Carolin Alles Lüge

fleigejo

Georg, den fremden Mann, wie meinen Liebsten behandeln, was musste ich denn da tun? Ich hätte es ja immer schon getan, sagte Georg, nur vor mir selbst verleugnet. Also brauchte ich nichts zu tun, doch ich musste es offen zeigen. Ich kletterte auf Georgs Schoß und setzte mich breitbeinig vor ihn. Eine bislang ebenso undenkbare Geste und ich musste lachen. „Georg, wenn es so ist, dass es öffentlich und vor allem vor uns selbst so sein darf, dass wir uns lieben, müssen wir da nicht manches verändern?“ vermutete ich. „Und woran denkst du da konkret außer Küssen und Zärtlichkeiten?“ wollte Georg wissen. „Na ja, eine Frau und ein Mann, die sich lieben, gehen doch auch miteinander ins Bett. Aber das kann ich noch nicht. Bewahre, was rede ich für einen Schrott, alles aus der großen Halde des Alltagsmülls generiert. Ich bin ein wenig nervös, Georg, und da plappere ich einfach drauf los, was ich eigentlich gar nicht will. Was ich wirklich will, das weiß ich gar nicht genau. Ich glaube schon, dass ich dich ganz möchte, auch körperlich, aber ohne Sex. Sex hat immer so etwas Aggressives, nicht wahr?“ erklärte ich, und wir lachten uns schief. „Georg, es ist nicht einfach so, dass ich freudig und beglückt bin, das bin ich schon, aber da ist noch so viel Verworrenes, Ungeklärtes. Ich glaube, ich muss mich in unseren Zustand erst langsam einleben.“ erklärte ich. Wir hatten die ganze Zeit mit Kaffee in der Küche verbracht. Georg schlug vor, einen kleinen Spaziergang zu machen, das kühle ab und beruhige. „Und am Teich werden die Enten mir zuschnattern: „Was der Georg erzählt, alles nur Lüge.“ versuchte ich zu scherzen.

Carmen Sevilla

Carolin Alles Lüge

Jenseits von Gut und Böse?

Erzählung

Selbst, wenn du mich fragst, ob ich dich liebe, und ich sag ja,

weiß ich manchmal nicht genau, ist das nun Lüge oder wahr,

weil ich oft gar nicht mehr weiß, was das ist: Liebe.

Rio Reiser, Alles Lüge

Eine immer vorhandene Fessel, die ich gar nicht wahrnehmen wollte, war

gesprengt worden. Ich war frei, alle Zwänge mit wenigen Worten beseitigt,

übermütig fühlte ich mich. „Aber Liebe, Georg, das ist doch Lust und

Leidenschaft,“ erklärte ich, „davon hab ich bei deinem Kuss jedoch nicht viel

gespürt.“ Georg lachte immer nur. Bei ihm hatte unser Gespräch

wahrscheinlich zu einem Zustand der Dauerglückseligkeit geführt. Beim

zweiten Kuss war ich so stürmisch, dass ich Georg auf die Couch warf.

Carolin, wann hast du das zuletzt erlebt? Noch nie.“ schoss es mir durch den

Kopf. „Ich geh aber nicht mit dir ins Bett. Das kann ich nicht. Ach, was rede ich

für ein Gewäsch, vergiss es.“ sagte ich völlig aufgeregt und durcheinander. In

meinem Innersten hatten die beiden miteinander kämpfenden Drachen

offensichtlich nicht sofort ihre Waffen niedergelegt. Georg, den fremden Mann,

wie meinen Liebsten behandeln, was musste ich denn da tun? Ich hätte es ja

immer schon getan, sagte Georg, nur vor mir selbst verleugnet. Also brauchte

ich nichts zu tun, doch ich musste es offen zeigen. Ich kletterte auf Georgs

Schoß und setzte mich breitbeinig vor ihn. Eine bislang ebenso undenkbare

Geste und ich musste lachen. „Georg, wenn es so ist, dass es öffentlich und

vor allem vor uns selbst so sein darf, dass wir uns lieben, müssen wir da nicht

manches verändern?“ vermutete ich. „Und woran denkst du da konkret außer

Küssen und Zärtlichkeiten?“ wollte Georg wissen. „Na ja, eine Frau und ein

Mann, die sich lieben, gehen doch auch miteinander ins Bett. Aber das kann ich

noch nicht. Bewahre, was rede ich für einen Schrott, alles aus der großen

Halde des Alltagsmülls generiert. Ich bin ein wenig nervös, Georg, und da

plappere ich einfach drauf los, was ich eigentlich gar nicht will. Was ich wirklich

will, das weiß ich gar nicht genau. Ich glaube schon, dass ich dich ganz

möchte, auch körperlich, aber ohne Sex. Sex hat immer so etwas Aggressives,

nicht wahr?“ erklärte ich, und wir lachten uns schief. „Georg, es ist nicht

einfach so, dass ich freudig und beglückt bin, das bin ich schon, aber da ist

noch so viel Verworrenes, Ungeklärtes. Ich glaube, ich muss mich in unseren


Zustand erst langsam einleben.“ erklärte ich. Wir hatten die ganze Zeit mit

Kaffee in der Küche verbracht. Georg schlug vor, einen kleinen Spaziergang zu

machen, das kühle ab und beruhige. „Und am Teich werden die Enten mir

zuschnattern: „Was der Georg erzählt, alles nur Lüge.“ versuchte ich zu

scherzen.


Carolin Alles Lüge Inhalt

CarolinAlles Lüge................................................................................4

Die Trennung.........................................................................................4

Betty....................................................................................................4

Wer bin ich?..........................................................................................5

Reemda................................................................................................6

Derrida Seminar.....................................................................................9

Reemdas Freund...................................................................................11

Georgs Promotion.................................................................................12

Wonnegefühle......................................................................................14

Wegelagerer........................................................................................15

Genussmensch.....................................................................................15

Pallas Athena.......................................................................................17

Rigorosum...........................................................................................18

Nicht hier, Georg..................................................................................20

Habilitation..........................................................................................20

Keine Lügen mehr.................................................................................22

Verliebt...............................................................................................24

Verheiratet..........................................................................................25


CarolinAlles Lüge

Die Trennung

Er hatte ja nichts gemacht, war nicht bösartig, nicht gewalttätig, betrog mich

nicht und war nicht widerspenstig. Er musste nur meine Wut über mich selbst

ertragen, dass ich so eine blinde Idiotin gewesen war und mir mein Leben ruiniert

hatte. Letztendlich durchschauen kannst du andere nie, na gut, aber ein

wenig unter der Oberfläche wirst du doch schon etwas erkennen können. „Was

sollte ich denn machen? Dir raten: „Lass die Finger von dem. Der ist nicht viel

wert.““ sagte meine Freundin Betty, als ich ihr vorwarf, mich nicht gewarnt zu

haben. „Jetzt hast du auch einen, der dir gehört.“ so dumm, simpel muss ich

damals gedacht haben, war noch mächtig stolz darauf und habe es zur Liebe

deklariert. Dass er nur Ingenieur war, spielte ja keine Rolle. Dieses Bild, dass

die Welt jetzt für mich in Ordnung sei, habe ich immer aufrecht zu halten versucht.

Bin sogar schwanger geworden. Heute kann ich es nicht mehr verstehen,

warum mir nicht früher bewusst geworden ist, dass dieser Mensch überhaupt

nichts mit mir, mit meiner Persönlichkeit zu tun hat. Er ist ein Mann, ein

mir fremder Mann, ein Mann, wie die meisten Männer wohl sind. Er wollte zwar

immer nett und freundlich zu mir sein, aber verstehen konnte er mich nie. Es

ist ja nicht schlimm, Fußball zu schauen, aber in den Fernseher zu starren und

das Geschehen selbst involviert, emphatisch mitzuerleben und laut zu bejubeln,

das kann ich nicht ertragen. Übliche Verhaltensweisen, die mir zu Anfang

überhaupt nicht aufgefallen sind, oder die ich übersehen wollte. Alles wollte ich

übersehen, was mein Bild vom glücklichen Ehepaar und dem trauten Familienleben

hätte trüben können. Aber es geschah ja und machte mir nach und nach

deutlich, dass dies nicht meine Welt war. Immer diese Leere, die mich umfing.

Ich starrte zum Fenster und sah nichts, sah auch sonst nichts. Wut, ich hätte

irgendwo gegen treten können, alles zerschlagen. Ich musste heraus aus meiner

Haut, sie passte mir nicht mehr. Das war nicht meine Haut, die Alltagswelt,

die mich jetzt umgab. Zudem gab es überhaupt keine Kommunikationsbasis

zwischen uns außer dem Reden über Alltagsbanalitäten. Für mich wurde es immer

unerträglicher und meine Wut, dass ich auf diesen Manntrottel reingefallen

war, steigerte sich. Schließlich sah ich keinen anderen Weg mehr als die Trennung.

Betty

Jetzt fühlte ich mich befreit, aber frei war ich noch nicht. Darüber, wie mir das

hatte passieren können, grübelte ich noch weiter. Ich war doch keine schlichte,

ungebildete Frau, hatte unendlich viel gelesen und meinte alle Arten menschlicher

Charaktere zu kennen. Viele Freunde hatte ich jedoch nicht. Ich kannte

viele Menschen, war beliebt und kam mit allen im Institut gut aus, aber wenn

mich jemand privat besuchen kam, jemand mit dem ich über Persönliches reden

konnte, war da nur Betty. Wir hatten uns schon während des Studiums

kennengelernt, gemeinsame Urlaube erlebt und mehr. Wir besuchten uns gegenseitig

und telefonierten öfter. Ein wenig kam mir Betty wie eine Mutter vor.

Sie war ein weicher, aufgeschlossener Mensch, der lieber zuzuhören als


Ratschläge zu erteilen schien. „Du, deine Persönlichkeit, das ist die

angesehene, geachtete und beliebte Germanistikprofessorin. Dieses

Persönlichkeitsbild ist für dich verehrungswürdig. Ich bewundere dich ja auch.

Ich weiß nicht, ob ich so etwas geschafft hätte, mir war es einfach zu mühsam,

zu lästig, aber du stehst das durch, du lebst darin, das bist du. Nur ganz

stimmt das nicht. In deinem Bild fehlt etwas. Niemand besteht nur aus seinem

Beruf.“ sagte Betty. „Und was hat das mit Kevin zu tun?“ wollte ich wissen.

„Ich bin ja keine Therapeutin, aber ich denke, dass dein Leben als Mensch,

dein Privatleben, in deiner Persönlichkeit nur einen geringen Stellenwert hat.“

antwortete Betty. „Und da mache ich einfach irgendeinen Schwachsinn, weil

mir das alles nicht so wichtig ist?“ vermutete ich. „Nein, so simpel, banal

würde ich das nicht sehen. Wir alle haben doch unsere Kultur von der

Allgemeinheit übernommen, haben sie uns angeeignet und zu unserer eigenen

gemacht. Anders ginge es ja auch nicht. Das umfasst vieles. Nicht wenige

Menschen denken und handeln nur, wie man es eben so tut, folgen dem

Mainstream in allem. Für dich ist das in allem, was Germanistik, Deutsch,

Literatur betrifft natürlich nicht so. Da bist du ein selbstständiger,

eigenverantwortlich denkender und handelnder Mensch. Aber das trifft nicht

automatisch für alles andere auch zu, wenn du eine gebildete Frau bist.“ sah es

Betty. „Und du meinst, meine Entscheidung für Kevin, Familie und

Kinderkriegen das war bitterer Mainstream?“ vermutete ich. „Carolin, warum

du es gemacht hast, kann dir letztendlich wohl nur die Psychotherapeutin

sagen. Aber hast du dich vorher denn mal irgendwo über Beziehungen und

mögliche Probleme informiert? Du hast es einfach so gemacht, weil man es so

macht, weil alle es so machen. Was es konkret mit dir, mit deinem Selbst zu

tun hatte, danach hast du gar nicht gefragt. Und Menschenkenntnis, woher

wolltest du die denn haben? Alle Literatur kann nicht die praktische Erfahrung

im Umgang mit anderen Menschen ersetzen.“ erklärte Betty. „Du meinst, auch

die gebildete Frau muss immer damit rechnen, dass sie sich in bestimmten

Dingen sehr dumm verhalten kann.“ hatte ich Betty verstanden. „Und jetzt,

was machst du jetzt? Suchst dir schnell einen neuen, damit Lenny wieder einen

Vater hat.“ vermutete Betty und lachte. „Betty, Betty!“ mahnte ich, „Ich habe

schon verstanden. Ganz so blöd bin ich ja auch nicht. Das wird mir nie wieder

passieren, allein schon weil ich mir selbst überhaupt nicht mehr trauen kann.“

Wer bin ich?

In gewisser weise hatte Bettina ja Recht. Ich selbst, meine Emotionen, meine

Gefühle, wann machte ich mir darüber denn mal Gedanken? Nie. Es geschah

eben, wie es geschah. Da gab es vieles in meinem Leben, das so unreflektiert

lief, weil es eben so lief. Das musste sich ändern, ab sofort war ich selbst die

zentrale und entscheidende, handlungsbestimmende Person. Es war doch in

Ordnung, weil alle es so machten, weil man es eben so machte? Alles Lüge. In

Zukunft verbotene, total obsolete Argumente. Gar nicht so einfach, versuch

mal bei der Essenszubereitung es nicht so zu machen, weil man es eben gemeinhin

so macht, sondern dich bei der Zubereitung des Abendbrotes persönlich

einzubringen, dich selbst zu verwirklichen. Noch schlimmer war es bei den

Klamotten. Da hattest du den Mainstream voll internalisiert, was man so allgemein

für schick und tragbar ansah, hieltest du für deinen Geschmack. Im Laufe


der Zeit änderte sich jedoch mein Style und mein Outfit kolossal. Mit Lenny

zusammen zu sein, hatte mir immer gefallen, jetzt nahm ich jedoch die Freude

bewusst als mein Gefühl wahr. Ich begann mich zu spüren, ich spürte, wie der

Mensch Carolin in mir lebendig wurde. Keine Menschenkenntnis, wie konnte

Betty denn so etwas sagen? Sie wusste doch, dass ich den ganzen Tag von

Menschen umgeben war. Allerdings im Hinblick auf persönliche Beziehungen zu

Männern traf das schon zu. Ich hatte auch in der Schule keinen Freund. Ich

habe nicht nur viel gelesen, sondern mein Interesse hatte sich auf Kultur

insgesamt ausgedehnt. Als die Mädchen alle jemanden haben mussten, mit

dem sie gingen, interessierte mich das nicht. Keineswegs habe ich alles immer

so gemacht wie die anderen. Im Gegenteil, ich war eher eine Nonkonformistin.

Überlegen fühlte ich mich. Das, womit ich mich beschäftige, erschien mir

höherwertiger und wertvoller als die allgemeinen Bedürfnisse meiner

Mitschülerinnen. Meine Interessen, mein Beruf stellte für mich immer das

Höherwertige dar. So ist es immer geblieben, bis ich meinen Mann

kennenlernte. Er war ja ein lieber, netter Mensch, der mich verehrte, und ich

meinte, dass es mit Ehe und Familie langsam Zeit würde. Liebe kannte ich in

allen Schattierungen. In welchem Roman oder Drama kam sie nicht vor, aber

für mich selbst wusste ich gar nicht, was Liebe eigentlich war. Für mich reichte

es, dass ich Kevin ganz nett fand, und ich selbst bin ja auch ein umgänglicher

Mensch. Freundlich und verständnisvoll bin ich bestimmt auch, sonst wäre ich

nicht so beliebt bei den Studentinnen und Studenten, aber mehr kann ich zu

mir selbst gar nicht sagen. Wer ich bin in meiner sozialen und kommunikativen

Funktion, das weiß ich gar nicht. Ich müsste mich dringend selbst erforschen,

herausfinden, für wen ich mich automatisch in meinem Unbewussten halte,

entdecken und erkennen, wer ich wirklich bin.

Reemda

In einem Seminar hielt eine Studentin ein Referat über die Rolle einer Frau in

einem Roman. Sie hatte sich aber nicht nur auf die Beziehungen und Funktionen

der Frau in diesem Roman beschränkt, sondern hatte es in den kulturellen

Zusammenhang jener Zeit gestellt, hatte allgemeine Aussagen zur Rolle der

Frau und der jeweiligen Kultur überhaupt gemacht und war zu dem Schluss gekommen,

dass der Begriff Frau nur ein Produkt des jeweiligen soziokulturellen

Zusammenhanges sei. Natürlich kannte ich mich aus, aber leider eben nur,

was man allgemein hin so weiß, dass wir im Patriarchat leben, Frauen das unterdrückte

Geschlecht sind, dass sie weniger verdienen und ihnen die höherrangigen

Jobs verwehrt werden. Ich persönlich hielt mich für davon nicht betroffen.

Was die Studentin in ihrem Referat dargelegt hatte, weckte mich jedoch

auf. Intellektuell verstanden hatte ich es schon, aber es waren alles neue

Gedanken, von denen ich bislang keine Ahnung hatte. Ich las es zu Hause noch

einmal durch. Ich wusste bislang nicht, wer ich selbst war, aber wer ich als

Frau war, wusste ich erst Recht nicht. Ich sprach die Studentin in der nächsten

Woche an. Ihr Referat habe mir sehr gefallen, ich hätte aber noch einige Fragen,

ob wir uns im Anschluss an das Seminar kurz unterhalten könnten. Was

die Studentin sagte, erklärte nicht einfach, sondern sie tat damit auch neue

Felder auf. „Woher wissen sie das alles? Studieren sie noch etwas anderes?“

erkundigte ich mich. Sie lächelte und sagte: „Nein, wieso? Ich bin eben eine


Frau, und da muss man sich mit sich selbst doch wohl ein wenig auskennen.“

Als ungemein spannend empfand ich es. Unbegrenzt hätte ich weiter

nachfragen und diskutieren können. „Eigentlich müsste ich jetzt in ein

Seminar, oder sollte ich es ausfallen lassen?“ fragte die Studentin. „Nein,

keinesfalls, aber ich würde mich freuen, wenn ich sie mal zum Kaffee zu mir

nach Hause einladen dürfte. Mein Sohn ist dann zwar da, aber der wird uns

nicht stören.“ schlug ich vor, und die Studentin war einverstanden. „Carolin,

nennen sie mich einfach Carolin. Frau Professor Dr. Wiegand, das würde doch

jetzt stören.“ erklärte ich, als die Studentin kam. „Reemda Tienens, Titel

braucht man da keine wegzulassen.“ sagte die Studentin und lachte. „Das

kommt bestimmt noch. Da bin ich mir sicher.“ reagierte ich darauf. Thilda

Stegmann, die Tagesmutter, brachte Lenny. Thilda berichtete kurz noch etwas.

„Ich dummes Weib, das ihn gezeugt hat, bin nicht viel wert. Lenny hat nichts

gegen mich, aber Thilda ist seine Herzensdame. Gegen die habe ich keine

Chance.“ sagte ich an Reemda gewandt. Reemda schmunzelte. „Na ja, wie

kann eine Mutter bei so einem kleinen Kind auch arbeiten, anstatt ihren

Mutterpflichten nachzukommen.“ scherzte Reemda. „Mutter, wenn ich wüsste,

warum ich das werden wollte. Ich will es ja auch heute nicht sein, nur Lenny

gefällt mir ganz gut.“ erklärte ich. Wir sprachen über mich, wie verrückt ich

gewesen war, mit Reemda einer jungen Frau, die ich überhaupt nicht kannte.

Wir sprachen auch über die Allgemeinheit und das Verhalten der Frauen heute,

kamen aber schnell wieder zu Themen, die allgemein feministisch ausgerichtet

waren oder sich im Bereich feministischer Philosophie bewegten. „Diese ganzen

Genderforschungen bringen ja vielleicht einige temporär brauchbare

Ergebnisse, aber sie gehen von dem falschen Ansatz aus.“ erklärte Reemda.

Das wollte ich natürlich erläutert haben. „Sie gehen von der Grundlage aus,

dass es die Frau an sich gibt. Das ist aber ein Irrtum.“ meinte Reemda.

„Sondern wer ist die Frau, von der man spricht?“ wollte ich wissen. „Wie vieles

von dem, was wir als Wirklichkeit ansehen, ist die Bezeichnung Frau ein von

Sprache geschaffener Begriff. Es gibt immer nur eine konkrete, individuelle als

Frau bezeichnete Person.“ erläuterte Reemda. Das ließ mich nachdenken und

führte unsere Diskussion auf erkenntnistheoretische Bahnen und zur

Sprachphilosophie, in der ich zwar nicht bewandert war, mich aber ein wenig

besser auskannte. „Was ich weiß, habe ich mir alles autodidaktisch angeeignet,

es macht mir Spaß, mich mit dir zu unterhalten. So etwas habe ich sonst nicht,

und ich merke jetzt, wie sehr es mir eigentlich fehlt.“ erklärte Reemda. „Mir ist

deutlich geworden, dass ich im Hinblick auf Feminismus auch nur ein tumbes

Gewächs der Allgemeinheit war. Mich selbst zu sehen, heißt jetzt in erster

Linie, mich als Frau zu sehen. Unabhängig davon ist es ja so belebend und

gehaltvoll, mit dir zu diskutieren, dass ich erstaunt bin, was ich alles dazu

lernen kann.“ meinte ich zu unseren Gesprächen. Lenny kam, und Reemda

meinte: „Hast du früher immer Lustgefühle entwickelt, wenn du getadelt oder

bestraft wurdest?“ Ich lachte auf. „Keineswegs. Das gab es gar nicht. Ich war

die Blume, deren Aufgabe es war, dafür zu sorgen, dass sie immer gut gepflegt

wurde und prächtig blühte.“ erwiderte ich. „Und warum ergehst du dich jetzt

lustvoll in deinen Selbstvorwürfen? Kannst du diese Sichtweise denn nicht

vergessen? Sieh es doch so, dass es eine Fügung des Schicksals war, um der

Welt diesen prächtigen jungen Menschen Lenny schenken zu können.“ schlug

Reemda vor. Meine Menschenkenntnis sagte mir, dass Reemda eine Freundin


sein müsse, und ich erklärte: „Reemda, meine Tür ist immer offen für dich. Ich

würde mich freuen, wenn du möglichst oft Lust und Zeit hättest, uns besuchen

zu kommen.“ Das kam zunächst zwar relativ selten vor, aber Reemda fühlte

sich offensichtlich wohl und kam immer öfter. Unsere Gespräche waren

meistens Anlass, sich anschließend mit einzelnen Themen oder Personen noch

näher zu beschäftigen. Wenn ich noch dringend etwas zu erledigen hatte,

spielte Reemda mit Lenny. Er hatte sie gefragt, ob sie auch eine Eisenbahn

hätte. „Siehst du, Carolin, so fängt das schon in frühesten Kindertagen an.“

erklärte Reemda, „Warum hatte ich keine Eisenbahn, sondern Puppen,

Plüschtiere und einen Herd mit Töpfen, auf den ich mächtig stolz war. Die

künftige Hausfrau und liebevolle Mutter wird dir schon als Kleinkind beim

Gehirnwachstum eingepflanzt.“ „Ja klar, 'Vater, Mutter Kind' wurde doch immer

gespielt. So war die Welt, und so hat sie zu sein, und so machst du's auch.“

kommentierte ich. Reemda hatte nichts gegen Männer oder einen Freund. „Nur

bisher war mir alles zu trivial, Carolin. So intensive Gefühle von Liebe oder so

habe ich bislang noch nicht verspürt. Und einfach einen nehmen, weil er ganz

nett ist, das doch lieber nicht.“ erklärte Reemda und ließ uns beide lachen.

„Reemda, sag mal,“ begann ich, „für eine Frau und einen Mann gibt es doch

soziokulturell bedingte unterschiedliche Bilder, mit denen sie sich identifizieren.

Dazu gehört alles, auch die emotionale Gesamtdisposition. Könnte es da nicht

sein, dass diese Typen so unterschiedlich sind, dass ein Mann und eine Frau

sich niemals wirklich tiefgreifend verstehen können?“ Reemda lachte sich

schief. „Kann schon sein,“ meinte sie, „mich hat ja auch noch nie einer wirklich

verstanden. Aber ich denke, es liegt weniger an Mann und Frau, sondern eher

daran, dass alle Menschen tiefgreifend verschieden sind. Der andere bleibt

immer der andere und wird niemals mit dir identisch. Wie groß die Distanz ist,

kann natürlich jeweils sehr unterschiedlich sein. Bei der Liebe ist, glaube ich,

alles nochmal ganz anders.“ „Na klar, dann imaginierst du etwas und glaubst

daran, weil du es gern so sehen möchtest, belügst dich selbst.“ wusste ich.

Carolin, bitte, hör doch endlich auf mit diesen Selbstvorwürfen. Da ist es

schon besser, wenn Männer und Frauen sich prinzipiell nicht verstehen

können.“ kommentierte Reemda. „Zum Nachwuchs zeugen können sie sich ja

mal treffen, aber zusammen wohnen, besser nicht. Ich würde zum Beispiel viel

lieber mit dir zusammenleben, was soll der Irrsinn,, dass mir unsere Kultur

empfiehlt, eine Frau müsse einen Mann haben?“ lautete meine Ansicht.

„Vielleicht triffst du ja mal auf einen Outcast, der sich zwar als Mann

bezeichnet, aber überhaupt nicht in das gängige Rollenklischee von einem

Mann heute passt.“ mutmaßte Reemda. „Und der würde mich dann bis in die

tiefsten Winkel meiner Seele verstehen.“ reagierte ich und lachte. Unsere

Gespräche führten dazu, dass ich immer stärker der Ansicht war, Reemda

müsse sich offiziell mit dem auseinandersetzen, worüber wir redeten, und

Germanistik decke das nicht ab. Es handele sich eindeutig primär um

Philosophie und Sprachphilosophie. Reemda überlegte lange und informierte

sich gründlich, entschloss sich dann aber doch, im nächsten Semester mit

einem Philosophiestudium zu beginnen. Natürlich ging es dabei nicht um

feministische Philosophie, darauf konnte sie sich später spezialisieren.

Zunächst mal brachte es ein schier unüberwindliches Maß an Arbeit mit sich,

sodass Reemda kaum noch Zeit hatte, uns besuchen zu kommen.


Derrida Seminar

Ich wollte mich ja überall selbst verwirklichen. An der Uni tat ich das doch

auch. Sonst hatte ich vornehmlich Vorlesungen und Seminare zu neuerer deutscher

Literatur gehalten, mein persönliches Interesse hatte sich aber vor allem

durch die Gespräche mit Reemda mehr in den Bereich der Sprachphilosophie

verschoben. Ob ich es mal wagen sollte, im nächsten Semester ein Seminar zu

Jaques Derrida anzubieten? Germanistik war das nicht explizit, aber seine

Theorien betrafen ja den Gebrauch und das Verständnis von Sprache allgemein.

Stolz und mutig kam ich mir vor, nur bedeutete das auch viel Arbeit,

denn absolut firm war ich da ja keineswegs. Ich war gespannt darauf, selbst

viel zu lernen. Völlig involviert war ich und musste mich total konzentrieren.

Ein Student hatte ein Referat zur Grammatologie, Zeichen, Text, Schrift von

Derrida gehalten. Hatte erklärt, dass und warum eine Äußerung Kontext und

Bezüge ihres Verstehens und damit auch ihre eigene Bedeutung prinzipiell

nicht sicherstellen kann. Dass ich begeistert war, muss er gemerkt haben. Mit

glänzenden Augen kam er anschließend auf mich zu. „Können sie nicht mal ein

Seminar über Roland Barthes anbieten?“ fragte er. „Das möchtest du gern,

nicht wahr? Ich auch. Nur wir können doch hier nicht eine semiologische Abteilung

einrichten. Derrida, das überschreitet schon die Grenze.“ reagierte ich.

„Ich finde sie klasse.“ meinte der Student, wozu meine Augen natürlich Erläuterndes

verlangten. „Normaler weise bewegen sich alle in ihren gängigen Rahmen,

bieten mal dies und mal jenes an.“ erklärte der Student. „Aber ich sprenge

alle Ketten und bewege mich wild und frei im Raum?“ bot ich als Vermutung

an. Der Student lachte. „Nein, sie probieren Ungewohntes, für sie selbst neues.

Man merkt, dass es ihnen Spaß macht und dass sie es enthusiastisch miterleben.

Das ist wundervoll, so wünschte ich mir alle Dozentinnen und Dozenten.“

erklärte der Student. Ein Kompliment für mich, wie ich es mir nicht genüsslicher

hätte vorstellen können. Ja, das war ich, Carolin, so wollte ich sein und

nicht nur in diesem Seminar.

Lenny fragte öfter nach Reemda. Ich sprach mit Thilda darüber. Mit Thilda war

er ja auch allein, aber die machte alles mit ihm zusammen, als ob sie für ihn

lebe. Das konnte ich ja nicht. Lenny brauche mehr Gesellschaft, meinten wir.

Andere Kinder? Ich kannte keine. Eine zusätzliche Frau für nachmittags bei

uns? Das konnte ich gar nicht bezahlen. Thilda meinte: „Christine, meine

Schwester, ist total in den kleinen vernarrt, die würde das bestimmt gern machen,

aber sie hat selbst eine Tochter. Die ist dabei eine Frau zu werden. Ich

kann Christine ja mal fragen.“ Christine kam, wir unterhielten uns. „Sie können

tun und lassen, was sie wollen. Meinetwegen sind sie eine zusätzliche Hausfrau,

es geht nur darum, dass für Lenny mehr Leben im Haus ist, dass er in einer

bunteren Welt aufwächst.“ erklärte ich. „Hätten sie denn was dagegen,

wenn ich Lena, meine Tochter, auch mal mitbringen würde? Und könnte es

auch mal ausfallen, wenn mir etwas dazwischen käme?“ fragte Christine noch.

Christine kam jetzt montags bis donnerstags jeweils für zwei Stunden am

Nachmittag. Die kuriosesten Endwicklungen ergaben sich. Christine machte

alle möglichen Haushaltsarbeiten, von Bügeln, über Putzen, Kuchen backen,

Waschen bis Einkaufen und Lenny war immer hoch involviert beteilig, außer

wenn Lena mitkam und sie balgen, toben oder sonst etwas spielen mussten. Es

konnte aber auch sein, dass Lenny sagte, er könne jetzt nicht, er müsse arbei-


ten. Christine brauchte keinesfalls das Geld und Zeit hatte sie eigentlich auch

kaum, aber es bedeutete ihr emotional so viel, Lenny beim Aufwachsen zu erleben,

dass sie es trotzdem machte. Mich faszinierte Christines Verhalten, sie

handelte ja nicht irrational, aber räumte ihren Gefühlen große Wichtigkeit ein.

Wenn ich Lenny gefragt hätte, ob er Tilda und mich liebe, hätte er wahrscheinlich

pauschal „Ja“ gesagt, nur das bedeutete ja nicht viel. Thilda, Christine,

Reemda und ich waren Bestandteile seines Lebens, wir gehörten zu ihm, zu

seiner Persönlichkeit, auch wenn er uns sicher als andere Menschen wahrnahm.

Sollte ich sagen, ich liebte Betty, die Gespräche mit Reemda und die

lustvollen Unterhaltungen mit Christine, oder war es nicht richtiger zu sagen,

sie gehörten zu mir, zu meiner Persönlichkeit? Ich, das waren auch Betty,

Reemda und Christine? Eine bereicherndere Sicht meiner selbst.

Im Institut traf ich häufiger den Studenten aus dem Derrida-Seminar. Zufall?

Könnte so mein erwachsener Sohn sein? Wünschte ich mir Lenny so? Unsinn.

Ich kannte den Studenten ja überhaupt nicht. Er hatte ein hervorragendes Referat

gehalten und mir anschließend ein paar schmeichelnde Worte gesagt,

sonst nichts. Wenn ich Eric traf, den Kollegen, der sich vornehmlich mit der

Romantik beschäftigte, verursachte es immer ein belebend freundliches Gefühl.

Wir hatten mal bei einer Feier nebeneinander gesessen und unendlich viel gelacht.

So ähnlich empfand ich bei dem Studenten, aber zwischen uns gab es

absolut gar nichts, keine gemeinsam durchtanzte Nacht, nichts. Elementar unterschiedlich

kann sich die Kommunikation unter Menschen gestalten. Mag

sein, dass du über bedeutsame Texte miteinander sprichst, aber die Welt ist

nach dem Gespräch keine andere als vorher auch. Du kommunizierst in ritualisiert

vorgegebenen Gesprächsformationen, deinen Gesprächspartner selbst

nimmst du kaum persönlich war, eine Kommunikation an der Oberfläche, wie

es gewöhnlich der Fall ist. Oder du siehst primär den anderen Menschen und

die Begegnung mit ihm lässt ein Licht aufleuchten, das wärmt und deine Gefühle

belebt. Primär sagst du oberflächlich: „Weil ihr befreundet seid.“ aber die

wirklichen Ursachen liegen tiefer, da wo dein Bewusstsein sie nicht genau erkennen

kann. Sie sind mit Wünschen, Hoffnungen, Träumen, Visionen und

Geistern verbunden. Warum ich mich jedes mal freute, den Studenten zu treffen,

dafür gab es keine Erklärung. Vielleicht ist es auch so, dass du beim ersten

Blick mehr erkennst als den möglichen Geschlechtsparter oder den bedrohlichen

Feind, vielleicht gibt es auch Signale in seiner Mimik, in seinem gesamten

körperlichen Ausdruck, die dir Hinweise auf seine Menschlichkeit vermitteln.

Die Menschen haben sich tot darüber diskutiert, ob es Gesetze über denen

das Staates gibt, aber für mich steht Antigone als Siinnbild für Menschlichkeit,

die Göttin der Menschlichkeit. Könnte es nicht sein, dass ich bei Georg auf

den ersten Blick erkannte, dass er ganz viel Antigone in sich trug? Er wusste

immer einige Sentenzen, meistens über Roland Barthes, die er so erzählte,

dass es mich lachen ließ. Als ob sich zwei vertraute, gute Bekannte träfen, so

kam es mir vor, dabei hatten wir konkret nichts miteinander zu tun. Auf dem

Flur redeten wir uns mittlerweile auch mit Vornamen an. Georg, so hieß der

Student, wollte im nächsten Semester sein Examen machen. „Ich wollte mal

fragen, ob ich meine Examensarbeit bei dir schreiben könnte?“ fragte er. „Natürlich,

worüber willst du den schreiben?“ erkundigte ich mich. „Roland Barthes.“

so Georg. „Oh, nein! Barthes ist kein Germanist, er hat keine deutschen


Romane, Erzählungen oder Gedichte geschrieben. Da wirst du dir aber etwas

einfallen lassen müssen, wie du die Biege hinbekommen willst. Aber du wirst

es schon schaffen. Lass es mich wissen.“ empfahl ich. Ich hielt es für

akzeptabel, wie er es machen wollte. Georg berichtete aber nicht nur über die

geplante Struktur seiner Arbeit, sondern er fragte mich immer wieder zu allem

und jedem. „Nein, nein, nein, Georg, so läuft das nicht. Ich bin nicht die Mutti,

die ihrem Jungen bei den Hausaufgaben hilft. Wie soll ich das denn hinterher

bewerten, wenn wir die Arbeit quasi gemeinsam machen. Das ist deine

Examensarbeit, und du ganz allein musst sie schreiben wie alle anderen

Studenten auch. Im Übrigen kennst du dich doch mit Barthes selbst viel besser

aus als ich. Wenn es mal essentielle Probleme geben sollte, kommst du in die

Sprechstunde, und dann reden wir darüber.“ wies ich Georg zurecht. Das ging

nun wirklich nicht, dass wir, während er die Arbeit schrieb, immer alles

gemeinsam berieten. Obwohl, gestört hätte es mich nicht, ich hätte es eher

selbst interessant gefunden, denn durch seine Bemerkungen hatte mich Georg

auch schon mit dem Barthes-Virus infiziert.

Reemdas Freund

Wir alberten und blödelten. „Unter den vielen neuen Männern, die du kennengelernt

hast, wird doch einer sein, der Reemda für etwas Einzigartiges hält.“

juxte ich. „Hör auf, Carolin, genauso wenig, wie es die Gesellschaft etwas angeht,

ob Carolin einen Mann braucht, kann Reemda ebenfalls sehr gut darauf

verzichten.“ entgegnete Reemda. „Aber die neuen Leute, die du kennenlernst,

gefallen dir doch unterschiedlich. Das läuft doch automatisch ab, das kannst du

doch gar nicht verhindern.“ meinte ich weiter scherzend. „Na ja, Till, der Grieche,

der ist ganz süß. Ach, Quatsch, Till ist ganz nett, meine ich.“ sagte Reemda.

„Der Grieche?“ fragte ich nach. „Ja, Till hat einen Tick für griechische Philosophie.

Von Platon und Sokrates wird er wohl alles auswendig können. Er kann

dir belegen, das alles was du denkst und tust, letztendlich auf griechischen

Wurzeln basiert.“ erklärte Reemda. „Und davon bist du so fasziniert?“ erkundigte

ich mich. „Überhaupt nicht. Till ist eigentlich gar kein richtiger Mann. Er

stinkt zwar wie ein Mann.“ begann Reemda. „Geht ihr schon miteinander ins

Bett?“ warf ich ein, und wurde mit einem mahnenden „Carolin!“ belehrt. „Nein

er ist irgendwie so kurios, so anders. Ich hab immer Lust, zu lachen, wenn ich

mit ihm zusammen bin. Wir haben uns nach einem Seminar in der Kneipe kennengelernt.

Die anderen waren alle schon gegangen, und Till meinte, dass wir

glücklichere Menschen wären, wenn wir von den Göttern Griechenlands an der

Freude leichtem Gängelband geführt würden, als unter der Knute der trostlosen

monotheistischen Christenreligion dahin zu vegetieren. Darüber haben wir

den ganzen Abend gesponnen und uns dabei schief gelacht. Seitdem kommt

Till mich öfter besuchen.“ erklärte Reemda. „Was dir aber überhaupt nicht

passt.“ wagte ich zu vermuten. Reemda lachte. „Das ist es ja gerade, es gefällt

mir viel zu gut. Wenn Till da ist, kommt es mir vor, als ob die Welt jetzt für

mich in Ordnung sei. Dann fühle ich mich in der Welt, so wie sie für Reemda

geschaffen ist. Eine herrliche Wohlfühlatmosphäre. Ich möchte das am liebsten

viel öfter, aber das geht ja nicht. Ich habe für so etwas doch gar keine Zeit,

und wer weiß, wohin das noch führen wird. Ich werde Schluss machen und Till

sagen, dass er nicht mehr kommen soll.“ prognostizierte Reemda. „Ah ja, du,


das ist die coole, taffe, hochintellektuelle angehende Wissenschaftlerin. Mit

Empfindungen und Gefühlen hat die nichts zu tun. Die stören nur und gehören

nicht zu ihrer Persönlichkeit.“ schlug ich Reemda ein Bild von ihr vor. „Nein,

aber es gibt schon eindeutige Prioritäten für mich.“ entgegnete Reemda. „So,

mit der ich mich immer so wundervoll unterhalten habe, das war die kluge,

scharf denkende Reemda, aber geliebt habe ich die Frau, die Freude daran

hatte mit Lenny zu spielen, die sich mild und sanft auf meine Ansichten einließ,

die offensichtlich Gefallen an mir fand. Das war die emotionale Reemda. Sieh

dich selbst doch nicht so geringschätzig, deine Gefühle und deine

Leidenschaften sind genauso viel wert wie deine klugen rationalen Gedanken.“

ermahnte ich. „Aber mit einem Mann? Da weiß man doch nie, wohin das führen

kann.“ so Reemda. „Liebe und so etwas meinst du, und davor hast du Angst,

nicht wahr?“ vermutete ich. „Liebe? Tiefstes Verstehen, innigste Zuneigung,

grenzenloses Vertrauen ...“ begann Reemda. „Alles nur Lüge, nicht wahr?.“

schlug ich vor. „Nein, aber es sind deine Visionen, deine Vorstellungen, deine

Fantasien, und das kann eine große Selbsttäuschung sein.“ befürchtete

Reemda. „Du magst ja Recht haben, dass es nicht selten so zutrifft. Aber wenn

du Lust hast, mit Lenny zu spielen, bereitet es dir ein gutes Gefühl, nicht

anders ist es, wenn wir uns unterhalten, und das Gefühl, für jemand anders

einzigartig zu sein, um seiner selbst geliebt zu werden, ist das stärkste,

großartigste Gefühl, dass es geben kann. Aber du willst dir die Möglichkeit

dazu verbieten, weil du eigentlich für so einen Plunder gar keine Zeit hast?“

zweifelte ich. „Carolin, ich will und brauche keine Liebesbeziehung zu einem

Mann. Ich werde mein Leben selbstständig und eigenverantwortlich gestalten.

Ich will mit meiner Zukunft vernünftig umgehen, ich selbst will sie gestalten,

das ist meine Zukunft, sie gehört mir. Es gibt doch Untersuchungen, die

belegen, dass sich dein Gehirn im Liebesrausch physiologisch verändert.“ so

Reemda. „Die neuesten Untersuchungen sagen alle, dass man es auch nicht so

ganz genau weiß.“ erklärte ich. „Vielleicht sollte ich die Begegnungen mit Till

nicht beenden, sondern darauf achten, dass sie in einem vernünftigen Rahmen

bleiben.“ erklärte Reemda. Aus meiner Sicht hatte sich Reemda längst in Till

verliebt, und der Vorgang des sich selbst Belügens bestand darin, diese

Gefühle nicht zugeben zu wollen. Im Grunde verhielt es sich bei Reemda nicht

viel anders, als es bei mir gewesen war, sie räumte sich selbst mit ihren

wirklichen Bedürfnissen und Gefühlen einen zu geringen Stellenwert in ihrem

eigenen Persönlichkeitsbild ein. Sie gehörte zu den Menschen, die zu klug sind,

um weise sein zu können.

Georgs Promotion

Georgs Arbeit war ausgezeichnet, äußerst wissenschaftlich für eine Examensarbeit.

Wenn er bei der Prüfung in einem anderen Bereich versagte, musste es

sich um Schlampigkeit handeln, was nicht geschah. Georg bestand mit sehr

gut. Glückwunsch und eine Umarmung hatte es natürlich nach der Prüfung in

der Uni schon gegeben, aber jetzt war Georg zu einem Kaffee zu uns eingeladen.

Betty war auch da. Ich sagte scherzend einige Worte zu Bettys Großartigkeit

und Georg lobte mich. So ein Unsinn. Er kannte mich doch überhaupt

nicht, meinte meine Persönlichkeit sei für ihn das Movens seiner Aktivitäten

gewesen, nur durch mich sei alles möglich geworden. „Georg, hör auf mit so


einem Stuss. Was immer du dir einredest, du selbst bist es gewesen, und ich

bin ein ganz normaler Mensch ohne irgendwelche Verhaltensauffälligkeiten.“

wies ich ihn zurecht. Betty fragte Georg einiges und war fasziniert. „Siehst du,

Carolin, Georg ist einer von den Menschen, die das Zeug haben, neue

Kontinente zu entdecken. Er braucht dazu keine Schiffe wie James Cook, er

entdeckt neue Kontinente unseres Denkens und der Verständigung unter den

Menschen, wundervoll. Kennst du noch mehr so prächtige junge Männer wie

Georg?“ fragte sie. „Würde dir Georg nicht ausreichen? Er ist ungebunden und

du suchst doch immer etwas für längerfristig.“ ironisierte ich. „Lass es, Carolin,

fang jetzt nicht damit an. Wir haben uns schon oft genug darüber amüsiert.“

reagierte Betty. Sie hatte immer nur kurzfristige Beziehungen, bei denen man

schon beim ersten Wortwechsel heraushörte, wie gering der Wert war, den sie

der Beziehung mit diesem Mann beimaß. Wahrscheinlich litt sie unter

Bindungsangst, denn im Grunde wollte sie gar nicht allein sein, aber sie litt

unter entsetzlichen Problemen mit ihren Vorstellungen zur Liebe. Sie hatte

schon öfter vom Therapeuten gesprochen. Aber jetzt stand der wundervolle

Georg im Vordergrund. Wäre Betty seine Mutter gewesen, sie hätte ihn

bestimmt verprügelt, wenn er es abgelehnt hätte, zu promovieren. Nur das

sahen ja alle so, dass es dazu keine vernünftige Alternative gäbe. Folglich

bestimmten Dissertation und Promotion das weitere Gespräch. Natürlich wäre

ich die Doktormutter, die auf das vom Doktoranden Georg Bremer

vorgeschlagene Thema für seine Dissertation wartete. Womit sollte sich die

Dissertation anders befassen als mit Roland Barthes? In der Uni gab es viel

Organisatorisches zu regeln, bis alles geklärt war, und Georg mit seinem

Promotionsstudium beginnen konnte. Wir trafen uns öfter und Georg fragte

mal dies und jenes. Jetzt blockierte er schon zum zweiten mal die

Sprechstunde. „Georg, das nervt. Ich unterhalte mich gern mit dir, auch

länger, das weißt du, aber wir können nicht immer die Sprechstunde

blockieren, sie ist für alle da, sie gehört allen. Ich habe eine Idee, wenn du

wieder etwas besprechen möchtest, rufst du mich einfach an und kommst zu

uns nach Hause. Am Spätnachmittag geht es meistens.“ erklärte ich. So

wollten wir es machen. Georg kam auch, zunächst recht selten, aber dann

häufte es sich. Oft hatte er gar keine direkten Fragen, sondern wollte nur mal

etwas mit mir besprechen. Mir gefiel das, ich war ja mittlerweile auch von

Barthes fasziniert. „Warum willst du gehen? Lenny würde sich auch freuen,

wenn wir zu dritt sind. Oder hast du Angst, dass dir das Abendbrot bei uns

nicht schmecken könnte?“ fragte ich scherzend. „Weißt du, ich habe ein Pferd

und eine ganz lange Lanze, die stoße ich dem Drachen ins Herz, dann fällt er

um und ist tot. Georg, das ist nämlich der Drachentöter.“ verkündete Georg

beim Abendbrot. Nach wenigen Fragen und Kommentaren stand für Lenny fest,

Georg solle die Drachen doch lieber am Leben lassen. „Lenny, Drachen, die

gibt es in Wirklichkeit gar nicht. Das denken sich die Menschen nur aus.“

erklärte Georg. „Dinos meinen die, nicht wahr?“ suchte Lenny Bestätigung.

„Dinos gibt es auch nicht. Kein Mensch hat jemals einen gesehen. Als die

ersten Menschen kamen, waren die Dinosaurier schon Millionen Jahre

verschwunden.“ erläuterte Georg. Das wühlte Lenny kolossal auf. Die Welt, das

war in seinem Weltbild eine Welt mit Menschen. Etwas anderes existierte nicht.

„Und die Menschen, die ersten Menschen, wo kamen die her?“ wollte er von

Georg wissen. „Von den Affen.“ antwortete Georg nur lapidar. Er hatte aber


den Ausgangspunkt für eine endlose Geschichte geschaffen, die mit

evolutionären Grundlagen begann, bald aber die ganze Welt in ihrer

Allgemeinheit und all ihren Spezifikationen einbezog. In Lennys

Selbstwertschätzung nahmen die Gespräche mit Georg bald einen wichtigeren

Stellenwert ein als all sein Wissen über Wäsche waschen und Kuchen backen.

Georg hatte sich gewandelt vom Drachentöter zum Sieger im Kampf gegen das

Unwissen. Auch wenn Georg mal etwas nicht erklären konnte, dem Bild der

Ikone des Wissenden konnte das keinen Kratzer zufügen. Bald war Georg

selbstverständlich jeden Nachmittag von montags bis donnerstags bei uns.

Dass er zum Abendbrot blieb stand außer Frage. Manchmal blieb er auch noch

länger. Begonnen hatte es damit, dass ich vorgeschlagen hatte, sich etwas

gemeinsam auf arte anzuschauen. Jetzt kam es auch schon mal vor, dass wir

uns einfach über irgendetwas unterhielten. „Wenn ich zum Beispiel dich und

Betty erlebe, so nahe könnte ich einem anderen Menschen nie kommen. Mich

über ihn lustig machen und wissen, dass es ihn nicht verletz, unvorstellbar.“

erklärte Georg. „Wieso, hast du keine Freunde?“ fragte ich nach. „Doch schon,

mit Tom und Justin komme ich zum Beispiel prima aus, aber du spürst, oder

ich empfinde es so, dass da irgendwo eine Grenze ist, da geht’s nicht weiter,

da wird’s nicht tiefer. Mit Madeleine ist das genauso. Wir mögen uns gut leiden,

sind gute Freunde, aber dass ich sie lieben, sie anfassen könnte,

unvorstellbar.“ erkläre Georg. „Oh, Georg, das ist doch kein technischer

Vorgang, bei dem ich dir raten könnte, tu dies oder besser jenes. Das sind

doch deine Wünsch, deine Emotionen, deine Leidenschaften. Die sind immer

und überall beteiligt. Wenn du dir nicht vorstellen kannst, Madeleine zu lieben,

dann wird sie dein Innerstes nicht so in Wallungen versetzen wie die Semiotik,

der du dich mit voller Hingabe ergeben hast. Ich kann dir nur raten, keine

Fehler bei dir zu suchen, persönliche Beziehungen sind immer ein Spiel von

Wechselwirkungen.“ lautete meine Ansicht.

Wonnegefühle

Im Grunde hatte sich ja nichts verändert. Die Tage verliefen wie sonst auch,

nur dass Georg an vier Tagen in Kevins ehemaligem Zimmer saß und wir jetzt

beim Abendbrot immer zu dritt waren. Aber die Tage waren doch ganz andere

geworden. Wenn ich nach Hause kam, war da nicht nur Lenny, auf den ich

mich freute, da war auch immer dieses Wesen, von dem durch das Wissen um

seine Anwesenheit, meine Stimmung angehoben wurde. Wenn Georg mal verhindert

war, trübte es meine Laune. Vor allem waren es die Abende, die dem

Reich der Träume, Visionen und Wünsche ihre Tore öffneten. Ich wollte das

nicht, niemals davon träumen, mit einem Mann glücklich zu sein. Ich brauchte

das nicht, und trotzdem schlich es sich immer wieder ein. Na ja, zu dem, was

ich mir unter Mann vorstellte und ja auch leidvoll selbst erfahren hatte, passte

Georg absolut nicht. Seine wissenschaftliche Arbeit hatte für ihn einen hohen

Stellenwert und zweifelsohne würde er sich auch primär darüber definieren,

aber da war auch der andere, der Lust hatte mit Lenny zu quatschen und mit

ihm Blödsinn zu machen. Da war auch der, der mich mit sanfter Stimme nach

etwas fragte, was er sich selbst wahrscheinlich viel besser hätte beantworten

können, nur weil er Lust hatte, mit mir zu reden. Da war auch der, der abends

offen mit mir persönlich Intimes besprach, worüber er sich mit seiner Mutter


wahrscheinlich nicht getraut hätte zu reden. Da war auch der, der vermittelte,

dass er sich bei mir vertrauensvoll, wohl und geborgen fühlte. Barrieren, die

nicht zu überwinden waren, wo wollte Georg die zwischen uns denn ausfindig

machen? Wir gingen auch gemeinsam ins Konzert. Allein schon mit Georg die

Philharmonie zu betreten hob meinen Gefühlslevel. Die Musik erlebte ich

beglückend. Wie in meinem Katzenkörbchen liegend hätte ich vor

Wonnegefühlen schnurren können. So ein Unsinn, nur weil dieser Georg neben

mir saß, sollte alles ganz anders sein, aber ich erlebte es so. Ob Georg auch

wohl von mir träumte? Ob er mich gern geküsst hätte? Genau weiß ich das

natürlich nicht, aber seine Beachtung und Anerkennung war grenzenlos.

Wegelagerer

Reemda und Till hatte es doch zusammen geführt. Aber sie waren kein Paar,

bei dem Mann und Frau aus Liebe ihr Leben gemeinsam führen wollten. Zwei

Wegelagerern glichen sie, waren aufeinander getroffen und kamen nicht wieder

voneinander los. Reemda dominierte sanft. Wenn sie Till etwas fragte, konnte

der es oft nicht direkt beantworten, aber das war völlig unerheblich. Das Gespräch

war entscheidend, vor allem, dass es immer mit einer ironischen oder

satirischen Bemerkung enden musste, oder beide lachen ließ. Dabei handelte

es sich um eine unausgesprochene Übereinkunft, die aber immer streng beachtet

wurde. Die beiden hatten einfach Lust aufeinander, und sie lebten zusammen,

um diese Lust zu fördern oder zu steigern. Lust aufeinander. Auf wen

hatte ich denn Lust? Auf Lenny, das war schon so, wenn er sonntags morgens

zu mir ins Bett kam, um mich zu trösten, damit ich nicht so allein wäre. Das

konnte manchmal schon sehr früh sein, aber nur sehr selten schliefen wir gemeinsam

wieder ein. In der Regel wurde dann die Nabelschnur neu geknüpft,

mental und emotional. Wir waren uns so nahe, wie Menschen es nur sein können.

Dass ich erwachsene Mutter und er Kind war, gehörte zur Entourage der

Alltagsansichten, jetzt existierten nur wir bede selbst als reine Menschen, die

sich Liebkosungen, Neckisches und Intimes zuwisperten. So nah konnte eine

Beziehung zu einem anderen Menschen nicht sein, zu einem fremden Mann

erst recht nicht. Vielleicht bekäme Lenny später Schwierigkeiten, wenn sich

diese Erlebnisse bei ihm einprägten, und er eine Freundin suchte, die ihm Ähnliches

vermittelte. Aber ein wenig Ähnliches musste er auch schon wohl bei seiner

Omi erleben. Bei ihr durfte er nämlich mit im Bett schlafen, das absolut

Wundervollste. Vielleicht entspricht es einem genuinen Bedürfnis des Menschen,

aneinander gekuschelt einzuschlafen, die Wärme des anderen zu spüren,

aber sogar Tiere tun es ja auch. Man sagt, wegen der Wärme, aber es ist

das Empfinden von Schutz und Geborgenheit, das Gefühl von Sicherheit durch

den anderen, das Ausgeglichenheit und Entspannung vermittelt, die zum Wohlempfinden

fürs Einschlafen führt. Haptische Sinnesfreude einfach schon durch

den Körperkontakt mit einem geliebten Menschen.

Genussmensch

Haptische Sinnesfreuden, so etwas könnte es zwischen Georg und mir niemals

geben. Die Beziehung zwischen Georg, dem Mann, und Carolin, der Frau, war


absolut fern jeder Anmutung, die ihre Basis in etwas mit libidinösen Vorstellungen

finden könnte. Georg gehörte einfach dazu, so wie Lenny dazu gehörte,

wie Christine und ich selbst. Ein wenig anders war es allerdings schon. Das gemeinsame

Abendbrot schaffte eine vertrauensvollere Atmosphäre, die stärkere

Verbundenheit ausstrahlte. Bei unseren Gesprächen handelte es sich ja nicht

ausschließlich um wissenschaftlich relevante Sachverhalte, es war auch immer

ein Zusammensein, das von Freundlichkeit und Zuneigung geprägt war. Hinzu

kam, dass es mittlerweile keinen Winkel in unserem Gedächtnis über unsere

Entwicklung mehr gab, von dem wir nicht einander erzählt hätten, es diskutiert

und eingeschätzt hätten. Wir kannten alles von uns, hatten Lust uns auszutauschen

und möglichst alles genau vom anderen zu erfahren. In allem hatten wir

uns geöffnet. Georgs Handeln oder Denken wertend zu beurteilen, konnte nicht

mehr geschehen. Wenn es Unklares gab, versuchten wir es zu verstehen. Ein

träumerisch, versonnener, isolierter Mensch war Georg nie gewesen, aber er

war auch kein extrovertierter Massenjunkie. Durch sein Klavierspiel sei ihm immer

schon eine gewisse Außenseiterrolle zugekommen. Andere hätten auch ein

Instrument gespielt, aber bei ihm habe es großes Interesse für klassische

Musik allgemein geweckt. „Hinzu kam, dass mir jede Art von Kampfsport wesensfremd

war, und Sport ist immer Kampf, wenn auch letztlich nur gegen dich

selbst. Ich bin ein Genussmensch, finde es wundervoll, das viele Schöne, das

uns umgibt, oder das geschaffen wurde, zu genießen.“ erklärte Georg. „Genau,

darin liegt alles Übel dieser Welt, dass die Menschen offensichtlich über ein

Gen verfügen, dass sie zum Kämpfen, Siegen und Gewinnen wollen drängt.“

kommentierte ich. „Na, ob es das allein ist? Die Menschen sind eindeutig keine

Idealwesen ihrer Spezies. Sie belügen und betrügen sich, bringen sich sogar

gegenseitig um und lassen sich alles Unerdenkliche einfallen, um die friedliche

Kommunikation und das glückliche Miteinander zu stören.“ erwiderte Georg.

„Träumst du von einer besseren Welt?“ fragte ich schlicht. „Wer tut das nicht?

Das haben die Menschen getan, solange sie sich und ihr Leben kritisch reflektieren

können. Glücklicher soll das Leben für dich sein. Jeden Tag sollst du etwas

tun, was dein Wohlempfinden steigert, haben die Griechen gesagt. Ist das

für dich so?“ fragte Georg. „Fühlst du dich nicht wohl? Empfindest du nicht,

dass unser Leben insgesamt ziemlich glücklich ist. Ich steigere mein Wohlempfinden

dadurch, dass ich jeden Tag von dir Freundlichkeiten erwarte.“ erklärte

ich und lachte. Georg schmunzelte. Lenny hatte Georg gefragt, warum er keine

Frau oder Freundin habe. „Da muss man ja eine Frau kennen, in die man verliebt

ist.“ hatte Georg erklärt. „Reemda, die wäre klasse, aber die hat jetzt

schon den Till. Aber du hast schon Recht. Man braucht ja nicht unbedingt einen

Mann oder eine Frau. Omi hat keinen Mann, und der geht’s gut, und uns geht’s

doch viel besser, wenn du hier bist, als wenn Kevin, mein Vater, immer hier

wäre.“ hatte er sinniert. Dass Georg für Lenny unentbehrlich war, freute mich

außerordentlich. Sein Ansinnen über eine Freundschaft mit Reemda, wäre jedoch

absolut unrealisierbar gewesen. Verstehen konnte ich es nicht. Georg und

Reemda konnten sich hoch intellektuell unterhalten und es war auch gewiss für

beide nicht uninteressant, aber es fehlte das, was ich als das wärmende Licht

bei der Kommunikation miteinander bezeichnete. Die beiden verstanden ihre

Worte, aber sich gegenseitig nicht. Und ich konnte Georg nicht verstehen. Er

wusste doch alles. Gab es eine bessere Schule als Barthes? Aber alles Wissen

scheint nichts wert. Genauso wie die Zuneigung sich aus Tiefen des Unbewuss-


ten generiert, müssen auch wohl die Barrieren, die sich zwischen Menschen

auftun, hier ihre Wurzeln haben. In Georgs Verhalten gegenüber Reemda wurde

das deutlich, wovon er bei seinen Freunden gesprochen hatte. Eine tiefer

gehende Beziehung würde es nie geben können. Dabei war Georg keineswegs

verschlossen und zurückhaltend, sondern eher offen und aufgeschlossen, aber

außer seiner Beziehung zu Lenny und mir bewegte sich die Kommunikation

auch wohl meistens an der Oberfläche. Bei mir war es in weiten Bereichen fast

zwangsläufig nicht anders gewesen. So kommunizierte man eben miteinander.

Aber seit meinem Wissen über Roland Barthes wollte ich das möglichst weitgehend

ändern. Die Besucherin in der Sprechstunde spürte, dass du sie sahst,

Interesse an ihrer Person hattest, und es kam zu den ungewöhnlichsten Gesprächssituationen.

Dass etwas zum Problem wurde, lag häufig nicht an den

Texten oder dem Konzept der Arbeit, sondern vielfach in der Persönlichkeit des

Rat suchenden. Nur so konnte etwas zum Ausdruck kommen, etwas verändert

werden, während ich sonst in banalen Strukturen an der Oberfläche diskutierte

hätte. Bei uns zu Hause war zum Beispiel das Tischdecken zum Abendbrot

auch eine Aktivität, die wenig Tiefgang hatte, sondern eher der Oberfläche verhaftet

war. Trotzdem war es keineswegs bedeutungslos. Mit Georg gemeinsam

die erforderlichen Handlungen durchzuführen, verlieh der banalen Aktivität

einen freudigen Schimmer. Immer war es so, wenn wir etwas gemeinsam

machten. Anerkennung gab es dafür ja nicht, aber es machte einfach mehr

Spaß, mit Georg gemeinsam die Spülmaschine einzuräumen. Es fühlte sich gut

an, wenn Georg da war. Es war eine glückliche, belebende Zeit für uns. Die

meiste Zeit verbrachte Georg aber bei sich zu Hause. Hinzu kam, dass er das

Doktorandenkolloquium besuchen musste und selbst eine Übung anzubieten

hatte. Ich konnte die Texte von Barthes und die Sekundärliteratur im Original

nicht lesen. Dazu reichte mein Schulfranzösisch nicht aus. Georg hatte das

zweite Semester in Lyon studiert, obwohl er doch Germanistikstudent war. „Ich

hatte im Abitur eine eins in Musik, aber was willst du damit machen, wenn du

nur mäßig Klavier spielst? Musiktheoretiker werden? Die alten Opern neu interpretieren?

So etwas war für mich keine Perspektive. An Philosophie war ich

ziemlich interessiert, aber mein Leben mit Kant und Hegel und Schopenhauer

zu verbringen, war auch nicht wünschenswert. Ich verehre die Sprache und

bewundere sie. Schriftsteller und Dichter sind für mich Künstler, die denen in

den bildenden Künsten nicht nachstehen. Ich liebe ihre Werke. Also kam nur

Germanistik in Frage. Mein philosophisches Interesse war aber nicht verschwunden.

Als ich von Gil Deleuze und seinen umwerfenden Ideen hörte,

wollte ich sie unbedingt im Original lesen können. Deleuze war längst nicht

mehr in Lyon, als ich kam, aber ich lernte ihn verstehen und lernte Französisch.

Na, und so bin ich bei den Poststrukturalisten hängen geblieben.“ erklärte

Georg. „Und von denen hast du deine ganze Persönlichkeit okkupieren lassen.“

versuchte ich leicht zu provozieren. Georg schmunzelte. „Gibt es da

nichts anderes, was dir vielleicht auch ersichtlich werden könnte?“ fragte er.

Was mir ersichtlich wurde, nahmen meine Gefühle wahr, und die sollten eigentlich

schweigen.

Pallas Athena

Wenn wir nicht explizit etwas zu besprechen hatten, verbrachte Georg die


meiste Zeit mit der Dissertation in seinem Zimmer. Manchmal kam er in die

Küche, um unter Menschen zu sein und dabei einen Kaffee zu trinken. Christine

war der Ansicht, er müsse unbedingt in die Schule gehen. Er sei eine ideale

Lehrerpersönlichkeit. Solche Menschen, wie Georg, brauchten die Schülerinnen

und Schüler. Aber dann hätte er anders studieren müssen. Lena, Christines

Töchterchen, hatte sich gleich beim ersten Kontakt in Georg verliebt. Sie sah

ihn forthin nur mit glänzenden Augen an. Georg habe sie angelächelt, das sei

affengeil gewesen und er habe sich richtig voll ernst mit ihr unterhalten. Sie

habe die ganze Nacht von Georg geträumt. Lena erweckte sonst gar nicht den

Eindruck einer jungen Frau der es an Anerkennung als junge Erwachsene mangelte.

Sie liebte eher die übermütigen Späße mit Lenny. Wenn ich ihr diese Anerkennung

vermittelt und sie supercool angelächelt hätte, ob sie dann auch

von mir geträumt hätte. Es ist zum Verzweifeln, wie schon bei kleinen Mädchen

in der Pubertät sich die Libido einmischt, oder wie selbstverständlich es ist,

dass Klischeebilder der Allgemeinheit übernommen werden. Georg gehörte

eben nicht einfach dazu. Ich war noch nie einem anderen Menschen so nahe

gewesen, hatte mich noch nie einem anderen Menschen so selbstverständlich

in allem offenbart wie Georg. „Der andere bleibt immer der andere.“ hatte

Reemda gesagt. Das galt für Georg, den Mann, äußerst strikt, aber andererseits

passte es nicht zu der Distanz, die so hauchdünn war, dass ich sie oft

nicht wahrnehmen konnte. Wir machten uns schon Komplimente, aber sie

mussten feinsinnig und versteckt sein. Nichts wäre mehr daneben gewesen als

grobschlächtige Lobhudeleien und platte, banale Komplimente. Georg gefiel

mein Aussehen, mir selbst weniger. Mein Gesicht entsprach keineswegs den

Regeln des goldenen Schnitts, es war viel zu lang. Ich wirkte dadurch eher

ernst und nüchtern, aber Georg erkannte darin die griechisch Göttin der Weisheit,

deren Anblick die Menschen beglücke. „Pallas Athēnâ war aber auch die

Göttin des Kampfes. Siehst du diese Wesensmerkmale auch in mir?“ wollte ich

von Georg wissen. Georg antwortete nicht. „Hältst du mich für eine Kämpferin.

Sag es, ich will es wissen.“ forderte ich ihn scherzend auf. Georg zierte sich.

„Wir kennen einander so gut wie sonst niemanden auf der Welt, aber alles können

wir letztendlich nicht wissen. Du weißt ja selbst über dich nicht einmal alles.

Ich vermute, dass es in dir etwas gibt, das kämpft. Der Kampf findet gegen

etwas anderes statt, das auch zu dir gehört. Du bist eine sehr ausgeglichene,

harmonische, glückliche Frau, aber es gibt auch einen Punkt der Disharmonie.“

erläuterte Georg seine Ansicht.

Rigorosum

Disharmonien die gab es schon, aber nur abends, wenn sich meine Träume in

verbotenes Terrain bewegten. Nein, nein, nein, was auch immer geschah, die

Vorstellung vom glücklichen Zusammenleben mit einem Mann war ein für alle

mal verbannt aus meinem Leben. Lenny kam in die Schule. Wegen seiner Allgemeinbildung

und seines umfangreichen Wissens hätte er gleich zum Gymnasium

gehen können, aber Lesen und Schreiben waren eben unverzichtbar. Mir

tat es außerordentlich leid für Thilda Stegmann. Sie war die eigentliche Mutter.

Mit ihr war Lenny aufgewachsen, mit ihr hatte er gelebt, und sie hatte für ihn

gelebt. Sie gehörte zu Lenny, war beim Gehirnwachstum in seinen Bahnen verankert

und würde ihn nie wieder verlassen können. Thilda war nicht nur


schlicht die Tagesmutter, auf eine spezifische Art waren wir Freundinnen

geworden. Ich bat sie, uns so oft wie möglich zu besuchen, aber die kurzen,

täglichen Gespräche über Lenny würden mir fehlen. Lennys Schuleintritt

veränderte unsere Welt. Georg wurde erneut in die Kunst des fein ziselierten

Buchstabenmalens eingeführt. Was nach Lennys Ansicht unbedingt erforderlich

war. Georg hatte ihm etwas von seinen handschriftlichen Notizen gezeigt, und

Lenny wollte es mit zur Schule nehmen, um es mal seiner Lehrerin zu zeigen.

Trotz Lennys Schulbeginn kam Georg dem Ende seiner Arbeit immer näher. Da

häufte sich die Arbeit noch einmal. Er fragte mich, ob ich sie nicht Korrektur

lesen könne. „Georg, du spinnst wohl. Ich weiß nicht, ob das nicht sowieso

schon unzulässig ist, dass wir alles immer besprochen haben, aber dafür gibt

es ja keine Präzedenzfälle, und letztendlich hast du ja geschrieben, was du

wolltest. Aber du sollst beweisen, dass du selbständig wissenschaftlich arbeiten

kannst, ich muss es beurteilen und soll es mir vorher durchlesen? Dann kann

es nur unsere gemeinsame Arbeit sein, aber bei wem reichen wir sie dann ein.“

scherzte ich. Es dauerte, die Arbeit musste druckreif abgeliefert werden und

dann brauchte es seine Zeit, bis der Coleser und ich die Arbeit gelesen und ein

Gutachten verfasst hatten. Natürlich waren die Gutachten ausgezeichnet, aber

obwohl wir sehr unterschiedliche Schwerpunkte sahen und hervorhoben, wurde

kein Drittleser beauftragt. Ein Termin für's Rigorosum wurde anberaumt. In der

Regel stellt das Rigorosum kein Problem dar, aber Georg war ja Germanist,

und da konnte man nicht sicher sein, ob es nicht jemanden gab, dem die

ganze Richtung nicht passte. Die Situation drehte sich aber um. Nicht Georg

musste seine Arbeit verteidigen, sondern es glich eher einem Seminar, das

Georg hielt, in dem er die Fragen der interessierten Professoren beantwortete.

„Summa cum laude“ hatte das als Ergebnis zur Folge. Was wollte ein

Doktorand mehr erreichen? Dr. Georg Bremer durfte er sich aber erst nennen,

wenn seine Arbeit veröffentlicht und die Urkunde durch die Universität

verliehen war. Bei Georg zu Hause gab es eine kleine Feier. Die Eltern hatten

aber niemanden sonst eingeladen, weil sie die Freude mit Georg allein

genießen wollten. „Und dein Klavierspiel, wie oft kommst du denn noch zum

Klavierspielen?“ wollte seine Mutter wissen. Andere hielten Georgs Virtuosität

am Klavier nicht für besonders anerkennenswert, aber seine Eltern waren

immer begeistert. Für Georgs Mutter war Georgs Persönlichkeitsbild mit

seinem Interesse an Musik verbunden. Trotz aller wissenschaftlicher Erfolge

konnte sie es nicht verwinden, das Musik heute nicht mehr Georgs Leben

dominierte. Ein großes Geschenk sollte es aber schon geben. Eine Weltreise

oder ein Auto oder etwas anderes in der Preislage. Am liebsten hätte Georg

gesagt, dass ihm materielle Geschenke nicht viel bedeuteten, aber das konnte

er seinen Eltern nicht zumuten. Außerdem, was sollten sie ihm denn sonst

schenken? Da war diese Barriere, bei der einem nichts anderes mehr einfällt,

als durch materielle Geschenke seine Zuneigung auszudrücken. Und bei uns?

Da sollte der Zuneigung durch eine Party Ausdruck verliehen werden. Alle

sollten kommen. Christine und Thilda sollten auch ihre Männer mitbringen, die

Georg noch nie gesehen, vielleicht sogar noch nie von ihm gehört hatten.

Vielleicht würde die Partylaune ja auch die Stimmung zwischen Georg und

Reemda beeinflussen können. Aber alles kam ganz anders. Till und Georg

diskutierten den ganzen Abend über Poststrukturalismus, während Christine

und Thilda hoch interessiert Reemdas Vorstellungen lauschten, warum sich


eine Frau selbstverständlich als Feministin verstehen müsse. Ich tanzte mit

ihren Männern und lachte mich schief. Gerry und Rafael, Christines und Thildas

Männer, waren eigentlich ganz nette Typen. Ich konnte mit ihnen lachen und

mich amüsieren. Ob ich geheilt war von dem Horrorimago des Männerbildes.

Georg war und blieb ja schließlich auch ein Mann, aber so wollte und durfte ich

ihn nicht sehen. Der Mann als Schreckensbild existierte für mich wohl nur im

Hinblick auf das gemeinsame Leben mit einem Mann, denn in der Uni gab es

doch auch Männer, die ich ganz nett fand, und zu Eric gab es einen

freundschaftlichen Draht. Reemda und Georg fanden nicht zueinander, aber

Reemda war begeistert vom Gespräch mit ihren überaus interessierten

Partnerinnen, die sie ja oberflächlich kannte. Gerry und Rafael waren

begeistert von der lustigen Frau Professor, und Till war der Ansicht, dass es

keinen kompetenteren Gesprächspartner als Georg für ihn gebe.

Nicht hier, Georg

Zunächst musste Georg aber noch mein Gesprächspartner sein. Sein 'summa

cum' Erfolg öffnete ihm gewiss viele Möglichkeiten, aber im Grunde gab es nur

eine sinnvolle Konsequenz, sich zu habilitieren. Und das weiter so wie bisher?

Sich hier habilitieren und bei uns seine Arbeit schreiben. Faktisch hatte Georg

schon wie mein Mann gelebt. Es gab gewiss nur wenige Paare, die so vertraut

miteinander waren, aber es zu beenden, dazu hatte mir bislang die Kraft und

der Wille gefehlt. „Georg, ich muss etwas mit dir besprechen, was du sicher

nicht verstehen wirst. Es wird dich schmerzen und traurig machen. Du weißt,

dass ich das nicht will, aber es gibt ein oberstes Gebot für mich, und das befürchte

ich, nicht einhalten zu können. Ich war verheiratet, habe mit einem

Mann zusammen gelebt, das weißt du. Mein oberster Grundsatz lautet seitdem,

ich werde mein Leben führen, werde allein bestimmen, was geschehen wird

und zu geschehen hat und mich niemals mehr vom Zusammenleben mit einem

Mann abhängig machen.“ erklärte ich. „Aber, Carolin, was hat das denn mit mir

zu tun?“ wollte Georg wissen. „Georg, faktisch ist es doch so, als ob wir ein

Paar wären. Wir gehen zwar nicht miteinander ins Bett und vermeiden alle Liebesäußerungen,

aber emotional und gefühlsmäßig sind wir uns außergewöhnlich

eng verbunden.“ erklärte ich. „Und was folgt für dich daraus?“ fragte Georg.

„Georg, ich will das nicht und will es keinesfalls weiter intensivieren. Ich

will mein leben allein für mich gestalten. Wenn dich hier habilitierst und deine

Habilitationsschrift hier bei uns verfasst, wird das nicht möglich sein.“ stellte

ich klar. „Was denkst du dir, wie ich deinem Wunsch entsprechen könnte?“

fragte Georg. „Ganz einfach, du musst sie anderswo schreiben. Das wird doch

kein Problem darstellen.“ antwortete ich. Ob Georg jetzt zu Hause weinte? Bei

mir waren die Tränen auch nicht fern, aber ich war auch gleichzeitig froh, dass

ich es geschafft hatte, dies Problem zu klären. Georg musste mich sehr lieben.

Ich hörte keine Vorwürfe oder Versuche meine Argumentation zu entkräften,

Georg folgte mir und erkundigte sich in Köln.

Habilitation

Ich bin kein Mensch, der zu Depressionen oder melancholischen Anwandlungen


neigt, aber den Tagen ohne Georg fehlte etwas Entscheidendes. An Sonnentagen

verleiht die Sonne allem leuchtende Farben, während an grauen, wolkenverhangenen

Tagen der Dunst eines Grauschleiers der Alltagsrealität alles

überzieht. An Tagen ohne Georg fehlte das Leuchten. Es lag ja nur an mir, war

nur mein Wunsch, dass Georg sich anderswo habilitieren sollte. Ich hatte es

zwar erklärt, warum ich es so sah, aber nachempfinden konnte Georg es für

sich nicht. Trotzdem tat er es, weil ich es wünschte und beklagte es mit keinem

Wort. Jetzt kam Georg öfter an den Wochenenden. Er hatte das Autogeschenk

angenommen. Georg kam schon am späten Freitagnachmittag und fuhr

erst wieder am Montagmorgen. Ich konnte und wollte meine Freude nicht verbergen,

wenn Georg am Freitag kam. Eine französische Begrüßung mit Umarmung

und Wangenkuss war selbstverständlich. Georgs Anwesenheit gestaltete

sich jetzt völlig anders als sonst. Er saß nicht mehr in Kevins Zimmer und hatte

zu arbeiten, die Wochenenden gehörten mit jeder Sekunde voll uns. Ob es

Lenny die höheren Bildungsweihen vermittelte, weiß ich nicht, aber wir nahmen

ihn immer mit in alle möglichen Ausstellungen. Beklagt, dass es langweilig

sei oder es ihn nicht interessiere, hat er sich jedenfalls nie. Wenn wir abends in

die Oper, ins Konzert oder ins Kino gingen, konnte Lenny auch schon mal allein

bleiben. Er hatte ein Handy, mit dem er uns im Notfall anrufen konnte, aber

lieber ging er immer noch zur Omi, was für mich auch beruhigender war. Wenn

Georg jetzt bei uns war, lebten wir wirklich voll zusammen, wie eine Familie an

Urlaubstagen. Wir hatten gemeinsam Lortzings „Zar und Zimmerman“ besucht,

hatten gelacht und in den romantischen Arien und Tänzen geschwelgt. Anschließend

waren wir Essen gegangen und hatten es genossen, uns face to

face gegenüber zu sitzen und dem anderen lächelnd tiefe Blicke zu schenken.

Sinnliche, gefühlvolle Momente, in denen wir das gegenseitige Verlangen lustvoll

spüren konnten, es aber nicht benennen durften. Wegen meiner Disharmonien,

weil sich in mir nicht die Vorstellung eines glücklichen Lebens mit Georg,

dem Mann, entwickeln sollte, wollte ich nicht, dass Georg seine Habilitationsschrift

bei uns verfasste, jetzt gestaltete sich die Beziehung zwischen Georg

und mir, wenn er an den Wochenenden kam, wesentlich deutlicher und intensiver

als vorher. Wir sprachen auch über Georgs Habilitation, aber in der Regel

befassten wir uns nur mit unserem gemeinsamen Leben hier und jetzt, was wir

jetzt gemeinsam tun konnten, um unser Wohlempfinden und Glücksgefühl zu

steigern. Als ich mit Kevin verheiratet war, hatte meine Mutter ihre Besuche

bei uns auf ein Minimum reduziert. Sie hat nie etwas gegen Kevin gesagt, das

machte man eben nicht, aber er entsprach keineswegs ihrem Geschmack. Als

wir uns getrennt hatten, normalisierte sich alles, und sie war sichtlich zufrieden.

Dass Georg ständig bei uns war, musste ihr doch zu Vermutungen Anlass

geben, aber gesagt hat sie nie etwas. In Liebesverhältnisse anderer mischte

man sich grundsätzlich nicht ein. Dass sie Georg gern mochte, war nicht nur an

ihrer innigen, langen Umarmung nach der Promotion zu erkennen, sie brachte

es auch öfter in lobenden Erwähnungen zum Ausdruck, aber mir etwas im Hinblick

auf meine Beziehung zu Georg zu empfehlen, dessen enthielt sie sich

strikt. Georg hatte zu uns gehört. Ich wollte es nicht weiter fortsetzen, weil ich

Befürchtungen für meine Entscheidungsfähigkeit sah und Angst hatte, es könnte

zur Verletzung meines wichtigsten Grundsatzes führen, jetzt gehörten Georg

und ich an den Wochenenden viel deutlicher zusammen, wir führten ein gemeinsames

Leben, nur alles Libidinöse war weiterhin einer unausgesprochenen


Übereinkunft gleich, strikt tabu.

Keine Lügen mehr

Georgs Habilitation wurde angenommen, und er erhielt eine befristete Stelle

als Privatdozent an der Uni in Köln. Jetzt musste er sich im gesamten deutschsprachigen

Raum von Innsbruck bis Kiel um eine Professur bewerben. Seine

Chancen waren nicht schlecht, denn Bewerber mit ähnlichen Qualifikationen

waren nicht sehr zahlreich. „Carolin, ich hab es ertragen all die Jahre, weil du

es so wolltest. Habe es sogar manchmal selbst für die Realität gehalten, mich

selbst belogen. Sollen wir nicht endlich Schluss machen damit.“ erklärte Georg

ernst und getragen. „Womit sollen wir Schluss machen? Womit hast du dich

selbst belogen?“ wollte ich wissen. „Es gibt dieses unaussprechliche Wort, das

wir nicht nennen dürfen. Es ist deine Setzung, ist mit deinen Gespenstern verbunden,

aber die Wirklichkeit schert sich nicht darum. Es ist einfach gekommen,

hat sich selbst einen Weg gebahnt und ist allgegenwärtig. Zu sagen, es

gäbe keine Liebe zwischen uns, das entspricht nicht der Wahrheit, sondern ist

Selbstbetrug.“ erklärte Georg. „Liebe, Liebe, was soll ich damit anfangen? Es

sind deine Gefühle, deine Emotionen, deine Visionen. Was habe ich damit zu

tun? Vielleicht sind sie wahr, vielleicht ist aber auch alles nur gelogen. Wie dem

auch sei, es sind keine Fakten, sondern deine Gefühle, die ich dir glauben

kann. Und selbst wenn ich es glaube, verstehe ich es nicht, weil es nicht meine

Gefühle sind.“ reagierte ich. „Carolin, es ist doch nicht nur so, dass ich dich für

einen wundervollen Menschen halte, für mich gibt es fast seit unserer ersten

Begegnung kein anderes Bild für Liebe zu einer Frau als dich. Liebe, das kann

nichts anderes für mich sein, als Liebe mit Carolin.“ antwortete Georg. „Es mag

ja sein, dass du von mir fasziniert bist, aus welchem Grunde auch immer, das

hast du ja öfter durchblicken lassen. Aber Liebe muss doch ein Prozess sein,

der auf Gegenseitigkeit beruht. Ich habe einmal erklärt, dass ich verliebt sei,

und das war total gelogen. So etwas soll mir nie wieder geschehen.“ erklärte

ich. „Du siehst die Wirklichkeit so, dass ich erkläre, dich zu lieben, aber bei dir

ist es so, dass du mich nicht liebst?“ vermutete Georg. Ganz ernst bleiben

konnte ich nicht. „Du meinst, das wäre gelogen. Und woran willst du merken,

dass ich dich liebe? Habe ich jemals ein Wort davon gesagt?“ fragte ich. „Nein,

das nicht, aber die Liebe ist viel älter als unsere Worte, sie drückt sich in allem

aus, was du tust und was du denkst. Wenn du am Freitag freudig darauf wartest,

dass ich komme, wenn du glücklich bist, mich bei der Ankunft umarmen

zu können, wenn es dich freut, gemeinsam ein Konzert zu besuchen, wenn dir

alles, was wir gemeinsam tun, Wohlempfinden bereitet, worum handelt es sich

denn dann?“ fragte Georg. „War das jetzt der ultimative Liebesbeweis?“ wollte

ich wissen. Wir blickten uns an und schwiegen lächelnd. „Georg, es ist ja in der

Tat so, dass ich dich äußerst gern mag und dass du ganz tief in meinem Herzen

wohnst, aber da ist auch immer noch das andere, das sagt: „Er ist ein

Mann, trotz allem ein Mann, und das wolltest du doch nie wieder.““ erklärte

ich. „Du sagst ja selbst, das es sich bei Liebe um Empfindungen und Gefühle

handelt. Die sind aber Befehlen oder rationalen Willensbekundungen unzugänglich.

Du kannst dir nicht befehlen, dass dir das Essen gut schmecken soll,

genauso wenig kannst du dir befehlen, dass du Georg nicht lieben sollst. Du

tust es einfach, weil du nicht anders kannst.“ erläuterte Georg. „Du meinst, die


Wahrheit ist, dass wir uns lieben, alles andere wäre Lüge. Das müssen wir

einfach so akzeptieren, weil es so ist, weil sich die Liebe trotz aller

Abschottungen einen Weg zu uns gebahnt hat?“ vermutete ich. Gehört hatte

ich es ja, was ich verstanden hatte, war mir nicht ganz klar, jedenfalls würde

es länger dauern, bis es voll in den Besitz meines Denkens und Handelns

übergegangen wäre. Georg wäre jetzt nicht mehr der fremde Mann, sondern er

müsste mein Liebster sein. Ich dachte daran und musste lachen. Unsere Welt

würde sich verändern. Klar erkennen konnte ich zunächst mal nichts, ich kam

mir nur konsterniert vor. „Und jetzt, was ist jetzt, was machen wir jetzt?“

wollte ich hilflos wissen. Aber Georg zuckte nur mit den Schultern. Direkte

Handlungskonsequenzen aus unserem Gespräch schien er wohl nicht zu sehen.

„Wir haben es uns ja jetzt gesagt und glauben es auch, müssten wir uns da

nicht eigentlich zuerst mal einen Kuss geben?“ schlug ich vor. Es dauerte,

unsere Gesichter waren ganz dicht voreinander, wir mussten zunächst mal

Wangen, Stirn und Augen des anderen touchieren, was ja auch völlig neu war.

Schließlich berührte ich Georgs Lippen und wir ließen sie sanft

zusammenkommen. Wir glänzten uns an. Bestimmt gehörte es zu den

umwerfendsten Ereignissen der letzten Jahre, dass wir uns gegenseitig mit den

Lippen berührt hatten. Nie wieder wollte ich mich emotional einem Mann

verbunden fühlen, und jetzt hatte sich die Liebe ihren eigenen Weg gebahnt

und all meine Barrikaden überwunden. Wir befühlten unsere Gesichter

kostbaren Edelsteinen gleich, die wir jetzt zum ersten mal berühren durften. Es

war ja nichts geschehen. Wir hatten uns nur zugestanden, das benennen zu

dürfen, was lange schon Wirklichkeit war. Trotzdem empfand ich es, als ob sich

für mich die Welt verändert hätte. Eine immer vorhandene Fessel, die ich gar

nicht wahrnehmen wollte, war gesprengt worden. Ich war frei, alle Zwänge mit

wenigen Worten beseitigt, übermütig fühlte ich mich. „Aber Liebe, Georg, das

ist doch Lust und Leidenschaft,“ erklärte ich, „davon hab ich bei deinem Kuss

jedoch nicht viel gespürt.“ Georg lachte immer nur. Bei ihm hatte unser

Gespräch wahrscheinlich zu einem Zustand der Dauerglückseligkeit geführt.

Beim zweiten Kuss war ich so stürmisch, dass ich Georg auf die Couch warf.

Carolin, wann hast du das zuletzt erlebt? Noch nie.“ schoss es mir durch den

Kopf. „Ich geh aber nicht mit dir ins Bett. Das kann ich nicht. Ach, was rede ich

für ein Gewäsch, vergiss es.“ sagte ich völlig aufgeregt und durcheinander. In

meinem Innersten hatten die beiden miteinander kämpfenden Drachen

offensichtlich nicht sofort ihre Waffen niedergelegt. Georg, den Fremden Mann,

wie meinen Liebsten behandeln, was musste ich denn da tun? Ich hätte es ja

immer schon getan, sagte Georg, nur vor mir selbst verleugnet. Also brauchte

ich nichts zu tun, doch ich musste es offen zeigen. Ich kletterte auf Georgs

Schoß und setzte mich breitbeinig vor ihn. Eine bislang ebenso undenkbare

Geste und ich musste lachen. „Georg, wenn es so ist, dass es öffentlich und

vor allem vor uns selbst so sein darf, dass wir uns lieben, müssen wir da nicht

manches verändern?“ vermutete ich. „Und woran denkst du da konkret außer

Küssen und Zärtlichkeiten?“ wollte Georg wissen. „Na ja, eine Frau und ein

Mann, die sich lieben, gehen doch auch miteinander ins Bett. Aber das kann ich

noch nicht. Bewahre, was rede ich für einen Schrott, alles aus der großen

Halde des Alltagsmülls generiert. Ich bin ein wenig nervös, Georg, und da

plappere ich einfach drauf los, was ich eigentlich gar nicht will. Was ich wirklich

will, das weiß ich gar nicht genau. Ich glaube schon, dass ich dich ganz


möchte, auch körperlich, aber ohne Sex. Sex hat immer so etwas Aggressives,

nicht wahr?“ erklärte ich, und wir lachten uns schief. „Georg, es ist nicht

einfach so, dass ich freudig und beglückt bin, das bin ich schon, aber da ist

noch so viel Verworrenes, Ungeklärtes. Ich glaube, ich muss mich in unseren

Zustand erst langsam einleben.“ erklärte ich. Wir hatten die ganze Zeit mit

Kaffee in der Küche verbracht. Georg schlug vor, einen kleinen Spaziergang zu

machen, das kühle ab und beruhige. „Und am Teich werden die Enten mir

zuschnattern: „Was der Georg erzählt, alles nur Lüge.“ versuchte ich zu

scherzen.

Verliebt

Als wir zurückkamen empfing Lenny uns. „Weißt du, Lenny, Georg und ich sind

jetzt richtig befreundet.“ erklärte ich. Das ließ ihn kalt, es wahr ja nichts neues.

„Lenny, ich meine so richtig. Der Georg ist mein Freund und ich bin seine

Freundin, wir lieben uns.“ verdeutlichte ich nochmal. Liebe ließ Lenny aufhorchen.

„So richtig mit Küssen und so?“ wollte er wissen. Ich nickte ein bestätigendes

„Mhm“. „Lasst mal sehen!“ forderte Lenny. „Boah, Georg.“ staunte

Lenny nach vollzogener Demonstration. Warum nur Georgs Verhalten einer Bewertung

unterzogen wurde, war nicht ersichtlich. Am Abend schmusten, streichelten

und tändelten wir bei etwas Wein. „Wenn ich gleich ins Bett gehe, und

du schläfst allein im Gästezimmer, das wäre doch auch komisch nicht wahr?“

schnitt ich es an. „Du musst wissen, was du dir zutraust, was du möchtest,

und so machen wir's dann.“ entschied Georg. „Georg, ich möchte heute nacht

nicht allein sein. Mit dir zusammen zu sein ist für mich eine wundervolle Vorstellung,

aber ich möchte nicht, wohin das führt. Ich möchte nur Schmusen

und sanft streicheln. Ich weiß, ich ziehe ein Negligé an, dann kann nichts passieren.“

erklärte ich. Negligé? Ich hatte gar keine Negligés, weil ich immer

nackt schlief. Nur noch ein ganz altes Nachthemd aus der Schulzeit hatte ich

noch. Bestimmt hatten wir gegenseitig Lust an unseren Körpern, nur wir waren

eben sehr zaghaft und vorsichtig. Bislang nicht gekannte Zonen meines Dekolletees

schienen für Georg sakrosanktes Terrain zu sein. Entsetzlich dieses

Nachthemd. Ich kam aus dem Bad und legte mich lachend ins Bett. Georg

zupfte am Krägelchen und scherzte: „Ist das die Schutzkleidung?“ „Ja, mein

Männerabschreckungsdress.“ meinte ich, richtete mich auf, streifte das Nachthemd

über den Kopf und warf es neben das Bett. Mit der Erklärung: „Das ist

doch albern. Wir sind doch erwachsene Menschen, wir wissen doch wie eine

Frau und ein Mann aussieht.“ warf ich mich auf Georg, der auf dem Rücken

lag. Das allgemeine Erscheinungsbild von Frau und Mann kannten wir zweifellos,

und Carolin wusste auch genau, wer Georg war, nur seinen Körper kannte

sie nicht. Nicht anders war es für Georg. Er fand mein Aussehen bezaubernd,

nur alles andere von mir kannte er nicht. Wir liebten es uns auszutauschen,

uns gegenseitig zu erkunden, die gleiche Lust und Liebe schien jetzt unseren

Körpern zuzukommen. Jeder Quadratzentimeter musste ertastet, geküsst und

besprochen werden. Wir hatten Lust aufeinander, Lust auf unsere Körper, was

wir immer neu entdecken konnten und wie es möglich war körperliches Wohlempfinden

zu bereiten. Wir sprachen, lachten und waren glücklich dabei. Offensichtlich

gehörte zur umfassenden Eudeimonia auch das körperliche Wohlempfinden.

Von Sex sprach niemand. Aber auch, wenn wir es nicht explizit be-


nannten, schien sich das libidinöse Verlangen mit der Zeit wohl genauso wie

die Liebe von selbst einen Weg zu bahnen. Aus den liebevollen Zärtlichkeiten

wurden erregende Streicheleien und Massagen, die nach Steigerung verlangten.

Was ich mir verboten und für nicht möglich gehalten hatte, jetzt wollte ich

nichts anderes. Es führte uns auf eine Reise in ein anderes Land, in dem der

übliche, uns umgebende Alltag nicht existierte. Jetzt war ich nur ich selbst, absolut

voll ich selbst und das gemeinsam mit Georg. Als wir zurückkamen konnte

ich nur Georg mit all meinen Kräften umarmen. „Georg, ich sag mal was,

aber nicht jetzt. Jetzt musst du mich nur träumen lassen.“ wünschte ich. Ich

lag schräg an Georg gelehnt und hatte meinen Kopf auf seine Schulter gelegt.

Ein Bild, das es nie wieder geben könnte, alles Lüge musste das sein. Erleben

konnte ich es, aber von außen betrachtet, hätte ich es nicht geglaubt. „Das

machen wir aber nie wieder, nicht wahr? Wir haben doch deutlich gesagt, dass

wir so etwas nicht wollten.“ versuchte ich am Morgen beim Aufwachen zu

scherzen. „Das macht den Weisen aus, dass er in der Lage ist, seine Ansicht zu

ändern.“ kommentierte Georg. „Du hältst mich für weise, das hört sich sehr

gut an, danke, Georg.“ reagierte ich auf das Kompliment. „Ich habe dich schon

immer für eine weise und kluge aber auch für eine gefühlsbetonte, lustvolle

Frau gehalten. Bislang konnte ich es nur vermuten, jetzt weiß ich es.“ erklärte

Georg. „Gar nichts weißt du. Meine Gefühle und meine Lust gehören nur mir,

nur ich selbst kann etwas dazu sagen, alles was du dazu sagst ist Lüge.“ erwiderte

ich. „Aber deine Gefühle und meine Gefühle haben zusammen unser gemeinsames

Glück geschaffen, auch wenn jeder seine eigenen Gefühle spezifisch

anders empfindet.“ Georg darauf. „Du meinst, es wäre ratsam, in Zukunft

unsere Gefühle häufiger zusammenkommen zu lassen, damit sie unser gemeinsames

Glück vermehren?“ interpretierte ich Georg.

Verheiratet

Lenny öffnete die Tür, sah uns gemeinsam im Bett liegen und ging sofort wieder.

Ich sprang auf und rannte ihm nach. Er sollte sich nichts Krummes zusammenreimen.

„Komisch, nicht wahr? Aber Georg und ich wir sind jetzt verheiratet,

und da ist es ja dann schon mal so, dass der Mann und die Frau zusammen

im Bett liegen.“ erklärte ich. „Verheiratet? Aber es war doch gar keine

Hochzeit.“ monierte Lenny. „Hochzeit gibt es nur, wenn man im Rathaus mit

Papieren und unterschreiben und so heiratet. Wir haben heimlich geheiratet,

sodass man nichts davon merkt.“ erläuterte ich. „Und wann habt ihr geheiratet?“

wollte Lenny noch wissen. „Heute Nacht, als du tief geschlafen hast.“ antwortete

ich. Überlegen würde Lenny bestimmt noch, aber fünf Minuten später

rief meine Mutter an. „Carolin, was höre ich da für wilde Sachen?“ sagte sie

und lachte. Ich klärte sie auf. „Carolin, es mag sein dass du es mir nicht

glaubst, aber es gibt für mich kein größeres Glück, als das zu hören. Dein Leben

und dein Glück ist immer auch mein eigenes geblieben. Auch wenn du absolut

eigenständig bist, bleibst du doch ein Teil von mir. Ich will euer Glück

keineswegs stören, aber weißt du, wonach es mich ganz stark drängt, mal kurz

eben vorbeizukommen und euch beide zu umarmen.“ sagte Mutter. „Georg,

wir müssen aufstehen, Mutter kommt gleich. Sie will uns umarmen.“ trieb ich

Georg aus dem Bett. Er lachte sich schief, als er die Geschichte hörte. „Dann

werden es die anderen auch bald wissen.“ vermutete Georg. „Bin ich denn jetzt


Carolins Mann, oder ist Carolin Georgs Frau?“ versuchte Georg zu scherzen.

„Nein, Georg, wie kannst du so einen Schwachsinn reden. Das ist die erste

Lektion, dass es keine Besitzverhältnisse unter Personen gibt.“ antwortete ich.

„Und trotzdem wird man öffentlich wohl bis in Ewigkeit jemanden als die Frau

von bezeichnen.“ mutmaßte Georg. Die Frau meines Vaters kam mit vor

Freude glänzendem Gesicht. Nein, nicht an der Tür kurz umarmen, wir

mussten uns ins Wohnzimmer stellen und dann schlang Mutter einen Arm um

meinen und einen um Georgs Hals. Anschließend wurden wir beide nochmal

einzeln gedrückt und geherzt. „Bei Beziehungen zwischen anderen Menschen

weißt du ja nie, wie sich was gestaltet, aber ich habe mir nichts sehnlicher

gewünscht, als dass ihr beide, trotz deines strikten Verdikts, zusammenfinden

möchtet. „Und warum hast dir das so dringend gewünscht?“ wollte ich wissen.

Carolin, erspare mir doch die ganzen Lobhudeleien. Ich spüre einfach, dass es

etwas tief Verbindendes zwischen euch gibt. Ich mag Georg ja auch sehr gern,

vielleicht ist das eine Gefühlsströmung, die du von mir geerbt hast.“ sagte

Mutter. Das war allerhand, denn ich dachte eher sie hätte mir etwas von ihrer

Misandrie vererbt. Den Männern kommt ja bei unserer Spezies nicht die

Funktion zu, ästhetische Glanzlichter darzustellen, aber sie erkannte bei jedem

Mann im Fernsehen aus seinem Auftreten und Verhalten Grundzüge seines

Wesens und Charakters, und das war meistens übel. Nach ihrer Scheidung war

ein altes Büchlein "Der Mann als logische und sittliche Unmöglichkeit und als

Fluch der Welt" zu ihrer Bibel geworden. Zum Feminismus hatte sie sich aber

nicht durchgerungen. Dass ich keinen Mann mehr wollte, konnte sie gut

verstehen, und dass sie sich jetzt über Georg für mich freute, war höchst

verwunderlich. Vielleicht gibt es ja doch etwas genetisch, biologisches, das

Männer und Frauen nicht nur zum Sex miteinander motiviert, sondern sie auch

animiert, miteinander gemeinsam glücklich sein zu wollen. Georg hatte Recht,

es dauerte nicht lange, bis alle Bekannten über unsere vermeintliche

Verehelichung informiert waren. Im Grunde nicht schlecht, so musste und

konnte ich allen erklären, wie es sich zwischen uns verhielt. Am meisten

erstaunt war Reemda. „Reemda, ich habe doch nicht den Feminismus verraten.

Es gibt einfach etwas in dir, das lässt sich nicht befehlen. Ich habe es lange

versucht, aber was ich mir ausgedacht habe, war Lüge. Ich habe mich selbst

belogen.“ erklärte ich. „Und jetzt, was wird jetzt aus eurem Glück, wenn Georg

in Freiburg oder Rostock eine Professur angeboten bekommt? Wird er sie

ablehnen wegen der Liebe?“ fragte Reemda. Darüber hatten wir noch gar nicht

nachgedacht, hatten einfach nur in unserem Glück geschwelgt. Georg kam

jetzt jeden Abend von Köln. Er hatte sich noch nirgendwo beworben. „Bislang

war auch keine passende Stelle ausgeschrieben. Wir bekommen einige neue

Stellen, und ich habe schon mit Gott und der Welt geredet, um ihnen klar zu

machen, wie lukrativ und dringend es wäre, die befristete Dozentenstelle in

eine ordentliche Professur umzuwandeln.“ erklärte Georg. „Wie steht es, warst

du bislang erfolgreich?“ wollte ich wissen. „Davon erfährst du ja nichts. Es

kommt darauf an, wie intensiv sich die Leute dann in den Gremien dafür

einsetzen, oder ob sie sich doch von anderen Argumenten überzeugen lassen.“

erklärte Georg dazu. Das hieß, vorläufig warten, bis die Entscheidungen

gefallen waren. Eine Atmosphäre des Wartens kam aber nie auf. Jeder Tag war

ein neuer Tag der Ewigkeit. Dass ich jetzt früher aufwachen musste, störte

nicht, denn ich wollte mit Georg gemeinsam den neuen Tag begrüßen. Auch


wenn es draußen wolkenverhangen war, ließen wir beim gemeinsamen

Frühstück die Sonne aufgehen für diesen, unseren Tag. Alle kamen uns

besuchen, weil sie das neue Glück life erleben wollten. „Das hätte ich von dir

nie gedacht.“ klagte Betty, „erkannt, dass es Liebe ist.“ Du bist doch sonst eine

ganz vernünftige Frau. Liebe, was ist das denn? Keiner weiß es, aber alle

benutzen es inflationär. Eine Chimäre ist das. Männer und Frauen suchen sich

danach aus, für wie brauchbar sie sich gegenseitig halten, und dann tun sie so,

als ob es Liebe wäre. Alles Lüge ist das.“ „Mein Empfinden für Lenny und mein

Verlangen nach Lenny darf ich das auch nicht als Liebe bezeichnen, weil ich gar

nicht weiß, was Liebe eigentlich ist. Ist Liebe etwas Transzendentales, das sich

in der Alltagswelt gar nicht konkretisiert? Das stimmt nicht, Betty, es sind

Gefühle, Verlangen, Bedürfnisse, Wünsche, die tatsächlich in dir vorhanden

sind, und dies zu leugnen, was ich ja lange versucht habe, ist Lüge.“ erwiderte

ich. „Liebe ist das Tiefste und Bedeutsamste, worüber der Mensch verfügt.“

erklärte Christine, „Schon Augustinus hat gesagt „Liebe und tue, was du

willst.“. Wer aus Liebe handelt, braucht keine Moral. In der Liebe offenbart sich

unsere Menschlichkeit am deutlichsten. Sogar Nietzsche hat erklärt: „Was aus

Liebe getan wird, geschieht jenseits von Gut und Böse.“ Thilda hatte es immer

schon gewusst: „Du kannst es nicht verbergen, wenn da Hass und Zorn ist,

aber dass da Liebe ist, kannst du auch nicht verheimlichen. Nicht nur deine

Mimik, vor allem dein Handeln und dein Umgang miteinander zeigen es. Du

selbst bist wahrscheinlich die letzte, die es erkannt, nein zugegeben hat.“ Ein

wenig jenseits von Gut und Böse komme ich mir auch vor. Ich bin Carolin, die

ihr Leben selbständig, allein gestalten will. Abhängigkeiten von nichts und

niemandem mehr akzeptiert. Das war doch nicht geplappert, das hatte doch

seinen Sinn. Jetzt soll das plötzlich alles Müll sein? Keinesfalls. Georg sagt,

dass die Liebe in Wirklichkeit schon immer anwesend war. Sie hat in keinem

Bereich für mich zur Selbstaufgabe geführt. Die Frau, die nie wieder einen

Mann lieben wollte, jetzt aber mit Georg zusammen glücklich ist, wird immer

ihre unabhängige, eigenständige Persönlichkeit behalten.

FIN


Selbst, wenn du mich fragst, ob ich dich liebe, und ich sag ja,

weiß ich manchmal nicht genau, ist das nun Lüge oder wahr,

weil ich oft gar nicht mehr weiß, was das ist: Liebe.

Rio Reiser, Alles Lüge

Eine immer vorhandene Fessel, die ich gar nicht wahrnehmen wollte, war

gesprengt worden. Ich war frei, alle Zwänge mit wenigen Worten beseitigt,

übermütig fühlte ich mich. „Aber Liebe, Georg, das ist doch Lust und

Leidenschaft,“ erklärte ich, „davon hab ich bei deinem Kuss jedoch nicht viel

gespürt.“ Georg lachte immer nur. Bei ihm hatte unser Gespräch

wahrscheinlich zu einem Zustand der Dauerglückseligkeit geführt. Beim

zweiten Kuss war ich so stürmisch, dass ich Georg auf die Couch warf.

Carolin, wann hast du das zuletzt erlebt? Noch nie.“ schoss es mir durch den

Kopf. „Ich geh aber nicht mit dir ins Bett. Das kann ich nicht. Ach, was rede ich

für ein Gewäsch, vergiss es.“ sagte ich völlig aufgeregt und durcheinander. In

meinem Innersten hatten die beiden miteinander kämpfenden Drachen

offensichtlich nicht sofort ihre Waffen niedergelegt. Georg, den fremden Mann,

wie meinen Liebsten behandeln, was musste ich denn da tun? Ich hätte es ja

immer schon getan, sagte Georg, nur vor mir selbst verleugnet. Also brauchte

ich nichts zu tun, doch ich musste es offen zeigen. Ich kletterte auf Georgs

Schoß und setzte mich breitbeinig vor ihn. Eine bislang ebenso undenkbare

Geste und ich musste lachen. „Georg, wenn es so ist, dass es öffentlich und

vor allem vor uns selbst so sein darf, dass wir uns lieben, müssen wir da nicht

manches verändern?“ vermutete ich. „Und woran denkst du da konkret außer

Küssen und Zärtlichkeiten?“ wollte Georg wissen. „Na ja, eine Frau und ein

Mann, die sich lieben, gehen doch auch miteinander ins Bett. Aber das kann ich

noch nicht. Bewahre, was rede ich für einen Schrott, alles aus der großen

Halde des Alltagsmülls generiert. Ich bin ein wenig nervös, Georg, und da

plappere ich einfach drauf los, was ich eigentlich gar nicht will. Was ich wirklich

will, das weiß ich gar nicht genau. Ich glaube schon, dass ich dich ganz

möchte, auch körperlich, aber ohne Sex. Sex hat immer so etwas Aggressives,

nicht wahr?“ erklärte ich, und wir lachten uns schief. „Georg, es ist nicht

einfach so, dass ich freudig und beglückt bin, das bin ich schon, aber da ist

noch so viel Verworrenes, Ungeklärtes. Ich glaube, ich muss mich in unseren

Zustand erst langsam einleben.“ erklärte ich. Wir hatten die ganze Zeit mit

Kaffee in der Küche verbracht. Georg schlug vor, einen kleinen Spaziergang zu

machen, das kühle ab und beruhige. „Und am Teich werden die Enten mir

zuschnattern: „Was der Georg erzählt, alles nur Lüge.“ versuchte ich zu

scherzen.

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