Leseprobe: "Das Mord-Projekt"

Sina.Katzlach

Es könnte überall sein. Frank Mittnachts Irgendwo ist eine fiktive Kreisstadt im Allgäu und Ausgangspunkt tragischer Geschehen, die nicht nur sein Schicksal bestimmen. Nach dem Verlust seiner Familie ist der Kommissar und Präsidiumsleiter der Kripo Großdummsdorf nicht mehr er selbst. Seltsame Träume erzählen ihm eine Geschichte, die er nicht versteht, und plötzlich ist ein Killer hinter ihm her. Eines Tages wird ein junger Mann von seiner Freundin gefunden - ermordet. Und Frank steht vor der Frage: "Bin ich der Täter?" Zugleich findet der Witwer in den Armen einer jungen Frau neues Glück, doch dann trifft ihn die Faust der Vorhersehung mit aller Macht. Das Geschehen gipfelt in einer Tragödie, und Frank steht einmal mehr vor dem Henker. Doch das ist erst der Anfang! Warnung: Diese Leseprobe hört an der Stelle auf, wo es am Spannendsten wird. Wer mehr wissen will: Das gesamte Werk gibt es als Taschenbuch und Ebook. Die Anlaufstellen findet der Geneigte Leser in unserem Impressum gleich am Anfang des vorliegenden Buchs.

Sina Katzlach

LP XXL:

Rosenrot

Aus: Das Mord-

Projekt


Impressum

© Sina Katzlach

© H.N.Parder

© Jenna Killby

© Shadow Light Peppenbach

Hrsg.:

Sina Katzlach

94447 Plattling/Niederbayern

Kontakt:

Oslinfjorder.Kurier@gmail.com

epub:

ISBN: 978-3-7368-9074-9

erhältlich bei BookRix


Amazon und Diverse

Taschenbuch:

ISBN-13: 978-1511832724

erhältlich bei Amazon


Titelblock

Das Mord-Projekt

Band eins

Rosenrot

© Sina Katzlach and Authors

***

Vorsicht, Leseprobe!


Widmung

Gewidmet

der Ignoranz

der Gleichgültigkeit

der Heilen Welt

die es nicht gibt

gewidmet

der Inakzeptanz

der Intoleranz


gewidmet:

Dir, Mensch!

und Mir


Kapitel-Verzeichnis

Vorwort

Ein Gesicht in der Menge

Von Strohwitwern und Rosen

Fahrt in den Tod

Bittere Wahrheit

Toter Hund


Vorwort

Er wurde keines Blickes

gewürdigt, wie er da saß. Es gab

nichts an ihm, an was sich ein Auge

festhalten konnte, sein Antlitz war

nur ein weiteres Gesicht in der

Menge.

Rings um seine Bank flanierten

Familien mit ihren Kindern im

besten Sonntagsgewand. Die Kirche

war soeben zu Ende, und nun

wollten viele nach Hause, in die

Eisdiele oder ins nächste Gasthaus,

um ihr spießbürgerliches Leben vor

aller Augen zu präsentieren. Wie er

es hasste!


Der Mann lehnte sich zurück und

schmiegte seinen Rücken gegen die

Rinde des Baumstamms hinter

seiner Bank ohne Lehne. Mit

verschränkten Armen versenkte er

sich in die Atmosphäre des

Zentrums aller Übel, der Langeweile

des Alltags, dem Streben nach

Wohlstand und Macht, der

Gleichgültigkeit der Menge

gegenüber der Welt und was darin

geschah.

Und doch war er einer von

ihnen: Jeden Tag ging er zur Arbeit,

und er liebte seinen Beruf. Er war

einer der Guten, zumindest dachten

jene dies von ihm, die ihn besser


als Andere kannten. Es gab nicht

viele davon, und die Meisten seiner

Freunde waren seine Kollegen. So

wie er waren sie für die vielen

Verbrechen zuständig, die täglich

geschahen.

Frank Mittnacht erhob sich und

reckte seinen Körper zu voller

Größe. Auf der gegenüberliegenden

Seite des Marktplatzrondells sah er

ein junges Paar, engumschlungen,

wie es auf den ersten Blick schien.

Ein rührendes Bild, doch dann sah

er noch einmal hin. Der Junge

drückte das Mädchen mit voller

Körperkraft gegen einen

Laternenpfahl und zwängte seine


Hand mit Gewalt unter ihren kurzen

Rock. Einige Passanten sahen

geflissentlich in eine andere

Richtung und beschleunigten ihre

Schritte, um der Situation so schnell

wie möglich entkommen zu können.

Der Mann überquerte den Platz

und begab sich zu ihnen.

Angsterfüllte Augen sahen ihn an,

doch ihre Lippen wurden vom Mund

des jungen Mannes versiegelt. Er

legte einen Arm schraubstockartig

um den Hals des Jungen und zog

ihn mit sanfter Gewalt weg. „Ich

glaube, die junge Dame möchte das

nicht“, sagte Frank mit ruhiger

Stimme.


„Verpiss dich, du Penner“,

zischte ihn die Stimme des

Jünglings an, von dem er annahm,

dass er den Windeln noch nicht

lange entwachsen war.

Frank übte noch einmal etwas

Druck auf seinen Arm aus, um den

Jungen ganz von dem Mädchen

wegzuziehen. Die Kleine löste sich

von der Laterne und gab

Fersengeld. Zwei Minuten später

war sie auch schon verschwunden.

Doch mit seinem Opfer war

Kommissar Mittnacht noch lange

nicht fertig. Mit rotem Gesicht und

erstaunten Augen lag der Junge

fünf Minuten später am Boden.


Wutschnaubend stieß er die Worte

hervor: „Das wirst du mir büßen.“

Er drehte sich nur um und ließ

ihn ungerührt liegen. Der Bursche

hatte seine verdiente Abreibung

bekommen!

***

Eine Woche später schien die

Sonne von einem wolkenlosen

Himmel. In der Fußgängerzone war

die Hölle los. Offenbar war ganz

Großdummsdorf auf den Beinen.

Kommissar Mittnacht befand

sich nach der Arbeit auf seinem

Heimweg. Normalerweise begab er

sich nach Feierabend zügig nach


Hause, doch heute eilte es nicht.

Niemand erwartete ihn. Seine Frau

war mit den beiden Kindern zu

ihren Eltern aufs Land gefahren.

Kleindummsdorf, wo diese

wohnten, war fünfzig Kilometer

entfernt und zählte noch zum Kreis.

Großdummsdorf selbst hatte nicht

ganz vierzigtausend Einwohner

ohne Eingemeinden. Rechnete man

die kleinen Vororte außerhalb hinzu,

kam man auf weitere

achtzehntausend.

Vom Stadtkern aus verlief das

Straßennetz aus der

Vogelperspektive gesehen fast wie

ein Achteck in alle


Himmelsrichtungen. Die Kreisstadt

verfügte über drei Zufahrtsstraßen

in die Nachbarstädte und eine

weitere zur nächsten Bundesstraße,

die wiederum eine Anbindung an

die Autobahn Richtung Memmingen

war. Diese Zufahrtsstraße begann

am Memminger Ring, einem großen

Rondell.

Wie in den meisten anderen

Städten auch war ein großer

Marktplatz mit einer großflächigen

Geschäftszone über mehrere

Straßenzüge hinweg der Mittelpunkt

von Großdummsdorf. In der Mitte

des gepflasterten Platzes stand eine

mindestens dreihundert Jahre alte


Linde, die zugleich Namensgeberin

einer benachbarten Wirtschaft war.

Der Baum bildete das Zentrum

einer rundläufigen Bank ohne

Lehne, die oft genug Frank

Mittnachts Ruheplatz und

Beobachtungsposten war, wenn er

durch die Stadt streifte wie ein

einsamer Wolf.

Seine Arbeitsstelle war das

Polizeipräsidium der Stadt. Frank

Mittnacht war Beamter im

gehobenen Dienst und Vorgesetzter

des hiesigen Polizeiapparats. Sein

täglicher Arbeitsweg führte ihn

aufgrund Parkplatzmangels

regelmäßig über den Marktplatz.


Während er wie immer durch die

Fußgängerzone schlenderte,

erwiderte er den Gruß seines

Nachbarn Andreas Berger und

wechselte ein paar unverbindliche

Worte mit ihm. Sein Blick blieb am

Schaufenster des Elektromarktes

hängen, und er überlegte. Tom -

sein Sohn - lag ihm schon seit

Wochen mit einer neuen

Spielekonsole in den Ohren.

Frank beschloss, sich in dem

Markt beraten zu lassen und trat

durch die automatisierte, breite

Flügeltür in die klimatisierten

Geschäftsräume.

Nach einem ausführlichen


Verkaufsgespräch stand er auch

schon wieder mit einer großen

Plastiktüte und dem neuesten

Trend darin in der

spätnachmittaglichen

Sommersonne. Direkt gegenüber

befand sich ein Eiscafé. Eine lange

Schlange hatte sich vor dem

Straßenschalter gebildet. Es waren

hauptsächlich Familien, doch die

waren es nicht, die Franks

Aufmerksamkeit auf sich zogen.

Eine Gruppe Jugendlicher stand

tuschelnd ein paar Meter entfernt

an einem Hauseck. Mit aggressivem

Gebaren gestikulierten die drei

Halbstarken in Richtung einer


dunkelhäutigen Frau mit einem

Mädchen im Kindergartenalter an

ihrer Hand.

Gemütlich ging er auf die andere

Straßenseite und stellte sich

ebenfalls in der Schlange an der

Eisdiele an. Mit geheucheltem

Desinteresse und die Augen hinter

seiner Sonnenbrille verborgen,

behielt er die Gruppe im Auge.

Schließlich war die junge Mutter

die Nächste am Schalter und

bestellte zwei Waffeleis. Kurz

darauf zog das kleine Mädchen

energisch an der Hand der Frau und

strebte quengelnd in Richtung eines

Spielwarenladens zwei Häuser


weiter. Sie mussten unweigerlich an

den Jungen vorbei.

Genau darauf schienen die drei

gewartet zu haben. Kaum war das

Mutter-Tochter-Gespann mit ihnen

auf einer Höhe, trat einer der

Halbstarken aus der Gruppe heraus.

Er zog das Mädchen zur Seite und

hielt es fest. Die anderen beiden

nahmen die Mutter mit roher

Gewalt in die Zange.

Der Junge, welcher das

schreiende Mädchen an der Hand

hielt, packte es fest am Arm und

verlangte mit barscher Stimme Geld

von der Frau. Mit zitternden Fingern

kramte sie in ihrer Tasche.


Frank machte einen Schritt auf

die Gruppe zu und räusperte sich.

„Lasst gefälligst die Frau und das

Mädchen in Ruhe!“, fuhr er die drei

Jungs in schwarzer Lederkluft an.

„Was willst du Opa denn?“,

schnauzte einer von ihnen pampig

zurück. Er hatte eine

kurzgeschorene Igelfrisur, sein

Gesicht war über und über gepierct.

Es kam ihm bekannt vor. Hatte er

das Pickelgesicht nicht letzte Woche

schon am Wickel gehabt?

Frank fixierte ihn mit seinem

Blick und holte seine Brieftasche

aus der Innentasche seines

Jacketts. Ohne sich von dem


aggressiven Gebaren der drei

beeindrucken zu lassen, kramte er

darin herum und hielt seinem

Gegenüber schließlich seine

Dienstmarke direkt vor die Nase.

"Noch Fragen?"

„Scheiße, der Typ ist ein Bulle!“

Panisch rannten die drei jungen

Männer davon. Frank Mittnacht

lächelte bitter.

Der jungen Frau stand der

Schrecken deutlich ins Gesicht

geschrieben. Kommissar Mittnacht

sprach sie an, ob alles okay sei,

doch sie schüttelte nur mit dem

Kopf. Das kleine Mädchen schrie

wie am Spieß.


Frank legte den Arm um ihre

Schulter und versuchte, die Kleine

zu trösten. Da begann die Mutter, in

einer fremden Sprache zu schreien.

Vorwurfsvolle Blicke wanderten in

ihre Richtung.

Frank Mittnacht wandte sich ab

und ging weiter. Er wirkte gelassen,

doch die Ruhe, die er ausstrahlte,

täuschte!

Leise Wut gärte in ihm. Er liebte

seinen Beruf. Erwählt hatte er ihn

zu einer Zeit, als er noch an das

Gute im Menschen glaubte. Je mehr

er jedoch im Verlauf der Jahre

erleben hatte müssen, umso mehr

sah er sich in seinen Intentionen


getäuscht.

Jeden Tag auf seinem Heimweg

- dieses kurze Stück Weg vom

Präsidium durch die verwinkelten

Gassen des Geschäftsviertels und

das weitläufige Marktplatzrondell -

sah er in leere Gesichter und

mürrische Mienen von Passanten,

die gesenkten Blickes wie

Gespenster an ihm vorbei huschten.

Wie oft schon hatte er Verhöre

geführt und das Gefühl gehabt,

gegen eine Mauer des Schweigens

zu prallen.

Normalerweise freute er sich

darauf, nach Hause zu kommen, zu

seiner Familie. Ihre Liebe war das


Einzige, was ihn nicht endgültig in

dem Sumpf des Verbrechens um ihn

herum ertrinken lassen würde.

Frank Mittnacht überlegte das

erste Mal, seinen Beruf an den

Nagel zu hängen. Doch was käme

dann? Was sollte er tun? Ihm wurde

alles zu viel, doch er konnte nur

dies: Für Gerechtigkeit sorgen und

zusammen mit seinen Kollegen

verhindern, dass das Böse in seiner

Stadt überhand nahm.

Er war zwar stolz darauf, dass es

Menschen gab, denen er helfen

konnte, schließlich war er deshalb

zur Kripo gegangen. Vieles, was

geschah, konnte jedoch auch ein


Polizist nicht verhindern.

Manchmal verstand er die

Resignation eines Kollegen. Doch

immer wieder überwog der Zorn

und die Entschlossenheit, der

Verderbtheit menschlicher Seelen

keine Macht über die Gesellschaft

zu geben und dagegen zu kämpfen.

Wie es der Teufel wollte,

machten derzeit Jugendgangs

Großdummsdorf einmal mehr zu

ihrem Spielplatz.

Verdammt, und die Bürger der

Stadt schauten ungerührt zu, wenn

Halbstarke Überfälle begingen, auf

Schulhöfen randalierten und kleine

Kinder zu Drogen verführten.


Zerdepperte Flaschen zerstörten

das Stadtbild, Kippen verseuchten

die Fußgängerzonen - doch dies war

seiner Meinung nach das kleinere

Übel. Allerdings wurde durch diese

winzigen Details doch so viel

offenbar: Die Welt war oberflächlich

und schlecht. Und nur wer eine

Nische in einem liebevollen Herz-

Kämmerchen hatte, um sich darin

zu erholen, konnte darin überleben.

Ziellos streifte er weiter durch

die Gassen. Allmählich begann es,

zu dämmern. Die Sonne tauchte die

schneeweißen Fachwerkhäuser des

Stadtkerns in rotgoldenes Licht, und

normalerweise war es ein Anblick,


den er genoss. Die große

Plastiktüte, welche die neue

Spielekonsole für seinen Ältesten

enthielt, schlenkerte vergessen an

seinem Handgelenk. Sein Blick

huschte über alles und jeden

hinweg, doch niemand beachtete

ihn.

Er hingegen sah alles, jedes

Detail. Er sah ein Gesicht, sah die

Verzweiflung darin, erkannte

ungute Gedanken in den Augen von

Menschen, die im Begriff waren,

etwas zu tun, was sie später

bereuen würden.

Bitter lachte Frank in sich hinein:

'Leider ist es nicht verboten, böse


Pläne zu schmieden.'

Kommissar Mittnachts Magen

knurrte und erinnerte ihn daran,

dass es auch noch etwas Anderes

gab. Er hatte Hunger. Kurz

überlegte er, in einem Restaurant

essen zu gehen, doch dann reute

ihn das Geld, was die Wirtsleute

ihm aus der Tasche zögen, ohne

adäquate Leistung in Form eines

wohlschmeckenden Menüs dafür zu

erbringen. "Nicht einmal anständig

einkehren kann man hier noch",

murrte er laut.

Ein Paar zog an ihm vorbei und

hatte sein Selbstgespräch gehört.

Entgeistert sahen die beiden ihn an,


stockten kurz und liefen vorbei.

Nach zwei Schritten drehte sich der

männliche Part - so um die dreißig -

um und rief ihm nach: "Da haben

Sie recht."

Frank lächelte erfreut. Ihm war

nun aus unerklärlichen Gründen

etwas leichter ums Herz. 'Also gut',

dachte er. 'Gehen wir heim und

schieben uns etwas hinter die

Kiemen.' Dann drehte er sich auf

den Hacken um und überquerte den

Marktplatz. Mit beschleunigten

Schritten wandte er sich nach links

und begab sich zu dem Parkplatz,

auf dem er sein Auto abgestellt

hatte.


"Feierabend, auch mit den

miesen Gedanken", rief er sich

selbst halblaut zur Ordnung.

"Frankie allein zu Hause, und Mami

hat die Bude verlassen. Was ist

denn mit dir los?"

Plötzlich stieg Gelächter in ihm

hoch. Er fühlte sich auf einmal ...

verrückt. Und er lachte, und lachte,

und lachte. Menschen gingen an

ihm vorbei, und sie drehten sich

um. Er versuchte, sich zu

beherrschen, um sein Gelächter

nicht allzu brüllend werden zu

lassen. Sonst würde er wohl noch

heute in der Klapsmühle enden.

Mit rasendem Herzen stieg er in


seinen schwarzen Opel Corsa und

wusste schon jetzt: Diese Nacht

würde sehr lang und einsam sein.

Energisch startete er den Motor,

legte krachend den Rückwärtsgang

ein und verließ nach einem

schnittigen Wendekreis den großen

Parkplatz. Hupend grüßte er

Andreas Berger und fuhr grinsend

davon, als dieser - noch immer zu

Fuß - vor Schreck zusammenzuckte.

***

Frank Mittnacht wohnte

außerhalb der Innenstadt von

Großdummsdorf, am Stadtrand,

kurz bevor sich das gelbe Ortsschild


ei den Autofahrern, welche die

Stadt verließen, mit einem

Negierungsstrich durch den

Ortsnamen und einem "Auf

Wiedersehen" für ihre

Stadtanwesenheit bedankte. Oder

für ihren Fortgang, wie man dies

auch sehen konnte!

Das Wohngebiet war eine

beschauliche Gegend mit ein paar

Häusern und wenig Verkehr.

Wiesen und Felder beherrschten die

Landschaft dahinter und grenzten

an einen großen Wald.

Zwischen Groß- und

Kleindummsdorf gab es noch etliche

Einsiedelgehöfte, die richtig emsig


Landwirtschaft betrieben. Hier

wusste man noch, wie Kühe

aussahen, wie ein Schwein grunzte

und dass Hühner nicht fliegen

können.

Frank und Barbara Mittnacht

hatten sich für ein Haus am

Ortsausgang entschieden.

Gemeinsam mit ihren beiden

Kindern wohnten sie hier seit der

Geburt des Ältesten, Tom. Er kam

im Frühjahr 2000 zur Welt, und

seine kleine Schwester zwei Jahre

später. Der heutige Präsidiumsleiter

war damals noch ziemlich am

Anfang seiner Karriere gestanden,

hatte sein Ziel jedoch fest im Blick.


Seine Frau war Hausfrau und

Mutter. Ihr ganzer Stolz war ihre

Rosenzucht, und diese pflegte

Barbara Mittnacht mit Leib und

Seele. Dass sie im Angestellten-

Verhältnis zum Arbeiten ging, war

nicht vonnöten gewesen und stand

schon vor der Hochzeit im Jahr

1999 komplett außer Frage. Zu der

Zeit hatten sie noch in einer kleinen

Wohnung im Stadtzentrum

gewohnt, und Tom war noch nicht

auf der Welt.

Das

zweistöckige

Einfamilienhaus mit sonnengelber

Fassade und schokobraunen

Jalousien war seine Insel der Liebe,


der Abgeschiedenheit von der

korrupten Welt da draußen, wie er

sie brauchte. Beide hatten sie hart

dafür gekämpft, das Haus zu

erwerben, und es war nicht billig

gewesen. Doch ohne Barbara und

das Lachen der Kinder ...

Um 19:30 Uhr bog Frank von der

Ausfahrtsstraße aus in seine

Wohnstraße ein. Am Horizont

ballten sich dunkle Wolken zu

einem Gewitter zusammen, doch es

schien noch weit weg. Eine leichte

Brise strich durch die geöffneten

Autofenster, als er mit halblauter

Musikberieselung in die mit

Knochensteinen bepflasterte


Hoffahrt einfuhr.

"Nothing else matters" summte

er leise mit und hegte manch

bitteren Gedanken dabei. Ihm

machte es etwas aus, allein zu sein.

Es machte ihn fast verrückt, zu

wissen, dass sie nicht da war.

Schlecht gelaunt stellte er den

Wagen ab und schob die beiden am

Boden liegenden Kinderfahrräder in

den Bretterverschlag linkerhand der

Garage.

Mit einem wütenden Fluch kickte

er einen Fußball gegen das

Garagentor, fuhr sich durchs Haar

und lief dem Ball hinterher.

Schließlich warf er ihn über den


Zaun und zuckte zusammen, als er

das Klirren vernahm, gefolgt von

einem Fluch. "Sag mal, Frank,

spinnst du?", kam es von drüben.

"Wer soll das jetzt bezahlen?"

"Sorry, Andreas, mir war grad

danach", rief Kommissar Mittnacht

hinüber und grinste. "Du warst aber

schnell."

"Na Gottseidank", antwortete

sein Nachbar Berger. "Sonst hättest

du dich womöglich einfach mal

schnell aus dem Staub gemacht,

und niemand wäre es dann

gewesen. Hättest du nicht

wenigstens ein anderes Fenster

nehmen können? Das


Küchenfenster war frisch geputzt!"

Andreas trat an den Gartenzaun

und streckte Frank einen von

fettiger Brühe triefenden Fußball

entgegen. Angeekelt machte Frank

einen Schritt rückwärts und

weigerte sich, ihn

entgegenzunehmen. "Nee, lass mal.

Den kannst du behalten. Für deine

Kinder."

Empört schnaufte der ältere

Mann auf: "Ich habe keine Kinder,

und das weißt du genau. Das ist

typisch Frank!"

Kommissar Mittnacht ging zum

Auto und warf über die Schulter

zurück: "Ach ja, stimmt, dazu


aucht man ja eine Frau." Er

grinste noch einmal hinter seinen

Stockzähnen hervor, warf sich

schwungvoll in seinen Corsa und

fuhr ihn in die Garage. In aller

Gemütsruhe stieg er aus, verließ

den Raum und schloss das Tor.

Andreas plärrte derweil hinüber:

"Und wie machen wir das jetzt mit

dem Fenster?"

"Schick mir die Rechnung",

antwortete Frank lakonisch, ließ ihn

kurzerhand stehen und ging in

Richtung Haus. Gedankenverloren

streifte er mit seiner rechten Hand

an dem gußeisernen Zaun des

Vorgartens entlang, pflückte eine


von Barbaras Rosen und steckte sie

sich hinters Ohr. "Autsch!" Mit

einem entnervten Ausruf zog er sie

wieder hervor und warf sie zu

Boden. 'Wenn das Babsi sähe ...',

dachte er, hob sie wieder auf und

steckte sie ins Knopfloch seines

Revers.

Zwei Minuten später hängte er

die prall gefüllte Plastiktüte aus

dem Elektrofachmarkt an die

Garderobe und betrat hungrig die in

Nussbaum eingerichtete Küche, die

sich gleich neben seinem

Arbeitszimmer befand.

Seine Frau hatte quasi dem

ganzen Haus einen rustikalen


Stempel aufgedrückt, doch er

mochte diese heimelig anmutende

Atmosphäre sehr. Hier, in diesem

Nutzraum, der regelmäßig von

wohltuenden Gerüchen durchzogen

war, von würzigen Aromen und dem

Gelächter seiner beiden Kinder und

ihrer Mutter durchdrungen, war für

die ganze Familie das Herz des

Hauses.

Grinsend stellte Frank die

Küchentür etwas schräg und öffnete

einen Coca-Cola-Kühlschrank, der

sich halb dahinter befand. Es war

gar nicht so einfach gewesen,

Barbara davon zu überzeugen, dass

dieses knallrote Ding da in ihre


Küche gehörte. Er hatte ihn bei

einem Weihnachtspreisausschreiben

von Coca Cola gewonnen.

Ehrensache, dass er mit dem

Weihnachts-Truck geliefert worden

war, sehr zur Freude seiner zwei

Kinder.

Frank hatte den Hauptpreis

erspielt, gezogen aus einigen Caps

mit Webcode. Anschließend war

sogar noch eine Runde für die

Kinder durch Großdummsdorf mit

drin gewesen. Die glücklich

leuchtenden Augen von Tom und

Lina hatten mit den bunten Lichtern

des Trucks und der festlichen

Weihnachtsbeleuchtung in den


Straßen der Stadt regelrecht

gewetteifert. Dies war sein

allerschönstes Weihnachtsgeschenk

gewesen.

Das gesamte Haus war von

Barbaras Liebe durchdrungen. Die

weißen Gardinen mit dem zierlichen

Blumenmuster am Fenster, die fein

gehäkelte Spitzentischdecke, der

Strauß Rosen aus dem Garten

darauf, die rote Kerze daneben …

Nachdenklich setzte sich Frank

mit einer Flasche Bier in der Hand

an seinen Lieblingsplatz auf der

Eckbank. Er konnte sich nicht

erklären, weshalb er seine drei

plötzlich so sehr vermisste,


schließlich waren sie nicht lange

weg. "Nur ein zweiwöchiger

Aufenthalt auf dem Land", hatte sie

ihm erklärt. "Wir waren schon so

lange nicht mehr bei meinen

Eltern."

Und die Kinder hatten sich

tierisch gefreut. Er hatte keinen

Urlaub nehmen können, sonst wäre

er mit dabei.


Ein Gesicht in der Menge

Er wurde keines Blickes

gewürdigt, wie er da saß. Es gab

nichts an ihm, an was sich ein Auge

festhalten konnte, sein Antlitz war

nur ein weiteres Gesicht in der

Menge.

Rings um seine Bank flanierten

Familien mit ihren Kindern im

besten Sonntagsgewand. Die Kirche

war soeben zu Ende, und nun

wollten viele nach Hause, in die

Eisdiele oder ins nächste Gasthaus,

um ihr spießbürgerliches Leben vor

aller Augen zu präsentieren. Wie er

es hasste!


Der Mann lehnte sich zurück und

schmiegte seinen Rücken gegen die

Rinde des Baumstamms hinter

seiner Bank ohne Lehne. Mit

verschränkten Armen versenkte er

sich in die Atmosphäre des

Zentrums aller Übel, der Langeweile

des Alltags, dem Streben nach

Wohlstand und Macht, der

Gleichgültigkeit der Menge

gegenüber der Welt und was darin

geschah.

Und doch war er einer von

ihnen: Jeden Tag ging er zur Arbeit,

und er liebte seinen Beruf. Er war

einer der Guten, zumindest dachten

jene dies von ihm, die ihn besser


als Andere kannten. Es gab nicht

viele davon, und die Meisten seiner

Freunde waren seine Kollegen. So

wie er waren sie für die vielen

Verbrechen zuständig, die täglich

geschahen.

Frank Mittnacht erhob sich und

reckte seinen Körper zu voller

Größe. Auf der gegenüberliegenden

Seite des Marktplatzrondells sah er

ein junges Paar, engumschlungen,

wie es auf den ersten Blick schien.

Ein rührendes Bild, doch dann sah

er noch einmal hin. Der Junge

drückte das Mädchen mit voller

Körperkraft gegen einen

Laternenpfahl und zwängte seine


Hand mit Gewalt unter ihren kurzen

Rock. Einige Passanten sahen

geflissentlich in eine andere

Richtung und beschleunigten ihre

Schritte, um der Situation so schnell

wie möglich entkommen zu können.

Der Mann überquerte den Platz

und begab sich zu ihnen.

Angsterfüllte Augen sahen ihn an,

doch ihre Lippen wurden vom Mund

des jungen Mannes versiegelt. Er

legte einen Arm schraubstockartig

um den Hals des Jungen und zog

ihn mit sanfter Gewalt weg. „Ich

glaube, die junge Dame möchte das

nicht“, sagte Frank mit ruhiger

Stimme.


„Verpiss dich, du Penner“,

zischte ihn die Stimme des

Jünglings an, von dem er annahm,

dass er den Windeln noch nicht

lange entwachsen war.

Frank übte noch einmal etwas

Druck auf seinen Arm aus, um den

Jungen ganz von dem Mädchen

wegzuziehen. Die Kleine löste sich

von der Laterne und gab

Fersengeld. Zwei Minuten später

war sie auch schon verschwunden.

Doch mit seinem Opfer war

Kommissar Mittnacht noch lange

nicht fertig. Mit rotem Gesicht und

erstaunten Augen lag der Junge

fünf Minuten später am Boden.


Wutschnaubend stieß er die Worte

hervor: „Das wirst du mir büßen.“

Er drehte sich nur um und ließ

ihn ungerührt liegen. Der Bursche

hatte seine verdiente Abreibung

bekommen!

***

Eine Woche später schien die

Sonne von einem wolkenlosen

Himmel. In der Fußgängerzone war

die Hölle los. Offenbar war ganz

Großdummsdorf auf den Beinen.

Kommissar Mittnacht befand

sich nach der Arbeit auf seinem

Heimweg. Normalerweise begab er

sich nach Feierabend zügig nach


Hause, doch heute eilte es nicht.

Niemand erwartete ihn. Seine Frau

war mit den beiden Kindern zu

ihren Eltern aufs Land gefahren.

Kleindummsdorf, wo diese

wohnten, war fünfzig Kilometer

entfernt und zählte noch zum Kreis.

Großdummsdorf selbst hatte nicht

ganz vierzigtausend Einwohner

ohne Eingemeinden. Rechnete man

die kleinen Vororte außerhalb hinzu,

kam man auf weitere

achtzehntausend.

Vom Stadtkern aus verlief das

Straßennetz aus der

Vogelperspektive gesehen fast wie

ein Achteck in alle


Himmelsrichtungen. Die Kreisstadt

verfügte über drei Zufahrtsstraßen

in die Nachbarstädte und eine

weitere zur nächsten Bundesstraße,

die wiederum eine Anbindung an

die Autobahn Richtung Memmingen

war. Diese Zufahrtsstraße begann

am Memminger Ring, einem großen

Rondell.

Wie in den meisten anderen

Städten auch war ein großer

Marktplatz mit einer großflächigen

Geschäftszone über mehrere

Straßenzüge hinweg der Mittelpunkt

von Großdummsdorf. In der Mitte

des gepflasterten Platzes stand eine

mindestens dreihundert Jahre alte


Linde, die zugleich Namensgeberin

einer benachbarten Wirtschaft war.

Der Baum bildete das Zentrum

einer rundläufigen Bank ohne

Lehne, die oft genug Frank

Mittnachts Ruheplatz und

Beobachtungsposten war, wenn er

durch die Stadt streifte wie ein

einsamer Wolf.

Seine Arbeitsstelle war das

Polizeipräsidium der Stadt. Frank

Mittnacht war Beamter im

gehobenen Dienst und Vorgesetzter

des hiesigen Polizeiapparats. Sein

täglicher Arbeitsweg führte ihn

aufgrund Parkplatzmangels

regelmäßig über den Marktplatz.


Während er wie immer durch die

Fußgängerzone schlenderte,

erwiderte er den Gruß seines

Nachbarn Andreas Berger und

wechselte ein paar unverbindliche

Worte mit ihm. Sein Blick blieb am

Schaufenster des Elektromarktes

hängen, und er überlegte. Tom -

sein Sohn - lag ihm schon seit

Wochen mit einer neuen

Spielekonsole in den Ohren.

Frank beschloss, sich in dem

Markt beraten zu lassen und trat

durch die automatisierte, breite

Flügeltür in die klimatisierten

Geschäftsräume.

Nach einem ausführlichen


Verkaufsgespräch stand er auch

schon wieder mit einer großen

Plastiktüte und dem neuesten

Trend darin in der

spätnachmittaglichen

Sommersonne. Direkt gegenüber

befand sich ein Eiscafé. Eine lange

Schlange hatte sich vor dem

Straßenschalter gebildet. Es waren

hauptsächlich Familien, doch die

waren es nicht, die Franks

Aufmerksamkeit auf sich zogen.

Eine Gruppe Jugendlicher stand

tuschelnd ein paar Meter entfernt

an einem Hauseck. Mit aggressivem

Gebaren gestikulierten die drei

Halbstarken in Richtung einer


dunkelhäutigen Frau mit einem

Mädchen im Kindergartenalter an

ihrer Hand.

Gemütlich ging er auf die andere

Straßenseite und stellte sich

ebenfalls in der Schlange an der

Eisdiele an. Mit geheucheltem

Desinteresse und die Augen hinter

seiner Sonnenbrille verborgen,

behielt er die Gruppe im Auge.

Schließlich war die junge Mutter

die Nächste am Schalter und

bestellte zwei Waffeleis. Kurz

darauf zog das kleine Mädchen

energisch an der Hand der Frau und

strebte quengelnd in Richtung eines

Spielwarenladens zwei Häuser


weiter. Sie mussten unweigerlich an

den Jungen vorbei.

Genau darauf schienen die drei

gewartet zu haben. Kaum war das

Mutter-Tochter-Gespann mit ihnen

auf einer Höhe, trat einer der

Halbstarken aus der Gruppe heraus.

Er zog das Mädchen zur Seite und

hielt es fest. Die anderen beiden

nahmen die Mutter mit roher

Gewalt in die Zange.

Der Junge, welcher das

schreiende Mädchen an der Hand

hielt, packte es fest am Arm und

verlangte mit barscher Stimme Geld

von der Frau. Mit zitternden Fingern

kramte sie in ihrer Tasche.


Frank machte einen Schritt auf

die Gruppe zu und räusperte sich.

„Lasst gefälligst die Frau und das

Mädchen in Ruhe!“, fuhr er die drei

Jungs in schwarzer Lederkluft an.

„Was willst du Opa denn?“,

schnauzte einer von ihnen pampig

zurück. Er hatte eine

kurzgeschorene Igelfrisur, sein

Gesicht war über und über gepierct.

Es kam ihm bekannt vor. Hatte er

das Pickelgesicht nicht letzte Woche

schon am Wickel gehabt?

Frank fixierte ihn mit seinem

Blick und holte seine Brieftasche

aus der Innentasche seines

Jacketts. Ohne sich von dem


aggressiven Gebaren der drei

beeindrucken zu lassen, kramte er

darin herum und hielt seinem

Gegenüber schließlich seine

Dienstmarke direkt vor die Nase.

"Noch Fragen?"

„Scheiße, der Typ ist ein Bulle!“

Panisch rannten die drei jungen

Männer davon. Frank Mittnacht

lächelte bitter.

Der jungen Frau stand der

Schrecken deutlich ins Gesicht

geschrieben. Kommissar Mittnacht

sprach sie an, ob alles okay sei,

doch sie schüttelte nur mit dem

Kopf. Das kleine Mädchen schrie

wie am Spieß.


Frank legte den Arm um ihre

Schulter und versuchte, die Kleine

zu trösten. Da begann die Mutter, in

einer fremden Sprache zu schreien.

Vorwurfsvolle Blicke wanderten in

ihre Richtung.

Frank Mittnacht wandte sich ab

und ging weiter. Er wirkte gelassen,

doch die Ruhe, die er ausstrahlte,

täuschte!

Leise Wut gärte in ihm. Er liebte

seinen Beruf. Erwählt hatte er ihn

zu einer Zeit, als er noch an das

Gute im Menschen glaubte. Je mehr

er jedoch im Verlauf der Jahre

erleben hatte müssen, umso mehr

sah er sich in seinen Intentionen


getäuscht.

Jeden Tag auf seinem Heimweg

- dieses kurze Stück Weg vom

Präsidium durch die verwinkelten

Gassen des Geschäftsviertels und

das weitläufige Marktplatzrondell -

sah er in leere Gesichter und

mürrische Mienen von Passanten,

die gesenkten Blickes wie

Gespenster an ihm vorbei huschten.

Wie oft schon hatte er Verhöre

geführt und das Gefühl gehabt,

gegen eine Mauer des Schweigens

zu prallen.

Normalerweise freute er sich

darauf, nach Hause zu kommen, zu

seiner Familie. Ihre Liebe war das


Einzige, was ihn nicht endgültig in

dem Sumpf des Verbrechens um ihn

herum ertrinken lassen würde.

Frank Mittnacht überlegte das

erste Mal, seinen Beruf an den

Nagel zu hängen. Doch was käme

dann? Was sollte er tun? Ihm wurde

alles zu viel, doch er konnte nur

dies: Für Gerechtigkeit sorgen und

zusammen mit seinen Kollegen

verhindern, dass das Böse in seiner

Stadt überhand nahm.

Er war zwar stolz darauf, dass es

Menschen gab, denen er helfen

konnte, schließlich war er deshalb

zur Kripo gegangen. Vieles, was

geschah, konnte jedoch auch ein


Polizist nicht verhindern.

Manchmal verstand er die

Resignation eines Kollegen. Doch

immer wieder überwog der Zorn

und die Entschlossenheit, der

Verderbtheit menschlicher Seelen

keine Macht über die Gesellschaft

zu geben und dagegen zu kämpfen.

Wie es der Teufel wollte,

machten derzeit Jugendgangs

Großdummsdorf einmal mehr zu

ihrem Spielplatz.

Verdammt, und die Bürger der

Stadt schauten ungerührt zu, wenn

Halbstarke Überfälle begingen, auf

Schulhöfen randalierten und kleine

Kinder zu Drogen verführten.


Zerdepperte Flaschen zerstörten

das Stadtbild, Kippen verseuchten

die Fußgängerzonen - doch dies war

seiner Meinung nach das kleinere

Übel. Allerdings wurde durch diese

winzigen Details doch so viel

offenbar: Die Welt war oberflächlich

und schlecht. Und nur wer eine

Nische in einem liebevollen Herz-

Kämmerchen hatte, um sich darin

zu erholen, konnte darin überleben.

Ziellos streifte er weiter durch

die Gassen. Allmählich begann es,

zu dämmern. Die Sonne tauchte die

schneeweißen Fachwerkhäuser des

Stadtkerns in rotgoldenes Licht, und

normalerweise war es ein Anblick,


den er genoss. Die große

Plastiktüte, welche die neue

Spielekonsole für seinen Ältesten

enthielt, schlenkerte vergessen an

seinem Handgelenk. Sein Blick

huschte über alles und jeden

hinweg, doch niemand beachtete

ihn.

Er hingegen sah alles, jedes

Detail. Er sah ein Gesicht, sah die

Verzweiflung darin, erkannte

ungute Gedanken in den Augen von

Menschen, die im Begriff waren,

etwas zu tun, was sie später

bereuen würden.

Bitter lachte Frank in sich hinein:

'Leider ist es nicht verboten, böse


Pläne zu schmieden.'

Kommissar Mittnachts Magen

knurrte und erinnerte ihn daran,

dass es auch noch etwas Anderes

gab. Er hatte Hunger. Kurz

überlegte er, in einem Restaurant

essen zu gehen, doch dann reute

ihn das Geld, was die Wirtsleute

ihm aus der Tasche zögen, ohne

adäquate Leistung in Form eines

wohlschmeckenden Menüs dafür zu

erbringen. "Nicht einmal anständig

einkehren kann man hier noch",

murrte er laut.

Ein Paar zog an ihm vorbei und

hatte sein Selbstgespräch gehört.

Entgeistert sahen die beiden ihn an,


stockten kurz und liefen vorbei.

Nach zwei Schritten drehte sich der

männliche Part - so um die dreißig -

um und rief ihm nach: "Da haben

Sie recht."

Frank lächelte erfreut. Ihm war

nun aus unerklärlichen Gründen

etwas leichter ums Herz. 'Also gut',

dachte er. 'Gehen wir heim und

schieben uns etwas hinter die

Kiemen.' Dann drehte er sich auf

den Hacken um und überquerte den

Marktplatz. Mit beschleunigten

Schritten wandte er sich nach links

und begab sich zu dem Parkplatz,

auf dem er sein Auto abgestellt

hatte.


"Feierabend, auch mit den

miesen Gedanken", rief er sich

selbst halblaut zur Ordnung.

"Frankie allein zu Hause, und Mami

hat die Bude verlassen. Was ist

denn mit dir los?"

Plötzlich stieg Gelächter in ihm

hoch. Er fühlte sich auf einmal ...

verrückt. Und er lachte, und lachte,

und lachte. Menschen gingen an

ihm vorbei, und sie drehten sich

um. Er versuchte, sich zu

beherrschen, um sein Gelächter

nicht allzu brüllend werden zu

lassen. Sonst würde er wohl noch

heute in der Klapsmühle enden.

Mit rasendem Herzen stieg er in


seinen schwarzen Opel Corsa und

wusste schon jetzt: Diese Nacht

würde sehr lang und einsam sein.

Energisch startete er den Motor,

legte krachend den Rückwärtsgang

ein und verließ nach einem

schnittigen Wendekreis den großen

Parkplatz. Hupend grüßte er

Andreas Berger und fuhr grinsend

davon, als dieser - noch immer zu

Fuß - vor Schreck zusammenzuckte.

***

Frank Mittnacht wohnte

außerhalb der Innenstadt von

Großdummsdorf, am Stadtrand,

kurz bevor sich das gelbe Ortsschild


ei den Autofahrern, welche die

Stadt verließen, mit einem

Negierungsstrich durch den

Ortsnamen und einem "Auf

Wiedersehen" für ihre

Stadtanwesenheit bedankte. Oder

für ihren Fortgang, wie man dies

auch sehen konnte!

Das Wohngebiet war eine

beschauliche Gegend mit ein paar

Häusern und wenig Verkehr.

Wiesen und Felder beherrschten die

Landschaft dahinter und grenzten

an einen großen Wald.

Zwischen Groß- und

Kleindummsdorf gab es noch etliche

Einsiedelgehöfte, die richtig emsig


Landwirtschaft betrieben. Hier

wusste man noch, wie Kühe

aussahen, wie ein Schwein grunzte

und dass Hühner nicht fliegen

können.

Frank und Barbara Mittnacht

hatten sich für ein Haus am

Ortsausgang entschieden.

Gemeinsam mit ihren beiden

Kindern wohnten sie hier seit der

Geburt des Ältesten, Tom. Er kam

im Frühjahr 2000 zur Welt, und

seine kleine Schwester zwei Jahre

später. Der heutige Präsidiumsleiter

war damals noch ziemlich am

Anfang seiner Karriere gestanden,

hatte sein Ziel jedoch fest im Blick.


Seine Frau war Hausfrau und

Mutter. Ihr ganzer Stolz war ihre

Rosenzucht, und diese pflegte

Barbara Mittnacht mit Leib und

Seele. Dass sie im Angestellten-

Verhältnis zum Arbeiten ging, war

nicht vonnöten gewesen und stand

schon vor der Hochzeit im Jahr

1999 komplett außer Frage. Zu der

Zeit hatten sie noch in einer kleinen

Wohnung im Stadtzentrum

gewohnt, und Tom war noch nicht

auf der Welt.

Das

zweistöckige

Einfamilienhaus mit sonnengelber

Fassade und schokobraunen

Jalousien war seine Insel der Liebe,


der Abgeschiedenheit von der

korrupten Welt da draußen, wie er

sie brauchte. Beide hatten sie hart

dafür gekämpft, das Haus zu

erwerben, und es war nicht billig

gewesen. Doch ohne Barbara und

das Lachen der Kinder ...

Um 19:30 Uhr bog Frank von der

Ausfahrtsstraße aus in seine

Wohnstraße ein. Am Horizont

ballten sich dunkle Wolken zu

einem Gewitter zusammen, doch es

schien noch weit weg. Eine leichte

Brise strich durch die geöffneten

Autofenster, als er mit halblauter

Musikberieselung in die mit

Knochensteinen bepflasterte


Hoffahrt einfuhr.

"Nothing else matters" summte

er leise mit und hegte manch

bitteren Gedanken dabei. Ihm

machte es etwas aus, allein zu sein.

Es machte ihn fast verrückt, zu

wissen, dass sie nicht da war.

Schlecht gelaunt stellte er den

Wagen ab und schob die beiden am

Boden liegenden Kinderfahrräder in

den Bretterverschlag linkerhand der

Garage.

Mit einem wütenden Fluch kickte

er einen Fußball gegen das

Garagentor, fuhr sich durchs Haar

und lief dem Ball hinterher.

Schließlich warf er ihn über den


Zaun und zuckte zusammen, als er

das Klirren vernahm, gefolgt von

einem Fluch. "Sag mal, Frank,

spinnst du?", kam es von drüben.

"Wer soll das jetzt bezahlen?"

"Sorry, Andreas, mir war grad

danach", rief Kommissar Mittnacht

hinüber und grinste. "Du warst aber

schnell."

"Na Gottseidank", antwortete

sein Nachbar Berger. "Sonst hättest

du dich womöglich einfach mal

schnell aus dem Staub gemacht,

und niemand wäre es dann

gewesen. Hättest du nicht

wenigstens ein anderes Fenster

nehmen können? Das


Küchenfenster war frisch geputzt!"

Andreas trat an den Gartenzaun

und streckte Frank einen von

fettiger Brühe triefenden Fußball

entgegen. Angeekelt machte Frank

einen Schritt rückwärts und

weigerte sich, ihn

entgegenzunehmen. "Nee, lass mal.

Den kannst du behalten. Für deine

Kinder."

Empört schnaufte der ältere

Mann auf: "Ich habe keine Kinder,

und das weißt du genau. Das ist

typisch Frank!"

Kommissar Mittnacht ging zum

Auto und warf über die Schulter

zurück: "Ach ja, stimmt, dazu


aucht man ja eine Frau." Er

grinste noch einmal hinter seinen

Stockzähnen hervor, warf sich

schwungvoll in seinen Corsa und

fuhr ihn in die Garage. In aller

Gemütsruhe stieg er aus, verließ

den Raum und schloss das Tor.

Andreas plärrte derweil hinüber:

"Und wie machen wir das jetzt mit

dem Fenster?"

"Schick mir die Rechnung",

antwortete Frank lakonisch, ließ ihn

kurzerhand stehen und ging in

Richtung Haus. Gedankenverloren

streifte er mit seiner rechten Hand

an dem gußeisernen Zaun des

Vorgartens entlang, pflückte eine


von Barbaras Rosen und steckte sie

sich hinters Ohr. "Autsch!" Mit

einem entnervten Ausruf zog er sie

wieder hervor und warf sie zu

Boden. 'Wenn das Babsi sähe ...',

dachte er, hob sie wieder auf und

steckte sie ins Knopfloch seines

Revers.

Zwei Minuten später hängte er

die prall gefüllte Plastiktüte aus

dem Elektrofachmarkt an die

Garderobe und betrat hungrig die in

Nussbaum eingerichtete Küche, die

sich gleich neben seinem

Arbeitszimmer befand.

Seine Frau hatte quasi dem

ganzen Haus einen rustikalen


Stempel aufgedrückt, doch er

mochte diese heimelig anmutende

Atmosphäre sehr. Hier, in diesem

Nutzraum, der regelmäßig von

wohltuenden Gerüchen durchzogen

war, von würzigen Aromen und dem

Gelächter seiner beiden Kinder und

ihrer Mutter durchdrungen, war für

die ganze Familie das Herz des

Hauses.

Grinsend stellte Frank die

Küchentür etwas schräg und öffnete

einen Coca-Cola-Kühlschrank, der

sich halb dahinter befand. Es war

gar nicht so einfach gewesen,

Barbara davon zu überzeugen, dass

dieses knallrote Ding da in ihre


Küche gehörte. Er hatte ihn bei

einem Weihnachtspreisausschreiben

von Coca Cola gewonnen.

Ehrensache, dass er mit dem

Weihnachts-Truck geliefert worden

war, sehr zur Freude seiner zwei

Kinder.

Frank hatte den Hauptpreis

erspielt, gezogen aus einigen Caps

mit Webcode. Anschließend war

sogar noch eine Runde für die

Kinder durch Großdummsdorf mit

drin gewesen. Die glücklich

leuchtenden Augen von Tom und

Lina hatten mit den bunten Lichtern

des Trucks und der festlichen

Weihnachtsbeleuchtung in den


Straßen der Stadt regelrecht

gewetteifert. Dies war sein

allerschönstes Weihnachtsgeschenk

gewesen.

Das gesamte Haus war von

Barbaras Liebe durchdrungen. Die

weißen Gardinen mit dem zierlichen

Blumenmuster am Fenster, die fein

gehäkelte Spitzentischdecke, der

Strauß Rosen aus dem Garten

darauf, die rote Kerze daneben …

Nachdenklich setzte sich Frank

mit einer Flasche Bier in der Hand

an seinen Lieblingsplatz auf der

Eckbank. Er konnte sich nicht

erklären, weshalb er seine drei

plötzlich so sehr vermisste,


schließlich waren sie nicht lange

weg. "Nur ein zweiwöchiger

Aufenthalt auf dem Land", hatte sie

ihm erklärt. "Wir waren schon so

lange nicht mehr bei meinen

Eltern."

Und die Kinder hatten sich

tierisch gefreut. Er hatte keinen

Urlaub nehmen können, sonst wäre

er mit dabei.


Von Strohwitwern und

Rosen

Barbara Mittnacht war mit ihren

Kindern Tom und Lina über die

Pfingstferien zu ihren Eltern aufs

Land gefahren.

Eingebettet in weitläufige

Wiesen lag Kleindummsdorf

zwischen dem Dummersbach -

einem

gemütlich

dahinplätschernden Bach mit

kristallklarem Wasser - auf der

einen und einem großen,

langegezogenen Waldgebiet auf der

anderen Seite. Die Nachbarn

kannten sich untereinander und


halfen sich gegenseitig bei

irgendwelchen Problemen.

Zweimal im Jahr - zur

Sommersonnenwende und an

Silvester - trafen sich traditionell

alle Kleindummsdorfer im

Gemeindehaus, um gemeinsam zu

feiern. Auf den Wiesen wurde in

den Sommermonaten regelmäßig

Heu gemacht, und nicht nur ein

Hahn krähte auf dem Misthaufen

zum Weckruf des Morgens.

Am Waldrand sagten sich Fuchs

und Hase "Gute Nacht", und

Eichhörnchen tollten in Scharen die

Bäume hinauf.

Auf der Fahrt nach


Kleindummsdorf kam man an

großen Gehöften vorbei, vor denen

die Landwirte ihr Saisonobst oder

Gemüse verkauften, sogar geimkert

wurde hier noch. In der anderen

Richtung - zum Allgäu hinauf -

waren Weinberge zu finden, und

Hopfen säumte hüben und drüben

die Straßen. Tatsächlich gab es im

Winter noch Schnee, wenn auch

nicht mehr so viel wie in früheren

Jahren.

Die Kreisstadt Großdummsdorf

mit seinen Eingemeinden - inklusive

Kleindummsdorf - lag im Hinterland

zwischen Memmingen und Lindau

sehr gut versteckt. Über die


Autobahn war es nicht direkt

erreichbar. Serpentinen und

unwegsame Landstraßen führten

dorthin, und als Touristikort war

diese oberschwäbische Gegend

nicht sehr bekannt.

Der Bauernhof, auf dem Barbara

Mittnacht aufgewachsen war, wurde

von ihren Eltern nur noch

sporadisch bewirtschaftet. Margot

und Heinz Krämer waren

mittlerweile bereits über siebzig

und wollten gemeinsam ihren

wohlverdienten Lebensabend

genießen. Aus diesem Grund waren

die meisten Weiden und Wiesen an

Nachbargehöfte verpachtet worden


und gewährten ihnen ein

einträchtiges Einkommen.

Seit mittlerweile 49 Jahren

miteinander verheiratet, standen

sie kurz vor der Goldenen Hochzeit

und hatten bereits eine große Feier

bis ins kleinste Detail vorgeplant.

Elf Monate mussten sie jedoch noch

warten, und im Wonnemonat Mai

nächsten Jahres wäre es endlich

soweit.

Das Jubiläumsbrautpaar freute

sich darüber, sechs wohlgeratene

Kinder großgezogen zu haben und

diese an ihrem großen Tag um sich

herum versammeln zu können.

Barbara war die Jüngste ihrer drei


Töchter und hatte mit ihrer

Hochzeit das Haus als Letzte

verlassen. Sie hatte noch einen

jüngeren Bruder, der ein Gehöft in

der elterlichen Nachbarschaft hatte,

und zwei ältere. Nur einer der Jungs

war noch im Haus und nahm den

Eltern die restliche Hofarbeit ab.

Später würde er ihn vermutlich

erben, und Jürgen - der Älteste -

machte sich schon jetzt mit dem

Gedanken vertraut.

***

Am ersten Abend seiner

Strohwitwerschaft führte sich Frank

Mittnacht ein bereits vorgeklopftes


Elefanten-Ohr mit Bandnudeln und

Pilz-Sauce zu Gemüt, und sein

Abend dürfte kulinarisch gerettet

sein, wie er sich erhoffte.

Zumindest hatte seine häusliche

Frau vor der Abfahrt für alles

gesorgt.

"Das wird eine lange Zeit

werden, mein Schatz", sandte er

Grüße in Richtung Kleindummsdorf.

"Wenn du zurück kommst, bin ich

verhungert." Frank grinste über sich

selbst, um sich anschließend einmal

mehr über seine Masche,

Selbstgespräche zu führen, zu

ärgern.

Eine weitere halbe Stunde


später war er fertig mit Essen und

stellte sein Geschirr in die

Spülmaschine. Dann begab er sich

hinaus in den Hinterhof, um die

Wäsche von der Spinne zu holen. Es

war ihm nicht peinlich, die zarte

Spitzenunterwäsche seiner Frau in

den Händen zu halten, im

Gegenteil, er genoss das Gefühl. Er

fühlte sich ihr plötzlich so nahe, als

wäre sie immer noch da.

Ein leichter Rosenduft schlug

ihm entgegen, und er musste an

sich halten, um nicht in aller

Öffentlichkeit sein Gesicht darin zu

vergraben.

Leichte Erregung rührte sich in


seinen Lenden. "Mein Alles",

flüsterte er, "komm bald wieder zu

mir zurück. Ich weiß nicht, wie

lange ich es ohne dich aushalten

kann."

Es war dieser Widerspruch in

seiner Frau, den er so sehr liebte:

Zum Einen war sie ein

Hausmütterchen und lebte für ihre

Familie. Zum Anderen wurde

Barbara meist als fast spießig und

introvertiert eingeschätzt, doch er

wusste es besser. Ein Mann, der es

verstand, die Raubkatze in ihr zu

erwecken, erlebte das Paradies.

Er war dieser Mann, und oft

konnte er sein Glück kaum fassen.


Seine Frau hatte etwas in ihm

gesehen, das andere nicht sahen.

Rein äußerlich hatte er nicht viel zu

bieten, war weder sonderlich

muskulös noch sehr attraktiv.

Es hätte jeder sein können, und

doch war es er gewesen, der diesen

Schatz auf einem Bauernhof hob.

Frank wusste dies auch zu schätzen

und bemühte sich, ein treuer

Ehemann und liebevoller

Familienvater zu sein. Doch würde

er seine Lieben verlieren: Er wüsste

bei Gott nicht, was er täte!

Schließlich brachte er den halb

gefüllten Wäschekorb zurück ins

Haus und stellte diesen ins Bad.


Auch hier schlug ihm ein Hauch

Rosen entgegen. Er schloss die Tür,

holte sich noch eine Flasche Bier

aus dem Kühlschrank und machte

es sich im Wohnzimmer bequem.

Dies lag auf der linken Seite des

Flurs und war der erste Raum

neben der Haustür. Die Vorhänge

an den beiden Fenstern zum Hof

hinaus hatten das gleiche, zierliche

Muster wie die Küchengardine.

Er legte sich auf das bequeme,

riesige Sofa und schaltete mit der

Fernbedienung den Fernseher ein.

Dann zappte er sich durchs

Programm, bis er dies fand, was ihn

interessierte. Auf ARTE lief eine


Sendung

über

Verbrechensbekämpfung, und

solche Themen ließ er sich nur

selten entgehen.

***

Barbara - oder Babsi, wie ihre

Familie sie oft liebevoll nannte -

bog mit ihrem blauen Astra am

Marktplatz von Kleindummsdorf

nach links ab. Zum elterlichen Hof

waren es nur noch gut acht

Kilometer auf einer schmalen

Straße, die vom Ortskern aus in ein

wunderschönes Tal führte. Sie fuhr

in gemächlichem Tempo und warf

ihren beiden Kindern einen


liebevollen Blick im Rückspiegel zu.

Barbaras Lippen umspielte ein

Schmunzeln. Lina hatte ihre Nase

während der Fahrt nicht ein

einziges Mal aus ihrem Buch

herausbekommen. Vor ein paar

Monaten hatte sie Hanni und Nanni

für sich entdeckt und verschlang

nun ein Buch nach dem anderen.

Tom hingegen spielte mit

seinem Nintendo DS, das er für

seine guten Noten bekommen

hatte. Doch eigentlich gab er sich

damit schon lange nicht mehr

zufrieden und hatte sich eine große

Drei-D-Spielekonsole

mit

Webanschluss von seinem Vater


gewünscht, wie Barbara wusste.

"Bald haben wir es geschafft",

sagte sie mit einem Lächeln zu

ihren Kindern.

"Okay, Mama. Dann hör ich jetzt

gleich auf zu lesen." Lina's Blick

blieb jedoch weiter auf ihr Buch

gerichtet.

Von Tom kam gar keine

Reaktion. Aber das war in letzter

Zeit typisch für ihn. Barbara hoffte

inständig, dass er während der Zeit

auf dem Hof wieder auftaute.

Erst das Tuckern eines Traktors

riss die beiden Kinder aus ihrer

Welt. Die neunjährige Lina war die

Erste, die es bemerkte, und


aufgeregt winkte sie aus dem

geöffneten Fenster. "Da ist Onkel

Jürgen", jubelte sie.

Ihr elfjähriger Bruder würgte mit

einem Crash-Geräusch sein

Konsolenspiel ab und versuchte,

seine Miene so undurchdringlich wie

möglich wirken zu lassen.

'Cool bleiben', dachte Tom. Über

sein hübsches Jungengesicht ging

jedoch bald darauf ein strahlendes

Lächeln.

Der Wagen rollte langsam die

schmale Straße entlang. Linkerhand

plätscherte der Dummersbach

gemütlich vor sich hin, auf der

rechten Seite schmiegten sich


sanfte Hügel aneinander. Überall

weite Wiesen mit blühenden

Blumen. Barbara seufzte leise. Ihr

fehlte die Freiheit in der Natur!

Der Traktorfahrer verließ die

Wiese und fuhr ihr mit einem

kurzen Winken entgegen. Barbara

hielt am rechten Straßenrand an

und stellte den Motor ab. Jürgen

hielt an, stieg von seinem Gefährt

und trat an ihr geöffnetes Fenster.

"Hey, Schwesterherz! Seid ihr auf

dem Weg zum Hof? Oder habt ihr

euch verfahren?", scherzte ihr

ältester Bruder.

"Haben Mama und Papa dir nicht

verraten, dass wir über die


Pfingstferien rauskommen?" Sie sah

ihn erstaunt an.

"Nein, wahrscheinlich wollten sie

mich überraschen. Wo hast du denn

Frank gelassen?"

"Er muss arbeiten. Und du weißt

ja. wie ungern er einen weiten Weg

zur Arbeit hat. Aber wenn alles

klappt kommt er nächste Woche

nach und bleibt ein paar Tage hier."

Sie zuckte leicht mit den Schultern.

Jürgen lächelte verständnisvoll.

Er kannte Frank schon seit der

Schulzeit. War er es doch gewesen,

der die beiden damals miteinander

bekannt gemacht hatte.

"Tut mir leid, aber ich muss


noch was erledigen. Wir sehen uns

heute Abend!", entschuldigte er

sich, bevor er mit ratterndem Motor

wieder anfuhr. Barbara blieb noch

einen Moment stehen und sah ihm

gedankenverloren hinterher. Sie

war gerade in der vierten Klasse

gewesen, als Jürgen Frank zum

ersten Mal mit nach Hause gebracht

hatte. Irgendwie hatte sie es

während der gesamten Schulzeit

geschafft, in der Nähe von anderen

Kindern zu sein, die sich einen Spaß

daraus machten, sie zu hänseln.

Frank hatte sich schützend vor sie

gestellt. Er war ihr Held gewesen,

ihr heimlicher Superman.


"Mama, können wir mal

weiterfahren?", wurde Barbara von

Lina aus ihren Gedanken gerissen.

"Oh Schatz, das tut mir leid.

Natürlich." Sie fuhr wieder an. In

Gedanken verweilte sie jedoch bei

ihrem Mann.

Es war eine herrliche Kindheit

gewesen, die sie miteinander

verbracht hatten. Sie, die kleine

blonde mit struppigen Zöpfen und

Zahnspange, etwas zu pummelig,

doch er? Frank Mittnacht hatte sich

niemals daran gestört, selbst wenn

andere Kinder über sie lachten.

Plötzlich fiel es Barbara auf:

Schon damals hatte niemand


anderes in ihrer gemeinsamen Welt

Platz gehabt.

***

Mittlerweile war es dunkel

geworden. Frank Mittnacht

schlenderte ruhelos durch die

Räume des Hauses und sog den

Geruch Barbaras ein. Es war ein

ebenso schwüler Abend, wie es der

Tag gewesen war, und

normalerweise säßen er und seine

Frau noch bei Kerzenlicht auf der

Terrasse.

Das erwartete Gewitter war

nicht gekommen. Wolkenberge

zogen über den Nachthimmel und


drückten schwer auf sein Gemüt.

Frank öffnete eine Tür und trat ein.

Vor seinen Augen lag ein

riesiger Wintergarten, mit

Bambusmöbeln - und natürlich

konnte man auch hier Barbaras

Liebe zu Rosen erkennen. Der

Raum hatte drei abgeschlossene,

rot geziegelte Wände, und nur die

langgezogene Vorderwand zur

Terrasse hinaus bestand aus leicht

abgedunkeltem, funkelndem Glas.

Über die gesamte Glasfront hing

bis auf halber Höhe ein bauschiges

Gebilde aus schneeweißen,

filigranen Wolkengardinen. An den

Wänden rankte sich Efeu entlang


und wechselte sich sporadisch mit

einigen Exemplaren aus Barbaras

preisgekrönter Rosenzucht ab.

Seine Eltern waren nicht sehr

begeistert von der Kleinen

gewesen, die sich in seiner Jugend

an seine Hacken gehängt und ihn

angebetet hatte, als sei er Gott. Er

selbst hatte sich damals auch oft

gefragt, was sie in ihm sah.

Schließlich hatte er die Schule

beendet und mit 16 Jahren seine

Ausbildung zum Polizisten

begonnen. Zwangsläufig hatten sie

sich nicht mehr gesehen. Allerdings

war er sehr enttäuscht gewesen,

nicht wenigstens hin und wieder


eine Ansichtskarte von ihr zu

erhalten. Es war gewesen, als hätte

es sie nie gegeben.

Frank

schlenderte

selbstvergessen in den Raum hinein

und blieb an einem Rosenstock

stehen. Zärtlich strichen seine

Finger über die zarte Knospe, als

vor seinem inneren Auge die junge

Barbara auferstand.

Schließlich war sie mit

Brachialgewalt wieder in sein Leben

getreten. Auf dem Sommerfest von

Großdummsdorf hatte sie hinter ihm

gestanden und mit ihrer melodiösen

Stimme gefragt: "Herr

Wachtmeister, ich möchte eine


Vermisstenanzeige aufgeben.

Können Sie mir vielleicht helfen?"

Sie war ganz anders, als Frank

sie in Erinnerung gehabt hatte. Aus

den Zöpfen war eine blonde

Wuschelmähne geworden, und

strahlendweiße Zähne hatten ihn

angeblitzt, während sie lachte. Er

hatte ihr Spiel mitgespielt und so

getan, als würde er sie nicht mehr

erkennen.

Er nahm ihr Foto von einer

Kommode und betrachtete es

lange. Türkisfarbene Katzenaugen

strahlten ihn an wie zwei in

abendliches Sonnenlicht getauchte

Bergseen.


Neben Barbara stand seine

Mutter, und Franks Blick verdüsterte

sich. Bei ihrem damaligen

Wiedersehen stellte sich heraus,

dass seine Mutter etliche Briefe von

ihr an ihn abgefangen und einfach

nicht an seine Wohnadresse

weitergeleitet hatte. Da er Barbara

schon immer gemocht hatte, war er

ziemlich sauer gewesen.

Als er seinen Eltern mitgeteilt

hatte, dass er sie heiraten werde,

standen sie Kopf. Am Liebsten

hätten sie eine andere Frau an

seiner Seite gesehen, eine mit Geld

und Prestige. Doch Barbara hatte es

ihnen gezeigt. Mit ihrer Rosenzucht


hatte sie regelmäßig an etlichen

Wettbewerben teilgenommen und

bereits einige kleinere Preise

gewonnen.

Letztes Jahr war es der erste

Preis auf der Landesgartenschau im

bayrischen Rosenheim gewesen.

Dieser war mit 10.000 Euro dotiert.

Triumphierend hatte sie das Geld in

die letzten Hypotheken des Hauses

gesteckt. Er war höllisch stolz auf

seine fleißige Frau. Und - Frank

grinste bei dem Gedanken -

seitdem sahen auch seine Eltern sie

mit anderen Augen.

Gedankenverloren trat er auf die

breite Terrasse hinaus, steckte sich


eine Zigarette an und starrte zum

sternenklaren Nachthimmel hinauf.

Das Gesicht des Vollmonds

verzerrte sich zu einer teuflischen

Fratze und lachte ihn aus.

***

Barbara legte die letzten zwei

Kilometer zum Hof ihrer Eltern

zurück. Linkerhand rollten Weiden

an ihnen vorbei. Kühe lagen

wiederkäuend im Gras. Alle Last

des Alltags im fünfzig Kilometer

entfernten Großdummsdorf fiel von

der jungen Mutter ab. Glücklich

lachte sie auf.

"Warum lachst du?", fragte Tom.


Er streckte den Kopf aus dem

Fenster. Seine blonden

Strubbelhaare wedelten wie kleine

Strohhalme im Wind.

Mittlerweile schien er sich zu

freuen, und Babsi atmete erleichtert

auf. Sie hatte schon befürchtet,

dass es schwierig würde mit ihm. Er

begeisterte sich mehr und mehr für

eine Jugendkultur, die ihr Angst

machte. Noch war es Hobby und

zeigte sich in spielerischer Form,

und doch barg er eine dunkle Seite

in sich.

"Ich lache, weil ich glücklich

bin." Barbara sah ihren Sohn über

den Rückspiegel an und lächelte


gerührt. Ein Marienkäfer krabbelte

unbehelligt auf seiner Nase und

fühlte sich dort offenbar wohl.

Lina zog ihre Mutter von hinten

leicht an den Haaren. "Mami, ich

will ein Pferd."

Barbara kicherte und fragte:

"Und wo willst du das

unterbringen?"

"Och, in meinem Zimmer. Dann

ist es immer bei mir."

Tom lachte laut auf. "Am besten

nimmst du es mit ins Bett zum

Kuscheln. Du bist vielleicht eine

alberne Nudel."

Die Kleine zog eine Schnute.

"Immer noch besser als eine


Totenkopflampe. Du sei mal still,

sonst sage ich's Papa."

Der Junge ließ sich ins

Wageninnere fallen und kniff Lina in

ihre Nase. Der Marienkäfer flog

durchs Autofenster davon, und das

Mädchen sah ihm hinterher.

"Autsch", fiel es ihr nach fünf

Minuten ein. "Mami, Tom hat mich

in die Nase gekniffen."

Lina, der kleine Bücherwurm,

war leicht zu begeistern. Ständig

war sie in ihren Buchwelten

versunken und strahlte bei jedem

Tierchen und jedem Blümchen, das

sie sah. Ihre Welt war so bunt wie

ein Regenbogen, und unbekümmert


sprang sie zwischen Fiktion und

Realität hin und her.

'Ihre Vorliebe für Bücher hat sie

von Frank', sinnierte Barbara und

schwankte zwischen Vorfreude und

Heimweh. 'Du bist albern', schalt

sie mit sich selbst. 'Es sind nur zwei

Wochen, und vielleicht kommt er ja

noch.'

"Lesen formt Geist und

Fantasie", war die Maxime ihres

Gemahls. Frank las ebenfalls viel,

doch seine Literatur war ihr ein

bisschen zu heavy. Er war mehr der

zerrissene Philosoph, und

manchmal machten ihr seine

Gedankengänge sogar etwas Angst.


Diese hatte sich indes bisher als

unbegründet erwiesen. Für Barbara

war er der zärtlichste Ehemann und

liebevollste Vater der Welt. Sie

hatte die Wahl ihres Herzens

getroffen - und dies noch niemals

bereut.

Barbara legte die letzten paar

hundert Meter zum Hof ihrer Eltern

zurück und sog das durch die

Baumwipfel brechende Licht in sich

auf. Schattenkreise tanzten um sie

herum, und ihr Geist tanzte mit.

Soeben rollte der Bauernhof

ihres jüngeren Bruders an ihnen

vorbei. Johannes hatte sich für ein

eigenes Gut entschieden und sich


auf Pferdezucht spezialisiert. Zehn

seiner Pferde grasten auf der Weide

direkt neben dem Hof.

Erika Krämer - ihre Schwägerin -

trat mit einem Wäschekorb in der

Hand aus dem Hauptgebäude des

Hofes und winkte lachend, als sie

Barbaras Auto erkannte.

Fröhlich hupend fuhr sie an ihr

vorbei. 'Alltag auf dem Land',

dachte sie schmunzelnd und grüßte

insgeheim ihren Mann, fünfzig

Kilometer entfernt. 'Ich bin

gespannt, wie du dich ohne uns

hältst. Ich habe dir auch etwas

dagelassen, damit du uns nicht

vergisst.'


Sie hatte Franks Lieblings-

Dessous ganz bewusst hängen

gelassen, in dem Wissen, dass er

sie erst entdecken würde, wenn er

von der Arbeit nach Hause

zurückkehren würde. Barbara wollte

es ihm nicht allzu einfach machen,

seine Entscheidung, sie eine Woche

lang ohne ihn ziehen zu lassen,

nicht zu bereuen.

Das Murmeln des

nahegelegenen Bachs drang an ihr

Ohr. Dessen kristallklares Wasser

würde die Kinder sicher

unwiderstehlich anziehen. Barbara

freute sich schon darauf, unten an

der Alten Mühle mit ihnen zu


plantschen.

Als sie schließlich in den großen

Vorhof des elterlichen Guts

einbogen, standen Margot und

Heinz bereits wartend am Eingang.

Tom und Lina rissen die Autotüren

auf und rannten auf ihre

heißgeliebten Großeltern zu.

Gerührt vernahm Barbara das

Begrüßungsgeschrei ihrer Kinder

und schnappte Wortfetzen von

"Bonbons", "Will reiten", "hast du

Apfelküchle gemacht?", bis zu

bewegten Antworten ihrer Eltern

wie "Endlich seid Ihr da", "Wie geht

es euch?", "Was macht die Schule?"

auf. Gerührt trat sie zu ihnen und


fiel ihrem Vater tränenüberströmt in

die Arme.

***

'Die Nacht! Eine Nacht ohne sie,

ohne ihre Wärme, ohne ihre Liebe,

ohne ihr Feuer ...'

Ein gemartertes Seufzen

entfleuchte seinem schmal

zusammengekniffenen Mund.

Unablässig dachte er an den

biegsamen Körper in seinen Armen,

an die Zärtlichkeiten, die Barbara

ihm regelmäßig angedacht hatte,

und an Wünsche, die sie ihm

regelmäßig erfüllte. Sie hatte dafür

gesorgt, dass er nicht vergaß.


Frank wandte sein Gesicht von

der gehässigen Fratze des Monds

ab und blickte hinaus in den Garten.

Schemenhaft entdeckte er auf dem

Rasen die Spuren seiner Kinder, und

nur weil er es wusste, erkannte er

den großen Traktor, der Lina

gehörte. Im silbernen Licht des

Mondes erschien er ihm wie ein

Monster in klein. Seine lustigen

Kulleraugen musterten den

Strohwitwer Mittnacht fast schon

überheblich und hämisch.

Lang würde das Plastikfahrzeug

den Ansprüchen seiner Tochter

nicht mehr genügen, und sie würde

zur Frau. Schaudernd dachte er an


die Probleme, die sich für den Vater

eines heranwachsenden Mädchens

auftun konnten.

Er hatte Angst! Frustriert sprang

er von dem Terrassensockel herab

in den Garten und verpasste dem

unschuldigen Spielzeug einen

verärgerten Tritt. "Glotz nicht so

blöd!", fuhr er das grinsende

Traktorgesicht an. "Sie kommen

wieder, und erzähl' mir du gefälligst

nichts Andres."

Kommissar Mittnacht hörte das

Klappern einer Jalousie und die

Frage einer männlichen Stimme:

"Frank, ist bei dir drüben alles in

Ordnung?" Mit verhaltenem


Zähneknirschen presste er die

Antwort zwischen den Lippen

hervor: "Ja Andi, bei uns ist alles

okay. Ich bin nur gestolpert."

"Was machst du auch um diese

Zeit noch im Garten? Es ist bereits

Nacht."

Als ob er das nicht selbst wüsste

...

"Ich genieße den Vollmond",

antwortete Frank laut mit

Sarkasmus in seiner Stimme, "und

warte auf meinen Bus."

"Sehr witzig", mokierte sich

Andi. "Aber so kennen wir dich. Und

mit wem hast du gerade

gesprochen?"


"Oh mein Gott", stöhnte Frank.

"Du willst es aber ganz genau

wissen. Bist du ein Bulle?" Er lachte

laut auf. "Nun gut, ich habe

telefoniert. Mit meinem Handy.

Zufrieden?"

"Schön, Herr Nachbar, dann

kann ich ja wieder ins Bett. Ich

habe mir nur Sorgen gemacht, dass

bei euch vielleicht ein Einbrecher

sein könnte. Gute Nacht, Frank." Er

hörte erneut das Gerassel der

nachbarlichen Jalousie, ein leises

Krachen, und er war wieder mit

dem Vollmond allein.

Mit einem letzten, verärgerten

Blick zu seinem neugierigen


Nachbarn hinüber verließ er den

Garten und schwang sich wieder

hinauf auf die Terrasse. Sorgfältig

schloss er die die beiden

Flügeltüren, löschte das Licht und

stieg die Treppe hinauf.

Laut hallten seine Schritte in der

Stille des Hauses und zeigten ihm

seine Einsamkeit. Er entschied sich

dafür, den Abend mit einem Vollbad

in den Armen seiner Frau zu

beenden. 'Es lebe die Kunst, den

Geist schweifen zu lassen und

Universen der Lust zu erklimmen',

schoss ihm ein Zitat aus dem Buch

von Marquis de Sadé durch den

Kopf.


Dessen Ansichten waren

allerdings eine Variante, die er sich

versagte. Er hatte noch nie

begriffen, wie Gewalt und Lust

miteinander in Einklang gebracht

werden konnten, und eigentlich

wollte er es auch gar nicht so genau

wissen. Das Zitat jedoch: Ja, das

gefiel ihm.

Er trat ins Schlafzimmer und

betrachtete nachdenklich das

Zentrum seiner Sehnsucht. Das

Arbeitszimmer eines eifrigen Vaters.

Produktionsstätte. Kinderfabrik.

Lustmolch.

'Und das mir', dachte er

grimmig.


Schließlich lachte er über sich

selbst. Die Realität holte ihn ein,

und er erkannte das Zimmer als

dies, was es war: Ein großes Bett

für zwei Menschen zum Schlafen,

darauf zwei rosenlieblich

überzogene

Federbetten.

Zusammengeknüllt, denn er hatte

keine Lust gehabt, vor Verlassen

des Hauses Betten zu machen. Zu

beiden Seiten eine

Bauernkommode, gegenüber dem

Bett ein riesiger Kleiderschrank. Ein

Bauernzimmer, auch hier die Hand

seiner Frau.

Rosenlieblichkeit, wohin er auch

sah: Auf den beiden Kommoden, an


den Tapeten ..."Was Wunder,

Babsi, dass zwischen meinen

Beinen noch keine Rose hängt",

brüllte er lachend ins Zimmer

hinein.

Sein Blick glitt zum Fenster: Ein

weiterer Stilbruch in rot -

Seidengardinen. Sein Anteil an der

Konservativität des vorliegenden

Raumes, als Symbol für die schmale

Gratwanderung

zwischen

anständigem Bauernmädel und

Tigerin.

Und er - 'oh was bin ich für ein

Glückspilz' - war ihr Dompteur. Und

Vater zweier ganz toller Kinder. Und

Bulle. Ein erfolgreicher sogar. Mit


ihr war er so vieles. Ohne sie war er

nichts!

Frank setzte sich auf die Kante

des Betts und warf seine Slipper

von sich. Dann ließ er sich einfach

fallen und starrte gegen die Decke.

Was sie wohl tat? Dachte sie

genauso an ihn? Wanderten ihre

sehnsüchtigen Finger an den Stellen

entlang, die nur ihm zugedacht

waren?

Sein Atem ging schwer bei der

Vorstellung, seine Zunge über

Barbaras zartes, rosiges Röslein

gleiten zu lassen. Unvermittelt

sprang er auf, riss sich seine

restliche Kleidung vom Leib und


flüchtete splitternackt vor seinen

geilen Gedanken in das nebenan

gelegene Bad.

Er steckte den Stöpsel in den

Badewannenabfluss, griff zu einer

Karaffe mit rotem Badeschaum und

gab einen üppigen Strahl in die

Wanne.

Kurze Zeit später war der Raum

von rosenlieblich duftendem,

heißem Nebel durchdrungen.

Frank lehnte sich zurück und

schloss wohlig die Augen. Seine

Hände glitten unruhig durch

Rosenwolken und Wasser. Und er

ließ sich treiben bis zum Horizont …


***


Fahrt in den Tod

Kommissar Mittnacht und sein

Team hatten momentan genug um

die Ohren. In Großdummsdorf nahm

das Problem "Jugendkriminalität"

überhand. So wie es aussah, hatten

sich einige Banden gebildet, mit

einer Altersbandbreite von dreizehn

bis knapp über zwanzig.

Er arbeitete eng mit seinen

Kollegen zusammen, um ein Projekt

zur Prävention von Jugendgewalt in

Schulen auszuarbeiten. Dabei

dachte er an eine Seminar-Reihe.

Bei seinen Plänen hätte es sich

nicht gut gemacht, sich in einer


heißen Phase auszuklinken, um mit

Frau und Kindern Urlaub in Barbaras

Heimat zu machen. Klar hätte er

pendeln können, er hatte ja

schließlich ein Auto. Jeden Tag eine

Stunde Fahrzeit hin und die gleiche

Strecke wieder zurück, das wollte er

sich jedoch nicht antun.

Also schickte er seine Familie

allein in den Urlaub und sagte sich,

dass sie ja bald wieder zurück

kommen würden. Zwei Wochen

würde er sich schon selbst

irgendwie durchschlagen können,

schließlich war er lange genug

Junggeselle gewesen und war zu

dieser Zeit auch nicht verhungert.


Und wie ein Haushalt zu führen

war, wusste er auch. Seine Spießer-

Mutter hatte schon dafür gesorgt,

dass er es lernte.

Der Anteil seines Vaters, der

seine vierköpfige Familie gedrillt

hatte wie ein General, war

gewesen, ihm und seiner Schwester

beizubringen, auf die Mutter zu

hören. Wenn sie es nicht taten,

hatten die beiden Kinder die Folgen

zu tragen - und die waren nicht

schön.

Frank hatte trotzdem während

seiner Kindheit manchmal gewaltig

über die Stränge geschlagen und

konnte sich somit in die Problematik


am Wohnort viel zu gut

hineinversetzen. Nur straffällig

geworden, das war er nie. Vielleicht

aber auch nur, weil er sich

prinzipiell an das Elfte Gebot

gehalten hatte: "Lass dich nicht

erwischen."

Frank Mittnacht hatte alles, was

mit seinem Elternhaus und seiner

Familie zu tun hatte, so gut es ging,

aus dem Gedächtnis gestrichen.

Kinderfreundschaften hatten ihm

nicht sehr viel bedeutet, doch er

hatte es genossen, bei der Familie

Krämer - dem Elternhaus seiner

Frau - durch den ältesten Sohn einund

auszugehen können und sich


dort dies zu holen, was er zuhause

vermisste: Die Wärme einer

intakten Familie.

Dabei hatte er auch die damals

noch kleine Barbara kennengelernt,

mit Zahnspange und blonden

Zöpfen, doch bereits Beine vom

Hals bis zum Boden: Ellenlang. Das

Klischee des hässlichen Entleins

hatte sich einmal mehr erfüllt. Ihre

gemeinsame Liebesgeschichte

hätte somit wunderbaren Stoff

dafür geboten, Heimat- oder

Liebesromane zu schreiben. Er

hatte sich jedoch für die Laufbahn

des Kriminalisten entschieden, und

Barbara fehlten die Ambitionen.


***

Während Frank in der Zeit seiner

Strohwitwerschaft des Morgens um

sieben das Haus verließ, um Pläne

für sein Weiterkommen zu

schmieden, genossen seine beiden

Kinder ihre Freiheit, fern von

Schule und Verantwortung, ohne

Hausaufgaben machen zu müssen,

und ohne Einschränkungen

vonseiten

irgendwelcher

meckernder Nachbarn, wenn sie

einmal schrien.

Es war die erste Pfingstwoche,

und der Urlaub sollte bis zum Ende

der Schulferien sein. Danach


mussten sie auch wieder dran

glauben, an die Knebelverträge der

Bildung, um es später zu etwas

bringen zu können.

Tom tat sich etwas schwer mit

dem System und neigte dazu,

derselbe grüblerische Außenseiter

wie sein Vater zu werden. Er fühlte

sich bereits jetzt in der virtuellen

Gothic-Szene zu Hause, und am

Liebsten war ihm, wenn man ihn in

Ruhe ließ.

Die Zeit im Freien würde er

dennoch genießen. Vielleicht konnte

er ja eine Fledermaus fangen, wie

er hoffte. Schließlich nahm ihn das

Ambiente der freien Natur vollends


gefangen, und er vergaß für eine

Weile seine oft düsteren Gedanken,

die sein Hang zum Morbiden mit

sich brachten. Von früh bis spät

tobte er mit seiner Schwester durch

Hof und Garten und verbrachte viel

Zeit auf dem Pferdehof seines

Onkels.

Barbara genoss die Tage bei

ihren Eltern fernab von Autolärm

und neugierigen Nachbarn genauso.

Zwar hatten sie es mit der Wahl

ihres Domizils in Großdummsdorf

nicht so unglücklich getroffen,

schließlich hatte sie es ja auch so

gewollt. Im Großen und Ganzen

waren ihre Nachbarn recht nett, und


die Familien verbrachten viel Zeit

miteinander.

Nur Andreas Berger im Haus

links neigte dazu, sich überall

einmischen zu wollen, und sie

wusste, wie sehr Frank diese Art

von Anbiederung hasste. Ihr Mann

konnte beides nicht leiden: Allzu

viel Nähe - oder Ignoranz, das

andere Extrem der Gesellschaft.

Beides stand für ihn als Synonym

für das Spießbürgertum, und weil

sie sein Elternhaus kannte, konnte

sie dies verstehen.

Barbara hingegen hatte es in

ihrer Kindheit bestens getroffen

gehabt, nur die ewigen Hänseleien


ihrer Mitschüler wegen der

Zahnspange und ihrer Zöpfe waren

etwas belastend gewesen. Frank

hatte sie vor Allem beschützt.

***

Am zweiten Tag auf dem Hof

lachten sie alle gemeinsam über

eine etwas skandalöse Episode aus

Franks Jugend. Jürgen hatte das

Thema beim gemeinsamen

Fernsehabend auf den Tisch

gebracht und seine Schwester

gefragt: "Weißt du noch, wie dein

Mann eine Woche lang mit

Blindenbinde und Stock herumlief?"

"Wie sollte ich das vergessen",


war Barbaras trockene Antwort.

"Seine Mutter wollte ihm glatt

weismachen, dass man beim

Onanieren erblindet." Sie lachte

laut auf.

"Er hatte die Lebenslügen seiner

Eltern nur zu gern

auseinandergeklaubt und ihnen ihr

Gesicht im Spiegel gezeigt", warf

Heinz - Barbaras Vater - stolz ein,

als ob dies sein Verdienst gewesen

wäre. "Allerdings hatte er auch eine

gewaltige Tracht Prügel kassiert,

als herauskam, woher er seine

damaligen Utensilien eigentlich

hatte."

Jürgen grinste. "Es gehört auch


nicht gerade zum guten Ton, einem

Blinden Stock und Binde zu klauen.

Der Arme stand völlig

orientierungslos vor dem Laden,

und wenn eine ältere Frau ihm nicht

geholfen hätte, wäre er bestimmt

nicht mehr nach Hause

gekommen."

Barbara verteidigte ihren Mann

vehement: "Immerhin hatte Frank

ihm 100 DM in die Hand gedrückt.

Von wegen geklaut. Der Blinde gab

es ganz und gar freiwillig her."

"Schäfchen!" Margot strich ihrer

Tochter zärtlich über den Kopf. "Das

hat er dir auch nur erzählt. Und du

glaubst deinem Helden natürlich.


Aber das ist schon in Ordnung so."

"Ich bin nur froh, dass die Kinder

im Bett sind", antwortete Barbara

Mittnacht mit sorgenumwölkter

Stirn. "Tom macht mir schon genug

Probleme. Letztens wollte er seine

Schwester überreden, sich in ein

ausgedientes Aquarium im Keller zu

legen, um mit ihr Schneewittchen

zu spielen. Glücklicherweise habe

ich es noch rechtzeitig verhindert."

Heinz machte ein erschrockenes

Gesicht. "Das sind ja wirklich

seltsame Spielchen, die deine

Kinder spielen. Nicht auszudenken,

was da hätte passieren können.

Weiß Frank davon?"


"Ich habe es ihm erzählt, aber er

hat nur gelacht."

"Nun ja, das wundert mich

nicht", warf Margot Krämer ein. "Er

war damals gerade mal zwei Jahre

älter, als dein Sohn jetzt ist. Kinder

haben nun einmal viel Fantasie, und

wenigstens spielen deine noch."

"Schon, schon. Toms Fantasie

erstreckt sich jedoch weitestgehend

auf seine Spielekonsole. Deshalb

bin ich wirklich froh, dass er hier

auch einmal etwas Anderes sieht."

"Wir werden schon dafür

sorgen, dass deine Kinder hier

etwas erleben." Jürgen streckte sich

und gähnte. "Ich für meinen Teil


geh' jetzt ins Bett. Macht nicht mehr

so lange, es ist schon fast

Mitternacht. Ihr seid richtige

Nachteulen."

Barbara wollte sich ebenfalls

gerade erheben, da spürte sie ein

leichtes Vibrieren. Sie zog ihr

Smartphone aus ihrer Jeans und

schaute auf den kleinen Monitor.

'Frank!', dachte sie und verkniff sich

ein Lächeln. 'Das hat ja ganz gut

funktioniert. Er hat heute schon

Sehnsucht nach mir.'

Sie stand auf und

verabschiedete sich von ihrer

Familie. "Gute Nacht, Ihr Lieben.

Ich gehe auch ins Bett. Frank ruft


grade an, und ich möchte mit ihm

noch etwas plaudern."

***

Die familiären Zusammenkünfte

verliefen allesamt in ähnlich

harmonischer Weise. Barbara

bedauerte, dass sie sich übers Jahr

so wenig trafen, doch meist fehlte

die Zeit.

Frank ließ ihr jedoch keine Ruhe.

Allabendlich rief er sie auf ihrem

Handy an und flüsterte ihr erotische

Ferkeleien ins Ohr. Dabei machte er

sich über eventuelle Ohrenzeugen

nur wenig Gedanken, oder besser

gesagt: Es war ihm ganz


offensichtlich egal. Die junge Frau

musste sich regelmäßig

beherrschen, um sich ihre Erregung

und ihre Sehnsucht nach ihm nicht

allzusehr vor der Familie anmerken

zu lassen.

"Willst du nicht endlich

kommen?", fragte sie ihn zum Ende

der ersten Woche. Er wand sich

jedoch wie ein Aal und sagte ihr ab.

"Keine Lust, bei der Hitze im Auto

zu sitzen", antwortete er. "Das

weißt du genau. Komm du nach

Hause."

"Das kann ich den Kindern nicht

antun. Es gefällt ihnen hier, und

wer weiß, wann sie das nächste Mal


ei Oma und Opa sein können."

"Du weißt nicht, was dir

entgeht", raunte ihr seine Stimme

aus dem Hörer entgegen. "Hast du

deine Liebeskugeln oder doch nur

den Vibrator dabei?"

Barbara errötete verlegen. Ihre

Eltern saßen nicht weit von ihr

entfernt auf der Couch und spitzten

die Ohren.

"Und du?", fragte sie Frank.

"Hast du auch genug zu ... ESSEN?"

Dabei legte sie eine Kunstpause ein

und flüsterte das letzte Wort

sinnlich ins Mikrophon.

"Ich tauche in meinen Träumen

in dich hinein, und dann bist du bei


mir", wisperte er leise mit seiner

heiseren Stimme. Barbara Mittnacht

durchlief ein Schauer von oben bis

unten.

***

Am Mittwoch kam Barbaras

jüngerer Bruder Johannes vorbei

und nahm die Kinder zum

Heumachen mit. Tom war Feuer

und Flamme, als der Pferdezüchter

ihm erlaubte, selbst den Traktor zu

fahren und genoss das Gerüttel.

Lina hatte sich am Wiesenrand

ein großes, rundes Heuschloss

gebaut und spielte Königin, die von

ihrem König in Form ihres Bruders


mit diesem Stahlross abgeholt

wurde. Glücklich winkte sie Tom

entgegen und kletterte begeistert

auf den Hänger, um in weiteren

pieksigen Heudaunen die Prinzessin

auf der Erbse zu sein.

Barbara hingegen nutzte den

Tag, um gemeinsam mit Margot

verschiedene Marmeladen zu

kochen. Danach zog sie sich mit

einem spannenden Krimi in den

Garten zurück, von wo sie den

Nachmittag über auch niemand

mehr weglocken konnte.

Nach erfolgreich beendeter

Heuernte wurde am Abend

gemeinsam gegrillt, und dann fielen


die Kinder auch schon todmüde ins

Bett. Lange saßen die Erwachsenen

noch zusammen und genossen das

seltene Zusammensein.

Am Donnerstagmorgen teilte sie

ihrer Familie mit, bereits am Freitag

nach Hause zu fahren. Margot und

Heinz Krämer waren enttäuscht,

doch sie hatten Verständnis. Also

bereiteten sie gemeinsam mit ihren

beiden Söhnen zum krönenden

Abschluss noch etwas vor: Ein

Lagerfeuer am Abend mit Stockbrot.

Als es am Donnerstagabend

soweit war, kamen Johannes und

Erika Krämer hinzu. Alle hatten viel

Spaß und lachten über alte


Kindergeschichten.

Irgendwann wurde es dunkel,

und Barbara holte ihre Gitarre.

Unter einem strahlend silbernen

Mond und funkelnden Sternen

sangen alle gemeinsam alte

Bauernweisen, und so manchem

wurde es wehmütig ums Herz.

An diesem Abend gab es keine

Einschränkungen für die beiden

Kinder. Sie gingen mit den

Erwachsenen schlafen. Tom und

Lina teilten sich letztmalig

gemeinsam ein Zimmer.

Kurz vor Mitternacht standen

Oma und Opa vor ihren Betten und

betrachteten traurig die glücklichen


Mienen der Kinder. Wann würden

sie diese zum nächsten Mal sehen?

Am Freitagmorgen rollte

Barbaras Astra vom Hof, mit einer

tränenüberströmten scheidenden

Tochter am Steuer. Aufgeregt

winkten die Kinder nach allen

Seiten und freuten sich auf ihren

Vater.

Im Rückspiegel sah sie die

immer kleiner werdenden

Silhouetten ihrer Eltern. Barbara

Mittnachts Herz war plötzlich so

schwer, und sie fragte sich: "Wann

seh' ich sie wieder?"

***


Ungefähr zur gleichen Zeit

erklangen in Großdummsdorf

Heavy-Metal-Klänge von AC/DC im

Schlafzimmer von Frank und

Barbara Mittnacht. Schlaftrunken

drückte er einen Knopf und drehte

Angus Young den Ton ab. Er hatte

gestern noch bis in die frühen

Morgenstunden mit seiner Frau

telefoniert und ihr gehörig

eingeheizt.

Grinsend hörte er im Geist noch

einmal ihr sehnsüchtiges Seufzen

und stellte sich vor, was ihre Finger

wohl in jenem Moment taten. Seine

Fantasie bekam gewaltige Flügel.

Gequält stöhnte er auf und hätte


am Liebsten zum Telefonhörer

gegriffen, um da weiterzumachen,

wo sie aufgehört hatten. Doch dann

rief er sich zur Ordnung: Er musste

zur Arbeit, und Barbara frühstückte

bestimmt gerade im Schoß der

Familie. Er wollte nicht dafür

verantwortlich sein, wenn sie vor

aller Augen einen Orgasmus bekam.

Sein Grinsen wurde noch breiter,

als er sich eingestand, dass allein

die Vorstellung an und für sich

reizvoll sei. Frank klemmte sich das

Federbett zwischen die Beine und

drehte sich noch einmal um.

Etwas später stand er senkrecht

im Bett, als AC/DC noch einmal


loskreischte, um ihn auf dem

Highway zur Hölle zu schicken.

Nach einem Blick zur Uhr stellte er

fest, dass er noch einmal

eingeschlafen sein musste. Er kam

um Längen zu spät!

Brummend setzte er sich auf

und überlegte. Es war zwar nicht zu

erwarten, dass sein Chef ihm

kündigen würde, wenn er zu spät

kam. Zumindest konnte er sich nicht

erinnern, ein Kündigungsschreiben

an Frank Mittnacht in Auftrag

gegeben zu haben.

Er hasste es trotzdem,

unpünktlich zu sein, immerhin

erwartete er ja auch Zuverlässigkeit


von seinem Team. Dann zuckte er

jedoch mit den Schultern und griff

zu seinem Handy. Er hatte seine

Entscheidung getroffen. Barbara

würde sich freuen, wenn er auf den

letzten Drücker noch käme.

Wenig später hatte er seinen

Anruf gemacht, und im Präsidium

wussten sie, dass sie mit ihm heute

nicht mehr zu rechnen hatten.

Voller Vorfreude stellte er sich unter

die Dusche und sang beim Einseifen

Barbaras Lieblingslied: "Rote

Rosen" von Freddy Breck.

Er experimentierte hierbei mit

verschiedenen Variationen, so dass

es ein bisschen rockiger klang.


Übermütig begann er, zu blödeln

und verfälschte den Refrain in "Tote

Hosen".

Noch hatte er allen Grund, glücklich

zu sein!

***

Kurz vor Kisslegg verließ

Barbara die holprige Landstraße

und befuhr die Bundesstraße nach

Leutkirch. Sie hatte beschlossen,

dort noch ein paar Besorgungen zu

machen.

Den kleinen Umweg nahm sie

gern in Kauf, da sie etwas ganz

Besonderes plante. Ihrem Mann


sollte Hören und Sehen vergehen.

Zwanzig Minuten später befand

sie sich in der kleinen Stadt. Sie

suchte sich einen Parkplatz in der

Nähe der Fußgängerzone.

Schließlich wurden ihre beiden

Kinder in einem Café

zwischengeparkt, mit dem

mütterlich-fürsorglichen Argument,

dass sie alt genug wären, um ein

paar Minuten ohne ihre Mutter zu

sein, und dass Tom ja auf seine

Schwester aufpassen solle.

Wenig später betrat sie ein

Erotik-Shop ganz in der Nähe und

kaufte sich ein paar Accessoires,

von denen sie wusste, dass sie


diese garantiert noch nicht daheim

haben würden.

Heute abend würde Frank zur

Abwechslung einmal eine

Orientdame erwarten. Sie freute

sich schon jetzt auf sein Gesicht,

wenn sie Salomes über Monate

hinweg heimlich einstudierten

Sieben-Schleier-Tanz vorführen

würde.

Voller Vorfreude strichen ihre

Finger über die zarten Gebilde aus

durchsichtigem Organza und suchte

sorgfältig die dazu passende Musik-

CD aus. Ein paar Räucherstäbchen,

Duftkerzen und rote Seide als

Wandverkleidung dazu, und es


würde die heißeste Nacht seines

Lebens.

Barbara roch jetzt schon den

schweren Sandelholz-Duft, der über

dem Raum hängen würde, gemischt

mit dem zarten Aroma der Rose. Sie

sah sich tanzen, mit wirbelnden

Schleiern, den begehrlichen Blick

ihres Mannes auf ihren zart

durchschimmernden, nackten

Körper gerichtet. Wann immer er

versuchen würde, sie zu berühren,

entzöge sie sich ihm, bis er sie zu

den schnellen Klängen von Flöte

und Tambourin jagen würde wie

ein gieriger Faun.

Ein leises Räuspern riss sie aus


ihrem Tagtraum und erinnerte

Barbara daran, wo sie gerade war.

Sie griff sich ihre Utensilien und

begab sich damit zur Kasse. Der

seltsame Gesichtsausdruck des

Verkäufers reizte sie zum Lachen,

sodass sie schnellstens den Laden

verließ.

Wenig später hatte sie zwei

zufriedene Kinder wieder bei sich,

Lina mit kakao-verschmiertem

Gesicht, und Tom zeigte ihr stolz

sein neues Zungen-Tattoo. Gerührt

streichelte sie beiden über die

Wangen.

Kurz darauf bestiegen sie

gemeinsam das Auto und legten die


letzten 38 Kilometer nach Hause

zurück. Noch zirka 45 Minuten.

Barbara konnte die Heimkehr kaum

erwarten!

***

In Großdummsdorf saß Frank

gerade beim Frühstück, als Barbara

den Laden verließ. Es eilte ihn

nicht, wusste er doch, dass sie

tagsüber ohnehin mit den Kindern

auf dem Feld verbringen würde. Vor

Mittag würde er sie bestimmt nicht

zu sehen bekommen. Es genügte

also, wenn er rechtzeitig zum Essen

kam, und er freute sich schon auf

richtig deftige Hausmannskost.


Schließlich widmete er sich noch

dem bisschen Haushalt, räumte

sein Frühstücksgeschirr weg und

goss Barbaras Rosen. Sie würde ihn

kaltlächelnd lynchen, wenn er dies

vergäße. Kurz vor elf Uhr saß er im

Wagen und verließ den Hof in

Richtung Kleindummsdorf. So

gutgelaunt wie schon lange nicht

mehr begab er sich auf die

Hauptverbindungsstraße zwischen

den kommenden Städten und

Dörfern und ließ das Ortsschild

hinter sich.

Die zweispurige Straße war

kurvig und stieg bald darauf leicht

hügelig an. An der Spitze der


Serpentine angekommen, hörte er

Sirenen im Hintergrund. Er hielt

rechts an und schaute von oben die

wieder abfallende Straße hinab.

Plötzlich verwandelte sich sein

Leben in einen Albtraum. Seine

Augen sahen so scharf wie noch

nie. Vor sich erblickte er zwei Autos,

ineinander verkeilt, als hätten sie

sich in einer letzten, liebenden

Umarmung gefunden.

Auf der Straße lag in einer

großen Blutlache ein Nintendo DS,

und im rechten Graben ein

rosafarbenes Plüschpony mit

blutverschmierter Mähne. Er kannte

beides.


Und dann sah er seinen Sohn,

den er an seiner Kleidung erkannte.

Tom lag in einem Feld und war

offensichtlich beim Aufprall aus dem

Wagen geschleudert worden.

Eine Menschen-Traube stand um

die Unfallstelle herum. Vier

Krankenwagen versuchten

vergeblich, durch die Masse zu

kommen. Zwei Gerätewagen der

Feuerwehr befanden sich bereits

vor Ort, und seine Kollegen von der

Streife versuchten, die

Menschenmenge auseinander zu

treiben.

Ohne Rücksicht auf Verluste

startete Frank den vorher


abgestellten Motor und raste den

Hügel hinab. Mit quietschenden

Reifen stoppte Frank seinen Corsa

und verließ eilends den Wagen,

verzweifelt bestrebt, zu seiner

Familie zu kommen. Aus den

Augenwinkeln sah er einen

Hubschauber landen. Zwei Sanitäter

leisteten Tom Erste Hilfe, und kaum

zwei Minuten später wurde sein

Sohn abtransportiert.

Tränenüberströmt sah Frank

dem Hubschrauber nach. Für Tom

konnte er nur noch bibbern und

beten. Als dieser hinter der

nächsten Wolke verschwand,

drängte er mit Brachialgewalt


einige Katastrophen-Touristen zur

Seite, nur um vor der nächsten

lebenden Mauer zu stehen.

Voller Zorn drückte er weiter

und weiter und fühlte sich wie ein

Nicht-Schwimmer

in

unergründlichen Tiefen, der

versuchte, nicht zu ertrinken.

Schließlich schaffte er es, dass sich

eine kleine Gasse bildete, und er

rief seine Kollegen zu Hilfe. "Hier!",

brüllte er mit sich überschlagender

Stimme. "Hier ist eine Lücke, bitte

helft meiner Familie."

Als ob jemand soeben einen

Startschuss gegeben hatte, rannten

acht Sanitäter an ihm vorbei und


machten sich gemeinsam mit

einigen Feuerwehrmännern an den

beiden Autos zu schaffen.

Frank versuchte, den Männern

zu folgen, wurde jedoch von zwei

Polizisten daran gehindert. Haltlos

schluchzend sah er, wie vier leblose

Körper am Straßenrand abgelegt

wurden. In zwei von ihnen erkannte

er Babsi und Lina. Schreiend

begann er, um sich zu schlagen, um

sich aus dem eisernen Griff der

Kollegen zu befreien. "Lasst mich zu

meiner Frau und meiner Tochter!"

Er holte aus und schlug dem

linken Polizisten die Faust auf die

Nase. Mit einem Schmerzensschrei


ließ dieser ihn los und rief einen

weiteren Kollegen zu Hilfe.

Dieser schien ihn zu kennen.

"Frank!", sprach er in beruhigendem

Ton. "Das bringt doch nichts. Du

siehst doch selbst, dass es kaum

ein Durchkommen gibt, und deiner

Familie wird schon geholfen. Hab

einfach Vertrauen und warte ein

bisschen."

Er wurde auf die Seite geführt

und noch einmal eindringlich

gebeten, nichts zu unternehmen.

"Du würdest den Verletzten nur

schaden, das weißt du als

Kriminaler doch selbst am Besten."

Notgedrungen hörte Frank


Mittnacht auf seinen Kollegen. Zur

Sicherheit wurden ihm drei weitere

Polizisten zur Seite gestellt. "Peter",

sprach er den ersten mit

brechender Stimme an. "Versprich

mir, dass du mir sagst, was mit Lina

und Barbara ist."

Mit traurigen Augen sah dieser

ihn an. "Klar, Frank, will ich dir das

versprechen. Es wird alles gut!"

Kommissar Mittnacht wandte

sich ab. Von seinem Standort aus

hatte er einen guten Ausblick zum

Unfallort und beobachtete mit

rasendem Herzen, was dort

geschah. Alles spielte sich wie in

Zeitlupe ab, wo es doch um das


Leben seiner Familie ging.

Wie in einem Film sah er

Notärzte und Sanitäter im Großbild-

Zoom, wie sie sich verzweifelt um

die Unfallopfer bemühten. Bei

Barbara erhob sich der Notarzt

soeben vom Boden und schüttelte

kaum merklich den Kopf.

Frank bemerkte, wie sich auch

die Helfer bei Lina verschwörerisch

erscheinende Blicke zuwarfen - und

da machte etwas "Klick" in seinem

Gehirn.

Ohne dass ihn jemand daran

hindern konnte, raste Frank

Mittnacht fast augenblicklich wie ein

wildgewordener Stier durch die


Masse, schlug um sich und schrie:

"Ihr Mörder! Ihr gottverdammten

Mörder!"

Wieder und wieder brüllte er

dieselben Worte, hätte sie am

Liebsten jedem Einzelnen von ihnen

auf die Stirn eingebrannt.

Hinter sich hörte er die

rennenden Schritte seiner Kollegen,

die plötzlich zu seinen Häschern

wurden - dabei hatte er gar nichts

getan!

Er spürte, wie ihm jemand beide

Arme auf dem Rücken umdrehte -

der wohlbekannte Polizeigriff. Und

nun spürte er dessen Schmerz an

eigenem Leib. Dunkel begriff er,


wie fies und raffiniert dieser war.

Frank hoffte, ihn nie wieder

anwenden zu müssen. Dann spürte

er den Pieks einer Nadel.

Sekunden später wurde ihm

schwummrig. Fast unhörbar

hauchte er die Worte hervor: "Das

werdet Ihr büßen!"

Um ihn wurde es Nacht!

Irgendwann später kam Frank

Mittnacht in Irgendeinem

grellweißen Zimmer wieder zu sich.

Seine leer erscheinenden Augen

starrten gegen eine neongleißende

Decke im Irgendwo. Neben ihm


stand ein junger Mann im weißen

Kittel und machte sich an

Irgendetwas zu schaffen.

Der Mann im Bett war diesem

unheimlich, und Angst stand in

seinem noch unfertigen Antlitz. Tino

Machweter stellte das Tablett mit

den geschlossenen Menüschalen ab.

Die Worte, die Frank hervor

stieß, wieder und wieder wie ein

schlechtes Mantra, brannten sich

ein in sein Gehör. Sie begannen, in

seiner Seele zu hallen, wurden

leiser und lauter, lauter und leiser,

langsam und schnell.

Scheu warf er einen Blick in das

entseelte Gesicht seines Patienten.


Dessen Lippen bewegten sich

unaufhörlich und brabbelten heiser

in immer demselben Tonfall: "Ihr

habt sie umgebracht! Ihr habt sie

einfach so umgebracht!"

Der Junge wich langsam zurück

bis zur Tür und hastete dann in

seinem eigenen Schlappentakt den

Gang entlang.

Franks Blick glitt zur Tür. Seine

Augen begannen allmählich, klarer

zu werden und sich mit Tränen zu

füllen. Als er im Hier und Jetzt das

leise Klicken der Klinke wahrnahm,

ließ er sich treiben und versank

wieder in seinem Nirgendwo.


***


Bittere Wahrheit

Die Welt war doch so

offensichtlich! Diese Wahrheit hatte

sich Frank Mittnacht angeeignet,

und er fühlte sich bestätigt, als er

nach dem Spiel vor dem Stadion

von Großdummsdorf stand und das

Treiben beobachtete. Der lärmende

Pulk zog vorüber, schwatzend,

lachend und bellend, nicht darauf

bedacht, wo sie ihre Füße

hinsetzten, blind für ihr Umfeld,

geradezu ignorant. Sie waren so

absehbar!

Ein junger Mann grinste ihn an

und schob sich eine der langen


Strähnen hinter das Ohr, als er mit

seiner Freundin vorbei schlenderte.

Der Unbekannte wusste bereits

jetzt, wie verlegen sie lächeln

würde. Er ahnte, wie der Junge

nach ihren Fingern tasten und sie

beide abziehen würden, frisch

verliebt und glücklich in ihrer

eigenen Naivität.

Es war nicht so, als hätte er es

ihnen nicht gegönnt. Im Gegenteil:

vielleicht war er sogar neidisch auf

ihre stumpfe Sicht der Dinge, die

um sie herum geschahen.

Sie würden sich noch

überraschen lassen: Von dem Finale

ihrer Lieblingsserie. Sie würden


über die Witze und raffinierten

Pointen lachen, und sie würden die

Offensichtlichkeit ihrer Umwelt mit

ihrem dümmlichen Grinsen

übersehen. Ignoranz, während er

hier stand und die einzige, harte

Wahrheit mit sich herumtrug: Die

Offensichtlichkeit der hiesigen Welt.

Mit langsamen Bewegungen ließ er

sich von der Masse verschlucken,

ertrank in ihr und tauchte wenige

Sekunden später darin wieder auf.

Jeder Schritt mit Bedacht.

Er genoss es, anders zu sein als

der lärmende Pulk, seinen Verstand

zu gebrauchen und die Augen offen

zu halten. Er wollte ihnen zeigen,


wie SIE eigentlich waren.

Manchmal blieb ein Blick an ihm

hängen, einige Male sogar zwei,

aber es waren nie mehr als ein paar

Sekunden Aufmerksamkeit. Mit

demselben Atemzug war er auch

schon wieder vergessen. Ein

Zufallsblick - oder auch zwei!

***

Seit dem Tod seiner Familie

hatte Frank sich verändert. Seine

Wahrheit war bitter geworden,

bitterer als Bittermandel-Aroma.

Nahezu tödlich für seine Seele.

Noch einmal schweiften seine

Augen über die Menge und


verfolgten in der Ferne das

glückliche Paar. Der junge Mann

überragte die Menschen um ihn

herum um ein gutes Stück, so dass

Frank sogar jetzt noch das Wippen

seiner langen, braunen Haare

erkannte.

Seine zierliche, blonde Freundin

hingegen wurde von der wogenden

Menschenmenge verschluckt. Wie

seine Familie!

Irgendwie fühlte er sich wie

Chucky. Nur mit dem Unterschied,

dass er nicht zu morden begann.

Selbst diese hässliche Killerpuppe

hatte eine Familie gehabt, eine

liebende Frau, und sogar eine


Tochter. Oder war es ein Sohn?

Dieses Puppen-Etwas war zwar

genauso verrückt wie der Vater,

doch immerhin besser als nichts.

Er hingegen hatte in einem

Irgendwann in seinem Irgendwo

etwas Besonderes gehabt und war

nicht nur ein Irgendwer gewesen,

so wie es jetzt war. Sein Irgendwo

war ein Ort gewesen, der Liebe

ausstrahlte, die Fröhlichkeit seiner

beiden Kinder, und eine besondere

Zeit mit seiner Frau. Der Hohlraum

seines Irgendwanns war mit ihrer

Aura gefüllt und hatte ihn -

Irgendwen - zu ihrem Helden

gemacht.


Was blieb, war das Nirgendwo!

Nach dem Unfall, bei dem

Barbara und Lina ihr Leben

verloren, hatte Frank eine Zeitlang

in einer Nervenheilklinik verbracht.

In diesem Irgendwann wurde das

Nirgendwo in ihm geboren. Es gab

noch einen Teil von ihm im Hier und

Jetzt, ein Rest Besonderheit, der ihn

nicht vollends zu einem

Nirgendwem machte.

Dieser letzte Rest Besonderheit

war mit ihm ins Stadion gegangen -

nicht mit Irgendeinem, sondern mit

Ihm.


Sein Fleisch und Blut, und dieser

letzte Rest Besonderheit hielt sein

Irgendwas an einem seidenen

Faden. Dieser hatte weizenblonde

Haare wie seine Mutter, diese

Steigerung der Besonderheit, die

Frank in ungeahnte Höhen erhoben

hatte, als es diese noch für ihn gab.

Diese besondere Frau hatte ihn -

den Irgendjemand - geliebt. Für sie

hatte es nichts Anderes gegeben,

nicht Irgendwas, nicht Irgendwen,

sondern nur Ihn.

Er hatte ihr nicht viel zu bieten

gehabt, weder Attraktivität noch

besondere Hässlichkeit, sondern nur

ein Durchschnittsgesicht.


Frank Mittnacht war nicht nur

ein Irgendwer, sondern zudem ein

Jedermann. Sein größtes Glück war

indessen gewesen, dass sie nicht

Jedermann liebte, wie es

Irgendwelche Frauen oft taten und

ihre Geliebten dadurch zu

Irgendwem machten. Er war ihr

Erster gewesen. Von Kindheit an bis

zum letzten Tag, an dem Barbara

und Lina zu einem Nirgendwas

wurden, hatte sie ihm die Treue

gehalten.

"Papa, gehen wir nach Hause?",

holte ihn Toms Stimme zurück in

die Realität. "Wie lange willst du

hier noch herum stehen und darauf


warten, dass etwas geschieht?"

Frank wandte ihm den Blick zu

und sah ihn voll an. Mittlerweile war

sein Sohn zum richtigen Gothic

geworden, zumindest zu dem, was

dieser darunter verstand. Zwei

Jahre waren seit dem Unfall

vergangen, und dieser Rest

Besonderheit, der Barbaras Schoß

und seinen eigenen Lenden

entsprungen war, wurde

erwachsen. Nicht mehr lange, und

er würde ihn überragen.

Schwarz war schon damals zu

seiner Lieblingsfarbe geworden, als

seine Mutter noch lebte. In der

Zwischenzeit gab es für ihn nichts


Anderes mehr.

Sein ganzer Stolz waren seine

drei Piercings. Wo immer Tom ging

und stand, hinterließ er einen

Hauch nostalgischer Melancholie,

und die Mädchenherzen flogen dem

Jungen jetzt schon zu.

Frank gönnte es ihm, und er ließ

ihm in allem, was er tat, seine

Wahl. Er konnte sich Großzügigkeit

leisten, denn er wusste, dass Tom

nie etwas täte, was jemand

Anderem schaden würde. Er war

froh, dass dieser sich abhob. Ein

Jedermann hatte es schwer und

musste sich alles im Leben hart

erkämpfen, sei es Achtung und


Respekt, ja sogar Liebe.

Kommissar Mittnacht konnte ein

Lied davon singen. Ohne Barbaras

kindliche Bewunderung in seiner

Jugend wäre er heute nicht da, wo

er stand. Er wäre nichts weiter als

ein herkömmlicher Streifenpolizist

und müsste sich tagtäglich all den

Problemen und kleinen Sünden der

Bevölkerung widmen. Er jedoch

hatte sich dies verdienen wollen,

was sie in ihm sah, und so ging er

schließlich zur Kriminalpolizei.

"Wie kommst du darauf, dass ich

auf etwas warte?", reagierte Frank

auf Toms halb fragende

Aufforderung, ihren Tag an Ort und


Stelle zu beenden.

"Ach komm schon, Paps, deinen

lauernden Tigerblick kenne ich

doch. Es ist nicht das erste Mal,

dass ich ihn sehe."

"Ist das so?", hakte Toms Vater

brummend nach und rieb sich dabei

nachdenklich das stopplige Kinn.

"Dessen bin ich mir gar nicht

bewusst."

"Ja, Papa", bestätigte der Junge

noch einmal. "Manchmal kommt es

mir vor, als ob du hoffst, dass dir

jemand etwas bietet, das dir Grund

gibt, dich aufzuregen."

War es mit ihm schon so weit

gekommen? Hielt ihm sein


dreizehn-jähriger Sohn zu Recht

einen Spiegel vor? War der Rest

seines bisschen Lebens so öde

geworden, dass er den Ärger

regelrecht suchte? Frank wusste es

nicht, und alles in ihm sträubte sich

dagegen, sich selbst so sehen zu

müssen.

Das Lachen war durch Barbara

immer an seiner Seite gewesen,

und er hatte ihr Lachen geliebt. Sie

war durch sein Leben getanzt, und

... ohhh: Nicht nur bei Tag, sondern

auch in der Nacht. Es war bestimmt

nicht einfach gewesen, ihn zu lieben

und mit ihm zu lachen.

Frank wusste über sich selbst


sehr wohl Bescheid. Sein

charakterliches Abbild stand neben

ihm. Im Gegensatz zu seinen

eigenen Eltern ließ er Tom jedoch

genügend Raum, um sich selbst zu

entwickeln, ohne allzusehr über die

Stränge schlagen zu müssen.

Er selbst war in seiner Jugend

etwas wilder gewesen, öfter im

Bestreben, aus dem Käfig, in den

sein Vater ihn gesteckt hatte,

auszubrechen und sich heimlich an

ihm zu rächen. Besser gesagt: An

seiner Mutter, denn dieser hatte

auch nur deren Erziehung gestützt,

nur mit seinen eigenen Mitteln.

"Komm, gehen wir, Sohn",


forderte er seinen Jungen auf und

schlug ihm kumpelhaft auf die

Schulter. "Beenden wir den Tag bei

einem Rumpsteak in Pullermanns

Steak-House."

Beide prusteten plötzlich

einheitlich los. "Mit so einem

Namen hätte ich mich schon lange

erhängt", antwortete Tom.

"Geschweige denn, damit ein

Steakhouse eröffnet."

Es war das erste Mal seit

Langem, dass sie gemeinsam

lachten. Dabei hatte Tom

Lebensfreude verdient. Nur sein

unbändiger Wille hatte ihn damals

am Leben erhalten.


Er war es gewesen, der mit dem

Handy seiner Mutter den Notruf

abgesetzt hatte, schwer verletzt

wie er selbst gewesen war. Danach

hatte er sich in das Feld geschleppt,

in dem die Sanitäter ihn geborgen

hatten, und war dort bewusstlos

zusammen gebrochen.

Während der Vater in der

Klapsmühle gewesen war, hatten

die Ärzte den Sohn im selben

Klinikum, nur drei Stockwerke

tiefer, wieder zusammengeflickt.

Tom war nach vier Wochen wieder

aus dem Krankenhaus draußen

gewesen und verblieb ein Jahr bei

Barbaras Eltern.


Frank war indessen nicht nur

einmal am Fenster gestanden, mit

dem Wunsch, sich in die Tiefe zu

stürzen. Die Gitterstäbe hatten

jedoch das Allerschlimmste

verhindert. Er hatte sich die ganze

Zeit so absolut wertlos gefühlt, so

absolut nichts, schlimmer als jemals

zuvor.

Zwei Monate nach dem Unfall

hatte er erfahren, dass sein Sohn

Tom noch lebte. Das gab ihm

Auftrieb, und weitere vier Wochen

später gelangte er angeblich stabil

zurück in sein Irgendwo.

Erst später erhielt seine Welt

wieder Konturen, in der Kälte des


Winters, die er in Kleindummsdorf

bei Barbaras Familie hinter sich

ließ. Es war eine Zeit der

gemeinsamen Tränen gewesen, die

er mit ihren Eltern und

Geschwistern verbrachte. Vater -

und Sohn - Tage, die

weihnachtlichen Friedenstage der

Illussion.

Tom hatte diese Nähe zu den

Wurzeln der Mutter gebraucht, um

den eigenen Schmerz und die

Trauer einigermaßen aushalten zu

können.

Als Frank wieder zur Arbeit

konnte und wollte, blieb sein Sohn

einfach da, und möglicherweise war


dies zum damaligen Zeitpunkt auch

besser für den Jungen gewesen.

Mittlerweile waren sie hingegen

wieder zusammen, und Tom lebte

bei ihm in Großdummsdorf. Das

Haus hatte Frank behalten,

schließlich hatte er teuer dafür

bezahlt. Und nun gingen Vater und

Sohn Schulter an Schulter zum

Parkplatz des Stadions, einander

sehr ähnlich und doch so

verschieden. Gemeinsam ließen sie

sich von der Masse verschlucken,

ertranken in ihr und tauchten

wenige Sekunden später darin

wieder auf.

Jeden einzelnen ihrer Schritte


taten sie mit Bedacht. In Eintracht

ließen sie den Pulk hinter sich und

genossen die Blicke, die auf sie

fielen.

Simultan zueinander griffen

Vater und Sohn in das Innere ihrer

Jacken und zogen zwei fast

identische Sonnenbrillen heraus. Mit

lässigem Fingerschnippen setzten

sie diese auf, sahen blinzelnd hinauf

in die Herbstsonne und kickten

einen Laubhaufen am Wegrand zur

Seite.

Ein gelöstes Lächeln verjüngte

Kommissar Mittnachts Gesicht.

Ausnahmsweise war er heute mal

glücklich!


***

Aus dem Herbst wurde der

Winter. Wieder rückte Weihnachten

näher. Die beiden verbliebenen

Mittnachts sahen den kommenden

Feiertagen mit Schaudern

entgegen. Tom flüchtete regelrecht

aus dem Haus, weil sein Vater ihm

immer unheimlicher wurde. Frank

streifte durchs Haus wie ein

rastloser Panther, und sein Blick

nahm wieder jene seltsame Leere

an, die ihm schon aufgefallen war,

kurz nachdem dieser aus dem

Krankenhaus entlassen worden war.

Er selbst suchte Zuflucht im


Kreis seiner Freunde und traf sich

mit ihnen regelmäßig hinter dem

Friedhof der Stadt.

Seit Kurzem interessierte er sich

für ein hübsches Mädel, welches er

in der Schule kennengelernt hatte.

Sie war zwei Jahre älter als er.

Dem Jungen imponierte ihr Mut,

mit kahlgeschorenem Schädel

herumzulaufen. Tamara konnte sich

dies auch locker leisten, wie Tom

jedenfalls fand.

Sie war noch nicht lange zu

seiner Clique gestoßen, und

eigentlich passte sie auch nicht

wirklich zu seinen Freunden.

Hubert, Markus, Guido, Sabine und


Wilke waren nicht sehr begeistert

und hatten ganz schön gelästert,

weil er sich mit einer Skinny abgab.

Hubert hatte ihn zur Seite

genommen und ihn gewarnt: "Das

könnte Ärger geben, wenn ihre

Freunde dies merken. Goths und

Skins mochten einander noch nie."

"Ach was", hatte Tom spöttisch

gelacht. "Mein Vater ist Bulle, was

soll uns da geschehen?"

Sabine kam hinzu und fragte die

beiden Jungs: "Seit wann haben wir

Geheimnisse voreinander?"

"Hubert hat Angst, dass wir

Ärger bekommen", klärte Tom sie

auf. "Wegen Tamara."


"Da hat er ja auch recht, findest

du nicht?", fragte sie. "Sie passt

nicht zu uns."

Hubert wandte sich erneut an

Tom: "Dein Paps mag zwar ein

Bulle sein, aber ein Kindermädchen

brauchen wir nicht. Lass ihn aus

dem Spiel und bleib uns weg mit

der Tusse."

"In dem Fall bleibe ich auch

weg. Ihr könnt mich mal!" Tom

Mittnacht ging zurück zu den

anderen und suchte Tamara. "Du

bist hier nicht erwünscht. Komm,

wir gehen!"

Demonstrativ schnappte der

junge Mittnacht sie bei der Hand


und zog sie mit sich. Die empörten

Mienen seiner angeblichen Freunde

hinterließ er unbeeindruckt im

Winterschatten der Nacht.

Als ihm sein bester Freund

Markus hinterher eilte und die Hand

auf seine Schulter legte, im

Versuch, ihn zu halten, schüttelte er

ihn locker ab.

"Ihr denkt alle, Ihr wärt ja so

cool", höhnte er. "Trefft euch auf

Friedhöfen im Kerzenlicht, zieht

euch schwarz an und hört eure

Gruselmusik. Ihr stemmt euch

gegen alles, lebt in einer

Vergangenheit, die es nicht mehr

gibt, sucht das Dunkle, und habt


doch keine Meinung. Und wenn

etwas geschehen würde: Da hätte

jeder einzelne mit all seinen

Ringen, Totenköpfen und Piercings

die Hosen voll. Solche Freunde

brauche ich nicht. Mein Vater ist

tausendmal cooler als Ihr alle

zusammen."

"Tom, hör mal ...", rief Markus

ihnen noch nach, nachdem er sich

endgültig abgewandt hatte, doch er

rannte bereits mit seiner Freundin

hinaus in die Nacht, lachend,

glücklich und frei. Hand in Hand

schlenderten sie gemeinsam über

den Marktplatz, setzten sich auf die

rundum laufende Bank unter der


steinalten Linde, redeten und

genossen die winterlichen

Nebelschwaden, die ihr Atem in den

Laternenschein malte. Unter ihren

Füßen knirschte eine leichte

Reifdecke, das Maximum, was der

Dezember in Großdummsdorf noch

aufbieten konnte.

Ein Nikolaus bog bimmelnd in

die Gasse zwischen Rathaus und

Kirche ein, auf seinem gebeugten

Rücken schleppte er einen riesigen

Jute-Sack. "Komm, Tammy",

forderte Tom seine kleine Skin-

Freundin auf. "Schauen wir mal, ob

er uns etwas beschert."

Lachend sprang sie auf die Füße,


zog ihn hoch, und gemeinsam

rannten sie dem Mann hinterher.

Etwas später lief beiden ein

leichter Schauer über den Rücken.

Um sie herum leuchtete die

Weihnachtsbeleuchtung der Stadt.

Die Kirchenglocke läutete mit elf

Schlägen die volle Stunde ein, und

St. Nikolaus verschwand vor ihren

Augen im Nebel. Neben dem

Hintereingang der Kirche zeigten

vereinzelte Reifbüschel wie

Totenfinger anklagend in ihre

Richtung - und dazwischen lag ein

erschlagener Schäferhund.

***


Kommissar Mittnacht wusste

nicht mehr so genau, wann er

begonnen hatte, sich für Alexa und

Sebastian zu interessieren. Er hatte

das junge Paar bei einem

Freundschaftsspiel des SV

Großdummsdorf gegen die

Memminger Kickers kennengelernt.

An jenem Tag Anfang Oktober war

er mit seinem Sohn im Stadion

gewesen, und da fielen sie ihm das

erste Mal auf.

Es war ein ungewöhnliches Paar,

auffällig durch die Größe des

Jungen, dessen demonstrativer

Coolness und der Zierlichkeit seiner

Freundin. Alexa hatte blonde, lange


Locken wie seine verstorbene Frau

und wirkte ebenso schutzbedürftig

wie sie. 'Ein Wolf und ein Lamm',

hatte er gedacht, als er sie das

erste Mal im Fokus hatte.

Frank sah das Pärchen wieder.

Nicht nur einmal. Wieder und

wieder. Als würden sie ihn

verfolgen, liefen sie ihm auf seinen

regelmäßigen Streifzügen durch die

Stadt über den Weg. Oder er ihnen.

Er sah sie im Park, wie sie unter

den herbstlichen Laubbäumen

flanierten. In der Stadt mit ihren

Freunden, wie sie mit ihnen lachend

durch die Gassen im Stadtkern

zogen. Er begegnete ihnen auf dem


Marktplatz, wo er des Öfteren

herumlungerte wie ein hungriger

Tiger auf seinem Raubzug.

Vor seinem Stammlokal erblickte

er sie, wenn er sich mit zwei seiner

Kollegen zum Skat traf.

Er sah sie in so vielen

Situationen, die sie gemeinsam

erlebten. Manchmal mit einem

älteren Paar, von dem er

vermutete, dass dies die Eltern von

Irgendwem waren. Er sah sie allein

auf der Bank, auf der er selbst

meistens saß, eingemummelt in

warme Winterjacken - und

ineinander.

Öfter mit einer Clique vor der


Spielothek, viele der Jungs mit

langen Haaren wie Basti. All seine

Freunde nannten ihn so, wie Frank

schon lange spitzgekriegt hatte. Er

sah sie leben - doch niemals allein.

Alexa und Sebastian. Alex und

Basti. Ihre Namen geisterten

ununterbrochen durch sein Gehirn

wie ein hallendes Echo.

Es war ihm ein Leichtes

gewesen, an ihre Namen zu

kommen. Er hatte sie heimlich mit

seiner Handy-Kamera fotografiert,

und Josef Neureuth besorgte ihm

anhand der Fotos Name und

Adresse der beiden.

Sein Freund und Kollege hatte


sich zwar gewundert, was er damit

wollte, gab sich aber mit Franks

lapidarer Erklärung zufrieden, dass

sie eventuell wichtige Augenzeugen

bei einem Banküberfall in

Memmingen gewesen waren. Er

hatte sich schon lange abgewöhnt,

Fragen zu stellen und tat, was man

ihm sagte. Der 42-jährige Mann war

für die Recherchen in Franks Team

zuständig, und kaum jemand ahnte,

welche Quellen er hatte.

Es hätte sich auch niemand

dafür interessiert, solange seine

Kollegen das Ergebnis bekamen.

Und so stellte auch er keine Fragen!

Alexa Winter und Sebastian


Tränkle: Alex und Basti!

Irgendwann wusste Frank alles über

die beiden, und das Paar wurde zu

seinem neuen Irgendwo.

Er wusste, wann sie ihre

Wohnung verließen, um Freunde zu

treffen, er wusste, wo sie sich

trafen. Er sah, wann sie sich

küssten, und manchmal sogar,

wann sie sich liebten.

Die beiden waren nicht sehr

konventionell, und ihre Welt war

kein Irgendwo. Ihre Welt war ein

Universum - das Universum der

Liebe. Ihre Welt war die Stadt -

seine Stadt, sein Revier.

Er teilte es gern mit ihnen, sah


sie gern lieben und lachen. Dadurch

erhielt auch sein Irgendwo wieder

Konturen.

Eines schönen Wintertages trat

ein neues Irgendwann ein. Die

Konturen begannen erneut, sich zu

vermischen. Frank und Barbara

Mittnacht wurden wiedergeboren.

Wiedergeboren in seinem Gehirn,

reinkarniert in den Körpern von

zwei jungen Menschen. Kommissar

Mittnacht wusste auch nicht so

genau, wann es begann!

Vielleicht passierte es, als Alex

auf Franks Heimweg über die

Fußgängerzone auf dem Glatteis

ausrutschte und er die zierliche


Blonde auffing, bevor sie auf dem

harten Boden aufschlug.

Vielleicht in diesem Moment, als

er verhinderte, dass Bastis

dampfender Glühweinbecher bei

einem Zusammenprall mit ihm auf

das gefrorene Steinpflaster fiel.

Oder an diesem einen Abend, an

dem er da stand, in Gedanken bei

Barbara und dem Duft ihres Haares,

seine Hände an dem Stein der

Litfasssäule, vergeblich nach etwas

tastend, das ihrer Haut gleich kam

und in die Dunkelheit starrend, in

der Hoffnung, ihre Augen zu finden.

Er hatte Alexas - Barbaras -

Stimme bereits von Weitem


erkannt. Inzwischen war sie ihm so

vertraut wie eine Freundin, obgleich

sie ihn nicht einmal kannte. Oder

wie eine Geliebte. Die beiden luden

ihn ein in ihr Universum der Liebe,

und das galt es zu schützen. Ohne

ein Wort, ohne ihn jemals zu sehen,

nur durch seine Präsenz. Für sie war

er unsichtbar, und doch war er da

und sah ihnen aus seinem Nirwana

heraus beim Leben zu.

Alexa rief fröhlich winkend ihren

Geliebten, und Basti lachte zurück.

Lachte glücklich wie Frank beim

Klang seines Namens, als dessen

Irgendwo noch kein Nirgendwo war.

Als Barbara noch seinen Namen


ief!

Er vermisste sie so sehr, dass

es körperlich weh tat. Linderung

erhielt Franks Schmerz nur in diesen

Momenten, die er in ihrem Schatten

verbrachte.

Oft sah er Bastis Versuche,

Schritt zu halten mit ihr. Mit Alex,

die ihm immer ein paar

Nasenlängen voraus war. So wie

Babsi es gewesen war: Erst

handeln, dann nachdenken. Sie war

ein tanzendes Abenteuer gewesen.

Sein Abenteuer!

***

Am Nikolausabend hatte sich


Frank noch einmal auf den Weg

gemacht. Es war weit nach

Mitternacht, und sein Sohn war

noch nicht lange nach Hause

gekommen. Er hatte ihm eine

Geschichte erzählt, die dem

Kommissar nicht sehr glaubwürdig

erschien.

Toms Worten zufolge hatte

dieser vor seiner Heimkehr

gesehen, wie ein als Nikolaus

verkleideter Mann einen toten

Schäferhund vor die Kirchentür

legte. Dies war zwar nicht wirklich

ein Fall für seine Abteilung, doch

die Überprüfung der Situation war

für ihn ein guter Vorwand gewesen,


noch einmal auf die Straße zu

gehen.

Insgeheim hoffte er indessen,

sich "seinem Pärchen" noch einmal

auf die Fährte setzen zu können. Er

wusste genau, dass sie sich in der

Regel bis in die frühen

Morgenstunden

irgendwo

herumtreiben würden. Also hatte er

sich seinen dunklen Winterparka

übergeworfen, die Autoschlüssel

geschnappt und war zum Marktplatz

gefahren. Er stellte seinen Corsa an

der gewohnten Stelle außerhalb der

Fußgängerzone ab und ging die

letzten Meter zu Fuß.

Die üblichen Verdächtigen


teilten sich mit ihm sein Revier,

lungerten rauchend in

Hauseingängen herum, frotzelten,

lachten und tratschten. Von der

Besinnlichkeit der Weihnachtszeit

war bis auf die Straßenbeleuchtung

nicht viel zu spüren - diese Illussion

war schon lange in Großdummsdorf

verloren gegangen. Ersetzt wurde

diese durch eine unterschwellige,

doch stets präsente Gewalt-

Atmosphäre, wobei Frank nicht so

genau wusste, weshalb er diese

überhaupt wahrnahm. Sie versetzte

ihn jedoch wie stets in einen

angespannten Zustand der

Alarmbereitschaft.


Er streifte die schmalen

Kopfstein-Pflaster-Straßen entlang,

die Augen schmal

zusammengekniffen, der Blick

lauernd wie ein Wolf auf der Jagd.

Manchmal fiel der Lichtstrahl einer

Straßenlaterne hinein und verlieh

ihnen ein düsteres Glitzern.

Wie er es sich schon in frühester

Jugend angewöhnt hatte, waren

seine Schritte fast lautlos und

schleichend. Bei seinem Vater war

dies notwendig gewesen, um

diesem keine Angriffsfläche zu

bieten. Je unsichtbarer er sich

selbst machte, umso weniger Ärger

war zu erwarten.


Nur manchmal war er sichtbar

geworden, wenn der Drang in ihm,

sich an den Eltern zu rächen,

überhand nahm.

Oder wenn er Barbara liebte!

Je weiter er vorrückte, umso

lauter klang das Stimmengewirr der

Nachtschwärmer - wie er - zu ihm

herüber. Er folgte dem jugendlichen

Klang ihrer Stimmen und setzte sich

auf deren Fährte.

Auf einem Parkplatz hinter dem

Rathaus sah er Basti und Alex im

gedämpften Licht der

Straßenlaternen. Sie sahen glücklich


aus. Ihr Lächeln war getränkt von

billigem Wein und der Euphorie der

Nacht, die Frank so sehr fehlte.

Hand in Hand schlitterten sie auf

zugefrorenen Pfützen herum, jagten

einander im Kreis, kicherten,

flüsterten verschwörerisch, brüllten.

Energiegeladen feierten sie ihre

Liebe und ihre Jugend.

Kommissar

Mittnacht

beobachtete sie eine Weile und

schwelgte in Erinnerungen an

Zeiten, die längst im Alltagsgrau

untergegangen waren und erst

durch seine eigene Einsamkeit und

durch den Verlust seiner Familie

wieder Bedeutung erlangten. Sein


eigener Atem stand als kalter Nebel

vor seinem Gesicht. Er sah die

bedrohlichen Schatten, die sich

lautlos heranschleichen wollten,

dennoch.

Sie näherten sich von der Seite,

geradewegs auf die ungeschützte

Breitseite der jungen Liebenden zu.

Weder Basti noch Alex würden

darauf vorbereitet sein, dessen war

er sich sicher.

Das wären Babsi und er

genausowenig gewesen, und wenn

doch, dann sähen sie keine Gefahr.

Wenn Naivität und Glück sich in

den Herzen zweier Liebenden

miteinander vermählten, dann


dachte niemand an so etwas

Grausames wie rohe Gewalt. Sie

würden den Hass und die Ignoranz

nicht in den Augen der jungen

Männer erkennen, die sich die

Haare abschoren, sich mit Ketten

behängten, die schwere Stiefel

anhatten, stets bereit, damit zu

treten und dies, was nicht in ihre

beengte Gedankenwelt passte,

kaltblütig zu töten.

Würden die zwei es erkennen,

dann wäre ihre Antwort ein Lachen,

weil sie sich unter dem

Schutzschirm der Liebe sicher

fühlten. Barbara und er hatten

genauso gelacht, über die


Dummheit von Menschen, die sich

nur mit Verachtung für Andre

umgaben. Diese wussten nicht, was

ihnen entging: Weil sie die Magie

des Verliebtseins nicht kannten.

Dafür stahlen sie anderen

Menschen das Glück - und deren

Leben.

Frank hörte auf zu denken und

trat aus seinem Baumschatten im

Dunstkreis der potentiellen

Angreifer heraus. Niemand durfte

dies stören, was er mit ihnen teilte.

Es war ihr Universum: Von Alex und

Basti. Von Babsi und ihm. Er vertrat

dem Ersten der fünf-köpfigen Clique

den Weg und blieb mit


verschränkten Armen vor ihnen

stehen. "Ich würde euch empfehlen,

einen Umweg zu nehmen."

Seine Stimme klang eiskalt und

knurrend, als er ihn ansprach. In

seinen Gedanken stand Barbara

hinter ihm, zitternd, verängstigt. Er

musste sie diesmal beschützen. Ihr

durfte nichts zustoßen. Nicht ihr.

Nicht wieder. Nie mehr!

Aus dem Hintergrund drang

Alex' Kichern zu ihm und vermischte

sich mit der angriffslustigen Stimme

des jungen Skinheads, der vor ihm

stand: "Hey Arschloch, was soll das

denn bedeuten, hä?"

"Hier geht es nicht lang." Er


klang verkrampft. "Haut ab und

nehmt einen anderen Weg!"

Ein vorlauter Halbstarker

machte einen großen Schritt nach

vorne. Seine Augen blitzten

kämpferisch im Halbdunkel. "Und

was ist, wenn wir eben hier lang

wollen?"

"Hier geht es nicht lang",

wiederholte Frank eisig. Er hörte

Sebastians Lachen, als Alex etwas

sagte, das er nicht verstand. Oder

war es Barbara? Er bekam

Kopfschmerzen.

"Ich würde jetzt da weg

gehen!", schnauzte der Erste, der

vor ihm stand. Er war etwas größer


als die Andern und wirkte

bedrohlich. "Oder es gibt eins auf

die Glocke."

Der Glatzköpfige trat mit

aufgeblähter Brust ganz nah an ihn

heran und hauchte ihm seinen

Alkoholdunst ins Gesicht. "Zisch

endlich ab!"

Er hörte Kettengerassel und

Stampfen, und das kampflustige

Gröhlen der anderen Vier wurde

lauter und lauter. Von der Seite

flog eine angedeutete Faust auf

Frank zu, ohne ihn zu touchieren.

Er blieb stehen, doch sein Herz

ging durch. Sie wollten ihn

schlagen. IHN! So wie sein Vater.


Ihn, Frank, und Ihn, Basti. Wieder

verwischten sich seine Konturen.

Etwas klickte in seinem Gehirn.

Sie wollten Ihnen etwas tun: Basti

und Alex. Babsi und ihm. Die Welt

begann, sich um ihn zu drehen. Die

Namen hallten vermischt durch sein

Gehirn, wurden lauter und leiser,

leiser und lauter.

Er würde Babsi beschützen.

Ihren Duft. Ihr Lachen. Ihre Haut.

Ihr Haar.

Er spürte ihr Zittern, wie sie

hinter ihm stand. Ihr Schatten, ihr

Geist, ihr Leben. Einstmals gewesen

- oder noch da?

Plötzlich vernahm Frank ein


kehliges Jaulen: "Scheiße Mann!"

Sein Angreifer hielt sich die Nase.

Auf einmal war da Blut in dessen

Gesicht. Blut, viel Blut! Es rann

zwischen seinen Fingern hindurch,

verteilte sich auf den Seiten und

tropfte langsam zu Boden. Blut,

überall Blut. Frank sah alles wie im

Wahn. Barbaras Blut?

Er heulte auf wie ein sterbendes

Tier. "Was hast du getan?", brüllte

er. Noch einmal sah er eine Faust

fliegen und spürte den Schmerz fast

augenblicklich. Er fraß sich in seine

Niere. Wieso jedoch schmerzte

seine eigene Faust?

Automatisch griff seine Hand


unter seinen halbgeöffneten Parka,

und er holte seine Dienstwaffe

heraus. Franks Blick glitzerte irr.

Seine Stimme jedoch klirrte wie Eis.

"Was hast du mit ihr gemacht?",

fragte er ihn noch einmal.

Sein Gegenüber war plötzlich

wie gelähmt und blickte wie erstarrt

in die gähnende Mündung. "Von ...

von was redest du da?", stammelte

der junge Skin. Ich ... ich habe mich

doch nur gewehrt."

"Was hast du mit Babsi getan?",

klang Franks heiserer Schrei in das

Dunkel der Nacht und schien aus

tausend Ecken zu hallen. Sein Blut

rauschte wie ein Wildwasserfluss


durch seine Adern, dröhnte in

seinen Ohren und füllte alles in

seinem Inneren aus. Er fühlte sich,

als müsste er bersten.

Langsam wichen die fünf

Halbstarken zurück, Schritt für

Schritt und die Augen unverwandt

auf Kommissar Mittnacht gerichtet.

"Scheiße ... kommt, lasst uns

abhauen!" stammelte der Größere,

der offenbar der Anführer war. In

sicherem Abstand drehte sich einer

nach dem Anderen um und rannte

hinaus in die Winternacht.

Alex und Basti starrten

mittlerweile zu ihm herüber. Angst

stand in ihren Augen.


'Warum ...', fragte sich Frank,

'fürchten sie mich? Ich habe sie

doch nur beschützt.'

Er sackte in sich zusammen.

Alles in ihm schrie nach Barbaras

Händen auf seiner Schulter. "Nie

wieder!", schrie die bittere

Wahrheit in ihm. "Nie wieder teilt

sie dein Nirgendwo."

Sebastian nahm sein Mädchen

fest an der Hand und hastete an

ihm vorüber. Sein Blick streifte

Frank, fragend, fast neugierig,

zwischen Wachsamkeit und

angstvollem Respekt. Er hatte den

Wolf in ihm erkannt!

Kommissar Mittnach fragte sich,


wann er Alexa vor diesem selbst

schützen musste. Er wandte sich

zum Gehen, im Bewusstsein, ihr

Universum der Liebe gerettet zu

haben.

***

Als er gegen zwei Uhr früh nach

Hause kam, lag sein Sohn schon im

Bett. Auch Tom konnte nicht

schlafen und starrte hinaus in die

Dunkelheit. Unablässig hatte er das

Bildnis des erschlagenen Hundes

vor seinen Augen, sah das

eingetrocknete Blut auf dessen

Schädel und fragte sich, was dies

für Menschen seien, die so etwas


Schreckliches taten.

Auf seinem Nachttisch glühten

schwach die roten Lichter im

Inneren eines Totenschädels aus

Plastik, den er sich selbst dahin

gestellt hatte. Plötzlich sah er sein

Zimmer mit anderen Augen. Überall

hingen und standen Relikte seiner

Totenkultur, die er sich gemeinsam

mit seinen Freunden aufgebaut

hatte. Selbst sein Bett hatte

Sargform und war sein ganzer Stolz

gewesen, als seine Mutter noch

lebte.

Der Tod war so weit weg von

ihm gewesen. In seiner Vorstellung

war dies nur eine andere Welt, und


er hatte gern mit und in dieser

gespielt. Mittlerweile jedoch begriff

er, dass dies keine Spielewelt war.

Dies war der Moment, in dem er

sich von seiner Kindheit zu

verabschieden begann. Seine Hand

tastete im Dunkeln auf der Suche

nach dem Lichtschalter an der

Wand entlang, und kurz darauf

gleißte helles Licht in sein künstlich

verdüstertes Zimmer. Mit

angewidertem Gesicht setzte er sich

auf und sah sich um. Sein fester

Entschluss war gefasst!

Er wollte wieder Farbe in seinem

Leben, und er würde sie sich

verschaffen. Wenn dies bedeuten


würde, dass er seine Freunde

verlöre, dann wäre dies eben so.

Und er würde den Täter stellen,

der ihm und Tamara einen solchen

Schrecken eingejagt und ein

Lebewesen getötet hatte. Zur Not

ginge Tom Mittnacht seinen Weg

auch allein!


Toter Hund

Am Samstag, dem siebten

Dezember, verbrachte Frank

gemeinsam mit seinem Sohn den

dienstfreien Morgen. Eine seltsame

Stimmung hing in der Luft, und Tom

war sehr schweigsam.

Kommissar Mittnacht hatte sich

alle Mühe gegeben, um ein

kulinarisch leckeres Frühstück mit

Orangensaft, Rührei mit Speck und

verschiedenen Brötchensorten auf

den Tisch zu zaubern. Sie ließen

sich Zeit.

Hin und wieder richtete sich

Toms Blick nachdenklich auf seinen


Vater. Er überlegte, wie er es

anfangen sollte, ihm seinen Plan

darzulegen. Schließlich fragte er ihn

direkt: "Was geschieht jetzt mit

dem toten Hund?"

Frank sah auf und zuckte nur mit

den Schultern. "Ich kann dir nur

raten, zur Wache zu gehen und

Anzeige zu stellen. Aber da du ja

keine Vermutung hast, wer dies

gewesen sein könnte, dürfte das

ziemlich aussichtslos sein."

Tom senkte den Blick. Auch sein

Vater sah nicht viel Möglichkeiten,

den Täter zu fassen. Den Weg

konnte er sich also sparen, so wie

es aussah.


"Paps, ich muss nachher mal

weg. Ich treffe mich mit Tamara

zum DVD gucken. Bist du den

ganzen Tag zuhause?"

Frank bestrich sich ein

Sesambrötchen mit Marmelade und

biss herzhaft krachend hinein.

"Eigentlich schon, ich habe frei. Soll

ich dich fahren?", antwortete er und

schnippte ein Körnchen von seiner

Nase.

Tom errötete leicht. Das hätte

ihm gerade noch gefehlt und hätte

seinen ganzen Plan zunichte

gemacht. "Nein, lass mal, Papa",

wehrte er ab. "Ich gehe zu Fuß. Das

sieht sonst so nach bravem Bull ...


Polizistensohn aus. Du weißt schon,

was ich meine!"

Frank grinste. Er verstand seinen

Jungen nur zu gut, und den kleinen

Versprecher nahm er ihm nicht

sonderlich übel. "Na, dann mach

mal, mein Junge. Tamara: Ist das

die kleine Skinny, von der du mir

erzählt hast?"

"Ja, Paps, das ist sie. Aber sie ist

einfach wundervoll. Meine Freunde

mögen sie nur leider nicht und

haben Angst, wegen ihr Ärger zu

kriegen."

"Du bist ganz schön mutig, dass

du trotzdem zu ihr hältst. Und dass

sie keine Haare hat, das stört dich


nicht?", wollte Frank neugierig

wissen.

Toms Blick wurde trotzig.

"Sinead O'Connor hat auch keine

Haare, und sie ist trotzdem schön.

Du und Mama waren ganz verrückt

nach ihr."

Frank hob beschwichtigend die

Hände. "Ich wollte dir nicht zu nahe

treten. Es gefällt mir, dass du

integer bist. Du bist für dein Alter

schon ganz schön erwachsen."

Kumpelhaft klopfte er seinem Sohn

auf die Schulter.

Das Lob seines Vaters rann Tom

hinunter wie Öl. Gefühlt wuchs er

um einige Zentimeter. Insgeheim


dachte er: 'Du wirst dich wundern,

wie erwachsen ich noch werden

kann.'

***

Am frühen Samstagmorgen ging

Hanno Kekkonen zum

Wochenenddienst. Er genoss die

morgendliche Schneeluft ebenso

wie den weihnachtlichen Trubel.

Auf dem Weg zum Präsidium

kam er an der Bäckerei vorbei, wo

er jeden Morgen sein Frühstück

abholte. Der Polizeibeamte klopfte

sich den Matsch vor der Tür von den

Schuhen und betrat den

Verkaufsraum. Das melodische


Glockenspiel über der Tür hallte

noch einen Moment nach.

Genüsslich sog er den frischen

Brötchenduft in sich auf und stellte

sich an die Theke.

„Guten Morgen, Herr Kekkonen“,

begrüßte ihn die ältere Verkäuferin

freundlich. „Na, Sie bringen ja

skandinavische Kälte mit.“ Sie

zwinkerte ihm schelmisch zu.

Zerstreut schaute er auf ihr

Namensschild. „Guten Morgen,

Marianne“, grüßte er zurück und

grinste verschmitzt. „Ich tue mein

Bestes. Wäre doch schön, wenn die

Kinder noch mal einen richtigen

Winter erleben würden.“


„Da sagen Sie was. Eine

Schinken-Käse-Seele und eine

Brezel wie immer?“, fragte sie.

„Ganz genau. Sie sind doch

wahrlich ein Schatz", schmunzelte

er. Während sie seine Bestellung

eintütete, holte Hanno schon das

Geld aus seiner voluminösen

Brieftasche heraus. Er bezahlte,

nahm die Brötchentüte in die Hand

und verließ mit einem fröhlichen

„Bis Montag!“ den Laden.

Während dem kurzen

Restfußweg zum Präsidium hing er

in Gedanken bei der Nikolausparty,

die ihm einen gewaltigen Kater

beschert hatte. Der junge Mann


hatte den gestrigen Abend

gemeinsam mit seiner Familie und

seiner Cousine Ronja verbracht.

Sie sahen sich nicht allzu oft.

Seit sechzehn Jahren wohnten

Ronja und Hanno mit ihren Familien

in Deutschland. Hier hatte er seine

Ausbildung gemacht, ebenso wie

seine Cousine. Ronja wohnte

berufsbedingt in Freiburg, und nur

hin und wieder kam sie nach Hause.

Hanno überquerte den

Zebrastreifen und grüßte Jana

Abendroth, die ihm auf der anderen

Straßenseite vom Geldautomaten

entgegenkam. Ihre Wange war

noch immer geschwollen, und sie


trug eine Sonnenbrille.

Während sie ein paar Worte

wechselten, versuchte er

vergeblich, nicht allzu deutlich zu

starren. Er vermutete stark, dass

sich hinter der Brille ein Veilchen

verbarg.

'Wieder einmal eine Frau, die

sich gern mal an Türen stößt und

regelmäßig die Treppe

herunterfällt', mutmaßte er innerlich

und hatte die gestrige Situation auf

dem Parkplatz wieder vor Augen.

Jana war - wie er wusste - die

beste Freundin von Ronja. Er hatte

die junge Frau am Nikolausabend in

der Alten Linde kennengelernt, doch


auf die Bekanntschaft mit deren

Freund hätte er lieber verzichtet.

Dieser hatte allen den gesamten

Abend versaut.

'Ein Frauenschläger, wie

erbärmlich ist das denn?', dachte er

empört, während Jana sich unter

seinen Blicken wand.

"Vergessen Sie den Vorfall von

gestern Abend", bat sie ihn mit

gesenkter Stimme. "Es ist nichts.

Aber trotzdem danke, dass Sie mir

helfen wollten." Jemand hupte, und

ihr Blick wurde panisch. In einer

Parkbucht stand ein schwarzer

BMW, und ein junger Mann winkte

ihr drohend entgegen.


"Warum verlassen Sie den Kerl

nicht?", wagte Hanno Kekkonen, die

junge Dame zu fragen. Seine

ansonsten recht fröhliche Stimme

klang plötzlich bitter und ernst.

"Entschuldigen Sie, ich muss

gehen. Wie gesagt, es ist nichts,

machen Sie sich keine Sorgen."

Jana wandte sich von ihm ab und

stieg in den Wagen.

Ein bitterböser Blick aus

blassblauen Augen streifte Hanno

durchs Autofenster, als der Fahrer

ohne Rücksicht auf Verluste mitten

auf der Hauptstraße wendete. Ein

weiteres, langgezogenes Hupen

eines

genervten


Verkehrsteilnehmers folgte auf

dessen halsbrecherische Aktion.

Hanno hielt die Luft an und

erwartete ein blechernes Krachen,

doch der BMW fuhr unbehelligt

davon. Aus dem halb geöffneten

Wagenfenster ragte eine Hand mit

ausgestrecktem Mittelfinger heraus.

"Was für ein Flegel!", rief Hanno

aus; war versucht, sich die Nummer

zu merken und dachte dann, dass

er sie anderweitig herauskriegen

würde, wenn es drauf ankäme.

"Jesses!", stieß er nach einem

Zufallsblick auf die Turmuhr aus,

wandte sich ab und eilte davon.

Seine Schritte knirschten über


die schmutziggraue Eisdecke,

während er versuchte, sich mental

auf seine Arbeit vorzubereiten.

Doch er bekam die junge Frau nicht

mehr aus dem Kopf.

Es war der Abschluss eines bis

dahin recht vergnüglichen Abends

gewesen. Einem der typischen

Familienabende voll Harmonie, an

dem sich Erwachsene benahmen

wie kleine Kinder und sich sogar

über den Nikolaus freuten.

Es war faszinierend: An solchen

Tagen gab es ihn wirklich, und

jeder tat so, als ob man an ihn

glaubte.

Statt

Schokoweihnachtsmännern hatte es


Kleiner Feigling für alle gegeben, in

verkleideten Fläschchen, und jeder

hatte sich drüber gefreut. Apfel,

Nuss und Mandelkern hatten auch

nicht gefehlt, ebensowenig wie

Mandarinen. Sein Onkel war der

Nikolaus gewesen und hatte alles

verteilt. Dessen Tochter Ronja

bekam unter allgemeinem

Gelächter die Rute, indem sie von

ihm - Hanno - übers Knie gelegt

wurde.

Der einzige Wermutstropfen war

das junge Pärchen gewesen, Jana

und Stephan. Letzterer hatte sie

kaum aus den Augen gelassen, und

bei jedem Versuch, sich mit ihr zu


unterhalten, hatte dieser geblockt.

Vor Allem Hanno hatte er ganz

offenbar auf dem Kieker gehabt und

ihn ein paar Mal dumm angemacht.

Gegen 23:00 Uhr hatte er

gemeinsam mit ihnen die Wirtschaft

verlassen, eher durch Zufall. Der

junge Polizist wollte über den

Parkplatz nach Hause, da hatte er

ein Klatschen vernommen. Wenig

später war die junge Frau weinend

hinter einem Baum hervor

gekommen.

Hanno wollte ihr helfen, doch sie

hatte ihn abgewehrt und war davon

gerannt. Kurz darauf war ihr Freund

zu ihm gekommen und hatte ihn


angezischt: "Misch dich nicht ein!"

Kurz vor Mitternacht noch hatte

er von zuhause aus Ronja

angerufen und sie nach Jana

gefragt. Es hatte ihm keine Ruhe

gelassen. Seine Cousine hatte ihm

bereitwillig von ihr erzählt, und

meinte noch: "Der ihr Freund ist ein

echtes Ekelpaket, aber sie ist meine

beste Freundin und liebt ihn."

Kurze Zeit später stand Hanno

vor dem Präsidiumsgebäude und

versuchte, den Gedanken an die

junge Frau beiseite zu wischen.

"Eigentlich geht es mich auch gar

nichts an", murmelte er.

Der Polizist gab an einer


Schalttafel seinen Identifizierungs-

Code ein und wartete auf das

Bestätigungssignal. Nach einem

kurzen Summen des Türöffners trat

er ein und wurde von einer

wohligen Wärme empfangen.

„Morgen!“, nickte Hanno seinem

diensthabenden Kollegen durchs

Bullauge entgegen, bevor er die

Zwischentür zur Wachstube querte.

Er begab sich in den Umkleideraum.

"Morgen ist Sonntag", rief ihm

Polizeimeister Neumann spöttisch

nach, was ihm nur ein müdes

Lächeln entlockte.

Kurz darauf setzte sich Hanno

an seinen Platz, fuhr den Rechner


hoch und sah die Unterlagen auf

seinem Schreibtisch durch. 'Nichts

Dramatisches', dachte er, 'nur der

übliche Kleinkram.'

Zwischenzeitlich verschwand

Peter Neumann im Duschraum und

kehrte eine halbe Stunde später

frisch geduscht und in

Privatkleidung zurück.

"Du stinkst wie ein ganzer Puff",

höhnte Hanno, als ihm dessen After

Shave penetrant in die Nase stieg.

Sein Kollege grinste ihn nur

schief an, schnappte sich seine

dicke Bomberjacke vom Haken und

öffnete schwungvoll die

Tresenklappe. Als Antwort klingelte


er triumphierend mit den

Autoschlüsseln, flötete "Schönes

Wochenende" und marschierte gut

gelaunt in Richtung Tür. Bevor er

diese hinter sich schloss, streckte er

ihm den gestreckten Hintern

entgegen und schwenkte ihn

demonstrativ hin und her.

Hanno Kekkonen prustete los.

Es wirkte urkomisch, wenn dieser

Kleiderschrank von Mann auf Tunte

machte. Er wusste jedoch: Keiner

war mehr Macho als Peter

Neumann. Dessen Freundin Sabine

- seine Nachbarin - konnte ein Lied

davon singen. Doch wenigstens

schlug der keine Frauen.


Er streckte sich gähnend auf

seinem Stuhl und drehte sich

gemächlich im Kreis. Kaffeeduft

stieg ihm verlockend in die Nase.

"Später", murmelte er und gähnte

erneut.

Währenddessen stieg ein junger

Mann, fast noch ein Junge, die

Treppe hinauf und drückte dort auf

den Klingelknopf neben dem breiten

Eingangsportal. Frierend schlug er

seine beiden Arme gegeneinander

und wünschte sich, doch lieber

seine gefütterte Lederjacke

angezogen zu haben. Er fluchte und

stapfte mit den Füßen, um den

Matsch von den Schuhen


abzustreifen.

Hanno drehte den Drehsessel

noch einmal im Kreis und rollte

gelangweilt zum Bullauge. Dort

erhob er sich und trat auf die

Schutzscheibe zu. "Ja, bitte?",

fragte er ins Mikrophon. Auf dem

schmalen Marmorsims lagen

mehrere Prospekte.

"Ich möchte eine

Körperverletzung anzeigen", plärrte

es ihm nach einem kurzen

Rauschen entgegen.

"Nennen Sie mir bitte Namen

und Kennwort", antwortete Hanno

und grinste.

"Hääähhh?", kam es


langgezogen aus der Sprechanlage

im Außenbereich.

"Ach ja, und das Logging",

antwortete Hanno und verkniff sich

ein Kichern.

"Mach keinen Quatsch, Mann,

und öffne die Tür!", antwortete die

Stimme des jungen Mannes erbost.

"Buchstabieren Sie 'Quatsch'. Ist

das Ihr Name?", fragte Hanno ins

Mikrophon und rieb sich feixend die

Hände.

"Nein, mein Name ist Schwartz.

Maik Schwartz", antwortete der

Mann.

Hanno ließ sich schließlich

erweichen und betätigte den


elektronischen Türöffner.

Ein dumpfes Summen erklang.

Maik Schwartz drückte gegen die

Tür und betrat den gekachelten

Vorraum. Rechts stand eine

Wartebank. Neugierig betrachtete

er die Steckbriefe an der dahinter

liegenden Wand und zuckte

zusammen, als er den Steckbrief

seines Onkels entdeckte.

Er versuchte, sich nichts

anmerken zu lassen, stellte sich

vors das Bullauge und wiederholte:

"Ich möchte Anzeige stellen." Dabei

deutete er auf seine zugepflasterte

Nase.

Hanno nickte zur Bestätigung,


dass er den Jungen verstanden

hatte. "Ham Sie 'nen Perso?"

"Häh?"

"Reisepass? Führerschein?"

"Häh, nein!"

"Können Sie sich irgendwie

ausweisen?" Hochkonzentriert

starrte Hanno ihn durch das

geschlossene Bullauge an.

"Bin ich Ausländer, oder was?",

fragte Maik sichtlich genervt.

"Also ohne irgendeine

Identifizierung kommen Sie hier

nicht herein. Entweder wollen Sie

ein Problem loswerden, oder Sie

lassen es bleiben", antwortete der

blondgelockte Polizeibeamte


ungerührt.

"Sagen Sie das doch gleich!",

resümierte der junge Mann und

blies wichtigtuerisch seinen

Brustkorb auf. Er griff in seine

Manteltasche und zog unter den

argwöhnischen Blicken des

Beamten eine abgeschabte

Riesenbörse - ähnlich einem

Bedienungs-Geldbeutel - hervor.

"Wo haben Sie das Monstrum

denn her?", fragte Hanno neugierig,

während Maik seinen Ausweis

herauskramte und auf die

Drehscheibe legte. Er zuckte die

Schultern. "Von Tante Emma, die ist

Bedienung. Ist nur nix drin."


Der Beamte drehte an der

Kurbel und nahm den Ausweis aus

dem Ausgabefach. Ohne weitere

Worte musterte er ihn lange,

notierte sich die

Identifizierungsdaten und nickte.

Schließlich betätigte er einen

weiteren Knopf und ließ den jungen

Mann in den Innenraum.

Maik trat an den Tresen und sah

sich abwartend um. Im Hintergrund

hörte er das Rascheln von

Dokumenten. Während er wartete,

fiel sein Blick gegen ein Plakat an

der Wand. Es zeigte ihm ein

Gesicht, das ihm bekannt vorkam.

Flüchtig überlegte er, ob das sein


konnte. Es handelte sich um ein

Infoplakat zu einem Seminar in

irgendeiner Schule, wie er flüchtig

überlas. Aber das Gesicht ...

Schließlich kam Hanno aus einer

Ecke hervor. "Setzen Sie sich doch

bitte." Hanno deutete auf den

Besucherstuhl an seinem

Schreibtisch. "Möchten Sie auch

eine Tasse Kaffee?"

Maik grinste auf die Frage und

verneinte. Bier wäre ihm eigentlich

lieber, aber das konnte er schlecht

bringen. Er nahm auf dem

Schwingsessel Platz und versuchte,

nicht so flegelhaft wie gewohnt zu

posieren. Abwartend sah er Hanno


Kekkonnen an.

Dieser lächelte freundlich. "Also,

dann schießen Sie mal los. Wie

heißen Sie? Wo wohnen Sie?"

"So gefällt mir das!", grinste

Maik frech und musste aufpassen,

dass ihm dabei nicht seine vielen

Pflaster auf der Nase verrutschten.

Das Lachen verging dem Skinhead

aber schnell bei dem stechenden

Schmerz, den er verspürte.

"Autsch!!!", entfuhr es ihm.

Hanno versuchte, seine

Schadenfreude vor ihm zu

verbergen. "Das sieht aber wirklich

übel aus."

"Da sagen Sie was", antwortete


Maik und war richtig stolz auf seine

Schauspielkunst. "Ich fürchte, der

da ...", dabei zeigte er auf das

Plakat an der Wand, "war das

gewesen."

"Der da?", hakte Hanno nach

und kniff die Augen zusammen.

Maik bekräftigte mit

aufgeregtem Gestikulieren die

eingeworfene Frage. "Ja, genau

der. Und eine Knarre hatte er

auch." Die Ungläubigkeit auf dem

Gesicht seines Gegenübers entging

ihm nicht.

"Einen Moment bitte." Hanno

wählte über die Kurzwahl das

Diensthandy von Frank Mittnacht


an.

"Was machen Sie da?", fragte

Maik alarmiert. Sein Kopf fuhr

wachsam nach oben, und mit

scharfem Blick sah er den jungen

Polizisten an.

"Was abklären", antwortete

Hanno kurz angebunden. In dem

Moment nahm Frank Mittnacht am

anderen Ende der Leitung ab.

Mit einer Geste bedeutete er

seinem Gegenüber, zu schweigen

und sprach in die Muschel: "Hanno

Kekkonen hier. Entschuldigen Sie

die Störung an Ihrem freien Tag. ...

Gut. Ich hoffe, es geht schnell. ...

Ja. ... Hier sitzt ein junger Bursche,


Maik Schwartz. Sagt Ihnen der

Name was? ... Nein? ... Gut. ... Nun

ja, er behauptet Sie hätten ihm eins

auf die Nase gegeben. ... Nein,

kann ich nicht. ... Ja, das wäre

super. ... Okay, bis gleich."

Er legte auf und wandte sich

Maik wieder zu. "Erzählen Sie mal

bitte, wie das genau passiert ist,

Herr Schwartz."

Dieser verzog genervt das

Gesicht. "Keine Ahnung, was da

passiert ist. Ich kam mit ein paar

Jungs aus der Kneipe und wollte

nach Hause. Da stellte sich dieser

Irre ...", dabei zeigte er mehrmals

auf das Plakat, "mitten in den Weg


und verbot uns, über den Parkplatz

hinter dem Rathaus zu laufen. Als

wir trotzdem durch wollten, hatte er

ausgeholt."

"Einfach so?" Hanno zog

erstaunt eine Augenbraue hoch.

"Aus welchem Grund sollte er Ihnen

das verbieten? Oder waren Sie auf

Randale aus?" Er beobachtete den

jungen Skin genau und überschlug

im Geiste die Zeit, die der

Kommissar bis zur Wache brauchen

würde. Hoffentlich war dieser nicht

sauer, dass er ihm den freien Tag

vermieste.

"Sehe ich aus, als würde ich

randalieren?", fragte Maik und


versuchte ein Unschuldslämmchen-

Gesicht. "Bin nur ein kleiner Student

und will niemandem was tun."

Hanno schüttelte leicht den

Kopf. Was sollte er darauf jetzt

auch erwidern? Er durfte es auf

keinen Fall riskieren, dass der

Bursche ausrastete. "Haben Sie

denn außer Ihrer Nase noch etwas

abgekriegt?", versuchte er, das

Thema wieder in weniger riskante

Gefilde zu lenken. Er musterte den

Jungen von oben bis unten und

dachte sich seinen Teil. Ordentlich

angezogen war er, doch wirkte dies

eher wie eine Verkleidung. Hanno

konnte sich gut vorstellen, dass


Maik Schwartz normalerweise einen

anderen Kleidungsstil hatte. Ganz

abgesehen davon glaubte er ihm

kein Wort.

'Wer weiß, woher der seine

gebrochene Nase her hat.' Dann fiel

ihm was ein: "Waren Sie schon bei

einem Arzt? Ohne Attest dürfte es

schwierig werden, einen Strafantrag

gegen den Täter zu stellen. Wer

auch immer das war."

"Wer auch immer das war", fuhr

der Mann auf. "Ich habe Ihnen doch

gesagt, wer das war." Dabei

deutete er noch einmal auf Frank

Mittnachts Foto. "Ich weiß ja nicht,

wer das ist, aber ich erkenne sein


Gesicht. Und wenn Sie mir nicht

helfen, finde ich ihn."

'Sieh an, sieh an', dachte Hanno.

'Das Unschuldslamm kommt aus

sich heraus.' Fest sah er Maik

Schwartz in die Augen: "Wenn dies

nun eine Drohung gegen

Kommissar Mittnacht sein soll,

lernen Sie mich ganz schnell

kennen. Wir können auch anders,

und zur Not haben wir auch eine

hübsche Zelle für Sie unten im

Keller."

Vorsichtshalber erhob er sich

und legte demonstrativ eine Hand

auf den Schlagstock in seinem

Hüfthalfter. Zugleich bereitete er


sich darauf vor, seine Kollegen auf

Streife zu Hilfe zu rufen. Er griff zu

seinem Funkgerät, wartete jedoch

auf Kommissar Mittnacht. Dieser

würde die Situation bestimmt

richtig einschätzen können.

"Ein Kommissar?" Maik wurde

rot. Dann brüllte er: "Feine

Methoden habt Ihr ja bei der

Polizei. Unbescholtene Bürger

werden des Weges verwiesen, Sie

drohen mir mit einem Schlagstock

..."

"Nun reißen Sie sich mal ein

bisschen zusammen." Hanno fiel

ihm wütend ins Wort. "Kommissar

Mittnacht kommt gleich, dann


sagen Sie ihm das mal persönlich."

Unruhig sah er aus dem Fenster

und hoffte, dass dieser bald käme.

Er querte mit großen Schritten die

Wachstube bis zur nächsten Wand,

drehte sich um und kam wieder

zurück. Schließlich hörte er, wie ein

Auto vorfuhr.

Kurz darauf stand Kommissar

Mittnacht im Raum. Franks Blick fiel

auf den jungen Mann, den er trotz

der gepflegten Kleidung sofort

erkannte. Er versuchte, sich nichts

anmerken zu lassen und fragte in

bemüht beiläufigem Tonfall: "Was

gibt es denn?"

Kaum, dass Maik seiner


ansichtig wurde, sprang er schon

auf. Er flezte sich provokativ über

den Durchgangstresen und grinste

dem Kommissar ins Gesicht.

"Zeigste mir noch mal deine

Knarre?", fragte er ihn. "Warst ganz

schön mutig."

"Ich weiß nicht, von was du da

redest", antwortete Frank mit

ungerührter Miene. "Du

verwechselst mich!"

"Nee, Herr Kommissar, ganz

bestimmt nicht. So Hackfressen

vergesse ich nie." Der Skin zeigte

nun sein wahres Gesicht. "Schade,

dass deine Nase nicht auch

gebrochen ist. Aber das lässt sich ja


nachholen." Blitzartig zog er seinen

Arm nach oben und zielte mit

geballter Faust auf Mittnachts

Gesicht.

Hanno eilte Frank mit

erhobenem Schlagstock zu Hilfe,

doch dieser hatte den Schlag mit

ebenso blitzschneller Reaktion

bereits verhindert und hielt dessen

Schlaghand schraubstockartig

umschlungen. Nach einem kurzen

Kräftemessen schleuderte er sie mit

angeekeltem Gesicht von sich weg,

so dass Maik Schwarz seine

demolierte Nase beinahe noch

einmal traf. "Für so Würstchen wie

dich brauche ich bestimmt keine


Knarre", knurrte Frank hämisch.

"Dich vernasch' ich zum Frühstück."

Währenddessen hatte der junge

Polizeibeamte schon einen

Funkspruch abgesetzt und seine

zwei Kollegen auf Streife zu Hilfe

gerufen. Ein paar Minuten später

hörte er auch schon die Sirene.

Der junge Randalierer

versuchte, zu fliehen. Kommissar

Mittnacht vereitelte seine Flucht

und drehte ihm beide Arme nach

hinten. Der zeternde Skinhead lag

mit dem Oberkörper halb über dem

Tresen, und Hanno legte ihm

Handschellen an. "Was machen wir

mit ihm?", fragte er Frank.


"Vorläufig sperren wir ihn erst

einmal in den Keller. Dort kann er

sich mit den Ratten unterhalten." Er

grinste. Die Situation machte ihm

fast schon Spaß, Kommissar

Mittnacht hatte schon lange nicht

mehr selbst mit Hand anlegen

müssen. Doch offenbar hatte er es

noch nicht verlernt!

Hanno Kekkonen betrachtete

Frank schräg von der Seite. 'Der

Mann ist noch immer gefährlich',

dachte er. Die Geschichte des

Kommissars kannte er nur vom

Hörensagen, und er war froh, dass

er damals nicht dabei gewesen war.

Peter Neumann war Augenzeuge


gewesen, und er war auch

derjenige, der ihn gemeinsam mit

zwei Sanitätern und drei weiteren

Polizisten festgesetzt hatte. So

hatte sein Kollege es ihm zumindest

erzählt. 'Dass der Mann noch im

Amt ist ...'

Die Tür klappte, und zwei

Streifenpolizisten betraten den

Raum. "Was ist hier los?", fragte

der Ältere der beiden. "Dich kann

man keine Minute allein lassen, so

wie es aussieht." Der Mann grinste

spöttisch.

Währenddessen hatte Steffen

Eisenstein - der jüngere Polizist -

die Situation erfasst. Er fragte


Kommissar Mittnacht: "Was ist mit

dem Kerl?"

Dabei deutete er auf den

zappelnden Maik. Dieser brüllte:

"Ich will hier raus, und nehmt mal

lieber euren Kollegen da fest."

Dabei schleuderte er den Kopf nach

hinten, in Franks Richtung. "Gestern

haut er mir eins auf die Nase, will

mich erschießen, und jetzt bricht er

mir auch noch den Arm. Was seid

Ihr für ein radikaler Haufen."

Klaus Sankt trat hinzu und

übernahm den jungen Mann.

"Vorläufig sind Sie verhaftet, wegen

Gewalt gegen einen

Vollzugsbeamten. Wir nehmen Sie


in Gewahrsam, bis wir abklären

können, was mit Ihnen geschieht."

Er wandte sich an Frank: "Wollen

Sie Strafantrag stellen?"

"Das könnt Ihr nicht machen!",

schimpfte Maik weiter. "Ich wollte

doch nur jemanden anzeigen."

"Ja, und dabei sind Sie

ausfallend geworden", entgegnete

Hanno. "Wir sind hier nicht im

Wilden Westen."

Kommissar Mittnacht wandte

sich an seine Kollegen: "Er hat mich

nicht getroffen. Es ist nichts

passiert. Lasst den Jungen laufen."

"Das ist doch wohl nicht Ihr

Ernst?", fragte Steffen. "Er wollte


Sie schlagen, so wie Hanno uns dies

über Funk mitgeteilt hatte."

"Doch, das ist mein Ernst. Lasst

ihn zischen, der Kerl ist harmlos."

Triumphierend richtete sich Maik

auf. "Ihr habt es gehört. Ist das

euer Boss?" Dann sah er Frank noch

einmal an. "Du hast was bei mir

gut, aber das Ding von gestern ist

noch nicht gegessen. Wir sehen uns

noch!"

Wenige Minuten später war es

vorbei, und der kleine Zwischenfall

am Samstagmorgen, dem siebten

Dezember, löste sich bis auf

Weiteres in Wohlgefallen auf. Der

junge Skinhead wurde entlassen,


doch drei Polizisten wunderten sich

einmal mehr über ihren

Dienstgruppenleiter.

Die Worte, die zwischen dem

Jungen und Frank Mittnacht gefallen

waren, setzten sich in jedem

Einzelnen von ihnen fest wie ein

Stachel. Doch noch schöpfte

niemand Verdacht!

***

Tom war auf dem Weg in

Richtung Kirche. Warm eingepackt

schlitterte er - mehr als dass er ging

- über den gefrorenen Boden. In

seinem Rücken holperte ein

Leiterwagen, den er mit zwei alten


Decken beladen hatte. Sein Plan

war, den erschlagenen Hund zu sich

nach Hause zu holen und dann den

Täter zu suchen.

Sein Zielort war nicht mal

schnell um die Ecke, und eine

geschlagene halbe Stunde musste

er laufen, bevor er dort, wo er hin

wollte, angelangt war.

Es war nicht einfach gewesen,

sein Gefährt heimlich aus dem

Abstellraum neben der Garage zu

holen, doch sein Vater hatte es

nicht bemerkt. Der Junge war

darüber erleichtert, es hatte ihm

überflüssige Erklärungen erspart.

An der Kirche angekommen,


egab er sich mit klopfendem

Herzen an die Stelle, wo der Hund

gestern nacht noch gelegen hatte.

Er war noch da! Tom hievte unter

äußerster Kraftaufwendung den

schweren Kadaver in den

Leiterwagen und deckte ihn zu. Der

Junge hoffte, dass es niemandem

auffallen würde, wie er mit einem

toten Schäferhund durch die

Straßen zog.

Ein wenig mulmig war ihm ja

schon bei seinem ausgetüftelten

Plan. Doch andererseits: "Wenn die

Polizei schon nichts unternimmt,

dann eben ich", grummelte er in

sich hinein und zog den holpernden


Leiterwagen hinter sich her über

den Marktplatz. 'Mein Vater soll mir

dabei helfen', sagte er sich,

'schließlich ist er ein Bulle!'

Es schneite. Früher hatte er mit

seiner Schwester immer viel Freude

gehabt, miteinander im Schnee

rumzutoben, Schneeballschlachten

zu machen, gemeinsam mit den

Eltern durch die weihnachtlichen

Straßen zu ziehen. Doch nun war

alles anders. Lina war tot, seine

Mutter war tot, und sein Vater hatte

sich sehr verändert.

Bedrückt wandelte er mit

seinem Leiterwagen über den

Marktplatz. Familien mit ihren


Kindern waren zahlreich in der

Geschäftszone von Großdummsdorf

zugegen und hofften, den

ehemaligen Weihnachtszauber

zwischen den Buden, die seit dem

ersten Dezember die Gassen um

den Platz herum belebten,

wiederzufinden. Tom hingegen

hatte den Glauben an den

Weihnachtsmann schon lange

verloren. 'Und wenn es ihn gäbe',

dachte er traurig, 'dann würde er

keine Hunde umbringen und vor

einer Kirche ablegen.'

Der Schneefall wurde allmählich

stärker und nahm ihm die Sicht. Auf

seinem Heimweg passierte er eine


kleine Allee. die kahlen Äste der

Bäume wirkten auf den Jungen nur

noch bedrohlich.

Fest klammerte er seine

behandschuhten Fäuste um den

Griff des Wagens, dessen Räder auf

dem mittlerweile eisharten Boden

zu knirschen begannen.

Ihm war unheimlich zumute!

Wieder und wieder warf er einen

Blick über die Schulter zurück, in

der Erwartung, dass ihm jemand

folgte. Halb fürchtete er, der

Kadaver würde zwischen den

Decken wieder zum Leben

erwachen und sich in seinem

Nacken verbeißen.


Der Weg nach Hause kam ihm

ewig vor. Auf dem Hinweg war die

Zeit so schnell verflogen, doch nun -

mit der Angst als heimlichen

Begleiter zur Seite - zogen sich

Minuten zu Stunden. Er fröstelte, als

ihn ein Reifschauer von oben traf.

Seine Freunde - früher hätten

sie so etwas gemeinsam gemacht.

Doch sie hatten Tammy verstoßen,

und er stand zu ihr. Dennoch fragte

Tom sich, was seine Gothic-Clique

wohl gerade machte, einen Tag

nach dem letzten Streit.

Endlich war er an der langen

Straße angelangt, die ihn zum

Stadtrand brachte. Die Strecke, die


sein Vater jeden Tag in ein paar

Minuten mit dem Auto zurücklegte,

um zur Arbeit zu kommen, schaffte

er als Fußgänger nur mit gutem

Willen und viel Spucke in minimal

zwanzig Minuten. Nun fühlte er sich,

als hätte er in derselben Zeit den

Weg zum Mond zu Fuß bewältigt.

Mit einem Ruck verfrachtete er

den Leiterwagen über den

Bordstein und querte zügig die

vielbefahrene Hauptverkehrsstraße,

um auf die andere Seite gelangen

zu können.

'Diese Straße', dachte er

grimmig, 'diese Fuck-Straße hat

Papa und mir alles genommen. Wie


hält er das aus? Jeden Tag darauf

zu fahren, um zu seiner Arbeit zu

kommen, das Haus, in dem Mama

und Lina mit uns beiden lebten ...'

Ein Hupen riss ihn aus seinen

Gedanken. Frustriert zeigte Tom

dem gestikulierenden Fahrer den

Stinkefinger und zog dann seinen

toten Hund weiter auf die andere

Seite. Plötzlich musste er lachen.

Einfach nur so. "Der Tote Hund",

kicherte er laut. "Toter Hund!

Eigentlich wäre das ein guter Titel

für einen Krimi. Schade nur: Ich

kann nicht schreiben!"

Weitere fünf Minuten später war

Tom daheim angelangt. Er stellte


den Leiterwagen mitsamt Inhalt in

dem kleinen Abstellraum neben der

Garage ab. Dann betrat er das Haus

und ging in die Küche, um sich

etwas zu essen zu machen. Sein

Vater war nicht zuhause, so wie es

aussah. Er hoffte, dass er bald

käme, um ihn vor vollendete

Tatsachen stellen zu können.

Allein zu sein, machte Tom in

der Regel nichts aus. Als typisches

Schlüsselkind hatte er schon lange

gelernt, sich selbst zu verpflegen

und die Verantwortung für jegliche

seiner Handlungen zu übernehmen.

Hin und wieder kam Else Thorwart -

eine ältere Frau aus der


Nachbarschaft - vorbei und

verdiente sich im Haushalt

Mittnacht ein kleines Zubrot.

***

Als Frank etwas später zu Hause

eintraf, stand das Essen schon fertig

auf dem Tisch. Er setzte sich mit

einem leichten Schmunzeln um die

Mundwinkel zu Tom, einfach nur,

weil er stolz auf ihn war. Kommissar

Mittnacht hatte keinerlei Bedenken,

dass sein Sohn in seinem weiteren

Leben die richtigen Abbiegungen

fände.

Er wünschte sich nur, von sich

selbst dasselbe behaupten zu


können. Davon war er jedoch

etliche Lichtjahre entfernt, wie ihm

schien.

In stillschweigender Eintracht

vertilgten die beiden ihr einfaches

Mahl. Tom wirkte noch immer

bedrückt.

Nach dem Essen blickte Frank

seinem Sohn fragend ins Gesicht. „

Wo drückt der Schuh, Sohn?“, fragte

er ihn.

"Ach Paps", antwortete Tom. "Es

lässt mich nicht los. Der tote Hund."

Frank versuchte, tröstend etwas

einzuwerfen, da hob sein Sohn

abwehrend die Hand und bat, ihn

ausreden zu lassen. "Ich habe da


eine vielleicht etwas verrückte Idee,

und ich brauche dazu deine Hilfe."

"Oh-Oh!", entgegnete Frank

trocken und fügte hinzu: "Wenn du

von verrückten Ideen redest, dann

geh ich davon aus, dass diese

ausgeführt werden müssen."

Tom ließ sich nicht irritieren,

griff in seine Hosentasche und zog

etwas heraus. Dann legte er die

geballte Hand vor seinem Vater auf

den Tisch und sagte: "Ich habe da

etwas für dich. Damit du siehst, wie

ernst es mir ist."

Als er sie öffnete und wegzog,

lag eine Hundemarke vor Frank.

Fragend sah er Tom an: "Was soll


ich damit?"

"Nun ja, Papa. Ich fürchte, was

ich dir jetzt sage, wird dir nicht

zwingend gefallen. Ich habe etwas

angestellt. Und zwar habe ich die

Hundeleiche nach Hause geholt."

"Wie ... nach Hause! Wohin ...

nach Hause!" Fassungslos sah Frank

seinen Sohn an. "Doch nicht zu

uns?"

"Doch, Paps! Ich fürchte, schon.

Er liegt im Leiterwagen im Schopf."

Tom grinste verlegen und senkte

den Blick.

"Du musst wohl doch

übergeschnappt sein", schnauzte

Frank seinen Sohn an. "Was willst


du damit? Ihn hinten im Garten

begraben? Meinst du, davon wird er

wieder lebendig? Das ist doch nicht

der Friedhof für Kuscheltiere. Sonst

hätte ich längst auch schon etwas

Ähnliches gemacht. Du weißt, was

ich meine!"

"Nichts dergleichen, Papa. Hör

auf, zu schimpfen. In erster Linie

will ich wissen, wer ihn umgebracht

hat und wem er gehörte. Und den

Rest sage ich dir, wenn ich weiß, ob

du mir hilfst." Tom sah seinen Vater

hoffnungsvoll an, mit einem

treuherzigen Blick aus seinen

dunklen Augen, von dem er hoffte,

dass er nicht nur bei Mädchen zog.


Und richtig: Sein Plan ging

tatsächlich auf! "Aber nur, weil ich

neugierig bin, was du vorhast!",

schwächte Frank ab. "Also erzähl,

was du dir vorgestellt hast."

Tom traute sich noch nicht ganz,

die Karten vollständig offenzulegen

und druckste noch ein bisschen

herum. Doch dann nahm er sich ein

Herz. „Du kommst doch bestimmt

über die Hundemarke an die

Adresse des Besitzers dran.

Vielleicht hat er ihn ja selbst

umgebracht. Und wir bringen

demjenigen seinen Hund zurück.

Was meinst du, wie der dumm aus

der Wäsche guckt, wenn sein Hund


plötzlich wieder da ist." Sein

lausbubenhaftes Grinsen wirkte wie

das Lächeln eines blutrünstigen

Hais.

Sein Vater hingegen schüttelte

den Kopf. „Das können wir doch

nicht machen. Herausfinden, wem

er gehört, okay. Aber ihm den toten

Hund vor die Tür legen?“

„Ach komm, Papa. Du ärgerst

dich doch sonst auch, wenn die

Leute einfach weggucken. Was,

wenn der Besitzer einfach nicht auf

seinen Hund aufgepasst oder ihn

wirklich selbst umgebracht hat? Das

kann doch nicht Sinn und Zweck

sein, dass der Hund vor der Kirche


oder jetzt bei uns im Garten

vergammelt.“

Frank lachte heimlich und voller

Stolz in sich hinein. 'Das ist mein

Sohn! Er hat noch das Herz am

rechten Fleck!'

Er ließ ihn noch einen Moment

zappeln und meinte dann: „Okay,

wir machen das.“

„Ich wusste, dass ich auf dich

zählen kann, Papa. Du bist echt der

Beste!“

Zehn Minuten später hing Frank

an der Strippe im Flur. Nach dem

zehnten Getute hörte er Joes etwas

angesäuerte Stimme: "Ja, Frank,

was gibt es? Ich war grade kurz


vorm Leveln. Du störst!"

Frank lachte. "Du und deine

Spiele. Bin nur froh, dass du Tom

nicht vollkommen angesteckt hast.

Er ist glücklicherweise dieser

Scheinwelt entflohen und geht nach

draußen."

"Ja, und da treibt er sich mit

seinen Freunden auf Friedhöfen

herum. Da bleibe ich doch lieber

daheim", argumentierte Josef

Neureuth und fragte sich insgeheim,

was Frank wirklich von ihm wollte.

Einfach nur so rief dieser bestimmt

nicht an. "Und was gibt es so?",

fragte er prompt.

Kommissar

Mittnacht


etrachtete die Hundemarke in

seiner Hand von allen Seiten und

ließ sie anschließend fingerfertig

über seine Knöchel wandern. Dann

rückte er entschlossen mit der

Sprache heraus: "Nun Joe, ich habe

eine Bitte an dich. Ich brauche die

Adresse eines Hundehalters."

"Was hast du seit Neuestem mit

Hunden zu schaffen? Willst du

Polizeihunde trainieren?"

"Ach Quatsch! Ich wurde nur von

einem gebissen, und nun will ich

wissen, wem der gehörte."

"Woher soll ich das wissen?"

"Ich dachte, du zapfst mal deine

Datenbank an. Ist ja schließlich


nicht das erste Mal, dass du mir

hilfst", antwortete Frank kryptisch.

"Hast du irgendwas, womit ich

etwas anfangen kann?", fragte Joe.

"Na klar, sonst würde ich ja

nicht fragen. Ich habe die Daten der

Hundemarke", erklärte ihm Frank

ungeduldig.

"Hilf Himmel! Wie bist du denn

an diese gekommen?", fragte

Neureuth entsetzt. Vor seinem

inneren Auge tat sich ein Kampf mit

einem bissigen Rottweiler auf

Leben und Tod auf, mit seinem

Freund und Kollegen in der

Hauptrolle, blutüberströmt, und wie

er diesem mit letzter Kraft die


Hundemarke von einem

dornenübersäten Halsband entriss.

Frank hörte die Sorge aus seiner

Stimme heraus. "Alles nicht so

tragisch, Josef. Mir ist nichts

passiert. Ich möchte dem Herrn

oder der Dame nur beibringen,

künftig besser auf ihren Vierbeiner

aufzupassen."

Zumindest in dieser Hinsicht

hatte er nicht gelogen. Im Falle

wenn er jemals auffliegen würde -

was er bestimmt nicht vorhatte -

wollte er wenigstens verhindern,

dass Andere da mit hineingezogen

würden. 'Na ja, dann hättest du gar

nicht erst anrufen sollen', meldete


sich flüchtig sein schlechtes

Gewissen. Er wischte seine innere

Stimme jedoch beiseite und hakte

nach: "Nun, Joe? Alles klar?"

"Ja! Lass hören!"

Kommissar Mittnacht gab die

aufgeprägten Daten der Marke

durch, die aus dem Stadtwappen,

dem Registrierungsjahr und einer

Nummer bestanden. Josef Neureuth

bat ihn, auf seinen Rückruf zu

warten und versprach, sich gleich

darum zu kümmern.

Tom war in der Zwischenzeit

hinter seinen Vater getreten und

verfolgte gespannt das Gespräch.

"Gehen wir solange in die Küche",


forderte Frank seinen Sohn auf.

"Räumen wir den Tisch in der

Zwischenzeit ab und machen

Ordnung. Es geht nicht schneller,

wenn wir hier zu zweit

herumstehen."

Schweigend taten sie ihre

Arbeit. Im Haus hatte sich seit

Barbaras und Linas Tod nicht viel

verändert. Nur der Spielzeugtraktor

im Garten war schon lange im

Keller verschwunden, und der Geist

seiner Frau beschränkte sich auf

den Wintergarten und die

Rosenstöcke vorm Haus. Diese

wurden von Else Thorwart gepflegt,

nur in den Wintergarten: Da ließ


Frank niemanden hinein, weil dort

Barbaras preisgekrönte Rosen

untergebracht waren. Und diese

pflegte er selbst, so gut, dass sie

weiter gediehen.

Schließlich klingelte das Telefon.

Tom konnte es gar nicht abwarten

und stürzte hinaus in den Flur.

Frank konnte gerade noch

verhindern, dass er den Hörer

abhob und hieß ihn mit einer Geste,

zu schweigen.

Hippelig stand er hinter der

Schulter seines Vaters und

versuchte, jedes Wort zu verstehen.

Das Gespräch war schnell

beendet. Frank hatte sich Name


und Adresse des Hundebesitzers

notiert und rieb sich die Hände. "So,

Sohnemann! Von mir aus kann's

losgehen. Aber schnell noch eine

Lagebesprechung, damit wir uns

nicht die Finger verbrennen."

Er klopfte Tom enthusiastisch

auf seine Schulter und hatte ein

listiges Glitzern in den Augen. Der

Junge freute sich nun auf die

gemeinsame Ausführung des Plans.

"Komm, Papa, labern wir nicht

lange rum, legen wir endlich los!"

"Immer mit der Ruhe, Tom.

Willst du etwa einfach dahin

spazieren, klingeln, einen schönen

Abend wünschen, und dann sagen,


wir haben Ihnen hier ein Geschenk?

Der würde sofort meine Kollegen

anrufen. Oder gleich in der Klapse."

Frank legte die Hand auf den Arm

seines Sohns, um ihn zu bremsen.

"Wir brauchen zwei Eddings, in

Schwarz. Oder Kohle. Irgendetwas,

womit wir die Kennzeichen

verstecken können."

"Warte, Paps. Ich habe da was."

Tom sprang auf und rannte hinauf

in sein Zimmer. Kurz darauf stürmte

er in die Küche und warf

triumphierend zwei riesige, leere

Schlampermäppchen vor ihm auf

den Tisch. "Hier, Paps", giggelte er

etwas frech, "das kannste


überstülpen."

"Wie ... überstülpen! Wo ...

überstülpen!", fragte sein Vater ihn

etwas verwirrt.

"Na, über die Kennzeichen, oder

was dachtest du denn? Sind doch

keine Pariser!", antwortete Tom

spöttisch.

Frank lachte auf. Doch plötzlich

griff er sich an die Stirn und

stöhnte.

"Papa, ist alles in Ordnung mit

dir?", hörte Frank wie aus weiter

Ferne Toms Stimme.

Schatten tanzten um ihn herum,

und verzweifelt versuchte er, sie

durch Kopfschütteln zu bannen. Ein


stechender Schmerz bohrte sich in

seine Stirn.

'Barbara, bitte hilf mir!', schrie

er innerlich auf. Da war es vorbei!

Erleichtert sog er Luft in seine

Lungen und wandte sich dann

wieder an seinen Sohn: "Es ist

schon okay, Tom. Mir ist nur gerade

etwas schwindlig geworden.

Vielleicht sollte ich weniger

arbeiten. Oder mehr an die frische

Luft, keine Ahnung."

"Mehr an der frischen Luft wie

du kann man doch gar nicht sein,

Paps. Du bist ja bald mehr draußen

als drinnen. Bist du sicher, dass

alles okay ist? Sonst lassen wir das


Ganze für heute und verschieben es

auf morgen."

Tom machte sich Sorgen um

seinen Vater. Erst der

Nervenzusammenbruch nach dem

Tod seiner Mutter und seiner

Schwester, dann war er ewig lang

in einer Klinik gewesen, und zu sich

selbst zurück gefunden hatte dieser

auch nach dem Verlassen der

Nervenheilanstalt scheinbar noch

immer nicht. Der Junge wünschte

sich seine alte Familie zurück, das

Lachen der Schwester, die

manchmal verrückten Ideen seines

Vaters, die Herzensmelodie seiner

Mutter, die stets tanzte und sang,


ihre Kinder regelmäßig in ihre Arme

genommen und das ganze Haus mit

Licht erfüllt hatte.

Barbara Mittnacht war so voller

Licht gewesen, dass Tom seine

düstere Jugendkultur gebraucht

hatte, um nicht zu erblinden. Aber

er war ein glücklicher Junge

gewesen.

Nun sah er, wie sein Vater

abwehrend verneinte. Er umrundete

den Tisch und schlang seine

jugendlichen Arme um Franks Hals.

Verzweifelt vergrub er sein Gesicht

in seinem Nacken und bat ihn

eindringlich: "Papa, wir schaffen das

schon. Ich liebe dich, und bitte


verlass mich nicht auch noch du.

Pass auf dich auf, das bist du mir

schuldig."

Tränen stiegen Frank in die

Augen, und er bemühte sich, sie

nicht einfach laufen zu lassen. Er

legte beide Hände auf die seines

Sohnes, die sich auf seiner Brust

überkreuzten. "Ist schon gut, Tom.

Ich liebe dich mehr als mein Leben,

und du wirst mich nicht verlieren."

Ja, sein Junge war erwachsen

geworden, sagte er sich. Sein

Fleisch und Blut, stets einig mit

ihm, sich selbst und der Welt, die

Tom sich formte, wie er sie für sich

brauchte. Flüchtig fragte sich Frank,


ob er nicht von ihm lernen müsste.

Entschlossen blickte er auf:

"Machen wir weiter!"

Das erleichterte Lachen des

Jungen klang an seine Ohren, und

nun war Tom wieder ganz kleiner

Lausbub. Frank ließ sich anstecken,

von dem Enthusiasmus der Jugend,

und er sprang auf. "Du hast deins

beigesteuert, und nun kommt mein

Anteil. Pass auf, was ich für uns

habe."

Er verließ den Raum und

summte beim Erklimmen der

Treppe das Kommissar-Lied von

Falco. Und er war glücklich. Als er

aus seinem Schlafzimmer


zurückkehrte, trug er eine kleine

Kiste mit sich und stellte sie vor

seinem Sohn auf den Tisch.

Erstaunt sah Tom ihn an: "Was ist

da drin?"

"Unsere Tarnung", grinste

Kommissar Mittnacht ihn an. "Wer

gelernt hat, wie Verbrecher so

ticken, der kennt auch ihre Tricks."

Unvermittelt lachte er auf, und

Tom zuckte zusammen. "Papa, du

machst mir Angst. Ist wirklich alles

in Ordnung?" Unwillkürlich wich er

einen Schritt zurück.

Irritiert sah Frank ihn an. "Was

ist los, Junge? Vor was fürchtest du

dich? Ich versuche doch nur, dich zu


unterstützen, und dazu müssen wir

uns ja schließlich verkleiden."

"Was ist in der Kiste?", fragte

Tom argwöhnisch.

"Mach sie auf und schau hinein",

antwortete Frank. Mit spitzen

Fingern lupfte der junge Mittnacht

den Deckel, nur einen winzigen

Spalt. Halb erwartete er einen

gruseligen Streich, so hinterlistig,

wie Frank Mittnacht grinste.

Die Augen seines Vaters

glitzerten voller Vorfreude auf das

zu erwartende Abenteuer.

Womöglich fühlte er sich in die

eigene Jugend versetzt, und Tom

kannte auch die Geschichten aus


dessen Kindheit. Wie zum Beispiel

die mit dem Blinden. Problem nur:

Er fand diese nicht wirklich witzig!

***

Sie ließen sich Zeit bis in die

Nacht. Um 23:00 Uhr schlichen zwei

recht skurrile Gestalten über den

Mittnacht'schen Vorhof. Es war der

siebte Dezember, ein Samstag, an

dem der Winter bereits dazu

angesetzt hatte, die Stadt mit

einem dünnen, weißen Teppich zu

überziehen. Der Größere der beiden

trug eine schwarze Afro-Perücke,

einen gefütterten, schwarzen Ski-

Anzug und moderne Turnstiefel von


Puma, wie es sie irgendwann mal in

jedem Laden gegeben hatte.

Sein Gesicht hatte Frank mit

einer riesigen, verspiegelten

Sonnenbrille getarnt. Blinzelnd

tastete er sich an der Hauswand

entlang und winkte seinem Sohn zu,

der fast identisch gekleidet war. Für

Tom hatte er eine alte Skimaske

aus seiner Kindheit hervorgekramt.

Sie verdeckte bis auf die Augen, die

er ebenfalls hinter einer

Sonnenbrille verbarg, dessen

gesamtes Gesicht.

Hintereinander schlichen sie an

der Wand der Garage entlang und

kicherten beide, als sie


zusammenstießen. "Huuuuhhh, ist

das dunkel!", bemerkte Kommissar

Mittnacht.

"In der Tat, Paps!", antwortete

Tom.

Schließlich passierten sie das

breite Garagentor und kamen zur

Schopftür. Frank bückte sich und

zog hinter einem Steintopf einen

riesigen, halb verrosteten Schlüssel

hervor. Prompt stieß er seinen

Schädel am Türrahmen an.

Fluchend erhob er sich wieder und

rieb sich den Kopf.

"Papa, alles okay?"

"Pssst, Tom!", zischte er. "Sei

leise, der Nachbar." Frank


vermeinte, ein verächtliches

Schnauben zu hören, reagierte aber

nicht darauf. Er schloss die Tür auf

und winkte seinem Sohn.

Gemeinsam betraten sie den

kleinen Bretterverschlag, und Tom

leuchtete seinem Vater mit einer

Taschenlampe die Richtung.

"Hmmmm!" Frank rieb sich das

Kinn, als er das tote Tier sah. "Sieht

schwer und groß aus."

"Das sieht nicht nur so aus, ist

der Hund auch." Tom war stolz

darauf, den Hund ganz allein in den

Leiterwagen gehoben und ihn nach

Hause gefahren zu haben.

"Weiß jemand über die Sache


Bescheid?", fragte Frank.

"Nein, Paps. Nur wir beide."

"Okay. Fass mal mit an." Frank

zog einen großen Sack hinter einem

Holzstapel hervor und sah Toms

Blick. "Was ist?"

"So ein Sack war das auch!"

"Spinnst du? Meinst du, ich war

das?"

"Natürlich nicht. Wollte es nur

sagen."

"Säcke sehen alle gleich aus."

"Weiß ich, Paps!"

"Vielleicht sollten wir mal zu

quatschen aufhören und anfangen."

"Ja, Paps."

Mit vereinten Kräften und leisem


Gefluche bugsierten sie den

mittlerweile steifen Körper in den

Sack. Als dies erledigt war,

versuchte Frank, diesen über seine

Schulter zu werfen, ging leicht in

die Knie und fiel fast hintüber. "Also

tragen können wir den Hund

jedenfalls nicht, und wir fahren

nicht bis vor die Haustür",

argumentierte Frank. "Wie

transportieren wir ihn?"

Tom kicherte, sah sich um und

erwiderte: "Der Leiterwagen passt

nicht in dein Auto."

Auf einem Hängeboden

entdeckte er seinen alten Bob, den

er schon lange nicht mehr benützt


hatte. "Papa, ich habs. Meinen Bob

können wir auf den Rücksitz werfen,

er ist nicht so groß. Und ein

bisschen Schnee hat es auch."

Frank klopfte seinem Sohn auf

die Schulter. "So machen wir's!" Er

warf den Sack auf den Boden und

holte den Schlittenbob von oben

herunter.

Tom nahm ihn ab und zog ihn

nach draußen, während der tote

Hund von seinem Vater

nachgeliefert wurde. "Hat dein

Hund eigentlich einen Namen?",

fragte Frank spöttisch.

Sein Sohn lachte leise. "Ja.

Toter Hund."


Um 23:20 Uhr saßen sie endlich

im Auto und befanden sich auf der

Straße zur Stadt.

Der anhand der Hundemarke

ermittelte Besitzer des Hundes

wohnte am anderen Ende, in der

Nähe des Großen Tunnels. Laut

Josef Neureuths Informationen

hatte Emil Kieselwurf eine Frau und

zwei Töchter und war knapp über

vierzig. Auf den Knaben waren alle

beide gespannt.

Ungefähr zehn Minuten später

befanden sie sich am Memminger

Ring. Dort in der Nähe befand sich

ein baumreicher Park und eine

Verbindungsstraße zum Großen


Tunnel, die Ortlieb-Straße. Letztere

hatte keinerlei Wohnfunktion und

war nur als Zufahrtsstraße gedacht.

Frank Mittnacht parkte seinen

Wagen etwas abseits der Straße,

auf einem Kiesweg, der von der

Ausgangsseite der Ortlieb-Straße

linkerhand am Park vorbei führte.

Zwischen den alten Bäumen war er

gut versteckt, und der dunkle Corsa

war kaum zu sehen.

Emil Kieselwurf wohnte laut den

Notizen, die sich Frank gemacht

hatte, in der Liebfrauen-Straße,

zwei Abbiegungen von der

Eingangsseite der vorliegenden

Verbindungsstraße entfernt. Sie


würden einen halben Ring laufen

müssen.

Während Kommissar Mittnacht

den prall gefüllten Sack aus dem

Kofferraum holte, bereitete der

junge Mittnacht den Schlittenbob

vor. Frank warf "Toter Hund"

schwungvoll drauf, und sie zogen

los.

Es schneite noch immer ein

bisschen. 'Eigentlich dachte ich

immer, man kauft die Katze im

Sack', grübelte Frank in sich hinein.

'Stattdessen führe ich einen

Hundekadaver spazieren. Wie bin

ich da nur hinein geraten?'

Mittlerweile schweigend stapften


die beiden dunklen Silhouetten über

den gefrorenen Boden, ein

schleifendes Geräusch in ihrem

Rücken. Einzelne Schneeflocken

nahmen Platz auf der schwarzen

Afro-Perücke des Vaters und

hafteten an den runden Gläsern in

Nickelbrillen-Optik.

"Warum haben Brillen eigentlich

keine Scheibenwischer?", fragte

Tom in die Stille hinein.

Frank schnaubte nur. Sie

gelangten an den Anfang des

Weges und mussten die Ortlieb-

Straße queren, um zu den

benötigten Nebenstraßen zu

kommen. Kommissar Mittnacht


lickte nach links und rechts, zog

genervt seine Brille ab und warf sie

hinein in den Park. "Die brauche ich

sowieso nicht!", sprach er mit

Bitterkeit in seiner Stimme. "Mit

meinem Allerweltsgesicht könnte

ich ohnehin jedermann sein."

"Aber Papa, das stimmt doch gar

nicht!", antwortete Tom

vorwurfsvoll. "Weshalb sagst du das

nur immer wieder? Das hatte schon

Mama geärgert. Und die

Sonnenbrille? Wenn die jemand

findet?"

"Keine Angst, Tom, solche

Brillen haben viele. Und

Fingerabdrücke sind keine drauf."


Demonstrativ zeigte er seine

behandschuhten Hände.

Sein Sohn tat es ihm schließlich

nach und warf die eigene ebenfalls

weg. "Sind auch keine drauf",

grinste er.

Etwas widerwillig lächelte Frank

zurück. Gemeinsam querten sie mit

"Toter Hund" im Nacken die Straße,

orientierten sich auf der

gegenüberliegenden Straßenseite

nach rechts und gingen zügig

Richtung Eingangsseite der Ortlieb-

Straße zurück. Zwischen zwei

Hecken linkerhand bogen die

beiden Fußgänger in die Martha-

Wirsch-Straße ein, passierten drei


Blöcke und wandten sich schließlich

nach rechts. Sie befanden sich in

der Liebfrauen-Straße!

Toms Herz begann, stürmisch zu

klopfen. Frank zog aus seinem

wattierten Anzug den Notizzettel

hervor und studierte unter dem

fahlgelben Licht einer

Straßenlaterne die Adresse. Die

Stirn hatte er in Falten gelegt.

"Nummer 34", murmelte er

gedankenverloren. "Das ist am

anderen Ende. Komm, Tom."

Seine Stirn entspannte sich

wieder. Mit zusammengekniffenen

Augen musterte er auf beiden

Seiten die Häuser, in der Hoffnung,


die Nummernsortierung in logisch

erscheinendem Aufbau erkennen zu

können. Ihre Schritte knirschten im

Takt durch die Nacht.

"Papa, mir ist ein bisschen

mulmig", flüsterte Tom.

Frank blieb ruckartig stehen.

"Wenn uns der Berger wegfahren

sah, sind wir gearscht."

"Was sind wir?"

Frank grinste schelmisch:

"Gearscht!"

"Papa!"

"Was denn? Ist doch so!"

"Trotzdem!"

"Was du nicht sagst!"

"Paps, das ist mein Ernst."


"Meiner auch! Wir waren beim

Rodeln, mit Toter Hund. Was hältst

du davon?"

Tom röchelte. Frank hielt die

hohle Hand an sein Ohr und

streckte den Kopf in Toms Richtung:

"Was hast du gesagt?"

"Hmmmpffff ... Hör endlich auf!"

Toms Lachen klang silberhell durch

die Dunkelheit. Was auch immer

geschehen würde: Diesen Tag mit

seinem Vater würde er niemals

vergessen.

Gemeinsam gingen sie weiter,

beide die Hand am Zugseil des

Bobs. Die grausige Last, die er trug,

strichen sie zeitweilig komplett aus


ihren Gedanken und genossen nur

das Beieinandersein. In den

Fenstern schimmerten Lichterketten

und Pyramiden, die Luft roch nach

Schnee und Vorweihnachtszeit.

Schließlich standen sie im

benachbarten Hofeingang von der

Adresse, wohin sie eigentlich

wollten. "Papa", flüsterte Tom.

"Wenn es geht, bringen wir Toter

Hund aber ins Haus."

"Bist du verrückt?", zischte Frank

ihm leise entgegen. "Das wäre

Einbruch. Wir bewegen uns so

schon hart an der Grenze wegen

Hausfriedensbruchs."

"Aber nur, wenn uns jemand


erwischt."

"Klar, wenn uns jemand

erwischt. Ich bin Polizist."

"Das wäre mir jetzt glatt

entgangen", frotzelte Tom. "Ach

komm schon, Paps. Bei dem da

drüben" - er zeigte zum

Nachbarhaus - "ist alles dunkel. Uns

wird schon niemand erwischen, und

wenn, dann erkennt man uns nicht."

'Das hat man davon, wenn man

seinem Jungen was bieten will',

grübelte Frank. 'So war das

eigentlich nicht gedacht, doch

andererseits: Ich will, dass er

glücklich ist. Und wenn es ihn

glücklich macht ...'


"Also gut, Tom!", sagte er laut.

"Schauen wir, was sich machen

lässt. Dann komm!"

Frank packte den Ziehgurt des

Schlittenbobs und winkte

auffordernd mit dem Kopf in die

Richtung des Nachbarhauses. In

seiner Hosentasche klimperte ein

Satz Dietriche, von dem er nicht

wirklich vorgehabt hatte, ihn zu

benutzen.

Er war noch immer

entschlossen, dies zu umgehen,

doch sein fester Wille geriet

beträchtlich ins Wanken. Zumal er

wirklich neugierig war, wie es dazu

hatte kommen können, Toter Hund


vor einer Kirche zu finden, noch

dazu von einem Nikolaus

niedergelegt.

Fiesitäten mochte er nicht.

Tierquälerei mochte er nicht. Er

quälte indessen gern Menschen, die

es verdienten! Wenn auch nur in

Gedanken. Jedenfalls sollte dieser

Kieselwurf die Überraschung seines

erbärmlichen Lebens erleben.

***

Ende der Leseprobe

Wer nun denkt, es ginge nur um

einen Hund, der möge sich irren.

"Toter Hund" wird für einige


Überraschungen sorgen, und die

sind absolut tödlich. Neugierig

geworden?

Per Klick auf folgenden Link weiter

zum Hauptbuch:

Das Mord-Projekt: Rosenrot

***

Holt euch das Ding!


Tag der Veröffentlichung:

26.05.2015

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