Der Mensch im Kosmos sucht in Wien ein Zimmer - Christian Reder

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Der Mensch im Kosmos sucht in Wien ein Zimmer - Christian Reder

auf Schritt und Tritt, Erhard Busek zu begegnen, mit einem Strohhut auf dem Kopf,

sorgsam seine Kakteen gießend. In der Breite Gasse wird ein langer Mercedes

gesichtet, der an den blinden Schaufenstern bankrotter Möbelhändler vorbeiflitzt;

angeblich waren im Fond zwischen den unachtsam zugezogenen Vorhängen die Herren

Hintschnig und Dittrich zu sehen. Der eine, der Rote, kriegt viel Geld dafür, daß er in der

Messe AG etwas zu reden hat, der andere ist der schwarze Präsident der Wiener

Handelskammer, die gemeinsam mit der Gemeinde Wien hinter der Messe AG steht,

wie es so schön heißt. Sie fahren gern in dieser Gegend spazieren, weil sie für die ihnen

(und anderen) anvertraute Firma ein so günstiger Standort ist: Als Mieter der zum

„Messepalast" gewordenen „Alten Hofstallungen" mit ihren 60.000 m 2 Grundfläche,

34.500 m 2 Netto-Nutzfläche und 225.000 m 3 umbautem Raum, muß die Messe AG dem

Hausherren, also dem Bund, ja bloß soviel Miete bezahlen (rd. 6.000,- ö. S, pro Monat),

wie der Normalverbraucher für eine bessere Wohnung. An sich müßte sie zwar auch

70% der Erhaltungskosten tragen, aber der Augenschein beweist, daß solche Pflichten

unter Kollegen nicht ernst genommen zu werden brauchen. Der Vertrag läuft und läuft,

wie das in einem selbstgenügsamen Rechtsstaat eben oft so geht: die Staatseinrichtung

A kann der Staatseinrichtung B in diesem Fall frühestens per Ende 1986 kündigen, und

derzeit ist es keineswegs sicher, ob sich bis dahin die notwendigen „wichtigen Gründe"

finden werden, die eine politische Entscheidung zugunsten einer sinnvolleren Nutzung

diesen einmaligen Areals ermöglichen würden.

Gegenüber dem Volkstheater weist eine spezielle Plakatwand auf die längst

geschlossene Ausstellung „Wien 2000“ hin, auch die anderen Schilder, die einen zu ihr

in den Seitentrakt des Messepalastes locken sollen, haben sich erhalten („Stadtplanung.

Gestern – Heute – Morgen. / Einfahrt nur mit Genehmigung der

Bundesgebäudeverwaltung Wien gestattet). So endlich in das Innere dieses Komplexes

hineingezogen, umgibt einen tatsächlich ein Szenario, das der Realität des Jahres 2000

entsprechen könnte: ungenutzte, zerbröckelnde Gebäude und Höfe, überall

archäoloische Spuren des Wirtschaftswunders mit der Funder-Platte, als besonders

signifikantem Relikt. Joseph Beuys hat sich in den leeren Hallen längst verewigt, ohne

daß dafür auch nur ein Groschen ausgegeben werden mußte. Ganz hinten versteckt

sich das Institut für Umweitwissenschaften und Naturschutz, auf den Fenstergesimsen

stehen Aquarien, in denen Lebewesen gepflegt und beobachtet werden. 80 Wohnungen

gibt es dort, und auch die Mieter erfahren von niemandem, wie es weitergehen wird. In

dem nach außen hin noch prächtig wirkenden Mitteltrakt – wo sich die Messe AG dem

Vernehmen nach gerade wieder um 10 Millionen Schilling neue Büros adaptiert hat (und

so Signale setzt, daß sie bleiben will) – könnte sich doch gleich auch der eigentliche

Hausherr, Bautenminister Sekanina, installieren und mit seinem VIP-Club darüber

beraten, welches Projekt am ehesten durchgedrückt werden könnte.

In der Halle H 2 diskutieren unterdessen Ingenieure, Architekten, Museumsleute,

Beamte, Wohnungsmieter und andere direkt oder indirekt Interessierte über die Zukunft

des gesamten Komplexes. Von denen, die Entscheidungen zu tragen haben, ist kaum

einer vertreten, und so fühlt sich das zusammengetrommelte, von Experten durchsetzte

Volk ziemlich unter sich, wird aber den Verdacht nicht los, aß oben längst anderes

geplant wird. Über den „Skandal" (des Verfalls, des fehlenden Willens, etc.) sind sich

alle rasch einig. Die einen plädieren für eine zügige Entscheidung über eine neue, eine

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