SRG: Eine schweizerische Institution am Scheideweg - gfmks

gfmks.ch

SRG: Eine schweizerische Institution am Scheideweg - gfmks

5

Tabubruch 7: Abschaffung des starren Verteilschlüssels für

die Mittelzuweisung an die Sprachregionen

Die SRG ist seit vielen Jahrzehnten zu einem Finanzausgleich

zwischen den Sprachregionen verpflichtet. So haben 2009

Radio und Fernsehen der deutschen Schweiz 70,6% aller Einnahmen

der SRG generiert, erhalten haben sie davon aber nur

46,1%.

Von den verbliebenen 24,5% haben RSI 17,6% und RTSR 6,9%

zur Aufstockung ihrer Eigenmittel erhalten.

Es geht nicht darum, den Finanzausgleich innerhalb der SRG

in Frage zu stellen, im Gegenteil: Der Finanzausgleich ist ein

tragendes Element der nationalen Institution SRG. Die Leistungsfähigkeit

und Eigenständigkeit finanzschwächerer Service

public-Medien in den Sprachregionen wird so erhalten,

tatkräftiger Beweis für die Solidarität von Mehrheiten mit Minderheiten.

Er darf aber nicht länger mechanistischen Kriterien

unterworfen sein, die vor vielen Jahren festgelegt worden

sind, denn sie tragen der stürmischen Entwicklung des

schweizerischen Medienmarktes mit den grundlegend veränderten

Erwartungen des Publikums viel zu wenig Rechnung.

Vielmehr muss die SRG die Kompetenz erhalten, im Rahmen

der ihr erteilten Konzession und nach Massgabe ihrer

unternehmerischen Bedürfnisse, die Finanzmittel eigenverantwortlich,

flexibel und abschliessend auf alle ihre Organisationseinheiten

mit ihren vielfältigen nationalen, sprach regionalen

und lokalen Aufgaben zu verteilen.

Das ist eine gewaltige Bürde, derer sich die SRG entledigen

muss. Das geht nur, wenn die SRG ihr Sparpotenzial bis an die

Grenzen des Möglichen ausschöpft und die Entwicklung des

Medienangebotes mit allen Konsequenzen ihrer Service public-Funktion

der neuen Medienlandschaft anpasst. Steht die

SRG in Anbetracht dieser Ballung von Altlasten vielleicht vor

dem Kollaps? Bestimmt nicht. Dafür ist ihre Verankerung in

der schweizerischen Bevölkerung zu stark und sind die meisten

ihrer Mitarbeitenden und deren Leistungen zu gut!

Es ist zu wünschen, dass der neue Generaldirektor nicht auf

eine Eigenart setzt, welche die SRG mit der UBS gemeinsam

hat – Too big to fail –, sondern die Weitsicht, den Mut und die

Kraft aufbringt, die notwendigen Massnahmen zur Gesundung

der SRG zu ergreifen.

Und es ist zu wünschen, dass es ihm gelingen wird, die SRG

in der modernen Medienwelt wieder zu einer unanfechtbaren

und unersetzlichen Instanz zu machen – nicht gegen das Personal,

sondern mit diesem zusammen.

Guido Wiederkehr

Guido Wiederkehr studierte nach der Handelsmatura Germanistik,

Romanistik und Anglistik in Zürich, Paris und Aberdeen.

Nach Lehrtätigkeiten arbeitete er bei Radio DRS als Lektor,

Dramaturg, Regisseur und Theaterkritiker. Als Mitglied der

Geschäftsleitung war er u.a. Programmleiter DRS 2 und Leiter

Personal und Ausbildung.

Schlussbilanz

Die SRG steht vor einem erheblichen Schuldenberg und hemmenden

Altlasten: Sie produziert zu viele Programme, Folge

einer jahrelangen Expansionspolitik in der schweizerischen

Medienlandschaft; sie grenzt ihren Auftrag und die damit

verbundenen Programmstrategien zu wenig konsequent gegenüber

dem privaten Medienmarkt ab; sie betreibt zu viele

überdimensionierte bauliche und technische Infrastruktur-

Komplexe; sie wagt ein Reorganisationsprojekt – Medienkonvergenz

– das primär aus der Führungs- und viel zu wenig aus

der operationellen Perspektive angegangen wird; sie pflegt

eine schwerfällige Generaldirektion, deren Aufgaben zu wenig

präzise auf die sprachregionalen Bedürfnisse abgestimmt

sind; sie vernachlässigte während Jahren die Personalpolitik

mit den Instrumenten zur Personalführung und -administration.

Bern, 8. März 2011

Gesellschaft für Medienkritik Schweiz (gfmks)

Dieser Text ist mit Quellenangabe zur Publikation frei.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine