Spuren des Glaubens

kathkircheooe

Die Grundlagen unseres Glaubens - verständlich erklärt.

Spuren des Glaubens

glaubens wert


Spuren des Glaubens


versprochen

geliebt

gefragt

versöhnt

erlöst

geheilt

geschlagen

auferweckt

erfüllt

versammelt


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Einleitung

Die vorliegende Broschüre möchte Sie zur Spurensuche

einladen, um gemeinsam oder auch

für sich selbst den Wert des Glaubens (neu) zu

entdecken. Im Besonderen richtet sich die Broschüre

an haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter in den unterschiedlichsten

kirchlichen Tätigkeitsfeldern.

Grundidee, Aufbau und Themen

Die einzelnen Impulse in dieser Broschüre verbindet

ein roter Faden bzw. eine gemeinsame

Leitidee: „Womit bekomme ich es zu tun, wenn

ich es mit dem Christentum bzw. dem Glauben

der Christinnen und Christen zu tun habe“. Im

Blick liegt eine erwachsenengemäße Erschließung

des Glaubens und seiner Folgen für das

Leben.

Nach einem Einleitungsteil, der sich mit zwei

wesentlichen Voraussetzungen – der Taufe

und dem Hören – beschäftigt („Worauf kommt

es an“), werden zehn Grundbotschaften bzw.

Schlüsselworte des Glaubens „ausgelotet“:

versprochen, geliebt, gefragt, versöhnt, erlöst,

geheilt, geschlagen, auferweckt, erfüllt und versammelt.

Diese zehn Grundbotschaften wurden

aus mehreren Vorschlä-gen ausgewählt. Nach

den Schlüsselworten folgen Gedanken zur Eucharistie

und zur Bedeutung der „Wandlung“

für das eigene Leben. Die Einbettung der zehn

Schlüsselworte zwischen Taufe und Eucharistie

macht anschaulich, wie sehr der Glaube von der

Taufe und der Eucharistie her Kraft und Profil

bekommt. Beide Sakramente haben mit dem

Leben zu tun und eröffnen wertvolle Zugänge

zum Alltag wie zum eigenen Glauben. Als Abschlusstext

findet sich eine Meditation über das

Vaterunser. Für Jesus war gerade dieses Gebet

der entscheidende Weg, wie Gott in seiner ganzen

Menschlichkeit im eigenen Leben ankommen

und wirksam werden kann.

Autoren sowie Arbeitsgruppe

Die einzelnen Impulse bestehen aus zwei Teilen

bzw. Aspekten. Der erzählerische Teil, dem es um

das existenzielle Erschließen des christlichen

Glaubens geht, wird im unmittelbar anschließenden

zweiten (und kürzeren) Teil durch eine

theologisch-systematische Vertiefung ergänzt.

Die erzähleri-schen Texte stammen aus der Feder

von Stefan Schlager, Leiter des Referates für

Theologische Erwachsenenbildung im Pastoralamt

Linz. Die theologischen Vertiefungen wurden

von Franz Gru-ber, Professor für Dogmatik

an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität

Linz, geschrieben.

Das Konzept und die Grundausrichtung der Broschüre

sowie die Schlussredaktion lagen in der

Verantwortung einer eigenen Arbeitsgruppe.

Die Mitglieder dieser Arbeitsgruppe waren:

Mag. a Irmgard Lehner, Rektor Ernst Bräuer,

Univ.-Prof. Dr. Franz Gruber und

Dr. Stefan Schlager.

Einsatzmöglichkeiten

Die Broschüre will als Grundlage für Glaubensgespräche

dienen (z. B. im Rahmen einer PGR-

Sitzung, einer Jugendstunde, einer Frauen- oder

Männergruppe, einer Familienrunde u.Ä.). So

können die einzelnen Texte als Einstieg ins Gespräch

bzw. als inhaltliche Zusammenfassung

genommen werden.

glaubens wert


Die ausformulierten Fragen wiederum sind

konkrete Anregungen, um leichter in das jeweilige

Thema einsteigen zu können. Selbstverständlich

dient die Broschüre auch für die

eigene und persönliche „Vergewisserung“ im

Glauben.

Wir wünschen den Leserinnen und Lesern dieser

Broschüre viel Freude am Glauben und persönlichen

Gewinn bei ihrer „Spurensuche“!

Irmgard Lehner,

Ernst Bräuer,

Franz Gruber,

Stefan Schlager

(Arbeitsgruppe „glaubenswert“-Broschüre)

Zur Grafischen Umsetzung

Wenn wir über unseren Glauben sprechen. so gelingt es uns nur

die Konturen zu kommunizieren. Zu bunt und verzweigt sind die

konkreten Erscheinungsformen Gottes in unserem Leben, um sie

ausreichend in Worte zu fassen.

Der Schattenriss von Pflanzen erscheint mir in diesem Zusammenhang

ein legitimes Mittel, um zu illustrieren, was Glauben sein

kann. Ein tragfähiges Gerüst, eine Lebensader oder ...

Stefan Teufel

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Auf dem Weg sein: –

die Taufe

„Ich bin dann mal weg“ – sagte der deutsche

Komiker Harpe Kerkeling vor einiger Zeit und

brach ohne große Vorbereitungen auf eine

Pilgerreise nach Santiago de Compostela auf.

Sechs Wochen hielt der ungeübte Wanderer

durch – und machte auf seinem Weg kostbare

Erfahrungen. Diese hielt der „Buddhist mit

christlichem Überbau“ in einem humorvollen

und zugleich tiefsinnigen Buch fest.

Sich selbst auf den Weg machen, ähnlich wie

es zahlreiche Menschen heute als Pilgerinnen

und Pilger tun – dazu will auch diese Broschüre

einladen. Sie möchte ermutigen, den eigenen

Glauben – für sich und in Gemeinschaft – neu

zu entdecken und das Christentum als etwas

Kostbares, Lebensnahes und „wertvoll“ Vitales

zu erfahren. Das Wort „erfahren“ leitet sich übrigens

vom Gehen ab. Das mittelhochdeutsche

Wort „ervarn“ heißt sov iel wie „reisend erkunden“,

„durchfahren“, „durchwandern“ und „kennenlernen“.

Je intensiver sich also ein Mensch auf die Suche

macht, je mehr er seinen Glauben mitten im Leben

kennenlernt und die Tauglichkeit des christlichen

Weges im Alltag ausprobiert, umso authentischer

und frischer wird er wohl über den

eigenen Glauben sprechen können – und seinen

Glauben neu für sich und seine Zeit buchstabieren.

Wer sich diese „Spurensuche“ jedoch erspart

und sich statt dessen mit „Vorgekochtem“

oder „Aufgewärmtem“ begnügt, dem wird die

Erfahrung verloren gehen, dass Religion etwas

Frisches, Nahrhaftes und Kräftigendes ist.

Inspirationsquelle Taufe –

worum es im Christentum geht

Ein guter Einstieg, ein guter Ausgangspunkt

für die „Spurensuche“ im eigenen Glauben ist

die Taufe. Sie macht anschaulich, worum es im

Christentum geht und was dabei wesentlich ist.

Denn: Durch die Taufe auf den Namen Jesu wird

der bzw. die Getaufte in eine neue Geschichte,

in einen neuen Weg, in eine neue Beziehung, in

ein neues Lebensmodell „hineingetaucht“.

In Galater 3,26-27 findet sich ein originelles Bild

dafür. Paulus vergleicht hier die Getauften mit

Menschen, die „Christus als Gewand angelegt“

haben. Christ- bzw. Christin-Sein ist dementsprechend

zu vergleichen mit einem „Hineinwachsen“

in ein neues „Gewand“: Bei der Taufe

ist dieses Gewand wohl noch eine Nummer zu

groß. Auch in den späteren Jahren wird dieses

Gewand nie ganz ausgefüllt werden können.

Aber der Reiz, der Sinn und das Herausfordernde

bestehen darin, immer mehr hineinzuwachsen

und hineinzupassen – in das Denken und Handeln

Jesu. So gesehen kann von der Taufe her

gut erschlossen werden, was Glauben bedeutet:

Sich immer mehr von dem leiten, prägen und

inspirieren lassen, was den Mann aus Nazaret

geleitet, inspiriert, geprägt hat. Letztlich geht

es darum, sich – wenigstens anfanghaft – von

jener Intention anstecken, von jenem Geist, von

jenem „Logos“ ansprechen zu lassen, der Jesus

Christus selbst bewegt hat (Jürgen Werbick).

Die Taufe ist deshalb Zu-Eignung des neuen Lebens,

und das neue Leben An-Eignung der Taufe

(Günther Bornkamm).

Leider gibt es auch die Erfahrung, dass Menschen

meinen, diesem „Tauf-Gewand“ mit fortschreitender

Lebensdauer zu entwachsen. Der Glaube

als „Kindersache“ scheint nicht mehr passend.

Ebenso gibt es Christinnen und Christen, die der

Meinung sind, der Glaube sei ihnen immer eine

Nummer zu groß – und nur für Menschen nach

Maß bestimmt.

Existenzielles Hören

Damit die „AnEignung“ der Taufe – und des neuen

Lebens – gelingen kann, braucht es einen be-

glaubens wert


sonderen Zugang, eine besondere „Lebenseinstellung“:

das Hören. Nur auf diese Weise ist es

möglich, eine wirkliche Ahnung von dem zu bekommen,

was Jesus selbst bewegt hat. Ein Beispiel,

wie „grundlegend“ und unverzichtbar das

Hinhören für Christinnen und Christen ist, findet

sich am Beginn der Bergpredigt. Hier heißt

es in Matthäus 5,1: „Als Jesus die vielen Menschen

sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich,

und seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er

zu reden und lehrte sie.“

Was bei dieser Stelle auffällt, ist, dass Jesus sich

niedersetzt, als er zu lehren beginnt (während

er hingegen bei der Lesung aus der Thora stehen

bleibt). Die Jünger und Jüngerinnen verstehen

dieses Signal – und treten neugierig hinzu. Sie

wollen nichts von dem versäumen, was Jesus

nun aus eigener Autorität und Einsicht zu sagen

hat. Sie sind „ganz Ohr“, ganz auf Bereitschaft

und Empfang geschaltet. Bernhard von Clairvaux

(~1090 bis 1153) hat dieses Hinzutreten

der Jünger als „existenzielles Hinzutreten“ gedeutet:

„Sie traten nicht in erster Linie durch

Schritte mit den Füßen herzu, sondern mit der

Zuneigung ihres Herzens und mit der Nachahmung

seiner Tugenden.“ Dieses erwartungsvolle

Hinhören wird auch in der Geschichte von

Maria und Marta thematisiert (Lukas 10,38-42).

Während Marta ganz im Tun aufgeht, wird Maria,

die Hörende, von Jesus ausdrücklich gelobt:

Sie hat den guten Teil gewählt. Vielleicht ist dieses

(für kirchliche Ohren unerwartete) Lob deshalb

so wichtig, weil Menschen in der Nachfolge

Jesu nicht davor gefeit sind, inmitten ihrer Aktivitäten

das Hören zu vergessen.

den Mund geöffnet hat, öffne er auch dir Ohren

und Mund, dass du sein Wort vernimmst und

den Glauben bekennst zum Heil der Menschen

und zum Lobe Gottes.“ Mit der Taufe ist somit

ein Lebensstil verbunden, der um den Wert und

den Sinn des Hörens weiß: das Hinhören auf sich

selbst, das achtsame Hören auf die anderen, das

umsichtige und kluge Hören auf die Zeichen der

Zeit sowie das aufmerksam-existenzielle Hören

auf die Stimme Gottes in den Zeugnissen der Bibel.

Erst wer richtig hin-hört, zu-hört, auf-hört,

kann also lebendig über den Glauben sprechen.

Freilich: Es gibt auch die Erfahrung, dass Menschen

nur das (heraus)hören, was sie hören

Ein besonderer Lebensstil

Dementsprechend gibt es im Rahmen der Tauffeier

einen eigenen Ritus, der auf das Hören ausgerichtet

ist: Im Effata-Ritus heißt es: „Der Herr

lasse dich heranwachsen, und wie er mit dem

Ruf ‚Effata’ dem Taubstummen die Ohren und

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wollen, was ihnen leicht ins Ohr geht, was ihren

Erwartungen entspricht beziehungsweise in ihr

linkes oder rechtes Konzept passt. Das „hinzutretende

Hören“ der Jüngerinnen und Jünger am

Beginn der Bergpredigt ist da anders. Dieses Hören

zeichnet sich durch eine besondere Offenheit

aus. Es rechnet damit, dass Vertrautes, Gewohntes,

Eingespieltes, Überkommenes durchkreuzt

und auf den Kopf gestellt werden kann. Dieses

Hören übersieht nicht die Ursprünglichkeit Jesu.

Es weiß – so der Salzburger Theologe Gottfried

Bachl – „um die erfrischende Unruhe, die er aussendet

und die alle Gewöhnung durchbricht, die

sich immer wieder nebelhaft zwischen ihn und

die Menschen legt“.

Zehn Schlüsselwörter

Wofür steht nun das Christentum? Womit bekommt

es ein Mensch zu tun, wenn er es mit

dem Christentum zu tun hat? Aus den vielen

möglichen Schlüsselwörter bzw. Grundbotschaften

haben wir zehn ausgewählt. Sie wollen

sich dem Glauben der ChristInnen annähern

– und zur eigenen Spurensuche wie zum

gemeinsamen Gespräch einladen. Diese zehn

Schlüsselwörter umschreiben jene Gestalt, jenes

Profil eines Christen/einer Christin, die es

– für sich und gemeinsam – zu entdecken und

zu entfalten gilt.

Die Schlüsselwörter lauten:

versprochen

geliebt

gefragt

versöhnt

erlöst

geheilt

geschlagen

auferweckt

erfüllt

versammelt

Fragen für ein Gespräch

bzw. für die eigene Spurensuche:

• Gibt es für mich Menschen, die im Glauben

erfahren sind? Was fasziniert mich an ihnen besonders?

• Was sind meine eigenen Erfahrungen mit dem

Christentum, mit dem Glauben? Was bedeutet

Christin- bzw. Christ-Sein für mich? Was macht

Christin- bzw. Christ-Sein aus? Worum geht es –

nach meiner Ansicht – im Christentum wirklich?

• Wie geht es mir mit dem „Hören“? Was gehört

- meiner Meinung nach – dazu, damit das Hören

gelingt bzw. jemand das Hören auf Gott, auf sich

und die anderen einüben kann?

getauft: auf seinen Namen

Nicht ein Willensakt macht einen Menschen zur

Christin und zum Christen, sondern Gott selbst,

der den Menschen seine Gemeinschaft voraussetzungslos

anbietet. Es ist das Geschenk seiner

Gnade, seines Lebensraumes, seines Heils,

das uns zu Söhnen und Töchtern Gottes macht.

So wie Menschen das Zur-Welt-Kommen eines

Kindes, so wie Liebende das Berührtsein von ihrer

Liebe empfinden, so will Gottes Ankunft im

menschlichen Leben erfahrbar werden.

Weil die Geburt, die Liebe, die Gottesgemeinschaft

so außergewöhnliche und heilsame Erfahrungen

sind, darum können wir unsere Betroffenheit

nur auf rechte und ganzheitliche

Weise zum Ausdruck bringen, wenn wir dies

feiern. Darum feiern wir unser ChristIn-Werden

nicht nur im Sakrament der Taufe. Sakramente

sind dementsprechend Zeichen, die bewirken,

was sie anzeigen. Sie repräsentieren und ver-

glaubens wert


sprechen sinnenhaft und sinnerfüllt, was immer

gilt: dass Gott uns einlädt, in seinen Heils-Raum

einzutreten, damit der Mensch geheilt wird und

sein Leben gelingt. Da ChristIn-Sein selbst im

tiefsten Grund ein Sakrament ist, steckt darin

die Ermutigung, zum Zeichen des Heils zu werden.

Jesus – das Sakrament Gottes

Das wichtigste Sakrament des christlichen

Glaubens ist aber Jesus Christus selbst. Er ist

das Sakrament – das Heilszeichen – Gottes in

der Welt. Wenn er uns zum Heils-Mittel werden

soll, dann bedarf es – so wie es für Leib und Seele

der Lebens-Mittel der Nahrung und der Liebe

bedarf – der Mittel des Glaubens, Hoffens und

Liebens. Deshalb liegt denn auch der Sinn des

ChristIn-Seins darin, ein Sakrament, ein Heils-

Zeichen im Namen Jesu zu sein. Wofür steht dieses

Zeichen? Es steht für das, wonach sich jede

und jeder sehnt, es steht für das Wort, das wir

uns selbst nicht sagen können: Du, Mensch, du

bist gewollt und geliebt seit Ewigkeit. Du sollst

leben und dein wahres Leben finden.

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versprochen

Ob Menschen Lotto spielen, Partnerschaftsannoncen

aufgeben, Diät halten oder eine Therapie

beginnen – sie alle verbindet das Vertrauen

in ein Versprechen. Wer Diät hält, verspricht sich

davon neben einem attraktiveren Äußeren eine

neue Lebensqualität. Wer beim Lotto tippt – und

das vielleicht sogar wöchentlich –, kokettiert

mit den Versprechungen des Reichtums. Wer

eine Partnerschaftsannonce aufgibt, verspricht

sich – selbst nach Enttäuschungen – von einer

Beziehung echten Lebenssinn. Wer eine Therapie

beginnt, verspricht sich davon Heilung oder

zumindest Linderung. Welche Kraft in einem

Versprechen liegt, zeigt auch die Ehe. Das, was

man sich am Anfang der Beziehung von einem

gemeinsamen Altwerden und Zusammenleben

verspricht, vermag in Krisenzeiten zu mobilisieren

oder gar neuen „Schwung“ zu geben. Das

Versprechen, ein Leben lang zusammenbleiben

zu wollen, einander zu achten, zu lieben und

die Treue zu halten, kann zudem Mut machen,

immer wieder in die Ehe zu investieren. Wenn

dieses Versprechen jedoch gebrochen wird oder

wenn die Liebe, aus welchen Gründen auch immer,

scheitert, bringt das großes Leid, tiefe Verwundungen

und bittere Enttäuschung.

Was aus einem Menschen werden kann …

Im Neuen Testament wird von einer Person erzählt,

die sich ebenfalls von einem Versprechen

leiten lässt (vgl. Lukas 19,1-10). An Zachäus ist

rasch zu sehen, wofür er steht, was ihm wichtig

ist. Er setzt seine ganze Energie in die Versprechungen

des Reichtums und in das „Haben“.

Doch Zachäus wird nicht glücklich dabei. Er

fühlt sich zwar reich, aber auch alleine, er weiß

sich mächtig, aber nicht geliebt, er sitzt an einflussreicher

Stelle, ohne respektiert und geachtet

zu werden. Für Zachäus ändert sich dieses

„Sitzen im goldenen Käfig“, als er einem Mann

begegnet, der eine ganz andere Orientierung

lebt: Als er mit Jesus isst und gemeinsam Zeit

mit ihm verbringen darf, geht ihm ein neuer Zugang

zur Welt, ein neuer Zugang zu sich selbst

und zu den Menschen auf. An Jesus merkt er,

wie wohltuend anders, wie befreit und angstlos

man leben kann – wenn Gott im eigenen Denken,

Fühlen und Handeln ankomment. An Jesus

begreift er, was aus einem werden kann, wenn

man sich nicht vom Versprechen des Geldes, von

der Gier, von der Habsucht oder vom Recht des

Stärkeren und Erfolgreicheren leiten lässt, sondern

von der Menschenliebe, der Zärtlichkeit,

der Leidenschaft und der so unerwartet anderen

Gerechtigkeit Gottes. Und dann beginnt Zachäus,

diesen Gott auf sich abfärben zu lassen, die

Weite, die er bei Jesus „geschmeckt“ hat, in die

Tat umzusetzen. Zachäus hat nun einen Schatz

gefunden, eine Perle entdeckt – kostbarer als all

das unrechtmäßig erworbene Vermögen bisher.

„Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe.

Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Markus

1,15) – diese Heilsbotschaft ist für Zachäus

Wirklichkeit geworden!

… wenn Gott im eigenen Leben ankommt

Das Reich Gottes ist somit nicht etwas „Lebensfernes“

oder gar unnahbar Abstraktes. Es hat

eine ganz konkrete und erfahrbare „Gestalt“

sowie ganz bestimmte Züge: die des Jesus von

Nazaret, des Christus. An Jesus selbst ist die so

ganz andere Perspektive Gottes „abzulesen“ und

sind die „Auswirkungen“ dieses Gottes auf das

eigene Leben hautnah zu sehen. Was Jesus und

- durch ihn - Zachäus widerfahren ist, das ist genauso

uns versprochen: das Ankommen Gottes

in der eigenen Welt, in der eigenen Zeit, in dem

eigenen Denken, Fühlen und Handeln. Auch uns

ist zugesagt, dass dort, wo Gott und seine so andere

„Logik“ zur Herrschaft kommen darf, sich

das eigene Leben wandelt, weitet und „verdich-

glaubens wert


tet“. Für jeden von uns ist das Reich Gottes aber

eine andere Erfahrung. Für Zachäus bedeutete

das Ankommen Gottes in seinem Leben die alles

verändernde Erkenntnis: Ich bin – trotz meiner

Mängel – wertvoll. Ich brauche mich nicht mehr

länger klein zu fühlen und daher andere klein

zu machen. Für einen Kranken wiederum kann

das Ankommen Gottes in seiner Situation bedeuten,

dass er anstelle von Verzweiflung diese

Krankheit als Einstieg in ein tieferes Leben entdecken

kann – begleitet und gehalten von einem

fürsorglichen Gott. Für Menschen, die sich

von der eigenen Leistung und vom Prestige alles

versprechen, kann das Ankommen Gottes in ihrem

Leben eine Wende bedeuten – hin zu einer

neuen Weite, Tiefe und Gelassenheit sowie zu

jenen Lebensbereichen und -dimensionen, die

bisher unbeachtet geblieben sind.

Fragen für ein Gespräch

bzw. für die eigene Spurensuche:

• Was verspreche ich mir vom Leben? Was sind

jene großen Versprechungen, die mich in Bewegung

und am Leben halten, die mich bestimmen?

• Wenn Gott bei mir „ankommen“ kann, in meinem

Denken, Fühlen und Tun, was würde

sich da ändern – bzw. was hat sich da

geändert? Was würde ich mir davon

versprechen?

Es beginnt klein, zart und ohne Zwang

So wie Gott jedoch in Jesus leise angekommen

ist – so leise, dass seine Ankunft damals in Bethlehem

von den meisten übersehen wurde –, so

kommt auch Gott und sein Reich leise. So wie

Gott in Jesus ganz klein angekommen ist, beginnt

auch die Herrschaft Gottes ganz klein,

zart und ohne Zwang. Denn der Mensch und

das Menschliche – mit all seinen Stärken und

Schwächen – sind Maß und Kennzeichen dieser

Herrschaft, nicht das „Überwältigende“ und

„donnernd Perfekte“. Dementsprechend vergleicht

Jesus die Herrschaft Gottes mit einem

Senfkorn (Markus 4,30-32): Wie ein unscheinbares

Korn beginnt das Reich Gottes dort „aufzugehen“,

wo Menschen ihre „Bewusstseinsantennen“

auf Gott schalten und sich in ihrem

Leben von ihm und seiner Weite prägen lassen.

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versprochen:

das Reich Gottes

Wer den christlichen Glauben annimmt, schließt

sich einer religiösen Erzähl- und Erinnerungsgemeinschaft

an, die Jahrtausende zuvor im Orient

begonnen hat. Auch wenn für uns Christen

Jesus von Nazareth der zentrale Zugang zu Gott

ist, so ist Jesus nicht ohne die Glaubens- und Leidensgeschichte

seines jüdischen Volkes zu verstehen.

Erinnern wir uns kurz einiger Stationen

dieser Geschichte: Das Ursprungsereignis des

jüdischen Volkes ist nach der biblischen Erzählung

seine Rettung aus der Sklavenherrschaft

Ägyptens. Sie wurde zur religiösen Grunderfahrung:

Gott hat sich dem leidenden Volk rettend

zugewendet und ihm bleibend seine Gegenwart

versprochen. Darum heißt sein Name JHWH

(sprich: Jahwe): „Ich bin der, der ‚Ich-bin-da’“

(Exodus 3,14).

Die große Hoffnung von einer

menschlichen Welt

Als im 6. Jh. v. Chr. ein Teil des Volkes ein weiteres

Mal, diesmal ins Exil nach Babylon, verschleppt,

der Tempel zerstört und das Königtum

zerschlagen worden war, schien der Bund mit

Gott endgültig zerbrochen. Hatten nicht die

Propheten Amos, Hosea, Jesaja oder Jeremia

gewarnt, das Volk werde ins Unheil stürzen,

wenn es den Bund nicht hält, wenn es anderen

Göttern nachläuft und besonders die Fürsorge

für die Schwächsten im Land aufkündigt? Doch

auch an diesem Ende wuchs wieder eine neue

Hoffnung aus dem Volk Gottes: Gott wird das

Volk zurückführen, er wird einen neuen Bund,

ein neues Land, einen neuen David senden. Aber

auch diese Hoffnungen mussten durchs Feuer

der Geschichte gehen. Fremdherrschaft und Unterdrückung

blieben das Los des Judentums und

in seinem Inneren stritten verschiedene Parteiungen

um die rechte Auslegung des Willens

Gottes. Damals erfasste eine große Sehnsucht

breite Schichten der Bevölkerung: Gott wird am

Ende der Zeiten das Reich der Menschlichkeit errichten

(vgl. Daniel 7), er wird den Tod besiegen,

das Böse vernichten und alle Tränen der Trauer

und des Leides trocknen (vgl. Jesaja 24,8).

Gott hat sein Wort gehalten

Und dann trat Jesus von Nazareth mit seiner

Botschaft auf. Zu jener Zeit herrschten die Römer

über Israel. Endzeitstimmung lag in der Luft

und der Prophet Johannes der Täufer kündigte

das Gericht Gottes über Israel und die Völker an.

Aber in einem wesentlichen Punkt unterschied

sich Jesus von der Botschaft des Täufers: Das erhoffte

Gottesreich ist für ihn schon nahegekommen

(Markus 1,15). Vor dem Ende der Geschichte

hat die Wende schon begonnen. Denn wenn

Gott kommt, verkündet Jesus, wird die Logik der

bisherigen Geschichte auf den Kopf gestellt: Die

Armen, die Hungernden, die Weinenden werden

die Ersten sein, die ein neues Leben erhalten

(vgl. Matthäus 5,3-12). Die Kranken werden

gesund und die Ausgegrenzten in die Gemeinschaft

wieder aufgenommen (z. B. Markus 2,1-

12; 14-17; 3,1-5; 5,1-20; Lukas 5,12-14; 17,11-14

u. a.). Darum ist Jesu Botschaft „Evangelium“:

Frohe Botschaft. Gott beginnt, sein Versprechen

einzulösen, sein Volk und alle Menschen aus der

Herrschaft des Bösen und der Sünde zu befreien.

Als Wanderprediger zog Jesus durch Galiläa,

er heilte und sammelte Menschen in eine Bewegung,

die seiner Botschaft Glauben schenkten

und im radikalen Vertrauen auf Gottes Fürsorge

ihr Leben ohne viel Besitz und Sicherheit miteinander

teilten. Denn es gilt nach Jesus: „Euch

jedoch muss es um sein Reich gehen; dann wird

euch das andere dazugegeben“ (Lukas 12,31).

glaubens wert


Noch erwarten wir einen neuen Himmel und

eine neue Erde

Jesu Hoffnung auf das endgültige Kommen

Gottes in seiner Zeit hat sich nicht erfüllt. Das

Versprechen blieb größer als die Erfüllung. Auch

wenn wir Christen glauben, dass Jesus der auferweckte

Messias, der Christus, das „Reich Gottes“

in Person ist, hoffen wir gemeinsam mit dem Judentum

auf die Vollendung der Schöpfung und

rufen mit ihm: Maraná tha! Unser Herr, komm!

(vgl. Offenbarung 22,20; 1 Korinther 16,22).

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geliebt

Ein altes Experiment zeigte einmal auf drastisch-tragische

Weise, welche Auswirkungen es

hat, wenn jemand nicht beachtet und geliebt

wird. Mit dem Ziel, die Ursprache unverfälscht

zu entdecken, wurden neugeborene Babys auf

Befehl des Stauferkaisers Friedrich II. (1212 bis

1250) nur grundversorgt – ohne aber mit ihnen

zu sprechen, sie zu herzen, sich ihnen zuzuwenden.

Das Ergebnis war niederschmetternd: Alle

Kinder „verkümmerten“ und starben. Nicht angesprochen

zu werden, keine Beachtung zu bekommen,

vergessen zu werden, namenlos – ein

„nobody“– zu sein, das zerstört Menschen!

Frei-Raum und Weite

In der heutigen Zeit gibt es ähnliche Erfahrungen.

Auch in unserer Gesellschaft gibt es Menschen,

die verkümmern und „draufgehen“, weil sie in

ihren Familien, von ihrem Partner/ihrer Partnerin,

in der Arbeitswelt oder in der Schule nicht

beachtet, geschätzt und geliebt werden. Manche

wiederum verkümmern, weil sie meinen, den eigenen

Ansprüchen nicht gerecht zu werden. Sie

fühlen sich immer ein Stück hinter ihren Erwartungen

zurück und sind – vielleicht auch aus diesem

Grund – nicht in der Lage, sich selbst zu lieben.

So gesehen bedeutet fehlende Liebe „Enge“:

Weil Liebe fehlt, engen Menschen ihre Gefühle,

ihren Horizont, ihre Worte und Handlungen auf

die Erfahrung des Mangels ein. Sie fühlen sich

– sogar mitten im Wohlstand – zu kurz gekommen,

sie empfinden sich – trotz erbrachter Leistungen

– als unnütz, sie sehen sich – obwohl in

guten Stellungen – als wertlos. Umgekehrt geht

mit der Erfahrung der Liebe eine „Weitung“ einher:

Da, wo Menschen sich – so wie sie sind – angenommen

und bejaht fühlen, weiten sich das

Herz, die eigenen Möglichkeiten, der Blick auf die

Welt und auf sich selbst. Es entsteht Raum.

Wie sehr Liebe freigibt, spiegelt auch die Sprache

wider. Das Wort Freiheit kommt von der indogermanischen

Wurzel „prai“. Das heißt: schützen,

schonen, gern haben, lieben. Liebe schafft

also Frei-Raum und – in gewisser Weise – „Ent-

Grenzung“. Das beste Beispiel dafür ist Jesus

selbst. An ihm ist zu erkennen, was Liebe alles

vermag und welche „Gestalt“ diese Liebe hat.

An Jesus ist zu sehen, wie die Liebe ihn „groß“

macht und nicht „klein“ hält. Die Liebe, die Jesus

bewegt und geprägt hat, war nicht berechnend,

sie verzweckte ihn nicht oder war gar an Bedingungen

geknüpft. Jesus wusste sich vielmehr

so von Gott angenommen, so beschenkt, so unbedingt

getragen, dass er sich selbst vergessen

konnte.

Der rote Faden im Leben Jesu

Der Schlüssel zum Verständnis Jesu, zu seinen

Worten und Handlungen, zu seiner gesamten

Existenz ist dementsprechend die Liebe: Aus

Liebe macht er sich klein, damit Menschen in

seinen Spuren größer werden können; aus Liebe

eröffnet er einen neuen, ungeahnten Zugang zur

Welt, zu Gott, zur jeweils eigenen Person, damit

Menschen wirklich leben können; aus Liebe leidet

er, damit Menschen in ihrem Leid und ihren

Zweifeln nicht mehr alleine sein müssen; aus

Liebe stellt er sich auf die Seite der Opfer, damit

Menschen die Welt aus ihrer Perspektive sehen

– und alles tun, damit es keine Opfer mehr gibt.

Aus Liebe stirbt der Gottessohn, damit die Sterbenden

nicht mehr in ein Nichts hineinfallen.

Der Liebe Gestalt geben

Wer sich dieser Liebe öffnet, ihr im eigenen Denken,

Fühlen und Handeln Raum gibt, der erfährt

– mit der Zeit und immer wieder aufs Neue

– selbst eine Veränderung: Zum einen vermag

die Liebe die Furcht zu vertreiben. „Furcht gibt

es in der Liebe nicht … Denn die Furcht rechnet

mit Strafe.“ (1 Johannes 4,18). Wer auf Gott und

glaubens wert


seine unbedingte Liebe setzt, der kann es auch

wagen, sich selbst und den Nächsten zu bejahen

– trotz Fehlern und Schwächen, trotz Enttäuschungen

und Rückfällen in alte Muster. Wer von

der Liebe Gottes und ihrer „Weitung“ gekostet

hat, den drängt es schließlich danach, der Liebe

im eigenen Leben und im eigenen Umfeld eine

konkrete Gestalt zu geben, sie in konkret Erlebbares

zu übersetzen: in menschliche Wärme, in

Verständnis, in Großzügigkeit, in tatkräftige Hilfsbereitschaft

– und immer wieder in langen Atem.

In seinen geistlichen Übungen ermutigt daher

Ignatius von Loyola (1491 bis 1556), der Gründer

des Jesuitenordens, regelmäßig einen liebenden

Blick auf das eigene Leben zu richten. Dabei darf

dieser Blick auf das Leben, der das Schwierige und

Traurige nicht ausspart, geleitet sein vom liebenden

Blick Gottes, für den die Welt und der Mensch

„sehr gut“ sind – unwiderruflich.

Fragen für ein Gespräch

bzw. für die eigene Spurensuche:

• Wo Liebe fehlt, engen Menschen ihr Leben ein

– auf die Erfahrung des Mangels. Wohingegen

Menschen Liebe erfahren, weitet sich ihr Leben.

Kenne ich Beispiele für diese beiden Phänomene?

• „Furcht gibt es in der Liebe nicht“ – kann ich

diese Erfahrung teilen? Ist mir das schon einmal

selbst aufgegangen?

• Die Liebe als Lebensprogramm Jesu – was bedeutet

das für mich und mein Leben?

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geliebt:

von Gott

Liebe und Gerechtigkeit – das sind die beiden

biblischen Schlüsselwörter, woraufhin unser

Leben ausgerichtet sein soll. Untrennbar gehören

sie zusammen, weil sie das Wesen Gottes

sind. Aber es gibt ein altes christliches, immer

wiederkehrendes Vorurteil: Der Gott des ersten

Bundes, der Gott des Judentums, sei der Gott

der Gerechtigkeit und Strafe, der Gott des zweiten

Bundes, der Gott des Christentums, sei der

Gott der Liebe und Barmherzigkeit. Doch Liebe

und Gerechtigkeit sind in Gott eins, darum

heißt es: „Wer seinen Bruder nicht liebt, den er

sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht“

(1 Johannes 4,20). Gott ist Liebe, das heißt: Er ist

unbedingtes Wohlwollen, unbedingte Bejahung

eines jeden Geschöpfs. Gott ist Liebe, das heißt:

Er schuf die Welt aus reiner Güte und sorgt für

alles Leben. Gott ist Liebe, das heißt: Er geht den

Weg mit uns Menschen, bis ans Ende eines jeden

und einer jeden, bis ans Ende der Zeiten.

Wir sind von Gott geliebt – das ist die große

Zusage und Wahrheit des Alten/Ersten und des

Neuen Testaments, eine Erkenntnis, die gereift

ist in Jahrhunderten. Je länger Israel seine Gottesbeziehung

erforschte, umso klarer wurde:

Gott liebt ohne Bedingung (vgl. Deuteronomium

7,7) und ewig: „Mit ewiger Liebe habe ich

dich geliebt“ (Jeremia 31,3). Für den christlichen

Glauben ist Jesus die Fülle der göttlichen Liebe,

in ihr berührt uns Gott als Heiland und Retter (1

Johannes 4,9). So ist die menschliche Erfahrung

der Liebe der Weg, wie wir Gott erkennen können.

Wer aber liebt, der und die verankert sich

in Gott selbst. Wenn dies geschieht, dann wird

das Leben recht. Denn Liebe verleiht das Gefühl,

dass wir recht sind, dass wir da sein dürfen. Dann

aber steht auch das Leben unter dem Anspruch

der Gerechtigkeit, weil es Liebe ohne Solidarität

und Mitgefühl für die Nächsten nicht gibt. Von

der Liebe zu reden, ohne Gerechtigkeit zu leben

– dieser große Vorwurf an uns Christinnen und

Christen hallt durch die Zeiten. Sich von Gott

geliebt zu wissen bedeutet, immer wieder neu

in unsere von Siegern und Besiegten, von Tätern

und Opfern gespaltenen und verletzten Lebensgeschichten

hineingezogen zu werden und sich

immer wieder der Frage zu stellen: „Wo ist dein

Bruder, wo ist deine Schwester?“

(vgl. Genesis 4,9).

glaubens wert


18

gefragt

Viele fuhren vorbei und blieben nicht stehen,

obwohl am Straßenrand ein arg zugerichtetes

Auto lag – mit blutenden und bewusstlosen

Verletzten davor. Die Vorbeifahrenden mussten

nach rund einem Kilometer anhalten. Die Polizei

stoppte sie, und ein Fernsehteam des Westdeutschen

Rundfunks konnte die LenkerInnen über

ihr Nichthelfen befragen. Als einer der entscheidenden

Gründe für die Reaktion der Weiterfahrenden

erwies sich der Blick in den Rückspiegel:

Sehen die Fahrenden hinter sich einen Wagen,

geben sie die Verantwortung fast automatisch

an die Nachkommenden ab. Aus Sicht der Ersten

haben die Hinteren ja länger Zeit, um zu reagieren.

Also sollen sie doch anhalten und helfen!

Und so geht es von Auto zu Auto immer weiter.

Für die weiter hinten Fahrenden kam noch ein

weiterer Faktor dazu, den die Psychologie „pluralistische

Ignoranz“ nennt: Die Nachfolgenden

sehen, dass die Fahrenden vor ihnen an der Unfallstelle

vorbeifahren. Daraus ziehen sie den

falschen Schluss, dass die Situation offenbar

nicht so schlimm sei. Je mehr solcher „passiver“

Vorbilder es also gibt, umso geringer ist die

Wahrscheinlichkeit, dass jemand handelt.

Die Praxis ist entscheidend

Eine ähnliche Erzählung findet sich im Neuen

Testament, genauer im Lukasevangelium (Lukas

10,25-37). Hier passiert ebenfalls ein Unfall

– und die Vorbeikommenden verhalten sich wie

zu erwarten: Zwei bleiben nicht stehen, nur einer

hält. Jene zwei, die vorbeigehen, gehören zu

den damals Etablierten. Sie versuchen aufgrund

ihrer Profession perfekt zu leben und Gott in allem

gerecht zu werden. Gerade sie aber lieben

Gott an den Benachteiligten und Schwachen

vorbei. Und der, der wirklich stehen bleibt und

handelt, ist eigentlich ein Fremder. Er, der in den

Augen seiner Zeitgenossen ein Ungläubiger, ein

„Fernstehender“ ist, erweist sich als „Nächster“.

„Geh und handle genauso!“ (Lukas 10,37), sagt

Jesus am Ende der Erzählung. So wichtig es ist,

sich wie der Priester oder der Levit mit dem eigenen

Glauben auseinanderzusetzen, so wichtig

das klare Profil und eine erkennbare Identität

des eigenen Glaubens sind, so darf eines

nicht übersehen und übergangen werden: das

Tun. Worum es im Christentum in erster Linie

geht, ist die Praxis. Der Tübinger Theologe Hans

Küng drückt das so aus: „Gewiss, alle Glaubensbekenntnisse

der Christenheit – die alten wie

die neuen – in Ehren, wichtiger aber für das

Christsein ist etwas anderes. Nirgendwo hat Jesus

gesagt: ‚Spreche mir nach!’, vielmehr sagte

er: ‚Folge mir nach!’ Das heißt: Keinem seiner

Jünger oder Jüngerinnen hat Jesus zuerst ein

Glaubensbekenntnis abverlangt, vielmehr hat

er sie in die ganz und gar praktische Nachfolge

berufen.“

„Einlass-Ticket“ in das Himmelreich

Wie wichtig das Tun, die Praxis ist, zeigt auch das

Matthäusevangelium. In der Rede vom Weltgericht

(Matthäus 25,31-46) ist vom „Einlass-Ticket“

in das Himmelreich die Rede. Dieses Einlass-Ticket

aber wird nicht durch eine bestimmte Mitgliedschaft

gelöst. Es ist nicht durch die Kenntnis

wichtiger Glaubensinhalte, durch Beten ohne

Unterlass oder eifrige Askese bis hin zur Ehelosigkeit

zu erhalten. Das alles hat seinen Sinn und

seinen Wert. Wirklich bedeutend und zentral für

den „Eintritt“ in das Himmelreich ist der Umgang

mit den Hungrigen und Durstigen, der Einsatz

für Fremde und Obdachlose, die Sorge um Kranke

und Gefangene. Hier, in diesen Feldern, wo

es um Menschlichkeit, um Humanität – gerade

für die Schwächsten in der Gesellschaft – geht,

geschieht für Jesus das Entscheidende, das Zukunftsfähige,

das unbedingt Notwendige. Gerade

hier ist Christin- bzw. Christ-Sein gefragt.

glaubens wert


In die Haut des/der anderen schlüpfen

Wie aber gelingt diese praktische Nachfolge?

Wie ist es möglich – so wie der Samariter – barmherzig

zu sein und sich im Alltag als Nächste/r

zu erweisen? Das Wort „Barmherzigkeit“ beinhaltet

– wie das lateinische „misericordia“ – den

Begriff „cor“, „Herz“. Das Herz ist demnach die

entscheidende Instanz, die bei der Nächstenliebe

aktiv wird. Worum es geht, ist, mit- bzw.

einfühlend zu werden, ein Herz für den anderen

bzw. die andere zu haben. Im Hebräischen

und Griechischen wird die Barmherzigkeit körperlich

noch „tiefer“ angesetzt. Sie ist hier mit

dem Bauch, der Gebärmutter, dem Mutterschoß

bzw. mit den Eingeweiden verbunden. Diese

körperliche „Verortung“ macht bewusst, dass

Barmherzigkeit die Fähigkeit voraussetzt, in

die Haut des anderen zu schlüpfen, im anderen

sein eigenes Fleisch und Blut leiden zu spüren.

Dieses „Eintauchen“ in den anderen wird wohl

dann gelingen, wenn ein Mensch selbst immer

wieder die heilsame Erfahrung machen darf,

dass sich jemand mit ihm identifiziert, in seine

Haut schlüpft, ihn versteht und mitträgt. Genau

diese „existenzielle Solidarität“ (Bernadin Schellenberger)

steht im Zentrum von Weihnachten,

dem Fest der Menschwerdung Gottes.

Fragen für ein Gespräch bzw.

für die eigene Spurensuche:

• Wo fällt mir persönlich das Mit- und Einfühlen

leicht, wo schwer? Und warum? Was hilft mir,

Mitgefühl zu entwickeln?

• Wo fühle ich mich persönlich in meinem Umfeld

am meisten „gefragt“?

• In welchem Bereich, in welcher Frage sehe ich

unsere Gemeinschaft, die Kirche am meisten

gefragt?

19


20

gefragt:

vom Nächsten

Vielen erscheinen die Forderungen Jesu, die

Nächsten in aller Radikalität zu lieben, als unerfüllbar

für gewöhnliche Menschen. Die Gebote

der Bergpredigt (Matthäus 5,21-48), der Aufruf

zur Kreuzesnachfolge (Markus 8,34-37) oder

die Einladung an den reichen Jüngling, alles zu

verkaufen, den Erlös den Armen zu geben und

Jesus nachzufolgen (Markus 10,17-31) ist das

nicht alles eine überfordernde Zumutung? Aber

Jesu Nachfolge ergeht nicht über unsere Köpfe

hinweg. Wir dürfen die verschiedenen Stufen

und Formen der Nachfolge schon in der Jesusbewegung

nicht übersehen: Es gab die radikale

Weggemeinschaft der Jünger und Jüngerinnen

Jesu, aber auch die festen „Ortsgemeinden“, die

den Wanderpredigern und Missionaren Unterkunft

und Unterhalt gaben; es gab die Diakone,

die besonders für die Witwen und Armen sorgten

(Apostelgeschichte 6,1-7), die ZeugInnen

der Auferstehung Jesu, die Hausgemeinden

usw. Nachfolge Jesu ist also nicht einfach Nachahmung,

sondern heißt, sich mit den Möglichkeiten,

die zur Verfügung stehen, in den Dienst

der Liebe und Gerechtigkeit am Nächsten zu

stellen.

Der Maßstab ist die Liebe

Darum ist das Grundprinzip der christlichen

Ethik nicht Rigorismus, sondern Liebe. Sie ist der

letzte Maßstab allen Handelns und Glaubens.

Die Liebe ist nämlich eine dreifache Bezogenheit:

Sie ist Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu sich

selbst (vgl. Lukas 10,27). Liebe ist nicht nur ein

Gefühl, bejaht und anerkannt zu sein, sondern

auch ein Anspruch der Unbedingtheit: Liebe ist

die Werthaltung, ein Du um seiner selbst willen

anzuerkennen und in seiner Würde zu achten.

Darum nimmt uns die Liebe in die Pflicht. Wir

sind gefragt vom Nächsten, in seiner Not, in seiner

Bedürftigkeit, in seiner verletzten Würde.

Die Ethik und der Ruf zur Nachfolge Jesu entspringen

letzten Endes nicht einer unpersönlichen

Gehorsamsforderung, sondern der Erfahrung,

immer schon im Voraus von Gott geliebt

und gerufen zu sein. Weil Gott uns unbedingt

anerkennt und liebt, darum ist jeder Mitmensch,

auch der Feind, ein „Kind Gottes“. Denn es gilt

nach Martin Buber, dem großen jüdischen Philosophen:

„Liebe deinen Nächsten, denn er ist

wie du.“

glaubens wert


22

versöhnt

Sie ist eines jener Kinder, die im „Fremdvölkischen

Kinderheim“ der Nazis in Pichl bei Wels

die erste Zeit ihres Lebens verbringen mussten.

Bis Ende 1946 waren im Schloss Etzelsdorf um

die 80 Säuglinge von Zwangsarbeiterinnen aus

Osteuropa untergebracht. Dreizehn von ihnen

verstarben aufgrund mangelhafter Pflege und

Ernährung im Herbst 1944 und wurden namenlos

am Pichler Friedhof begraben. Jahrzehntelang

schleppte die heute Mit-Sechzigerin diese „Herkunft“

mit sich herum – und den Verdacht, dass

die Frau, der sie zu Kriegsende mitgegeben wurde,

nicht ihre wirkliche Mutter sei. Diese Härte

des Anfangs blieb nicht folgenlos und zeigte Wirkung

in ihrem Leben. Seit einigen Jahren aber hat

sich etwas Wesentliches geändert. Zum einen ergab

ein DNA-Test die Gewissheit, dass die Mutter

nicht ihre leibliche Mutter war. Damit löste sich

ein großer Knoten und eine neue freundschaftliche

Beziehung wurde möglich. Zum anderen

engagiert sich das einstige „Etzelsdorfer Kind“

in einem vor Kurzem gestarteten Projekt, wo die

Geschehnisse von Etzelsdorf aufgearbeitet und

im Rahmen von Veranstaltungen und Begegnungen

weitergegeben werden. Dieses Reden über

ihre Herkunft, dieses Erzählen ihres Schicksals,

hat sie Stück für Stück aus den alten „Fesseln“

herausgelöst und versöhnt.

Eine Arbeit, die sich auszahlt

Am Beispiel der Lebensgeschichte dieser Frau

zeigt sich gut, was Versöhnung bedeutet. Versöhnung

heißt: das Geschehene annehmen und aushalten

zu können, es nicht mehr unter den Teppich

kehren zu müssen, sondern zu bejahen und

in das Leben zu integrieren. Versöhnung heißt

zugleich aber auch, verzeihen und vergeben zu

können: diejenigen, die Schuld zugefügt haben,

zu „entschuldigen“ und eine erlittene Verletzung

nicht mehr anzurechnen.

Solche Versöhnung und Vergebung kostet Kraft

– und sicher auch Überwindung. Sie bedeuten

harte, mitunter jahrelange Arbeit. Aber Versöhnung

und Vergebung zahlen sich aus, denn

Versöhnung und Vergebung entbinden vom

Belastenden und machen auf diese Weise vom

Vergangenen frei. Es entsteht innerer Friede

– und Friede mit dem „Feind“. Wer hingegen

unversöhnt lebt, wer nicht entschuldigen kann,

der bleibt am Unheilvollen, am Unglücklichen,

am Unheilen gebunden. Das Alte kann so eine

ungeheure Macht über das eigene Leben bekommen.

Der Balken im eigenen Auge …

Eine große Hilfe auf diesem anspruchsvollen

Weg der Versöhnung und Vergebung finden

Christinnen und Christen in Jesus. Zwei seiner

Worte, die für den Mut zur Versöhnung und für

das Wagnis der Vergebung von Bedeutung sind,

sollen exemplarisch vorgestellt werden. Zum einen

lädt Jesus in der Bergpredigt ein, nüchtern

und ehrlich auf sich selbst zu schauen: „Warum

siehst du den Splitter im Auge deines Bruders,

aber den Balken in deinem Auge bemerkst du

nicht?“ (Matthäus 7,3). Worum es hier geht, ist,

zu erkennen, dass jedem und jeder von uns nicht

nur die Rolle des bzw. der Vergebenden zufällt.

Vielmehr geht von jeder und jedem auch Unrecht

aus und die anderen sind gefragt, uns immer

wieder zu vergeben, uns gut gesonnen zu

sein, es erneut mit uns auszuprobieren. Damit

das eigene Leben gut gelingen kann, braucht es

also Vergebung von Seiten der anderen – seien

es die eigenen Kinder, der Partner/die Partnerin,

die Nachbarn oder die ArbeitskollegInnen.

Wenn das bewusst ist, dann gelingt es vielleicht

leichter, Vergebung stets aufs Neue zu wagen.

glaubens wert


Sich von Gottes Großzügigkeit inspirieren lassen

Die zweite Quelle, die Jesus bei der „Versöhnungsarbeit“

in den Blick rückt, ist Gott selbst –

und seine unendliche Vergebungsbereitschaft.

Diese kommt im Gleichnis vom barmherzigen

Vater (Lukas 15,11-32) wohl am besten zum

Ausdruck: Der verlorene Sohn, der mit Hilfe seines

ausbezahlten Erbes zügellos in die Tage hineinlebt

und seine Existenz „vor die Säue wirft“,

kommt an die Grenzen seines Tuns. Er stürzt so

vollkommen ab, dass er die Folgen seines Handels

erkennt. Die einzige Chance, die er noch

sieht, um nicht „draufzugehen“, ist, zu seinem

Vater zurückzukehren. Hier möchte er als Tagelöhner

arbeiten. Ihm ist bewusst: Sohn kann er

nicht mehr sein. Dieses Recht hat er verspielt.

Deshalb wählt er die Worte, die er seinem Vater

sagen wird, mit Bedacht und macht aus seiner

Schuld kein Hehl. Dann bricht er auf und geht

zu seinem Vater. Doch als der Vater seinen Sohn

kommen sieht, hält den Wartenden nichts mehr

zurück: Er läuft dem Davongelaufenen entgegen,

fällt ihm um den Hals und küsst ihn.

So – sagt Jesus – ist Gott. So groß sind sein Herz

und seine Versöhnungsbereitschaft. Vielleicht

kann diese unvorstellbare Großherzigkeit Gottes

auch uns anstecken und ermutigen, wenn

Versöhnung und Vergebung gefragt sind. Das

Vaterunser erinnert uns mit einer Bitte daran.

Es heißt hier: Und vergib uns unsere Schuld, wie

auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Fragen für ein Gespräch bzw.

für die eigene Spurensuche:

• Wie geht es mir persönlich mit Versöhnung

und Vergebung – fällt mir das leicht oder tue

ich mir eher schwer damit?

• Was hilft mir, Versöhnung und Vergebung zu

wagen? Ist der Glaube für mich hier eine Unterstützung?

Wenn ja, inwiefern?

23


24

versöhnt:

mit Gott und Welt

Aus existenzieller Sicht ist das größte Problem

des Menschseins, mit sich und den anderen

unversöhnt, das heißt in Unfrieden, Hass und

Entfremdung zu leben. Für die Bibel ist diese

Unversöhntheit die Quelle allen Unheils und

Unglücks. Die Schrift nennt die Eifersucht Kains

auf das Dankopfer Abels und den Brudermord

als die ersten beiden urgeschichtlichen Taten

des Menschen jenseits von Eden (vgl. Genesis 4).

Was sie mit dem Erzählmittel des Mythos aussagt,

ist eine Wahrheit von universaler und immer

gültiger Dimension: Kein Mensch entgeht

dem Netzwerk des Bösen und der Gewalt. Nicht

seine Endlichkeit ist also das wirkliche Elend des

Menschen, sein „Aus-Erde-Sein“ (Gen 2,7), sondern

seine Entfremdung mit dem Leben.

„Jenseits von Eden“ ist Leben entfremdet

Warum aber gerät der Mensch unter die Macht

des Bösen, warum gelingt ihm kein Leben, ohne

den anderen zu verletzen? Die Antwort des

Glaubens zeigt dorthin, wo die tiefste Wunde

des Menschen ist: Der Mensch lebt in Wahrheit

getrennt vom göttlichen Grund des Lebens.

Denn aus der Sicht und der Erfahrung des Glaubens

ist der Mensch mehr als bloß Natur, er ist

Ebenbild Gottes, wenngleich auf endliche und

begrenzte Weise. Seine Identität, sein Wesen ist

es, als Geschöpf aus dem Urgrund des Lebens zu

leben. Aber genau dies misslingt ihm, weil er an

die Stelle des bedingungslosen Vertrauens auf

Gott seiner Lebensangst ausgeliefert ist. Aus

dieser Angst um sich, vollzieht er sein Leben. So

wird der Mittelpunkt seiner Existenz er selbst,

er kreist um sich und sucht letzten Endes darin

den „verlorenen“ Ursprung.

Darum ist für den christlichen Glauben der

Schlüssel des Heilwerdens die Versöhnung des

Menschen mit Gott. Und eben dies erkennt das

Christentum in der Menschwerdung Gottes:

Gott begegnet uns Menschen in Jesus Christus

als das voraussetzungslose Angebot der

Versöhnung. Im Tod und in der Auferstehung

Jesu erweist sich Gott als der, der die menschliche

Entfremdung erlitten und geheilt hat. Um

diese Erlösungstat Gottes auszudrücken, greift

das Neue Testament auf das Bild der Sühne zurück

(vgl. Römer 3,25; Markus 14,24). Nun erst

kann der Mensch aus einem neuen Zentrum

heraus leben, weil Gott nicht mehr der Ferne

ist, sondern in ihm selbst als Liebe und Gnade

gegenwärtig. Der Weg zu Gott und zur Welt,

versöhnt zu leben, ist frei geworden. Freilich, die

ausgestreckte Hand Gottes ergreifen muss der

Mensch selbst.

glaubens wert


26

erlöst

Es gibt sie wirklich, diese Momente höchsten

Glücks – wo das Leben leuchtet, bunt und rund

ist. Wenn man ein Neugeborenes in Händen

hält, wenn die Partnerin/der Partner fürs Leben

gefunden worden ist und man gemeinsam

„Hoch-Zeit“ feiert, wenn man in das funkelnde

Blau des Meeres und in das prächtige Grün der

Natur eintauchen kann oder eine Ausbildung erfolgreich

beendet. In solchen Augenblicken fällt

das Leben leicht, fühlt ein Mensch sich gelöst. Es

gibt aber auch die andere Erfahrung: dass man

trotz einer guten Ausbildung nicht gebraucht

wird, dass man trotz der anfänglichen Begeisterung

einer Beziehung nicht gewachsen ist, dass

die Kinder Wege einschlagen, die große Sorgen

machen, oder dass einem der Alltag über den

Kopf wächst. Besonders tragisch ist, wenn – unabhängig

von einzelnen Schwierigkeiten und

„Verdunkelungen“ – der eigene Lebensentwurf

nicht (mehr) stimmt, wenn das, worauf ich mich

verlasse, worauf ich setze, was mein Handeln,

Fühlen, Denken bestimmt, nicht trägt, nicht

weiterbringt, sondern „kaputt“ macht.

Herausgelöst aus unheilvollen Lebensentwürfen

In der Bibel begegnen beiden Lebenserfahrungen

– das Helle und das Dunkle, das Erlöste und

Unerlöste. Auf besonders beeindruckende Weise

kommt das in den Psalmen zur Sprache. Diese

Gebete „leihen“ Menschen bis heute Worte für

allergrößtes Glück und pralle Freude, aber auch

für schmerzliches Leid und tiefste Verzweiflung.

Im Neuen Testament ist Jesus selbst der entscheidende

„Schlüssel“ für erlöstes Leben – für

ein „Leben in Fülle“ (Johannes 10,10). Immer

wieder wird im Neuen Testament erzählt, wie

Menschen durch ihn einen Weg zu erlöstem

Leben finden – und herauskommen aus unerlösten

und angsterfüllten Lebensentwürfen.

Dieses Herausgelöst-Werden gelingt dadurch,

dass ihnen in der Begegnung mit Jesus – an seiner

Person, an seiner Lebenshaltung, an seinem

Lebensstil – Entscheidendes aufgeht und ihnen

das Fehlende an ihrer eigenen Orientierung

bewusst wird. Eine besonders beeindruckende

„Erlösungserfahrung“ findet sich in der Heilung

des Besessenen von Gerasa (Markus 5,1-20)

wieder: Der Besessene haust in den Grabhöhlen.

Er ist wie ein Zerrissener, der sein Leben

am Abgrund des Todes gründet. Die ganze Welt

kann er nur mehr durch den Schleier der Zerstörung

sehen. Er will für sich nichts Gutes – und

auch für die anderen nicht. Erst die Begegnung

mit Jesus lässt ihn aus seinem zerstörerischen

„Un-Leben“ herausfinden. Er wagt es an der Seite

Jesu endlich, hinter die fragilen Mauern der

eigenen Existenz zu schauen, und erkennt wie

in einem Spiegel, dass er nur in „Stücken“ lebt.

Diese Erkenntnis aber ist der entscheidende erste

Schritt heraus aus der unheilvollen, unerlösten

Situation – und hinein in einen Alltag, wo er

nun endlich heimisch werden kann.

Felder der Erlösung mitten im Alltag

In den Spuren Jesu Erlösung zu finden, darum

geht es im Christentum bis heute – und muss

es auch gehen! Denn wenn Menschen bereits

jetzt „Geschmack“ am erlösten Leben finden

dürfen, dann wird der eigene Glaube wieder

bereichernd und wertvoll. Erlösung in den Spuren

Jesu – das kann bedeuten, dass einer etwa

durch die Entdeckung des liebenden Blicks wieder

Ja sagen lernt zu seinem Leben. Erlösung

kann da keimen, wo eine durch nicht gekannte

Dankbarkeit einen neuen Zugang findet zu ihren

Mitmenschen. Erlösung wird dort erahnbar,

wo durch eine „Liebes-Erfahrung“ Menschenfreundlichkeit

neu gefunden wird. Besonders

eindrucksvoll bringt Jesus Spuren dieses erlösten

Lebens in der Bergpredigt auf den Punkt. In

den sogenannten „Antithesen“ (vgl. Matthäus

glaubens wert


5,21-47) zeigt er beispielsweise „Felder der Erlösung“

mitten im Alltag auf. So wird für Jesus

erlöstes Leben dort möglich, wo jemand seinen

Vorurteilen nicht mehr verfällt – und dadurch

eine neue Offenheit ins Spiel kommt. Erlöstes

Leben kann dort spürbar werden, wo Menschen

stark genug sind, die Schwächeren nicht zu

übersehen – und sich in ihrem Handeln von der

Perspektive der Schwachen leiten lassen. Erlöstes

Leben zeigt sich weiters darin, „konstruktiv“

mit FeindInnen umgehen zu lernen – und den

Kreislauf von Verdacht und Gegenverdacht, Gewalt

und Gegengewalt zu durchbrechen.

Das „Abfärben“ Gottes

Schon die „raue“ Sprache der Antithesen verrät

jedoch, dass dieses erlöste Leben bzw. das Herausgelöst-Werden

aus alten, unheilvollen Lebensmustern

kein Kinderspiel ist. Man braucht

schon einen langen Atem, um in dieses neue Leben

hineinzuwachsen. Rückschläge sind dabei

zu erwarten. Damit das neue Leben aber gelingt,

ist eines nicht zu übersehen: das „Abfärben Gottes“.

Je mehr ein Mensch Gott auf sich abfärben

lässt – seine „Gedanken“, seinen Umgang mit

unseren Schwächen, seine geduldige Liebe –,

umso eher wandelt sich das Leben. Wie wichtig

das alles für Jesus war, hat er am Kreuz gezeigt:

Der Tod am Kreuz ist die Konsequenz seines Lebens

und seiner Botschaft. Nichts konnte ihn

davon abbringen – selbst der Tod nicht –, sich

auf den erlösenden Gott und das mit ihm verbundene

neue Leben „festnageln“ zu lassen.

Fragen für ein Gespräch bzw.

für die eigene Spurensuche:

• Wo habe ich schon Erlösung erfahren bzw.

Momente der Erlösung gespürt? Wie war das?

Was habe ich dabei erlebt?

• Herausgelöst-Werden aus alten, unheilvollen

Lebensentwürfen – was könnte das mit Blick

auf unsere Zeit bedeuten?

27


28

erlöst:

zum Leben

„Bessere Lieder müssten sie mir singen, dass ich

an ihren Erlöser glauben lerne: erlöster müssten

mir seine Jünger aussehen!“ – Nietzsches Anklage

ist auch heute noch eine der schärfsten

Einsprüche gegen den christlichen Erlösungsglauben,

obwohl das Christentum inzwischen

weit lebensfreundlicher geworden ist. Die

Gründe der Kritik aber sind geblieben: Seit Jesus

von Nazareth ist die Welt wohl kaum erlöster

geworden, heißt es. Wo ist seine angekündigte

Gottesherrschaft geblieben?

Wie schon beim Schlüsselwort „versprochen“,

so gilt auch hier: Erlösung ist nicht nur ein Wort,

das einen äußeren, vollendeten Zustand der

Welt erhofft, sondern ein Wort, das zuallererst

die Zusage Gottes bezeichnet, dass wir auf Hoffnung

hin gerettet sind (vgl. Römer 8,24). Das Unterpfand

dieser Zusage aber trägt ein Gesicht,

eine Geschichte, einen Namen: Jesus Christus.

Eine Trennung des Lebens in ein diesseitiges unerlöstes

und ein jenseitiges erlöstes war Jesus

allerdings fremd. Denn alles Leben kommt aus

Gott und steht vom Schöpfer her unter der Zusage

des Gutseins, des Gelingens, des Segens –

so verdunkelt dieses Versprechen in den Zeiten

des Leids auch ist und bleibt. Denn auch Jesus

selbst wurde zum Opfer menschlicher Gewalt.

Und doch sind wir auf Hoffnung hin gerettet

Seither ging das Leben weiter wie eh und je:

ein ewiger Kampf um Macht und Anerkennung,

um das beste Stück vom Leben vor dem Tod, um

Gerechtigkeit und Glück. Und dennoch ging es

auch nicht mehr so weiter wie bisher, weil etwas

Unvorstellbares geschah: Frauen und Männer,

Menschen wie wir nach Erlösung suchend

(siehe Lukas 24,21), verkünden: Jesu Leben ist

ans Ziel gekommen, er ist auferweckt worden,

er ist der Messias, er ist der Weg zum Heil. Sein

Versprechen hat Gott nicht gebrochen, sondern

es im Leben und im Sterben des Jesus von Nazareth

auf wunderbare Weise eingelöst durch

dessen Auferweckung aus den Toten.

So ist der christliche Erlösungsglaube nicht Erlösung

vor dem Tod, sondern im Tod, nicht Erlösung

vor dem Leid, sondern im Leid. Aber nur

eine gelebte Hoffnung vermag zu überzeugen.

Sie zu leben, kann uns Christinnen und Christen

niemand abnehmen. In diesem Sinne hat Nietzsches

Vorwurf auch heute noch seine

Berechtigung.

glaubens wert


30

geheilt

Der britische Schauspieler Daniel Day Lewis bekam

für diese Rolle 1990 seinen ersten Oscar: In

dem autobiographischen Film „Mein linker Fuß“

verkörpert er die Person des erwachsenen Christy

Brown. Christy, der als zehntes von dreiundzwanzig

Kindern im armen Dublin der 30er und

40er Jahre aufwächst, kann seit seiner Geburt

nur den linken Fuß kontrolliert bewegen, der

übrige Körper ist gelähmt. Obwohl sich Christy

von Beginn an nicht artikulieren kann, glaubt

seine Mutter fest daran, dass nur der Körper ihres

Kindes „zerrüttet ist, nicht sein Geist“. Eine

entscheidende Wende erfährt das Leben der

Familie, als Christy mit fünf Jahren die Kreide

seiner Schwester in den linken Fuß nimmt und

einige Zeichen auf den Boden kritzelt. Ermutigt

von diesem „Lebenszeichen“ lehrt ihn seine

Mutter das Alphabet. Christy lernt schreiben

und zeichnen und entfaltet immer mehr sein

künstlerisches Talent als Autor und Maler. Erst

mit 18 Jahren gelingt es Christy, deutlich sprechen

zu lernen – und er verliebt sich dabei in

seine Sprachlehrerin. Als diese seine Liebe nicht

erwidert, flieht Christy in den Alkohol und versucht

sich das Leben zu nehmen. Wieder ist seine

Mutter zur Stelle. Ihr gelingt es, erneut seinen

Lebensmut zu wecken. Mit 21 Jahren schreibt

Christy schließlich seine Autobiographie „Mein

linker Fuß“. Dieses Buch wird ein Welterfolg –

und 1989 mit Daniel Day Lewis verfilmt. Mit 40

heiratet Christy Brown die Krankenschwester

Mary Carr. Neun Jahre später stirbt er an einem

schweren Erstickungsanfall.

Neue „Beweglichkeit“

Was an dieser Biographie, an diesem Leben auffällt,

ist, dass Brown nicht in seiner Behinderung

stecken geblieben ist. Allzu leicht – und nur allzu

verständlich – hätte er sich als Opfer fühlen

und entsprechend leben können: zurückgezogen,

abhängig, ohne Perspektiven. Doch da gab

es etwas in ihm, das voller Leben war, das nach

Verwirklichung drängte. Mit Hilfe seiner Mutter

gelang es ihm, dieses Potenzial freizulegen.

– Die eigenen Wünsche wieder buchstabieren

zu lernen, einen neuen Blick auf sich und die

Welt zu bekommen, aus lähmender Hoffnungslosigkeit

herauszukommen: das hat Christy

eindrucksvoll vorgelebt. Vor einiger Zeit hat es

in der Zeitschrift „Welt der Frau“ einen Bericht

über Frauen gegeben, die trotz körperlicher

Beeinträchtigungen ihr Leben mit ebensolcher

Qualität gestalten. Sie managen – wie andere

Frauen auch – eine Familie, bewähren sich im

Beruf oder bringen mitunter beides unter einen

Hut.

Aufrechter Gang und weiter Horizont

Lebensfähig werden, einen neuen Blick auf sich

und das Leben bekommen, aus lähmender Hoffnungslosigkeit

herausfinden, das Lebendige

in sich wieder hören können – diese Erfahrungen

finden sich ebenso im Neuen Testament.

Insbesondere die Heilungsgeschichten in den

Evangelien zeigen, wie für Menschen ein neues

Sehen, ein sensibles Hören, ein tieferes „Buchstabieren“

des Lebens, eine neue Beweglichkeit

möglich wird. Entscheidend dafür ist die Zuwendung

Jesu. Diese heilende Zuwendung sieht der

Mann aus Nazaret als großes Versprechen und

als Vorankündigung: Wo Gott und sein Reich

zur Entfaltung kommen, da können Menschen

wieder aufgerichtet leben, befreit von dem, was

– nicht nur körperlich – einengt, lähmt, stumm

und taub macht.

So wird im Lukasevangelium (Lukas 13,10-13)

erzählt, wie Jesus in der Synagoge eine Frau

trifft, die seit 18 Jahren gekrümmt ist. Diese

Frau kann sich nicht mehr aufrichten, sie fühlt

sich kleingemacht. Mit einer geduckten Haltung

glaubens wert


muss sie durch das Leben schleichen. Ihr Blick,

ihr Horizont ist durch die Krümmung auf das

Unschöne, das Staubige und Ausgetretene eingeengt.

Zu dieser Frau zieht es Jesus hin – und

er sucht Kontakt. Er legt ihr die Hände auf und

berührt sie – wohl auch in ihrem Herzen und in

ihrem Denken! Durch diese Berührung verändert

sich für die Gebückte Grundlegendes. Sie

erlebt hautnah, wie das, was sie verbogen, kleingemacht

und den Blick eingeengt hat, aufhört.

Was diese Frau körperlich geschenkt bekommen

hat – einen aufrechten Gang, einen neuen Blick

und einen weiten Horizont – das gilt ebenso für

den „Innenbereich“ des Menschen. Vielleicht ist

diese „innere Heilung“ sogar noch bedeutender

als die „äußere Heilung“. Eine sehr gute Bekannte,

selbst im Rollstuhl, hat einmal die Erfahrung

von Heilung in ihrem Leben mit der „täglichen

Fahrt nach Neu-Seh-Land“ umschrieben: Entscheidend

für das eigene Leben – ob mit oder

ohne „Behinderung“ – ist der Zugang zum Leben,

die Sichtweise auf sich selbst, der immer

neu zu findende Blick auf die möglichen Ziele

und Hoffnungen und auf das, was Leben hilft.

Fragen für ein Gespräch bzw.

für die eigene Spurensuche:

• Wohltuender Umgang miteinander und heilsames

Wirken aufeinander – wo habe ich das

schon einmal erlebt?

• In welcher Hinsicht ist für mich der Glaube der

Christinnen und Christen ein heilsamer Glaube?

Was in diesem Glauben vermag Menschen

zu heilen, sie ganz zu machen?

Heilsam miteinander umgehen

Zu den Grundaufträgen Jesu gehört, Kranke zu

heilen, Tote aufzuwecken, Aussätzige rein zu

machen und Dämonen auszutreiben (vgl. Matthäus

10,8). Damit ermutigt er bis heute, heilsam

aufeinander zu wirken, wohltuend und befreiend

im Umgang miteinander zu sein, so miteinander

umzugehen, dass Menschen aufleben

können und eigenständiges Leben – allen Störungen

zum Trotz – möglich wird.

31


geheilt:

aus Leid und Endlichkeit

Unser Leben trägt unvermeidlich einen Stachel:

das Leiden und den Tod. Die Sterblichkeit, sagen

Biologen, ist der Preis für unsere Lebendigkeit.

Nur weil wir sterben müssen, kann es Leben in

aller Vielfalt und Komplexität geben. Solches Leben

ist verletzlich und verwundbar. Mehr noch:

Betrachten wir die Geschichte der Völker und

die Geschichten der Menschen, besonders des

vergangenen Jahrhunderts, so finden wir darin

eine unfassbare „Landschaft aus Schreien“

(Nelly Sachs). Darum hallt seit Jahrtausenden

immer wieder die Frage durch jede neue Generation:

Was heilt den Menschen aus seinem Leid

und seiner Endlichkeit?

und Überzeugung, dass jedes gebrochene Leben,

jedes verletzte und zerstörte Sein in Gott

„am Ende der Zeiten“ heil gemacht wird. Insofern

uns das Heilwerden schon zugesprochen

ist, können und müssen wir uns der Leidenden

und Opfer bewusst werden und ihnen dort, wo

dies möglich ist, ein Stück vom Heil auf erfülltes

Leben zuteil werden lassen.

Wenn Gott alles in allem ist ...

Je nachdem, was als Unheil und dessen Ursache

gesehen wird, unterscheiden sich die Heilserwartungen:

Für die fernöstlichen Religionen ist

das tiefste Unheil das Anhaften am Ich, das zum

endlosen Kreislauf der Wiedergeburten führt.

Erst die absolute Loslösung aus der Ich-Gefangenheit

rettet hier. Die monotheistischen Religionen

dagegen benennen als die tiefste Ursache

die Trennung des Menschen und der Schöpfung

von Gott. Darum ist umfassendes Heil erst dann

verwirklicht, wenn Gott „über alles und in allem“

ist (1 Korinther 15,28). Dann, so heißt es

in der Offenbarung, wird Gott selbst alle Tränen

abwischen, „der Tod wird nicht mehr sein, keine

Trauer, keine Klage, kein Mühsal. Denn was früher

war, ist vergangen“ (Offenbarung 21,4).

32

In den Bildern des Heils verdichtet der Glaube

zweierlei: den Einspruch gegen ein Leid, das keinen

Sinn und Zweck erfüllt, und die Klage und

Anklage an Gott, den Schöpfer: Warum? Wie

lange noch? Sodann aber auch die Sehnsucht

glaubens wert


34

geschlagen

Fun, Wellness, Anti-Aging – mit diesen Schlagwörtern

wird unsere heutige Zeit gerne umschrieben.

Gemeinsam ist diesen Begriffen,

dass sie ein „Leben light“ in Aussicht stellen:

abwechslungsreich, gesund und sorgenfrei. Dabei

ist der Spaß zu einem besonders wichtigen

Faktor geworden. Spaß spielt in den Medien, in

der Beziehung, in der Freizeit und im Beruf eine

immer größere Rolle. So angenehm und mobilisierend

dieser „Faktor“ ist, so problematisch

kann er werden, wenn er absolut gesetzt wird.

Während der Spaß relativ schnell zu haben ist,

erfordern nämlich so bedeutende Lebensbereiche

wie Partnerschaft, Erziehung, Glaube, Sinn

oder Selbsterkenntnis eine viel längere und kurvenreichere

„Anfahrtszeit“.

Schwierigkeiten mit dem Gekreuzigten

Eine Gesellschaft, in der das „Leichte“ und der

Spaß eine so prägende Rolle spielen, tut sich

verständlicherweise mit dem Gekreuzigten

schwer. Der Bielefelder Theologe Willibald Bösen

schreibt: „Idole, nach denen die Welt sich

ausstreckt, sind strahlende Sieger und glanzvolle

Erste auf der Spitze der Pyramide aus Macht,

Reichtum und Prestige. Ein blutüberströmter

Gekreuzigter hat in den Augen der Welt keine

Chance.“ Diese Schwierigkeiten mit dem Gekreuzigten

gibt es nicht erst seit kurzer Zeit.

Bereits die ersten christlichen Missionare erlebten,

welch „schwerer Brocken“ das Kreuz und

der Gekreuzigte für die Menschen darstellen.

Paulus fasst seine Erfahrungen damit so zusammen:

„Wir verkünden Christus als Gekreuzigten,

den Juden ein Ärgernis, den Heiden eine Torheit“

(1 Korinther 1,23; Galater 3,13).

Eine „gefährliche“ Erinnerung

Und dennoch versickerte die Kraft, die vom Gekreuzigten

ausging, nie vollständig – auch nicht

in unserer Zeit. Das liegt wohl daran, dass das

Kreuz eine gefährliche Erinnerung wach hält. Es

erinnert daran, dass es im Leben auch die Niederlage

und den Tod gibt. Gerade aber weil es das

Leid und den Leidenden sichtbar hält, vermag es

in den dunklen Stunden Halt zu geben. Immer

wieder hat der Blick auf den Gekreuzigten Menschen

in schwierigen Situationen geholfen und

ihnen neuen Mut und Kraft eröffnet: „Kommt

alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten

zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen“

(Matthäus 11,28). Die große Stärke und der

große Trost des Christentums liegen also darin,

dass im Zentrum des Glaubens nicht nur eine

Person steht, der es um ein Leben in Fülle geht.

Im Zentrum steht zugleich eine leid-erfahrene

Person, die – wenn es ernst wird – nicht überfordert

ist, sondern mitträgt. Es stimmt schon,

was der deutsche Theologe Gisbert Greshake

einmal gesagt hat: „Menschen, die nie Schmerz

erlitten haben, haben nie gelebt. Menschen, die

mit Schrammen bedeckt sind, haben eine besondere

Glut.“

Tatkräftige Solidarität mit den Leidenden

Die gefährliche Erinnerung an den Gekreuzigten

und der Blick auf ihn ermutigen auch dazu, die

heute „aufs Kreuz Gelegten“ in den Blick zu nehmen,

jene Menschen, die in der Familie, in der Beziehung,

in der Arbeit oder in der Gesellschaft ihr

„Kreuz“ zu tragen haben – sei es aus eigener oder

aus fremder Schuld: Väter, die durch ihre Unterhaltszahlungen

auf die Straße kommen, Mütter,

die ihre Kinder alleine großziehen und erhalten

müssen, Männer und Frauen, die zu schwach sind

für die Anforderungen der heutigen Arbeitswelt,

Menschen, die aus dem Tritt gekommen sind, Personen

auf der Suche nach Asyl oder jene, die mit

einer Krankheit „geschlagen“ sind. Auf sie lenkt

der Gekreuzigte den Blick, mit ihnen verbindet er

sich und lädt die, die sich um ihn – den Gekreu-

glaubens wert


zigten – versammeln, ein, dasselbe zu tun.

So gesehen ist das Kreuz tatsächlich ein „Störfaktor“

und „Aufreger“: Es stört die glatte Oberfläche

einer scheinbar heilen Welt, die das Leid

und die Leidenden am liebsten verdrängt. Es

durchkreuzt die eingespielte Ordnung, dass

sich die Stärkeren auf Kosten der Schwächeren

durchsetzen. Es regt die Selbstgenügsamkeit

und Selbstgerechtigkeit einer Gesellschaft

auf, in der die Leidenden ohnehin immer selbst

schuld sind an ihrer Lage. Vom Kreuz geht daher

neben dem Trost und der großen Kraft für das

eigene Leid auch Unruhe und Verstörung aus. Es

öffnet und sensibilisiert für das Leid der anderen

und ruft zur tatkräftigen Solidarität mit ihnen.

Aus diesem Grund werden das Kreuz und der

Gekreuzigte in Zukunft weiterhin „Quelle des

Heils“ bleiben und Motivation für eine gerechtere

Welt. Andererseits werden der Gekreuzigte

und sein Kreuz immer auch Anlass für Ärgernis

und Unverständnis sein.

Fragen für ein Gespräch

bzw. für die eigene Spurensuche:

• Kenne ich Menschen, die auf besondere Weise

ein „Kreuz“ zu tragen haben?

• Was heißt für mich Solidarität mit den „Geschlagenen“?

Wer gehört für mich zu den „Geschlagenen“

– und wie kann die Solidarität mit

ihnen konkret aussehen?

• Wo habe ich schon einmal die Kraft des Kreuzes

gespürt? In welcher Situation ist mir die

heilvolle Nähe des Gekreuzigten besonders aufgegangen?

35


36

geschlagen:

ans Kreuz

Das Erkennungszeichen des Christentums unter

den Weltreligionen ist das Kreuzeszeichen.

Als Geste und als Symbol zeigt es auf den gewaltsamen

Tod Jesu, der zum Opfer menschlicher

Schuld geworden ist. Der Kreuzestod ist

ein skandalöses Zeichen, das schwere Fragen

aufwirft: Darf ein Hinrichtungsinstrument und

ein Hingerichteter als religiöses Symbol den

Menschen überhaupt zugemutet werden? Und

was ist das für ein Gott, der seinen Sohn zu Tode

kommen ließ, um für uns Sühne zu leisten? Hat

nicht das Christentum im Namen des Kreuzes

allzu viel Gewalt und Tod in die Welt gebracht?

Diesen Fragen haben wir uns immer wieder neu

zu stellen. Es gibt auf sie keine glatte theologische

Antwort. Aber es gibt einige Eckpfeiler,

die das „Geheimnis des Kreuzes“ erschließen

können. Einmal: Leiden und Kreuz sind nicht

Selbstzweck. Sie sind Folge der Botschaft und

Praxis Jesu. Das Kreuz ist das Martyrium des Gerechten.

Im Lich¬te der Auferstehung erkannten

die ersten Christen jedoch einen tiefen Sinn der

vergebenden Liebe Gottes: Indem Jesus zum

Opfer der gewaltbereiten Menschen geworden

ist und im Tod für die Täter um die Vergebung

ihrer Schuld betete, wurde das Kreuz zum Zeichen

der Sühne. Es ist Gott selbst, der sich mit

den Menschen versöhnt, der den Kreislauf der

Gewalt unterbrochen hat, indem er in Jesus die

Ohnmacht von Schuld und Tod erlitt und ihn

zum neuen Leben erweckte.

Solidarität im Leid

Gewiss: Damit ist das unsägliche Leid in der

Welt nicht wegerklärt oder weniger empörend.

Das Leid der schuldlosen Opfer ist und bleibt

die bitterste Anfrage an einen Gott der Liebe

und Gerechtigkeit. Aber wir glauben, dass in

Kreuz und Auferstehung Gott selbst zum unverstehbaren

Leid „Stellung genommen“ hat:

In Christus ist die verwundete Beziehung zwischen

Gott und Welt zur „Gotteswunde“ (Otmar

Fuchs) geworden. Als verklärte Wunde des Auferstandenen

will sie uns den Blick auf das Kreuz,

auf das Leiden zumuten und Hoffnung geben in

den harten Stunden des Lebens. Die christliche

Hoffnung auf Heil ist nur glaubwürdig, wenn sie

den Schmerz der Leidenden teilt und mit ihnen

wie Ijob Gott die Frage zuruft: „Warum?“, „Wie

lange noch?“

glaubens wert


38

auferweckt

„Und wenn ein Mensch stirbt, dann stirbt mit

ihm sein erster Schnee und sein erster Kuss und

sein erster Kampf … all das nimmt er mit sich.“

Diese berührenden Zeilen stammen aus einem

Gedicht des russischen Schriftstellers und Dichters

Jewgenij Jewtuschenko. Sie drücken das

aus, was der Tod eines Menschen ist: Zerstörung,

Vernichtung, Niedergang, weggerissen

werden. Der Verstorbene hat kein Wort mehr

für die Hinterbliebenen, nichts geht mehr von

ihm aus, was früher an Leben, an Zuneigung,

an Beziehung, an Wissen oder Aufmerksamkeit

von ihm ausgegangen ist. Und auch den Toten

selbst kann kein Wort und keine Zärtlichkeit

mehr erreichen. Dieser bleibt als Leiche zurück

– leblos, regungslos, ohne gemeinsame Zukunft,

kalt wie ein Gegenstand.

Diese „Grenzerfahrung“ haben wohl auch jene

Frauen gemacht, die das Geschehen auf Golgatha

miterlebt haben (vgl. z. B. Markus 15,40-

47). Wie gelähmt betrachten sie alles. Sie leiden

fassungslos mit und beobachten von Ferne das

schnelle Begräbnis Jesu durch den mutigen Josef

von Arimathäa. Was werden sie gedacht und

gefühlt haben? Sie, die ihrem Rabbi gefolgt sind,

sie, die diesem Mann ein neues, tiefes Leben verdanken

– jetzt sehen sie ihre Hoffnung, ihre Liebe,

ihren Meister begraben. Der Tod ist in seiner

ganzen Wucht und Härte greifbar.

Wo das Leben erlischt, erscheint der Geber des

Lebens

Aber dann geschieht für die, die um ihren Meister

trauern, für die, denen das Leben schwarz

geworden ist, etwas Unerwartetes, Unerhörtes,

überraschend Neues: Der am Kreuz Umgekommene

lebt – neu, anders, verwandelt. Maria aus

Magdala erfährt dies auf ganz persönliche und

für sie unbezweifelbare Weise. Auch den Jüngern,

denen Jerusalem zu gefährlich geworden

war, begegnet der auferweckte Meister – und

sie kehren verändert zurück. Was im Grab, im

Tod, bei der Auferweckung mit Jesus genau geschehen

ist, das wissen sie nicht. Nur eines bezeugen

sie: Jesus – der Verwandelte – ist nicht

mehr im Tod. Er lebt neu. Und sie realisieren voll

Staunen: Gottes Macht, Gottes Treue und Gottes

Kreativität hat da noch Möglichkeiten, wo

Menschen an die absolute Grenze ihres Lebens

stoßen. Da, wo das Leben erlischt, erscheint der

Geber des Lebens und schafft es neu, versöhnt,

geheilt.

Verwandlung und Neuschöpfung

Diese Erfahrung ist besonders schön in der Begegnung

zwischen dem „ungläubigen“ Apostel

Thomas und dem Auferweckten ausgedrückt.

Der Auferweckte ist klar als Jesus zu erkennen.

Die Spuren des Lebens sind nicht weggewischt,

alles, was diesen Menschen ausgemacht hat,

was diesem Mann widerfahren ist, was ihn geprägt

hat, ist da – aber in neuer, veränderter

Form. Die Bibel meint mit Auferweckung bzw.

Auferstehung daher nicht die Rückkehr in das

vorherige Leben bzw. die Wiederbelebung des

einstigen Körpers. Mit Auferweckung ist vielmehr

„Verwandlung“ und „Neuschöpfung“ gemeint:

Nach dem Tod kann und darf sich all das

entfalten und verwirklichen, was im Laufe eines

Lebens an Erfahrungen und persönlicher Identität

herangekeimt ist. Nichts ist Gott verloren

gegangen. Kein Mensch, keine Sekunde seines

Lebens, ist vergessen. Nichts war umsonst! Der

deutsche Theologe Wilhelm Breuning schreibt:

„Auferweckung ... heißt, dass von all dem Gott

nichts verloren gegangen ist, weil er den Menschen

liebt. Alle Tränen hat er gesammelt, und

kein Lächeln ist ihm weggehuscht. Auferweckung

... heißt, dass der Mensch bei Gott nicht

nur seinen letzten Augenblick wieder findet,

sondern seine Geschichte.“

glaubens wert


Das Licht von Ostern

Der Glaube an die Auferweckung ist das Herzstück

des Christentums. Gott bestätigt mit der

Auferweckung Jesu, dass er voll und ganz zu diesem

Menschen steht und dass er ganz in diesem

Menschen da sein konnte. Die Auferweckung ist

somit wie ein großes Rufzeichen, das Gott hinter

das Leben Jesu setzt. So gesehen fällt durch das

Osterereignis ein besonderes und einladendes

Licht auf Jesus und seinen Weg. Insbesonders

eröffnet der Glaube an den Auferweckten einen

inspirierenden Zugang zum Leben: Es gilt, den

„alten Menschen“ zurückzulassen, die alten Orientierungen,

die einengenden Fixierungen und

lebenshemmenden Gewohnheiten abzustreifen

– jeden Tag aufs Neue. Das alles ist in der

Taufe „mitgekreuzigt“ worden und „mitgestorben“

– sagt Paulus im Römerbrief. Daher sollen

die, die vom Auferweckten her und auf ihn hin

leben, immer mehr in den „neuen“ Menschen

hineinwachsen – in den neuen Menschen, „der

das gute wort auf der zunge hat, der sich freut

wenn es dem andern gut gelingt das leben, der

nicht neidisch ist“ (Kurt Marti). Der Glaube an

die Auferweckung hat aber auch für den Tod Bedeutung.

Es kann nicht geleugnet werden, dass

der Tod die letzte verstörende Wirklichkeit hier

auf der Welt ist. Wenn ein Mensch stirbt, geht

mit ihm eine „ganze Welt“ unter. Zugleich aber

zeigt die Erfahrung mit dem Auferweckten, dass

das, was untergeht und in den Tod mitgenommen

wird, nicht im Grab und in der Verwesung

endet – sondern von Gott geheilt, neu gemacht

und vollendet wird.

Fragen für ein Gespräch bzw.

für die eigene Spurensuche:

• Welche Hoffnungen verbinde ich mit dem

Glauben an die Auferweckung? Was erhoffe ich

für mich bzw. für meine Angehörigen, Freundinnen

und Freunde …?

• Welche Zweifel, Schwierigkeiten habe ich mit

diesem Glauben?

• Kenne ich Seiten des „neuen Menschen“ an

mir? Wo kann man mir den „neuen“ Menschen

anmerken?

• Was, wer „verwandelt“ mich, gibt mir Kraft,

„weckt mich auf“?

39


auferweckt:

von den Toten

Der Apostel Paulus hat es auf den Punkt gebracht:

„Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist,

dann ist euer Glaube nutzlos“, ja „erbärmlicher

wären wir daran als alle anderen Menschen“ (1

Korinther 15,17.19). Der Glaube an die Auferweckung

entstammt den tiefsten Leidenserfahrungen

des Judentums. Die längste Zeit kannte Israel

keine positive Vorstellung eines Lebens nach dem

Tod, war doch Gott die Macht des Lebens, der für

Segen und Gerechtigkeit jetzt sorgt. Es waren

letztendlich die bitteren Erfahrungen des Exils, der

Not, des Todes, die zu einer neuen Gotteserkenntnis

führten: Gott ist die Macht des Lebens, der aus

dem Nichts die Wirklichkeit ins Sein ruft (2 Makkabäer

7,28). Darum kann er, darum wird er die Toten

aus dem Tode erwecken. Und es war die Erfahrung

der Treue: Weil sich Gott immer wieder in der Geschichte

Israels als treu erwies, deshalb wird er die

Seinen auch nicht im Tod lassen. So ist der Glaube

an die Auferweckung nicht aus dem Wunsch nach

einem Weiterleben aus dem Tod entstanden.

Das letzte Wort spricht Gott

Der Glaube an die Auferstehung steht für die Hoffnung,

dass Gott den Menschen auch im Dunkel

des Todes nicht verlässt. Er steht für die Hoffnung,

dass Gott vor allem die Opfer der Gewalt und der

Ungerechtigkeit nicht im Stich lässt. Der auferweckte

Jesus Christus ist das Offenbarungszeichen

Gottes, dass er den Tod und die Ungerechtigkeit

bezwungen hat. Darum ist mit Jesu Auferstehung

das Ende der absoluten Angst vor dem Tod möglich

geworden. Der Tod bleibt die letzte Wirklichkeit

des Lebens, aber er hat nicht das letzte Wort.

Dieses letzte Wort hat uns Gott versprochen: „Ich

bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich

glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder,

der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht

sterben“ (Johannes 11,25).

40

glaubens wert


42

erfüllt

Jede und jeder kennt sie: die alten Fotos und die

Faszination, die von ihnen ausgeht. Die Gestik

und Mimik, die Haar- und Bartmode, die Kleidung,

die Umgebung – all das lässt raten, wann

die Fotos gemacht wurden, wie und wo die hier

Abgebildeten gelebt haben, was wohl der Anlass

für das jeweilige Foto war. Eines fällt bei

den Fotos noch auf: der Einfluss und das Wirken

des „Zeit-Geistes“!

So ist etwa im Foto eines „kaiserlichen und königlichen“

(k. u. k.) Soldaten bis heute erkennbar,

was zur damaligen Zeit „ganz oben“ gestanden

ist: die Treue zu Gott, Kaiser und Vaterland.

Eine bestimmte Ordnung der Gesellschaft

kommt zum Vorschein. In den Fotos aus den

30er und 40er Jahren spiegelt sich ein anderer

„Zeit-Geist“ wider. Das Hakenkreuz an den Uniformen

oder bestimmte Haar- und Bartmoden

zeigen, was und wer damals an erster Stelle zu

stehen hatte. Unübersehbar ist der „American

way of life“ auf den Fotos der 50er und 60er Jahre.

In den Bildern aus den 70ern und 80ern spiegelt

sich wiederum der erreichte Wohlstand:

Alles wurde breiter, bunter, auffälliger. In den

90er Jahren folgt dann die Besinnung auf neue

Sachlichkeit.

Was bei uns oben ist

Jedes Foto zeigt also auf seine Art, was zu einer

bestimmten Zeit maßgebend war, was Denken

und Handeln beeinflusste, was oder wer auf die

Menschen abfärbte. Immer sind Menschen vom

Geist oder Ungeist ihrer Zeit erfüllt. Wilhelm

Willms, Priester und Dichter aus Deutschland,

schrieb in einem seiner Gedichte: „je nachdem

was bei uns oben ist/was für uns oben ist/das

kommt auch auf uns herab/… wenn der mammon

oberstes prinzip ist/dann kann auch nur

der geist des mammon auf uns herabkommen/...

sehen wir also zu/was für uns oben ist/

wer für uns oben ist“. Diese Zeilen von Wilhelm

Willms ermuntern zur Wachsamkeit. Sie wollen

den Blick schärfen und hellhörig machen, welchem

„Geist“ sich Menschen heute aussetzen,

von wem oder wovon sie ihr Leben und ihre Zeit

prägen lassen.

Der „Zeit-Geist“

Nicht selten hört man Zeitgenossinnen und

Zeitgenossen auch über den gegenwärtigen

„Zeit-Geist“ klagen. Doch es gibt, trotz manch

berechtigter Sorge, „Geistes-Haltungen“, die es

in dieser Form und Häufigkeit so früher nicht

gegeben hat. Zu denken wäre hier etwa an die

zunehmende Hinwendung zu Sterbenden, an

die wachsende Aufmerksamkeit für Mitmenschen

mit Behinderungen, an das beachtliche

Engagement für Menschen in Notlagen, an die

Sorge um eine gerechte Verteilung der Güter

und einen sensiblen Umgang mit der Natur. Auffällig

ist auch das große Interesse an „Weisheit“,

sei es in Form von Lebensweisheiten, Weisheiten

aus den Religionen oder Völkern bis hin zur

Philosophie, selbst für Kinder. Neben echten

Un-Geistern und Versäumnissen gibt es heute

also Einstellungen, Haltungen, Ansätze, die viel

mit jenem Geist zu tun haben, den die Bibel den

Heiligen Geist nennt. Ein Charakteristikum dieses

Geistes ist es freilich, dass er „weht“, wo, wie

und wann er will – auch außerhalb der Kirche!

Eine Nähe, die verändert

Wenn die Bibel vom Heiligen Geist spricht, dann

erzählt sie dabei meistens von Menschen. An

ihnen und ihrem Leben werden der Geist und

sein Wirken sichtbar. Dabei zeigt sich, dass der

Heilige Geist nicht ein Geisterwesen neben Gott

oder irgendeine mysteriöse Energie ist, worüber

man mittels einer speziellen Technik verfügen

kann. Der Heilige Geist ist vielmehr Gott selbst

– in seiner persönlichen Nähe zu den Menschen.

glaubens wert


Für Christinnen und Christen gibt es aber nicht

nur diese besondere Nähe. Zu Ostern erfuhren

die Männer und Frauen um Jesus, dass der Auferweckte

in derselben Weise wie Gott bei den

Menschen ist!

Die Erfahrungen des Glaubens zeigen, wie viel

„Kraft“, wie viel „Feuer“ von dieser Nähe ausgehen:

Dort, wo Menschen Gott und seinem Auferweckten

Raum geben, auf sie hinhören, sich

an ihnen ausrichten, sich von ihnen inspirieren

lassen, mit ihnen zu leben wagen, können neue

Perspektiven entstehen, kann Mitmenschlichkeit

neu entflammen, echter Trost gefunden

werden, Mut zum Widerspruch und zur Authentizität

sowie echte Weite wachsen. Die sieben

Gaben des Heiligen Geistes (Weisheit, Einsicht,

Rat, Erkenntnis, Stärke, Frömmigkeit, Gottesfurcht

– vgl. Jesaja 11,1-2) stehen symbolisch für

diese göttlichen Auswirkungen und Lebensqualitäten.

Die Zahl Sieben verdeutlicht dabei, dass

dort, wo Gott (ausgedrückt durch die „Drei“)

und der Mensch (ausgedrückt durch die „Vier“)

einander begegnen, Fülle, Weite, Profil und ein

besonderer Esprit entstehen.

Fragen für ein Gespräch

bzw. für die eigene Spurensuche:

• Was steht bei mir ganz „oben“? In der Familie,

in der Arbeit, in der Freizeit? Woran hänge ich

mein Herz?

• Wie ist es möglich, sich vom Geist Gottes inspirieren

zu lassen? Habe ich damit Erfahrungen?

43


erfüllt:

mit seinem Geist

Er ist das rätselhafteste Phänomen des Universums,

das wir kennen: der „Geist“. Als „Information“

durchdringt er die kleinsten und komplexesten

Strukturen der Materie. Er ereignet sich

im Menschen als Bewusstsein, als Wunder, dass

ein Lebewesen zu sich selbst „Ich“, zum Nächsten

„Du“ und zur Welt „Es“ sagen kann. Der Geist

ist die Brücke von den untersten Ebenen der Materie

zur obersten Fülle der Wirklichkeit, die wir

Gott nennen. Im Licht des religiösen Glaubens

ist Gott Geist, der die ganze Schöpfung von Anfang

an durchweht (vgl. Genesis 1,1). In seinem

Geist ist Gott in unmittelbarster Bezogenheit

und Gegenwärtigkeit zu jedem seiner Geschöpfe.

Denn er ist der „Atem“ allen Seins.

dies geschieht, dann zündet es wie ein Blitz,

wie ein Feuer, es wirbelt alles auf wie im Sturm.

Denn dann erkennt der Mensch plötzlich alles

in einem neuen Licht. Auch wenn die Dinge und

Menschen sind, was sie sind im Lichte des Geistes

Gottes sind sie anders. Was war die Geist-Erkenntnis

der Jünger und Jüngerinnen Jesu? Sie

war die umwerfendste Erkenntnis ihres Lebens:

Gott war in Jesus, und Jesus ist in seinem Geist

unmittelbar in uns. Oder in modernen Bildern

gesagt: Gott ist die Energie des Seins, die unfassbarste

und unzerstörbarste Liebe, die sich

denken lässt. Gott ist da, in jedem Stein, in jeder

Blume, in jedem Menschen, in jedem Augenblick.

Dann sind wir immer schon in Gott, nur

einen Atemzug entfernt. „Denn in ihm leben

wir, bewegen wir uns und sind wir“ (Apostelgeschichte

17, 28). Wer dies erfasst, ist erfüllt mit

seinem Geist.

Doch mit unseren Sinnen und Gedanken erkennen

wir Gottes Geist nie unmittelbar, sondern

immer nur „in“ und mit den Dingen und Menschen.

Das große Missverständnis unserer Epoche

liegt darin, dass das In-Sein Gottes in seiner

Welt nicht mehr erkannt und anerkannt wird.

Nur was sich messen, zählen, beweisen lässt,

kann „Objektivität“, Wissen und Erkenntnis beanspruchen.

So steht der Gottesglaube unter

dem Verdacht, eine Projektion, eine Spiegelung

des Gehirns zu sein. Aus der Beobachterperspektive

der Wissenschaften gibt es keine weltübergreifende

Geistigkeit. Dementsprechend

sagen viele Forscher, dass der Gottesgedanke

ein Gedanke der kindlichen Seele sei, nicht der

rationalen Vernunft.

44

Gottes Geist ist in uns

Aber wie soll sich Gottes Geist zu erkennen

geben, wenn nicht im Bewusstsein des Menschen

selbst? Unser Bewusstsein ist der Ort,

wo Gottes Geist im Menschen erwacht. Wenn

glaubens wert


46

versammelt

Seien es Rockkonzerte, Fußballspiele oder Kulturfestivals

– Menschen kommen gerne zusammen,

um gemeinsam etwas zu erleben. Obwohl

sich heute immer mehr am iPod bzw. MP3-Player

das eigene Musikprogramm zusammenstellen,

geht von einer Openair-Veranstaltung mit

vielen Gleichgesinnten nach wie vor eine besondere

Faszination aus. Ähnlich ist es mit dem

Fußball. Natürlich ist eine Fernsehübertragung

interessant. Reizvoller jedoch ist das gemeinsame

Erleben eines Fußballspiels, sei es im Stadion

oder mit Freundinnen und Freunden. Und selbst

im Internet gibt es neben dem „einsamen Surfen“

Begegnungsmöglichkeiten für Menschen,

die sich sonst nie getroffen und ausgetauscht

hätten.

Der „Mehr-Wert“ all dieser Versammlung besteht

darin, dass der eigene Horizont, das eigene

Erleben, der eigene Genuss und die eigenen

Handlungsmöglichkeiten geweitet und

vertieft werden. Geteilte Freude, geteiltes Hören

oder geteiltes Tun ist mehr als einsame Freude,

einsames Hören oder einsames Tun. So gesehen,

gehören Teilen und Gemeinschaft immer

zusammen.

Geteiltes Leben

Teilen und Gemeinschaft – das sind auch für

Jesus elementare Begriffe. Beides ist für ihn so

wichtig, dass er im Angesicht des Todes alles,

wofür er steht, alles, was er noch weitergeben

will, in diese beiden Begriffe hineinlegt: Am

Ende seines Lebens, als ihm nur noch wenig Zeit

bleibt, versammelt er sich mit den Seinen und

teilt mit ihnen Wein und Brot. In diesen entscheidenden

Stunden gibt er sich selbst. Er teilt

sein Leben und Sterben, er teilt das, was ihm

Angst macht und was ihn stärkt. Und er lädt die

Menschen ein, sich weiterhin in diesem Sinn zu

versammeln, sich – wie Brot und Wein – wandeln

zu lassen und einander stärkende Nahrung

zu werden. Wo das geschieht, verspricht Jesus,

wird er selbst gegenwärtig sein.

Wo immer Christinnen und Christen daher im

Sinne dieses Vermächtnisses zusammenkommen

und sich um ihren Herrn versammeln, geht

es um das Teilen des Lebens, um das, was Angst

macht und was stärkt, was Hoffnung nimmt und

was Hoffnung gibt. Dementsprechend heißt es

in einem Dokument des Zweiten Vatikanischen

Konzils (1962 bis 1965) über die Kirche: „Freude

und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen

von heute, besonders der Armen und Bedrängten

aller Art, sind auch Freude und Hoffnung,

Trauer und Angst der Jünger Christi“ (Gaudium

et spes, Nr. 1). Dieser oft zitierte Satz darf jedoch

kein Lippenbekenntnis bleiben. Gott sei Dank

steigt bei den Menschen – inner- wie außerhalb

der Kirche – heute das Gespür dafür, ob das, was

hier gefeiert und gesagt wird, auch durch das

Leben in seiner ganze Bandbreite gedeckt ist.

Wenn Weite und Tiefe fehlen …

Wo sich Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche

nichts mehr für ihr Leben holen können,

wo sie nicht mehr erfahren, dass die Kirche und

ihre Botschaft den eigenen Horizont, das eigene

Erleben, die eigene Wahrnehmung und die eigenen

Handlungsmöglichkeiten weiten und vertiefen,

bleiben diese Menschen verständlicherweise

weg. So gesehen können kirchenkritische

Stimmen und Austritte durchaus als Ausdruck

einer enttäuschten Sehnsucht nach geistlichen

Ressourcen und tragfähiger Lebensorientierung

gesehen werden.

Raum schaffen und Raum geben

Damit die Gemeinschaft der Christinnen und

Christen Weite und Tiefe ausstrahlt, damit diese

Versammlung Menschen anzieht, braucht es

nicht nur gute Seelsorgerinnen und Seelsorger:

glaubens wert


Menschen, die die Botschaft Jesu vom nahen

Gottesreich in das heutige Leben mit seinen

vielfältigen Herausforderungen kräftig, profiliert

und klug übersetzen. Es braucht ebenso die

konkrete Erfahrung, dass jene, die den Glauben

mitleben wollen, geschätzt und willkommen

sind. Katholisch sein heißt ja weit sein, nicht eng.

So darf und muss es Raum geben für Menschen,

die wach und sensibel für Neue und Neues sind;

Raum für jene, die mitdenken und mitgestalten;

Raum für jene, die einfach da sein dürfen – in ihrer

Trauer und Enttäuschung; Raum für jene, die

ihre Erfahrungen einbringen können, wie Glaube

und Alltag gut zusammengehen. Selbstverständlich

sind auch jene willkommen und geschätzt,

deren Stärke im nüchternen Blick und

in der sachlichen Kritik liegt. Dementsprechend

vergleicht Paulus in seinem ersten Brief an die

Korinther die Kirche mit einem Leib, der aus vielen

Gliedern besteht (1 Korinther 12,12-31a). Jedes

Glied dieses Leibes ist unersetzlich und hat

seine ganz bestimmte Aufgabe. Wichtig beim

gemeinsamen Zusammenspiel der Glieder ist,

dass kein Zwiespalt entsteht, „sondern alle Glieder

einträchtig füreinander sorgen“ (1 Korinther

12,25). Ob man uns das anmerkt?

Fragen für ein Gespräch

bzw. für die eigene Spurensuche:

• Wo habe ich den Wert einer Gemeinschaft

erfahren (Musik, Sport, Familienrunde …) – und

worin bestand/besteht für mich der Wert bzw.

das Bereichende dieser Gemeinschaft?

• Was schätze ich an der Gemeinschaft unserer

Pfarre? Was fehlt mir hier?

47


48

versammelt:

zur Gemeinschaft Jesu

Vor 100 Jahren machte ein Satz des französischen

Theologen Alfred Loisy die Runde: Jesus

hat das Reich Gottes verkündet, gekommen aber

ist die Kirche. Doch der Gegensatz von Gottesreich

und Kirche ist falsch. Auch wenn die Kirche

selbst nicht das Reich Gottes auf Erden ist, so ist

sie doch „Zeichen und Werkzeug für die innigste

Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der

ganzen Menschheit“, wie das 2. Vatikanische

Konzil (1962 bis 1965) formulierte (vgl. Lumen

gentium 1).

Doch heutzutage an die Kirche Jesu zu glauben,

fällt vielen schwer. In einer Zeit der Kirchenkrise

ist der theologische und soziale Sinn von Kirche

nicht mehr selbstverständlich. In einer Zeit des

religiösen Individualismus suchen viele Menschen

ihren Glauben in Mystizismus oder in

den verschiedensten Angeboten des religiösen

Marktes zu verwirklichen. In einem Zeitalter der

Kritik werden schonungslos alle Sünden und

Untaten der Kirche aufgezeigt. „Wozu brauche

ich die Kirche?“, fragen viele. Uneinig aufgrund

unzähliger Konfessionen, unheilig wegen vieler

Versäumnisse und Eigeninteressen, engstirnig

statt weltoffen katholisch, traditionalistisch

verhärtet statt dynamisch apostolisch – so und

anders lauten berechtigte und unberechtigte

Vorbehalte. Und dennoch: Es ist die Kirche, die

in den Seelen der ersten Christen erwacht ist,

weil sie göttliche Träume vom gelingenden Leben

hütet (Fulbert Steffensky).

Kirche: Heilszeichen Gottes für die Welt

So wie wir das Leben nicht uns selbst geschenkt

haben, so wenig haben wir uns den Glauben

selbst gegeben. Denn Leben und Glauben sind

beide Ereignisse der Beziehung, Ausdrucksformen

von Kommunikation. Die Kirche Christi hat

mit dem Pfingstereignis das öffentliche Licht

der Welt erblickt. Als geisterfüllte Menschen

begannen, die Geschichte Gottes mit Jesus von

Nazaret zu erzählen, konnten sie das nur tun

als neue Gemeinschaft von Glaubenden. Nicht

zu einem Verein haben sie sich zusammengeschlossen,

sondern sie wussten sich von Christus

selbst herausgerufen, seine Botschaft zu

verkünden, seine Praxis fortzusetzen, seinen Tod

zu erinnern und seine Auferstehung anzusagen.

Kirche ist also nicht Selbstzweck, sondern Gottes

Heilszeichen für die Welt, gebildet aus Menschen

aller Völker.

So wie vieles im Leben bleibt auch die Kirche

hinter ihren eigenen Idealen zurück. Damit die

Kirche dem Reich Gottes dient, braucht sie nicht

nur ständige Aufmerksamkeit, die „Zeichen der

Zeit“ (Gaudium et spes 4) zu erkennen, sondern

jede Christin, jeder Christ ist mit seinem Leben

und Glauben ein Stück Kirche, ein Glied Christi.

glaubens wert


50

Sich wandeln lassen: –

die Eucharistie

Im Christentum gibt es drei Sakramente, die im

Besonderen dem Christ-Werden und Christ-Sein

bzw. dem Christin-Werden und Christin-Sein

gewidmet sind: Taufe, Firmung und Eucharistie.

Mit der Taufe wird ein Mensch in eine neue Beziehung,

in einen neuen Weg, in ein neues Lebensmodell

„hineingetaucht“. Mit ihr beginnt

ein Leben, das sich von jenem Geist anstecken

lässt, der Jesus Christus selbst bewegt hat. Die

Firmung faltet die Taufe weiter aus und vertieft

diese. Sie zeigt erneut, wie viel Kraft und

Inspiration von der Nähe Gottes und seines

Auferweckten ausgehen. Die Eucharistie wiederum

ist jenes Zeichen, jenes Sakrament, das

die Beziehung mit Jesus stärkt und in Gang hält.

Vielleicht kann man auch sagen, dass die Eucharistie

Menschen immer mehr in das hineinverwandelt,

was in der Taufe grundgelegt worden

ist: Als Getaufte/r leben heißt, ja im Sinne Jesu

leben. Und im Sinne Jesu leben heißt, füreinander

leben, einander zur Nahrung werden.

Nüchtern betrachtet muss man sagen: Die Feier

der Eucharistie ist heute für viele nichts Besonderes

mehr. Sie gehört zwar noch immer zu

den kulturellen Bestandteilen unseres Landes.

Kindern, Jugendlichen und zunehmend auch

immer mehr Erwachsenen geht aber der Bezug

sowie ein Verständnis für ihre Sinnhaftigkeit

und Lebensnähe verloren. Man scheint ganz gut

ohne sie auszukommen! Sie fehlt im Lebensgefühl

vieler Menschen nicht. Grund genug, die

Eucharistie wieder genauer in den Blick zu nehmen

– und sich von ihrem „Anfang“ her inspirieren

zu lassen.

Und da zeigt sich Überraschendes: Der Evangelist

Lukas lässt nämlich die Jünger unmittelbar

nach dem Letzten Abendmahl streiten, wer der

Größte unter ihnen sei (Lukas 22,24-30). Jene,

die hautnah dabei waren, mittendrin, verstanden

also nichts. Die Botschaft des Abendmahls

ging an ihnen vorbei. Ähnlich verhält es sich mit

der Fußwaschung, wie sie im Johannes-Evangelium

beschrieben wird. Auch hier finden die Jünger

keinen Zugang zum Sinn dieses Tuns. Jesus

selbst sagt zu Petrus: „Was ich tue, verstehst du

jetzt noch nicht; doch später wirst du es begreifen“

(Johannes 13,7). Vielleicht liegt in diesen

Worten des Evangeliums ein Trost für uns: Eucharistie

ist keine glatte Sache, die einem leicht

und selbstverständlich aufgeht. Sie stellt vielmehr

eine „Zu-Mut-ung“ und Herausforderung

dar, in die man erst hineinwachsen muss bzw.

darf.

Die Abendmahldeutung des Paulus

Auch wenn aufgrund der unterschiedlichen Texte

keine vollständige Rekonstruktion des Letzten

Abendmahles mehr möglich ist, darf man

doch davon ausgehen, dass Jesus diesem Mahl

eine besondere Bedeutung zugesprochen hat.

Verbindet man dieses letzte gemeinsame Essen

nämlich mit seinem gesamten Leben, mit seinem

Dasein für die Menschen, dann bekommt

dieses Mahl – wie der Kreuzestod – von hier

aus eine bestimmte „Botschaft“. Es ist ein Geschehen,

das mit dem Leben und dem Heil von

uns Menschen zu tun hat. Eine sehr bekannte

Abendmahldeutung findet sich im ersten Korintherbrief.

Hier antwortet Paulus auf Anfragen

aus der jungen korinthischen Christengemeinde.

Mit Blick auf die Eucharistie schreibt er:

Denn ich habe vom Herrn empfangen, was ich

euch dann überliefert habe: Jesus, der Herr,

nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde,

Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot

und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies

zu meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er nach

dem Mahl den Kelch und sprach: Dieser Kelch

glaubens wert


ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft

ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis! (1

Korinther 11,23 - 25)

Um den Sinn dieser Worte zu verstehen, darf

nicht vergessen werden, dass Jesus bei diesem

Mahl mit seinem baldigen Tod rechnet. Spätestens

nach dem zuvor von Jesus provozierten Eklat

im Tempel war klar, dass er nur mehr kurze

Zeit zu leben hatte. In den letzten Stunden eines

Lebens aber versucht man den Seinen etwas

Kostbares zu vermachen, ihnen Wesentliches

mitzugeben. Für Nebensächliches bleibt keine

Zeit mehr. Daher gestaltet Jesus die gemeinsame

Feier als Abschiedsmahl – mit besonderen

Worten und Zeichenhandlungen. Mit dem Teilen

und gemeinsamen Essen des Brotes, mit

dem Herumreichen des Weinbechers und dem

gemeinsamen Trinken daraus sowie den jeweils

dazugehörigen „Botschaften“ („Das bin ich; das

ist der neue Bund …“) gibt er den Seinen etwas,

das selbst durch seinen Tod nicht vernichtet werden

kann, etwas, das „von dynamisch-frischer

Dauer“ bleibt: Er schenkt sein Dasein, seine Gegenwart,

sein „Ich-bin-da“, seine Zuwendung.

Diejenigen, die gemeinsam Mahl halten, die

vom eucharistischen Brot essen und vom Wein

trinken, gewinnen demnach Anteil an Jesus

selbst, an dem, was diesen Menschen ausmacht,

an dem, was ihn belebt, an dem, was ihm wichtig

ist. Und sie bekommen – ausgedrückt durch

den Wein – einen Vorgeschmack auf die frohe

und festliche Gemeinschaft mit Gott. Das aber

hat Konsequenzen für das Leben der Mitfeiernden

und für ihre Gemeinschaft (vgl. 1 Korinther

11,17-34)!

51


Wandlung in wachsenden Ringen

Ein Höhepunkt der Eucharistiefeier ist die sogenannte

Wandlung. Wenn Christinnen und Christen

„Eucharistie“ feiern, steht „Wandlung“ im

Zentrum: So wie Brot und Wein eine neue Bestimmung

bekommen und zu „Leib und Blut Christi“

werden, soll auch der Mensch, sein Tun, seine

Geschichte, seine Welt eine neue Bestimmung

bekommen – und dementsprechend verwandelt

werden. All diese „Wandlungen“ aber beginnen,

wie die Wandlung von Brot und Wein zeigt, im

Kleinen. Vielleicht kann man von einer „Wandlung

in konzentrischen Kreisen“ sprechen. Jesus

wandelt Brot und Wein, er setzt diese Lebensmittel

zu sich in eine neue Beziehung und gibt ihnen

so einen neuen Sinn, einen neuen „Inhalt“: Das

bin ich – mit meiner Kraft, meiner Zuwendung,

meinem Wohlwollen, meinem Leben.

Wer sich von diesem Jesus angesprochen fühlt

und sich ihm öffnet, der öffnet, weitet und wandelt

damit auch sein Herz, sein Denken, seine

Wahrnehmung, sein Tun: Schritt für Schritt, immer

wieder aufs Neue, trotz mancher Rückschritte.

Wer bereit ist, sich selbst zu verändern und

zu wandeln – allmählich, ein Leben lang –, der

wird ermutigt, auch seine Umgebung zu „verwandeln“,

sie – wo es nötig ist – menschlicher,

freundlicher, gerechter zu machen.

Die „Wandlung“ in der Eucharistie ist daher

nicht als ein „geheimnisvoller“ Kultakt in einer

geschützten Gruppe zu verstehen – lebensfern

und weltfremd. Nein, die „Wandlung“, die mit

Jesus zusammenhängt, ermutigt vielmehr zum

Aufbrechen und zur Veränderung: vom Gegeneinander

zum Miteinander, vom engen Blick zum

weiten Blick, von der Nutznießerin zur Nutzteilerin,

vom Verantwortungsscheuen zum Verantwortungsbewussten,

von der Enttäuschten zur

Hoffenden. Mit diesen „Wandlungen“ aber kann

man den Veränderungen im eigenen Leben genauso

wie in der Gesellschaft sinnvoll und geistvoll

begegnen.

Eucharistie als „Gedächtnis“ Christi, als Erinnern

und Vergegenwärtigen

Beim Abschiedsmahl spricht Jesus zweimal vom

Gedächtnis – „sooft ihr zusammenkommt, Wein

trinkt, Brot brecht und dabei an diese Stunde und

an mich denkt, bin ich da“. Mit „Gedächtnis“ ist

nicht nur das Denken an Vergangenes gemeint.

„Gedächtnis“ im biblischen Sinn hat vielmehr zu

tun mit Innewerden, Hineingezogen werden, Einbezogensein

in die gegenwärtig werdende Wirklichkeit

eines bestimmten, heilvollen Ereignisses.

Auf diese Weise reihen sich bis heute gläubige

Jüdinnen und Juden beim Essen des Pascha-Lammes

in die lebendige religiöse Tradition ihres Volkes

ein. Sie erleben durch die Feier des Mahles die

Rettung ihrer Vorfahren aus Ägypten mit – so als

ob sie selbst dabei gewesen wären. Wenn Christinnen

und Christen Eucharistie feiern, treten sie

– ebenfalls durch ihr „Gedächtnis“ – in die Gemeinschaft

mit Jesus ein, dem für uns aufs Kreuz

Gelegten und aus dem Tod Befreiten. So gesehen

müsste Eucharistie immer etwas „Anziehendes“,

„Hineinziehendes“, „Dynamisches“ sein – wo es

um nicht mehr und nicht weniger geht als um

Leben und Tod.

Fragen für ein Gespräch bzw. für die eigene

Spurensuche:

• Wandlung bzw. sich wandeln (lassen) – wo

habe ich das bei mir oder bei anderen schon

einmal erlebt?

• Was hilft bei der Wandlung der eigenen Gedanken,

der eigenen Gewohnheiten, des eingefleischten

Blickes …?

• Warum ist „Wandlung“ nicht immer einfach?

• Welche Kraft, welche Inspiration finde ich in

der Eucharistie?


54

verwandelt:

durch sein Gedächtnis

Die sonntägliche Eucharistiefeier ist der liturgische

Höhepunkt in der katholischen Kirche. Denn

sie ist Danksagung und Gedächtnisfeier in einem:

In ihr dankt die Kirche Gott dem Vater für dessen

liebende und Leben schaffende Selbstmitteilung

in seiner Schöpfung und in seinem Volk Israel. In

ihr erinnert sie das Leben, Sterben und Auferstehen

seines Sohnes Jesu. In ihm hat sich Gott ein für

alle Mal als die versöhnende und verschenkende

Liebe erwiesen. Die Eucharistiefeier ist deshalb die

Verdichtung dessen, worum es im menschlichen

Leben geht: eine in Gottes Heiligem Geist verwandelte,

universale Gemeinschaft zu werden, die in

Gerechtigkeit, Liebe und Friede Gott, dem „Freund

des Lebens“ (Weisheit 11,26), dient. Dieses solidarische

und gewaltfreie Leben ist in Jesus vorgebildet

und wird in der Eucharistie vergegenwärtigt.

Die Wandlung der Gaben und der Gemeinde

Darum ist mit der Eucharistiefeier nicht nur die

Wandlung der eucharistischen Zeichen von Brot

und Wein zur Gegenwart Christi zentral, sondern

ebenso die Wandlung der versammelten Gemeinde.

Die altkirchliche Liturgie betonte das eindrucksvoll,

indem der Hleilige Geist nicht nur über

die Gaben, sondern auch über die Gemeinde herabgerufen

wurde. Die Wandlung der Christen in

der Eucharistiefeier zielt letzten Endes auf Jesu Gebot:

„Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe“

(Johannes 15,12). Was dies bedeutet, verdeutlicht

uns das Johannesevangelium: Im Bericht über Jesu

Abschiedsmahl setzt der Evangelist an die Stelle

der Brotworte und der Becherhandlung (vgl. Markus

14,22-24) die Schilderung der Fußwaschung.

Mit dieser damals von Sklaven durchgeführten Tätigkeit

weist Jesus seine Jünger an, so wie er sein

Leben radikal zu teilen und hinzugeben.

Wenn die Kirche Eucharistie feiert, dann wird

sie nicht nur in die Gemeinschaft mit dem dreifaltigen

Gott hineingenommen. Sie zeigt damit

zugleich, dem Ankommen des Gottesreiches

unter den Menschen zu dienen. Ihr Erinnern

des Leidens und Auferstehens Jesu muss immer

auch Eingedenken der Leidenden und Opfer der

Vergangenheit und Gegenwart sein. Denn in

der Eucharistie unterstellt sich die Gemeinde

der „Autorität der Leidenden“ (Johann Baptist

Metz) und erhofft mit ihnen die Auferstehung,

die Wiedergutmachung und Vollendung ihres

und unseres Lebens.

glaubens wert


Gott Raum geben: –

das Vaterunser

Ein besonderer Weg, sich mitten im Alltag von

Gottes Weite, Tiefe, Großzügigkeit und Menschlich-keit

inspirieren zu lassen, ist für Jesus das

Vaterunser. Dieses Gebet, das im Zentrum der

Bergpre-digt steht, hat Jesus selbst praktiziert

und an die Seinen weitergegeben. Es ist sein

Gebet für uns. Das Vaterunser spiegelt deshalb

jenes „Einfallstor“ wider, durch das Gott auf die

Menschen „wirkt“. Um die Kraft dieses Gebetes

zu erahnen, soll der Sinn der einzelnen Bitten

wieder einmal bewusst wahrgenommen werden.

Hier ein Versuch in diese Richtung:

56


Vater unser

Du Gott – bedingungslos auf der Seite

von uns Menschen

Im Himmel

Du bist heilvoll zugegen, überall – ohne

Begrenzung durch Raum und Zeit.

Wo du bist, wo du ankommen kannst, da

ist „Himmel“ möglich: geheiltes, erfülltes

Leben.

Geheiligt werde dein Name

Deinem Namen, deinem „Ich-bin-da“

dürfen wir vertrauen – zutiefst.

In jeder Sekunde unseres Lebens bist du

heilvoll zugegen.

Dein Reich komme

Deine Gegenwart, deine zuvorkommende

Liebe, deine Zuwendung,

deine Menschenfreundlichkeit, deine

Weite und Tiefe sollen „Blüten“ treiben

– uns verwandeln, ermutigen, trösten,

befreien,

herausfordern – immer mehr.

Dein Wille geschehe

Nicht Willkür gefällt dir und das Beherrschen-Können.

Dein Wille ist vielmehr,

dass Menschen (wieder) leben können –

aufgerichtet, authentisch, befreit, offen,

weitherzig, eigenständig, mitfühlend ...

Wie im Himmel so auf Erden

Überall willst du Leben in Fülle – selbst

im Tod.

Unser tägliches Brot gib uns heute

Du weißt, was wir brauchen, um leben

zu können. Du gibst es – auch durch

uns.

Und vergib uns unsere Schuld

Großzügig bist du und freudig bereit,

zu vergeben – zu jeder Zeit, ohne Vorbedingung,

immer wieder aufs Neue.

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Deine Vergebung ermutigt uns, ebenfalls

großzügig im Vergeben zu sein,

Versöhnung und Neubeginn zu wagen

– oder zuzulassen.

Und führe uns nicht in Versuchung

Sei bei uns und hilf uns in schwierigen

Situationen, in denen wir zu scheitern

oder unterzugehen drohen, in denen

wir vielleicht auch das Menschliche

aus dem Blick verlieren.

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Befreie uns von dem, was uns von dir

fernhält und was uns hindert, mehr

(Mit-) Mensch zu sein.

Denn dein ist das Reich

und die Kraft

und die Herrlichkeit

in Ewigkeit - Amen.

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Literatur:

Die Bibel. Gesamtausgabe (Einheitsübersetzung

der Heiligen Schrift), Katholische Bibelanstalt

Stuttgart, Stuttgart 1980.

Katechismus der Katholischen Kirche, Oldenbourg

Verlag, München 1993.

Katechismus der Katholischen Kirche, Kompendium

(Deutsche Bischofskonferenz), Bonn 2005.

Katholischer Erwachsenenkatechismus, Das

Glaubensbekenntnis der Kirche (hg. von der

Deutschen Bischofskonferenz), Bonn 1985.

Neues Handbuch theologischer Grundbegriffe,

4 Bände (hg. von Peter Eicher), Köselverlag,

München 2005.

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Impressum: Autorengruppe Mag. a Irmgard Lehner, Rektor Ernst Bräuer, Univ.-Prof.

Dr. Franz Gruber und Dr. Stefan Schlager

Herausgeber: Mag. Ferdinand Kaineder, Kommunikationsbüro der Diözese Linz,

Herrenstrasse 19, 4020 Linz; Grafik: Stefan Teufel; Druck: Birner, Holzhausen

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Notizen

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glaubens wert

GLAUBENSWERT

ERFAH RU NGEN MIT GOTT

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