leben bedeutet, meiner zu gedenken - Gemeinschaft und Befreiung ...

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leben bedeutet, meiner zu gedenken - Gemeinschaft und Befreiung ...

„Leben bedeutet,

Meiner zu gedenken

Internationale Versammlung der

Verantwortlichen von Comunione e Liberazione

La Thuile, August 2010

SPUREN


„Leben bedeutet,

Meiner zu gedenken

Internationale Versammlung der

Verantwortlichen von Comunione e Liberazione

La Thuile, 28. August - 1. September 2010

SPUREN


© 2010, Andrea Jemolo/Scala, Florenz.

Umschlag: Giovanni Serodine, das Abendmahl von Emmaus, XVII. Jahrhundert, San Pietro, Ascona

Der Titel stammt aus dem Buch: L. Giussani, L’io rinasce in un incontro (1986-1987), Bur, Mailand 2010, S. 43.

Übersetzung: Christoph Scholz

Weitere Übersetzer: Denise Atzeni, Ralf Bösemann, Markus Merz, Chiara Savoldelli, Mario Schwarz, Gisela Zöhrer


Einleitung

Julián Carrón

28. August 2010, Samstagabend

Die Mühe, die viele auf sich genommen haben, um heute Abend hier

zu sein – viele sind von sehr weit kommen –, bringt die Natur unserer

Bedürftigkeit, unserer Verwiesenheit zum Ausdruck. Es wäre nicht

vernünftig, dieses Opfer auf sich zu nehmen, wenn es nicht die Verheißung

gäbe, hier etwas vorzufinden, das uns verändert nach Hause

zurückkehren lässt. Dennoch können wir diese Anstrengung auf uns

genommen haben und weiterhin zerstreut und träge bleiben. Deshalb

ist der erste Ausdruck des Bewusstseins unserer Armseligkeit und

Schwäche die Anrufung des Heiligen Geistes. Er rufe uns unsere ganze

Bedürftigkeit in Erinnerung und mache uns für das verfügbar, was er

uns in diesen Tagen mitteilen will.

Discendi Santo Spirito

Wir sind auf dieser internationalen Versammlung der Verantwortlichen

in einem kulturellen Zusammenhang, den wir auf den Exerzitien

der Fraternität mit folgendem Satz von Charles Péguy beschrieben

haben: „Eine Welt […] nach Jesus, ohne Jesus“ 1 .

Der Bereich der Kirche wird ganz beherrscht von einem Begriff,

den der Papst seit Monaten wiederholt, und den auch wir bei unserer

Versammlung nicht vergessen können: Es ist das Wort „Umkehr“. Als

wir zu ihm auf den Petersplatz kamen, sagte er uns: „Der wahre Feind,

den es zu fürchten und zu bekämpfen gilt, ist die Sünde, das geistliche

Übel, das bisweilen leider auch die Mitglieder der Kirche ansteckt. Wir

leben in der Welt – sagt der Herr –, doch wir sind nicht von der Welt

(vgl. Joh 17,14). Wir Christen haben keine Angst vor der Welt, auch

wenn wir uns vor ihren Verführungen hüten müssen. Wir müssen die

Sünde fürchten und dabei stark in Gott verwurzelt sein, vereint im Gu-

1

Ch. Péguy, Lui è qui, Bur, Mailand 1997, S. 126.

3

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„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

ten, in der Liebe, im Dienst. Das ist es, was die Kirche, ihre geweihten

Amtsträger zusammen mit den Gläubigen in eifrigem Engagement

für das geistliche und materielle Wohl der Menschen überall auf der

Welt getan haben und weiterhin tun. Das ist es, was vor allem ihr für

gewöhnlich in den Pfarreien, Vereinigungen und Bewegungen zu tun

bestrebt seid: Gott und dem Menschen im Namen Christi zu dienen.

Setzen wir gemeinsam diesen Weg vertrauensvoll fort, und die Prüfungen,

die der Herr zulässt, mögen uns zu einer größeren Radikalität und

Kohärenz drängen. Es ist schön, heute diese Menschenmenge auf dem

Petersplatz zu sehen, wie es für mich auch bewegend gewesen ist, in

Fatima die immense Menschenmenge zu sehen, die in der Schule Mariens

für die Umkehr der Herzen gebetet hat. Gestärkt durch eure so

zahlreiche Anwesenheit wiederhole ich heute diesen Aufruf! Danke!“ 2

Diesen Aufruf zur Umkehr richtet der Papst an uns, die wir dort

anwesend waren, und zwar gerade in dem kulturellen und kirchlichen

Kontext. Denn auch wir unterliegen dem Einfluss dieser Umstände –

wie er oft betont. Ohne die Umkehr haben auch wir unseren Anteil

beim Aufbau einer Welt nach Jesus, ohne Jesus. Wer von uns würde

sich nicht angesprochen fühlen von dieser Mahnung des Papstes?

Während der Vorbereitung der Sommerexerzitien des Gruppo

Adulto dachte ich an diese Dinge; dabei fiel mir ein Text von Don

Giussani in die Hand, dessen Titel Jedes Ding: Geheimnis und Zeichen

lautet. Er sagt uns darin etwas, was der Mahnung des Papstes sehr

ähnlich ist: „Im Gruppo Adulto [in der Fraternität, in der Bewegung]

gibt es niemand, der Gott negiert (ansonsten könnte er nicht dabei

sein!). Aber es gibt Leute, die gleichsam betäubt sind, schläfrig oder

oberflächlich; ihre Seele ist nicht durchdrungen vom Sinn des Lebens

und von der Anerkennung, dass alle Dinge, die dir widerfahren, eine

Einladung zur Beziehung mit dem Geheimnis sind.“ 3 Diese Aussage

richtet sich auch an uns. In gewisser Weise sind auch wir dieser Lethargie

unterworfen; wir sind in der Seele nicht durchdrungen von dem

Gedanken an den Sinn des Lebens, von dieser Notwendigkeit. Diese

2

Papst Benedikt XVI., Regina Caeli, 16. Mai 2010.

3

L. Giussani, L. Giussani, Ogni cosa: Mistero e segno, in Tracce-Litterae Communionis, Nr. 6, Juni

1999, S. VI.

4

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EINLEITUNG

Schläfrigkeit, diese Oberflächlichkeit, mit der wir oft leben – eine Folge

der kulturellen und gesellschaftlichen Situation, an deren Entstehen

wir somit selbst mitwirken –, lässt uns verstehen, dass sich die Mahnung

zur Umkehr nicht an andere richtet, sondern vor allem uns selbst

betrifft. Ich sehe das zumindest so für mich.

Don Giussani fährt mit folgendem Hinweis fort: „Ihr müsst das

Interesse haben, die Initiative zu ergreifen, damit euer Leben Beziehung

zu Gott ist. Stattdessen sind wir betäubt oder oberflächlich, weil

wir mit dieser Frage so umgehen, als ob durch unser Leben im „Haus“

[unsere Mitgliedschaft in der Fraternität oder die Teilnahme an der

Bewegung], bereits alles in Ordnung sei. Nichts ist in Ordnung! Wenn

das Haus [die Fraternität, die Gemeinschaft oder die Freundesgruppe]

nicht zum Beginn eures Tages gehört, wenn sie nicht zu einer Anregung

für euren Tag wird, gibt es keinen anderen Weg oder keine andere

Beziehung, die euch die Tatsache vor Augen führt, dass das Leben

des Menschen Beziehung zum Geheimnis ist. Man hört dann nur von

dieser Frage, wenn etwas Außergewöhnliches geschieht, wenn sich

etwas Außergewöhnliches ereignet. Setzen wir statt „Gott“ das Wort

„Berufung“. Wir leben den Tag ohne das Bewusstsein unserer Berufung

erneuert zu haben […dass wir erwählt wurden und welches Geschenk

dabei uns gegeben wurde].“ 4 Die große Barmherzigkeit Don

Giussanis besteht darin, dass er uns unser Problem verstehen hilft:

„Heute hat alle Welt das, was sie von ihren Vorfahren empfangen hat,

in ein riesiges Grab der Armseligkeit geworfen. Deshalb nehmen wir

unsere Fragen verengt wahr, sie sind nicht umfassend, sondern isoliert.

Heute möchte ich euch darum bitten, euch beim Gebet an den Heiligen

Geist und die Gottesmutter anzustrengen – Veni Sancte Spiritus,

veni per Mariam. Denn ihr müsst über meine gesprochenen Worte

hinaus verstehen, welche Beziehung zwischen Gott, dem Geheimnis,

und unserem Leben besteht: Das ist die entscheidende Frage!“ 5 Schon

allein wenn wir diese Worte hören, verstehen wir, wie zerstreut wir

sind. Denken wir an unseren Alltag – was ist dann für uns das entscheidende

Problem, was bereitet uns am meisten Sorgen, wobei überra-

4

Ebd.

5

Ebd.

5

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„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

schen wir uns, wenn es um die vorherrschende Sorge geht… ist dies

tatsächlich das entscheidende Problem für einen jeden von uns?

Angesichts dieser Situation der Welt und der Kirche, an der wir teilhaben,

besteht unsere einzige Strategie in der Umkehr, wie der Papst

sagt. Und als erstes zeigt sich dies darin, dass wir uns schon allein gegenüber

dem Wort „Umkehr“ verteidigen (nehmt einmal aufrichtig

eure Reaktion wahr). Dies verdeutlicht, wie sehr wir der Umkehr bedürfen.

In uns zeigt sich das, was wir oft als Mahnung gehört haben:

„Es gibt kein Ideal, für das wird uns opfern könnten, denn wir, die wir

nicht wissen, was die Wahrheit ist, kennen von allem die Lüge.“ 6 Um

für die Umkehr verfügbar zu sein, braucht es etwas Wahres, etwas so

Faszinierendes, so Anziehendes, das dieses Opfer erstrebenswert sein

lässt.

An unserer Verfügbarkeit gegenüber der Umkehr zeigt sich, ob wir

uns der Wahrheit wirklich bewusst sind, ob wir etwas so Wertvolles

besitzen, dass wir schließlich sogar zum Opfer bereit sind. Deshalb

müssen wir uns als erstes helfen, diese Wahrheit kennen zu lernen (die

es uns erlaubt, gegenüber dem Wort „Umkehr“ nicht gleich eine Verteidigungshaltung

einzunehmen); eine Wahrheit, die so anziehend,

so faszinierend ist, dass wir sie nicht verlieren wollen. Und welches ist

die Wahrheit?

„Durch die Stimme des Propheten, die sich in Christus verwirklicht

(stellt euch einmal lebendig die Leute vor, die mit diesem Mann zusammen

waren; mit diesem jungen Mann, in dem sich all diese Dinge

verwirklichten), spricht Gott: „Ich habe dich mit ewiger Liebe geliebt,

daher habe ich dich an mich gezogen (das heißt ich habe dich teilhaben

lassen an meiner Natur), denn ich hatte Erbarmen mit deiner

Nichtigkeit.“ 7 Es gibt nichts, was ursprünglicher und schöpferischer

wäre als diese Liebe, die am Ursprung von allem steht, was ist. Und

deshalb ist sie die erste Wahrheit über uns selbst und über alles, was ist.

Das ist das Erste, worauf wir schauen müssen. Dazu müssen wir uns in

6

A. Malraux, La Tentation de l’Occident, Bernard Grasset, Paris 1926, S. 216 („Il n’est pas d’idéal

auquel nous puissions nous sacrifier, car de tous nous connaissons les mensonges, nous qui ne

savons point ce qu’est la vérité”).

7

L. Giussani, Kann man so leben? Christsein als Lebensform, Sankt Ulrich Verlag, Augsburg 2007, S.

248-249.

6

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EINLEITUNG

diesen Tagen helfen, um nicht in den Fehler zu verfallen, uns vor dem

Wort ‚Umkehr’ zu verteidigen.

Ich lese euch einen Abschnitt aus einem der Briefe vor, die Don

Giussani seinem Freund Angelo Majo schrieb. Er ist uns eine wirkliche

Ermutigung, weil er jede Situation umfasst, in der wir uns jetzt

befinden können: „In dieser windigen und dunklen Nacht, einem Vorboten

des Winters, bin ich unfähig, dir genau auf die Gemütslage zu

antworten, in der du mir schriebst. Ich bin zu müde [in dieser Müdigkeit

liegt das ganze Unbehagen, das jeder von uns spüren kann]. Aber

ich fühle – und meine Treue gegenüber den liebsten Freunden ist ein

erfahrbares Symbol dessen –, dass die Substanz des Lebens, der Wünsche,

des Glücks, die Liebe ist. Eine unendliche riesige Liebe, die sich

zu meinem Nichts herabgebeugt hat, daraus ein menschliches Wesen

hervorgebracht hat [er hat mich geschaffen], ein Staubkorn im Leib,

aber grenzenlos in seinem offenen Streben nach Wahrheit und Liebe,

das im Verstand und im Herzen besteht. Eine grenzenlose, riesige

Liebe, die die Absurdität vollbracht hat, mich endliches Staubkorn als

Geschöpf, unendlich wie ihn zu machen.“ 8 Giussani war 23 Jahre alt,

als er diese Dinge sagte!

Gleich wie unser Gemütszustand ist, gleich welches Unbehagen

wir empfinden mögen und welche Schwierigkeiten wir durchmachen,

gleich welche Sorgen wir uns über uns selbst machen: Nichts kann diese

unendliche grenzenlose Liebe aufhalten, die sich zu unserem Nichts

herabgebeugt hat. Meine Freunde, darin besteht die Umkehr: dass ich

in diese Situation, in dieses Unbehagen, in diese Müdigkeit, in diesen

Augenblick, in dem ich mich befinde, diese unendliche Liebe einlasse,

die sich zu meinem Nichts herabgebeugt hat. Nichts kann verhindern,

dass sich Jemand jetzt, in dieser Situation, mit einer ewigen grenzenlosen

Liebe zu deinem Nichts, zu meinem Nichts herabbeugt, um uns

das Sein zu schenken.

„Wie beeindruckend ist es, an die unendliche Entfernung zu denken,

die Gott gegenüber unserem Nichts überwunden hat! ‚Mit unendlicher

Liebe habe ich dich geliebt‘, heißt es in der Bibel, ‚Ich habe

8

L. Giussani, Lettere di fede e di amicizia ad Angelo Majo, San Paolo, Cinisello Balsamo (Mi) 2007,

S. 51-52.

7

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„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

dich an mich gezogen, ich habe dich aufgenommen, weil ich Mitleid

mit der Nichtigkeit hatte.‘ Es gibt keinen größeren Unterschied als

den zwischen dem Sein und dem Nichts! Ich glaube, dass dieser Aspekt

des Bewusstseins stets erneuert werden muss.“ 9 Diese Initiative

legt Don Giussani uns nahe: Wir müssen die Initiative ergreifen, denn

dieses Bewusstsein muss stets erneuert werden, wenn wir es nicht verlieren

und uns nicht verteidigen wollen. Wie wir aber bei der Arbeit

in diesem Jahr gesehen haben, leben wir trotz allem oft in der Zerstreuung

und wie im Schlaf. „Und dann, als der Mensch am wenigsten

damit rechnete und es sich nicht einmal erträumen konnte, als er

es nicht mehr erwartet hat und nicht mehr dessen gedachte, von dem

er das Sein erhalten hatte, da kehrt dieser von neuem in das Leben des

Menschen ein, um es zu retten. Er gibt sich ihm erneut hin, indem er

für den Menschen stirbt. Er gibt sich völlig hin, eine vollkommene

Hingabe seiner selbst, die in dem Satz gipfelt: ‚Eine größere Liebe hat

niemand als die, dass er sein Leben für seine Freunde hingibt.‘ Eine

vollkommene Hingabe. Aber hier findet sich noch eine letzte Schattierung

[damit niemand von uns von dieser vollkommenen Hingabe

ausgeschlossen ist]: Was Christus uns gibt, indem er für uns stirbt – er

stirbt, weil wir ihn verraten haben –, um uns von unserem Verrat zu

reinigen [Er vernachlässigt nichts von uns, nichts, von dem, was uns

erschreckt, nichts von dem, was uns beschämt, nichts von dem, was

wir nicht einmal anzuschauen wagen]. Was er uns gibt, ist noch größer,

als wir erwarten konnten.[...] Um zu verstehen, was Verrat bedeutet,

Leute, müssen wir an unsere eigene Zerstreuung denken. Denn es

ist ein Verrat, wenn wir Tage, Wochen, Monate verbringen … schaut,

zum Beispiel gestern Abend, wann haben wir an ihn gedacht? Wann

haben wir ernsthaft an ihn gedacht, von Herzen, während des letzten

Monats, in den letzten drei Monaten, von Oktober bis jetzt? Nie. Wir

haben nicht an ihn gedacht wie Johannes und Andreas, als sie ihn beim

Sprechen anblickten. Und sollten wir uns doch in Bezug auf ihn Fragen

gestellt haben, so allenfalls aus Neugierde [wie oft stellen wir Fragen!],

aus dem Bedürfnis heraus, zu analysieren, nachzuforschen, zu klären.

9

L. Giussani, Il miracolo dell’ospitalità, Piemme, Casale Monferrato (Al) 2003, S. 12.

8

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EINLEITUNG

Aber dass wir so an ihn dächten wie jemand, der aufrichtig verliebt

ist, der an die geliebte Person denkt (und sogar dort geschieht es sehr

selten, weil wir alles auf der Grundlage einer Erwiderung berechnen),

ganz rein, absolut und vollkommen losgelöst, als reine Sehnsucht nach

ihrem Wohl…“ 10

Wenn wir ein solches Zeugnis mit Händen greifen, verstehen

wir wirklich, wozu wir berufen sind. Wir verstehen, worin die Umkehr

und worin unsere Zerstreuung besteht. Denn ohne dass jemand

kommt und sogar mit unserem Verrat, mit unserer Zerstreuung Mitleid

hat und sich mit machtvoller Klarheit und Anziehungskraft beharrlich

ins Spiel bringt, können wir nicht in der Weise an ihn denken,

wie Andreas und Johannes, als sie ihn reden hörten.

Darin liegt die Wahrheit. Die Wahrheit ist nichts Abstraktes, es ist

diese Liebe, die sich zu unserem Nichts herabgebeugt hat, sogar zu

unserem Verrat. Wir aber verkürzen die Wahrheit auf einige abstrakte

Kenntnisse und verkürzen die Umkehr dann unvermeidlich auf einen

Moralismus, auf etwas, das wir selbst hervorbringen oder tun müssen.

Doch die Wahrheit besteht in diesem Ergriffensein aufgrund unserer

Nichtigkeit. Nur wenn wir jemandem Einlass gewähren, der sich zu

uns herabgebeugt hat; nur unter dem Eindruck der Ergriffenheit können

wir unsere Verteidigung gegenüber einer Zugehörigkeit zu ihm

überwinden; nur so werden wir für diese Initiative verfügbar. Darum

müssen wir bitten, denn der Ursprung dieser Initiative ist eine Sympathie,

die er hervorbringt. Don Giussani sagt dazu: „Es ist so, als ob

wir gegenüber diesem Anstoß der Sympathie oder des Vertrauens, gegenüber

dieser Sympathie grundlegend unangemessen blieben – auch

wenn das Vertrauen richtig und wesentlich ist. Deshalb tut mir diese

meine zweite Anmerkung über die Unangemessenheit leid. Aber sie

soll keine Angst machen. Sie verweist auf einen Weg, ist aber kein Einwand.

Wir können diese Unangemessenheit allerdings nicht zu lange

ertragen oder tolerieren, ohne daran zu arbeiten. Ansonsten verflüchtigt

sich diese Sympathie.“ 11

10

L. Giussani, Kann man so leben?, a.a.O., S. 247-248

11

L. Giussani, L’io rinasce in un incontro (1986-1987), Bur, Mailand 2010, S. 42.

9

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„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

Diese Initiative ist kein Anhängsel oder etwas Willkürliches. Ohne

die Initiative zu ergreifen, ohne auf diese Initiative in dem Augenblick

zu antworten, in dem sich die Sympathie einstellt, verflüchtigt sie sich!

Und so betont Don Giussani: „Was bedarf es doch für eine persönliche

Bewegung für diesen täglichen Kampf mit der Logik der Macht, für

diesen täglichen Sieg über das Scheinbare und Vergängliche, um diese

Gegenwart zu bestätigen, die allen Dingen mit Blick auf ihre Bestimmung

Bestand gibt – die Bestimmung, die Christus ist.“ 12

Was für eine persönliche Bewegung! Wir sind hier nicht „in Ordnung“

und basta. Wir sind hier zusammen, meine Freunde, um uns

angesichts dieser Sympathie zu helfen und zu unterstützen, um uns in

dieser persönlichen Bewegung zu stärken. Ansonsten sind wir keine

Freunde. Es braucht diese Ergriffenheit, die diese persönliche Bewegung

hervorbringt und in uns auf diese Verfügbarkeit trifft. Hierin

liegt auch unsere Verantwortung: das Ich zum gegenwärtigen Ereignis

hin umzuwenden, das heißt zu dieser Liebe, die sich zu mir herabgebeugt

hat und die mich sogar in meinem Verrat umarmt. Auch für die

Umkehr gilt also jene Regel, die uns Don Giussani immer gelehrt hat:

„Eine Passivität begründet meine ureigene Aktivität, nämlich die des

Empfangens, des Feststellens, des Erkennens.“ 13 Es geht darum, bewusst

die Liebe dessen anzunehmen, der sich zu meinem Nichts herabgebeugt

hat und sich jetzt zu meinem Gemütszustand, zu meinem

Verrat herabbeugt, gleich in welcher Situation ich hier angekommen

bin oder ich mich derzeit befinde.

Dann versteht man auch, dass es nicht zu schwer ist, dieser Umarmung

nachzugeben, diesem Entgegenkommen des Geheimnisses meinem

Nichts gegenüber. Man braucht sich nicht zu verteidigen. Es wird

schwierig, sich zu verteidigen, so habe ich auch Freunden geschrieben,

die vor kurzem zur Pilgerfahrt nach Tschenstochau aufgebrochen sind.

Die Umkehr besteht darin, auf die Bevorzugung zu antworten versuchen,

die das Geheimnis für uns hat. Wenn wir darauf antworten und

uns darin in diesen Tagen gegenseitig helfen, dann können wir auch

zur Erneuerung der Kirche und zum Wohl der Welt beitragen.

12

Ebd. S. 194.

13

Luigi Giussani, Der religiöse Sinn, Verlag Bonifatius, Paderborn 2003, S. 122.

10

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Zeugnis

29. August 2010, Sonntagnachmittag

Marta Cartabia *

1. „Eine Welt nach Jesus, ohne Jesus“

Wenn man – wie es mir und meiner Familie letztes Jahr geschehen ist

– im Herzen von New York zu leben beginnt, ist es, als ob man in eine

nachchristliche Welt eintritt, ohne Christus. Péguy hat das beschrieben,

in einem Abschnitt der bei den Exerzitien der Fraternität gelesen

wurde. Natürlich passt die ganze westliche Welt zu dieser Beschreibung.

Während Europa hinsichtlich des Abwrackens der christlichen

Gesellschaft noch umkämpftes Land ist, das sich dagegen wehrt, beeindruckt

in New York mit am meisten, dass diese Umgestaltung mittlerweile

abgeschlossen ist. Um es mit Péguy auszudrücken: Man hat es

geschafft. Ich bin versucht hinzuzufügen, man hat es sehr gut geschafft.

Davon möchte ich ausgehen, denn vom Gesichtspunkt der Erfahrung

ist es genau dieser Eindruck, der sich ergibt, wenn man dort ankommt:

Wir sind von diesem Erfolg geblendet worden.

Man hat es geschafft: New York ist eine wunderbare Stadt, die Natur

ist schön, die Werke des Menschen sind wunderbar, alles funktioniert,

und auf unerklärliche Weise schaffen es Millionen von Menschen aller

Rassen zusammenzuleben, die mehr als 60 unterschiedliche Sprachen

sprechen. Ich muss gestehen, dass ich und meine Familie sofort davon

eingenommen wurden. Vielleicht ist das Geheimnis dieses Erfolges,

dass jeder Aspekt des Lebens mit großer Professionalität behandelt

wird. So schien es jedenfalls für meine Augen als Gast, der ein Jahr

dort gelebt hat. Der „Gott der Arbeit“ bringt seine Früchte. All das hat

seine Vorteile: Man lebt gut, man verliert weniger Zeit für die Organisation

des Lebens, alles ist in gutem Zustand und so weiter. Mit einer

Besonderheit, die ich mit folgender Episode aus meinem universitären

*

Dozentin für Verfassungsrecht an der Universität Mailand – Bicocca

11

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„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

Leben beschreiben möchte. Das Niveau der amerikanischen Universitäten

ist ausgezeichnet. So war ich vor allem in den ersten Monaten

unvermeidlicherweise vom allem ganz begeistert. Mich beeindruckte

vor allem, dass der gemeinschaftlichen Dimension des Lebens unter

den Dozenten und den Studierenden so viel Raum und Aufmerksamkeit

geschenkt wird. Das gibt es bei uns überhaupt nicht. An der New

Yorker Universität, an der ich arbeitete, schienen mir paradiesische Zustände

zu herrschen. Da waren Kollegen von höchstem Rang, höfliche

Umgangsformen, die Möglichkeit einer interessanten Zusammenarbeit,

prächtige Büroräume mit Kunstwerken an den Wänden und den

ganzen Tag klassische Musik im Hintergrund. Und dennoch entdeckte

ich – je mehr die Zeit verging – immer mehr eine gewisse Müdigkeit

bei meinen Kollegen. „Ich habe Heimweh“, sagten sie mir, „hier fühle

ich mich einsam und elend.“ „Elend“: Das ist beeindruckend: Nicht

einmal New York ist für das Herz des Menschen ausreichend.

Nach Christus, ohne Christus. Den anderen Umstand, den man sofort

sieht, wenn man in Manhattan ankommt, ist die strikte Trennung

zwischen öffentlichem Berufsleben und der religiösen Dimension.

Über diesen Punkt muss man sich Klarheit verschaffen, denn die

amerikanische Wirklichkeit ist sehr komplex. Tatsächlich sind die

Amerikaner sehr religiös, wahrscheinlich religiöser als wir Europäer.

Es gibt auch viele praktizierende Katholiken. Als eines der Zeichen für

diese Tatsache hat mich immer der Umstand beeindruckt, dass die

Messe für die Studierenden meiner Universität am Sonntagmorgen

mit hunderten von Teilnehmern fast überfüllt war. Aber von all diesen

jungen Menschen sah man während des normalen akademischen

Lebens keine Spur. Auch wenn die Institution den Vereinigungen der

Studierenden gegenüber sehr aufmerksam und wohlgesonnen ist,

insbesondere den religiösen, habe ich in dem ganzen Jahr überhaupt

keine Präsenz dieser Hundertschaften von Leuten aus der Sonntagsmesse,

kein öffentliches Urteil, kein Zeichen der Erkennbarkeit wahrgenommen.

„Ohne Christus“ heißt nicht, dass die religiöse Dimension im Leben

der Menschen fehlt, sondern, soweit ich das sehen konnte, dass es

sich um eine unsichtbare und folgenlose Religiosität handelt.

12

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ZEUGNIS

Als ich einmal etwas für meine Arbeit las, fand ich folgende Beschreibung

von Ernst Fortin, die ich ganz besonders zutreffend hinsichtlich

dieser Situation finde.

„Nietzsche hat uns vor langer Zeit darauf hingewiesen, dass der Tod

Gottes perfekt mit einer bürgerlichen Religiosität vereinbar ist. Er hat

nicht einen Augenblick daran gedacht, dass die Religion am Ende sei.

Das, was er anzweifelte, war die Fähigkeit der Religion, die Person zu

bewegen und ihren Geist zu öffnen. Die Religion ist ein Konsumprodukt

geworden, eine von vielen Formen der Unterhaltung, eine Quelle

der Stärkung der Schwachen … oder eine emotionale Servicestation,

dazu bestimmt, einige irrationale Bedürfnisse anzusprechen, welche

die Religion besser befriedigen kann als jede andere Sache. Wie sehr

das auch einseitig klingen mag, in der Tendenz trifft die Diagnose von

Nietzsche zu“. 14

Diese Beschreibung brachte klar zum Ausdruck, was ich sah. Eine

Gesellschaft ohne Christus ist im Grunde genommen eine Gesellschaft,

die, ohne dass wir das merken, unsere Beziehung zu Christus

einschlafen lässt, sie stumm und bedeutungslos für unser persönliches

wie für das gesellschaftliche Leben werden lässt. Sie reduziert sie auf

emotionale oder sentimentale Momente, oder – schlimmer noch – auf

Verhaltensmuster.

Dass all dies im Vaterland der religiösen Freiheit geschieht, ist

vielleicht der Aspekt, der am meisten überrascht. Die amerikanische

Verfassung ist diesbezüglich ein Modell für alle, wie es auch der Papst

mehrfach in Erinnerung gerufen hat. Nichts und niemand verbietet

den öffentlichen Ausdruck der eigenen Religiosität, kein Gesetz, keine

Verordnung. Es ist nicht Verfolgung, sondern mehr ein Konformismus,

der zu dieser Situation führt. Niemand verbietet das, aber

niemand wagt es, die eigene religiöse Dimension als Form des ganzen

Lebens voll auszuleben. Genauso wie es Solschenizyn in seinem berühmten

Vortrag in Harvard 1975 ausdrückte: in totalitären Staaten

leidet man unter dem absoluten Fehlen der Freiheit, in den westlichen

Staaten hingegen gibt es die Freiheit und sie ist zum Äußersten ge-

14

E.L. Fortin, The Regime of Separatism: Theoretical Considerations on the Separation of Church and

State, in Human Rights, Virtue, and the Common Good, 1996, S.8.

13

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„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

bracht worden, aber wenn man genau hinschaut, entdeckt man, dass

sie immer „uniforme und gleichgerichtete Orientierungen zum Ausdruck

bringt; Urteile, die innerhalb bestimmter von allen akzeptierten

Grenzen liegen und vielleicht auch gemeinsame wirtschaftliche Interessen.

All das bewirkt nicht einen Wettbewerb, sondern eine gewisse

Vereinheitlichung.“ 15 Die westliche Welt besteht aus Gesellschaften

ohne Christus nicht wegen des Fehlens einer formalen Freiheit, rechtlich

oder politisch, sondern wegen eines merkwürdigen Konformismus,

den wir um uns herum spüren, weswegen das Leben von der

vorherrschenden Mentalität des Umfeldes beherrscht wird, in dem

wir uns befinden.

2. Die Macht und die Verkürzung unseres Menschseins

Im Hinblick auf diese Lage las ich erneut L’io rinasce in un incontro 16 ,

ein Buch, das die Niederschrift der Versammlungen der Verantwortlichen

der Studenten von CL mit Don Giussani enthält. Diese Lektüre

hat mich betroffen gemacht, besonders wegen der Sorge, die in allen

Beiträgen angesprochen wird, vor allem nach Tschernobyl, in Bezug auf

unser Menschsein: dass es ständig den zerstörenden Strahlungen der

Macht und der vorherrschenden Mentalität ausgesetzt ist. Für Giussani

stellen die „Macht“ und die „vorherrschende Mentalität“ – diese

beiden Ausdrücke stehen quasi für denselben Begriff – eine ernste und

schwere Bedrohung für unsere Person, für unsere Erfahrung und noch

tiefer für unsere Beziehung zu Christus dar: „Die Macht kann nicht

das Aufkeimen einer Begegnung verhindern, sie versucht aber, deren

Entfaltung in der Geschichte zu verhindern.“ 17 Die Macht will über

die Standhaftigkeit, die Dauerhaftigkeit dieser Begegnung, über unser

„Dabeibleiben“ ihren Einfluss ausüben.

Auf welche Weise?

An dieser Stelle wurde die Überraschung noch größer, weil ich

durch diesen Text etwas ganz Anderes entdeckt habe, als das, was ich

über diese Frage vorher dachte.

15

A. Solschenizyn, Eine Welt in Stücken, vollständiger Text der Ansprache in Harvard, Beilage zu

CL-Litterae Communionis, Nr. 10, 1978, S. 8.

16

L. Giussani, L’io rinasce in un incontro (1986-1987), Mailand 2010.

17

Ebd., S. 247.

14

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ZEUGNIS

Ich versuche es zu erläutern: Wenn ich das allgemeine kulturelle Klima

in Betracht ziehe, die Zivilisation nach Christus und ohne Christus,

in der wir leben, die so offensichtlich die Christenheit hasst, dann stelle

ich mir – vermutlich auch viele von uns – die Macht als etwas vor, das

außerhalb von mir lebt, und das mich grundsätzlich verfolgt. Möglicherweise

bin ich von meinem Beruf beeinflusst; so habe ich oft gedacht, dass

wir in einer kämpferischen Zeit leben und von der vorherrschenden „liberalen“

oder „linksradikalen“ Mentalität nicht verstanden werden. Sagen

wir mal so, ich habe diese Drohung seitens der Macht immer schnell

und oberflächlich als eine „Verfolgung“ betrachtet. Oft kam mir der Gedanke,

dass ich zu etwas „anderem“ abseits der Welt gehöre. Deswegen

werde ich angegriffen oder manchmal benachteiligt. Wir haben uns oft

wiederholt, dass wir uns der Logik der allgemeinen Mentalität und der

kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Machtzentren nicht unterwerfen.

Wir haben dabei unser Verhältnis zur „Macht” vereinfacht und es

vielleicht ein bisschen zu leidenschaftlich auf folgende Weise verstanden:

Die Welt, die Gesellschaft, die Politik sind uns feindlich gesonnen, weil

sie die Macht darstellen und uns zerstören will.

Diese Haltung mag zum Teil die Wirklichkeit richtig deuten, aber

bei der Lektüre von L’io rinasce in un incontro fand ich etwas sehr Interessantes

zu diesem Punkt. Giussani hat eine andere Sorge, so scheint

es mir: Er merkt, dass die Macht unseren Glauben schwächt, indem

sie unsere menschliche Größe mindert. Die Macht dringt in jeden von

uns ein und bewirkt, dass wir auf die Sehnsucht verzichten, die unserer

menschlichen Statur entspricht. Wir sehnen uns dann nach Geld,

Erfolg und Macht – egal ob wir zur Bewegung gehören oder nicht. Wir

verhalten uns genauso wie alle.

Wie geschieht dies?

Giussani erklärt diese Aussage sehr deutlich: Wir verkürzen unsere

Sehnsucht. Die Macht verkürzt die Wünsche, indem sie unsere natürliche

Neigung zur „affektiven Schwäche“ und zur „Zerstreuung“

ausnutzt. Wenn unsere Sehnsucht verkürzt, geschrumpft und eingeschlafen

ist, dann rennen wir jeglichem Götzen hinterher.

Es gibt Götzen für jedes Alter und jeden Breitengrad: der Beruf,

die Karriere, das Geld, der Erfolg in der Liebe, die politische oder ir-

15

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„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

gendwelche Macht. Egal in welcher Form, eine Haltung taucht in uns

auf und bemächtigt sich unser, die folgendermaßen zusammengefasst

werden kann: Wir bestehen in dem, was wir tun oder leisten. Wir sind

mit uns selber überfüllt. Das ist das Gegenteil der Beziehung zu einem

Du, der alles prägt, und von dem bei den Exerzitien der Fraternität

die Rede war: „Dieser Sieg der Macht versucht, sich in unserem Alltag

Raum zu verschaffen […]. Sie überwältigt unsere Zerbrechlichkeit

gegenüber dem Alltäglichen. […]. Seien wir uns also in aller Klarheit

bewusst, dass wir im Alltag entweder der Macht oder einem Anderen

dienen, entweder der vorherrschenden Macht oder dem Geheimnis,

das durch unsere Hände hindurch geht.“ 18

So greift uns die Macht an, nicht so sehr weil (oder nicht nur weil)

sie uns aus der Geschichte beseitigen will (möglicherweise auch die),

vor allem aber, weil sie uns assimiliert, angleicht.

Deshalb können auch wir zur Entwicklung dieser Zivilisation

nach Christus und ohne Christus beitragen, wie es in der Einführung

hieß. Auch wir können unbewusst in uns die gleiche Logik der Macht

vorfinden, und dabei weiterhin in der Bewegung und der Kirche tätig

sein. Unsere Initiativen gehen von einem reinen Ursprung aus, man

möchte in aufrichtiger Weise auf ein Bedürfnis antworten, oder besser:

einem Anderen antworten, der uns durch die Wirklichkeit ruft.

Mir fällt aber dabei auf, dass diese Aktivitäten immer dem Risiko ausgesetzt

sind, zu unserem Spielzeug zu werden, zu einem Götzen, von

dem wir den Bestand unserer Person erhoffen. Das sieht man aus der

Art und Weise, wie wir sie „handhaben“: Die Aktivitäten werden zu

einem Aktivismus, zu einem unsteten Tun, als ob wir uns nicht dessen

bewusst wären, dass ein Anderer tatkräftig in der Geschichte handelt.

Im Grunde messen wir uns selber nach unserer Leistung. Wir neigen

zu einer unangenehmen Selbstgefälligkeit und haben Mühe, uns korrigieren

zu lassen. Wir werden ideologisch und provokativ. So werden

unsere Initiativen zur Ursache einer Spaltung unter uns und von der

Welt, statt zur Gelegenheit eines Zeugnisses und zur Präsenz in der

Wirklichkeit.

18

Ebd., S. 193-194.

16

SPUREN


ZEUGNIS

Es scheint mir, dass Giussani uns vor der Tatsache warnen möchte,

dass die Macht nicht nur eine Gefahr für „die anderen” ist. Die Macht

zieht auch uns stark an. Wir sind wirklich ihren Versuchungen ausgesetzt

und wir können sehr leicht zu einer der vielen Untergruppen

werden: in der Politik, der Universität, der Wirtschaftswelt und so weiter;

eine unter den vielen Untergruppen (und nebenbei in dieser Zeit

eine Gruppe, die leicht auf der Verliererseite steht). Und so verlieren

wir unsere Besonderheit.

Wir fahren damit fort, einen Feind außerhalb von uns zu bekämpfen,

während er uns und unsere Menschlichkeit längst erobert hat.

Beim Lesen der Aufzeichnungen der Équipes glaube ich verstanden

zu haben, dass die Achillesferse dort ist, wo die Macht uns verführt,

indem sie uns das wünschen lässt, was sie uns bieten kann, und indem

sie uns am Rest Zweifel erheben lässt. Wir sind so sehr mit uns selbst

beschäftigt, mit dem ewigen Problem unserer persönlichen Selbstbestätigung,

dass wir unvermeidlich Opfer der Macht werden und aus

dieser Perspektive handeln. Entweder herrscht ein Du vor oder es

herrscht die Logik der Macht.

In einigen Aspekten ist diese Neigung weder eine Neuigkeit noch

ein Grund, Anstoß zu nehmen: Sie ist Teil unseres menschlichen

Seins. Der Punkt, der mir am problematischsten erscheint, ist, dass

wir nicht ehrlich genug mit dieser Neigung umgehen, die wir in uns

vorfinden. Wir beurteilen sie nicht, indem wir sie als etwas erkennen,

das unserer Menschlichkeit feindlich gegenübersteht. Vielleicht sind

wir uns nicht hinreichend bewusst, wie sehr wir den verführenden

Sirenenrufen der Macht ausgesetzt sind. Manchmal glauben wir uns

sogar infolge der gemachten Begegnung und der Erfahrung, der wir

angehören, von dieser Versuchung befreit. In diesem Sinne frappiert

der Nachdruck Giussanis im Buch der Équipes über die persönliche

Arbeit (worauf wir auch in der Einführung zu den Exerzitien

aufmerksam gemacht worden sind). Er geht so weit, dass er zur Beschreibung

dieser Arbeit oft das Bild des Kampfes, des Krieges und

der Schlacht verwendet 19 : „Was bedarf es doch für eine persönliche

19

Wenn er etwa sehr eindrücklich über Gideon schreibt, ebd., S. 274.

17

SPUREN


„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

Bewegung für diesen täglichen Kampf mit der Logik der Macht, für

diesen täglichen Sieg über das Scheinbare und Vergängliche, um

diese Gegenwart zu bestätigen, die allen Dingen mit Blick auf ihre

Bestimmung Bestand gibt. Es ist die Wiedergewinnung der Person

gegenüber der Entfremdung der Macht. Was für eine persönliche

Bewegung!” 20 Diese tägliche Arbeit, um uns von den gedanklichen

Schemata der Macht zu befreien – sagt er weiter – ist eine regelrechte

Veränderung der Mentalität, eine Metanoia 21 .

3. „Die Macht der Ohnmächtigen”

Es scheint mir, dass es unsere Art (zumindest meine!), uns mit der

Welt und mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen, verbessert, wenn

wir verstehen, auf welcher Ebene Don Giussani auf den Einfluss der

vorherrschenden Mentalität und der Macht aufmerksam macht. Auch

diesbezüglich möchte ich eine letzte Sache erzählen, die sich mir während

dieses Jahres in New York ausgehend von meiner Arbeit ein wenig

geklärt hat.

Wie ich vorhin andeutete, befand ich mich in den letzten Jahren

häufig im Zentrum irgendwelcher kultureller Kämpfe und Polemiken.

Eingetaucht in dieser Logik des „Kulturkampfes”, bewegte ich

mich hauptsächlich in Kreisen von „Verbündeten”, die meinen Ideen

am nächsten standen. Um es etwas grob auszudrücken, ich suchte

Personen, die genau so dachten wie ich. In New York war dies nicht

möglich: Mit Befremdung musste ich überraschend feststellen, dass

ich an einem Ort arbeiten musste, der grundsätzlich noch viel „liberaler”

war als üblich.

Die Situation zwang mich, mich wirklich mit der „herrschenden

Kultur” zu vergleichen. Ich konnte dies nicht tun, indem ich ein –

wenn auch richtiges – Antwortschema benutzte. Ich musste mit anderen

zusammen arbeiten, ständig in Workshops und Seminaren

diskutieren, regelmäßig in der Öffentlichkeit die Ergebnisse meiner

Forschung präsentieren, Kritiken und Reaktionen von Studenten und

Kollegen anhören, in einem beruflichen Kontext, in dem ich von Per-

20

Ebd. S. 194

21

Vgl. ebd, S. 273.

18

SPUREN


ZEUGNIS

sonen umgeben war, die anerkannter und gerüsteter waren als ich und

die sich nahezu alle im Mainstream der kulturellen Mode befanden.

Von meiner Kultur hatte ich nur eines, einen großen Schatz: jene

Art den Menschen anzusehen, die wir von Giussani und Carrón lernen,

wenn wir dem Leben der Bewegung folgen.

Ich habe versucht, dies in meiner Arbeit, besonders in den Beziehungen,

sowie im Teilgebiet meiner Forschung mit ins Spiel zu

bringen.

Als zu Ostern der Brief von Julián Carrón in La Repubblica in Bezug

auf die Pädophilie veröffentlicht wurde, ist mir der Weg der kulturellen

Arbeit, die ich machen wollte, klar geworden: Noch bevor

ich nach der richtigen Antwort auf die zu bewältigenden Probleme

suchte, interessierte mich, von Grund auf das Bedürfnis des Menschen

zu verstehen. Der Aspekt, der mich in diesem Brief verblüffte,

war, dass er das Bedürfnis nach Gerechtigkeit weder übersprang (weder

das der Opfer, noch das der Schuldigen) noch schmälerte oder

unterschätzte. Stattdessen erweiterte er es, wenn möglich, bis er es zu

seiner ursprünglichen Größe zurückführte. Jener Brief war anders als

jeder andere Standpunkt, weil er sich, bevor er nach Lösungen suchte,

zunächst einmal mit der menschlichen Frage auseinandersetzte,

die jenes traurige Vergehen der Pädophilie hervorgerufen hatte. Er

nahm keine Verteidigungsposition ein, sondern stellte sich voll und

ganz auf die Seite des Menschen und ergänzte die verletzte Menschlichkeit

um eine Neuheit. Er ging vom Menschen aus, also von seinem

wahren Bedürfnis. Wenn man bei der Pädophilie so vorgehen konnte

– welches das unangenehmste Thema überhaupt ist – dann würde

es bei allen Dingen möglich sein. In der Begegnung, sagt Giussani,

„wird das Verständnis der Bedürfnisse gewandelt […] so beginnt man

die Bedürfnisse entsprechend der Wahrheit zu verstehen, der man

begegnet ist […] siegt hingegen der Einfluss der Gesellschaft, dann

siegt der Einfluss der Macht.“ 22 . Jener Brief erneuerte die Definition

des menschlichen Bedürfnisses nach Gerechtigkeit. Er gab ihm seine

Vollwertigkeit wieder und schaute bis auf den Grund der Mensch-

22

Ibidem, pp. 362-363.

19

SPUREN


„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

lichkeit. In jenem Moment ist mir klar geworden, dass unsere Besonderheit

nicht hauptsächlich darin besteht, dass wir andere Antworten

geben, sondern in der anderen tieferen Art und Weise, wie wir auf das

menschliche Bedürfnis schauen. Hier ist mir klar geworden, dass alle

politischen und sozialen Anliegen – seien sie auch noch so konfus,

vereinfacht und letztlich falsch gestellt – eine besondere Gelegenheit

bieten, eine kulturelle Arbeit zu leisten, die sich nicht auf die Beurteilung

durch die Aussagen „richtig und falsch” beschränken kann. Vielmehr

besteht diese Arbeit darin, noch bevor man beginnt Antworten

zu geben, mit Geduld vor der Frage zu stehen, die solche Anliegen

zum Ausdruck bringen, und die Fragen ernst zu nehmen und sie in

ihrer Tiefe zu verstehen. Die „Grenzsituation” in der ich mich befand,

hat meine Art zu Arbeiten vollkommen verändert: Ich habe sofort gemerkt,

dass mich weder der polemische Affront noch die pure Apologetik

des katholischen Standpunktes weiter gebracht hätte. Mit der

Größe der Art und Weise, mit der man den Menschen im Leben der

Bewegung ansieht, im Blick, habe ich versucht, überall davon Spuren

wahrzunehmen: bei den Autoren, die ich las, und den Personen, mit

denen ich sprach. Mit einer besonderen Leidenschaft suchte ich den

Widerschein des Wahren in allen Autoren, gleich welcher Ausrichtung,

und baute darauf auf. Dabei suchte ich nach einer Sprache und

Argumentationen, die auch für Nicht-Katholiken verständlich ist.

Wenn ich nur „angegriffen” hätte, um die vorherrschende Kultur in

„heldenhafter“ Polemik kurzerhand abzufertigen, hätte mir – glaube

ich – niemand zugehört. Die Überraschung bestand darin, dass ich

mir klar wurde, dass diese säkularisierte Welt eine große Gelegenheit

bietet und dass in sehr vielen Personen ein Wunsch nach dem Wahren

vorhanden ist, über jeden Zaun hinweg. Eines der schönsten Neuigkeiten

dieses Jahres bestand in der Entdeckung, dass man mit jedem

anfangen kann, gestützt allein auf unsere Menschlichkeit, die durch

die gemachte Begegnung verwandelt ist. Das Versprechen, das Giussani

uns gibt, ist wirklich begeisternd: „Diese Gegenwart lässt dich

die Ursprünglichkeit des Lebens wiederfinden. Und paradoxerweise

findest du diese Ursprünglichkeit, wenn du dir bewusst wirst, in dir

etwas zu haben, das in allen Menschen vorhanden ist und das dich

20

SPUREN


ZEUGNIS

wirklich mit jedem ins Gespräch bringt und keinen Menschen mehr

fremd erscheinen lässt.“ 23

Das soll nun nicht heißen, dass wir nicht gewisse Angriffe auf die

Menschlichkeit verurteilen, die aus der gegenwärtigen Mentalität hervorgehen.

Aber es gibt Methoden, das zu tun, die wie mir scheint genau

von derselben Logik der Macht durchdrungen sind, der sie sich eigentlich

entgegenstellen wollen. Damit beschränken wir uns darauf, eine

Gruppierung wie viele andere zu sein; in Opposition zu allen anderen

und in dieser geschichtlichen Zeit wahrscheinlich auf der Verliererseite

zu stehen. Es gibt aber auch eine andere Art und Weise, und zwar wie

sie Carróns Brief zur Pädophilie dokumentierte. Im Hinblick auf die

Macht der ökonomischen, politischen und medialen Mittel, die der

vorherrschenden Mentalität zur Verfügung stehen, scheint das nicht

viel zu sein. Möglicherweise ist es ein Weg, der uns nicht dazu bringt,

die Geschichte und die Politik unmittelbar zu beherrschen, aber er

hinterlässt Bausteine und bewegt Personen. Julián Carrón hat uns vor

einiger Zeit an den Ausspruch Don Giussanis erinnert: Die Kräfte, die

die Geschichte bewegen, sind dieselben Kräfte, die das Herz des Menschen

bewegen.

Diesen Sommer habe ich erneut einen Text gelesen, den wir damals

zur Zeit der Équipes gelesen haben, nämlich Die Macht der Machtlosen

von Vaclav Havel. Vielleicht erinnert sich noch jemand an das Beispiel

des Gemüsehändlers, der eines Morgens entscheidet, im Schaufenster

keine Propaganda für das Regime mehr auszuhängen. Warum, so fragt

sich Havel, sollte das Regime so eine banale Geste so sehr fürchten? So

eine scheinbar unbedeutende und folgenlose Geste. Die Hausfrauen,

die dort einkaufen gehen, werden eher wahrnehmen, ob es noch Tomaten

oder Kartoffeln gibt, als dass sie sich um die Propagandaaushänge

kümmern würden. Und dennoch wird dieser Gemüsehändler

und seine Familie vom Regime verfolgt werden, denn seine Handlung

lässt die Welt des Scheins, auf der die Ideologie beruht, brüchig werden.

Der Gemüsehändler stellt für die Mächtigen eine Bedrohung dar,

denn mit seiner Geste der Wahrheit entscheidet er sich, aus der Welt

23

Ibidem, p. 183.

21

SPUREN


„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

des Scheins und der Lüge herauszutreten, und indem er das tut, wirft

er Licht auf die gesamte umgebende Wirklichkeit. Deswegen kann

diese Geste unberechenbare Folgen haben, denn sie hat ein Potenzial

von grenzenloser Mitteilung und Verbreitung. Sie kann eine unvorhersehbare

Anzahl an Menschen erreichen, denn – wie wir sagen würden

– sie entspricht dem Herzen des Menschen. Wie in diesen Tagen

gesagt wurde, die Partie wird im Zentrum des Ich ausgetragen, sie hat

aber eine kosmische Tragweite.

Wo können wir, die wir in dieser nachchristlichen Welt, ohne

Christus, leben, den Sieg des Glaubens sehen?

Ich denke, dass wir alle diese Frage in uns tragen. Wie es oft geschieht,

waren es einige Studierende, die sie in absolut klarer Weise

formuliert haben. Am Ende eines Gesprächs fragte mich eine von ihnen:

„Was bedeutet in diesem Zusammenhang, dass der Glaube noch

die Möglichkeit des Erfolgs hat?“ Welchen Erfolg könnten wir jemals

erreichen? Oder eine andere Frage: „Müssen wir uns in diesem kulturellen

Klima mit dem Zeugnis begnügen oder können wir noch kulturelle

und politische Auseinandersetzungen suchen?“ Diese Fragen

haben mir blitzartig klargemacht, welche Vorstellung wir vom Sieg des

Glaubens in der Welt haben, wie es die Exerzitien vor einigen Jahren

ausdrückten. Im Grunde genommen haben wir eine ähnliche Vorstellung

wie das „Aber sein Reich kam nicht“ in den Monologen von Judas.

Don Giussani schlägt auch hier eine andere Lesart vor: „Es ist nicht

gesagt, dass die Christen gewinnen müssten. Das Problem ist genau

dieses: Dass wir immer gewinnen, auch wenn wir immer besiegt würden,

wobei ‚gewinnen‘ bedeutet, eine größere Menschlichkeit zu verwirklichen,

und ‚besiegt zu werden‘ bedeutet, keine Macht zu besitzen.

Wie es einer von euch in einer Diskussion einmal gesagt hat: Wir streben

einen Sieg ohne Macht an! Das wollte er sagen. Das ist der Sieg der

Menschlichkeit. Wenn wir das Leben dem Glauben gemäß angehen,

erreichen wir einen Sieg der Menschlichkeit, unsere Geste ist menschlicher.

Das bedeutet nicht, dass unser Handeln politisch, wirtschaftlich

und so weiter die Oberhand gewinnt, dass wir Macht erlangen.“ 24 Gott

24

Ebd., S. 402.

22

SPUREN


ZEUGNIS

kann uns auch den Erfolg schenken, aber es ist nicht gesagt, dass die

Christen gewinnen müssen.

Persönlich verstehe ich, dass dieses mich für mein Leben vor eine

fortwährende Herausforderung stellt, unablässig und immer neu.

Gehe ich alle Dinge (meiner Pläne, Strategien und Bündnisse) ausgehend

von der Logik der Macht an oder gehe ich davon aus, dass ein

Anderer wirklich am Werk ist, in meiner ganz persönlichen Geschichte

und in der Geschichte der Welt.

23

SPUREN


Zeugnisse

29. August 2010, Sonntagabend

Luigi Giussani, Denis, Rose Busingye

Luigi Giussani. Ich heiße Luigi Giussani. Ihr fragt euch jetzt bestimmt,

warum. Weil das der Name des Mannes ist, der meine dunkle

Seite besiegt hat. Er, zusammen mit Don Carrón; die Tage voller Dunkelheit

sind verschwunden, und alles ist jetzt mit Licht und Freude

ausgefüllt.

Ich habe einen Tag gelebt, der vom Tod verdunkelt worden war.

Meine Eltern, mein Vater und meine Mutter, sind in einem Bus verbrannt:

Sie wollten vor den Rebellen fliehen, die Kampala erreicht

hatten. Ich war bei meinem Onkel geblieben. Auch er verstarb später

durch einen Unfall, unter einer Presse in einer Fabrik in Kampala. Die

Welt hatte sich für mich verdunkelt, und ich dachte, dass ich der nächste

wäre, der so enden würde.

Ich hatte vom International Meeting Point gehört und fragte mich,

ob es dort nicht ein neues Leben für mich gäbe. Das Leben war für

mich verschwunden, ich wartete darauf zu sterben, ich dachte, dass

das Leben nur das sei, was ich gesehen und gelebt hatte. Beim Meeting

Point habe ich junge und alte Menschen zusammen gesehen, und ich

war neugierig zu sehen, was sie dort machten. Jemand dort sah mich

an und schlug mir vor, zurück in die Schule zu kommen. Aber in

der Schule konnte ich mich nicht konzentrieren, weil ich immer die

Schreie und die Flammen hörte, in denen meine Eltern gestorben waren.

Rose brachte mich zum Seminar der Gemeinschaft, und das Wort,

das mich am meisten beeindruckte, war das Wort „Wert“. Aber ich

fragte mich, was für einen Wert ich nur haben könnte, seitdem meine

Eltern und mein Onkel verstorben waren. Was konnten mir meine

Eltern wiedergeben?

Ich habe mit all diesen Problemen trotzdem weitergelernt, bis 2007.

In dem Jahr ist ein Mann namens Julián Carrón nach Uganda gekom-

24

SPUREN


ZEUGNISSE

men. Ich kann mich nicht an den Tag erinnern, an dem ich geboren

wurde, aber ich weiß noch genau, an welchem Tag Julián gekommen

ist: Das war der Tag meiner Geburt. Carrón kam zum Meeting Point

und sprach mit den Patienten und den Kindern. Ich erinnere mich

noch genau an den Blick, der meine Dunkelheit durchdrang. Während

er sprach, folgte ich seinem Blick: Es war, als ob die Dunkelheit des

Todes immer kleiner wurde und mein Herz sprang in mir auf. Diese

Nacht konnte ich nicht schlafen. Ich kehrte nach Hause zurück und

ging danach wieder zur Schule. Er hatte gesagt, dass er in der Saint Vincent

Schule für eine Versammlung mit den Mitgliedern der Bewegung

sein würde. Ich wusste nichts von dieser Bewegung, aber ich bin dort

hingegangen, weil ich noch einmal diesen Blick sehen wollte. Ich bin

diesem Blick gefolgt, und dieser Blick hat das Licht in mich gebracht.

Ich wollte diesem Mann folgen, ich wollte bei ihm bleiben, mein ganzes

Leben lang. Das Herz in mir schlug so stark, dass ich dachte, es

zerplatzte.

Ich bin zu Rose zurückgekehrt, weil der einzige Weg, um mit diesem

Mann zusammenbleiben zu können, die Taufe war. Ich dachte,

dass auch Rose die Menschen taufen konnte, aber sie hat mich ein

bisschen enttäuscht, weil sie mich nicht getauft hat. Sie sagte mir, dass

sie mich in einen Ort schicken würde, um mich auf die Taufe vorzubereiten.

Ich bin zur Schule zurückgekehrt und stellte fest, dass auch

meine Freunde denselben Wunsch hatten. Das, was in mir passierte,

passierte auch in ihnen: unsere Herzen brachen in Gesang aus. Während

wir den Katechismus machten, sangen wir zusammen. Mit all

dieser Fröhlichkeit haben wir nicht viel Zeit mit dem Katechismus verbracht!

Wir (zwölf Jungen und zwölf Mädchen) sind getauft worden,

und meine Reise hat an dem Tag angefangen. Der Blick von Carrón

hat meine Angst vor dem Tod verschwinden lassen. Wir wünschten

das auch für unsere Schulkameraden, und deswegen haben wir Katechismus

für die anderen Schüler gehalten, und 38 von ihnen wurden

mit Hilfe von Mauro und Pater Archetti getauft.

Wir wollten die Schönheit vermitteln, die wir getroffen hatten,

die Schönheit des Lebens, die uns singen ließ. Wir haben im Seminar

der Gemeinschaft um Hilfe gebeten. Wir verstanden das Seminar der

25

SPUREN


„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

Gemeinschaft besser, wenn wir sangen. Wir haben die Gruppe „Battaglione

di Carrón”, die „Alpini der Kireka” von Uganda gegründet.

Wir singen Alpini-Lieder. Einige von uns sind Kinder von Soldaten,

die aus allen möglichen schlimmen Situationen kommen, aber diese

Situationen sind durch den Blick Don Carróns besiegt worden: Jetzt

sind wir neue Männer und neue Frauen. Wir leben, um zu zeigen, dass

es möglich ist, so zu leben.

Denis. Ich heiße Denis, bin 23, fast 24 Jahre alt, besuche das letzte Jahr

in Statistik an der Universität. Ich habe meine Mutter verloren, als ich

acht Monate alt war, und habe zehn Jahre lang mit meinem Vater gelebt.

Aber auch er ist dann gestorben, und ich bin dann bei Verwandten

und anderen Freunden aufgewachsen. Sie wollten, dass ich als Hausangestellter

bei ihnen arbeitete. Mein Bruder und ich glaubten, dass

das Leben für uns zu Ende wäre. Wir waren ohne Hoffnung und sahen

keine Zukunft für uns. Dann ist jemand zu uns nach Hause gekommen

und hat mich auserwählt, und diese Person ist Rose. Aber auch in

dem Moment, als sie mich mitgenommen hat, hatte ich einen anderen

Blick auf das Leben. Ich dachte, sie wäre eine weitere Person, die mich

auswählt und mich bezahlt, für die Arbeit, die ich leiste. Rose hat mich

gefragt, ob ich in die Schule gehen möchte. Ich habe ja gesagt. Sie fragte

mich, was ich machen wollte, was ich werden wollte, warum ich zur

Schule gehen wollte. Ich habe ihr geantwortet, dass ich zur Universität

gehen wollte, ein Doktorat machen, schöne Autos kaufen und reich

sein wollte. Sie sagte zu mir: „Du bist unendlich und all diese Sachen

werden dich nicht zufrieden stellen.“ Ich dachte, dass sie das nur zum

Spaß sagte. Ich habe die Schule mit guten Noten abgeschlossen, danach

die Universität mit gutem Erfolg, aber ich fühlte, dass mir etwas fehlte.

Ich hatte protestantische Freunde. Ich versuchte, ihnen zu folgen,

und habe ihre Kirche besucht, um diese Leere in mir zu füllen. In ihrer

Kirche sagten sie mir, dass ich lieb und brav sein sollte, denn nur so

würde ich ins Paradies kommen. 2007 ist Don Carrón nach Uganda

gekommen und hat mit vielen Jugendlichen geredet; ich war einer von

ihnen. Er hat viel gesagt, aber zwei Sachen haben mich besonders beeindruckt:

zum einen, dass Christus alles ist und dass er mit dem Leben

26

SPUREN


ZEUGNISSE

zu tun hat. Das war für mich wie eine neue Tür, die sich in meinem Leben

öffnete. Es klang neu in meinen Ohren, noch nie hatte mir jemand

so etwas gesagt. In diesem Moment fühlte ich, dass ich kein Waisenkind

mehr war. Das einzige, was ich wollte, war mein Ja mit dem Ja von

Carrón zu vereinigen, weil ich von meinem Nichts zu etwas gezogen

wurde, was ich nicht erwartete. Und ich habe das Gefühl, mehr als das

Hundertfache gewonnen zu haben. Die Herausforderungen sind aber

nicht weniger geworden, wie zum Beispiel in der Universität. Ich habe

einen Professor in Statistik, der viele Bücher geschrieben und gelesen

hat, und er weiß, dass ich Christ bin und sagt: „Du bist Christ, du

glaubst an Jesus Christus, den du nie gesehen hast, das Christentum ist

nur ein Krücke für dich. Ihr Christen seid Krüppel, ihr braucht einen

Stock, eine Krücke.“ Ich habe ihm geantwortet: „Okay, es mag mein

Krückstock sein, aber immerhin bewege ich mich, Sie haben keinen

Stock und stehen still, kommen nicht voran.“ In diesem Moment wurde

er böse: „Du bist noch jung, du bist dunkelhäutig und ein Afrikaner.

Was erlaubst du dir, so mit mir zu reden?“ Ich antwortete: „Ich bin 23

Jahre alt“ und er: „Das kann nicht sein“. Ich habe noch einmal geantwortet:

„Ich bin 23 Jahre alt“. Er wurde noch böser und ging weg. Einen

Tag später schickte der Prof einen Mitstudenten zu mir. Einen, der

sehr reich war, der schöne Autos hatte. Er kam, um mir zu sagen, dass

er eine Arbeit für mich hätte. Eine Arbeit in Statistik in Dubai mit gutem

Gehalt, sieben Jungfrauen, eine schöne Arbeitsstelle. Er sagte mir:

„Lass dir diese Arbeitsstelle nicht entgehen“, aber ich fing an, mir Sorgen

zu machen: „Wie? Sie geben mir Jungfrauen, sie geben mir Geld?“

Ich verstand nicht, was vor sich ging und fragte mich: „Warum bieten

sie diese Stelle gerade mir an?“ Sie haben diese Stelle auch anderen angeboten,

die dann dort hin gegangen sind. Ich habe abgelehnt, und sie

haben mich für verrückt erklärt. Den Tag danach bin ich zu spät zum

Unterricht gekommen; der Professor war schon da. Er hat mich angestarrt,

alle waren still, und hat mich gefragt, ihm das schönste Mädchen

der Klasse zu deuten. Ich habe ihm geantwortet: „Sie sind alle schön,

ich schaffe es nicht, die Schönste zu wählen.“ Er sagte: „Du verstehst

also nicht so viel von Frauen.“ Ich antwortete: „Ich habe es nicht nötig

zu wählen.“ Der Professor war ein verheirateter Mann, er trug einen

27

SPUREN


„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

Ehering, und ich sagte ihm: „Sie machen mir diesen Vorschlag, Sie, der

Sie ein verheirateter Mann sind, aber sind Sie auch glücklich in Ihrer

Ehe?“ Ich sprach vor der ganzen Klasse, wie ich jetzt vor euch allen

rede. Er antwortete mir: „Du bist zu weit gegangen. Du kannst mich

nicht über meine Ehe ausfragen“, und hat den Unterricht beendet. Er

war nicht mit mir zufrieden und fragte mich, wer ich denn überhaupt

sei, und meinte, dass er allen anderen Professoren sagen würde, dass

ich verrückt sei, eine Schraube locker hätte. Ich habe ihm gesagt, dass

mir nichts fehlen würde, dass mit mir alles in Ordnung sei, oder dass

ich vielleicht nur nicht ganz menschlich sei.

Rose Busingye. Nach dem Tod Don Giussanis schien es mir, dass meine

Welt vorbei wäre. Als Carrón die Leitung der Bewegung übernahm,

hatte ich damit keine Probleme. Ich hatte Vertrauen in Don Giussani

und gehorchte. Aber ich betrachtete ihn als einen Stellvertreter, als

den neuen Chef, nichts mehr als das. Carrón kam einmal nach Uganda

zum International Meeting Point. Er sprach vor einer Menge Kranker

und Jugendlicher. Wir waren mindestens 300. Am Tag danach kam ein

Junge, Luigi, ganz verschwitzt zu mir und sagte: „Weißt du, während

ich auf diesen Mann schaute, habe ich entdeckt, dass ich nicht getauft

bin“. Ich fragte ihn: „Wann hast du auf ihn geschaut und wie?“. Da ich

diesen Jungen schon lange kannte, dachte ich mir: „Na ja, er ist Afrikaner,

er wird bald anderer Meinung sein“. Ich sagte ihm: „Geh nun,

geh. Ich überlege es mir. Ich werde mich nach jemandem umschauen,

der dich dazu vorbereiten wird“. Er ging leicht verärgert fort. Am darauffolgenden

Tag kam ein anderer zu mir und sagte: „Weißt du“... er

kratzte sich überall vor Nervosität .... „dieser Mann, also jener Mann

da – wie heißt er denn? –, der vor paar Tagen gesprochen hat... Weißt

du, ich brauche die Taufe“. Danach dachte ich mir: „Carrón hat gesprochen.

Ich war auch dabei, alle Erwachsenen der Bewegung waren

da: Was hat Carrón denn gesagt, was ich überhört haben kann?“. Auch

diesem Jungen sagte ich: „Ok. Ich überlege es mir. Geh nun, geh”. Innerhalb

einer Woche kamen insgesamt fünf junge Menschen zu mir,

die um das gleiche baten. So versammelte ich sie bei mir im Büro: „Sagt

mir bitte ein Wort, einen Satz, der euch betroffen gemacht hat“. Nichts.

28

SPUREN


ZEUGNISSE

Sie konnten keinen Satz von Carrón wiedergeben, aber alle wollten

das gleiche. Dann bat ich eine ugandesische Frau darum, sich um sie

zu kümmern: „Fang an, dich mit ihnen zu treffen. Ich bin mir sicher,

dass sie in einer Woche verschwinden werden“... ich hatte sie schon mal

zum Seminar der Gemeinschaft eingeladen. Sie kamen einmal, dann

nicht mehr. Ich dachte, auch in diesem Fall würden sie sich genauso

verhalten. Jene Frau und Mauro fingen mit der Taufkatechese an: Jedes

Mal wenn sie nach Hause zurückgingen, waren sie begeistert. Sie sagte

mir einmal: „Diese jungen Menschen will ich gerne betreuen: Sie sind

wunderbar.“ Daraufhin versammelte ich sie noch einmal bei mir. Ich

schaute meine Notizen über das Treffen mit Carrón nach: Nichts, kein

Wort über die Taufe. Aber während ich nach Carróns Zitaten suchte,

waren diese jungen Menschen schon einen Schritt weiter. Zum Beispiel:

Wir betonen seit Jahren die Bedeutung der „Caritativa“, der Taten

der Nächstenliebe. Eines Tages entschlossen sie sich, zum Steinbruch

zu gehen – wo unsere Frauen Steine klopfen –, um dort italienische

Lieder der Alpini für die Frauen zu singen. Die Frauen, die mit ihren

Hämmern eine schwere Arbeit verrichten müssen, weinten vor Rührung.

Und zu einem, der ihnen im kritischem Ton sagte: „Diese Lieder

soll man ins Englische übersetzen. Man soll nicht Lieder singen, die

die Leute nicht verstehen können“, antworteten die Jungs: „Aber, hör

mal, du bist Italiener und sagst uns, wir sollen diese Lieder übersetzen?

Wenn das Geheimnis mit uns spricht, in welcher Sprache spricht

es?“. Während ich stehen geblieben war und nach Zitaten suchte, hatten

sie mich überholt. Einer von ihnen hatte im Internet gesucht, was

die Bewegung ist. Er kam dann zu mir ins Büro und las vor, was Don

Giussani 1980 und 1981 gesagt hatte. Ich sagte: „Don Giussani hat das

1980 gesagt, oder etwas anderes 1970, und ich wusste nichts davon“.

An einem bestimmten Moment erschrak ich sogar und dachte: „Meine

Güte! Die Welt geht weiter, und ich bleibe stehen zwischen Zitaten und

Sätzen: Ich verkrieche mich in meinen Notizen, statt mich fortzubewegen“.

Eines Tages kam Luigi zu mir und sagte: „Rose, komm. Wir gehen

zu den Frauen und singen für sie!“. Ich antwortete: „Nein, ich habe viel

zu tun hier, dort...“ und er: „Rose, wenn das Leben ist, was du für dich

beschlossen hast, dann komm alleine damit zurecht!“. Ich war etwas

29

SPUREN


„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

sauer, aber all dies ließ mich nicht los. Am Ende traf ich mich mit dem

Priester, der sie nach dem Abschluss der Katechese geprüft hatte: „Ich

taufe sie und werde sie betreuen“. Zwölf von ihnen wurden getauft. Danach

erteilten sie selber Taufkatechesen in den Schulen. Plötzlich fragte

ich mich: „Die Welt verändert sich, und ich beharre dabei, verstehen zu

wollen, was sie in Carrón gesehen haben mögen, was Carrón gemacht

haben mag... Dennoch, das Geheimnis ändert, wen es will, wann und

wie es will“. So sagte ich mir: „Nun möchte ich ihnen folgen“. Es war

so schön, sie singen zu sehen. Ich will nicht zurückbleiben. So begann

ich, auf Carrón zu schauen, aber vor allem auf das, worauf er schaute.

Ich betrachtete ihn nicht mehr als einen Chef. Carrón kam ein zweites

Mal nach Kampala und sprach von Christus, der uns gleichzeitig

ist. Als er kam, sagte ich ihm: „Ich will nicht mehr zurückbleiben; die

anderen sind froh, und ich bleibe bei der Suche nach Worten stehen.“

Auch ich sah ihn sprechen. Ich hörte seine Worte, richtete meinen Blick

auf das, worauf er schaute, und dabei änderte ich mich. Das, wovon

er sprach und worauf er schaute, wurde eins mit mir. Dies einte mich

mit Carrón. Jetzt halte ich ihn nicht mehr für den „Chef“, sondern für

einen wahren Wegbegleiter. Carrón als „Chef“ interessiert mich nicht

mehr: Während die Jungen auf das schauten, worauf Carrón schaute,

war ich auf die Organisation, auf den Chef konzentriert. Jetzt ist mein

Blick auf das gerichtet, was Carrón anschaut. Und während ich jenen

Blick festhalte, den Punkt festhalte, auf den er schaut, werde ich eins

mit dem, was mich mit Carrón eint.

30

SPUREN


Lektion

Julián Carrón

30. August 2010, Montagmorgen

1. Das Drama des Ichs

„Es war nicht wegen der 30 Dinare, sondern wegen der Hoffnung, die

er an jenem Tag in mir geweckt hatte.“ 25 Der wahre Kampf kam in

die Geschichte – er kam in das Herz von Judas, so wie er auch in das

Herz eines jeden von uns kam –, nachdem jemand in uns jene Hoffnung

geweckt hat. Das Problem sind nicht die 30 Dinare; die Natur

des Kampfes besteht „in der Hoffnung, die er an jenem Tag in mir geweckt

hatte“. Judas konnte in jener kleinen Gruppe von Jüngern sein

und dennoch konnte er jene anfängliche Sympathie vernachlässigen.

So verhärtete sich sein Herz. Das ist erschreckend! Der Kampf tobt in

uns, nicht außerhalb von uns. Es ist, wie wir alle wissen, ein persönlicher

Kampf, der eine soziale und kosmische Dimension besitzt. Denn

aus jedem „Nein“, aus jeder Verhärtung des Herzens entwickelten sich

jene Konsequenzen, um die wir alle wissen.

Deshalb bin ich sehr dankbar für den gestrigen Tag, denn ich glaube

wir haben die wirkliche Dimension des Wortes verstanden, das wir

am ersten Tag gebrauchten: „Umkehr“. Es handelt sich aber nicht um

ein rein innerliches Geschehen. Es vollzieht sich zwar im Herzen des

Ichs, weil es kein anderes Drama gibt, als das, was im Inneren des Ichs

geschieht; es ist das Drama, das ein jeder von uns mit dem Geheimnis

lebt. Aber dieses persönliche Geschehen hat eine soziale, kulturelle

und kosmische Bedeutung und Tragweite. Wir sollten uns nicht darüber

hinwegtäuschen, um welchen Kampf es sich dabei heute wie zu

25

C. Chieffo, «Il monologo di Giuda», in Canti, Cooperativa Editoriale Nuovo Mondo, Mailand

2002, S. 205 (Es war nicht wegen der dreißig Denare, / sondern wegen der Hoffnung, / die er an

jenem Tag / in mir erweckt hatte. 1. Ich war ein ruhiger Mann / und lebte gut von meinem Besitz,

/ ich brachte auch dem Hause Gottes / die Ehre dar. / Aber eines Tages kam jener Mann, / er

sprach von Frieden und Liebe, / und sagte, er sei der Messias, / mein Retter. 2. Auf Feldern, die

die Sonne ausdörrt, / auf Straßen verschiedenster Länder / bedrängten uns Massen / mit ausgestreckten

Händen. / Aber dann vergingen die Tage, / und sein Reich kam nicht, / ich hatte ihm

inzwischen alles gegeben, / und er verriet mich. 3. Das Herz wurde zu Stein, / und die Augen

verschlagen, bereit zur Flucht. / Er hatte mir Angst gemacht / und musste sterben. / Am Baum

hängt ein Körper, / sicher nicht mehr der meine, / jetzt sehe ich es mit eigenen Augen: / Es ist

der Sohn Gottes.)

31

SPUREN


„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

jeder Zeit handelt. Viele von euch haben es gestern deutlich gemacht.

Ich denke an Christina, die sich gegenüber einem Vorschlag entscheiden

muss, oder an Rose, die angesichts dessen, was ihren Jugendlichen

widerfährt, die Initiative ergreifen muss. Oder ich denke an Chris, er

ist herausgefordert jenen Blick einzulassen, der ihm einen Neuanfang

erlaubt. Oder erinnern wir uns an das, was Marta bezeugt hat. Denn

jede Art von Kampf, in dem wir stehen, wendet sich gegen eine Macht,

die danach trachtet, das Ich und die Hoffnung, die Er in uns geweckt

hat, zu verkürzen. Der Kampf geht um die Hoffnung, die Christus in

seiner geschichtlichen Gegenwart in uns hervorgerufen hat und jede

Art von Macht. Wir müssen uns entscheiden. Die Umkehr besteht darin,

entweder der Anziehungskraft nachzugeben, oder einer Verhärtung

des Herzens. Marta hat uns gestern mit dem Hinweis auf Vaclav Havel

und die Obstverkäufer daran erinnert. Das Beispiel scheint so banal,

das man es übergehen könnte. Und doch ist es jener Ausdruck der

menschlichen Freiheit, der die Macht herausfordert. Auf dieser Ebene

findet der Kampf statt, und er hat eine soziale Tragweite, denn wir können

nichts entscheiden, was nicht einen gesellschaftlichen Widerhall

fände. In diesem Kampf sehen wir auch die Kirche und die Welt. Er ist

nicht nur in uns oder in der Kirche, sondern wir sehen ihn bei vielen,

denen wir begegnen. Ich denke an das Meeting. Dort lernten wir viele

persönliche Begebenheiten kennen, von Menschen, die nicht einmal

Christen sind, aber in deren Herzen derselbe Kampf ansetzt, und zwar

aufgrund der Hoffnung, die ein anderer – durch unsere einfache Gegenwart

– in ihnen hervorgerufen hat.

2. „GemeinschaftundBefreiung

Um dies zu verstehen, möchte ich von zwei Fakten ausgehen, die während

des Seminars der Gemeinschaft in diesem Jahr geschehen sind

und mich sehr nachdenklich gemacht haben.

Einmal ergriff eine Person das Wort und sagte: „Ich möchte folgende

Vorbemerkung machen: Ich habe die letzten Jahre wegen einer bestimmten

Situation bei der Arbeit mit großen Problemen gelebt. Nach

30 Jahren Betriebszugehörigkeit führten sie mich zur Entscheidung, zu

kündigen und wegzugehen. Natürlich muss ich jetzt eine neue Arbeit

32

SPUREN


LEKTION

finden, was in diesem Augenblick und mit meinem Alter von fast 50

Jahren nicht einfach ist. Das Problem besteht aber nicht in den Umständen,

sondern darin, wie ich sie gelebt habe. Denn in dieser ganzen

Zeit bin ich daran fast erstickt und habe auch etwas den Geschmack am

Leben verloren. In der Lektion vom Samstag der Exerzitien sagst du:

‚Wenn es keine Veränderung in unserer Art und Weise gibt, die Wirklichkeit

zu beurteilen, dann bedeutet dies, dass die Wurzel des Ichs von

keiner Neuheit berührt wurde, dass das christliche Ereignis dem Ich

äußerlich geblieben ist.‘ Vergangene Woche hatten wir ein Treffen mit

Pater Aldo. Als er vom Drama berichtete, das er durchlebte, empfand

ich dies als etwas, was meiner Situation sehr ähnlich war. Ich war empört

über diesen Mangel an Lebensfreude. Obgleich ich in der Bewegung

war und von vielen Menschen umgeben war, die mich liebten,

gelang es mir nicht, mir dieses Ärgernis zu verzeihen, ja nicht einmal,

es meinen besten Freunden offen zu bekennen. Pater Aldo sagte dann:

‚Ich änderte mich, als ich nach 30 Jahren, in denen ich schließlich zu

sterben wünschte, begann, mich nicht mehr so anzuschauen, wie ich

es selbst bisher tat, sondern so, wie Gott mich anschaut.‘ Ich hatte Pater

Aldo bereits bei anderer Gelegenheit in diesem Jahr gehört. Doch

verließ ich die Begegnung stets mit den Worten: ‚Er ist ein Heiliger,

ich nicht‘. Doch diesmal verließ ich die Versammlung und sagte mir:

‚Wenn ihm dies möglich ist, weshalb dann nicht auch mir?‘ In der Tat

hatte er wirklich die Wurzel meines Seins berührt und ich machte die

Erfahrung, mich befreit zu fühlen. Er hatte mich letztlich auf den Kopf

gestellt, aber ohne mich zu zerstören. Was er zerstört hatte, war mein

Moralismus und das Ärgernis, das ich gegenüber meiner Sünde hatte.

In der Tat war das Erste, was ich am Tag darauf nach dem Aufstehen

zu meiner Frau sagte: ‚Die Beziehung zwischen mir und dir muss erneut

beginnen, indem wir lernen, uns so anzuschauen, so wie Gott

uns anschaut.‘„

Mich hat dies beeindruckt, wie ich dies bereits an jenem Tag während

des Seminars der Gemeinschaft sagte, weil wir alle eine solche

Haltung einnehmen können. Wir können über Jahre in der Bewegung

sein, uns aber nicht so anschauen, wie Gott uns anschaut. Ja wir brauchen

Ihn nicht einmal beachten und dann ersticken wir, weil unser

33

SPUREN


„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

Blick der aller anderen ist und nicht die Wurzeln unseres Ichs betrifft,

unsere Art und Weise, uns selbst und die Umstände wahrzunehmen.

Mehr noch, wir klagen dann darüber, dass sich unser Ich nicht grundlegend

ändert, dass sich nichts ändert, dass wir in den Umständen

ersticken! Was die genannte Person befreit hat, war die Tatsache, dass

sie dieses Mal den Weg hierzu vernahm. Pater Aldo vermittelte ihr die

Hypothese eines Weges, damit sie dieselbe Erfahrung machen konnte,

die Pater Aldo bezeugt hatte.

Zwei Wochen später ergriff eine andere Person bei einer weiteren

Begegnung das Wort und sagte: „Da ich etwas spät dran bin, möchte

ich auf den Beitrag jener Person zurückkommen, die Schwierigkeiten

hatte und Pater Aldo begegnete, der ihr sagte: ‚Lerne dich so anzuschauen,

wie Gott dich anschaut und nicht wie du dich anschaust.‘

Mir fällt dies schwer. In der Tat wirft mir meine Frau stets vor, dass ich

mehr beten, denken und Stille halten sollte. Es fällt mir aber schwer,

mir vorzustellen, wie Gott mich anschaut. Was bedeutet es, dass ich

mich anschauen soll, wie Gott mich anschaut? Dann zitierte er ein Interview

in dem Pater Aldo sagte, dass Christus für ihn durch die Art

und Weise konkret wurde, wie Don Giussani ihn anschaute. Giussani

war Pater Aldo nahe gewesen und hatte ihn begleitet. Auf diese Weise

wurde Christus für ihn zu einer konkreten Gegenwart. Und Pater Aldo

fügte hinzu: „Ich verstehe, dass ich mich nicht sehen kann, wie Gott

mich sieht, wenn ich an mich selber denke. Umso großartiger ist das

Geschenk, das mir Gott in diesem Blick von Don Giussani gemacht

hat; ein Geschenk, das als Charisma anerkannt wurde. In einem Text

der Equipe [auf den ich später zurückkommen werde] sagt Giussani,

dass die Bewegung ohne die Kirche nichts wäre und die Kirche ohne

Christus nicht wäre. Christus ist das Zentrum. Aber ohne die Bewegung,

und ohne die Kirche wüsste ich nicht, wer Christus ist. Weshalb

sage ich das? Weil dieses Geschenk Gemeinschaft und Befreiung

heißt.“ Und dann berichtet jene Person, in seiner Fraternitätsgruppe

werde ständig darüber geklagt, dass man keine Befreiung erfahre.

Deshalb begannen wird darüber zu reden: „Weshalb erfährt man

diese Freiheit nicht?“ Er antwortete mir: „Es ist so, als würden wir bei

der Feststellung stehen bleiben, dass die Befreiung ausbleibt, ohne

34

SPUREN


LEKTION

uns dem Problem zu stellen, dass es um ‚Comunione e Liberazione

Gemeinschaft und Befreiung‘ geht, das heißt, dass der Verlust auf

der Ebene der Fähigkeit zur Gemeinschaft, zur Zugehörigkeit liegt.

Don Giussani sagt: ‚Wenn du entdeckst, auf welche Weise Gott dich

ergriffen hat, dann entsteht eine Anziehungskraft. Das Leben besteht

darin, dieser Anziehungskraft zu folgen, und darin besteht die Gemeinschaft.‘

Mir scheint, dass wir oft bei der Klage über den Mangel

an Freiheit stehen bleiben, und darüber vergessen, dass das Problem

die Gemeinschaft ist.“

Der Mangel an Freiheit würde demnach also nicht darin bestehen

was Pater Aldo und sein „Jünger“ gesagt hatten – eine Arbeit des sich

Hineinversetzens in den Blick, den Gott auf mich hat –, sondern im

Mangel an Gemeinschaft, das heißt in der Tatsache, nicht innerhalb

einer Gemeinschaft zu leben. Ich forderte ihn weiter heraus: „Und

weshalb fehlt die Erfahrung der Gemeinschaft? Seid ihr nicht alle in

der Fraternität?“ Wir könnten auch sagen: Sind wir nicht alle gemeinsam

in der Bewegung, in der Weggemeinschaft? Weshalb also? In der

Tat liegt hier der entscheidende Punkt: Es gibt eine Art und Weise, die

Gemeinschaft zu leben, die nicht zur Befreiung führt! Und diese Tatsache

können wir in unserer Erfahrung wiederfinden. Er antwortete:

„Der Grund liegt darin, dass es uns schwer fällt, dass die Zugehörigkeit

zu einem wirklichen Urteil wird.“ Ich sagte darauf: „Sehr gut, dies ist

also die Frage. Weshalb fehlt aber dieses konkrete Urteil? Weshalb trifft

dieses konkrete Urteil nicht das Ich?“ Er antwortete: „Meines Erachtens,

weil wir nicht darauf setzen, dass uns alles bereits in der Bewegung

gegeben ist.“ Ich sagte darauf: „Wenn aber alles bereits gegeben

ist, dann fehlt nichts mehr. Die Frage bleibt also: Weshalb befreit uns

diese Gemeinschaft oft nicht? Ich verstehe, dass wir zusammen sein

können und weiter sagen können, dass es schwierig ist, sich vorzustellen,

wie Gott einen anschaut. Und das ist wahr. Es ist nicht einfach,

mir vorzustellen, wie Gott mich anschaut. Das gilt aber nur für die

Zeit vor der Begegnung, bevor du dem Blick Don Giussanis begegnet

bist, bevor dich dieser Blick ergriffen hat. Vor der Begegnung ja, aber

nach der Begegnung nein. Das heißt, wir kehren zum reinen religiösen

Sinn zurück, wir kehren zu dem Zeitpunkt unseres Lebens zurück,

35

SPUREN


„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

bevor das Ereignis Christi geschah. Dann können wir uns in der Tat

nicht vorstellen, wie Gott uns anschaut. Aber Zachäus [ich fand dieses

Beispiel später bei der Lektüre Don Giussanis wieder] verstand, wie

er angeschaut wurde; der heilige Paulus verstand, wie er angeschaut

wurde; die Sünderin verstand, wie sie angeschaut wurde, und deshalb

gehörten sie jenem Ort an, der sich Gemeinschaft nennt. Dies bringt

die Gemeinschaft und die Befreiung hervor. Wir können in der Tat

weiterhin von der Gemeinschaft sprechen oder zusammen sein, ohne

ein wirkliches Urteil, wodurch der Blick, der sich in der Begegnung

enthüllt hat, unser Ich ergreift und unsere Art und Weise die Dinge

anzuschauen. Und dies erkennt man dann an der Tatsache, dass es zu

keiner Befreiung kommt. Deshalb reicht es nicht aus, zusammen zu

sein und die christliche Gemeinschaft zu leben. Unser ganzes Zusammensein

muss von der Neuheit der Begegnung einbezogen werden,

das heißt vom Urteil, vom Blick, der uns ergriffen hat, und aufgrund

dessen wir dieser Gemeinschaft angehören und dieser Ort zu einem

Ort der Gemeinschaft wird.“

Und dann fügte ich noch einen weiteren Punkt hinzu: „Dieses Einbezogensein

ist nichts Mechanisches. Wenn jeder von uns sich nicht

jeden Tag einbeziehen lässt, und nicht das anerkennt, dem er begegnet

ist, wenn er nicht zu einem der Seinen wird (Gedächtnis – dies nennt

sich Gedächtnis), dann verflüchtigt sich dieser Blick aus seinem Lebenshorizont.

Und an einem bestimmten Augenblick wird er sagen,

dass er nicht weiß, wie Gott ihn anblickt. In dem Augenblick, wo ich

nicht mehr weiß, wie Gott mich anschaut, gibt es auch keine Befreiung

mehr. Und dies kann durchaus geschehen. Wir können über Jahre hinweg

innerhalb dieses Ortes leben, wir können dies weiterhin Gemeinschaft

nennen, ohne das Urteil, das die Gemeinschaft hervorbringt.

Deshalb wurde derjenige, der im Seminar der Gemeinschaft das Wort

ergriff, von Pater Aldo berührt. Denn auch Pater Aldo bezeugte – wie

jeder von uns dies für sich tun könnte –, dass er über Jahre seine Lebensumstände

gelebt hatte, ohne sich so anzuschauen, wie Gott ihn

anschaute, und dass die Veränderung in dem Augenblick geschah, als

er akzeptierte, sich so anzuschauen, wie Gott ihn anschaute – wie er

angeschaut worden war.

36

SPUREN


LEKTION

Er war von Giussani angeschaut worden, denn ansonsten wäre das

Problem überhaupt nicht entstanden. Aber der entscheidende Schritt

im Selbstbewusstsein von Pater Aldo bestand darin, dass er ab einem

bestimmten Augenblick sich selbst so anschaute, wie Gott ihn anschaute,

das heißt,

wie er von Don Giussani angeschaut wurde. Wenn nun diese Person

von Pater Aldo betroffen war, dann weil er ihr deutlich machte,

was ihr fehlte und mit Klarheit einen Weg aufzeigt. Deshalb wurde sie

befreit. Wie wir in den Exerzitien gesagt haben, vergessen wir oft, dass

alles (auch dieser Blick) nur durch meine Freiheit mein Eigen werden

kann. Dieses Urteil und dieser Blick auf die Dinge werden mir allein

durch meine Freiheit zu eigen. Selbstverständlich braucht meine Freiheit

stets einen bestimmten Ort. Wir könnten nicht allein auf unsere

Person gestützt vor unserer Freiheit stehen ohne einen Ort. Wir müssen

an dem Ort bleiben, der uns hervorgebracht hat. Aber ohne meine

Freiheit wird er nicht der meine. Wenn jemand nicht das Bedürfnis

verspürt, zu diesem befreienden Blick zurückzukehren, weil er sich

selbst nicht mehr aushält oder ihn das Leben bedrängt, wie kann er

dann die Erfahrung der Befreiung machen?“

Wir sehen hier ein Beispiel für das, was ich bei den Exerzitien der

Fraternität angesprochen hatte: Wir stellen weiterhin Ereignis und Gemeinschaft

der Arbeit, Initiative und Freiheit entgegen. So wird sich die

Freiheit aber nie verwirklichen, weil sie nie die meine wird. Verwechselt

bitte die Tatsache, dass sie sich durch meine Freiheit verwirklicht nicht

mit Moralismus. Allzu oft heften wir den Begriff Moralismus auf die

Dinge, sobald es etwas zu tun gilt. Und damit rechtfertigen wir unsere

Faulheit, anstatt uns zu bewegen und zu verändern. Schließlich stehen

wir vor folgender tödlichen Alternative: Entweder es handelt sich um

einen Automatismus oder um eine Moralismus, das heißt, die Freiheit

ist verschwunden. Ist es aber ein Moralismus, wenn wir den Angelus

beten oder diesen Blick zulassen? Nein! Dies nennt sich Gedächtnis.

37

SPUREN


„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

3. Der Augenblick davor

Um diesen Punkt zu klären, möchte ich gemeinsam mit euch die Zusammenfassung

von Don Giussani bei einer Equipe des Studententreffens

von 1986 lesen, das in dem Buch L’io rinasce da un incontro

(1986-1987) wiedergegeben ist.

Er geht von einer Beobachtung über die damalige Lage der Bewegung

aus. Dabei nahm er Bezug auf den Unterschied zwischen 1986

und dem, was 1968 geschehen war: „Als ersten wichtigen Faktor gilt

es hervorzuheben, dass unser Bewusstsein, wenn auch verträumt oder

verwirrt oder überrascht, letztlich zutiefst verankert ist. Es ist von einer

Wertschätzung jenes Ereignisses geprägt, das wir Bewegung nennen.

Erinnert ihr euch noch daran, als wir in diesem Sommer von jenem

‚Augenblick vorher‘ sprachen, der mich dann in meinem Handeln bestimmt?

[Achtet auf das Beispiel] Für den Jugendlichen, den Jungen,

der auf der anderen Straßenseite oder etwas weiter vorne die beeindruckende

Silhouette eines Mädchens gesehen hat, gibt es einen Augenblick,

noch bevor er sich dazu entscheidet, ihr zu folgen, in dem er

sagt: „Wie schön ist sie!“ Gut, von diesem Augenblick spreche ich. Wir

haben aber ein ernsthafteres Beispiel gemacht, jenes von Zachäus, kurz

bevor er vom Baum herabsteigt und nach Hause läuft. Ich habe euch

im vergangenen August aufgefordert, euch in den Augenblick hineinzuversetzen

[bevor er vom Baum herabsteigt], in dem er sich angeschaut

sah und wie von einem neuen Licht ergriffen, von einer neuen

Sensibilität, von einem Empfinden, das seinen ganzen Horizont auf

neue Art und Weise bestimmte.“ 26 Der Augenblick zuvor: Wir können

nicht verhindern, dass dieser Augenblick geschieht, wir können ihn

nicht kontrollieren – Gott sei Dank. Deshalb ist dieser Augenblick vorher

entscheidend, diese Hoffnung, deren Wahrnehmung nicht einmal

Judas vermeiden konnte. Wir müssen feststellen, dass in diesem ersten

Augenblick – wie wir bei den Exerzitien sagten – Erkenntnis und

Freiheit zusammen im Spiel sind. Unsere Erkenntnis ist nicht neutral,

unsere Erkenntnis bringt stets die Freiheit ins Spiel.“

26

L. Giussani, L’io rinasce in un incontro (1986-1987), Bur, Mailand 2010, S. 40

38

SPUREN


LEKTION

Don Giussani fährt fort: „Wenn ich von einer vorherrschenden

Wertschätzung für die Erfahrung der Bewegung spreche, für dieses

Ereignis, das die Bewegung ist, dann spreche ich von etwas, das eine

Haltung hervorruft, die der des Zachäus sehr ähnlich ist, bevor er vom

Baum herabsteigt oder jener des Weiberhelden, bevor er sich hinter

dem Mädchen her macht. Ich sage oft, dass unsere Freiheit sich wesentlich

stärker in grundsätzlichen Entscheidungen ins Spiel bringt,

als in Einzelentscheidungen. Denn die Einzelentscheidungen offenbaren

eine grundsätzliche Entscheidung, eine Entscheidung vor der

Wirklichkeit als solcher: Eine Entscheidung der Sympathie gegenüber

der Wirklichkeit, so wie die Natur uns zum Handeln drängt, beispielsweise

durch den Instinkt der Neugier, den Mechanismus der Neugier,

oder das Gegenteil, aufgrund dessen man sich mit dem Ellbogen vor

dem Gesicht in eine Verteidigungshaltung gegenüber der Wirklichkeit

begibt. In diesem tiefen Halbdunkel [im Zentrum des Ichs, wo sich der

Kampf abspielt], fast an der Grenze zum Unbewussten, entscheidet

man insgesamt über die Haltung, die man dann auch gegenüber Gott,

dem Vater, der Mutter, der Freundin, den Kindern, den Freunden, dem

Buch, den Ereignissen, den Pflanzen, dem Mond, gegenüber allem,

einnimmt. Diese Grundsympathie und dieses Maß an intelligentem

Vertrauensvorschuss – noch nicht in einem vollständigen aber in einem

intuitiven Sinn – gegenüber dem Wert, den die Bewegung in sich

trägt, gegenüber dem, was unter uns ist (das was unter uns ist, ist das

Wahre), diese Voraussetzung oder dieses Vorverständnis oder diese

vorhergehende Sympathie oder dieser positive „Augenblick vorher“ ist

entscheidend.“ 27 Und ich möchte etwas hinzufügen, dass allen geschehen

kann, und damit vor allem uns selbst: „Zu vielen Erwachsenen, die

in der Bewegung waren und möglicherweise noch sind, fehlt dies. Solange

dies fehlt, bleibt die Bewegung etwas Aufgesetztes, sie bleibt ein

Ding unter anderen, so wie für die große Mehrheit der Christen, die

von den ‚Amtsträgern‘, das heißt vom Klerus, geführt werden, Christus

und Kirche etwas unter anderem ist, selbst wenn sie diese achten, ja am

höchsten achten; aber es bleibt eines unter anderen Dingen. Alle Fra-

27

Ebd., S. 40-41.

39

SPUREN


„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

gen unserer Glaubenshaltung kann man genau auf den Bruch dieser

Verbindung zurückführen, denn Christus, das christliche Ereignis, ist

das Leben (wie Er selbst sagte „ich bin der Weg, die Wahrheit und das

Leben“). Deshalb bezieht Er alles ein, durchdringt alles und gibt allem

Bestand. Ich glaube – und hoffe nicht blauäugig zu sein –, dass sich in

diesem Augenblick für den großen Teil unserer Gemeinschaft diese

Wertschätzung verwirklicht hat. Mir ist stets das Beispiel von Zachäus

gegenwärtig. Diese Wertschätzung für die Bewegung – dass die Bewegung

wahr ist, dass die Bewegung ein wahrer Fingerzeig für die Existenz

und die Geschichte ist – diese Sympathie oder diese anfängliche

Vertrauensvorschuss sind grundlegend.“ 28

4. Ein Mangel an Moralität.

Die Abwesenheit des Gedächtnisses

Nachdem ich dieses zuvor unterstrichen habe, bei dem sich im Halbdunkel

an der Grenze zum Unbewussten meine ganze Freiheit abspielt,

führt Don Giussani einen zweiten Faktor ein: „Dennoch werden wir

der Sache nicht bis ins Letzte gerecht. Es ist so, als ob wir mit diesem

Anstoß der Sympathie oder dem Vertrauensvorschuss letztlich genau

dieser Sympathie nicht gerecht würden. Dabei ist sie aufrichtig, grundlegend

und deshalb tut mir diese Feststellung, über diese Unangemessenheit

leid. Aber das braucht uns nicht zu ängstigen. Es verweist auf

einen Weg, den wir gehen müssen und ist kein Einwand. Diese Unangemessenheit

kann man allerdings nicht lange mit sich herumtragen

oder tolerieren, ohne daran zu arbeiten. Ansonsten verflüchtigt sie

sich.“ 29 Deshalb ist es eine Dummheit, die Arbeit in einen Widerspruch

zur Sympathie zu bringen. Ohne daran zu arbeiten, ohne dieser

Sympathie nachzugeben, löst sie sich einfach auf, und dann verhärtet

sich unser Herz. Ihr könnt sämtliche Gründe anführen, die ihr wollt,

um das versteinerte Herz zu rechtfertigen, aber dadurch wird es nicht

vernünftiger: Keiner der diese Hoffnung gelebt hat, die in ihm geweckt

wurde, kann einen vernünftigen Einwand vorbringen, um sein versteinertes

Herz zu rechtfertigen.

28

Ebd., S. 41-42.

29

Ebd., S. 42.

40

SPUREN


LEKTION

Wo liegt der Grund für diese Unangemessenheit? Don Giussani

geht dieser unmittelbar im Anschluss nach: „Die Unangemessenheit

entsteht aufgrund eines moralischen Mangels. Ich möchte hier das

Wort „Moral“ oder „Moralität“ in seinem tiefen, wesentlichen Sinne

gebrauchen, der sich auf die Haltung der Person angesichts des Seins

bezieht, das heißt angesichts des Lebens, der Existenz, als Ursprung,

Bestand und Bestimmung; sagen wir Bestimmung, weil dies alles

zusammenfasst.“ 30 Es geht nicht um die Konsequenz gegenüber bestimmten

Regeln, denn dies ist der Moralismus: Die Moralität betrifft

die Haltung angesichts des Seins. Und um diese Sympathie gegenüber

dem Sein zu besitzen, braucht es keinerlei besondere Willensanstrengung,

aufgrund derer jemand, der diese Energie besitzen würde, heilig

wäre, während ich Armseliger sie nicht besitze. Dies ist nicht die Moralität,

es geht nicht um eine Fähigkeit, die ich besitze, um bestimmten

Regeln zu folgen. Es geht um eine Haltung gegenüber der Sonne,

der Frau, dem Berg, dem Blick Christi. Könnte jemand von uns ernsthaft

behaupten, dass ihm etwas fehlt, um diesem Blick nachzugeben?

Gleich wie schwierig die Lage sein mag, in der er jetzt ist – aber braucht

er hierfür eine besondere Energie? Er muss einfach nachgeben.

Don Giussani fährt fort, indem er Papst Johannes Paul II. 31 zitiert: „Es

gibt einen moralischen Mangel, eine Haltung, ein Handeln der Person,

die noch nicht richtig sind, die noch nicht angemessen sind gegenüber

der großen Frage, die die Bewegung in sich trägt, wie der Papst in seiner

großartigen Rede vom 29. September sagte – […] ‚Es ist bezeichnend

[…] wie der Heilige Geist in der gegenwärtigen Geschichte der Kirche

zahlreiche kirchliche Bewegungen ins Leben gerufen hat, um den Dialog

Gottes mit den Menschen fortzusetzen, den er in Christus begonnen

hat und in der gesamten Geschichte der Christenheit fortgesetzt hat‘ –.

Eine Bewegung ist eine konkrete Form, in der der Dialog weitergeht,

den Christus mit dem Menschen begonnen hat. Deshalb wird in ihr die

Gegenwart Christi lebendig, wirksam, überzeugend, erzieherisch, pädagogisch

und konstruktiv! Und diese Modalität nennt sich Charisma!.“ 32

30

Ebd.

31

Es handelt sich um den Discorso al movimento di «Comunione e Liberazione», nel XXX anniversario

di fondazione, 29 settembre 1984, 3.

32

L’io rinasce in un incontro (1986-1987), a.a.O., S. 42-43

41

SPUREN


„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

Don Giussani erläutert dann, worin dieser moralische Mangel

besteht, und dies ist der entscheidende Punkt: „Gut, ich möchte diesen

moralischen Mangel mit einem einfachen Wort, mit einem einfachen

Hinweis definieren: es ist die Abwesenheit des Gedächtnisses.

Das Problem besteht in der Schwierigkeit, das Gedächtnis zu leben.

Denn das Gedächtnis ist der Inhalt des christlichen Selbstbewusstseins.

Welches ist aber der Inhalt des Selbstbewusstseins? Es ist dein

Ich, dein Ego: das Bild, das Verständnis, das Empfinden deiner selbst,

das Bewusstsein deiner selbst. Natürlich das Bewusstsein des Selbstbewusstseins

des Ichs. Nun ist das Gedächtnis der Inhalt des christlichen

Selbstbewusstseins. Als der heilige Paulus sagte: ‚Nicht mehr ich

lebe, sondern du lebst in mir‘, definierte er exakt den Inhalt des neuen

Selbstbewusstseins.“ 33 In den Worten, die wir gebraucht haben, heißt

das: Das Gedächtnis ist der Inhalt des Blicks; es bedeutet, dass ich als

Inhalt meines Bewusstseins unablässig den Blick habe, mit dem ich

angeschaut werde. So wie dies für Zachäus galt: seine Identität war das

Selbstbewusstsein aus diesem Blick heraus.

Und er fügt folgende befreiende Feststellung hinzu: „Ich habe aber

gesagt, dass diese Schwierigkeit kein Einwand ist, sondern der Hinweis

auf einen Weg, den wir gehen müssen.“ 34 Wenn wir aber dieser

Schwierigkeit begegnen, sind wir sofort alarmiert und empört. Unser

Freund verwies in seinem Beitrag zum Seminar der Gemeinschaft über

Pater Aldo gerade auf jenen Weg. Er empfand dies nicht als Einwand,

er empfand keinen Vorwurf, sondern er empfand die Zärtlichkeit von

jemandem, der dir sagt: „Schau, wenn du anfängst dich so anzuschauen,

wie Gott dich anschaut, wenn du jenem Blick Einlass gewährst,

dann wirst du verstehen, dass das Leben etwas Großartiges ist.“ Diese

Schwierigkeit ist also kein Einwand, sondern der Hinweis auf einen

Weg, den wir machen müssen. Wir müssen uns dabei begleiten, um

nicht jeder Idee nachzulaufen, sondern genau jenem Blick (denn wir

haben ihn entleert).

Das Gedächtnis ist etwas sehr Konkretes, wie uns die Messe lehrt:

„Als Christus vor seinem Tod in jenem entscheidenden Augenblick

33

Ebd., S. 43

34

Ebd.

42

SPUREN


LEKTION

sagte: ‘ tut dies zu meinem Gedächtnis‘, haben wir stets gesagt: was

bedeutet dieses ‚ tut dies‘?, Was ist ‚ dies‘? Alles! Es ist so als ob er gesagt

hätte: ‚ lebt das Gedächtnis an mich, leben bedeutet, meiner zu

gedenken.‘„ 35 Denn wer sich einmal so angeschaut sah wie Zachäus,

möchte, dass dies für immer der Fall ist! Stets unter diesem Blick voller

Zuneigung zu leben! Deshalb bedeutet Leben – meine Freunde – sein

Gedächtnis zu leben.

5. Die existenzielle Dimension des Bewusstseins

der Zugehörigkeit

Worin besteht aber der Mangel an Gedächtnis? Um uns zu helfen,

übergeht Don Giussani in seiner Güte, mit der er uns stets umgibt,

nichts: „Ich möchte also zumindest in Ansätzen klären, worin dieser

Mangel an Gedächtnis besteht. Ich hoffe, das Thema dann während der

Exerzitien entwickeln zu können und vor allem darauf, dass ihr es während

der Arbeit in diesem Jahr entfaltet. Vor Jahren sprach ich von einer

‚ Rückkehr der Verbürgerlichung‘. Wir haben mit dieser Rückkehr

der Verbürgerlichung den Widerstand bezeichnet, den wir gegenüber

der Tatsache entwickeln, dass das Ziel meines lebendigen Ichs, meiner

Existenz – also der Geschmack, der Nutzen meiner Existenz – ein anderer

ist, etwas anderes. Wir haben eine entfernte Analogie dessen, dort

wo wir lieben: Der Geschmack des Lebens liegt für einen Mann, der seine

Frau liebt, in jener Frau und in seinen Kindern, der Geschmack und

die Nützlichkeit seines Lebens liegen in etwas anderem. Aber es handelt

sich um eine entfernte Analogie, denn das, worüber wir sprechen, ist

tausend Mal intensiver, absolut intensiver, und das Gesagte ist hierfür

nur ein Zeichen. Die Bürgerlichkeit besteht darin, nur sich selbst zu gehören.

In dem Werk Das religiöse Bewusstsein des modernen Menschen

heißt es an einem bestimmten Punkt, dass es nur eine Alternative gibt:

Entweder gehört der Mensch sich selbst an, beansprucht, sich selbst

anzugehören, oder er gehört einem anderen an. In der modernen Kultur

definiert der Mensch die Zugehörigkeit als Zugehörigkeit zu sich

selbst: ‘Ich gehöre mir‘, oder wie es in den Slogans der Feministinnen

35

Ebd.

43

SPUREN


„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

bei den Demonstrationen in den 70er Jahren hieß: ‚ Mein Bauch gehört

mir‘. Es ist aber unmöglich, dass der Mensch sich selbst gehört. Und

so heißt es auch in Das religiöse Bewusstsein des modernen Menschen,

dass die Aussage, ‚ich gehöre mir selbst‘ unvermeidlich mit der Aussage

übereinstimmt: ‚ ich gehöre der Macht, ich gehöre der Kraft, die die

Macht ist‘, denn der Mensch gehört einem anderen!“ 36

Wir sagten: Ich bin Du. In diesen beiden Aussagen liegt die Alternative,

der Kampf. Ich frage euch geradeheraus: Wann seid ihr mehr

ihr selbst, als in dem Augenblick, wenn ihr angeschaut werdet, wie

Christus Zachäus angeschaut hat? Dabei geht es um eine Frage des Bewusstseins,

nicht um ein Problem des Moralismus. Es ist ein Problem

des Bewusstseins: Wann bin ich mehr ich selbst? Ihr könnt alle Aspekte

eures Lebens anschauen, euer ganzes Leben scannen. Wenn ihr nur

einen Augenblick aufrichtig seid, dann sagt mir, wann ihr mehr ihr

selbst seid: Wenn ihr euer eigenes Ding macht oder wenn ihr in diesen

unverwechselbaren Blick einbezogen werdet?

Nun können wir verstehen, was wir gestern von Marta gehört

haben, nämlich worin der Einfluss der Macht auf uns besteht. Es ist

beeindruckend, dass Giussani dasselbe Wort gebraucht, das Friedrich

Nietzsche gebrauchte: die bürgerliche Religiosität. Was macht

die Macht mit uns? Welchen Einfluss hat sie? Sie zerstört unsere Beziehung

zu Christus, indem sie ihr jede Gestaltungskraft auf unser

persönliches gesellschaftliches Leben nimmt. Es geht nicht um eine

Verfolgung, sondern eher um einen Konformismus, der zu dieser Situation

führt. Niemand verbietet es, aber gleichzeitig wagt sich auch

niemand, die eigene religiöse Dimension als umfassende Gestalt seines

Lebens zu leben. Wir sind Teil der Gesellschaft wie alle. Den Einfluss

der Macht sieht man daran, dass unsere Sehnsucht nicht mehr

auf der Höhe unserer Menschlichkeit ist, auf der Höhe unserer Sehnsucht

nach dem Unendlichen. Wir beschneiden die Sehnsucht nach

dem Unendlichen. Es geht nicht darum, dass wir religiös sind oder

bestimmte religiöse Gesten nicht mehr tun. Nietzsche hat nicht einen

Augenblick daran gedacht, dass die Religion zu Ende sei. Als er vom

36

Ebd., S. 44-45

44

SPUREN


LEKTION

Tod Gottes sprach, stellte er die Fähigkeit der Religion in Frage, die

Person bewegen und ihren Geist öffnen zu können, kurz das Ich neu

hervorbringen zu können. Durch diese Verkürzung des Ichs können

wir erkennen, dass wir der Macht gehören. Wir begnügen uns damit,

in verkürzter Art und Weise miteinander umzugehen. Und es kommt

uns nicht einmal entfernt in den Sinn, dass etwas fehlt. So stark hat uns

die Macht angeglichen und beschnitten.

Don Giussani sagt in der Tat: Welchen persönlichen Einsatz braucht

es für diesen täglichen Kampf gegen die Logik der Macht, für diesen

täglichen Sieg über das Scheinbare und Vergängliche, um diese Gegenwart,

Christus, als Bestand und Bestimmung der Dinge zu bejahen!“ 37

Und er fügt hinzu: „Es braucht eine Veränderung. Und diese Veränderung

ist die Arbeit eines jeden Tages.“ 38 Es ist genau das, was der Papst

als „Umkehr“ bezeichnet. Das heißt es geht darum, sich von den geistigen

Schemata der Macht zu befreien, unsere Mentalität zu verändern:

„Die Veränderung seiner selbst, als Veränderung der Mentalität (metanoia)

und als Veränderung der Zuneigung. Dies ist eine Arbeit.“ 39

So können wir langsam verstehen, worin der moralische Mangel

in uns besteht. Es geht vor allem um einen Mangel der existenziellen

Dimension im Bewusstsein der Zugehörigkeit [jedes Wort dieses Satzes

ist entscheidend: ein Mangel an der existenziellen Dimension im

Bewusstsein der Zugehörigkeit]. Das heißt, wir nehmen die Zugehörigkeit

zu Christus nur schwach wahr. Aber Christus ist im Geheimnis

der Kirche, und das Geheimnis der Kirche berührt man auf überzeugende

pädagogische und konstruktive Weise durch die Bewegung [es

ist die letzte Verästelung, durch die uns die Kirche berührt]. Das Problem

besteht also in der Zugehörigkeit zu diesem letzten zerbrechlichen

Ausläufer, den die Bewegung darstellt, unserer Weggemeinschaft. Es

geht dabei aber nicht um unsere Weggemeinschaft, sondern um das

Geheimnis der Kirche. Und das Geheimnis der Kirche wäre in sich

selbst fast lächerlich, denn es geht um Christus. Wenn ich aber einen

Schritt [die Bewegung] überspringe, dann zensiere ich Christus und es

37

Ebd., S. 194

38

Ebd., S. 273

39

L. Giussani, Dal temperamento un metodo, Bur, Mailand 2002, S. 331.

45

SPUREN


„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

herrscht das eigene Bild vor, das heißt erneut ich selbst [wir vergessen

also, wie wir angeschaut wurden]. Es gibt einen Mangel, oder besser

eine große Schwäche der existentiellen Dimension, in der Wahrnehmung,

dem Bewusstsein der Zugehörigkeit [wir müssen dies verstehen,

und er hilft uns, dies zu verstehen]. Wenn jemand von uns sagt: ‚ ich‘

[jeder von uns kann dies mit sich selbst vergleichen], dann kommt ihm

nicht einmal im entferntesten das Bild [das Bewusstsein] der Macht

der Zugehörigkeit gegenüber etwas anderem in den Sinn [so als ob

Zachäus sagen würde: ‚ ich‘, ohne dass ihm im geringsten jener Blick in

den Sinn käme, der ihn auf dem Feigenbaum überraschte]. Das physische,

zerbrechliche Zeichen hierfür ist unsere Gemeinschaft, deren

historisches Zeichen die Kirche ist, und deren Wirklichkeit Christus ist!

Und dieses Bewusstsein, dir o Christus zu gehören, dieses Bewusstsein,

dass ich Deinem Leib angehöre, der die Kirche ist, dieses Bewusstsein,

dass ich dieser Deiner Gnade angehöre [die mehr Wert ist als das Leben

und in dieser Weggemeinschaft besteht], dieses Bewusstsein der Zugehörigkeit

entspricht dem höchsten moralischen Konzept des Christentums,

das sich ‘Umkehr‘ nennt.“ 40

Es ist beeindruckend, wie treffend diese Worte sind. Es sind Jahre vergangen

und dennoch wäre niemand von uns in der Lage, besser zu erläutern,

was uns fehlt, das heißt dass dieser Mangel an Gedächtnis ein Mangel

an Bewusstsein ist, an Erkenntnis. Don Giussani macht Beispiele, um

uns dies zu erklären: „Ist ein Kind allein, dann schaut es sich verängstigt

und den Tränen nahe um – wenn es nicht schon weint und schreit –;

aber kaum hört es die Stimme der Mutter (oder des Vaters) dann läuft

es ihr entgegen, wendet sich um, kehrt um, wendet sich ihr zu.“ 41 In diesem

Augenblick werden die Tränen zur Umarmung. Das Weinen setzt

es in Beziehung zur Mutter. Wir denken hingegen, dass jede Verletzung

ein Hindernis ist. Für das Kind ist es hingegen der unmittelbare Anlass,

jene Gemeinschaft zu erfahren, die es glücklich macht, indem es das Gut

überprüft, dass die Mutter für es darstellt. Es geht nicht um etwas Abstraktes,

sondern eine Gegenwart, der sich das Kind zuwendet, wenn sie

in seinen Horizont tritt: Es vollzieht sich eine Befreiung.

40

L’io rinasce in un incontro (1986-1987), a.a.O., S. 45-46

41

Ebd., S. 46

46

SPUREN


LEKTION

„Analog besteht die Umkehr in der Anerkennung, dass ‚Ich Du bin‘,

dass ich Dir zugehöre, dass ich dieser Wirklichkeit zugehören, die Du

bist, und die es gibt, weil es Dich gibt [dies ist die christliche Wegbegleitung

in ihrer Ganzheit, die einzige Gemeinschaft, die uns befreit!].

Deshalb ist gerade die Zugehörigkeit zu unserer Gemeinschaft, trotz

der ganzen Zerbrechlichkeit, Flüchtigkeit und Kontingenz, der Ort

[der Ort und kein Ersatz, der Ort!] unserer Beziehung zu Christus

und durch Christus zur Welt. Gerade in diesem Bewusstsein der Zugehörigkeit

liegt die Umkehr. Alles Übrige ergibt sich daraus – unsere

Beziehungen zu den Dingen, zu den Menschen, zu uns selbst –, alle

Beziehungen gehen aus diesem Subjekt hervor. Schaut – wenn ich jemanden

sehe, der mich zum Vergleich auffordert, dann kann ich die

schlimmsten Dinge getan haben, wenn ich aber jetzt – jetzt, denn das,

worauf es im Leben ankommt, ist jetzt, alles Übrige ist nichts, das jetzt

ist, nun, wie ihr hoffentlich in Der religiöse Sinn lernen werdet – wenn

ich also jetzt, in der Beziehung zu mir, zu dir, zur Welt, in den Umständen,

unter den Leuten, mit denen ich studiere, mit den Freunden in der

Schule, mit dem Lehrer, angesichts schwerer Versuchungen (beispielsweise

ganz banal zu stehlen, oder anderes), wenn ich jetzt also sage:

‘Nein, das ist nicht richtig, weil ich Christ bin‘, dann ist dieses Zeugnis

in der Gegenwart, diese Entscheidung im Raum der Gegenwart (wie

einer von euch sagte: deinen Freunden sagst du: ‚Ich bin ein Christ‘

oder du machst es mit einer anderen Aussage deutlich, aber eigentlich

geht es darum: ‚Ich bin Christ‘), dann liegt darin der Gestus der Zugehörigkeit:

Dies ist das Bewusstsein der Zugehörigkeit im existenziellen

Vollzug, dies ist der existenzielle Vollzug des Gedächtnisses.“ 42 Das ist

nichts Automatisches, meine Freunde, es ist eine Wahl, eine Entscheidung

der Freiheit (und wir können hier sein, ohne dass uns unser Zusammensein

dazu herausfordert), es geht darum anzuerkennen, wem

ich jetzt gehöre. Aber es ist beeindruckend, dass wir diese Seiten bereits

in verkürzter Art und Weise lesen können, indem wir mechanisch von

der Wegbegleitung sprechen, als ob uns dies die existenzielle Haltung

des Gedächtnisses ersparen könnte; als ob dieser Kampf, diese per-

42

Ebd., S. 46-47

47

SPUREN


„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

sönliche Haltung mir erspart bleiben könnte. Der Einfluss der Macht

lähmt mich, stumpf mich ab.

Ich kann in der Weggemeinschaft (in der Fraternität, zu Hause oder

in der Gemeinschaft) sein, ohne irgendetwas zu tun, indem ich meine,

dass mit meinem Leben in der Gemeinschaft schon alles in Ordnung

ist, und ich keine eigene Anstrengung mehr unternehmen muss. Aber

das befreit mich nicht. Oder aber, ich kann in freier Initiative das Gedächtnis

wieder existenziell aufnehmen, das mir in der Begegnung geschenkt

wurde. Nicht dass ich es aus mir selbst heraus hervorbringe,

oder mir den Blick vorstellen muss, der mich erreicht hat, nein! Dieser

Blick, mit dem ich in der Gemeinschaft angeschaut wurde, vollzieht

sich jetzt, in der Gegenwart. Ich muss mich aber zum Inhalt des Gedächtnisses

bekehren, damit das Gedächtnis jetzt existenziell gegenwärtig

wird. Hierin besteht die Arbeit: Sie lautet Gedächtnis. Und das

ist der Ursprung der Befreiung: „Diese grundlegende Moralität befreit

dich, sie mach dich frei, vom Urteil über deine Fähigkeit (‚ was aber

werde ich morgen tun, ich bin dazu nicht in der Lage!‘). Sie befreit dich,

wenn du jetzt sagst: ‘komme was da will, aber ich gehöre Christus, ich

gehöre dieser Wirklichkeit an, die die Kirche ist, dieser Wirklichkeit,

die meine Gemeinschaft ist, ich gehöre dieser Gemeinschaft, weil sie

das Instrument Christi ist.‘ Dieses grundlegende Bild der Moralität als

anerkannte Zugehörigkeit im Augenblick, als Entscheidung in diesem

Moment, befreit dich vom ganzen Spiel der Analysen, ob du nun dazu

in der Lage bist oder nicht. ‚Ich sage, dass ich dieser Wirklichkeit angehöre,

ob ich dazu in der Lage bin oder nicht, wird man sehen. Und

es befreit dich auch vom Urteil deiner Inkonsequenz: ‚Ich war bis vor

einem Augenblick inkonsequent.‘ Es befreit dich vom Urteil über deine

Fähigkeiten und es befreit dich vom Urteil über deine Inkonsequenz,

weil deine Inkonsequenz in dieser Zugehörigkeit korrigiert, verringert

werden kann, und weil deine Unfähigkeit für die Zukunft überwunden

werden kann.“ 43

43

Ebd., S. 47

48

SPUREN


LEKTION

6. Die wahre Weggemeinschaft: die Gleichzeitigkeit Christi

Was holt uns nun aus dieser Bürgerlichkeit, aus diesem Konformismus

heraus, aus dieser Verkürzung des Ichs? Was hilft uns, den Widerstand

gegenüber der Zugehörigkeit zu einem anderen zu überwinden, das

heißt was hilft uns, umzukehren? Nicht die Texte der Bibel oder des

Charismas, keine Erinnerung an das, was wir in der Vergangenheit

gelebt haben, und ebenso wenig ein Christentum, das auf Regel reduziert

wird: All das ist nicht so anziehend, dass es uns eine Veränderung

erlaubt, die das Bewusstsein der Zugehörigkeit wieder aufrichtet, und

uns damit befreit. Durch diese Herausforderung können wir aber verstehen,

was die wirkliche Begleitung ist. Denn hier stellt sich die Frage,

was die wahre Natur der Wegbegleitung, der Gemeinschaft, unseres

Zusammenseins ist. Nicht jede Gemeinschaft ist wahr, sondern jene,

die den Blick Christi auf mich gegenwärtig werden lässt. Deshalb reicht

es nicht aus, Texte aus der Vergangenheit zu lesen. Selbst für Texte der

Vergangenheit wie die Bibel, braucht es die Tradition. Denn die Tradition

ist das erneute Geschehen des Anfangspunkt. So reichen weder

eine Rede, noch alle Texte, noch allein eine Erinnerung: Dass mir

jemand dies oder Don Giussani jenes gesagt hat. All das reicht nicht!

Es tut mir leid, aber es reicht nicht! Und wir wissen sehr wohl, dass es

nicht reicht. Man lebt etwas, was sich jetzt ereignet, denn nur etwas in

der Gegenwart, kann in der Lage sein, unser Ich wieder aufzurichten.

Und das heißt „Zeugnis“. Wir sind hier, weil wir jemandem begegnet

sind, der den Blick Christi hat gegenwärtig werden lassen. So konnten

wir verstehen, was Zachäus widerfahren war. Das ist der Wert des

Zeugnisses. Es besteht darin, diesen Blick gegenwärtig werden zu lassen.

So wie dies bei Pater Aldo der Fall war.

Die wahre Natur der Gemeinschaft besteht darin, dass ich durch ein

Urteil oder Zeugnis die Gegenwart jenes Blickes wiedergewinne und

von aller Verkürzung befreit werde. Durch ihn erfahre ich die Gleichzeitigkeit

Christi. Wenn heute nicht die gleiche Erfahrung von Zachäus

möglich wäre – natürlich in unterschiedlicher Weise – wenn ich heute

nicht in unterschiedlicher Weise Don Giussani begegnen könnte, was

würde mich dann an Giussani interessieren? Durch diese Gemeinschaft

erfahren wir die Gleichzeitigkeit Christi. Wir können weiterhin

49

SPUREN


„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

dieselbe Erfahrung machen, die wir mit Don Giussani gemacht haben.

Christus wird jetzt gegenwärtig, und ich weiß, dass er jetzt gegenwärtig

wird, weil er mich von meinen Verkürzungen befreit, von meinem Klagen.

Ich erfahre ihn als gegenwärtig. Bliebe Christus nicht gegenwärtig,

als Anfang – wie uns dies Don Giussani stets gelehrt hat –, dann blieben

wir mit dem Bibeltext und unseren tausenden Interpretationen alleine,

wie bei den Protestanten, und wir würden uns schließlich langweilen.

Aber angesichts der Gegenwart Christi, stellt sich jetzt von neuem

das Problem des Anfangs, das Problem der Erkenntnis und der Freiheit,

die zugleich im Spiel sind. Wie kann ich wissen, dass Er bleibt, dass

das Charisma bleibt? Schaut, was Don Giussani gesagt hat: «Operatio

sequitur esse, sagen die Philosophen (nicht die Literaten, die nichts

verstehen, sondern die Philosophen!); Operatio sequitur esse. Man erfährt

die Gegenwart von etwas Seienden, man stellt sie fest durch den

Inhalt, durch das Ergebnis Seines Wirkens, durch das was Er bewirkt.

Seine Gegenwart wird sichtbar, berührbar und erfahrbar aufgrund der

Tatsache, dass Er das Leben der Leute, die in der Gemeinschaft sind,

verändert. Deshalb die Aufmerksamkeit, mit der man das Zeugnis des

einen oder anderen wahrnimmt – auch derer, die keine Leitungsfunktion

haben –, selbst wenn es flüchtig oder ganz zurückhaltend ist. Diese

Aufmerksamkeit bei den Leuten der Gemeinschaft ist das größte Zeichen

für die Aufrichtigkeit, von der wir vorher sprach. Demgegenüber

gibt es kein größeres Zeichen der Unaufrichtigkeit, als dass man vor allem

die Fehler feststellt. Similes cum similibus facillime congregantur. Jemand

nimmt das war, was ihm am ähnlichsten ist. Wenn das Schlechte

vorherrscht, wirst du über das Schlechte klagen, wenn in dir die Suche

nach dem Wahren vorherrscht, wirst du die Wahrheit entdecken.“ 44

Welche Einfachheit braucht es, welche Aufmerksamkeit, welche Verfügbarkeit,

um zu entdecken, dass Er am Werk ist! Natürlich gibt es

auch Fehler. Aber worin liegt hier die Neuigkeit? Wir sind nicht hier,

weil wir perfekt sind. Die einzige Neuheit besteht darin, dass jemand

bezeugt, dass Er gegenwärtig ist. Denn darin liegt auch die Hoffnung

gegenüber meinen Fehlern.

44

Ebd.

50

SPUREN


LEKTION

Wenn du mir also sagst, dass du Ihn nicht siehst, dann lügst du

nicht. Aber du siehst Ihn nicht, weil in dir das Schlechte vorherrscht;

so groß ist die Rolle der Freiheit bei der Erkenntnis. Es kann jemand

sagen: „Ich sehe Ihn nicht“ und ich kann darauf antworten: „Du hast

vollkommen recht: Du siehst Ihn nicht.“ Vollbrachte Jesus nicht auch

Wunder? Und doch sahen sie sie nicht. Seht ihr jetzt das Drama, den

verbissenen Kampf, um den es hier geht? Das Problem ist nicht „Carron“,

der der Chef ist: Beim Kampf geht es nicht um mich, verwechselt

das nicht, ich habe damit nichts zu tun. Der Kampf besteht gegenüber

dem, was Gott in der Wirklichkeit und durch die Zeugen bewirkt.

Dieser Kampf findet überall statt, jetzt, in der Bewegung. Wir können

denselben Kampf sehen, den das Johannesevangelium beschreibt:

„Wenn ich nicht die Werke meines Vaters vollbringe, dann glaubt ihr

mir nicht. Aber wenn ich sie vollbringe, dann glaubt wenigstens den

Werken, wenn ihr mir nicht glaubt. Dann werdet ihr erkennen und

einsehen, dass in mir der Vater ist und ich im Vater bin.“ 45

Ohne dass sich also der Anfang erneut ereignet, das heißt der Blick

Christi durch die wahre Weggemeinschaft, ohne unsere Anerkennung

(denn es ist möglich ihn nicht zu erkennen), werden wir die Weggemeinschaft

als etwas Mechanisches leben. Wenn das Bewusstsein der

Zugehörigkeit zu Christus, das Gedächtnis, nicht zu einer existenziellen

Erfahrung wird, leben wir die Gemeinschaft mechanisch. Wir negieren

sie nicht, wir negieren nicht, dass wir angehören, aber wir nehmen dies

als etwas Selbstverständliches hin. So höhlen wir sie aus und meinen, sie

geschieht mechanisch. Geschichtlich gesehen ist es beeindruckend, die

Entwicklung unserer Weggemeinschaft zu verfolgen. Weniger als zehn

Jahre nach jenem bekannten 1986 musste Don Giussani auf die Frage

zurückkommen, um die Bewegung dramatisch zu korrigieren. Denn

jene Art und Weise, die Weggemeinschaft zu leben, wurde zu einer Utopie.

Und was ist die Weggemeinschaft als Utopie? „Die Weggemeinschaft

als etwas zu verstehen, dass dir mechanisch den Geschmack am Leben

vermittelt.“ 46 Sie soll dir die Befreiung garantieren, ohne dass du um-

45

Joh. 10, 3738.

46

L. Giussani, Un caffè in compagnia. Conversazioni sul presente e sul destino, von R. Farina, Rizzoli,

Mailand 2004, S. 129.

51

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„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

kehren musst, ohne dass du das Gedächtnis leben musst. Und Giussani

sagt: „Vor allem ist dies [absolut] blauäugig! Denn es trägt nicht der

Vorläufigkeit und Kürze der Weggemeinschaft Rechnung! Die menschlichen

Beziehungen geben eine wahre Gewissheit und einen Geschmack,

allein als Ergebnis einer dramatischen Spannung, die die Intelligenz

und die Freiheit des Menschen einbezieht.“ Woran merkt man, dass die

Weggemeinschaft zu einer Utopie wird? „Aufgrund der Tatsache, dass

eine Person ihre Hoffnung auf den Automatismus dieses Phänomens

setzt“: Ich bin zu Hause, ich bin in der Fraternität, bei mir ist alles in

Ordnung… Nichts ist in Ordnung! Denn wir haben erfahren, dass dies

nicht ausreicht und nicht zur Freiheit führt. Aber Vorsicht, da ich meine

Pappenheimer kenne; es geht hier nicht darum, die Bedeutung der Weggemeinschaft

zu eliminieren. Im Gegenteil! Was er in Frage stellt, ist ein

bestimmtes Verständnis der Weggemeinschaft. Er sagt: „Letztlich ist eine

bestimmte Form, die Weggemeinschaft zu leben, einfach eine Flucht vor

der Verantwortung [d.h. die Weggemeinschaft ist wirklich eine solche,

wenn sie unsere Verantwortung wieder aufrichtet, und nicht, wenn sie

uns davor fliehen lässt]. Deshalb entflieht man der Ernsthaftigkeit, der

Kreativität, der Fruchtbarkeit des Lebens und der idealen Spannung, die

das Herz des Menschen bestimmen [das heißt man verkürzt das Herz;

darin besteht der Einfluss der Macht, der das Herz des Menschen reduziert].

Letztlich besteht in jenem Mechanismus, von dem ich soeben

sprach [schaut wie er ihn definiert] jene grundlegende Unmoral, die ich

bereits beschrieben habe. Man sucht die Lösung in einem bestimmten

Bild der Weggemeinschaft: ‘sie versuchen stets zu entfliehen /von der äußeren

in die innere Dunkelheit /und ersinnen sich so perfekte Systeme,

dass niemand mehr gut zu sein braucht.‘„ 47 Alles ist perfekt organisiert,

wir haben alles, sogar die Weggemeinschaft, so brauchen wir nichts mehr

zu ändern, niemand braucht mehr die Umkehr. Aber hierin besteht die

„grundlegende Unmoral“. „Welches Elend wäre unsere Gemeinschaft,

wenn sie aus einem entfremdeten Handeln hervorginge, aus mechanischen

Beziehungen, aus einem Automatismus! […] Die christliche

Weggemeinschaft ist das Ergebnis der wahren Dimension einer neuen

47

Ebd., S. 130.

52

SPUREN


LEKTION

Gestalt des Menschen: jene die aus der Begegnung mit Christus hervorgegangen

ist, so dass der heilige Paulus vom ‚neuen Geschöpf‘ spricht.

Wenn man unter Dimension die Art und Weise versteht, die Wirklichkeit

anzuschauen, ausgehend von jenem Bewusstsein, das der Mensch von

sich selbst hat, dann ist die Weggemeinschaft Teil der Definition des Ichs,

und zwar als Maß des vom neuen Herzen entdeckten Seins. Es geht hier

nicht darum, ob ich allein bin oder in der Gruppe.“ 48 Dieses Bewusstsein

bestimmt das Ich.

7. Der Wunsch nach Veränderung

Jetzt verstehen wir, wer Don Giussani für uns war; wie er gegen alle diese

Reduzierungen gekämpft hat, und wie er uns den gegenwärtigen Christus

bezeugt hat: mit einer Überzeugungskraft, mit einer Intensität, die

uns aus jener Verkürzung der Gemeinschaft auf eine Utopie herausgeholt

hat. Er hat dies aus Barmherzigkeit uns gegenüber angeklagt, aus einer

tiefen Zuneigung uns gegenüber. Aber selbst die Erinnerung an Don

Giussani reicht nicht aus, dass ich ihn gehört habe…, und ebenso wenig

das Studium seiner Texte bei dem man schließlich bei Analysen und

Interpretationen endet. Nur die Gleichzeitigkeit Christi – wie damals –

kann jene Ergriffenheit hervorrufen, die eine Veränderung erlaubt. Don

Giussani sagte, dass die Evangelien nicht genügen. Glaubt ihr dann, dass

seine Texte genügen! Und, so fährt er fort: „Wenn dies geschieht, dann

handelt es sich nicht um eine christliche Weggemeinschaft. Es gibt zwei

Möglichkeiten: Entweder es gibt einen Meister oder Leiter, dem man

folgt und der einen zu diesen Empfindungen erzieht oder alles zerfällt,

alles drängt sich auf, und die Weggemeinschaft fördert nur die Ablagerungen

unnützer Kleingruppen.“ Eine Leitung, aber welche Leitung?

„Ein Erzieher“, sagt er trocken. Und dann erläutert er: „Ein Mensch, der

die Weggemeinschaft gelebt hat und lebt, so wie wir es bisher gesagt hatten,

kann nicht anders, als den anderen zu zeigen, wie sie in ihm wächst.

Haben wir den Erzieher nicht stets als jenen definiert, der sich selbst

mitteilt?“ 49 Hoffen wir, dass Gott uns stets jemanden schenkt, der uns

dazu erzieht. Ansonsten zerfällt alles.

48

Ebd., S. 131

49

Ebd., S. 132

53

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„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

Diese Gleichzeitigkeit Christi, jetzt, durch all die Dinge, die unter

uns geschehen und die wir erleben, bestätigt die Wahrheit des Charismas.

Don Giussani bleibt nicht nur gegenwärtig, weil wir uns an

ihn erinnern. Genauso wie die Gleichzeitigkeit Christi in der Kirche

die Wahrheit Christi bestätigt. Aber Don Giussani bietet uns auch das

Zeichen der Authentizität unserer Zugehörigkeit zur Gemeinschaft

an und der Tatsache, dass diese Gemeinschaft authentisch ist. Worin

besteht dieses Zeichen? Wenn sie in uns den Wunsch nach Veränderung

hervorruft, das heißt wenn sie genau das Gegenteil von dem

bewirkt, was die Macht tut (die uns eine mechanische automatische

Haltung vermittelt): „Schaut, es ist unmöglich, dass jemand sagte:

Ich gehöre Christus, ich gehöre jener Weggemeinschaft, weil sie Instrument

Christi ist‘; man kann nicht diese Zugehörigkeit als Bestand

der eigenen Person anerkennen, ohne dass dies in gewisser Weise den

anfänglichen Wunsch und den Willen zur Veränderung einschließt

[das Wort Veränderung umfasst die gesamte menschliche Existenz].

Es gibt nichts, ohne dass es in Bewegung ist. Der Begriff Veränderung

schließt die gesamte menschliche Existenz ein; menschlich gesprochen

existiert man nicht, wenn ich in dem Maße, wie man sich verändert!“ 50

Seien wir aufrichtig uns selbst gegenüber: Wann haben wir uns das

letzte Mal mit dieser Sehnsucht nach Veränderung überrascht (Es ist

nicht möglich, dass wir an einem wahren Ort sind, ohne dass diese

Sehnsucht geweckt wird)? Gewiss, ich kann diese Sehnsucht stoppen,

ich kann sie blockieren, kaum dass sie entstanden ist, aber angesichts

der Anziehungskraft des Schönen kann ich nicht verhindern, dass sie

hervortritt und zwar gemeinsam mit dem Wunsch der Zustimmung.

Ohne die Gleichzeitigkeit Christi gibt es keine Hoffnung, die das

Leben trägt: „Die Hoffnung muss sich auf ein gegenwärtiges Faktum

stützen. Welches gegenwärtige Faktum kann zum Urteilskriterium

und zur Quelle der Gewissheit werden? Es ist Christus, Christus unsere

Hoffnung, das heißt der gegenwärtige Christus, das heißt die Kirche,

das heißt unsere Gemeinschaft, insofern dies unsere Art und Weise ist,

an der Kirche teilzuhaben und sie wiederum das Zeichen der Gegen-

50

L. Giussani, L’io rinasce in un incontro (1986-1987), a.a.O., S. 47-48.

54

SPUREN


LEKTION

wart Christi ist. Diese Tatsache erlaubt es, sich mit allem auseinanderzusetzen,

alles zu beurteilen und alles anzugehen.“ 51

Worin besteht die Dynamik dieser Zugehörigkeit, die unsere Hoffnung

ist? In der Tatsache, dass wir erwählt wurden. Wir müssen akzeptieren,

dass wir erwählt wurden. Darin liegt die Wertschätzung

gegenüber dem, dem wir angehören. Und je mehr wir dies akzeptieren,

desto mehr kommt dieser Wunsch zum Ausdruck, die Bitte, das

Betteln. Wertschätzung und Betteln, Moralität und Gedächtnis, Sehnsucht

und Bitte.

Don Giussani beschließt seine Ausführungen – und damit möchte

ich auch schließen – indem er zwei Hinweise gibt, um die existenzielle

Haltung des Bewusstseins der Zugehörigkeit zu vertiefen.

Der erste Hinweis ist der Kampf um diese Wertschätzung, den er

dreiteilt: „Der Kampf um die Wertschätzung verwirklicht sich vor allem

in der Bitte, im Betteln, in der Anfrage dieser Zugehörigkeit zu

Christus: dies nennt sich ‚ Gebet‘. Wenn das Gebet nicht Bitte ist, ist es

intellektuell oder sentimental. Das Gebet ist die Bitte, ihm durch das

geschichtliche Instrument zuzugehören, durch das er mir begegnet ist.

[…] Zweitens, die Meditation. […] Zachäus war von Christus betroffen.

Wenn er danach mit der Frau und den Kindern zu Hause war, oder

über Steuern verhandelte, wie er dies immer tat, weil er davon lebte,

dann verglich er das, was er tat mit jenem Gesicht, das ihn anschaut,

mit jedem neuen Horizont von Licht, der in ihm entstanden war: das

war die Meditation. […] Und drittens die Übung, keine Angst vor dem

Opfer zu haben. Denn, meine Freunde, wenn ich das wertschätze, dem

ich zugehöre, wenn ich zugehöre, dann bedeutet dies, dass ich mich in

gewisser Weise aufgeben muss:‘ Wer sich selbst verliert, wird sich finden‘,

‚wer sich um meinetwillen verliert, wird sich finden‘, sagt Jesus.“ 52

Der zweite Hinweis entspricht dem Urteil: „Das ist wesentlich. Am

Ende eines seiner Romane sagt der französische Schriftsteller aus dem

19. Jahrhundert, Paul Bourget: ‚Entweder der Mensch handelt, wie er

denkt, oder er denkt schließlich wie er handelt.‘ Deshalb ist das Prob-

51

Ebd., S. 50-51.

52

Ebd., S.53-54.

55

SPUREN


„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

lem langfristig das Urteil, die Übung im Beurteilen der Dinge“ 53 , das

heißt eine vollständige Erfahrung, ein vollständiger Beweis.

Wenn wir die Umkehr annehmen, können wir zu einem Gut für

die anderen, für die Kirche und die Gesellschaft werden. In diesem geschichtlichen

Augenblick, in dem die Menschen versuchen, eine Welt

ohne Jesus zu schaffen – wir werden es nie vollkommen schaffen, weil

es stets einen Spalt gibt, der darauf hinweist, dass dieser Versuch nicht

hält – ist die Menschheit in ihrer grenzenlosen, tödlichen Schwäche

bedürftig und wartet auf unser Zeugnis. In dem Maße, in dem wir die

Neuheit des Blickes Christi auf uns annehmen und eine vollständigere

Menschlichkeit leben, können wir auf diesen Schrei der Menschheit

und der Welt von heute antworten. Diese Gnade wurde uns in der Tat

für alle geschenkt.

53

Ebd., S. 55.

56

SPUREN


Zusammenfassung

Julián Carrón

1. September 2010, Mittwochnachmittag

Diese Lieder beschreiben besser als alles andere unser Drama. „Als er

am Morgen aufstand bereitete ihm alles Verdruss, vom Licht bis zur

Tasse Kaffee.“ 54 Auch nach der Begegnung mit Christus, auch nach einer

beeindruckenden Erfahrung wie jener mit Don Giussani können

wir uns am Morgen erheben und alles bereitet uns Verdruss.“ Und der

Herr schickte ihm vom Himmel so manche Geschenke, die er jedoch

kaum betrachtete und manchmal sogar noch als Anlass zur Klage

nahm.“ 55 Auch in uns kann die Klage vorherrschen, als letztes Empfinden

des Lebens und unserer selbst. Nur wenn wir ohne Angst auf unser

Menschsein schauen, auf unsere menschliche Erfahrung, so wie sie ist,

können wir ergriffen sein, wie das Lied Wonder sagt: „Während ich unter

dem Himmel laufe“; in dieser Situation, die wir beschrieben haben,

können wir das ganze Staunen wahrnehmen, „dass Jesus gekommen

ist, um für die armseligen, bedürftigen Menschen zu sterben, wie mich

und dich.“ 56 Nichts kann dir dies deutlicher machen, als der Verdruss

54

C. Chieffo, l’uomo cattivo, in il libro dei Canti, Jaca Book, Mailand 1976, S. 292. Der böse Mensch

Er war ein böser Mensch, / aber wirklich überaus böse. / Doch obwohl er so böse war, / hat der

Herr ihn gerettet. / Wenn er am Morgen aufstand, / so ging ihm alles auf die Nerven,/angefangen

beim Licht, / bis hin sogar zum Milchkaffee. / Aber eines Tages fragte er sich, wer der war, dass er

ihm das Leben gab. / Eines Tages fragte er sich, wer der war, dass er ihm die Liebe gab. / Das Leben

kann mir gestohlen bleiben, und ebenso die Liebe! / Er wiederholte sich dies ständig, aber es gab

ihm doch einen Stich ins Herz. / Und der Herr schickte ihm vom Himmel so manche Geschenke,

die er jedoch kaum betrachtete und manchmal sogar noch als Anlass zur Klage nahm. / Aber eines

Tages fragte er sich, wer der war … / Dann sah er eines Tages ein Kind, das ihn anlächelte, / er sah die

Trauben voll frischer Farben und seine Großmutter beim Beten. / Und er sah, dass er von oben bis

unten voller Bosheit und Schmutz war. / Er legte eine Hand auf sein Herz und musste weinen, fast

einen ganzen Tag. / Und Gott sah ihn so und lächelte, er nahm seinen Schmerz hinweg, / dann gab er

ihm noch mehr Leben, und er gab ihm noch mehr Liebe. - / Er war ein böser Mensch, / aber wirklich

überaus böse./ Doch obwohl er so böse war, / hat der Herr ihn gerettet.

55

Ebd.

56

1. Ich staune, wie ich so unter dem freien Himmel meiner Wege gehe, / dass Jesus, der Erlöser,

gekommen sein soll, / um für arme, hungrige Leute wie dich und mich zu sterben. / Ich staune,

wenn ich so unter dem freien Himmel meiner Wege gehe. 2. Als Maria Jesus zur Welt brachte,

geschah das in einem Stall; / Weise, Bauern und Schafhirten und andere waren dabei, / und hoch

oben vom Himmel Gottes herab fiel das Licht eines Sterns / und erinnerte sie an die Verheißung,

die ihnen vor Urzeiten ergangen worden war. 3. Wenn Jesus auch nur eine Kleinigkeit gewollt

hätte, / einen Stern am Himmel oder einen Vogel in der Luft, / oder dass alle Engel Gottes im

Himmel singen, / hätte er es sicher haben können, denn er ist der König

57

SPUREN


„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

den du empfindest, wie unfähig du bist, allein herauszufinden. Dieser

Verdruss und diese Klage werden uns gegeben, damit sie zur Gelegenheit

für einen jeden von uns werden, zu verstehen, wer Christus ist.

Denn „Wir wissen nicht, wer Er war“: Wenn es nicht jetzt erneut geschieht,

wissen wir nicht, wer Jesus jetzt ist. Wenn wir uns aber fragen,

wer wir sind, und wer uns das Leben schenkt, das heißt wenn wir uns

selbst wahrnehmen, dann werden wir uns bewusst, was geschieht: „Er

sah die Farbe der Traube“ und „ein Kind das ihn anlächelte“. Da „legte

er sich die Hand aufs Herz und weinte fast einen ganzen Tag“. Dies erlaubt

es dem Herrn, uns alles zu geben: „Und Gott sah hin und lächelte:

er nahm ihm seinen Schmerz und gab ihm noch mehr Leben, und gab

ihm noch mehr Liebe.“ 57

Wie vollzieht sich dieses Drama heute? Was sind die Aspekte dieses

Kampfes? Don Giussani sagt dazu: „Die Wirklichkeit ist nicht zu

archivieren, weil wir angeblich bereits alles wissen oder alles haben.

Wir besitzen zwar alles, was aber dies alles ist, verstehen wir nur in der

Auseinandersetzung, in der Begegnung mit den Umständen, Personen

und Ereignissen. Man darf nichts archivieren, wie ich zuvor sagte; man

darf nichts zensieren, vergessen, zurückweisen. Was bedeutet dieses

alles, was wir besitzen, die Wahrheit, die wir haben, die wir in uns tragen

[…]. Was dieses ‚alles‘ bedeutet, verstehen wir, wenn wir uns mit

den Dingen auseinandersetzen, also aufgrund der Begegnungen, der

Ereignisse, durch die Begegnungen – also in den Beziehungen zu den

Personen – und in den Ereignissen.“ 58 In der Begegnung mit Christus

haben wir also alles empfangen. Daran erinnert uns der Heilige

Paulus mit einem Satz, der alle Zweifel vertreibt: „Denn das Zeugnis

über Christus wurde bei euch gefestigt, sodass euch keine Gnadengabe

fehlt, während ihr auf die Offenbarung Jesu Christi, unseres Herrn,

wartet.“ 59 Er sagt dies zu einer Gruppe junger Christen in Korinth.

Ihnen fehlt keine Gabe mehr: Sie haben alles empfangen. Dies bedeutet

aber nicht, dass ihnen die Wirklichkeit erspart wird, wie wir in den

Herausforderungen sehen, die sie bewältigen müssen. Hier liegt die

57

C. Chieffo, «l’uomo cattivo», a.a.O., S. 292.

58

L’io rinasce in un incontro (1986-1987), a.a.O., S.55

59

1 Kor. 1,6-7

58

SPUREN


ZUSAMMENFASSUNG

Tragweite der Aussage von Don Giussani, die wir vergangenes Jahr zitiert

haben und jetzt besser verstehen können: „Die Umstände, durch

die uns Gott hindurch führt, sind wesentliche und nicht zweitrangige

Faktoren unserer Berufung und der Mission, zu der wir berufen sind

[die Umstände sind entscheidend, weil sie uns dazu aufrufen, Stellung

zu beziehen]. Wenn das Christentum die Verkündigung der Tatsache

ist, dass das Geheimnis in einem Menschen Fleisch angenommen hat,

dann sind die Umstände, in denen jemand eine bestimmte Haltung

einnimmt, und zwar gegenüber der ganzen Welt, wesentlich für die

Ausgestaltung des Zeugnisses selbst“ 60 , das heißt unseres Beitrags

zur Welt, in dieser Situation, in diesem Augenblick der Geschichte.

Und wie hat uns die Wirklichkeit in diesem Jahr herausgefordert? Die

größte Herausforderung der Kirche bestand wohl in der Frage der Pädophilie.

Wir haben gesehen, wie der Papst dies angegangen ist (auch

ihm wird die Wirklichkeit nicht erspart und das Übel, das daraus hervorgeht).

Auf der anderen Seite haben wir gesehen, wie schwer es uns

fällt, die Beziehung zwischen der Zugehörigkeit und der Arbeit, der

Gemeinschaft und der Spannung der Freiheit anzuerkennen, der Gemeinschaft

und der Arbeit. Alle Schwierigkeiten, die Umstände, die

Einwände und die Fragen, die uns auf unserem Weg begegnen können,

sind eine wertvolle Möglichkeit, weil sie uns herausfordern und die

Frage noch deutlicher machen: Wie antworten wir auf all das? Worin

besteht die Umkehr? Was ist die Gemeinschaft? Wo können wir heute

wahrnehmen, wie Gott uns anschaut?

Der Ausgangspunkt besteht also darin, die Herausforderung der

Wirklichkeit zu akzeptieren. Der Papst hätte angesichts der Pädophilie

wegschauen können. Auf dieselbe Art und Weise hätte ich auch

angesichts der Frage über die Gemeinschaft und die Arbeit wegschauen

können und mir die Mühe ersparen können, so wie wir alle hätten

wegschauen können. Doch das entspricht mir nicht. Wir treffen eine

Entscheidung aufgrund eines Urteils über die Wirklichkeit, weil sie die

Art und Weise ist, durch die das Geheimnis uns zu einer Antwort ruft.

Wenn wir trotz all unserer Worte wegschauen, dann löschen wir das

60

L. Giussani, L‘uomo e il suo destino, Marietti, Genua 1999, S. 63.

59

SPUREN


„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

Geheimnis aus der Geschichte und verkürzen die Herausforderung der

Wirklichkeit nur noch auf organisatorische Probleme. Viele glaubten,

sie könnten die Herausforderung der Pädophilie lösen, indem sie diese

auf ein organisatorisches Problem reduzieren, ohne die Herausforderung

aufzunehmen, die der Papst gemacht hat, als er sagte, dass dies

der größte Ruf des Geheimnisses zur Umkehr sei. Deshalb sind die

Verletzungen, die diese Dinge in uns hervorrufen und die Fragen, die

Sie uns stellen, wesentlich, um Don Giussani zu lesen und heute sein

Charisma zu verstehen. Wenn ich mich nicht mit den offenen Fragen

der Gegenwart auf dem Weg in diesem Jahr auseinandergesetzt hätte,

dann schwöre ich euch, dass ich niemals mit derselben Aufmerksamkeit

Don Giussani gelesen hätte (wie dies auch in der Lektion deutlich

wurde). Wir haben im Charisma alles empfangen, aber dieses ‚alles‘

verstehen wir nur in der Auseinandersetzung mit den Herausforderungen

des Lebens und der Umstände. Und deshalb bin ich dankbar,

dass mir nichts erspart wird, denn ohne dies würde ich Don Giussani

nicht verstehen und ich würde nicht verstehen, wer Christus ist.

Deshalb ist die erste Entscheidung wesentlich: Entweder wir akzeptieren

den Ruf des Geheimnisses durch die Wirklichkeit, die die Form

von Problemen, Fragen, Einwänden und Schwierigkeiten annimmt,

oder wir weisen dies zurück. Die Einsicht kommt mir weder durch eine

Vision noch durch eine Erleuchtung, sondern – erster Punkt – indem

ich mich durch die Wirklichkeit verletzen lasse, so wie sie geschieht. Sie

setzt mich in Bewegung, auch wenn ich mit euch spreche, sie verleiht

mir eine größere Aufmerksamkeit gegenüber dem, was ihr sagt und

dem, was ich lese. So wie es auch in diesen Tagen geschah: Ohne eure

Beiträge, ohne eure Worte, ohne eure Zeugnisse, ohne eure Reaktion

hätte ich niemals Don Giussani mit derselben Intelligenz lesen können,

wie sich in der Lektion zeigt. Deshalb geht es nicht um eine Vision, sondern

um eine Zugehörigkeit zu diesem Ort, mit dem Bestreben das zu

lernen und zu verstehen, was uns Don Giussani bezeugt hat.

Welche Erfahrung haben wir also gemeinsam gemacht? Blicken wir

auf das, was geschehen ist, denn nur in der Erfahrung enthüllen sich

alle Faktoren, die im Spiel sind. Ich denke, ihr stimmt mir zu, wenn

ich sage, dass wir in diesen Tagen an einem Ereignis teilgenommen

60

SPUREN


ZUSAMMENFASSUNG

haben, das uns verdeutlicht hat, was wir von Don Giussani empfangen

haben. Es hat uns gezeigt, welche Tragweite dies hat. Und dies geschah

nicht aufgrund einer vertieften Analyse der Texte oder einer Diskussion

über die Interpretationen. All dies hätte uns nicht die Intelligenz

gegeben, wie sie hier zum Ausdruck kam.

Wovon sind wir ausgegangen? Wir sind von einer Tatsache ausgegangen,

von einer Feststellung: Es gibt eine Art und Weise, zusammen

zu sein, die nicht der christlichen Gemeinschaft entspricht. Und was

ist das klarste Zeichen hierfür? Dass sie uns nicht befreit, dass es keine

Befreiung gibt. Das heißt, es ist nicht Gemeinschaft und Befreiung.

Don Giussani sagte uns, dass dies aufgrund eines Mangels an Gedächtnis

geschieht, aufgrund einer fehlenden existenziellen Haltung im Bewusstsein

der Zugehörigkeit. Dies verweist uns darauf, welches Bestreben

wird besitzen müssen, wenn wir zusammen sind, um die Befreiung

zu erfahren: „Es geht nicht darum, zusammen zu sein, sondern dass

unsere Freiheit in dieser Einheit ins Spiel kommt“ 61 , die Lebendigkeit,

mit der wir unsere Freiheit ins Spiel bringen. Dieses Bestreben ist keine

reine Willensanstrengung, die versucht aus eigener Kraft, die Freiheit

zu erlangen. Alle unsere Versuche sind unzulänglich, deshalb kommt

es auch nicht zur Befreiung. Stattdessen geht es darum, dass wir bestrebt

sind, die Gegenwart anzuerkennen. Wenn Paulus sagt: „Nicht

mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ 62 , beschreibt er genau das

neue Selbstbewusstsein. Ohne dieses neue Bewusstsein gibt es keine

christliche Gemeinschaft, weil wir dann nicht jenen Blick in unser Leben

einlassen, aufgrund dessen wir Teil dieser Gemeinschaft wurden.

Welche Erfahrung haben wir bei vielen Gelegenheiten mit Don

Giussani gemacht – ich beziehe mich hier auf jene, die das Glück hatten,

ihn persönlich zu kennen und ihn zu treffen? Er hat uns eine Haltung

bezeugt, wie man mit dieser inneren Ausrichtung zusammen lebt:

Es konnte beim Essen sein, bei einem Gestus oder einem Scherz, aber

es war nicht möglich, mit ihm zusammen zu sein, ohne herausgefordert

oder verändert zu sein. Weshalb? Aufgrund der Ausspannung,

die er hatte. Denn er war ganz von jener Gegenwart bestimmt, die ihm

61

L’io rinasce in un incontro (1986-1987), a.a.O., S. 61

62

Gal. 2,20.

61

SPUREN


„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

Bestand gab, die sein ganzes Leben einbezog, die in ihm vorherrschte,

seitdem er junger Priester war, wie wir durch den Brief an Angelo

Majo gesehen haben. Die grenzenlose und maßlose Liebe, die sich zu

seinem Nichts herabgeneigt hatte war sein vorherrschender Gedanke.

Don Giussani bezeugt uns, wie das Zusammensein wirklich heilsam,

das heißt befreiend sein konnte, so dass unsere Gemeinschaft zu einer

Befreiung wurde. Seine Anerkennung Christi brachte einen neuen Typ

an Beziehungen hervor, der uns befreite, der uns herausforderte, der

uns veränderte. Es geht nicht darum, mehr oder weniger nahe zusammen

zu sein, es ist keine Frage der Anzahl der Personen, der Häufigkeit

der Treffen, es geht nicht um immer mehr Begegnungen (mehr

Treffen oder Essen, je nach persönlicher Vorliebe), sondern es geht um

die Andersartigkeit des Zusammenseins! Hier liegt der Unterschied,

den Pater Aldo gestern beschrieben hat, zwischen der Art und Weise,

wie wir oft zusammen sind und dem, was er mit Marcos und Cleuza,

mit Bracco, Julián und Morena lebt. Und je mehr jemand lebt, desto

mehr nimmt er in einem Augenaufschlag den Unterschied wahr. Man

braucht keinen Kurs in Aufmerksamkeit zu nehmen, es springt einem

sofort ins Auge!

Wie verbleibt also heute die Erfahrung von Don Giussani unter

uns? Die Zeugnisse dieser Tage haben uns das noch existenzieller verstehen

lassen. Zunächst ersetzt ihn uns nicht allein die Lektüre der

Texte, sowenig wie uns die Lektüre der Bibeltexte Christus ersetzen.

Johann Möhler, den Don Giussani gerne zitierte, sagte: „ „Ohne [die

heilige] Schrift wäre uns die evangelische Form der Reden Jesu vorenthalten;

wir wüssten nicht, wie der Gottesmensch sprach, und ich meine,

leben möchte ich nicht mehr, wenn ich ihn nicht mehr reden hörte.

Allein ohne Tradition wüssten wir nicht, wer da redete und was er

verkündete, und die Freude an dem, wie er sprach, wäre auch dahin!“ 63

Es ist beeindruckend! Auch die Freude, die wir mit Don Giussani empfanden,

würde sich ohne das gegenwärtige Ereignis verflüchtigen, auflösen:

Es gäbe keine Befreiung.

63

J.A. Möhler, Einheit in der Kirche, Darmstadt 1957, S. 54.

62

SPUREN


ZUSAMMENFASSUNG

Don Pino hat uns dies gestern Abend bezeugt: „Als das Buch von

Don Giussani erschien, aus dem du [Carrón] die Lektion bezogen

hast, habe ich es gelesen und es hat mich begeistert, und dann habe

ich darüber mit dir und Prades gesprochen. Aber als du die Lektion

gehalten hast, geschah etwas anderes, was weder beim Lesen noch

beim Gespräch mit euch geschehen war. So fragte ich mich: Aber was

ist denn geschehen? Während der gestrigen Lektion war es das erneute

Ereignis jener unverwechselbaren Initiative, die als Faktum nicht

wegzuinterpretieren ist, und die mit der Begegnung zwischen Christus

und Zachäus vergleichbar ist. Das heißt mein ganzes Ich – Zuneigung

und Verstand – wurden ergriffen. Mir scheint, dass es in meinem Leben,

in unserem Leben entscheidend um den Punkt geht, was zuerst

kommt, um jenes Faktum, das nicht weginterpretiert werden kann,

das vor jeder Interpretation kommt, gerade weil es eine einzigartige

Charakteristik hat: Es ergreift das ganze Ich. In der Erfahrung, die ich

gemacht habe, wird deutlich, dass das, was mich leben lässt, nicht die

Erinnerung an eine Erfahrung ist, die mein Leben ergriffen hat (Don

Giussani). Und es ist ebenso wenig der Dialog, das zu interpretieren,

was mich leben lässt. Nur wenn jene Initiative Christi, die mein Selbstbewusstsein

verändert, die mich wieder aufrichtet, jetzt an einem ganz

bestimmten Punkt wieder geschieht, kann sie mir den ganzen Reichtum

der Vergangenheit schenken. ‚Nicht ich lebe, sondern Du lebst in

mir.‘ Deshalb – so sagte er – geht es in dieser Frage um die Natur des

Christentums. Tausend Lektüren, tausend Diskussionen schaffen noch

kein Ereignis. Wenn dies aber in einem ganz bestimmten Punkt durch

dein [Carróns] Ja geschieht, dann setzt dies meine ganze Person in

Bewegung, meine ganze Sehnsucht, meine ganze Erwartung Christi.“

Dieses neue Bewusstsein hat einen Ursprung. Don Giussani sagt:

Das neue Bewusstsein schließt also eine Gleichzeitigkeit mit dem Ereignis

ein, die es hervorbringt und unablässig trägt. Denn dieser Ursprung

ist keine Idee, sondern ein Ort, ist eine lebendige Wirklichkeit

, ist das neue Urteil, nur möglich in der ständigen Beziehung zu dieser

Wirklichkeit, das heißt zur menschlichen Weggemeinschaft, die das

ursprüngliche Ereignis in die Geschichte hinein verlängert: Sie schlägt

die authentisch christliche Sichtweise vor. Das Ereignis verbleibt in der

63

SPUREN


„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

Geschichte und mit ihm bleibt der Ursprung eines neuen Urteils. Wer

seine Analysen oder Ableitungen vorzieht, wird schließlich die Kriterien

der Welt übernehmen Und diese werden morgen andere sein als

heute. Die einzige Möglichkeit, sich der Wirklichkeit ohne Vorurteile

zu nähern, besteht darin, in der ursprünglichen Haltung zu bleiben,

in der das Ereignis das neue Bewusstsein hervorbringt. Ein Urteil, das

unablässig offen und vorurteilsfrei ist, das dem Menschen aus eigener

Kraft nicht möglich ist, und doch ist es zugleich die einzige Möglichkeit,

die die Vernunft respektiert und aufwertet (die Vernunft, die eine

Offenheit gegenüber der Wirklichkeit entsprechend der Ganzheit ihrer

Faktoren ist).“ 64 Nur das Ereignis ermöglicht, dass die wahre Natur

der Vernunft zum Tragen kommt und deshalb ermöglicht es uns das

Verstehen. Es geht also nicht um die Texte, sondern um das gegenwärtige

Ereignis.

Und nicht einmal die einfache Erinnerung gibt uns Don Giussani

zurück, wie Prades deutlich machte: „Seit einem Jahr haben sich die

Umstände der Arbeit und der Beziehungen sehr verändert. Für mich

gab es auch sehr mühsame Augenblicke, wo ich mich eingeengt fand

und nicht mehr atmen konnte. Ich versuchte also wieder die Initiative

zu ergreifen. Und welche Initiative habe ich ergriffen? Mir kam vor

allem Don Giussani in den Sinn (das Gedächtnis – haben wir gesagt

– ist ein Inhalt des Selbstbewusstseins), das, was er gesagt hat, was er

gelesen hat, was er mir persönlich in bestimmten Augenblicken gesagt

hat, denn dies ist ein Schatz für mein Leben, und wenn ich den Eindruck

hätte, dass diese Beziehung weniger würde, wäre ich verloren.

Und dennoch bin ich aus mir heraus nicht in der Lage, die Lebendigkeit

und Bedeutung dieses Schatzes zu garantieren. So überwinde ich

auch nicht die Schwierigkeiten, das heißt, ich erfahre nicht die Befreiung,

die ich mit ihm erfuhr, allein durch eine Erinnerung. Denn ich

kann ihn nicht gegenwärtig halten, wie er damals war. Ich brauche

einen Vergleich in der Gegenwart. Deshalb war für mich das Seminar

der Gemeinschaft und der Dialog mit dir entscheidend. Und weshalb

bin ich davon überzeugt? Weshalb überzeugt mich dieser Vergleich

64

L. Giussani – S. Alberto – J. Prades, Generare tracce nella storia del mondo, Rizzoli, Mailand 1998,

S. 75

64

SPUREN


ZUSAMMENFASSUNG

mit einem gegenwärtigen Faktor? Weil er mir den Schatz der Vergangenheit,

Don Giussani, zurückgibt. Wenn ich nicht den Grund und

die Zuneigung wahrnehmen könnte, die Don Giussani mich gelehrt

hat, dann wäre ich am Ende. Um dies aber heute zu sehen brauche ich

eine gegenwärtige Weggemeinschaft, die die Vergangenheit lebendig

und wirksam macht.“

Auch die Wiederholung der Worte Gemeinschaft und Befreiung,

ersetzt uns Don Giussani nicht, weil es nicht um Worte geht, sondern

um ein Ereignis. Dies zeigt sich in der Tatsache dass wir an einem bestimmten

Punkt – wie wir gesehen haben – nicht einmal mehr wissen,

wie uns Gott anschaut, obgleich wir doch die Erfahrung seines Blicks

durch Don Giussani gemacht haben. Es ist so, als ob er sich vernebelte.

Nur etwas, das jetzt geschieht – dieses Jetzt ist entscheidend, sagte

Don Giussani – kann eine Erfahrung der Vergangenheit vergegenwärtigen.

Und darin liegt der Wert dessen, was wir in diesen Tagen zusammen

gelebt haben. Was vergegenwärtigt dies? Eine Art und Weise

zusammen zu sein, wo sich der Ursprung wieder ereignet: Dies ist es,

was wir jeden Tag versuchen, jedes Mal wenn wir uns treffen. Was

heißt es, jenen Blick auf uns «einzulassen» der sich in der christlichen

Begegnung durch Don Giussani enthüllt hat? Vom ersten Abend, von

der Einführung zu den Zeugnissen, bis hin zur Art des Zusammenseins

und den Lektionen hat alles dazu beigetragen, ihn gegenwärtig

zu machen. Unsere Gesten sind also beispielhaft für die Art und

Weise, zusammen zu sein, damit es sich wirklich um eine christliche

Gemeinschaft handelt, damit sie zur Befreiung führt, damit etwas geschieht,

was uns befreit. Jeder von uns kann dies anerkennen, wenn

er auf das schaut, was in diesen Tagen geschehen ist. Es geht nicht um

eine Vervielfachung von Treffen oder Abendessen, sondern um den

Unterschied: ob wir Essen oder Trinken, wir gehören dem Herrn. Und

wie wissen wir, dass es sich um eine christliche Gemeinschaft handelt?

Weil Christus in einer so machtvollen Art und Weise gegenwärtig

wird, dass er alles umfasst. Prades sagte: «Die Gegenwart Christi in

meinem Leben hat einen unvergleichlichen Reflex, der darin besteht,

dass er alles umfasst. Ich habe Gott im Leben anerkannt, weil er mich

auf alles hin geöffnet hat, er gab mir die Möglichkeit, mich allem hin-

65

SPUREN


„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

zugeben. Oft empfinden wir die anderen als aufdringlich. Diese umfassende

Erfahrung ist für mich hingegen die Rettung, das Glück. Ich

wurde als Ganzer eingezogen, in der Tiefe meines Ichs gerufen, mit

einem Interesse für alles. Dies ist der umfassende Anspruch: nicht als

jemand, der etwas nehmen will, der mir etwas entreißen will, sondern

als jemand, der mir alles zurückschenken will, über jedes Maß hinaus.

Deshalb ist Er umfassend. Wehe uns, wenn die Bewegung nicht mehr

so wäre, denn dann wäre sie nicht mehr göttlich, sie wäre keine Gabe

des Heiligen Geistes mehr.» Das offensichtlichste Zeichen der Gleichzeitigkeit

Christi besteht in der erneuten Aufrichtung des Ichs in seiner

Ganzheit. Dies erlaubt mir eine neue Intelligenz in der Wahrnehmung

der Dinge, einen Wunsch nach Veränderung, eine Sehnsucht, jenem

Ort zu zugehören, der mich rettet. Und darin zeigt sich die Gleichzeitigkeit

Christi, weil nur das Göttliche das ganze Menschsein rettet.

Dieser Neuheit, diesem göttlichen Wirken kann jeder nachgeben

oder aber Widerstand entgegensetzen, er kann es anerkennen, oder

er kann gar seine Existenz negieren, wie wir im Evangelium über den

Blindgeborenen gesehen haben. Wenn wir der Gegenwart Christi

nachgeben, dann erfahren wir alle Zeichen der christlichen Gemeinschaft:

Die Fähigkeit, alles anzugehen, ohne je etwas zu zensieren, die

Freiheit, die Freude, den Frieden, das Interesse für alles. Wir sehen die

Farben der Traube und das Kind das lächelt, wie es im Lied heißt. Alles

wird zu einem Zeichen, alles spricht zu uns. Die Wirklichkeit wird uns

mit einer Intensität zurückgegeben, die wir vorher nicht kannten. Darin

liegt die Macht des gegenwärtigen Christus: Es ist so, als würde sich

der harte Kern des Ichs auflösen. Wir können uns oft erregen, von früh

bis spät Dinge tun, aber das Zentrum des Ichs kann dabei vollkommen

blockiert bleiben und es ist nicht irgendetwas, das es blockiert, wie wir

gut wissen. Und wenn es nicht ein gegenwärtiges Ereignis gibt, dann

verwandelt sich das Charisma von Don Giussani in eine Erinnerung

der Vergangenheit (wir wären nur zusammen um uns zu erinnern, um

nostalgisch über die Vergangenheit sprechen). Aber die Jünger von

Emmaus werden für immer in der Geschichte bleiben, um der Welt den

Unterschied zwischen einer frommen Erinnerung und dem Christentum

zu verdeutlichen: „Und sie sagten zueinander: Brannte uns nicht

66

SPUREN


ZUSAMMENFASSUNG

das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn

der Schrift erschloss?“ 65 Die Vergangenheit reicht ihnen nicht, um die

Gegenwart zu verändern, nicht einmal durch die Erinnerung: „Wir

aber hatten gehofft, dass er es sei, der Israel erlösen werde. Und dazu

ist heute schon der dritte Tag, seitdem das alles geschehen ist.“ 66 Die

Vergangenheit, mit den ganzen Eindrücken, die sie gelebt hatten – und

sie kannte Christus persönlich! – reichte nicht aus, um ihn gegenwärtig

werden zu lassen, um die Herausforderung der Umstände anzugehen,

um ihr Leben mit Freude zu erfüllen, um sie jetzt ebenso mit seiner Gegenwart

zu erfüllen wie damals. Es braucht ein gegenwärtiges Ereignis.

Wenn es geschieht, verstehen wir, was die Umkehr bedeutet, und wozu

wir berufen sind. Die Umkehr ist kein Moralismus: nicht ich muss etwas

hervorbringen, nein, ich muss nur dieser Gegenwart, die mich jetzt

ruft, nachgeben, ich muss jenem brennenden Herzen beistehen, und

anerkennen, wer diese Sehnsucht weckt. Das heißt ich muss mich jener

Liebe zuwenden, die sich auch heute zu meinem Nichts herab neigt.

Wir wissen sehr gut, dass wir dem Widerstand entgegensetzen können

und uns auflehnen. Wir dürfen aber hiervor nicht erschrecken,

sondern müssen dem ins Gesicht schauen, denn dies bezeugt Ihn noch

mehr: In der Tat widersteht man nicht einem Nichts, man widersteht

etwas, was gegenwärtig ist, wie uns Don Michele in der Predigt sagte.

Die Tatsache, dass man Ihm widersteht, bezeugt, dass Er da ist! Diese

Gleichzeitigkeit erlaubt uns heute dieselbe Erfahrung von Johannes

und Andreas zu machen, die ergriffen waren, als sie sahen, wie Er

sprach: Er ist es! Und es ermöglicht, dass dieselbe Erfahrung erneut

geschieht, die wir mit Don Giussani in einer unterschiedlichen Art und

Weise hatten, so dass wir sagen konnten: „Wer bist du, Christus, der

Du mich erfüllst, mich ganz ergreifst?“ Und dies lässt ihn uns gegenwärtig

werden, dies ist die Bewegung! Das löscht die Freunde und die

Gemeinschaft nicht aus; es bringt stattdessen eine ganz neue Freundschaft

hervor, eine Art von Beziehung, die sich völlig unterscheidet,

eine Zuneigung unter uns, die anders und endlich wahr ist. Wenn

wir ihm nachgeben, dann bringt er unsere Einheit hervor, unsere Ge-

65

Lk. 24, 32

66

Lk. 24, 21

67

SPUREN


„LEBEN BEDEUTET, MEINER ZU GEDENKEN”

meinschaft. So wie dies zu Beginn war, als jeder der Zwölf, die Jesus

gerufen hatte, die erste christliche Gemeinschaft hervorbrachten. Es

wird nie einen anderen Ursprung geben, für eine christliche Gemeinschaft!

Oder meinen wir, wir könnten sie hervorbringen, indem wir

uns zusammenschließen, oder durch irgendwelche besonderen Strategien

oder Organisationen? Ich möchte zum Abschluss das Zeugnis

von Rose noch einmal aufnehmen, weil es eine letzte Verwirrung geklärt

hat, die darin besteht, das Problem auf eine Frage meiner Person,

das heißt der Beziehung zu meiner Person zu reduzieren (denn dies

könnte die letzte Ausflucht sein, um die wahre Frage zu umgehen).

Was hat uns Rose bezeugt? „Nach dem Tod Don Giussanis schien es

mir, dass meine Welt vorbei war. Als Carrón die Leitung der Bewegung

übernahm, hatte ich damit keine Probleme. Ich hatte Vertrauen in

Don Giussani und gehorchte. Aber ich betrachtete ihn als einen Stellvertreter,

als den neuen Chef, nichts mehr als das. Carrón kam einmal

nach Uganda…“ Ich erspare euch den Rest, weil ihr wisst, was geschehen

ist. Sie hat gesehen, was in ihren Jugendlichen geschah, worüber

selbst ich mir nicht bewusst war. Deshalb könnt ihr mich in Frage stellen

– es ist mir völlig gleich, es ist nicht mein Problem, ich kann noch

diesen Abend nach Madrid zurückkehren – doch dies wäre nur der

letzte Vorwand, um der wahren Herausforderung auszuweichen: das

was geschieht. „Während ich stehen geblieben war und nach Zitaten

suchte, hatten sie mich überholt. […] Plötzlich fragte ich mich: ‚Die

Welt verändert sich, und ich beharre dabei, verstehen zu wollen, was

sie in Carrón gesehen haben mögen, was Carrón gemacht haben mag...

Dennoch, das Geheimnis ändert, wen es will, wann und wie es will‘.

So sagte ich mir: ‚Nun möchte ich ihnen folgen.‘ Es war so schön, sie

singen zu sehen. Ich will nicht zurück bleiben.“ Das heißt die wirkliche

Herausforderung des Geheimnisses bin nicht ich, sondern das, was

Er wirkt. „So begann ich, auf Carrón zu schauen, aber vor allem auf

das, worauf er schaute. Ich betrachtete ihn nicht mehr als einen Chef.

Carrón kam ein zweites Mal nach Kampala und sprach von Christus,

der uns gleichzeitig ist. […] Auch ich sah ihn sprechen. Ich hörte seine

Worte, richtete meinen Blick auf das, worauf er schaute, und dabei

änderte ich mich. Das, wovon er sprach und worauf er schaute, wur-

68

SPUREN


ZUSAMMENFASSUNG

de eins mit mir. Dies einte mich mit Carrón. Jetzt halte ich ihn nicht

mehr für den ‚Chef‘, sondern für einen wahren Wegbegleiter. Carrón

als ‚Chef‘ interessiert mich nicht mehr: Während die Jungen auf das

schauten, worauf Carrón schaute, war ich auf die Organisation, auf

den Chef konzentriert. Jetzt ist mein Blick auf das gerichtet, was Carrón

anschaut. Und während ich jenen Blick festhalte, den Punkt festhalte,

auf den er schaut, werde ich eins mit dem, was mich mit Carrón

eint.“ Der Kampf gilt nicht mir, der gilt dem, der unter uns wirkt.

„Die wirklichen Wunder ärgern die Leute“ 67 , sagt Leif Enger. Die

Menschen haben Angst vor dem Wunder, weil sie Angst davor haben,

verändert zu werden. Aber gerade darin besteht die Liebe und Zärtlichkeit

Gottes. Wovor sollten wir uns also fürchten?

67

L. Enger, La pace come un fiume, Fazi Tascabili, Rom 2002. S. 11

69

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INHALT

28. August 2010, Samstagabend

Einführung – Julián Carrón 3

29. August 2010, Sonntagnachmittag

Zeugnis – Marta Cartabia 11

29. August 2010, Sonntagabend

Zeugnisse – Luigi Giussani, Denis, Rose Busingye 24

30. August 2010, Sonntagmorgen

Lektion – Julián Carrón 31

1. September 2010, Mittwochmorgen

Zusammenfassung – Julián Carrón 57

70

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