Europa: Das unentdeckte Land - BdP Landesverband Schleswig ...

bdp.sh.hh.de

Europa: Das unentdeckte Land - BdP Landesverband Schleswig ...

Landesrundbrief 2’04

Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP)

Landesverband Schleswig-Holstein/Hamburg e.V.

Europa:

Das unentdeckte Land


Der Landesrundbrief

ist eine Schrift für leitende Mitglieder des BdP-Landesver-

bandes Schleswig-Holstein/Hamburg. Sie erscheint unregel-

mäßig, prinzipiell aber zweimal im Jahr.

Die Beiträge spiegeln die Meinung der jeweiligen Autoren

wieder. Bei Einsendung eines Belegexemplars ist der Nach-

druck mit Quellenangabe ausdrücklich erwünscht.

Herausgeber

BdP Landesverband Schleswig-Holstein/Hamburg

Am alten Markt 6

22 926 Ahrensburg

0 41 02 / 17 22

àbuero@bdp-sh-hh.de

Auflage

300

Der Landesverband online

àbdp-sh-hh.de

Chefredaktion

Jonathan Stock, Ole Reißmann

Redaktion

Hannes Clausen, Hulle Hilbert, Miriam Sandabad,

Nils Petersen, Pelle Klöckner, Ricarda Otte

Anschrift

c/o Ole Reißmann

Buntentorsteinweg 7-9

28 201 Meister-Bremen

04 21 / 5 96 75 18

àole@bdp-sh-hh.de

Illustrationen

Carlo Grabowski, àcarlograbowski.de

Lektorat

Hanjo Schlüter, àhanjo-schlueter.de

Satz

Ole Reißmann

Vielen Dank an

Grisu, Minda, Anna, Simone, Heinz, Matthis


Liebe Leserin, lieber Leser!

Dieser LRB widmet sich dem Reizthema „Europa“. Es exis-

tieren jede Menge gegensätzlicher Meinungen zu europäi-

schen Gedanken – bei mir und, ich bin mir sicher, auch bei

Euch. Europa kann sehr bürokratisch und lästig sein und

andererseits ein wahres Abenteuer.

Wir bekennen uns in unserer pädagogischen Konzeption

dazu, „junge Europäer“ zu sein. Fühlen wir uns tatsächlich

so? Was wissen oder kennen wir überhaupt von Euro-

pa? Habt Ihr die EU-Osterweiterung eher überrascht zur

Kenntnis genommen und beinahe vergessen, zur Europa-

wahl zu gehen?

Dieser LRB soll euch Denk- und Motivationsanreiz zu-

gleich sein. Europa wächst. Ihr könnt es von zu Hause aus

als Europäerinnen und Europäer mitgestalten. Geht also

am 13. Juni 2004 zur Europawahl und engagiert euch für

Eure Zukunft und Euer (neues) Zuhause!

Ich wünsche allen viel Freude beim Lesen und danke

dem Redaktionskreis für seine Arbeit beim Zustandekom-

men dieses Landesrundbriefes!

LRB 2’04

Hannes Clausen,

Landesvorsitzender

Es gibt schon wieder einen Landesrundbrief, man mag es

kaum glauben. Das Layout renkt sich langsam ein, hier und

da wurde noch etwas verändert. Die wichtigste Neuerung

dürfte aber unsere Qualitätssicherung sein, allzu grobe

Rechtschreibfehler sollten der Vergangenheit angehören.

Wer dennoch etwas finden kann, bekommt eine kleine Über-

raschung von der Redaktion. Die nächste Ausgabe erscheint

dann zwischen Herbstferien und Weihnachten, wenn die

großen Fahrten und Herbstkurse gelaufen sind – wir warten

gespannt auf Eure Berichte und Fotos, Kleinanzeigen, viel-

leicht ja auch Leserbriefe zu den Themen dieser Ausgabe.

Viel Spaß beim Lesen,

Ole Reißmann,

für die Redaktion

Europa

Die Schauplätze 4

So geht Europa 6

Lo Scautismo Italiano 12

Krisenherde in Europa 14

Gleich nebenan 20

Mythos Interrail 22

Aina valmiina! 26

Ist die EU ein Pfadfinder? 28

Sponsored by EU 30

Total global 33

Darf die Türkei Europa sein? 36

Europaknoten STN 38

Stadt & Land

Hannes (lacht) 40

So wird das gemacht 44

Liebeslustundlachgedicht 49

Gut, gesund, genußvoll 50

The Moore you know 52

Ein Mann, ein Projekt 54

Gewählt 55

Ein- und Ausblicke 56

Ab in den Osten 57

Stufenweise

Öffne die Augen 43

KfS in Polen 46

Grundkurs 48

Dies & Das

Impressum 2

Inhaltsverzeichnis 3

Vorwort 3

Klnnzgn 58

Termine 58

LL-Memory, Teil 2 60

3


Die Schauplätze

In diesem Landesrundbrief

Mythos Interrail

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

4

Heidelberg, bei uns

Lyon, Frankreich

Biarritz, Frankreich

Estella, Spanien

Madrid, Spanien

Lissabon, Portugal

Gibraltar, Spanien

Granada, Spanien

Nizza, Frankreich

Paris, Frankreich

Freiburg, wieder bei uns

Krisenherde in Europa

1

2

3

4

5

Baskenland, Spanien

Bosnien, auf dem Balkan

Baltikum (Estland, Lettland, Litauen)

Korsika, Frankreich

Ungarn, Tschechien

Außerdem

1

2

3

4

5

6

7

8

9

Straßburg (EU-Parlament)

Brüssel (EU-Kommission)

Tampere, Finnland (Anna)

Ankara, Türkei (Beitrittskandidat)

London-Stanstead (Europaknoten)

Umbrien, Italien (Simone)

Lublin, Polen (Agnieszka)

Schleswig (Landesversammlung)

Immenhausen (Bundesversammlung)

6

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5

8

1

4

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1

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10

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3

7

3

2

4

Aus dem Landesrundbrief-Archiv

1

Schottland. LRB 1’04, Seite 24, „Berge, Wind,

Meer. Stamm Waldreiter unterwegs im äußersten

Nord-Westen Schottlands“

2

Estland. LRB 1’04, Seite 28, „Supersommer

in Estland. Die Kolibris haben Estland schätzen

gelernt und empfehlen: Hin da!“

Europa. LRB 1’03, Seite 8, „Schweiß, Chaos, Son-

nenbrand. Helfende Hände international. Auf

den ‚EuroSteps’ treffen sich Pfadfinderinnen aus

ganz Europa.“

3

Zypern. LRB 1’03, Seite 10, „Das etwas andere

Fahrtenziel. Stamm Kolibri besuchte Pfadfinder

auf Zypern. Eine nicht alltägliche Begegnung.“

4

Lettland. LRB 1’03, Seite 34, „Ein Sommer in

Lettland. Stamm Inka erobert den Osten. Das

Baltikum wird als Fahrtenland immer beliebter.“

5

Polen. LRB 2’00, Seite 31, „Dzien dobry, Polska!

Mit dem Bunde auf großer Fahrt.“

4

3


6

So geht Europa

Europa ist mehr als nur Erdteil oder Kulturraum.

25 Staaten haben sich zusammengeschlossen zur Europäischen Union.

LRB 2’04


Bereits heute sind achtzig Prozent aller deutschen Gesetze

direkt oder indirekt von der Europäischen Union beeinflusst.

Trotzdem liest und hört man viel zu wenig über diese Ge-

setze, wie sie zu Stande kommen, wem sie nützen, wem sie

möglicherweise schaden. Das politische Europa, die Gremien

der Europäische Union, sind weit weg, wirken unnahbar und

undurchsichtig. Im Internet können zwar alle Reden, Be-

schlüsse und Gesetze nachgelesen werden, doch wer hat dazu

schon Lust und Zeit?

Seit dem 1. Mai bilden 25 Länder mit insgesamt 455 Mil-

lionen Bürgerinnen und Bürgern die Europäische Union.

Am 13. Juni haben 342 Millionen von ihnen das achtzehnte

Lebensjahr vollendet und wählen das Europäische Parla-

ment. 732 Sitze stehen in direkter Wahl zur Verfügung, wir

Deutsche schicken 99 Parlamentarier für die nächsten fünf

Jahre ins Europäische Parlament nach Straßburg. Aber was

machen die da? Machen die Europa?

Die Europäische Union hat drei zentrale Organe: den

Ministerrat, das Parlament und die Kommission. Daneben

und darüber stehen der Rat der Staats- und Regierungschefs

sowie der Europäische Gerichtshof und die Zentralbank.

Virtuelle Entdeckungsreise

Jan-Phillip Schlüter, ein junger Journalist aus Berlin, hat die

neuen EU-Länder mit dem Flugzeug in Rekordzeit abgeklappert.

Zu lesen gibt es seine Eindrücke aus den Hauptstädten

und kurze Portraits von Jugendlichen. Dazu jede Menge Fotos

und Links auf Radiobeiträge. àdieneuen10.de

Ministerrat der Europäischen Union

Es gibt verschiedene Zusammensetzungen, in denen der

Ministerrat der Europäischen Union tagt, je nach Thema

schicken die Mitgliedsstaaten ihre Fachminister. So treffen

sich zum Beispiel alle 25 Außenminister oder alle 25 Um-

weltminister. Zusammen mit dem Europäischen Parlament

entscheidet der Ministerrat über die Gesetze, die die Europä-

ische Kommission vorschlägt. Bisher konnte das Parlament

mit seinen gewählten Abgeordneten bei der Gesetzgebung

zwar mitreden, der Ministerrat jedoch, in dem jedes Land

LRB 2’04

seine nationalen Interessen vertritt, trifft die letzte Entschei-

dung. Erst allmählich bekommt das Parlament mehr Einfluss

auf die Gesetzgebung.

Die Länder haben im Ministerrat eine feste Anzahl von

Stimmen, je nach Einwohnerzahl zwischen 4 und 29. Bei

einer Abstimmung müssen derzeit mindestens 232 Stimmen

für ein Vorhaben zusammenkommen, die außerdem 62% der

EU-Bevölkerung repräsentieren.

Europäisches Parlament

Das Europäische Parlament ist das einzige direkt gewählte

Gremium der EU. Normalerweise setzt ein Parlament die Re-

gierung ein – das Europäische Parlament in Straßburg darf

das nicht. Von Anfang an waren die Rechte des Parlaments

stark eingeschränkt. Mittlerweile jedoch spielen Entschei-

dungen der EU in alle Lebensreiche der Bürger hinein, daher

muss die gesetzgebende Gewalt demokratisch legitimiert,

sprich: von den Bürgern gewählt sein. Das Europäische Par-

lament erstreitet sich eine immer stärkere Rolle neben dem

Rat und der Kommission. Es hat inzwischen Mitspracherecht

bei Gesetzesentwürfen, in einigen Politikfeldern (z. B. Kul-

tur, Bildung, Umwelt) ist es schon gleichberechtigt neben

dem Ministerrat. Außerdem kontrolliert das Parlament den

Haushalt und die Europäische Kommission und kann letz-

tere durch ein Misstrauensvotum absetzen. Gesetze selbst

vorschlagen kann das Parlament allerdings nicht.

Europäische Kommission

Die Europäische Kommission in Brüssel ist der Macher

der Europäischen Union. Die Mitgliedsländer entscheiden

einvernehmlich über die Kommissare, die unabhängig für

fünf Jahre ihre Arbeit machen sollen. Zur Zeit stehen drei-

ßig Kommissare im Dienst der Kommission, im November

wird sich diese Zahl aber auf 25 verringern. Die hohe Zahl

ist eine Übergangslösung im Zuge der EU-Osterweiterung,

ursprünglich gab es nur zwanzig Kommissare. In Brüssel

untersteht den Kommissaren ein Verwaltungsapparat mit

20 000 Mitarbeitern. Die Kommissare betreuen bestimmte

Fachbereiche und sind vergleichbar mit den Fachministern

in den einzelnen Ländern. Neben neuen Ideen und Impulsen

für Europa wacht die Kommission über die Einhaltung der

zahlreichen Verträge, die die Union zusammenschweißen. Im

Rahmen der Verträge kann die Kommission verbindliche An-

7


ordnungen erlassen und Strafen verhängen. Die Kommission

wacht außerdem über den freien Handel innerhalb Europas.

Europäische Gesetze können nur auf Vorschlag der Kommis-

sion verabschiedet werden. Die Kommission wird kritisiert,

weil sie sehr mächtig ist, dabei aber nicht direkt gewählt wird

wie das Parlament.

Neben diesen drei Organen werden oft auch noch der Eu-

ropäische Gerichtshof (EuGH) und die Europäische Zen-

tralbank (EZB) zu den wichtigsten Institutionen in Europa

gezählt. Daneben gibt es eine ganze Reihe Untergeordneter

Behörden, Abteilungen und Referate, zum Beispiel die Anti-

Betrugsbehörde OLAF. Und es gibt noch ein weiteres Gre-

mium, das maßgeblich entscheidet, wo uns die Europäische

Union hinführt:

Europäischer Rat

Regelmäßig treffen sich die Staats- und Regierungschefs und

entscheiden über gemeinsame Vorhaben, über die Außenpo-

litik, über die „großen Fragen“ der Union. Der Rat legt dem

Parlament zwar regelmäßig Berichte vor, untersteht aber kei-

ner parlamentarischen Kontrolle wie die Bundesregierung.

In der Europäischen Union haben sich die 25 Staaten eben

keiner zentralen Regierung anvertraut. Jeweils für ein halbes

Jahr übernimmt ein Land den Vorsitz und stellt Schwer-

punktthemen auf die Agenda, es gestaltet für ein halbes Jahr

maßgeblich, über was die Regierungschefs sich einigen. Oder

zerstreiten, je nachdem.

Und warum das alles?

Der Kontinent Europa hat eine lange und blutige Geschichte.

Der Zusammenschluss der Staaten in der Europäischen Uni-

on ist gewissermaßen ein Versprechen für den Frieden und

die Besinnung auf gemeinsame Kulturwerte. Und es geht um

Geld.

Ein einzelnes Land kann sich schwer den wirtschaftlichen

Auswirkungen der Globalisierung stellen. Bei weltweiten

Abkommen wie der Welthandelsorganisation kann ein Land

allein seine Interessen nur schwer gegen Länder durchset-

zen, die wirtschaftlich besser gestellt sind. Indem nun aber

25 Länder kooperieren und eine gemeinsame Position vertre-

ten, haben sie eine starke Verhandlungsposition. Eigentlich.

Denn gemeinsame Absprachen gestalten sich mit 25 Ländern

8

Europa im Netz

Fluter ist das Magazin für Jugendliche der Bundeszentrale für

politische Bildung. Das hört sich erstmal nicht besonders spannend

an, ist es aber: An Fluter arbeiten ehemalige Redakteure

des eingestellen jetzt-Magazins der Süddeutschen Zeitung mit.

Auf der Website gibt es viel zu entdecken und viel zu lesen, ein

Europa-Dossier erzählt über alte und neue EU-Länder. Vor allem

geht es natürlich um Jugendliche, wie sie leben, wie sie sich

engagieren. àfluter.de

Die offizielle Europa-Seite hat es in sich. Tätigkeitsbereiche,

Institutionen, Dokumente, Dienste: Alles ist online und leicht

zugänglich über ein übersichtliches Portal. Informationen zu

einem bestimmten Thema finden sich hier bestimmt, nur der

Einstieg ist nicht immer ganz einfach: Die riesige Anzahl von

Links ist verwirrend. àeuropa.eu.int

Auf der Seite europa-digital, einem Ableger der Seite politikdigital,

schreiben junge Leute über Europa: Hier gibt es nicht

nur aktuelle, ausführliche Berichte sondern auch Hintergrundwissen

zu allen erdenklichen Themen. Die große Anzahl an Autoren,

Büros in Köln und Brüssel, Büro-Partnerschaften mit Politikberateragenturen

lassen die Macher selbstbewusst von der

„führenden Adresse zum Thema Europa im deutschsprachigen

Internet“ sprechen. Stimmt! àeuropa-digital.de

Kritisch zu aktuellen Themen in Sachen Europäische Union

äußert sich die Arbeitsgruppe Europa von Attac. Interessant

sind die Newsletter (auch zum Download als PDF), auf mehr

als dreißig Seiten wird ein Schwerpunktthema wie Sozialabbau,

Verfassung oder Erweiterung beleuchtet. Texte gibt es zum

Beispiel auch zum Demokratiedefizit oder der Rolle transnationaler

Konzerne in Europa. àattac.de/eu-ag/

Das Auswärtige Amt (Ihr wißt schon, das mit Joschka Fischer)

informiert natürlich auch ausführlich über Europa: Aktuelle

Themen, Termine, Hintergründe, die Haltung der Bundesregierung

zu den Beitrittskandidaten, alles aus offizieller Hand.

àauswaertiges-amt.de

Das Europäische Parlament hat ein deutsches Informationsbüro

mit einer schicken, übersichtlichen Seite voller Informationen

über Europa. Die Institutionen werden erklärt, die

Erweiterung, die neue Verfassung. Und es wird gezeigt, was die

Europäische Union alles für Jugendliche zu bieten hat.

àeuroparl.de

Die Berliner Zeitung Tagesspiegel sellte auf seiner Website viele

Europa-Artikel kostenlos zur Verfügung

àtagesspiegel.de/tso/sonderthema7/

LRB 2’04


äußerst schwierig, nicht in allen Punkten stimmen sie über-

ein. Damit Europa schnell handeln kann, ohne dass vorher

alle Staatschefs und Minister verhandeln müssen, braucht

die Europäische Kommission mehr Handlungsspielraum.

Die Diskussion über einen europäischen Außenminister im

vergangenen Jahr war ein Versuch, die europäische Ebene

zu stärken.

Der Verlust nationalstaatlicher Souveränität aber ist ein

sensibles Thema, die Verhandlungen über solche Verträge

dauern lange, kein Land möchte vorschnell Kompetenzen

abgeben: Es muss sichergestellt sein, dass die eigenen Inter-

essen später trotzdem noch vertreten werden.

Außerdem stellt sich das Problem der demokratischen

Legitimierung: Was wählen dann die Bürger in den ein-

zelnen Staaten überhaupt noch, haben sie genug Einfl uss

auf Europa? Wenn sich Bürger eines Staats schon nicht in

ihrem nationalen Parlament repräsentiert sehen, wie sollen

sich dann 455 Millionen Menschen unter 732 Abgeordnete

wiederfi nden?

Schon heute gibt es Richtlinien, die den Einfl uss der EU

auf die nationalstaatliche Ebene beschränken sollen. So kann

die EU nur Gesetze erlassen, wenn die Art des Gesetzes eine

europäische Regelung unerlässlich macht, zum Beispiel in

Fragen des Wettbewerbs. Kritisiert wird an diesen Richtlini-

en, dass sie wenig konkret sind. Vieles kann so hingebogen

werden, dass es den Wettbewerb betrifft, dass eine EU-Re-

gelung geboten scheint. Jedoch ist das Prinzip der Subsidia-

rität festgeschrieben: Sobald es sinnvoll ist, eine Aufgabe auf

nationaler oder regionaler Ebene zu regeln, muss das auch

möglich sein. In der Praxis sieht das freilich meistens anders

aus.

Bisweilen passieren auch merkwürdige Dinge, die dann

Schadenfreude und Kritiker auf den Plan rufen: Mecklen-

burg-Vorpommern, höchste Erhebung 192 Meter, hat am 31.

März dieses Jahres die Seilbahnrichtlinie der Europäischen

Union in Landesrecht umgesetzt. Es gibt keine Seilbahn

in Mecklenburg-Vorpommern. Das war der Europäischen

Kommission egal: Sie hatte Deutschland auf Durchsetzung

der Richtlinie verklagt.

Europa einig Macht und Wille

Die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union haben bei einer

ganzen Reihe von Politikfeldern der Europäischen Union die

D A S I S T E U R O P A

Ein Land in hundert Wörter

zu fassen kann nur schief

gehen. Wie auch soll man

eine oder mehrere Kulturen

so einfach beschreiben? Die

folgenden kleinen Texte über

die 25 Mitgliedsstaaten der

Europäischen Union sind also auch eher als Anreiz gedacht:

Einerseits gibt es zu vielen Ländern schon längst klischee-

hafte Vorstellungen, die es sich lohnt, zu überprüfen. An-

dererseits warten die neuen EU-Mitglieder darauf, entdeckt

zu werden. Die Texte sind zusammengestellt aus Lexika, aus

Zeitungen und aus persönlichen Erfahrungen. Sie erheben

keinesfalls den Anspruch, vollkommen korrekt zu sein, son-

dern sind eher Stichwortsammlungen. Und wen das Interes-

se packt, der fi ndet auch gleich nützliche Hinweise, wo es mit

der virtuellen Europareise weitergehen kann.

Knapp zwei Millionen Men-

schen leben in Slowenien,

dem Ziel der Bundesfahrt

2004. Landessprache ist Slo-

wenisch. Slowenien hat etwa

die Größe Hessens. Dafür hat

das Land einiges zu bieten:

S L O W E N I E N

Ausläufer der Alpen im Norden, ein bewaldetes Mittelgebirge

mit Hochmooren und Almwiesen, die Karstregion, die direkt

aus einem Karl-May-Film kommt, dazwischen Flusstäler

mit Seen und Obstanbau. Und 20 Kilometer Mittelmeer-

küste sind auch noch drin. Die Slowenen haben eine über

tausendjährige Geschichte und Kultur. Nach dem Zerfall Ju-

goslawiens suchte Slowenien schnell die Unabhängigkeit und

den Anschluss an die EU. Slowenien ist kleines wie (relativ)

reiches Land, dessen durchschnittlicher Monatslohn bei 700

Euro liegt, mehr als in Tschechien.

LRB 2’04 9


Die Republik Lettland mit

ihren 2,4 Millionen Einwoh-

nern ist seit diesem Jahr

Mitglied in der Europäischen

Union. Lettland liegt im Zen-

trum des Baltikums zwischen

Estland und Litauen. Es ist

L E T T L A N D

auch durch die Handelsbeziehungen über die Hanse nordeu-

ropäisch geprägt. In Lettland lebt eine starke russische Min-

derheit, 32% der Bevölkerung sind russischer Abstammung,

besitzen keine lettische Staatsbürgerschaft und dürfen so

auch nicht Wählen. Lettland hat einen langen Küstenstrei-

fen, der im Westen an die Ostsee grenzt und im Nordwesten

um die Rigaer Bucht läuft. Die Landschaft ist hügelig, Wie-

sen und Moore wechseln sich mit großen Wäldern (40% der

Landesfläche) ab. Hirsche, Rehe, Füchse, Elche, Wölfe und

Biber tummeln sich hier. Das Klima ist gemäßigt, im Winter

gibt es jedoch starke Kälteeinbrüche. Lettland profitiert von

seiner Lage, Hochseefischerei, überhaupt Schiffahrt sind ne-

ben Textil- und Möbelindustrie wichtige Wirtschaftszweige.

In der Hauptstadt Riga treffen sich jährlich tausende Sänger

und Chöre und frönen der lettischen Volksmusik. Das Wahr-

zeichen Rigas ist der alte Rigaer Dom aus dem 13. Jahrhun-

dert. Von dort hat man einen Blick über die ganze Stadt. Da

Lettland zu gut einem Drittel an die Ostsee angrenzt, gibt es

unzählige Bade- und Angelmöglichkeiten, also ein schönes

Ziel für den Sommer.

10

Jâ/nç Ja/nein

Paldies Danke

Labdien Guten Tag

Sveiks Hallo

Atâ Tschüß

Piedodret Entschuldigung

Mani sauc... Ich heiße...

Kâ sauc đo ieln? Wie heißt diese Straße?

Kur man jâpârsçţas? Wo muss ich umsteigen?

Vai es drîkstu đeit pârnakđŋot? Darf ich hier übernachten?

volle Zuständigkeit übertragen, zum Beispiel bei Agrar- oder

Wettbewerbspolitik. Am Fortschritt in diesen beiden Berei-

chen lässt sich ablesen, was die Europäische Union ursprüng-

lich einmal war: Ein Wirtschaftsinteressenclub. So kann die

EU zum Beispiel bestimmen, wie ein Apfel auszusehen hat,

damit er auch als Apfel verkauft werden darf. Hiermit sollen

sowohl Produzenten als auch Konsumenten geschützt wer-

den. Der europäische Produzent muss keine Angst haben,

dass jemand außerhalb Europas billigere Äpfel nach Europa

bringt und dort verkauft. Und der Konsument kann sich

sicher sein, dass ein Apfel bestimmte Qualitätsmerkmale

aufweist, zum Beispiel eine gewisse Größe. Derartige Rege-

lungen gab es auch vorher schon, in jedem Land, und überall

etwas anders. Nicht gerade förderlich für einen gemeinsam

Markt. Gern wird hier von „Normierungswut“ gesprochen,

denn natürlich haben diese Vorschriften auch Schattensei-

ten. Produzenten, die die Norm nicht erfüllen, haben keinen

Zugang zum Markt. Und das trifft oft Entwicklungsländer,

die auf Exporte angewiesen sind, schützt aber meist Übersee-

gebiete von EU-Ländern. Das Beispiel zeigt, wie kompliziert

Entscheidungen zu Stande kommen und wie viele verschie-

dene Interessen in Europäische Gesetze reinspielen.

Und es geht weiter!

Trotz aller Differenzen wollen die Regierungschefs aber,

dass Europa weiter zusammenwächst. Noch basiert die EU

auf verschiedenen Verträgen und Abkommen. Das wird sich

ändern, Europa soll eine eigene Verfassung bekommen.

Wenn sich die Ministerpräsidenten Europas treffen, gilt

in vielen Fällen das Einstimmigkeitsprinzip: Sind nicht alle

Länder für etwas, wird es auch nicht gemacht. So dauert die

Umsetzung eines Beschlusses oft eine Ewigkeit. Hier soll die

Reform mit der „doppelten Mehrheit“ ansetzen. Ein Beschluss

wird gefasst, wenn eine Mehrheit der Länder, die gleichzeitig

eine Mehrheit der EU-Bevölkerung repräsentiert, für etwas

stimmt. So wollen die großen Länder (etwa Deutschland,

Italien, Frankreich und Großbritannien) mit ihren vielen

Millionen Einwohnern verhindern, dass viele kleine Länder

die Großen überstimmen. Aber nicht nur die kleinen Länder

sehen dieses Vorhaben kritisch, auch ein „mittelgroßes“ Land

wie Polen sorgt sich, dass in Zukunft Europa von den „alten“,

bevölkerungsstarken Ländern dominiert wird.

LRB 2’04


Zwischen einer lockeren Kooperationsform, die geschlos-

sen auftritt, wenn es notwendig erscheint und einer Art Su-

perstaat mit quasi unabhängigen Ministern will die EU einen

Mittelweg beschreiten. Diese Art des Zusammenschlusses

ist in seiner Form auf der Welt einzigartig und noch nie da

gewesen.

Unsere Generation wird es sein, die das, was die Regie-

rungschefs jetzt beschließen, ausgestalten und weiterentwi-

ckeln wird – und muss. Grund genug also, sich mit Europa

auseinanderzusetzen und am 13. Juni zur Wahl zu gehen.

LRB 2’04

Ole Reißmann, Stamm Waldreiter

Estland ist seit diesem Jahr

EU-Mitglied. 1,4 Millionen

Menschen leben in Estland.

Zum Vergleich: Niedersach-

sen ist etwa gleich groß und

beheimatet acht Millionen

Menschen. Ähnlich wie in

Lettland gibt es auch hier eine starke russische Minderheit

(28%). Fichtenwälder im Süden, Klippen im Norden, an der

Küste bäuerliche Idylle. An der Küste warten hunderte kleine

Inseln darauf, entdeckt zu werden. Störche, schilfbedeckte

Häuser und Windmühlen kann man hier in den alten Kuror-

ten antreffen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion

organisierte Estland sein Gemeinwesen nach skandinavi-

schem Vorbild vollkommen neu. Verwaltung und Regierung

sind total digital vernetzt. Nahrungs- und Elektroindustrie

sind in Estland führend, wichtiger Handelspartner ist Finn-

land. Auch hier werden, wie in den anderen baltischen Län-

dern, Möbel hergestellt und die See befi scht.

Seit 1986 sind die 10,3 Mil-

lionen Einwohner Portugals

auch EU-Bürger. Der Gast-

geber der Fußball-Europa-

meisterschaft ist wie Spanien

ein beliebtes Urlaubsland.

Portugal hat nicht nur schöne

Strände, sondern auch viel Kultur zu bieten: In der Haupt-

stadt Lissabon fand 1998 die Weltausstellung statt. Fado, die

wehmütige Volksmusik Portugals, hat sich vom Kaschem-

menlied zur international gefeierten Kunstform entwickelt.

Aus dem Norden des Landes stammt der Vinho verde, der

„grüne Wein“. Die Portugiesen waren schon immer große

Seefahrer und brachten viele exotische Sachen mit auf die

heimischen Märkte. Ähnlich wie Spanien ist auch Portugal

katholisch geprägt. Traditionelle Volksfeste gehören zu den

Highlights in Portugal.

E S T L A N D

P O R T U G A L

11


Die Gruppenleiter der REPARTOs „Ippogrifo“ aus der Gruppe Foligno 1: Simone Mattioli (25, Bankangestellter), Chiara Bibi (23, Philosophie-Studentin), Simone

Marchi (24, Elektrotechnik-Student), Luca Felicetti (21, Elektrotechnik-Student) und Emanuele (ein Kind aus der Gruppe).

Lo Scautismo Italiano

Viele Fahrtengebiete, hohe Berge und die katholische Kirche als Unterstützer:

Simone Marchi erzählt über die Pfadfinderei in Italien.

In Italien gibt es diverse Pfadfinder-Verbände, von denen

allerdings nur zwei vom Weltbund anerkannt sind. Diese bei-

den sind AGESCI (Bund katholischer Pfadfinderinnen und

Pfadfinder) und CNGEI (Interkonfessioneller Bund).

Der größere der beiden ist AGESCI, der als sehr starke

Organisation auf der gesamten italienischen Halbinsel prä-

sent ist, besonders in Großstädten wie Rom, Mailand und

Florenz und den großen Regionen Veneto, Emilia-Romagna

und Sizilien.

In meiner Heimat Umbrien, wo weniger als eine Million

Menschen leben, sind wir nicht ganz so stark vertreten und

darum sehr abhängig von den örtlichen Kirchen und deren

Bischöfen. Allerdings haben wir den Rückhalt der Familien:

Sie sehen die Pfadfinderei als Garantie für eine gute Lebens-

weise. Das liegt an der Religiosität und der Liebe zur katho-

lischen Kirche unseres Landes. „Pfadfinder sein“ bedeutet

daher: Mitglied im katholischen Verband AGESCI.

Ich denke, es ist wirklich ein Geschenk, in unserer Gegend

Pfadfinder zu sein: Wir haben hier viele Fahrtengebiete, in

12

denen man die Berge und Flüsse ohne große Städte und zu

viele Menschen genießen kann. Dennoch gibt es bei uns

zahlreiche Orte und Städte voller Spiritualität und geschicht-

lichem Erbe. Umbrien ist wahrscheinlich die von Pfadfindern

am häufigsten aufgesuchte Region Italiens.

Gruppenleiter zu sein, bedeutet für mich, jederzeit die

Möglichkeit zu haben, den uns umgebenden Reichtum zu er-

forschen. Ich möchte auch an unsere Kinder weiterzugeben,

wie wir in besserem Einklang mit der Natur leben können.

Das ist eine wunderbare Weise, unseren Dienst an der Ge-

sellschaft zu leisten.

Unsere „Kleinen“ beginnen im Alter von acht Jahren in

der Stufe Branco, dann kommen sie mit zwölf zu Reparto.

Die Sechzehn- bis Zwanzigjährigen gehören zum Clan. An-

schließend muss sich jeder entscheiden, ob er Gruppenleiter

werden will oder nicht. Dazu ist es wichtig, dass er Vertrauen

in Jesus Christus hat, denn alles verdanken wir ihm: das

Spiel für die Kinder, das Abenteuer für die Jugendlichen, die

Pfade und die Aufgaben.

LRB 2’04


In Italien sind die Pfadfi nder im Allgemeinen sehr ge-

schickt, was Lagerbauten auf Sommerlagern betrifft. Auch

im Umgang mit technischen Dingen wie Karte und Kompass

oder beim Pionieren ist die Ausbildung sehr umfangreich.

Ich glaube, das ist auch der faszinierendste Aspekt für jedes

Kind, das Pfadfi nder werden möchte.

Jede Region Italiens hat Zugang zu hohen Bergen oder

bietet die Möglichkeit in der Nähe des Meeres oder eines

Sees zu übernachten. Und weil wir so viele verschiedene

Plätze haben, gehen wir sehr selten im Ausland auf Fahrt.

Leider eine Schattenseite dieses glücklichen Umstands. Die

Brancos fahren im Sommer normalerweise für eine Woche

irgendwo aufs Land und übernachten in einem großen Haus.

Die Repartos fahren für zwei Wochen – meistens in die ab-

geschiedene Bergwelt – und bauen sich ein eigenes Lager, in

dem sie wie Pioniere leben.

Der Clan unternimmt häufi g größere Touren in weiter

entfernte Gegenden, wenn auch nur für eine Woche. Dort

kombinieren sie gerne ausgefallene Wanderungen mit ein

paar Tagen Sozialarbeit an jenem Ort.

Ich bin sehr froh, Pfadfi nder zu sein, denn ich fühle mich

in gewisser Weise reicher und wacher. Es ist eben nicht nur

etwas für Kinder, es ist eine gute Art, Mensch zu sein. Ich

weiß nicht viel über die Pfadfi nderei in Deutschland, aber

vielleicht sind alle so wie meine Freunde unter den Kolibris

in Lübeck. Mit einem großen Sinn für Gastfreundschaft und

einem Turm als Stammesheim … Ersteres haben wir gemein,

das Zweite nicht! Es war mir ein Vergnügen, Euch von uns zu

berichten.

Hier geht’s weiter

LRB 2’04

Simone Marchi, Italien

Die Seite der Associazione Guide e Scout Cattolici Italiani sieht

wunderhübsch aus (ist aber auf italienisch) àagesci.org

Vom Bundes- zum Landesverband, hier geht es in Umbrien

weiter unter àumbriascout.org

Schließlich kommen wir auf der Stammeshomepage an (und

immer noch alles auf italienisch) àagescifoligno.org

Die Italienische Republik

ist von Anfang an (1958)

Mitglied der Europäischen

Union. 58 Millionen Einwoh-

ner sprechen: Italienisch.

Deutsch, Französisch, Ladi-

nisch und Slowenisch sind

regionale Amtssprachen. Daneben gibt es eine ganze Reihe

weiterer Sprachen, die unter Minderheitenschutz stehen,

aber bisher nicht Amtssprache in ihrer Region sind. Der Nor-

den des Landes ist stark industrialisiert und liegt gut im Eu-

ropavergleich, der Süden hingegen ist eher strukturschwach

und landwirtschaftlich geprägt. Italien ist bekannt für seine

Modedesigner und Bekleidungsindustrie, für seine Kunst

und Musik und für Speis und Trank. Italienische Gastarbeiter

brachten Pizza und Pasta mit nach Deutschland. Als beliebtes

Urlaubsziel lockt Italien Touristen sowohl mit seinen Strän-

den (z. B. die Adriaküste) als auch mit Sehenswürdigkeiten:

In allen Zeitaltern der Geschichte war Italien wichtiges Kul-

turzentrum in Europa.

In Irland, seit 1973 EU-

Mitglied, leben 4 Millionen

Menschen, die große Mer-

heit von ihnen katholischen

Glaubens. Viele Iren emig-

rierten im 19. Jahrhundert

in die USA, heute leben dort

I T A L I E N

I R L A N D

12 Millionen Menschen irischer Abstammung. Aus Irland

kommen Künstler wie die Rockband U2, Ronan Keating oder

die Schriftsteller James Joyce, Flann O‘Brien und Samuel

Beckett kommen aus Irland. In der grünen Hügellandschaft

trifft man vor allem auf Schafe, Touristen und viele alte Cast-

les. Irland ist außerdem bekannt für seine Pubs, dunkles Bier

mit cremigem Schaum und rauschende Feste mit Folkmusik.

Nationalsymbol ist das shamrock, das irische Kleeblatt. Am

17. März wird der St.-Patricks-Day gefeiert. Der meistge-

brauchte Satz über Irland unter Pfadfi ndern ist „Soll ja so

schön sein, will ich unbedingt hin.“

13


Krisenherde in Europa

„Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt.“ Auch in Europa gibt

es immer noch blutige Konflikte. Frieden und Stabilität bleiben vorerst Utopie.

Das europäische Einigungswerk hat für 50 Jahre Stabilität,

Frieden und Wohlstand gesorgt“, heißt es auf der Website der

Europäischen Union. Sicher, die katastrophalen zwischen-

staatlichen Kriege Europas scheinen überwunden. Doch Frie-

den und Stabilität – vom Wohlstand einmal ganz abgesehen –

herrschen nur in Teilen Europas, auch innerhalb der EU sind

noch nicht alle Konflikte gelöst. Die Politiker Europas treten

so oft und gern mit dem Anspruch auf, die EU sei Vorbild und

Symbol für Stabilität und Frieden in der Welt. Ein Beitritt zur

Gemeinschaft scheint wie eine Garantiekarte für Frieden und

Wohlstand zu sein. Denn genau das ist einer der wichtigs-

ten Legitimationsgründe für die europäische Integration.

Doch leider ist dem nicht ohne weiteres so. Nicht erst auf

14

den Balkan muss man schauen, um offene Konflikte in Eu-

ropa zu finden. Im Baskenland, Nordirland oder auf Korsika

– noch immer werden Streitigkeiten auf dem europäischen

Kontinent blutig ausgetragen. Zumeist handelt es sich dabei

um Konflikte zwischen Minderheit und Mehrheit in einem

Land – um Gleichberechtigung, Selbstbestimmung oder dem

Wunsch nach wirtschaftlichem Wohlstand.

Dass die EU als Krisenmanagerin mehr als nur lern-

bedürftig ist, haben die Kriege auf dem Balkan in den

neunziger Jahren zur Genüge bewiesen. Zu sehr be-

stimmen die Interessen einzelner Mitgliedsstaaten noch

die Außenpolitik der Gemeinschaft. Wie aber steht es

um die Fähigkeit, Konflikte innerhalb der EU zu lösen?

LRB 2’04


Gerade Konfl ikte wie in Nordirland oder dem Baskenland

stellen eine Möglichkeit für die Gemeinschaft dar, sich als

Krisenmanagerin erfolgreich zu präsentieren. Es muss doch

im ureigensten Interesse der EU liegen, Konfl ikte dieser Art

friedlich zu lösen und Erfahrungen für den Umgang mit Kri-

sen in der Welt zu gewinnen. Vor diesem Hintergrund stellen

vor allem die neuen Beitrittsländer eine Herausforderung

dar. Mit ihren bis heute ungelösten Minderheitsproblemen,

zum Beispiel der russischen Bevölkerung im Baltikum oder

den Roma in Tschechien und Rumänien, bringen sie zusätzli-

ches Konfl iktpotenzial in die Gemeinschaft.

Es wird sich zeigen, ob die Europäische Union die In-

strumente sowie die personellen und institutionellen Mög-

lichkeiten besitzt, um mit diesen Konfl ikten umzugehen.

Denn noch liegen die wesentlichen Kompetenzen im Bereich

der Polizei und Justiz bei den Staaten selbst, sie also haben

in erster Linie die Mittel und Möglichkeiten zu handeln.

Doch steht auch der EU mit den Kompetenzen in der Wirt-

schaftspolitik bereits ein wichtiges Mittel zur Verfügung.

Denn wie Analysen zeigen, hängen Wohlstand, Frieden und

Stabilität eng zusammen. Die EU hat dies in ihrem Anspruch

schon erkannt, muss nun aber noch alles dafür tun, diesen

Anspruch auch Wirklichkeit werden zu lassen.

Kampf um Autonomie im Baskenland

Das Baskenland ist eine von siebzehn Provinzen Spaniens.

Seit 1980 gilt dort ein Autonomiestatut, welches den Basken

große Freiheit gibt. An den Schulen im Land wird neben an-

deren Sprachen auch das Baskische gelehrt. Die Basken ha-

ben eine eigene Polizei und können eigene Steuern erheben.

Keine andere Region in Spanien genießt so viel Unabhängig-

keit. Einer Minderheit im Baskenland geht das allerdings

nicht weit genug, sie verlangt die volle Unabhängigkeit von

Spanien. Es gab einmal ein selbständiges baskisches Reich.

Im 10. Jahrhundert bildeten die heutigen baskischen Regio-

nen in Spanien und Frankreich gemeinsam mit der Provinz

Navarra das Königreich Navarra. Den Nationalisten gilt

diese Zeit als Vorbild. Einen eigenen Staat, den möchten sie

gern wieder haben. Dazu gehören ihrer Meinung nach nicht

nur die spanisch-baskischen Provinzen, Guipuzcoa, Vizkaya

und Alava, sondern auch die auf französischem Territorium

liegenden baskischen Provinzen Soule, Basse-Navarre und

Labourd sowie die spanische Nachbarprovinz Navarra. Dafür

kämpfen sie, dafür mordet ihr bewaffneter Arm ETA. Heute

LRB 2’04

N I E D E R L A N D E

Holland, oder vielmehr das

Königreich der Niederlande,

hat 16,2 Millionen Einwohner

und ist Gründungsmitglied

der EU. Staatsoberhaupt ist

Königin Beatrix. Fast die

Hälfte des Landes liegt nicht

einmal einen Meter über dem Meeresspiegel und muss durch

Deiche geschützt werden. Die Niederlande haben eine hoch-

technisierte Landwirtschaft, in der zwar nur vier Prozent der

Erwerbstätigen arbeiten, damit aber maßgeblich zum Export

beitragen: Fleisch, Tomaten, Tulpen. Bekannt ist Holland

für seine liberale Politik hinsichtlich Drogen, Prostitution,

Sterbehilfe. Der Hafen in Rotterdam ist der größte Contai-

nerumschlagplatz der Welt. Weltberühmte Maler kamen aus

den Niederlanden: Vermeer, Rembrandt, van Gogh.

61 Millionen Bürger zählt

Frankreich, das sind etwa

13,5 % der EU-Bevölkerung.

Frankreich ist Gründungs-

mitglied der Europäischen

Union. Stolz sind die Fran-

zosen auf ihre Revolution,

F R A N K R E I C H

Liberté, Egalité, Fraternité, und den daraus hervorgegange-

nen laizistischen Staat. Offi ziell gibt es nur eine Amtssprache,

neben Französisch existieren aber eine ganze Reihe weiterer

Sprachen (z. B. Bretonisch und Normannisch). Flächenmä-

ßig ist es das größte Land der EU. Die Franzosen geben mehr

Geld für besseres Essen aus als der Durchschnitts-Europäer.

Das Klischee gibt einiges her: Kaffee aus riesigen, fl achen

Tassen, Wein, Käse, Baguette und nicht zuletzt das Lebens-

gefühl, das in dem – französischen – Film „Amelie“ trans-

portiert wird. Wenig französische Schüler wählen Deutsch

als zweite Fremdsprache, genau wie in Deutschland wird

eher Spanisch gewählt. Obwohl die beiden Länder so dicht

nebeneinander liegen, obwohl die beiden Staaten wichtigste

Handelspartner sind, trotz 40 Jahre Elysée-Vertrag.

15


möchte nur noch eine Minderheit im Baskenland die Un-

abhängigkeit. Die Terroristen sind isoliert, verbreiten aber

weiterhin Angst und Schrecken im Land. Bürgermeister mit

einem Parteibuch der spanischen Volkspartei PP werden von

der ETA bedroht, Unternehmer erpresst, auf Polizisten und

Militärs werden Anschläge verübt. In den Augen der ETA ist

das spanische Militär die Besatzungsmacht. Kein Wunder

also, dass fälschlicherweise zunächst die ETA unter Verdacht

geriet, als am 11. März dieses Jahres mehrere Bomben in

Nahverkehrszügen der Hauptstadt Madrid 201 Menschen in

den Tod rissen und über 1 000 Verletzte hinterließen.

Bosnien-Herzegowina – ein Staat in ständiger Krise

1990 löste sich der Vielvölkerstaat Jugoslawien gewaltsam

auf. Nach schweren Kämpfen in Kroatien verlagerte die

serbisch kontrollierte Armee das Kriegsgeschehen nach

Bosnien. Im Zuge des „groß-serbischen“ Strebens und der

Pläne, alle Serben zu „vereinigen“, entbrannte 1992 in dem

gerade international anerkannten Staat Bosnien-Herzego-

wina ein schrecklicher Krieg mit katastrophalen Folgen. Die

physische Infrastruktur wurde nahezu vollständig zerstört,

ebenso die einzigartige multi-ethnische Gesellschaft. Die

Auswirkungen sind in Bosnien noch überall zu sehen. Der

kriegerische Konflikt ist zwar beigelegt worden, aber die

politische, wirtschaftliche und soziale Krise schwelt weiter.

Die Wunden des Krieges heilen eben äußerst langsam. Nicht

nur die politisch Verantwortlichen tun sich mit der Zusam-

menarbeit und Versöhnung schwer, auch die jeweiligen

Bevölkerungsgruppen misstrauen sich immer noch. Von den

1,2 Millionen Flüchtlingen, die Bosnien verließen, sind bis

heute ungefähr 850 000 zurückgekehrt. Doch die meisten

von ihnen kamen nicht in ihr einstiges Heim zurück, sondern

in ihre „ethnische“ Gegend. Wenn das Haus eines bosnischen

Muslims sich jetzt im serbischen Gebiet befindet, kommt er,

um es ein letztes Mal zu sehen und um es vielleicht verkaufen

zu können. Die meisten Rückkehrer tun es ihm gleich, sofern

der Heimatort nicht ihrer ethnischen Gegend zugefallen

ist. Sich im „feindlichen“ Gebiet erneut niederzulassen, ist

in Bosnien immer noch undenkbar. Das „bosnische“ Volk

geht sich aus dem Weg, und die damit verbundenen so-

zialen Spannungen und Ängste können folgerichtig nicht

abgebaut werden. Die soziale Krise scheint unüberwindbar.

Die EU hat aber doch etwas gelernt aus den Jugoslawien-

Kriegen. Eine Abwendung von diesem Gebiet erschien ihr

16

unmöglich. Besonders wirtschaftliche Hilfe und Unterstüt-

zung, sowie das Stabilisierungs- und Assoziierungsabkom-

men (SAA) verdeutlichen das europäische Interesse an der

Balkanregion. Vor dem Krieg, auch noch während des Krie-

ges sah dies anders aus. Die Europäer waren vom Ausmaß

des Konflikts überrascht und überfordert. Eine gemeinsame

politische Linie gab es nicht, vom militärischen Potenzial

ganz zu schweigen. Stattdessen handeln die EU-Staaten un-

abhängig voneinander, allen voran Deutschland. Die Union

präsentierte sich in diesen Jahren als ein Club, der zwar

ökonomisch stark war, der aber vor außenpolitischen Proble-

men unbeweglich kapitulieren musste. Nach dem Ende des

Bosnienkrieges, entschied die EU, zumindest beim Aufbau

des Landes eine entscheidende Rolle zu spielen. Die von der

EU übernommene Polizeimission soll zusammen mit den

zwölftausend SFOR-Soldaten den Frieden, dem immer noch

nicht alle trauen, sichern. Europa hat in Bosnien einiges wie-

der gutzumachen. Das Versagen im Krieg muss durch eine

konstante und konsequente Aufbauhilfe gemildert werden.

Europa darf den Glauben an den Staat Bosnien-Herzegowina

nicht aufgeben. Vor allem deswegen nicht, weil die eigene

Bevölkerung Bosniens den Glauben an die eine, allen ge-

meinsame Heimat noch nicht vollständig wiedererlangt hat.

Die ständige Krise, in der sich Bosnien befindet, kann nur mit

Hilfe Europas endgültig gelöst werden.

Die Minderheitenproblematik im Baltikum

In Lettland und Estland leben derzeit über 750 000 Men-

schen als Staatenlose, ohne Pass und ohne politisches Mit-

spracherecht. Diese Staatenlosen der russischen Minderheit

haben immerhin einen Bevölkerungsanteil von knapp 30

Prozent in beiden Ländern. Und in Moskau und Brüssel

streitet man sich regelmäßig mit den Regierungen in Tallinn

und Riga um den Status dieser Menschen. Die Einzigen, die

bei dem Streit fast nie zu Wort kommen, sind die ethnischen

Russen selbst. Der Ursprung des Minderheitenkonflikts im

Baltikum liegt mittlerweile sechzig Jahre zurück, als 1944 die

vorher unabhängigen Staaten Lettland, Estland und Litauen

der UdSSR angegliedert wurden. Die niedrige Geburtenrate

dieser Jahre, eine Folge des Zweiten Weltkriegs, aber vor

allem das Ziel Moskaus, einen einheitlichen Sowjetstaat

zu schaffen, sollte die Bevölkerungsstruktur Estlands und

Lettlands nachhaltig verändern. Um dieses Ziel zu errei-

chen, wurden zu Zeiten Stalins Massendeportationen von

LRB 2’04


Esten und Letten nach Sibirien veranlasst. Gleichzeitig er-

mutigte man Russen, sich in diesen Gebieten anzusiedeln.

Das führte dazu, dass Esten und Letten um das Überle-

ben auf ihrem eigenen Territorium zu bangen begannen.

Nach dem Ende der Sowjetunion 1991 begann das politische

Tauziehen um den Status der ethnischen Russen. Als unab-

hängig gewordene Staaten vergaßen Estland und Lettland

nicht die Jahre unter den Besatzern und die Angst davor, im

eigenen Land zu einer Minderheit zu werden. Sicherlich war

das die Motivation für die harten und diskriminierenden Ge-

setze und Maßnahmen beider Staaten, die sich vor allem ge-

gen die ethnischen Russen richteten. Nach der Unabhängig-

keit wurde den meisten Russen die estnische beziehungswei-

se lettische Staatsbürgerschaft zuerst verweigert. Beide Län-

der erließen ein Restitutionsedikt, dem zufolge nur jene, die

bereits in der Vorkriegszeit Bürger der Republiken gewesen

waren, sowie deren Nachkommen automatisch Staatsbürger

werden konnten. Andere Einwohner des Landes wurden ge-

zwungen, Aufenthaltsgenehmigungen zu beantragen – was

sich hauptsächlich gegen die russischen Einwanderer richte-

te. Die Einbürgerungen waren kontingentiert, an Altersstaf-

felungen gebunden und erfolgten nach harten Prüfungen in

Sprache und Gesetzgebung. Die meisten der ethnischen Rus-

sen, die zumeist ältere ehemalige sowjetische Industriear-

beiter waren, konnten aber diese Prüfungen nicht bestehen.

Die Folge: Viele Russen wanderten aus, allein 175 000 Men-

schen aus Lettland. Die schlechte Situation der russischen

Bevölkerung spitzte sich 1998 in Massenprotesten russischer

Rentner zu. Es waren und sind vor allem die Organisation

für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die

Europäische Union (EU) und die NATO auf der einen und

Russland auf der anderen Seite, die bereits seit Jahren auf

Estland und Lettland Druck ausüben. Während aber die

EU keine direkten Konsequenzen für die Mitgliedschaft

ziehen wollte, machte die NATO klar, dass der Beitritt

nicht garantiert sei. Während seines Baltikumbesuchs

2002 erklärte NATO-Generalsekretär George Robertson

Lettland und Estland unmissverständlich, dass eine Mit-

gliedschaft auch davon abhänge, ob die Haltung gegen

über der russischen Minderheit liberaler würde oder nicht.

Russland protestiert regelmäßig gegen die Staatsbürger-

schaftsregelungen, die Sprachpolitik sowie die Reduktion

von Russischunterricht an öffentlichen Schulen. Gerade der

russischsprachige Teil der Medien im Baltikum wird von

LRB 2’04

In Ungarn leben gut 10 Mil-

lionen Menschen. Seit dem 1.

Mai diesen Jahres ist Ungarn

Mitglied der Europäischen

Union. Hauptstadt ist Bu-

dapest. Landessprache ist

Ungarisch, dem fi nnischen

verwand. Ungarn besteht überwiegend aus Tief land; nied-

rige Hügel und Berge liegen im Norden und Westen. Der

große Balaton (Plattensee) sowie die Donau und die Theiß

„ersetzen“ das Meer. Im Süden Ungarns erstrecken sich

viele Weinberge. Das Mecsekgebirge besteht zum Großteil

aus Laubwald. Das Klima ist kontinental; es gibt also sehr

warme Sommer und sehr kalte Winter. Über die Grenzen

bekannt sind Paprika, Gulasch, Letscho und Palatschinken.

Eine Besonderheit Ungarns sind die vielen Bäder (siehe Bild

unten), die sich aus unterirdischen warmen Quellen speisen.

Eine weitere Sehenswürdigkeit ist das Barockschloss Fertöd

aus dem 18. Jahrhundert.

U N G A R N

Igen/nem Ja/nein

Köszönöm Danke

Kérem Bitte

Helló Hallo

Szia Tschüss

Jó reggelt kívánok Guten Morgen

Boscánant Entschuldigung

Segítség Hilfe!

Ez nagyon fi nom Das ist sehr lecker

Tetszel nekem Du gefällst mir.

Van török fürdö a városban? Gibt es ein türkisches Bad in der Stadt?

17


Seit 1981 ist die parlamenta-

rische Demokratie Griechen-

land mit seinen 11 Millionen

Einwohnern Mitglied der

Europäischen Union. Rund

ein Viertel der Fläche entfällt

auf die mehr als 3 000 In-

seln, von denen 167 bewohnt sind. Große Bergketten ziehen

sich bis direkt ins Meer. 14 Millionen Touristen besuchen

Griechenland jährlich, davon mehr als 70 % aus Europa.

Das antike Griechenland wird als die Wiege Europas be-

zeichnet, in Athen entstand ein Stadtstaat, in dem eine sehr

frühe Form unserer heutigen Demokratie praktiziert wurde,

wegweisende Philosophen lebten hier. Im Sommer 2004

kehren die Olympischen Spiele in ihre Heimat zurück: Sie

werden in Athen ausgetragen. Die griechische Küche bietet

selbstredend mehr als Gyros und Bauernsalat, ähnlich den

spanischen Tapas werden zahlreiche verschiedene Gerichte

gleichzeitig gegessen.

18

G R I E C H E N L A N D

In Österreich leben 8,1 Milli-

onen EU-Bürger. Deutsch ist

Amtssprache, regional aber

auch Kroatisch, Ungarisch,

Slowenisch. Ehemals war

Österreich ein viel größeres

Land, nach den Wirren des

Ö S T E R R E I C H

Zweiten Weltkriegs war eine Bedingung seitens der Sowje-

tunion zur Souveränität die politische Neutralität. Nach dem

Zerfall der Sowjetunion trat Österreich 1995 der Europäi-

schen Union und der NATO bei. In Österreich läßt es sich

vortreffl ich wandern, große Landesteile liegen in den Alpen.

Bekannt ist Österreich natürlich für seine Kaffeehauskultur,

für den Opernball, für Sissi. Jenseits dieser romantischen

Klischees beeindrucken die radikalen Texte Thomas Bern-

hards, der über die österreichische Gesellschaft grantelt.

Russland beeinfl usst – Moskau nutzt so die Möglichkeit, sein

strategisches Interesse an Estland und Lettland indirekt wei-

terhin zu vertreten. Nach den klaren Signalen der internatio-

nalen Organisationen haben Estland und Lettland die Einbür-

gerungs- und Sprachregelungen jetzt schrittweise gelockert.

Frankreichs innenpolitisches Sorgenkind Korsika

Korsika gehört seit 1768 zu Frankreich. Schwierigkeiten mit

dem Festland hat es seitdem oft gegeben, doch erst seit 1975

spricht man vom „problème corse“: einem Gewirr von poli-

tischen, wirtschaftlichen und sozialen Problemen, die einen

grundsätzlichen Konfl ikt immer wieder aufs Neue entfachen.

Bis heute hat es fast 10 000 Anschläge gegeben. Die 1999 er-

klärte Waffenruhe existiert nur auf dem Papier. Ein Ende der

Gewaltspirale, in der sich staatliche Polizeiaktionen und ter-

roristische Attentate gegenseitig verstärken, ist nicht in Sicht.

Die Europäische Union hat sich aus dem politischen Konfl ikt

weitgehend rausgehalten, was wohl auch dem Wunsch der

französischen Regierung entspricht.

Die Forderung nach Selbstverwaltung beruft sich auf

die Insellage, die besondere Probleme mit sich bringe

und deshalb besondere Maßnahmen erfordere, über die

am besten vor Ort entschieden werde. Dabei geht es vor

allem um Sonderbefugnisse im Bereich Tourismus, Um-

weltschutz, Transport, Bildung, Kultur und Sprache. Die

Gegner eines korsischen Sonderstatus berufen sich auf

die Gleichheit aller Bürger und den zentralistisch verwal-

teten Staat; Föderalismus wie in Deutschland ist ihnen

ein Tabu. In Paris fürchtet man vor allem ein Übergreifen

der Unabhängigkeitsforderungen auf andere Regionen

wie beispielsweise die Bretagne, was langfristig die Prinzi-

pien des französischen Staates auf den Kopf stellen könnte.

Über achtzig Prozent der Korsen halten nichts von der Unab-

hängigkeit, darunter viele Rentner, Beamte und Politiker, die

nicht auf ihr Einkommen vom französischen Staat verzichten

wollen. Ohne die französischen Transferzahlungen wäre Kor-

sika inzwischen kaum lebensfähig, und so verlieren die Ver-

fechter der Unabhängigkeit bei der korsischen Bevölkerung

zunehmend an Bedeutung. Bei den letzten Regionalwahlen

erhielt nur eine nationalistische Partei über fünf Prozent der

Stimmen. Doch der Kampf der militanten Separatisten geht

weiter. Der Streit um gegensätzliche Prinzipien – Gleich-

heit oder Vielfalt – macht eine grundsätzliche Lösung der

Korsikafrage fast unmöglich. Dies ist vielleicht auch nicht

LRB 2’04


notwendig, denn mit einer Lösung der konkreten Probleme

auf der Insel wie der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, der

sozialen Probleme und der wirtschaftlichen Defizite könnte

der Konflikt beigelegt werden. Eine wirksame europäische

Regionalpolitik und die Brüsseler Strukturfonds können

dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Respekt vor der kul-

turellen Identität und Anerkennung der korsischen Sprache

würden die angeheizte Stimmung und die jahrzehntelange

Gewalt auf Korsika eindämmen und eine friedliche Lösung

der politischen Gegensätze möglich machen.

Diskriminierung von Roma

In Usti nad Labem, einer Kleinstadt in Tschechien, stand eine

Mauer. Die Mauer, einige Meter hoch und mit Stacheldraht

versehen, umrahmte ein ganzes Stadtviertel, genauer: ein

Stadtviertel, in dem Angehörige der Roma-Minderheit in

Tschechien wohnten. Das sei ein Lärmschutzwall, behaupte-

te die Stadt, errichtet als Reaktion auf Proteste von Anwoh-

nern. In den Augen der zahlreichen Kritiker war diese Mauer

aber mehr, sie sahen sie als Ausdruck der Ausgrenzung

und Diskriminierung von Roma, als Ghetto. Die Mauer von

Usti nad Labem ist kein Einzelfall, nicht nur hier existieren

Vorurteile, Ablehnung oder gar Hass gegen die ethnische

Minderheit der Roma. Diese Mauer ist vielmehr Beispiel für

die Diskriminierung und den Ausschluss, den Angehörige der

Roma-Minderheit erfahren, nicht nur in Tschechien, auch in

anderen osteuropäischen Ländern. Aber selten findet die Dis-

kriminierung und die Ablehnung gegen die Roma so deutlich

Ausdruck wie im Falle der Mauer von Usti nad Labem.

Die Roma sind eine Minderheit, die überall fremd ist. Ein

Volk ohne Land, aber mit eigener Kultur, das vor Tausenden

von Jahren aus Indien kam und seitdem heimatlos durch die

Welt irrt. Ein Volk, das sich überall von der mehrheitlichen

Bevölkerung unterscheidet. Roma sind nicht nur eine sicht-

bare Minderheit, eine Minderheit, die man an äußerlichen

Merkmalen von der Mehrheit der Gesellschaft unterscheiden

kann, Roma sind fast überall eine sozial benachteiligte Min-

derheit. Ihre Andersartigkeit, Diskriminierung, Armut und

mangelhafte Bildung treiben viele an den Rand der Gesell-

schaft – egal, in welchem Land sie leben. Nirgendwo auf der

Welt leben so viele wie in Rumänien. Und dennoch existieren

hier überhaupt keine Gesetze zum Schutz der 2,5 Millionen

Roma. Der Grundstein für die Benachteiligung wird meist

schon im Kindesalter gelegt. Eine große Zahl der Roma-Kin-

der in Rumänien hat aus formalen Gründen keinen Zugang

zum staatlichen Bildungssystem. In Tschechien unterliegen

zwar alle Kinder der allgemeinen Schulpflicht, Roma werden

aber fünfzehnmal häufiger auf Sonderschulen geschickt als

„normale“ tschechische Kinder. So ist es zwar grundsätzlich

richtig, dass die Europäische Kommission Tschechien und

Rumänien in den Fortschrittsberichten über die Beitritts-

länder im Oktober 2002 aufgrund der Situation der Roma

kritisiert hat. Denn es ist wichtig, die Diskriminierung anzu-

prangern. Andererseits muss man sich fragen, ob diese Kritik

moralisch berechtigt ist – denn auch in den „alten“ EU-Mit-

gliedsstaaten werden Roma diskriminiert und benachteiligt,

ohne dass die Kommission darauf hinweist. Die Situation

der Roma ist ein europaweites Problem, deshalb wäre es

Zeit für eine EU-weite Gesetzgebung für deren Rechte.

Nur wenn Roma in die Gesellschaft integriert werden,

ist es möglich, Vorurteile abzubauen und die Akzep-

tanz der Minderheit in der Gesellschaft zu vergrö-

ßern, die Mauern in den Köpfen einzureißen. Ob das

jemals so sein wird, vermag heute niemand zu sagen.

Zumindest die Mauer von Usti nad Labem existiert heute

nicht mehr. Aber nicht, weil die Einwohner reuig die Ge-

schmacklosigkeit dieses Bauwerks eingesehen haben, son-

dern weil massive Proteste aus dem In- und Ausland und ein

warmer Geldregen aus Prag sie schließlich überzeugt haben,

die Mauer einzureißen. Trotzdem bleibt die Mauer in den

Köpfen.

Und das ist nicht alles

Auch andere Krisenherde wie auf Zypern (dazu gab’s im

LRB 1’03 einen ausführlichen Artikel), in Tschetschenien,

Nordirland, Palästina, in der Türkei oder im Kosovo werden

die Gemeinschaft der Europäer in diesem Jahrzehnt weiter

fordern und strapazieren. Streitigkeiten zwischen den einzel-

nen Staaten wie etwa um die Besitzansprüche Spaniens und

Großbritanniens auf Gibraltar, der Bau von Atomkraftwer-

ken in Tschechien, Slowenien und anderen aufstrebenden

EU-Mitgliedern, zu wenig Kritik an Russland bei immer

weiter abnehmender Demokratie unter der Regierung Putin,

Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer … all das ist die Rea-

lität der Europäischen Union.

Nils Petersen, Stamm Kolibri

LRB 2’04 19


Von links nach rechts: Eine Feuerwache, Meutenführer, die Pfadfinder ziehen bei einem offiziellem Anlass durch die Stadt und präsentieren sich.

Gleich nebenan

Agnieszka erzählt über die Pfadfinderei in Polen: Über Widerstand gegen Besatzungsmächte,

Unterdrückung im Sozialismus und was davon heute übrig ist.

Der polnische Pfadfinderverband ZHP ist Mitglied in den

Weltverbänden WAGGGS (für die Mädels) und WOSM (für

die Jungen). Angefangen hat alles 1910, als Polen zwischen

Russland, Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich

geteilt war. Damals ging es vor allem darum, etwas für Polen

zu tun, die Unabhängigkeit zu erlangen. Eine Möglichkeit bot

die Organisation Eleusi. Was eigentlich von den Besatzern

verboten war, konnte hier stattfinden: Der Austausch über

die Geschichte Polens.

Eine wichtige Rolle für die polnische Pfadfinderbewegung

spielte Andrzej Małkowski, der sich als erster ganz der Pfad-

finderei verschrieb. 1912 gab es dann erste Pfadfindergrup-

pen in Polen, zuerst in Lwów und später auch in anderen

Städten. Pfadfinderei war illegal, die Arbeit nicht gerade

einfach. Der ZHP wurde 1918 gegründet, als man erkannte,

dass die Pfadfinderei nur durch einen starken Verband eine

Chance hatte. Das politische Klima hatte sich gewandelt, Po-

len war nun wieder unabhängig.

1929 schrieb Andrzej Kamiński ein Buch, in dem er die

Pfadfinderei lobte und Werbung für die Wölflinge machte:

Er erkannte die Arbeit der Pfadfinder an und unterstützte

sie. Im Zweiten Weltkrieg wurde der ZHP aufgelöst, viele

Leiter wurden inhaftiert und ermordet. Weiter ging es im

Untergrund, man nannte sich Szare Szeregi (graue Reihen)

und ging gegen die Besatzer vor. Kinder und Jugendliche

beteiligten sich an Kampfhandlungen, mit Waffen zogen

20

einige sogar in den Warschauer Aufstand. Nach dem Zwei-

ten Weltkrieg änderte sich wiederum viel auf der politischen

Ebene, der ZHP änderte sich durch die Politik und verlor die

Mitgliedschaft in den Weltverbänden. Es stand schlecht um

die Pfadfinderei, die nun völlig von den Vorstellungen der

Kommunisten abhängig war.

Ältere Gruppenleiter, die sich an die Zeit erinnern, erzäh-

len, dass sie trotzdem versucht haben, wie gute Pfadfinder

zu handeln und nicht auf die Funktionäre zu hören. Das war

schwierig, das System erfand viele Regeln, zum Beispiel durf-

te die traditionelle Uniform nicht getragen werden, bestimm-

te Symbole waren verboten. 1956 wurde der ZHP wieder

aktiver. 1980 kam es zu Streiks gegen das System in Polen,

danach wurden viele Leiter wegen Kritik an der russischen

Politik verhaftet. 1981 wurde eine neue Organisation, die

NRH gegründet. In den 80er Jahren gab es dann Gruppen,

die im Untergrund ihre Vorstellung von Pfadfinderei lebten,

und alte Traditionen wieder aufgriffen. 1989 wurde der ZHR

gegründet, man wollte nicht länger mit dem Sozialismus in

Verbindung gebracht werden. Im selben Jahr wurde eine

weitere Organisation, Zawisza, gegründet. 1996 wurde der

ZHP schließlich Mitglied in den beiden Weltverbänden.

Heute hat die Pfadfinderei in Polen einen anderen

Schwerpunkt. Wir wollen unseren Mitgliedern helfen, sich zu

Persönlichkeiten zu entwickeln, die hilfsbereit, interessiert

an Freundschaft und am Leben sind. Der ZHP setzt sich ab

LRB 2’04


gegen Alkohol und Zigaretten, also ist trinken und rauchen

bei uns verboten, es soll nicht zur Gewohnheit werden. Wir

arbeiten in kleinen Gruppen, die dann wiederum einen

Stamm bilden. Es gibt vier Altersstufen: Die Wölfl inge (6-10

Jahre), die Pfadfi nder (10-12 Jahre), ältere Pfadfi nder (13-

15 Jahre) und Rover (ab 16 Jahren). Alle haben bestimmte

Aufgaben zu erledigen, die Wölfl inge zum Beispiel werden

tüchtige und freundliche Kinder, Pfadfi nder lernen viel über

Polen, über die Umwelt, Erste-Hilfe, Orientierung mit Karte

und Kompass, wie man sich im Wald verhält. Die älteren

Pfadfi nder helfen dann den jüngeren dabei und engagieren

sich in der Gesellschaft. Rover sind meistens für die anderen

da und helfen.

Neben dieser „normalen Arbeit“ veranstalten wir Fahrten,

Feiern und Feste. Letztens haben Rover und Altpfadfi nder

den „World Day of Child“ organisiert, Kinder konnten an

verschiedenen Wettbewerben teilnehmen und Pfadfi nder-

auszeichnungen bekommen. Außerdem konnte man an einer

Rallye teilnehmen, nur mit einer Karte durch den Wald.

Am 11. Oktober und am 3. Mai feiern wir unsere Unabhän-

gigkeit, am 11. Oktober 1918 wurde Polen unabhängig, am 3.

Mai 1792 gab es die erste polnische Verfassung. Diese Feiern

sind für uns sehr wichtig, wir nehmen an den Feierlichkeiten

in unseren Städten teil. Am 1. August, wenn sich der Aufstand

im Warschauer Ghetto jährt, ist unser Uniformtag. Im Alltag

spielt die polnische Vergangenheit mit all den Kriegen und

Auseinandersetzungen, die Vergangenheit der Pfadfi nder als

Kämpfer, keine besonders große Rolle – aber sie ist natürlich

allgegenwärtig, diese Geschichte gehört zu uns.

Der ZHP veranstaltet große Lager und nahm schon 1913

in Birmingham am World Jamboree teil. Wir setzen diese

Tradition fort, zuletzt war eine kleine Gruppe aus meiner

Stadt in Holland.

Die meisten Leute in meinem Alter hier halten nicht allzu

viel von Pfadfi ndern, es gibt leider viele Vorurteile. Ich wurde

schon auf der Straße beschimpft wegen meiner Pfadfi nder-

uniform. Natürlich versuchen wir zu zeigen, dass wir über-

haupt nicht so übel sind. Wir wollen einfach zeigen, dass man

friedvoll und freundlich miteinander leben kann. Darum

geht’s in unserer Arbeit.

Agnieszka ist 19 Jahre alt, lebt in Lublin und macht die Meu-

te Tygrysiaki, hilft bei der Sippe Rzeka mit und arbeitet auch

in der Stammesführung.

LRB 2’04

Ein weiteres junges Land

und frisches EU-Mitglied

ist Tschechien mit seinen

10,3 Millionen Einwohnern.

Tschechien besteht aus meh-

reren Beckenlandschaften,

die von Gebirgen einge-

schlossen sind, zum Beispiel Erz- und Riesengebirge, beide

sind Wander- und Skiparadiese. Berühmt ist die Hauptstadt

Prag, die goldene Stadt der hundert Türme, deren Innen-

stadt heute UNESCO-Weltkulturerbe ist. Hier lebte auch

Albtraumautor Kafka. Andere Städtenamen wie Pilsen oder

Budweis lassen erkennen, dass in Tschechien die Wiege der

Braukunst steht.

38,6 Millionen Menschen

leben in Polen und sind seit

Mai 2004 auch EU-Bürger.

Polen ist landschaftlich

ähnlich wie Deutschland: In

Meeresnähe Flachland, dar-

auf Mittelgebirge (Polnische

T S C H E C H I E N

P O L E N

Platte) und schließlich Hochgebirge (Riesengebirge, Hohe

Tatra). Polen ist ein sehr homogenes Land, das heißt, über

98,7 % der Bevölkerung sind Polen. Über 90 % sind beken-

nende Katholiken. Die polnische Kunst, Musik (z. B. Chopin)

und Schriftstellerei beschäftigt sich mit der wechselvollen

Geschichte Polens, das lange Zeit von seinen Nachbarn un-

terjocht war. Im Süden gibt es Ski- und Wandergebiete,

außerdem ist hier die Schwerindustrie ansässig. Seit dem

Zerfall der Sowjetunion sind viele Betriebe dem radikalen

Strukturwandel zum Opfer gefallen. Der industriell weniger

erschlossene und weniger besiedelte Norden mit seinen klei-

nen Dörfern lockt Pfadfi nder durch seine Naturlandschaft

(z. B. die masurische Seenplatte). Touristen zieht es dagegen

eher in die Städte, vor allem nach Krakau und Danzig.

21


Mythos Interrail

Ein einziger Fahrschein reicht: Quer durch Europa mit der Eisenbahn. Ein Tagebuch

12. Januar 2000, Heidelberg. War mit Hanna, Simon und

Lasse beim Eishockeyspielen. Krass, wie kalt das dieses Jahr

ist. Ein Teil meiner Fensterscheibe friert immer wieder zu

und ich habe nachts Eisklumpen statt Füße. In der Eisho-

ckey-Halle war es besonders unangenehm. Wir waren da-

nach noch was trinken und einer von den Jungs hat irgend-

wann vorgeschlagen, einfach in den Süden zu fahren. Haha,

guter Plan eigentlich, doch wie? Mit Rainbow waren wir über

Silvester in Amsterdam, und die Leute waren echt unter aller

Kanone, und mit unseren Eltern in das Haus in Südfrank-

reich hatte natürlich auch keiner Bock. Wahrscheinlich kam

Lasse auf die Idee mit dem Interrailen. Ich hatte das vorher

zwar auch schon mal gehört, aber hätte man mich gefragt,

was genau das eigentlich ist – ich glaube nicht, dass ich das

hätte erklären können. Lasse hat ein Händchen für so was,

vielleicht auch einfach, weil er zwei ältere Brüder hat, die ihm

alles vorleben. Na ja, jedenfalls haben wir einen kühnen Plan

gefasst: Frankreich, Spanien, Portugal. Und wenn wir gut

sind, bis nach Marokko. Zu viert. Vier Wochen. Mit dem Zug.

Ich kann kaum einschlafen vor Aufregung.

22

23. März 2000, Heidelberg. Endlich beginnt die Eissaison

und ich kann nach der Schule ein bisschen Geld bei Janny’s

verdienen. Unser Plan steht noch, neulich waren Hanna und

Simon mal bei der Bahn und haben sich erkundigt, wie das

mit dem Interrail funktioniert. Man bekommt ein Ticket für

eine Zone und kann dann vier Wochen lang durch die Länder

der jeweiligen Zone fahren, oder auch durch andere, wenn

man dazubezahlt. Angeblich wissen die Schaffner Bescheid

und akzeptieren das Ticket ohne Probleme. Wäre auch blöd,

wenn nicht, schließlich spricht keiner von uns Spanisch.

Fährt man über Nacht, spart man sich das Geld fürs Hostel

oder den Campingplatz. Meine Eltern finden’s okay. Aber ein

bisschen mulmig ist ihnen schon. Wie gut, dass die Jungs

dabei sind. Und wenn sich einer von uns verliebt?

20. Juli 2000, Heidelberg. Letzter Schultag, hab’ mir ges-

tern von meinem Cousin ein Zweimannzelt und einen Schlaf-

sack geborgt. Übermorgen geht’s los. Hanna ist voll traurig,

dass sie Tim jetzt vier Wochen nicht sieht. Er fährt mit seinen

Kumpels nach Barcelona, vielleicht treffen wir sie ja.

LRB 2’04


23. Juli 2000, Lyon. Ich kann nicht schlafen. Wir sind mit-

ten in der Nacht hier am Bahnhof angekommen und können

erst morgens weiter nach Avignon. Lasse hat sein Wörter-

buch vergessen und wir radebrechen also alle Französisch.

Der Kontrolleur war voll nett, obwohl wir ziemlich dreist auf

dem Gang lungerten und Weintrauben aßen. Mein Rucksack

ist definitiv zu schwer und mir tun jetzt schon die Schultern

weh. Simon liest. Seine Oma ist vor ein paar Tagen gestorben

und wahrscheinlich wäre er gerne ’ne Woche später losgefah-

ren. Aber wir hatten die Tickets schon gekauft. Mein Magen

knurrt. Wir haben zwar in Deutschland noch Geld getauscht,

aber nur große Scheine, und die Fressautomaten hier neh-

men das nicht an. Es riecht voll nach Sonne und Sommer

hier. Auch in der Nacht. Ich war vorhin kurz vorm Bahnhof

und musste Frankreichluft schnuppern. Das Abenteuer hat

begonnen.

27. Juli 2000, Biarritz. Ich könnte kotzen, Lasse und Si-

mon wollten unbedingt an den Atlantik fahren und den schö-

nen Surferinnen nachglotzen. Jetzt sind wir hier, der Cam-

pingplatz ist total krass voll von Jugendlichen und die ganze

Nacht ist Party. Schlafen kannst du vergessen. Wäre ja ganz

nett, aber Lasse und Simon sieht man überhaupt nicht mehr

und Hanna hat Durchfall gekriegt und liegt den ganzen Tag

am Strand und schläft. Ab und zu creme ich ihr den Rücken

ein, der schon ganz krebsig ist. Den Rest der Zeit sitze ich auf

LRB 2’04

meinem Handtuch und schaue auf die Wellen. Heiße Typen

hier, keine Frage, aber ich will endlich weiter. Wir wollten

doch bis nach Marokko und das ist noch weit. Hoffentlich

kann ich die Jungs überreden.

3. August 2000, Estella. Das sind also die „San Fermines“,

von denen mir Carlos in Biarritz erzählt hat. Die Stadt

ist eine Woche lang im Ausnahmezustand, betrinkt sich

hemmungslos und feiert ihre Stierkämpfer. Ich glaube, ich

habe noch nie so viele feiernde Menschen auf einem Haufen

gesehen und aus allen Generationen. Spanisch klingt toll,

hart, und alle haben eine tiefe Stimme, das macht es so

schön rassig. Wir sind hier zu siebt, Penilla aus Schweden ist

mit ihrem Freund Erik dabei und Sean aus Irland. Lustige

Truppe. Wenn ich irgendwann im Schlafsack liege, habe ich

einen total bunten Sprachenmix im Kopf und bin selig. Die

Strecke bis Pamplona mussten wir trampen, weil alle Züge

und Busse ausverkauft waren. Das ist das Seltsame hier in

Spanien: Man darf nur Zug fahren, wenn man gleichzeitig ’ne

Reservierung hat. Das heißt, unser Interrail-Ticket ist schön

und gut, aber zum Schalter müssen wir trotzdem, und da das

Land voller Interrailer ist, sind Plätze gerade sehr schwer

zu bekommen. Wir müssten eigentlich unsere Route jetzt

schon komplett planen und die Reservierungen besorgen.

Heute habe ich dann endlich doch noch die ersten Postkarten

eingesteckt. Es ist schön, unterwegs zu sein.

23


7. August 2000, Madrid. Was für eine Hitze. Man kann

keinen Schritt aus dem Bahnhof rausmachen, weil da kein

Schatten mehr ist und man einfach mit dem Asphalt ver-

schmelzen würde. Zum ersten Mal haben sie unser Ticket

nicht akzeptiert, total ätzend. Wie willst du einem Schaffner,

der noch nie etwas von Interrail gehört hat, erklären, dass

dieser Wisch, der echt schon ranzig ist und einen dicken

Rotweinfleck aus Estella hat, eine gültige Fahrkarte für vier

Personen ist? Dass die Spanier kein Englisch sprechen, hät-

te uns ja auch mal jemand erzählen können. Es ist einfach

hoffnungslos, keiner konnte uns zur Hilfe eilen, niemand.

Und die ganze Horde der anderen jungen Reisenden war auf

einmal verschwunden. Er hat uns rausgeworfen, in irgend so

einem Nest, was auf unserer Karte gerade noch so verzeich-

net war: Medina del Campo. 14 Stunden saßen wir auf dem

Bahnhofsvorplatz in der Sonne. Wenn ich die Finger spreize,

dann sieht man schon das Weiße in den Zwischenräumen.

Heute Nacht nach Portugal. Wenn wir zu viert sind, nerven

wir uns ganz schön an. Hanna behauptet, sie hätte kein Geld

mehr, und Lasse, dass er zu dick ist, deswegen haben uns die

beiden jetzt eine Olivenöl-Tomaten-Diät verschrieben. Toll.

11. August 2000, Lissabon. Meine Füße tun weh, aber die

Stadt ist einfach ein Traum. Wir haben unser Lieblingscafé,

in dem wir immer frühstücken. Die Leute reden so witzig

hier. Lasse hat Blasen an den Füßen und hat sie sich aufge-

24

stochen. Vielleicht sollten wir ihm Sandalen schenken. Oder

Badelatschen. Hanna hat mir heute Nacht erzählt, dass sie

mit meinem Exfreund geknutscht hat. Ich hätte ihr am liebs-

ten ins Gesicht gespuckt aber wir sind irgendwie zu erschöpft

und zu denkfaul, um uns ordentlich zu streiten.

15. August 2000, Gibraltar. Ich hätte es wissen müssen.

Simon ist einfach der größte Verplaner der Welt. Dass er

keine Karte lesen kann und Fahrpläne nur mit Mühe, ist ja

fast noch niedlich. Und dass seine Brille ständig dreckig ist,

stört mich auch nicht mehr so doll wie am Anfang. Aber wie

zum Teufel kann dieser Vollidiot seinen Reisepass nicht mit-

nehmen? Schlimmer noch, er besitzt gar keinen, hat er uns

seelenruhig heute Morgen gestanden. Ich dachte, ich spinne,

echt. Marokko ade. So ein Penner. Nach Madrid in die Bot-

schaft müssten wir. Das Ticket nehm’ ich mal lieber an mich.

Von Gibraltar aus kann man Afrika sehen. Na gut, erahnen.

War wohl nix.

17. August 2000, Granada. Alles vergessen. Granada hät-

ten wir wahrscheinlich einfach übergangen, wenn wir nach

Marokko gefahren wären. Ich bin echt für alles entschädigt,

Granada ist Arabien für Anfänger. Teestuben, Wasserpfeifen,

Orangenbäume, orientalisch wirkende Gebäude, leckerste

Falafel, viele Marokkaner, die einem irgendeinen Scheiß an-

drehen wollen. Und so billig alles. Hier bleiben wir.

LRB 2’04


20. August 2000, Nizza. Für den chronisch finanziell klam-

men Interrailer ist Nizza leider zu teuer. Es gibt kaum kleine

Läden und Straßenverkäufer. Schnell wieder in den Zug, wei-

ter in die Stadt der Liebe!

21. August 2000, Paris. Seit drei Tagen sind wir nur noch

im Zug. Tag und Nacht. Oder halt am Bahnhof. Es stinkt,

die Züge sind immer voll, entweder kotzt jemand oder hat

gekotzt oder wird kotzen, so riecht es zumindest. Die Fenster

sind verrammelt und niemand schert sich um Raucher und

Nichtraucher. Simon und Lasse sehen aus wie ein Häufchen

Elend. Ganz grün im Gesicht. Keine Ahnung, wann wir das

letzte Mal was Ordentliches gegessen haben. Melone. Melo-

ne. Melone. Mal Baguette, aber das Geld reicht einfach für

gar nichts mehr. Mein einer Rock rutscht jedes Mal bis in

die Kniekehlen, wenn ich den Rucksack aufschnalle. Cooler

Nebeneffekt eigentlich.

22. August 2000, Freiburg. Es sind nur noch zwei Stun-

den, dann sind wir zu Hause. Die Rückfahrt war der Horror.

Ab Paris hat es geregnet. Und ich habe so einen Hunger,

unglaublich. An meinen Beinen pellt sich alles und meine

Klamotten werden nicht mehr sauber.

1. Oktober 2000, Heidelberg. Heute kam eine Postkarte

von Carlos aus Valencia. Er kommt nächsten Monat nach

Deutschland. Interrail mit Paco, seinem besten Freund. Die

werden frieren. Ich freu’ mich krass auf die beiden. Hoffent-

lich bringt Carlos einen Schinken mit. Lecker Jamón. Gute

Nacht.

So geht Interrail

Das letzte große Abenteuer in Europa“ wird auf der Website

versprochen: Mit dem Interrail-Ticket quer durch Europa.

Schon seit 1972 soll so „Europas Jugend zusammengeführt

werden“. Dazu werden benachbarte Länder in Zonen eingeteilt.

Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn und Kroatien bilden zum

Beispiel eine solche Zone, insgesamt ist Europa in acht Zonen

aufgeteilt. So lässt sich bei einem kurzem Trip Geld sparen.

LRB 2’04

Ricarda „Küken“ Otte

bis 25 Jahre über 25 Jahre

eine Zone, 16 Tage 210 € 299 €

zwei Zonen, 22 Tage 289 € 409 €

alle Zonen, 1 Monat 399 € 559 €

Noch mehr Informationen findet Ihr im Internet unter

à interrail.net. Das Ticket lässt sich an allen Fahrkartenschaltern

und Reisebüros der Bahn kaufen, natürlich auch elektronisch

auf à bahn.de.

Seit 1986 ist Spanien Mit-

glied der Europäischen Uni-

on. 39,3 Millionen Menschen

leben in der konstitutionellen

Monarchie, das Staatso-

berhaupt ist König Juan

Carlos I. In Spanien wird

Kastilisch (das „normale“ Spanisch), Galizisch, Katalanisch

und Baskisch gespochen. Die Halbinsel wird vom Atlantik

und vom Mittelmeer umschlossen, das Inland ist von Gebir-

gen (Sierra Nevada, Kastilisches Scheidegebirge usw.) und

Sí/no Ja/nein

Holá Hallo

Buenos días Guten Tag.

Me llamo... Ich heiße...

Muchísimas grácias Herzlichen Dank

Me cobra, por favor? Kann ich bitte zahlen?

¡No me jodas! Spinn nicht rum

¿Estamos perdidos completamente, nos

puede ayudar,por favor?

¿Dónde está el pabellón de futból,

por favor ?

¿Para llegar al museo del Prado, por

dónde hay que girar?

S P A N I E N

Tomo un filete de pollo

con patatas fritas.

Wir haben uns verlaufen, könnten Sie

uns bitte helfen?

Wo ist bitte das Fußballstadion?

Um zum Museum Prado zu kommen, wo

müssen wir entlang?

Ich nehme ein Hühnerfilet

mit Pommes.

der Kastilischen Hochebene geprägt. In Spanien kann man

prächtig Urlaub machen und essen: Wer einmal eine richtige

Paella probiert hat, in der großen Pfanne über dem offenen

Feuer zubereitet, wird sein Leben lang davon schwärmen.

Umstrittener Nationalsport ist der Stierkampf, doch die

berühmten Stierkämpfer, die Toreros, sind Superstars wie

sonst nur die Fußballer. Sehenswürdigkeiten sind zum Bei-

spiel die Alhambra in Granada (ein maurischer Palast) und

der Prado in Madrid, das spanische Nationalmuseum.

25


Stammesführerin Kukkis, Jemiina (ein Wölfling) und Meutenführerin Anna.

Aina valmiina!

Finnisch für „Allzeit bereit“. Auch im hohen Norden gibt es natürlich Pfadfinder.

Der im Winter unerläßliche Ofen in der Jurte bleibt im Sommer gleich drin...

Im Land der tausend Seen, zwei Millionen Saunas und einer

halben Millionen Sommerhütten wohnen fünf Millionen

Finnen. Von denen sind gut 75 000 Pfadfinder in einer unab-

hängigen Organisation, „Suomen Partiolaiset ry – Finlands

Scouter ry“. Der schwedische Name verrät vielleicht, dass

es um die Pfadfinder Finnlands geht. Finnland ist ein zwei-

sprachiges Land, 94 % der Bevölkerung sprechen Finnisch

als Muttersprache, 6 % Schwedisch. Das Land ist ungefähr so

groß wie Deutschland und in 18 Bezirke unterteilt.

Ich bin Anna, 21 Jahre alt und komme aus dem Bezirk

Häme. Mein Stamm heißt Pirkkalan Pirkot, gegründet im

Jahre 1955 und benannt nach unserem Heimatort Pirkkala,

der im südlichen Finnland in der Nähe der Stadt Tampere

26

liegt. Ich bin in meinem Stamm als Meutenführerin tätig. Ich

habe mit meiner Freundin Kukkis (die auch im Bild zu sehen

ist) die Meute Kärpät geleitet, der Name beudetet „die Her-

meline“. Unsere Meute wurde im Herbst 2001 gegründet.

In Finnland fangen die Wölflinge im Grundschulalter an,

also etwa mit sieben Jahren oder mit der ersten Klasse. Nach

drei Jahren, also mit neun oder zehn, tritt man zu den Jung-

pfadfindern über. Im nächsten Herbst wird Kukkis mit einer

neuen Meute weitermachen, ich möchte mich dann eine Jun-

gengruppe mit Zwölf- und Dreizehnjährigen widmen.

In meinem Heimatort Pirkkala gibt es zwei Stämme. Un-

ser ist für die Mädchen, der andere, klar, für die Jungen. Die

wöchentlichen Treffen finden getrennt statt, Lager und Aus-

LRB 2’04


fl üge machen wir aber alle zusammen. Diesen Sommer ha-

ben wir ein großes Ereignis, nämlich unseren Finnjamboree,

Tarus, von 28. Juli bis zum 5. August. Das Finnjamboree ist

unser Bundeslager, das alle acht Jahre veranstaltet wird. Zum

Tarus kommen rund 11 000 fi nnische Pfadfi nder und etwa

1 000 Pfadfi nder-Gäste, zum Beispiel aus Großbritannien,

Schweden, Deutschland, Österreich aber auch aus Ländern,

die weiter entfernt sind: aus den USA und aus Neuseeland.

Unsere beiden Stämme bekommen Gäste aus Dänemark.

Das ist es gerade, was ich an der Pfadfi nderei so toll fi nde:

das man Pfadfi nder aus der ganzen Welt kennen lernt, Leute,

mit denen man ähnliche Meinungen und Interessen teilt, die

schnell zu Freunden werden können.

Über die Pfadfi nder bin ich auch zur Expo 2000 nach

Hannover gekommen. Ich habe dort als freiwillige Helferin

im Pavillon der deutschen Jugendorganisationen, dem Big-

Tipi, gearbeitet. Drei Wochen lang haben die Pfadfi nder

sich vorgestellt und ein buntes Programm geboten. An dem

Projekt haben auch viele Pfadfi nder aus der ganzen Welt teil-

genommen, aus Island, Ruanda oder der Türkei: wunderbar

multikulti.

In unseren Stämmen gibt es nächstes Jahr auch eine inter-

nationale Aktion, da feiern wir unseren 50. Geburtstag. Ne-

ben einem Jubiläumslager und anderen Festivitäten planen

wir auch, mit den Gruppenleitern nach Alaska zu fahren. Da

kommt man nicht unbedingt einfach so hin, und alltäglich ist

es auf keinen Fall.

Und was machen die Pfadfi nder in Finnland? Wie ist

Pfadfi nderei im hohen Norden? Wir sind viel im Wald un-

terwegs, davon gibt’s ja genug hier bei uns. Die Jungpfad-

fi nder machen neben Wanderungen auch Kanutouren. Dazu

kommen dann natürlich die Sommer- und Winterlager. Und

verschiedene Fahrten und Ausfl üge. Im Sommer schlafen wir

natürlich in Zelten, genau wie auch im Winter. Manchmal

gibt’s über Nacht einen Meter Neuschnee und Temperaturen

unter -20 Grad Celsius. Zum Glück haben wir Kamine in den

Jurten. Im Sommer wird daraus dann natürlich die Lager-

Sauna, mit Ofen und Bänken im Zelt, schließlich sind wir hier

in Finnland.

LRB 2’04

Anna S. Lindholm, Finnland

Finnland mit seinen 5,2

Millionen Einwohnern ist

seit 1995 Mitglied der Eu-

ropäischen Union. Neben

Finnisch wird außerdem

Schwedisch, Samisch und

Russisch gesprochen. Außer-

Auch das Königreich Schwe-

den ist seit 1995 EU-Mitglied.

In der parlamentarischen

Monarchie leben 8,9 Millio-

nen Menschen In Schweden

kann man das Nordlicht se-

hen, auf den Spuren von Mi-

F I N N L A N D

halb des Landes verstehen nur die Esten noch ein wenig fi n-

nisch, mit anderen europäischen Sprachen ist das Finnische

nicht verwandt. Viele Leute tragen ein Stückchen Finnland

mit sich herum: Ein Nokia-Mobiltelefon. Finnland ist größ-

tenteils bedeckt von Tannen-, Fichten- und Birkenwald. Im

Land der tausend Seen (eigentlich 600 00) sind viele Frauen

in Bereichen anzutreffen, in denen sie im übrigen Europa un-

terrepräsentiert sind, zum Beispiel in der Politik (Finnland

hat eine Präsidentin) oder aber bei der Polizei. Finnland lag

beim PISA-Test an erster Stelle. Angeblich gibt es in Finn-

land 2 Millionen Saunas.

S C H W E D E N

chel und Pippi Langstrumpf den Heimatort von Astrid Lind-

gren besuchen, die Zentrale von IKEA ansehen oder gepfl egt

Lachs essen gehen. Den hat man sich im Idealfall bei einer

Kanutour gleich selber geangelt. Im (Nord-) Westen gibt

es ein Hohgebirge, was die Landschaft von der in Finnland

unterscheidet. Unzählige Seen und noch mehr Inseln gibt es

zu entdecken. Berühmt sind die mit roter Farbe gestrichenen

Holzhäuser, die tatsächlich überall zu sehen sind. Und stän-

dig trifft man auf (meist deutsche) Pfadfi nder.

27


Ist die EU ein Pfadfinder?

„Ich will die Natur kennen lernen und helfen sie zu erhalten“ heißt es im Pfadfinderversprechen.

Die Europäische Union sieht das nicht anders ...

Dienstag, 9. März 2003. Ich sitze gemütlich beim Früh-

stück und lese dabei entspannt die Zeitung, die mir frisch

und ungeschminkt die nackte Wahrheit über die neuesten

Entwicklungen in aller Welt auf den Tisch liefert. „Irak

beschließt Verfassung“ steht da. Weltfrauentag ist auch.

Wusste ich gar nicht. „Der Streit um den Naturschutz hält

Schleswig-Holstein in Atem – Regierung will noch mehr Na-

turschutz durchsetzen“. Wie, was? Die Regierung will noch

mehr Naturschutz? Das ist doch gut. Was muss man denn

da durchsetzen? Normalerweise sind es doch wir, die Bürger,

die von der Politik mehr Engagement in Sachen Natur und

Umwelt fordern. Was haben die Menschen in unserem Land

denn gegen Umweltschutz?

Eine ganze Menge. Leider. Bauern, Hoteliers, Kommunal-

politiker, Handelskammern … viele wehren sich dieser Tage

gegen das so genannte NATURA-2000-Programm, das die

28

schleswig-holsteinische Landesregierung auf Geheiß der Eu-

ropäischen Union durchführt. Wieder und wieder ermahnte

Brüssel im Laufe der letzten Jahre das zuständige Umwelt-

ministerium in Kiel, dass es im Land zu wenige ausgewie-

sene Naturschutzgebiete gebe. Seither übertrumpfen sich

Wirtschaftslobbyisten und Bauernverbände mit Parolen und

Horrorszenarien. „Ökodiktatur, nein danke“ heißt es da zum

Beispiel auf einem Schild in Tating im Nationalpark Watten-

meer. Das Thema polarisiert die Menschen. Die Bauern be-

fürchten, dass sie durch das so genannte Verschlechterungs-

verbot in der wirtschaftlichen Entwicklung eingeschränkt

würden. Auch Ausgleichsprämien nützten da wenig. „Uns

wird wieder ein Konzept übergestülpt“, schimpft Theodor Ips

(61) aus dem Wilhelminenkoog im Hamburger Abendblatt,

„und der Mensch ist der Störfaktor.“ Auf der anderen Seite

beziehen die Umweltaktivisten der allseits bekannten Grup-

LRB 2’04


pen wie BUND, Greenpeace und NABU Stellung. Ironischer-

weise stehen sie diesmal geschlossen hinter der EU und der

entschiedenen Landesregierung.

Da Schleswig-Holstein allerdings nicht einmal ein Prozent

der Fläche der Europäischen Union ausmacht, stelle ich mir

unweigerlich die Frage, ob dieses Tamtam auch in anderen

Regionen stattfindet. Muss ja. Ich kann mir nicht vorstellen,

dass unsere Grabenkämpfe ein Unikum sind. Und wofür wird

eigentlich gekämpft?

Bevor ich überhaupt geboren wurde, hatten die Mitglieder

der EU-Vorläufer EWG und EG 1979 mit der Vogelschutz-

richtlinie die Absicht erklärt, dem Naturschutz in ihrer

Gemeinschaft Beachtung zu schenken. Die „Special Areas

of Conservation“ (SAC) der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie

(FFH-Richtlinie) bilden zusammen mit den „Special Protec-

ted Areas“ (SPA) der Vogelschutz-Richtlinie das europäische

Schutzgebietssystem NATURA 2000. Im bürokratischen

Brüssel beschreibt man dies folgendermaßen:

„Die FFH-Richtlinie sieht vor, die biologische Vielfalt auf

dem Gebiet der Europäischen Union durch ein nach einheit-

lichen Kriterien ausgewiesenes Schutzgebietssystem dauer-

haft zu schützen und zu erhalten. Damit wird der Erkennt-

nis Rechnung getragen, dass der Erhalt der biologischen

Vielfalt nicht alleine durch den Schutz einzelner Habitate

sondern nur durch Einbeziehung eines Biotopverbundes,

der den unterschiedlichen ökologischen Ansprüchen der

zu schützenden Arten und Lebensraumtypen gerecht wird,

erreicht werden kann.“

Gerade im Zuge der EU-Osterweiterung soll in diesem Zu-

sammenhang gewährleistet werden, dass gerettet wird, was

noch zu retten ist. Viele Gebiete, zum Beispiel die masurische

Seenplatte, die Hohe Tatra, das Donaudelta und die kurische

Nehrung gehören zu den schönsten und ursprünglichsten

Gebieten des europäischen Kontinents. Als Pfadfinder habe

ich, wie viele unter uns, schon bald nach der Wende fest-

gestellt, dass der „wilde“ Osten einige unschätzbar schöne

Überraschungen birgt. Das beweisen auch die Bundesfahrten

nach Polen und Slowenien sowie die zahllosen Stammes-

und Sippenfahrten in unsere östlichen Nachbarstaaten. Und

gerade dort, wo Armut oder Schwerindustrie der Umwelt zu

schaffen machen – das beste Beispiel dafür ist die Donau

als einer der längsten und wahrscheinlich auch dreckigsten

Flüsse Europas – dort muss die Europäische Union handeln,

bevor es zu spät ist. Da nützt es nichts, ausschließlich Gelder

LRB 2’04

in gut gemeinte Schutzprojekte oder alternative Landwirt-

schaft zu investieren. Der Ansatz der NATURA 2000 kommt

da genau richtig. Bewahren wir gleich ganze Gebiete vor dem

menschlichen Raubbau, Überdüngung und Wirtschaftsinte-

ressen, bevor sie der ökonomischen Gier der aufstrebenden

Volkswirtschaften Osteuropas zum Opfer fallen. Das Gleiche

muss auch vor unserer eigenen Haustür gelten. Obwohl

Deutschland in puncto Umweltschutz weltweit eine Vorrei-

terstellung eingenommen hat, bleiben viele Aufgaben, um

unser bisschen Naturidylle zu retten. Vielen ist nicht klar:

Was einmal verschwindet, ist für immer weg. Ökosysteme

wie das Wattenmeer oder die Hochalpen lassen sich nicht

durch Menschenhand wiederherstellen, wenn es uns wirt-

schaftlich mal wieder besser gehen sollte.

So sitze ich nun an meinem Küchentisch und ärgere mich,

dass sich wieder mal Menschen als Krone der Schöpfung

aufspielen. Nicht nur ärgerlich macht mich so was. Auch

traurig. Dass sich ein Umweltminister, der seinen Job richtig

zu machen versucht und sich für die Umwelt einsetzt, dafür

Nackenschläge von der Öffentlichkeit bekommt. Es liegt auch

an uns Pfadfindern, den Umweltschutz in Europa mehr ins

öffentliche Bewusstsein zu rücken. Mit gezielten Aktionen,

die nicht zwangsläufig dem Klischee vom „Waldschrat“ ent-

sprechen sollten, die aber mal wieder ganz ohne Zweifel un-

sere Verbundenheit mit der Natur festigen und deren Schutz

in den Mittelpunkt stellen. Mir scheint, dass viele das Thema

Umwelt abgenutzt finden, obwohl sie es seit Jahren nicht in

den Gruppenstunden oder als Spielidee auf Lagern verwen-

det haben. Doch liegt das wohl kaum am Thema an sich,

Mehr im Internet

Die Landesregierung Schleswig-Holstein will Lebensräume

erhalten und entwickeln: ànatura2000-sh.de

Das Bundesamt für Naturschutz informiert über NATUR A

2000: àwww.bfn.de/03/0303.htm

Das „Umweltpolitische Manifest“ zur Europawahl von W WF,

NABU, BU ND, Greenpeace und anderen:

à www.foeeurope.org/publications/G8_Manifesto_EP_election_DE.pdf

Einen Ausflug nach Absurdistan bietet der Bericht der Jahreshauptversammlung

der SPD Eiderstedt:

àwww.spd-nordfriesland.de/eiderstedt/index.php?mod=article

&op=show&nr=1670

29


sondern eher an der Haltung, die sich in den letzten Jahren

in der Gesellschaft breit gemacht hat. In Zeiten wirtschaft-

licher Schwäche nimmt das Interesse für Umweltschutz ab,

Arbeitsplätze werden häufig gegen Umweltinteressen aus-

gespielt. Das beste regionale Beispiel dafür war die Zuschüt-

tung des Mühlenberger Lochs in Hamburg-Finkenwerder.

Dieses einzigartige Süßwasserwatt wurde für den Ausbau des

Airbus-Werks „geopfert“. Beim Ausbau des Lübecker Flug-

hafens in die Grönauer Heide hinein soll NATURA 2000 ein

vergleichbares „Bauernopfer“ verhindern. Die Empörung auf

Seiten der Politik und der Wirtschaft ist selbstverständlich

riesengroß. Doch wann ist die Grenze erreicht? Wie lange

können wir so weitermachen wie bisher? Das Traurige ist,

dass jeder die Antwort „eigentlich“ kennt. Aber niemand sie

hören will.

Sponsored by EU

Es gibt Geld. Die Europäische Kommission fördert Jugend-

liche. Ob ein Jahr ehrenamtliche Arbeit im Ausland, ein

spannendes Projekt in vier verschiedenen Ländern oder

wissenschaftlicher Austausch: Für jeden ist etwas dabei. Die

hier aufgeführten Beispiele sollen Mut machen; Mut, etwas

zu erleben, etwas auszuprobieren, Europa kennen zu lernen.

Für Fragen könnt Ihr gern Kontakt mit mir aufnehmen, mailt

an àkueken@bdp-sh-hh.de.

In der Schule: COMENIUS

Dieses Projekt richtet sich an junge Europäer zwischen Ein-

schulung und Abitur. Mitmachen können alle, die irgendwie

in die Bildungsmaschinerie eingebunden sind, neben den

Schülern also auch Lehrer, Assistenten oder Elternvereine.

COMENIUS unterstützt Schulpartnerschaften zwischen ver-

schiedenen europäischen Ländern mit dem Ziel, Sprachen

und interkulturelles Verständnis zu fördern. Davon erhofft

Als politisch denkende Pfadfinder und als aktive Ju-

gendbewegung sollten wir uns zur Aufgabe machen, Um-

weltschutz zu thematisieren. Lauter als bisher und ohne die

Befürchtung, ein Klischee zu bedienen. Denn dafür haben wir

gar keinen Anlass.

Nils Petersen, Stamm Kolibri

Damit Europas Jugend sich begegnet, kennen lernt und den Kontinent bereist,

wird viel getan: Die Europäische Union rockt einiges an Fördergeldern raus.

30

man sich gleichzeitig ein hohes Unterrichtsniveau. Eine

ganze Schulklasse oder auch nur eine Arbeitsgemeinschaft

kann Fördermittel beantragen, um zum Beispiel mit einer

Klasse aus Irland und einer aus Frankreich an einem Projekt

zu arbeiten. Die Gruppen müssen dabei nicht zwangsläufig

aufeinander treffen, viele Projekte laufen über das Internet.

Um Gelder bewerben können sich also deutsche Schulklas-

sen, aber auch einzelne AGs, um gemeinsam mit Klassen

oder Arbeitsgemeinschaften aus anderen Ländern an einem

möglichst Fächer übergreifendem Projekt zu arbeiten.

Minuspunkte: Je nach Projekt und Projektleitern kann es

passieren, dass die Klassen zu Projektbeginn vor vollendete

Tatsachen gestellt werden, ohne am Entscheidungsprozess

teilgenommen zu haben. Alles eine Frage der richtigen Kom-

munikation.

Pluspunkte: So geht Schule: Europa bleibt nicht länger

Landkarte. Schülerinnen und Schüler werden frühzeitig

LRB 2’04


unter Anleitung an das vereinte Europa herangeführt. Sie

werden konfrontiert mit anderen Sprachen und Lebensver-

hältnissen und entdecken, dass bei allen Unterschieden die

Gemeinsamkeiten meist überwiegen.

Nach der Schule: JUGEND

(EVS, Future Capital, Jugendbegegnung)

Das Programm JUGEND der Europäischen Kommission ist

eine wahre Goldgrube und richtet sich an Jugendliche im Al-

ter zwischen 15 und 25 Jahren. Gefördert werden soll die Kre-

ativität und die Eigeninitiative junger Europäer. JUGEND

gliedert sich in fünf Aktionen, die inhaltlich unterschiedliche

Schwerpunkte und Zielgruppen haben. Die drei bekanntes-

ten Maßnahmen sind:

Europäischer Freiwilligendienst

Beim so genannten EFD (auf Deutsch, EVS auf Englisch,

SVE auf Spanisch) verbringen die Teilnehmer zwischen

drei Wochen und zwölf Monaten im europäischen Ausland

und arbeiten an einem sozialen oder ökologischen Projekt

mit. Das kann das Jugendrotkreuz sein, kleine Vereine für

Kultur, Musik oder Sprache, Betreuung von Behinderten,

Alten, jugendlichen Problemfällen. Die EU kommt auf für

Unterkunft, Sprachkurs, Taschengeld, An- und Abreise sowie

Seminare.

Minuspunkte: Die Formalitäten dauern recht lange.

Mehr als ein halbes Jahr vorher sollte der Entschluss gefasst

sein. Als Erstes bewerbt Ihr Euch bei einer Organisation in

Deutschland, die Freiwillige ins Ausland schickt. Diese Orga-

nisation stellt einen Antrag an die EU und sucht nach einem

geeigneten Projekt. Je nach Art des Projektes kann es sein,

dass Ihr vorher Seminare in Deutschland besuchen müsst.

Irgendwann kommt der große Tag, die EU antwortet – und

falls der Topf noch nicht leer war, geht es ab ins Ausland.

Wenn nicht, habt Ihr vielleicht Glück und die Organisation

möchte Euch trotzdem haben und bezahlt… Wer selber aktiv

wird und im Ausland nach geeigneten Projekten sucht, ver-

bessert seine Chancen! Tipps und Tricks verrate ich Euch.

Pluspunkte: Das ist europäisch! In ein anderes Land

ziehen, eine neue Sprache wie von selbst lernen und einen

Haufen anderer Freiwillige aus ganz Europa kennen lernen.

In der Freizeit wird das Land entdeckt und Fremde werden

zu Freunden fürs Leben.

LRB 2’04

In der Slowakei leben 5,4

Millionen Menschen. Die

Slowakei ist eines der zehn

neuen EU-Ländern. Die

Landschaft ist gebirgig,

Tief land (Niedere und Hohe

Tatra sowie Slowakisches

Erzgebirge), zur Donau Kon-

tinentalklima, also warme Sommer und kalte Winter. Früher

war die Slowakei die Waffenschmiede der Sowjetunion, nach

dem Zerfall der Sowjetunion ging auch die industrielle Pro-

duktion auf ein Drittel zurück, dafür gewann der Dienstleis-

tungssektor. Heute produzieren große Automobilkonzerne in

der Slowakei, rund um Bratislava sind Arbeitskräfte knapp,

große Firmen verlegen ihren Osteuropasitz hierhin. Der Os-

ten des Landes hingegen ist strukturschwach, hier liegt die

Arbeitslosenquote bei über 30%. Die Slowaken werben gern

mit den Skigebieten in der Hohen Tatra. Die Zipser Burg

(Spišský hrad) bei Levoča ist eine der größten Burgen Euro-

pas und gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. Auch die

alte Hauptstadt Bratislava, das frühere Preßburg, ist immer

einen Besuch wert. Auf dem Bild: Die Möwie auf der Novy

Most.

S L O W A K E I

Áno/nie Ja/nein

Ďakujem Danke

Dobrý deñ! Guten Tag!

Do videnia! Auf Wiedersehen!

Ahoj/čau Tschüß/ciao

Pardón Entschuldigung

Pohrýzol ma pes. Mich hat ein Hund gebissen.

Prosím si zuámku na list do Nemecka?

Eine Briefmarke für einen Brief nach

Deutschland bitte!

Koĭko to stojí? Wie viel kostet das?

31


Future Capital

Wer nach dem Freiwilligendienst ein eigenes Projekt orga-

nisieren will, kann sich um Future Capital bewerben. Für

so ein gemeinnütziges Projekt könnt Ihr insgesamt 5 000

Euro beantragen. Voraussetzung ist, dass Ihr das Projekt

selbst durchführt und dass es einen Bezug zum abgeleisteten

Dienst hat. Das Projekt kann praktisch überall in Europa an-

gesiedelt sein. Zum Beispiel tourten zwei Mädels durch Eu-

ropas Hauptstädte und drehten einen Film über europäische

Jugendliche auf Reisen. Ein Mädchen hat Märchen aus dem

Amazonas-Urwald ins Schwedische übersetzt, ein Junge lief

den Jakobsweg und dokumentierte die Pilgerfahrt auf einer

Website – und ich habe ein Handbuch für zukünftige Freiwil-

lige in Spanien erstellt.

Minuspunkte: Oftmals bräuchte man doch Hilfe bei Ein-

zelheiten und ist dann sehr auf sich allein gestellt, JUGEND

hilft einem überhaupt nicht, ist nur Geldgeber, die Abrech-

nung muss natürlich auf den Cent stimmen, das ist bei 5 000

Euro nicht ohne.

Pluspunkte: Für eine konkrete Idee können 5 000 Euro

eine ganze Menge Geld sein, mit der sich einiges anstellen

lässt. Anweisungen von Betreuern des JUGEND-Projekts

gibt es so gut wie keine, der Fantasie sind keine Grenzen

gesetzt.

Jugendbegegnung

Nicht für Einzelpersonen gedacht ist die Maßnahme Ju-

gendbegegnung, die sich an Gruppen und Verbände richtet.

Gefördert werden Begegnungen zwischen Jugendlichen aus

zwei oder mehr europäischen Ländern. Da auch die Leiter

aus unterschiedlichen Ländern kommen, ist die Maßnahme

nicht vergleichbar mit der Internationalen Begegnung im

BdP, wo es eine Gastgeber- und eine Gastgruppe gibt. Die

Fördermittel gehen schnell in den fünfstelligen Bereich. Sol-

che Begegnungen werden deshalb meistens von eher profes-

sionellen „Trainern“ und Organisationen durchgeführt.

Nach der Ausbildung:

Europäisches Jahr für Jugendliche

Das EJJ ist ein Berliner Programm, das so oder so ähnlich

auch in anderen Städten und Gemeinden existiert. Jugendli-

che bis zu einem Alter von 27 Jahren, die bereits eine abge-

schlossene Berufsausbildung haben und arbeitslos gemeldet

sind, können sich für dieses Programm bewerben. Das knapp

32

einjährige Projekt zwischen Ausbildung und Berufseinstieg

hat drei Säulen: ein Berufspraktikum im europäischen Aus-

land, ein Sprachkurs vor Ort und beruf liche Weiterbildung.

Jeder Teilnehmer bekommt monatlich 615 Euro Unterstüt-

zung zum Lebensunterhalt sowie die Hin- und Rückreise

bezahlt.

Während des Studiums: Erasmus

Spätestens seit dem Film „L’auberge espagnole“ ist das

Auslandsstudium à la Erasmus kein Geheimtipp mehr. Das

Erasmus-Programm ermöglicht Studenten, meist nach ihrer

Zwischenprüfung, für ein oder zwei Semester ins europäische

Ausland zu gehen. Das Erasmus-Stipendium deckt die anfal-

lenden Studiengebühren an der ausländischen Hochschule

und darüber hinaus noch etwa 100 Euro für den Lebensun-

terhalt. Das ist zwar erschreckend wenig, aber dafür besteht

eine Partnerschaft zwischen den beteiligten Universitäten

und es wird selten Probleme mit Anerkennung von Studien-

leistungen geben. Außerdem ist Erasmus mittlerweile so

akzeptiert, dass es fast überall Gruppen gibt, die einem bei

der Wohnungssuche und beim Anschluss ans anfangs frem-

de Nachtleben helfen. Das Programm richtet sich aber nicht

nur an Studenten, sondern fördert auch den Austausch von

Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern. Auch bei

diesem Programm muss man sich sehr rechtzeitig bewerben,

zwei Semester im Voraus sind nötig. Dass ein Studienauf-

enthalt nicht nur dazu dient, den Lebenslauf aufzupeppen,

muss hier wohl nicht extra erwähnt werden. Die Liste der

Pluspunkte scheint unendlich …

Hier geht’s weiter

Ricarda „Küken“ Otte

Die Website der deutschen Agentur des EU-Aktionsprogramms

JUGEND verlinkt auf eine ganze Reihe von speziellen Seiten,

die genauestens über die Programme informieren. Nicht nur

offizielle Stellen kommen zu Wort sondern vor vor allem

Jugendliche, die schon an solchen Programmen teilgenommen

haben. àwebforum-jugend.de

Auf der offiziellen EU-Seite gibt es eine Übersicht über alle Finanzierungsprogramme

für allgemeine und berufliche Bildung:

àeuropa.eu.int/comm/education/programmes/programmes_

de.html

LRB 2’04


Total global

Globalisierung, Neoliberalisierung, Zivilgesellschaft und Wertewandel in einem

Artikel: Eine kurze Übersicht

Ein Gespenst geht um: Die Globalisierung

Globalisierung wird der fortschreitende Prozess einer sich

zunehmend vernetzenden Welt genannt. Wenn in fußball-

feldgroßen Schiffen Millionen Container mit allen erdenk-

lichen Gegenständen durch die Welt schippern, wenn ein

Auto nicht in einer Fabrik sondern in zehn Fabriken in zehn

Ländern produziert wird, wenn wir E-Mails austauschen mit

Freunden in der ganzen Welt, wenn man überall Schokolade

kaufen kann, wenn im Supermarkt ganzjährig Zitrusfrüchte

liegen. Das ist Globalisierung. Da ist was drin.

Die ganze Welt kommuniziert miteinander, kauft sich

gegenseitig Waren ab, kooperiert, gründet internationale

Organisationen. Der technische Fortschritt macht’s mög-

lich: Flugzeuge verbinden die großen Städte der Welt, über

Datenleitungen rauschen Sprache, Bilder und Dateien. Bevor

der Begriff Globalisierung sich in den Neunzigern etablierte,

sprach man gerne und überall vom Informationszeitalter.

Jederzeit kann eine Entscheidung getroffen werden, virtuell

kann jeder – und hier geht es los mit den Problemen, denn

nicht jeder hat eine Telefonleitung im Garten liegen – von

überall an der Welt teilhaben.

Dieses Phänomen erweckt also bei den einen Angst und

bei anderen Zuversicht. Die eigentliche Frage ist aber, wie

die Welt, wie Staaten, wie wir den Globalisierungsprozess

gestalten.

Neoliberalismus ist für alle da

Rasante technologische Fortschritte in der Computer- und

Informationstechnik haben die weltweiten Kommunikati-

ons- und Kooperationsmöglichkeiten drastisch verändert

und der Zusammenbruch des sozialistischen Systems in

Osteuropa hat zu einem Wandel von einem politischen Sys-

temwettbewerb zwischen Kapitalismus und Sozialismus zu

einem ökonomischen Standortwettbewerb nahezu aller Staa-

ten miteinander geführt. Auch dahinter steckt eine Ideologie:

der Neoliberalismus. Die Idee ist, dass die Staaten sich mög-

lichst raushalten aus dem Kreislauf der Wirtschaft, sie nicht

einschränken durch Zölle oder Importquoten. Ganz automa-

tisch suchen sich die Investoren dann arme Länder, in denen

es Rohstoffe und billige Arbeitskräfte gibt. In den reichen

LRB 2’04

Ländern konzentriert man sich auf Spezialgebiete, die armen

Länder sollen durch die Investitionen einen wirtschaftlichen

Aufschwung erfahren, Geld und Technologie sollen ins Land

kommen, es soll bergauf gehen. Dieser globale Wettbewerb

erzeugt einen ungeheuren Druck auf Länder und Regionen.

Ausgabefreudige Regierungen werden diszipliniert und be-

schränken sich auf das Notwendigste: Es wird gekürzt. Bei

allem, was nicht primär dem wirtschaftlichen Wettbewerb

dient. Es ist weniger Geld in den Kassen, es geht den Sozial-

leistungen an den Kragen, der Kinder- und Jugendhilfe.

Viele Länder sind so arm, dass sie auf fremde Hilfe ange-

wiesen sind. Die sollen sie bekommen können, die Industrie-

nationen der Welt haben für diese Zwecke den internationa-

len Währungsfond (IWF) eingerichtet. Er vergibt Kredite an

diese Länder, die dafür bestimmte politische Auf lagen erfül-

len müssen. Damit sie von der neoliberalen Globalisierung

profitieren können, müssen sie ihre Märkte öffnen, öffentli-

che Ausgaben zurückfahren, ihre Exporte erhöhen, westlich

geprägte Sozial-, Rechts- und Staatssysteme fördern und

einführen. So hat der IWF, dessen ehemaliger Chef Horst

Köhler bei diesem Zeitgeist vielleicht nicht zufällig Bundes-

präsident geworden ist, die Sozial- und Wirtschaftspolitik

vieler Länder zentral gestaltet.

Das Gegenteil zur Marktöffnung, die Abschottung des

Markts, nennt sich Protektionismus. Genau das machen

die Industrienationen sehr gerne: Die Europäische Union

beschützt ihre Bauern vor den Bauern anderer Länder, die

ihre Produkte billiger anbieten können. Sonst würden die

europäischen Bauern abhängig vom Weltmarkt, sie müssten

sich dem internationalen Wettbewerb stellen. Und würden

verlieren: Ihre Produkte sind zu teuer. Die armen Länder

stehen vor dem Problem, dass sie keine andere Wahl haben.

Haben sie Pech, können die eigenen Bauern im Wettbewerb

nicht mithalten. Andere Bauern schicken ihre Waren in das

Land, die Bauern werden arbeitslos, in den ganz armen Län-

dern sind aber die meisten Menschen noch Bauern, oder

vielmehr: dann arbeitslos. Natürlich gilt Ähnliches auch für

einfache Fabrikarbeiter. Eine schier endlose Kette von Ver-

knüpfungen: Auch das ist Globalisierung.

33


3,5 Millionen Menschen le-

ben Litauen. Und seit dem 1.

Mai auch in der Europäischen

Union. Die Landessprache ist

Litauisch. Das ist wie Let-

tisch eine baltische Sprache;

Estnisch dagegen zählt zu

den finnougrischen Sprachen, dem Finnischen ähnlich; kei-

ne der Sprachen ist mit dem Slawischen – wie Russisch oder

Polnisch – verwandt. Slawische und baltische Sprachen ge-

hören wie auch Deutsch zu den indoeuropäischen Sprachen,

die finnougrischen Sprachen bilden eine eigene Gruppe, zu

der in Europa noch Ungarisch gehört. Das Landschaftsbild

zeichnen Hohe Sanddünen (die Kurische Nehrung), seenrei-

che Hügelketten im Norden, Sümpfe und Moore. Das Klima

ist kontinental: warme Sommer, kalte Winter. Die größte

Stadt ist Vilnius, die nördlichste Barockstadt jenseits der Al-

pen (siehe Bild oben) und eine beliebte Filmkulisse. Litauen

hat die höchste Selbstmordrate Europas. Und die geringste

Inflation, minus 1,1 Prozent – hier steigt der Geldwert. Unter

anderem produziert IKEA hier Möbelfertigteile. Der Westen

des Landes ist geprägt durch hanseatische Einflüsse, im Os-

ten finden sich polnische Kulturelemente. Typische Speziali-

tät sind Pilze und Maronen.

34

L I T A U E N

taĩp/nè Ja/nein

Ãčiű! Danke

Labà dienà Guten Tag

Lãbas Hallo

Adé Tschüss

Atsiprašaũ! Entschuldigung!

Àš nóriu válgyti. Ich habe Hunger.

Ačiű űţ kretímą! Danke für die Einladung.

Kóks taĩ muziçjus

Was ist denn das für

ein Museum?

Globalisierungskritik

Gegen die Globalisierung zu sein, hieße, das Rad zurückdre-

hen zu wollen. „Hört mal bitte alle auf, euch dauernd E-Mails

zu schreiben“, zum Beispiel. Niemand hat das ernsthaft vor

(religiöse Splittergruppen ausgenommen). Die Kritik richtet

sich vielmehr gegen Ungerechtigkeiten, die im Zuge der Glo-

balisierung passieren. Weltweit organisierte und vernetzte

Gruppen wie Attac weisen darauf hin, dass der Neolibera-

lismus den armen Ländern bisher nicht den erhofften Auf-

schwung gebracht hat sondern ganz im Gegenteil, alles noch

sehr viel schlimmer gemacht hat, als es ohnehin schon war.

Die Weltbevölkerung wächst rapide an, immer mehr

Menschen kämpfen um die Ressourcen der Erde. Dabei le-

ben wenige Menschen im reichen Norden der Erde in Saus

und Braus, während der Rest der Welt am Hungertuch nagt.

Diese ungerechte Verteilung ist nur schwer zu verändern, der

Norden möchte sich nicht von seinem Wohlstand trennen.

Würden die Ansprüche der restlichen Welt verwirklicht,

käme es unweigerlich zur ökologischen Katastrophe: Mutter

Erde gibt soviel nicht her. Oder besser: Schon heute schädigt

die Industrie nachhaltig die Umwelt, verpesten Millionen

Autos die Luft, sterben Wälder, kippen Meere.

Mit welchem Recht aber werden Großteile der Weltbevöl-

kerung einfach von Wohlstand und Bildung ausgeschlossen?

Das weitere Wachstum der Weltbevölkerung kann nur

kontrolliert werden, wenn Bildungs- und Wohlstandswün-

sche der armen Länder, einhergehend mit der Emanzipation

der Frau, erfüllt werden. Das alles, ohne die Erde ökologisch

vollends zu überlasten. Und während über dieses komplexe

Problem nachgedacht wird, geht die Schere zwischen Arm

und Reich weiter auf, wächst die Bevölkerung in armen Län-

dern rasant.

Mehr wissen

Verschieden Texte über Globalisierung, internationale Handelsabkommen

und Globalisierungskritiker finden sich in

dem Taschenbuch „Unsere Welt ist keine Ware“ von Christine

Buchholz, Anne Karrass, Oliver Nachtwey und Ingo Schmidt.

Es ist im Verlag Kiepenheuer und Witsch erschienen und kostet

9,90 Euro.

Viele Firmen verkaufen längst keine Produte mehr sondern

nur noch ein „Image“. Wie große Konzerne sich die Globalisierung

zu Nutze machen erklärt Naomi Klein in ihrem Buch

„No Logo“. Erschienen als Paperback im Riemann-Verlag für

18 Euro.

LRB 2’04


Demokratie

Der wachsende Einfluss der Wirtschaft stellt für den mo-

dernen Sozialstaat und unsere Demokratie eine ernsthafte

Herausforderung dar. Wie kann der einzelne Bürger noch

Entscheidungen beeinflussen, noch mitwirken am Gemein-

wohl? Die globalisierte Welt braucht Institutionen, Verbände

und Organisationen, die dem Einzelnen helfen, Einfluss zu

nehmen.

Dem Sektor von Nicht-Regierungsorganisationen wird aus

Expertensicht deshalb zunehmend sozial-anwaltschaftliche

Bedeutung beigemessen, so auch den PfadfinderInnen-Orga-

nisationen. Ansonsten droht Verdruss, der Einzelne kehrt der

Politik den Rücken und sieht lieber fern, alles zu kompliziert,

sowieso nix zu machen. In den Vereinigten Staaten zum Bei-

spiel engagieren sich die Bürger in ihren „communities“, sie

organisieren und verwalten viele Dinge ihres Umfelds (etwa

Schulen) selbst, sie halten „townhall meetings“ und stimmen

über Themen ab, die sie konkret betreffen. Die Partizipation

von Bürgern, die sich vernetzen, die sich organisieren, die

für ihre Interessen eintreten und das Zusammenleben mit-

gestalten, all das fällt unter das Stichwort Zivilgesellschaft.

Auch Pfadfinder sind Teil dieser engagierten, interessierten

Öffentlichkeit.

Gerade jetzt, wo Kommunen das Geld ausgeht und sich

der Staat mehr und mehr aus sozialen Bereichen zurück

zieht, gilt es, eine breite Öffentlichkeit nicht abzuschrecken

sondern zu motivieren. Das ist ohne Frage schwierig. Einer-

seits zieht sich der Staat zurück, andererseits fordert er mehr

Eigenverantwortung und mehr Eigeninitiative.

Der amerikanische Soziologe Richard Sennett hat die

Ansprüche der globalisierten Wirtschaft an den Menschen so

zusammen gefasst: „Bleib in Bewegung, geh keine Bindung

ein und bring keine Opfer!“ Und Studien belegen, dass viele

Menschen diesen Leitspruch längst übernommen haben. Der

Wertewandel findet statt (im LRB 1’03 gab es einen Artikel

über die Shell-Jugendstudie mit einem ganz ähnlichem

Thema): Weg von einer solidarischen, dauerhaft-verbindli-

chen Auffassung hin zu Individualisierung und egozentrisch

orientierte Hyperflexilibität. Gleichzeitig braucht die Zivilge-

sellschaft mehr denn je Menschen, die sich engagieren und

Verantwortung übernehmen.

Hannes Clausen, Stamm Reinholdsburg

Ole Reißmann, Stamm Waldreiter

In der parlamentarischen

Monarchie (Staatsoberhaupt

ist Königin Margrethe II.) le-

ben 5,4 Millionen Menschen.

Seit 1973 ist Dänemark in der

EU. Dänemark gliedert sich

in das Festland (die Halb-

insel Jütland) und in 483

Inseln (97 bewohnt) sind.

Auch die Färöer zwischen

Schottland und Island sowie

Grönland gehören zu Däne-

mark, sind aber weitgehend

autonom und gehören nicht

zur EU. Jütland liegt zwi-

schen Ost- und Nordsee, die

D Ä N E M A R K

Landschaft ist flach und dünenreich. Das Klima ist mild, die

Sommer warm und oft regnerisch. Dänemarks Wahrzeichen

ist die kleine Meerjungfrau, die im Hafen von Kopenhagen

die enge Verbindung zum Meer symbolisiert. Und auf er gan-

zen Welt spielen Kinder mit Lego. Typisch Leckereien sind

Pølser (Hot-Dogs), Rote Grütze und Salzlakritze.

Ja/nej Ja/nein

Tak Danke

God morgen Guten Morgen

Farvel Tschüss

Hej Hallo

Unskyld Entschuldigung

Hvor kann jeg telefonere? Wo kann man telefonieren?

Det smager godt! Das schmeckt gut.

Kom indenfor Komm herein.

LRB 2’04 35


Darf die Türkei Europa sein?

Die Türkei möchte der EU beitreten. Italien unterstützt das Vorhaben, in Deutschland

wird öffentlich diskutiert. Was spricht dagegen, was spricht dafür?

Auf dem letzten Bundeslager im Jahr 2001 befanden sich

unter den etwa fünfhundert ausländischen Gästen sage

und schreibe 120 türkische Pfadfinder. Ein enorm großes

Kontingent, das sich aus Stämmen aus Istanbul und Konya

zusammensetzte und, aufgeteilt in fünf Gruppen, in

den verschiedenen Unterlagern bei BdPlern einquartiert

wurde. Die anderen Freunde aus dem Ausland gingen bei

dieser Präsenz fast unter, Marokkaner, Mazedonier, Südafrikanerinnen

und alle anderen standen in einem mächtig

großen Schatten. Die Türken waren einfach überall. Und

dennoch taten sie sich reichlich schwer mit der Integration.

Bereits im Vorfeld war bis wenige Tage vor dem Lager

keine verbindliche Zusage über Teilnahme oder Absage aus

der Türkei zu hören. Statt zu den täglichen Unterlagerbesprechungen

zu gehen, hatten sie ihren eigenen Lagerrat,

bei dem sich die fünf Gruppenleiter und der Kontingentsleiter

regelmäßig trafen und Deutsche keinen Zutritt hatten.

Statt im eigens errichteten „Globokauf“ Umsatz zu machen,

ließen sie sich jeden Tag mit Lebensmitteln aus dem

hundert Kilometer entfernten Frankfurt versorgen. Statt

die Möglichkeit des gemeinsamen Arbeitens zu nutzen,

bestanden sie auf getrennten Küchen und nahmen somit

auch die getrennte Einnahme der Mahlzeiten in Kauf. Die

Sippen gingen im Alleingang auf Hajk, die Kommunikation

brach nach wenigen Tagen aufgrund mangelhafter Englischkenntnisse

ab. Daraufhin verzogen sich die türkischen

Jungs zumeist in ihre ohnehin unschönen Plastikzelte oder

tobten mit ihren Genossen aus anderen Unterlagern über

die staubigen Wege zwischen Kirschbaum und Altenberg.

Zum Frust der deutschen Sipplinge, die dem Problem der

Versorgung mit Holz und Wasser allein gegenüberstanden.

Die erzwungen wirkende, freundliche Verabschiedung

nach zehn gemeinsamen Tagen auf engstem Raum konnte

leider nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier doch ganz

offensichtlich vehemente Kulturunterschiede aufeinander

geprallt waren. Unvorbereitet und ohne gemeinsame

Sprache war diese Konstellation leider von vornherein zum

Scheitern verurteilt. Kein Wunder also, dass seither jeglicher

Kontakt zwischen deutschen und türkischen Pfadfindern

zum Erliegen gekommen ist. Der Plan für erneute

gegenseitige Besuche liegt erstmal auf Eis.

36

Auf dem letzten Bundeslager im Jahr 2001 befanden sich

unter den etwa fünfhundert ausländischen Gästen sage

und schreibe 120 türkische Pfadfinder. Ein enorm großes

Kontingent, das sich aus Stämmen aus Istanbul und Konya

zusammensetzte und, aufgeteilt in fünf Gruppen, in

den verschiedenen Unterlagern bei BdPlern einquartiert

wurde. Die anderen Freunde aus dem Ausland gingen bei

dieser Präsenz fast unter, Marokkaner, Mazedonier, Südafrikanerinnen

und alle anderen standen in einem mächtig

großen Schatten. Überall auf dem Lagerplatz konnte

man die fröhlichen Jungen mit ihren rot-weißen Halstüchern

antreffen. Allein schon auf Grund der Kontingentgröße

mussten sich die Türken sehr gut organisieren. Mindestens

einmal am Tag trafen sich die fünf Gruppenleiter

und der Kontingentsleiter zu internen Besprechungen, um

ihre Bedürfnisse auf dem Lager abzustimmen. Wie viele

andere deutsche Stämme auch hatten sie zum Beispiel beschlossen,

das mangelhafte und überteuerte Angebot des

„Globokaufs“ abzulehnen. Glücklicherweise konnte an dieser

Stelle ein mit einem Teilnehmer verwandter Lebensmittelhändler

aus dem benachbarten Frankfurt helfen. Er

versorgte die 120 Pfadfinder mit ihnen bekannten Speisen

und Getränken. Auch bei der Zubereitung ließen ihnen die

Gastgeber freie Hand, um religiösen und geschmacklichen

Unterschieden gerecht zu werden. Trotz ihrer sprachlichen

Unsicherheiten trauten sich die türkischen Sippen

sogar ohne Begleitung auf den ausgeschriebenen Hajk.

Und mit ihren roten Zelten brachten sie etwas mediterrane

Farbe in den ansonsten von tristem Schwarz geprägten

Lagergrund. Lachend und umherstromernd waren

sie bald auf allen Wegen und Plätzen anzutreffen, so dass

man nie lange suchen musste, um die einzelnen Sipplinge

an Lagerdienst oder Programmbeginn zu erinnern.

Nach zehn wunderbaren Tagen fiel dementsprechend der

Abschied schwer. Die ansonsten zurückhaltende Art der

Gäste brach nun in Umarmungen und Abschiedstränen

aus. Schade, dass beide Seiten seither die ausgezeichneten

Beziehungen vernachlässigt haben. So unterhält der BdP

zwar weiterhin Kontakte zum türkischen Dachverband,

die Stämme allerdings räumen Versäumnisse in der

gegenseitigen Pflege der Freundschaft ein. Das nächste

Bundeslager wird sie wieder zusammenführen.

LRB 2’04


Hier geht’s weiter

Es gibt viele Informationen im Netz zum Thema EU-Beitritt der

Türkei. Die offizielle Stellungnahme der Bundesregierung gibt’s

zum Nachlesen unter àbundesregierung.de

Eine abschreckend plakative Diskussion findet statt auf der

Seite: àfdp-bundesverband.de

Und nach den politischen Standpunkten hier Links zu Sachinformationen

und Analysen: àspiegel.de/politik/deutschland

àdw-world.de/german àtagesschau.de

Wie unterschiedlich doch Erfahrungen sein können. Und

wie unterschiedlich auch Meinungen gemacht werden. Was

hier im kleinen Rahmen des letzten Bundeslagers zeigt, wie

Stimmungen über die türkische Teilnahme entstehen kön-

nen, spiegelt im Ansatz die Diskussion wider, die seit Jahren

über einen möglichen Beitritt der Türkei zur Europäischen

Union geführt wird. Befürworter wie Gegner versuchen,

durch unterschiedliche „Fakten“ Argumente gegeneinander

auszuspielen. Im Kleinen wie im Großen liegt die Wahrheit

aber meistens irgendwo dazwischen. Am 14. April 1987 hat

die Republik Türkei ihren Beitritt zur EU beantragt. Sie hat

zwar den Status eines Beitrittskandidaten, die Aufnahme of-

fizieller Verhandlungen zwischen der Union und der Türkei

scheiterte jedoch bisher an den fehlenden politischen und

wirtschaftlichen Voraussetzungen. Nicht zuletzt wegen der

600 000 türkisch-stämmigen Deutschen, die spätestens seit

der Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft durch die

rot-grüne Koalition ein interessantes Wählerpotenzial sind,

steht das Thema nunmehr auf der Tagesordnung der deut-

schen Politik. Mehr als eine Milliarde Euro will die EU bis

2006 bereitstellen, um die Türkei an die Union heranzufüh-

ren. Sie erwartet dafür aber zugleich substanzielle Fortschrit-

te in Politik und Wirtschaft – und einen Abzug der Türkei

aus dem geteilten Zypern. Es geht ferner um die Bekämpfung

der Folter, die Übernahme der Rechtsprechung des Europäi-

schen Gerichtshofs für Menschenrechte und die Achtung der

Grundfreiheiten. Ende des Jahres entscheiden die jetzt 25

Staaten der EU, ob die Union Beitrittsverhandlungen auf-

nimmt oder nicht. Bis dahin werden die Politiker noch viele

Schlammschlachten austragen. Bundeskanzler und Außen-

minister werben für Verständnis und Offenheit gegenüber

der reformfreudigen Türkei, die Opposition stellt sich mit

ihrer momentanen Mehrheit bei Wählern und im Bundes-

rat dagegen. In vielen Umfragen wird derzeit versucht, die

Meinung der deutschen Bevölkerung zum Thema EU-Beitritt

der Türkei einzufangen. Die Ergebnisse liegen zwischen 54 %

dafür (TNS Infratest für den „SPIEGEL“) und 79 % dagegen

(n-tv online) und zeigen, dass vermeintliche Fakten oftmals

nur Instrumente sind. Macht Euch also selbst ein Bild und

betrachtet die Argumente der verschiedenen Parteien skep-

tisch. Ein so wichtiges Thema sollte niemand den Stammti-

schen überlassen. Seid wach und mischt Euch ein.

zuverlässiger Partner in der

Nils Petersen, Stamm Kolibri

Argumente pro und contra

LRB 2’04 2‘04 37

NATO

Verbindungsland zwischen

Europa und dem Nahen Osten

Positive wirtschaftliche

Wachstumsprognosen

Wichtiger deutscher Handels-

partner

Lösung des Zypernkonflikts

wird innerhalb der EU

leichter

Würdigung der Reformleis-

tungen unter der Regierung

Erdogan

Direkter Zugang zu Öl aus

dem Kaukasus

neben Israel einzige stabile

Demokratie des Nahen und

Mittleren Ostens

Befürchtete Landflucht und

Massenemigration nach

Deutschland

Bevölkerungsreichstes Land

der EU hätte Kräftever-

schiebung zur Folge

Missachtung der Men-

schenrechte und Zensur

Kurdenverfolgung und

Folter in Gefängnissen

EU-Außengrenze zu Irak

und Iran

Militärdominanz und

Putschgefahr

Islamische Tradition entge-

gen christlicher Werte im

restlichen Europa

Kriminalität und Gefahr

durch islamische Funda-

mentalisten

Sicherheitszuwachs durch

Brücke zur islamischen Welt Armut

Gebot der Fairness und Auf-

hebung der Wartestellung

Befürchtung einer innertürki-

schen Krise bei Abweisung

Deutsche und Türken leben

bereits eng zusammen

Beitritt zieht weitere Staa-

ten nach sich (z. B. Ukraine,

Moldawien)

Aufnahmefähigkeit der EU

ist erschöpft / Befürchtung

der „Übersättigung“

33% der Türken arbeiten

in der Landwirtschaft und

hätten Anspruch auf Sub-

ventionen


Aarhus

Aberdeen

Alghero

Ancona

Bari

Bergerac

Berlin-Schönefeld

Biarritz

Birmingham

Blackpool

Bologna (Forli)

Bournemouth

Bradford

Brindisi

Bristol

Carcassonne

Cardiff

Charleroi

Cork

Derry

Dinard

Disneyland

Dublin

Düsseldorf

East Midlands

Edinburgh

Eindhoven

Erfurt

Esbjerg

Faro

Frankfurt-Hahn

Friedrichshafen

Gatwick

Genoa

Girona-Barcelona

Gothenburg

Graz

Haugesund

Jerez

Karlsruhe Baden

Kerry

Klagenfurt

Knock

La Rochelle

Leipzig-Altenburg

Limoges

Linz

Liverpool

Lübeck

Luton

Malaga

Malmo

Manchester

Milan-Bergamo

Montpellier

Murcia

Newcastle

Newquay

Nimes

Palermo

Paris-Beauvais

Pau

Perpignan

Pescara

Pisa

Poitiers

Prestwick

Reus (Salou)

Rodez

Rome (Ciampino)

Salzburg

Shannon

St. Etienne

Stansted

Stockholm

Tampere

Teesside

Torp

Tours Loire Valley

Trieste

Turin

Valladolid

Venice Treviso

Verona Brescia

Europaknoten STN

Nächtliche Begnungen auf dem Flughafen Stansted: Rucksacktouristen

aus der ganzen Welt. Und das eigene Gewissen.

Nacht für Nacht stranden junge Europäer (und

natürlich auch viele andere Menschen, aber da-

rum geht’s hier nicht) auf dem Flughafen Lon-

don-Stansted, dem Hub der Billigfluglinie Ry-

anair. Stansted liegt wie eine Spinne im Netz.

Statt viele Direktverbindungen anzubieten,

fliegt Ryanair von Flughäfen in ganz Europa

vor allem nach Stansted. Von dort geht es dann

weiter. Auch Germanwings, Air Berlin, Buzz,

go oder easyJet nutzen Stansted. Die billigsten

Flüge, oft nicht mehr als dreißig Euro inklusive

aller Gebühren, gehen natürlich in den späten

Abend- und den frühen Morgenstunden. Da-

zwischen liegen eine Nacht, sechs, sieben, acht

Stunden bis es morgens weiter geht.

Ruhig liegt der Flughafen da, hinter der

riesigen Glasfassade ein dunkles Nichts. Ei-

gentlich ist der Ort vollkommen egal, es gibt

wenig Anhaltspunkte für das Land, in dem der

Flughafen liegt. Die Sprache so universal wie

die Wegweiser und Hinweisschilder. Der Kaffee, die Zeitung,

alles wird in Euro bezahlt. STN ist vollkommen autark, eine

Raumstation, eine leuchtende Blase, mitten im Nirgendwo.

Der Flughafen wurde entworfen von Norman Foster, ei-

nem der Vorreiter in Sachen schlichter Eleganz mittels Glas

und Stahl. Von ihm ist auch das Commerzbank-Hochhaus in

Frankfurt am Main und die Kuppel auf dem Reichstagsge-

bäude in Berlin. Die Technik tritt im STN-Gebäude in den

Hintergrund, zuerst wurde an die Passagiere gedacht, an

Kommunikationsstrukturen, wie es heißt. Alles befindet sich

in einer riesigen Halle, von der aus die Passagiere über lange

Gänge zu den Flugzeugen gelangen. Ständig werden neue

Module angebaut, neue Gänge angelegt, alles kein Problem.

Es ist vor allem sehr weitläufig, sehr sauber und sehr ruhig.

Der Bustransfer in die Stadt dauert rund neunzig Minu-

ten, ist aber billig. Die Bahn schafft’s bedeutend schneller,

ist aber teurer. Der ultimativen Fahrkomfort im Taxi kostet

schon ein kleines Vermögen. Man bleibt also auf der Raum-

station. Wie hunderte andere auch. Eine genaue Zahl ist

schwer abzuschätzen, zu groß das Gebäude. Es können mehr

LRB 2’04


als tausend sein. Längst sind alle Sitze, alle Bänke belegt. Die

Rucksacktouristen packen Decken aus, Schlafsäcke, Kopfkis-

sen. Bücher, MP3-Player, ein Kartenspiel. Dahinten spielen

welche Gitarre, da fl iegt ein kleiner Ball durch die Luft. Für

ein paar Stunden sitzen sie hier alle fest. Nicht alle schlafen.

Zwei Reisende haben einen Zettel über sich an die Wand

gehängt: „We’ve got 9 hours to kill, please talk to us!“ Man

lernt sich kennen, schlägt die Zeit tot. Beobachtet, wie das

Reinigungspersonal den Boden wischt. Den sauberen Boden

noch mal wischt. Irgendwann machen die kleinen Läden zu,

die Kaffeebar, der Zeitungsstand. Zeit für Skrupel.

„Schnall mal nach London für neue Klamotten – kann

man was dagegen haben?“ fragen der Bund für Umwelt- und

Naturschutz und zahlreiche andere Organisationen auf ei-

nem Flugblatt, und liefern natürlich auch gleich die Antwort

mit. Wer mal eben kurz nach Mallorca jettet, erzeugt soviel

Kohlendioxid, wie ein Auto über ein ganzes Jahr rauspustet.

Eindringlich warnen Umweltschutzverbände vor den schäd-

lichen Auswirkungen des gigantischen CO 2-Ausstoßes. Und

subventioniert wird auch noch, gewerblicher Flugverkehr ist

von der Mineralölsteuer, der Ökosteuer und bei internationa-

len Verbindungen auch von der Mehrwertsteuer ausgenom-

men. Und da ein Flugzeug auch noch einigermaßen bequem

und vor allem wahnsinnig schnell ist, können Alternativen da

nicht mithalten.

Die Summe, die hier nicht an Steuern gezahlt wird, lässt

sich ausrechnen. Das Ergebnis ist seine sehr große Zahl. Frag-

lich natürlich, ob entsprechend teurere Flugtickets genau so

begehrt wären. Genau darauf zielen die Umweltverbände ab.

Fliegen ist billiger als Bahn fahren. Mehr Menschen können

es sich leisten, quer durch Europa zu jetten, von City zu City

zu hoppen. Bis 2015 soll sich das Flugaufkommen verdop-

peln, sagen die Umweltschützer, zwei Drittel des Mehrauf-

kommens fällt auf die Billigfl ieger.

Abwägen, Ausreden suchen, das übliche Spiel mit dem

Gewissen. London ist nur Zwischenstopp. Ich will ja woan-

ders hin. Ich will Freunde treffen, überall in Europa. Keine

Zeit für die ausgedehnte Interrail-Europaentdeckungsreise.

Ohne den Billigfl ieger geht das nicht. Die Versuchung ist

groß. Sehr groß, ich bin gefl ogen, ich fl iege wieder. Aber nicht

als Pfadfi nder.

LRB 2’04

Ole Reißmann, Stamm Waldreiter

Auf dem Bild: Dachkonstruktion Flughafen Stansted (pixelquelle.de).

V E R E I N I G T E S K Ö N I G R E I C H

Großbritannien (England,

Wales, Schottland) und Nor-

dirland bilden das Vereinigte

Königreich. Seit 1973 sind

seine 59 Millionen Einwoh-

ner auch EU-Bürger. Wali-

sisch und Gälisch sind neben

Englisch regionale Amtssprachen. Das Staatsoberhaupt der

parlamentarischen Monarchie ist Königin Elisabeth II. Die

Hauptstadt London mit seinen 7,2 Millionen Einwohnern

ist eines der drei wichtigsten Kultur- Handels- und Finanz-

zentren der Welt. Das Königreich hat eine zerklüftete Küste

und besteht zu mehr als zwei Dritteln aus Mittelgebirgen

und Hochland. Im 19. Jahrhundert war das Empire vorherr-

schende Weltmacht. Bekannt ist England für seine vielen

Regentage, jeder zweite Tag ist rein rechnerisch bedeckt.

Außerdem bekannt sind Sherlock Holmes, der Fünf-Uhr-Tee

und der britische Humor (auch vertreten durch Monthy Py-

thon und Mr. Bean).

Das Großherzogtum mit

gleichnamiger Hauptstadt

wird von 451 000 Menschen

bevölkert. Luxemburg ist

eines der sechs Gründungs-

länder der Europäischen

Union. Staatsoberhaupt ist

natürlich der Großherzog, ansonsten wird alle fünf Jahre

das Einkammernparlament gewählt. Gesprochen wird Hoch-

deutsch, Französisch und Lëtzebuergesch (Moselfränkisch).

In Luxemburg leben viele Portugiesen, insgesamt 37 % der

Luxemburger stammt aus einem anderen Land. Viele Eu-

ropäische Organisationen sind hier angesiedelt. Luxemburg

exportiert Chemie- und Metallerzeugnisse. Auch der Dienst-

leistungssektor ist weit entwickelt. Aufgrund wirtschaftlicher

Stabilität ist Luxemburg ein großer Bankenstandort. Im Mo-

seltal wird Wein angebaut.

L U X E M B U R G

39


Hannes (lacht)

Landesleitung privat, Folge 16: Per Telefon

zu Gast in Hannes Hängematte.

Hannes Clausen ist seit der Landesversammlung des letzten

Jahres Landesvorsitzender und hat zuvor so ziemlich alles

gemacht, was bei den Pfadfi ndern zu holen ist. Aber was tut

er eigentlich, wenn er sein Tuch mal nicht umhat? Gibt es

ein Leben nach der Vorstandssitzung? Und warum kann er

eigentlich so gut tanzen?

Guten Abend, Hannes, wobei hab’ ich dich denn gerade gestört? (Anm. d.

Red.: Hannes und Interviewerin Miri wohnen 300 Kilometer voneinander

entfernt, der Klönschnack fand deshalb über Telefon statt.)

Moin! Also, so richtig gestört hast du mich nicht, wir haben

uns ja schließlich verabredet! Aber ich habe gerade die Lan-

des-Homepage aktualisiert, bin ja auch Webmaster. Und

E-Mails hab ich beantwortet, mein PC ist nämlich nach einer

Explosion zum Glück wieder heil, und jetzt hab ich da einiges

nachzuholen.

Oha, aber du hast hoffentlich alles Wichtige retten können von deinen

Dateien?

Ja, da bin ich auch sehr froh drüber, ohne das Ding wäre

ich ziemlich aufgeschmissen! Da hab’ ich alles drauf, bin ein

Freund des digitalen Speichers …

Dann nehme ich mal an, dass du in deinem Arbeitszimmer sitzt. Beschreib

das doch mal für die werte LRB-Leserschaft!

Das ist ja genau genommen mein Schlaf- und Arbeitszimmer,

aber das ist ja das Gleiche (lacht). Das ist aber gar nicht mein

Lieblingszimmer, ich möchte lieber mein Wohnzimmer be-

schreiben.

Dann beschreiben sie doch einfach mal, Herr Cheffe!

LRB 2’04


Also, in meinem Wohnzimmer bin ich am liebsten, da lieg’ ich

gern in der Hängematte, um Musik zu hören und zu lesen.

Und um in die Glotze zu gucken?

Nee, so viel Fernsehen schau’ ich gar nicht. Nur manchmal

zum Essen, das ist sonst ja langweilig, so in einem Single-

haushalt (lacht).

Das stimmt wohl. Aber sag mal, bevor wir noch weiter über dein Privat-

leben sprechen – einen Abstecher zu den Pfadfindern müssen wir schon

machen. Jetzt alles aufzuzählen, was du schon gemacht hast, würde wohl

noch bis morgen früh dauern, aber erzähl doch mal, was dir bisher am

meisten Spaß gemacht hat!

Oh, da muss ich überlegen. (Überlegt sehr lange.) Das ist

schwer, kann ich gar nicht so sagen, mir hat eigentlich fast

immer alles Spaß gemacht. Aber vielleicht solche Aktionen

wie das Landespfingstlager 2002, SFT/KfG, das letzte Bun-

deslager … Ob mir etwas Spaß macht oder nicht, hängt im-

mer sehr von den Leuten ab, die mitmachen. Ich kann mich

sogar bei Vorstandssitzungen totlachen, weil wir zurzeit so

ein schönes Team sind, das ich sehr mag.

Und hast du dir schon weitere Ziele gesetzt – was kommt in der Pfadfin-

derkarriere nach dem Amt des Landesvorsitzenden?

Ich glaube, dieser Posten reicht erstmal (lacht). Aber wie

gesagt, das hängt eben immer alles sehr von den Leuten ab,

mit denen ich zusammenarbeiten könnte. Das kann ich jetzt

deswegen noch gar nicht so sagen.

Und wie verdienst du dir deine Brötchen? Dass du inzwischen Diplom-Psy-

chologe bist, wissen ja einige, aber was machst du eigentlich genau?

Ich bin im Moment Doktorand und wissenschaftlicher Mit-

arbeiter an der Uni-Klinik in Kiel. Da arbeite ich seit einem

Jahr an einem Forschungsprojekt mit, und ich denke, dass

ich nächstes Jahr meinen Doktor fertig habe … Außerdem

gebe ich nebenbei noch Seminare, zum Beispiel beim Kreis-

jugendring Rendsburg-Eckernförde oder an der Uni in Ham-

burg.

Mensch, das ist ja ’ne ganze Menge. Und das noch mit der vielen Pfadfin-

derarbeit, wird das nicht irgendwann mal etwas zu viel?

Nee, ich fühl’ mich wohl so. Ich bin jemand, der immer ne-

benbei noch etwas Anderes machen muss, und das gefällt mir

auch. Ich mag Herausforderungen und brauche auch oft ein

volles Programm. Ich glaube, da habe ich diese typisch deut-

sche Mentalität, möglichst fleißig zu sein (lacht). Aber ich hab

inzwischen gelernt, Grenzen zu ziehen und sag’ auch oft mal

„nein“ zu einem Angebot oder zu einer Aktion. Außerdem

gleicht sich das alles aus: Das Grübeln und das Theoretische

LRB 2’04

im Beruf bringen mir Spaß, und die Seminare und Pfadfin-

derarbeit sind dann die perfekte praktische Ergänzung.

Dann sind wir ja beruhigt. Wie bist du eigentlich auf die Idee gekommen,

Psychologie zu studieren, da sind doch hoffentlich nicht die Pfadfinder

dran schuld, oder?

(Lacht) Doch, sind sie! Ich war als Pfadfinder bei einem

Lehrgang in Rendsburg und hatte da Kontakt zu Pädagogen

und Psychologen. Danach war mein erster Wunsch sofort,

Sozialpädagoge zu werden. Aber ich hab’ mich dann doch

lieber für Psychologie entschieden, das ist mehr etwas zum

Nachdenken als zum Anwenden.

Okay, das ist ja alles schön und gut. Aber wir sind ja hier bei „LL privat“

– wie findet man denn eine Freundin, wenn man ihr andauernd erklären

muss, dass man mal wieder auf einen aufs Pfingstlager fährt oder sich die

Nächte mit Vorstandssitzungen um die Ohren schlägt?

Na ja, es ist natürlich schon von Vorteil, wenn die Freundin

auch bei den Pfadfindern ist, denn die sind mir wichtig im

Leben. Die Pfadfinderei hat mich schon geprägt, und das ist

dann wohl schwierig nachzuvollziehen, weshalb ich so viel

Zeit und Arbeit da hineinstecke, wenn man das nicht kennt.

Und wie sieht es im Moment bei dir aus? Hast du jemanden gefunden, die

das nachvollziehen kann?

Ja, hab’ ich! Meine Freundin heißt Wibke und wohnt auch

in Hamburg, aber ich hab sie ausnahmsweise nicht bei den

Pfadfindern kennen gelernt – allerdings ist sie beim Jugend-

bund Hamburg, also ist ihr die Pfadfinderschiene zum Glück

nicht fremd (lacht). Kennen gelernt hab’ ich sie in der Uni,

und wir haben uns unter dem Vorwand, dass wir uns über

Jugendarbeit austauschen wollen, getroffen …

Also doch wieder: das Ehrenamt als Anmachhilfe … Das macht allen

LRB-Lesern Mut! Aber sag mal, wie kann man sich eigentlich ein Wo-

41


chenende ohne Arbeit und Pfadfi nderei bei dir vorstellen? Gibt es so was

überhaupt?

Oh ja, das gibt’s! Letztes Wochenende zum Beispiel war ich

mit Wibke am Strand in Travemünde, mit lecker Eis essen.

Und ich grill’ auch manchmal mit meinen Nachbarn hier, das

ist immer sehr nett. Und am Ersten Mai war ich in der Disco,

tanzen.

Oha, Hannes als Discotänzer? Schwingst du regelmäßig das Tanzbein?

Jo! Am liebsten geh’ ich hier in Hamburg in die Minibar und

ins Molotow.

Wenn man sich in deinem Wohnzimmer umschaut und z. B. die Fotos aus

Ecuador sieht, merkt man, dass du gerne reist. Welche Ziele reizen dich

denn noch besonders?

Mein letzter Urlaub ging nach Marokko, und ich könnte mir

gut vorstellen, mal nach Chile zu fahren. Ich fi nde Südame-

rika faszinierend, die Mentalität und die Kultur gefallen mir

total, die Natur, das Kunsthandwerk, die Musik … (Hannes

gerät ins Schwärmen.)

Das hört sich ja richtig sehnsüchtig an – kannst du dir vorstellen, mal in

Südamerika zu leben?

Ich habe schon so eine Spinnerei, in den nächsten Jahren mal

ins Ausland zu gehen, hier ist das Leben so hektisch. Schön

wäre es, irgendwo zu sein, wo es warm ist, zum Beispiel in die

USA oder nach Australien … Mein Bruder ist nach England

gezogen, und das bewundere ich sehr, sich völlig auf eine

andere Kultur einzulassen. Ich glaub’, ich würde aber wieder

hierher zurückkommen.

Also kein Alterswohnsitz in Südamerika?

Nee, das wäre ja kompliziert mit der Rente!

Dann bin ich ja froh, dass du uns erstmal noch erhalten bleibst! Vielen

Dank für das Gespräch!

42

Miriam Sandabad, Stamm Kolibri

Die Insel Zypern ist geteilt

in den türkischen Norden

und den griechischsprachi-

gen Süden. Nur der südliche

Teil ist seit Mai Mitglied der

Europäischen Union. Bei ei-

nem Volksentscheid stimmte

die Mehrheit der griechischsprachigen Zyprioten gegen eine

Wiedervereinigung Zyperns, während der türkische Norden

dafür war. In der Präsidialrepublik leben 804 000 Menschen,

davon 80 % Griechenzyprioten und 20 % Türkischzyprioten.

Frühling und Herbst sind kurz, der Sommer dafür umso län-

ger. Im Winter lässt sich auf Zypern Ski fahren, im Sommer

kann gewandert werden.

Malta teilt sich auf in drei

Inseln im Mittelmeer: Gozo,

Comino und Malta. In Malta

leben so viele Menschen wie

in Kiel und Lübeck zusammen

minus Pinneberg, also rund

400 000. Gesprochen wird

Z Y P E R N

M A L T A

Maltesisch, eine dem arabischen ähnliche Sprache. Aufgrund

der britischen Besatzung und vielen Emigranten aus Sizilien

und Italien sprechen die meisten Malteser auch Englisch und

Italienisch. Der größte Arbeitgeber ist die zweitgrößte Werft

Europas, daneben lebt Malta von europäischen Firmen, die

hier aufgrund von Steuervorteilen produzieren (Playmobil,

Rodenstock) und traditionell von Fischerei, Landwirtschaft

und Tourismus: Einerseits eine reizvolle Landschaft, ande-

rerseits aber alte Bauten, die dem UNESCO-Weltkulturerbe

angehören und Maltas aufregende Geschichte dokumentie-

ren: Römer, Araber, die Kreuzritter vom Jonhanniter-Orden,

Franzosen und Briten, sie alle hielten die Inseln einmal be-

setzt, bis sie schließlich 1964 unabhängig wurden.

LRB 2’04


Öffne die Augen

Kinderkram oder Fremdenfeind? Drei kurze Besuche auf deutschen Schulhöfen.

LRB 2’04

Ein Jungenklo an einer Hauptschule in Wedel.

Zweite große Pause. Benni und Tim rauchen heimlich

die Zweite-große-Pause-Zigarette.

T I M . Mann, Mathe hat eben echt wieder genervt. Wenn der

Poller die Arbeit wirklich so krass macht, dann kack ich ab!

B E N N I . Alter, heul nicht so rum, dann schreiben wir eben

vom Karsten ab, der peilt das doch eh nicht, und der Poller

erst recht nicht.

T I M . Hast ja recht. Ey, haste gemerkt, wie Karsten heute

wieder rumgeschleimt hat? „Das heißt aber Pythagoras, nicht

Pytoguras“ … Wenn ich den schon sehe, das Weichei – tota-

ler Arschkriecher! Der wartet auch immer nach Bio auf die

Schultze und zeigt ihr seine Hausaufgaben oder so’n Scheiß.

B E N N I . Ich hab den letztens mit seiner Mutter beim

Einkaufen gesehen. So sieht der auch aus, wie ’n richtiges

Muttersöhnchen!

T I M . Und mit Cihan und Timur hängt der auch manchmal

rum und schleimt sich an die ran, von wegen Hausaufgaben

erklären und so …

B E N N I . Na, die haben das ja aber auch nötig, verstehen

doch eh nichts, immer nur Döner, Döner …

T I M . Da ist mir sogar der Schleimer Karsten noch lieber

als die beiden Türken. Die tun so, als ob sie was Besonderes

wären mit ihrem Stotterdeutsch.

B E N N I . Mein Vater sagt immer, die nehmen einem die

Arbeit weg und schnorren sich nur durch – kann ich mir bei

denen auch gut vorstellen …

Szenenwechsel.

Ein Klassenzimmer in einer Gesamtschule in Essen.

Die Lehrerin stellt eine neue Schülerin vor.

F R A U D O R P . So, das hier ist Kalina, sie ist gerade aus

Stettin hierher gekommen und kann deshalb noch nicht so

gut Deutsch. Helft ihr doch ein bisschen, vielleicht kann sie

euch dafür ja ein bisschen Polnisch beibringen.

K I R A . (leise) Das ist ’ne Polin? Die hab’ ich mir immer ganz

anders vorgestellt. So blass und mit Straßenköterhaaren …

L O U I S E . Na ja, vielleicht hat sie ja Verwandte in Schweden

oder so. Die blonden Haare finden Philipp und die anderen

bestimmt wieder toll …

K I R A . Na super, erst sollen wir ihr Deutsch beibringen, weil

sie zu blöd ist, um es selbst zu lernen, und dann schnappt sie

uns auch noch die Jungs weg, oder wie? Warum ist die über-

haupt hergekommen? Soll sie doch in Polen bleiben. Gibt’s

da keine Schulen, oder wie?

L O U I S E . Jetzt, wo Polen auch zu Europa gehört, kommen

die doch alle hierher, haben meine Eltern letztens noch ge-

sagt bei den Nachrichten. Kein Wunder, ich würde da drüben

auch nicht bleiben wollen! Da gibt es doch echt nix.

K I R A . Nee, da wird man nur beklaut! Hoffentlich zockt uns

die Tusse hier nichts weg, sonst werd’ ich echt wild.

Szenenwechsel.

Ein Schulhof in einer Realschule in Freiburg.

In der Geschichtsstunde sollen Referate verteilt werden.

H E R R M E Y E R . Dann wäre ja nur noch das Thema „Wi-

derstand“ übrig. Wer möchte das denn übernehmen? Nele

und Giulia vielleicht?

N E L E . (leise) Nee, das kann der sich abschminken, mit der

mach’ ich das nicht zusammen! Dann kommt sie wieder an

und will mich zu sich nach Hause einladen, schöne Scheiße,

mit ihrem Knoblauchgestank.

H E R R M E Y E R . Was hast du gesagt, Nele? Lauter, ich

kann dich nicht verstehen, du musst schon die Hand vom

Mund nehmen.

N E L E . Ich hab’ gesagt, dass ich kein Referat mit der da zu-

sammen machen will.

H E R R M E Y E R . Aber weshalb denn? Ihr müsst ja keine

beste Freundinnen sein, so ein Referat ist doch nichts Gro-

ßes.

N E L E . Mit der will ich auch gar nicht befreundet sein, dann

dauert das ja ewig, bis man mal was schafft, so viel, wie die

redet. Außerdem, wieso soll ich ausgerechnet mit ihr was zu

„Widerstand“ machen, die Italiener haben doch auch ganz

schön mitgemischt mit ihrem Mussolini. Da kann sie ja mal

von erzählen, weiß sie doch bestimmt ganz gut!

Miriam Sandabad, LB Wölflinge,

43


Das Abendprogramm: Orcé (im schlecht sitzenden Anzug) gibt Nachhilfeunterricht

in Sachen Gutes Benehmen.

So wird das gemacht

„Unüberwundbar – Menschen mit Behinderungen“ hieß das Thema der 52. Landesversammlung,

das in großen Lettern über der Bühne prangte.

Gegenrede und Geschäftsordnungsantragantrag, Sitzungs-

unterbrechung, geheime Wahl, persönliche Stellungnahme,

die Liste ließe sich fortsetzen: Wo so viele engagierte Ehren-

amtliche aufeinander treffen, mit viel Elan, mit vielen Ideen,

da fliegen mitunter die Fetzen, nicht einmal Jugendverbände

bleiben davon verschont. Meinungsverschiedenheiten blei-

ben nicht aus, es wird vordergründig diskutiert, im Hinter-

grund werden die Mehrheiten organisiert.

Die Landesversammlung im malerischen Schleswig (3.–4.

April) hingegen hat wieder einmal gezeigt, wie die jungen und

schönen Pfadfinderinnen und Pfadfinder aus dem Landesver-

band Schleswig-Holstein/Hamburg so eine Vereinssitzung

gestalten. Keine Skandale, keine endlosen Diskussionen um

sinnentleerte Worthülsen. Stattdessen Sorgfalt und Ernst, wo

sie geboten waren, und ansonsten heiter bis freundlich.

Bis auf die findige Frage, ob eine Enthaltung auch wirk-

lich eine Enthaltung sei – oder vielleicht doch eine Ja- oder

Nein-Stimme. Es folgten zahlreiche Wortmeldungen von

ausgefuchsten Enthaltungsexperten, was natürlich darauf

44

Der Landesvorsitzende Hannes Clausen (rechts) begrüßt die neuen Mitglieder

der Landesleitung: Silvie Zett, Tine Maaß und Hulle Hilbert.

zurückzuführen war, dass Versammlungsleiter Matthias Pie-

per dem eifrigsten Redner ein Wochenende in der „Pension

Pieper“ in Aussicht gestellt hatte. Herzlichen Glückwunsch

an Axel Neumann, der die Ehre hat, sich in dem feudalen

Anwesen zu vergnügen.

Matthis (LB Wölflinge), Küken (LB Pfadfinder) und Male

(LB Ranger/Rover) sind nach mehrjähriger Tätigkeit von

ihren Posten zurückgetreten, arbeiten aber weiter in den

Stufenteams mit. Die Versammlung dankte ihnen für ihr

Engagement mit endlosen Ovationen. Tine Maaß (Stamm

Geisterburg) kümmert sich nun mit Jonathan um die Pfad-

finderstufe, Silvie Zett (auch Stamm Geisterburg) packt zu-

sammen mit Miri bei den Wölflingen an.

Als neue Stammesführer wurden bejubelt: Sandra Ritter

(Stamm Janus), Holger Behrens (Stamm Waldreiter), Timo

Barfknecht (Kolibri), Lea Heldt (Stamm Domzoo), Timo Zett

(Stamm Geisterburg), Thomas Schönherr (Stamm Betei-

geuze), Axel Neumann (Stamm Möwe) und Julius Wenzel

(Stamm Sachsenwald). Mit diesen Personalien zementierte

LRB 2’04


Willkommens-Geschenke für die neuen Stammesführungen. Landesschatzmeister Martin ist geschafft: Die Kasse stimmt, die Zuschüsse

werden knapper, dem Haushalt fehlt das Geld.

der Landesverband endgültig seinen Ruf, der jüngste im

ganzen Bund zu sein. Einige aufstrebende Persönlichkeiten

haben wir bereits im letzten LRB vorgestellt, einige kommen

in diesem Heft zu Wort.

Neben der formvollendeten Vereinsmeierei galt es, das

Landestreffen zu feiern und zu nutzen. In Arbeitsgruppen

zur Landesaktion „Unüberwundbar“ wurden die Sinne aus-

getestet. Abends dann lockten Jean-Luc und Orcé zu einem

französischen Abend im großen Stil. Essmanieren, Tanzstil,

vollendete Liebesbriefe und die Auswahl der richtigen Gar-

derobe standen auf dem Prüfstand. Zu später Stunde gab

es dann sowohl die große, derbe Singerunde als auch den

besinnlichen Jurtenabend mit Kulturprogramm.

Zahlreiche Aktionen auf Landes- und Bundesebene wur-

den vorgestellt, eine Idee spannender und interessanter

als die andere. Die Delegierten stöhnten beim Blick in den

prallen Terminkalender: So viel zu erleben, so wenig Zeit.

Besonders das Kooperationsprojekt „Entdecke die Macht“

im September, ein Beitrag zur politischen Bildung, sei hier

genannt. Oder die Landessippenaktion „Meilz & Moor“. Am

Rande der Versammlung wurde das Erscheinen des zweiten

Wulfs mit (Kinder-) Sekt begossen.

Der neue Film von Roger Moore über den Plan des plan-

losen Dr. Erichsen, der in gewohnt fachmännischer Manier

über Glasbodenboote, Whale-Watching, Wasserskianlagen

LRB 2’04

und anderweitige großräumige Planungsvorhaben vor Ort im

Wackener Moor dozierte („Das muss alles weg“), rief wech-

selseitig große Heiterkeit und Irritation über die Zurech-

nungsfähigkeit des wagemutigen Zollstockhalters hervor.

Da dieser Bericht sich streng am Schulaufsatz orientiert,

kommen wir chronologisch korrekt nun langsam zum Ende

der Landesversammlung und schließen mit einem Fazit, das

es in sich hat. Alles in allem eine angenehme, vielseitige, hu-

morvolle und impulsgebende Veranstaltung, die beim nächs-

ten Mal ähnlich entspannt und locker abläuft. Oder wie Dr.

Erichsen sagen würde: „’ne feine Sache“"

Lucky Leder und sein dummer Hund

(der Redaktion bekannt)

Versammlungsleitung: Ben und Pieper behalten den Überblick.

45


Kalt war’s auch

Für den Draußenschlafenkurs KfS machten sich Team und

Teilnehmer auf Richtung Zakopane, auch nach Polen.

LRB 2’04


Endlich geht es los! Abfahrt an einem Freitagabend im März

vom Hamburger Hauptbahnhof. Mit 25 Teilnehmern. Die

meisten von uns kannten sich noch nicht, aber schon auf

dem Berliner Ostbahnhof teilten uns die Teamer in Kurs-

sippen ein. Die Fahrt mit dem polnischen Zug war schon

ein Abenteuer für sich: Es gab kein Wasser, und durch die

engen Gänge passten wir mit unseren sperrigen Rucksäcken

kaum durch. Am Samstagmorgen, noch im Zug, startete das

Programm, und nach mehr als zwanzig Stunden kamen wir

endlich in Zakopane an.

Nachdem wir am Sonntag und Montag einige Kurseinhei-

ten zum Thema Fahrt, Recht und Finanzen und Erster Hilfe

absolviert hatten, gingen wir Dienstagmittag auf Fahrt. Die

Teamer hatten ein Gebiet ausgesucht, in dem wir ständig

durch tiefen, matschigen Schnee stapfen mussten. So waren

wir ziemlich alle, am Ende suchten nur noch Peter und Hen-

drik nach einem Schlafplatz. Währenddessen packten Dörty,

Aycke und ich uns in den Schnee und aßen und spielten. Aber

die Jungs hatten einen prima Schlafplatz gefunden und wir

konnten am Mittwoch ausgeruht weiterziehen – mit dem

Bus. Abends kamen wir zusammen mit der Sippe „Eistee mit

Schuss“ in dem für uns reservierten Hostel in einem Natio-

LRB 2’04

nalpark mit grandiosem Ausblick an. Füße eiskalt, abgefro-

rene Finger, aber Stimmung okay. Am dritten Tag war die

Fahrt zu Ende und wir – die Bergbratzen – kamen mittags als

Erste wieder am Lagerplatz an. Abends stellten alle Sippen

ihre dicke Fahrt mit lustigen Darbietungen vor. Während

unserer Abwesenheit war der Schnee geschmolzen, so dass

unsere Kohten unter Wasser standen. Unser toller Sippenpa-

te Mobby hat alles für uns trockengelegt, aber leider hatten

wir nur noch eine Nacht im Zelt. Der nächste Tag war schon

der letzte. Wir bauten ab, packten unsere Sachen zusammen

und stiegen gegen Mittag in den Zug nach Hause. Die erste

Etappe legten wir zusammen mit den Polen zurück, denn ihre

Woche war ja auch um. Mitten in der Nacht trennten sie sich

von uns.

Am Samstag kamen wir alle müde und kaputt in Hamburg

an, wo wir uns nach einem gemeinsamen Abschlusskreis

trennten und alle in ihre Richtungen weiterfuhren. Ich fand

diese Woche anstrengend, aber spitze, weil ich viel über

Fahrten gelernt habe und ganz viel liebe und nette Leute ken-

nen gelernt habe, die ich hoffentlich bald mal wiedersehe.

Alina Lewanczik (Risa)

47


Belgien, 10,3 Millionen Ein-

wohner, ist Gründungsmit-

glied der Europäischen Uni-

on. Das Staatsoberhaupt der

konstitutionellen Monarchie

ist König Albert II. Neben

Flämisch (Niederländisch)

wird Französisch und Deutsch gesprochen. Der Fluss Maas

teilt Belgien in zwei Hälften: Im Norden liegt das Flachland,

im Süden erstrecken sich die Ardennen. Das Klima ist gemä-

ßigt, ähnlich wie in Deutschland. Der Nordwesten grenzt an

die Nordsee, im Nordosten steigt das Land allmählich an. Der

Botrange im Osten, nahe der Grenze zu Deutschland, ist die

höchste Erhebung Belgiens mit 694 Metern. Das Wahrzei-

chen Belgiens, das Atomium (siehe Bild unten), ist in Brüssel

für die Expo 1958 erbaut worden und steht dort immer noch.

Brüssel ist außerdem das „Herz Europas“: Hier haben die

Europäische Kommission und die NATO ihren Sitz. Belgien

ist aber auch für seine Waffeln, feine Schokolade, Fritten, die

Schlümpfe, Tim und Struppi und sein Bier berühmt – und

nicht zu vergessen die beliebte Statue „Männeken Pis“.

48

B E L G I E N

ja/nee Ja/nein

Pardon/excuseerd Entschuldigung

Bedankt Danke

Dag Guten Tag/Hallo

Gezondheid! Gesundheit!

Goede reis! Gute Reise!

Wij hebben ’n plezanten dag gehad. Wir haben einen schönen Tag gehabt.

Is er een vegetarisch gerecht? Gibt es ein vegetarisches Gericht?

Het was heel lecker Das war echt lecker!

Kunt gij dat als cadeau inpakken?

Könnten Sie mir das als Geschenk

einpacken?

Grundkurs

Eine kleine Impression vom diesjährigen

Grundkurs Nord.

Wie schon in den letzten Jahren fand der Grundkurs Nord

auch dieses Mal wieder in Barmstedt statt. Also kehrten ei-

nige Geisterburger der Schule den Rücken, schulterten ihre

Affen und machten sich auf den Weg zur Jugendbildungs-

stätte. Mit dabei waren Thorge, Frauke, Katie, Maiken,

Timo, Tanja, Mel, Benni und Simon. Insgesamt brachte der

Kurs den meisten von uns lehrreiche und schöne Tage, ob-

wohl Mel, Benni und Simon leider schon zwei Tage früher

fahren mussten. Um Euch einen Einblick in einen Kurstag

zu geben, verfasste Timo die folgenden Zeilen.

Ich sitze jetzt zum zweiten Mal auf diesem Kurs in der

abendlichen Singerunde. Die ersten fl üchtigen Bekannt-

schaften werden besser, will sagen: Man kennt die wich-

tigsten Namen und spricht sie auch richtig aus. Neben mir

sitzt zum Beispiel Nicklas aus meiner Runde, der gestern

auch mit am längsten wach war.

Die Kurseinheiten für die einzelnen Stufen haben erst

heute Abend angefangen. War zwar alles noch etwas

zurückhaltend, aber ganz nett. Der Vormittag war dem

Wochenprojekt gewidmet, heute Mittag haben wir erst

ein bisschen rumgekuschelt, danach war ich dann in der

Aktivzeit im Schlamm Rugby spielen. Meine Runde nimmt

am Schokoladen-Projekt teil und auch über die Pädagogi-

sche Konzeption wurden wir schon informiert.

Es sind alle noch ein bisschen fremd, obwohl man, wie

gesagt, hier und da schon Fortschritte macht …

“… a weak arm or a strong for to draw …”

Simon legt die Trommel weg, aber der Gesang klingt

echt knackig. Gute Nacht oder schönen Abend noch.

LRB 2’04


Liebeslustundlachgedichte

Wieder stellen wir ein aktuelles Buch eines Pfadfinders vor. Jan Kaiser schreibt

lustige und charmante Lyrik. Die LRB-Buchsprechung.

„Meine liebe Ingeborg, / ich vermiss dich sehr / Wenn man

doch auf Bohrinseln / nicht so einsam wär! / Ich trag hier

einen gelben Helm / und polier die Pumpen. / Die Kollegen

lachen oft, / die könn’ mich mal, die Lumpen.“

Herzschmerz live von der Bohrinsel – wen berührt so

etwas nicht? Egal ob Liebesleiden oder ein Gespräch am

Kaffeetisch: Wenn man will, reimt sich alles, und Jan Kaiser

schafft es mit feinem Humor, daraus

charmante Geschichten zu machen.

Für jede passende oder gern auch

unpassende Situation im Leben hat

er etwas bereit; sei es zum politischen

Weltgeschehen wie in „Augenbrauen

oder Reim über die ökonomische Not-

wendigkeit der Stabilität einer euro-

päischen Einheitswährung, gedichtet

zu Regierungszeiten von Herrn Dr.

Helmut Kohl (CDU)“ oder zu den in-

timen Gedanken eines Bademeisters:

„Selbsterkenntnis am Beckenrand:

(…) Ich gleiche den Göttern, auf kurz

oder lang / (Gnädiges Fräulein, es

herrscht Kappenzwang!) / wird man

mir steinerne Denkmäler bauen. / (Die Herren hier rechts

und dort drüben die Frauen!)“

Zentral natürlich auch in „Wie Schwech und Pefel“ das

große Thema aller Dichter seit Menschengedenken: die

Liebe. Ihr widmet Jan Kaiser gleich die Hälfte seines Ge-

dichtbands, und dies begründet er im Vorwort selbst auch

ganz ehrlich und überzeugend: „Und ist es nicht tatsächlich

immer die Liebe, das alte Haus, die den Dichtern die Feder

führt? Diese ursprünglichste und stärkste aller Kräfte,

mächtiger als ein übellauniger Vulkan und inbrünstiger als

eine kalbende Nilpferdkuh? Ich denke schon.“

Beispiele und Anekdoten aus der Tierwelt findet man bei

Jan Kaiser ebenfalls zahlreich, also werden Schwöpse erfun-

den und Hühner in die Suppe gesteckt, und der Wissenschaft

und altklugen Literaten setzt er schnodderige Nonsensreime

LRB 2’04

entgegen, die doch irgendwie immer ein bisschen Wahrheit

tragen.

Da mag es einige geben, die sagen, diese Reimerei sei

albern und überflüssig, wahre Gedichte müssten Dramatik

und Tiefgang haben – der Originalität Jan Kaisers tut das

keinen Abbruch. Liebesschwärmerei und Herzschmerz wer-

den ironisch durch den Kakao gezogen, die Pointen gehen

zwar manchmal unter die Gürtellinie,

aber fast immer findet der Leser eine

Situation, die ihm bekannt vorkommt.

Und merkt: Mit einem feinen Reim

sieht das alles gar nicht mehr so wild

aus – oder dann erst recht.

Angst vor Interpretationsdiskus-

sionen braucht Ihr jedenfalls nicht

haben: Auf die im Deutschunterricht

sehr beliebte Methode „Gedichtana-

lyse“ legt Kaiser keinen gesteigerten

Wert, während seiner Schulzeit be-

hauptete er stets, die Dichter dachten

sich nichts bei ihrem Werk oder haben

„sich vollaufen lassen wie ein Eimer

und im Suff diese paar sinnlosen Zei-

len auf einen Streifen Klopapier gekliert“.

Lyrik also mal anders lesen, Gedichte und Lebensweis-

heiten zum Lachen anstatt bedeutungsschwere „Ahas“ und

Stirngerunzel. Poesie zum Anfassen, denn Jan Kaiser ist

auch den Pfadfindern nicht fremd: Als „alter Hase“ vom

Stamm Kolibri las er beispielsweise auf dem Hamburger

Singewettstreit dieses Jahres vor einem überfüllten Audi-

max aus seinem Buch – die Lacher waren auf seiner Seite.

Miriam Sandabad, LB Wölflinge,

Stamm Kolibri

„Wie Schwech und Pefel“ von Jan Kaiser (der nette Mensch

auf dem Foto), mit Illustrationen von Rudi Hurzlmeier,

Knaur Verlag, 160 Seiten, 10 Euro.

49


Roland Fiedler erklärt den Delegierten der 31. Bundesversammlung in Immenhausen das Konzept des Lagerladens. Schleswig-Holstein/Hamburg sitzt rechts in der

ersten Reihe. Am Tisch in der Mitte Christian Rave (Versammlungsleitung), darüber: Axel, Sandra, Lea, Silvie, Hannes, Mobby, Orke und Ole.

Gut, gesund, genussvoll

Die Bundesversammlung unterstützt das Konzept des Lagerladens. In Wolfsburg

wird 2005 ökologisch, vollwertig und preisbewusst gegessen.

Das Bundeslager in Wolfsburg rückt immer näher, die Pla-

nungen nehmen Gestalt an, der Sanitätsdienst diskutiert

die Praxisgebühr, der Programmarbeitskreis will T-Shirts

für alle, Luftbilder des Lagerplatzes werden verteilt. Auf der

zweiten, der „richtigen“ Bundesversammlung 2004, wurden

die Delegierten über den Stand der Planungen informiert,

die Unterlagerleitungen bekamen konkrete Fakten mit nach

Hause. Und es galt, über einen Antrag zu entscheiden.

„Antrag. Die Regelung des Lagerladens und der Verpfle-

gung (soll Bestandteil des Bundeslagerbeitrags werden), ein

Beschluss der 29. Bundesversammlung, wird aufgehoben.

Jedem Stamm muss die Möglichkeit zum selbstständigen

Einkaufen gegeben werden. Wir begrüßen die Idee eines La-

gerladens, sprechen uns aber eindeutig gegen einen Pflicht-

50

beitrag aus. Landesverband Rheinland-Pfalz/Saar.“

Dunkle Erinnerungen werden wach. Der nicht immer

unkomplizierte Globokauf mit seinem nicht immer optima-

len Sortiment. Die schwierige Zusammenarbeit mit einem

professionellen Großhändler. Außerdem die Masse von un-

abhängigen Köchen, die mit Transporten und Kleinwagen

die Parkplätze der umliegenden Supermärkte blockierten.

Die verunsicherte Bevölkerung, die mittags schon kein Brot

mehr kaufen konnte. Der ökologische und ökonomische

Wahnsinn.

„Viele Menschen essen sich dick, dumpf, krank, werden

derart zu verheerenden Vorbildern für ihre eigenen Kinder

– und sie haben nicht einmal Spaß dabei. Sie haben ver-

gessen, wie sie sich ‚natürlich‘ oder sonst wie vernünftig

LRB 2’04


ernähren soll, wie man sich einigermaßen ausgewogen, gut,

lustvoll verköstigt.“

Vor Diskussion und Abstimmung über den Antrag berich-

teten die Bundeslager-Planer von ihren Anstrengungen. Für

den Lagerladen konnte Roland Fiedler gewonnen werden.

Im normalen Leben eröffnet er als Mitinhaber einer Reform-

hauskette im Raum Frankfurt jedes Jahr zwei Läden. Er er-

innert an das Bundeslager Friedeburg 1993, damals sei noch

alles gut gewesen. „Zu dem Standard will ich zurück. Essen

ist wichtig, und richtig essen will gelernt sein.“ Roland erklärt

auch gleich, was er sich darunter vorstellt: Fachbereiche will

er Spezialisten überlassen, der Bäcker backt das Brot, der

Metzger macht die Wurst. Zum Sortiment soll es passende

Rezeptvorschläge geben, damit die die feilgebotenen Lebens-

mittel zu einem schmack- wie nahrhaften Essen werden. Der

Lagerladen teilt sich in vier Bereiche: Discountbereich, Qua-

litätsbereich, Genussbereich und einen Kiosk.

„Nur noch in einem Drittel aller deutschen Haushalte

wird täglich gekocht, je jünger die Leute, je kleiner die Haus-

halte, desto seltener. Und die Aussage ‚Es wird gekocht‘, ist

irreführend. Die Rede ist nur noch von einem Zeitaufwand

von kaum einer halben Stunde für die Zubereitung aller

Speisen eines Tages. Kochen wird von der großen Masse

der Deutschen nicht länger verstanden als der relativ lang-

wierige Prozess des Auswählens, Beschaffens, Zubereitens,

Verzehrens. Wer heute Kochen sagt, meint immer öfter:

Tüten aufschneiden, Büchsen öffnen, Portionsschalen in

Mikrowellen schieben, und nicht von ungefähr sind im Su-

permarkt die Tiefkühlpackungen immer häufiger mit der

Botschaft bedruckt: ‚in 3 Minuten fertig‘, ‚nur 1 Minute Gar-

zeit‘, ‚fix und fertig in 2 Minuten‘.“

Im Discountbereich soll es preiswerte Grundnahrungs-

mittel wie Mehl und Nudeln geben, zu ähnlichen Preisen wie

im Supermarkt, möglichst aber aus ökologischer Produktion.

Gemüse und Kartoffeln müssen nicht unbedingt Hunderte

von Kilometern aus Bayern herangekarrt werden. Das wird

möglich, weil Roland im Vorfeld mit netten freundlichen

Großhändlern und kleinen Anbietern vor Ort verhandeln

will. Die möchten natürlich auch Geld verdienen, aber es sei

möglich, mit den richtigen Leuten zusammenzuarbeiten und

die richtigen Sachen zu bekommen: „Bio-Hirsewürste sind

nirgendwo so billig wie in Wolfsburg“, lacht Roland. Dafür

aber, klar, braucht er einen festen Betrag, mit dem er in die

Verhandlungen gehen kann. Im Qualitätsbereich sollen dann

LRB 2’04

fair gehandelte, ökologische und vollwertige Lebensmittel be-

reitstehen, also Produkte, die über den Minimalstandard der

EG-Öko-Verordnung hinausgehen. Weil auch ein ökologisch

einwandfreies Produkt mit tausend Siegeln und Gütezeichen

nicht unbedingt einer vollwertigen Ernährung zuträglich ist,

wird der Qualitätsbereich höhere Anforderungen an sein

Sortiment stellen. „Sich was zu gönnen“, ist schließlich im

Genussbereich möglich. Hier soll es die feinen (und etwas

teureren) Sachen geben, wie gut gereiften Rohmilchkäse oder

einen edlen Tropfen Wein. Der Kiosk bietet dann natürlich

ein Sortiment aus Snacks an, aber eher nicht die üblichen

Zuckerbomben mit Gensoja. Genuss- und Kioskbereich

sollen etwas Gewinn rausschlagen und den Discount- und

Qualitätsbereich subventionieren. Den Rabatt, den Roland

bei den Großhändlern erhandelt, wird er an die Kunden,

sprich: die Stämme, weitergeben. Insgesamt soll der Laden

kostenneutral arbeiten.

Der Antrag des LV Rheinland-Pfalz/Saar wird schließlich

abgelehnt, pro Person und Tag werden 2,50 Euro des Lager-

beitrags fest fürs Essen verplant. Der Bund unterstützt einen

fairen Kompromiss zwischen Qualität, Preisbewusstsein und

Umweltverantwortung. Für gutes, gesundes und genussvol-

les Essen.

„In steigendem Maße konsumiert

die Mehrheit der Deutschen das

Falsche, zumeist in viel zu großer

Menge, so gut wie immer in mangelhafter

Zusammensetzung, oft in

katastrophaler Qualität.“

Ole Reißmann,

Stamm Waldreiter

Zitate aus: „Tellergericht. Die Deutschen

und das Essen.“ von Ullrich Fichtner,

Deutsche Verlags-Anstalt DVA, München

2004. 240 Seiten, 17,90 Euro.

51


The Moore you know

Das Landespfingstlager 2004 in Wacken: „Dr. Erichsens Plan“ klingt verlockend.

Mit viel Geld werden Siedler in einer Moorkolonie gelockt.

Was braucht man für ein geniales Pfingstlager? Eine tolle

Spielidee – und Dr. Erichsen. Und so fing alles an: Es war

sonniger Freitag in einer wunderschönen stillgelegten Kies-

grube in Wacken. Wacken, einem Ort mit Festivalcharakter.

In eben jeder Exkiesgrube stehen die portablen Plastikluxus-

toiletten schon aufgereiht, in den Waschzelten sprudelt das

kühle Nass durch die ausgesägten Rohrbecken. Noch markie-

ren nur Bänder die künftigen Unterlager, erst vereinzelt ste-

hen Jurten auf dem Platz. Eine Hand voll R/Rs wuselt über

den Platz, weitere Jurten werden hochgezogen, Kochzelte,

erste Kohten. Dort, im Unterlager Hohn, hat der Bau des

Lagertores bereits begonnen. Die zukünftige Moorkolonie

nimmt langsam Formen an, die Pinte ist errichtet, das Zir-

kuszelt steht, ebenso das Pressezentrum. Langsam trudeln

weitere R/Rs auf dem Lagerplatz ein und helfen, die Kolonie

für die Siedler-Sippen vorzubereiten. Als die Sonne den west-

lichen Waldsaum erreicht, schlendern die R/Rs in Richtung

Pinte. Dort ist ein Grill aufgebaut, leckere Speisen belohnen

die Kolonisten, immer mehr Leckereien werden aufgefahren.

Jetzt noch schnell vor Einbruch der Dunkelheit in den Wald,

Holz holen und dann mit vielen alten Bekannten den „Hello

Again“-Abend feiern. Noch ein wenig Gesang und dann ab in

den Schlafsack. Samstag sollte ein langer Tag werden.

Nach einem gemütlichen Frühstück im Stamm kommen

langsam auch schon die ersten Siedler-Sippen in der Moorko-

lonie an und schlagen ihre Koten auf. Die anfangs noch gro-

ßen, freien Flächen werden immer kleiner, die Moorkolonie

52

wächst. Und wird eröffnet, 15 Uhr, Ehrengast: der dänische

König. Anlässlich des hohen Besuches wurden vorher noch

mal ausgiebig das Applaudieren, die dänische Nationalhym-

ne „Smørebrø, Smørebrø røm tøm tøm tøm“ und eine „La

ola“ eingeübt. Dann kam er, auf einem Luxussofa liegend, ge-

tragen von acht Untergebenen. Etwas peinlich: Kein Dolmet-

scher steht zur Verfügung. Publikumsliebling Orke erkennt

die Gunst der Stunde und springt auf die Bühne neben Dr.

Erichsen. Dr. Erichsen, der immer noch ganz aufgeregt ist,

stellt nun sein Besiedlungskonzept und den Wirtschaftsplan

für die Moorkolonie vor. Nach den wichtigsten Erläuterun-

gen werden schon die ersten 180 Torftaler ausgeteilt, aus der

Moorkolonie soll ein Wirtschaftsparadies werden, gesponsert

vom dänischen König. Sechs schwierige Aufgaben galt es zu

lösen, um bei der „Agentur für Lohn und Brot“ eine Arbeits-

kennziffer zu bekommen, ohne die die Arbeitserlaubnis wert-

los wäre. Mit der Arbeitszulassung vermittelt die „Agentur

für Lohn und Brot“ weiter. Es gibt die verrücktesten Sachen,

von Tellerwäschern bis hin zu Massagen ist alles zu bekom-

men, sogar verheiraten lassen kann man sich hier, um Geld

zu bekommen. Die Wirtschaft wächst und wächst, allerdings

kommt es durch die vom Koloniepersonal immer wieder zu-

sätzlich eingebrachten Torftaler zur Inflation.

Später dann der Dorfabend in den Teilkolonien. In Fried-

richsholm zum Beispiel wird der zentrale Lagerbau errichtet,

ein wunderschöner Aussichtsturm, der am folgenden Tag

noch weiter ausgebaut werden sollte. Beim R/R-Programm

LRB 2’04


„Klönen und Frönen“ wird von Fahrten, großen Reisen und

anderen tollen Erlebnissen erzählt. Zusätzlich gibt es um 12

Uhr ein großes Spektakel für Mobby, der nun Geburtstag

hat, und ohne den es das Pfila so sicher nicht gegeben hätte.

Danach starten zum Teil sehr ausgiebige Singerunden in den

Stämmen, was man noch am nächsten Morgen bei einigen

gut erkennen kann. Nach dem Frühstück und der Morgen-

runde im Unterlager versammeln sich alle Kolonisten wieder

um 9 Uhr in der Arena, um sich dort auf das Dorfturnier

vorzubereiten. Wieder mit dabei: der dänische König. Die-

ser war schon am Vortag durch die einzelnen Dörfer Hohn,

Friedrichsholm, Christiansholm und Meggerdorf gestreift,

um das schönste Dorf zu finden. Die Entscheidung für Hohn

(Das Eingangstor! Der zentrale Marktplatz!) fällt knapp aus.

Die besten Kolonisten müssen nun antreten, um ihrem Dorf

Ruhm und Ehre zu bringen, das beste Dorf soll durch Prüfun-

gen in verschiedenen Disziplinen ermittelt werden. Sportli-

che (Völkerball) und künstlerische (Flaggen gestalten) Fähig-

keiten werden geprüft, dann auch noch Pionierskunst (Sänfte

bauen). Letztendlich gewinnt Hohn den Wettbewerb.

Schnell essen, weiter geht es mit der guten Ausbildung, die

ein Kolonist braucht. Pionieren, aber auch Gedichte schrei-

ben, alles müssen die Kolonisten selbst machen. Und natür-

lich gibt es ein ordentliches Lehrlingsgeld, noch mehr Moos

für die mutigen Moorbewohner. An diesem Abend: Dorffest.

Die Landesaktion „Unüberwundbar“ wird präsentiert, später

gibt es eine große Abendrunde mit allen Kolonisten. Danach

geht es weiter in den gemütlichen Singerunden und mit

einem ausgezeichnetem R/R-Programm in der Pinte. Das

Thema heute lautete: „Die Nacht des Sports.“ Ausgeschrie-

ben werden ein „glowing in the dark“ - Fußballturnier, Arm-

drücken und Twisterwettbewerbe.

LRB 2’04

Das „glowing in the dark“-Turnier sieht folgendermaßen

aus: Zuerst werden die Mannschaften mittels phosphorisie-

render Farbe (ungiftig, klar) im Gesicht gekennzeichnet, jede

Mannschaft hat ihr eigens Symbol im Gesicht. Anschließend

halten alle Spieler ihre Gesichter vor die Scheinwerfer ei-

nes speziell dafür hergeholten VW-Transporters. Während

dessen wird auch der Ball mit Farbe aus Knicklichtern zum

leuchten gebracht, außerdem werden das Spielfeld und die

Tore mit Knicklichtern abgesteckt. Nun gilt es, den Sieger der

fünf angetretenen Mannschaften zu ermitteln. Vollkommen

unparteiisch Unparteiischer ist Orke, der Held der Massen.

Im Spiel selbst ist von den Symbolen auf den Gesichtern erst

unter einem Meter Entfernung etwas zu erkennen, enorme

Spannung auf dem Spielfeld. Ständig muss der Ball neu be-

sprüht werden, die Leuchtfarbe haftet an den Schuhen der

Spieler. Sieger des Turniers werden das Geisterburger Profi-

team, zweitplaziert das Goldene-Reiter-Team „Aufbau Ost“.

Fröhlich wird in der Pinte weiter gesportlert, gesungen

und gefeiert. Als dann die Sonne wieder aufgeht und die

ersten Gesichter schon aus den Zelten gucken, verkriechen

sich die letzten Nachtgestalten erst in ihren Schlafsäcken um

wenigstens noch eine Stunde schlafen zu bekommen. Nach

Morgenrunde und Frühstück auf dem großen Platz zwischen

Kolonie und Pinte schrumpft die Kolonie auch schon, die

Siedler verlassen das Moor wieder. Dr. Erichsens Plan mag

vielleicht genial gewesen sein, funktioniert hat er nur für ein

Wochenende.

Robert Kästner,

Aufbaugruppe Goldene Reiter

53


Ein Mann, ein Projekt

Dr. Erichsen: Ein Mann seiner Zeit. Wir dokumentieren mit einem Pressespiegel

der „Moor-News“ Aufstieg und Fall eines verkannten Genies.

[…] „Da muss man natürlich zupacken“, sagt Dr. Erichsen

mit einem süffi santen Lächeln auf den Lippen. Mit beiden

Beinen steht der sympathische ältere Herr in seiner Wathose

im Herzen des Steinburgischen Moors und lässt sich genuss-

voll zu Visionen und ausschweifenden Tiraden verleiten. Er

hat all das geschaffen. Den Plan, das Anwerben von Koryphä-

en in den beteiligten Branchen, die Überzeugungsarbeit. All

das soll nun Wirklichkeit werden. […] Moor-News 05/04

[…] obwohl die Entscheidung aufgrund der sprachlichen

Differenzen und der auf dänischer Seite vorhandenen Res-

sentiments gegen einen deutschen Bebauungsplan im Vor-

wege nicht zu seinen Gunsten auszufallen schien, konnte Dr.

Erichsen mit seiner eloquenten Art während der zwanzigmi-

nütigen Vorstellung Punkte gut machen. […] Moor-News

05/04

[…] „Mit Dr. Erichsen als Experten der Kosmosophie und In-

genieurswissenschaften hat sich ein autodidaktischer Stern

am noch so jungen Himmel der Moorkolonisation aufgetan.“

So stockte den geladenen Gästen in Schleswig schlichtweg

der Atem als Erichsen in halsbrecherischer Manier auf der

Leinwand agierte. Ohne seinen Körper zu sichern oder sich

überhaupt der Gefahr bewusst zu sein, wagte er sich in einen

unerforschten Moortümpel, in dem man vor lauter Torf-

schwärze den Grund nicht sehen konnte. Ausschließlich mit

54

einem Zollstock bewaffnet demonstrierte er fachmännische

Gelassenheit und absolvierte die ihm selbst auferlegte Mut-

probe spielend. […] Moor-News 05/04

[…] „The point of no return“, erklärt uns der kleine hekti-

sche Mann mit der viel zu großen Brille hinter vorgehaltener

Hand. In der anderen hält er einen ausgefahrenen Zollstock,

als wolle er im nächsten Moment das vermessen, was ihm

über den Weg läuft. Immer auf der Hut zu sein und darum

auch sein wichtigstes Arbeitswerkzeug niemals aus der

Hand zu legen gehört zu seinen grundlegenden Prinzipien.

„Manchmal beschwert sich meine Frau, weil der Stock doch

in gewissen Situationen etwas störend wirken kann“, fügt er

leise hinzu und kichert sich eins. Dass es Frau Erichsen den-

noch gut mit ihm meint, zeigt die breite Unterstützung, die

der idealistische Ingenieur auch in psychologischer Hinsicht

aus Familie und Freundeskreis erhält. „Natürlich leiden bei

so einem Großprojekt immer die Familie und der Freun-

deskreis unter Entzugserscheinungen. Aber andererseits

freuen sich auch alle für mich und meine Karriere. Von Neid

kann da keine Rede sein.“ Dr. Erichsen wirkt in diesen Tage

nachdenklich. […] Höf lich, aber dennoch reserviert, schüttelt

unser Interviewpartner ein paar Hände, auch die der umste-

henden Bauarbeiter, die von der Situation ein wenig über-

rumpelt scheinen, und macht sich in seinem unverkennbaren

watschelnden Gang auf zu seinem Baucontainer an der Süd-

LRB 2’04


seite des Baugrundes. Sein Pressesprecher scheint ebenso

etwas überrascht von diesem abrupten Ende des Rundgangs,

rettet aber die Situation indem er die anwesende Pressemeu-

te zu einer Tasse Kaffee in die eigens für diesen Anlass errich-

tete PR-Jurte bittet. Bei einem Gespräch unter vier Augen

erklärt er mir: „Sie müssen Dr. Erichsen verstehen. In einer

halben Stunde wird sein Büro-Container abgeholt um Platz

zu schaffen für die so genannte Pinte. Dann wird seine letzte

Rückzugsmöglichkeit fort sein und er fühlt sich dadurch ver-

wundbar. Immerhin ist es sein Kopf, der rollt, wenn die ganze

Mission scheitert. Da kann schon ein Regenschauer von we-

nigen Stunden ausreichen und in dieser Grube, in der wir uns

befinden, schwimmen uns alle Felle weg. Ist doch klar, dass

ihm jetzt die Muffe geht. Das habe ich übrigens nicht gesagt.“

[…] Moor-News 06/04

Interview mit Filmproduzent Roger Moore […] Wir hatten

für den Dreh genau vier Stunden Zeit, wobei es durch die

Anreise unseres Protagonisten mit der Bahn aus Berlin bis

zum Schluss spannend war, ob wir den Zeitplan würden ein-

halten können. Die Gags und die Texte sind uns dann spon-

tan gekommen. Wobei ich ganz großes Lob an Dr. Erichsen

aussprechen möchte, der sich vor der Kamera sehr natürlich

verhalten hat. Was entscheidend für die Glaubwürdigkeit

des Films ist. Ich denke, dass die Zuschauer vor allem durch

seine Präsenz in eine Art Bann geraten.

Ist es nicht unfair, dass die Zuschauer über ihn lachen?

Dass er sich vor der Kamera blamiert?

Das sehe ich nicht so. Erstens ist seine Art, sich zu geben,

nicht lächerlich, sondern ehrlich. Und zweitens stellt ihn die

Kamera nicht bloß. Gegen diesen Vorwurf möchte ich mich

deutlich verwehren. Die viel zitierte Szene zum Beispiel, in

der das Wasser in seine Hose läuft, ist auf Dr. Erichsens

eigenen Wunsch hin in den Film integriert worden. Er will

damit verdeutlichen, dass er kein Übermensch ist. Dass die

Moorkolonisation als solche auch mit Gefahren und Rück-

schlägen verbunden ist. […] Moor-News 06/04

LRB 2’04

Nils Petersen, Stamm Kolibri,

für die „Moor-News“

Hat gut Lachen: Der neue Hausherr in Eutin, Axel.

Gewählt

Axel ist „der Neue“ von Stamm Möwe

„An der Intelligenz scheitert es bei dir nicht, Axel“, hat mal

ein Lehrer zu mir gesagt. Na ja, zumindest bin ich 17 Jahre

alt und versuche nächstes Jahr, meine Reifeprüfung abzu-

legen. Die brauch’ ich, da ich mich für ein duales Studium

zum Wirtschaftsinformatiker bewerben möchte.

Wenn ich meine sonstige Zeit nicht gerade mit Freun-

den, Feiern oder anderen sinnlosen Veranstaltungen ver-

bringe, bin ich bei den Pfadis, natürlich bei den guten alten

Möwen aus meiner kleinen Hauptstadt Eutin.

Dieser komische Verein hat mich jetzt schon seit zehn

Jahren in seinen Bann gezogen. In dieser Zeit habe ich na-

türliche viele Fahrten und Lager erlebt und bla und blub.

Wirklich spektakulär ist höchstens, dass ich dieses Jahr als

einer von drei BdPlern (und einer von zwei Möwen) auf das

World Moot nach Taiwan fahre.

Wenn ich dann irgendwann einmal wiederkomme, hoffe

ich, noch viel Zeit und Spaß mit Euch zu haben. Gut Pfad

und seid allzeit bereit,

Lord Axel-Ole of Eutin

55


Die müssen verrückt sein: Die „Agentur für Lohn & Brot“ auf dem Landespfingstlager schmeißt mit lukrativen Jobangeboten nur so um sich.

Ein- und Ausblicke

Der Panoramakurs für Quereinsteiger auf dem Landespfingstlager

„Wie, ich muss die Karte jetzt einnorden? Da oben ist doch

Norden! Und außerdem hab ich das mit der Marschzahl

auch noch nicht kapiert.“ Vor solchen Fragen standen wir

auf der Fahrt zum Landespfingstlager am Samstagvormittag

bei einer kleinen Verschnauf- und Einheitspause. Die Füße

waren wund gelaufen und der Rücken meldete sich ab und

zu mal. „Also irgendwie ist mein Rucksack noch nicht richtig

eingestellt. Wo muss man denn hier ziehen?“ Es war ja alles

irgendwie neu. Zumindest für die Hälfte von uns sechs „er-

wachsenen“ Teilnehmern dieses Quereinsteigerkurses.

Drei von uns sind schon Pfadfinder, aber entweder erst

seit kurzem oder aus einem anderen Bund kommend, und

drei weitere wollen es werden. Da bietet sich ein Kurs für

Quereinsteiger, die Pfadfinderei nicht seit ihrer Kindheit

erleben, an. Im Modul 1 „Pfadfinderei erleben“ behandelten

wir die Themen „Lager, Fahrt und Hajk“, „Stufen des BdP“,

Aufgaben, Inhalte und Zusammensetzung des Stammesrats

und „Gruppenstunde in Theorie und Praxis“. Im Modul 2

„Pfadfindertechniken“ erfuhren wir Neues über Karte und

Kompass, Knoten, Spiele, Zelte und ihre Konstruktionen als

auch Musisches und Kreatives. Eingebettet in die Einheiten

waren ein Wolfslauf, ein Schweigemarsch und diverse Spiele

sowie spannende Methoden der Reflexion.

Das erste Pfadfinderfeeling erlebten wir auf unserer

Wanderung am Freitag vom Bahnhof Itzehoe zum Heim

von Stamm Janus zur ersten Übernachtung in einer Kothe.

Die zweite Wanderung am Samstag führte uns zum Landes-

56

pfingstlager nach Wacken. Für unsere Einheiten bauten wir

uns eine eigene Kursjurte auf und für gemeinsame Lagerkur-

se sowie Morgen- und Abendrunden kamen wir in unseren

Stämmen unter. Wir drei Noch-Nicht-Pfadfinder fanden

Unterschlupf bei Stamm Geisterburg.

Mich haben die Tage sehr bewegt. Der Kurs kam zum

richtigen Zeitpunkt und verstärkte mein Interesse an der

Pfadfinderei. Es war ein gut organisierter und durchgeführ-

ter Kurs mit netten Teilnehmern als auch Teamern. Es hat

viel Spaß gemacht, Themen gemeinsam zu erarbeiten und

sie zu diskutieren. Ich habe viel über das Brauchtum und

die Umgangsformen der Pfadfinder gelernt und kann sie nun

besser nachvollziehen. Ich fand es toll, diesen Kurs parallel

zum Landespfingstlager stattfinden zu lassen, denn so konn-

te man gerade Gelerntes sofort beobachten und anwenden

– Pfadfinderei also erleben.

Hilke Feldema, Stamm Lunen, Lüneburg

LRB 2’04


Ab in den Osten

Das Fahrtenarchiv will Mut machen, neue Fahrtenländer zu entdecken. Und mit

ein paar guten Tipps kann sich das jeder zutrauen!

„Wo fahrt ihr denn dieses Jahr hin?“

„Ach, wir haben da so einen Platz in Schweden …“

„Mmh … klingt spannend …“

Die Idee zum Fahrtenarchiv entstand genau aus diesem

Grund: Viele Stämme machen jedes Jahr tolle Fahrten, ha-

ben aber nur relativ wenig Gebiete zur Auswahl. Entweder

ist das Fahrtenland persönlich bekannt oder eine vertrauen-

erweckende Quelle hat Mut gemacht. Eine Entscheidung für

ein gänzlich unbekanntes Land ist fast schon Zufall.

Bisher tauschen sich nur wenige Stämme über ihre jährli-

chen Sommer-, Herbst- und Winterfahrten und neue Ideen

aus. Meistens heißt es “same procedure as every year”. Falls

man doch einmal etwas Außergewöhnliches plant, kann es

sein, dass man eine Sommerfahrt nach Lappland unter-

nimmt – ohne zu wissen, dass ein Stamm am anderen Ende

des Landes genau das gleiche Ziel hat und bereits intensive

Vorarbeit leistet, eine Pfadfindergruppe vor Ort kennen ge-

lernt und nützliche Kontakte geknüpft hat.

Natürlich gehört der Reiz des Planens, das Grübeln über

Karten und Büchern, aber auch das Unwägbare und Sponta-

ne zu jeder Fahrt dazu – sie machen die Fahrt erst zur Fahrt.

Eine vorgegebene Pauschalreise, durchorganisiert mit allen

Finessen und per Klick aus dem Internet zu laden, die möchte

keiner haben.

Andererseits – nachher ist man immer schlauer. Auf

manche Fehler hätte man gut verzichten können. Wenn man

vorher gewusst hätte, dass diese Fahrtenstrecke die schönste

ist, hätte man ja gleich dorthin fahren können und nicht erst

am letzten Tag. Und dass die andere Busgesellschaft für die

Anreise viel günstiger ist, hat man auch erst vor Ort erfahren.

Und dass ein Ehemaliger aus dem gleichen Bund vor Ort ei-

nen alternativen Bauernhof betreibt, den man bestimmt hät-

te besuchen können, hat man leider erst ein Jahr später auf

dem Pfingstlager gehört. Nächstes Mal wird man alles besser

machen und nicht gegen die gleichen Heringe treten, man

kennt sich ja aus. Aber nächstes Mal will man vielleicht wo-

LRB 2’04

andershin fahren? Ins gänzlich Unbekannte aufzubrechen,

hat gewiss seinen eigenen Reiz. Das Bekannte und Bewährte

aufzusuchen, ist bestimmt am sichersten. Gerade mit vielen

jungen Gruppenleitern und wenig Großfahrterfahrung ist das

große, krasse Abenteuer eher etwas für die Sippenfahrt im

Herbst als für die Stammesfahrt im Sommer.

Der goldene Mittelweg: Sich neue Ziele zu setzen, dabei

aber bereits eine ungefähre Vorstellung zu haben über fes-

te Anlaufstellen, Geheimtipps zum Nachmachen, wichtige

Warnungen und Anregungen zu bekommen. Der Mittelweg

ist der schwerste. Die meisten Informationen sucht man sich

mühselig zusammen, Reiseführer taugen dazu nur in den we-

nigsten Fällen. Aber andere Stämme oder Sippen, die schon

einmal im Fahrtenland unterwegs waren, könnten bestimmt

brauchbare Tipps geben.

Eine Plattform für diese Art der – Achtung: Modewort

– Vernetzung, will das Fahrtenarchiv sein. Es soll nicht

die Planung abnehmen, sondern erleichtern. Es soll nicht

abstumpfen, sondern anregen – zum Träumen, zum Nach-

machen, zum Ausprobieren, zum Entdecken. Für ein Projekt

dieser Größenordnung sind natürlich alle gefragt: Fahrten-

experten und Laien, die in den letzten Jahren eine Fahrt

gemacht haben.

Das Fahrtenarchiv soll sich sowohl mit den Fahrtenge-

bieten vor der Haustür als auch mit den fernen Traumzielen

beschäftigen. Bis jetzt stehen Berichte über Lappland, das

Elbsandsteingebirge, Estland und Schottland zur Verfügung.

In Vorbereitung sind: Masuren, die Holsteinische Schweiz,

Irland, Andalusien, Portugal, Zypern, die Bretagne, Ostwest-

falen, der Teutoburger Wald und Nordfriesland.

Jeder, der an dem Projekt mitgestalten will, kann sich bei

mir melden (àjonathan@bdp-sh-hh.de) oder mal einen Blick

auf die Website des Landesverbands werfen: Da befindet sich

das provisorische Fahrtenarchiv. Und jeder, der eine Fahrt

plant, sollte natürlich auch vorbeischauen.

Jonathan Stock, LB Pfadfinder

57


Klnnzgn

Suche ständig T3-Bullys;

auch defekt oder Unfall

zum Schlachten. Speziell

auch Synchro.

T3-Teile: Motoren: WBX

(Diesel + TD), Getriebe,

Blechteile, Innenausstat-

tungen auch Synchro zu

Pfadipreisen (Einbau mög-

lich)

Wenn du das liest, müssen

wir mal wieder eine Partie

Abalone spielen. F.

Pelle! Melde dich!

Joby, Hannes & die Möwen

An das Pfila-Team: Danke.

Ihr wart große Klasse!

Jonathan

58

Suche neue Projekte.

Dr. Erichsen

Ganz liebe Grüße an die

supergeilen Stämme Ykern

und Radwersdorp, an Alina

von Janus (schreib doch

mal wieder!), an alle die

auf‘m SfT 02 waren und

eben an alle die mich ken-

nen. Hab euch alle danz

dolle lüb! Lisa (ich wohn

jetzt am Arsch der Welt in

Frankreich)

Yeah Mobby, happy börs-

day tuh ju!

Ihr könnt Kleinanzeigen

direkt per E-Mail schicken!

àlrb@bdp-sh-hh.de

Termine

Jede Menge Kurse und Aktionen finden

dieses Jahr wieder statt.

Landesverband und Bund bieten einiges an Programm an.

Die in grau gedruckte Aktion wird nicht vom BdP organisiert.

Terminänderungen oder sogar neue Aktionen werden natür-

lich auf der Website àbdp-sh-hh.de angekündigt.

Juni

18. – 20. ¿alles drin?!

Juli

10. – 31. Bundesfahrt nach Slowenien

August

12. – 22. Wölf lingssommer Immenhausen

27. – 29. Landeswölf lingslager und Landespfadistufenaktion

September

3. – 5. R/R Nachtkundschaft

11. – 18. Stafü-Gilwellkurs

18. Pfadfindertag

24. – 26. Bundesjurtentreffen

Oktober

1. – 3. Ironscout àironscout.de

8. – 16. Herbstkurse: KfM, SFT/KfG und KfRR

9. – 16. Führungskräftegilwell

15. – 23. Stufengilwell

16. – 17. Jamboree on the internet /on the air

29. – 31. Panoramakurs, Modul 3

November

12. – 14. Landes-Stafü-Aktion

19. – 21. Landesmeutenführertreffen, Panoramakurs Modul

4. Internationales Seminar

26. – 28. Nachbereitung KfR/R

Dezember

10. – 12. Landes-R/R-Aktion, Hau Drauf!

12. Friedenslicht

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Jetzt sind es schon 18 Karten: Das Landesleitungsmemory, zweiter Teil.

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