Marginalisierte Quartiere

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Marginalisierte Quartiere

Jugend in

marginalisierten

Quartieren

im Rahmen des Seminars

“Stadtraum - Sozialraum”

Sommersemester 2008/09

Erika Schulze


Gliederung


Was sind marginalisierte Quartiere?


Marginalisierte Quartiere im öffentlichen Diskurs


Konkretisierung: ein Beispiel aus Köln


Der Blick der Jugendlichen auf ihr Quartier


Die Folgen des Diskurses


Der Kampf um Anerkennung


Marginalisierte Quartiere

Marginalisierte Quartiere sind Stadtviertel mit spezifischen

strukturellen Problemen

“... handelt es sich (...) um wirtschaftlich schwache und politisch

vernachlässigte Quartiere, (...) teilweise auch um kulturell verödete

und mit sozialen Problemen belastete Siedlungen oder Vororte.”

(Ottersbach 2004: 35)


schlechte Infrastruktur

(Versorgung mit Schulen, ÄrtztInnen, sozialen Einrichtungen,

kulturellen Einrichtungen, Einkaufsmöglichkeiten)


schlechte Bausubstanz

(alte, unsanierte Häuser, dünne Wände ...)


geringe Attraktivität

(wenig Grünflächen, Hochhäuser etc.)


Marginalisierte Quartiere


Folge: ein hoher Anteil armer Bevölkerung


Typen marginalisierter Quartiere

innenstadtnahe Viertel oder Vororte, die von den Deindustrialisierungsprozessen

betroffen sind

(z.B. Essen-Katernberg, Köln-Kalk)

außerhalb angesiedelte ‘Neubaugebiete', ‘Trabantenstädte’

(z.B. Kölnberg, Köln-Chorweiler)


Ein Beispiel - Gernsheimer Straße







erbaut in den 1970er Jahren

insgesamt leben dort 2.600 Menschen

abgeschnitten von der Infrastruktur

des Stadtteils

knapp 40% der Haushalte beziehen

Sozialhilfe (im Kölner Durchschnitt ca.

8%)

hoher Anteil von Kindern und Jugendlichen

hoher Anteil migrantischer Bevölkerung


Der Diskurs um marginalisierte Quartiere

“Vor den Toren der feinen Dom- und

Medienstadt Köln herrscht Krieg. Immer öfter

gehen Jugendgangs verschiedener Stadtteile

und Wohnbezirke aufeinander los, versetzen

friedliche Anwohner in Angst und Schrecken. (...)

Einige der Gangs sind multi-kulturell

zusammengesetzt, andere wiederum ziehen

unter türkischer oder russischer Führung in den

Kampf. Nicht selten gibt es fließende Übergänge

zur organisierten Kriminalität.”

(aus dem Ankündigungstext der Dokumentation "Ohne Gang

bist du nichts. Überlebenskampf am Stadtrand", WDR 2002)


Der Diskurs um marginalisierte Quartiere


Die Gernsheimer Straße im medialen Diskurs

Telefon „korrekt geklaut“ und stets ein

Klappmesser dabei

Den Ermittlern des Jugendkommissariats war er kein

Unbekannter. Mehr als ein Dutzend Straftaten hat

David (15) begangen: Meist „Jackenabziehen“ nebst

Körperverletzung. In seiner Clique aus dem Getto an

der Gernsheimer Straße in Ostheim galt er als große

Nummer, einer, der nicht viele Worte machte, wenn

es hart auf hart ging. Er führte ein Klapp-messer

mit sich, wie so viele im Viertel. Erst kürzlich

wurde David beim Jugendschöffengericht angeklagt,

weil er einem Gleichaltrigen das Handy abgenommen

hatte. Als dieser sich beschwerte, gab David ihm zu

verstehen, dass er das Telefon „korrekt geklaut“

hätte und es nicht mehr hergebe. Seine Heimat sei

die Gernsheimer Straße, „eine schlimme Straße, wenn

du hierher kommst, bekommst du eins drauf“.

(Kölner Stadtanzeiger vom 14. Januar 2003)


und im pädagogisch-wissenschaftlichen Diskurs

“Die Chancenlosigkeit schulmüder und kulturell

desorientierter Jugendlicher auf dem

Arbeitsmarkt schlägt sich beispielsweise in

einem zunehmenden Vandalismus und in

wachsender Kleinkriminalität nieder. Die

Nachbarschaften sind dabei tatsächlich

überfordert, weil sich die Menschen in ihre

Wohnungen zurückziehen, die Regeln eines

geordneten Miteinanders preisgeben und die

Hauseingänge sowie Freiflächen der

Verwahrlosung und Verschmutzung überlassen.

Dadurch wachsen die Kinder und Jugendlichen

in einem Umfeld auf, in dem das Erlernen

normgerechten Handelns und der Erwerb von

Wertorientierungen kaum möglich ist und die

anomischen Bedingungen ihre

Randständigkeit verstärken.”

(Schubert, Nüß, Spieckermann 2003)


Eine andere Facette des Alltagslebens

“Und meine jüngere Schwester, die geht in die

7.Klasse, (...) und dann hab ich noch nen

kleinen Bruder, der geht in die Grundschule.

So, ähm in meiner Freizeit bin ich meistens

hier, wenn ich nicht gerade zu Hause bin,

Hausaufgaben, und ähm, hier habe ich

genügend Freunde, ich bin meistens im

Veedel oder hier im Gummiplatz, eben Fußball

spielen, das mach ich eigentlich gerne, ja und

ähm Mittwochs hab ich hier die Gruppe, dann

gehn wir ins Internet, kochen, Kino und alles.”


“Ja und ich wohn jetzt zwar in

Porz, aber ich fühl mich immer

noch so, als ob ich, ich gehör zu

der Gernsheimer. (...) Ja, ich hab

mal hier gewohnt, ich war schon

immer in der Gernsheimer und

so und ich will auch in der

Gernsheimer bleiben. Das ist

einfach so.”

Beheimatung


“Da war ich auf der Schule, ehm, da gabs mal so ne

SV-Sitzung, ich war da Klassensprecherin, da musste

ich hingehn, und dann mussten wir unsere Namen

sagen, Name, Adresse, mussten wir halt sagen, ja und

meine Schwester war dann auch da, weil die auch

Klassensprecherin war, eine Klasse höher oder zwei,

was weiß ich, na und dann hat meine Schwester dann

gesagt, ja ihren Namen, und dann Gernsheimer Straße.

Da schreckte eine zusammen, öh, da macht dann so,

und versteckt sich so aus Witz hinter der Wand. Das ist

schon, ist zwar nichts Besonderes, aber man, man sieht

schon, dass die Gernsheimer bekannt ist.”

Die Folgen des Stigmas


Die Folgen des Stigmas

B: Das ist auch so, also die denken wirklich, die denken, die schreiben

erst mal auf: Name, Nationalität,

F: woher

B: Woher, wenn du, wenn man dann sagt, Türke zum Beispiel, ich komme

aus der Gernsheimer Straße, aus Ostheim, dann wird man direkt als

asozial abgestempelt. Das ist so, das wird auch immer so bleiben.

F: Weil ich war auch, ich musste auch einmal als Zeuge aussagen, (...) da

meinte der Polizist, woher kommst du. Der wusste ja woher ich komme,

aus Gernsheim und so, dann sagt der, ich glaub dir irgendwie nicht. Ich

sag, wieso können Sie mir nicht glauben? Ja, ich hab doch die Wahrheit

erzählt. Ja, ist schwer, du kommst grad von der Gernsheimer, und was

hört man da, vieles, was da gelaufen ist früher und viele sitzen jetzt im

Knast. Also jetzt ist das nicht mehr so wie früher


Der Kampf um Anerkennung

B: Es ist auch doof, wenn man die Gernsheimer irgendwie. Man

darf die Leute hier nicht auseinander reißen, das ist falsch, die

sind so zusammengewachsen, die kann man nicht auseinander

reißen, das ist das schlimmste überhaupt, was man machen

kann. Man kann höchstens, ehm hier die ganzen Hochhäuser,

das ist sieht ziemlich asozial aus, die Wände sind vollgekritzelt,

vielleicht mal etwas erneuern oder so.

F: Die Hochhäuser, die Hochhäuser sin so, wir sind

darin aufgewachsen, die jetzt wieder abreißen, das

würd jetzt Zeit brauchen, viel Geld. Also so lassen,

aber innendrin, da voll die Graffitis und so, das oder,

das ist auch nicht wichtig, vielmehr den Leuten, also

sie auf der Straße mal ansprechen, nicht so, was ist

das denn für einer, mal schief angucken, was tun,

vieles mehr tun. Zum Beispiel dieser Zaun, der ist

auch ein Problem, etwas höher mal bauen, der Ball

fliegt manchmal raus, dann hat man da wieder ein

Problem.


Der Kampf um Anerkennung





Projekt im Herbst 2006 mit

Jugendlichen aus dem Stadtteil

durchgeführt von PädagogInnen der

FiSt, angebunden an das örtliche

Jugendzentrum und finanziert durch

das Ministerium für Generationen,

Familien, Frauen und Integration

NRW

Wie sehen Jugendliche ihren

Stadtteil?

gemeinsame Planung und

Konzeptionierung der Broschüre;

die Jugendlichen recherchierten,

interviewten, verfassten Artikel

flankierend: Besuch einer lokalen

Zeitung und einer Druckerei


Der Kampf um Anerkennung

„Leute, die nicht aus Chorweiler

kommen, fürchten sich sogar vor

diesem Stadtteil oder stempeln ihn

als ‘Ghetto’ ab- (...) Aber stimmen

denn all diese Geschichten, die die

Leute von außerhalb über uns

hören? Wie ist Chorweiler wirklich?

All diese Fragen sollen in dieser

Broschüre geklärt werden. Dabei

geht es nicht nur um eine Auflistung

unserer Probleme. Mit der

Broschüre möchten wir Chorweiler

von einer anderen Seite zeigen,

nämlich wie lebendig und schön

auch dieser Stadtteil sein kann."

Jugendliche stellen

ihr Quartier vor

(aus dem Vorwort)

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