Fiktionalitätskompetenz als Teil des literarisch-ästhetischen Lernens ...

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Fiktionalitätskompetenz als Teil des literarisch-ästhetischen Lernens ...

Sprachenausbildung. Sprachen bilden aus. Bildung aus Sprachen. -25. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Fremdsprachenforschung

Sektion 5

Fiktionalitätskompetenz als Teil des literarisch-ästhetischen

Lernens. Ein Vorschlag für ein Kompetenzstufenmodell

Referentin: Irina Bauder-Begerow

Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Bereits Kinder im Vorschulalter unterscheiden zwischen einer spielerisch geschaffenen Welt und der

sie umgebenden Wirklichkeit. Diese intuitive Differenzierungsleistung in der Elementar- und

Primarstufe beschränkt sich jedoch in erster Linie auf die Fähigkeit, sich zwischen der Realität und

phantastisch angelegten fiktionalen Welten zurechtzufinden. Tatsächlich wächst die Fähigkeit, Fiktion

und Wirklichkeit zu trennen, graduell und ist noch in der Sekundarstufe 1 darauf beschränkt, den

‚Wahrheitsgehalt’ realistischer Erzählungen am subjektiven eigenen Realitätsbild und Weltwissen zu

messen (vgl. Saupe 2005: 135). Insofern ist es zum einen für den Übergang zur Sekundarstufe 2

essentiell, klare Kriterien für eine Unterscheidung von faktualen und fiktionalen Texten und

Zwischenformen mit den Schülerinnen und Schülern zu etablieren und sie bis zum Abitur mit der

narrativen Modellierung auch faktischer Gattungen und Metaerzählungen (z.B. gemäß Hayden

Whites Konzept der ‚Fiktion des Faktischen’ und des ‚Emplotment’) vertraut zu machen. Diese

Herausforderungen stellen sich insbesondere für den Fremdsprachenunterricht. Im Hinblick auf den

Konstruktcharakter jedweder historischer Erkenntnis bieten sich zudem Anknüpfungspunkte an den

bilingualen Geschichtsunterricht der Oberstufe.

Die Fiktionalitätskompetenz wurde bisher als eine Teilkompetenz der literarischen Kompetenz

verortet (vgl. Surkamp 2012: 82). Der Vortrag erörtert zunächst die Unterscheidung von

„Fiktionalität“ und „Faktualität“ sowie die Positionen der jüngeren Forschung zur

Fiktionalitätskompetenz und stellt ein Kompetenzstufenmodell für die Sekundarstufen I und II vor.

Am Beispiel einer Unterrichtseinheit zu hybriden britischen Fernsehformaten (Klasse 10) wird

dargestellt, wie Fiktionalitätskompetenz trainiert und bewertet werden kann. Dabei steht zunächst

der Gedanke der Diagnose des Kompetenzstandes der Lerngruppe im Vordergrund. Die Schülerinnen

und Schüler erhalten in einer kognitiv angelegten Phase basale Informationen zu spezifischen

Fiktionalitätssignalen, der Genreterminologie und der Filmsprache. Anschließend erarbeiten sie

kooperativ ein eigenes Lernprodukt als komplexe Kompetenzaufgabe. Da sich moderne populäre

Fernsehformate in einer Grauzone zwischen Wirklichkeit und Fiktion bewegen, eignen sie sich in

besonderem Maße als Gegenstand. Hybridformate wie Dokufiktionen, Dokusoaps oder Dokudramen

erfreuen sich beim deutschen wie beim britischen Publikum großer Beliebtheit. Zudem sind TV-

Sendungen in ihrer Doppelung von auditivem und visuellem Kanal Spiegel der normalen


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alltagskommunikativen Situationen und bilden so eine ideale Folie für Lernsituationen an

authentischem Sprachmaterial.

Literatur:

RÖSSLER, Andrea (2010): „’Es gibt Dinge, die gibt es gar nicht’. Zur Förderung der Fiktionalität im

Fremdsprachenunterricht“. In: Claus Altmayer et.al. (Hrsg.): Grenzen überschreiten: sprachlich –

fachlich –kulturell. Dokumentation zum 23. Kongress für Fremdsprachendidaktik der Deutschen

Gesellschaft fürFremdsprachenforschung (DGFF). Schneider Verlag, Baltmannsweiler, S. 167-177.

SAUPE, Anja (2005): „Fiktions-Realitäts-Unterscheidung und Fiktion-Realitäts-Bezug: Was sollen

Schüler an fiktionalen Texten lernen?“ In: Jörn Stückrath & Ricarda Strobel (Hrsg.): Deutschunterricht

empirisch. Schneider Verlag, Baltmannsweiler, S. 131-148.

SCHREIER, Margit & APPEL, Markus (2002): „Realitäts-Fiktions-Unterscheidungen als Aspekt einer

kritischkonstruktiven Mediennutzungskompetenz“. In: Norbert Groeben & Bettina Hurrelmann,

(Hrsg.): Medienkompetenz, Voraussetzungen, Dimensionen, Funktionen. Juventa: Weinheim und

München, S. 231-254.

SURKAMP, Carola (2012): „Literarische Texte im kompetenzorientierten Fremdsprachenunterricht“.

In: Wolfgang Hallet & Ulrich Krämer (Hrsg): Kompetenzaufgaben im Englischunterricht. Grundlagen

und Unterrichtsbeispiele, Klett Kallmeyer, Stuttgart, S. 77-90.

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