Berner Kulturagenda 2015 N° 18

kulturagenda

30. April – 6. Mai 2015 Anzeiger Region Bern 25

3

Mit den Augen

des Aareteufels

Der neue StattLand-Rundgang «Berner Brücken – Unten

durch und hoch hinaus» erzählt, wie Brücken das Stadtbild

veränderten und warum Planung und Bau oft für hitzige

Gemüter sorgten.

Mal weich und geschmeidig, dann wieder

hart und peitschend sei er, verkündet

der Aareteufel den Teilnehmerinnen

und Teilnehmern des Rundgangs

auf der Untertorbrücke und donnert

gleich weiter: «Auch diese Brücke habe

ich schon mitgerissen!» Die 1489 eröffnete

Steinbrücke war bis zum Bau der

Nydeggbrücke die einzige Möglichkeit,

die Stadt von Osten her zu erreichen.

Vor allem im ausgehenden 19. Jahrhundert

zog die Stadtentwicklung

Berns dann den Bau von weiteren Brücken

mit sich, um Flächen auf der anderen

Aareseite zu erschliessen.

ZVG

Eingeweiht mit Kanonendonner

Der neue StattLand-Rundgang, der

vom städtischen Tiefbauamt zu seinem

150-Jahr-Jubiläum in Auftrag gegeben

wurde, führt chronologisch

nach Baujahr zu verschiedenen Berner

Brücken. In StattLand-Manier wird der

faktenreiche Rundgang szenisch begleitet.

Ein Schauspieler erzählt etwa

als Baumeister Ludwig Wurstemberger

von den Streitigkeiten rund um den

Bau der Nydeggbrücke, kommt als

durchgebranntes Pferd angestürmt

oder gibt eben als Aareteufel die Sicht

des Flusses wider.

Auf dem Weg die Altstadt hinauf

zur Kornhausbrücke, dann zum Altenbergsteg

wieder an die Aare hinab, erfährt

man, welche Gründe zum Bau

der Brücken führten, wie sie die Stadt

veränderten und dass sie oft auch für

hitzige Gemüter sorgten. «Über die

Notwendigkeit von Brücken war man

sich meist einig. Nur über den Standort

und das Aussehen der Bauwerke

nie», sagt Rundgangleiter Reto Boschung.

So war es auch bei der Kirchenfeldbrücke.

Die von Gustave Eiffels berühmter

Ponte Maria Pia in Portugal

inspirierte Eisenkonstruktion wurde

zwar 1883 mit einem Volksfest, Kanonendonner

und Velorennen eingeweiht,

begeisterte aber nicht alle. Vor allem der

Stabilität traute man nicht und verstärkte

die Brücke daher später mit einem

Betonpfeiler. «Nur weil es etwas

wackelt, einen solchen Pfeiler? Eiffel

hätte sich im Grabe umgedreht», entrüstet

sich der Schauspieler – diesmal in

der Rolle des Architekturstudenten mit

charmant französischem Akzent.

Regine Gerber

Treffpunkt: Bushaltestelle

Bärengraben, Bern

Sa., 2.5., 14 Uhr und Mi., 6.5., 18 Uhr

www.stattland.ch

Wir verlosen 2 × 2 Tickets

für Sa., 2.5.: tickets@bka.ch

Kennt den Fluss wie seine eigene Hosentasche: der Aareteufel.

TICKETS

Generationenübergreifende Singfreude

Der Pro Arte Chor lädt den Coro Calicantus zum gemeinsamen

Konzert. Werke von Pergolesi haben im Programm

genauso Platz wie Songs von Crosby, Stills, Nash & Young.

Der Kinder- und Jugendchor Coro

Calicantus aus Locarno will mit seinem

Gesang nicht nur unterhalten,

sondern sieht Singen auch als erzieherische

Aufgabe und «wertvolle Stütze

für Kinder in schwierigen Verhältnissen

oder sozialen Notlagen». Der Berner

Pro Arte Chor, der immer wieder

andere Chöre für gemeinsame Konzerte

einlädt, spannt jetzt für ein Konzert

mit dem Tessiner Chor zusammen.

Vor einem gemeinsamen Zwischenteil

singt der Pro Arte Chor unter anderem

Werke von Mendelssohn und

Brahms sowie als Rarität den experimentellen

Sprechchor «Fuge aus der

Geographie» (1930) des österreichischen

Komponisten Ernst Toch.

Gastiert in Bern: Der Tessiner Kinder- und Jugendchor Coro Calicantus.

Der Coro Calicantus hat sich für

sein Repertoire auf eine bunte Mischung

aus Renaissance, Pop und Folklore

spezialisiert. So singen die jungen

Sängerinnen und Sänger unter der

Leitung von Mario Fontana im zweiten

Teil des Konzertes nebst dem Stabat

Mater von Pergolesi etwa auch den

Song «Our House» von Crosby, Stills,

Nash & Young.

Sarah Sartorius

Kulturcasino, Bern

So., 3.5., 15 Uhr

www.proartechor.ch

«Im Theater werden Alternativen

sichtbar gemacht»

Werden Sie zum Aussenseiter! Das ist eine der Botschaften

des Berner Theaterfestivals Auawirleben. Festival-Leiterin

Nicolette Kretz über mutige Pinguine und Mainstream.

Nicolette Kretz, Sie plädieren für das

Querschlagen. Wollen wir nicht

einfach alle dazugehören?

Heutzutage ist das Nicht-Dazugehören

fast schwieriger. Alles, was früher

als alternativ gegolten hat, ist heute

Mainstream. Veganismus etwa: Vor

fünf Jahren war man mit dieser Lebensform

noch ein Freak.

Festivalleiterin Nicolette Kretz

ZVG

«Leave the winning team» – «Verlasse

das Gewinnerteam»: Unter diesem

Motto läuft die 33. Festivalausgabe.

Wie sind Sie auf den Titel gekommen?

Wir wählen erst die Stücke und entscheiden

uns dann für ein Überthema.

Dieses Jahr haben wir viele Theatergruppen,

die sich mit alternativen Lebensformen

oder Gegenentwürfen zu

unserer Gesellschaft auseinandersetzen.

Das diesjährige Maskottchen ist

nicht umsonst ein Pinguin: Er verlässt

seine Kolonie – obwohl er damit wahrscheinlich

verloren hat.

Warum tut er es doch?

Weil es sich lohnt, Neues auszuprobieren.

Eines der Stücke heisst «Reindeer

Safari»: Die Theatergruppe Other

Spaces aus Helsinki unternimmt mit

dem Publikum eine Gurten-Wanderung

und alle verhalten sich wie Rentiere.

Will heissen: Niemand führt an,

die Gruppe entscheidet organisch,

ohne Worte. Oder in «Some use for

your broken claypots» schlägt der junge

Schweizer Christophe Meierhans

eine neue Demokratieform vor, die darauf

basiert, dass Politiker abgewählt

werden können, wenn sie entgegen

dem Volkswillen handeln. Wahlversprechen

werden unwichtig, es zählt,

was wirklich getan wird.

Wäre es dann nicht besser, Meierhans

ginge in die Politik? Dort kann

er versuchen, seine Utopie in die

Realität umzusetzen.

Darum geht es nicht. Wichtiger ist,

sich etwas in dieser Art überhaupt

überlegen zu dürfen. Theater ist immer

eine gute Möglichkeit, Gegenvorschläge

zu machen. Man ist frei in der

Gestaltung, die Fantasie hat freien

Lauf, Alternativen können sichtbar gemacht

werden. Politikern wird diese

Freiheit nicht so rasch geboten.

Interview: Milena Krstic

Diverse Orte, Bern

Do., 30.4., bis So., 10.5.

www.auawirleben.ch

Adriano Heitmann

Pegelstand

Kolumne

von Alexandra von Arx

Kürzlich war ich in Brüssel und begegnete

einer Abgeordneten des Europäischen

Parlaments. Sie kam von einer

Sitzung des Ausschusses für Kultur

und Bildung, welchem sie stellvertretend

vorsitzt. Wie ich gehört hatte,

wurde dort gerade über Copyright diskutiert,

und ich wollte gerne mehr darüber

wissen. Sie konnte mir aber nicht

mehr dazu sagen. Obwohl sie, wie sie

erzählte, soeben ihre Stimme abgegeben

hatte, war es ihr unmöglich, ohne

Unterlagen eine Zusammenfassung zu

geben.

Etwas befremdlich, finden Sie

nicht? Ich behaupte, dass ich wenigstens

an dem Tag, an dem ich einen Abstimmungszettel

ausfülle, sagen kann,

worum es bei der Vorlage in etwa geht.

Aber vielleicht ist das ein unangebrachter

Vergleich. Trotzdem frage ich

mich seither, wie das wohl bei unseren

Parlamentarierinnen und Parlamentariern

in der Schweiz ist. Vergessen sie

nach den Sitzungen auch gleich, worüber

sie soeben verhandelt haben?

Oder wussten sie es gar nie wirklich,

weil sie sich stattdessen mit ihren

Mobiltelefonen beschäftigt haben?

Wie dem auch sei. Ich kann Ihnen

eine Reise nach Belgien jedenfalls sehr

empfehlen. Nicht nur politisch ist es

ein spannendes Land, sondern auch

kulturell. Von Letzterem können Sie

sich übrigens ab morgen auch am

Theaterfestival Auawirleben überzeugen,

denn von den 14 eingeladenen

Produktionen kommen deren sieben

ganz oder teilweise aus Belgien.

Spannendes geht derzeit auch vor

meiner Haustüre vor. Da bauen nämlich

seit einigen Tagen emsige Ameisen

an einem unterirdischen Verkehrssystem,

mit der Folge, dass der

Weg zu meiner Wohnung neuerdings

aussieht, als hätte es ein Erdbeben gegeben.

Eine schmale Furche durchzieht

ihn, an deren Rändern sich Sandwälle

türmen. Auch wenn mir

Undergroundaktivitäten durchaus

sympathisch sind, diese hier beobachte

ich mit Sorge. Um das diesjährige

Motto von Aua aufzugreifen: Ein Gigu

alleine ist noch kein Problem, viele

Gigle zusammen, die in der gleichen

Mission unterwegs sind, werden zu einer

echten Herausforderung!

Alexandra von Arx ist leitende Redaktorin

von «Passagen», freie Kulturjournalistin

und hat das 5. Literaturfest

mitorganisiert. Zusammen mit Lucie

Machac ist sie Initiantin der Literatur-Gespräche

im Schweizerhof Bern.

Illustration: Rodja Galli, a259

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