Stolpersteine in Bruchsal
Gedenkschrift zur ersten Stolpersteinverlegung in Bruchsal. Link zum Filmbericht auf youtube auf der letzten Umschlagaußenseite.
Gedenkschrift zur ersten Stolpersteinverlegung in Bruchsal. Link zum Filmbericht auf youtube auf der letzten Umschlagaußenseite.
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tung <strong>Bruchsal</strong> sowie der <strong>Bruchsal</strong>er Friedens<strong>in</strong>itiative angehört. Der BürgerStiftung<br />
b<strong>in</strong> ich <strong>in</strong> besonderem Maße dankbar, dass sie die Aufgabe übernommen<br />
hat, Mittel für das geme<strong>in</strong>nützige Projekt e<strong>in</strong>zuwerben und ihm so auch e<strong>in</strong>e<br />
formale Basis zu geben. Darüber h<strong>in</strong>aus hat die Stiftung selbst die F<strong>in</strong>anzierung<br />
von <strong>in</strong>sgesamt zehn <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong>n zugesagt sowie die Drucklegung dieser Broschüre<br />
übernommen.<br />
E<strong>in</strong> besonderer Dank gilt auch Herrn Rolf Schmitt, der nicht nur von Anfang<br />
an engagiert für die Verlegung von <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong>n e<strong>in</strong>getreten ist, sondern der<br />
auch die Schicksale derer, für die jetzt <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong> verlegt werden, <strong>in</strong> mühevoller<br />
Kle<strong>in</strong>arbeit recherchierte und zu Papier brachte. Se<strong>in</strong>e Arbeit hat die Herausgabe<br />
dieser Broschüre erst ermöglicht.<br />
Der 19. April 2015 ist der Tag der erstmaligen Verlegung von <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong>n <strong>in</strong><br />
<strong>Bruchsal</strong>. Diese zehn kle<strong>in</strong>en Mahnmale, die Teil e<strong>in</strong>es weit größeren dezentralen<br />
Monumentes s<strong>in</strong>d, sollen aber erst der Anfang se<strong>in</strong>. Viele weitere können,<br />
<strong>in</strong>dem auch künftig mit großem Engagement ehrenamtliche Gedenkarbeit <strong>in</strong><br />
unserer Stadt geleistet wird, folgen.<br />
Cornelia Petzold-Schick<br />
<strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong> br<strong>in</strong>gen die Namen<br />
an den Ort zurück, wo die ermordeten<br />
Menschen zuletzt freiwillig lebten<br />
Im März 2014 entschied der <strong>Bruchsal</strong>er<br />
Geme<strong>in</strong>derat, die privaten Initiativen<br />
zur Verlegung von „<strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong>n“<br />
im öffentlichen Verkehrsraum<br />
und damit e<strong>in</strong>er dezentralen Gedenkstätte<br />
mitzutragen.<br />
Was s<strong>in</strong>d <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong>?<br />
<strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong> s<strong>in</strong>d zehn mal zehn große<br />
Mess<strong>in</strong>gplatten, die im Gehsteig<br />
vor der letzten frei gewählten Unterkunft<br />
an Menschen er<strong>in</strong>nern sollen,<br />
die im Nationalsozialismus ermordet,<br />
deportiert, vertrieben oder <strong>in</strong> den Suizid<br />
getrieben wurden. Versehen s<strong>in</strong>d<br />
die <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong> mit dem Namen, Geburts-<br />
und Sterbejahr sowie dem Todesort.<br />
Er<strong>in</strong>nert werden soll so an alle<br />
Opfer des Nationalsozialismus, Juden,<br />
S<strong>in</strong>ti und Roma, Euthanasie-Opfer, politisch<br />
Verfolgte wie Gewerkschafter,<br />
Gunter Demnig. Foto: Kar<strong>in</strong> Richert<br />
Kommunisten, Sozialdemokraten oder<br />
<strong>in</strong> den Kirchen Engagierte, ebenso wie an ermordete Homosexuelle. In der Umgebung<br />
von <strong>Bruchsal</strong> gibt es bereits seit mehreren Jahren <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong>, beispielsweise<br />
<strong>in</strong> Heidelberg, Mannheim, Karlsruhe, Bretten oder Gondelsheim.<br />
Welche Bedeutung haben <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong>?<br />
Von vielen Menschen, die zu Zeiten des Nationalsozialismus ermordet wurden,<br />
blieben, wenn überhaupt, nur noch vere<strong>in</strong>zelt Dokumente oder Fotos übrig. Durch<br />
die <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong> kehrt jeder e<strong>in</strong>zelne Name und damit das Er<strong>in</strong>nern an die Person,<br />
die diesen Namen trug, an den Ort zurück, wo dieser Mensch e<strong>in</strong>st gelebt hat – <strong>in</strong><br />
unserer Mitte. Um die Texte auf den <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong>n zu lesen, müssen sich Vorbeigehende<br />
bücken – e<strong>in</strong>e symbolische Verbeugung vor den Opfern.<br />
2 3
Viele Angehörige sehen die <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong> auch gleichzeitig als e<strong>in</strong>en Ersatz für e<strong>in</strong>en<br />
Grabste<strong>in</strong>, der den meisten Opfern verwehrt geblieben ist. Jüdische Familien haben<br />
aus der Not heraus Asche aus Auschwitz begraben.<br />
<strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong> s<strong>in</strong>d kle<strong>in</strong>e Mahnmale die dafür stehen, dass solche Verbrechen nie<br />
wieder geschehen dürfen. Rassismus oder Hass auf M<strong>in</strong>derheiten, die immer noch<br />
durch manche Köpfe schwirren und oft aus Missgunst oder Unwissenheit heraus<br />
entstanden s<strong>in</strong>d, dürfen nie mehr überhandnehmen. Missgunst ist schwer zu bekämpfen,<br />
aber Unwissenheit kann mit Aufklärung und Bildung bekämpft werden.<br />
<strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong> helfen dabei.<br />
S<strong>in</strong>d jüdische Verbände gegen <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong>?<br />
In e<strong>in</strong>er Rede am 1. Dezember 2014 <strong>in</strong> Würzburg betonte der Präsident des Zentralrats<br />
der Juden <strong>in</strong> Deutschland, Dr. Josef Schuster: „Sich der Vergangenheit stellen<br />
– das gel<strong>in</strong>gt auch – und ich möchte sagen, <strong>in</strong> großartiger Weise, durch die <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong><br />
des Künstlers Gunter Demnig. […] Die kle<strong>in</strong>en Mess<strong>in</strong>gste<strong>in</strong>e lassen uns immer wieder<br />
mitten im Alltag <strong>in</strong>nehalten: Wir beugen uns h<strong>in</strong>unter, um den Namen lesen zu können.<br />
Wir verbeugen uns vor den Menschen, die den Nationalsozialisten zum Opfer fielen.<br />
Und uns wird bewusst: Sie lebten hier, mitten unter uns. Es waren Nachbarn. Und auch<br />
wenn es heute ke<strong>in</strong>e Angehörigen mehr gibt: Sie s<strong>in</strong>d nicht vergessen! In diesem Jahr<br />
wird der Künstler voraussichtlich den 50.000. Stolperste<strong>in</strong> verlegen. Das ist e<strong>in</strong>e enorme<br />
Leistung und e<strong>in</strong> wunderbares Projekt. Es spricht übrigens gerade junge Leute an<br />
– schon alle<strong>in</strong> deshalb sollten wir die Verlegung von <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong>n weiter unterstützen.“<br />
S<strong>in</strong>d <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong> e<strong>in</strong> genormtes Er<strong>in</strong>nern aus Massenproduktion?<br />
Die Vernichtungsmasch<strong>in</strong>erie der Nationalsozialisten war e<strong>in</strong> akribisch geplanter<br />
Massenmord – <strong>in</strong> deutscher Gründlichkeit und bis <strong>in</strong>s Kle<strong>in</strong>ste durchorganisiert.<br />
Das Argument der Massenproduktion greift nicht, zumal der Künstler Wert darauf<br />
legt, dass die Herstellung der <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong> ausschließlich <strong>in</strong> Handarbeit erfolgt.<br />
Welche Kosten entstehen der Stadt <strong>Bruchsal</strong> durch die <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong>?<br />
Die Patenschaft für e<strong>in</strong>en Stolperste<strong>in</strong> kostet den Paten 120 €. Die Kosten für die<br />
Verlegung s<strong>in</strong>d hier <strong>in</strong>begriffen! Für die Stadt entstehen ke<strong>in</strong>e Ausgaben, lediglich<br />
der Aufwand für das Verfugen e<strong>in</strong>er Gehwegplatte. Oftmals übernehmen auch Firmen<br />
Patenschaften. Das manchmal von Gegnern der <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong> gehörte Argument,<br />
dass bestimmt ke<strong>in</strong>e Paten gefunden werden, man aber mit dieser Art des Er<strong>in</strong>nerns<br />
jetzt begonnen habe und die Kosten nun an der Geme<strong>in</strong>de hängen blieben,<br />
um die restlichen Ste<strong>in</strong>e - <strong>in</strong> <strong>Bruchsal</strong> <strong>in</strong>sgesamt ca. 150 Ste<strong>in</strong>e - verlegen zu lassen,<br />
greift nicht, wie die Erfahrungen anderer Kommunen zeigen. Hier wird übersehen,<br />
dass das Projekt ganz bewusst so angelegt ist, dass es langsam entsteht. Die Verlegung<br />
geschieht über Jahre h<strong>in</strong>weg.<br />
Wäre e<strong>in</strong> monumentales Mahnmal als Stätte<br />
der Er<strong>in</strong>nerung angesichts der Ungeheuerlichkeit<br />
des Massenmordes nicht angebrachter?<br />
<strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong> sollen und können<br />
solche Denkmale nur ergänzen.<br />
S<strong>in</strong>n ist es, die Namen und damit<br />
das Er<strong>in</strong>nern an den Ort<br />
zurück zu br<strong>in</strong>gen, wo die<br />
ermordeten Menschen zuletzt<br />
freiwillig lebten. Und<br />
das ist <strong>in</strong> unserer Mitte.<br />
Wann und wo werden die<br />
ersten <strong>Bruchsal</strong>er <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong><br />
verlegt?<br />
Nach e<strong>in</strong>em Festakt im<br />
<strong>Bruchsal</strong>er Rathaus werden<br />
am 19. April 2015 ab<br />
13 Uhr fünf <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong><br />
für die Familie Sicher <strong>in</strong><br />
der Bismarckstraße 18,<br />
danach drei <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong><br />
für die Familie Dreifuß<br />
<strong>in</strong> der Wilderichstraße<br />
23 und anschließend<br />
zwei <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong> <strong>in</strong> der<br />
Württemberger Straße 34<br />
für die Eheleute Jordan<br />
verlegt.<br />
Aus Anlass der ersten<br />
Stolperste<strong>in</strong>verlegung <strong>in</strong><br />
<strong>Bruchsal</strong> ersche<strong>in</strong>t diese<br />
Broschüre – zur Würdigung<br />
der Opfer und<br />
zur dauerhaften Er<strong>in</strong>nerung<br />
an diesen Tag. Das<br />
Schicksal der Opfer wird<br />
auf den folgenden Seiten<br />
erzählt.<br />
Passant beim Betrachten e<strong>in</strong>es <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong>s. Foto: R. Schmitt<br />
4 5
Fünf <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong> <strong>in</strong> der Bismarckstraße<br />
Der Initiative des Osnabrückers Benno<br />
Aulkemeyer ist es zu verdanken, dass<br />
der <strong>Bruchsal</strong>er Geme<strong>in</strong>derat am 25.<br />
März 2014 diesen Beschluss fasste: „Der<br />
Geme<strong>in</strong>derat trägt mit 26 zu 1 Stimme<br />
bei zwei Enthaltungen die privaten Initiativen<br />
zur Verlegung von „<strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong>n“<br />
im öffentlichen Verkehrsraum und damit<br />
e<strong>in</strong>er dezentralen Gedenkstätte mit.“<br />
Warum es Benno Aulkemeyer so wichtig<br />
war, dass wie <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er Heimatstadt<br />
Osnabrück auch <strong>in</strong> <strong>Bruchsal</strong> mittels<br />
<strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong>n der Opfer des Nationalsozialismus<br />
gedacht wird, schildert er<br />
selbst so:<br />
„In <strong>Bruchsal</strong> wohnte <strong>in</strong> der Nazi-Zeit<br />
die Familie Sicher. Das waren Fritz und<br />
Recha Sicher, deren K<strong>in</strong>der Emmy und<br />
Vorne: Fritz und Recha Sicher, dah<strong>in</strong>ter Sohn Ernst<br />
Joachim und Tochter Emmy. Aufnahme um 1938.<br />
Foto: E. Sicher<br />
Ernst sowie Recha Sichers Schwester Adelheid Heß. Bis auf Ernst kamen alle im<br />
Holocaust um. Ernst konnte mit e<strong>in</strong>em K<strong>in</strong>dertransport aus Deutschland fliehen.<br />
Der Sohn von Ernst Sicher ist der <strong>in</strong> London geborene und jetzt <strong>in</strong> Be‘er Sheva <strong>in</strong> Israel<br />
lebende Professor Efraim Sicher, der Kollege und Freund me<strong>in</strong>er Frau ist. Beide<br />
forschen über russisch-jüdische Literatur.<br />
Nachdem Efraim vor nunmehr über zwei Jahren auf e<strong>in</strong>er Konferenz <strong>in</strong> Heidelberg<br />
gewesen war – eigentlich wollte er nie <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em Leben deutschen Boden betreten<br />
– haben wir geme<strong>in</strong>sam mit me<strong>in</strong>em damals etwa e<strong>in</strong>jährigen Sohn Heidelberg besichtigt<br />
und s<strong>in</strong>d natürlich auch auf <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong> gestoßen. Diese <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong> waren<br />
der Anlass, auf Efraims Wunsch h<strong>in</strong> <strong>in</strong> die Heimatstadt se<strong>in</strong>er Familie <strong>in</strong>s nahe<br />
<strong>Bruchsal</strong> zu fahren. Dort besuchten wir die Stelle, wo e<strong>in</strong>st die Synagoge stand sowie<br />
den Ort, an dem Efraims Vorfahren bis 1940 wohnten: die Bismarckstraße 18. Vor<br />
diesem Haus machte ich e<strong>in</strong> Foto von Efraim, wie er me<strong>in</strong>en kle<strong>in</strong>en Sohn <strong>in</strong> se<strong>in</strong>en<br />
Armen wiegt. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich Pate von fünf <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong>n<br />
werden möchte: Für die ermordeten Vorfahren von Efraim sowie dessen Vater,<br />
der nur durch se<strong>in</strong>e Flucht nach England dem gleichen Schicksal entg<strong>in</strong>g.“<br />
Familie Sicher aus München<br />
Die Vorfahren von Fritz Sicher kamen aus dem tschechischen Janovice <strong>in</strong> der Nähe<br />
von Klattau. Er selbst wurde am 12. Juli 1882 <strong>in</strong> München als Sohn von David Sicher<br />
und Emilie Bloch geboren, die <strong>in</strong> München e<strong>in</strong>e Gerberei betrieben. Fritz Sicher<br />
absolvierte e<strong>in</strong>e kaufmännische Lehre, war im Ersten Weltkrieg <strong>in</strong> Mazedonien im<br />
E<strong>in</strong>satz und nach Kriegsende als Reisender <strong>in</strong> der Schuhbranche tätig.<br />
Fritz Sichers Brüder Richard und Ernst wurden im Holocaust ermordet, ebenso<br />
Elsa Pories, die Ehefrau von Ernst. Nur Rudolf, der vierte der Brüder, konnte den<br />
Holocaust <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em Versteck <strong>in</strong> Frankreich überleben.<br />
Emanuel und Elise Heß aus Malsch bei Wiesloch<br />
Im <strong>Bruchsal</strong>er Adressbuch des Jahres 1888 ist der <strong>in</strong> Malsch geborene Metzgermeister<br />
Emanuel Heß mit der Anschrift Württemberger Straße 6 erfasst. Er war<br />
verheiratet mit Elise, geborene Mayer aus Nussloch. Ob die Familie tatsächlich <strong>in</strong><br />
<strong>Bruchsal</strong> wohnte lässt sich nicht nachvollziehen, es könnte e<strong>in</strong>e Zweitwohnung gewesen<br />
se<strong>in</strong>, um zu repräsentieren oder hier Geschäfte zu machen. Emanuel und<br />
Elise hatten sieben K<strong>in</strong>der, alle <strong>in</strong> Malsch geboren. Gustav und Isaak fielen 1915 als<br />
Soldaten im Ersten Weltkrieg, Alfred zog nach Speyer, wo sich se<strong>in</strong>e Spuren verloren.<br />
Er soll den Holocaust <strong>in</strong> der Schweiz überlebt haben. Die Töchter erhielten<br />
die Namen Recha, Adelheid, Guta und Lilli. Guta heiratete Friedrich Metzger aus<br />
Speyer, Nachfahren leben heute <strong>in</strong> den USA. Recha, Adelheid und Lilli lebten und<br />
arbeiteten <strong>in</strong> <strong>Bruchsal</strong>.<br />
Lilli Heß und Siegfried Ullmann<br />
Lilli Heß war <strong>in</strong> <strong>Bruchsal</strong> Inhaber<strong>in</strong> e<strong>in</strong>es Geschäftes für Kurz-, Weiß- und Wollwaren.<br />
Wahrsche<strong>in</strong>lich 1936 heiratete sie den Viehhändler Siegfried Ullmann aus<br />
Haigerloch. Das Geschäft <strong>in</strong> der Friedrichstraße wurde auf behördliche Anordnung<br />
im Dezember 1938 e<strong>in</strong>gestellt. Lilli und Siegfried Ullmann wurden am 1. Dezember<br />
1941 von Stuttgart aus <strong>in</strong>s Ghetto Riga deportiert und nach dem Krieg für tot erklärt.<br />
Recha und Adelheid Heß als Damenschneider<strong>in</strong>nen <strong>in</strong> <strong>Bruchsal</strong><br />
Recha Heß, geboren am 18. Februar 1888 <strong>in</strong> Malsch, betrieb seit 1907 <strong>in</strong> <strong>Bruchsal</strong><br />
e<strong>in</strong>e Damenschneiderei. Ab etwa 1919 war ihre am 17. Oktober 1891 <strong>in</strong> Malsch geborene<br />
Schwester Adelheid ebenfalls <strong>in</strong> <strong>Bruchsal</strong> als Damenschneider<strong>in</strong> tätig. Am<br />
23. August 1920 heirateten <strong>in</strong> <strong>Bruchsal</strong> Fritz Sicher und Recha Heß.<br />
Von der Parterrewohnung <strong>in</strong> der Schillerstraße <strong>in</strong> die Bismarckstraße 18, 3. Stock<br />
Recha und Fritz Sicher hatten zwei K<strong>in</strong>der. Am 7. Juni 1921 wurde die Tochter Emmy<br />
geboren, am 9. März 1924 Sohn Ernst Joachim, der <strong>in</strong> der Schillerstraße 1 (heute<br />
6 7
Franz-Bläsi-Straße) zur Welt kam. Die<br />
K<strong>in</strong>der hatten bis zur Machtergreifung<br />
durch die Nationalsozialisten e<strong>in</strong>e idyllische<br />
K<strong>in</strong>dheit - so er<strong>in</strong>nert sich Efraim<br />
Sicher an Bemerkungen se<strong>in</strong>es Vaters; es<br />
war e<strong>in</strong>e glückliche Ehe.<br />
Die Kennkarte von Adelheid Heß. Kennkarten für<br />
Juden waren zusätzlich mit e<strong>in</strong>em großen Buchstaben<br />
J versehen. Foto: privat<br />
Fritz Sicher konnte nach der Machtergreifung<br />
aufgrund der Reisebeschränkungen<br />
für Juden se<strong>in</strong>e Tätigkeit als<br />
Reisender nicht mehr ausüben. So versuchte<br />
er mit e<strong>in</strong>em kle<strong>in</strong>en Lebensmittelhandel<br />
<strong>in</strong> der Bismarckstraße 18 se<strong>in</strong>e<br />
Familie über Wasser zu halten. Doch bereits im Herbst 1938 musste er als Jude se<strong>in</strong><br />
Lebensmittelgeschäft aufgeben. Se<strong>in</strong>e Frau Recha wurde gezwungen, ihren E<strong>in</strong>-Personen-Betrieb<br />
zum 31. Dezember 1938 aufgrund der „Verordnung zur Ausschaltung<br />
der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben” zu schließen. Jetzt verfügte die<br />
Familie über ke<strong>in</strong>erlei E<strong>in</strong>künfte mehr.<br />
Deportation nach Gurs und Auschwitz<br />
Am 22. Oktober 1940 wurden Recha und Fritz Sicher sowie Adelheid Heß von der<br />
Bismarckstraße 18 aus nach Gurs deportiert. Die Tochter Emmy arbeitete zu diesem<br />
Zeitpunkt <strong>in</strong> Karlsruhe und wurde von dort aus nach Gurs verschleppt. Wie<br />
ihre Mutter und Tante war auch sie Schneider<strong>in</strong>.<br />
Deportation der Familie Sicher nach Gurs: l<strong>in</strong>ks vorne Fritz Sicher, <strong>in</strong> der Bildmitte Recha Sicher, rechts<br />
daneben Adelheid Heß. Aufgenommen <strong>in</strong> der Pr<strong>in</strong>z-Wilhelm-Straße, im H<strong>in</strong>tergrund der Bürgerhof.<br />
Foto: Stadtarchiv <strong>Bruchsal</strong><br />
Nur der Sohn überlebte<br />
Den Holocaust überlebte nur Ernst Joachim Sicher, der mit e<strong>in</strong>em K<strong>in</strong>dertransport<br />
1939 aus Deutschland nach England entkam. Erst nach dem Krieg erfuhr er, dass<br />
se<strong>in</strong>e Familie ohne Ausnahme ermordet worden war. 1946 heiratete er <strong>in</strong> England<br />
Frances (Fanny) Skolnick. 1994 verstarb er 70-jährig <strong>in</strong> Israel, wo heute se<strong>in</strong> Sohn,<br />
Schwiegertochter, Enkel- und Urenkelk<strong>in</strong>der ihr Zuhause haben.<br />
Fritz Sicher überlebte das Internierungslager Gurs nicht. Am 7. April 1941 setzten<br />
Hunger und katastrophale hygienische Bed<strong>in</strong>gungen se<strong>in</strong>em Leben e<strong>in</strong> Ende. Er<br />
verstarb an e<strong>in</strong>er eitrigen Rippenfellentzündung im Krankenhaus von Pau.<br />
Adelheid Heß sowie Recha Sicher und deren Tochter Emmy wurden von Gurs aus<br />
<strong>in</strong>s Sammellager Drancy verbracht und mit über 1.000 anderen Inhaftierten am 10.<br />
August 1942 <strong>in</strong> verplombten Waggons <strong>in</strong>s Konzentrationslager Auschwitz deportiert.<br />
Hier erfolgte jetzt die „Selektion“. E<strong>in</strong> SS-Arzt unterteilte die Angekommenen durch<br />
e<strong>in</strong>en bloß flüchtigen Blick und e<strong>in</strong>e kurze Handbewegung nach rechts oder l<strong>in</strong>ks<br />
<strong>in</strong> „Arbeitsfähige“ und „Arbeitsunfähige“. Es g<strong>in</strong>g ganz schnell, ganz reibungslos,<br />
l<strong>in</strong>ks, rechts. Die als „arbeitsfähig“ e<strong>in</strong>gestuften Personen wurden registriert und <strong>in</strong><br />
das Lager aufgenommen. Wer als „arbeitsunfähig“ galt, war zum Tode verurteilt und<br />
wurde sofort nach der Ankunft <strong>in</strong> den Gaskammern ermordet und dann verbrannt.<br />
Adelheid, Recha und die 21-jährige Emmy wurden nach dem Krieg für tot erklärt.<br />
Aufgenommen 1941 <strong>in</strong> Gurs. Von l<strong>in</strong>ks: Emmy Sicher, Recha Sicher und Adelheid Heß. Foto: E. Sicher<br />
8 9
Efraim Sicher erzählt. Me<strong>in</strong> Vater Ernst Joachim<br />
Der <strong>in</strong> Israel lebende<br />
Sohn von Ernst Joachim<br />
Sicher hat die<br />
Lebens- und Leidensgeschichte<br />
se<strong>in</strong>es Vaters<br />
aufgeschrieben.<br />
E<strong>in</strong>iges erschloss sich<br />
ihm erst beim Sichten<br />
des Nachlasses, darunter<br />
die von se<strong>in</strong>em<br />
Vater <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em abgegriffenen<br />
Schulheft<br />
niedergeschriebenen<br />
Er<strong>in</strong>nerungen an dessen<br />
Familie und Geburtsstadt<br />
<strong>Bruchsal</strong>. Wie viele Opfer des Nationalsozialismus sprach Efraim Sichers<br />
Vater so gut wie nie über das Geschehene – es war zu schmerzhaft für ihn.<br />
Me<strong>in</strong> Vater Ernst Joachim Sicher kam am 9. März 1924 <strong>in</strong> der <strong>Bruchsal</strong>er Schillerstraße<br />
1 als zweites K<strong>in</strong>d von Fritz und Recha Sicher zur Welt. Se<strong>in</strong>e Schwester<br />
Emmy war da bereits fast drei Jahre alt. Später wohnte die Familie am Bahnhofsplatz<br />
9, dann <strong>in</strong> der Bahnhofstraße 5 und zuletzt <strong>in</strong> der Bismarckstraße 18. Me<strong>in</strong><br />
Vater und se<strong>in</strong>e Schwester hatten bis 1933 e<strong>in</strong>e idyllische K<strong>in</strong>dheit.<br />
Nazis verprügelten den Großvater<br />
Hitler wurde am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt und schon vor der<br />
Reichstagswahl im März 1933 wurden<br />
Juden <strong>in</strong> <strong>Bruchsal</strong> drangsaliert<br />
oder gar zusammengeschlagen.<br />
Me<strong>in</strong> Vater beschrieb <strong>in</strong> se<strong>in</strong>en Memoiren<br />
e<strong>in</strong> schreckliches Erlebnis,<br />
das me<strong>in</strong>em Großvater widerfuhr.<br />
E<strong>in</strong>es Abends kam me<strong>in</strong> Großvater<br />
Fritz mit e<strong>in</strong>er blutenden Platzwunde<br />
am Kopf nach Hause. Die<br />
Nazis hatten ihn verprügelt und<br />
ihn und andere jüdische Bürger gezwungen,<br />
Wahlplakate von Zäunen<br />
Frances und Ernest Sicher heirateten im Juni 1946. Foto: E. Sicher<br />
L<strong>in</strong>ks beim Leiterwagen Fritz Sicher. Die Aufnahme<br />
entstand wahrsche<strong>in</strong>lich <strong>in</strong> der Bismarckstraße.<br />
Foto: Stadtarchiv <strong>Bruchsal</strong><br />
und Häuserwänden zu entfernen.<br />
E<strong>in</strong> Arzt wurde gerufen und legte<br />
e<strong>in</strong>en Verband an. Aus Furcht vor<br />
Repressalien oder gar Inhaftierung<br />
zeigte me<strong>in</strong> Großvater die Übeltäter<br />
nicht an. Me<strong>in</strong> Vater beschrieb <strong>in</strong><br />
se<strong>in</strong>en Memoiren auch se<strong>in</strong>e ständige<br />
Angst, alle<strong>in</strong>e auf die Straße zu<br />
gehen.<br />
Obwohl me<strong>in</strong>e Großeltern nicht<br />
sehr religiös waren, beachteten sie<br />
die jüdischen Speisevorschriften,<br />
was jedoch durch schikanöse Gesetze<br />
erschwert wurde. So war es nicht mehr möglich, koscheres Fleisch zu kaufen, da<br />
für ganz Deutschland e<strong>in</strong> Schächtverbot erlassen wurde, das das rituelle Schlachten<br />
nach dem jüdischen Religionsgesetz untersagte.<br />
Novemberpogrome<br />
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die <strong>Bruchsal</strong>er Synagoge von<br />
SA- und SS-Leuten niedergebrannt. In diesen Tagen waren die Straßen für jüdische<br />
Männer nicht sicher. Sie wurden <strong>in</strong>haftiert und <strong>in</strong>s Konzentrationslager Dachau abtransportiert.<br />
Jüdischen K<strong>in</strong>dern war bereits seit Oktober 1935 verboten, öffentliche Schulen zu<br />
besuchen. Me<strong>in</strong> Vater musste jeden Tag mit dem Zug zu e<strong>in</strong>er jüdischen Schule<br />
nach Mannheim fahren. Als er am Morgen des 10. November 1938 bei der Schule<br />
ankam, stellte er voller Schrecken<br />
fest, dass diese nicht mehr existierte.<br />
SA-Leute hatten sie zusammen<br />
mit der benachbarten Synagoge <strong>in</strong><br />
die Luft gesprengt. Danach musste<br />
me<strong>in</strong> Vater e<strong>in</strong>e Juden vorbehaltene<br />
Berufsschule <strong>in</strong> Karlsruhe besuchen.<br />
Nach den Novemberpogromen war<br />
me<strong>in</strong>en Großeltern Recha und Fritz<br />
endgültig klar, dass sie ihre Heimat<br />
verlassen mussten. Sie beschlos-<br />
Fritz Sicher im schwarzen Anzug beim Re<strong>in</strong>igen e<strong>in</strong>er<br />
Wand. Er hat e<strong>in</strong>en gut sichtbaren Kopfverband, weil er<br />
e<strong>in</strong>e blutende Kopfwunde hatte - verursacht durch die<br />
Nazis. Foto: Stadtarchiv <strong>Bruchsal</strong>.<br />
Unbedenklichkeitsbesche<strong>in</strong>igung für Ernst Joachim<br />
Sicher, ausgestellt von der <strong>Bruchsal</strong>er Stadtkasse.<br />
Foto: E. Sicher<br />
10 11
sen, zunächst ihre K<strong>in</strong>der außer Landes<br />
zu br<strong>in</strong>gen. Emmy wurde zu Verwandten<br />
nach Pilsen geschickt. Aber bereits nach<br />
drei Wochen kam sie wieder zurück. Sie war<br />
unglücklich und hatte Heimweh. Doch die<br />
geplante Emigration der ganzen Familie war<br />
zwischenzeitlich nicht mehr möglich. Me<strong>in</strong>e<br />
Großeltern hatten zwar Visa beim amerikanischen<br />
Konsulat beantragt, aber die USA<br />
nahmen ke<strong>in</strong>e Flüchtl<strong>in</strong>ge mehr auf.<br />
Flucht mit e<strong>in</strong>em K<strong>in</strong>dertransport<br />
Mit K<strong>in</strong>dertransporten konnten zwischen<br />
Ende 1938 und dem Kriegsbeg<strong>in</strong>n am 1. K<strong>in</strong>dertransport 1939. Foto: privat<br />
September 1939 über 10.000 jüdische K<strong>in</strong>der <strong>in</strong>s Exil nach Großbritannien flüchten.<br />
Emmy war 1939 mit 18 Jahren zu alt für den K<strong>in</strong>dertransport, sie musste <strong>in</strong><br />
Deutschland bleiben. So konnte nur me<strong>in</strong> 15-jähriger Vater mit e<strong>in</strong>em K<strong>in</strong>dertransport<br />
entkommen.<br />
Zusammen mit vielen anderen K<strong>in</strong>dern erreichte er mit dem Schiff die englische<br />
Hafenstadt Harwich. Von dort g<strong>in</strong>g es mit dem Zug weiter zur Liverpool Street Station<br />
<strong>in</strong> London, wo Pflegefamilien auf die Emigranten warten sollten. Auf me<strong>in</strong>en<br />
Vater wartete jedoch niemand, woraufh<strong>in</strong> er zunächst <strong>in</strong> e<strong>in</strong> altes Lagerhaus gesperrt<br />
wurde. Da mittlerweile Krieg herrschte, konnten K<strong>in</strong>der ohne Pflegefamilien<br />
nicht mehr zurück geschickt werden.<br />
E<strong>in</strong> Flüchtl<strong>in</strong>gskomitee fand für me<strong>in</strong>en Vater auf dem Gutshof der Familie Russell<br />
<strong>in</strong> Weedon e<strong>in</strong>e Bleibe. Dort musste er für Unterkunft und Verpflegung schwer arbeiten.<br />
1940 beschloss die britische Regierung, alle über 16 Jahre alten männlichen<br />
deutschen Emigranten als „Fe<strong>in</strong>dstaatenausländer“ festzusetzen. Auch me<strong>in</strong> Vater<br />
wurde auf der Isle of Man <strong>in</strong>terniert. Nur unter der Auflage, wieder als Zwangsarbeiter<br />
auf dem Landgut zu arbeiten, wurde er aus dem Internierungslager entlassen.<br />
Glücklicherweise ergab sich für ihn die Möglichkeit, <strong>in</strong> Leeds die ORT Technical<br />
Eng<strong>in</strong>eer<strong>in</strong>g School zu besuchen, wo er zusammen mit anderen jüdischen Jungen<br />
aus Deutschland für e<strong>in</strong>en technischen Beruf ausgebildet wurde.<br />
Gurs und Auschwitz<br />
Die Eltern me<strong>in</strong>es Vaters, se<strong>in</strong>e Schwester Emmy sowie Tante Adelheid wurden am<br />
22. Oktober 1940 <strong>in</strong>s Internierungslager Gurs <strong>in</strong> Frankreich deportiert. Zunächst<br />
konnten sich me<strong>in</strong> Vater <strong>in</strong> England und se<strong>in</strong>e Familie <strong>in</strong> Gurs noch Briefe schreiben.<br />
So musste er auf diesem Wege erfahren, dass se<strong>in</strong> Vater aufgrund der katastrophalen<br />
Zustände <strong>in</strong> Gurs am 7. April 1941 im Krankenhaus von Pau verstarb.<br />
Ab August 1942 wurden die Briefe me<strong>in</strong>es Vaters se<strong>in</strong>en Angehörigen <strong>in</strong> Gurs nicht<br />
mehr ausgehändigt; sie kamen als unzustellbar zurück. Erst nach Ende des 2. Weltkrieges<br />
erfuhr er, dass am 10. August 1942 se<strong>in</strong>e Familienangehörigen von Gurs<br />
nach Auschwitz deportiert wurden. Se<strong>in</strong>e Mutter Recha, se<strong>in</strong>e Schwester Emmy<br />
und se<strong>in</strong>e Tante Adelheid wurden sofort nach der Ankunft <strong>in</strong> Auschwitz vergast.<br />
Bei der britischen Armee<br />
Mit 18 Jahren wurde me<strong>in</strong> Vater Soldat<br />
der britischen Armee und diente bei der<br />
Jüdischen Brigade <strong>in</strong> Ägypten. So konnte<br />
er e<strong>in</strong>erseits die verhassten Nationalsozialisten<br />
bekämpfen und andererseits britischer<br />
Staatsbürger werden. Doch er hatte<br />
im Holocaust nahezu se<strong>in</strong>e gesamte Familie<br />
verloren. Nur wenige entfernte Verwandte<br />
blieben am Leben. Onkel Rudolf<br />
Sicher überstand die Kriegsjahre <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em<br />
Versteck <strong>in</strong> Frankreich, Onkel Alfred Heß<br />
überlebte <strong>in</strong> der Schweiz.<br />
Ernst Joachim Sicher (l<strong>in</strong>ks) bei der<br />
britischen Armee. Um 1945. Foto: E. Sicher<br />
Besuch im zerstörten <strong>Bruchsal</strong><br />
Kurz nach dem Krieg besuchte me<strong>in</strong> Vater <strong>Bruchsal</strong> und fand e<strong>in</strong>e zerstörte Stadt<br />
vor. In der Bismarckstraße sprach ihn e<strong>in</strong>e <strong>Bruchsal</strong>er<strong>in</strong> an, die se<strong>in</strong>e Familie vor<br />
deren Deportation ab und zu unterstützte. Sie wollte ihm e<strong>in</strong> Gemälde aus dem<br />
Besitz se<strong>in</strong>er Eltern mitgeben, doch me<strong>in</strong> Vater lehnte ab, was er e<strong>in</strong>ige Zeit bereute.<br />
Später wurde ihm jedoch klar, dass er so viel verloren hatte - für all se<strong>in</strong>e Schmerzen<br />
könne ihn e<strong>in</strong> Bild nicht entschädigen. Im Juni 1946 heiratete me<strong>in</strong> Vater Fanny<br />
(Frances) Skolnick und begann e<strong>in</strong> neues Leben als freier Bürger <strong>in</strong> Großbritannien.<br />
Auswanderung nach Israel<br />
Um <strong>in</strong> der Nähe ihrer Enkelk<strong>in</strong>der zu se<strong>in</strong>, wanderten me<strong>in</strong>e Eltern im Jahre 1983<br />
nach Israel aus, wo ich als deren e<strong>in</strong>ziges K<strong>in</strong>d mit me<strong>in</strong>er Frau Rakhel seit 1980 lebe.<br />
Me<strong>in</strong>e Mutter starb bereits 1988, me<strong>in</strong> Vater verstarb 1994 im Alter von 70 Jahren<br />
an Herzversagen. Doch die Geschichte der Familie Sicher geht <strong>in</strong> Israel weiter. Hier<br />
wuchsen die Enkelk<strong>in</strong>der von Ernest und Fanny Sicher als freie Bürger <strong>in</strong> ihrem<br />
eigenen Land auf. Mittlerweile wachsen die Ururenkelk<strong>in</strong>der von Recha und Fritz<br />
Sicher <strong>in</strong> Israel heran.<br />
12 13
„Zu den Akten, die auszuscheiden s<strong>in</strong>d“<br />
(Biografie Familie Dreifuß)<br />
Prof. Julius Dreifuß<br />
Mathilde Dreifuß<br />
Gustav Leopold Dreifuß<br />
Am 14. Oktober 1955 vermerkte e<strong>in</strong> Landesbediensteter des Regierungspräsidiums<br />
Nordbaden unter dem Aktenzeichen „Nr. II 2 a 6“ <strong>in</strong> der Besoldungsakte von<br />
„Dreifuß Julius, Prof. a. D.“, dem ehemaligen Lehrer am <strong>Bruchsal</strong>er humanistischen<br />
Gymnasium (heute Schönborngymnasium):<br />
versteht er den Unterricht anregend zu gestalten“, so e<strong>in</strong> Aktene<strong>in</strong>trag. Dreifuß wird<br />
<strong>in</strong> den Akten aber auch als „e<strong>in</strong>e sehr <strong>in</strong> sich selbst zurückziehende Gelehrtennatur“<br />
beschrieben, „so dass man fast wünschen möchte, er käme mehr <strong>in</strong> die Öffentlichkeit<br />
und nähme etwas an dem gesellschaftlichen Leben der Stadt teil“. Möglicherweise<br />
trugen se<strong>in</strong>e Krankheiten und se<strong>in</strong> starkes H<strong>in</strong>ken zu se<strong>in</strong>er Zurückhaltung und<br />
se<strong>in</strong>em von manchen als schroff wahrgenommenen Wesen bei.<br />
Am 12. April 1918 heirateten Julius Dreifuß und die am 26. Mai 1887 <strong>in</strong> Rastatt<br />
geborene Mathilde Nachmann. Ob Julius Dreifuß während se<strong>in</strong>er Tätigkeit am<br />
Rastatter Gymnasium Mathilde kennen lernte, oder ob die Ehe durch damals übliche<br />
Heiratsvermittlung zustande kam, ist nicht bekannt. Mathilde war das dritte<br />
von vier K<strong>in</strong>dern von Leopold Nachmann und Bella Rosenfeld. Die Rastatter jüdische<br />
Familie Nachmann war <strong>in</strong> ihrem Heimatort gut bekannt und angesehen.<br />
Mit der Heirat gab Julius Dreifuß se<strong>in</strong>e Bleibe <strong>in</strong> der Schlossstraße 9 <strong>in</strong> <strong>Bruchsal</strong> auf<br />
und bezog zusammen mit se<strong>in</strong>er Frau e<strong>in</strong>e Wohnung <strong>in</strong> der Wilderichstraße 23. E<strong>in</strong>ige<br />
Jahre später, am 21. Januar 1921, wurde Mathilde Dreifuß von Gustav Leopold<br />
entbunden. Er sollte das e<strong>in</strong>zige K<strong>in</strong>d der Eheleute bleiben.<br />
I. Der Obengenannte wurde am 1.9.1942 nach dem Osten evakuiert. Versorgungsbezüge<br />
werden von hier nicht bezahlt.<br />
II. Karteikarte zur Abtl. A. [Archiv - Anm. d. Verf.]<br />
III. Z. d. A. die auszuscheiden s<strong>in</strong>d.<br />
Mit diesen dürren Worten zogen Bürokraten 1955 e<strong>in</strong>en Schlussstrich unter zwei<br />
Menschenleben, die ihr Ende im Holocaust gefunden hatten.<br />
Julius Dreifuß aus Lörrach und Mathilde Nachmann aus Rastatt<br />
Julius Dreifuß wurde am 16. September 1876 <strong>in</strong> Lörrach als Sohn des Breisacher Religionslehrers<br />
Jacob Dreifuß und der aus Worms stammenden Augusta Friedmann<br />
geboren. In Lörrach besuchte er das Gymnasium und bestand die Abiturprüfung<br />
mit der Note „sehr gut“.<br />
Wie der frühere Ordnungsamtsleiter Hubert Ihle bei der heutigen Auswertung der<br />
Akten des Generallandesarchives <strong>in</strong> Karlsruhe weiter herausfand, studierte Dreifuß<br />
<strong>in</strong> Heidelberg klassische Philologie, war ab April 1900 als Lehramtspraktikant<br />
am dortigen Gymnasium beschäftigt und ab 1901 <strong>in</strong> Rastatt. Im Juni 1905 erhielt<br />
er se<strong>in</strong>e erste planmäßige Anstellung als Professor am <strong>Bruchsal</strong>er Gymnasium. Er<br />
unterrichtete Griechisch, Late<strong>in</strong> und Deutsch. Als „gründlicher Kenner der Sprache<br />
Lehrerkollegium des <strong>Bruchsal</strong>er Gymnasiums 1930. H<strong>in</strong>tere Reihe 3. v. l. Dr. Ludwig Marx,<br />
4. v. r. Prof. Julius Dreifuß. Foto: Stadtarchiv <strong>Bruchsal</strong><br />
Julius Dreifuß war politisch engagiert. Er war Mitglied der Eisernen Front, e<strong>in</strong>er<br />
Kampfvere<strong>in</strong>igung von Sozialdemokraten und Gewerkschaften, die das Ziel hatte,<br />
die Weimarer Republik und die Demokratie gegen Angriffe von Nationalsozialisten,<br />
Kommunisten sowie der konservativen „Adelskamarilla“ zu verteidigen.<br />
E<strong>in</strong> Besuch bei der Tante <strong>in</strong> <strong>Bruchsal</strong><br />
E<strong>in</strong>e heute <strong>in</strong> Israel lebende Nichte von Mathilde Dreifuß erzählte kürzlich von e<strong>in</strong>em<br />
Besuch bei ihrer Tante <strong>in</strong> <strong>Bruchsal</strong> während der Schulferien <strong>in</strong> den frühen<br />
14 15
Vordere Reihe sitzend von l<strong>in</strong>ks: Fritz Nachmann (Bruder von Mathilde), Bella Nachmann, geb. Rosenfeld<br />
(Mutter von Mathilde), Rosie und deren Schwester Gertrude, Betty (Schwester von Mathilde), Alfred Wachter<br />
(Ehemann von Betty), Leps (Sohn von Alfred und Betty). H<strong>in</strong>tere Reihe stehend von l<strong>in</strong>ks: Hilda, geb. Ettl<strong>in</strong>ger<br />
(Ehefrau von Fritz Nachmann), Julius Dreifuß, Elsa (Ehefrau von Karl Nachmann), Mathilde (Ehefrau von<br />
Julius Dreifuß) Karl Nachmann (Bruder von Mathilde), Johanna (Schwester von Bella, Tante von Mathilde),<br />
Hannah Bär (e<strong>in</strong>e Kus<strong>in</strong>e) und Arthur Nachmann (Bruder von Mathilde). Um 1920. Foto: B. Dallas<br />
1930er Jahren. Nach über 80 Jahren er<strong>in</strong>nert sie sich heute noch an e<strong>in</strong>e Schar Buben,<br />
die vor dem Wohnhaus der Familie Dreifuß <strong>in</strong> der Wilderichstraße aufmarschierten<br />
und Julius Dreifuß wegen se<strong>in</strong>er Gehbeh<strong>in</strong>derung verbal schmähten und<br />
verhöhnten. Mathilde Dreifuß trat daraufh<strong>in</strong> vors Haus und verjagte die Schreihälse,<br />
die gröhlend im nahen Schlossgarten verschwanden.<br />
Versetzung <strong>in</strong> den Ruhestand<br />
Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt und mit der<br />
– allerd<strong>in</strong>gs nicht mehr freien - Reichstagswahl im März 1933 übernahmen die Nationalsozialisten<br />
die Macht. Bereits am 7. April 1933 wurde das „Gesetz zur Wiederherstellung<br />
des Berufsbeamtentums“ verkündet, mit dem jüdische Mitarbeiter aus<br />
dem Staatsdienst entfernt werden sollten. In <strong>Bruchsal</strong> betraf dies neben dem Gymnasiallehrer<br />
Prof. Dr. Ludwig Marx, dem Volksschullehrer Wilhelm Prager und der<br />
Klavierlehrer<strong>in</strong> Berta Kahn auch Prof. Julius Dreifuß. Dessen Personalakte berichtet<br />
lapidar: „7.4.1933 mit sof. Wirkung vom Dienst beurlaubt“. Am 1. Mai 1933 stellte<br />
Dreifuß e<strong>in</strong> Ersuchen um Zurruhesetzung aus gesundheitlichen Gründen. Das notwendige<br />
Gutachten wurde von se<strong>in</strong>em Hausarzt erstellt, dem bekannten <strong>Bruchsal</strong>er<br />
Arzt Dr. Schmich. Am 6. Juni 1933 g<strong>in</strong>g Prof. Dreifuß <strong>in</strong> den Ruhestand. Mitte März<br />
1934 gab die Familie ihre <strong>Bruchsal</strong>er Wohnung auf und zog nach Frankfurt.<br />
Familienmitglieder <strong>in</strong> Frankfurt<br />
In Frankfurt hatte Mathildes jüngerer Bruder Fritz Nachmann seit 1918 e<strong>in</strong>e gute<br />
Anstellung bei der Frankfurter Zeitung als hoch geschätzter Schriftleiter. Aufgrund<br />
der politischen Situation wurde er von se<strong>in</strong>em Arbeitgeber „<strong>in</strong> Verfolg des Schriftleitergesetzes“<br />
entlassen und schied zum Juli 1937 aus dem Unternehmen aus, „da<br />
er sich im Ausland e<strong>in</strong>e neue Existenz gründen will“, so der Arbeitgeber im Arbeitszeugnis.<br />
Im Anschreiben zum Zeugnis wurde, nicht üblich bei der Kündigung e<strong>in</strong>es<br />
jüdischen Mitarbeiters, betont: „Wir möchten nicht verfehlen, Ihnen bei dieser Gelegenheit<br />
für die treuen Dienste [...] unseren herzlichen Dank auszusprechen“.<br />
Die Entlassung traf die ganze Familie sehr hart, hatte Fritz Nachmann doch große<br />
soziale und f<strong>in</strong>anzielle Verpflichtungen. Mittlerweile wohnten viele se<strong>in</strong>er Verwandten<br />
<strong>in</strong> Frankfurt. Mit se<strong>in</strong>em Gehalt sorgte er für se<strong>in</strong>e Frau, die drei K<strong>in</strong>der,<br />
teilweise für Mutter, Schwiegermutter und für weitere arbeitslose Verwandte, wie<br />
auch die Familie Dreifuß. Noch 1937 verließen Fritz und Hilda Nachmann sowie<br />
deren K<strong>in</strong>der Ruth, Lothar und Greta ihre Heimat <strong>in</strong> Richtung Amerika, andere<br />
Angehörige flohen nach Frankreich oder Paläst<strong>in</strong>a.<br />
Ke<strong>in</strong>e Flucht und Tod<br />
Julius und Mathilde Dreifuß emigrierten nicht aus Deutschland. Vielleicht bekam<br />
Julius Dreifuß wegen se<strong>in</strong>er Gesundheitsprobleme ke<strong>in</strong> Visum. Sohn Gustav Leopold<br />
entkam 1939 mit e<strong>in</strong>em K<strong>in</strong>dertransport nach England. Julius und Mathilde<br />
Dreifuß versuchten wie viele andere Juden auch <strong>in</strong> der Anonymität der Großstadt<br />
Frankfurt unterzutauchen. Sie entkamen ihren Häschern jedoch nicht. Im September<br />
1942 wurden sie <strong>in</strong>s Ghetto von Theresienstadt deportiert. Dort verstarb Julius<br />
Dreifuß am 16. November 1942. Als Todesursachen wurden „Darmkatarrh und Altersschwäche“<br />
diagnostiziert.<br />
„Nachmann, das ist nicht arisch“<br />
Knapp e<strong>in</strong>en Monat nach dem Tod von Julius Dreifuß schrieb die Badische Landeshauptkasse<br />
an das F<strong>in</strong>anz- und Wirtschaftsm<strong>in</strong>isterium Karlsruhe: „Der Obengenannte<br />
ist [am 1. September 1942] nach dem Osten evakuiert worden. Dreifuss ist mit<br />
e<strong>in</strong>er arischen Frau verheiratet. Aus der Ehe ist e<strong>in</strong> Sohn (Mischl<strong>in</strong>g) hervorgegangen.<br />
Wenn Dreifuss die Pension entzogen wird, dann müsste die Frau […] e<strong>in</strong>e Witwenpension<br />
bekommen.“ Auf diesem Schreiben bef<strong>in</strong>den sich zwei handschriftliche Anmerkungen:<br />
„geb. [geborene – Anm. d. Verf.] Nachmann d. i. [das ist – Anm. d. Verf.]<br />
nicht arisch“ und, dies bekräftigend: „Die Frau … geborene Nachmann ist wohl kaum<br />
arisch, sie ist mit dem Mann zusammen […] evakuiert worden“. So war sicher gestellt,<br />
dass ke<strong>in</strong>e Witwenpension an e<strong>in</strong>e nichtarische Person bezahlt wird.<br />
Tod <strong>in</strong> Auschwitz<br />
Mathilde Dreifuß wurde Ende Januar 1943 im Güterwagen <strong>in</strong>s Vernichtungslager<br />
Auschwitz deportiert. An der „Judenrampe“ wurde sie aussortiert und musste von hier<br />
direkt den Weg <strong>in</strong> die Gaskammer antreten. Ihre sterblichen Überreste wurden zur<br />
Verbrennung <strong>in</strong> e<strong>in</strong>en Ofen der Krematorien gebracht. Die Knochen wurden zermahlen<br />
und die Asche wie die der anderen Opfer auf den umliegenden Feldern verstreut.<br />
16 17
Auf der Suche nach e<strong>in</strong>em – zunächst –<br />
Unbekannten<br />
„Und nun zu me<strong>in</strong>em Onkel Julius<br />
[Dreifuß – Anm. d. Verf.] und Tante<br />
Mathilde. In den Ferien [<strong>in</strong> den<br />
1930er Jahren – Anm. d. Verf.] war<br />
ich e<strong>in</strong>mal bei ihnen <strong>in</strong> <strong>Bruchsal</strong>. Unser<br />
Kontakt war nicht sehr eng. Ich<br />
weiß aber noch, dass Tante Mathilde<br />
und Onkel Julius e<strong>in</strong>en Sohn hatten,<br />
der später nach England geschickt<br />
wurde und dort bei e<strong>in</strong>em Priester<br />
aufgewachsen ist.“ So schrieb Edith<br />
Ramon, e<strong>in</strong>e während des Holocaust<br />
nach Israel geflohene Rastatter<strong>in</strong>,<br />
<strong>in</strong> e<strong>in</strong>em Brief an Beteiligte<br />
der Stolperste<strong>in</strong>aktion.<br />
Das <strong>Bruchsal</strong>er Ehepaar Julius und<br />
Mathilde Dreifuß, beide 1942/43<br />
im Holocaust umgekommen, hatten<br />
e<strong>in</strong>en Sohn? Nirgends gab es<br />
bislang H<strong>in</strong>weise darauf – weder<br />
<strong>in</strong> der Karteikartensammlung des<br />
<strong>Bruchsal</strong>er Standesbeamten Dreher<br />
noch <strong>in</strong> den e<strong>in</strong>schlägigen Büchern<br />
zum Nazi-Terror <strong>in</strong> <strong>Bruchsal</strong>. Trugbild<br />
e<strong>in</strong>er 94-Jährigen? Nach 80<br />
Jahren können Er<strong>in</strong>nerungen verblassen,<br />
manches, an das man sich<br />
Gustav Leopold Dreifuß, bekleidet <strong>in</strong> der damals modernen<br />
alpenländischen Trachtenmode. Aufnahme 1928.<br />
Foto: B. Dallas<br />
er<strong>in</strong>nert, hat so nie stattgefunden. Trotzdem. Was, wenn Ediths Er<strong>in</strong>nerung doch<br />
nicht trog? Sollte man dem H<strong>in</strong>weis nicht nachgehen? Aber wenn, wie weiter vorgehen?<br />
Edith Ramon kennt den Namen ihres Cous<strong>in</strong>s nicht mehr, doch dem H<strong>in</strong>weis auf<br />
die Verschickung nach England nachzugehen erschien lohnend, legt dieser doch<br />
nahe, dass der Cous<strong>in</strong> vielleicht mit e<strong>in</strong>em K<strong>in</strong>dertransport entkommen konnte.<br />
Dies würde bedeuten, dass er 1938/39 nicht älter als 18 Jahre alt se<strong>in</strong> konnte, durften<br />
doch K<strong>in</strong>der nur bis zu diesem Alter auf den K<strong>in</strong>dertransport gehen. Die Hochzeit<br />
der Eltern 1918 wiederum lässt darauf schließen, dass der Junge nach diesem Zeitpunkt<br />
zur Welt kam. Da Edith dem Jungen <strong>in</strong> <strong>Bruchsal</strong> begegnete, muss er vor dem<br />
Umzug der Familie im Jahre 1934 nach Frankfurt geboren worden se<strong>in</strong>.<br />
Das Jüdische Museum <strong>in</strong> Berl<strong>in</strong> kann nicht weiter helfen<br />
E<strong>in</strong>e Anfrage beim Jüdischen Museum <strong>in</strong> Berl<strong>in</strong> ergab, dass es im dortigen Archiv Unterlagen<br />
zu e<strong>in</strong>igen K<strong>in</strong>dern mit dem Nachnamen Dreifuß gibt, die <strong>in</strong> den genannten<br />
Zeit<strong>in</strong>tervall gepasst hätten, aber Geburtsort oder die Angabe zu den Eltern schlossen<br />
jedes dieser K<strong>in</strong>der als zur <strong>Bruchsal</strong>er Dreifuß-Familie gehörend aus. Was tun? Die<br />
Suche aufgegeben, den H<strong>in</strong>weis von Edith Ramon endgültig als Trugbild abtun?<br />
E<strong>in</strong> erster H<strong>in</strong>weis vom Archiv<br />
Schließlich konnte der Archivar des Leo-Baeck-Instituts <strong>in</strong> New York, Michael Simonson,<br />
e<strong>in</strong>en wertvollen H<strong>in</strong>weis geben. So bef<strong>in</strong>det sich im Archiv des LBI e<strong>in</strong> Dossier<br />
zu der jüdischen Rastatter Familie Nachmann, also zu den Eltern und weiteren Angehörigen<br />
von Mathilde Dreifuß. In e<strong>in</strong>em unveröffentlichten Manuskript <strong>in</strong> dieser Akte<br />
mit dem Titel „The old order changeth. Memoirs of persecution and emigration“ (Die<br />
alte Ordnung wandelt sich. Er<strong>in</strong>nerungen an Verfolgung und Emigration) s<strong>in</strong>d die<br />
Lebensgeschichten von Angehörigen der Familie Nachmann aufgezeichnet, die dem<br />
Holocaust entr<strong>in</strong>nen konnten.<br />
E<strong>in</strong> Satz von Greta Nachmann<br />
aus diesem Manuskript elektrisierte:<br />
„Back <strong>in</strong> Frankfurt the<br />
arrangements were made to<br />
pack and leave, and to say our<br />
good-byes to our friends and<br />
relatives there – Onkel Alfred,<br />
Tante Johanna, Tante Mathilde,<br />
Onkel Julius, and cous<strong>in</strong><br />
Auszug aus dem Schreiben von Edith Ramon.<br />
Leopold. Of the last four only Leopold survived the war, hav<strong>in</strong>g escaped to England“.<br />
(Zurück <strong>in</strong> Frankfurt trafen wir Vorkehrungen zum Packen und zur Abreise. Unseren<br />
Freunden und Verwandten wollten wir Lebewohl sagen – Onkel Alfred, Tante<br />
Johanna, Tante Mathilde, Onkel Julius und Cous<strong>in</strong> Leopold. Von den vier letzteren<br />
überlebte nur Leopold den Krieg, er konnte nach England entkommen).<br />
„Tante Mathilde, Onkel Julius und Cous<strong>in</strong> Leopold“, schrieb die Autor<strong>in</strong>, „nur Cous<strong>in</strong><br />
Leopold überlebte den Krieg, er konnte nach England entkommen“. Deckte sich dies<br />
nicht mit den Er<strong>in</strong>nerungen von Edith Ramon? Konnte „Cous<strong>in</strong> Leopold“ tatsächlich<br />
der gesuchte Sohn von Julius und Mathilde Dreifuß se<strong>in</strong>?<br />
18 19
Zurück <strong>in</strong> die Region – <strong>in</strong>s Generallandesarchiv <strong>in</strong> Karlsruhe<br />
E<strong>in</strong> Gespräch mit e<strong>in</strong>em <strong>Bruchsal</strong>er Historiker brachte e<strong>in</strong>en weiteren wertvollen<br />
Tipp. Wenn Julius Dreifuß Lehrer war, könnte es vielleicht im Generallandesarchiv<br />
<strong>in</strong> Karlsruhe noch e<strong>in</strong>e Personalakte von ihm geben.<br />
Tatsächlich. Die Dienstakte existiert und dar<strong>in</strong> ist e<strong>in</strong> K<strong>in</strong>d verzeichnet: „Gustav<br />
Leopold 21.01.1921 <strong>in</strong> Karlsruhe“. Bei dem von Greta Nachmann erwähnten Leopold<br />
handelt es sich wirklich um den Sohn von Mathilde und Julius Dreifuß. Die<br />
94-jährige Edith Ramon er<strong>in</strong>nerte<br />
sich korrekt an e<strong>in</strong> über<br />
80 Jahre zurückliegendes Ereignis.<br />
Mit den nun vorliegenden Daten war e<strong>in</strong>e substantiellere Recherche möglich und<br />
im Internet konnte e<strong>in</strong> weiteres Dokument gefunden werden. Auf Seite 4966 der digital<br />
verfügbaren London Gazette vom 14. September 1948 ist unter vielen anderen<br />
auch dieser E<strong>in</strong>trag zu f<strong>in</strong>den: „Dreifuss, Gustav Leopold (known as Leo Dreifuss),<br />
Germany, Student, 43, L<strong>in</strong>den Avenue, Orrell, Near Wigan, Lancashire, 28 July, 1948“.<br />
Diese amtliche Veröffentlichung <strong>in</strong>formierte darüber, dass Leopold Dreifuß den<br />
Treueeid (Oath of Allegiance) „to His Majesty, K<strong>in</strong>g George the Sixth, His Heirs and<br />
Succeccossors“ abgelegt hatte. Ab diesem Zeitpunkt war er britischer Staatsbürger.<br />
Die Tochter von Leo Rosenberg hilft weiter<br />
Die Londoner Ahnenforscher<strong>in</strong><br />
Jeanette Rosenberg recherchierte<br />
vor Ort weiter und wurde<br />
fündig. Sie fand heraus, dass<br />
Leo bereits vor e<strong>in</strong>igen Jahren<br />
verstarb und auch die Namen<br />
se<strong>in</strong>er englischen Eltern konnte<br />
sie ermitteln. Dies waren Lottie<br />
Fearnley und Fred Lea, die bis<br />
Mitte 1931 Mitglieder e<strong>in</strong>er<br />
Auszug aus „The London Gazette“.<br />
Ausschnitt aus der E<strong>in</strong>bürgerungsurkunde<br />
von Leo Dreifuß. Foto: privat<br />
strenggläubigen baptistischen Geme<strong>in</strong>de waren - daher vielleicht Ediths Äußerung,<br />
Leo sei „bei e<strong>in</strong>em Priester aufgewachsen“. Später konvertierten die Adoptiveltern<br />
zur anglikanischen Kirche.<br />
Über Leos Leben <strong>in</strong> England weiß man nur wenig. Es ist nicht bekannt, was er studierte.<br />
Bis zu se<strong>in</strong>er Zurruhesetzung war er am Wigan & Leigh College als Hochschuldozent<br />
für Mathematik beschäftigt. Leo war nie verheiratet, zu se<strong>in</strong>en <strong>in</strong> Israel<br />
und den USA lebenden Verwandten hatte er ke<strong>in</strong>en Kontakt.<br />
Grabste<strong>in</strong> für Leo Dreifuß und dessen englische<br />
Pflegeeltern Fred und Lottie Lea auf dem Friedhof der<br />
St. Lukas-Geme<strong>in</strong>de <strong>in</strong> Orrell. Foto: privat<br />
zuvor Weihnachtsgrüße.<br />
Frühere Mitbürger aus Wigan<br />
er<strong>in</strong>nern sich an Leo Dreifuß<br />
Eileen Bithell und Eileen Walsh,<br />
die <strong>in</strong> den 1990er Jahren <strong>in</strong> Wigan<br />
die geme<strong>in</strong>nützige E<strong>in</strong>richtung<br />
„BETA –Basic Education &<br />
Tra<strong>in</strong><strong>in</strong>g for Adults“ aufbauten,<br />
er<strong>in</strong>nern sich noch heute an ihre<br />
Zusammenarbeit mit Leo. Auch<br />
nach se<strong>in</strong>er Pensionierung besuchte<br />
er mehrmals jährlich das<br />
BETA-Ausbildungs- und Tra<strong>in</strong><strong>in</strong>gscenter<br />
für Erwachsene, das<br />
ihn sehr bee<strong>in</strong>druckte. Die beiden<br />
Eileens nannte der zu der<br />
Zeit <strong>in</strong> den 70ern stehende Leo<br />
verschmitzt se<strong>in</strong>e „two lovely<br />
girls“. Jedes Jahr schickte Leo e<strong>in</strong>e<br />
Weihnachtskarte an die „zwei reizenden<br />
Mädchen“, doch im Dezember<br />
1999 erhielten die beiden<br />
Frauen nicht wie <strong>in</strong> den Jahren<br />
Da sie sehr mit dem Aufbau des weltweit ersten geme<strong>in</strong>nützigen Internetcafés befasst<br />
waren, realisierten sie erst Monate später, dass Leo mittlerweile verstorben war.<br />
Se<strong>in</strong>e letzten Lebensjahre verbrachte Gustav Leopold Dreifuß <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em Altenpflegeheim<br />
<strong>in</strong> Orrell und verstarb am 14. September 1999 im Alter von 78 Jahren. Beigesetzt<br />
wurde er im Grab se<strong>in</strong>er englischen Eltern auf dem St. Luke-Friedhof <strong>in</strong><br />
Orrell, der englischen Geme<strong>in</strong>de, <strong>in</strong> der er nach se<strong>in</strong>er Flucht aus Deutschland über<br />
60 Jahre lebte.<br />
Nach dem Tode wieder vere<strong>in</strong>t<br />
Am 19. April 2015 werden sowohl für Julius und Mathilde Dreifuß als auch für deren<br />
Sohn Gustav Leopold Dreifuß <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong> verlegt. Der ausführende Künstler<br />
Gunter Demnig schrieb dazu: „Me<strong>in</strong> Projekt ist grundsätzlich so angelegt, dass Leo<br />
unbed<strong>in</strong>gt dazu gehört. Die Familie soll wieder zusammen se<strong>in</strong>“.<br />
20 21
„Auch wenn‘s nicht koscher ist“<br />
(Biografie Eheleute Jordan)<br />
Das Verlobungsbild von Lotte und Walter Jordan. Das Paar wurde 1942 <strong>in</strong> Auschwitz ermordet. Foto: privat<br />
Es gibt nur sehr Weniges, das an Lotte und Walter Jordan er<strong>in</strong>nert. Im <strong>Bruchsal</strong>er<br />
Stadtarchiv bef<strong>in</strong>det sich lediglich e<strong>in</strong>e blaue Karteikarte <strong>in</strong> der sogenannten<br />
„Judenkartei“, <strong>in</strong> der <strong>in</strong> dürren Worten Namen, Geburtsdaten und Adresse von<br />
Lotte und Walter Jordan genannt s<strong>in</strong>d. Auch Alexia Kira Haus schreibt <strong>in</strong> ihrem<br />
Buch „<strong>Bruchsal</strong> und der Nationalsozialismus“ nicht viel mehr: „Jordan, Jakob Walter,<br />
Kaufmann, geb. 25.9.1914 <strong>in</strong> Hochelheim / Wetzlar, verh. mit Lotte Pfeffer aus<br />
<strong>Bruchsal</strong>. Wohnhaft: <strong>Bruchsal</strong>, Württemberger Straße 34, Schicksal: 1940 wurde das<br />
Ehepaar nach Gurs / Südfrankreich deportiert und am 4.9.1942 nach Auschwitz gebracht.<br />
Dort verloren sich ihre Spuren“. Darüber h<strong>in</strong>aus bef<strong>in</strong>det sich <strong>in</strong> diesem Buch<br />
noch e<strong>in</strong> E<strong>in</strong>trag zu den Eltern von Lotte, Abraham Pfeffer und Klara Stern.<br />
Es waren also recht dürftige Informationen, die für Lotte und Walter Jordan, für<br />
die <strong>in</strong> <strong>Bruchsal</strong> am 19. April 2015 <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong> verlegt werden, zunächst vorlagen.<br />
Erst Internetrecherchen sowie der Bericht e<strong>in</strong>er Zeitzeug<strong>in</strong> vermochten, die zunächst<br />
doch recht dürre Biografie der beiden <strong>Bruchsal</strong>er Mitbürger zu ergänzen<br />
und e<strong>in</strong> detaillierteres Bild von Lotte und Walter Jordan zu zeichnen.<br />
Jacob Walter Jordan aus Hochelheim<br />
Die Hüttenberger Geme<strong>in</strong>dearchivar<strong>in</strong> Christiane Schmidt befasst sich bereits seit<br />
vielen Jahren mit dem Schicksal der Hüttenberger jüdischen Familien und berichtet<br />
<strong>in</strong> ihrem Buch „Jüdisches Leben <strong>in</strong> Hüttenberg“ auch über den Hochelheimer Jacob<br />
Walter Jordan (Rufname Walter).<br />
Danach wurde Walter als jüngstes K<strong>in</strong>d von Ignatz und Franziska Jordan im Jahre<br />
1914 geboren. Walters Vater starb bereits 1918 <strong>in</strong> Kriegsgefangenschaft, dessen Witwe<br />
betrieb das „Gemischtwarengeschäft Ignaz Jordan“ weiter, um für den Lebensunterhalt<br />
von Walter und dessen beiden älteren Brüdern Hermann und Ludwig zu<br />
sorgen. Mutter Franziska verstarb, als Walter 15 Jahre alt war. Ob und wo Walter<br />
Jordan e<strong>in</strong>e Berufsausbildung gemacht hat ist nicht bekannt; als Beruf wird „Kaufmann“<br />
angegeben.<br />
Lotte Pfeffer aus <strong>Bruchsal</strong><br />
Zu den Eltern von Lotte Pfeffer konnte Alexia Kira Haus umfangreiche Informationen<br />
zusammentragen. Danach war Lottes Vater der 1859 <strong>in</strong> Russland geborene<br />
Schneidermeister Abraham Pfeffer. In erster Ehe war er mit Lea Moses verheiratet.<br />
Das Ehepaar wohnte <strong>in</strong> M<strong>in</strong>golsheim, wo auch ihre beiden K<strong>in</strong>der zur Welt kamen -<br />
1885 M<strong>in</strong>a und 1888 Max. M<strong>in</strong>a heiratete den katholisch getauften Karl Krennerich<br />
aus Imsweiler, Max arbeitete <strong>in</strong> der <strong>Bruchsal</strong>er Kirchgasse 4 als Schneider, heiratete<br />
die katholische Johanna Magdalena Löhle<strong>in</strong> aus Amberg und konvertierte zum Katholizismus.<br />
Aus der Ehe g<strong>in</strong>gen zwei K<strong>in</strong>der hervor, Elisabeth und Eva.<br />
Nach dem Tod von Lea im Jahre 1910 heiratete Abraham Pfeffer erneut. Se<strong>in</strong>e zweite<br />
Ehefrau wurde 1912 die 1875 <strong>in</strong> Malsch bei Karlsruhe geborenen Klara Stern.<br />
1914 kam Sohn Walter zur Welt, der jedoch sechs Wochen nach der Geburt verstarb.<br />
Am 27. Juni 1916 wurde <strong>in</strong> <strong>Bruchsal</strong> Tochter Lotte geboren.<br />
E<strong>in</strong>e Hochzeit <strong>in</strong> <strong>Bruchsal</strong><br />
Wie der gebürtige Hochelheimer Walter<br />
Jordan vom Hessischen <strong>in</strong> das bald 200<br />
km entfernte <strong>Bruchsal</strong> gekommen ist<br />
beziehungsweise wer die Heirat arrangiert<br />
hat ist nicht bekannt. Noch 1938<br />
soll er im hessischen Ebersgöns bei se<strong>in</strong>em<br />
ältesten Bruder Hermann gewohnt<br />
haben. Am 30. Mai 1938 heirateten <strong>in</strong><br />
<strong>Bruchsal</strong> Lotte Pfeffer und Walter Jordan<br />
und wohnten <strong>in</strong> Lottes Elternhaus<br />
<strong>in</strong> der Württemberger Straße 34.<br />
Verschleppung nach Dachau<br />
Nur wenige Monate nach der Hochzeit,<br />
im November 1938, wurde Walter Jordan<br />
<strong>in</strong> das KZ Dachau verschleppt. Zu<br />
Franziska Jordan mit (von l<strong>in</strong>ks) Ludwig, Walter<br />
und Hermann um 1916. Ihr Mann Ignatz war zu<br />
dieser Zeit im Krieg. Foto: privat<br />
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Fuß, flankiert von Polizeibeamten und unter dem Gejohle von K<strong>in</strong>dern, mussten<br />
die männlichen <strong>Bruchsal</strong>er Juden zum Bahnhof laufen. Dort angekommen, stießen<br />
SA-Leute sie die Treppen h<strong>in</strong>unter und bespuckten sie. Das Leben <strong>in</strong> Dachau bestand<br />
aus Hunger, Durst, Kälte, Demütigungen und Grausamkeiten. Nicht bekannt<br />
ist, wann Walter aus Dachau entlassen wurde und zu se<strong>in</strong>er Frau nach <strong>Bruchsal</strong><br />
zurück kehren konnte.<br />
E<strong>in</strong>e Zeitzeug<strong>in</strong> er<strong>in</strong>nert sich<br />
E<strong>in</strong>e <strong>in</strong> der Obervorstadt aufgewachsene <strong>Bruchsal</strong>er<strong>in</strong>, mittlerweile <strong>in</strong> den Achtzigern,<br />
er<strong>in</strong>nert sich noch heute lebhaft an Lotte und Walter Jordan. Sie berichtete,<br />
Lotte sei „so e<strong>in</strong>e liebe Person“ gewesen, „e<strong>in</strong>e Schönheit, mit heller Haut und roten<br />
Haaren“. E<strong>in</strong>mal soll Walter Jordan sie und zwei andere K<strong>in</strong>der gefragt haben, was<br />
sie denn gegen ihn hätten. Die K<strong>in</strong>der antworteten betroffen, sie dürften mit Juden<br />
nicht mehr sprechen, sonst würden sie angezeigt werden. Walter Jordan antwortete:<br />
„Ihr armen K<strong>in</strong>der“.<br />
In der Schule habe sie, die Zeitzeug<strong>in</strong>, „gelernt“, dass „die Juden st<strong>in</strong>ken“. Zuhause<br />
am Mittagstisch, es war etwa im Jahr 1934 oder 1935, sagte sie zu ihren Eltern sie<br />
verstehe das nicht, sie kenne doch die Lotte so gut und sei öfters bei ihr um Kakao<br />
zu tr<strong>in</strong>ken und Kuchen zu essen, aber die Lotte st<strong>in</strong>ke doch überhaupt nicht. Die<br />
Eltern schwiegen betreten.<br />
Es soll Anwohner der Württemberger Straße gegeben haben, die trotz angedrohter<br />
Repressalien den dort wohnenden Juden halfen. So soll e<strong>in</strong>e Frau Haag ab und an <strong>in</strong><br />
e<strong>in</strong>em irdenen Topf Milch bei den Jordans vor die Tür gestellt haben und der Metzger<br />
Karl Kirchgäßner machte Päckchen mit Fleisch und Wurst, die er Lotte und<br />
Walter heimlich zusteckte, „auch wenn‘s nicht koscher ist“, wie er gesagt haben soll.<br />
Szene aus e<strong>in</strong>em Propagandafilm mit dem<br />
Titel: „<strong>Bruchsal</strong> judenfrei! Die letzten Juden<br />
verlassen <strong>Bruchsal</strong>“. Aufgenommen<br />
22. Oktober 1940 am <strong>Bruchsal</strong>er Bahnhof.<br />
Foto: Stadtarchiv <strong>Bruchsal</strong><br />
Deportation und Ermordung<br />
Die Novemberpogrome von 1938 lösten <strong>in</strong><br />
Deutschland e<strong>in</strong>e Massenflucht jüdischer<br />
Mitbürger aus, Lotte und Walter Jordan<br />
blieben jedoch <strong>in</strong> <strong>Bruchsal</strong>. Warum ihnen<br />
die Flucht nicht gelang, lässt sich heute<br />
nicht mehr feststellen.<br />
Am Morgen des 22. Oktober 1940 wurden<br />
90 jüdische Mitbürger aus <strong>Bruchsal</strong> nach<br />
Gurs <strong>in</strong> Frankreich deportiert. Lotte und<br />
Walter waren mit 24 und 26 Jahren die e<strong>in</strong>zigen<br />
<strong>in</strong> der Altersgruppe der jungen Erwachsenen. Beide überlebten die unvorstellbar<br />
harten Lebensbed<strong>in</strong>gungen im Internierungslager und wurden im August<br />
1942 von Gurs über das Sammellager Drancy nach Auschwitz verbracht. Das Todesdatum<br />
ist nicht bekannt. Es wurde für beide nachträglich auf den 31. August<br />
1942 festgelegt.<br />
Als letztes Zeugnis von Lotte und<br />
Walter Jordan existiert e<strong>in</strong> „Kassenabschluss<br />
der Abteilung jüdisches<br />
Vermögen vom 31.1.1942<br />
am F<strong>in</strong>anzamt <strong>Bruchsal</strong>“. Dort<br />
werden als Vermögen des Walter<br />
Jordan 2.048,89 Reichsmark<br />
genannt. Ob das um 1938/1939<br />
Schoah-Gedenkstätte <strong>in</strong> Paris. Foto: privat<br />
von Lotte und Walter Jordan geerbte<br />
<strong>Bruchsal</strong>er „Mietwohngrundstück“ <strong>in</strong> diesem Betrag wertmäßig erfasst ist, ist<br />
nicht bekannt. In Paris wird an der Schoah-Gedenkstätte (Mémorial de la Shoah)<br />
durch die e<strong>in</strong>gravierten Namen „Lotte JORDAN 1916“ und „Walter JORDAN 1914“<br />
der beiden früheren <strong>Bruchsal</strong>er Mitbürger gedacht.<br />
Familienangehörige<br />
Walter Jordans Bruder Hermann wurde zusammen mit dessen Frau Hedwig deportiert.<br />
Hermann wurde im Konzentrationslager Majdanek, Hedwig im Vernichtungslager<br />
Sobibor ermordet. Ludwig Jordan konnte <strong>in</strong> die USA fliehen, wo er 1954<br />
verstarb. Es leben noch Nachfahren der Familie Jordan <strong>in</strong> den USA, die sich sehr<br />
darüber freuen, dass nach der Verlegung von <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong>n im August 2014 <strong>in</strong><br />
Ebersgöns nun auch <strong>in</strong> <strong>Bruchsal</strong> <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong> für ihre Angehörigen verlegt werden.<br />
Lottes Halbbruder Max Pfeffer emigrierte 1939 nach Brasilien, se<strong>in</strong>e katholische<br />
Frau und se<strong>in</strong>e beiden Töchter blieben<br />
<strong>in</strong> Deutschland. Die Ehe wurde<br />
1942 zwangsweise geschieden.<br />
1948 kehrte er nach Deutschland<br />
zurück und heiratete se<strong>in</strong>e Frau im<br />
württembergischen Aalen erneut.<br />
1969 verstarb er <strong>in</strong> Italien. Zum<br />
Verbleib von Lottes Halbschwester<br />
M<strong>in</strong>a und deren Ehemann Karl<br />
Krennerich gibt es ke<strong>in</strong>e Informationen.<br />
E<strong>in</strong>wanderungsurkunde von Max Pfeffer nach Brasilien.<br />
Foto: privat<br />
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Wie geht es weiter?<br />
Mit der erstmaligen Verlegung<br />
von <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong>n <strong>in</strong><br />
<strong>Bruchsal</strong> am 19. April 2015<br />
ist das Projekt natürlich<br />
nicht abgeschlossen. Der Tag<br />
soll vielmehr selbst erst am<br />
Beg<strong>in</strong>n e<strong>in</strong>er längerfristig<br />
Foto: Kar<strong>in</strong> Richert<br />
angelegten ehrenamtlichen<br />
Gedenkarbeit stehen. Engagement<br />
ist gefragt, wenn<br />
es um die Erforschung der<br />
Schicksale von NS-Opfern<br />
geht, von Menschen, die ihren<br />
letzten Wohnsitz <strong>in</strong> unserer<br />
Stadt hatten, die dann<br />
aber verfolgt, ausgegrenzt,<br />
vertrieben oder ermordet<br />
wurden. Hierzu gehören Juden,<br />
S<strong>in</strong>ti und Roma, Euthanasie-Opfer,<br />
Deserteure, Homosexuelle, ethnisch, religiös oder politisch Verfolgte.<br />
Auch für die Opfergruppe der Zwangsarbeiter können <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong> verlegt werden.<br />
E<strong>in</strong>e wichtige Rolle bei den weiteren Bemühungen spielen die Schulen. Viele Stolperste<strong>in</strong>projekte<br />
werden geme<strong>in</strong>sam mit Bildungse<strong>in</strong>richtungen durchgeführt. Die<br />
Schüler erarbeiten im Unterricht die Geschichte des Nationalsozialismus anhand<br />
von <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong>n und bereiten oft sogar organisatorisch deren Verlegung vor.<br />
Auch <strong>in</strong> <strong>Bruchsal</strong> gehen die Bemühungen <strong>in</strong> diese Richtung. Schon jetzt <strong>in</strong>teressieren<br />
und engagieren sich Schulen für das Projekt, konkret ist am Justus-Knecht-<br />
Gymnasium die E<strong>in</strong>richtung e<strong>in</strong>er Arbeitsgruppe mit Schüler<strong>in</strong>nen und Schülern<br />
der Kursstufe und der Klassen 8 im Rahmen e<strong>in</strong>er Projektstunde vorgesehen, um<br />
Vorschläge für die Verlegung weiterer <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong> <strong>in</strong> <strong>Bruchsal</strong> zu unterbreiten. Die<br />
Jugend mit <strong>in</strong> dieses Thema e<strong>in</strong>zub<strong>in</strong>den ist e<strong>in</strong> ganz wichtiger Aspekt bei dieser Art<br />
des Gedenkens. Es muss aufgeklärt werden, denn nur Bildung hilft gegen Antisemitismus<br />
und Fremdenfe<strong>in</strong>dlichkeit.<br />
Aber auch jeder geschichtlich Interessierte ist weiterh<strong>in</strong> aufgerufen, sich <strong>in</strong> das Projekt<br />
e<strong>in</strong>zubr<strong>in</strong>gen. Wer kennt weitere Opfer des NS-Unrechts, wer er<strong>in</strong>nert sich an<br />
Namen und Schicksale? Jeder kann sich mit der Initiative für die Verlegung von<br />
<strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong>n <strong>in</strong> Verb<strong>in</strong>dung setzen, die Organisationen werden versuchen, den<br />
H<strong>in</strong>weisen nachzugehen. Kontakt: rolf.schmitt@reserve8.de, Tel. 07251/16426.<br />
Die BürgerStiftung <strong>Bruchsal</strong> hat die wichtige Aufgabe übernommen, auch künftig<br />
Mittel für weitere <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong> e<strong>in</strong>zuwerben. Schon zum jetzigen Zeitpunkt stehen<br />
Gelder von privaten Spendern zur Verfügung, die bereits an e<strong>in</strong>e zweite Verlegung<br />
im Frühjahr 2016 denken lassen. Jeder Ste<strong>in</strong> kostet 120 Euro – dieser Betrag kann<br />
jederzeit zweckgebunden an die BürgerStiftung gespendet werden und wird <strong>in</strong> vollem<br />
Umfang für dieses Projekt e<strong>in</strong>gesetzt.<br />
Konten<br />
Sparkasse Kraichgau · IBAN DE 7566 3500 3600 0777 7777<br />
Volksbank <strong>Bruchsal</strong>-Bretten · IBAN DE 5666 3912 0000 0080 0600<br />
Bei Beträgen von 25 bis 200 Euro reicht – bei Angabe des Verwendungszwecks –<br />
der E<strong>in</strong>zahlungsbeleg als Spendenbesche<strong>in</strong>igung aus. Jeder Spender erhält selbstverständlich<br />
e<strong>in</strong>e E<strong>in</strong>ladung zur nächsten Stolperste<strong>in</strong>verlegung, daher bitte auch<br />
die postalische Adresse beim Verwendungszweck vermerken.<br />
Das Dritte Reich und se<strong>in</strong>e Opfer<br />
Es war der größte Zivilisationsbruch <strong>in</strong> der Geschichte. Das nationalsozialistische Regime<br />
tötete Millionen Juden, S<strong>in</strong>ti und Roma, Homosexuelle und andere Bevölkerungsgruppen.<br />
Mit den Euthanasieanstalten und Konzentrationslagern wurde der Massenmord<br />
<strong>in</strong>dustrialisiert.<br />
Bereits 1933 begann die Verfolgung der Juden, die <strong>in</strong> wenigen Jahren aus vollen Staatsbürgern<br />
rechtlose Verfolgte machte. Es wurden rund sechs Millionen Juden ermordet.<br />
· Etwa 120 <strong>Bruchsal</strong>er Juden wurden ermordet, viele weitere gequält und vertrieben. Für<br />
zehn dieser Menschen werden jetzt <strong>Stolperste<strong>in</strong>e</strong> verlegt.<br />
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