herausforderung zu stellen. Die besondere Schwierigkeit in

Deutschland besteht darin, dass in immer mehr Großstadtschulen Kinder mit Migrationshintergrund

die Mehrheit bilden (durchschnittlich kommen in allen deutschen

Schulen 22% der 15-jährigen Schüler aus Migrantenfamilien). Das größte Problem in

Italien ist die rasche Zunahme von Migrantenkindern in den Schulen.

Nicht zuletzt wegen der mangelnden Sprachkenntnisse können viele Kinder dem

Unterricht nur schwer folgen. In Deutschland sind große Sprachdefizite auch bei in

Deutschland geborenen Kindern mit Migrationshintergrund festzustellen. 44% der

ausländischen Jugendlichen besucht eine Hauptschule, dagegen nur 19% der Deutschen

(in Deutschland werden die Kinder normalerweise nach einer vierjährigen Grundschule

in der Sekundarstufe I auf Hauptschule, Realschule und Gymnasium aufgeteilt). 17%

der ausländischen Schulabgänger erreicht gar keinen Abschluss, gut doppelt so viele

wie Deutsche. Leider haben italienische Kinder, auch im Vergleich zu anderen Migrantenkindern,

größere schulische Probleme, so Staatsministerin Maria Böhmer. Die PISA-

Studien der OECD zeigen, dass in Deutschland, im Vergleich zu anderen Staaten, der

Schulerfolg stärker von dem sozialen Status der Eltern abhängt und auch die Schulleistungen

der Migrantenkinder schlechter sind.

Deswegen werden in Deutschland Initiativen zur Stärkung der Lernbereitschaft

von Migrantenkindern gefördert, so Staatsministerin Maria Böhmer. Hierzu gehöre eine

geeignete Lehrerausbildung wie eine bessere Ansprache der Eltern. Ähnlich dem Modell

der Kulturmediatoren in Italien sollen in Deutschland so genannte „Bildungspaten“

geschaffen werden. Diese sollen Kindern mit Migrationshintergrund während ihrer

schulischen und beruflichen Laufbahn zur Seite stehen, wenn Eltern wegen mangelnder

Sprachkenntnisse oder wegen Unkenntnis über das Schulsystem und die folgenden

Berufsmöglichkeiten dies nur ungenügend leisten können. Wichtig ist eine aktive Beteiligung

der Eltern in der Schule, wie z.B. durch die Teilnahme an Elternabenden. Die

Migrantenorganisationen in Deutschland haben zugesagt, sich bei der Ansprache der

Eltern zu beteiligen. Angesichts der vergleichsweise größeren schulischen Probleme

italienischstämmiger Kinder berichtete Staatsministerin Maria Böhmer von Gesprächen

mit dem italienischen Botschafter Puri Purini in Berlin. Um die Lernprobleme dieser

Kinder überwinden zu helfen, wurden Regionalkonferenzen vereinbart, die sich insbesondere

an italienische Eltern wenden sollen.

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Ein großes Problem in Italien sei der vorzeitige Schulabgang von über 25% der

Kinder aus Zuwandererfamilien, so Minister Paolo Ferrero. In Zusammenarbeit mit dem

Bildungsministerium sollen geeignete Initiativen entwickelt werden. Die italienische

Schule bekenne sich klar zum integrativen Ansatz, so Vinicio Ongini, Berater im Bildungsministerium.

Dies bedeute eine enorme Herausforderung, angesichts der schnellen

Zunahme von ausländischen Kindern mit oft nur unzureichenden Kenntnissen der italienischen

Sprache. Besondere Probleme ergeben sich dabei bei älteren Schülern, die im

Zusammenhang mit der Familienzusammenführung ohne jede Sprachkenntnisse in höhere

Klassen eingeschult werden. Vinicio Ongini berichtete über fünf Handlungslinien.

Sie betreffen die Ausbildung der Schulleiter der Schulen, den Einsatz von 700 Lehrern

für Italienisch als Zweitsprache, die vom normalen Unterricht ganz oder teilweise befreit

werden und auch als Sprachmediatoren tätig sein sollen, die Förderung von Eltern

und ihren Familien in Erwachsenenbildungszentren, die Überarbeitung der Kurrikula,

insbesondere in Geschichte und Erdkunde, und den Ausbau des internati onalen Erfahrungsaustauschs

zwischen Zuwanderungsländern (Konferenz im Oktober) und Herkunftsländern

(im Juni mit Rumänien).

Die Schule hat auch als Ort der kulturellen Begegnung in den Stadtteilen eine

bedeutende Integrationsfunktion, da sie über die Kinder die Familien mit Migrationshintergrund

erreichen kann. Notwendig hierzu ist, dass die Eltern sowie Initiativen

von und für Migranten in den Schulalltag eingebunden werden. Gute Erfahrungen hat

hiermit die Caritas Italiana gemacht. Die gleichberechtigte Förderung der Mädchen

aus muslimischen Familien wurde gefordert. Ein Problem ist die Weigerung einiger

Eltern, ihren Töchtern die Teilnahme an Klassenfahrten und koedukativem Sportunterricht

zu erlauben. Notwendig ist, so Staatsministerin Maria Böhmer, dass vermehrt

Lehrerinnen und Lehrer mit Migrationshintergrund eingestellt werden. Sie informierte

über eine diesbezügliche Verabredung mit den hierfür zuständigen Bundesländern.

2.2.3 Ausbildung und Beruf

Schwache schulische Leistungen verschließen vielen Migrantenkindern den Weg

in höherwertige Ausbildungsberufe, zum Studium und damit zu anspruchsvolleren Berufen.

Für viele ist die Arbeitslosigkeit vorprogrammiert. Die Arbeitslosenquote der

ausländischen Jugendlichen in Deutschland ist doppelt so hoch wie die der deutschen

Jugendlichen. Nach einer IRES/CGIL-Studie erreichen in Italien nur 35% einen beruflichen

Aufstieg (Frauen nur 11,4%). Die Probleme sind in Deutschland gravierender,

weil unqualifizierte Arbeitskräfte, im Unterschied zu den 60er und 70er Jahren, nicht

mehr gesucht werden. Die Situation auf dem deutschen Ausbildungsmarkt ist schwierig.

Schlimm ist, so Staatsministerin Maria Böhmer, dass 40% der Jugendlichen aus Zuwandererfamilien

keinen Berufsabschluss nachweisen können.

Ohne qualifizierte berufliche Bildung haben die Jugendlichen aus Familien mit Migrationshintergrund

nur geringe Chancen auf eine berufliche Perspektive. Eine sehr

große Bedeutung hat in Deutschland die dreijährige betriebliche Ausbildung, die in

Verbindung mit der Berufsschule durchgeführt wird. Wolfgang Fehl vom „Netzwerk Integration

durch Qualifizierung“ berichtete von einem Projekt in Köln, dem es gelang,

die Ausbildungsquote von Jugendlichen aus Familien mit Migrationshintergrund

stark zu erhöhen. Er unterstrich die Notwendigkeit der Ansprache der Jugendlichen,

der Eltern, der Multiplikatoren sowie der Migrantenorganisationen und Unterneh-


men. Gezielte Informationskampagnen, direktes Herangehen an Unternehmen über

die Kammerorganisationen und Beratungsstellen in Konsulaten hatten geholfen, den

Anteil von ausländischen Auszubildenden von 4% auf 18% in Köln zu erhöhen. Diese

positiven Erfahrungen haben ihren Niederschlag im „Nationalen Integrationsplan“ der

Bundesregierung gefunden, so Wolfgang Fehl.

Staatsministerin Maria Böhmer stellte fest, dass in den Firmen das Bewusstsein wachse,

kulturelle Vielfalt und Mehrsprachigkeit als Chance für ihr Unternehmen zu erkennen,

und berichtete von einer Initiative zur Verbesserung der Einstellungschancen von

Jugendlichen aus Familien mit Migrationshintergrund. Ein wichtiger Erfolg sei die Zusage

ausländischer Unternehmensverbände, bis 2010 10.000 neue Ausbildungsplätze zu

schaffen. Italien müsse sich in naher Zukunft mit vergleichbaren Problemen auseinandersetzen,

denn, so Minister Paolo Ferrero, die zweite und dritte Generation der heute in Italien

lebenden Immigranten werden nicht mehr bereit sein, die niedrig dotierten Arbeiten

ihrer Eltern und Großeltern zu übernehmen. Dies werde ein großes Problem für den

stark segmentierten italienischen Arbeitsmarkt sein. Eine wichtige berufliche Perspektive

sei für viele Migranten die Selbständigkeit, so Rudolfo Ortolani. Er verwies auf die

meist geringen Eigenmittel und die Probleme der Kreditaufnahme dieser Personengruppe.

Selbständigkeit sei im Übrigen ein wichtiger Schritt zur Integration.

2.2.4 Stadtentwicklung und Wohnungssituati on

In Italien besteht auch wegen der starken Zuwanderung eine große Nachfrage

nach Wohnraum. Der italienische Wohnungsmarkt ist geprägt von einer hohen Eigentumsquote

(ca. 80%) und einem geringen Anteil von Sozialwohnungen (nur 5% der

Wohnungen sind in öffentlicher Hand). Nach einer Umfrage des Verbandes der Wohnungseigentümer

in zwölf italienischen Städten sind 57% der Vermieter nicht bereit

ihre Wohnung an Migranten zu vermieten. Vor diesem Hintergrund müssen viele Migranten

mit sehr beengten Wohnverhältnissen zurecht kommen. Oft sind sie gezwungen,

überhöhte Mieten für unzulängliche Wohnungen zu bezahlen. Deswegen ist der

Bedarf an Wohnungseigentum sehr stark, so Rudolfo Ortolani. Das Problem ist jedoch,

dass angesichts steigender Wohnungspreise (50% in den letzten 5-6 Jahren) und der

meist unregelmäßigen Einkommen der Migranten erhebliche Finanzierungsprobleme

bestehen. Deswegen regte er die Schaffung von Garantiefonds der öffentlichen Hand

(Kommunen, Regionen) an, um die Finanzierung von Wohneigentum besser sichern

zu können. Derzeit gehen 16% der Wohnungsdarlehen an Ausländer (für 2008 werden

20% geschätzt). Minister Paolo Ferrero berichtete, dass 50% des Integrationsfonds der

Wohnungsförderung und Stadtentwicklung dienen soll, um der Gefahr der Gettoisierung

entgegenzuwirken.

In Deutschland sind in einigen Ballungsgebieten, Stadtviertel mit hohen Migrantenanteilen

zu beobachten. Diese Segregation zwischen Einheimischen und Bürgern

mit Migrationshintergrund vergrößert die kulturelle und soziale Kluft und führt zu

Parallelgesellschaften, so Albert Schmid. Lale Akgün wies in diesem Zusammenhang

darauf hin, dass die Segregation wesentlich sozialer Natur sei, da diese Stadtviertel

von meist armen und arbeitslosen Menschen bewohnt werden. Um der Gettoisierung

entgegen zu wirken, sei auch eine umfassende Stadtentwicklungspolitik notwendig, so

Stadträtin Teresa De Bellis. Stadtentwicklungspolitik sei eine Querschnittsaufgabe, die

des Einsatzes unterschiedlicher Maßnahmenbereiche bedürfe: über die Zuweisung von

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sozialen Mietwohnungen, sofern genügend städtische Wohnungen vorhanden sind,

könne ein Beitrag zur Bevölkerungsvielfalt geleistet werden; durch die Förderung von

Eigenheimen könne die Sozial- und Altersstruktur verbessert werden; über eine aktive

Infrastrukturpolitik, wie gepflegte und sichere Straßen, einen gut erreichbaren

öffentlichen Personennahverkehr, Schulen, Gesundheitsdienste und Bildungsangebote,

könne das Stadtviertel an Wert und Anerkennung gewinnen. Wichtig für die Stadtentwicklung

sei es, Chancen der Partizipation zu schaffen, damit sich auch die Bürger

mit Migrationshintergrund mit ihrem Stadtviertel identifizieren können, z.B. durch

Stadtteilfeste. Die Städte, betonte Teresa De Bellis, gewinnen durch Internationalität

und Mehrsprachigkeit ihrer Bewohner. Franco Pittau und Lucio Di Sciullo plädierten für

die Stadt der Zukunft mit den drei „I“: international, interkulturell und interreligiös.

3. Zielvorstellung von Integrati onspoliti k

Integration sei Teilhabe, so Staatsministerin Maria Böhmer, und aktive Integrationspolitik

bedeute deswegen, Rahmenbedingungen für Chancengleichheit für die Bürger

mit Migrationshintergrund zu schaffen. Ihnen müsse aber auch das Gefühl vermittelt

werden, dass sie als Teilhaber der Gesellschaft erwünscht sind. Grundlage für das

Zusammenleben müsse die Akzeptanz der in der Verfassung formulierten Werteordnung

sein, so Minister Paolo Ferrero. Dies beinhalte im Übrigen nicht nur die Wahrnehmung

von Rechten, sondern auch die Übernahme von Pflichten. Integration ist eine

umfassende Aufgabe von Politik und Gesellschaft. Ergebnis eines breiten Dialogs in

Deutschland, an dem insbesondere auch Vertreter der Migranten beteiligt waren, sei

der deutsche „Nationale Integrationsplan“, der am 12. Juli 2007 von der Bundeskanzlerin

vorgestellt werde, so Staatsministerin Maria Böhmer. Mit ihm werde eine nachhaltige

Integrationspolitik in Deutschland eingeleitet. Monsignore Francesco Montenegro

unterstrich die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Konsens und kritisierte

parteipolitisch und ideologisch motivierte Auseinandersetzungen. Jean Leonard Touadi,

Beigeordneter der Stadt Rom, bedauerte, dass die italienische Politik nicht wisse, welchen

Weg der Integrationspolitik sie gehen wolle.

3.1 Bereitschaft zur Aufnahme in die Gesellschaft

Deutschland habe sich lange der Einsicht widersetzt, ein Einwanderungsland zu sein,

so Staatsministerin Maria Böhmer. Auch die italienische Bevölkerung, so Minister Paolo

Ferrero, habe weitgehend den Wandel ihres Landes vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland

noch nicht wahrgenommen. Es bestehe ein ambivalentes Verhältnis. Einerseits

wissen die Italiener um den Bedarf an Arbeitskräften, andererseits wehren sich viele

gegen die Präsenz von Ausländern. Jean Leonard Touadi kritisierte die Vorstellung, dass

Migranten nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses das Land verlassen müssten. Dahinter

stehe eine ablehnende Haltung gegenüber diesen Menschen und ihren Familien.

Er kritisierte den Erinnerungsverlust der italienischen Gesellschaft gegenüber den Erfahrungen,

die früher die italienischen Auswanderer gemacht hatten.

Nach einer repräsentativen Umfrage von Eurobarometer in 31 europäischen Städten

glaubten 2004 an eine insgesamt gelungene Integration: in Berlin nur 34%, in

München 48%, in Rom 52% und in Turin wiederum nur 38%. Vorurteile, Probleme

vor Ort und zum Teil situationsbezogene Stimmungen lösen bei der einheimischen


Bevölkerung gegenüber den Migranten Skepsis und Befürchtungen aus. Diese Haltung

gegenüber Einwanderern wird in der 15. Shell-Studie auch für deutsche Jugendliche

bestätigt. Statt 48% im Jahr 2002 lehnten im Jahr 2005 bereits 58% der befragten Jugendlichen

eine weitere Zuwanderung ab. Oft wird mit den Ausländern höhere Kriminalität

verbunden. Nach einer repräsentativen Umfrage von SWG aus dem Jahre 2005

glaubten 58% der Italiener, dass die Immigranten stärker in Straftaten verwickelt seien.

Staatssekretärin Marcella Lucidi, wies darauf hin, dass ein Großteil der Kriminalität von

illegal im Land lebenden Migranten ausgeht und gut integrierte Menschen weniger zu

kriminellen Taten neigen.

Auf Seiten der einheimischen Bevölkerung besteht ein starker Anpassungsdruck gegenüber

den Migranten. Nach einer Umfrage des deutschen Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung

erwarten 87% der Einheimischen, dass Ausländer, die sich länger in

Deutschland aufhalten wollen, Sprache, Bräuche und Regeln des Landes lernen sollten.

Demgegenüber, so Albert Schmid, besteht die Tendenz, dass die Migranten und insbesondere

die Jugendlichen der zweiten und dritten Generation sich oftmals stärker in ihre

nationale Gemeinschaft zurückziehen. Viele Migranten empfinden einen Mangel an Aufnahmebereitschaft,

teilweise sogar Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in der sie umgebenden

Gesellschaft. Nach einer Umfrage der UIL unter 3.000 Immigranten in Latium

beklagen sich ein Drittel über die mangelnde Aufnahmebereitschaft der italienischen

Mitbürger. Nach der Shell-Studie empfinden 63% der ausländischen Jugendlichen in

Deutschland Benachteiligungen. Bezogen auf das Arbeitsleben belegt eine IRES/CGIL-

Studie, dass sich in Italien 60% der Ausländer am Arbeitsplatz diskriminiert fühlen. Nach

wie vor sind in beiden Ländern Formen der Diskriminierung in Schule, Hochschule, in

Verwaltungen und Betrieben sowie bei öffentlichen Dienstleistungen zu beobachten. In

beiden Ländern gibt es Nottelefone und öffentlich Beauftragte, die in konkreten Fällen

helfen. Entscheidend sei jedoch, über präventive Maßnahmen, wie Kampagnen, das Bewusstsein

der Menschen zu beeinflussen, sagte in der Diskussion die Richterin Paola Lucarelli

des Antirassismusbüros der italienischen Regierung (UNAR).

Deutschland verdanke, so Staatsministerin Maria Böhmer, den italienischen Zuwanderern

ein Stück Wohlstand und Lebenskultur. Die einheimische Bevölkerung dürfe die

Menschen mit Migrationshintergrund nicht länger als eine Bedrohung wahrnehmen,

sondern sollte sie als einen Gewinn für das eigene Land erkennen lernen, ein Mentalitätswechsel

sei erforderlich. Lale Akgün wies darauf hin, dass viele Migranten sich

in der Gesellschaft nicht aufgenommen fühlen. Minister Paolo Ferrero beklagte, dass

viele dazu neigen, den einzelnen Migranten gemäß seiner ethnischen Herkunft einem

Klischee von Identität zuzuordnen und unterstrich die individuelle Pluralität des Menschen.

Gerade die Kinder von Zuwanderern, die in der neuen Heimat aufgewachsen

sind, fühlten sich durch diese Vorurteile ausgegrenzt. Staatsministerin Maria Böhmer

berichtete über einen in Berlin kürzlich abgehaltenen Jugendintegrationsgipfel, auf

dem sich Vertreter ausländischer Jugendlicher gewünscht hatten von den Deutschen

ein größeres Gefühl der Zugehörigkeit zu erfahren.

3.2 Entwicklung von Heimatgefühl

In Deutschland habe man in den letzten Jahren zu sehr ein Nebeneinander der Kulturen

zugelassen, so Staatsministerin Maria Böhmer. Notwendig sei die Förderung eines

echten Miteinanders. Sie unterstrich, dass gleichberechtigte Teilhabe mit der Bereit-

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schaft, Verantwortung für die neue Heimat übernehmen zu wollen, einher gehen müsse.

Teresa De Bellis betonte die Bedeutung des Heimatgefühls für das bürgerschaftliche

Engagement. Dies gelte ganz besonders für das eigene Wohnumfeld. Beängstigend sei,

dass gerade Jugendliche der dritten Generation, auch mangels persönlicher Perspektiven

(hohe Jugendarbeitslosigkeit), sich in ihre ethnische Gemeinschaft flüchten. Jean

Leonard Touadi verwies auf die Notwendigkeit, den Kindern aus den Zuwanderfamilien,

insbesondere den in der neuen Heimat geborenen, über die Staatsbürgerschaft

die Zugehörigkeit zu ihrer neuen Heimat zu vermitteln. Staatssekretärin Marcella Lucidi

machte darauf aufmerksam, dass Kinder aus Familien mit unsicherem aufenthaltsrechtlichen

Status Aversionen gegen das Land in dem sie aufwachsen entwickeln.

Wichtig für die Entwicklung von Heimatgefühl ist, neben der (beruflichen) Lebensperspektive,

das menschliche Miteinander, das der Einzelne mit seinem Umfeld verbindet.

Immerhin pflegen, nach einer Untersuchung des deutschen Zentrums für Türkeistudien,

40% der Menschen mit türkischem Migrationshintergrund freundschaftliche

Beziehungen mit Deutschen. Nach einer Untersuchung im Auftrag des Bundesfamilienministeriums

beteiligen sich 61% der Migranten außerhalb von Familie und Beruf

aktiv an Vereinen, Gruppen und Organisationen. Jean Leonard Touadi verwies auf positive

Erfahrungen von Integration in der italienischen Gesellschaft, die zum Ausgangspunkt

für eine italienische Integrationspolitik gemacht werden sollten.

3.3 Wertekonsens und Identi tät

Die Basis für das Zusammenleben sind die in der Verfassung verankerten Grundwerte,

so Staatssekretärin Marcella Lucidi, in ihren die Konferenz abschließenden Worten.

Sie informierte über die unter Federführung des Innenministeriums in Erarbeitung

befindliche „Charta der Werte, der Staatsbürgerschaft und der Integration“ (Carta dei

Valori della Cittadinanza e dell’Integrazione), die im Dialog mit Vertretern von Migranten

und Religionsgemeinschaften formuliert werde. Es gehe um europäische Werte wie

Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Toleranz, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit

und Gleichberechtigung, so Staatsministerin Maria Böhmer. Teresa De Bellis unterstrich

die Bedeutung der Chancengleichheit von Frauen und Mädchen, deren Durchsetzung

oft vernachlässigt werde. Integration als gleichberechtigte Teilhabe erfordert

von allen Beteiligten die Identifikation mit den Grundwerten des Landes, in dem sie leben

wollen. Die Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft werde insofern in Deutschland

als Ausdruck einer gelungenen Integration angesehen, so Albert Schmid.

Ein Bekenntnis zu einem europäischen Islam machte Anas Breigheche, Vorsitzender

der „Jungen Muslime Italiens“, der sich als ein italienischer Muslim bezeichnete. Der

Islam dürfe nicht als etwas uneuropäisches angesehen werden, zumal in Europa 30 Millionen

Muslime leben. Große Anstrengungen seien erforderlich, die Vorurteile auf beiden

Seiten abzubauen. Er berichtete von den Schwierigkeiten in denen sich Jugendliche

befinden, die sich zum muslimischen Glauben bekennen und zwischen den Traditionen

ihrer eingewanderten Eltern und Großeltern sowie ihrer italienischen Umgebung stehen.

Staatsministerin Maria Böhmer informierte über die Deutsche Islamkonferenz, zu

der Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble eingeladen hatte. Muslimischer Religionsunterricht

und der Bau von Moscheen müssten, sofern bestimmte Regeln eingehalten

werden, ermöglicht werden. Minister Paolo Ferrero sprach sich für ein neues Gesetz

zur Religionsausübung in Italien aus und erinnerte daran, dass das gegenwärtige Ge-


setz über die „zugelassenen Kulte“, das sich mit den nicht-katholischen Religionsgemeinschaften

befasst, aus dem Jahr 1929 stammt.

Zwischen der Akzeptanz von Grundwerten der Verfassung und der Übernahme von

landesüblichen Bräuchen müsse klar unterschieden werden, so Minister Paolo Ferrero. Gerade

weil sich Bräuche und Lebensgewohnheiten ändern würden, müsse die Gesellschaft

hier Toleranz zeigen. Seine Großmutter habe beispielsweise noch ein Kopftuch getragen.

Staatssekretärin Marcella Lucidi definierte Integration als Interaktion, die die Entfernung

zwischen dem Einheimischen und dem Migranten verkürze. Bruno Ducoli vom Zentrum

zur Förderung der Interkulturalität in Gargnano, warnte davor, die Verteidigung der eigenen

Identität zu einem Kampfbegriff („identità assassine“) zu machen. Jede Kultur und somit

Identität beruhte schon immer auf einem ununterbrochenen Prozess des kulturellen Im-

und Exports. Europa, das der Menschheit die Menschenrechte geschenkt habe, konnte erst

nach viel gegenseitigem Hass und zwischenstaatlichen Kriegen über den Dialog, unter Respektierung

der Verschiedenheiten, zur Einheit finden. Bruno Ducoli: „Die Gesellschaft der

Zukunft ist die, welche zu vereinen weiß, ohne zu vermischen, und welche zu unterscheiden

weiß, ohne zu trennen“.

3.4 Herausforderungen an Politi k und Gesellschaft

Nicht zuletzt wegen der demografischen Entwicklung ist Europa langfristig auf Zuwanderung

angewiesen. Die europäischen Staaten werden die Integration von Menschen

aus anderen Kulturkreisen gestalten müssen. Die Frage des sozialen Zusammenhalts wird

damit zu einer zentralen Herausforderung unserer Gesellschaften. Die zweite strategische

Aufgabe gilt der Förderung der Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund. Sie

sind, wie alle Kinder, das Zukunftspotential unserer Gesellschaften.

Celio Azzurro – „Eine besondere Begegnung“ mit der

deutschen Staatsministerin für Migrati on, Maria Böhmer

Daniele Valli, Leiter des Interkulturellen Didakti schen Zentrums Celio Azzurro

Celio Azzurro ist ein Ort, an dem man gelernt hat aufzunehmen, d.h. hier wurde

sogar aus der Aufnahme ein Schwerpunkt der eigenen pädagogischen Arbeit gemacht.

Meist stehen Kinder und ihre Familien im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, andere Male

entdecken interessierte Jugendgruppen, was hier passiert, und mehrmals im Jahr geht es

hier um unsere Brüder und „Weggenossen”, die „Kulturmediatoren“ des Forums.

Diesmal haben wir eine Ministerin bei uns „aufgenommen“ und zwar keine Geringere

als die Staatsministerin für Migration der Bundesrepublik Deutschland, Frau

Maria Böhmer.

Da wir davon überzeugt sind, dass bei Aufnahme vor allem auch die Gefühlswelt

angesprochen werden muss, auch weil wir überzeugt sind, dass die Gefühle überall auf

der Welt, in jedem Alter, in jeder sozialen Klasse und in jeder sozialen „Rolle“ gleich

sind, haben wir die Staatsministerin mit der gleichen Einfachheit, der gleichen Herzlichkeit

und Freude begrüßt, mit der wir alle aufnehmen.

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Das machte die Begegnung sofort dynamisch und inoffiziell. Die Staatsministerin

und ihre Delegation hatten um dieses Treffen gebeten, um besser verstehen zu können,

wie die Caritas, das „Forum per l’intercultura” (Interkulturelles Forum) der Caritas und

auch die ganz kleine didaktische und interkulturelle Struktur „Celio Azzurro“ (ebenfalls

eine Einrichtung der Caritas) im interkulturellen Bereich arbeiten.

Der Direktor der Diözesanscaritas, Monsignore Guerino Di Tora und vier kulturelle

Mediatoren des Forum per l’intercultura: Luci Zuvela (Verein der slawischen Frauen,

LIPA), Calo Palanti (Verein der Brasilianer in Italien), Godwin Chuckwu (Verein

Baobab) und Ejaz Ahmad (Redakteur der Zeitung für Pakistani in Urdu) informierten

unseren Gast über die Lage in Rom. Ich selbst nahm in zwei Funktionen, nämlich als

Mediator und Sprecher von Celio Azzurro, teil.

Zu Beginn der Diskussion stellte Mons. Di Tora unserem Gast die verschiedenen

von der Caritas organisierten und unterstützten Dienstleistungen für die Migranten

vor. Die Caritas begann Anfang der achtziger Jahre mit dem Angebot von Dienstleistungen

für die Zuwanderer, einmal, um ihre Probleme kennenzulernen und sie der

Öffentlichkeit bekannt zu machen, zum anderen, um bedürftigen Zuwanderern im

Rahmen einer ersten Anlaufstelle konkrete Hilfe (Essen, Unterkunft, medizinische

Versorgung, Kleidung, usw. bekamen) und im Rahmen einer zweiten Aufnahmephase

(Sprachkurse, Berufsausbildung, Arbeitssuche, Beratungen verschiedenster Art) anzubieten.

Außerdem wurden die Behörden bezüglich verschiedener Erfordernisse angesprochen

und Beiträge zur Weiterentwicklung der Gesetzgebung zur Eingliederung

von Zuwanderern gemacht. Dazu kamen noch vom „Forum per l’intercultura“ Initiativen

zur Sensibilisierung der Bevölkerung und zugunsten der interkulturellen Bildung. Es

handelt sich hierbei um ein Sonderprogramm, das die Caritas mit Unterstützung von

italienischen und Migrantenvereinen durchführt.

Nachdem mir das Wort erteilt wurde, versuchte ich unseren Gesprächspartnern

die Werte und Gründe zu erklären, die Celio Azzurro dazu veranlassen, dem Anderssein

eine besondere Bedeutung zu geben und gleichzeitig dabei zu helfen, sich der eigenen

Wurzeln zu besinnen. Ich wollte vor allem hervorheben, dass, wenn die spezifischen

Entwicklungszeiten und Besonderheiten jedem Kind und seiner Familie zugestanden

werden, ein kleines Wunder geschehen kann, nämlich das Entstehen einer Gemeinschaft

in Handeln und Fühlen, d.h. ein Netz der Zuneigungen, das es jedem erlaubt, sich

in einer Gesellschaft, die oft fremd und manchmal sogar feindlich erscheint, nicht mehr

alleine zu fühlen. Ich sagte weiterhin, dass diese Erfahrung verbreitet werden müsste

und dass dies über das Forum per l’intercultura erfolgt.

An diesem Punkt meldete sich Carlo Palanti zu Wort, der der deutschen Delegation

mit Engagement genau erklärte, wie und in welchem Umfeld das Forum tätig ist und

vor allem, welche Aufgaben ein „Kulturmediator“ hat. Wir stellten dann das Modell der

interkulturellen „Mediation“ mit seinen drei Phasen vor: in der ersten Phase geht es um

die Förderung der Begegnungen zwischen den verschiedenen „Welten” und Kulturen;

in der zweiten Phase um das sich gegenseitig Kennenlernen und in der dritten Phase

um den persönlichen Austausch und damit um eine veränderte Einstellung.

Unser Gast dankte uns für den „Berg“ an wertvollen Informationen, und fragte die

anderen Mediatoren, weshalb sie diesen „Beruf“ gewählt hatten und wie viel Zeit sie am

Tag für ihn verwenden.

Ejaz Ahmad erklärte, was er unter interkultureller Mediation versteht. Er sag-


te, dass Italien noch viel aufzuholen habe, mehr als es in der Begegnung deutlich geworden

wäre. Er wies darauf hin, dass manchmal einige tief verwurzelte kulturelle

Unterschiede (z.B. Polygamie, Zwangsehen, usw.) in den verschiedenen Ländern das

spannungsfreie und positive Erleben gemeinsamer Erfahrungen erschweren können.

Godwin Chuckwu sprach dann als erfahrener Kulturmediator des Forum per

l’intercultura von seinen Anfängen als Kulturmediator als er fast gar nicht wusste, was

eigentlich die europäischen Kulturen von denen des afrikanischen Kontinents unterscheiden.

Er ist überzeugt, dass man die Geschichte und das kulturelle Erbe, die ein

Volk und ein Land reich machen, kennenlernen muss. Nur so kann man den Leuten

verständlich machen, dass es keine Länder mit mehr oder weniger Geschichte oder

Kultur gibt, sondern sich diese nur unterschiedlich entwickelt haben.

Frau Staatsministerin Böhmer fragte uns alle dann, was in der Vergangenheit hätte

anders gemacht werden können und welche Pläne wir für die Zukunft hätten. Luci

Zuvela wies darauf hin, dass es in der Vergangenheit zu wenig Begegnungsstätten gegeben

und dass man die Kulturenvielfalt nicht genügend geschätzt habe. Eine bessere

Kenntnis des Anderen hilft, das größte Hindernis für friedliches Zusammenleben, die

Angst, zu beseitigen.

Bei der Verabschiedung von der Staatsministerin unterstrichen wir alle wie im

Chor, dass in der heutigen Zeit ein interkultureller Ansatz nicht nur das Zusammenleben

mit Menschen aus fernen Ländern fördere, sondern auch die Voraussetzung für

positive Beziehungen zwischen ihnen sei - egal woher sie kommen.

Celio Azzurro ist ein Interkulturelles Zentrum, in dem ausländische und italienische Kinder

von drei bis sechs Jahren aufgenommen werden. Das Zentrum, das von einer Gruppe Erzieher

des gleichnamigen Vereins geleitet wird, die in verschiedenen Bereichen mit Minderjährigen arbeiten

und neuen interkulturellen Themen gegenüber besonders aufgeschlossen sind, konnte am

1. Juni 1990 dank der Finanzierung durch die Stadt Rom eingeweiht werden. Celio Azzurro war

das erste interkulturelle Zentrum für Migrantenkinder in Italien. In den letzten siebzehn Jahren

wurde das Zentrum von über siebenhundert Kindern aus fünf Kontinenten besucht. Das Ziel ist,

Zeugnis dafür abzulegen, dass im Zeichen der gegenseitigen Achtung, des Austauschs und vor

allem der Aufwertung anderer Kulturen mit den Migrantenkindern und ihren Familien ein Zusammenleben

möglich ist. Das Zentrum arbeitet mit dem Forum per l’intercultura zusammen und

arbeitet mit diesem Ausbildungswege aus, die vor allem, aber nicht ausschließlich, für Schulen

und Sozialarbeiter gedacht sind. In den Ausbildungsabläufen sind „emotionale Beziehungen“ das

beste Instrument für die Begegnung, das gegenseitige Kennen- und Schätzen lernen sowie das

Zuhören und Entdecken. Auf dieser Grundlage sehen die Laboratorien eine direkte Beteiligung

der Kinder und Lehrer durch Lesen, Diskussionen, Vergleiche, Rollenspiele und Gruppenarbeit

vor.

(Centro didattico interculturale Celio Azzurro, salita S. Gregorio al Celio, 3, Rom: Tel./Fax

06 7004271- celioazzurro@tiscali.it - www.celioazzurro.org).

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Politi sche Beiträge

Keine Einwanderung ohne Integrati onspoliti k

Der europäische Rahmen für die Integrati on

Franco Fratti ni, Vizepräsident der Europäischen Kommission

In den letzten zehn Jahren ist die Einwanderung zu einem prioritären Thema

auf der internationalen und der europäischen Agenda geworden. Alljährlich werden

2,2 Millionen Aufenthaltsgenehmigungen für Drittstaatsangehörige erteilt, die in der

EU leben möchten – um eine Erwerbstätigkeit auszuüben, aus Gründen der Familienzusammenführung,

für Forschungszwecke oder um ein Studium zu absolvieren. Im

Januar 2006 hielten sich 18,5 Millionen Bürger von Nicht-Mitgliedstaaten, d.h. 3,8%

der Gesamtbevölkerung, legal in der EU auf.

Eins wird immer klarer: In allen EU-Staaten besteht – wenn auch in unterschiedlichem

Maße – ein Problem, das ein gemeinsames Vorgehen erfordert. Dies gilt insbesondere,

seit der gemeinsame Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts geschaffen

und die Kontrollen an den Binnengrenzen aufgehoben wurden. Die Migranten spielen

in der EU-Wettbewerbsstrategie eine entscheidende Rolle; gleichwohl können sie ihr

Potenzial nur dann vollständig ausschöpfen, wenn ihnen Gelegenheit geboten wird, sich

in die Gesellschaft und Wirtschaft des Aufnahmelandes zu integrieren. Deshalb gehört

die Integration von Einwanderern, die sich rechtmäßig im EU-Gebiet aufhalten, zu den

Hauptprioritäten und ist ein Schlüsselelement der umfassenden Migrationspolitik der

EU. 1 Entsprechend der EU-Agenda geht die Entwicklung von Maßnahmen zur Förderung

der legalen Migration mit Fortschritten auf dem Gebiet der Integration einher.

In den Schlussfolgerungen des Rates vom Juni 2007 zur Stärkung der Integrationspolitik

in der Europäischen Union durch Förderung von Einheit in der Vielfalt haben

die Regierungen der Mitgliedstaaten auf die zusätzliche Verknüpfung von Einwanderungs-

und Integrationsmaßnahmen hingewiesen.

Gleichzeitig ist die Konsolidierung der Rechtsvorschriften zu den Einreise- und

Aufenthaltsbedingungen von Drittstaatsangehörigen für einen kohärenten Integrationsansatz

der EU unverzichtbar. Verschiedene Aspekte, wie Familienzusammenführung,

langfristige Aufenthaltsberechtigung und Anerkennung von Drittstaatsangehörigen

oder Staatenlosen als Personen, die internationalen Schutz benötigen, sind

bereits geregelt. Wie im strategischen Plan zur legalen Einwanderung angekündigt,

haben wir unlängst zwei Legislativvorschläge unterbreitet: einen Vorschlag für eine

allgemeine Rahmenrichtlinie, in der die Grundrechte von zugewanderten Arbeitnehmern

in der EU festgelegt sind, und einen Vorschlag für eine Richtlinie betreffend die

Einreise- und Aufenthaltsbedingungen von hochqualifizierten Zuwanderern.

Ich werde mich hier auf einige zentrale Bestandteile der EU-Integrationspoli-

(1) Schlussfolgerungen des Vorsitzes über eine umfassende Migrati onspoliti k, Europäischer Rat

vom 14./15. Dezember 2006 in Brüssel, htt p://www.consilium.europa.eu/ueDocs/cms_Data/docs/

pressData/de/ec/92202.pdf


tik, wie sie in diesem Kontext umgesetzt wird, konzentrieren. Insbesondere werde ich

darstellen, welche konkreten Maßnahmen und Projekte wir durchgeführt haben und

welche Instrumente und Ressourcen wir künftig einsetzen wollen, um den absehbaren

Integrationsproblemen zu begegnen.

Entwicklungen bei der Zusammenarbeit und dem Austausch bewährter

Verfahren im Bereich der Integrati on

Gemäß dem Haager Programm von 2004 ist es erforderlich, die nationalen Integrationsmaßnahmen

umfassender zu koordinieren und die einschlägige Tätigkeit der

EU auf gemeinsame Grundprinzipien zu stützen. Der Rat verabschiedete im November

desselben Jahres elf Gemeinsame Grundprinzipien (GGP) für die Politik der Integration

von Einwanderern in der Europäischen Union 2 und die Kommission unterbreitete

im September 2005 eine „Gemeinsame Integrationsagenda“ 3 , die einen Rahmen für die

Integration von Drittstaatsangehörigen in der EU vorgibt. Der Rat unterstützte in

seinen Schlussfolgerungen zur Gemeinsamen Agenda deren allgemeine Leitlinien und

betonte, dass es erforderlich sei, stärker einen gemeinsamen Ansatz für Integrationsstrategien

und -maßnahmen zu verfolgen. 4 Die Gemeinsame Agenda enthält konkrete

Maßnahmen zur Umsetzung der Gemeinsamen Grundprinzipien und bietet eine Reihe

europäischer Rechtsinstrumente, um diesen Prozess zu erleichtern, in dessen Verlauf

ein besonderer europäischer Ansatz zur Integration durch Zusammenarbeit und Austausch

von bewährten Verfahren entwickelt werden soll.

Das Netz der nationalen Kontaktstellen für Integration wurde ursprünglich als Ergebnis

der Schlussfolgerungen des Rates „Justiz und Inneres“ von Oktober 2002 eingerichtet,

der festgestellt hatte, dass der Austausch von Informationen und bewährten Verfahren

notwendig sei und ein entsprechendes Netz aufgebaut werden müsse. Dieses Netz fand

später die Zustimmung des Europäischen Rates von Thessaloniki, der in seinen Schlussfolgerungen

von Juni 2003 die Bedeutung des Ausbaus der Zusammenarbeit und des Informationsaustauschs

hervorhob und erklärte, dass insbesondere die Maßnahmen auf

einzelstaatlicher wie auf EU-Ebene effizienter koordiniert werden müssten. Mit dem

Netz soll vor allem ein Forum für den Austausch von Informationen und bewährten Verfahren

zwischen den Mitgliedstaaten auf EU-Ebene geschaffen werden, das es ermöglicht,

wirksame Lösungen für die Integration von Migranten in allen Mitgliedstaaten

zu finden; außerdem soll das Netz die Koordinierung und Kohärenz der einschlägigen

Maßnahmen auf nationaler Ebene sowie mit EU-Initiativen gewährleisten.

Die Handbücher zur Integration für Entscheidungsträger und Praktiker 5 , die in Zusammenarbeit

mit den nationalen Kontaktstellen unter Mitwirkung regionaler/lokaler

Behörden und nichtstaatlicher Beteiligter erstellt wurden, sind ein unentbehrliches

Instrument für den Austausch von Informationen und bewährten Verfahren. Gegenstand

der ersten Ausgabe (2004) waren Einführungskurse für Zuwanderer und anerkannte

Flüchtlinge, deren gesellschaftliche Teilhabe sowie Integrationsindikatoren. In

(2) Ratsdokument 14615/04.

(3) KOM(2005) 389.

(4) Ratsdokument 14390/05.

(5) htt p://ec.europa.eu/justi ce_home/doc_centre/immigrati on/integrati on/doc_immigrati on_integrati

on_de.htm

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der zweiten Ausgabe (2007) wurden andere Schlüsselthemen behandelt, die in den Gemeinsamen

Grundprinzipien entwickelt worden waren: Einbeziehung der Integration

in viele Politikbereiche und Aufbau einer Integrationsinfrastruktur, Prüfung der für die

Umsetzung erfolgreicher Integrationsstrategien in allen Politikfeldern angewandten

Verfahren, Wohnen in einem städtischen Umfeld und wirtschaftliche Integration sowie

Darlegung der in diesen Bereichen gewonnenen Erfahrungen. Eine dritte Ausgabe ist

für 2009 geplant.

In den Jahresberichten über Migration und Integration wird untersucht, welche Maßnahmen

zur Aufnahme und Integration von Drittstaatsangehörigen auf einzelstaatlicher

und EU-Ebene ergriffen werden; die Berichte bieten einen Überblick über politische Entwicklungen

und tragen zur Bewertung und Stärkung von Integrationsmaßnahmen bei.

Der dritte Jahresbericht, den ich auf der hochrangigen Konferenz über legale Zuwanderung

im September in Lissabon vorgestellt habe, verdeutlicht, wie die Integrationsdebatte

im letzten Jahr sowohl auf EU-Ebene als auch in den einzelnen Mitgliedstaaten an

Intensität zugenommen hat. Immer mehr Mitgliedstaaten verfolgen eine neue Integrationspolitik

und passen Strategien an, die auf den bisherigen Erfahrungen aufbauen. Wir

zeigen auch auf, inwiefern die Einbeziehung von Integrationsmaßnahmen in zahlreiche

Politikbereiche der EU, wie Beschäftigung, Unternehmertätigkeit, kulturübergreifender

Dialog, Grundrechte, Diskriminierungsverbot und Chancengleichheit, soziale Einbeziehung

und Sozialschutz, Städtepolitik, Gesundheit und Bildung, zu einem wesentlichen

Bestandteil der politischen Beschlussfassung und der Umsetzung und Finanzierung

konkreter Maßnahmen geworden ist. Ein interessanter Bestandteil des Berichts ist der

umfassende Überblick über einzelstaatliche Integrationsmaßnahmen, der durch eine in

Zusammenarbeit mit den nationalen Kontaktstellen erarbeitete Zusammenfassung der

Integrationsmaßnahmen in der EU-27 ergänzt wird. Darin beschreiben wir Trends und

erläutern ausführlich Beispiele der Umsetzung der Gemeinsamen Grundprinzipien für

Integration aus verschiedenen Ländern.

Im Haager Programm wurde eine leicht zugängliche europäische Integrationswebseite

gefordert. Diese wird gegenwärtig von der Kommission aufgebaut und soll den strukturellen

Austausch von Erfahrungen und Informationen im Bereich Integration unterstützen.

Die Webseite dürfte 2008 zur Verfügung stehen.

Ferner ist ein Europäisches Integrationsforum für die auf EU-Ebene im Integrationsbereich

Tätigen geplant. EU-Dachverbände mit Mitgliedern in einer Reihe von

Mitgliedstaaten werden Sachwissen austauschen und Empfehlungen ausarbeiten, die

sodann auf der Integrationswebseite veröffentlicht werden sollen. Das Forum wird in

enger Zusammenarbeit mit dem Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss eingerichtet,

der die organisierte Zivilgesellschaft auf EU-Ebene vertritt.

Von den vorbereitenden Maßnahmen (INTI) zum Europäischen Fonds für

die Integrati on von Dritt staatsangehörigen

Seit 2003 kofinanziert die Kommission über das Programm INTI – Integration von

Drittstaatsangehörigen 6 - grenzübergreifende Integrationsprojekte zur Förderung der

diesbezüglichen Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten. Sie stellte für die Jahre 2003-2006

(6) htt p://ec.europa.eu/justi ce_home/funding/2004 2007inti /funding_inti _de.htm


insgesamt 20 Mio. Euro zur Verfügung. Die Mitgliedstaaten bewerten die Integration

von Drittstaatsangehörigen jeweils sehr unterschiedlich und haben in unterschiedlichem

Maße Integrationsmaßnahmen entwickelt und umgesetzt. Einige Länder verfügen bereits

über eine lange Erfahrung in diesem Bereich, während andere erst vor kurzem mit

der Konzeption einer entsprechenden nationalen Politik begonnen haben. Gleich, ob sie

über mehr oder weniger Erfahrung verfügen – alle Mitgliedstaaten ziehen aus dem Programm

INTI einen Nutzen. Ein gemeinsames Merkmal aller INTI-Projektpartnerschaften

ist die aktive Einbeziehung der zivilgesellschaftlichen Organisationen und einer Vielzahl

von Beteiligten sowie der regionalen und lokalen Gebietskörperschaften.

Als Beispiel für dieses heterogene Projektnetz sei das Projekt „Integrating Cities“ genannt,

das 2006 im Rahmen der „Benchmarking Integration Governance in European

Cities“ (Leistungsvergleich erfolgreicher Governance-Strukturen für die Integration in

europäischen Städten) ausgewählt wurde. Ziel des Projekts ist die Unterstützung der

Städte bei ihren Integrationsmaßnahmen; dazu konzentriert es sich auf das Benchmarking

erfolgreicher Governance-Strukturen für die Integration in europäischen Städten

und die Förderung eines innovativen Modells, bei dem Verbindungen zwischen Akteuren

auf lokaler, nationaler und europäischer Ebene hergestellt werden.

Das Projekt ist eine Folgemaßnahme des 2006 von der Europäischen Kommission

und EUROCITIES angestoßenen Prozesses, in dem eine Reihe von Konferenzen

vorgesehen sind; Ziel der Arbeiten ist es, einen Dialog über die Integrationsthematik

einzuleiten und Brücken der Zusammenarbeit zwischen der lokalen, der nationalen und

der europäischen Ebene zu bauen. Die erste Konferenz unter dem Titel „Integrating

Cities“ fand 2006 in Rotterdam statt. Führende Experten, Entscheidungsträger und

Praktiker aus dem Bereich der Integration von Migranten erläuterten, wie sie sich

die praktische Umsetzung der Gemeinsamen Grundprinzipien und des Europäischen

Rahmens für die Integration auf lokaler Ebene vorstellen. Auf der im November 2007

in Mailand veranstalteten Konferenz EUROCITIES unterzeichneten der Bürgermeister

von Mailand und ich eine gemeinsame „Erklärung“, in der wir uns verpflichten,

beständig dafür einzutreten, dass die Städte bei der Gestaltung der europäischen Gemeinsamen

Integrationsagenda ein stärkeres Mitspracherecht erhalten; wir engagieren

uns außerdem für einen kontinuierlichen, engeren Dialog sowie eine fruchtbare Zusammenarbeit

im Hinblick auf die erfolgreiche Integration von Migranten und werden unsere

Maßnahmen auf die Grundsätze Partnerschaft, Mitverantwortung und effiziente

Verwaltung stützen.

Zwei wichtige, 2004 durch das Programm INTI finanzierte, Projekte betreffen Caritasverbände

in verschiedenen EU-Mitgliedstaaten. Im Rahmen von INTI wurde 2004

ein Netz nationaler Kontaktstellen für Integrationsfragen errichtet. Federführend waren der

Europäische Rat für Flüchtlinge und im Exil lebende Personen des Vereinigten Königreichs.

Dem Netz gehören erfahrene Kräfte von NRO an, die sich im Bereich Flüchtlingshilfe

und Migration für folgende Ziele engagieren: Formulierung grundlegender

Vorschläge für die Integration von Migranten und Flüchtlingen; Darstellung positiver

Beispiele dafür, wie sich Migranten und Flüchtlinge wirtschaftlich, sozial und kulturell

in die Aufnahmegesellschaft einbringen können; Überzeugungsarbeit mit Blick auf

Politiker, Beamte und Entscheidungsträger durch Vorschläge zur Wiederbelebung der

Integrationsdebatte. Caritas Europa (im Namen von acht nationalen Caritasverbänden)

und der Deutsche Caritasverband in Freiburg sind Partner dieses wichtigen Projekts.

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Ein weiteres INTI-Projekt, an dem Caritasverbände (insbesondere der Caritasverband

der Erzdiözese Warschau) beteiligt sind, zielt auf die Selbsthilfe und Mitverantwortung

von Migranten sowie die Integration durch Information und Schulung von Beamten

und NRO; für die Abwicklung dieses Projekts ist die Tschechische Republik

zuständig.

Angesichts der positiven Erfahrungen und des Erfolgs des Programms INTI hat

die EU einen neuen Europäischen Fonds für die Integration von Drittstaatsangehörigen 7 für

den Zeitraum 2007 – 2013 aufgelegt, der der stärkeren finanziellen Unterstützung von

Integrationsmaßnahmen dient und mit 825 Mio. EUR ausgestattet ist. Als einer der

vier Fonds des Programms „Solidarität und Steuerung der Migrationsströme“ 8 zielt der

Integrationsfonds darauf ab, die Mitgliedstaaten dabei zu unterstützen, Drittstaatsangehörigen

mit unterschiedlichem wirtschaftlichem, kulturellem, religiösem, sprachlichem

und ethnischem Hintergrund, die Erfüllung der Aufenthaltsbedingungen zu

ermöglichen und es ihnen zu erleichtern, sich in die europäische Gesellschaft gemäß

den Gemeinsamen Grundprinzipien für die Politik der Integration von Einwanderern

in der Europäischen Union zu integrieren. Dank des Fonds werden die Mitgliedstaaten

über größere Kapazitäten für die Entwicklung und Umsetzung nationaler Integrationsstrategien

im Hinblick auf alle Aspekte der Gesellschaft verfügen; insbesondere

wird dem Grundsatz Rechnung getragen, dass Integration ein dynamischer, wechselseitiger

Prozess des gegenseitigen Entgegenkommens aller Migranten und aller in den

Mitgliedstaaten ansässigen Personen ist.

Die nationalen Programme werden u.a. folgende Prioritäten enthalten: Durchführung

von Maßnahmen zur praktischen Umsetzung der Gemeinsamen Grundprinzipien; Entwicklung

von Indikatoren und Bewertungsmethoden zur Messung der Fortschritte, zur

Anpassung der Strategien und Maßnahmen sowie zur Erleichterung der Koordination

des vergleichenden Lernens; Stärkung des Aufbaus integrationspolitischer Kapazitäten,

Koordinierung und Aufbau interkultureller Kompetenz in den Mitgliedstaaten auf allen

Regierungsebenen sowie Austausch von Erfahrungen, bewährten Verfahren und Informationen

über Integrationsfragen zwischen den Mitgliedstaaten. Im Rahmen dieser vier

Prioritäten kann der Gemeinschaftsbeitrag für bestimmte Maßnahmen auf 75% aufgestockt

werden. Dies gilt für Maßnahmen in den Mitgliedstaaten, die sich mit den spezifischen

horizontalen Prioritäten befassen, z.B. Partizipation als Mittel zur Förderung

der gesellschaftlichen Eingliederung von Drittstaatsangehörigen; besondere Berücksichtigung

einzelner Zielgruppen wie Frauen, junger Migranten und Kinder aus Migrantenfamilien;

innovative Einführungsprogramme und -aktivitäten sowie interkultureller

Dialog und Einbindung der Aufnahmegesellschaft in den Integrationsprozess.

Was die Gemeinschaftsmaßnahmen anbelangt, so werden bei der Unterstützung

grenzübergreifender Projekte drei Hauptprioritäten behandelt: Interaktion zwischen

Drittstaatsangehörigen und EU-Bürgern sowie Förderung von Integrationsmaßnahmen

und bewährten Verfahren, die auf die ganze Gesellschaft abzielen; zielgerichtete

Integrationsstrategien und –maßnahmen für verschiedene Migrantengruppen, wobei

(7) Entscheidung 2007/435/EG, veröff entlicht am 25. Juni 2007.

(8) Die anderen drei Fonds des Programms „Solidarität und Steuerung der Migrati onsströme“ sind

der Außengrenzenfonds, der Flüchtlingsfonds und der Rückkehrfonds. Die Gesamtmitt el für das Rahmenprogramm

belaufen sich für 2007-2013 auf 4020,37 Mio. EUR.


die speziellen Bedürfnisse von Kindern und Migrantinnen besonders berücksichtigt

werden; Maßnahmen zur Stärkung der zusätzlichen Verknüpfung von Migrations- und

Integrationspolitik.

Ausblick

Die auf der ersten Ministerkonferenz zum Thema Integration 2004 in Groningen

angestoßene politische Debatte wurde im Mai 2007 auf einem informellen Treffen der

für Integration zuständigen EU-Minister in Potsdam fortgesetzt. Der Rat verabschiedete

im Anschluss daran Schlussfolgerungen zur Stärkung der Integrationspolitik in

der Europäischen Union durch Förderung von Einheit in der Vielfalt. Diese Schlussfolgerungen

werden uns als Bezugspunkt für die bevorstehenden neuen Herausfor de r ungen

im Zusammenhang mit der Entwicklung von Integrationsstrategien und -maßnahmen

auf europäischer Ebene dienen.

Die künftigen Verpflichtungen der Kommission in diesem Bereich, die auch im Dritten

Jahresbericht über Migration und Integration genannt sind, werden verschiedene Aspekte

umfassen. So beabsichtigt die Kommission, den verschiedenen Konzepten und Ansätzen zur

Partizipation nachzugehen und zur Klärung beizutragen und sich mit den in der Diskussion

befindlichen Konzepten der Bürgerschaft zu befassen. Wir werden die Umsetzung von auf

die Aufnahmegesellschaft zugeschnittenen Integrationsmaßnahmen fördern, um so die Fähigkeit

der staatlichen Einrichtungen und der Medien zu ausgewogener Reflexion und zur

Steuerung der migrationsbezogenen Vielfalt in der Gesellschaft zu stärken.

Wir werden untersuchen, welcher zusätzliche Nutzen von gemeinsamen europäischen

Modulen für die Integration von Migranten zu erwarten ist; diese Module sollen

in einem eigenständigen Projekt ausgehend von den auf einzelstaatlicher Ebene

gewonnenen Erfahrungen im Zusammenhang mit Einführungs- und Sprachkursen,

der Einbeziehung der Aufnahmegesellschaft, der Förderung der Teilhabe der Migranten

am Gemeindeleben und anderen Integrationsaspekten entwickelt werden. Darüber

hinaus wird die Kommission untersuchen, wie Integrationsprogramme und -maßnahmen

sozialer Entfremdung und Radikalisierung vorbeugen können. Die Förderung der

Entwicklung gemeinsamer Indikatoren und Indizes, die eine effektivere Überwachung

und Bewertung von Fortschritten in der Integrationspolitik ermöglichen, wird bei unserer

künftigen Arbeit ebenfalls einen hohen Stellenwert einnehmen.

Migrati on und europäische Identi tät - Bildung und Arbeit als

Schlüssel - Der deutsche Weg der Integrati onspoliti k

Prof. Dr. Maria Böhmer, MdB, Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin, Beauft ragte

für Migrati on, Integrati on und Flüchtlinge

2007 ist das „Europäische Jahr der Chancengleichheit für alle“, 2008 wird das Europäische

Jahr des interkulturellen Dialogs“ sein. Damit stehen hoch spannende Fragen

auf der europäischen Agenda: Wie stärken wir den sozialen Zusammenhalt? Wie

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ermöglichen wir bessere Bildung? Wie erhöhen wir die Arbeitsmarktchancen für Zuwanderer?

Wie verständigen wir uns auf grundlegende gemeinsame Werte? Dem entspricht,

dass nahezu alle europäischen Länder ihre Integrationspolitik neu definieren,

wie auf der großen Konferenz der europäischen Integrationsminister in Potsdam im

Mai 2007 deutlich wurde, zu der die deutsche Ratspräsidentschaft eingeladen hatte.

Alle gehen dabei eigene Wege. Denn die Geschichte der Zuwanderung ist jeweils eine

andere. Die dominierenden Zuwanderungsgruppen unterscheiden sich, Staatsbürgerschaft

wird unterschiedlich verstanden. Gleichwohl bestehen zum Teil sehr ähnliche

Probleme und zum Teil werden darauf ähnliche Antworten gegeben. Deshalb brauchen

wir den Austausch unter den europäischen Ländern und darüber hinaus.

In Deutschland haben wir mit dem „Nationalen Integrationsplan“ einen völlig neuen

Weg beschritten. Aus der Erkenntnis heraus, dass Integration eine gesamtgesellschaftliche

Aufgabe darstellt, die der Staat nicht alleine lösen kann, hat die Bundesregierung alle

an einen Tisch geholt: Vertreter von Bund, Ländern und Kommunen, Vertreter von Verbänden,

der Wirtschaft, der Gewerkschaften, der Kirchen, der Wissenschaft, des Sports,

der Medien, der Kultur und vor allem der Migranten selbst. Kennzeichen des Nationalen

Integrationsplans sind die Selbstverpflichtungen, die alle Beteiligten eingehen, insgesamt

400. Damit tragen alle dazu bei, dass Talente erkannt und Potenziale ausgeschöpft werden.

Dieser neue Weg stößt in anderen Ländern auf großes Interesse.

Die Situati on in Deutschland und Italien

Deutschland und Italien verbindet eine lange Migrationserfahrung: 2005 haben wir

den 50. Jahrestag des deutsch-italienischen Anwerbeabkommens begangen. Über 4 Millionen

Italiener sind seit dem 2. Weltkrieg nach Deutschland gekommen. Sie stellen mit

etwa 540.000 Personen die zweitgrößte Gruppe von Ausländern in Deutschland dar.

Deutschland verdankt ihnen einen Teil seines Wohlstands, aber auch seiner Lebenskultur.

Im Verhältnis zu den alten Einwanderungsländern Frankreich und USA sind

Deutschland und Italien eher junge Einwanderungsländer, weitgehend ohne koloniale

Migration. Deutschland war lange Zeit Auswanderungsland. Zuwanderung wurde,

jedenfalls quantitativ, erst nach dem Zweiten Weltkrieg bedeutsam. Nach 1945 hat

Deutschland erfolgreich Millionen von Vertriebenen und Flüchtlingen integriert. Das

waren Deutsche, aber auch sie mussten erst neu ankommen und aufgenommen werden.

Dann kamen die so genannten „Gastarbeiter“. Sie haben zur wirtschaftlichen Kraft und

kulturellen Vielfalt Deutschlands beigetragen. Zu Beginn der 1990er Jahre kamen viele

Spätaussiedler aus Osteuropa und viele Flüchtlinge, insbesondere aus dem ehemaligen

Jugoslawien. Deutschland hat mehr Asylbewerber aufgenommen als alle anderen europäischen

Länder. Das ist durchaus vergleichbar mit den seit 2006 stark ansteigenden

Anlandungen von Flüchtlingen in Süditalien.

In den letzten Jahren ist die Zuwanderung zurückgegangen und hat fast die Zahl

der Auswanderung erreicht. 2006 lag der Saldo bei 20.000. Seit 2005 ist in Deutschland

eine verstärkte Abwanderung junger Menschen zu beobachten. Bei Menschen mit deutschem

Pass gab es sogar eine Netto-Abwanderung von 52.000. Hinter diesen Zahlen

verbergen sich große Wanderungsbewegungen mit Zuzügen und Fortzügen von über

600.000 Personen. Die verringerte Zuwanderung ändert aber nichts an der Tatsache,

dass 15 Millionen Menschen in Deutschland aus Zuwandererfamilien stammen, also


jeder Fünfte. In großen westdeutschen Städten stammen bis zu 40% der Jugendlichen

aus Zuwandererfamilien, in einigen Jahren werden es die Hälfte sein.

Die meisten Migranten haben sich gut integriert. Bei einem Teil der Kinder und

Enkel der Immigranten bestehen jedoch Probleme wie schlechte Sprachkenntnisse,

niedriges Bildungsniveau und hohe Arbeitslosigkeit. Integration ist deshalb eine

Schlüsselaufgabe in Deutschland. Lange Zeit hatten wir keine systematische Integrationspolitik.

Lange Zeit glaubten beide Seiten, die „Gastarbeiter“ würden in ihre

Heimatländer zurückkehren. Aber die Mehrheit ist geblieben. Deutschland ist Integrationsland.

Ausdruck hierfür ist auch das am 1. Januar 2005 in Kraft getretene Zuwanderungsgesetz.

In Italien stellt sich die Situation etwas anders dar: Es ist erst in jüngster Zeit

vom Auswanderungs- zum Aufnahmeland geworden. Aktuell steht es im Spannungsfeld

zwischen illegaler Migration und großem Bedarf an Arbeitskräften und mitten in

der Debatte um ein neues Zuwanderungsgesetz. Trotz der Unterschiede in den beiden

Ländern ist ein Mentalitätswechsel in Politik und Bevölkerung erkennbar und notwendig,

eine gesellschaftspolitische Neuorientierung im Sinne des aktiven Handelns für ein

besseres Zusammenleben in allen Bereichen, gerade auch vor dem Hintergrund religiöser

und kultureller Spannungen.

Schlüsselaufgabe Integrati on

Integration bedeutet gleichberechtigte Teilhabe in allen Lebensbereichen. Es bedeutet,

Verantwortung zu übernehmen und sich mit der neuen Heimat zu identifizieren,

ohne die eigenen Wurzeln aufzugeben. Dies müssen wir fordern und fördern.

Die Bundesregierung begreift Integration als eine der Zukunftsaufgaben überhaupt.

Sie kann nur gemeinsam bewältigt werden. Daraus hat die Bundesregierung

zwei Konsequenzen gezogen: Erstens, wir haben einen ständigen Dialog mit allen Beteiligten

begonnen. Wir reden nicht mehr übereinander, sondern miteinander. Zweitens,

wir nehmen uns der Integration in allen ihren Facetten an, in Schule und Beruf,

in der Kultur, in den Medien, dem Sport. Ein besonderer Stellenwert kommt dabei den

Sprachkenntnissen, der Bildung, der Integration in den Arbeitsmarkt und der Gleichberechtigung

der Frauen und Mädchen zu.

Ein Blick in den Nationalen Integrationsplan, der auf dem Zweiten Integrationsgipfel

von der Bundeskanzlerin am 12. Juli 2007 vorgelegt wurde, belegt, dass Deutschland

sich anschickt vom Land der Projekte zum Land erfolgreicher Programme für

bessere Integration zu werden. Klaus Bade, der Nestor unter den deutschen Migrationsforschern,

nennt Integration in Deutschland einen „pragmatischen Erfolgsfall“, der

gleichzeitig viele Defizite aufweist. Wir stehen vor großen Herauforderungen.

Bildung, Ausbildung, Arbeit

Bildungschancen von Kindern hängen in Deutschland stärker als in anderen europäischen

Ländern immer noch stark von der sozialen Herkunft ab. Diese Abhängigkeit

müssen wir durchbrechen, und zwar aus ökonomischen wie aus moralischen Gründen.

Chancengerechtigkeit herzustellen ist eine der wichtigsten Aufgaben des demokratischen

Staates. Bildung ist zugleich der Schlüssel zu Integration. Und Bildung ist unsere

wichtigste Ressource. Neben der Bildung und Ausbildung entscheidet die Arbeit mit

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über das Gelingen oder Misslingen von Integration. Für die hier genannten Fragen ist

nicht allein die Bundesregierung zuständig. Im Fall der Bildung sind es die Bundesländer,

im Fall der frühen Sprachförderung die Kommunen.

Der Philosoph Wittgenstein hat gesagt: „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen

meiner Welt“. In diesem Sinne eröffnen wir Welten, indem wir die Kenntnis der Landessprache

fördern. Deswegen müssen die Sprachkenntnisse vieler Kinder und Jugendlicher,

auch der zweiten und dritten Generation, systematisch verbessert werden, und dies

vom Kindergarten und der Vorschule an. Notwendig sind so genannte Sprachstandsfeststellungen,

wie sie in einigen Bundesländern vorgesehen sind. Die Deutschkenntnisse

der Kinder werden vor der Einschulung geprüft. Das bedeutet nicht „Auslese“, sondern

ist eine Grundlage für weitergehende und spezifische Förderung. Dafür entscheidend ist,

dass wir Eltern und potentielle Eltern stärken, dies gilt insbesondere für die Mütter. Ihnen

kommt eine Schlüsselfunktion im Integrationsprozess zu.

In Deutschland sind Integrationskurse Pflicht für alle Neu-Zuwanderer. Sie bestehen

aus Sprachunterricht sowie einem Orientierungsunterricht, der Grundkenntnisse

von unserem Staat, unserer Gesellschaft und unserer Geschichte vermittelt. Neu ist die

stärkere Differenzierung nach dem Grad der Alphabetisierung, der Ausbildung und

den bereits vorhandenen Deutschkenntnissen. Bestimmte Personengruppen werden

dann 900 – nicht wie bisher 600 - Stunden Sprachunterricht erhalten. Arbeitslose, die

bereits hier leben, werden verpflichtet, daran teilzunehmen, um ihre Chancen auf einen

Job zu verbessern. Entscheidend ist aber, Hemmschwellen abzubauen und Angebote zu

machen, die die jeweilige Lebenssituation berücksichtigen. Wir sind dabei auf die Mitwirkung

der Migrantenverbände und Moschee-Gemeinden sowie der ausländischen

Medien angewiesen. Diese sind zunehmend bereit, zur Integration in Deutschland beizutragen

und sich nicht mehr wie bisher nur als Brücke in die alte Heimat zu verstehen.

So bietet beispielsweise die türkische Zeitung SABAH einen fortlaufenden Deutschkurs

in ihrer Zeitung an.

Die verhältnismäßig geringe Bildung der Menschen aus Migrantenfamilien ist darauf

zurückzuführen, dass viele Zuwanderer nicht oder nur gering qualifiziert waren.

Das Bildungsniveau der Eltern prägte das der Kinder und teilweise auch das der Enkel.

41% der ausländischen Jugendlichen besuchen eine Hauptschule, nur 15% der deutschen;

18% der ausländischen Jugendlichen erreichen keinen Schulabschluss, hingegen

nur 7,5% der deutschen.

Die Probleme sollten jedoch die positiven Anknüpfungspunkte nicht überdecken:

Die hohe Lernbereitschaft und die positive Lerneinstellung vieler Jugendlichen aus Zuwandererfamilien,

vor allem der Mädchen, und die hohe Bildungsakzeptanz der Eltern,

die ihren Kindern eine bessere Zukunft bieten wollen.

In Finnland lautet das Leitmotiv der Bildungspolitik: „Wir brauchen hier jeden,

hoffnungslose Fälle können wir uns nicht leisten“. Das sollten wir uns zu eigen machen.

In diesem Sinne müssen wir handeln. Wir brauchen mehr Erzieherinnen und Erzieher,

mehr Lehrerinnen und Lehrer aus Migrantenfamilien. Wir müssen die Lehrerausbildung

an die Gegebenheiten anpassen. Wir müssen die Eltern stärker einbeziehen und

mit den Verbänden zusammenarbeiten. Der Nationale Integrationsplan wird uns in

allen diesen Bereichen voranbringen.

Die Bildungsdefizite sind bei den verschiedenen Migrantengruppen unterschiedlich

groß. So haben nicht nur türkisch-stämmige, sondern gerade auch italienisch-stämmi-


ge Jugendliche große Probleme einen guten Abschluss zu machen. Deshalb arbeite ich

mit dem italienischen Botschafter in Berlin, Herrn Puri Purrini, zusammen. Gemeinsam

haben wir bereits eine große Informationsveranstaltung für italienisch-stämmige

Familien im Raum Ludwigshafen-Mannheim durchgeführt. Weitere Veranstaltungen

in Regionen mit vielen italienisch-stämmigen Familien werden folgen. Dabei setzen

wir auch auf die Elternvereine. Gemeinsam wollen wir Hilfe zur Selbsthilfe geben, den

Wert der Bildung vermitteln und das Verständnis für das deutsche Schul- und Hochschulsystem

fördern.

Was die Ausbildung anbelangt, so bleiben 41% der 25-bis 35jährigen aus Migrantenfamilien

ohne beruflichen Bildungsabschluss, bei den anderen sind es nur 15%. Die

Ausbildungsbeteiligungsquote sinkt seit 1994. Von 34% im Jahr 1994 auf 23% im Jahr

2006. Gegen diesen Trend haben wir Initiativen entwickelt. Wir müssen die Bedeutung

der dualen Ausbildung vermitteln. Wer eine einfache Arbeit sucht, für den kann

sich die duale Ausbildung als Verzögerung des Arbeitsanfangs darstellen, aber einfache

Jobs fehlen in Deutschland. Deswegen ist Qualifizierung so notwendig. Wir brauchen

mehr Ausbildungsplätze. Im Rahmen der Kampagne „Aktiv für Ausbildungsplätze“ haben

wir schon jetzt die Zusage der ausländischen Unternehmensverbände, 10.000 neue

Ausbildungsplätze bis 2010 zu schaffen.

Mein persönlicher Beitrag für Bildung und Ausbildung wird ein bundesweites

„Netzwerk Bildungspaten“ sein. Die italienischen Kulturmediatoren („mediatori culturali“)

in Schulen, Krankenhäusern, öffentlichen Verwaltungen, Polizei und Gerichten

stellen dafür eine gute Anregung dar.

Derzeit ist die Arbeitslosenquote von Ausländern etwa doppelt so hoch wie von

Deutschen. Hier müssen wir das Bewusstsein in Unternehmen fördern: Die Vielfalt der

Menschen, ihre unterschiedlichen Erfahrungen, Sprachkenntnisse und Kompetenzen,

ihr Bezug zu unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen muss als große Chance erkannt

werden. Die Bundesregierung fördert dies nach Kräften. Die Bundeskanzlerin hat die

Schirmherrschaft über die „Charta der Vielfalt“ übernommen, die bislang von mehr als

100 Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen unterzeichnet worden ist. Damit

sie weiter Verbreitung findet, habe ich die Kampagne „Vielfalt als Chance“ angestoßen,

ein neues Markenzeichen der Bundesregierung. In diesem Rahmen werden wir drei

Wettbewerbe für die besten Modelle der Förderung von Vielfalt in Unternehmen ausschreiben.

So eröffnen wir einen besseren Zugang zum Arbeitsmarkt. Fördern wollen

wir auch Existenzgründungen von Migranten. Schon heute haben 300.000 von ihnen

Unternehmen gegründet und eine Million Arbeitsplätze geschaffen.

Gemeinsame Werte als Grundlage

Integration heißt Chancen geben. Aber das genügt nicht. Trevor Phillips, der Vorsitzende

der künftigen „Commission for Equality and Human Rights“ und früher Anhänger

des britischen Multikulturalismus, hat mir vor einiger Zeit gesagt: „Wir haben

uns zu sehr auf das ‚Multi’ konzentriert und zu wenig auf die gemeinsame Kultur“.

Nach den U-Bahn-Attentaten in London sei er selbst nachdenklich geworden. Heute

sagt er: „Wer Menschen immer verschiedenen Kulturen zuordnet, geht von einem

statischen Konzept aus, in dem sich die Kultur nicht ändert. Er wird den Menschen

nicht gerecht“. Integration ist ein wechselseitiger Prozess. Er verändert den, der zu

uns kommt, aber auch uns.

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Gemeinsame Werte sind grundlegend für ein friedliches und erfolgreiches Zusammenleben.

Es sind die Werte unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Niemand

muss seine Wurzeln aufgeben. Aber die Grundlage ist klar: die Akzeptanz von

Menschenrechten, Demokratie, Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit

- das sind nicht verhandelbare Werte.

Ich selbst komme aus der Frauenpolitik und setze mich besonders für die Gleichberechtigung

ein. Das, wofür wir jahrzehntelang gekämpft haben, was wir durchgesetzt

haben, ist in vielen Migrantenfamilien keine Realität. Die Gleichberechtigung der

Mädchen und Frauen im Alltag muss gestärkt werden. Alle müssen an Klassenfahrten

teilnehmen dürfen und niemand darf gezwungen werden, das Kopftuch zu tragen.

Zwangsverheiratung soll ein eigener Straftatbestand werden.

Immer mehr Bundesländer planen, muslimischen Religionsunterricht einzuführen,

viele sind in der Erprobungsphase weit fortgeschritten. In mehreren großen Städten

in Deutschland sind große Moscheen in Planung. Beides ist Ausdruck der Religionsfreiheit

und beides dokumentiert, dass der Islam Teil der deutschen Gesellschaft geworden

ist, wie Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble es formuliert hat. Alle Seiten

haben hier die Pflicht, Konfrontationen zu entschärfen, den Dialog zu suchen und

die Religionsfreiheit als Kernfreiheit demokratischer Staaten anzuerkennen. Probleme

entstehen dort, wo bestimmte Gruppen Religionsfreiheit in Anspruch nehmen, aber

nicht bereit sind, unsere grundgesetzliche Ordnung zu akzeptieren. Hier müssen beide

Seiten einander entgegenkommen und zu Veränderungen bereit sein. Dem dient auch

die Deutsche Islamkonferenz, die seit September 2006 auf Einladung des Bundesinnenministers

tagt.

Vielfalt in Einheit

Vor 50 Jahren wurden in Rom die Römischen Verträge unterzeichnet, der Grundstein

für unser Zusammenleben in Europa heute. Der Reichtum Europas ist die Vielfalt

seiner Menschen. Sie leben zum ersten Mal in der Geschichte seit mehr als 50 Jahren in

Frieden. So wie Europa zeichnen sich unsere Gesellschaften durch Vielfalt aus. Vielfalt

bedeutet Bereicherung und Chance. Durch mehr Verständnis füreinander können wir

Konflikte vermeiden.

Dies gelingt nur als gemeinsame Anstrengung. Wir müssen für ein positives Verständnis

werben und aus Erfahrungen anderer lernen. Zugleich stehen wir als Europäer in der

Verantwortung für das, was an Europas Außengrenzen geschieht. Patroullienboote und

Zäune reichen nicht. Sehen wir die Menschen: ihre zum Teil völlig unrealistischen Hoffnungen,

die Schicksale ihrer Familien. Gemeinsam müssen wir dazu beitragen, die Situation

in den Herkunftsländern zu verbessern. Nur dann können wir Zuwanderung steuern. Ich

bin gegen eine Festung Europa und für ein Europa der Vielfalt, das seiner humanitären

Verpflichtung gerecht wird. So wie wir Globalisierung gestalten wollen und müssen, so

müssen wir Migration und Integration gestalten. Für das friedliche Zusammenleben in

unseren Ländern, in Europa und in der Welt, ist keine Anstrengung zu groß.

Weitere Informationen zur Integrationspolitik der Bundesregierung und zum Nationalen

Integrationsplan finden Sie unter: www.integrationsbeauftragte.de; www.vielfalt-als-chance.de;

www.zuwanderung.de.


Die neue italienische Einwanderungspoliti k

Paolo Ferrero, Minister für soziale Solidarität

Über Einwanderung sprechen bedeutet, so glaube ich, vor allem über Eingliederung

zu sprechen. Es ist ein kompliziertes Problem und dies aus verschiedenen Gründen.

Zunächst ist die Einwanderung ein strukturelles Phänomen, ein Phänomen, das

seinen Ursprung in den Einkommensunterschieden zwischen nördlichen und südlichen

Ländern des Erdballs hat. Aber die Mehrzahl der Bewohner der nördlichen Länder

neigt dazu, diese Ursache nicht in Betracht zu ziehen und eine ambivalente Haltung

einzunehmen. Einerseits wird der Bedarf an Arbeitskräften bejaht, andererseits neigt

man jedoch dazu, die mit der Einwanderung verbundenen Störfaktoren sehr negativ zu

beurteilen. Die Befürchtungen um den eigenen sozialen Status machen die Sache nicht

einfacher.

In Italien ist die Einwanderung ein sehr junges Phänomen, vor allem quantitativ.

Wir sprechen hier von einem Land, das weiterhin dieses Phänomen aus der Perspektive

eines armen Landes betrachtet, aus dem man sich verabschiedet, „um sein Glück zu

machen“, wie es einmal hieß, und nicht aus der Perspektive eines reichen Landes, das

Arbeitskräfte anzieht.

Das neue Einwanderungsgesetz

Mir sind die Schwierigkeiten, von der die politischen Auseinandersetzungen nur

ein Aspekt sind, bewusst. Ich spreche von den zahlreichen politischen Konflikten, die

den Weg der Verabschiedung des von Minister Amato und mir vorgelegten Gesetzes

begleitet haben und begleiten werden. Bei Verabschiedung dieses Gesetzes durch das

Parlament wird das sog. „Bossi-Fini-Gesetz“ endgültig der Vergangenheit angehören.

Vermutlich ist die Frage der „Identität“ diejenige, die die meisten Konflikte und Meinungsverschiedenheiten

auslösen wird. Mit diesem komplexen Problem sollte man sich

nicht nur auf der politischen, sondern auch auf der kulturellen Ebene auseinandersetzen.

Zunächst möchte ich einen kurzen Umriss des neuen Gesetzes liefern: Das Bossi-

Fini-Gesetz muss ersetzt werden. Dafür gibt es verschiedene Gründe, von denen ich

einen hervorheben möchte: das zur Zeit gültige Gesetz zwingt geradezu Hunderttausende

von Migranten in die Illegalität.


Unsere Absicht mit dem neuen Gesetz ist es vor allem, die Bedingungen für

die Zuwanderung in Italien radikal zu verändern. Hierfür haben wir verschiedene

Zugangswege vorgesehen und haben versucht, die weniger formalisierten Zugangswege

ans Licht zu bringen, um so die illegale Zuwanderung einzuengen, die durch

die Strenge des Bossi-Fini-Gesetzes unvermeidlich war. Diese Vielfalt der Zugangswege

sollte Angebot und Nachfrage nach Arbeitskräften angleichen – etwas das in

anderen Ländern längst geschieht.


Überdies haben wir eine bedeutende Verlängerung der Gültigkeitsdauer (bis

zur doppelten Dauer) von Aufenthaltsgenehmigungen vorgesehen. Die Genehmigungen

werden auch während ihrer Erneuerung gültig sein, also in der Genehmigungsphase,

nachdem die alte Aufenthaltsberechtigung abgelaufen ist. Die Zuständigkeit

hierfür soll in die Kompetenz der Gemeinden übergehen.

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• Das neue Gesetz sieht auch das aktive und passive Wahlrecht der Migranten

auf lokaler Ebene sowie eine andere Behandlung der unbegleiteten Minderjährigen

vor. Praktisch heißt dies, dass bei Vollendung des achtzehnten Lebensjahres ihr

weiterer Aufenthalt in Italien erleichtert und ein Fonds für ihre soziale Eingliederung

eingerichtet wird.

• Darüber hinaus wird das Thema „Zuwanderung“ wieder in die gewöhnliche

Rechtsprechung zurückgeführt. Damit wird die Rechtsprechung des Friedensrichters

und auch das System der CPT (Centro di Permanenza Temporanea [Durchgangslager

für ausländische Bürger ohne reguläre Aufenthaltserlaubnis]) wie wir es bislang

kennen, überwunden. Die Bedeutung der CPT für die Zuwanderer – sowohl

bezüglich der potentiell Betroffenen als auch der Anzahl der CPT – wird drastisch

eingeschränkt. Wir wollen die Transparenz der CPT erhöhen und den Zugang für

Journalisten und Vertreter der Gebietskörperschaften ermöglichen.

• Was wir vorlegen, ist ein Gesetz, das die Aufenthaltsberechtigung zum Zweck

der Arbeitsaufnahme abschafft und die Beziehung zwischen Arbeitsplatz und regulärer

Aufenthaltserlaubnis weniger stringent gestaltet. Es wird die Überführung

aller Zuwanderer in einen regulären Status nach einem Aufenthalt von wenigstens

achtzehn Monaten ermöglicht, sofern sie nach dem Verlust der Bedingungen für

einen regulären Aufenthalt wieder eine Arbeit gefunden haben.


Im Übrigen sehen wir für alle Zuwanderer, die sich bereits zwei Jahre in Italien

aufhalten, alle Formen der sozialen Fürsorge vor.

Unser Gesetzesentwurf zielt also darauf ab, das Phänomen der Zuwanderung aus

der Notstands-Logik zu befreien und es einer rationalen Behandlung zu unterziehen.

Es empfiehlt sich daran zu erinnern, dass die letzten Jahre bei uns von einer illegalen

Zuwanderung bedeutenden Ausmaßes gezeichnet waren. Deswegen erscheint

uns der erste Punkt so wichtig, der über eine Vielfalt der Zugangswege eine geordnete

Zuwanderung – im Rahmen der Zuwanderungsquoten – ermöglicht. Während wir also

an der Änderung der Gesetze arbeiten, müssen wir jedoch gleichzeitig die staatlichen

Zuständigkeiten klären, besser gesagt die staatlichen Verfahrensweisen verbessern und

anpassen, um den gesamten Komplex besser handhaben zu können.

Einem Deutschen mag dies merkwürdig erscheinen: ein Migrant, der die italienische

Staatsbürgerschaft beantragt, muss in Italien für die bloße Empfangsbestätigung

der Behörden in etwa genau so viele Jahre in Rechnung stellen, wie in anderen Ländern

für die Gewährung der Staatsbürgerschaft nötig ist. Ich möchte dies an einem Beispiel

erläutern. Heute bedarf es in Italien eines zehnjährigen Aufenthalts, um die Staatsbürgerschaft

zu beantragen. Zu diesen zehn Jahren kommen weitere sechs oder sieben

Jahre für die Antwort der Behörden hinzu. Für Migranten, die die Verlängerung ihrer

Aufenthaltserlaubnis beantragt haben, beträgt die durchschnittliche Wartezeit über

sechs Monate. Wir sprechen hier über Menschen, die während der Wartezeit blockiert

sind und Italien nicht verlassen dürfen.

Ein weiteres Beispiel: Italien hat ein weitverzweigtes Netz von Botschaften und

Konsulaten in den Zielländern der italienischen Auswanderung (Schweiz, Deutschland,

Vereinigte Staaten, Schweden), verfügt jedoch nicht über ein entsprechendes Netz in

den Herkunftsländern der Zuwanderer. Dies macht es unendlich schwierig die Wanderungsströme

nach Italien zu regulieren.

Insofern stehen wir nicht nur vor einer Änderung der bestehenden Gesetze, son-


dern auch vor einer Änderung der konkreten staatlichen Funktionsweisen gegenüber

den Einwanderern. Hierzu braucht es viel Zeit. Eine – wie auch immer geartete – Gesetzesänderung

reicht nicht aus, denn vom geschriebenen Gesetz bedarf es der Schritte

zur reibungslosen und gerechten Umsetzung.

Marschrichtung der Migrati onspoliti k

Zuallererst: die Vermeidung von Gettos und territorialer Ausgrenzung. Banlieues

bestehen in Italien nicht. Die Einwanderung knüpft in Italien, anders als in Frankreich

oder Deutschland, nicht an die große fordistische Fabrik, sondern an viele kleine Produktionseinheiten

im Land. Daher verfügen wir nicht über große, von Einwanderern

geprägte Vororte. Trotzdem haben wir kleine Gettos, die völlig heruntergekommen

sind.

Der inzwischen verabschiedete Migrationsfonds, der über fünfzig Millionen Euro

verfügt, wird zur Hälfte für die Beseitigung von Gettos und die soziale Eingliederung

der Menschen in das Wohnumfeld der Städte verwandt. Mit einigen lokalen Behörden

leisten wir hier hervorragende Arbeit, zum Beispiel in Padua und Brescia: hier heißt es,

am Ball zu bleiben und unsere Aktivitäten auszuweiten. Wir sagen ein striktes Nein

zur Ausgrenzung und müssen aufpassen, dass keine Stadtviertel entstehen, die nur aus

Bewohnern einer Nationalität bestehen oder sich auf die Diskriminierung von Einwanderern

gründen.

Zweitens: die Bedeutung der Unterrichtung der italienischen Sprache. Unserer Ansicht

nach ist die Kommunikationsfähigkeit die Voraussetzung für die Veränderung der

Lebensverhältnisse eines Menschen, die ihm die Möglichkeit gibt, eine Beziehung zu

einer Gemeinschaft aufzubauen, die sich von der eigenen Herkunftsgemeinschaft unterscheidet.

Es besteht deshalb die absolute Notwendigkeit die italienische Sprache als

Kulturträger, als allgemeine Ausdrucksform durchzusetzen.

Ein großer Anteil des Integrationsfonds wird Schulen und Kurse finanzieren, die

von Vereinigungen bürgerschaftlichem Engagements und der sozialen Solidarität getragen

werden, von den Kirchen bis zu den Gewerkschaften, die bisher auf informeller

Ebene gearbeitet haben. Wir werden diese lokalen Initiativen unterstützen und ausweiten.

Wir haben bereits in Zusammenarbeit mit dem islamischen Kulturzentrum einen

Versuch mit der römischen Moschee gestartet. Wir lancieren zwei Kurse, einen in Italienisch,

einen anderen in staatsbürgerlicher Erziehung. Diese Kurse zielen vor allem

auf Frauen, auch weil es vielleicht für eine islamische Einwanderin von fünfzig Jahren

einfacher ist, in einer Moschee Italienisch zu lernen als in einer öffentlichen Schule. Auf

diese Art wollen wir Italienischkurse dorthin bringen, wo sich die Migranten treffen.

Auf ähnliche Weise arbeiten wir mit dem Bildungsministerium an einem Programm

zur Gewährleistung der Schulpflicht für junge Migranten oder Migrantenkinder. Tatsächlich

ist die Quote von Jungen und Mädchen, die die Schule vorzeitig verlassen mit

über 25% sehr hoch.

Im Hinblick auf die Verbreitung der Sprache sind wir auch in Verhandlungen mit

der RAI [öffentlich-rechtliches Fernsehen Italiens] wegen der Wiederausstrahlung

eines Programms aus den sechziger Jahren. Italiener eines gewissen Alters werden

sich daran erinnern. Es hieß „Non è mai troppo tardi“ [„Es ist niemals zu spät“] und

stand unter der Verantwortung des Grundschullehrers Alberto Manzi. Er brachte

die Grundbegriffe unserer Sprache denjenigen bei, denen diese nicht so geläufig war.

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Dieses Angebot sollte jetzt über das öffentlich-rechtliche Fernsehen den Zuwanderern

gemacht werden. (Erinnern wir uns, dass der italienische Nationalstaat jung ist. Leute

wie mein Vater zum Beispiel lernten das Italienische nicht zu Hause, sondern in der

Schule. Zu Hause sprach jeder einen anderen Dialekt.) Wir sind dabei, eine gegliederte

Struktur für die Unterrichtung und Verbreitung der italienischen Sprache aufzubauen.

Ausgehend von den Kindern, also von den öffentlichen Schulen, wollen wir bis zu den

Erwachsenen über die finanzielle Unterstützung von Ehrenamtlichen Italienisch unterrichten

und in diesen Prozess die Massenkommunikationsmittel, jedenfalls die am

weitesten verbreiteten, einbeziehen.

Drittens: Im Mittelpunkt steht die italienische Verfassung. Wir möchten ins öffentliche

Bewusstsein und in das konkrete Handeln – nicht nur bei Migranten, sondern

in unseren Gemeinschaften – alle bürgerlichen Grundsätze, Grundrechte und Grundpflichten

sowie soziale Rechte rücken, die das Fundament unseres Zusammenlebens

sind - oder sein sollten - und in unserer Verfassung verankert sind. Es geht um Demokratie,

Gleichheit, Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, Religionsfreiheit

und Meinungsfreiheit. Wir wollen uns auf die Verfassung konzentrieren und spezifische

Gesetze vermeiden.

Beispielsweise halte ich es für verfehlt, Gesetze über Fragen des Brauchtums zu

erlassen. Ich denke an die italienische Diskussion über die Notwendigkeit, gesetzlich

den Gebrauch des Schleiers zu verbieten. Ich habe mich nachhaltig dagegen engagiert,

denn wir sollten uns auf grundsätzliche Fragen des zivilen Zusammenlebens

beschränken. Ich glaube, dass wir gerade in Achtung der Verfassung niemanden dazu

zwingen dürfen, zwischen dem Brauchtum seines Herkunftslandes sowie seiner Glaubenszugehörigkeit

und dem Leben in Italien wählen zu müssen. Wir haben uns auf

die grundlegenden, für das zivile Zusammenleben unabdingbaren Elemente und nicht

auf äußere Erscheinungsformen, auf Fragen des Brauchtums, die historisch begründet

sind, zu konzentrieren. Ich glaube, bei letzteren sollten wir die Freiheit der Wahl gewährleisten.

Fragen des Brauchtums dürfen nicht zu Konflikten, zu eindeutigen Vorgaben

führen. Wir können weder eine Treue zum italienischen Staat erzwingen, noch eine

Zuordnung zur eigenen, sozusagen ursprünglichen, Identität fördern.

Ich bin überzeugt, dass die Laizität des Staates für die Integration und den sozialen

Zusammenhalt entscheidend ist, denn gerade in der Laizität finden wir die grundlegenden

Elemente des zivilen Zusammenlebens. Ich bringe immer das Beispiel meiner Großmutter,

die ein Kopftuch trug, und meiner Tochter, die einen Minirock anzieht. Meine

Großmutter wäre niemals im Minirock herumgelaufen, noch würde meine Tochter ein

Kopftuch tragen. Beide sind sie jedoch Italienerinnen. Die Bräuche ändern sich, wenn sie

es nicht sind, die die Identität begründen oder – schlimmer – erzwingen. Wir sind es,

die wir diese Zwangslage vermeiden müssen und Menschen nicht auf einen einzelnen

Aspekt ihrer Identität, den des Migrantseins, reduzieren dürfen.

Letztlich geht es darum, die Verfassung als zentrales Gesetz ohne weiteres Beiwerk

anzunehmen. Wie es in der Bibel heißt: „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was

darüber ist, das ist vom Übel.“ Dies ist aus meiner Sicht die zentrale Bedeutung der

Verfassung. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Erweiterung der sozialen, bürgerlichen und religiösen Rechte

Ausgehend von diesen Voraussetzungen wollen wir zuallererst auf eine substanti-


elle Erweiterung der sozialen Rechte hinarbeiten. Wir wollen, dass, jeder der in Italien

arbeitet, dieselben Rechte wie ein Italiener genießt. Es bedarf eines universalistischen

Wohlfahrtsstaats, der alle einschließt, da alle, die auf italienischem Boden leben und

arbeiten, zur Finanzierung des Sozialstaats beitragen. Es ist übrigens interessant festzustellen,

dass die Beschäftigungsquote der italienischen Bevölkerung 57% beträgt,

während die entsprechende Rate bei den regulären Migranten in Italien bei 67% liegt.

Das bedeutet, dass die Migranten proportional stärker als die Italiener zur Finanzierung

des Sozialsystems beitragen. Darum müssen der Wohlfahrtsstaat und die sozialen

Rechte für alle gleichermaßen gelten.

Zweitens: Es bedarf der schrittweisen Ausweitung der bürgerlichen Rechte. Da rum

haben wir das kommunale Wahlrecht, die längere Gültigkeit der Aufenthaltserlaubnis

und die Vereinfachung des Antragsverfahrens, für das künftig die Einwohnermeldeämter

der Gemeinden zuständig sein sollen, sowie die Überwindung des besonderen

Strafrechts für Migranten vorgesehen.

Zuletzt, jedoch nicht weniger wichtig: Notwendig ist ein Gesetzes, das die Religionsfreiheit

anerkennt und respektiert. Dies bedeutet die Übersetzung des Verfassungsauftrags

in die Verfassungswirklichkeit. Was ich hier sage, mag in Deutschland

merkwürdig klingen, aber in Italien gilt immer noch ein Gesetz über die „zugelassenen

Kulte“. Es handelt sich um ein Gesetz aus dem Jahr 1929 und betrifft die von der katholischen

Religion verschiedenen Kulte. Damals befanden wir uns in der Blüte des

Faschismus und es handelte sich um ein Polizeigesetz. Heute sehen wir die Notwendigkeit,

ein neues Gesetz über die Religionsfreiheit zu verabschieden, ein Gesetz, das die

Verfassungsordnung, so wie sie seit über fünfzig Jahren in Kraft ist, widerspiegelt.

Diese drei Elemente (soziale Rechte, bürgerliche Rechte und Religionsfreiheit)

haben ein einfaches Ziel: der eingewanderten Person die Achtung ihrer wesentlichen

Rechte, ihrer Grundrechte zu gewährleisten. Gleichzeitig fordern wir vom Migranten

die Achtung der Verfassung und das Erlernen der italienischen Sprache. Der Migrant

darf nicht dazu gedrängt werden, sich über die Zugehörigkeit zu einer abgeschlossenen

Gemeinschaft behaupten zu müssen. Dem Migranten muss die Möglichkeit gegeben

werden, in der Mitte unserer Gesellschaft zu leben. Der Migrant wie die Migrantin

dürfen sich nicht so schwach fühlen, dass sie einem tribalen Abwehrmechanismus gehorchend,

sich gezwungen fühlen, Schutz in einer Gruppe zu suchen.

Ich denke, dass die Formen von Gemeinschaft, die sich in westlichen Ländern unter

den Migranten herausbilden, keine Residuen einer ursprünglichen Identität sind, sei

sie nun religiös oder national. Ich glaube es handelt sich hier um neue, von Menschen

mit Migrationshintergrund entwickelte Formen der Verteidigung. Sie tun dies in einer

Situation, in der sie sich gefährdet fühlen. Ich glaube sie haben eine Wahrnehmung, die

mehr oder weniger so lautet: „Besser in der Gruppe beisammen, allein machen sie uns

fertig und achten uns nicht“. Die Grundrechte, die das Fundament unserer Verfassung

bilden, müssen vom italienischen Staat und nicht durch eigenständige Gemeinschaften

gewährleistet werden.

Staatsangehörigkeit, Arbeit, Identi tät

Abschließend wende ich mich dem Komplex der zweiten Generationen sowie der

Frage, wie wir dieses Gesetz auf den Weg gebracht haben, zu. Ich glaube ganz allgemein,

dass die Staatsbürgerschaft weniger ein Schlusspunkt als eine Etappe eines

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Prozesses darstellt. Das sieht man sehr gut an der zweiten Generation. Auch wenn sie

zum großen Teil bereits die Staatsbürgerschaft besitzt, weisen die jungen Migranten

und Migrantinnen eine komplexe Problematik auf.

Nehmen wir zum Beispiel die Arbeit. Die Art der Beschäftigung, die von der ersten

Generation als Segen betrachtet wurde, wird von der zweiten nicht gleichermaßen akzeptiert.

Im Durchschnitt tun die Migranten das, wofür die Italiener sich inzwischen

zu schade sind: sie arbeiten in Gießereien, in Ackerbau und Viehzucht, als Hirten und

Haushaltshilfen mit langen Arbeitszeiten und sehr niedrigem Einkommen. Alles Arbeiten,

die die Italiener ablehnen. Aber die Kinder der Einwanderer werden nicht mehr in

diesem Maße bereit sein, solche Tätigkeiten zu verrichten.

Das ist kein geringes Problem, denn dieselbe Arbeit, die für Vater oder Mutter einen

Beginn im fremden Land darstellte, wird von der zweiten Generation als Element

von Ausgrenzung bzw. Diskriminierung angesehen. Dies ist ein entscheidender Punkt,

der Konsequenzen für die schulische und berufliche Bildung hat. Wir müssen die italienischen

Gesetze ändern, angefangen beim Gesetz Nr. 30 (Gesetz zur Flexibilisierung

des Arbeitsmarktes), damit der Arbeitsmarkt nicht zu stark segmentiert wird. Wenn

heute diese Segmentierung noch nicht als Problem erkannt wird, dann deshalb, weil sie

mit immer neuen Wellen der Zuwanderung zugedeckt wird. In zehn Jahren wird diese

Segmentierung ein großes Problem darstellen.

Ein anderes Element, das unsere Aufmerksamkeit verdient, betrifft die Identität.

Wir haben uns daran gewöhnt, über die Migranten in allgemeiner Form zu sprechen.

Das ist schon an für sich ein wenig lächerlich, denn unter den Migranten gibt es Algerier

sowie Chinesen oder Brasilianer, also Personen, die miteinander nichts anderes

gemein haben als die Tatsache, eines Tages in Italien angekommen zu sein. Wenn man

hier bei uns von Migranten spricht, scheint man sich fast in einem dieser Bilder zu befinden,

die New York darstellen, wo die Stadt bei der Vierten oder Fünften Straße aufhört,

und der Rest in einem ununterscheidbaren Hintergrundgebilde, einem Amalgam

verschwimmt. Das mag für die erste Generation gelten. Für die zweite gilt dies nicht,

denn wer in Italien geboren ist oder einen beträchtlichen Teil seines Lebens in Italien

verbracht hat, betrachtet sich nicht in erster Linie als Kind von Einwanderern, sondern

geht von den eigenen Erfahrungen aus.

Stark hat mich ein Mädchen dunkler Hautfarbe der zweiten Generation beeindruckt.

Sie sprach im römischen Dialekt, war Fan des A.S. Roma und fühlte sich als

Römerin. Sie sagte mir eines Tages: „Ich bin in Rom geboren und dass ich eine dunkle

Hautfarbe habe, bemerke ich nur, wenn andere es mir sagen“. Wir müssen aufpassen,

dass wir die Identität dieses Mädchens nicht nur auf einen Aspekt reduzieren, dem

ihrer Hautfarbe, der für sie keineswegs das grundlegende Element ihrer Identität darstellt.

Wir müssen die plurale Identität von uns allen anerkennen (so bin ich männlich,

Italiener, Kommunist, Waldenser, weiß, derzeit Minister und liebe Bergwanderungen).

Deswegen können wir in Bezug auf die erste Generation vielleicht noch denken, dass

wir es mit „Zuwanderern“ zu tun haben, der zweiten Generation müssen wir eine plurale

Identität zuerkennen. Daher kann die Wahrnehmung dieser jungen Leute nur als

Kinder eines Immigranten, d. h. durch die Hervorhebung nur eines Aspekts gegenüber

all dem, was sie wirklich sind, aus ihrer Sicht zu einer Form unannehmbarer Diskriminierung

werden.

Ich möchte dieses Konzept der subjektiven Wahrnehmung von Diskriminierung


und ihre Unannehmbarkeit hervorheben. Es gibt Dinge, die für die erste Generation

annehmbar sind. Die erste Generation erträgt eine Reihe von Dingen, die sie nicht

für diskriminierend hält. Womöglich weiß der Immigrant der ersten Generation, dass

bestimmten diskriminierenden Vorfällen eine Ungerechtigkeit zugrunde liegt, aber er

nimmt sie hin. Vielleicht reibt er sich daran, es herrscht jedoch ein größerer Grad an

Bereitschaft, dies zu akzeptieren. Für die zweite Generation wird die Diskriminierung

unannehmbar, denn die jungen Leute sehen zu Recht nicht ein, welcher Unterschied

zwischen ihnen und ihren Gleichaltrigen bestehen soll, die dieselbe Schule besuchen,

dieselbe Sprache sprechen und bisher genau denselben Werdegang haben. Ich denke,

man muss die Idee der pluralen Identität akzeptieren und, dass es Beziehungen gibt,

die die Identität ändern. Wenn wir viele sind, so modifiziert sich über die Beziehungen

die Identität von allen, nicht nur die der zuletzt Gekommenen. Dies ist der entscheidende

Ansatzpunkt, der verhindern kann, dass die zweite, dritte, vierte Generation ex

novo geschlossene Gemeinschaften bilden, die in unserer westlichen Welt zu einer Art

konkreter Apartheid führen könnten.

Ich glaube nicht, dass das strategische Problem bei der ersten Generation liegt.

Die Herausforderung unserer Zeit liegt darin, das Fortbestehen der westlichen Grundwerte,

Freiheit, Demokratie, Menschenwürde, letztlich die Werte der Französischen

Revolution, die sozialen Rechte und die Anerkennung pluraler Identitäten zusammenzubringen.

Es geht um die entscheidende Frage, ob die Tatsache Migrant zu sein, zum

diskriminierenden Merkmal der zweiten, dritten, vierten Generation wird. Mit anderen

Worten, die Perspektive der Kinder von Einwanderern darf weder in der Gettoisierung

noch in einem Selbstverständnis einer in sich abgeschlossenen Identität liegen.

Ich will noch kurz auf den durch öffentliche Beteiligung geprägten Werdegang unseres

Gesetzentwurfs und darauf, wie wir gearbeitet haben, hinweisen sowie von der aktiven

Beteiligung an diesem Gesetzentwurf und der umfangreichen und reichhaltigen

Debatte in diesen Monaten berichten. Viele haben daran teilgenommen: Gemeinden, Verbände,

Gewerkschaften, Unternehmer. Viele Vorschläge wurden gemacht, es wurde viel

polemisiert – wie es eben normal ist. Auch wenn dieses Gesetz den Forderungen, die von

Einzelpersonen und vielen Verbänden eingebracht wurden, nicht vollständig nachkommt,

so glaube ich doch, dass es im Falle seiner Verabschiedung eine echte Wende in der Einwanderungspolitik

darstellt und die Einwanderung von einem Problem der öffentlichen

Ordnung zu einer großen sozialen und kulturellen Herausforderung wird.

Wenn nämlich die Kriterien, aufgrund derer eine Person in einem CPT landen

kann, erheblich eingeschränkt werden und wenn die Bedingungen für Transparenz, die

wir für denjenigen erlangen wollen, der in ein CPT gelangt, verbessert werden, können

wir dann hoffen, mit der Zeit auf das allgemeine Bewusstsein einen positiven Einfluss

zu haben? Für das allgemeine Bewusstsein scheint mir noch eine andere vorgeschlagene

Gesetzesnorm relevant zu sein: die Legalisierung der Migranten, die sich achtzehn

Monate in Italien aufgehalten haben, auch wenn sie sich am Ende mit einer Schwarzarbeit

arrangiert haben. Ich hoffe, dies sind Maßnahmen, die dazu dienen können, die

Gleichung Immigrant gleich Illegaler gleich Delinquent aufzulösen.

Danksagung an die anti rassisti sche Bewegung

Das was wir erreicht haben, verdanken wir zuallererst dem Erfolg der antirassistischen

Bewegung, sich mit enormer Anstrengung im Land verankert zu haben. Die

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Verbände, die Ehrenamtlichen haben nicht nur sehr viel, sondern auch gut gearbeitet.

Ihre Arbeit ist zu einem Gutteil den lokalen Behörden zugeflossen, hat sie beeinflusst

und ihnen neue Impulse gegeben.

Was mich als Minister betrifft, so habe ich versucht, Kanäle und Wege zu öffnen,

damit diese Vorarbeiten, vor allem diese weit verbreitete politische Praxis, Eingang in

die Formulierung des Gesetzes finden konnte. Unter diesem Gesichtspunkt waren die

Anhörungen in den regionalen Versammlungen und die nationalen Treffen mit den

Verbänden entscheidende Elemente für die Gesetzeserarbeitung. Der endgültige Wortlaut

ist also das Ergebnis eines politischen Ansatzes, der darauf abzielt, die Politik mit

der sozialen Praxis zu verbinden, indem wir Prozesse der Teilhabe in Gang setzten, um

eine selbstbezogene Abgehobenheit der Politik zu verhindern. Ich glaube, unsere Arbeit

muss fortgesetzt werden, wenn wir unser Land insgesamt ziviler und insbesondere

ziviler gegenüber den Migranten gestalten wollen.

Wir müssen weiter machen und die Grundlagen dafür schaffen, den Rechtspopulismus

zu besiegen, der im Rassismus, in der Mobilisierung von Ängsten und in der Spaltung

der Arbeitnehmer seine Stärke hat. Das müssen wir wissen, wenn wir eine Gesellschaft

schaffen wollen, in der ein ziviles Zusammenleben möglich ist, in der die Vielfalten

ihre Wertschätzung ohne Hierarchien oder Ausgrenzung erfahren können.

Moderne Einwanderungs- und Integrati onspoliti k muss

mehr für Chancengleichheit und Anerkennung tun –

Integrati on ist Querschnitt spoliti k

Dr. Lale Akgün, Mitglied des Bundestags, migrati onspoliti sche Sprecherin und

Islambeauft ragte der SPD-Bundestagsfrakti on

In meinem Beitrag werde ich mich auch kritisch mit der Einwanderungs- und Integrationspolitik

der Bundesregierung auseinandersetzen, insbesondere mit dem, was

auf Bundesebene in den vergangenen Monaten getan wurde. Es gibt noch viel zu tun

und zu verändern.

Integrati onspoliti k ist die Konsequenz von Einwanderung

Zunächst einmal möchte ich kurz vorausschicken, was Integrationspolitik für mich

eigentlich bedeutet: Integrationspolitik ist für mich eine kurzfristige Folge von Einwanderungspolitik

– daher sind beide Politikbereiche eng miteinander verknüpft. In

Kanada hat man eine genaue Vorstellung von Integration: Gemeint ist die Förderung

und Qualifizierung von Einwanderern in der ersten Zeit nach ihrer Einreise, also eine

Art Umzugs- und Orientierungshilfe bei der Suche nach Arbeit, Wohnung, Sprachkursen,

Netzwerken und Kontakten.

Integrationspolitik ohne Einwanderung ist jedoch wie Kochen ohne Topf – sie

funktioniert nicht. In der Politik spricht man daher derzeit gerne von „nachholender

Integration“. Dieser Begriff ist dann berechtigt, wenn gemeint ist, dass Kinder von


Zuwanderern eine zusätzliche Förderung erfahren sollen, die ihren Eltern bei deren

Zuwanderung in Ermangelung einer Integrationspolitik verwehrt war. Der Begriff

„nachholende Integration“ ist aber dann geradezu gefährlich, wenn er all denjenigen,

die nachholend integriert werden sollen, unterstellt, sie seien nicht Teil dieser Gesellschaft.

Unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung

Maria Böhmer sprechen gerne von 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund,

die mittels nachholender Integration zu fordern und fördern seien.

15 Millionen Menschen wird somit unterstellt, sie seien kein oder zumindest nur ein

unvollständiger Teil dieser Gesellschaft. So zu argumentieren ist gefährlich und ein

sozialer Sprengsatz für unsere gesamte Gesellschaft. Es geht nicht um die Integration

von 15 Millionen Menschen in Deutschland. Es geht vielmehr um die Unterstützung

einiger Menschen, denen wir aufgrund verschiedenster Defizite (Bildung, Mangel an

Arbeits- oder Ausbildungsplatz und vielem mehr) und aus unterschiedlichsten Gründen

die Chance auf eine aktive Teilnahme an unserem gesellschaftlichen Leben ermöglichen

müssen. Dies funktioniert aber nur, wenn man die einzelnen Menschen kennt

und gezielt auf sie eingehen kann. Nur auf der kommunalen Ebene ist das möglich. Die

nationale Ebene ist eine Nummer zu groß und führt dazu, dass man immer nur abstrakt

über Probleme spricht statt die Einzelfälle vor Ort unter die Lupe zu nehmen.

Ein nationaler Integrationsgipfel in dieser Größe und mit diesem Aufwand war daher

ziemlich überflüssig: Die Erwartungen, die an ihn gerichtet sind, können gar nicht

erfüllt werden. Es hätte gereicht, sich ein Mal zu treffen, um über Leitlinien zu sprechen.

Der erste Integrationsgipfel hatte daher sicherlich einen wichtigen Symbolwert,

weil sich zum ersten Mal Migrantenverbände mit der Bundeskanzlerin getroffen haben.

Die Nachfolgeveranstaltungen bringen jedoch nicht viel, da der Bund in den meisten

Fragen der Integration ohnehin nicht zuständig ist. Entsprechend nebulös bleibt

daher auch der Text des „Nationalen Integrationsplans“. Er enthält auf 200 Seiten eine

Flut von Allgemeinplätzen und Absichtserklärungen. Über die Umsetzung und die

Finanzierung findet sich darin sehr wenig, weil diejenigen, die da am Tisch sitzen, gar

nicht darüber entscheiden können. Verbindliche Zusagen kann der Bund eigentlich nur

bei der Verbesserung der Integrations- und Sprachkurse für Neuzuwanderer machen.

Aber dafür braucht man nicht 250 Experten, sechs Arbeitsgruppen und große Medienevents.

Das wurde längst schon in den Fachausschüssen des Bundestages erarbeitet.

Die kommunale Ebene ist die eff ekti vste

Auf kommunaler Ebene gibt es in vielen Städten und Kommunen, zum Teil auch

auf Stadtteilebene, lokale Integrationsbündnisse, die sehr erfolgreich arbeiten. Sie sind

erfolgreich, weil sie spezifisch auf die Situation vor Ort eingehen können und in der

Lage sind, Verwaltung, Politik, Wohlfahrtsverbände, Migrantenorganisationen und

Unternehmen zu vernetzen und einzubinden, und zwar mit konkreten Zuständigkeiten

und verbindlichen und überprüfbaren Zielen. Diese Verbindlichkeit fehlt einem nationalen

Gipfel.

Der „Kölnberg“ in meinem Wahlkreis in Köln ist ein gutes Beispiel für eine gelungene

Zusammenarbeit vor Ort. Bei der Lehrstellensuche für die jungen Leute ist die

kleinräumige Arbeit vor Ort besonders wichtig. Dort haben sich alle maßgeblichen Akteure

zu einem runden Tisch zusammengeschlossen. Man kennt die problematischen

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Jungs, man kennt die ansässigen Firmen und hat es durch persönliche Kontakte geschafft,

möglichst viele Jugendliche unterzubringen und zu begleiten. Dieser persönliche

Kontakt wäre in großräumigen Zusammenhängen gar nicht möglich, erst recht

nicht auf nationaler Ebene.

Die gesellschaft liche Integrati on

Etwas anderes ist es, wenn wir von gesellschaftlicher Integration sprechen. Das

heißt für mich als Sozialdemokratin in erster Linie, dass wir für Gleichberechtigung

und Chancengleichheit sorgen müssen. Und zwar nicht nur in Bezug auf Menschen

mit so genanntem Migrationshintergrund, sondern für alle. Die größer werdende

Schere zwischen Arm und Reich und zwischen Menschen mit guten und schlechten

Bildungschancen darf von uns nicht hingenommen werden. Dabei sind für mich zwei

Stichworte besonders wichtig: soziale Integration und Anerkennung. Soziale Integration

heißt für mich insbesondere, dass wir der jungen Generation gerechte Chancen

auf eine gute Bildung und Ausbildung ermöglichen müssen. Dabei sollten wir uns

erinnern, dass wir in den Sechziger-Jahren ganz gezielt Niedrigqualifizierte als Arbeitskräfte

angeworben haben. Die Frage der Bildungsferne trifft die erste Einwanderergeneration

und deren Nachkommen also ganz besonders. Jahrzehntelang haben wir

keine gezielte Integrationspolitik betrieben. Im Gegenteil: Spätestens seit PISA wissen

wir, dass das deutsche Bildungssystem Bildungsferne und mangelnde Chancengleichheit

systemimmanent vererbt.

Angesichts dieser Geschichte ist Integration erstaunlicherweise vielfach gut gelungen,

nicht wegen, sondern trotz der politischen Rahmenbedingungen. Wir haben immer

mehr gut ausgebildete Menschen aus der zweiten und dritten Generation, vor allem

Frauen, die Anwälte, Politikerinnen oder Unternehmerinnen geworden sind. Aber wir

haben auch einen viel zu großen Anteil von jungen Menschen, die sozial ausgegrenzt

bleiben. Eine Reform des Bildungssystems ist daher die größte und dringendste Baustelle,

an der wir zu arbeiten haben. Das Ziel muss dabei ein möglichst langes gemeinsames

Lernen sein. Das dreigliedrige Schulsystem in Deutschland ist für die Migrantenkinder,

die zum großen Teil aus bildungsfernen Schichten stammen, kontraproduktiv. Bei der

frühen Selektion, die unser Schulsystem heute ausmacht, sind alle sozial benachteiligten

Kinder die Leidtragenden. Heute haben Akademikerkinder im Vergleich zu Arbeiterkindern

die sechsfache Chance, die Schule mit dem Abitur abzuschließen.

Anerkennung als Bürger dieses Landes

Ein weiteres wichtiges Stichwort ist für mich das der Anerkennung. Bei der Anerkennung

geht es darum zu sagen: „Ihr gehört zu uns, wir gehören zu Euch, wir alle sind

Teil dieses Landes, egal, welche Herkunft oder welche Religion wir haben“. Nur wenn

alle Menschen das Gefühl haben, anerkannt zu sein, können sie sich auch mit diesem

Land identifizieren und sind bereit, Verantwortung für seine und die eigene Zukunft

zu übernehmen. Von dieser Realität, dieser selbstverständlichen Anerkennung aller, als

Teil dieser Gesellschaft, sind wir in der Realität jedoch leider weit entfernt.

Ich fürchte im Gegenteil, dass in Deutschland eine Art neuer Rassismus hoffähig

wird, der sich gezielt gegen Muslime richtet. Auf diese Gruppe werden alle Probleme

dieser Gesellschaft projiziert. Themen wie Zwangsheirat oder Ehrenmorde werden


jetzt schon gerne missbraucht, um eine aggressive Diskussion anzufachen. Ich erlebe

mit Schrecken, dass sich gerade die ultrakonservativen Politiker hervortun, die seit jeher

ein konservatives Familienbild und das klassische Frauenbild der drei „K’s“ (Kinder,

Küche, Kirche) predigen, also quasi das gleiche Familienbild wie konservative islamische

Verbandsfunktionäre vertreten. Sie outen sich plötzlich scheinbar als glühende

Feministen, wenn es um Frauenrechte im Islam geht. Das nützt aber nicht den Frauen,

sondern schürt letztlich nur die Ressentiments. Ehrenmorde und Zwangsheiraten sind

eine Randerscheinung. Da ist jeder Fall sicher einer zu viel. Aber das Thema wird

aufgebauscht, um Ressentiments zu schüren und eine ganze Gruppe von Menschen,

nämlich die Muslime, in Sippenhaft zu nehmen.

Die Änderungen am Zuwanderungsgesetz fördern weder Integrati on noch

Anerkennung

Das führt mich zur Frage nach der Rolle der sogenannten „Mehrheitsgesellschaft“

– also nach der Rolle aller Menschen hier ohne Migrationshintergrund. Denn die öffentliche

Diskussion fokussiert nahezu ausschließlich auf Anforderungen an Migrantinnen

und Migranten. Bestehende Diskriminierungen im Alltag, bei der Wohnungssuche

und auf dem Arbeitsmarkt werden in der öffentlichen Diskussion geflissentlich

ignoriert. Eine rechtliche Gleichstellung, beispielsweise über die Hinnahme der doppelten

Staatsangehörigkeit, ist immer noch nicht erreicht.

Diese Tendenz der Skepsis und der einseitigen Anforderungen an die Zuwanderer

zieht sich leider auch durch unsere Gesetzgebung, speziell bei der Reform des Aufenthaltsrechts

im Sommer 2007. Das Gesetz enthält einige begrüßenswerte Verbesserungen

und Klarstellungen, wie etwa die Einbeziehung deutscher Staatsangehöriger in

die Sprachkurse und die Schaffung einer gesetzlichen Altfallregelung für langjährig geduldete

Ausländer. Wo es die europäischen Richtlinien umsetzt, geschieht dies jedoch

regelmäßig nur restriktiv. Möglichkeiten zur Verschärfung des Ausländerrechts werden

wahrgenommen, humanitäre Verbesserungen unterbleiben hingegen sogar dann,

wenn sie europarechtlich geboten sind.

Ein zentraler Kritikpunkt sind die vorgesehenen Verschärfungen bei der Familienzusammenführung.

Die Bekämpfung von Schein- und Zwangsehen, mit der die

Maßnahmen begründet werden, sowie die Verbesserung der Integration von Familien

sind sicher wichtige Themen. Allerdings sind die vorgesehenen Regelungen zur Erreichung

dieser Ziele nicht die geeigneten Mittel. Statt wirksam gegen die genannten

Phänomene vorzugehen, werden alle Ehen mit einem ausländischen Partner unter den

Generalverdacht gestellt, dass der Abschluss dieser Ehen unter Zwang oder mit Täuschungsabsicht

erfolgt. Gem. § 30 Abs. 1 AufenthG muss beim Ehegattennachzug der

nachziehende Ehepartner künftig nachweisen, dass er sich zumindest auf einfache Art

in deutscher Sprache verständigen kann. Keine Sprachkenntnisse benötigen Personen,

die „einen geringen Integrationsbedarf haben“, oder die wegen ihrer Staatsangehörigkeit

auch für längere Aufenthalte visumsfrei nach Deutschland einreisen können, wie

Japaner oder US-Amerikaner. Damit werden faktisch zwei Klassen von ausländischen

Ehegatten geschaffen.

Das Zuwanderungsgesetz hatte insbesondere durch die Aufnahme des Rechtsanspruchs

auf Sprachkurse richtige Signale gesetzt. Mit diesen Kursen erhielten Einwanderer

und Einwanderinnen erstmals Angebote zum Erlernen der deutschen Sprache

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und zur Orientierung in einem für sie fremden Land. Diese von den Migrantinnen

und Migranten positiv aufgenommen Kurse werden in ihrer Wirkung durch dieses

Gesetzesvorhaben nachhaltig geschwächt. Die vorgeschlagene Regelung verlegt den

Zeitpunkt des Spracherwerbs vor die Einreise. Entsprechende Angebote zum Spracherwerb

gibt es aber in vielen Ländern nicht oder nur in einigen Großstädten. Auch wenn

nun entsprechende Deutschkurse in einigen Ländern geplant sind, eine flächendekkende

Sprachförderung weltweit ist nicht zu realisieren, zumal die Sprachkurse für die

Betroffenen dann auch finanzierbar sein müssten. In Deutschland Deutsch zu lernen,

wäre für alle Beteiligten wesentlich einfacher. Diese Regelung ist damit integrations-,

familien- und frauenpolitisch kontraproduktiv.

Deutschland und Europa benöti gen Einwanderung

Für die Zuwanderung Hochqualifizierter tut das Gesetz ebenfalls kaum etwas:

Deutschland bleibt für diese Gruppe leider unattraktiv. Und in den letzten Wochen

mehren sich zudem die Anzeichen, dass die jetzt erforderlichen Deutschkenntnisse bei

der Einreise von Familienangehörigen besonders auch viele Hochqualifizierte trifft, für

die Deutschland damit noch einmal ein Stück unattraktiver wird.

Dabei wird doch immer mehr deutlich, dass wir in Zukunft Zuwanderung qualifizierter

Menschen benötigen. Es gibt für mich auch keinen Grund, Zuwanderung

und Ausbildung der „einheimischen“ Bevölkerung gegeneinander auszuspielen. Beides

ist wichtig. Und die Zuwanderung Hochqualifizierter hilft letztlich auch den geringer

Qualifizierten hierzulande. Denen helfen wir im Gegenteil gar nicht, wenn Firmen aus

Deutschland abwandern, die künftig die Stellen für Hochqualifizierte nicht mehr besetzen

können, weil wir eine derart restriktive Zuwanderungspolitik betreiben.

Der Vorschlag des EU-Innen-Kommissars Franco Frattini, mit Hilfe einer „Blue

Card“ mehr hochqualifizierte Migranten nach Europa zu holen, indem die Voraussetzungen

für Aufenthalts- und Arbeitsbedingungen erleichtert werden, ist daher richtig

und kommt genau zur rechten Zeit. Im Moment liegt die Europäische Union im globalen

Wettbewerb um hochqualifizierte Zuwanderung auf dem letzten Platz, weil vor allem die

klassischen Einwanderungsländer USA und Kanada viel attraktiver sind.

Anerkennung bedeutet auch Staatsbürgerschaft

Wenn wir die Attraktivität Europas erhöhen wollen, ist das aber letztlich nicht

nur mit verbesserten Aufenthalts- und Arbeitsbedingungen zu erreichen. Attraktiv ist

unser Land nur dann, wenn die Eingewanderten die Chance sehen, voll und ganz Teil

dieses Landes werden zu können, und nicht immer Bürger zweiter Klasse zu bleiben.

Dazu gehört auch die formale Staatsangehörigkeit. Ich glaube, dass das Sein das Bewusstsein

bestimmt. Und das bleibt für den Einzelnen nicht ohne Wirkung auf seine

Wahrnehmung der Gesellschaft und den eigenen Platz in der Gesellschaft. Mit dem

deutschen Pass ist man deutscher Staatsbürger. Angesichts zurückgehender Einbürgerungszahlen

müssen wir dafür eintreten, dass Einbürgerung erleichtert und attraktiver

wird. Neben der Attraktivität für Migranten kommt noch ein anderes wichtiges Argument

hinzu: In einer Demokratie ist es nicht hinnehmbar, dass immer mehr Menschen

im Land kein Wahlrecht besitzen. Wir müssen dafür sorgen, dass Wohnbevölkerung

und Staatsbevölkerung identisch sind.


Migrati on und europäische Identi tät

Bruno Ducoli, Präsident des Europäischen Zentrums zur Förderung der Interkulturalität

, Gargnano (Provinz Brescia)

„Der Mensch“, warnte Adam Smith bereits 1776 in seinem Werk „Wohlstand der

Nationen“ „ist die Ware, die sich am schwierigsten befördern lässt“. Und genau aus

diesem Grunde trifft die Migration eine Bevölkerung in ihrem Innersten, berührt ihr

kollektives Unterbewusstes. Ein Phänomen, das aufgrund seiner hohen Zahlen und

Herausforderungen dazu bestimmt ist, eine immer entscheidendere Rolle innerhalb der

europäischen Gesellschaften zu spielen. Ich habe 30 Jahre lang in Brüssel mit Migranten

zusammengearbeitet, und gerade Brüssel ist eine Stadt mit sehr vielen Migranten.

30 Jahre lang habe ich, halb Wissenschaftler und halb Sozialarbeiter, Fußsteige und

Kreuzwege begangen, Um- und Abwege im täglichen Leben vieler Migranten kennen

gelernt und im Laufe der Jahre ihre Erfolge und Misserfolge beobachtet.

Jacques Lacan, einer der bedeutendsten europäischen Vertreter des psychoanalytischen

Gedankens, pflegte zu sagen, dass die Worte uns vorauseilen, dass sie „uns ansprechen,

bevor wir sie aussprechen“. So besteht zum Beispiel der Themenkomplex, der mir zugeteilt

wurde, aus drei Begriffen, die uns stark ansprechen, auch wenn – und davon bin ich fest

überzeugt – auf unterschiedliche Weise: Immigration, Identität, Europa.

Migrati on

Beginnen wir mit dem ersten Begriff. Immigration löst in jedem von uns ganz

persönliche Vorstellungen aus, und Vorstellungen sind eben wie schöne Frauen – jeder

von uns liebt natürlich die eigene. Dennoch wissen wir, dass Schönheit an und für

sich nicht von einer einzigen Person verkörpert werden kann, sondern als Synthese

aller schönen Dinge auf Erden verstanden werden sollte. In Anlehnung dazu stellt der

Begriff Immigration die Synthese all unserer persönlichen Vorstellungen dar und ist

als solcher bei weitem vollkommener als die einseitige Vorstellung, die jeder von uns

aus seinem individuellen Blickpunkt entwickelt. Europa kennt das Phänomen der Migration

seit mehreren Jahrzehnten, ist aber bis heute noch nicht mit ihr im Reinen und

das, obwohl vielfach die Meinung vertreten wird, dass Migration eines der heikelsten

Probleme des neuen Jahrhunderts sein wird. Wenn man die Vergangenheit mit den

Worten Max Frischs umschreiben möchte - „Wir erwarteten Arbeitskräfte, und es kamen

Menschen“, kann man die Gegenwart mit dem Titel des Hauptwerks von Marcel

Proust zusammenfassen: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“.

Die Bemühungen, die verlorene Zeit nachzuholen, reflektieren meines Erachtens

das wahre Verhältnis, das Europa heute zu seinen Einwanderern hat. Trotz ihrer steigenden

Anzahl werden sie meistens in eine Art Vorhölle verbannt, in der sie lediglich

als rein zweckmäßige Figuren der Wirtschaft gelten, oft sogar als mögliche Gefahr

angesehen werden. Dagegen fordern Einwanderer eine ausgewogene Integration, bei

der die Unterschiede nicht gleich ein Grund für Ausgrenzung sind. Wenn wir verhindern

möchten, dass sich unsere Gesellschaft in ein Schlachtfeld verwandelt, auf dem

jeder gegen jeden kämpft, müssen wir zusammenhängender denken, nur so werden wir

die angesammelte verlorenen Zeit aufholen können. Dabei müssen wir vermeiden, dass

wir den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Gleiches gilt insbesondere für die

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Massenmedien. Unter Migration versteht man nicht nur die illegalen Landungen auf

der italienischen Insel Lampedusa und den Kanarischen Inseln oder das listige Handeln

krimineller Profiteure im Untergrund, sondern vor allem die Millionen Migranten, die

rechtmäßig arbeiten und Unternehmen gründen; die Millionen Studierende, die unsere

Schulen darauf vorbereiten, zukünftige Mitbürger zu werden.

Das Problem der Kriminalität unter den Migranten darf zwar nicht stillschweigend

übergangen werden, dennoch muss auch daran erinnert werden, dass ein Baum,

der fällt, größeres Aufsehen erregt, als ein Wald der wächst. Vor allem muss klar sein,

dass wir in einer Welt, die sich allzu schnell in ein „globales Dorf“ verwandelt hat, nur

dank dieser Millionen legaler Einwanderer im Stande sind, die Herausforderungen unserer

Zeit anzunehmen und uns mit dem rasanten Entwicklungsprozess anzufreunden.

Um dem Drängen nach mehr Sicherheit seitens einer Öffentlichkeit, die nicht immer

versteht, woher dieses dunkle und vielseitige Gefühl der Unsicherheit kommt, ernsthaft

gerecht zu werden, müssen wir der Forderung der Migranten nachgehen und sie

als aktive Subjekte des zivilen Zusammenlebens an der Gestaltung eines neuen Sozialvertrags

teilhaben lassen.

Das mittlerweile als strukturell angesehene Langzeitphänomen der Immigration

erfordert einen Dialog, dessen Grammatik oder Syntax Europa noch nicht beherrscht.

Nachdem die Migration über Jahrhunderte hinweg passiv anstatt aktiv konzipiert wurde,

tut sich Europa heute ein wenig schwer damit, eine neue Sichtweise anzunehmen.

Auch wenn Italien das Land mit der höchsten Auswandererquote Europas ist, fällt bei

genauerem Hinsehen auf, dass kein einziges europäisches Land die langwierige Erfahrung

der Migration schmerzfrei bewältigt hat. Lange waren die in Europa zur Migration

durchgeführten Studien durch einen konjunkturellen Ansatz geprägt, der dann auch

zum Ausgangspunkt für das Problem der Migranten zweiter und dritter Generation

wurde: Migrationswellen wurden immer nur als Nebeneffekt der Vollbeschäftigung

betrachtet und man ging davon aus, dass die Einwanderer, sobald sie ein kleines Sümmchen

angehäuft hätten, wieder in ihre Heimat zurückgehen würden. Diese Fehleinschätzung

hat sich über Jahrzehnte hinweggezogen und so sind die Migrantenkinder

– häufig aber auch deren Kinder – mit gravierenden Misserfolgen in der Schule, einer

starken Diskriminierung und der Unmöglichkeit, sich in einem Land, in einer Nation

oder in einer Kultur zu Hause zu fühlen, groß geworden. Sie sind als Findelkinder zurückgeblieben.

Während die Migration in der unmittelbaren Nachkriegszeit auf den produzierenden

Sektor mit Wettbewerbsproblemen gerichtet war und über Zuwanderungskontingente

in zwischenstaatlichen „Anwerbeabkommen“ geregelt wurde, so sind seit den

80er Jahren die Migrationswellen in Richtung der Länder mit geschlossenen Grenzen

meist illegal, vermehrt mit Menschenhandel verbunden, verzeichnen eine höhere

Frauenquote sowie einen höheren Bildungsgrad und enden in den verschlungenen Wegen

der Schattenwirtschaft. Somit kann man unschwer voraussehen, dass die Spannung

zwischen einem Produktionssystem, das mehr Einwanderer benötigt, und einem Staat

oder einer Gesellschaft, die sie zurückweisen, weiter zunehmen wird. Solch eine Lage

erschwert natürlich die Umsetzung jeder Form von Solidarität auch für diejenigen,

die auf englisch mit dem Begriff „advocacy coalition“ bezeichnet werden. Und wie es

immer der Fall ist, nimmt die Komplizenschaft zu, sobald die Solidarität verschwindet.

Die Migranten, die sich auf einmal selbst helfen müssen, haben enorme Schwierigkei-


ten, eigene Netzwerke aufzubauen, die aber gerade in der Geschichte der Migration

stets einen besonders positiven Mehrwert dargestellt haben.

Trotz dieser prekären Situation und der vielen Schwierigkeiten, die nicht zuletzt

auf die komplexe internationale Entwicklung, die wir erleben, zurückzuführen sind,

hat sich die Migration im Laufe der Zeit auch in Europa zum normalen Alltag entwikkelt.

Europa gewöhnt sich langsam an die Migranten und diese wiederum an Europa

– so wird es möglich, auf Grundlage geteilter Schicksale eine gemeinsame Zukunft

zu planen. Dies vorausgesetzt, wird es um so nötiger sein, diejenigen, die immer noch

der Meinung sind, von Migration nicht berührt zu sein, aufzufordern, sich nicht der

Geschichte und Geographie zu entziehen. Alle wirtschaftlichen und demografischen

Parameter belegen, dass die Zuwanderung nach Europa zunehmen wird. Daher ist es

unabdingbar, sie „homöopathisch“ zu gestalten. Homöopathisch meint weder homogen,

noch nach unserem Bilde geschaffen – es meint schlicht und einfach, immun gegen jede

Form von Gewalt, die sowohl von uns, als auch von den anderen ausgeübt wird, und

unfähig, eine soziale Kettenreaktion auszulösen. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig,

denjenigen, die von offenen und unbewachten Grenzen träumen, ins Gedächtnis zu

rufen, dass sich dieser Traum sehr schnell in einem Alptraum verwandeln könnte. Eine

Bevölkerung in ihrem Innersten zu verletzen, löst immer unkontrollierte, ja unkontrollierbare

Reaktionen aus. Wenn die Immigration ein globales gesellschaftliches Problem

ist, kann sie Reaktionen sowohl emotionaler Art als auch systematischen Charakters

auslösen. Wenn globale soziale Gegebenheiten abgelehnt werden, spiegelt sich eben

diese Ablehnung gezwungenermaßen auch auf globaler Ebene wider.

Identi tät

Doch gibt es auch einen zweiten Begriff der entschlüsselt und interpretiert werden

will: Identität. Die enorme Beliebtheit, die dieser Begriff derzeit genießt, verdankt er

vor allem der Krise der Gesellschaften, in denen er umgeht. In jeder Krisensituation

kann es sehr leicht geschehen, dass Identität als Wert gesehen wird, an dem man

sich festhalten kann, wenn man das Gefühl hat, dass alles schief läuft. Doch dauert es

nicht lange, bis sich dieser Unterschlupf in ein Gefängnis verwandelt, das einem zwar

Schutz bietet, jedoch einsperrt, zwar verteidigt, jedoch auch den letzten Atem und die

Lebensfreude raubt. Gerade auf diese Weise entwickeln sich Persönlichkeiten, die der

Libanese Amin Maalouf als „mörderische Identitäten“ bezeichnet. Gut gefestigte Traditionen

haben Auseinandersetzungen nie gescheut und haben aus jedem Dialog neue

Lebenskraft geschöpft. So konnten alle Kulturen wachsen und gedeihen. Kulturen sind

schließlich nichts anderes als das Produkt einer ununterbrochenen kulturellen „Ein-

und Ausfuhr“. Sogar Europa begann zu wachsen, nachdem Hass und gegenseitiges

Misstrauen überwunden, der Krieg verbannt wurde und die Völker sich nicht mehr als

Feinde, sondern als Partner angesehen haben.

Von uns wird nun verlangt, dass wir einen brüderlichen Blick auf solche antiken

und glorreichen Kulturen werfen, die wir im Laufe der Jahrtausende nur aus der Ferne

kennen gelernt haben, oft auch mit Misstrauen und oberflächlicher Stereotypie. Vor einigen

Jahren habe ich ein Motto geprägt, dass mittlerweile in mehrere Sprachen übersetzt

wurde: „Die Gesellschaft der Zukunft ist die, welche zu vereinen weiß, ohne zu

vermischen, und welche zu unterscheiden weiß, ohne zu trennen“. Es sind die Gesellschaften

des Zuhörens, des Dialogs, der Synthese und der respektvollen Vereinigung

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der Unterschiede. Jene Narben der Geschichte, die wir Grenzen nennen, sind heute

flüchtige Schaumkronen, auf die wir eingehen oder auch nicht. Es ist an der Zeit, die

kulturellen Einflüsse zu erkennen, aus denen unsere Gesellschaften hervorgegangen

sind, und das zu schätzen, was uns verbindet, statt immer nur auf dem zu beharren, was

uns trennt. Es ist an der Zeit zu begreifen, dass vieles von uns in den anderen steckt

und dass wir vieles von den anderen übernommen haben.

Die Gegenüberstellung „Wir / die Anderen“ muss überwunden werden, weil diese

Begriffe jetzt in einem anderen Verhältnis zueinander stehen. Jeder von uns muss sich

an ein „gastfreundliches Wir“ gewöhnen. Heute wird es um so deutlicher, dass man Zukunft

nur mit den anderen aufbauen kann - und nicht ohne oder gar gegen die anderen.

Mehr als in der Vergangenheit ist es heute dringend, die Zukunft mit mehreren Federn

zu schreiben. Wie der Historiker Rudolf von Thadden zu Recht festgestellt hat, lässt

sich ohne die anderen weder ein vereintes Europa noch eine versöhnte Welt erbauen.

Der „Clash of Civilizations“ von dem so oft die Rede ist, ist womöglich nichts anderes

als ein durch gegenseitige Ignoranz bedingter Schock. Über den Anblick der Erde ausserhalb

des Solarsystems konnte der Astronom Carl Sagan mit Hilfe der Aufnahmen

aus dem Raumschiff Voyager schreiben: „Unser Planet ist nichts weiter als ein einsamer

Punkt im riesigen Bauch der kosmischen Dunkelheit. Ein kleiner Punkt, der das

Herz rührt und Bescheidenheit lehrt. Dieses zerbrechliche Bild erinnert uns an unsere

Verantwortung und fordert uns auf, uns wohlwollender um die anderen zu kümmern,

diesen hellblau strahlenden Punkt zu schützen – unser Staubkorn, der an einem Sonnenstrahl

schwebt“.

Europa

Zuletzt der dritte Begriff, der hier erörtert wird: Europa. Von allen dreien fühle

ich mich bei diesem hier am meisten zu Hause, auch wenn es gerade eine schwierige

Zeit für Europa ist. Die Europäische Union ist wahrhaftig ein kleines, aber auch großes

Wunder, zu dem Deutschland und Italien seit der Gründung beigetragen haben. Eine

Werkstatt, die nie einfach zu leiten war und dennoch solide Ergebnisse erbracht hat: 50

Jahre Frieden in einem Subkontinent, der, seit dem Fall des Römischen Reiches, durchschnittlich

alle 20 Jahre einen Krieg erlebt hat. Dazu kommt aber auch das andauernde

und ununterbrochene Wachstum eines Wohlstands, wie man ihn vorher noch nie gekannt

hatte. Zu Recht hatte Thomas Moore einst behauptet, dass keine Landkarte wirklich

vollkommen ist, solange es auf ihr keinen Landstreifen, den man Utopie benennt,

gibt. Und diese Utopie erkannten viele im europäischen Gedanken, den Adenauer, De

Gasperi und Schuman aus den noch rauchenden Trümmern des Zweiten Weltkrieges

entwickelt hatten.

So wenig es auch bedeutet, bin ich fest überzeugt, dass es durchaus eine europäische

Identität gibt und diese sogar tiefer verankert ist, als wir glauben. Und dies nicht nur,

weil jeder Kirchturm und jeder Handbreit Acker ein Teil dieses Europa ist, sondern

vor allem, weil es der Menschheit Gedanken von beträchtlicher Substanz sowie eine

soziale Philosophie geschenkt hat, aus der die „Menschenrechte“ und die Verbreitung

eines in der Welt unbekannten Wohlstandes hervorgegangen sind. Trotz der schweren

Fehler, die seine Geschichte geprägt haben, ist Europa in den letzten Jahrzehnten ein

Leuchtturm für die Menschheit gewesen und hat sich zu einem Labor entwickelt, in

dem Fragen der menschlichen Zukunft reflektiert werden.


Vor dem Hintergrund der beeindruckenden Traditionen besteht die größte Schwierigkeit

darin, sich der Vergangenheit würdig zu erweisen und in der Gegenwart den

Anfang für ein Zukunftskonzept zu setzen. Das Problem Europas ist nicht nur, dass es,

wie die Amerikaner sagen, keine „Telefonnummer“ hat - es muss auch lernen, seinem

Erbe gewachsen zu sein. Wir können uns nicht unserer Verpflichtung entziehen, einen

Vertrag der Brüderlichkeit mit den Neuangekommenen zu schließen, eine neue Identität

zu entwickeln, die sie einschließt und nicht ausschließt, und sie auf dem Kontinent

der Menschheit zu Reisegefährten zu machen, ohne dabei unseren Stolz als Europäer

zu vergessen. Europäer zu sein bedeutet heute, als bescheidener aber entschlossener

Architekt an der Erbauung eines globalen Dorfs mit zu wirken, das sich auf die Vielfalt

seiner Bürger stützt und den Weg zu einer unbekannten pluralen Einheit zu wagen.

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Erfahrungen in Italien und Deutschland

Ein Panorama der Migrati on - Italienische und deutsche

Erfahrungen - Ein Vergleich in 10 Thesen

Dr. Luca Di Sciullo, Dr. Franco Pitt au, Dossier Stati sti co Immigrazione Caritas/Migrantes

1. Die stati sti schen Daten helfen einen verlässlichen Vergleich zwischen

Italien und Deutschland durchzuführen.

Die hier verfolgte Methode soll einen verlässlichen Vergleich ermöglichen. Richtig

ausgewertete Zahlen sind ein wirksames Mittel gegen Vorurteile, helfen die Strukturen

der Migration zu definieren, ermöglichen einen detaillierten Vergleich der beiden

Länder und verdeutlichen Übereinstimmungen und Unterschiede. In Italien versuchte

der „Nationaler Rat für Wirtschaft und Arbeit“ (CNEL) mit der Methode statistischer

Indikatoren differenzierte Integrationspotentiale der Regionen Italiens und von EU-

Staaten darzustellen. 9

Wir möchten die Lage der Migration in Italien mit der in Deutschland vergleichen

und werden dabei auch die aufschlussreichen Ergebnisse einer Umfrage berücksichtigen,

die wir in Zusammenarbeit mit der Deutschen Botschaft und der Friedrich-Ebert-

Stiftung im Mai 2007 in Vorbereitung der deutsch-italienischen Tagung über die Integration

durchgeführt haben (62 Migranten aus Rom und Umgebung - dem Gebiet mit

der höchsten Zahl von Migranten in Italien – wurden interviewt).

Zweifellos weisen die sozioökonomischen Verhältnisse in beiden Ländern große

Unterschiede auf. Dies gilt für die Gesetzgebung, die Verwaltungstradition, die Rolle

der Parteien, die Wirtschaft, das integrationspolitische Konzept und, wie im Folgenden

dargestellt, die Struktur der ausländischen Bevölkerung. Es fehlt nicht an Übereinstimmungen,

umso mehr als Deutschland in der Nachkriegszeit das Land war, das die

meisten Emigranten aus Italien aufgenommen hat. Einige dieser Aspekte, die wir hier

aufgreifen und vertiefen wollen, wurden übrigens schon ausgewertet. 10

Wenn wir die Daten des deutschen Statistischen Bundesamts zur Grundlage nehmen,

so stellen wir fest, dass seit dem deutsch-italienischen Anwerbeabkommen im Jahre 1955

1.903.237 Italiener in den sechziger Jahren, 1.166.720 in den siebziger Jahren, 477.719 in

den achtziger Jahren und 375.194 in den neunziger Jahren nach Deutschland auswander-

(9) CNEL, Indici di inserimento territoriale degli immigrati in Italia (Indikatoren der territorialen Eingliederung

in Italien), Hrsg. von L. Di Sciullo, Rom, September 2004; nachfolgende Berichte können auf

der Webseite www.cnel.it eingesehen werden.

(10) Vgl. A. Ricci, M. M. Ambrosini, A. D’Angelo, „Contesto internazionale ed europeo“ (Der internati

onale und europäische Rahmen), Caritas/Migrantes, Dossier Stati sti co Immigrazione 2007, Edizioni

Idos, Rom 2007, S. 15-66 und insbesondere: E. Pugliese, „L’immigrazione straniera in Germania“ (Die

Zuwanderung von Ausländern nach Deutschland), S. 37-46; A. D’Angelo, „L’immigrazione e la presenza

straniera nell’Unione europea a 27“ (Migrati on und die Präsenz von Ausländern in der EU mit 27 Mitgliedstaaten),

S. 25-34.


ten. In der gleichen Periode betrug die Zahl der Rückkehrer 1.454.160 in den sechziger

Jahren, 1.056.837 in den siebziger Jahren, 580.965 in den achtziger Jahren und 347.424

in den neunziger Jahren. Der größte Wanderungssaldo war in den sechziger Jahren mit

rund 450.000 Italienern in Deutschland; in den siebziger Jahren glichen sich die Zahlen

der Aus- und Rückwanderung aus; in den achtziger Jahren kehrten mehr italienische

Auswanderer nach Italien zurück (rund 100.000 Personen); in den neunziger Jahren

war die Zahl der eingereisten und ausgereisten Italiener fast gleich, mit einem kleinen

Überschuss der Auswanderer; seit dem Jahr 2000 reisten 20.000-25.000 Italiener nach

Deutschland ein und 30.000-35.000 aus. Man kann sich also ausrechnen, dass in der Zeit

von 1957 – 2004 über 4 Millionen (4.090.362) nach Deutschland auswanderten und über

dreieinhalb Millionen (3.662.873) nach Italien zurückkehrten. Das bedeutet, dass rund

eine halbe Million Italiener (427.489) mehr in Deutschland blieben als zurückreisten.

Dieses Ergebnis, bei dem die in Deutschland geborenen Kinder von Italienern nicht mitgezählt

wurden, stimmt mit den Zahlen der Einwohnermeldeämter überein, die im Mai

2007 die Zahl der in Deutschland wohnenden Italiener mit 579.644 angaben. In Bezug

auf die Migrationsflüsse kann gesagt werden, dass in der Zeit von 1960-1970 in einigen

Jahren über 200.000 und in der ersten Hälfte der siebziger Jahre über 150.000 Personen

nach Deutschland ausreisten. Diese Zahlen fielen dann 1974 unter 100.000 und lagen

1982 bei 50.000, während derzeit offiziell rund 70.000 Personen nach Deutschland ein-

oder ausreisen (die wirklichen Zahlen sind wahrscheinlich höher) . 11

Die Tatsache, dass nur ein Zehntel der Emigranten in Deutschland geblieben ist, weist

darauf hin, dass wir es hier mit einem deutschen „Rotationsmodell“ oder auch „Gastarbeitermodell“

zu tun haben. Die Meisten, von einer kleinen Zahl abgesehen, hatten vor, auch

nach einem längeren Aufenthalt endgültig nach Italien zurückzukehren. Schon vor dem

Jahr 2000 begann Deutschland sich als Einwanderungsland zu betrachten und hatte damit

begonnen, interessante integrationsfördernde Maßnahmen zu ergreifen. Wahrscheinlich

waren die italienischen Migranten hier weniger integriert als in anderen Ländern. Ganz

anders ist die einschlägige italienische Erfahrung, die schon ab den neunziger Jahren (das

bedeutet knapp 10 – 15 Jahre nach Beginn der Zuwanderung) voraussehen ließ, dass die

ausländischen Bürger sich auf Dauer in Italien niederlassen werden.

2. Italien entwickelt sich wie Deutschland zu einem großen Einwanderungsland

und dieser Prozess wird sich voraussichtlich beschleunigen.

Italien hat mit rund 3.690.000 halb so viele Migranten wie Deutschland (6.751.002;

31.12.2006), was 6,2% der Gesamtbevölkerung entspricht. 12 Wenn jedoch in Deutschland

die Migranten mit deutscher Staatsbürgerschaft hinzugezählt werden, so kommen

wir auf 15 Millionen Personen mit einer Migrationsgeschichte, von denen 670.000

(11) F. Heins, E. Pugliese, „Germania: il primo paese degli emigrati all’estero“ (Deutschland, das erste

Land der italienischen Emigranten), Fondazione Migrantes, Rapporto Italiani nel Mondo 2006 (Bericht

über die Italiener in der Welt 2006), Edizioni Idos, Rom 2006, S. 267-281; für die nachfolgenden Aktualisierungen

vgl. Fondazione Migrantes, Rapporto Italiani nel Mondo 2007, Edizioni Idos, Rom 2007.

(12) F. Pitt au, L. Di Sciullo, „Consistenza, provenienza e insediamento degli immigrati “ (Zahl,

Herkunft und Niederlassung der Immigranten), Caritas/Migrantes, Dossier Stati sti co Immigrazione

2006, edizioni Idos, Rom, 2006, S. 87-95.

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einen italienischen Hintergrund haben. 13

Anfangs verdoppelte sich die Zahl der Zuwanderer in Italien alle 10 Jahre. So war es

in den siebziger, in den achtziger und den neunziger Jahren. Ab 2000 verdoppelte sich

die Zahl schon alle 5 Jahre. In Deutschland überschritt die Zahl der Ausländer 1993 die

Schwelle von 7 Millionen und hielt sich dann 10 Jahre lang auf diesem Niveau, ging anschließend

2004 um 250.000 Einheiten zurück, wobei die Ausländerquote von 8,9% auf

8,1% fiel.

In Italien multiplizierte sich die Zahl der Zuwanderer seit 1970, als es nur 144.000

waren, etwa mit 25. Alles deutet darauf hin, dass es in 10 Jahren 7 Millionen Ausländer

sein werden, genauso viele wie heute in Deutschland. Der hohen Zahl der Zuwanderer

steht ein demografischer Trend gegenüber, der noch negativer verläuft als in der EU

und den anderen Ländern der Erde: die letzten Prognosen (ISTAT 2006) sprechen davon,

dass die Zahl der Italiener zwischen 19 und 44 Jahren zwischen 2005 und 2020 um

viereinhalb Millionen zurückgehen wird.

Wenn sich dieser Trend unverändert fortsetzen sollte, wird schon lange vor dem

Jahr 2050 (wahrscheinlich reichen schon rund zwanzig Jahre aus, d.h. also 2027) die

Zahl der Ausländer die 10-Millionen-Marke übersteigen - d.h. ein Verhältnis von dann

1 zu 5 (Ausländer zu Einheimischen). Damit kann man prognostizieren, dass Italien das

Land mit der höchsten Ausländerzahl in der EU sein und an die Stelle von Deutschland

treten wird, das heute nur noch qualifizierte Arbeitskräfte einlassen will. Die jüngste

Migrationsgeschichte in Italien zeigt deutlich die Unterschiede zu Deutschland, einem

Land, in dem es schon seit langem Zuwanderung gibt und in dem schon ein Fünftel

der Ausländer im Land geboren wurde (rund 30% der dort wohnenden Italiener, d.h.

160.144 Personen).

Die unterschiedlich lange Migrationsgeschichte ist auch an Hand der Aufenthaltsdauer

von ausländischen Bürgern in Deutschland festzustellen: 17,3 Jahre sind es für

alle Einwanderer und 25,1 Jahre für Italiener (länger ist die Aufenthaltsdauer bei Holländern,

Österreichern, Slowenen und Spaniern). Überraschenderweise leben schon

84% der Ausländer über 5 Jahre in Deutschland (und 72% über 10 Jahre), in Italien

dagegen wohnt noch nicht einmal die Hälfte der Migranten über fünf Jahre im Land.

Wenn wir Deutschland und Italien vergleichen, so erkennen wir eine gegensätzliche

Entwicklung. Deutschland hat in den fünfzig Jahren von 1951 bis 2001 31 Millionen

Zuwanderer aufgenommen (einschließlich der Deutschstämmigen, die in anderen

Ländern geboren wurden und rund die Hälfte der Gesamtzahl ausmachen); 22 Millionen

wanderten aus. Von den 28 Millionen Bürgern, die Italien seit 1861 verließen

– abzüglich der Rückkehrer und derjenigen, die die Staatsbürgerschaft des Landes angenommen

haben oder verstorben sind – haben noch immer dreieinhalb Millionen die

italienische Staatsbürgerschaft, während die Zahl der Menschen italienischer Herkunft

auf 60 bis 70 Millionen geschätzt wird. 14

Was die Zuwanderung betrifft, so sieht sich Italien heute in einer ähnlichen Lage

wie Deutschland in den sechziger und Anfang der siebziger Jahre. Eine vorsichtige

Schätzung geht von jährlichen Zuwachsraten der Ausländer von mindestens 300.000

(13) Vgl. Anhang, Stati sti sche Daten: Deutschland

(14) Vgl. Fondazione Migrantes, Rapporto italiani nel mondo 2006 (Bericht über die Italiener in der

Welt), edizioni Idos, Rom 2006.


Einheiten pro Jahr aus (200.000 neue Arbeitskräfte, 100.000 Familienzusammenführung

und 60.000 Neugeborene jährlich). Dieser Trend muss nach oben korrigiert werden,

weil im Jahr 2006, im Rahmen der Zuwanderungsquote, 540.000 Anträge und im

Rahmen der neuen Quote für 2007 bis Dezember schon fast 700.000 neue Anträge zum

Zweck der Arbeitsaufnahme gezählt wurden.

2006 war in Deutschland der Zuwanderungssaldo der Ausländer positiv, betrug

jedoch nur 74.693 (558.467 Zuwanderer und 483.774 Rückwanderer). In Italien verließen

viel weniger Menschen das Land (rund 15.000 im Jahr, abgesehen von den Saisonarbeitern)

und der Zuwanderungssaldo war erheblich höher. Auch die Zahl der Asylbewerber

in Deutschland, die bis 1997 bei über 100.000 lag, ging 2004 auf 35.000 zurück

(blieb jedoch immer noch dreimal höher als die in Italien, welches jedoch mit großer

Wahrscheinlichkeit als Grenzland mehr illegale Zuwanderung verzeichnet).

Trotz aller Unterschiede müssen Italien wie auch Deutschland sich heute mit der

Frage der Migration intensiv befassen.

3. Italien unterscheidet sich von Deutschland durch die nati onale Vielfälti

gkeit seiner Migranten und ihre andersarti ge Eingliederung.

Es ist bekannt, dass die Türken mit einem Viertel der Gesamtzahl und 1.739.000

Personen, die zahlenmäßig stärkste ausländische Bevölkerungsgruppe in Deutschland

sind. Italien nennen wir dagegen ein polyzentrisches Zuwanderungsland, ein Land mit

vielen verschiedenen und mehr oder weniger gleichstarken Gruppen: Um auf ein Drittel

der Migranten zu kommen, sind die ersten drei Nationalitäten zusammenzuzählen

(Rumänen 556.000, Albaner 381.000 und Marokkaner 387.000). Danach folgen andere,

weniger große Gemeinschaften aus einer Reihe von Ländern, die zwar nicht so stark

vertreten sind, aber doch eine relevante Zahl aufweisen. Einige haben sich seit längerer

Zeit in Italien niedergelassen, andere erst seit kurzem. Sie kommen aus der Ukraine

und China (jede Gruppe mit etwas unter 200.000 Einheiten). Es folgen mit rund 70.000

bis 100.000 Einheiten die Moldawier, Tunesier, Inder, Polen, Bangladeschi, Peruaner,

Ägypter und die Zuwanderer aus Sri Lanka. In dieser Spitzengruppe sind vier Kontinente

(Europa, Afrika, Asien und Amerika), verschiedene Subkontinente, viele Sprachen

(mindestens 150) und kulturelle Traditionen vertreten.

Außerdem sind hier praktisch alle Religionen der Welt zu finden: 1.792.000 Christen

mit einem Anteil von 48,6% (unter ihnen 918.000 Orthodoxe, 685.000 Katholiken,

Protestanten und andere christliche Gemeinschaften), 1.202.000 Muslime (32,6%),

99.000 Hindus, 68.000 Buddhisten, 41.000 Gläubige anderer traditioneller Religionen

(unter ihnen 9.000 Juden) und diejenigen, die keinem Glauben anhängen. Keine Migrantengruppe

könnte aufgrund der großen Vielfalt die eigene Sprache, Kultur und

Religion gegen die anderen im Integrationsprozess durchsetzen. Deshalb darf man annehmen,

dass diese Vielfalt, trotz aller Schwierigkeiten, eine Garantie für Demokratie

und ein Bollwerk gegen Einseitigkeit ist, wenn die geeigneten Maßnahmen ergriffen

werden.

Auch was die Herkunft nach Kontinenten betrifft, so ist der Unterschied zwischen

beiden Ländern groß. In Deutschland registrierte man diese Daten: Europa 79,6%

(5.375.000, 2,2 Millionen aus der EU und 535.000 alleine aus Italien), Afrika 4,0%,

Amerika 3,2%, Asien 12,1%, Australien und andere Regionen 0,2%.

Die Migranten in Italien kommen dagegen überwiegend aus der Dritten Welt: Europa

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49,6%, Afrika 22,3%, Asien 18,0%, Amerika 9,7%, Ozeanien und andere Regionen 0,1%.

Diese Komplexität der Migration hat ihre ganz spezifischen Strukturmerkmale:

hohe, schnell wachsende Zuwachsraten, Herkunft aus vielen verschiedenen Ländern,

ungleichmäßige Verteilung im Land, demografisch ausgeglichene Struktur (beide Geschlechter

sind gleich vertreten, mehr Paare als Unverheiratete, hoher Anteil an Minderjährigen),

anhaltende Nachfrage nach mehr Arbeitskräften, wachsende Konsolidierung

der Aufenthaltsdauer und steigendes Bedürfnis nach Räumen der Teilhabe.

4. Im Unterschied zu Deutschland braucht Italien derzeit unqualifi zierte

ausländische Arbeitskräft e.

Nach einer Umfrage von ISTAT (Statistisches Amt Italiens) stieg 2006 die Zahl

der ausländischen Arbeitnehmer auf 1.475.000 Personen (1.348.000 Beschäftigte und

127.000 Arbeitslose, Arbeitslosenquote von 8,6%), davon sind 40% der Industrie, 55%

dem Dienstleistungsgewerbe und 5% der Landwirtschaft zuzuordnen. 15

Aus den Daten der INAIL (Italienische Versicherungsanstalt für Arbeitsunfälle

und Berufskrankheiten) ergeben sich für die im Ausland geborenen Arbeitnehmer folgende

Zahlen: 1.856.932 (2006) abhängig Erwerbstätige aus Nicht-EU-Staaten (8,5%

Anteil), das entspricht 10,5% aller Erwerbstätigen, 337.339 aus der EU25 (Rumänien

und Bulgarien nicht enthalten). 16 Sie tragen überproportional zum Bruttosozialprodukt

bei, da ihre Beschäftigungsquote (nach ISTAT) 67,5% beträgt und damit rund 10 Prozentpunkte

über der der italienischen Erwerbstätigen liegt.

In 141.393 Unternehmen kommt der Firmeninhaber aus dem Ausland, ein Trend,

der auch in der derzeit nicht guten Konjunkturphase der italienischen Wirtschaft steil

nach oben geht (70% dieser Unternehmen sind im Handel und im Baugewerbe tätig).

Bemerkenswert ist, dass diese Unternehmer, anders als in anderen Ländern, nur im

Verhältnis von 1 zu 16 direkt aus dem Ausland kommen. 17

Der Anteil der Frauen, die Hälfte der Migranten, an den ausländischen Erwerbstätigen

liegt bei 40% (85% davon sind im Haushalt tätig) und an den ausländischen

Firmeninhabern bei 16,2%. 18

Der Anstieg der Erwerbstätigenzahl 2006 in Italien um 425.000 Personen ist nach

ISTAT zu rund zwei Fünftel auf Ausländer mit registriertem Wohnsitz zurückzuführen.

INAIL errechnete, dass 235.096 der im Ausland geborenen Erwerbstätigen ihre

Arbeit in Italien neu aufgenommen haben, eine im Verhältnis zu anderen europäischen

(15) M. Albisinni, F. Pintaldi, „Gli immigrati nel mercato del lavoro italiano“ (Die Migranten auf dem

italienischen Arbeitsmarkt), in Dossier Stati sti co Immigrazione 2007, S. 229-237; INPS, Immigrazione:

una risorsa da tutelare (Immigrati on, eine Ressource, die es zu schützen gilt), Rom, INPS, 2006, S.

38-47); ebd., Regolarità, normalità, tutela, II Rapporto su immigrati e previdenza negli archivi Inps

(Legalität, Normalität, Schutz. Bericht über Immigranten und Vorsorge aus den Archiven der INPS),

Rom 2007.

(16) Kommentare zu den INAIL- und INPS-Daten vgl. Caritas/Migrantes, Dossier Stati sti co Immigrazione

2007, Edizioni Idos, Rom 2007, G. Demaio (S. 238-246), F. Meloni (S. 247-256), M. P. Nanni, A.

Fucilitti , F. Di Maggio (S. 256-264).

(17) F. Dota, F. Grande, C. Catena e G. Bea, „L’imprenditoria immigrata in Italia“ (Migranten als Unternehmer

in Italien), in Dossier Stati sti co Immigrazione 2007, S. 274-282.

(18) W. Bonapace, „L’immigrazione al femminile“ (Die Zuwanderung von Frauen), Caritas/Migrantes,

Dossier Stati sti co Immigrazione 2007,vgl.,S. 123-131.


Ländern hohe Zahl. Wie schon gesagt, deutet alles darauf hin, dass sich dieser Prozess

noch beschleunigen wird.

Bei den ausländischen Erwerbstätigen beträgt die Fluktuationsrate 1,7% (durchschnittlich

fast zwei Arbeitsverträge in einem Jahr), ein weiterer Hinweis für die weniger

sicheren und daher weniger attraktiven Arbeitsplätze. ISTAT hob auch hervor,

dass die Migranten besonders belastete Arbeitsplätze einnehmen, die die Italiener

nicht mehr wollen: ein Viertel der ausländischen Beschäftigten arbeitet in Abend- oder

Nachtschichten: 19% abends (von 20 bis 23 Uhr), 12% nachts (nach 23 Uhr) und 15%

sonntags.

Im allgemeinen arbeiten die Migranten nicht in Berufen, die ihrer Ausbildung und

beruflichen Qualifikation entsprechen; sie werden geringer eingestuft, u.a. weil die Arbeitgeber

nicht bereit sind, ausländische Abschlüsse anzuerkennen und es vorziehen,

diese vor Ort nicht zu berücksichtigen. So besteht oft ein großer Unterschied zwischen

der Ausbildung der Migranten und ihrer Einstufung am Arbeitsplatz. Die Migranten

verfügen häufiger über einen Schul- und Universitätsabschluss als die Italiener (39,5

gegenüber 33,4 - ein Unterschied von 6,1 Prozentpunkten), sind aber vor allem als Arbeiter

tätig (83,7% aller ausländischen Erwerbstätigen, gegenüber von 54,7% bei den

Italienern - ein Unterschied von knapp 29 Prozentpunkten).

In Italien kann man von einer „ethnisch“ bedingten Einstufung am Arbeitsplatz

sprechen. Die Migranten übernehmen die Arbeitsplätze, die die Italiener nicht wollen.

Im Produzierenden Gewerbe sind sie vor allem im Baubereich zu finden (ein Fünftel

aller Bauarbeiter kommt aus Nicht-EU-Staaten), im Dienstleistungsbereich arbeiten

sie in den Familien (über zwei Drittel aller Beschäftigten), wir finden sie in Hotels und

Restaurants (Anteil von 20,4%) und in der Landwirtschaft (ein Fünftel). Man kann

annehmen, dass auch in Zukunft viele dieser offenen „schlechteren“ Arbeitsplätze weiterhin

mit diesen, an sich überqualifizierten Zuwanderern ausgefüllt werden. Die Bereitschaft

der ersten Migrantengeneration, diese Stellen zu übernehmen, führte dazu,

dass ihre Rolle auf dem Arbeitsmarkt gewachsen ist; bei ihren in Italien aufgewachsenen

Kindern, die die gleichen Ansprüche wie Italiener stellen, wird diese Bereitschaft

schwerer zu finden sein, obwohl die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften nur

wenig steigen dürfte.

Aber es gibt noch andere Nachteile für die Migranten, auf die aufmerksam gemacht

werden soll. Aus einer in ganz Italien von den Gewerkschaften durchgeführten Umfrage

ergibt sich, dass sich die Migranten mit absteigender Priorität über folgende Mängel

beklagen: Arbeitsverträge werden nicht eingehalten, keine korrekten Gehaltszahlungen,

Sozialbeiträge werden nicht richtig abgeführt, zu niedrige Entgelteinstufung und allgemein

schlechtere Behandlung als Italiener. Zu der oft nicht korrekten Abführung der

Sozialbeiträge kommt, dass für die Schwarzarbeit, die häufig die Hälfte des Arbeitseinkommens

ausmacht, keine Sozialbeiträge gezahlt werden. Die Arbeitszeiten sind länger

(möglicherweise muss nachts gearbeitet werden), Überstunden werden nicht entgolten

und sie bekommen weder bezahlte noch unbezahlte Ferien, kein 13. Monatsgehalt und

keine Abfindung bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses. Weiterhin werden sie häufig

fristlos und ohne triftigen Grund entlassen und es wird nur wenig Rücksicht auf die religiösen

Anliegen und Essensbedürfnisse der Migranten genommen. 19

(19) F. Benti vogli, M.I. Macioti , von „Immigrazione, sindacato e tutela“ (Immigrati on, Gewerkschaf-

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62

Angesichts all dieser Fakten versteht man nur zu gut, warum ein 2007 vom „Europäischen

Zentrum für Politik und soziale Studien“ veröffentlichter Bericht darauf

hinwies, dass die Gefahr arm zu werden, für aus Nicht-EU-Staaten kommende Migranten

2 bis 3mal höher ist als für die jeweilige einheimische Bevölkerung. Caritas Europa

hatte schon im Vorjahr auf dieses Risiko hingewiesen. 20

Man kann also sehr damit einverstanden sein, was CNEL in seinen Berichten, ausgehend

von den Integrationsindikatoren, hervorhebt: Arbeit allein kann, wenn es keine

passende Unterstützung für die Familie, noch andere Hilfen gibt, die Defizite im Integrationsprozess

nicht ausgleichen. 21

5. Italien hat sich schneller als Deutschland als Einwanderungsland verstanden.

In Italien begann die Migration Anfang der siebziger Jahre, zu einer Zeit, als die

europäischen Länder gerade infolge der Erdölkrise und Stagnation damit begannen, die

Migrationsflüsse einzudämmen. 22

In der ersten Phase seiner Migrationsgeschichte, in den achtziger Jahren, war Italien

vor allem ein Durchgangsland für Migranten, die entweder in die französisch- oder

englischsprachigen Länder wollten im Falle der Kurden und Türken, nach Deutschland

weiterreisten, oder für Asylbewerber, die weiter nach Übersee, besonders Nordamerika,

wollten.

Mit dem Martelli-Gesetz 1990 und der Zuwanderung in den neunziger Jahren, die

außerhalb der niedrigen offiziellen Zuwanderungsquoten erfolgten, entwickelte sich in

Italien das Bewusstsein, dass die Migranten bleiben wollen. Die Italiener brauchten u.

a. deshalb weniger Zeit als die Deutschen, um diese Schlussfolgerung zu ziehen, weil in

der Zwischenzeit in der ganzen EU offensichtlich geworden war, dass die Migrationsflüsse

keine vorübergehende Erscheinung sind.

Diese Überzeugung schlug sich in den nachfolgenden italienischen Einwanderungsgesetzen

nieder: das betrifft das erste Migrationsgesetz (aus dem Jahre 1986) über gleiche

Rechte für Migranten auf soziale Leistungen und das Gesetz aus dem Jahre 1998 bezüglich

Integrationsmaßnahmen und der Öffnung gegenüber anderen Kulturen.

Heute weiß man in Deutschland und Italien, dass trotz der hohen Arbeitslosenzahlen

(2007 in Deutschland 3,6 Millionen, doppelt so viele wie in Italien), arbeitsuchende

Migranten nicht alle offenen Stellen füllen können, wobei der grundsätzliche Unterschied

zwischen beiden Ländern darin besteht, dass in Deutschland vor allem qualifizierte

Arbeitskräfte gesucht werden, während es in Italien auch eine Nachfrage nach

unqualifizierten Arbeitskräften gibt.

ten und Schutz), in Dossier Stati sti co Immigrazione 2006, Idos Roma, 2006, S. 315-324.

(20) Caritas Europa, „La migrazione: un viaggio verso la povertà?” (Immigrati on eine Reise in die

Armut?), Anterem, Rom 2006.

(21) CNEL – (Nati onale Organisati on zur Koordinierung der Integrati onspoliti k der Ausländer), Indici

di integrazione degli immigrati in Italia. IV e V Rapporto (Integrati onsindex der Integrati on von

Migranten in Italien, IV. und V. Bericht) von L. Di Sciullo und F. Pitt au, Rom 2007 (wird demnächst

veröff entlicht).

(22) F. Pitt au, „35 anni di immigrazione in Italia“ (35 Jahre Immigrati on in Italien) Caritas/Migrantes,

Dossier Stati sti co Immigrazione 2006, Edizioni Idos, Rom 2006, S. 69-76.


In Italien ist die Tendenz, sich langfristig niederzulassen, besonders groß: hohe

Zahl der Familienzusammenführungen (rund 100.000 im Jahr in Italien gegenüber

76.000 in Deutschland); jährlich stark steigende Zahl Minderjähriger (80.000 mehr als

2006), mit einem Anteil an der ausländischen Bevölkerung von 22,6% (in Deutschland

beträgt der Anteil 18,2%, etwas über 4 Punkte weniger), mit Spitzenwerten von 25% in

einigen Gebieten Norditaliens. Dafür spricht auch die zahlenmäßige Ausgewogenheit

zwischen den Geschlechtern (in Deutschland beträgt der Anteil der Männer dagegen

52%) und die hohe Geburtenrate von Kindern, deren beide Elternteile Ausländer sind

(57.000 im Jahre 2006), was einem Zehntel aller Geburten entspricht. In Deutschland

lag diese Zahl bei knapp 30.000 Geburten (weniger als ein Drittel gegenüber 100.000

Geburten in den neunziger Jahren; insgesamt waren es 672.000 Geburten). Man muss

hier allerdings berücksichtigen, dass viele der Neugeborenen seit dem neuen Staatsbürgerschaftsgesetz

als deutsche Bürger gelten.

ISTAT hat 2006 zum ersten Mal eine Zählung der zweiten Migrationsgeneration

durchgeführt, d.h. die Zahl aller in Italien geborenen Ausländer (ohne diejenigen, die

schon die italienische Staatsangehörigkeit erworben haben) ermittelt: es sind 398.295

Personen, mehr als die Hälfte davon sind Minderjährige, die 13,5% der in Italien wohnenden

Ausländer ausmachen; angesichts der kurzen Migrationsgeschichte des Landes

eine bemerkenswert hohe Zahl.

Ein weiteres Zeichen dafür, dass die italienische Gesellschaft, trotz vieler Widersprüche,

immer interkultureller wird, sind die binationalen Ehen (1 von 8), wobei mehr

italienische Männer als Frauen einen ausländischen Ehepartner wählen (1 zu 5). Heute

gibt es über 200.000 binationale Ehen (über die nichtehelichen Lebensgemeinschaften

liegen keine Zahlen vor).

6. Es ist notwendig, die Aufnahme der neuen Zuwanderer mit der Integrati

on der schon langfristi g ansässigen Migranten in Einklang zu bringen.

Italien muss weiterhin wegen der starken, auch illegalen Zuwanderung (es sind

mehr als in Deutschland) „Notmaßnahmen“ ergreifen. Gleichzeitig verlangt die Integration

der langfristig ansässigen Migranten uns immer mehr ab.

Für die Zuwanderer müssen Maßnahmen ergriffen werden, die die für einen Neuanfang

typische Notlagen überwinden helfen: man kennt weder die Sprache noch die

Mentalität, weiß nicht wie die Ämter arbeiten oder welche Regeln befolgt werden müssen.

Deswegen gilt es vor allem, die Ämter funktionstüchtiger zu machen, ein Dauerproblem,

das man über Modellversuche zu verbessern versucht. Weiterhin brauchen

die Zuwanderer Hilfe beim Erledigen von Verwaltungssachen, sie brauchen Hinweise,

Übersetzungen, Verdolmetschung und Betreuung.

Rund die Hälfte der Ausländer lebt schon seit über fünf Jahren in Italien und gehört

damit zu den „langfristig“ Ansässigen (dieser Prozentsatz lag in der Vergangenheit

noch höher und sank in letzter Zeit durch starke Neuzuwanderung). Diese langfristig

Ansässigen brauchen nur in Ausnahmefällen eine „Nothilfe“, dafür aber eine Unterstützung

für eine nicht nur oberflächliche Integration. Obwohl die Migranten aus verschiedenen

Kulturen stammen, wollen sie sich harmonisch und dauerhaft in die italienische

Gesellschaft integrieren und fordern deswegen auch Möglichkeiten einer wirklichen

Teilhabe: hier kann die Lage Italiens mit der Deutschlands und anderer EU-Staaten

verglichen werden, auch wenn bis jetzt noch keine Integrations- und Sprachkurse an-

63


64

geboten werden (in Deutschland erhalten Neuankömmlinge heute 900 Stunden).

In Italien gibt es viele „Kulturmediatoren“, deren Arbeit hochgeschätzt wird und

die im Vergleich zu den traditionellen Strukturen, wie den Patronati (gewerkschaftlich

orientierte soziale Beratungsdienste) weniger technisch, sondern stärker kulturell ausgerichtet

sind. Die früher nicht vorstellbare Vielfalt der heutigen Gesellschaft unterstreicht

die Bedeutung der „Mediation“, den Migranten Unterstützung bei der Anpassung an die

Italiener und die italienischen Grundnormen zu geben, heißt aber auch, dass die Italiener

ihrerseits davon überzeugt werden müssen, die soziokulturellen Eigenheiten der Migranten

kennen zu lernen und zu achten. Die ganze Gesellschaft ist aufgerufen, in ihren Gesetzen,

Ämtern und der Mentalität ihrer Bürger interkulturell zu werden.

Die Aufwertung der Migrantenvereine ist daher von strategischer Bedeutung, aber bis

heute wurden die hierzu notwendigen Ressourcen nicht zur Verfügung gestellt. Obwohl

man die Bedeutung von national gemischten Vereinen erkannte, war man auf italienischer

Seite nicht immer bereit den Migranteninitiativen eine besondere Rolle zuzuerkennen und

den Migranten eine leitende Funktion in italienischen Organisationen zu überlassen.

7. Eingeschränkte Teilhabe erschwert die Integrati on.

Die relativ positive Eingliederung der ersten Generation ist auf viele Fakten zurückzuführen:

auf den vergleichsweise offenen Charakter der Gesetze, die positive Haltung

von Gesellschaft und Kirche, die Unterstützung von Gewerkschaften und Unternehmern,

die große Nachfrage nach Arbeitskräften und die wenig kulturell und religiös

bedingten Konflikte. Aber nicht alles verlief immer glatt und dieser Prozess hat sich

heute verlangsamt. Verschiedene Beispiele zeigen, dass es Diskriminierung gibt, den

Migranten im öffentlichen Leben, in der Gesellschaft und am Arbeitsplatz eine nur

begrenzte Teilhabe zugebilligt wird und ein guter Teil der Bevölkerung sich ihnen

gegenüber wenig oder gar nicht offen verhält.

60% der Migranten leidet unter Diskriminierung seitens der Arbeitskollegen und

nur 33% erklärt, dass sie beruflich befördert wurden, ein Prozentsatz, der bei den Frauen

sogar auf 11,4% sinkt (IRES-CGIL 2005).

Obwohl die Weigerung, Migranten mit Aufenthaltserlaubnis eine Wohnung zu

vermieten, eine klare Diskriminierung darstellt, die mit einer Entschädigung und einer

Haftstrafe bis zu 3 Jahren geahndet wird, findet man immer wieder diskriminierende

Zeitungsannoncen (“Porta Portese” in Rom und “Secondamano” in Mailand; Studie der

Internetzeitung www.stranieriinitalia.it vom April 2005). Dass man nicht an Migranten

vermieten will, wird auch von einer bei 10.000 (von 60.000) Mitgliedern des „Vereins

Kleiner Wohnungseigentümer“ in 5 Städten in Norditalien und in 7 Städten in

Süditalien durchgeführte Umfrage bestätigt: 57% der interviewten Eigentümer waren

nicht bereit, an Migranten zu vermieten.

In den italienischen Schulen gibt es heute über eine halbe Million ausländischer Schüler

(Schuljahr 2006/2007), was einem Anteil von 5,6% an der gesamten Schülerzahl entspricht;

in einigen Gebieten ist die Zahl sogar mehr als doppelt so hoch (1 ausländischer

Schüler auf 8 italienische Schüler). In Mailand und Rom finden wir die meisten ausländischen

Schüler: 48.000 bzw. 40.000 Schüler mit ausländischer Staatsbürgerschaft. An den

höheren Schulen sind diese dagegen kaum vertreten (nur 9.000 treten zum Abitur an), sie

besuchen vielmehr technische Fach- und Berufsschulen und finden deswegen nur schlechtere

Arbeitsplätze, genau so wie es für die Kinder von Italienern in Deutschland der Fall


ist. Man schätzt, dass mehr als drei Viertel der ausländischen Schüler sitzenbleiben oder

verspätet eingeschult werden. Das ist besonders besorgniserregend in einem Land, in dem

viele Schüler (ein Fünftel) die Schule frühzeitig ohne Abschluss verlassen. Die italienische

Schule, die in der Vergangenheit so wichtig für die Eingliederung von Migrantenkindern

war, fängt an, Ermüdungserscheinungen zu zeigen, nicht nur weil jede neue Regierung

eine andere Schulpolitik vertritt, sondern weil auch zu geringe finanzielle Ressourcen zur

Verfügung gestellt werden, um die sprachlichen Schwierigkeiten der Migrantenkinder

auszugleichen und eine kulturelle Vermittlung zwischen den Neuankömmlingen und den

italienischen Schülern und ihren jeweiligen Eltern zu ermöglichen. Außerdem führte der

so schnell wachsende Anteil von ausländischen Schülern in vielen Gebieten in den letzten

Jahren zu Widerständen in der Bevölkerung.

Heute muss uns die geringe (und kaum beachtete) Beteiligung der jungen Migranten

an gemeinsamen Aktivitäten mit Italienern Sorge machen. Zudem ist es immer noch

schwierig, die italienische Staatsbürgerschaft zu erwerben. In Deutschland, wo 2006

125.000 Personen eingebürgert wurden, sechsmal so viel wie in Italien, das 2006 19.000

Personen die Staatsbürgerschaft verlieh (immerhin, fast doppelt so viel wie in den Vorjahren),

gibt es seit dem 1. Januar 2001 ein neues Gesetz, nach dem die erforderliche Aufenthaltsdauer

für Erwachsene von 15 auf 8 Jahre gesenkt und die Kenntnis der deutschen

Sprache für den Erwerb der Staatsbürgerschaft vorausgesetzt wird. Minderjährigen mit

mindestens einem Elternteil, der seit 8 Jahren eine zeitlich unbeschränkte Aufenthaltserlaubnis

hat, wird der Erwerb der Staatsbürgerschaft ermöglicht. In Italien erwerben dreimal

weniger Migranten die Staatsbürgerschaft als im europäischen Durchschnitt. In der

italienischen Gesellschaft gibt es deshalb nur wenige hunderttausende italienische Staatsbürger

mit Migrationshintergrund, die die zahlreichen Migrantengemeinschaften auf

den verschiedenen Ebenen des öffentlichen Lebens (Parlament, Ämter, Schulen, religiöse

Organisationen, usw.) vertreten und eine Vermittlungsfunktion übernehmen können. In

Italien besteht im Gegensatz zu Deutschland und anderen EU-Staaten eine größere Unsicherheit

in Bezug auf das Verfahren zum Erwerb der Staatsbürgerschaft für langfristig

in Italien lebende Migranten. Ein wohl überdachter Grundgedanke könnte sein, dass

die Staatsbürgerschaft als Krönung eines soziokulturellen Anpassungsprozesses an die

neue Gesellschaft und nicht als Instrument zur leichteren Anpassung verstanden wird.

Zusätzlich sollten noch andere Instrumente erwogen werden, wie eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung

und das Kommunalwahlrecht in der Stadt, in der der Nicht-EU-

Ausländer gemeldet ist.

8. Italien hat auf dem Weg zu einem Zukunft skonzept von Integrati on, auf

das sich Deutschland in den letzten Jahren mit großer Überzeugungskraft

verständigen konnte, nur die halbe Strecke zurückgelegt.

Da allgemein bekannt ist, dass auf die ausländischen Arbeitskräfte nicht verzichtet

werden kann (man schätzt, dass schon heute in über einer Million Familien Ausländerinnen

aushelfen), könnte man zu der Überzeugung kommen, dass die Integration

der Migranten in die Gesellschaft und das persönliche Umfeld leicht sein müsste. Das

ist aber keineswegs der Fall. Abgesehen von verschiedenen Vorkommnissen von Diskriminierung,

besteht in Teilen der Gesellschaft Skepsis, ob ein harmonisches Zusammenleben

überhaupt möglich sei. Die Bevölkerung scheint geteilter Meinung zu sein,

als ob sie zu dem Zeitpunkt auf halber Wegstrecke stehenbleiben wolle, als die Zu-

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66

wanderungszahlen in die Höhe schnellen; auch beeinflusst von falschen, auf jeden Fall

aber ungenauen Informationen. Einer Studie von “Makno & Consulting” zufolge, die

im Auftrag des Innenministeriums durchgeführt wurde, bilden sich die interviewten

Italiener ihre Meinung vor allem durch die Fernsehnachrichten (in 85% der Fälle) und

denken häufig, dass die Zahl der illegalen Migranten die der legalen um 50% überschreitet

(das wären 4,5 Millionen illegale Migranten!).

Aus einer Umfrage von Eurobarometer aus dem Jahre 2005 ergibt sich, dass 54%

der Deutschen und 40% der Italiener davon überzeugt sind, dass die Migranten härter

als die Einheimischen arbeiten, ein Fakt, der durch statistische Zahlen belegt wird.

Außerdem denken 41% der Italiener, dass Migranten mehr an kriminellen Aktivitäten

beteiligt sind als Einheimische, nur 14% nimmt das Gegenteil an.

Aus einer anderen Umfrage ist zu entnehmen, dass 58% der interviewten Italiener

der Meinung sind, dass vor allem Migranten für die steigende Kriminalität und weniger

Sicherheit verantwortlich gemacht werden müssen (SWG-Umfrage für den Espresso,

Juli 2005).

Ausgehend von einer Umfrage in 31 Städten der EU (15 Mitgliedstaaten) von Eurobarometer

(Januar 2004) stehen 42% der Turiner der Integration von Migranten kritisch

gegenüber, während der europäische Durchschnitt bei 30,5% liegt (höhere negative

Spitzen finden sich dagegen in Stockholm, Rotterdam und Amsterdam; http:/europa.

eu.int/comm/public_opinion/flash/fl_156_en.pdf). Zuversichtlicher sind die Römer, die zu

46,5% eine positive Einstellung zur Integration haben (noch positiver eingestellt sind

die Neapolitaner mit 49,3%).

Es ist also noch nicht alles verloren. Wenn wir einen Vergleich mit anderen Mitgliedsstaaten

und anderen Parametern machen, steht Italien ziemlich gut da. In der

Studie Die Herausforderung Europas 2005 des GFK-Instituts in Nürnberg erscheinen die

Franzosen, Deutschen und Italiener als die tolerantesten und am wenigsten fremdenfeindlichen

Völker der EU und zeigen sich in dieser Reihenfolge auch weniger besorgt,

wenn es um Migration geht (www.gfk.com).

Man kann auch eine große Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Kulturen und

anderen Religionen feststellen. Anhand einer 2004 in Mailand, Bologna, Rom, Neapel

und Palermo von CIRM mit 1000 Italienern durchgeführten Umfrage sind 55% damit

einverstanden, dass die Migranten ihre eigenen Sitten beibehalten sollen und haben

eine positive Meinung zu binationalen Ehen und dem islamischen Schleier (je 63% und

69%). Die Vorurteile gegenüber Muslimen, Juden und Migranten aus Nicht-EU-Staaten

sind jedoch allgemein höher: fast 50% der interviewten Italiener denkt, dass diese

in ihre Heimat zurückkehren sollten (Studie anhand von 22.000 Jugendlichen zwischen

14 und 18 Jahren, die in über 100 Gemeinden verschiedener Größe von der Universität

Rom, La Sapienza, Fakultät für Sozialforschung G. Statera durchgeführt wurde – Prof.

Campilli koordinierte diese Studie, die am 28. April 2004 vorgestellt wurde).

Das Alter beeinflusst auch die Vorurteile. Schüler und Studenten scheinen offener

zu sein. Bei einer Umfrage mit 4.000 Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren

ergab sich, dass 56% der Schüler und Studenten meinen, durch ausländische Studenten

andere Kulturen kennenzulernen, dagegen stehen nur 19% den Ausländern völlig

gleichgültig gegenüber und 7% sehen in ihnen eine Gefahr für die italienische Gesellschaft

(www.studenti.it).

Wenn wir schließlich zu den Maßnahmen kommen, so sind nach Ansicht der Italie-


ner die Schaffung von Arbeitsplätzen, mehr binationale Ehen und die Teilnahme an den

Kommunalwahlen die wichtigsten Instrumente zur Förderung der Integration. Von

63% der Befragten wird befürwortet, dass Migranten mit nachweislich 10 Jahren Aufenthaltsgenehmigung

sich an Kommunalwahlen beteiligen sollen (Umfrage von 1.000

Personen in Mailand, Bologna, Rom, Neapel und Palermo, 2005 von der Società Dinamiche/Palermo

durchgeführt).

9. Der italienische Weg kann sich auf keine erprobten Modelle beziehen,

deswegen ist innovati ves Experimenti eren im Rahmen einer größeren

europäischen Dimension erforderlich.

Italien, das sich bewusst geworden ist, ein Einwanderungsland zu sein, ist im Unterschied

zu Deutschland, Frankreich, Großbritannien und anderen EU-Staaten weit

weniger durch seine Erfahrungen geprägt, wie es der Präsident der Caritas, Bischof

Francesco Montenegro, hervorgehoben hat: Wir müssen vor dem Hintergrund der

neuen Erfordernisse der europäischen Migration die Grenzen der in diesen Staaten

erprobten Modelle erkennen, auch wenn selbstverständlich alle Modelle positive Elemente

enthalten, die es zu sichern gilt, und nicht von vorne angefangen werden muss.

Einige Beispiele für wichtige europäische Erfahrungen:


Ausnahmen bei der Anwendung von Grundnormen dürfen auf keinen Fall zu-

gelassen werden. Außerdem muss besonderer Wert auf die Sitten und Gebräuche

eines westlichen Landes, die Grundsätze der Laizität einer Gesellschaft, die Chancengleichheit

für alle Bürger, die gesetzliche Gleichberechtigung der Geschlechter

und die Gleichstellung der Religionen - nur einige wichtige Beispiele - gelegt

werden.


Die Tatsache, dass einige Länder Erleichterungen für den Erwerb der Staats-

bürgerschaft geschaffen haben, erweitert den Spielraum eigener Identifikation und

Teilhabe, insbesondere für die Migrantenkinder, auch wenn dies nicht ausschlaggebend

für ein friedliches Zusammenleben ist, wenn nicht zuvor alles unternommen

wird die Gesellschaft offen und pluralistisch zu gestalten.


Vieles was ein fruchtbares Zusammenleben fördern kann, hängt jedoch we-

niger von Gesetzen, als von den Bemühungen, einander zu verstehen, ab. Die Geschichte,

die von uns und den Migranten ein friedliches Zusammenleben erfordert,

zwingt uns zu einer Haltung der gegenseitigen Anpassung.

Erforderlich ist ein verändertes Integrationskonzept, das sich von dem der Vergangenheit

abhebt, das alle EU-Staaten – die alten wie die neuen Einwanderungsländer, die

Mitgliedsstaaten im Norden, im Zentrum und am Mittelmeer – in die Rolle von Lehrlingen

verweist: wir sind alle, einschließlich der Migranten dazu aufgerufen, ein neues

Modell für das Zusammenleben zu entwickeln, das europäischere und gemeinschaftlichere

Züge trägt und weniger auf die Bedürfnisse des einzelnen Staates orientiert ist.

In dieser umwälzenden Situation der Migration in Europa wirkte sich das Scheitern

der Volksbefragungen 2005 in Frankreich und den Niederlanden zur Verfassung

negativ aus, auch wenn die anschließende Vermittlung aus der Sackgasse herausgeführt

hat. Diese schon an sich schwierigen Verhältnisse werden noch durch die politische

Lage in Italien erschwert, die durch die Konflikte zum Thema Migration zusätzlich

belastet wird. Das Land sollte ideologische Auseinandersetzungen verringern können.

67


68

10. Das Vertrauen der Migranten in die Italiener macht uns Hoff nung.

Die Analyse wichtiger, in den letzten drei Jahren durchgeführter Studien erlaubt

uns die Feststellung, dass die Migranten gegenüber den Italienern eine wohlwollende

und grundsätzlich positive Haltung einnehmen. Wie aus einer im Auftrag des italienischen

Innenministeriums 2007 durchgeführten Studie hervorgeht, bestätigen die meisten

Migranten, dass es ihnen in Italien gut geht, weil sie Arbeit gefunden haben, ihnen

die Freundlichkeit und Lebensart (einschließlich der Küche) der Italiener, die schöne

Architektur und das Klima gefallen; auch wenn die Aufnahme im Land, insbesondere

auf der Arbeit und bei der Wohnungssuche zu wünschen übrig lässt.

Diese Einschätzung geht auch aus der von Dossier Caritas/Migrantes (im Mai

2007) im Auftrag der Deutschen Botschaft und der Friedrich-Ebert-Stiftung in Rom

durchgeführten Umfrage hervor. Die Mängel Italiens und der Italiener, die aus einer

Mischung aus unzureichenden Gesetzen, Vorurteilen, Misstrauen und konkreten Hindernissen

bei Bürokratie, sozialen Dienstleistungen und Wohnungsmarkt bestehen,

werden vor allem durch die Solidarität, aber auch durch Angebote bei der gesundheitlichen

Versorgung, beim Zugang zu Schulen und sozialen Dienstleistungen sowie

schließlich durch das große Ausmaß an Wertschätzung und Zuneigung kompensiert.

Auch wenn in anderen Ländern größere Arbeitschancen, ein besserer Wohlfahrtsstaat

und eine größere Vertrautheit mit einer multikulturellen Gesellschaft bestehen, so ist

Italien dennoch für die meisten Migranten das Land, in dem sie bleiben möchten. Diese

tröstliche Grundbereitschaft bezieht sich auf eine Wirklichkeit voll von Licht und

Schatten.

In der Europäischen Union wird jedes Jahr am 26. September der europäische Tag

der Sprachen, ein außerordentliches, zu schützendes und zu förderndes Erbe, begangen.

In Italien sprechen die Migranten rund 150 Sprachen. Für sie gibt es ein Angebot von

172 Radioprogrammen, 20 Fernsehprogrammen und 29 Zeitungen in Fremdsprachen

(Radio- und Fernsehprogramme werden auch auf Italienisch gesendet), die ausschließlich

an die Migranten gerichtet sind: 7 in spanischer Sprache, 3 in englischer Sprache,

3 in Portugiesisch, jeweils 2 in chinesischer, albanischer, ukrainischer und rumänischer

Sprache, jeweils 1 in Punjabi, Französisch, Polnisch, Bulgarisch, Pakistanisch, Russisch,

Tagalog und Arabisch (2005). Diese Zahlen dürfen nicht darüber hinweg täuschen, dass

es sich nur um einen Anfang handelt und noch viel zu tun ist. Bei dieser Aufzählung

dürfen nicht die Migranten vergessen werden, die in italienischer Sprache schreiben.

Die Datenbank “Basili” zählt 279 Schriftsteller (119 davon Frauen, das entspricht 43%;

davon kommen 96 aus Afrika, 54 aus Amerika, 47 aus Asien, 82 aus Europa; insgesamt

80 Nationalitäten).

Die Beziehungen der Italiener zu ihren ausländischen Nachbarn sind im Allgemeinen

gut und von gegenseitigem Entgegenkommen geprägt, 30% der interviewten

Italiener zeigen eine eher freundliche Gleichgültigkeit; seltener geht es in offene Feindschaft

und völlige Ablehnung/Intoleranz über (Progetto Inte.Mi.gra 2004). Eine andere,

in der Toskana durchgeführte Studie legte offen, dass zwar zwei Drittel eine positive

Einstellung haben, doch Unterschiede gemacht werden zwischen Achtung fühlen

(35%) und Toleranz üben (29%). 8 von 10 interviewten Migranten erklären dagegen,

dass ihr Leben sich seit der Ankunft in Italien verbessert hat und über 60% sind sicher,

auf Dauer in Italien bleiben zu wollen. Sie sind aber keinesfalls „blauäugig, kennen die


Schwachstellen des „Italienischen Systems“ und fordern vor allem allgemeine Dienstleistungen

(bei Arbeits- und Wohnungssuche, dem Erlernen der Italienischen Sprache,

bei der Religionsausübung). Am Anfang geht es hauptsächlich um das Überleben, man

bekommt Hilfe von den eigenen Landsleuten und später auch von Migrantenfreunden.

Nach dieser Anfangsphase kommt Heimweh auf, man leidet unter Einsamkeit und

darunter, dass man sich nicht einbezogen fühlt (IREF-ACLI-Studie, Dezember 2005 -

März 2006; durchgeführt auf der Grundlage von 1.000 Familien mit 31 verschiedenen

Staatsangehörigkeiten).

Bei ihrer Eingliederung stoßen die Migranten immer wieder auf einen Mangel an Sensibilität

bei den Italienern. In einer auf der Basis von 3.000 Migranten 2003 durchgeführten

Umfrage vom Osservatorio Immigrati der UIL von Rom und Latium erklärte sich ein

Drittel der Migranten unzufrieden mit der Aufnahme und Toleranz seitens der Italiener

und gut 40% waren mit dem Verhalten der Mitarbeiter der Behörden nicht zufrieden.

Wie schon angedeutet wurde, fehlt es nicht an wirklicher Diskriminierung. Es sind

vor allem Menschen, die schon seit längerer Zeit legal in Italien leben, durchschnittlich

40 Jahre alt sind, einen festen Arbeitsplatz und feste Beziehungen haben und ihre Rechte

und Pflichten besser kennen, die das “Grüne Telefon” von UNAR-Ufficio Antidiscriminazioni

Razziali anrufen. Das zeigte die Auswertung von 3.438 Telefongesprächen,

die 2005 bei der UNAR eingingen, und von 10.000 Anrufen im Jahre 2006, bei denen

man den Hinweisen nachging und 351 wirkliche Fälle von Diskriminierung feststellte.

Die meisten Klagen gingen von afrikanischen und besonders nordafrikanischen Migranten

aus (ein Fünftel aller Fälle) und betreffen meistens Arbeit und Wohnung und

weniger das tägliche Zusammenleben und die öffentlichen Dienstleistungen. 23

Trotz allem sind die Migranten optimistischer als die Italiener; sie sparen mehr,

sind eher bereit, Risiken auf sich zu nehmen, Herausforderungen einzugehen und neigen

allgemein eher dazu, Kredite aufzunehmen, um ihren Lebensstandard zu verbessern

(laut einer CENSIS-Studie für den Delta-Konzern anhand von 800 Migranten, die

im November/Dezember 2005 durchgeführt wurde).

Die Caritas Italiana und die Fondazione Migrantes, zwei im Migrationsbereich tätige

Organe der italienischen Bischofskonferenz, sind der Überzeugung, dass auf „ein

friedliches Zusammenleben, in dem Italiener und Migranten sich gemeinsam für den

Fortschritt einsetzen, nicht verzichtet werden darf, denn eine in ihrem Inneren gespaltene

Gesellschaft hat schlechte Zukunftsaussichten. Es muss nicht nur in Italien, sondern

auch auf EU-Ebene, gelingen, die Mehrheit der Bürger an einem Prozess zu beteiligen,

der darauf abzielt, dass die vielen Kulturen der Zuwanderer mit den tragenden

Linien der westlichen Tradition in Einklang gebracht werden. Die italienische Kirche

war und ist ihrerseits nie der Ansicht, dass offene und gerechte Migrationsgesetze eine

Gefahr für den christlichen Glauben darstellen, dessen Fundament, sofern es stabil ist,

in der Auseinandersetzung auch gestärkt wird“.

(23) Ministero Pari Opportunità/Uffi cio Nazionale Antdiscriminazioni Razziali (Ministerium für Chancengleichheit

– Nati onales Amt gegen rassisti sche Diskriminierung, UNAR) Un anno di atti vità contro la

discriminazione razziale, Rapporto 2005, (Ein Jahr der Akti vitäten gegen rassisti sche Diskriminierung,

Jahresbericht 2005, Rom 2006 Demetra); P. Vulpiani, „Disparità di tratt amento e discriminazione razziale:

i dati dell’UNAR” (Ungleiche Behandlung und rassisti sche Diskriminierung: Daten der UNAR), in Caritas/

Migrantes, Dossier Stati sti co Immigrazione 2007. Edizioni Idos, Rom 2006, S. 220-228.

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70

Rom und die Stadt der Zukunft : internati onal, interkulturell

und interreligiös

Mons. Guerino Di Tora, Direktor der Caritas Diözese Rom

Die Kirche von Rom ist natürlich eng mit der Stadt verbunden, die zugleich auch Sitz

des Oberhaupts der Katholischen Kirche ist. Der Verantwortliche für die Diözesanscaritas

in Rom steht natürlich genauso wie alle anderen Bürger dem Weltgeschehen aufgeschlossen

gegenüber und schenkt dementsprechend der Migration eine große Aufmerksamkeit.

Aufgrund unserer langen, einschlägigen Erfahrung möchte ich die Merkmale erläutern,

die eine Stadt auszeichnen sollte, die sich mit der Migration, einem europaweiten Phänomen,

auseinanderzusetzen in der Lage ist.

Nach den Vorgaben des II. Vatikanischen Konzils soll die Kirche nicht von der Gesellschaft

getrennt leben, sondern wie Hefe in ihrem Inneren wirken: deshalb sind wir

berufen, die Probleme, Risiken und Hoffnungen der Migranten und ihre unvollkommenen

und ungerechten Weltverflechtungen, die viel Leid verursachen, zu teilen. Auch

ohne diese religiöse Begründung ist klar, dass die Migranten die wichtigste menschliche

Seite der Globalisierung darstellen, denn der Wegfall der Grenzen hat für sie nicht

nur eine physische Seite, sondern wird als existenzielle Erfahrung, mit seinen täglichen

Höhen und Tiefen, erlebt. Sie sind für uns wie ein offenes Buch, das uns einlädt zu fragen

und zu entscheiden, ob wir die Zuwanderer wirklich aufnehmen oder uns gegen sie

abschotten wollen. Diese ambivalente Haltung führt in allen europäischen Ländern zu

ernsthaften Problemen.

Die Migration ist heute eines der Merkmale unserer Zeit. Migration gab es auch

in der Vergangenheit und Italien legt dafür mit 28 Millionen Auswanderern seit 1861

– noch heute leben rund 3,5 Millionen italienische Staatsbürger im Ausland – ein beredtes

Zeugnis ab. Die heutige Migration, eine der Folgen der Globalisierung einer Welt

als “globalem Dorf“, verursacht durch ein Reihe von strukturellen Veränderungen, ist

ein Schlüssel zum Verständnis unserer Zeit. Dies nicht zur Kenntnis zu nehmen, hieße

die Augen vor der Wirklichkeit verschließen. Doch diese Feststellung reicht allein

nicht aus, wir müssen die Bedeutung dieser Tatsache auch verstehen.

Es freut mich, die Stadt Rom als die Stadt der drei I’s vorzustellen: als eine internationale,

interkulturelle und interreligiöse Stadt. 24 Ich denke jedoch, dass diese Eigenschaften

nicht nur uns gehören und deshalb möchte ich sie in Bezug auf alle europäischen

Städte kommentieren.

Das erste „I“ steht für internati onal

Rom ist auf eine besondere Art und aus verschiedenen Gründen eine internationale

Stadt. Zu verweisen ist auf die römische Geschichte, die Katholische Kirche, die Kunst,

den Sitz der italienischen Regierung, den Vatikanstaat und die FAO (UN-Organisation

für Ernährung und Landwirtschaft) sowie eine weitere Vielzahl von UN-Vertretungen.

Die internationale Dimension Roms wird durch die Migration noch verstärkt, denn

hier wohnen die meisten Migranten Italiens.

(24) Caritas Rom, Osservatorio Romano sulle Migrazioni. Terzo Rapporto, (Römische Beobachtungsstelle

zur Migrati on, 3. Bericht) Edizioni Idos, Rom 2007, S. 5-12.


Anfang 2007 war die Zahl der Migranten in der Provinz Rom auf 431.000 Einheiten

gestiegen (Schätzung des Dossier Statistico Immigrazione Caritas/Migrantes

Ende 2006); 25 heute sind es fast eine halbe Million. Zwei Drittel davon leben in der

Hauptstadt und ein Drittel in den über 100 Gemeinden der Provinz. Sie kommen aus

allen Ländern der Welt und bilden große Gemeinschaften, denken wir an die Rumänen,

Albaner, Marokkaner, Chinesen, Philippiner, Peruaner, Pakistani und Bangladeschis.

Sie kommen, um sich langfristig oder endgültig niederzulassen (Arbeit und Familie),

um sich in allen Wirtschaftsbereichen zu etablieren.

In Rom begegnen wir den unterschiedlichsten Gruppen von Migranten, was den

Zweck des Aufenthalts und ihre Ausbildung betrifft: von Ordensleuten bis Diplomaten,

von Studenten bis Geschäftsleuten, von Arbeitnehmern bis zu Unternehmern. Viele

kommen nach Rom, bevor sie sich dann in einer anderen italienischen Stadt oder im

Ausland niederlassen; andere wollen endgültig in einer so faszinierenden Stadt leben.

Alle finden hier Landsleute. Rom ist wie eine „Lunge”, die viele für einen längerfristigen

Aufenthalt aufnimmt, um sie dann später wieder auf das Land, je nach persönlichen

Erwartungen, familiären und ethnischen Verbindungen, zu verteilen.

Alle italienischen und europäischen Städte sind – wenn auch auf verschiedene

Weise – infolge der Zuwanderung internationaler geworden: so entstanden neue wirtschaftliche,

kulturelle und soziale Verbindungen, die immer stärker werden. Wegen

der demografischen und Beschäftigungsentwicklung bekommt die Zuwanderung eine

immer größere strukturelle Bedeutung und wird weiter wachsen. Wenn dies richtig ist,

so gehört eine internationale Aufgeschlossenheit in das Gepäck einer modernen Stadt.

Die Päpste haben sich als Bischöfe Roms bei verschiedenen Gelegenheiten dafür

ausgesprochen, dass sich Rom aufgeschlossen zeigen muss, um die Zuwanderer eingliedern

zu können. Gleiches schlugen sie an den Weltmigrationstagen der ganzen Welt

vor. Den Zuwanderern müssen gleiche Rechte zugestanden werden, während von ihnen

die Beachtung der grundlegenden Normen des Gastlandes verlangt werden muss.

Die Anwesenheit der Migranten, die Tatsache, dass sie viel arbeiten und alles tun, um

zu sparen und Geld in ihre Herkunftsländer zu schicken, macht unsere Städte zu Trägern

internationaler Solidarität und aus Migranten internationale Entwicklungshelfer. In der

heutigen Welt, in der es nicht viel Grund zur Hoffnung gibt, bedeuten die Riesensummen,

die die Migranten in ihre Herkunftsländer schicken, einen wahren Segen. 26

Die Überweisungen sind der Ausdruck einer gemeinschaftlichen Strategie, über

die das Familieneinkommen im Herkunftsland verbessert und ein Beitrag zur Wirtschaft

des ganzen Heimatlandes geleistet werden kann. Diese Ressourcen, ohne die diese

Menschen um das nackte Überleben kämpfen müssten, sichern ihnen einen höheren

Lebensstandard; sie können auch helfen einen Entwicklungsprozess in diesen Ländern

einzuleiten, wobei viel von der lokalen Politik abhängt.

(25) G. Demaio, A. Colaiacomo, F. Pitt au, „Roma. Rapporto immigrazione 2007“ (Rom, Migrati -

onsbericht 2007), Caritas/Migrantes, Dossier Stati sti co Immigrazione 2007, Edizioni Idos, Rom 2007,

S. 398-401.

(26) M. C. Chiuri, N. Coniglio, G. Ferri, „Le rimesse degli stranieri in Italia” (Die Überweisungen der

Ausländer in Italien) bei Caritas/Migrantes, Dossier Stati sti co Immigrazione 2007, Edizioni Idos, Rom

2007, S. 292-300; „Rimesse e sviluppo economico” (Überweisungen und wirtschaft liche Entwicklung),

ebd., Edizioni Idos, Rom 2006, S. 315-324.

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72

Die Experten sind sich nicht sicher, ob diese Überweisungen, makroökonomisch gesehen,

in jedem Fall einen Impulsgeber für Entwicklung darstellen. Einerseits loben sie die

durchaus positiven Auswirkungen auf die Zahlungsbilanz, das Nationaleinkommen und

seine bessere Verteilung sowie den Lebensstandard der Bevölkerung des Herkunftslandes.

Andererseits weisen sie darauf hin, dass die Überweisungen auch einen Teufelskreis

auslösen können, der die Herkunftsgemeinschaften in die Abhängigkeit treibt, zu mehr

Auswanderung von Arbeitskräften führt, öffentliche Investitionen zurückgehen lässt und

die Verbraucher- und Lebensmodelle der örtlichen Bevölkerung verändert, unabhängig

von den Folgen, die eine Verringerung dieser Finanzströme auslösen würde.

Es geht hier natürlich nicht um überflüssige oder dem Prestige dienende Ausgaben,

sondern vor allem um den Kauf eines Hauses, die Erziehung der Kinder und die gesundheitliche

Versorgung, die mittel- und langfristig produktiv und zukunftsfördernd

für diese Länder sind. Unter Berücksichtigung der Erfahrungen in einigen Ländern

sind jedoch die geeigneten Entwicklungsbedingungen vor Ort zu klären.

Die Hauptakteure dieses globalen Phänomens sind die bei uns lebenden Migranten und

zusammen mit ihnen unsere Städte, die in Ergänzung zu diesen Überweisungen spezifische

Entwicklungsprojekte realisieren. Ich denke, dass wir diesen Ansatz verstärken sollten.

Das zweite „I“ steht für interkulturell

Aus Angst vor dem Verlust des eigenen kulturellen und religiösen Erbes stellen

sich viele gegen die Zuwanderung. Den Anderen aufnehmen, heißt aber keinesfalls,

auf die eigene Kultur und den eigenen Glauben zu verzichten und seine Wurzeln zu

kappen. Im Gegenteil, dies alles muss neu belebt werden, um einen umfassenden Dialog

führen zu können. Die Angst, die eigene Identität zu verlieren, sollte nicht auf die Zuwanderung,

sondern auf die nur oberflächliche Entwicklung dieser Identität zurückgeführt

werden. Gerade der Kontakt mit dem Anderen kann dazu beitragen, die eigene

Identität zu stärken. Kardinal Roger Etchegaray, Präsident von „Justitia et pax“, sprach

im Jahr 2000 bei der Vorstellung des „Dossier Statistico Immigrazione“ über das Zusammenleben

der Unterschiede, so auch dem der Religionen. Seine Worte drückten

sehr gut aus, was das Lehramt der Kirche über die Migration denkt und welches die

Aufgaben sind, die jeden von uns erwarten.

Modern sein bedeutet Austausch, Begegnung der Kulturen, Beziehungen zu mehr

Ländern, mehr Sprachen, größere religiöse Sensibilität. Auch uns würde es gut tun,

mehr zu erfahren über die Geschichte anderer Länder und Regionen, über neue Musik

und neuen Gesang und andere Lebensmittel. Gewiss müssen die Veränderungen

schrittweise erfolgen und ein richtiges Gleichgewicht zwischen Einheitlichkeit und

Verschiedenheit muss gefunden werden. Kulturelle Prozesse vollziehen sich nur langsam

und nur, wenn sie eine gewisse Reife erlangt haben, können Menschen überzeugt

werden, ohne dass ihre Gefühle verletzt werden. Das Andersartige verliert das Feindliche,

wenn es uns näher kommt, und zieht und regt gerade wegen seinem Anderssein

an. Es geht nicht darum, eine Rangfolge aufzustellen, sondern darum, das Besondere zu

entdecken, das anders ist als bei uns, die Hintergründe zu verstehen, aber auch Anpassung

zu verlangen, wenn der neue soziale Kontext dies erfordert, wie auch das Andere

zu fördern, soweit es keine Konflikte hervorruft.

Interkulturell ist das geeignete Adjektiv, um auf die notwendigen Synergien hinzuweisen,

die zwischen uns, den Einheimischen und den Zuwanderern geschaffen werden


müssen. Ausgehend von dieser Überzeugung hat die römische Caritas sich zunächst

um die Grundbedürfnisse der Zuwanderer (Essen, eine warme Mahlzeit) gekümmert

und seit Anfang der neunziger Jahre ein besonderes Konzept, das sogenannte Forum per

l’intercultura (multikulturelles Forum) entwickelt, an dem sich italienische Verbände und

Migrantenvereine jeder Religionszugehörigkeit beteiligen können. Im Laufe der Jahre

haben wir mit dem Ziel der interkulturellen Bildung mit rund 5.000 Dozenten und

zehntausenden Schülern zusammengearbeitet und in den Schulen ähnliche Initiativen

angeregt. Darüber haben wir aber keinesfalls die anderen Teile der Gesellschaft vergessen

- Gemeinden, Pfarreien, Vereine, Bewegungen, Zirkel, Stadtviertel, manchmal

auch die politischen Parteien und Berufsverbände (Polizisten, Verkehrspolizei, Richter,

Sozialarbeiter, Psychologen) - haben Tagungen, Kurse und Feste organisiert und

„Kulturmediatoren“ für Problemlösungen zur Verfügung gestellt. Um diese Aufgaben

leichter umsetzen zu können, veröffentlichten wir auch verschiedene Bände, z.B. :

- 1990 nach Verabschiedung des Martelli-Gesetzes den ersten Band über die Migration:

Il pianeta immigrazione: dal conflitto alla solidarietà (Der Planet der Migration: vom Konflikt

zur Solidarität);

-

1991 das erste (und damals einzige) Dossier statistico Immigrazione (Statistisches Migra-

tionsdossier) und ein Buch über den Islam, damit nach dem Golfkrieg die Leser, die nichts

vom Islam wussten, diesen kennenlernen konnten (Per conoscere l’islam. Cristiani e musulmani

nel mondo di oggi - Den Islam kennenlernen. Christen und Muslime in der heutigen Welt);

- 1993 Roma multiculturale (Das multikulturelle Rom), später Italia multiculturale (Das

multikulturelle Italien) mit Informationen über die Herkunftsländer der Migranten;

- 1994 Immigrati e religioni (Migranten und Religionen) in Kooperation mit dem CSER,

die bis in die heutigen Tage anhält, Schätzung der religiösen Zugehörigkeit der bei uns

lebenden Migranten;

-

1995 Die ersten Dieci itinerari didattici (Zehn didaktische Wege) vom Forum per

l’intercultura, zwei Jahre später folgten die Nuovi itinerari didattici (Neue didaktische Wege)

und 1998 der Band Migrazioni, paesi e culture: esperienze europee a confronto (Migrationen,

Länder und Kulturen: europäische Erfahrungen im Vergleich);

- 1996 die erste Studie über Pregiudizio e Intercultura (Vorurteile und Interkulturalität) in

der Schule in Rom, ausgehend von einer Umfrage bei 250 Lehrern und 2.700 Schülern;

-

1997 ein Buch des Direktors, Mons. Luigi Di Liegro, das sich mit der Notwendigkeit

befasst, ein neues Einwanderungsgesetz zu verabschieden (Immigrazione. Un punto di vista -

Migration, ein Standpunkt) und ein anderes Buch, das nach der Billigung von Gesetz 40/1998

folgte (L’immigrazione alle soglie del 2000 - Die Migration an der Jahrtausendwende);

-

1998 die erste Auflage des Führers Immigrati a Roma. Luoghi di incontro e di preghiera

(Zuwanderer in Rom. Stätten der Begegnung und des Gebets) und der erste Bericht über

Elend und Armut in Rom (Rapporto disagio e povertà a Roma), in dem ein Kapitel der Migration

gewidmet ist;

- 2000 der einführende statistische Bericht in zwei Bänden für die Tagung Migrazioni.

Scenari per il XXI secolo (Migration, Szenarien für das XXI. Jahrhundert), ein aufwendiger

Auftrag, der von der Agenzia Romana anlässlich des „Heiligen Jahres“ erteilt wurde;

- 2004 eine Studie über die Ausbildung von Kulturmediatoren (Mediatori interculturali.

Un’esperienza formativa - Kulturmediatoren, eine Ausbildungserfahrung);

-

Seit 2004 die Jahresberichte des Osservatorio Romano über die Migration, herausgegeben

in Zusammenarbeit mit der Provinz, Gemeinde und Industrie- und Handelskammer Rom.

Die Ansprache von Migranten erfolgt paritätisch: heute beteiligen sich rund 60

„Kulturmediatoren“ im Jahr im Forum per l’intercultura, von ihnen hat die Mehrheit einen

Migrationshintergrund (sie wurden auf Grund ihrer guten Ausbildung und ihres

Kommunikationstalents ausgewählt). Sie sollen Italienern und Migranten beim Zusammenleben

helfen, indem sie, bei Achtung der jeweiligen Unterschiede, Gemeinsam-

73


74

keiten entwickeln. Diese kulturelle Mediation besteht nicht darin zu Dolmetschen, eine

lobenswerte und notwendige Aufgabe gegenüber den Zuwanderern, denn dies allein

kann nicht die Erwartungen der Menschen erfüllen, die bleiben wollen. Die Aufnahme

bedarf einer interkulturellen Dimension, die in den öffentlichen Einrichtungen und

sozialen Organisationen verankert werden muss. Hierdurch kann eine offenere Mentalität

erzeugt werden, die das Angebot an Dienstleistungen, aber auch den erleichterten

Zugang zur Staatsbürgerschaft und zum Kommunalwahlrecht betrifft. 27

Besondere Bedeutung haben die Schulen, die alle Generationen besuchen müssen

und die ein herausragendes „Netz“ für die Bildung der Bürger von morgen darstellen,

indem sie lernen, kulturelle Unterschiede nicht zum Vorwand für die Ablehnung von

Migranten zu nehmen. Die Caritas Rom richtete unter anderem den ersten interkulturellen

Kindergarten Roms, den Celio Azzurro, ein, in dem Kinder bis fünf Jahren aus

rund zwanzig verschiedenen Ländern aufgenommen werden, außerdem den Kinderhort

Piccolo mondo, ebenfalls mit einer multiethnischen Struktur, dessen Konzept auch

von anderen aufgegriffen wurde.

Das Forum per l’intercultura leistet Beiträge zur Information über die Herkunftsländer

der Migranten und ihre Traditionen, auch indem die Migranten über ihr Land

„erzählen“; zur multikulturellen Bildung von Schülern und Lehrern; zur Präsentation

von Literatur aus anderen Ländern; zur Unterstützung der ersten Migranteneliten

beim Schreiben in italienischer Sprache (dabei sich an Traditionen erinnernd, die die

unserigen waren - denken wir nur an die mündliche Überlieferung) und zur Veröffentlichung

ihrer Texte (Roma multiculturale und Italia multiculturale - Das multikulturelle

Rom und das multikulturelle Italien). So werden die Unterschiede nicht verteufelt, sondern

dienen der Anregung.

Unsere besondere Aufmerksamkeit gilt den Kulturmediatoren, den wichtigsten

Akteuren in diesem großen Projekt. Mit der Verfestigung der Migration in Rom seit

Mitte der neunziger Jahre wurde es notwendig Menschen auszubilden, die in der Lage

waren, die soziokulturelle Begegnung zwischen der aufnehmenden Gesellschaft und

den ausländischen Bürgern zu erleichtern. Man orientierte sich dabei an den schon in

Nordeuropa erprobten Modellen bei NRO und kommunalen Behörden, die schon das

Berufsbild des Kulturmediators eingeführt hatten. Dessen Schlüsselfunktion ist es, eine

Art „Brücke“ zwischen den ausländischen Bürgern und der aufnehmenden Gesellschaft

zu schlagen. Die Ausübung dieses Berufs, dessen Bedeutung immer mehr anerkannt

wird, erfordert eine mittlere/hohe kulturelle Bildung, eine Begabung zur zwischenmenschlichen

Kommunikation, eine Bereitschaft zum Zuhören, gute Kenntnisse sowohl

der italienischen Sprache als auch der Sprachen der Migranten und der Sitten sowie

(27) Heute werden vier beisitzende Stadträte in Groß-Rom und je 1 Stadtrat in jedem der 19 Bezirke

Roms gewählt: diese Räte sind den anderen Räten gleichgestellt mit der Ausnahme des Sti mmrechts.

G. Demaio, „Roma e i consiglieri aggiunti : una forma di partecipazione” (Rom und die beisitzenden

Stadträte: eine Art der Beteiligung), Caritas Rom, Osservatorio Romano sulle Migrazioni. Terzo Rapporto

(Römische Beobachtungsstelle zur Migrati on. Dritt er Bericht), Edizioni Idos, Rom 2006, S. 322-

327. Zu der Frage des Wahlrechts für Migranten vgl. Caritas Italiana, Immigrati e partecipazione. Dalle

consulte e dai consiglieri aggiunti al diritt o di voto (Migranten und Beteiligung. Von den Räten und den

beisitzenden Stadträten zum Wahlrecht), Edizioni Idos, 2005.


Erfahrungen mit der Gesetzgebung im Bereich Migration und Asyl. 28

Neben der Caritas sind in diesem Bereich in Rom viele andere soziale Organisationen

und – wie schon erwähnt – viele Lehrer aus Schulen tätig: insgesamt ist es gelungen

die interkulturelle Dimension im tagtäglichen Leben der Bürger konkret werden

zu lassen. Viele italienische und europäische Städte haben sich aktiv dem Thema „Begegnung

der Kulturen“ gewidmet. Das zeigt, dass man auf diesem Gebiet Akteur sein

kann, wobei der Erfahrungsaustausch über das Erreichte dazu dienen kann, sich noch

weitere, höhere Ziele zu setzen.

Das dritt e “I” steht für interreligiös

Infolge der Migration beobachten wir in allen italienischen und europäischen Städten

eine Vielfalt an Religionen. Ihre Verbreitung auf Weltebene beträgt: 46,3% Christen,

24,8% Muslime und 27,5% Gläubige der östlichen Religionen. Die Migranten in Italien

verteilen sich ebenfalls auf verschiedene Religionen: eine Hälfte gehört christlichen

Konfessionen an (in Rom machen sie zwei Drittel aus), ein Drittel sind Muslime und 5%

gehört östlichen Religionen an, darüber hinaus bestehen andere religiöse Gruppen. 29

Die Caritas der Diözese Rom war im interreligiösen Dialog schon bahnbrechend,

als die Zeiten schwieriger waren. 1991 während des Golfkriegs hatte die Caritas Rom

den Mut römische Bürger zu einem Kurs mit dem Thema „Den Islam kennenlernen“

einzuladen, an dem die bekanntesten Experten der Päpstlichen Universitäten teilnahmen.

Die Vorträge des Kurses wurden in einem Buch mit einem Vorwort von Kardinal

Ruini zusammengefasst. Wir organisierten seit 1991 jedes Jahr einen weiteren Kurs, zu

denen wir Protestanten, Orthodoxe, Juden, Muslime, Buddhisten, Hindus und andere

einluden, um die in diesen Religionen enthaltenen Wahrheiten zu erklären und nach

dem Vorbild des Papstes zu verhindern, dass der Gott des Friedens einen Vorwand für

Krieg und Hass liefern könnte. 30

Eine andere Initiative, die 1998 begonnen und 2002 und 2004 aktualisiert wurde

(derzeit wird an einer neuen Aktualisierung gearbeitet), ist der Führer Migranten in Rom,

Stätten der Begegnung und des Gebets, in dem wir die Adressen von Kultstätten auflisten,

Karteien über die Religionen und einen Kalender mit den Festtagen zusammenstellen. So

wollen wir zeigen, dass wir die Wahrheiten, die in allen Religionen enthalten sind, schätzen

und dazu einladen, in den religiösen Unterschieden nicht einen Anlass für Konfrontation,

sondern eine Gelegenheit zu sehen, Zeugnis für den Frieden abzulegen. 31

(28) Der „Kulturmediator“ ist in ganz Italien verbreitet. Da es sich hier um den Kompetenzbereich

der Regionen handelt, gibt es noch keine einheitliche Regelung. Die größten Problemen bestehen in

den kurzfristi gen Einsatzzeiten, bei der Finanzierung, bei der Anerkennung der Qualifi zierung, bei den

Ausbildungskursen und in der Gefahr, die Arbeit auf einfache Dolmetscherleistungen zu reduzieren.

(29) G. Gnesott o, F. Marsico, F. Pitt au, M. P. Nanni, „Il panorama multi religioso in Italia” (Das multi -

religiöse Panorama in Italien), Caritas/Migrantes, Dossier Stati sti co Immigrazione 2007 (Stati sti sches

Migrati onsdossier), Edizioni Idos, Rom 2007, S. 192-201.

(30) L. Di Liegro, F. Pitt au (Hrsg.), „Per conoscere l’islam. Cristi ani e musulmani nel mondo di oggi”

(Den Islam kennenlernen. Christen und Muslime in der heuti gen Welt), Einleitung von Kardinal Ruini,

Edizioni Piemme/Caritas diocesana Rom, Casale Monferrato 1991.

(31) Caritas diocesana Rom, Migrantes Roma e Lazio, Immigrati a Roma. Luoghi di incontro e di

preghiera (Migranten in Rom. Stätt en der Begegnung und des Gebets), Rom 2004.

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76

Die Zahl der Gebets- und Begegnungsstätten für Migranten stieg von 154 in 2000

auf 185 in 2004, die der Katholiken von 105 auf 132, die der Protestanten von 20 auf

26, die der Orthodoxen von 3 auf 10, die der Juden gingen von 6 auf 5 zurück, die der

Muslime stiegen von 5 auf 7, während die Zahl der östlichen Kultstätten bei 5 blieb.

Die aufgezählten Stätten liegen meist im 1. Stadtbezirk von Rom, nicht nur deshalb,

weil es leichter ist, dort katholische Kirchen zu finden, die man zur Verfügung stellen

kann, sondern weil man auch leichter aus den verschiedenen anderen Stadtteilen dorthin

gelangen kann. Es gibt jedoch eine gewisse Tendenz, die Gebetsstätten dorthin zu

verlegen, wo die meisten Migranten leben. 32

Die Kultstätten können zugleich religiöse und soziale Zentren sein und als Bezugspunkt

für viele unterschiedliche Initiativen dienen.

Wir haben nicht nur geholfen, Begegnungsstätten zu finden, sondern auch über

die Begegnung der Religionen nachgedacht. Im katholischen Christentum gibt es nicht

nur das Gebot der Nächstenliebe, sondern auch eine Vielzahl anderer Doktrinen, die

sich von denen anderer Religionen und auch von denen anderer christlicher Konfessionen

unterscheiden. Nach einer leidvollen Geschichte haben wir im Westen gelernt

zu akzeptieren, dass das Individuum in Freiheit entscheiden kann und dass dies vom

Gesetzgeber durch einen allgemeinen, von allen einzuhaltenden Gesetzesrahmen geschützt

werden muss. Das Konzept der „laizistischen Gesellschaft“ entstand zwar im

Westen, ist aber als gesellschaftliches Konzept von allgemeiner Bedeutung, weil so

(32) Die katholischen Migranten sind die größte Gruppe und verfügen deshalb über die meisten

Kultstätt en. Diese stehen 57 nati onalen Gruppen und 2 internati onalen Gruppen (aus Lateinamerika

und ausländische Studenten) zur Verfügung. Einige Nati onalitäten verfügen ebenfalls über mehrere

Kultstätt en: die Philippiner (39), die Polen (12), die Franzosen (5), die Ukrainer und die Migranten aus

Sri Lanka (je 4), je zwei haben die Griechen, Inder, Iren, Libanesen, Rumänen, Russen, Slowenen und

die Deutschen. Die Lateinamerikaner verfügen über 7 multi nati onale und 12 nati onale Strukturen,

insgesamt also 19 Kultstätt en.

13 Kultstätt en stehen den Katholiken des östlichen Ritus zur Verfügung: mit alexandrischem Ritus für

Ägypter, Äthiopier und Eriträer, mit anti ochischem Ritus für die Syro-Libanesen und Maroniten des

Libanon; mit armenischem Ritus für die Armenier, dem chaldäischen Ritus für die Iraker und dem syromalabarischen

Ritus für die Menschen aus dem Mitt leren Osten und Indien; mit dem byzanti nischen

Ritus für die italienischen Albaner und die Albaner, die Griechen und Leuten aus dem Mitt leren Osten,

den Rumänen, Russen und Ukrainern.

10 Kultstätt en stehen den orthodoxen, nichtkatholischen Riten, den griechischen, russischen, ägypti -

schen, äthiopischen, eriträischen und rumänischen Orthodoxen zur Verfügung. Letztere versammeln

sich aufgrund ihrer stark steigenden Zahl zur Zeit in 4 Gebetsstätt en. Die östlichen Riten mit ihren

verschiedenen Zweigen laden dazu ein, sich diesen kaum bekannten Konfessionen zu nähern.

Bei den Protestanten fi nden wir an erster Stelle die Advenisten (12 Kirchen), gefolgt von den Waldensern

(4) und dann je eine Kultstätt e für Anglikaner, Lutheraner, Presbyterianer, Episkopale, die

Heilsarmee und chinesische, äthiopische und französichsprechende evangelische Christen. Eine dieser

Stätt en hat einen internati onalen Charakter und eine steht den Bibelgruppen zur Verfügung.

In den 5 Gebetsstätt en, in die sich die Migranten des jüdischen Glaubens begeben, kann man zwischen

sephardischem und aschkenasischem Ritus wählen.

Den muslimischen Migranten stehen 7 Moscheen zur Verfügung, darunter die Moschee von Monte

Antenne, die größte Europas.

Für die Angehörigen östlicher Religionen dienen die Meditati onszentren zugleich als Stätt en der Begegnung,

es gibt 4 Strukturen für die Buddhisten und eine für die Sikh.


von vornherein ausgeschlossen wird, dass eine Religion eine Vorrangstellung vor den

anderen einnehmen kann. Dieses pluralistische Konzept ist nach jahrhundertelangen

Auseinandersetzungen entstanden und ist keinesfalls oberflächlicher Natur, sondern

beruht auf einem Gleichgewicht, das von beiden Extremen (dem des Fundamentalismus

und dem des Säkularismus) gleich weit entfernt ist. 33

Der von den Einen angerufene Gott darf nicht als Vorwand dienen, um gegen den

Gott der Anderen vorzugehen; wir wollen keine Unterwerfung sondern den Frieden

fördern. In Übereinstimmung mit der überkommenen Lehre der Päpste setzen wir uns

dafür ein, in den Religionen ein Instrument des Friedens zu sehen und die Besonderheit

des eigenen Glaubens nicht als Waffe gegen den des Anderen zu verwenden.

Damit das Zusammenleben in den europäischen Ländern, in denen es immer mehr

Migranten geben wird, friedlich verlaufen kann, tragen die verschiedenen Religionen

eine besondere und gemeinsame Verantwortung. Jede religiöse Gemeinschaft ist aufgerufen,

dem eigenen Glauben zu folgen und sich dafür einzusetzen, dass der Konflikt

zwischen den verschiedenen Religionen überwunden wird und die Gemeinsamkeiten

hervorgehoben werden. Der einzelne Gläubige muss sich an diese Verpflichtung halten

und versuchen, auch auf diejenigen einzuwirken, die der Auffassung sind, dass die Welt

ohne Religionen friedlicher wäre. Dies kann er jedoch nur durch sein Zeugnis beweisen,

dass der Glaube an Gott ein Konzept der menschlichen Solidarität beinhaltet und mehr

Wert hat als alle gängigen gesellschaftlichen Mythen.

Aus dieser Sicht kann die Migrationserfahrung im Laufe der Zeit zu einer Chance

werden, die Welt zu verändern, indem die Religionen zu einem Instrument der Menschlichkeit

werden. Die europäischen Städte können dank des Konzepts der laizistischen Gesellschaft,

des Pluralismus und der Achtung der Gewissensfreiheit zu „Leuchttürmen“

werden, was auch den Herkunftsländern als Beispiel dienen kann.

Wenn von den Kirchen – und in unserem Fall von der Caritas – gesprochen wird,

so denkt man fast immer an die Hilfe für die besonders Bedürftigen und insbesondere

an die Einrichtungen die den Migranten helfen, die sich in Not befinden. Auf diese

Arbeit sind wir stolz. Doch sollten wir uns hüten der Migration das Etikett der Armut

zu geben und dabei übersehen welche innovative Kraft aus ihr entsteht. Wenn wir an

die Zukunft unserer Städte denken, die wir nicht aus den Augen verlieren dürfen, wenn

wir wollen, dass sie immer moderner und dynamischer werden, dann dürfen wir nicht

den ideellen Wert der Dynamik von Migration übersehen: es sind doch gerade die

Ideen und die Werte, die die Welt verändern können, einzelne Menschen stehen dabei

im Mittelpunkt, ohne dass sie auf Entscheidungen der Politiker warten. Die in Rom

gemachten Erfahrungen bestärken uns in dieser Überzeugung. Wir hoffen, dass viele

andere europäische Städte sich unserer Meinung anschließen und – wenn dem so sein

sollte – die Migration trotz all ihrer besonderen Probleme eine Chance für das Wachstum

Roms und der anderen Städte und ganz Europas darstellt.

(33) Die Auswüchse des Laizismus in französischer Version wurden noch jüngst vom französischen

Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy im Rahmen eines Rombesuchs relati viert. La laicità si coniuga con

la fede religiosa - Da Sarkozy, manifesto per una nuova visione dello Stato (Die Verbindung von Laizität

und Religion – Von Sarkozy, Manifest für eine neue Vorstellung von Staat), in Avvenire, 21 Dezember

2007 (Wiedergabe der Rede aus der Lateransbasilika).

77


78

Immigrati on in Rom Anfang 2007

Claudio Cecchini, Assessor für Sozialpoliti k der Provinz Rom

Mir kommt die Aufgabe zu, grundlegende Daten über die Anwesenheit der Migranten

in Rom zu liefern, die fast 10% der gemeldeten Bevölkerung ausmachen.

Einigen Schätzungen zufolge, belaufen sich die legalen Migranten in der Provinz

Rom auf 431.000, mit einem Zuwachs von 17,7% und 65.000 Einheiten gegenüber

dem Vorjahr: zwei Drittel dieser Migranten leben in der Hauptstadt, das verbleibende

Drittel lebt in den Gemeinden der Provinz. Was die Gesamtzahl betrifft, so liegen die

Provinz und die Stadt Rom jeweils an erster Stelle vor Mailand.

Rom ist eher euro-asiatisch als euro-mediterran geprägt. Die europäischen Migranten

belaufen sich nur auf etwas mehr als 40%, die Asiaten auf über ein Fünftel

der Gesamtzahl und die Amerikaner und Afrikaner auf etwas mehr als 10%. Es sind

mehr Frauen als Männer. Diese junge Bevölkerung, die sich vor allem aus der Altersstufe

zwischen 19-40 Jahren zusammensetzt, ist zu etwas mehr als 50% ledig (auch auf

Grund der vielen Priester und Nonnen).

Die bedeutendsten nationalen Gruppen, unterteilt nach Herkunftskontinent, sind:

Europäische Union: Rumänien, Polen, Spanien, Frankreich, Großbritannien, Deutschland;

Europäische Nicht-EU-Staaten: Ukraine, Albanien, Moldawien, Bulgarien;

Afrika: Ägypten, Marokko, Tunesien, Nigeria, Äthiopien, Cap Verdische Inseln;

Asien: Philippinen, Bangladesch, China, Indien, Sri Lanka;

Amerika: Peru, Ecuador, Brasilien, USA, Kolumbien, Mexiko, Argentinien und Kuba;

Ozeanien: Australien, Neuseeland.

Während die Anzahl der Personen mit einer Aufenthaltserlaubnis in der Stadt Rom

290.000 beträgt, belaufen sich die beim Einwohnermeldeamt gemeldeten Personen auf

nur 250.000. Diese Diskrepanz verweist deutlich auf das schwerwiegende Problem der

Wohnungssituation, vor allem in der ersten Niederlassungsphase. Bei den Migranten

sind die Frauen in der Überzahl, auch auf Grund ihres immer häufigeren Einsatzes

im Bereich der Dienstleistungen, vor allem in der Haushalts- und Familienpflege (im

Dienstleistungssektor arbeiten 74,3% der Beschäftigten, während 6,1% im produzierenden

Sektor, vor allem im Baugewerbe arbeiten). Die meisten sind aus Arbeitsgründen

in der Stadt und machen fast 10% aller Beschäftigten aus.

Von großer Bedeutung und ständig zunehmend sind auch die Existenzgründungen.

Viele Migranten, die zunächst Arbeitnehmer waren, haben beschlossen sich selbständig

zu machen. Sie können dadurch die Möglichkeiten ihrer Ausbildung besser aus schöpfen,

besser verdienen und haben weniger Schwierigkeiten mit der Aufenthaltserlaubnis. In

der Provinz Rom belaufen sich die Unternehmer mit ausländischer Staatsangehörigkeit

auf 11.700 und die Teilhaber auf 4.000, jeder Fünfte ist weiblich. Insgesamt sind von

1.000 Ausländern 43 als Selbständige registriert (der italienische Durchschnitt ist 57)

und es wären sicher mehr, gäbe es weniger bürokratische Schwierigkeiten und einen

einfacheren Zugang zu Bankkrediten.

Die ausländischen Minderjährigen in der Provinz Rom belaufen sich auf 54.063,

ein Fünftel der ausländischen Bevölkerung: drei Viertel der Kinder sind in der Region

geboren, ein Hinweis auf die ältere Immigration in Rom und Umgebung. Die in den

römischen Schulen eingeschriebenen ausländischen Schüler beliefen sich im Schuljahr

2006/07 auf 25.868, also 6,6% der Gesamtzahl (ein Prozentpunkt mehr als der Durch-


schnitt aller ausländischen Schüler in Italien). Der Anteil beläuft sich auf 7,4% in der

Grundschule, auf 7,5% in der Mittel- und Oberstufe. Der Anteil der Migrantenkinder

geht in der Oberstufe dagegen auf 6% zurück. Obwohl diese für Migrantenkinder ungleich

schwieriger ist, wird sie in Rom, im Vergleich zum nationalen Durchschnitt, von

fast doppelt so vielen Schülern besucht. Das lässt für die Zukunft Gutes hoffen.

Traditionell hat Rom Migranten mit hoher Schul- und Berufsbildung aufgenommen,

auch wenn sie meist auf einem ihrer Ausbildung nicht entsprechenden, niedrigerem

Niveau eingesetzt werden. Dies ist heute bereits ein Problem und wird für die

nachfolgenden Generationen zu einem noch größeren Problem werden. Dieses hohe

Niveau der Berufsausbildung erfordert eine stärkere Unterstützung durch die Migrantenorganisationen

und den Ausbau ihrer Beteiligungsrechte.

Die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass viele Arbeitnehmer anfangs

schwarz arbeiten, was ihre Rechte sehr beeinträchtigt: ein typisches Beispiel dafür ist

das Baugewerbe, in dem ein Drittel der Arbeitskräfte Migranten sind.

Rom als Metropole ist für die umliegenden 110 Gemeinden der Provinz, in die die Migranten

auf Grund der billigeren Wohngelegenheiten immer häufiger ziehen, der Bezugspunkt.

Die Migrationspolitik muss sich deshalb stärker mit der gesamten Region befassen.

Ein letzter Hinweis betrifft den 2007 verzeichneten Zuwachs, der nicht geringer als

der des Vorjahres gewesen sein dürfte. Für Rom und Umgebung werden zur Zeit ca.

eine halbe Million Migranten geschätzt, was die Notwendigkeit öffentlichen Handelns

unterstreicht.

Provinz und Caritas Rom

Schema aus Anlass des 15. Jahrestages des “Forum per l’intercultura”

Auswirkung der Migrati on auf die Stadt Rom

Unternehmer 1 von 12 in Rom täti gen Unternehmern ist im Ausland geboren

Einwohner 1 von 10 Einwohnern Roms ist Ausländer

Aufenthaltsberechti gte 1 von 11 Arbeitnehmern auf dem römischen Arbeitsmarkt ist Ausländer

Ehen 1 von 10 Ehen ist binati onal, weil ein Partner Einwanderer ist

Akademiker 1 von 10 Ausländern hat einen Hochschulabschluss

Dauerhaft gemeldet 1 von 9 Migranten in Italien lebt in Rom

Geburten 1 von 8 Neugeborenen ist Kind ausländischer Eltern

Minderjährige 1 von 7 Migranten ist minderjährig

Neu Eingestellte 1 von 6 eingestellten Arbeitnehmern ist im Ausland geboren

Konzentrati on 1 von 5 Einwohnern des 1. Bezirks ist Ausländer

2 von 3 Migranten der Provinz lebt in Rom

Verheiratet 1 von 3 gemeldeten Ausländern ist verheiratet

Geschlecht 1 von 2 Migranten ist eine Frau

Aufenthaltsgründe Provinz Rom (31.12.2006)

Langfristi g registriert 90 von 100 Migranten haben eine langfristi ge Aufenthaltserlaubnis

Arbeit 58 von 100 Migranten sind zum Zweck der Arbeitsaufnahme aufenthaltsberechti

gt

Familie 25 von 100 Migranten sind wegen Familienzusammenführung aufenthaltsberechti

gt

Kirche 10 von 100 Migranten sind wegen kirchlicher Dienste aufenthaltsberechti

gt

79


80

Studium 3 von 100 Migranten sind aus Studiengründen aufenthaltsberechti gt

Asyl 1 von 100 Migranten haben um politi sches Asyl nachgefragt

Andere Gründe 2 von 100 aufenthaltsberechti gte Migranten

Herkunft

Europäer 43 von 100 Aufenthaltsberechti gten sind Europäer

Asiaten 29 von 100 Aufenthaltsberechti gten sind Asiaten

Afrikaner 13 von 100 Aufenthaltsberechti gten sind Afrikaner

Amerikaner 15 von 100 Aufenthaltsberechti gten sind Amerikaner, vor allem Lateinamerikaner

Religionen

Christen 61 von 100 Aufenthaltsberechti gten sind Christen

- davon Katholiken 36 von 100 Aufenthaltsberechti gten sind Katholiken

- davon Orthodoxe 36 von 100 Aufenthaltsberechti gten sind Orthodoxe

- davon Protestanten 6 von 100 Aufenthaltsberechti gten sind Protestanten

Muslime 20 von 100 Aufenthaltsberechti gten sind Muslime

Andere Religionen 7 von 100 Aufenthaltsberechti gten gehören einer anderen oder keiner

Religion an

Interkulturelle Aspekte Stadt Rom (31.12.2006)

Primat Roms Rom ist die erste Provinz Italiens mit ca. 431.000 Aufenthaltsberechti gten

Rom ist die erste Gemeinde Italiens mit ca. 290.000 Aufenthaltsberechti

gten

Nati onalität 195 sind die Nati onalitäten der in Rom gemeldeten Migranten

Call center 1.000 sind die Call Center und Internet Points in denen sich Migranten

treff en

Kulturmediatoren auf 500 werden die in Rom vorhandenen Sprach- und Kulturmediatoren

geschätzt

Schule 1 von 15 Schülern der Schulen in Rom ist Kind von Migranten

Kultstätt en 222 sind die Begegnungs- und Kultstätt en der Migranten

Quelle: Statistisches Dossier Immigration Caritas/Migrantes, aus unterschiedlichen Datenbeständen

Herausforderung Migrati on: Integrati on fordern und fördern -

Entwicklung der Zuwanderung und Situati on der Migranten in

Deutschland

Dr. Albert Schmid, Präsident des Bundesamtes für Migrati on und Flüchtlinge

„Echte Kulturen suchen die Begegnung mit anderen Kulturen“

Papst Benedikt XVI. betonte auf seiner Brasilien-Reise am 13. Mai 2007:

„Echte Kulturen sind weder in sich selbst verschlossen noch in einem bestimmten Augenblick der

Geschichte erstarrt, sondern sie sind offen, mehr noch, sie suchen die Begegnung mit anderen Kulturen,

hoffen, zur Universalität zu gelangen in der Begegnung und im Dialog mit anderen Lebensweisen

und mit den Elementen, die zu einer neuen Synthese führen können, in der man die Vielfalt der Aus-


drucksmöglichkeiten und ihrer konkreten kulturellen Verwirklichung respektiert.“ 34

Das Phänomen großer anhaltender Wanderungsbewegungen und die damit einhergehenden

Fragen werden uns dauerhaft begleiten. Wenn Migration nicht zum Problem

für die innere Toleranz und die Stabilität unserer Freiheitsordnungen werden

soll, muss die Integration der Zuwanderer gelingen. Der wohl berühmteste Redner des

antiken Rom, Cicero, formulierte in seiner Schrift „De officiis“: „Wer aber sagt, man müsse

Rücksicht nehmen auf seine Mitbürger, nicht aber auf Ausländer, der hebt die alle umfassende

Gemeinschaft der Menschen auf.“

Weltweit gibt es derzeit rund 190 Millionen Migranten – Menschen, die fern ihrer

Heimat leben wollen oder leben müssen. Das entspricht in etwa drei Prozent der Weltbevölkerung.

Nach einem Bericht der Global Commission on International Migration sind

Hauptbeweggründe für die internationale Migration die so genannten 3D-Faktoren:

„development, demography and democracy“, d.h. Unterschiede bei der Wirtschaftsentwicklung,

der Demografie und der Demokratie.

Migration ist keine vorübergehende Erscheinung; Migration ist ein Grundelement

menschlicher Existenz. Die Menschheitsgeschichte ist zugleich eine Wanderungsgeschichte.

„Den ,Homo migrans’ gibt es seit es den ‚Homo sapiens’ gibt; denn Wanderungen

gehören zur Conditio humana wie Geburt, Fortpflanzung, Krankheit und Tod“. 35

Um die Herausforderung der Integration von heute zu verstehen und zu meistern,

muss man die Zuwanderung von gestern mit ihren unmittelbaren Einflüssen auf die

Gegenwart kennen.

Zentrale Phasen der Zuwanderung nach Deutschland

Zwischen 1952 – dem Jahr der Einführung der offiziellen Wanderungsstatistik – und

2006 sind 36,3 Millionen Menschen nach Deutschland zugezogen. Im selben Zeitraum sind

rund 26,5 Millionen Deutsche und Ausländer fortgezogen. Hierbei ergibt sich für Deutschland

ein Wanderungsplus von 9,8 Millionen. In dieser Zeit hat sich die Struktur der Zuwanderung

stark verändert, so dass fünf Zuwanderungsphasen unterschieden werden können:

1. In den Nachkriegsjahren kamen zunächst Flüchtlinge und Vertriebene nach

Westdeutschland.

2. Der Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit führte zu einem erhöhten Arbeitskräftebedarf.

Als Reaktion darauf ging die Bundesrepublik Deutschland zur Anwerbung

von so genannten „Gastarbeitern“ aus dem Ausland über. Der erste Anwerbevertrag

wurde 1955 mit Italien geschlossen. Ausgelöst durch die erste Ölpreiskrise und steigende

Arbeitslosigkeit wurde im November 1973 ein Anwerbestopp verhängt.

3. Viele angeworbene Arbeitskräfte blieben im Land und begannen nun verstärkt,

Familienangehörige nachzuholen. Schätzungen zufolge machte Mitte der 70er bis Ende

der 80er Jahre der Familiennachzug, meist zu ehemaligen „Gastarbeitern“, mehr als die

Hälfte des Gesamtzuzugs aus.

4. Nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes stellte das Jahr 1990 eine Zäsur dar.

Die Migrantenstruktur veränderte sich, weil die Zahl der Asylbewerber und Aussiedler

bzw. Spätaussiedler aus Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion anstieg. Bei den

Asylanträgen wurde der Höchststand im Jahr 1992 erreicht. Damals kletterte die Zahl

(34) Die Welt, 23. Mai 2007: Christus ist keiner Kultur fremd, S. 15.

(35) Klaus J. Bade, 2002.

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der Asylgesuche auf rund 440.000. Der im gleichen Jahr beschlossene Asylkompromiss,

der auch eine Kontingentierung des Spätaussiedlerzuzugs beinhaltete, führte zu

einem kontinuierlichen Rückgang beider Migrationsarten. 1998 sank die Zahl der

Asylerstantragsteller unter 100.000, 2006 ersuchten rund 21.000 Menschen Asyl.

Ebenfalls rückläufig ist der Zuzug von Spätaussiedlern: Er sank von einem historischen

Hoch über 400.000 Personen im Jahr 1990 bis zu 7.700 Personen in 2006.

5. Gegenwärtig befinden wir uns in einer Konsolidierungsphase: Die Zugangszahlen

sind insgesamt rückläufig und die Familieneinheit ist ein dominierender Migrationsfaktor.

Facett en der Zu- und Abwanderung – Soziodemografi sche Struktur

Um ein umfassendes Bild der Migrationssituation zu zeichnen, ist sowohl die Zahl

der in Deutschland lebenden Ausländer wie auch der Anteil der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte

einzubeziehen. 19% der Bevölkerung in Deutschland weist einen Migrationshintergrund

auf – das heißt, beinahe jeder fünfte Einwohner Deutschlands hat

eine Zuwanderungsgeschichte. Von diesen rund 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund

leben 96% in den westlichen Bundesländern Deutschlands und Berlin.

Inzwischen hat fast jedes dritte Kind unter fünf Jahren einen Migrationshintergrund.

Ein Blick in die Klassenzimmer deutscher Schulen zeigt: Durchschnittlich rund 22%

der 15-jährigen Schüler haben einen Migrationshintergrund. In Großstädten ist der

Anteil der Migranten im Vergleich zur Gesamtbevölkerung am größten: In Stuttgart,

Frankfurt/Main und Nürnberg haben rund 40% der Einwohner einen Migrationshintergrund.

36 Im Gegensatz zu den Personen ohne Migrationshintergrund sind in der Gruppe

der Menschen mit Migrationshintergrund Frauen etwas unterrepräsentiert. Die Bevölkerung

mit Migrationshintergrund ist außerdem deutlich jünger als die ohne Migrationshintergrund,

erkennbar am geringeren Durchschnittsalter, dem höheren Anteil der

bis 15-Jährigen und dem deutlich geringeren Anteil der über 65-Jährigen. 37

Betrachtet man lediglich den Anteil an Ausländern in Deutschland, so liegt ihre

Zahl laut Ausländerzentralregister bei 6,75 Millionen. Davon kommt der Großteil aus

Europa, nämlich rund 80% bzw. 5,4 Millionen Menschen – dies umfasst alle europäischen

Länder inklusive Türkei und Russische Föderation. Von diesen 5,4 Millionen

entfallen wiederum rund 2,2 Millionen auf EU-Staaten, wobei die „alten“ EU-Staaten

etwa 1,7 Millionen ausmachen. Die größte Ausländergruppe sind mit 1,8 Millionen

türkische Staatsangehörigen. Italien folgt auf Platz zwei mit 530.000 Personen. Die

durchschnittliche Aufenthaltsdauer aller Ausländer liegt derzeit bei 17,3 Jahren. Im

Vergleich dazu bleiben Italiener im Durchschnitt deutlich länger, nämlich rund 25 Jahre.

Der Anteil derjenigen Ausländer, die weniger als vier Jahre bleiben, liegt bei 15%;

mehr als 30 Jahre bleibt rund 22%. Insgesamt sinken die Zuwandererzahlen seit einigen

Jahren, die nachhaltige Zuwanderung nach Deutschland hat einen relativ geringen

Umfang – wenn auch der öffentliche Eindruck ein anderer sein mag.

Durch den demografischen Wandel in Deutschland – die Bevölkerung altert und

schrumpft – wird die Frage nach einem Ausgleich durch Zuwanderung aufgeworfen.

Je nach Wanderungssaldo wird die Bevölkerung Deutschlands im Jahr 2050 von 82,5

(36) Stati sti sches Bundesamt: Bevölkerung und Erwerbstäti gkeit. Bevölkerung mit Migrati onshintergrund

– Ergebnisse des Mikrozensus 2005. Wiesbaden 2007.

(37) ebd.


Millionen auf 75 bis 67 Millionen sinken. Doch Migration, die demografische Defizite

ausgleichen könnte, wäre nicht verkraftbar für die deutsche Aufnahmegesellschaft. Das

Argument, wonach aus demografischen Gründen die Einwanderung zunehmen müsste,

wird auch von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung nicht geteilt – 83% verneinen

dies in einer Befragung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. 38

Paradigmenwechsel durch das Zuwanderungsgesetz

Lange Zeit wurde die Anwesenheit der „Gastarbeiter“ als vorübergehendes Phänomen

interpretiert. Erst allmählich setzte sich die Einsicht durch, dass es einer gezielten

und systematischen Integration bedarf. Das Zuwanderungsgesetz, das am 1. Januar

2005 in Kraft trat und sich auf einen breiten politischen Konsens stützt, bewirkte eine

Neuausrichtung. Damit hat Deutschland den Einstieg in eine systematische Integrationspolitik

vollzogen und erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik ein bundesweit

einheitliches Grundangebot zur Integrationsförderung von Neuzuwanderern geschaffen.

Erstmals hat der Gesetzgeber die „Förderung der Integration“ an zentraler Stelle

normiert. Das Gesetz berücksichtigt, dass Deutschland im Bereich der Migration und

Integration vor besonderen Herausforderungen steht.

Integration heißt nach unserem Verständnis eine gleichberechtigte Teilhabe von Migranten

am gesellschaftlichen, kulturellen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Leben.

Integration bedeutet Chancengleichheit. Zwei Aspekte sind von entscheidender Bedeutung:

- Erfolgreiche Integration rechtmäßig in Deutschland lebender Migranten liegt im

Interesse der Zuwanderer wie auch der Aufnahmegesellschaft.

- Integration geschieht nicht von selbst, sondern ist ein Prozess, an dem beide aktiv

ihren Beitrag leisten müssen. Integration muss erarbeitet werden.

Einstellungsmuster und Parti zipati onsräume

Die Aufnahmegesellschaft fordert von der ausländischen Bevölkerung in hohem

Maße Integration. 87% sagen laut einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung,

dass Ausländer, die sich länger in Deutschland aufhalten wollen, auch die

Sprache, Bräuche und Regeln lernen sollten. 39 Die Befragten sprechen sich mehrheitlich

dafür aus, Integration zu fördern, aber auch dafür, Integrationsunwillige auszuweisen.

Deutlich wird zudem der Wunsch, dass Zuwanderung geregelt wird.

Nur wer teilhaben kann, wird sich mit einer Gesellschaft identifizieren und sich

ihr zugehörig fühlen. Integration heißt: Identität bewahren und Identifikation mit dem

Aufnahmeland fordern – eine Identifikation mit der freiheitlich demokratischen Grundordnung

Deutschlands unter Beibehaltung kultureller Eigenheiten. Das Grundgesetz

bestimmt die Grundwerte unserer Gesellschaft und ist auch für Migranten verbindliche

Grundlage des Lebens in Deutschland. Die Erfahrung von Mitgestaltung gesellschaftlichen

Lebens fördert Identifikationsprozesse. Die gesellschaftliche Teilhabe der gesamten

Bevölkerung mit Migrationshintergrund ist noch nicht umfassend untersucht.

Eine Studie zum bürgerschaftlichen Engagement im Auftrag des Familienministeri-

(38) Bundesinsti tut für Bevölkerungsforschung: Einstellungen zu demographischen Trends und zu bevölkerungsrelevanten

Politi ken. Ergebnisse der Populati on Policy Acceptance Study. Sonderheft 2005.

(39) ebd.

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ums hat ergeben, dass sich Migranten zu 61% außerhalb von Familie und Beruf aktiv

in Vereinen, Gruppen, Organisationen oder Einrichtungen beteiligen – bei Menschen

ohne Migrationshintergrund liegt der Anteil bei 71%. 40

Migranten, die in eigenethnischen Kontexten aktiv sind, werden mitunter mit dem

Vorwurf der Abschottung konfrontiert. Festzuhalten ist, dass beispielsweise bei türkischen

Migranten die Beteiligung in deutschen und türkischen Organisationen gleich

hoch ist und dass Beteiligung in eigenethnischen Kontexten oft dort erfolgt, wo keine

„deutschen“ Alternativen existieren (z.B. Bereich Religion). Gleichwohl gibt es in einigen

Gebieten Parallelgesellschaften, in denen Bevölkerungsgruppen weitgehend ohne

Berührungspunkte in ihrer eigenen Lebenswelt mit eigenen Wertvorstellungen nebeneinander

her leben. Integration heißt aber nicht, nebeneinander her zu leben, sondern

gemeinsam Gesellschaft zu gestalten.

Arbeitsmarktbeteiligung und Bildung

Auch Partizipation am Arbeitsmarkt ist ein Integrationsfaktor: Während die Arbeitslosenquote

für Deutsche im Jahresdurchschnitt 2006 bei 10,8% lag, betrug sie bei

Ausländern rund 23,6%. 41 Personen mit Migrationshintergrund sind nach Ergebnissen

des Mikrozensus 2005 häufiger auf Arbeitslosengeld I oder II 42 angewiesen als Personen

ohne Migrationshintergrund. Da Ausländer auch nach Erkenntnissen der Bundesagentur

für Arbeit im Durchschnitt eine geringere Qualifikation aufweisen, haben

sie es auf dem Arbeitsmarkt häufig schwerer. Während in den 50er und 60er Jahren

zahlreiche ungelernte Arbeiter von der Industrie aufgenommen wurden, sind heute

viele dieser Arbeitsplätze durch den Strukturwandel weggefallen. So sind auch auf

Grund ihrer vergleichsweise niedrigen Bildungsabschlüsse die Migranten in Deutschland

in den Berufsgruppen für Geringqualifizierte überrepräsentiert. Doch gerade in

diesen Sektoren ist die Beschäftigung seit Jahren rückläufig. Auch sprachliche Defizite

sind ein Problem. Dies gilt insbesondere für die zweite und dritte Generation, in deren

Familien nach wie vor häufig kein Deutsch gesprochen wird.

Im Auftrag der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik

Deutschland und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung legte das

„Konsortium Bildungsberichterstattung“ einen indikatorengestützten Bericht mit dem

Titel „Bildung in Deutschland“ vor. 43 Es zeigte sich, dass im Vergleich zu den Deutschen

ohne Migrationshintergrund Migranten ein niedrigeres Bildungsniveau aufweisen. Dieser

Unterschied besteht sowohl bei den allgemeinen Schul- als auch bei den beruflichen

Bildungsabschlüssen. Gemeinsam ist beiden Personengruppen jedoch, dass jeweils die

jüngeren (25 bis 45 Jahre) einen deutlich besseren Bildungsstand vorweisen können als die

(40) TNS Infratest Sozialforschung (2005): Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999-2004. Migranti

nnen und Migranten. Studie im Auft rag des BMFSFJ

(41) Bundesagentur für Arbeit, Stati sti k Berichtsjahr 2006. Quote bezieht sich auf alle zivilen Erwerbspersonen.

(42) Arbeitslosengeld II ist eine bedürft igkeitsgeprüft e Sozialhilfe, die im Anschluss an die Versicherungsleistung

Arbeitslosengeld I bezahlt wird.

(43) Konsorti um Bildungsberichterstatt ung (2006): Bildung in Deutschland. Ein indikatorengestützter Bericht

mit einer Analyse zu Bildung und Migrati on. Bericht im Auft rag der Ständigen Konferenz der Kultusminister der

Länder in der Bundesrepublik Deutschland und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Bonn.


älteren (45 bis 65 Jahre). Ergebnisse des Mikrozensus 2005, die auch die Bildungsstudie

anführt, belegen, dass bei der Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund mit rund

10% ein vergleichsweise großer Anteil über keinen allgemeinen Schulabschluss verfügt.

Zum Vergleich: Bei Personen ohne Migrationshintergrund sind es nicht einmal 2%. Auch

haben rund die Hälfte aller Personen mit Migrationshintergrund keinen beruflichen Bildungsabschluss.

Bei den Personen ohne Migrationshintergrund sind es rund 27%.

Die Situati on von Jugendlichen - Erfahrungen, Einstellungen, Ergebnisse

Hinsichtlich schulischer Bildungs- und Abschlusserfolge stellt sich die Situation

auch für Jugendliche mit Migrationshintergrund als schwierig dar. Dass diese Kinder

im deutschen Schulsystem weniger erfolgreich sind, haben die Schulstudien PISA

und IGLU gezeigt. Anhand von PISA-Daten (OECD) konnte gezeigt werden, dass

Migranten der ersten und zweiten Generation, die zu Hause nicht die Sprache des Aufnahmelandes

sprechen, in den OECD-Staaten im Schnitt einen deutlichen Rückstand in

Mathematik haben. Vergleichbares zeigt sich auch bei den Leseleistungen. 44

Doch auch der Übergang in die Ausbildung stellt sich bei Jugendlichen dieser

Gruppe als kritisch dar: jeder zweite Schüler mit Hauptschulabschluss und jeder vierte

mit Realschulabschluss landet zunächst in einer schulischen oder berufsvorbereitenden

Maßnahme. Hinzu kommt die Zahl der Abgänger ohne Abschluss: Insgesamt verließ

im Jahr 2004 fast jeder fünfte Schüler mit Migrationshintergrund die Schule ohne

Abschluss – unter deutschen Schülern blieb weniger als jeder Zehnte ohne formalen

Abschluss. 45 Insbesondere die Schulbildung italienischer Kinder ist problematisch: Sie

besuchen überdurchschnittlich häufig Sonderschulen für Schüler mit Lernproblemen

oder Hauptschulen. Auch auf dem Ausbildungsmarkt ist die Situation schwierig. Rund

41% in der Altersgruppe der 25- bis unter 35-jährigen in der Bevölkerung mit Migrationshintergrund

haben keinen beruflichen Bildungsabschluss. Zum Vergleich: in der

Gruppe ohne Migrationshintergrund sind es 15%. 46

Die Zahl der Jugendlichen, die einen weiteren Zuzug von Migranten eher stoppen

wollen, hat sich von 48% im Jahr 2002 auf 58% im Jahr 2005 erhöht. 24% der Jugendlichen

sind hingegen der Auffassung, dass auch künftig so viele Zuwanderer aufgenommen werden

sollten wie bisher. Das geht aus der 15. Shell Jugendstudie hervor. Der Wunsch nach

einer künftigen Verringerung bzw. Begrenzung des weiteren Zuzugs ist bei Jugendlichen

in Ostdeutschland ausgeprägter als in Westdeutschland. Generell gilt, dass diejenigen

Jugendlichen, die keine Kontakte zu Ausländern haben, sich deutlich häufiger für eine Begrenzung

der Zuwanderung aussprechen. Woher kommt diese eher vorsichtige Haltung

gegenüber weiterer Zuwanderung? In diese Stimmungslage können unterschiedlichste

Faktoren eingeflossen sein – negative Alltagserfahrungen mit Migranten, diffuse Ängste

oder Vorurteile sowie sicherlich ein zunehmender existenzieller Druck. 47

Im Alltag lassen sich auch zahlreiche Beispiele für das Gelingen von interkultu-

(44) ebd.

(45) IW-Trends 4/2005, Vierteljahresschrift zur empirischen Wirtschaft sforschung aus dem Insti tut

der deutschen Wirtschaft Köln, S. 8.

(46) Vgl. Fußnote 43.

(47) Shell Deutschland Holding (Hrsg.): Jugend 2006. Eine pragmati sche Generati on unter Druck.

Hamburg 2006.

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rellem Zusammenleben finden. Eine Untersuchung des Zentrums für Türkeistudien

zeigt, dass rund 40% der türkischstämmigen Bevölkerung engere freundschaftliche Beziehungen

zu Deut schen pflegt, nur 6% hat gar keine Kontakte zu Deutschen und mehr

als die Hälfte der Befragten wünscht sich interkulturelle Kontakte. Die Untersuchung

kommt auch zu dem Schluss, dass fehlende Kontakte zu Deutschen nicht immer gewollt

sind, sondern auch auf einen Mangel an Gelegenheiten oder möglicherweise auch auf

eine zunehmende Distanz der Deutschen zurückzuführen sind. 48

Einstellungen der Aufnahmegesellschaft zu Islam und Muslimen

Die deutsche Bevölkerung weist eine überdurchschnittlich große Aufgeschlossenheit

gegenüber fremden Kulturen auf, doch eine Mehrheit sieht die Signale der Ausbreitung

des Islam mit wachsendem Unbehagen. Zu diesem Ergebnis kommt das Institut

für Demoskopie Allensbach in einer Befragung im Jahr 2006: „Angesichts des diffusen

Gefühls der Bedrohung und der vermuteten Intoleranz des Islam sinkt die Bereitschaft der Deutschen,

ihrerseits Toleranz gegenüber dem muslimischen Glauben zu üben.“ 49

56% der Deutschen teilten in der Umfrage die Auffassung, dass zwischen

Christentum und Islam ein „Kampf der Kulturen“ im Gange sei. Zwei Jahre zuvor

waren es noch 46%. Samuel Huntington hat diesen Begriff vom „Kampf der Kulturen“

in einem Artikel von 1993 geprägt. Was zunächst als Frage „Clash of civilizations?“

formuliert war, wurde im Titel seines nachfolgenden Buches zu einer Feststellung. 50

Huntington bezog sich dabei auf den seiner Meinung nach bevorstehenden Kampf

zwischen insgesamt acht globalen Kulturkreisen, insbesondere zwischen dem westlichen

Kulturkreis auf der einen und dem islamischen auf der anderen Seite.

Maßnahmen zur Integrati on

1. Der Dialog mit dem Islam

Für den Dialog mit dem Islam hat Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble die

Deutsche Islamkonferenz ins Leben gerufen – neben dem Integrationsgipfel mit seinem

„Nationalen Integrationsplan“ das derzeit wichtigste Integrationsprojekt der Bundesregierung.

In Deutschland leben derzeit rund 3,4 Millionen Muslime. Sie kommen aus

verschiedenen Regionen der islamischen Welt und spiegeln eine Vielfalt in nationaler,

kultureller und religiöser Hinsicht wider. Viele Zuwanderer aus muslimisch geprägten

Herkunftsländern sind gut in Deutschland integriert – bei einem Teil jedoch treten zunehmend

Schwierigkeiten auf: Vor allem junge Muslime der zweiten und dritten Generation

haben wachsende Probleme in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt. Der Dialog

zwischen Vertretern des deutschen Staates und Vertretern der hier lebenden Muslime

ist in der Islamkonferenz als langfristiger Kommunikationsprozess angelegt.

2. Integrati onskurse

Sprache ist der Schlüssel zur Integration, Sprache öffnet Türen. Gute Deutschkennt-

(48) 7. Mehrthemenbefragung des ZfT zu den Lebenslagen der Türkinnen und Türken in NRW.

(49) Prof. Dr. Neumann, Elisabeth / Dr. Petersen, Thomas: „Eine fremde, bedrohliche Welt�. In: Frankfurter

Allgemeine Zeitung vom 17.05.2006, S. 5.

(50) Samuel Hunti ngton: The clash of civilizati ons and the remaking of world order. New York 1996.


nisse sind eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Voraussetzung für Integration.

Deutschkenntnisse begünstigen den Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft. Je besser

die Befragten ihre Deutschkenntnisse einschätzen, desto häufiger geben sie Besuche bei

Deutschen oder von Deutschen in den Befragungen an. Auch im Freundeskreis ist dieser

Effekt deutlich erkennbar; denn je besser die subjektive Sprachkompetenz bewertet wird,

umso mehr deutsche Personen befinden sich unter den drei besten Freunden. 51

Kern des staatlichen Integrationsangebots in Deutschland sind die Integrationskurse.

Nach dem Grundsatz des „Forderns und Förderns“ gibt es einen Anspruch auf, aber auch

eine Verpflichtung zur Teilnahme. Der Integrationskurs stützt sich auf zwei Säulen: 600

Stunden Sprachkurs und 30 Stunden Orientierungskurs zur Rechtsordnung, Geschichte

und Kultur in Deutschland. Begleitend dazu gibt es ein individuelles Beratungsangebot

für Migranten, die so genannte Migrationserstberatung, die auf drei Jahre angelegt ist.

Außerdem stehen Mittel für rund 400 Integrationsprojekte bereit, die beispielsweise die

Arbeit von Streetworkern in schwierigen Stadtteilen unterstützen.

3. Verzahnung bietet Perspekti ven

Deutschland ist im Bereich Integration mit einer Vielzahl von einzelnen Maßnahmen

aktiv. Das übergeordnete Ziel der Integrationsförderung muss aber sein, den Integrationsprozess

als Ganzes erfolgreich zu gestalten – dies erfordert eine systematische Verzahnung

von Angeboten zu Sprache, Bildung, Beruf und Beratung. Eine Perspektive bietet das bundesweite

Integrationsprogramm, das das Bundesamt auf Basis der gesetzlichen Vorgaben

entwickelt: bestehende Integrationsangebote von Bund, Ländern, Kommunen und privaten

Trägern werden festgestellt und Empfehlungen zu ihrer Weiterentwicklung vorgelegt.

Die Dynamik jeder Gesellschaft ergibt sich aus der Interaktion von Kollektiven. Durch

Zuwanderung kommt ein weiteres Kollektiv hinzu. Unser Blickfeld richtet sich auf die Interaktion

mit der Gesellschaft, im Kontext von Migration auf die Interkulturalität. Hier

sind auch weiterhin beide Seiten gefordert: Migranten und Aufnahmegesellschaft. Denn

echte Kulturen sind offen, sie suchen die Begegnung und den Dialog mit anderen Kulturen.

Köln, eine multi kulturelle Stadt –

Eine kommunale Integrati onspoliti k

Teresa De Bellis, Mitglied des Rats der Stadt Köln

Von 1 Million Kölner Bürgern haben 322.000, also 31,4%, eine Migrationsgeschichte.

Hierzu gehören neben den Ausländern auch die Deutschen, die eingebürgert

wurden, und die Kinder und Enkel von Immigranten. 75.000 sind unter 18 Jahren. Ihr

Anteil an dieser Altersgruppe in Köln beträgt 47,1% und wird in einigen Jahren über

50% erreichen. Werden nur die ausländischen Staatsbürger gezählt, so kommen wir in

Köln auf 177.000 Ausländer, davon sind 65.000 Türken und 19.000 Italiener.

(51) Leibold, Jürgen / Kühnel, Steff en / Heitmeyer, Wilhelm: Abschott ung von Muslimen durch generalisierte

Islamkriti k? In: Aus Politi k und Zeitgeschichte, Heft 1-2/2006, Januar 2006.

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Der großen Zahl von Migranten entspricht eine Vielzahl von Migranten-Vereinigungen

in Köln. Dies gilt auch für die Menschen mit italienischer Migrationsgeschichte.

Hervorzuheben sind das COMITES (Komitee der Italiener im Ausland), eine

von den italienischen Staatsbürgern gewählte Vertretung, und der Elternverein CO.AS.

SC.IT. Beide Organisationen sind für den Bezirk des italienischen Konsulats Köln zuständig.

Außerdem bestehen in Köln 13 Vereine mit teilweise regionalem Charakter im

Bildungs- und Freizeitbereich. Auf dem Feld der Sozialberatung sind neben zwei Patronati

(ACLI, ITAL) auch der katholischen Kirche nahe stehende Stellen (u.a. Caritas)

aktiv. Hervorzuheben sind schließlich das italienische Kulturinstitut „Dante Alighieri“

und der WDR mit seinem italienischen Hörfunkprogramm „Radio Colonia“.

Eine wichtige Vertretungsfunktion der Migranten hat in Köln der „Integrationsrat“.

Das Gremium besteht aus 11 Mitgliedern des Stadtrats sowie aus 22 von Migranten,

nicht nur von ausländischen Staatsbürgern, gewählten Vertretern. An der Wahl 2004

nahmen 25.000 Kölner Bürger teil. Der Integrationsrat kann sich als beratendes Gremium

mit allen Angelegenheiten der Stadt befassen. In den Rat der Stadt Köln wurden bei

der letzten Kommunalwahl 3 Mitglieder mit einer Migrationsgeschichte gewählt.

Konsens für off ensive Integrati onspoliti k

Alle großen Parteien im Stadtrat bekennen sich zu einer offensiven Integrationspolitik.

Sie betrifft nicht nur die neu nach Köln kommenden Ausländern, sondern gerade

auch die vielen schon seit langem in Köln wohnenden Menschen mit Migrationsgeschichte.

Integration erledigt sich nicht von selbst, wie wir schmerzhaft bei der

dritten Generation von Migranten feststellen mussten. Nicht wenige hat es erstaunt,

dass selbst viele Enkelkinder der Zuwanderer Probleme mit der deutschen Sprache

haben. Auch wenn dies nur für eine Minderheit gilt, so ist dies doch eine Partei übergreifende

Herausforderung, denn mangelnde Sprachkenntnisse bedingen schlechte Bildungschancen

und oftmals Langzeitarbeitslosigkeit.

Eine offensive Integrationspolitik ist im Interesse der Stadt und seiner Bürger. Mi-

granten sind ein Gewinn, weil

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Mehrsprachigkeit eine Ressource ist,

Kunst, Literatur und Film davon Impulse erfahren,

Wissenschaft und Wirtschaft davon profitieren und

gerade auch im zusammenwachsenden Europa sich hieraus große Chancen

entwickeln können.

Kommunale Integrationspolitik ist eine Querschnittsaufgabe, die insbesondere die

Rahmenbedingungen verbessern muss. Ohne die Integrationswilligkeit der Migranten

und einer aktiven Aufnahmebereitschaft der alt eingesessenen Kölner Bürger wird Integration

nicht gelingen. Die wichtigsten Handlungsfelder sind die Sprachvermittlung,

die Schule, die Chancengleichheit von Frauen, die Berufsausbildung, die Existenzgründung

und die Stadtentwicklung.

Handlungsfeld Sprachvermitt lung

Das Erlernen der deutschen Sprache ist für alle Zuwanderer nach Deutschland verpflichtend.

Den Zuwanderern und, auf freiwilliger Basis, den in Köln lebenden Menschen

mit Migrationsgeschichte werden Sprachkurse angeboten, die mit einem Orientierungs-


unterricht zu Staat, Gesellschaft und Geschichte Deutschlands verbunden werden. Neben

der Volkshochschule, die die Koordinierung hat, bieten 18 Organisationen solche Kurse in

Köln an. Zusätzlich zum Angebot für Erwachsene besteht auch eine Sprachförderung für

Kinder. Zwei Jahre vor der Einschulung müssen sich alle schulpflichtigen Kinder, nicht

nur die Migrantenkinder, einem Sprachtest unterziehen. Werden Probleme festgestellt,

so wird diesen Kindern parallel zum Kindergarten die Teilnahme an einem Förderunterricht

zur Pflicht gemacht. Die Sprachförderung wird in den Schulen fortgesetzt, wenn

auch nicht systematisch. Hier besteht ein Nachholbedarf. Notwendig ist, dass die Sprachlernangebote

für Eltern, und insbesondere für Mütter, ausgebaut werden. Damit können

sie auch besser in den Bildungsprozess ihrer Kinder einbezogen werden.

Erheblicher Nachholbedarf besteht bei der bilingualen Förderung der Kinder mit

Migrationsgeschichte. Es bestehen nur wenige bilinguale Bildungseinrichtungen. Für

italienische Kinder mit Migrationsgeschichte bestehen in Köln nur ein Kindergarten

der Caritas, drei Grundschulen (Primärbereich) sowie drei Gesamtschulen/Gymnasien

(Sekundärbereich) mit bilingualem Angebot. Darüber hinaus bieten zu wenige Gymnasien

italienisch als Fremdsprache an. Die Stadt Köln muss und will den bilingualen

Schulunterricht ausbauen.

Handlungsfeld Schule

Neben der Sprachförderung ist jedoch die allgemeine schulische Förderung von

Kindern mit Migrationsgeschichte wichtig. Das größte Problem besteht darin, dass die

Eltern ihre Kinder meist wenig unterstützen können. Hinzu kommt, dass die Migranten

sich oft auf bestimmte Stadtteile konzentrieren, so dass in einigen Schulen weit

über die Hälfte der Kinder eine Migrationsgeschichte aufweisen. Dies ist besonders

problematisch, wenn in Schulklassen Schüler einer Nationalität eine dominierende Rolle

haben. Notwendig ist deswegen, dass die Lehrer mehr Zusatzschulungen erfahren

und das Personal in diesen Schulen erhöht wird.

Für den Lernerfolg der Kinder ist die Mitarbeit der Eltern auch in den Schulen wichtig.

Die Eltern sollten ermutigt werden, zu den Elternabenden, Einschulungs- und Informationstagen

der Schulen zu kommen. Die Lehrer sollten diese Veranstaltungen verstärkt

für persönliche Gespräche nutzen. Aktive Mitarbeit und Unterstützung der Eltern

während der Schullaufbahn ihrer Kinder gelingt dann besser, wenn sie sich mit der jeweiligen

Schule identifizieren können. Hervorheben möchte ich in diesem Zusammenhang

die schulische und pädagogische Beratungseinrichtung RAA („Regionale Arbeitsstellen

zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien“, NRW) in Köln.

Handlungsfeld Chancengleichheit von Frauen

Besondere Aufmerksamkeit muss der Förderung der Mädchen gelten. Viele Töchter

aus traditionell geprägten Familien mit Migrationsgeschichte, insbesondere aus

dem islamischen Kulturkreis, erfahren nicht nur eine geringere Förderung und Benachteiligung

(Teilnahmeverbot an Sport und Schulausflügen), sondern werden teilweise in

ihrer Menschenwürde verletzt. Die Zwangsverheiratung ist leider keine Seltenheit und

muss stärker geächtet werden. Hierfür darf es keine Toleranz geben.

Schlimm ist auch, dass die Töchter und häufig auch ihre Mütter häusliche Gewalt

durch männliche Familienmitglieder erfahren. Die CDU in Köln fordert deswegen ein

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Netzwerk „Gegen Gewalt an Frauen und Mädchen mit Zuwanderungsgeschichte“ zwischen

der Stadt Köln, den interkulturellen Zentren und den Moscheevereinen. Häusliche

Gewalt ist leider nicht ausschließlich ein Problem der Familien mit Migrationsgeschichte,

sondern findet auch in deutschen Familien statt. Frauen mit Zuwanderungsgeschichte

haben jedoch den großen Nachteil, dass ihnen weniger Handlungsmöglichkeiten offen

stehen, weil sie oft weder ein soziales Netzwerk außerhalb der Familie besitzen, noch über

das nötige Geld verfügen, um sich eine eigene Wohnung mieten zu können. Deswegen

muss die Beratungsinfrastruktur, einschließlich kulturell sensibler Unterstützungsangebote,

für diese Mädchen und Frauen ausgebaut werden. Ich begrüße es, dass die Stadt

Köln eine Reihe von Aufklärungsaktivitäten gegen „Zwangsheirat“ und „Gewalt gegen

Frauen“ durchgeführt hat.

Handlungsfeld Berufsausbildung

Ein großes Problem ist für viele Jugendliche mit Migrationsgeschichte die Arbeitslosigkeit.

Neben teilweise geringen Sprachkenntnissen ist hierfür die mangelnde berufliche

Qualifikation die wichtigste Ursache. Oft besteht bei den Eltern völlige Unkenntnis über

die Bedeutung der beruflichen Ausbildung in Deutschland. Da 63,6% der ausländischen

Beschäftigten in Köln keinen Berufsabschluss aufweisen, ist auch nicht verwunderlich, dass

sie ihren Kindern insbesondere den Mädchen kein Vorbild sein können.

In Köln fanden eine Vielzahl von Kampagnen statt, um Schulabgänger mit Zuwanderungsgeschichte

zur Berufsausbildung zu motivieren. Neben einer gezielten Ansprache

der Jugendlichen und ihrer Eltern wurden insbesondere Arbeitgeber aufgefordert,

diesen Jugendlichen einen Chance zu geben. Bei einer Reihe von Aktionen wurden auch

in Zusammenarbeit mit dem italienischen Generalkonsulat italienische Migranten angesprochen.

Es hat sich als sehr erfolgreich erwiesen, neben den Migrantenvereinigungen

auch Unternehmer mit Migrationshintergrund anzusprechen. Vor dem Ausscheiden

aus der Schule erhalten die Schüler zwar Informationen über ihre berufliche

Perspektive und die berufliche Ausbildung, diese Informationen müssen jedoch für die

Jungen und insbesondere für die Mädchen mit Migrationsgeschichte systematischer

vermittelt werden. Notwendig ist ein Monitoring-Programm für junge Frauen, bei

dem berufserfahrene Mentorinnen zum Einsatz kommen sollten.

Handlungsfeld Existenzgründung

Neben der Förderung der beruflichen Qualifikation gilt es auch, die Unterstützung

für Existenzgründungen aus dem Kreis der Migranten zu verstärken. Es ist zu begrüssen,

dass die Kammerorganisationen in Köln spezifische Beratungsangebote anbieten.

Eine unterstützende Rolle spielen hierbei auch das „Regionale Förderzentrum für ausländische

Existenzgründer und Unternehmer“ (RFZ) in Köln sowie türkische, italienische

und griechische Unternehmervereinigungen. Dennoch habe ich den Eindruck,

dass in Köln noch viel mehr gemacht werden könnte. Hierbei appelliere ich insbesondere

an die Unternehmer.

Handlungsfeld Stadtentwicklung

Die Querschnittsaufgabe von kommunaler Integrationspolitik wird insbesondere

bei der Stadtentwicklungspolitik deutlich. In einigen Kölner Stadtteilen besteht eine


erhebliche Konzentration der Problemlagen von sozial Benachteiligten und von Bewohnern

mit Zuwanderungsgeschichte. Integrationspolitik bedeutet vor allem soziale

und ethnische Absonderung und die Entstehung von Parallelgesellschaften in den

Stadtteilen zu verhindern. Integration geschieht vor Ort, also in der Nachbarschaft,

im Wohnumfeld und im Stadtteil. Wo die Mehrheitsgesellschaft aber nicht mehr als

Mehrheit präsent ist, sind Integrationsbemühungen mit besonderen Erschwernissen

verbunden. Die wichtigsten Handlungslinien sind:

- Eine intelligente Belegungspolitik bei den Sozialwohnungen (in Köln bestehen ca.

50.000), um die Ballung von ethnischen Gruppen zu vermeiden bzw. abzuschwächen,

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eine bessere Erreichbarkeit mit dem öffentlichen Nahverkehr;

eine Verstärkung der Sicherheit auf den Straßen;

der Ausbau der Bildungsangebote vor Ort;

die Förderung von Bürgerinitiativen z.B. für gruppenübergreifende Straßenfeste.

Eine integrationsorientierte Stadtteilpolitik muss insbesondere auf die Partizipation

der Migranten setzen. Alle müssen aufeinander zugehen. Dies betrifft auch Fragen

der Lebensweise, der Religionsausübung, so auch den Bau von Moscheen. Der Dialog

muss gerade in den Stadtteilen besser organisiert werden. Das Kölner Projekt „Stadtteil-Manager“

ist ein gutes Beispiel und sollte fortgesetzt werden.

Heimatgefühl für die eigene Stadt entwickeln

Meiner Ansicht nach beruht eine erfolgreiche Integration auch auf dem bürgerschaftlichen

Engagement. Gerade auch den Menschen mit Migrationsgeschichte müssen

hierzu mehr Chancen eröffnet werden. Aber die Migranten und insbesondere die

Migrantenvereinigungen müssen erkennen, dass ihr Engagement sich nicht nur auf

Forderungen an die Institutionen beschränken kann. Sie müssen lernen, Mitverantwortung

zu übernehmen. Teilhabe ohne Mitverantwortung funktioniert nicht. Dies

betrifft die Eltern, die sich für ihre Schule einsetzen, die Unternehmer, die mehr Berufsausbildungsplätze

anbieten und die Bürger, die sich in ihrem Stadtteil engagieren. Aber

auch die einheimische alt eingesessene Kölner Bevölkerung muss lernen, die Anregungen

und Vorschläge der Migranten nicht nur ernst zu nehmen, sondern sie auch als

Bereicherung des Zusammenlebens zu erkennen. Dann kann es auch gelingen, dass die

Menschen mit Migrationsgeschichte für ihre Stadt ein Heimatgefühl entwickeln, eine

wichtige Grundlage für den sozialen Zusammenhalt einer Gemeinschaft.

Köln – Ein Beispiel für gelungene berufl iche Integrati on:

BQN – das „Kölner Modell“

Wolfgang Fehl, Leiter des Koordinierungsprojektes „Integrati on durch Qualifi zierung“

(IQ) bei der Zentralstelle für die Weiterbildung im Handwerk (ZWH), Düsseldorf.

In den 80er Jahren betrug der Anteil der Jugendlichen ausländischer Herkunft in

der Kölner Bevölkerung fast 30%, bei den Auszubildenden dagegen nur 4%: Was war zu

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tun, um die vielen Jugendlichen an das Ausbildungssystem heranzuführen?

Arbeitsverwaltung, Gewerkschaften, Kammerorganisationen, Kreishandwerkerschaft

und Arbeitgeberverbände waren bereit zu einer konzertierten Aktion. Am 1.

Mai 1989 wurde bei der Industrie- und Handelskammer sowie der Handwerkskammer

zu Köln eine „Beratungsstelle zur Qualifizierung ausländischer Nachwuchskräfte“

(BQN) eingerichtet. Sie wurde finanziert durch die Robert-Bosch-Stiftung, das Bundesbildungsministerium,

das Landesarbeitsministerium und das Arbeitsamt Köln.

Es wurden insbesondere organisiert:

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Ausbildungstrainings,

Multiplikatorenschulungen,

Aktivierung von Personen mit erfolgreichem Ausbildungsabschluss,

Elterninformationen,

Öffentlichkeitskampagnen.

BQN trug dazu bei, dass sich bis Mitte der 90er Jahre der Anteil der ausländischen

Auszubildenden an allen Auszubildenden in Köln von 4 auf 18% erhöhte. Die Industrie-

und Handelskammer sowie die Handwerkskammer in Köln führen das Projekt

mit Finanzierung aus eigenen Mitteln bis heute fort.

Das BQN-Projekt wurde zu einem Modellprojekt auf nationaler Ebene. Anregungen

gingen sowohl in das „Nationale Bündnis der Arbeit, Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit“

vom 26.06.2000 als auch in den „Nationalen Integrationsplan“, der am

12.07.2007 von der Bundeskanzlerin der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Die Integrati on von Migranten in Rom –

Ansichten ausgewählter Interviewpartner

Kamila Kowalska-Angelelli, Chiara Mellina, Wissenschaft lerinnen und Franco

Pitt au, Dossier Stati sti co Immigrazione Caritas/Migrantes 52

Zweck und Eigenschaft en der Untersuchung

Die Untersuchung über die Integration von Migranten in Rom wurde im Juni und

Juli 2007 durchgeführt, wobei 63 ausgewählte Interviewpartner als Vertreter der Migranten

befragt wurden, das heißt Sprecher von Verbänden, Sprach- und Kulturmediatoren

und weitere Vertreter aus der Welt der Sozialarbeit.

Was Italien betrifft, so ist Rom die Stadt mit der höchsten Migrantenzahl. 290.000

in der Stadt und 431.000 in der Provinz Rom sind nach Schätzungen des „Dossier

Statistico Immigrazione Caritas/Migrantes“ aufenthaltsberechtigt. Während die Zahl

der gemeldeten Einwohner nach Angaben der Stadt Rom und von ISTAT um einige

zehntausend niedriger liegt. Es gibt für jede nationale Gruppierung in Rom eine oder

(52) Dem Forscherteam gehören auf Ebene der Hauptredakti on des Dossier Stati sti co Immigrazione,

Luca Di Sciullo und Maria Pia Borsci an; die Interviews führten Chiara Mellina und Kamila Kowalska, die

auf diesem Gebiet große Erfahrungen und verschiedene Publikati onen veröff entlicht haben.


mehrere Verbände und nicht wenige geeignete Vertreter, mit deren Hilfe versucht werden

kann, den künftigen Integrationsprozess einzuschätzen.

Von den Befragten sind 9 von 10 junge Erwachsene in der Altersklasse zwischen

18 und 45 Jahren. Die Vertreter der so genannten extremen Altersklassen (Minderjährige

oder über 65jährige) sind dagegen minimal. Es handelt sich also um die Vertreter

der ersten Generation, die die Emigration noch selbst erlebt haben, und die noch nicht

erfahren haben, was es bedeutet, ein alter Mensch in der Emigration zu sein.

Die Befragten wurden an Hand der Kenntnisse der Teammitglieder des „Dossier

Statistico Immigrazione Caritas/Migrantes“ und des “Forum per l’intercultura” der

Caritas Rom ausgewählt. Außerdem wurde die Gelegenheit der im Mai 2007 jährlich

stattfindenden Veranstaltung „Intermundia“ genutzt. (Dabei handelt es sich um ein

interkulturelles Festival, das seit einigen Jahren von der Stadt Rom gefördert und auf

der Piazza Vittorio, dem interethnischsten Platz der ganzen Stadt, veranstaltet wird.

Migrantenverbände und jene die mit Migranten arbeiten, stellen ihre Stände auf, veranstalten

Debatten, didaktische Initiativen und Spiele, stellen Arbeiten aus und organisieren

künstlerische Veranstaltungen, an denen die Besucher unmittelbar beteiligt

werden).

Obwohl die Befragten zufällig ausgewählt wurden, können sie zahlenmäßig und

herkunftsmäßig als repräsentativ angesehen werden. Es waren 19 Europäer, 16 Amerikaner,

15 Asiaten, 11 Afrikaner und 1 aus Ozeanien, die insgesamt aus 32 Ländern,

einschließlich Deutschland, kamen, beteiligt. Obwohl diese Aufteilung nicht hundertprozentig

der kontinentalen Verteilung der Migranten in Rom entspricht, spiegelt sie

doch ziemlich getreu die Verbandswelt wider. Alle Angesprochenen haben den Fragebogen

weitgehend beantwortet. Die Interviews wurden von einer Italienerin und einer

Migrantin gemeinsam ausgeführt. Der Fragebogen war im Vorfeld von dem Team des

Dossier Statistico Immigrazione mit der Absicht ausgearbeitet worden, von Standardfragen

abzusehen und auch die europäische Perspektive zu berücksichtigen.

Initiatoren der Initiative waren die Deutsche Botschaft Rom und die Friedrich-

Ebert-Stiftung. Sie hatten anlässlich einer deutsch-italienische Tagung zur Integrationsproblematik

(Juni 2007) ihr Interesse an der Präsentation der Umfrageergebnisse

einer „Feldstudie“ über Integration zum Ausdruck gebracht, die ihren Schwerpunkt

auf die besondere Migrationssituation Roms legen sollte. Das von deutscher Seite geäußerte

Interesse war dadurch bedingt, dass Italien, obwohl es in Europa heute zu

den großen Immigrationsländern gehört, erst seit relativ kurzer Zeit diese Erfahrung

macht und sich dabei mit vielen neuen Problemen auseinandersetzen muss, was Herkunft,

Eingliederung in die Arbeitswelt, aber vor allem soziales und religiöses Zusammenleben

anbelangt. Der Vergleich zur deutschen Situation, die auf einer längeren

Erfahrung beruht, ist sinnvoll, um hieraus Denkanstöße und Handlungsmöglichkeiten

zu gewinnen.

Von den befragten Personen leben fast alle (mehr als 9 von 10) seit mehr als 5 Jahren

in Italien, jedoch nicht immer mit einem Partner (mehr als ein Drittel der Fälle) und nicht

immer mit Kindern (mehr als die Hälfte der Fälle), jedoch möchte jeder Zweite sich definitiv

in Italien niederlassen, etwas weniger als in der jeweiligen nationalen Zugehörigkeitsgruppe.

(In der Untersuchung wurden die Befragten aufgefordert nicht nur für sich

selbst, sondern auch für die jeweilige nationale Zugehörigkeitsgruppe zu antworten).

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Integrati on: wie defi niert man sie, wie wird sie gefördert

Nach Ansicht der Hälfte der Befragten sollte Integration als Anerkennung, gegenseitige

Achtung der Unterschiede, Ausübung der gleichen Rechte und friedliches

Zusammenleben verstanden werden. Weitere Definitionen, wenn auch weniger häufig,

sind: Nichtdiskriminierung, Interaktion, Anpassung an die neue Umwelt, bei Wahrung

der eigenen Eigenschaften, Auseinandersetzung mit dem Anderen, sich Wohl fühlen,

wenn auch in einem fremden Land, ein geregeltes Leben führen.

Nach Ansicht fast aller bedeutet eine Gesellschaft des interkulturellen Austauschs,

dass Italiener und Ausländer in ihren Bemühungen um gegenseitige Anpassung unterstützt

werden und diese Anpassung nicht nur von den Migranten verlangt wird.

Zur Verwirklichung einer besseren Integration müssen vor allem (so die Hälfte

der Antworten) gegenseitige Achtung gelernt werden, Vorurteile abgebaut und die

Gesetzgebung verbessert werden. Es wird auch darauf verwiesen, dass Integration

nur durch konkrete Maßnahmen entstehen kann: hierzu gehören mehr finanzielle Mittel,

um Maßnahmen für die unterschiedlichen Aspekte der Eingliederung fördern zu

können (Wohnung, Schule, verschiedene Dienstleistungen, Sprachförderung, Unterstützung

der Verbände, Einsatz von Kulturmediatoren).

Öffentliche Einrichtungen und Verbände werden als sehr wichtig für die Integration

der Migranten erachtet und aufgefordert, sich stärker zu engagieren. Die Tatsache,

dass sie namentlich genannt werden, kann als Anerkennung und Ansporn verstanden

werden. Erwähnung finden: katholische Verbände (24 Mal), die Caritas (24 Mal),

soziale, gesundheitliche und schulische Einrichtungen (14 Mal), die Gemeinschaft

Sant’Egidio (13 Mal), die Stadt Rom und ihre Bezirksverwaltungen (12 bzw. 10 Mal),

die Provinz (8 Mal), die Kultstätten der jeweiligen Religionen (8 Mal) und andere nationale

und territoriale öffentliche Einrichtungen sowie einzelne Verbände.

Gesellschaft liches Leben, Rechte, Staatsbürgerschaft und Wahlrecht

Fast die Hälfte der Befragten nimmt häufig an kulturellen, künstlerischen und politischen

Veranstaltungen teil, während nur 1 von 10 dies nie tut. Unter den Personen

der eigenen Zugehörigkeitsgruppe halbiert sich der Prozentsatz derjenigen, die häufig

teilnehmen, jedoch ist der Anteil derjenigen, die sich hin und wieder beteiligen, größer.

Deshalb stellen, trotz der Einschränkungen der bestehenden Gesetze, Immigration

und gesellschaftliche Teilhabe keine Widersprüche dar.

4 von 10 Befragten haben häufig von Diskriminierungsvorkommnissen gehört, 5

von 10 nur hin und wieder, meistens durch Fernsehen und Presse oder (ein Fünftel der

Fälle) von Personen der eigenen Zugehörigkeitsgruppe, die von ähnlichen Erfahrungen

berichten. Die Diskriminierungsfälle verteilen sich gleichmäßig auf die Bereiche Arbeit,

Schule, öffentliches Leben und Sonstiges. Wie wir im Folgenden feststellen können,

beeinträchtigen diese negativen Diskriminierungserfahrungen die starke Bindung

zur neuen Umwelt, vor allem zu Rom, jedoch nicht so stark.

Fast alle (9 von 10) bestätigen die Bedeutung der Aufenthaltserlaubnis, weil sie

größere Unbeschwertheit, Sicherheit, Stabilität und Legalität gibt und die Grundlage

für die eigene Lebensplanung darstellt, da sie Rechte und Schutz, von der Freizügigkeit

bis zur Eingliederung in die Arbeitswelt, gewährleistet.

6 von 10 Befragten erachten die Staatsbürgerschaft als sehr wichtig, da sie eine en-


dgültige Integrationsmaßnahme darstellt, 1 von 10 dagegen als vollkommen unwichtig.

5 von 10 beabsichtigen die Staatsbürgerschaft zu beantragen, vor allem um die gleichen

Rechte wie die Italiener zu bekommen, was sich auch positiv auf die berufliche Karriere

auswirken würde.

Mehr als zwei Drittel der Befragten hatte die Möglichkeit die italienische Staatbürgerschaft

zu erlangen. Nur ein Fünftel hat sie tatsächlich erhalten, die anderen erklären hieran

Interesse. Daraus folgt, dass zwar Hindernisse rechtlicher und bürokratischer Art bestehen,

jedoch fehlt es bei einigen auch an wirklichem Interesse. In diesem Zusammenhang muss

an die früheren Nicht-EU-Bürger gedacht werden, deren Staaten seit Mai 2004 bzw. Januar

2007 Mitglieder der EU geworden sind. Für sie war die Erlangung der Staatsbürgerschaft

in der Vergangenheit eine Zweckentscheidung, um eine dauerhafte Aufenthaltsberechtigung

in Italien zu erhalten. Heute ist diese Sicherheit durch das EU-Recht gewährleistet,

mit der Folge, dass kein Interesse an der italienischen Staatsbürgerschaft mehr besteht. Da

jedoch die Aufenthaltsdauer bei einer immer größeren Zahl zunimmt, ebenso die Zahl derjenigen,

die dauerhaft ansässig sind, muss auch mit einer Zunahme neuer Staatsbürger gerechnet

werden, auch unabhängig davon, ob das entsprechende Gesetz unverändert bleibt

oder, in Folge der derzeit im Parlament zur Diskussion stehenden Abänderungsvorschläge,

das Gesetz weniger restriktiv gestaltet wird.

Nur knapp die Hälfte der Migranten, die bereits die italienische Staatsbürgerschaft

oder die eines anderen EU-Landes hat und deswegen auch das Wahlrecht bei den Regional-

und Gemeindewahlen hatte, ist im Mai 2007 auch wählen gegangen. 7 von 10

Befragten erachten es als sehr wichtig, dass ein ausländischer Bürger das Wahlrecht

hat, weil dieses Wahlrecht eine Chance für gesellschaftliche Teilhabe und ein Ausdruck

der Gleichberechtigung ist, wenn auch hierzu das Wahlrecht zur nationalen Parlamentswahl

gehören sollte. Nur 1 von 10 tut das Wahlrecht als unbedeutend ab.

Sprache und Schule

Die Landesssprache ist ein hervorragendes Mittel zur Integration und mehr als 9 von

10 Befragten beherrschen sie recht gut, ja sogar sehr gut. Man darf jedoch nicht glauben,

dass dies nur für die ausgewählten Interviewpartner gilt: auch die anderen Migranten der

eigenen Zugehörigkeitsgruppe weisen ausreichende Sprachkenntnisse auf (8 von 10).

Obwohl in Italien, im Gegensatz zu Deutschland und anderen EU-Staaten, eine organische

Strategie zum Erlernen der italienischen Sprache für Ausländer fehlt, spricht

doch nur 1 von 10 Befragten zu Hause nur die Muttersprache, während ansonsten

beide Sprachen oder sogar nur Italienisch gesprochen werden.

Dank der Beherrschung der italienischen Sprache sehen auch zwei Drittel der Befragten

häufig italienisches Fernsehen, nur 1 von 10 tut dies selten. Dies gilt, so die

Aussagen der Befragten, auch für die Menschen der eigenen Zugehörigkeitsgruppe.

Um die Lage weiter zu verbessern, äußern alle den Wunsch nach einem größeren

Angebot an Sprachkursen, die besser an die Arbeitszeiten angepasst, nach unterschiedlichen

Kenntnisebenen gestaffelt sind und die Erfordernisse der jeweiligen Nationalitäten

stärker berücksichtigen. Des Weiteren sollte auch die Möglichkeit obligatorischer,

unentgeltlicher Sprachkurse für alle Ausländer in Betracht gezogen werden. Einige

weisen auch darauf hin, dass es sich positiv auf die Sprachkenntnisse auswirken würde,

wenn Italiener und Migranten mehr Zeit miteinander verbringen und mehr Kontakte

zueinander hätten.

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Die Hälfte der Befragten ist der Ansicht, dass Migrantenkinder in der Schule häufig

oder gelegentlich Schwierigkeiten haben dem Unterricht zu folgen, und dies insbesondere

wegen der Sprachschwierigkeiten bei der Einschulung. Doch dies sei nicht das

einzige Problem in der Schulklasse: Hinzu kämen emotionale, psychologische, kulturelle

Probleme sowie die im Vergleich zum Heimatland unterschiedlichen Lehrpläne und

Schulsysteme sowie die mangelnde Unterstützung seitens der Eltern.

Zwei Drittel der Antworten heben die Tatsache hervor, dass das italienische Schulsystem

dem multikulturellen Kontext nicht angepasst ist, da die Lehrpläne und Schulbücher

die neue multiethnische Realität nicht berücksichtigen. Außerdem sollten Fortbildung

und Motivation der Lehrer verbessert werden.

Angesprochen sind auch die Immigranten-Eltern: nur ein Drittel der Befragten bestätigt

eine regelmäßige Teilnahme an Elternversammlungen in den Schulen ihrer Kinder.

Das Wohnungsproblem

Die Wohnungssituation der Interviewpartner ist besser, als die der Mehrheit der

Migranten, von denen ihrer Ansicht nach 8 von 10 in einer kaum oder sogar nicht akzeptablen

Wohnung leben.

Der Wunsch nach dauerhafter Niederlassung steht im Gegensatz zu den Wohnungsschwierigkeiten,

die die Migranten als Mieter wie auch als Hausbesitzer haben. Mehr

als ein Drittel der ausgewählten Interviewpartner hat Eigentum - ein sehr hoher Prozentsatz,

doppelt so hoch wie der Durchschnitt der Ausländer in Rom und Italien. Beide

Kategorien verursachen hohe Ausgaben, erstere wegen der hohen Mieten, letztere auf

Grund der teuren Bankkredite. Damit wird deutlich, dass der Integrationsprozess nicht

nur von nicht-materiellen Aspekten (Einstellung, kulturelle Ausrichtung, Bereitschaft

zur Verständigung), sondern auch von ganz konkreten Dingen (finanzielle Beiträge für

die Integrationsmaßnahmen, Investitionen in soziale Infrastrukturen) abhängt.

In einer großen Stadt wie Rom, geprägt vom ständigen Kommen und Gehen der Migranten,

verwundert es nicht, dass 1 von 10 Einwanderern eine ständig wechselnde Wohnung hat:

bescheidene Pensionen die schon bald wieder verlassen werden müssen, weil die Ersparnisse

aufgebraucht sind; Freunde und Verwandte, die nur zeitlich begrenzt Unterkunft bieten können

oder Unterbringung vom Arbeitgeber, die jedoch nur für die Dauer des Arbeitsverhältnisses

genutzt werden kann, was zu Lasten der Familienbeziehungen geht. Andere versuchen

in Hinterzimmern unterzukommen, in einem verlassenen Gehöft, einer ausrangierten Werkstatt

oder haben an den Ufern des Tibers kleine illegale Lager eingerichtet.

Diese extrem defizitäre Situation muss zu Maßnahmen der Gebietskörperschaften

und der nationalen Politik führen, die hierzu seit vielen Jahren eine völlig unzulängliche

Haltung eingenommen haben.

Der multi religiöse Zusammenhang

Die Religionsprobleme, die sich durch die Immigration in Italien ergeben, sind in

der Studie ganz bewusst behandelt worden. Damit wird ein spezifischer Aspekt Italiens

unterstrichen, der großes Interesse, nicht nur von deutscher Seite, sondern auch seitens

anderer EU-Staaten hervorzurufen scheint 53 .

(53) Zur Aktualisierung der Zahlen in Bezug auf die multi religiöse Anwesenheit sowie die dadurch


Ein Drittel der Befragten war der Ansicht, dass die unterschiedliche Religionszugehörigkeit

bei der Bemühung um eine harmonische Integration ein Hindernis darstellt.

In diesem Zusammenhang wird vor allem der Islam genannt, betroffen sind aber

auch alle anderen Religionen und die Menschen, die eine Religion praktizieren: es betrifft

die Außensicht (Vorurteile, Instrumentalisierung seitens der Politiker und der

Medien) und das Innenverhältnis (fehlende Laizität, Rolle der Frau).

Es ist allgemein bekannt, dass bei der Bemühung um Integration das Religionsproblem

häufig ein wirkliches Problem darstellt. Auch Italien ist davon nicht ausgeschlossen,

obwohl es weniger akut als in anderen Ländern ist. Ausschlag gebend ist die sehr

diversifizierte Verteilung der verschiedenen Religionen: die Christen machen die Hälfte

(zu gleichen Teilen Katholiken und Orthodoxe), die Muslime ein Drittel der Gesamtzahl

aus, auch die großen orientalischen Religionen sind stark vertreten, um nur die

wichtigsten Religionsgemeinschaften anzuführen.

Dieser Polyzentrismus hat dazu geführt, dass es keiner religiösen Gemeinschaft

möglich ist, ihre Forderungen in absolutistischer Form zu stellen. Man würde auch die

Problematik reduzieren, wenn der durch die Immigration entstandene multireligiöse

Kontext auf den Islam beschränkt und die anderen Religionen außer Acht gelassen

würden. Die Tatsache, dass Medien, Politiker und Vorurteile der Menschen das gegenseitige

Verständnis nicht fördern, darf aber nicht dazu führen, dass die den verschiedenen

Glaubensrichtungen innewohnenden Probleme vergessen werden, die vor allem

die personalen Rechte betreffen, ein Aspekt der nicht immer gesehen und diskutiert

wird, obwohl er von grundlegender Bedeutung für einen ernsthaften und respektvollen

Dialog ist. Dies hob auch ein Drittel der Befragten hervor.

In Rom, wo zwei Drittel der Migranten Christen sind und die katholische Kirche

ihr Zentrum hat, scheinen die Dinge etwas besser zu laufen: dies Dank des bedeutsamen

Einsatzes des päpstlichen Magisteriums (was auch die Fundiertheit der

Reaktionen auf die Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI. einschränkt), Dank

der Bereitschaft zur Zusammenarbeit seitens der Pfarreien (die in den Muslimen und

den anderen Gläubigen vor allem Brüder sehen), auch Dank der Offenheit der Verantwortlichen

des islamischen Kulturzentrums in der großen Moschee in Rom und der

italienischen Sektion der Internationalen Muslimischen Liga. Hervorzuheben ist die

unermüdliche Arbeit der muslimischen interkulturellen Mediatoren, die im Sinne eines

friedlichen Zusammenlebens und auf der Grundlage der Achtung der unabdingbaren

gemeinsamen Grundnormen sowie des Respekts der Andersartigkeit in Rom mit den

Vertretern der katholischen und anderen Religionen (zum Beispiel im Rahmen des Forums

per l’intercultura der Caritas Rom) zusammenarbeiten. Mühsam und schrittweise

setzt sich die Überzeugung durch, dass die Gläubigen aller Religionen eine besondere

Verantwortung haben Zeugnis gegenüber der realen Welt abzulegen, wenn sie vermeiden

wollen, dass Religiosität hierzu in Widerspruch gerät. Diese reale Welt, die nicht

neu ist und nicht immer Ausgangspunkt für die Beziehungen und Auseinandersetzungen

zwischen den Religionen war, erfordert von allen Verantwortlichen einen größeren

Einsatz auf der Suche nach gemeinsamen, nicht konfliktbelasteten Wegen.

entstehenden Probleme und Perspekti ven, vgl. G. Gnesott o, F. Marsico, M. P. Nanni, F. Pitt au, „Il panorama

multi religioso in Italia“, in Caritas/Migrantes, Dossier Stati sti co Immigrazione 2007, Edizioni

Idos, Roma 2007, S.192-201.

97


98

Von der ersten zu der zweiten Generati on

Die ausgewählten Interviewpartner bieten ein zwischen der ersten und zweiten

Generation differenziertes Bild.

Die erste Generation wird folgendermaßen geschildert: bemüht um Erfüllung der

Grundbedürfnisse (wie Wohnung und Arbeit), ohne große Erwartungen, angepasster,

naiver und eher bereit geduldig zu ertragen, gleichzeitig jedoch stark im Bewältigen der

Schwierigkeiten, stärker an den Kontakten zum Herkunftsland interessiert, eher zurückgezogen

als integriert, ohne den Lebensplan der Migration wirklich erfüllt zu haben. Dies

ist Tatsache, obwohl die Vertreter der ersten Migrationsströme in Italien, im Gegensatz

zu Zuwanderern vieler anderer Länder, ein hohes Bildungsniveau haben. Der Anteil der

Ausländer mit Schul- und Berufsschulabschluss bzw. Fach- und Hochschulabschluss liegt

um 6% über dem der Italiener. Dies hat sie nicht daran gehindert, als Hilfsarbeiter zu arbeiten

oder jedenfalls niedrigere Arbeiten anzunehmen, die von Italienern nicht ausgeübt

werden.

Die zweite Generation dagegen ist vollkommen integriert, daran interessiert aller

Rechte teilhaftig zu werden und nicht bereit die niedrigen Arbeiten ihrer Eltern auszuführen,

deren Lebensstandard sie enttäuscht. Jedoch ist diese weniger stark in der

Bewältigung von Schwierigkeiten und – wie die Statistiken beweisen - fehlt es ihr an

dem hohen Bildungsniveau ihrer Eltern.

Durchaus erwähnenswert ist die Tatsache, dass dieser harte Vergleich von den Angehörigen

der ersten Generation selbst gemacht wird und darauf schließen lässt, dass

auch in Italien das Zusammenleben mit der zweiten Generation durchaus schwierig

werden kann, sofern nicht auf gesetzlicher und gesellschaftlicher Ebene konsequent

vorgegangen und den positiven Beispielen gefolgt wird, die eine gute soziale Praxis

hervorgebracht haben.

Zukunft sperspekti ven: der Vorzug gilt jedenfalls Rom und Italien

Die Schwächen Italiens und der Italiener beruhen auf einer Mischung aus unangemessenen

Gesetzen, Vorurteilen und Misstrauen sowie konkreten Schwierigkeiten

bei Bürokratie, sozialen Diensten und Wohnraum. Ihre Stärken sind sicher die Solidarität,

untermauert durch konkrete Leistungen im Gesundheitsdienst, beim Zugang zur

Schulbildung und zu sozialen Diensten. Rom ist

nicht nur die Stadt, in der man sich vorübergehend aufhält, sondern in der ein großer

Teil (4 von 10) der Befragten auch dauerhaft leben will. Diejenigen, die bereit wären in

eine andere Stadt zu ziehen, würden Bologna, Siena, Triest, Florenz oder, allgemein gesagt,

eine Stadt des Nordens oder des Südens wählen. Die Gründe dieser Vorlieben wurden

nicht hinterfragt, da sie auch von den persönlichen Vorstellungen und Beziehungen

abhängen bzw. und von der Faszination, die andere Städte ausüben. Rom schneidet

jedenfalls sehr gut ab. Die Gründe für eine Niederlassung in dieser Stadt sind sehr

konkret und weniger ideell: das tägliche Leben ist einfacher, mehr Arbeitsmöglichkeiten,

der Familien- und Freundeskreis, die Verfügbarkeit von sozialen Diensten. Hinzu

kommen anspruchsvollere Begründungen: Rom als internationale und multiethnische

Stadt, ästhetisch schön und den Migranten gegenüber offener, mit einer geringeren

Neigung zur Diskriminierung. Wir haben es hier mit einem Bonus an Wertschätzung

und Anhänglichkeit zu tun, der bei den Maßnahmen zur Aufnahme von Zuwanderern


und beim persönlichen Verhalten nicht gering geschätzt werden sollte.

Die Länder in denen es sich nach Ansicht der Befragten als Migrant am Besten

leben lässt, sind Großbritannien, Holland und Schweden, denen das mediterrane Spanien

mit mehr als 20 Angaben, folgt. Die zwei bedeutenden Immigrationsländer Deutschland

und Frankreich werden nicht einmal erwähnt. In Bezug auf die angegebenen

Länder werden deren Immigrationspolitik und Gesetzgebung, das der Multiethnizität

gegenüber offenere Gesellschaftsmodell, die besseren Arbeitsmöglichkeiten und der

besserer Wohlfahrtsstaat geschätzt.

Italien insgesamt schneidet jedoch noch besser als Rom ab und behauptet sich als

jenes Land, in dem die Hälfte der Befragten sich dauerhaft niederlassen möchte und als

Land, das zwei Drittel den anderen EU-Staaten vorzieht. Die Befragten sind mit dem

Gesamtkontext, der Lebensqualität und den geknüpften Beziehungen zufrieden und

wollen nicht woanders noch einmal von vorne anfangen.

Wie die Dinge in Italien weitergehen werden, ist nach Ansicht der befragten Migranten

offen. Ein Teil glaubt, dass es zu einer Verbesserung der Situation kommen

wird (die größere Gruppe, aber weniger als die Hälfte), ein anderer Teil ist skeptischer

(ein Drittel der Gesamtzahl). Diese Licht und Schatten-Darstellung spiegelt die unbeständige

Beziehung zwischen italienischer Gesellschaft (auch der Stadt Rom) und der

Immigration wider, eine Art „Liebes-Syndrom“ („Ich möchte und möchte doch nicht“),

denn einerseits wird die Notwendigkeit der Migranten zur Unterstützung des Arbeitsmarktes

anerkannt, andererseits ist man nicht zu hundert Prozent bereit mit ihnen

auf gesellschaftlicher und individueller Ebene zusammenzuleben. Gesetzgeber und

Gebietskörperschaften haben also noch viel Arbeit vor sich.

Es war vorauszusehen, dass die Mehrheit (6 von 10) den Einflusses der EU auf die Migrationspolitik

Italiens und die der anderen Mitgliedstaaten als wichtig erachtet. Dennoch

war verwunderlich, dass immerhin ein Fünftel der Antworten hierbei skeptischer waren.

Zitate der Betroff enen 54

Meinungen zur Integrati on

„Es handelt sich um einen Prozess, dessen Ziel die aktive Beteiligung der Migranten am

wirtschaftlichen, kulturellen, sozialen und politischen Leben des Landes ist“.

„Was uns von den Anderen unterscheidet sind nur kulturelle Aspekte, die, wenn sie

angemessen genutzt werden, eine große Bereicherung sein können. Wir müssten einen

Schritt weiter gehen und an die Person, an die Menschlichkeit, an die Menschheit, die

jeder von uns in sich trägt, denken, an all das was uns verbindet. Wir hegen alle die gleichen

Träume, den selben Wunsch, unseren Kindern eine friedliche und bessere Welt zu

hinterlassen, in der das Wort ‚Ausländer’ nicht mehr vorkommt“.

„Eigentlich möchte ich nicht von Integration sondern von Interaktion sprechen. Meiner

Ansicht nach ist es wichtig, dass beide Seiten, also die der Ausländer wie auch die der

Italiener, lernen zusammen zu leben und bereit sind gegenseitig die Welt des Anderen kennen

zu lernen. Es geht auch um die Bereitschaft, die verschiedenen Kulturen erforschen

zu wollen, sie zu verstehen, aber auch – wenn nicht vor allem – sie zu respektieren. Die

Interaktion muss schon aus ihrer Definition heraus gegenseitig sein, muss friedlich und

(54) Herausgegeben von Chiara Mellina und Kamila Kowalska.

99


100

von den Menschen bewusst gewollt werden, ohne Angst vor dem Unbekannten und dem

Anderen.“

„Um von Integration sprechen zu können, müssen wir als erstes aus unserer Denkweise

jene Schranken verbannen, die uns trennen.“

„Wenn von Integration gesprochen wird, ist meist gemeint, dass die Migranten

sich einfügen sollen, ohne die Italiener zu stören, sich also so integrieren sollen, dass

sie den Italienern ähnlicher werden.“

Hinweise zur Verbesserung der Integrati on?

„Den Migranten bei seiner Ankunft als Bringer von Wissen und Kompetenzen anerkennen,

die er in seinem Land erworben hat, und versuchen, alle seine Fähigkeiten

auf kreative, offene und konstruktive Weise zu achten, ohne ihn unterqualifiziert zu

beschäftigen, auf dass er nicht einfach auf zwei Arbeitsarme für die italienische Wirtschaft

reduziert wird.“

„Allem voran müssen das Staatbürgerschaftsgesetz sowie das Bossi-Fini-Gesetz abgeändert

werden. Aufenthaltsgenehmigungen und Zuwanderungsquoten müssen im Einklang

mit der Integrationspolitik gestaltet werden. Des Weiteren ist eine schnellere Anerkennung

der im Ausland erworbenen Abschlüsse und größere Aufmerksamkeit gegenüber

den minderjährigen Ausländern erforderlich. Die Zerfaserung der Maßnahmen sollte überwunden

und auf nationaler Ebene eine koordinierte Abstimmung eingeleitet werden“.

„Um die Situation zu verbessern, müsste man als Erstes die Vorstellungen darüber

was Integration ist, von Grund auf ändern. Man müsste versuchen, dass sich Italiener

und Migranten gegenseitig annähern und dabei die rein einseitige Ausrichtung vermeiden,

Migranten hätten auf Italiener zuzugehen.“

„Um dies zu verwirklichen muss seitens aller politischen Parteien und der Massenmedien,

den Themen der Migration größere Beachtung entgegengebracht werden,

ebenso sollte die öffentliche Meinung stärker sensibilisiert werden.“

„Des Weiteren müssen die von Gesetz und Verfassung anerkannten Rechte (z.B.

was Asyl und Nicht-Diskriminierung anbelangt) geachtet und verteidigt werden. Weitere

Rechte, wie das Wahlrecht, müssen gesetzlich anerkannt werden.“

„Das was wirklich getan werden sollte ist vielleicht nicht ‚integrieren’, sondern

‚gemeinsam schaffen’.“

Die Integrati on von Migranten in Rom (Mai-Juni 2007) – Untersuchung des

„Dossier Stati sti co Immigrazione“ 55 – in Zusammenarbeit mit der Deutschen

Botschaft Rom 56

Welche wichti gen Mängel sollte Italien gegenüber den Migranten vermeiden? (Stelle eine Prioritätenliste

auf)

a.W. %

Ausbeutung am Arbeitsplatz und Schwarzarbeit 34 17,6

Immobilienmarkt (Probleme mit Unterkunft , Wohnung, Mieten, Hypotheken) 30 15,5

(55) Interviews und Stati sti k von Chiara Mellina und Kamila Kowalska-Angelelli

(56) Mit Unterstützung der Friedrich-Ebert-Sti ft ung


Mentalität, Vorurteile, Stereotypen, Misstrauen der Leute 29 15,0

Zugang zu den sozialen Dienstleistungen 23 11,9

Zugang zur Erwachsenenbildung, mehr Kurse für italienische Sprache und Kultur,

Probleme der Anerkennung von Berufsabschlüssen

19 9,8

Gesetzeslücken und widersprüchliche Gesetze 16 8,3

Verwaltungswege, Druck durch die Bürokrati e 15 7,8

Keine Räumlichkeiten, für Treff punkte von Migranten oder für die Religionsausübung 9 4,7

Erwerb der Staatsangehörigkeit 6 3,1

Ungenügende Vorbereitung der Schulen auf die Veränderungen 6 3,1

Rassismus in den Behörden 2 1,0

Wahlrecht für die Migranten 1 0,5

Keine Probleme, wer hier leben will, muss sich anpassen 1 0,5

Dienstleistungen des Gesundheitswesens 1 0,5

Dienstleistungen der Banken 1 0,5

ANTWORTEN INSGESAMT

Welche Vorteile bietet Italien? (Stelle eine Prioritätenliste auf)

193 100,0

a.W. %

Gesellschaft liche Solidarität, Menschlichkeit der Italiener, Aufgeschlossenheit und

Aufnahme seitens der Gesellschaft insgesamt

31 25,0

Recht auf Bildung und Zugang zum Bildungswesen (Rechte der Kinder) 25 20,2

Gesundheitliche Versorgung 20 16,1

Ein (verglichen mit der Vergangenheit) leichterer Zugang zu sozialen Dienstleistungen 11 8,9

Vorhandensein von Kultstätt en zur Ausübung der verschiedenen Religionen 8 6,5

Allgemeine Freiheit 6 4,8

Vereinigungen (auch zur Organisati on von Kursen für italienische Sprache und Kultur) 5 4,0

Keine Vorteile 4 3,2

Man fi ndet leicht Arbeit (wenn auch schlechtbezahlt und „unterqualifi ziert”), vor

allem im Gaststätt engewerbe und in der Gebäudereinigung

4 3,2

Allgemeine Flexibilität im Alltagsleben 3 2,4

Ich weiß nicht 3 2,4

Chance sich selbständig zu machen 2 1,6

Gut organisierte Informati onsstellen/Beratungsstellen für Ausländer 1 0,8

Gleichberechti gung 1 0,8

ANTWORTEN INSGESAMT 124 100,0

Worin unterscheiden sich vor allem die Erwartungen zwischen der ersten und der folgenden

Generati on?

a.W. %

101


102

Die erste will „Grundbedürfnisse” (Arbeit, Wohnung); die zweite wie die Italiener

leben können

20 31,7

Die erste ist naiver/angepasster/moderner Sklave/ohne Erwartungen, erträgt alles;

die zweite ist fähiger, akti ver, integriert, fordernd, will nicht mehr die niedrigen

Arbeiten der Eltern verrichten

11 17,5

Die erste ist weniger integriert; die zweite ist völlig integriert 6 9,5

Die erste will weiterhin zum Herkunft sland Kontakte halten; die zweite eher weniger 6 9,5

Die erste versucht, etwas aufzubauen, ist aber zwischen beiden Ländern hin- und

hergerissen; die zweite fühlt sich weder als Italiener, noch als Ausländer

4 6,3

Die erste fühlt sich stärker und erträgt alle Schwierigkeiten; die zweite ist schwächer

und lebt zwischen zwei Ländern

4 6,3

Die erste nimmt alles schwerer; die zweite ist vom Leben der Eltern entt äuscht 2 3,2

Die erste lebt zurückgezogen und weniger integriert; die zweite hat keine Komplexe

und will alle Rechte

2 3,2

Keine Unterschiede festgestellt 2 3,2

Es gibt keine Unterschiede: es ist für alle schwer 1 1,6

Die erste hat ihr Migrati onsprojekt nicht umgesetzt; die zweite braucht die Eltern 1 1,6

Es gibt kaum Unterschiede zwischen den Generati onen; die zweite hat keine Pläne 1 1,6

Ich weiß nicht 3 4,8

ANTWORTEN INSGESAMT 63 100,0

Nehmen die Migranten, die du kennst, an von Italienern organisierten kulturellen, politi schen

und anderen Veranstaltungen teil?

a.W. %

oft 16 25,4

manchmal 31 49,2

selten

nie

16 25,4

ANTWORTEN INSGESAMT

Siehst du italienisches Fernsehen?

63 100,0

oft 41 65,1

manchmal 14 22,2

selten 7 11,1

nie 1 1,6

ANTWORTEN INSGESAMT

Sehen die Migranten, die du kennst, italienisches Fernsehen?

63 100,0

oft 37 58,7

manchmal 19 30,2

selten

nie

7 11,1


ANTWORTEN INSGESAMT 63 100

Wie wichti g ist für dich die italienische Staatsbürgerschaft ?

a.W. %

sehr wichti g 36 57,1

nicht so wichti g 18 28,6

unwichti g 8 12,7

wichti g, aber ich weiß nicht, ob es sehr wichti g ist oder nicht 1 1,6

ANTWORTEN INSGESAMT

Wenn ja, welcher Grund ist am wichti gsten? (mehrere Antworten sind erlaubt)

63 100,0

um ein Bürger mit allen Rechten zu sein 33 42,9

um nicht als Ausländer diskriminiert zu werden 6 7,8

um die eigenen berufl ichen Aussichten zu verbessern 16 20,8

als Ausdruck einer endgülti gen Eingliederung 8 10,4

Andere Antworten 14 18,2

ANTWORTEN INSGESAMT

Wie könnte man das Integrati onskonzept defi nieren?

77 100,0

a.W. %

Gegenseiti ge Anerkennung und Achtung, Achtung der Unterschiede, Ausübung der

gleichen Rechte

37 36,3

Friedliches Zusammenleben 19 18,6

Keine Diskriminierung 8 7,8

Interakti on 7 6,9

Sich dem neuen Rahmen anzupassen, ohne auf die eigenen Eigenschaft en verzichten

zu müssen

7 6,9

Ein Dialog verschiedener Standpunkte, eine Gegenüberstellung von Ideen, ein

Verlassen des Egozentrismus

7 6,9

Man fühlt sich wohl, auch wenn man nicht in dem Land lebt, in dem man geboren wurde 5 4,9

Feste Beziehungen, stabiles Leben, Wohnung, Arbeit, Familie 4 3,9

Grenzen abzuschaff en 2 2,0

Es ist ein dornenreicher (schwieriger) Weg, der von oben angegangen werden muss 2 2,0

Kein Beitrag 2 2,0

Das Recht auf die Staatsbürgerschaft 1 1,0

Ich weiß nicht 1 1,0

ANTWORTEN INSGESAMT 102 100,0

Was muss konkret geschehen, damit die Integrati on besser verläuft ? (Stelle eine Prioritätenliste auf)

a.W. %

Erwachsenen und Kindern beibringen sich gegenseiti g zu achten, Erziehungsprogramme,

Beziehungen knüpfen, die auf Gleichheit aufb auen, und alle, Einheimische

wie Ausländer, einbeziehen

22 19,5

103


104

In der ganzen italienischen Gesellschaft gegen Vorurteile und vorgefasste Meinungen

kämpfen/ mehr Auseinandersetzungen

21 18,6

Gezielte politi sche Maßnahmen und geeignete Strafen bei Vergehen. Das gegenwärti

g gülti ge Gesetz abändern, mehr Kontrolle der Zuwanderung und vor allem der

Ausbeutung von Migranten

16 14,2

Förderung der gesellschaft lichen Eingliederung, Wohnung, Arbeit, Ausbildung,

Familienzusammenführung

11 9,7

Mehr staatliche fi nanzielle Förderung für die Integrati on und die Verbände und

weniger für die Kontrolle

6 5,3

Kurse für das Erlernen der italienischen Sprache und Kultur, Geschichtsunterricht

über die verschiedenen Herkunft sländer für die Italiener und Italiens für Ausländer

5 4,4

Förderung einer Staatsbürgerschaft der Teilhabe, gemeinsam und solidarisch, bei der der

Einheimische wie der Migrant zusammen agieren; beide Seite Projektt räger und Umsetzer

4 3,5

Keine Diskriminierung bei der Anerkennung der Kompetenzen und berufl ichen

Abschlüsse der Ausländer

4 3,5

Gleiche Rechte und Pfl ichten 4 3,5

Zielgerichtete Projekte im öff entlich-rechtlichen und privaten Bereich 3 2,7

Mehr Kuturmediatoren insbesondere in öff entlichen Einrichtungen (Krankenhäuser,

Polizeipräsidien, öff entliche Verwaltung, usw.)

3 2,7

Mit einer neuen Wohnungspoliti k beginnen 3 2,7

Kein Beitrag 3 2,7

Verständliche Gesetze 2 1,8

Ein Ministerium für Migrati on 2 1,8

Informati onen 2 1,8

Mit solchen Interviews aufh ören und damit beginnen, einander kennenzulernen 1 0,9

Ich weiß nicht 1 0,9

ANTWORTEN INSGESAMT 113 100,0

Lebenslage von Mädchen und jungen Frauen mit Migrati onshintergrund

Studie im Auft rag des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

von Prof. Dr. Ursula Boos-Nünning (Universität Duisburg/Essen) und Prof. Dr.

Yasemin Karakaşoğlu (Universität Bremen)

Die in 2004 veröffentlichte Studie „Viele Welten leben“ beruht auf einer Untersuchung der

Lebenslagen von Mädchen und jungen Frauen mit griechischem, italienischem, jugoslawischem

und türkischem Migrationshintergrund und aus Aussiedlerfamilien aus Russland (meist im 18.

Jahrhundert emigriert, oft ohne Deutschkenntnisse). Gefragt wurden Mädchen und junge Frauen,


deren beide Eltern im Herkunftsland geboren sind. Die Studie umfasst die Migrationsbiografien und

die sozialen Rahmenbedingungen des Aufwachsens, die Rolle und die Bedeutung der Familie, Freizeit

und Freundschaften, Schule und Ausbildung, Mehrsprachigkeit und Sprachmilieu, Vorstellungen

von Partnerschaft, Erziehung und Geschlechterrollen, Körperbewusstsein und Sexualität,

Ethnizität und psychische Stabilität, Religiosität und Inanspruchnahme von Beratungsangeboten

in Krisen. Befragt wurden von November 2001 bis März 2002 insgesamt 950 (davon 183 italienische)

Mädchen und unverheiratete Frauen im Alter von 15 bis 21 Jahren. Die Erhebung erfolgte

mittels Zufallsauswahl in verschiedenen Regionen durch persönliche Interviews und basiert auf

einem Fragebogen mit 138 Fragen.

Für den vorliegenden Sammelband wurde die Kurzfassung des Kapitels „Herkunft zählt:

Ethnizität und psychische Stabilität“ ausgewählt (die Tabellen und die Graphik sind der Langfassung

entnommen). Die Studie kann auf den Internetseiten des Bundesministerium für Familie,

Senioren, Frauen und Jugend abgerufen werden: http://www.bmfsfj.de.

Herkunft zählt: Ethnizität und psychische Stabilität

Das Selbstverständnis und die psychische Befindlichkeit von Mädchen und jungen

Frauen mit Migrationshintergrund wird sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der

Fachdiskussion nicht selten mit Metaphern umschrieben, die auf Instabilität hinweisen.

Sie lebten, so wird gesagt, „zwischen zwei Stühlen“ oder „zwischen den Kulturen“. Auch

in die Diskussion eingebrachte Begriffe eines Lebens „auf beiden Stühlen“ oder „des dritten

Stuhls“ bewirken kaum, dass Vorstellungen Verbreitung finden, die Zweisprachigkeit

und Bikulturalität als Ressource einordnen. Zuwanderung wird in der Regel als Kosten

bilanziert und daher mit Vorstellungen von Verlust der ethnischen oder kulturellen Identität,

Identitätsdiffusion und psychischer Gefährdung in Verbindung gebracht.

Ethnizität

Ethnizität ist seit langem die Schlüsselkategorie zur Beschreibung der Selbstverortung

der Zugewanderten und zur Erklärung von Verhaltensweisen dieser Gruppe,

sowohl von Konflikten zwischen verschiedenen Zuwanderergruppen als auch von Zugewanderten

und Deutschen. Ethnizität wird auf der einen Seite als ethnische Verortung

(ethnische Identifikation), auf der anderen Seite als sich Wohlfühlen in ethnischen

Beziehungen verstanden.

Die Mädchen verorten sich kaum als Deutsche

Die Frage nach der ethnischen Selbstverordnung folgt Konzepten, die von der

Möglichkeit ausgehen, dass sich ein Mensch gleichzeitig verschiedenen Gruppen in

unterschiedlicher Stärke zuordnet und somit seine Identität konstruiert. Die jungen

Frauen bekamen die Möglichkeit, sich sowohl als Deutsche, wie auch als Angehörige

der Herkunftsgruppe und/oder der Religionsgruppe und/oder der Stadt und/oder

als Europäerin und/oder als Ausländerin zu identifizieren (ein aktuelles Stichwort ist

hierbei die „Hybridität“ von Identitäten in Zuwanderungsgesellschaften). Trotz der

Möglichkeit, mehrere Verortungen vorzunehmen, fühlen sich nur wenige der Mädchen

und jungen Frauen (auch) als Deutsche (3% „sehr stark“ und 15% „stark“). Ein erheblicher

Teil wehrt diese Verortung ab (22% „wenig“ und 23% „gar nicht“). Die ethnische

Selbstverortung als Deutsche findet die geringste Zustimmung und die größte Ablehnung

von allen Vorgaben, gefolgt von der Selbstdefinition als Ausländerin.

105


106

Die Mädchen und jungen Frauen aller nationalen Hintergründe verorten sich hingegen

überwiegend als Angehörige der Herkunftsgruppe. Nahezu drei Viertel (genau: 37%

„sehr stark“ und 34% „stark“) fühlen sich (auch) als Angehörige der Herkunftsgruppe, nur

sieben Prozent (4 Prozent „wenig“ und 2% „gar nicht“) wehren eine solche Zuordnung ab.

Im Vergleich zwischen der ethnischen Verortung als Deutsche oder als Angehörige der

Herkunftsgruppe ist die Zahl derer, die sich nur als Deutsche verstehen, mit 8 Prozent

äußerst gering, die Zahl derjenigen, die sich nur als Angehörige der Herkunftsgruppe

verstehen, mit 61 Prozent sehr groß. Als beiden zugehörig versteht sich mit 10 Prozent

ebenfalls nur eine kleine Minderheit. Dieses sind weniger als diejenigen, die beide Zuordnungen

zurückweisen (21%). Es sind die Mädchen mit griechischem (77%) und italienischem

(65%) Hintergrund, die sich in dieser Gegenüberstellung ausschließlich in der

Herkunftsgruppe verorten. Und es sind die mit türkischem (59%) und jugoslawischem

(56%) Hintergrund, die sich nur als herkunftsgruppenzugehörig benennen. Dieses führt

kaum zu einer stärkeren Akzeptanz einer deutschen ethnischen oder zu einer bikulturellen

Verortung. Ein Blick auf die Mädchen und jungen Frauen aus Aussiedlerfamilien

zeigt, dass sich bei ihnen nur eine ausgesprochene Minderheit von 14 Prozent nur als

Deutsche, die Mehrheit von 48 Prozent als herkunftsgruppenzugehörig fühlt. Eine besonders

große Zahl von 28 Prozent wählt weder das eine noch das andere.

Die Mädchen und jungen Frauen aller nationalen Hintergründe fühlen sich demnach

überwiegend mit der Herkunftsgruppe ethnisch verbunden, nur eine ganz kleine

Zahl verortet sich als Deutsche oder als bikulturell.

Sich-Wohlfühlen in Deutschland ist durchgängig gegeben.

Die meisten Mädchen und jungen Frauen aller Herkünfte fühlen sich in Deutschland

wohl, allerdings auch in der eigenen Ethnie in Deutschland, und auch im Herkunftsland.

Es sind die Mädchen mit türkischem, gefolgt von denen mit jugoslawischen

Hintergrund, die emotional am konsequentesten an Deutschland und deutlich weniger

am Herkunftsland (der Eltern) orientiert sind und es sind die mit griechischem Hintergrund,

die sich häufiger im Herkunftsland emotional aufgehoben fühlen.

Tabelle 9.8: Wohlfühlen in Deutschland und im Herkunft sland (in Prozent*)

Migrati onshintergrund

Ich fühle mich... Aussiedl. griech. ital. jugosl. türk. Gesamt

Gesamt (a.W.) 200 182 183 172 213 950

in Deutschland wohl

44 37 44 55 57 48

(voll)

(451)

in Deutschland fremd

47 41 53 51 44 47

(gar nicht)

(446)

wohl in eigener Ethnie 38 57 42 44 33 42

in Deutschland (voll)

(400)

im Herkunft sland wohl 22 59 51 51 20 40

(voll)

(375)

im Herkunft sland

41 55 54 44 21 42

fremd (gar nicht)

(399)

* Mehrfachnennungen möglich (Summe über 100%)


Kontakte fi nden häufi ger in ethnischen als in deutschen oder multi kulturellen

Kontexten statt .

Die Freizeit wird von deutlich mehr Mädchen und jungen Frauen im Kontext der

eigenen Herkunftsgruppe als im multikulturellen oder deutschen Kontext verbracht.

Die Ausdifferenzierung nach Herkunftsgruppen offenbart ein sehr unterschiedliches

Bild. Die Mädchen und jungen Frauen mit türkischem (71%) und griechischem (65%) Hintergrund

sowie die Aussiedler (69%) verbringen ihre Freizeit nur wenig im einheimischen

deutschen Kontext. Wenig Bedeutung hat für diese Herkunftsgruppen auch der multikulturelle

Kontext. Von Interesse ist das Ergebnis, dass Mädchen und junge Frauen mit türkischem

Hintergrund ihre Freizeit zu fast gleich großen Anteilen wenig bzw. viel in einem

eigenethnischen Freundinnen/Freundeskreis verbringen, während bei der griechischen

Herkunftsgruppe und den Aussiedlerinnen deutlich wird, dass sie ihre Freizeit überwiegend

in einer eigenethnischen Gruppe von Freundinnen und Freunden verbringen.

Ein Blick auf die Interkorrelation belegt, dass Mädchen und junge Frauen, die

ihre Freizeit im ethnischen Kontext verbringen, sich nur wenig im deutschen Kontext

aufhalten. Über ein Drittel Mädchen mit türkischem und jugoslawischem Hintergrund

(jeweils 30%), aber mehr als zwei Drittel der jungen Aussiedlerinnen (70%) bewegt sich

überwiegend im ethnischen Kontext.

107


108

Die Ehe mit einem deutschen Mann ist für einen erheblichen Teil der

Mädchen und jungen Frauen nicht vorstellbar.

Der Wunsch nach ethnisch homogenen persönlichen Beziehungen besteht vor allem

bei Mädchen mit türkischem und griechischem Hintergrund. Die Ehe mit einem (einheimischen)

deutschen Mann lehnen 38 Prozent (16% „auf keinen Fall“) der Mädchen

mit italienischem Hintergrund, 47 Prozent (22%) der Aussiedlerinnen, 54 Prozent (28%)

derjenigen mit jugoslawischem Hintergrund, aber 66 Prozent (41%) der Mädchen mit

griechischem und 78% (48%) mit türkischem Hintergrund ab. Die Vorstellung einer Kulturverbindung

über eine binationale Ehe liegt damit den Mädchen und jungen Frauen

zu einem erheblichen Teil fern. Die Mädchen und jungen Frauen mit türkischem Hintergrund

antizipieren am häufigsten Einwände ihrer Eltern, zu gleichen Teilen bei der

Mutter wie bei dem Vater. Am wenigsten Widerstand der Eltern erwarten Mädchen und

junge Frauen italienischer Herkunft und junge Aussiedlerinnen.

Die formale Mitgliedschaft in Form der deutschen Staatsangehörigkeit

wird vor allem von Mädchen mit türkischem Hintergrund angestrebt.

Die formale Mitgliedschaft in Form der deutschen Staatsangehörigkeit wird vor allem

von Mädchen mit türkischem Migrationshintergrund gewünscht. Abgesehen von den

Mädchen und jungen Frauen aus Aussiedlerfamilien, die weitestgehend über die deutsche

Staatsangehörigkeit verfügen, besitzt nur bei den Mädchen mit türkischem (81%) und jugoslawischem

(65%) Hintergrund ein größerer Teil die deutsche Staatsangehörigkeit oder hat

Interesse an einer formalen Mitgliedschaft über die Beantragung oder den Wunsch danach.

Mädchen mit griechischem und italienischem Hintergrund sind nicht interessiert, weil sie

– anders als erstere – im Erwerb des deutschen Passes keine Vorteile sehen.

Tabelle 9.17: Planung des zukünft igen Lebens (in Prozent)

Migrati onshintergrund

Aussiedl. griech. ital. jugosl. türk. Gesamt

Gesamt (a.W.) 200 182 183 172 213 950

Deutschland 84 27 52 74 73 63

mal Im Herkunft sland,

mal In Deutschland

5 23 16 11 15 13

Herkunft sland 1 41 23 4 2 14

sonsti ges Land 10 9 0 11 10 10


Die künft ige Lebensplanung ist bei einigen Herkunft sgruppen eindeuti g

auf Deutschland ausgerichtet.

Mädchen mit jugoslawischem und türkischem Hintergrund sehen ihre Zukunft zu

drei Vierteln eindeutig in Deutschland, Mädchen mit italienischem Hintergrund nur

zur Hälfte (ein Viertel im Herkunftsland) und mit griechischem Hintergrund zu einem

Viertel. Nur die zwei letzten Gruppen sind überwiegend bereit, für ein interessantes

Berufsangebot in das Herkunftsland der Eltern umzuziehen. Deutschland ist (nur) für

Mädchen aus Aussiedlerfamilien und mit türkischem und jugoslawischem Hintergrund

zum künftigen Lebensmittelpunkt geworden. Für einen Teil der Mädchen mit italienischem

Hintergrund und der Mädchen mit griechischem Hintergrund enthält die Lebensplanung

die Vorstellung von Rückkehr in das Herkunftsland der Eltern.

Es gibt kaum Bereitschaft zur Anpassung an deutsche Bräuche. Bei dem

überwiegenden Teil bleibt das Leben in der Schwebe zwischen den beiden

Ländern.

Die Anpassung an deutsche Sitten und Gebräuche wird zurückgewiesen. Nur die

Mädchen aus Aussiedlerfamilien sind zu einem größeren Teil der Meinung, dass von

jemandem, der schon lange in Deutschland lebt, Anpassungsleistungen im Hinblick

auf Kleidung und Essgewohnheiten erwartet werden können.

Selten fi ndet sich die Bereitschaft zur Aufgabe der Herkunft skultur der Eltern,

aber es besteht die Bereitschaft zur Anpassung an funkti onale Aspekte.

Kaum ein Mädchen hält die Aufgabe der Kultur der Eltern für akzeptabel. Aber

immerhin zwischen 15 Prozent (Befragte mit griechischem Hintergrund), 35 Prozent

(Befragte mit türkischem Hintergrund) und 40 Prozent (Aussiedlerinnen) akzeptieren

die überwiegende Erziehung der Kinder in der deutschen Sprache. Positiv eingestuft

wird eine funktionale Beziehung zum deutschen Kontext. Weitaus die meisten Mädchen

und jungen Frauen erwarten von Personen, die schon lange in Deutschland leben,

die Beherrschung der deutschen Sprache (78% bis 91%), etwas weniger die Aufnahme

von Kontakten zu Deutschen (64% bis 80%).

Es besteht eine starke eigenethnische Identi fi kati on bei allen Gruppen.

Bei allen Mädchen und jungen Frauen mit Migrationshintergrund ist die Zahl derer,

die eine starke ethnische Identifikation mit der Herkunftsgruppe besitzen, deutlich

größer als die mit geringer ethnischer Identifikation. Am stärksten ausgeprägt ist die

Bindung an die eigene Ethnie bei den Mädchen und jungen Frauen mit griechischem

(80% „stark“ und „sehr stark“), gefolgt von denen mit italienischem (78%) Hintergrund.

Mädchen aus Aussiedlerfamilien und Mädchen mit türkischem Hintergrund haben

niedrigere Werte: Ihre Identifikation gilt weniger dem Herkunftsland der Eltern als

vielmehr der eigenethnischen Gruppe und Familie in Deutschland.

Psychische Stabilität: Die Zufriedenheit mit der Lebenssituati on ist groß.

Mädchen und junge Frauen mit Migrationshintergrund sind mit ihrer Lebenslage

überwiegend zufrieden, vor allem mit der Wohngegend (64%) und mit dem schulisch

109


110

und beruflich Erreichten (56%), weniger mit der Freizeit (49%) und mit der finanziellen

Situation (47%). Unzufriedener als die Übrigen sind Mädchen und junge Frauen aus

Aussiedlerfamilien.

Eine große Zahl von Mädchen lebt ohne psychosomati sche Beschwerden

und ist psychisch stark.

Mädchen mit Migrationshintergrund sind überwiegend psychisch stark. Aber es

gibt eine nicht unerhebliche Zahl (9% bis 18%) von Mädchen mit Migrationshintergrund,

die sich selbst als psychisch belastet definieren. Bei der Zahl von Mädchen mit

psychosomatischen Beschwerden (Konzentrations- und Schlafstörungen nennen 24%)

sind die Mädchen mit türkischem Hintergrund überrepräsentiert (32%). Auch bei Fragen

nach psychischer Stärke und denen, wo sich die überwiegende Zahl der Mädchen

als glücklich, voller Energie, „gut drauf“, und nicht als einsam und nicht traurig präsentiert,

sind neben Mädchen und jungen Frauen aus Aussiedlerfamilien die mit türkischem

Hintergrund in den negativen Bewertungen überrepräsentiert.

Persönliche Krisen (Streitigkeiten in der Familie, Verlust einer wichtigen Person,

Trennung vom Partner und Zurückstufung bzw. sitzen bleiben in der Schule) bilden

die am häufigsten erlebten kritischen Lebenssituationen. Wenn sie erfahren werden,

werden sie in der Regel als Belastung empfunden.

In diesem Themengebiet wurden auch Kontrollüberzeugungen erhoben, die ermitteln,

ob interne oder äußere Kontrolle als maßgeblicher angesehen wird. Interne Kontrolle verbindet

sich mit Vorstellungen von Selbstregulierung und Innenlenkung und damit auch

mit Autonomie des selbstverantwortlich handelnden Individuums in der Moderne. Externe

Kontrolle verbindet sich mit Außenlenkung, Passivität und der Zuweisung von Ursachen

für Erfolg oder Misserfolg an Instanzen außerhalb der eigenen Handlungsmöglichkeiten.

Die Mehrheit der Mädchen mit Migrationshintergrund stimmt Aussagen zu, welche die

eigene Verantwortung betonen und damit auf internale Kontrolle hinweisen. Sie lehnt die

Items ab, welche die Außenlenkung und damit eine externale Kontrolle betonen.

Die Vorstellung eines psychisch belasteten und hilflosen Mädchens mit Migrationshintergrund,

das „wenig Zukunftsperspektiven und kaum Möglichkeiten zur aktiven

Lebensgestaltung“ hat und „vielfach ihrer Situation hilflos ausgeliefert“ ist, wird durch

unsere Daten widerlegt. Mädchen mit Migrationshintergrund werden in den Gestaltungsmöglichkeiten

ihrer – objektiv von ungünstigen Faktoren beeinflussten – Lebenswelt

oft unterschätzt.

Migrati onsspezifi sche belastende Lebensereignisse werden seltener erlebt

als persönliche Krisen.

Angesichts der spezifischen Migrationsbiografien verwundert es nicht, dass die

Ausreise nach Deutschland von einem Drittel der Mädchen und jungen Frauen aus

Aussiedlerfamilien als belastende Lebenssituation empfunden wird/wurde. Jede dritte

Aussiedlerin (33%) und jede fünfte Befragte mit jugoslawischem Migrationshintergrund

(21%) gibt an, dadurch „sehr stark“ oder „stark“ belastet zu sein. Bei diesen zwei

Herkunftsgruppen gibt es die höchsten Anteile an denen, die einer starken Belastung

wegen der Arbeitslosigkeit der Eltern ausgesetzt sind. (12% der Befragten jugoslawischer

Herkunft und 11% der Aussiedlerinnen).


Rassistische Abwertung, seltener in Form von körperlichen Angriffen im öffentlichen

Raum (von 4% erlebt), häufiger in Form von verbalen Angriffen (22%), der schlechten

Behandlung in der Schule, der Ausbildung (22%) oder in Geschäften bzw. Ämtern (24%),

noch häufiger als Verbot der Benutzung der Herkunftssprache in der Schule (30%) erlebt,

stellen bei denjenigen, die sie erleben, Ereignisse mit hohem Belas tungsgrad dar.

Erlebt haben solche Situationen häufiger Mädchen und junge Frauen mit türkischem

Hintergrund und aus Aussiedlerfamilien. Allerdings wirken sie sich wegen des seltenen

Vorkommens auf die Gesamtzahl der Mädchen und jungen Frauen deutlich weniger als

belastende Elemente aus als die häufig erlebten persönlichen Krisen.

Zusammenfassung

1. Alle Bereiche, in denen Ethnizität erhoben wird, weisen auf eine starke Bindung an

die eigene (Herkunfts-) Ethnie und auf eine geringe Bindung an die deutsche Kultur hin.

2. In der ethnischen Selbstverortung fühlen sich die Mädchen der Herkunftskultur

zugehörig und weisen die Selbstverortung als Deutsche wie auch die Bekundung von

Zugehörigkeit zu beiden Kulturen (bikulturelle Identität) zurück.

3. Eine Eheschließung mit einem deutschen Mann wird von den meisten nicht in

Betracht gezogen.

4. Dennoch fühlen sich die Mädchen und jungen Frauen aller Herkünfte in Deutschland,

allerdings auch im Herkunftsland, wohl und die Zufriedenheit mit der Lebenssituation

ist groß.

5. Mädchen und junge Frauen mit türkischem Migrationshintergrund sind am

konsequentesten an dem Leben in Deutschland orientiert, allerdings als Angehörige

der türkischen Minderheit. Die Mädchen mit griechischem Hintergrund sind am wenigsten

an Deutschland ausgerichtet; ihre emotionale Orientierung gilt stärker als bei

allen übrigen dem Herkunftsland. Alle Herkunftsgruppen sehen ihre Zukunft zu einem

erheblichen Teil in Deutschland, aber eine Anpassung an deutsche Lebensformen wird

abgewehrt (Kleidung, Essgewohnheiten).

6. Die deutsche Staatsangehörigkeit wird nahezu ausschließlich von Mädchen mit

türkischem und jugoslawischem Hintergrund beantragt oder gewünscht und zwar in

erster Linie aus Nützlichkeitserwägungen.

7. Es besteht keine Bereitschaft, die Kultur der Eltern aufzugeben. Am ehesten

findet die überwiegende Erziehung der Kinder in der deutschen Sprache Akzeptanz.

Anpassungsnotwendigkeit wird vor allem in der Beherrschung der deutschen Sprache

und in der Kontaktaufnahme mit Deutschen gesehen.

8. Es lässt sich bei hoher psychischer Stabilität der meisten Mädchen und jungen Frauen

eine Minderheit von 10 bis 20 Prozent herauslösen, die über psychosomatische Beschwerden

klagt, sich als psychisch schwach definiert und ihr Leben nicht aktiv bewältigt.

9. Migrationsbedingte kritische Lebensereignisse wie Migration aber vor allem

rassistische Vorfälle bzw. Diskriminierung sind relativ selten und betreffen vor allem

Aussiedlerinnen und Mädchen türkischer Herkunft. Wenn sie vorkommen, werden sie

als belastend empfunden.

111


112

Anlagen

Der Nati onale Integrati onsplan

Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland

Integrati on: eine zentrale Herausforderung für die Gesellschaft

Deutschland ist ein weltoffenes Land. Hier leben rund 15 Millionen Menschen aus

Zuwandererfamilien. Das sind mehr als 18 Prozent der Bevölkerung. Deshalb ist Integration

eine Schlüsselaufgabe unserer Zeit. Die Bundesregierung hat dieses Thema zu

einem Schwerpunkt ihrer Arbeit gemacht.

Neue Wege, neue Chancen

Erfolgreiche Integration bedeutet gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen

Leben und Übernahme von Verantwortung. Dafür sind Anstrengungen des

Staates und der Gesellschaft, aber auch der Zuwanderer selbst notwendig. Gute

Deutschkenntnisse, gute Bildung und die Aufnahme in den Arbeitsmarkt stehen

dabei im Vordergrund. Im Juli 2006 hat auf Einladung der Bundeskanzlerin erstmalig

ein Integrationsgipfel stattgefunden. Ziel war es, bis zum Sommer 2007 ein

gemeinsames integrationspolitisches Konzept zu erarbeiten. Dieser Gipfel hat eine

neue Entwicklung in der Gesellschaft angestoßen.

Das Ergebnis hat die Bundeskanzlerin beim zweiten Integrationsgipfel im Juli 2007

vorgestellt: den Nationalen Integrationsplan. Entwickelt wurde er nach zwei Leitlinien:

1. im Dialog mit den Migrantinnen und Migranten – mit ihnen reden, nicht über sie.

2. konkret: von jedem Beteiligten Selbstverpflichtungen einfordern, denn jeder kann

einen Beitrag zum Gelingen von Integration leisten.

Nati onaler Integrati onsplan

Der Nationale Integrationsplan geht neue Wege und eröffnet neue Chancen für die

Integration von Zuwanderern. Erstmals wirken alle, die in Politik und Gesellschaft mit

Integration befasst sind, Hand in Hand: Bund, Länder, Kommunen, Migrantinnen und

Migranten, Institutionen und Organisationen aus Wissenschaft, Medien, Kultur, Sport,

Wirtschaft, Gewerkschaften, Religionsgemeinschaften.

Das sind die wichtigsten Themen des Nationalen Integrationsplans:

• Integrationskurse verbessern

• Von Anfang an deutsche Sprache fördern

• Gute Bildung und Ausbildung sichern, Arbeitsmarktchancen erhöhen

• Lebenssituation von Frauen und Mädchen verbessern, Gleichberechtigung

verwirklichen

• Integration vor Ort unterstützen

• Kulturelle Vielfalt leben

• Integration durch Sport

• Medien - Vielfalt nutzen


Integration durch bürgerschaftliches Engagement und gleichberechtigte Teil-


habe stärken

• Wissenschaft – weltoffen!

Fördern und Fordern

Integration ist eine Aufgabe von nationaler Bedeutung. Grundlage ist neben unseren

Wertvorstellungen und unserem kulturellen Selbstverständnis die freiheitliche und

demokratische Ordnung, wie sie sich aus der deutschen und europäischen Geschichte

entwickelt hat und im Grundgesetz ihre verfassungsrechtliche Ausprägung findet.

Integration kann nicht verordnet werden. Sie erfordert Anstrengungen von allen,

vom Staat und der Gesellschaft. Maßgebend ist zum einen die Bereitschaft der Zuwanderer,

sich auf ein Leben in unserer Gesellschaft einzulassen, unser Grundgesetz

und unsere gesamte Rechtsordnung vorbehaltlos zu akzeptieren und insbesondere

durch das Erlernen der deutschen Sprache ein sichtbares Zeichen der Zugehörigkeit

zu Deutschland zu setzen. Auf Seiten der Aufnahmegesellschaft sind Akzeptanz, Toleranz,

zivilgesellschaftliches Engagement und die Bereitschaft unverzichtbar, Menschen,

die rechtmäßig bei uns leben, ehrlich willkommen zu heißen: Integration – eine

Chance für unser Land!

Die vielfältigen Begabungen von Zuwanderern sind bisher nicht immer ausreichend

anerkannt und gefördert worden. Das will die Bundesregierung in Zukunft ändern. Alle

Menschen, die dauerhaft in Deutschland leben, sollen ihre Begabungen entfalten können

und Sicherheit durch Bildung und Arbeit gewinnen.

„Unsere Gesellschaft wird reicher und menschlicher durch Toleranz und Offenheit.

Integration geht daher uns alle an – die Menschen aus Zuwandererfamilien genauso

wie die Bürgerinnen und Bürger, die schon lange hier leben. Integration kann nur miteinander

gelingen.“ (Bundeskanzlerin Angela Merkel)

„Die Integration der Menschen aus Zuwandererfamilien ist eine riesige Herausforderung.

Machen wir sie zu einer großen Chance für unser Land! Denn hier entscheidet

sich letztlich die Frage nach der Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft - sowohl auf

nationaler als auch auf europäischer Ebene.“ (Maria Böhmer, Staatsministerin im Kanzleramt

und Beauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration)

Viele machen mit

Bund, Länder und Kommunen sichern wichtige Voraussetzungen für das Gelingen

von Integration. Allein kann der Staat die gesamtgesellschaftliche Aufgabe Integration

aber nicht erfüllen; dies gelingt nur mit einer aktiven Bürgergesellschaft. Deshalb

bring en sich beim Nationalen Integrationsplan viele ein: Staat und gesellschaftliche

Gruppen, Medien, Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft ebenso wie Migrantenorganisationen

– sie alle haben sich zu konkreten Maßnahmen verpflichtet. Hier einige Beispiele:

Die Bundesregierung wird

• Integrationskurse zum Erwerb der deutschen Sprache ausbauen;

• zusammen mit Ländern und Kommunen die Zahl der Ganztagsschulen und

Tagesbetreuungsplätze erhöhen;


mit dem Modellprogramm „Die 2. Chance“ die Zahl der Schulabbrüche verringern;

113


114

• mit einem Netzwerk „Bildungspaten“ Kinder und Jugendliche unterstützen;

• durch gezielte Maßnahmen die Chancen auf gute Ausbildung und ein erfolgreiches

Studium erhöhen.

Die Länder werden

• die Förderung der deutschen Sprache vom Kindergarten über die Schule bis in

die Ausbildung verstärken;

• mehr Migrantinnen und Migranten als Erzieherinnen und Lehrkräfte gewinnen;

• den Zugang von Migrantinnen und Migranten zu gesundheitlichen Angeboten,

Pflegediensten und Seniorenangeboten verbessern.

Die Kommunalen Spitzenverbände empfehlen

• die Unterstützung der Migranten durch „Integrationslotsen“;

• Migrantinnen und Migranten stärker an den Entscheidungs- und Gestaltungsprozessen

vor Ort zu beteiligen;

• in Stadtteilen mit Integrationsdefiziten durch Quartiersmanagement und Netzwerkbildung

das Zusammenleben zwischen den Bevölkerungsgruppen zu fördern.

Die Organisati onen von Migranti nnen und Migranten werden

• eine Kampagne „Frauen haben Rechte“ durchführen;

• die Bildungsbeteiligung von jungen Migrantinnen und Migranten durch gezielte

Elternarbeit und Bildungspaten verbessern.

Die Wirtschaft wird

• in Betrieben, die von Migranten geführt werden, 10.000 zusätzliche Ausbildungsstellen

schaffen;

• mit der „Charta der Vielfalt“ die Ausbildungs- und Arbeitsmarktintegration

verbessern.

Der Deutsche Olympische Sportbund und der Deutsche Fußball-Bund werden

• die Bedeutung der Integration als ein Schwerpunktthema des Sports in die

Verbände tragen, Übungsleiterschulungen anbieten und bei Migrantenfamilien

Mitglieder werben.

Die Sti ft ungen werden

• die Integration zu einem zentralen Ziel ihres bürgerschaftlichen Engagements

und ihrer Begabtenförderung entwickeln.

Die deutschen und ausländischen Medien werden

• Journalisten und Schauspieler ausländischer Herkunft verstärkt in Redaktionen

und Programme einbeziehen;


die Medienforschung intensivieren und die Medienkompetenz fördern.

Ausführliche und aktuelle Informationen unter: www.Nationaler-Integrationsplan.de, www.

integrationsbeauftragte.de, www.bundesregierung.de


Charta der Werte, der Staatsbürgerschaft und der Integrati on

Ministerium des Inneren der Republik Italien

Italien: Eine Personen- und Wertegemeinschaft

Italien ist eines der ältesten Länder Europas, dessen Wurzeln auf die klassische

Kultur Griechenlands und Roms zurückgehen. Es hat sich in der Perspektive des

Christentums entwickelt, das seine Geschichte durchdrungen hat und, gemeinsam mit

dem Judentum, der Öffnung gegenüber der Moderne und den Prinzipien der Freiheit

und Gerechtigkeit den Weg bereitete.

Die Werte, auf die sich die italienische Gesellschaft gründet, sind das Ergebnis des Engagements

von Generationen von Menschen verschiedener Weltanschauungen, sowohl säkular

als auch religiös, und wurden in der demokratischen Verfassung von 1947 verankert.

Die Verfassung stellt den Bruch mit Totalitarismus und Antisemitismus dar, die Europa im

20. Jahrhundert vergiftet und das jüdische Volk und seine Kultur verfolgt haben.

Die Verfassung gründet sich auf die Achtung der Menschenwürde und ist von den

Freiheits- und Gleichheitsprinzipien inspiriert, die für jeden gelten, der in Italien lebt.

Auf der Basis seiner Verfassung hat Italien dazu beigetragen, ein vereintes Europa

samt seiner Institutionen aufzubauen. Die europäischen Verträge und Konventionen

tragen zur Verwirklichung einer internationalen Ordnung bei, die auf den Menschenrechten

sowie der Gleichheit und Solidarität zwischen den Völkern basiert.

Die geografische Lage Italiens, seine jüdisch-christliche Tradition sowie die freien

und demokratischen Institutionen des italienischen Regierungssystems begründen seine

Haltung gegenüber der Aufnahme anderer Nationalitäten. Italien, das inmitten des

Mittelmeers liegt, war schon immer ein Kreuzungspunkt von Völkern verschiedener

Kulturen, und seine Bevölkerung weist noch heute die Zeichen dieser Vielfalt auf.

All das, was das Erbe Italiens darstellt, seine künstlerischen und natürlichen Schönheiten,

seine wirtschaftlichen und kulturellen Ressourcen, sowie seine demokratischen

Institutionen, steht im Dienst der Männer, Frauen, Jugendlichen und künftigen Generationen.

Unsere Verfassungscharta schützt und fördert die unantastbaren Menschenrechte,

um die Schwächeren zu unterstützen und um die Entfaltung der Fähigkeiten

und Eignungen jeder Person zu gewährleisten, sei es bei der Arbeit, in moralischer oder

in geistiger Hinsicht.

Menschenwürde, Rechte und Pfl ichten

1. Italien setzt sich dafür ein, dass jeder Mensch, sobald er sich auf italienischem

Staatsgebiet befindet, ohne Unterschied des Geschlechts, der Volksgruppe, der Religion

und der sozialen Verhältnisse die Grundrechte genießen kann. Zugleich muss jeder

in Italien lebende Mensch die Grundwerte der Gesellschaft, die Rechte der Anderen

und die gesetzlichen Pflichten zur Solidarität achten. Unter den gesetzlich vorgeschriebenen

Bedingungen gewährt Italien jenen, die in ihren eigenen Ländern verfolgt oder

an der Ausübung der Grundfreiheiten gehindert werden, Asyl und Schutz.

2. Indem die Gleichheit der Rechte und Pflichten für alle vorgesehen ist, unterstützt

das Recht jene, die diskriminiert werden oder bedürftig sind, insbesondere Frauen und

Minderjährige; zu diesem Zweck beseitigt es die Hindernisse, die die volle Entfaltung

der Persönlichkeit verhindern.

115


116

3. Die Freiheitsrechte und die Rechte auf Sozialleistungen, die unsere Rechtsordnung

im Laufe der Zeit entwickelt hat, müssen auf alle Migranten ausgeweitet werden.

Das Recht auf Leben ist von seinem Anfang bis zu seinem natürlichen Ende gewährleistet,

genauso wie das Recht auf Gesundheit mit kostenlosen Behandlungen, wenn

sie notwendig sind; ein besonderer Schutz ist für die Mutterschaft und Kindheit vorgesehen.

Das Recht auf Bildung wird als unentbehrliches Instrument zur persönlichen

Entfaltung und zur Eingliederung in die Gesellschaft anerkannt.

4. Mann und Frau sind gleichberechtigt und genießen gleiche Rechte innerhalb

und außerhalb der Familie. Italien bieten den Frauen, den Männern und den jungen

Migranten einen Prozess der Integration an, der die Identität jeder Person achtet und

es all denen, die sich in Italien niederlassen wollen, ermöglicht, an dem Sozialleben des

Landes aktiv teilzuhaben.

5. Der Migrant kann unter den gesetzlich vorgesehenen Bedingungen die italienische

Staatsangehörigkeit erwerben. Um sie gemäß den gesetzlichen Bestimmungen zu

erhalten, ist es erforderlich, die italienische Sprache und die Grundelemente der nationalen

Geschichte und Kultur zu kennen sowie die Prinzipien, die unsere Gesellschaft

bestimmen, zu teilen. Im selben Land zu leben bedeutet die Fähigkeit, gemeinsam

vollwertige Bürger zu sein und sich mit Loyalität und Konsequenz gemeinschaftliche

Werte und Verantwortungen anzueignen.

Soziale Rechte, Arbeit und Gesundheit

6. Italien schützt und fördert die Arbeit in allen Formen, verurteilt und bekämpft

jede Art von menschlicher Ausbeutung, insbesondere die der Frauen und Kinder. Die

Arbeit hilft der persönlichen Entfaltung und der Verwirklichung der Begabungen und

der natürlichen Fähigkeiten.

7. Migranten haben wie alle italienischen Bürger Anspruch auf eine angemessene

Besoldung für die von ihnen verrichtete Arbeit, auf die Einzahlung von Beiträgen für

das Gesundheits- und Sozialversicherungswesen, auf die Gewährleistung des Lebensunterhaltes

im Falle einer Krankheit oder eines Unfalls und im fortgeschrittenen

Alter auf das vom Gesetz Vorgesehene. Die Arbeitsbedingungen müssen die Gesundheit

und Unversehrtheit der Person garantieren.

8. Jedermann, der Belästigungen, Diskriminierungen oder Ausbeutung in seiner

Arbeit erträgt, kann sich an die öffentlichen Behörden, an die Gewerkschaften und an

Hilfsorganisationen wenden, damit seine Rechte anerkannt werden und seine Aufgaben

unter Achtung der Menschenrechte erfüllt werden können.

9. Italienische Bürger und Migranten haben Anspruch auf medizinische Betreuung

in öffentlichen Einrichtungen. Die ärztlichen Behandlungen werden so durchgeführt,

dass der Wille und das Empfinden jeder Person respektiert werden. Jede Körperverstümmelung,

von wem auch immer verursacht, wird bestraft, sofern sie nicht medizinisch

notwendig ist.

10. Italien setzt sich dafür ein, dass jedem ein den Bedürfnissen seiner Familie angemessener

Wohnraum zu vernünftigen Kosten zur Verfügung steht. Diejenigen, die

in Not sind oder die dazu gezwungen werden, überhöhte Kosten für das eigene Haus zu

tragen, können sich an die öffentlichen Behörden oder an die Gewerkschaften wenden,

um betreut zu werden und um für die Wahrung ihrer Rechte zu sorgen.


Soziale Rechte, Schule, Bildung, Informati on

11. Kinder und Jugendliche haben das Recht und die Pflicht, die Pflichtschule zu besuchen,

um sich in die Gesellschaft als gleichberechtigte Personen einzugliedern und aktive

Staatsangehörige zu werden. Jeder italienische oder ausländische Elternteil hat die Pflicht,

seine Kinder bei der Ausbildung zu unterstützen, wobei er sie zuerst für die Pflichtschule,

die von der Grundschule bis zur Vollendung des 16. Lebensjahres dauert, anmelden muss.

12. Der Unterricht bezweckt die Ausbildung der Person und fördert die Kenntnis der

Grundrechte und die Erziehung zur Legalität, die freundlichen Beziehungen unter den

Menschen, den Respekt und das Wohlwollen jeder Form von bestehendem Leben gegenüber.

Auch um die Teilung der gleichen Werte zu fördern, sieht die Schule Programme

zur Kenntnis der Geschichte, der Kultur und der Prinzipien der italienischen und europäischen

Traditionen vor. Zum Zwecke eines dem gesellschaftlichen Pluralismus angemessenen

Unterrichts ist es auch wesentlich, aus einer interkulturellen Perspektive die

Kenntnis der Kultur und der eigenen Religion der Kinder und ihrer Familien zu fördern.

13. Die Schule fördert die Bekanntschaft und die Integration unter allen Kindern und

Jugendlichen, die Überwindung von Vorurteilen und das gemeinsame Aufwachsen der Jugendlichen,

indem Trennungen und Diskriminierungen verhindert werden. Der Unterricht

wird unter Achtung der religiösen Überzeugungen sowie der Ideale der Jugendlichen und

der Familien erteilt. Unter bestimmten Bedingungen werden religiöse Unterrichtungskurse

vorgesehen, die freiwillig von Schülern und ihren Eltern gewählt werden können.

14. Auf der Grundlage gleicher Werte ist es auch Aufgabe der Massenmedien das

Wissen über die Migration sowie ihre kulturellen und religiösen Aspekte zu fördern,

indem Vorurteile und jegliche Art von Ausländerfeindlichkeit bekämpft werden. Ihre

Rolle ist wesentlich, um einen kulturellen Pluralismus zu verbreiten, der die Traditionen

und die Grundwerte der italienischen Gesellschaft respektiert.

15. Organisationen und Privatleute haben das Recht, Schulen und Schulkurse zu

gründen, vorausgesetzt, dass sie die Schüler aus Gründen der Ethnie oder des Bekenntnisses

nicht diskriminieren und einen Unterricht im Einklang mit den allgemeinen

Prinzipien von Bildung und Menschenrechten garantieren. Jede Art von Unterricht,

sowohl privat als auch öffentlich, muss die Überzeugungen eines jeden respektieren

und die Menschen eher einen als trennen.

Familie, neue Generati onen

16. Italien anerkennt die Rechte der Familie als eine natürliche auf die Ehe gegründete

Gemeinschaft und betrachtet die Bildung in der Familie als ein notwendiges

Instrument zum Wachsen der neuen Generationen.

17. Die Ehe ist auf Gleichheit von Rechten und Verantwortungen zwischen Ehemann

und Ehefrau gegründet und aus diesem Grund hat sie einen monogamischen

Charakter. Die Monogamie vereint zwei Leben und macht die Ehepartner mitverantwortlich

für das, was sie gemeinsam verwirklichen, an erster Stelle bei der Erziehung

der Kinder. Italien untersagt die Polygamie, da sie die Rechte der Frau verletzt, auch im

Einklang mit den von den europäischen Institutionen vertretenen Prinzipien.

18. Die italienische Rechtsordnung untersagt jede Art von Zwängen und Gewalt

innerhalb und außerhalb der Familie und schützt die Würde der Frau in all ihren Erscheinungen

und in jedem Moment des sozialen Lebens. Die Basis der Ehevereinigung

117


118

ist die Ehefreiheit, die besonders den jungen Leuten gewährt werden muss; sie setzt das

Verbot von Zwangsehen und Kinderehen voraus.

19. Italien schützt die Freiheit der Minderjährigen, was die Entfaltung der eigenen

Persönlichkeit anbelangt. Diese Entfaltung verwirklicht sich auch in der Begegnung

mit anderen Jugendlichen und in der Beteiligung an sozialen Tätigkeiten. Das

Gleichheitsprinzip ist nicht vereinbar mit den Forderungen einer Trennung gemäß

Bekenntniszugehörigkeit oder nach Männern und Frauen, Jungen und Mädchen, in den

öffentlichen Dienstleistungen und am Arbeitsplatz.

Laizität und Religionsfreiheit

20. Italien ist ein laizistisches Land, das auf die völlige individuelle und kollektive

Religionsfreiheit gründet. Die Religionsfreiheit wird jedem gewährt, Staatsbürgern

oder Ausländern sowie den religiösen Gemeinschaften. Religion und Weltanschauung

dürfen nicht einen Grund zur Diskriminierung im sozialen Leben darstellen.

21. Alle Religionsbekenntnisse sind in gleicher Weise frei vor dem Gesetz. Der laizistische

Staat anerkennt den positiven Beitrag, den die Religionen für die Gemeinschaft

leisten und will das moralische und geistige Vermögen jeder Religion aufwerten. Italien

fördert den interreligiösen und interkulturellen Dialog, um den Respekt der Menschenwürde

wachsen zu lassen und um zur Überwindung von Vorurteilen und Intoleranz beizutragen.

Die Verfassung sieht Abkommen zwischen dem Staat und den konfessionellen

Gemeinschaften vor, um ihre spezifischen juridischen Bedingungen zu regeln.

22. Grundsätze der Freiheit und die Rechte der Person können nicht im Namen irgendeiner

Religion verletzt werden. Jede Art von Gewalt oder Anstiftung zur Gewalt,

egal durch welche Religion begründet, wird ausgeschlossen. Das bürgerliche Recht

oder Strafrecht ist für alle dasselbe, gleich welcher Religion jemand angehört, und es

gibt nur eine Gerichtsbarkeit der Gerichtshöfe für die, die sich in Italien befinden.

23. Die Religions- und Gewissensfreiheit beinhaltet das Recht, einen religiösen

Glauben zu haben oder ihn nicht zu haben, ihn zu praktizieren oder nicht, die Religion

zu wechseln und sie zu verbreiten, indem man die anderen überzeugt, sich in Bekenntnisorganisationen

zu vereinen. Die Freiheit des Kultus wird völlig gewährleistet

und jeder darf die Religionsvorschriften erfüllen, vorausgesetzt, dass sie nicht mit den

Strafregeln und mit den Rechten anderer Leute in Widerspruch stehen.

24. Die Rechtsordnung schützt die Freiheit der Forschung, der Kritik und der Diskussion

auch im Bereich der Religion und untersagt die Beleidigung einer Religion und

des Religionsgefühls der Leute. Für das staatliche Gesetz ist der Religions- und Überzeugungsunterschied

kein Hindernis zur Ehe.

25. Italien, aufgrund seiner religiösen und kulturellen Tradition, respektiert die

Symbole und Zeichen aller Religionen. Niemand kann sich beleidigt fühlen, wenn er

Zeichen und Symbole anderer Religionen sieht. Wie die internationalen Verträge vorsehen,

sollen die Kinder und Jugendlichen zur Respektierung der Religionsüberzeugungen

anderer Leute erzogen werden, ohne dass sie darin Faktoren der Spaltung zwischen

den Menschen sehen.

26. In Italien gibt es keine Beschränkungen, was die Kleidung von Personen anbelangt,

vorausgesetzt, dass sie frei gewählt wird und nicht würdeschädigend ist. Kleidungen,

die das Gesicht verdecken, sind nicht annehmbar, da sie verhindern, die andere

Person zu erkennen, und die Beziehungen zu anderen Leuten hemmen.


Das Internati onale Engagement Italiens

27. Im Einklang mit diesen Prinzipien setzt sich Italien in der Welt für eine Politik

des Respekts und des Friedens unter den Ländern ein, um das friedliche Zusammenleben

aller Völker zu fördern, um Krieg und Terrorismus zu besiegen. Italien engagiert

sich im internationalen Bereich dafür, die Reichtümer des Lebens und die Umwelt des

Planeten zu schützen.

28. Italien schwört dem Krieg als Lösungsinstrument der internationalen Kontroversen,

den Massenvernichtungswaffen und jeder Form von Folter oder die Menschenwürde

degradierenden Strafen ab. Es verurteilt Antisemitismus, der zum Genozid des jüdischen

Volkes geführt hat, einschließlich jeder rassistischen Neigung, die die Menschen trennen

und die Schwächeren erniedrigen will. Italien schwört jeder Erscheinung von Ausländerfeindlichkeit

ab, die sich bisweilen als Islamophobie oder in Form von Vorurteilen gegen

diejenigen, die aus anderen Teilen der Welt kommen, ausdrückt.

29. Zusammen mit anderen europäischen Ländern hat Italien die Todesstrafe abgeschafft

und setzt sich in den internationalen Gremien dafür ein, dass sie in der übrigen

Welt abgeschafft wird. Die Abschaffung der Todesstrafe stellt ein Zivilisationsziel dar,

durch welches der Respekt vor dem Leben den Geist der Rache überwindet.

30. Italien setzt sich dafür ein, friedlich die internationalen Krisen zu lösen, insbesondere

den seit vielen Jahren andauernden israelisch-palästinensischen Konflikt.

Das Engagement Italiens befürwortet stets eine Lösung, die die Völker der Region

zusammenleben lässt, in erster Linie Israelis und Palästinenser in zwei verschiedenen

demokratischen Staaten.

31. Gemeinsam mit den anderen europäischen Ländern ist Italien auf internationaler

Ebene tätig, um überall die Achtung der Menschenwürde und -rechte zu fördern

und um den Erfolg der parlamentarischen Demokratie als Staatssystem zu begünstigen,

das sowohl die Bürgerbeteiligung als auch die zunehmende Achtung der Staatsbürgerrechte

vorsieht.

Rom, den 23. April 2007

119


120

Stati sti sche Daten: Deutschland

Deutschland: Wichti gste Herkunft sgebiete und Länder von Menschen mit

Migrati onshintergrund* (2005)

Herkunft sregion In 1.000 %

EUROPA 8.321 54,3

EU 25 3.099 20,2

Griechenland 351 2,3

Italien 670 4,4

Polen 763 5,0

Sonsti ges Europa 5.222 34,1

Bosnien-Herzegowina 294 1,9

Kroati en 355 2,3

Serbien - Montenegro 397 2,6

Rumänien 324 2,1

Russland 1.012 6,6

Türkei 2.397 15,6

AFRIKA 376 2,5

Nordafrika 198 1,3

Sonsti ges Afrika 178 1,2

AMERIKA 243 1,6

Nordamerika 122 0,8

Lateinamerika 121 0,8

ASIEN 1.120 7,3

Vorderasien ** 521 3,4

Süd- und Ostasien*** 599 3,9

Staatenlos, nicht zuzuordnen 5.191 33,9

INSGESAMT 15.333 100,0

*Alle Ausländer, die in Deutschland wohnen, alle nach 1949 nach Deutschland Zugewanderte, die

die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten haben, einschließlich der in Deutschland Geborenen mit

zumindest einem zugewanderten oder ausländischen Elternteil.

** insbesondere Irak und Iran.

***insbesondere Vietnam, Afghanistan, und China.

Quelle: DESTATIS – Mikrozensus


Deutschland: Ausländische Bevölkerung nach Herkunft sland (2006)

Herkunft sregion Insgesamt Davon

Im Ausland In Deutschland

geboren geboren

a.W. % a.W. % a.W. %

EUROPA 5.375.126 79,6 4.165.034 77,5 1.210.092 22,5

EU-Länder 2.183.365 32,3 1.779.666 81,5 403.699 18,5

Griechenland 303.761 4,5 219.703 72,3 84.058 27,7

Italien 534.657 7,9 374.513 70,0 160.144 30,0

Polen 361.696 5,4 347.769 96,1 13.927 3,9

Sonsti ges Europa 3.191.761 47,3 2.385.368 74,7 806.393 25,3

ehemaliges Jugoslawien 949.937 14,1 753.116 79,3 196.821 20,7

Bosnien – Herzegowina 157.094 2,3 129.945 82,7 27.149 17,3

Kroati en 227.510 3,4 178.074 78,3 49.436 21,7

Serbien – Montenegro 282.067 4,2 218.333 77,4 63.734 22,6

ehemalige Sowjetunion 505.624 7,5 487.515 96,4 18.109 3,6

Türkei 1.738.831 25,8 1.149.384 66,1 589.447 33,9

AFRIKA 272.376 4,0 235.117 86,3 37.259 13,7

Nordafrika 120.665 1,8 102.009 84,5 18.656 15,5

AMERIKA 213.069 3,2 204.147 95,8 8.922 4,2

Nordamerika 112.437 1,7 105.636 94,0 6.801 6,0

ASIEN 819.623 12,1 732.359 89,4 87.264 10,6

Vorderasien* 262.320 3,9 225.459 85,9 36.861 14,1

Süd- und Südostasien** 285.048 4,2 251.227 88,1 33.821 11,9

Ost- und Zentralasien*** 269.226 4,0 252.983 94,0 16.243 6,0

OZEANIEN**** 10.832 0,2 10.361 95,7 471 4,3

Staatenlos, nicht zuzuordnen 59.976 0,9 39.550 65,9 20.426 34,1

INSGESAMT

* insbesondere Irak und Iran.

** insbesondere Vietnam.

*** insbersondere China.

**** insbesondere Australien.

6.751.002 100,0 5.386.568 79,8 1.364.434 20,2

Quelle: DESTATIS - Zentralregister für Ausländer

121


122

Deutschland: Ausländische Bevölkerung nach Durchschnitt salter und –

aufenthaltsdauer, sowie Herkunft sland (2006)

Herkunft sregion Insgesamt

a.W.

Jahresdurchschnitt

Alter Aufenthaltsdauer

EUROPA 5.375.126 37,6 19,1

EU-Länder 2.183.365 40,3 20,2

Griechenland 303.761 40,3 24,1

Italien 534.657 39,5 25,1

Polen 361.696 36,3 9,5

Sonsti ges Europa 3.191.761 k.A. k.A

ehemaliges Jugoslawien 949.937 37,4 19,7

Bosnien – Herzegowina 157.094 37,4 18,0

Kroati en 227.510 43,3 25,4

Serbien – Montenegro 282.067 33,3 16,5

ehemalige Sowjetunion 505.624 36,1 6,3

Türkei 1.738.831 34,6 20,7

AFRIKA 272.376 32,0 10,8

Nordafrika 120.665 34,1 13,1

AMERIKA 213.069 38,3 12,5

Nordamerika 112.437 42,6 15,7

ASIEN 819.623 32,1 9,1

Vorderasien* 262.320 30,7 9,4

Süd- und Südostasien ** 285.048 33,2 10,6

Ost- und Zentralasien *** 269.226 32,4 7,4

OZEANIEN 10.832 38,8 11,7

Staatenlos, nicht zuzuordnen 59.976 30,3 16,1

Insgesamt

* insbesondere Irak und Iran.

** insbesondere Vietnam.

*** insbesondere China.

6.751.002 36,7 17,3

k.A.: keine Angaben, Daten stehen nicht zur Verfügung.

Quelle: DESTATIS – Zentralregister für Ausländer


Deutschland: Ehepaare und nichteheliche Lebensgemeinschaft en mit ausländischer

Beteiligung Deutschland nach Herkunft sgebieten der ausländischen

Partner/Partnerinnen (2005)

Herkunft sregion Alle Paare mit

ausländischer

Beteiligung

Beide Partner

Ausländer

Ausländerin

mit deutschem

Mann

Ausländer mit

deutscher Frau

1000 % 1000 % 1000 % 1000 %

EHEPAARE INSGESAMT 2.438 100,0 1291 52,9 602 24,7 545 22,4

EU-Länder* 788 100,0 327 41,5 234 29,7 227 28,8

Griechenland k.A. k.A. k.A. k.A. 6 k.A. 14 k.A.

Italien k.A. k.A. k.A. k.A. 19 k.A. 63 k.A.

Polen k.A. k.A. k.A. k.A. 69 k.A. 16 k.A.

Sonsti ges Europa k.A. k.A. k.A. k.A. 197 k.A. 206 k.A.

Bosnien - Herzegowina k.A. k.A. k.A. k.A. 7 k.A. 15 k.A.

Kroati en k.A. k.A. k.A. k.A. 16 k.A. 14 k.A.

Serbien - Montenegro k.A. k.A. k.A. k.A. 10 k.A. 17 k.A.

Russland k.A. k.A. k.A. k.A. 60 k.A. 37 k.A.

Türkei k.A. k.A. k.A. k.A. 52 k.A. 90 k.A.

Afrika k.A. k.A. k.A. k.A. 24 k.A. 35 k.A.

Amerika k.A. k.A. k.A. k.A. 44 k.A. 35 k.A.

Vorderasien k.A. k.A. k.A. k.A. 24 k.A. 19 k.A.

Süd- und Südostasien k.A. k.A. k.A. k.A. 58 k.A. 13 k.A.

Ost- und Zentralasien k.A. k.A. k.A. k.A. 13 k.A. *** k.A.

NICHTEHELICHE LEBENS�

GEMEINSCHAFTEN **

242 100,0 58 24 80 33,1 104 43

EU-Länder* 130 100,0 21 16,2 47 36,2 62 47,7

Italien k.A. k.A. k.A. k.A. 7 k.A. 21 k.A.

Sonsti ges Europa k.A. k.A. k.A. k.A. 18 k.A. 26 k.A.

Türkei k.A. k.A. k.A. k.A. *** k.A. 11 k.A.

Übrige Welt k.A. k.A. k.A. k.A. 15 k.A. 16 k.A.

* ausländischer Partner mit EU-Staatsangehörigkeit.

**heterosexuelle Paare.

*** Keine Angaben, da Zahlenwerte nicht sicher genug.

k.A.: Keine Angaben, Daten stehen nicht zur Verfügung.

Quelle: DESTATIS - Mikrozensus – Bevölkerung (Lebensformenkonzept)

123


124

Deutschland: Einbürgerungen nach Herkunft sländern (2004-2006)

Wichti gste europäische 2004 2005 2006 2004-06

Länder

a.W. % a.W. % a.W. % Änderung in %

ehemaliges Jugoslawiens 8.664 6,8 13.187 11,2 17.366 13,9 100,4

Bosnien-Herzegowina 2.103 1,7 1.907 1,6 1.862 1,5 -11,5

Kroati en 1.689 1,3 1.287 1,1 1.729 1,4 2,4

Serbien - Montenegro 3.539 2,8 8.824 7,5 9.552 7,7 169,9

Polen* 7.499 5,9 6.896 5,9 6.907 5,5 -7,9

Rumänien* 1.309 1,0 1.789 1,5 1.379 1,1 5,3

Russland* 4.381 3,4 5.055 4,3 4.679 3,8 6,8

Türkei 44.465 35,0 32.661 27,9 33.388 26,8 -24,9

Ukraine*

Sonsti ge Länder

3.844 3,0 3.363 2,9 4.536 3,6 18,0

Marokko 3.820 3,0 3.684 3,1 3.546 2,8 -7,2

Afghanistan 4.077 3,2 3.133 2,7 3.063 2,5 -24,9

Irak 3.564 2,8 4.136 3,5 3.693 3,0 3,6

Iran 6.362 5,0 4.482 3,8 3.662 2,9 -42,4

Israel 3.164 2,5 2.871 2,4 4.313 3,5 36,3

Kazachistan* 1.443 1,1 2.975 2,5 3.207 2,6 122,2

Insgesamt 127.153 100,0 117.241 100,0 124.566 100,0 -2,0

Männer 64.560 50,8 59.923 51,1 63.049 50,6 -2,3

Frauen 62.593 49,2 57.318 48,9 61.517 49,4 -1,7

* Deutschstämmige Zugewanderte wurden nicht berücksichti gt.

Quelle: DESTATIS – Einbürgerungsstatistik


Stati sti sche Daten: Italien

Italien: Ausländer, nach Herkunft und Geschlecht (geschätzt, 2006)

Herkunft sregion Insgesamt davon Frauen

a.W. % a.W. %

EU 25* 291.402 7,9 188.834 64,8

Mitt el- und Osteuropa 1.523.652 41,3 819.122 53,8

Andere europäische Länder 14.927 0,4 8.714 58,4

EUROPA 1.829.982 49,6 1.026.938 56,1

Nordafrika 286.886 7,8 253.962 88,5

Westafrika 185.916 5,0 64.061 34,5

Ostafrika 39.382 1,1 23.054 58,5

Zentral- und Südafrika 16.048 0,4 7.428 46,3

AFRIKA 822.191 22,3 277.828 33,8

Westasien 27.799 0,8 10.705 38,5

Zentral- und Südasien 301.988 8,2 98.782 32,7

Ostasien 332.961 9,0 179.961 54,0

ASIEN 662.748 18,0 292.680 44,2

Nordamerika 54.424 1,5 33.996 62,5

Mitt el – und Südamerika 301.719 8,2 203.338 67,4

AMERIKA 356.144 9,7 237.759 66,8

OZEANIEN 4.023 0,1 2.427 60,3

Staatenlos 349 0,0 k.A. k.A.

Nicht identi fi ziert 14.615 0,4 k.A. k.A.

GESAMT

* ohne Rumänien und Bulgarien

3.690.052 100,0 1.842.004 49,9

k.A.: keine Angaben, Daten stehen nicht zur Verfügung.

Quelle: Statistisches Dossier Immigration Caritas/Migrantes

125


126

Italien: Ausländer nach Nati onalität und Geschlecht der 20 führenden

Nati onalitäten (geschätzt, 2006)

Nati onalität Insgesamt Davon Frauen

a.W. % a.W. %

1 Rumänien 555.997 15,1 296.896 53,4

2 Marokko 387.031 10,5 136.793 35,3

3 Albanien 381.011 10,3 161.219 42,3

4 Ukraine 195.412 5,3 163.407 83,6

5 Volksrepublik China 186.522 5,1 86.059 46,1

6 Philippinen 113.907 3,1 70.694 62,1

7 Moldawien 98.149 2,7 66.870 68,1

8 Tunesien 94.861 2,6 26.209 27,6

9 Indien 91.781 2,5 33.377 36,4

10 Polen 90.776 2,5 65.657 72,3

11 Serbien u. Montenegro 79.468 2,2 33.449 42,1

12 Bangladesch 77.229 2,1 18.166 23,5

13 Peru 76.406 2,1 49.325 64,6

14 Ägypten 73.747 2,0 14.381 19,5

15 Sri Lanka 69.919 1,9 29.798 42,6

16 Ecuador 67.327 1,8 43.505 64,6

17 Makedonien 65.880 1,8 24.712 37,5

18 Senegal 65.136 1,8 8.351 12,8

19 Pakistan 56.949 1,5 12.368 21,7

20 USA 50.820 1,4 31.931 62,8

INSGESAMT 3.690.052 100,0 1.842.004 49,9

Quelle: Statistisches Dossier Immigration Caritas/Migrantes


Italien: Ausländer mit Aufenthaltserlaubnis, nach Aufenthaltsgrund

(geschätzt, 2006)

Region a.W. Davon in % (horizontal)

Insgesamt Arbeit Familie Studium Religion Wohnsitz andere

Gründe

Aosta-Tal 6.325 52,8 39,9 2,6 0,5 2,3 1,8

Piemont 292.886 56 38,6 2,5 0,5 1,1 1,3

Lombardei 850.873 56,5 37,6 2,7 0,3 1,6 1,2

Ligurien 94.446 54,5 36,4 2,7 0,8 4,2 1,5

Nordwesten 1.244.530 56,2 37,8 2,7 0,3 1,7 1,3

Trenti no-Südti rol 68.825 51,7 41,1 2,9 0,4 2,7 1,2

Veneti en 398.099 55,3 40,1 2,4 0,2 0,7 1,3

Friaul-Julisch Veneti en 98.881 49,3 38,2 5,8 0,2 2 4,4

Emilia-Romagna 388.203 57,5 37,3 3,1 0,2 0,6 1,2

Nordosten 954.008 55,3 38,8 3,1 0,2 0,9 1,6

Norden 2.198.538 55,8 38,2 2,9 0,3 1,4 1,4

Toskana 289.775 54,1 36,9 4,1 0,8 2,4 1,7

Marken 115.715 51,5 41,7 3,3 0,5 1,5 1,6

Umbrien 77.924 53,4 37,3 4,6 1,4 1,8 1,5

Lati um 500.007 58,2 25,5 2,8 10,8 1,1 1,5

Mitt elitalien 983.422 55,8 31,7 3,4 5,9 1,6 1,6

Abruzzen 59.209 54,3 39,4 2,8 0,9 0,6 2

Kampanien 168.285 68,5 25,5 1,6 1,1 0,6 2,7

Molise 6.632 55,9 33 2,5 1,8 1,7 5,1

Basilikata 10.735 65 28,4 1,6 0,8 0,5 3,8

Apulien 73.610 55,1 34,1 4,1 1 0,9 4,8

Kalabrien 57.822 63,1 24,9 1,8 1,1 0,6 8,7

Süden 376.293 62,5 29,5 2,3 1,1 0,7 4

Sizilien 107.196 55,8 37,3 2 1,1 1,2 2,6

Sardinien 24.603 47,8 38,3 2,3 1 8,1 2,5

Inseln 131.799 54,3 37,5 2 1,1 2,5 2,6

ITALIEN 3.690.052 56,5 35,6 2,9 1,9 1,4 1,8

Quelle: Statistisches Dossier Immigration Caritas/Migrantes

127


128

Italien: Ausländische Schüler im Schuljahr 2006-07

(insgesamt und Sekundarstufe 2) nach Regionen

Region Registrierte Schüler Schuljahr 2006-07 Davon Sekundarstufe 2

Insgesamt Davon Ausländer Insgesamt Davon Ausländer

a.W. % a.W. %

Aosta-Tal 16.189 991 6,1 4.736 187 3,9

Piemont 568.109 48.349 8,5 162.996 9.409 5,8

Lombardei 1.316.993 121.279 9,2 363.067 22.489 6,2

Ligurien 194.394 15.253 7,8 58.578 3.877 6,6

Trenti no-Südti rol 158.711 11.297 7,1 39.573 1.638 4,1

Veneti en 684.687 61.734 9,0 192.855 10.758 5,6

Friuli-Julisch Veneti en 153.927 11.932 7,8 45.941 2.549 5,5

Emilia-Romagna 547.290 58.515 10,7 161.139 13.225 8,2

Norditalien 3.640.300 329.350 9,0 1.028.885 64.132 6,2

Toskana 474.199 39.631 8,4 145.590 8.460 5,8

Marken 220.754 19.397 8,8 71.010 4.261 6,0

Umbrien 119.021 12.064 10,1 37.879 2.508 6,6

Lati um 823.292 49.428 6,0 256.587 12.200 4,8

Mitt elitalien 1.637.266 120.520 7,4 511.066 27.429 5,4

Abruzzen 194.858 8.202 4,2 64.422 1.732 2,7

Kampanien 1.114.051 11.114 1,0 350.627 2.580 0,7

Molise 48.650 746 1,5 17.137 174 1,0

Basilikata 98.927 1.072 1,1 35.863 264 0,7

Apulien 711.196 9.038 1,3 228.979 2.069 0,9

Kalabrien 344.672 6.232 1,8 117.824 1.490 1,3

Süditalien 2.512.354 36.404 1,4 814.852 8.309 1,0

Sizilien 895.550 11.938 1,3 287.837 2.354 0,8

Sardinien 246.017 2.725 1,1 86.370 605 0,7

Inseln 1.141.567 14.663 1,3 374.207 2.959 0,8

ITALIEN 8.931.487 500.512 5,6 2.729.010 102.829 3,8

Quelle: Statistisches Dossier Immigration Caritas/Migrantes, Ausarbeitung aus Daten der Bildungsministeriums


Italien: 2005* abgeschlossene Ehen mit mindestens einem ausländischen

Partner

Region a.W. %

Lombardei 5.647 17,7

Lati um 4.924 15,4

Veneti en 3.545 11,1

Toskana 3.226 10,1

Emilia-Romagna 2.657 8,3

Piemont 2.447 7,7

Kampanien 2.031 6,4

Ligurien 1.194 3,7

Sizilien 845 2,6

Friaul-Julisch Veneti en 832 2,6

Marken 814 2,6

Trenti no-Südti rol 760 2,4

Umbrien 649 2,0

Apulien 614 1,9

Kalabrien 515 1,6

Abruzzen 472 1,5

Sardinien 448 1,4

Basilikata 124 0,4

Aosta-Tal 89 0,3

Molise 58 0,2

Nordwesten 9.377 29,4

Nordosten 7.794 24,4

Mitt elitalien 9.613 30,1

Süden 3.814 12,0

Inseln 1.293 4,1

Italien

* Die verwendeten ISTAT-Daten sind provisorisch.

31.891 100,0

Quelle: Statistisches Dossier Immigration Caritas/Migrantes. Ausarbeitung mit Daten von ISTAT

129


130

Italien: Gewährung der Staatsbürgerschaft nach Grund und Herkunft (2005)

Herkunft sregion Insgesamt Durch Heirat

a.W. % a.W. %

EU 15 367 1,9 270 73,6

EU neue Mitgliedsländer* 1.161 6,0 929 80,0

Mitt el-Osteuropa 5.505 28,6 3.447 62,6

Europa andere 624 3,2 617 98,9

EUROPA 7.657 39,7 5.263 68,7

Nordafrika 3.734 19,4 975 26,1

Westafrika 671 3,5 224 33,4

Ostafrika 415 2,2 171 41,2

Zentral- und Südafrika 210 1,1 135 64,3

AFRIKA 5.030 26,1 1.505 29,9

Westasien 649 3,4 266 41,0

Zentral- und Südasien 496 2,6 147 29,6

Ostasien 578 3,0 288 49,8

ASIEN 1.723 8,9 701 40,7

Nordamerika 250 1,3 213 85,2

Mitt el- und Südamerika 4.539 23,6 4.120 90,8

AMERIKA 4.789 24,9 4.333 90,5

OZEANIEN 54 0,3 48 88,9

STAATENLOS 13 0,1 4,0 30,8

GESAMT 19.266 100,0 11.854 61,5

* Polen, Tschechien, Ungarn, Kroati en, Slowenien, Litauen, Lett land, Estland, Malta, Zypern; ohne

Rumänien, Bulgarien.

Quelle: Statistisches Dossier Immigration Caritas/Migrantes. Ausarbeitung aus Daten von ISTAT


Italien: Gewährung der Staatsbürgerschaft nach Grund und Region (2005)

Region Insgesamt Durch Heirat

a.W. % a.W. %

Aosta-Tal 54 0,3 30 55,6

Piemont 1.681 8,7 928 55,2

Lombardei 3.109 16,1 1.475 47,4

Ligurien 533 2,8 352 66,0

Nordwesten 5.377 27,9 2.785 51,8

Trenti no-Südti rol 463 2,4 242 52,3

Veneti en 1.934 10,0 1.009 52,2

Friaul-Julisch Veneti en 673 3,5 397 59,0

Emilia-Romagna 2.200 11,4 1.051 47,8

Nordosten 5.270 27,4 2.699 51,2

Norden 10.647 55,3 5.484 51,5

Toskana 1.340 7,0 771 57,5

Marken 852 4,4 463 54,3

Umbrien 365 1,9 233 63,8

Lati um 1.374 7,1 761 55,4

Mitt elitalien 3.931 20,4 2.228 56,7

Abruzzen 400 2,1 276 69,0

Kampanien 413 2,1 326 78,9

Molise 37 0,2 30 81,1

Basilikata 56 0,3 49 87,5

Apulien 311 1,6 209 67,2

Kalabrien 183 0,9 157 85,8

Süden 1.400 7,3 1.047 74,8

Sizilien 485 2,5 343 70,7

Sardinien 169 0,9 143 84,6

Inseln 654 3,4 486 74,3

Auslandsitaliener 2.634 13,7 2.609 99,1

ITALIEN 19.266 100,0 11.854 61,5

Quelle: Statistisches Dossier Immigration Caritas/Migrantes. Ausarbeitung aus Daten von ISTAT

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