Solution - Axel Novak

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Solution - Axel Novak

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Solution

IM RAUSCH DES

ERFOLGS

Dubai, das Eldorado des 21. Jahrhunderts empfängt den Besucher

mit Stahlbeton, Staub, sengender Hitze und jeder Menge selbstbewusster

Visionen.

[ Interview ] Xxxx xxxx [ Fotos ] Xxxx xxxx

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Solution

IM RAUSCH DES

ERFOLGS

Traditionen und Moderne, Familienclans und Wirtschaftsboom:

Dubai, das Eldorado des 21. Jahrhunderts, strotzt vor

Selbstbewusstsein und verwirklicht seine ambitionierten Visionen

[ Text ] Axel Novak [ Fotos ] Xxxx xxxx

LOGISTICS | 15


Solution

Marketing: Bauprojekte

wie die künstlichen The

World-Inseln vor Dubais

Küste sorgen in aller Welt

für Gesprächsstoff

SCHNELLER, GRÖSSER, LAUTER –

IN DIESEM DREISPRUNG IST DUBAI

WELTMEISTER GEWORDEN

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Wachschutz vorm Burj Dubai-Tower. Ende 2008 soll das höchste Gebäude der Welt fertig sein. Legenden über den Bau erzählt man sich jetzt

Fotos: aaaa bbbbbbb cccccccccc Grafik: infographic.de/

Das ganze Land ist eine einzige gigantische

Baustelle. Dem Ankömmling starren hunderte

Rohbauten entgegen, wie knöcherne

Finger weisen sie in der Wüste dem Flieger

den Weg. Dubai, das Eldorado des 21.

Jahrhunderts, empfängt den Besucher mit

Staub, stundenlangen Staus, sengender

Hitze und jeder Menge selbstbewusster Visionen.

Vom Glück geküsst, meinen viele, sei das kleine Emirat

am Golf von Arabien. Denn durch Öl- und Gasfunde

immens reich geworden, krempeln die Scheichs das kleine

Emirat von außen nach innen und von unten nach oben um.

Zwischen den luxuriösen Wohnquartieren, maßlosen Einkaufsmeilen

und protzigen Vergnügungsstätten an der Küste

und der lebensfeindlichen Wüste errichtet das Land heute

Flughäfen, Seehäfen, Containerterminals, Industrieareale

von der Größe deutscher Kleinstädte, plant Eisenbahnen,

Kanäle, Autobahnen, verliert Unsummen in zweifelhaften

Projekten und steckt noch mehr Geld in neue, größere, bessere

Projekte. All das ungebremst von den Terroranschlägen

des 11. September, dem Krieg im Irak, dem Konflikt zwischen

Israel und den Nachbarstaaten. Dubai, die Schweiz

der arabischen Welt, ist in der Tat vom Glück geküsst, und

wirkt in seinem Boom wie vom Glück berauscht, wie trunken

vom eigenen Durchmarsch aus dem Mittelalter direkt

ins 21. Jahrhundert.

Wie eine Spinne im Netz der Flugverbindungen rund um die

Welt sitzt Dubai. Mehrmals täglich startet die hauseigene

Fluggesellschaft Emirates nach Europa und Amerika, nach

China, Indien, Japan: Ganz Asien liegt im näheren Einzugsbereich

des kleinen, feinen Emirats. „Mehr als zwei Milliarden

Menschen sind in weniger als vier Stunden Flugzeit

zu erreichen“, erklärt Michael Proffitt nicht ohne Stolz. Der

Brite ist Chef von Dubai Logistics City, einem gigantischen

Frachtumschlagknoten, den das Emirat bis zum kommenden

Jahr aus dem Boden stampft. „Wir liegen hier im Mittelpunkt

von Verkehren aus Asien nach Europa, in die USA

und zurück“, so Proffitt. Dubai sei der ideale Punkt, um Güter

aus Asien, Amerika oder Europa anzulanden, zu lagern,

zu sortieren, zu verpacken und weiter zu verschicken – per

Lastwagen, Flugzeug oder Schiff. Dubai klotzt mit seiner

Logistic-City: 140 Quadratkilometer groß ist das Logistik-

Areal, so groß wie die ehemalige deutsche Bundeshauptstadt

Bonn. Mehr als vier Millionen Quadratmeter Fläche

{ Michael Proffitt }

»Das ist ein

großes Rad,

an dem wir

drehen.«

sind schon vermietet. „Das ist ein großes Rad, an dem wir

drehen“, sagt Proffitt.

Viele Milliarden US-Dollar investiert das Emirat am persischen

Golf, um die großen Warenströme aus Asien, Europa,

Afrika und Amerika umzulenken. Größer, höher, weiter,

heißt die Devise – und glitzernder, teurer und prächtiger

als je zuvor, möchte man ergänzen. Das Luxushotel Burj

al Arab etwa, das selbstverständlich höchste Hotel der Welt

und zugleich das einzige, das sieben Sterne trägt, ist mit sei-

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Ursprung: Traditionelle Dhau-Frachtschiffe am Dubai Creek, der heute durch das pulsierende Herz einer Millionenmetropole fließt

ERST DUBAI HAT DEM AUFSTIEG DER

ARABISCHEN EMIRATE GLANZ VERLIEHEN

{ Rashed Al Ansari }

»Es herrscht

ein riesiger

Bedarf an

allem.«

ner markanten Architektur, die an ein geblähtes Segel der

Dhau erinnert, längst zum Markenzeichen des neuen, nach

den Sternen greifenden Wüstenstaats geworden. Wenige

Kilometer landeinwärts entsteht das höchste Gebäude der

Welt, der Dubai-Turm, auf arabisch Burj Dubai genannt.

Täglich wächst der nicht von zufällig an den Turm von Babel

erinnernde Bau um vier bis fünf Meter. Über die endgültige

Höhe schweigen die Architekten aus Chicago und der

Bauherr beharrlich.

Mehr als siebenhundert Meter werden es mindestens, gestand

der Projektleiter vor einiger Zeit in einem Interview,

Subunternehmer sprachen gar von acht- bis neunhundert,

Reiseführer erklären nun, mehr als tausend Meter werde

das Gebäude hoch und überrage damit für lange, lange Zeit

die in die Höhe schießenden Wolkenkratzer der asiatischen

Tigerstaaten. Noch bevor er fertig ist, ist der Burj Dubai

längst Legende. Einheimische behaupten stolz, er stehe für

das Motto Dubais: das Unmögliche möglich machen.

Dabei ist Dubai nur eines von sieben Emiraten, die sich vor

bald einem halben Jahrhundert zu einem lockeren Bundesstaat,

den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), zusammen

schlossen. Westliche Experten umschreiben den

Staatsaufbau sperrig als patriarchalisches Präsidialsystem

mit traditionellen Konsultationsmechanismen.

Doch Dubai hat im Bundesstaat VAE viel Autonomie

gewahrt und mit seinem Glanz und Glitter das größere und

mächtigere Emirat hinter Abu Dhabi und die anderen Mitglieder

der VAE weit hinter sich gelassen. Oder, wie es ein

örtlicher Geschäftsmann sagt: „Abu Dhabi ist reicher und

wirtschaftlich kräftiger. Aber ohne Dubai würde niemand

Abu Dhabi kennen!“

Bis vor wenigen Jahrzehnten war das Emirat ein vergessener

Flecken am Rande der größten Sandwüste der Erde.

Kaum 200 000 Einwohner siedelten auf einer Fläche von

der Größe des Ruhrgebiets, die größtenteils aus unfruchtbarer

Wüste bestand. Arabische Dhaus, traditionelle Frachtschiffe,

mit denen die Araber seit Jahrhunderten bis nach

China reisten, knüpften Handelslinien zwischen Asien und

Afrika, lange bevor sich die Europäer ums Kap Horn wagten

und den Seeweg nach Indien fanden. Die Ölfunde zu Beginn

des letzten Jahrhunderts verändern das Land nachhaltig.

1966 vergab Scheich Rashid bin Saeed al Maktoum erste Lizenzen

an ausländische Firmen. Wie lange die Vorkommen

Fotos: aaaa bbbbbbb cccccccccc Grafik: infographic.de/

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Solution

KARTE

ZAHLEN & FAKTEN

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SCHENKER

Direktverbindung:

Dubai–USA und zurück in

2 Tagen

Neues Luftfrachtangebot wendet sich an Kunden,

die eine günstige Logistik-Lösung suchen

■ Luftfracht ist Trendsetter: Seit Anfang Juni 2007 startet

jeden Samstag eine Maschine der Fluggesellschaft Emirates

SkyCargo um 23.30 Uhr Ortszeit von Dubai International

Airport Richtung Deutschland mit 110 Tonnen Fracht an

Bord. Sechs Stunden später wird die Fracht für Europa von

Schenker-Mitarbeitern in Hahn in Empfang genommen und

die Maschine mit zusätzlichen Sendungen für den US-Markt

beladen. Acht Stunden später landet das Frachtflugzeug in

Toledo in den USA.

■ In Toledo im US-Bundesstaat Ohio steht das größte und

leistungsfähigste Hub der gemeinsamen Organisation von

Schenker und BAX für den US-Markt und speist die Sendungen

in das amerikanische Distributionsnetz ein. Auf dem

Rückflug ist die Maschine am frühen Montagmorgen wieder

in Hahn und am Nachmittag in Dubai.

■ Das neue Luftfracht-Angebot der DB-Tochter Schenker

ist vor allem auf die Bedürfnisse von Kunden aus den Branchen

Elektronik, Automotive, Maschinenbau sowie Bekleidung

zugeschnitten.

■ Eng verknüpft ist der neue Flug mit einem intermodalen

Logistikangebot von Schenker auf den Hauptstrecken

von Asien nach Europa: SCHENKERskybridge vereinigt die

günstigen Seefrachtkosten von Asien über Dubai mit der Geschwindigkeit

der Luftfracht. Gegenüber der reinen Seefracht

wird dabei die Laufzeit um bis zu 50 Prozent verringert, bei

bis zu 50 Prozent geringeren Kosten gegenüber reiner Luftfracht.

Einen entsprechenden Service bietet Schenker auch

von Asien nach Vancouver für den amerikanischen Markt.

Erstflug: Auf dem Flughafen in Dubai nimmt die Maschine für

Schenker 110 Tonnen Fracht auf. Ziel: Europa und die USA

{ Oliver Parche }

»Den Firmen

wird alles auf

goldenen Tabletts

serviert.«

reichen, darüber streiten die Experten. Mehr als vier Milliarden

Barrel des schwarzen Goldes lagen unter der Wüste

und vor der Küste. Hinzu kommen umfangreiche Ergasvorkommen

in der Region, an deren Ausbeute Dubai beteiligt

ist. Doch längst sind es nicht mehr die Bodenschätze, die

den Reichtum des Landes erklären. „Das Öl ist begrenzt,“

sagte Scheich Rashid bin Saeed schon vor vierzig Jahren und

beharrte darauf, Industrieanlagen, Häfen, touristische Sehenswürdigkeiten

zu errichten.

Obwohl die Dubai’in, die Einheimischen, anfangs spotten,

befiehlt er den Bau eines neuen Hafens 30 Kilometer

südlich der Hauptstadt. Zwei Wochen dauert die Reise per

Schiff nach Europa, bis zur US-Ostküste sind ist es eine Woche

mehr. Japan liegt zwanzig Tage entfernt, Südasien ist

in wenig mehr als einer Woche erreichbar. Heute steht der

Hafen, selbstbewusst mit dem Prädikat „größter von Menschenhand

gebauter Hafen der Welt“ versehen, weltweit

ganz vorn. Fast neun Millionen TEU-Standard-Container

sind in Dubai im Jahr 2006 verschifft worden. Waren im

Wert von 142,2 Milliarden US-Dollar hat das Land im vergangenen

Jahr ein- und ausgeführt. Weil aber davon nur ein

Viertel für den lokalen Markt bestimmt ist, ist Dubai hinter

Hongkong und Singapur zum weltweit drittgrößten Reexporteur

geworden. Rund 3,5 Milliarden US-Dollar investiert

das Land nach eigenen Angaben, um den Hafen weiter auszubauen:

Bis zu 50 Millionen Container sollen acht neue

Terminals im Jahr 2030 umschlagen. Nur zum Vergleich:

Das ist anderthalb mal soviel, wie Europas größte Häfen

Rotterdam und Hamburg im vergangenen Jahr gemeinsam

geleistet haben. Noch in diesem Jahr wird Dubai Hamburg

im Containerumschlag überholen. Gegen die prognostizierten

15 Prozent Wachstum im persischen Golf kann die altehrwürdige

Hansestadt mit kaum zehn Prozent nicht mehr

mithalten.

Was Diktatoren in anderen Staaten in Jahrzehnten nicht geschafft

haben, baut Dubai mit seinen straffen, traditionellen

Stammestrukturen in wenigen Jahren– und findet zugleich

religiösen Frieden und wirtschaftliche Stabilität. Anders

als in den arabischen und islamischen Staaten in der Region

spielt die Religion in den Vereinigten Arabischen Emiraten

keine bedeutende Rolle. Wirtschaftliche Angelegenheiten

werden vor weltlichen Gerichten geregelt, allein das Familien-

und Erbschaftsrecht bleibt dem heterogenen Wertekanon

der islamischen Scharia unterworfen.

Heute zieht sich ein ganz anderer Riss durch die Gesellschaft:

Mittlerweile sind die Dubai’in zu einer kleinen Minderheit

geworden. 92 Prozent der Bevölkerung des Emirats

stammen aus dem Ausland. Vor allem Indien, Pakistan

Fotos: aaaa bbbbbbb cccccccccc Grafik: infographic.de/

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Umschlag: Der Jebel Ali-Hafen ist mittlerweile zu Weltrang aufgerückt. Noch in diesem Jahr wird er beim Umschlagvolumen Hamburg überholen

DUBAIS REICHTUM SCHAFFEN BILLIGE

ARBEITER AUS ASIENS ARMENHÄUSERN

und Bangladesch schicken Heere von Arbeitern. Die lassen

Hochhäuser in den Himmel wachsen, bauen Häfen, Flughäfen,

Industrieanlagen, bedienen in Hotels oder fahren Taxi.

Sie verdienen trotz hoher Lebenshaltungskosten schlecht,

stehen aber sehr viel besser da als in ihren Heimatländern.

Das durchschnittliche Jahreseinkommen in Dubai lag zwar

2005 bei rund 28 000 US-Dollar – in Deutschland waren

es rund 45 000, doch verteilt sich der Reichtum ungleich.

53 000 Millionäre zählt der World Health Report in Dubai,

so viele wie nirgends sonst auf dieser Welt. Doch bei den

Monteuren und Bauarbeitern kommt von diesem Reichtum

nicht viel an: Mit Monatslöhnen, die umgerechnet bei 150

Euro beginnen, müssen sie nicht nur überleben, sondern ihre

Familien in der Heimat unterstützen und zugleich dort

ihre eigene Alterversorgung vorbereiten.

Was macht den Erfolg Dubais aus? 45 Grad Celsius herrschen

draußen, in den vollklimatisierten Räumen der deutschen

Außenhandelskammer (AHK) ist es angenehm kühl. Oliver

Parche ist Deputy Delegate der Kammer und in dieser

Funktion für die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen

Deutschland und den VAE zuständig. Mit dem örtlichen

Boom wird der 42-jährige Betriebswirt täglich konfrontiert:

Den getönten Scheiben seines Büros im zweiten Stock eines

schmucken Bürogebäudes in der Altstadt Dubais kommen

die Ausleger der Kräne und die Schaufeln der mächtigen

Bagger immer wieder bedrohlich näher. Drei Gründe sieht

Parche für Dubais Aufstieg: Die Lage am Golf, hier liefen seit

Jahrhunderten die großen Handelsströme aus Asien vorbei.

Der Reichtum durch das Öl. Aber das wichtigste seien „weise

Führer mit Visionen, wie Dubai seinen begrenzten Reichtum

für die nachfolgenden Generationen nutzen kann.“ Sie

hätten etwas geschaffen, das auch dann noch Bestand hat,

wenn das Öl längst versiegt. Scheich Rashid bin Saeed, der

das Land mit seiner Vorstellungskraft in die Moderne katapultierte,

wird heute fast wie ein Heiliger verehrt.

Tatsache ist, dass Dubai nicht mehr allein deshalb

boomt, weil die Scheichs Milliarden in den Ausbau stecken,

sondern weil das Land mittlerweile zur festen Größe in den

Netzwerken der globalen Wirtschaft geworden ist. Der Umschlag

von Handelsgütern wächst rapide, das Land liegt geografisch

günstig, und der politische Wille ist vorhanden,

all das schnell und unkompliziert zu liefern, was internationale

Konzerne benötigen, um Erfolg zu haben.

Mittlerweile hat Dubai fast 20 Freihandelszonen eingerichtet,

in denen Unternehmen entwickeln, handeln, kooperieren,

konkurrieren. Gut 6 000 ausländische Unternehmen

haben sich angesiedelt, von ihnen gehören 125 zu den

500 weltweit größten Firmen. Prominentestes Beispiel ist

der amerikanische Energieriese Halliburton, der erst vor

kurzem ankündigte, seinen Hauptsitz von Houston im US-

Bundesstaat Texas nach Dubai zu verlegen.

Der Vorteil für die Unternehmer in der Freihandelszone

ist: Sie zahlen keine Steuern und keine Zölle. Gewinne müs-

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LOGISTICS | 21


Solution

sen nicht, wie in anderen Staaten, erneut im Land investiert

werden. Und – im Gegensatz zu den Gepflogenheiten außerhalb

der Freihandelszone: Die ausländischen Investoren

bleiben einhundertprozentiger Eigentümer ihrer Firmen.

Ein entscheidender Vorteil im Kampf um die Margen und

Marktanteile. Hinzu kommt, dass die Behörden Dubais

den Unternehmen all die Aufgaben abnehmen, die Zeit

und Geld und Mühe verschlingen. Arbeitsagenturen suchen

Personal, Behördenvertreter regeln rechtliche Fragen

direkt vor Ort. Eigene Wohnbezirke, ganze Städte werden

aus dem Boden gestampft, in denen vom Kindergarten bis

zum Shoppingparadies all das zu finden ist, was Investoren

und ihre Mitarbeiter aus der ganzen Welt anzieht. „Den Unternehmen

wird hier alles auf einem goldenen Tablett serviert“,

sagt Parche.

Hinzu kommt ein Immobilienboom ohnegleichen. Hunderte

neuer Hochhäuser, Luxusvillen und Appartementgebäude

entstehen gleichzeitig für reiche Anleger aus den

Krisen geschüttelten Nachbarstaaten, Europa oder Asien.

Allein die gigantischen Palmen-Projekte, künstlich aufgeschütteter

Grund und Boden vor den Korallenriffs Dubais

zeugen vom Optimismus der Bauherren und verschlingen

Unmengen Material. „Es herrscht ein riesiger Bedarf an allem“,

sagt Rashed Al Ansari. „Das ist wie ein Schwamm!“

Al Ansari ist der Chef von Dubai Industrial City, einem 55

Quadratmeter großen Industrieareal im Westen des Wüstenstaats.

Fünf Milliarden Dollar steckt Dubai in das Projekt.

350 Firmen sollen dort ab 2015 den Nachschub liefern

für die rasch wachsende Bevölkerung.

Solche Visionen wecken Interesse bei den Firmen aus

dem Ausland, selbst bei den bisher eher zögerlichen Deutschen.

Hunderte Anfragen von Firmen und Verbänden

erhalten Parche und seine 23 Kollegen von der AHK. Viele

Unternehmer sind skeptisch. Hat der Boom Bestand?

Steckt Substanz hinter dem, was die Emirate bauen? Können

sich daraus konkrete Geschäfte ergeben? Das seien die

Fragen, mit denen viele mittelständische Unternehmen ihn

konfrontierten, erzählt Parche. Oft seien Glücksritter dabei,

gestrandete Existenzen: „Die denken, da sitzt der Scheich in

„Präsenz

hilft dem

Geschäft“

Dr. Thomas C. Lieb erklärt, wie

Schenker seine Position in Dubai

und im mittleren Osten ausbaut

[ Interview ] Axel Novak [ Foto ] Tom Rathmann

Herr Dr. Lieb, die internationalen Logistikkonzerne engagieren

sich immer stärker in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Wie

erklären Sie sich, dass ein kleines Emirat namens Dubai so rasch

die Investoren aus aller Welt anzieht?

Dieses Emirat ist einer der interessantesten Wachstumsmärkte

für weltweite Logistik. Die günstige geografische

Lage hat Dubai ermöglicht, sich nicht nur als Hub in der

Region zu etablieren, sondern auch im Güterverkehr zwischen

Ost und West verstärkt eine Drehscheibenfunktion

zu übernehmen. So wird zum Beispiel der Hafen Jebel Ali

auf eine Kapazität von 15 Millionen TEU-Standardcontainern

pro Jahr ausgebaut. Über den neuen Flughafen sollen

zwölf Millionen Tonnen Luftfracht jährlich umgeschlagen

werden. Das sind schon gewaltige Zahlen! Dem tragen wir

Rechnung, indem wir unsere strategischen Angebote auf

den mittleren Osten weiter ausdehnen. So ist unser neues

Luftfrachtangebot, der regelmäßige Direktflug von Dubai

über Hahn nach Toledo/Ohio in den Vereinigten Staaten,

erst der Anfang. Damit sind wir der erste Forwarder, der

den US-Markt direkt mit dem Mittleren Osten verknüpft.

Was planen Sie in den kommenden zwei Jahren?

Wir wollen nicht nur unsere Position als Top-Player für

Transport- und Logistikdienstleistungen ausbauen, sondern

im europäischen Landverkehr unsere Marktführerschaft

stärken, in der Luft- und Seefracht noch wettbewerbsfähiger

werden und in der Kontraktlogistik weiter

aufrücken. Bei diesen Zielen spielen der Mittlere Osten und

Dubai als Hub natürlich eine wichtige Rolle.

Exklusiver Blick aus dem Restaurant im World Trade Center auf die

Glitzermetropole. In Hintergrund die beiden Emirates Towers >

Betrifft das Schenker-Engagement allein das Luftfrachtgeschäft?

Nein, denn Dubai hat sich als Umschlagpunkt für Luft-See-

Verkehre etabliert. Davon können auch unsere Kunden

profitieren, denn die Anküpfung des Fluges Dubai-Hahn-

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Solution

Im Gespräch: Dr. Thomas

C. Lieb in seinem Büro in der

Essener Schenker-Zentrale

Das geht mit eigener Präsenz und direkter Verantwortung

einfach besser. Nun können wir in eigener Regie Mitarbeiter

einstellen und auch ausbilden.

Warum eigentlich Dubai? Gibt es nicht auch andere attraktive

Standorte in der Region?

Die Entscheidung für unsere Präsenz in Dubai ist ein deutliches

Signal. Wir sind zum einen zuversichtlich, dass Dubai

seine Position im weltweiten Güteraustausch, in der Region

und nicht zuletzt auch als Markt weiter halten und ausbauen

wird. Das gilt allerdings für die gesamte Region. Deshalb

werden wir unsere Präsenz dort nach und nach zielstrebig

ausbauen. In Dubai haben wir eine Führungsgesellschaft

gegründet. Das bedeutet nicht, dass die Arrondierung unseres

Netzwerkes in der Region an den Landesgrenzen dieses

Emirates endet. Auch in Saudi-Arabien haben wir bereits

unsere eigene Präsenz mit eigenen Mitarbeitern, Qatar wird

ein nächster Schritt sein.

Fotos: aaaa bbbbbbb cccccccccc Grafik: infographic.de/

Toledo an unser Produkt SCHENKERSkybridge bietet die

beste Möglichkeit, Waren schnell und günstig aus Asien in

die USA zu transportieren. Insgesamt aber bauen wir natürlich

unser Luftfrachtnetz aus. Wir haben bei Schenker für

dieses Jahr 750 eigene Flüge zwischen Europa, USA und

Asien vorgesehen, über unsere Tochter StarTrans bieten

wir 150 weitere Flüge über den Pazifik an. Damit sind auf

dieser Route – einem der am schnellsten wachsenden Märkte

– besonders wettbewerbsfähig. Diese Erfolgsgeschichte

wollen wir nun mit der Anbindung Dubais fortschreiben.

Wie sieht es bei der Seefracht aus?

2006 haben wir rund 1,2 Millionen TEU-Standardcontainer

transportiert. Wir sind bei der Seefracht Nummer drei weltweit

und bieten dank unseres globalen Netzwerks eine Fülle

von Dienstleistungen an. Weil aber die internationalen Lieferketten

immer länger werden, verknüpfen wir Land-, Seeund

nun auch Luftverkehre miteinander. Unsere SCHEN-

KERSkybridge zum Beispiel bietet zum einen die geringeren

Kosten der Seefracht und gleichzeitig die schnelleren

Transporte der Luftfracht. Weil wir gleichzeitig mit vielen

Reedern im Geschäft sind, können wir bei diesen „Preferred

Carriern“ auch in Spitzenzeiten auf genügend Kapazitäten

zurückgreifen.

Einige Logistikdienstleister sind schon seit längerem in den VAE

aktiv. Warum engagiert sich Schenker erst jetzt?

Wir haben in Dubai seit gut zwanzig Jahren mit einem Partner

kooperiert und so dafür gesorgt, dass unsere Kunden

den gewohnten Schenker-Service auch dort bekommen.

Jetzt sind wir mit unserem Partner ein Joint Venture eingegangen

und haben vor allem über unser Regional Head Office

unsere Präsenz ausgebaut. Das heißt, wir können selbst

aktiv werden. Nur sehen wir jetzt mehr Chancen, unser

Geschäft am Standort Dubai und in der Region auszubauen.

Welche Rolle spielt die BAX-Integration in Schenker bei Ihrem

Engagement in den Vereinigten Arabischen Emiraten?

Die vertrauensvolle Zusammenarbeit und das Joint Venture

mit dem bisherigen BAX Global-Partner Al Naboodah

verschaffen uns jetzt klare Vorteile vor Ort. Wir können

auf dem vorhandenen Know-how aufbauen, neues und altes

Geschäft von Schenker und BAX in unserem weltweiten

Netzwerk strukturieren. Auch hier profitieren unsere Kunden

und wir von der BAX-Integration. Das intra-amerikanische

Netzwerk bietet in Verbindung mit unserem neuen

Charter-Service eine hervorragende Möglichkeit, rasch und

systemimmanent Waren aus dem Mittleren Osten zu jedem

Ort in den USA zu befördern.

Gibt es Anfragen von Kunden, dass Sie Ihr Engagement in Dubai

verstärken?

Unsere Ankündigung, uns im mittleren Osten zu verstärken,

ist bei unseren Kunden auf ein sehr positives Echo gestoßen.

In der Region sehen wir viel Spielraum für Erweiterungen,

die Schenker stets nutzen wird, sobald dies notwendig

und vor allem nachhaltig ist.

VITA

Dr. Thomas C. Lieb

■ Engagement: Der promovierte Betriebswirt ist seit

1989 bei Schenker tätig. 1958 in Reutlingen geboren, lebt

er heute mit seiner Familie in Düsseldorf. Seit 2001 ist

er für die weltweiten Luft- und Seefrachtaktivitäten der

Schenker-Gruppe verantwortlich.

■ Region: Im Vorstand der Schenker AG ist Dr. Lieb zudem

für das operative Geschäft in den Regionen Lateinamerika

(LATAM) und Afrika/Mittlerer und Naher Osten

(Africa/NME) zuständig.

LOGISTICS | 23


Solution

EISENBAHN

Neue Trassen bringen

Fracht auf die Schiene

Saudi Arabien plant mit Hilfe von DB International

eine Eisenbahn für schnellere Gütertransporte

■ Noch sind Eisenbahnen in den Vereinigten Arabischen

Emiraten gänzlich unbekannt. Doch das soll sich bald ändern.

Erst kürzlich hat ein Konsortium unter Beteiligung der Deutsche

Bahn-Beratungstochter DB International die Machbarkeit

einer 750 Kilometer langen Frachtverbindung durch die

VAE geprüft. Sie könnte Abu Dhabi an der Westküste mit den

östlichen Emiraten wie Fujairah am Golf von Oman verbinden.

Waren würden direkt an den Golf geliefert werden, ohne

die Straße von Hormuz zu passieren. „Die Güterbahn ist technisch

machbar und wird den Emiraten bei der Bewältigung

der Warenströme einen großen Mehrwert bringen“, sagt

Peter Josef Haaks zuversichtlich, der bei DB International

GmbH für die Region Mittlerer Osten zuständig ist.

■ DB international sammelt derzeit jede Menge Erfahrungen

auf der arabischen Halbinsel. Beispiel Saudi-Arabien:

Über zwei Eisenbahnstrecken verfügt das Königreich. Nun

unterstützt DB International einen saudischen Baukonzern

bei der Realisierung einer 550 Kilometer langen Eisenbahnstrecke.

Der Abschnitt gehört zu einer mehr als 2 000 Kilometer

langen Güterbahnlinie, die künftig die großen Bauxit- und

Phosphatminen im Nordosten des Landes mit der Hauptstadt

Riad und dem Arabischen Golf verbinden soll.

■ Ein weiteres Vorhaben von DB International ist die

Stadtbahn in Abu Dhabi, dem größten Emirat der VAE. Die

Stadtteile der künftigen Retortenstadt Al Raha Beach sollen

mit einer Bahnlinie über 13 Kilometer verbunden werden. „Es

erfordert viel Fingerspitzengefühl, die Anforderungen aller

Beteiligten zu koordinieren“, erklärt Haaks. Seit April 2006

plant DB

International vor Ort. Die zweigleisige Strecke soll 14 moderne

und exklusiv ausgestattete Haltestellen, drei Endstationen

und einen Abzweig zum Depot umfassen.

Großes Baggern: Bauarbeiten für die Retortenstadt Al Raha Beach

in Abu Dhabi. Die Stadtteile soll später eine Stadtbahn verbinden

{ Florian-Ittho Wenski }

»Der Markt ist

reif für unsere

Logistik-

Produkte«

der Wüste mit seinem prall gefüllten Goldsack“, wundert

sich Parche über die Naivität mancher Unternehmer. „Wir

müssen dann erstmal erklären: So geht das nicht. Da muss

man schon zwei Jahre vor Ort sein und genau ausloten, wie

die Geschäfte gehen.“

Außerhalb der Freihandelszonen ist Handel in Dubai

wie in vielen arabischen Staaten nur mittels lokaler Partner

möglich. Für jede Geschäftstätigkeit außerhalb der

Freihandelszone benötigen ausländische Investoren einen

so genannten nationalen Sponsoren, der am Umsatz oder

Gewinn beteiligt wird. Ausländer dürfen sich an Firmen in

Dubai nur zu 49 Prozent beteiligen. Während aktive Partner

eher eine Seltenheit sind und die hohen Erwartungen

der europäischen oder amerikanischen Unternehmen nicht

unbedingt erfüllen, haben stille Partner den Vorteil, dass

ihr Rechtsstatus bezahlt wird und sich ansonsten aus den

aktiven Geschäften heraushalten. „Die Partnerschaften

gleichen der Ehe“, erklärt Parche, „sie sind vom Gedanken

her auf Ewigkeit angelegt.“ Im Klartext heißt das: Will sich

der Unternehmer von seinem Partner trennen, kann dieser

Schadensersatz vor Gericht einklagen, der zum Teil mehrere

Jahresprovisionen ausmacht.

Daher sei die Partnersuche eine der aufwändigsten Tätigkeiten

vor dem Gang nach Dubai, sagt Parche. „Wichtig ist,

sich Zeit zu nehmen, um den Partner zu finden.“ Die deutsche

Außenhandelskammer könne helfen und den Kontakt

zu großen Clans und Familien herstellen. „Viele arabische

Familien haben einen Bauchladen, den man nicht so recht

versteht. Die bauen eine Autobahn, verkaufen Schampoo,

haben eine Bank und betreiben ein Hotel.“

Szenenwechsel. Dubai, World Trade Center, Messehalle Acht:

Ventile zischen, Rädchen rattern, Musterpakete sausen

über Förderbänder und Rolltore schließen und öffnen sich

Ketten rasselnd. Die industrielle Geräuschkulisse ist Standardlärm

auf der Messe Materials Handling & Logistics

Middle East. Die fand im Juni 2007 zum vierten Male in den

VAE statt – und gilt als die wichtigste Messe für alle Bereiche

der Fördertechnik in der Region. „Wir gehen davon

aus, dass der Markt für diese Messe und für die Produkte

der Aussteller reif ist “, sagt Florian-Ittho Wenski, der für

die Messe Frankfurt das Treffen in Dubai organisiert. „Hier

besteht ja ein wahnisnniger Bedarf an Maschinen, Software

und Produkten, die mit Logistik zu tun haben.“ 145 Firmen

aus mehr als zwanzig Staaten liefern eine multimaschinelle

Soundkulisse und Know-how, um das Schneller, Größer,

Weiter in Dubai zu unterstützen – und kehren zufrieden zurück.

„86 Prozent der Aussteller wollen auch beim nächsten

Mal dabei sein“, so Wenski.

Fotos: aaaa bbbbbbb cccccccccc Grafik: infographic.de/

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Solution

Ein Träger lädt Güter aus China von einem Lastwagen. Für Waren aus asiatischen Fabriken ist Dubai unumgänglicher Umschlagplatz geworden

ARABIENS REICHE EINT DIE LIEBE ZU

TEUREN LUXUSAUTOS AUS DEM WESTEN

Nicht nur Branchengrößen sind gekommen, sondern auch

Mittelständler auf der Suche nach Geschäftskontakten in

den Nahen Osten. „Ich bin schon einige Male in Dubai gewesen

und werde voraussichtlich noch ein paar Mal hierher

kommen, bis sich wirklich etwas ergibt,“ sagt Achim Aberle

von der Aberle Steuerungstechnik GmbH, der auf der Messe

einen Industriepartner besucht. Das Unternehmen im

schwäbischen Leingarten bietet Softwarelösungen von der

Lagerverwaltung über Materialflüsse und Visualisierungssysteme

an. Seitdem Dubais Flughafen ein Aberle-System

einsetzt, wittern die Schwaben neue Aufträge fern der Heimat.

Noch aber scheut der Mittelständler den Schritt, in Dubai

eine Niederlassung zu gründen. Es kostet sehr viel Geld,

einen Repräsentanten für ein oder zwei Jahre in die Emirate

zu schicken: Löhne und Lebenshaltungskosten sind für die

europäischen Auslandsvertreter enorm.

Andere nutzen die Vorteile vor Ort schon seit geraumer Zeit.

„Wir haben uns für Dubai entschieden, weil wir dadurch

die Lieferzeiten bei Ersatzteilen von 42 auf vier Tage verkürzrn

konnten“, sagte Jürgen Hirsch, der das regionale

Daimler Chrysler Logistics Center Middle East (RLC) leitet.

Seit 2001 ist DaimlerChrysler in Dubai vertreten. In dem

schmucklosen Gebäude mit seinen 23 000 Quadratmetern

Lagerfläche warten 63 000 Teile auf ihren Einsatz. 2 500 Positionen

wickeln die 17 Mitarbeiter täglich ab – das ist wenig

verglichen mit den großen Ersatzteillagern in Deutschland,

die täglich das sechzehnfache dieser Menge bearbeiten.

Doch der Markt für Luxuswagen wächst rasant. „Viele Familien

haben sieben oder acht Autos, das ist völlig normal“,

sagt Hirsch. Die deutsche Edelmarke verkauft sich gut in

den Emiraten. Während die kleinere E-Klasse gern Zweitwagen

reicher Ehefrauen wird, fahren die Familienchefs entweder

S-Klasse oder den Geländewagen der Klasse G. Nur

dem Kenner fallen kleine Unterschiede auf, die viel über die

Unterschiede zwischen den Regionen verraten: Während

in Dubai vor allem S-350 Klassen durch die Straßen fahren,

sind es im benachbarten Abu Dhabi die größeren S-500.

Für die DaimlerChrysler-Logistiker vereinfachen sich

durch die Niederlassung in den Emiraten viele Abläufe.

Mit dem Flugzeug sind notwendige Ersatzteile rasch vor

Ort, der „Vehicle off road“-Prozess beschleunigt den Service

noch einmal. Für besonders wichtige und zahlungskräftige

Kunden werden Teile auch schon mal über Nacht bereitgestellt

oder binnen zwei Tage aus Deutschland eingeflogen,

zwei bis dreimal die Woche kommt das vor. Dreißig Tage

dauert es, bis Teile aus dem zentralen DaimlerChrysler-Lager

in Germersheim bereitgestellt, mit dem Schiff nach Bremerhaven,

dort verladen werden und nach der Pasage durch

den Suezkanal Dubai erreichen.

Anschließend werden die Teile mit dem Lastwagen in

die benachbarten Staaten transportiert. Luftfracht zum

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LOGISTICS | 25


Kunstwelt hinter Glas: In der Einkaufsmeile Mall of Emirates fahren Dubais gut Betuchte Ski. Andrang herrscht auch an der Rodelpiste

HOHE LÖHNE UND ZU WENIG FACHKRÄFTE

TRÜBEN DAS BILD VOM WUNDERLAND

{ Jürgen Hirsch }

»Viele Familien

haben sieben

oder acht

Autos.«

Beispiel ins hunderte Kilometer entfernte Saudi Arabien

lohnt sich nicht: „Die Verzollung am Flughafen dauert so

lange, dass der Zeitvorteil gegenüber Lkw verloren geht“,

sagt Hirsch. Fast alle Autobauer haben das Händler- und

Werkstattnetz auf sechs oder sieben Großstädte in der Region

konzentriert. Saudi Arabien ist für ein Drittel des DaimlerChrysler-Umsatzes

verantwortlich, zusammen mit Abu

Dabi, Kuwait und Dubai stellt es vier Fünftel des Umsatzes.

„Ein weiterer Vorteil ist, dass wir sechs Tage arbeiten“,

erklärt Hirsch. Der Freitag ist in den islamischen Ländern

ein freier Tag und dem christlichen Sonntag vergleichbar.

Weil die europäischen Arbeitszeiten der Fünftagewoche

mit dem Freitag Geschäfte nur an vier Tagen ermöglichen,

helfen regionale Repräsentanzen beim Tagesgeschäft.

Dieser Arbeitsrhythmus ist nur eine von zahlreichen Umstellungen,

auf die sich Europäer gefasst machen müssen, wenn

sie ins vermeintliche Traumland Dubai ziehen. „Ich halte

nichts von interkulturellen Seminaren zur Vorbereitung

auf den Umzug“, sagt Parche, der seit zwei Jahren in Dubai

lebt und zuvor dreieinhalb Jahre in Saudi-Arabien für die

dortige AHK zuständig war. Zurückhaltung, abwartende

Beobachtung sei gefragt, um mit den lokalen Geschäftsleuten

ins Gespräch zu kommen. „Wenn einer zu Hause nicht

offen und neugierig ist, dann hilft ihm das beste Seminar

nichts.“

Unter den vielen Gastarbeitern stellen die Europäer ohnehin

einen recht geringen Anteil. Natürlich helfen die Verbindungen

zu den anderen Expats, wie sich die ins Ausland

übergesiedelten oder entsandten Exil-Europäer gerne nennen.

Rund 5 000 Deutsche leben mittlerweile in Dubai – die

Briten kommen auf zehnmal mehr. „Die deutschen Kauf-

Fotos: aaaa bbbbbbb cccccccccc Grafik: infographic.de/

26 | LOGISTICS


Solution

ZUKUNFTSSORGEN

Reich, arbeitslos

und überfordert

Dem Luxus zum Trotz haben viele Emiratis keine

Arbeit. Jetzt sollen sie die Privatwirtschaft erlernen

■ Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) entwickeln

sich zum bedeutendsten Wirtschaftszentrum des Mittleren

Ostens. Hundertausende Gastarbeiter strömen an den

persischen Golf. Die gebürtigen Dubai’in erfahren, dass der

Reichtum ihnen keine Arbeitsplätze garantiert.

■ Die Hälfte der einheimischen Bevölkerung ist jünger

als 18 Jahre. Trotz des raschen Wirtschaftsaufschwungs sind

rund 36 000 Emiratis arbeitslos, das entspricht einer Quote

von rund 15 Prozent. Mehr als die Hälfte der Erwerbslosen

sind zwischen 16 und 24 Jahren alt.

■ 600 000 Jobs haben die VAE in den vergangenen Jahren in

der Privatwirtschaft geschaffen, doch die sind mehrheitlich

von Europäern besetzt. Unternehmen müssen daher eine

bestimmte Anzahl von Einheimischen einstellen.

Moschee in Dubai: Der Islam ist präsent, aber nicht allgegenwärtig

mannschaft sind recht gut organisiert“, sagt Parche, gesteht

aber ein: „Die Briten und Franzosen sind im Networken eindeutig

besser.“

Doch das Bild vom ungebremsten Aufstieg trübt sich ein. Schon

jetzt werden in einigen Bereichen Fachkräfte knapp. Auch

die auf Branchen spezialisierten und eigens lizensierten Arbeitsagenturen

suchen weltweit nach Personal. Besser sieht

es bei Arbeitern und einfacheren Angestellten aus, hier ist

der Nachwuchs noch leicht zu finden. 1 500 Dirham, umgerechnet

rund 300 Euro, verdient ein Lagerarbeiter derzeit

im Monat, dazu stellt der Arbeitgeber traditionellerweise

Verpflegung, Unterkunft und Kleidung. Doch die Konkurrenz

ist stark. Weil das Leben in Dubai alles andere als billig

ist, wechseln die Leute schnell den Arbeitgeber, wenn sie

bei einem anderen auch nur geringfügig besser bezahlt werden.

Ähnliches gilt für Angestellten, die umgerechnet 2 500

bis 2 700 Euro verdienen. Horrende Mieterhöhungen und

wachsende Schulkosten für Kinder treiben die Inflation.

„Viele suchen nur nach einer Möglichkeit, rasch zu wechseln

und mehr Geld zu verdienen“, sagt ein Warehouse-Leiter.

„Mit einem Wechsel können manche Angestellte ihr

Gehalt leicht verdoppeln!“ Weil nun viele Unternehmen in

Dubai siedeln, ist der Markt für Fachkräfte günstig.

„Die Personalkosten sind nicht mehr soviel niedriger als

in Deutschland“, bestätigt DaimlerChrysler-Mann Hirsch.

„Aber wenn Sie ein gutes Gehalt zahlen, bekommen Sie hier

wirklich gute Leute.“ Und die brauchen Investoren in Du-

■ Viele junge Emiratis machen sich selbständig, scheitern

aber an der besser ausgebildeten und erfahreren Konkurrenz,

fand kürzlich eine Studie der National Bank of Dubai heraus.

Sie forderte, jungen Emiratis die Grundlagen der Selbständigkeit

aggressiv nahe zu bringen.

■ Vor zwei Jahren startete Scheich Mohammed, Regierungschef

Dubais und Vizepräsident der VAE, das Emirates

Nationals Development Programme, um junge Emiratis in die

Privatwirtschaft zu integrieren. „Unsere jungen Menschen

haben sich im öffentlichen Dienst bewährt,“ sagte Scheich

Mohammed in seiner Gründungsrede, „ich bin zuversichtlich,

dass ihnen das auch in der Privatwirtschaft gelingt.“

Nachwuchs: Vater mit Sohn in einer Einkaufsmeile. Mittlerweile

machen sich die Dubai'in Sorgen um ihre Zukunft

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