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Zielgerichtet leben Teil 8 - Bewahrung Predigtmanuskript - FEG Visp

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<strong>Zielgerichtet</strong> <strong>leben</strong> – Vater unser-Serie <strong>Teil</strong> 8<br />

Thema: <strong>Bewahrung</strong> – "Und führe uns nicht in Versuchung"<br />

Gliederung<br />

I. Was bedeutet "Führe uns nicht in Versuchung" eigentlich?<br />

II. Wohin führt mich Versuchung?<br />

III. Wir sind nicht allein in Versuchung!<br />

Einleitung<br />

(Titelfolie) Für die Gäste unter uns: Wir sind zur Zeit mitten in einer<br />

Gottesdienst-Serie über das Vater-Unser, und zwar unter dem Titel<br />

"Zielorientiert <strong>leben</strong>". Zielorientiert deshalb, weil Jesus im Vater-Unser die<br />

zentralen Punkte des Christseins und des Lebens mit Gott anspricht und das<br />

Vater-Unser praktisch zur "Guide-Line" wird, die uns vergegenwärtigt, worum<br />

es beim christlichen Glauben eigentlich geht. Was das Zentrale ist bei dem,<br />

was wir glauben. Heute und nächsten Sonntag machen wir Fortsetzung in<br />

dieser Reihe, bevor wir dann am 01. April starten mit einer neuen<br />

Gottesdienstserie unter dem Titel "Liebe in Aktion" – eine Serie, in der es um<br />

Beziehungen gehen wird.<br />

Als unser Timo noch ganz klein war, vielleicht 3 oder 4 Jahre alt, haben wir<br />

Ostern gefeiert. Mit allem drum und dran, was für uns und für ihn wichtig war.<br />

Das bedeutet im Klartext: Mit der Auferstehungsgeschichte vorwärts und<br />

rückwärts (was für uns wichtig war) und mit Eier-Tütschen, Osterhase und<br />

Osternestchen mit Schokoladen-Eiern drin (was für Timo wichtig war) ☺.<br />

Und da wir am Oster-Montag frei hatten, sind wir natürlich länger im Bett<br />

geblieben und haben versucht, auszuschlafen. Ich sage "versucht", weil das<br />

damals nicht so einfach war. Denn Timo war immer sehr früh wach und kam<br />

natürlich entsprechend früh zu uns in's Schlafzimmer und hat uns geweckt.<br />

Zwischenzeitlich hat sich die Situation bezgl. "Ausschlafen" und "Wecken"<br />

müssen etwas verändert, aber "long time ago" war das halt noch so.<br />

Auf jeden Fall kam Timo relativ früh zu uns unter die Bettdecke gekrochen,<br />

und als alles totstellen nichts mehr nützte, haben wir ihm dann erlaubt, nach<br />

unten in's Wohnzimmer zu gehen. Er wollte sein Osternestli etwas<br />

anschauen. Und wir haben ihm gesagt: "Timo, bitte iss aber keine<br />

Schokolade. Du weisst, nachher gibt es Frühstück!" Und er hat brav<br />

versprochen, dass er das nicht tun würde und ist dann nach unten gegangen.<br />

© Diese Predigt ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ausserhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist<br />

ohne Zustimmung des Copyright-Inhabers unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigung und die Einspeicherung und<br />

Verarbeitung in elektronischen Systemen. © Copyright 2012 by Daniel Rohner, <strong>FEG</strong> <strong>Visp</strong><br />

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Anfangs haben wir ihn noch singen hören, aber nach einer Weile war es<br />

verdächtig ruhig. Und plötzlich kam unser Sohn die Treppe hochgerannt und<br />

stürmte in's Schlafzimmer – den Mund wunderschön rundherum mit<br />

Schokolade verschmiert. Und das schlechte Gewissen stand ihm natürlich<br />

in's Gesicht geschrieben.<br />

Wir haben ihn gefragt: "Timo, was ist denn passiert?" – Und er ist in Tränen<br />

ausgebrochen und hat gesagt: "Ich wollte wirklich kein Schoggi-Eili essen.<br />

Ich wollte sie nur anschauen und etwas daran riechen. Und plötzlich war das<br />

Eili einfach in meinem Mund…!"<br />

Dieses Erlebnis ist mir ein Bild dafür geworden, was "Versuchung" ist. Und<br />

um Versuchung geht es auch in der Textzeile im "Vater-Unser", die wir heute<br />

anschauen. Wenn es um unser Leben als Christen geht, dann ist<br />

Versuchung respektive "<strong>Bewahrung</strong>" genauso wie Intimität, Ehre, Herrschaft,<br />

Vertrauen, Versorgung, Reinigung und Versöhnung ein Kernthema. Denn<br />

Versuchung gehört zu unserem Menschsein, und Versuchung gehört auch zu<br />

unserem Christsein.<br />

Deshalb lehrt uns Jesus, dass wir beten sollen: "Und führe uns nicht in<br />

Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen!" (Einblenden <strong>Teil</strong> 8) Und<br />

diese Textzeile im Vater-unser ist nicht ganz so einfach zu verstehen. Denn<br />

das klingt fast so, als ob uns Gott wie ein schadenfreudiger böser Onkel die<br />

leckeren Schokoladen-Ostereier unter der Nase durchziehen würde, nur<br />

damit ER uns dann, nachdem wir herzhaft zugebissen haben, eins auf's<br />

Dach geben kann.<br />

Aber erstens widerspricht das allem, was die Bibel über Gott lehrt. Gott ist<br />

kein böser Onkel, der es nur darauf abgesehen hat, uns eins auszuwischen.<br />

Immerhin lehrt uns ja Jesus explizit, dass wir beten sollen "Vater", Abba –<br />

lieber Vater. Und zweitens lehrt die Bibel deutlich, dass Gott nicht versucht<br />

werden kann noch selber versucht. Jakobus sagt in Jak 1.13: "Niemand<br />

sagte, wenn er versucht wird 'Ich werde von Gott versucht!'. Denn Gott<br />

kann nicht versucht werden vom Bösen, er selbst aber versucht<br />

niemanden!" Wenn es so ist, dass Gott nicht versucht werden kann und<br />

niemanden versucht, weshalb dann das Gebet "Führe uns nicht in<br />

Versuchung?"<br />

– Daneben gibt es noch andere Fragen, die dieser Text mit sich bringt. Das<br />

griech. Wort für "Versuchung", das Wort "peirasmos", ist das gleiche Wort<br />

wie das Wort für "Anfechtung". Und Anfechtungen, so lehrt die Bibel, sind<br />

nicht nur etwas Normales, sondern sie werden mitunter bewusst von Gott<br />

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zugelassen. Sie helfen dabei, dass unser Glaube "geprüft" wird und sich<br />

"bewährt" (Jak 1.2). Und: Versuchungen gehören zu unserem Mensch-Sein.<br />

Jemand hat einmal gesagt, dass wir eigentlich gar nicht zu beten bräuchten<br />

"Führe uns nicht in Versuchung", denn den Weg dorthin würden wir auch<br />

ohne Gott finden!<br />

Ihr seht: Diese Zeile im Vater-Unser ist nicht so einfach zu verstehen. Was<br />

bedeutet sie? Worum geht es eigentlich, wenn wir beten "Führe uns nicht in<br />

Versuchung?" Es kann nicht darum gehen, dass Gott einfach alle<br />

Probleme, alles Schwierige und alles, was uns herausfordert, einfach von<br />

uns fernhält. Aber es kann auch nicht bedeuten, dass Gott uns bitte nicht<br />

böswillig oder "gemein" in eine Falle, die er uns selber gestellt hat, "tappen"<br />

lässt". Was also bedeutet dieses Gebet?<br />

I. Was bedeutet "Führe uns nicht in Versuchung" eigentlich?<br />

Wenn man den griechischen Text des Vater-Unsers in's Aramäische<br />

rückübersetzt, klärt sich das Problem. Pinchas Lapide, ein jüdischer<br />

Gelehrter und Religionswissenschaftler, merkt in einem seiner Bücher an,<br />

dass das entsprechende hebräische Wort nicht nur "bringen" oder "führen",<br />

sondern auch "kommen lassen" bedeutet. So wird es bis heute in den<br />

Synagogen verwendet, etwa im Abendgebet, wo es heisst: "Lass mich nicht<br />

kommen in die Gewalt der Sünde, noch in die Gewalt der Schuld, noch<br />

in die Macht der Versuchung!" 1<br />

"Führe uns nicht in Versuchung" ist also nicht die Bitte, dass Gott uns bitte<br />

keine fiese Falle stellen soll (Jakobus sagt deutlich, dass Gott das nicht tun<br />

KANN, weil es seinem Wesen widerspricht), noch die Bitte, dass Gott uns<br />

bitteschön von allem Schwierigen bewahren soll (denn Gott lässt solche<br />

Dinge bewusst und mit einem Ziel in unserem Leben zu). Sondern es ist die<br />

Bitte, dass Gott uns, wenn wir uns Versuchung und Anfechtung begegnen,<br />

ihr nicht einfach blindlings ausgesetzt sein lässt.<br />

Worum es geht ist, dass wir Versuchung und Anfechtung, wenn wir ihr<br />

begegnen, als das erkennen, was sie ist: Eben "Versuchung" und<br />

"Anfechtung". Denn das ist gerade das Wesen der Anfechtung, dass sie sich<br />

nicht als solche zu erkennen gibt. Oftmals merken wir nämlich gar nicht, was<br />

mit uns "passiert", wenn wir Versuchung er<strong>leben</strong>. Oder aber, Versuchung<br />

und Anfechtung kommen uns in einer Art und Weise entgegen, auf die wir<br />

gar nicht gefasst sind.<br />

1 Siehe Peter Sardy, der Pinchas Lapide zitiert. Quelle: http://www.religion-undspiritualitaet.de/downloads/peter_sardy_vaterunser_fuehre_uns_nicht_in_versuchung.pdf<br />

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Seht Ihr: Einem Feind, den man erwartet oder schon von weitem erkennt,<br />

weiss man zu begegnen. Aber wenn einem Versuchung wie aus dem Nichts<br />

überfällt, dann sieht es plötzlich ganz anders aus. Oft merken wir gar nicht,<br />

was mit uns passiert, wenn wir angefochten sind.<br />

Anfechtung und Versuchung stellen immer zuallererst unser Vertrauen in<br />

Gott in Fragen. Und praktisch alle Bereiche, die bislang im Vater-Unser zur<br />

Sprache gekommen sind, sind davon betroffen. Unsere Intimität in Gott: Es<br />

zB. kann sein, dass Anfechtung plötzlich unser Vertrauen in Gott als unseren<br />

liebenden Vater in Frage stellt. Dass man plötzlich denkt: "Gott meint es gar<br />

nicht gut mit mir. Sondern er enthält mir etwas vor. Er nimmt mir etwas weg".<br />

Oder aber, dass wir denken, einem wie uns könne Gott seine Liebe und<br />

Zuwendung gar nicht schenken.<br />

Es kann sein, dass Anfechtung dazu führt, dass wir uns in einer Art und<br />

Weise verhalten, dass Gottes Name nicht mehr geehrt wird. zB., weil man mit<br />

den eigenen Kindern oder mit Mitarbeitern total gestresst ist und anfängt,<br />

sich in einer Art und Weise zu verhalten, bei der Gott nicht mehr geehrt wird.<br />

Oder es kann sein, dass wir anfangen, Gottes Willen in Frage zu stellen: „Ist<br />

es wirklich richtig, den Weg Gottes zu gehen, sich nach Gottes Werten zu<br />

richten und sein Leben nach dem auszurichten, was ER sagt“.<br />

Anfechtung kann auch dazu führen, dass man plötzlich Gottes Versorgung in<br />

Frage stellt. Und den Eindruck hat: "Ich muss selber für mich schauen!" Das<br />

kann die eigenen Finanzen betreffen. Es kann aber genauso gut auch die<br />

Ausbildung der eigenen Kinder betreffen. Oder dass wir meinen, wir müssten<br />

dieses oder jenes auch haben, nur, weil es scheinbar alle um uns herum tun.<br />

Oder aber Anfechtung führt dazu, dass wir plötzlich meinen, Gott könne uns<br />

unsere Schuld nicht mehr vergeben. Weil das, was wir getan haben, in<br />

unseren Augen derart "schwerwiegend" ist, dass es dafür einfach keine<br />

Vergebung geben kann. Und wir vergessen dabei total, dass die Bibel lehrt,<br />

dass Jesus IMMER bereit ist, uns zu vergeben, wenn wir zu IHM kommen<br />

und unsere Schuld beim Namen nennen.<br />

Die Bitte "Führe uns nicht in Versuchung" beinhaltet, dass Gott uns<br />

Anfechtung und Versuchung als solche erkennen lässt. Und dass uns die<br />

Augen geöffnet werden dafür, was eigentlich in der Situation, in der ich mich<br />

gerade befinde, mit mir passiert. Ist Euch das auch schon passiert, dass Ihr<br />

Euch plötzlich in einer Situation befunden habt, bei der Ihr Euch das gefragt<br />

habt? – Man stöbert im Internet oder in Prospekten ganz unverfänglich nach<br />

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irgend einem Produkt, und je länger man sucht und sich die schöne Welt, die<br />

sich einem da präsentiert, anschaut, desto mehr hat man den Eindruck, zu<br />

kurz zu kommen.<br />

Man ist eingeladen bei einer Freundin und trinkt friedlich einen Kaffee, und<br />

plötzlich sieht alles in der Wohnung so perfekt aus. Die Vorhänge, die Kaffee-<br />

Tassen-Untersetzer, die Kissen auf dem Sofa und der Nippes auf dem<br />

Kaminsims – alles ist wunderbar und perfekt farblich auf einander<br />

abgestimmt, und man hat das Gefühl: "Irgendetwas mache ICH falsch. Meine<br />

Wohnung sieht einfach nie so perfekt aus!"<br />

Und langsam, still und heimlich schleicht sich das Gefühl ein, zu kurz zu<br />

kommen. Vom Leben nicht genug zu bekommen. Man wird unzufrieden. Die<br />

Freude geht weg. Und die Tatsache, dass es doch in erster Linie darum geht,<br />

dass meine Ehe funktioniert und meine Kinder ein Zuhause haben, das<br />

diesen Namen auch verdient, in dem sie wohl sind, sich sicher und geliebt<br />

fühlen, ist plötzlich total zweitrangig. Ihr Lieben: DAS ist Versuchung. Und wir<br />

tun gut daran, im Vater-Unser wirklich darum zu beten, dass Jesus uns<br />

"geöffnete Augen" gibt dafür, was in dieser Situation mit uns passiert.<br />

Denn die Frage ist ja: Wohin führt mich Versuchung?<br />

II.<br />

Wohin führt mich Versuchung?<br />

Kurz gesagt: Versuchung hat immer zum Ziel, mich von Gott wegzuführen.<br />

Entweder, indem ich tatsächlich in Sünde tappe und mich darin verstricke,<br />

sodass meine Beziehung zu Gott in die Brüche geht. Die kleine Lüge, die ja<br />

eigentlich niemandem wirklich weh tut. Der Wutausbruch in der Familie, bei<br />

dem Herzen in die Brüche gehen. Der Nebenjob, dessen Einkünfte ich bei<br />

der Steuererklärung nicht angebe, sodass meine Integrität in die Brüche<br />

geht. Weil wir alle so verschieden sind, kommt "Versuchung" bei jedem von<br />

uns in ganz unterschiedlicher Form daher. Aber wo sie dazu führt, dass wir in<br />

Sünde fallen, hat sie ihr Ziel erreicht. Nämlich einen Keil zwischen uns und<br />

Gott zu treiben.<br />

Es kann aber auch ganz ohne eigentliche "Sünde" und was wir landläufig<br />

darunter verstehen sein, dass wir von Gott weggeführt werden. Indem sich<br />

nämlich meine Prioritäten und mein Fokus von Gott weg verschieben hin zu<br />

irgendwelchen idealisierten Wunschvorstellungen oder Dingen. zB., wenn<br />

man plötzlich anfängt, sich ein Wunschbild aufzubauen davon, wie der<br />

Partner sein sollte. Oder die Kinder. Oder die Gemeinde. Oder mein Auto.<br />

Mein Haus. Mein Computer. Etc.<br />

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Was dabei passiert ist, dass wir plötzlich statt zufrieden und dankbar das<br />

anzunehmen, was Jesus uns schenkt, anfangen, selber verwirklichen zu<br />

wollen, was anscheinend nicht so ist, wie wir es gerne hätten. Statt unseren<br />

Fokus auf Jesus zu setzen, beginnt man, selber und aus eigener Kraft dem<br />

Wunschbild nachzuhängen und alles daran zu setzen, dass die Realität<br />

schnellstmöglich diesem Wunschbild wieder entspricht. Man meckert am<br />

Partner herum. Man versucht verzweifelt, die Kinder zu einer akademischen<br />

Laufbahn zu drängen, obwohl die vielleicht viel lieber Schreiner oder<br />

Zimmermann oder Coiffeuse werden möchten. Oder man wird derart<br />

unzufrieden mit der eigenen Gemeinde, dass man jede Freude an Gott<br />

verliert.<br />

Paulus wusste um die Kraft der Versuchung. Als er im Gefängnis sitzt,<br />

schreibt er an die Philipper, dass er ganz dringend auf ihr Gebet und auf den<br />

Beistand des Heiligen Geistes angewiesen ist. Er erlebt nämlich, dass es<br />

Leute gibt, die ganz bewusst gegen ihn intrigieren und ihn "schlecht" machen<br />

– und das auch noch unter "frommen Motiven". Und er selber kann sich nicht<br />

zur Wehr setzen, weil er im Gefängnis sitzt. Und gerade die Tatsache, DASS<br />

er in Gefangenschaft war, wurde von seinen Gegner dazu verwendet, ihn in<br />

Misskredit zu bringen. Für Paulus war das eine sehr schwierige Situation.<br />

Deshalb schreibt Paulus den Philippern: "Ich weiss, dass Euer Gebet und<br />

der Beistand des Heiligen Geistes mir zur Rettung ausschlagen<br />

werden!" (Phil 1.19). Und Paulus schreibt, wie diese "Rettung" aussieht,<br />

nämlich: "…damit meine sehnliche Erwartung erfüllt wird, dass ich in<br />

nichts zuschanden werde, sondern mit grosser Freimütigkeit, wie<br />

allezeit, so auch jetzt, Christus gross gemacht wird an meinem Leib!"<br />

(V20).<br />

Paulus wusste, worin die Gefahr bei Anfechtung besteht: Dass wir Jesus<br />

nicht mehr gross machen. Dass Jesus nicht mehr geehrt wird durch unser<br />

Leben. Dass sich unser Fokus von Christus weg verschiebt. Das ist es, was<br />

Anfechtung immer versucht.<br />

"Führe uns nicht in Versuchung" bedeutet deshalb nicht nur, dass wir<br />

geöffnete Augen haben dafür, was mit uns passiert in der Anfechtung drin,<br />

sondern es ist auch die Bitte an Gott, dass ich Kraft finde, trotz der Situation,<br />

in der ich bin und in der ich mich wirklich angefochten fühle, mein Vertrauen<br />

nicht aufzugeben. Dass ich weiterhin "dranbleibe" an Jesus. An seinem Wort.<br />

Mein Vertrauen auf IHN setze und mich nicht unterkriegen und entmutigen zu<br />

lassen.<br />

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Ich denke an eine Situation, in der wir in den Ferien waren und an einem<br />

Abend vor unserem Wohnwagen sassen. Es hatte tagelang geregnet, und<br />

wir hatten festgestellt, dass unser Wohnwagen nicht "dicht" war. Es regnete<br />

hinein. Unser Vorzelt war schon an diversen Stellen von mir notdürftig mit<br />

Klebeband geflickt worden. Und so sass ich vor unserem 15 Jahre alten<br />

Wohnwagen und hatte richtig schöne, freie Sicht auf die Wohnwagen um uns<br />

herum. Wunderschöne, nigelnagelneue <strong>Teil</strong>e. Überschlagsmässig standen<br />

da links und rechts von uns rund Fr. 350'000.-- auf Rädern mit<br />

standardmässig integrierten Flachbildschirmen, Bodenheizung,<br />

Warmwasser-Aufbereitung, per Fernsteuerung ausfahrbaren Satelliten-<br />

Schüsseln und wunderbaren Vorzelten.<br />

Und je länger ich vor meinem Wohnwagen sass, desto mehr hat es an mir<br />

angefangen zu nagen. Ihr lacht jetzt vielleicht. Aber für mich war das damals<br />

wirklich eine mittelschwere Krise. Es ging nicht nur darum, dass unser<br />

Wohnwagen leckte. Es ging um viel Grundsätzlicheres. Darum, dass wir uns<br />

nie so ein Mega-<strong>Teil</strong> würden leisten können. Darum, dass wir, wenn ich auf<br />

der Bank geblieben wäre, jetzt wahrscheinlich einen ansehnlichen Batzen<br />

Geld auf der Seite hätte. Darum, dass ich dann nicht nur ein kleiner,<br />

unbedeutender Pfarrer wäre, sondern eine gewichtige Persönlichkeit.<br />

Und Claudi hat mich angeschaut und gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Als<br />

ich ihr dann sagte, was mich so unzufrieden sein lässt, sagte sie nur: "Schau<br />

mal, Dany: Die Leute um uns herum, die essen alle das gleiche, wie wir. Sie<br />

haben alle die gleiche Aussicht wie wir. Und sie gehen alle am gleichen Ort<br />

auf's Klo wie wir! ☺!". – Das hat mich heruntergeholt. Und plötzlich habe ich<br />

gemerkt, wie unzufrieden ich war und wie meine eigene Unzufriedenheit mich<br />

von Jesus wegtrieb.<br />

Ihr Lieben: Versuchung und Anfechtung kommt manchmal in den dümmsten<br />

Momenten und in der süssesten Verpackung daher. Aber was immer gleich<br />

ist, ist, dass sie sich zwischen uns und Jesus stellt, uns vereinnahmt und<br />

unsere Sicht der Dinge vernebelt. Seit damals hat dieses Gebet "Führe uns<br />

nicht in Versuchung" für mich ganz neu Bedeutung gewonnen.<br />

Damit zum dritten und letzten. Jesus lehrt uns nicht nur, dass wir beten sollen<br />

"Führe uns nicht in Versuchung", sondern wir sollen auch beten<br />

"…sondern erlöse uns von dem Bösen!" Und seht Ihr: Damit zeigt uns<br />

Jesus, dass wir selbst in der grössten Anfechtung, selbst in der schlimmsten<br />

Versuchung drin nicht allein sind. Sondern dass Gott da ist!<br />

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III. Wir sind nicht allein in Versuchung!<br />

Genausowenig, wie das Gebet "Führe uns nicht in Versuchung" bedeutet,<br />

dass Gott einfach alles Schwierige von unserem Leben fernhalten soll,<br />

bedeutet das Gebet "Erlöse uns von dem Bösen", dass Gott einfach alles<br />

Böse mit einem Fingerschnippen aus unserem Leben entfernen soll.<br />

Versuchungen, Anfechtungen und Schwieriges gehören zum Leben.<br />

Gerade die Bergpredigt macht das deutlich, wenn Jesus in den<br />

Seligpreisungen sagt: "Glückselig seid ihr, wenn sie euch schmähen und<br />

verfolgen und alles Böse lügnerisch gegen euch reden werden um<br />

meinetwillen" (Mt 5.11), oder wenn er die "Trauernden", die<br />

"Hungernden" oder "die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten"<br />

anspricht. Ein Sorgen- und problemfreies Leben ist eine Utopie! Aber Jesus<br />

zeigt mit diesem <strong>Teil</strong> im "Vater-Unser", dass wir dem nicht allein (und schon<br />

gar nicht hilflos) gegenüber stehen müssen. Sondern Gott ist da!<br />

Es gibt jemanden, an den Du Dich wenden kannst, wenn Du in Anfechtung<br />

bist: Gott selber. Und er verspricht, dass ER hört, wenn wir rufen. In der<br />

Bergpredigt sagt Jesus in Mt 7.7-11: " 7 Bittet, und es wird euch gegeben<br />

werden; sucht, und ihr werdet finden; klopft an, und es wird euch<br />

geöffnet werden!<br />

8 Denn jeder Bittende empfängt, und der Suchende<br />

findet, und dem Anklopfenden wird aufgetan werden.<br />

9 Oder welcher<br />

Mensch ist unter euch, der, wenn sein Sohn ihn um ein Brot bittet, ihm<br />

einen Stein geben wird? 10 Und wenn er um einen Fisch bittet, wird er<br />

ihm eine Schlange geben?<br />

11 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren<br />

Kindern gute Gaben zu geben wißt, wieviel mehr wird euer Vater, der in<br />

den Himmeln ist, Gutes geben denen, die ihn bitten!"<br />

Gerade dann, wenn wir Anfechtung und Versuchung er<strong>leben</strong> und wir uns<br />

vom Bösen, das uns da von aussen kommend oder vom Bösen, das wir in<br />

uns selber entdecken, so richtig "überrollt" fühlen, ist Gott da. Und ER ist<br />

gross genug, uns in dem, was wir er<strong>leben</strong>, beistehen zu können.<br />

Deshalb, wenn Du Versuchung oder Anfechtung erlebst: Such diese Nähe<br />

Gottes. Es ist keine Schande, zuzugeben, dass man dem, was einem<br />

begegnet, alleine nicht standhalten kann. Es ist auch keine Schande, wenn<br />

man vor Anfechtung und Versuchung davonläuft – Joseph hat, als die Frau<br />

von Potiphar vor ihm stand, auch nichts anderes getan.<br />

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Wenn Jesus uns einlädt, dass wir beten sollen: "Und führe uns nicht in<br />

Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen", dann ist das einerseits<br />

die Bitte, uns geöffnete Augen zu schenken, damit wir Anfechtung und<br />

Versuchung als das erkennen, was sie ist. Und zweitens zeigt Jesus damit,<br />

dass eben Gott, unser Vater im Himmel, stark genug ist, um uns in dem, was<br />

wir er<strong>leben</strong>, echt und wahrhaftig beistehen zu können.<br />

Was aber, wenn Du der Versuchung erliegst? Wenn Du es nicht "schaffst",<br />

standzuhalten und "fällst"? Der Versuchung nachgibst? Was dann? – Nun:<br />

Als unser Timo damals unten im Wohnzimmer sass, ganz alleine mit seinen<br />

Schoggi-Hasen und dem Schoggi-Ei im Mund, hat er genau das gemacht,<br />

was man in so einer Situation tun sollte: Er ist zu uns gekommen. Und wir<br />

haben ihn in den Arm genommen und ihm gesagt: "Timo – es ist in Ordnung.<br />

Es ist gut!"<br />

Wenn die Versuchung zu gross wird, dann erinnere Dich daran, dass es<br />

jemanden gibt, zu dem Du immer kommen darfst – zu Deinem Vater im<br />

Himmel.<br />

Und so lasst uns gemeinsam beten, wie Jesus es uns gelehrt hat:<br />

Unser Vater, im Himmel,<br />

geheiligt werde dein Name;<br />

dein Reich komme;<br />

dein Wille geschehe, wie im Himmel so auch auf Erden!<br />

Unser tägliches Brot gib uns heute;<br />

und vergib uns unsere Schulden,<br />

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern<br />

und führe uns nicht in Versuchung,<br />

sondern erlöse uns von dem Bösen!<br />

Denn Dein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit, in Ewigkeit.<br />

-Amen-<br />

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