Die Eröffnungsrede von Dr. Katja Pourshirazi vom 7. Juli 2013 zum ...

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Die Eröffnungsrede von Dr. Katja Pourshirazi vom 7. Juli 2013 zum ...

Rede zur Eröffnung der Ausstellung

„Landschaft im Dialog“

am 7. Juli 2013 im Overbeck-Museum

von Dr. Katja Pourshirazi, Leiterin des Overbeck-Museums

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde des Overbeck-Museums,

liebe Frau Blech, lieber Herr Beyer, sehr geehrter Herr Prof. Haase,

ich begrüße Sie alle sehr herzlich zur heutigen Ausstellungseröffnung. Landschaft im Dialog

– das ist der Titel und das Thema dieser Ausstellung, und über die Besonderheit und Intensität

dieses Dialogs möchte ich ein paar Worte verlieren, bevor Sie dann die Bilder in aller Ruhe

genießen können.

Wir haben mit dieser Ausstellung mal wieder ein bisschen was gewagt. Die Gestaltung des

Plakats macht es vielleicht schon deutlich: Zwei Bilder statt des einen üblichen Titelmotivs,

und dann sind sie nicht einmal ordentlich nebeneinandergestellt, sondern ineinander

verschachtelt. Ist das eine umrahmt vom anderen? Oder steht das eine dem anderen im Weg?

Sie muten doch auf den ersten Blick sehr, sehr verschieden an. Hell und dunkel, scharf und

unscharf, fotografiert und in Öl gemalt. Und doch sehen wir, wie sich trotz aller

Unterschiedlichkeit die Birken vom einen Bild in das andere fortsetzen. Wie diese beiden

Bilder etwas miteinander zu tun haben. Wie sie einander nicht verleugnen können.

Die Pole, zwischen denen sich der Dialog der Landschaften in dieser Ausstellung aufspannt,

könnten spannungsreicher kaum sein: Genau 110 Jahre nach Fritz Overbeck ist der Fotograf

Ranil Beyer geboren. Wo Fritz Overbeck Pinsel und Palette zur Hand nahm, um an der

Staffelei zu stehen und auf Leinwand zu malen, arbeitet Ranil Beyer mit hoch komplexer

Technik. Die Digitalkamera ist sein Medium, er montiert sie auf selbst konstruierte fahrbare

Untersätze oder Fluggeräte, an denen er so lange herumtüftelt, bis sie so funktionieren, wie er

sich das wünscht. Er gibt also, wenn man so will, die Kamera manchmal – nicht immer – aus

der Hand, vertraut sie einer Technik an, die zu seinem künstlerischen Handwerk gehört. Und

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wo Fritz Overbeck sich in die Abgeschiedenheit von Worpswede und in das damals noch

dörfliche Vegesack zurückzog, um die heimatliche Natur zu malen, fotografiert Ranil Beyer

nicht nur in Norddeutschland, sondern auch in Spanien, Schottland, Sri Lanka oder dem

Oman. Länder, die Fritz Overbeck nie betreten hat.

Und diese Bilder sollen sich nun hier begegnen? Nicht nur behutsam einander angenähert in

einzelnen Berührungspunkten, sondern streng zusammengeführt, in strikter Paarbildung?

Immer eine Fotografie und ein Ölgemälde, direkt aufeinander bezogen – kann das gutgehen?

Es kann. Wenn Sie zwischen den Bildpaaren den Blick hin und her schweifen lassen, von der

Fotografie zum Ölgemälde und wieder zurück, werden Sie mit jedem Blickwechsel Neues

entdecken. Geradezu verblüffende Parallelen tun sich manchmal auf, in der Bildkomposition,

Stimmung oder Farbigkeit. Manches Mal, als ich beim Kuratieren Ölgemälde und Fotografien

einander zuordnete, musste ich mich fragen: Ist das nicht sogar zu ähnlich? Werden Sie nicht

denken, Ranil Beyer hat die Bilder der Worpsweder gekannt und einfach nachfotografiert?

Das hat er nämlich nicht. Die Fotografien von Ranil Beyer, die Sie hier sehen, sind ein

Querschnitt seines Schaffens aus den letzten Jahren, entstanden in unterschiedlichen Ländern,

aus unterschiedlichen Motiven. Manchmal sieht es offenbar in Spanien gar nicht so anders aus

als in Worpswede. Oder besser gesagt: Manchmal sehen ganz unterschiedliche Künstler in

unterschiedlichen Jahrhunderten unterschiedliche Landschaften auf eine so ähnliche Weise,

dass eine unerklärliche Vertrautheit der Bilder miteinander entsteht.

Ranil Beyer ist Norddeutscher. Aufgewachsen ist er zum größten Teil in Bremen, heute lebt

er in Hamburg. Die enge Verbundenheit mit der norddeutschen Landschaft ist eine zentrale

Voraussetzung für sein Werk. So wichtig das Reisen für seine künstlerische Arbeit ist, so sehr

sucht er in anderen Ländern und auf anderen Kontinenten immer wieder genau jene Schönheit

der Natur, die die norddeutsche Landschaft so reizvoll für ihn macht. Weite Horizonte, karge,

reduzierte Landschaften, feine Differenzierungen von Grau und Grün, wenn der Himmel

verhangen ist. Seine Bilder sind, wenn man so will, die Suche nach dem Vertrauten in der

Fremde.

Vom ersten Moment fand ich Gefallen an dieser großen einfachen Landschaft, der ich mich

innerlich so verwandt fühle […]. Alles und jedes ist hier groß, prachtvoll in den Linien, die

Dünen, die wie ein erstarrtes Meer wirken, der Strand, der sich endlos hinzieht […]. Es ist

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alles auf die denkbar größte Einfachheit zurückgeführt, nicht Unwesentliches stört die

Stimmung. So schreibt Fritz Overbeck vor genau 110 Jahren, im Jahr 1903, von einer seiner

eher seltenen Studienreisen. Auf die Insel Sylt ging es damals. Kein sehr exotisches Ziel,

wenn man das mit den Flugmeilen vergleicht, die Ranil Beyer schon zurückgelegt hat. Aber

auch Fritz Overbeck suchte an der Nordsee eine Steigerung und Vertiefung dessen, was er in

der Landschaft immer schon gesucht hatte: die denkbar größte Einfachheit. An dieser

Einfachheit arbeitet auch Ranil Beyer. Und die größte Einfachheit ist meistens am schwersten.

Keine seiner Fotografien ist digital nachbearbeitet. Das Bild gelingt in dem Moment oder es

gelingt nicht. Um eine Vogelperspektive auf Wälder oder das Meer einzunehmen, steigt er auf

Berge oder Steilküsten. Um das gewünschte Licht zu finden, wartet er auf das richtige Wetter.

Um eine präzise kontrollierte Unschärfe in seine Bilder zu bringen, bewegt er die Kamera –

und macht Hunderte von Bildern, bis das eine dabei ist, das er meinte.

Wie norddeutsch, wie malerisch, ja, wie worpswedisch diese Fotografien sind, das macht die

Ausstellung „Landschaft im Dialog“ deutlich. Aber auch die unauflösbaren Unterschiede, die

eine Fotografie der Gegenwart von einem Ölgemälde um 1900 trennen, können Sie in der

direkten Gegenüberstellung dieser Ausstellung sehen. Und je stärker Sie diese Unterschiede

wahrnehmen, desto mehr werden Sie wiederum auch die Gemeinsamkeiten sehen und

umgekehrt. Es braucht ja bei Kunstwerken, wie auch zwischen Menschen übrigens, beides,

Gemeinsamkeiten und Unterschiede, um einen Dialog überhaupt erst möglich zu machen.

Ich danke Ranil Beyer für das Vertrauen, mit dem er mir seine Bilder für dieses Experiment

überlassen hat. Ich möchte aber explizit auch Herrn Thomas Felgendreher danken, der nicht

nur etliche Bilder von Walter Bertelsmann als Leihgaben zur Verfügung gestellt hat, sondern

der mich auch mit Ranil Beyer bekannt gemacht hat. Ohne seine Vermittlung wäre dieses

Ausstellungsprojekt nicht zustande gekommen.

Danken möchte ich außerdem der Waldemar-Koch-Stiftung, die diese Ausstellung unterstützt

und damit nicht nur einem jungen, aufstrebenden Künstler, sondern auch einem

risikofreudigen Ausstellungskonzept den Rücken stärkt. Und von Herzen danken möchte ich

nicht zuletzt Herrn Prof. Fritz Haase, der sich bereit erklärt hat, heute hier zu sprechen. Dass

Sie spontan zugesagt haben, weil Sie das Ausstellungskonzept überzeugt hat, macht mich

stolz, und ich freue mich umso mehr, dass Sie heute hier sind.

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Aber es gibt heute noch eine zweite Ausstellung zu eröffnen. Denn Sie kommen heute in den

seltenen Genuss einer Doppelausstellung hier im Overbeck-Museum. Aus gegebenem Anlass

haben wir neben „Landschaft im Dialog“ eine kleine, aber sehr feine Kabinettausstellung für

Sie eingerichtet mit dem Titel Kattenhorns Pferd – Ein Buch und seine Bilder.

Wer von Ihnen wie ich in Bremen und Umgebung aufgewachsen ist, der wird dieses Buch

vielleicht noch aus seiner Kindheit kennen. Da sah es allerdings noch anders aus. Mir hat es

meine Mutter vorgelesen, als ich klein war – und dass darin Bremen und Worpswede,

Osterholz und Lilienthal vorkommen, das hat die Geschichten für mich immer besonders

gemacht. Geschichten, die genau da spielten, wo ich lebte. Und dass Kattenhorns Pferd „Och,

ich mein man bloß“ sagt, und der Rabe Jakob „Muschawohl!“, und Frau Kattenhorn „Dat

kann dscha wohl nich angehn“ – das hat es für mich noch echter gemacht, denn so haben auch

meine Großeltern geredet.

Wie viel mehr muss es Fritz Theodor Overbeck so gegangen sein, als sein Vater ihm von

Kattenhorns Pferd erzählte, während sie auf dem noch kaum baumbestandenen Weyerberg

saßen und den Blick über die Hammeniederung bis nach Osterholz-Scharmbeck schweifen

lassen konnten. Ziemlich genau 110 Jahre ist auch das her. Fritz Overbeck lebte und malte in

Worpswede und erzählte seinem kleinen Sohn die Geschichte vom Pferd des Worpsweder

Bauern Kattenhorn, das so gern nach Osterholz zum Schützenfest fahren will. Mit dem frühen

Tod des Malers nur wenige Jahre später endeten die Geschichten und gerieten für Jahrzehnte

in Vergessenheit. Aber Kattenhorns Pferd erwies sich, wie Fritz Theodor Overbeck schreibt,

als ebenso langlebig wie der ostindische Buchweizen, und als er selbst einen Sohn bekam,

fielen ihm die Geschichten wieder ein und er fing an, sie seinen Kindern zu erzählen. Die

wollten natürlich immer mehr hören, und so kamen Kattenhorns Kuh und die Ziegen Mekka

und Medina hinzu. Erst jetzt schrieb Fritz Theodor Overbeck die Geschichten zum ersten Mal

auf – und Gertrud Overbeck war so nett, uns diese ersten Exemplare aus ihrer Kindheit für die

Ausstellung zur Verfügung zu stellen: kleine, mit der Schreibmaschine getippte und blau

eingebundene Hefte mit einzelnen Kapiteln, die in den 1940er Jahren als Geschenke unter

dem Weihnachtsbaum lagen. 1947 erschien die erste Buchausgabe von „Kattenhorns Pferd“.

Ein echtes Nachkriegsbuch in der Papierqualität – man musste mit dem auskommen, was man

hatte – dafür hatte Fritz Theodor Overbeck die Geschichten für die Veröffentlichung liebevoll

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illustriert. Seine wunderbaren schwarz-weißen Federzeichnungen gehörten auch noch in den

späteren Buchausgaben aus den 70er und frühen 80er Jahren, die ich aus meiner Kindheit

kenne, untrennbar zu Kattenhorns Pferd dazu.

Die letzte Auflage erschien 1982, seitdem ist das Buch vergriffen, und ich weiß nicht, wie oft

wir hier im Museum die Frage gestellt bekommen, ob man denn wenigstens bei uns

Kattenhorns Pferd noch kaufen kann. Einmal habe ich im letzten Jahr den „Fehler“ gemacht,

bei einer Eröffnungsrede daraus zu zitieren – anschließend standen 20 Leute an der Kasse und

wollten das Buch haben. Und wir mussten sagen, dass es nur mit Glück in Antiquariaten zu

finden ist. Damit ist jetzt Schluss. Die Edition Temmen hat „Kattenhorns Pferd“ unter ihre

Fittiche genommen und in Zusammenarbeit mit der Familie Overbeck eine Neuausgabe

vorgelegt. Die ist jetzt druckfrisch eingetroffen. Wenn Sie diesmal also nach meiner Rede ein

Exemplar haben wollen, dann können Sie – anders als vor einem Jahr – an der Kasse eines

bekommen. Nicht nur ist Kattenhorns Pferd nun also wieder lebendig und munter unterwegs –

die Geschichten sind auch zum ersten Mal neu illustriert. Nach reiflicher Überlegung haben

Gertrud Overbeck und ihre Geschwister zugestimmt, die Zeichnungen ihres Vaters, die bisher

so selbstverständlich zu dem Buch gehörten, durch neue zu ersetzen. Dieser Entschluss ist

ihnen nicht leicht gefallen, aber er wurde belohnt durch die wunderbaren Zeichnungen von

Felicitas Blech, die jetzt die Buchausgabe schmücken. Aus ihren Illustrationen spricht eine

solche Liebe zum Detail, ein so tiefes Verständnis der Geschichten und ein so feiner Humor,

dass sie kleine Kunstwerke in sich selbst sind. Und so zeigen wir in der Kabinettausstellung

zu Kattenhorns Pferd die Originalzeichnungen von Felicitas Blech – neben einigen

Illustrationen von Fritz Theodor Overbeck, verschiedenen historischen Buchausgaben, und

nicht zuletzt: einer Reihe von Kinderzeichnungen, die eigens für diese Ausstellung entstanden

sind. Denn auch die Kinder der Freien Kunstschule Bremen Nord haben sich von den

Abenteuern von Kattenhorns Pferd inspirieren lassen und unter Anleitung von Bärbel Kock

eigene Buchumschläge entworfen. Diese wunderbaren und kreativen Bilder wollten wir Ihnen

auf keinen Fall vorenthalten und so sind auch sie Teil dieser Ausstellung und erinnern daran,

wie Kattenhorns Pferd auf die Welt kam: indem ein Vater seinem Sohn eine Geschichte

erzählt.

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Ich möchte mich bedanken bei Felicitas Blech für die liebevolle Neuillustrierung von

„Kattenhorns Pferd“ und dafür, dass sie dem Overbeck-Museum ihre Originalzeichnungen für

diese Ausstellung überlassen hat. Der Edition Temmen gebührt großer Dank dafür, dass sie

sich der Geschichten von „Kattenhorns Pferd“ angenommen und sie mit so viel Engagement

zu ihrer Sache gemacht hat. Danke, dass so ein wunderschönes Buch daraus geworden ist.

Danken möchte ich aber insbesondere auch Gertrud Overbeck. Sie ist nicht nur für dieses

Haus nach wie vor und sowieso in allem unersetzlich – sie hat auch entscheidend dazu

beigetragen, dass „Kattenhorns Pferd“ in neuer Auflage und in neuem Gewand vor uns liegt.

Die wohlwollend kritische Aufmerksamkeit, mit der sie und ihre Schwester Gesine

Heidemann den Prozess der Neupublikation begleitet haben, war ausschlaggebend für sein

Gelingen. Die Ausstellung über „Kattenhorns Pferd“ verdankt Gertrud Overbeck außerdem

Bilder und Buchausgaben aus ihrem Privatbesitz, die sie bereitwillig herausgesucht und zur

Verfügung gestellt hat. Und nicht zuletzt möchte ich Bärbel Kock danken und allen Kindern,

die zu Kattenhorns Pferd gemalt und uns ihre Kunstwerke geliehen haben, damit wir sie

ausstellen können.

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