Der Mensch im Kosmos sucht in Wien ein Zimmer - Christian Reder

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Der Mensch im Kosmos sucht in Wien ein Zimmer - Christian Reder

Museum kann also offensichtlich (wenn auch oft ziemlich unbeholfen) eigenständiger

„Raum für Wertmaßstäbe" sein, ein betretbarer „philosophischer Ort“. Eine

Verweigerung dieses Ansinnens nützt ihm nichts, dem Anspruch kann es sich nicht aus

eigenem Entschluß entziehen. Vermutlich wird von einem Museum auch verlangt, daß

es ein „Ort der Integrität" ist, an dem Dinge, Informationen und Ideen zugänglich sind,

an die man (oder auch nur eine kleinere Gruppe) sich halten kann. In dieser Funktion ist

es auch „Stätte der Wiedergutmachung" für einmal begangenes Unrecht. Seine

Verwalter nehmen aus der Zeit einiges heraus und stellen anderes in sie zurück: ein

Museum ist deshalb auch eine „Zeitmaschine", deren Bedienung für das Bewußtsein

Folgen hat oder haben kann, je nach dem, wer welche Hebel wieweit bewegen darf. Als

„Tempel" ist es jedoch auch Heimstatt von Pharisäern. Deshalb wenden sich die

Propheten immer wieder von ihm ab, erbost über die Art und Weise, wie dort mit

(Geheim-)Wissen und Gläubigkeit umgegangen wird; archivieren lassen sie ihre Worte

und Werke dann – fast zwangsläufig – doch wieder am liebsten an solchen

angesehenen Stätten. Ob und in welcher Form als „Dokument" oder „an sich" Wertvolles

aufgehoben und weiterverwendet werden soll, ist eine gesellschaftspolitische Frage, auf

die sich angesichts der zerstörerischen Kräfte rundum nicht mit insularer

Beschaulichkeit antworten läßt. Auch die inzwischen geläufigere Forderung nach einer

radikalen Öffnung der Museen „zur Gegenwart hin" mündet noch nicht so ohne weiteres

in ein Konzept, in dem Stille und Bewegung Seite an Seite Platz haben; dies selbst dann

nicht, wenn man sich der Direktheit etwa des Museums für Deutsche Geschichte in

Berlin (Ost) verschreiben würde, in dem das Schafott aus Plötzensee als eine Art

realistisches Meditationsobjekt „ausgestellt" ist. Wie sollen Inszenierungen Ernst

ausdrücken können, wenn rundum ganz andere Spiele ablaufen und gefordert werden?

Sektionschef Schmelz vom Bautenministerium konzentriert sich auf materielle

Voraussetzungen für solche Überlegungen und nennt Zahlen: eine Milliarde Schilling als

voraussichtliche Adaptierungskosten für die zur Diskussion stehenden, verfallenden

Gebäude, 20 Milionen für die jährliche Erhaltung und noch unbekannte, jedenfalls aber

sehr hohe Betriebskosten. Auf ärgerliche Einwendungen gegen solche

Pauschalangaben folgt die Berufung auf „unsere Kubikmeterpreise bei Sanierungen",

die ziemlich unabhängig davon seien, wie Gebäude schließlich genutzt werden. Die

Museumsseite kontert mit steigenden Besucherzahlen (insgesamt 1,5 Millionen pro Jahr

in den bisher als mögliche Interessenten genannten, bestehenden Wiener Museen),

oder mit dem Hinweis darauf, daß z. B. 14 Tage Bundestheaterdefizit dem

Jahresbudget des Naturhistorischen Museums entsprechen. Es wird nach einem

Verantwortlichen für das Gesamtprojekt gerufen; für den „neutralen" Bautenminister

Sekanina erheben sich Stimmen, eine auch für den „dynamischen" Unterrichtsminister

Zilk. Gleich zu Beginn war das einzige eingelangte politische Statement verlesen

worden, das von Wissenschaftsminister Fischer, der für die Bundesmuseen zuständig

ist. Nach Fischer könne „voraussichtlich" ab 1987 mit einer neuen Nutzung der Gebäude

gerechnet werden, für die vor allem Kultur- und Museumszwecke, aber auch

Ausstellungsräume, sonstige kulturelle Aktivitäten, Künstlerwerkstätten, Restaurants,

Kinos und dergleichen in Frage kämen. Auf die Betriebskosten müsse besonders

geachtet werden, und „in den Entscheidungsprozeß aber die endgültige Gestaltung und

Nutzung dieses Areals" müsse „ein Architektenwettbewerb eingebaut werden" (worüber

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