Berliner Stadtprojekte

JovisVerlag

ISBN 978-3-86859-168-2

Gerwin Zohlen

Neubelebung eines Mythos – Gartenstadt Karlshorst

Um das Wort Gartenstadt liegt ein auratischer Glanz, eine Ver hei ßung von Glück, Ruhe und Wohlbefinden. Eine

Gartenstadt verspricht den richtigen Abstand zu Lärm und Hektik der großen Stadt, ohne diese ganz aufgeben

und vermissen zu müssen. Auch die Gartenstadt bleibt Stadt, sie steht aber für einen ihrer besonderen Aggregat -

zu stände. Sie enthält die Wunsch- und Vorstellungswelt von Sicherheit, Behaglichkeit und Überschaubarkeit, in

der ihre Bewohner zu sich und zu neuer Kraft kommen, um sich erneut ins Getümmel der Geschäfts- und Ver -

gnü gungs welt stürzen zu können, das ebenso unvermeidlich wie faszinierend, begeisternd wie Kräfte zehrend zum

All tagsleben einer wirklichen Großstadt gehört. Was sich hier in den Theatern und Büros, den Lokalen, Res tau -

rants und Kinos, der Oper oder den Einkaufspalästen und auf den Boulevards abspielt, reißt mit, lockt an, verführt

und entzückt, aber es zerrt eben auch spürbar an den Nerven. Und in dieser Unausweichlichkeit des groß -

städti schen Lebens liegen Chance, Versprechen – und die Aktualität der Gartenstadt. Zumal in Berlin.

Der Kulturhistoriker und Stadtkenner muss jedoch zunächst anderes erinnern. Denn die Idee der Gartenstadt

stammt zwar städtebaulich von Ebenezer Howard, histo risch aber entstand sie als Appendix einer seinerzeit weit -

ver breiteten Groß stadt kritik. Der gewaltige Industrialisierungs pro zess des 19. Jahrhunderts führte bekanntlich zur

Landflucht und zum eruptiven Wachstum der Großstädte Europas, die damals ja erst in den uns heute be kannten

Dimensionen auf die Bühne der Ge schichte traten. Die Kehrseite dieses so reichen und begrüßenswerten

Fortschritts aber waren soziale Verwerfungen in den Städten, mit existenziell miserablen Zu stän den in Slums und

Elendsquartieren. Ein riesiges Bauprogramm folgte in den Städten um 1900, dem wir in Berlin etwa das »Goldene

Zeitalter der Architektur« verdanken, wie es der Schriftsteller Martin Mosebach kürzlich nannte, nämlich die so

überaus beliebten gründer zeit lichen Quartiere – jedenfalls soweit sie die Bombardements des Zweiten Weltkriegs

überstanden haben.

Als weiteres Mittel zur Heilung besagter Kollateralschäden der Industrialisierung wurde aber eben auch die Gar -

ten stadtidee geboren; im Ursprung ein humanitäres Projekt der Sozialreform, um Arbeitern und Angestellten ein

menschenwürdiges und gesundes Leben in der Natur zu ermöglichen. Infolgedessen umwabern sie, historisch

besehen, etliche Gemeinschafts- und Genossenschaftsideologien bis hin zum Sozialismus. Bei Lichte betrachtet

jedoch sind – bis auf die eine Berliner Ausnahme der Gartenstadt Falkenberg (Bruno Taut) – alle Gartenstädte der

Geschichte als Industriesiedlungen entstanden, um Firmen und Unternehmen herum, als Sozial- und Hygie ne -

leistung lebensreformerisch gesonnener Unternehmer und Industrieller. Daher war die Gartenstadtidee auch relativ

kurzlebig. Sie ging um 1920 sogleich in die Bewegung des Großsiedlungsbaus über, der vom seinerzeit an -

hebenden Sozialen Woh nungs bau getragen wurde. Dieser ist nur 50 Jahre später wegen seiner missratenen

architektonischen und städtischen Lösungen zu Recht in die Kritik geraten und im Grunde ad acta gelegt worden.

In diesen historischen Umständen liegen Chance und Aktualität speziell der Gartenstadt Karlshorst. Im Grunde ist

sie ja keine Wiederbelebung der historischen Gartenstadtidee, sondern ihre Neuformulierung aus dem Geist von

Archi tektur und Städtebau. Als lebens- und sozialreformerischer Bauherr ist die Industrie schon lange nicht mehr

vertreten; diese Aufgabe hat sie dem Sozialen Wohnungsbau übertragen. Zudem ist Berlin gerade nach dem

Mauerfall 1989 einem so radikalen Abbau industrieller Arbeitsplätze unterzogen worden, dass man die einst

größte Industriestadt Europas heute fast als deindustrialisiert bezeichnen kann. Nicht darin also, sondern im Zeit -

punkt ihrer Formulierung, ihrer städtebaulich-architektonischen Dimension und in der topografischen Lage liegen

die Chance und Aktualität der Gartenstadt Karlshorst.

Vor 15, selbst vor zehn Jahren noch wäre ein solcher Plan im Sinne der Realisierbarkeit undenkbar gewesen;

wünschenswert sind architektonisch gute, städtebaulich qualifizierte Entwürfe natürlich stets und allerorten! Aber

die Stadt war noch bis über beide Ohren (um es salopp zu sagen) verstrickt in die Wirrnisse und Aufgeregtheiten

der ersten Dekade nach dem Mauerfall, in der es galt, zwei unterschiedliche Stadt- und Sozialsysteme wieder zu

ver knüpfen. Nicht nur gewaltige Hochbaumaßnahmen etwa am Potsdamer Platz, im Regierungsviertel, in der

Friedrich straße oder der Frankfurter Allee blockierten und enragierten die Köpfe zum notorischen Streit, auch die

Bau pro zesse an der Infrastruktur der Straßen, der Elektro-, Gas- und Wasserleitungen verschluckten enorme

Energien. Vor allem schrumpfte während dieser Jahre zum blanken Schrecken des stolzen Selbstverständnisses

der Stadt die Ein woh ner zahl Berlins. Der Hintergrund dafür war so banal wie schlagend. Zu Zeiten der Mauer gab

es in West-Berlin zu wenig Bauland für die vielen Wünsche nach einem Einfamilienhaus mit Garten. Deren

Erfüllung wurde erst nach der Grenzniederlegung möglich – in schnell hochgezogenen Clustern im Brandenburger

Umland. Jedoch kehrten viele der Berlinflüchtlinge rascher als gedacht reumütig zurück, da das Gebotene weder

ästhe tisch noch städtebaulich noch im Sozialen den Träumen vom »Häuschen im Grünen« wirklich entsprach.

Seit knapp zehn Jahren aber nähert sich Berlin langsam, langsam wieder der normalen Betriebstemperatur euro -

pä ischer Großstädte an. Auch der neue Großflughafen BER wird finalmente und endlich einmal fertiggestellt, und

dann von Karlshorst aus schneller und einfacher zu erreichen sein als von Wilmersdorf oder Charlottenburg. Schon

jetzt wächst die Stadt wieder, zwar gemächlich, doch spürbar. Zudem hat ein Bevölkerungsaustausch stattgefunden.

Die Sozialwissenschaftler melden, dass mittlerweile mehr als ein Drittel der heutigen Stadt bewohner Neu -

ber liner sind und meinen damit keinesfalls nur die vielen Studenten in Mitte und Prenzlauer Berg. Nicht wenige

von ihnen dürften genau nach der Ordnung und dem Maß verlangen, wie sie die Architektur im besten Verständnis

auch da offerieren kann, wo viel Grün und ein weiter Blick zur Stadt gehören.

Vor allem mit der städtebaulichen Gunst des Orts obendrein: im Rücken der Gartenstadt Karlshorst das »Dahlem

des Ostens«, das gepflegte und vielfach glänzend geputzte Villenquartier mit S-Bahnhof und Einkaufslädchen, das

alles bietet, was es für den Alltag braucht. Und vor Augen den Biesenhorster Sand als Parklandschaft, in den

Fahr rad und Joggingschuhe schnellstens tragen. Was also will man mehr, wenn einen dann auch noch die unauf -

ge regte Ruhe der wohlgestalteten Häuser am Straßenrand umfängt: Neubelebung eines Mythos, vital, alltäglich

und schön.

Allerdings – bedarf es zu alledem auch eines Bauherrn, der die kultivierenden Wirkungen anspruchsvoller Archi -

tek tur unterstützt. Viel wird heute in den Medien von Architekten und ihren Spitzenprodukten berichtet – zum

Glück, wenn letztere es denn sind. Zu selten aber von den Bauherren, die jene erst ermöglichen. Schon in den

1980er Jahren ermahnte Julius Posener, seinerzeit Doyen der deutschen Architekturkritik, die Architekten:

»Denkt an die Bau herren! Ohne sie gibt es Häuser, aber keine Architektur!« Zu oft wurde, sieht man sich in der

baukulturellen Land schaft unserer Städte mit offenen Augen um, diese Mahnung überhört. Betrachtet man die

Entwürfe für die Gartenstadt, wird man in Karlshorst das gegenteilige Kompliment aussprechen dürfen.


MASTER

PLAN

Die »Gartenstadt Karlshorst« gliedert sich in drei Stadtteile: Im Norden das Quartier Am Bie sen hors ter Sand mit

dem klassizistischen Bunker, der zu einem Ausstellungshaus umgebaut wird. Dieses Quartier grenzt direkt an das

zu künftige Natur- und Landschaftsschutzgebiet »Biesen hors ter Sand« an. Südlich davon liegt um den neuen Stadt -

gar ten herum das Quartier Am Stadt garten (einschließlich der ehemaligen Pionierschule, die unter Denkmalschutz

steht), welches mit dem Deutsch-Russischen Museum abschließt und zum Quartier An der Promenade überleitet.

Dessen Hauptachse, die sogenannte Promenade, führt an den denkmalgeschützten ehemaligen Flugzeughallen,

welche zu Wohnhäusern umgebaut werden, entlang und bildet den südlichen Abschluss. In der Mitte des neuen

Stadt viertels, im Bereich des Deutsch-Russischen Museums, liegt der eigentliche Hauptzugang zur Gartenstadt mit

einem öffentlichen Platz, an dem das Zentrumshaus (mit Läden und Büros) liegt. Dieser Platz ist Stadteingang so -

wohl in Richtung Nordosten ins Quartier Am Stadtgarten wie auch in Richtung Süden

ins Quartier An der Promenade.

Der Masterplan ist Grundlage der Bebauungspläne und legt sämtliche Gebäudetypen,

die öffentlichen Räume und Freiflächen fest; er dokumentiert städtebaulich und archi -

tek tonisch die Übereinkunft zwischen Stadt, Bauherr und Architekt. (Stand 07/2012)


Bei aller Vielfalt an Haus- und Dachformen geht es immer um die Harmonie im Ganzen, um eine sichtbare Form

von »Gemeinschaftlichkeit«, die unter anderem verhindern soll, dass die jeweils eigene Investition wegen minder wer -

tiger Architekturen in der Nachbarschaft ihren Wert auf Dauer gesehen verliert. Das Gegenteil ist beabsichtigt:

Nach haltigkeit und Wertzuwachs für das einzelne Haus durch dessen Einbindung in ein qualitätvolles Stadtviertel,

dessen Bau, abgesehen von der energetischen Optimierung in allen Bauteilen, bestimmten Regeln und Aus füh -

rungs standards folgt. Diese werden in sieben Punkten festgelegt:

SIEBEN REGELN

ZUM GUTEN BAUEN

1. Eine, bei allen Variationen verwandte Architektursprache für alle Häuser mit Dach (in unterschiedlichen

Spielarten), Sockel und stehenden Fensterformaten (Variationen dazu sind quartiersspezifisch denkbar).

2. Verdeckte Dachrinnen und ein markant gestalteter Dachübergang, passend zu sämtlichen Dachtypen.

3. Eine für jedes Viertel einheitliche, helle Putzfarbe, die zwischen Beige- und Ockertönen variiert. Eine

individuelle Färbung der Fensterfaschen mit roten, grünen, blauen und gelben Tönen kennzeichnet jedes

Haus auf der Stra ßen seite auf Grundlage eines ausgewogenen Farbkatalogs. Ähnliche Merkmale von

Individualität werden quar tiers spezifisch entwickelt.

4. Eine einheitliche Dachziegelfarbe (passend zur Wand- und Sockelfarbe)

für jedes Viertel mit hochwertigen Dach ziegeln.

5. Ein hochwertiger Fassadenklinker im Sockel, Eingangsbereich und an den

Garagen in auf den Putz und die Dach deckung exakt abgestimmter Färbung.

6. Einheitlich gefärbte Holzfenster (mit Fensterbänken aus Sichtbetonfertigteilen), Eingangstüren

und Garagentore, deren Farbe auf die anderen Fassadenmaterialien abgestimmt ist.

7. Eine einheitliche Gestaltung der Vorgärten mit Hecke und Gartentor.


Gerwin Zohlen

Urbane Wasserlandschaft – Wasserstadt Spindlersfeld

Berlin ist nicht nur von seiner Einwohnerzahl her die größte Stadt Deutschlands, sondern auch größte Flächenstadt

der Republik. Aber dass sie dabei ein Eldorado des urbanen Wassers ist, wird angesichts der schieren Zahl von

gut 3,5 Millionen Einwohnern auf 832 Quadratkilometern leicht vergessen. Erst wenn man sich die Freude und

den Spaß macht, einen schönen Sommersonntag lang mit dem Fahr rad von Mitte nach Südosten den Land wehr -

kanal entlang zur Spree und die Spree hinauf bis Köpenick zu fahren, entdeckt man den ungeheuren Reichtum,

den die Stadt zu bieten hat; ein Füllhorn, wie es wohl in keiner anderen Stadt Europas zu finden ist. Mittlerweile

sind die Radwege am Ufer fast durchgängig bestens zu befahren. Dennoch ist oft kein Durch kommen, weil der

»gemeine Berliner« (Jargon) seinen Sonntag gern an der frischen Luft verbringt und mit Kind und Kegel »und der

Oma oben druff« in den Treptower Park zieht oder in den Plänterwald. Viel buntes Geschiebe, budenbewehrte

Fröh lichkeit, verliebte Aufgeregtheiten und sportive Anstrengungen, lässig hingebreitete Sonnen ba der, Roman -

lese rinnen und stets und überall die Party laune der kleinen Grillstationen und heute so beliebten Strand bars, die

ihre Liege stühle in jede Nische des üppigen Grüns stellen.

Der Berliner, heißt das, erobert sich heute seine Flussufer von Havel, Spree und Dahme. Wieder, sollte man

sagen. Denn das war bei weitem nicht immer so, wenn auch seit den Zwanzigerjahren die Wochen endvergnügen

in den »Bierwirtschaften« und »Vergnügungslokalen mit Dampferstation« literaturnotorisch sind. Zu Zeiten der

Mauer stagnierte die Bewegung aus nahe liegenden Gründen und kam erst nach 1989 wieder in Gang. Ein tiefer

liegender Grund jedoch ist, dass die Flüsse von der Stadt über die längste Zeit hinweg vornehmlich als funktionelle

Verkehrs wege gesehen wurden, die der Versorgung mit Lebensmitteln aller Art und dem Abtransport etlicher in

Berlin produzierter Industriegüter dienten. Freizeitvergnügen waren dabei so etwas wie das Sahnehäubchen. Als

Lebensort im engeren Sinn, also für das Wohnen, hat die Stadt ihr vieles Wasser bis in die jüngste Zeit nicht be -

griffen, weswegen sich entlang der Spree auch immer noch vor allem Speicherbauten, aufgelassene Fabrik -

anlagen und ehemalige Kraft werke reihen.

Mit seinem Buch »Spazieren in Berlin« ist Franz Hessel einer der berühmtesten, vor allem aber auch genauesten

lite rarischen Zeugen des alten Berlin. Er nannte 1928 bei einer Dampferfahrt nach Köpenick Oberschöneweide

auf dem Nordufer der Spree noch das »Gelsenkirchen von Berlin«, weil sich dort dichte Rauchschwaden aus den

Schloten der AEG und vom Kraftwerk Klingenberg über das Areal legten. Heute ist Oberschöneweide so gut wie

deindustrialisiert und eher als Silicon Valley von Berlin zu bezeichnen, ein Ort, der zur Stadt für Wissenschaft,

Kultur und Wohnen fortgeschrieben wird. Und viele der alten Werks- und Speichergemäuer zwischen Ober baum -

brücke und Köpenick sind schon zu Lofts und Büros umgenutzt; Kleingewerbe und Dienstleistung, vor allem aber

auch Wohnen und Freizeit – wie in der Rummelsburger Bucht. Wo früher Lastkähne und Kohleschuten vertäut

lagen, präsentiert sich heute eine Promenade vor städtischen Wohnhäusern; für die zeichnet übrigens derselbe

Architekt verantwortlich, der auch die Wasserstadt Spindlersfeld plant. Mithin fährt man heute schon durch urbane

Atmosphären, die hinter und in dem satten Grün und Blendwerk der Wasserlandschaft leuchten.

»Grüner Strand« wurde das südliche Ufer der Spree im Volksmund seit alters genannt. Und wer auf ihm heute in

Köpenick ankommt, landet vorderhand auch noch im Grünen. Allerdings blinken zwischen dem Laub der Bäume

die alten Gemäuer der Wäscherei Spindler hervor: ein riesiges Geviert um einen Hof, das den architektonischen

Stolz der frühen Industrieepoche auf sich selbst zum Ausdruck bringt. »Industrieschloss«, möchte man ob der

Back stein zier, Ecktürmchen und Risalite seufzen, die dem Bau Proportion, Schmuck und Dimension verleihen.

Und dem kulturhistorischen Wanderer fällt Wehmut und Sehnsucht ins Gemüt. Solch qualitativer Hochstand

selbst für Zweck bauten wie eine Wäscherei ging in der nachmaligen Architekturentwicklung eigentlich nur noch

verloren und wurde zumal in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts nicht mehr eingeholt.

Auch Spindlersfeld also wird umgenutzt und zum Nukleus, zum Ausgangspunkt einer Stadtentwicklung, die es

zum Lebens- und Wohnort vieler Menschen machen wird. Was aber wünscht sich eigentlich ein Radflaneur oder

Stadt wanderer, wenn er hier ankommt? Aus egoistischen Gründen naturgemäß vor allem und als erstes ein Café

oder kleines Restaurant, um sich von der immerhin auch schweißtreibenden Tätigkeit des Radelns und Gehens zu

rege ne rieren. Aber nach der Schattendrift unter Bäumen, dem splendiden Augenzucker der Naturlandschaft und

dem verwirrenden Hin und Her von Sonnenblitz und Waldeskühle steht der Sinn doch eindeutig nach Stadt, nach

wohl gefügter architektonischer Masse, nach räumlicher, körperlicher und optischer Orientierung. Die aber ist erst

von einem gewissen Hausvolumen an zu erreichen und wird von den sonst so ermüdend ausgestreuten Ein fami -

lien haus siedlungen schlicht verfehlt. Nach dem prallen Grün sehnt ein Wanderer sich nach wirklicher Stadt, nicht

nach ihrer bloßen Ankündigung im Siedlungsbrei.

Es gehört zu den habituellen Eigentümlichkeiten des (Berliner) Städters, dass er der Stadt zwar immer wieder in

die Natur zu entfliehen trachtet, aber abends ebenso gierig fiebert, sich in ihr wieder daheim zu fühlen. So charakterisierte

der »Seelenberliner« Publizist und Verleger Wolf Jobst Siedler gelegentlich das stete Wechselspiel von

Flucht und Anziehung, das zu jedem wirklichen Großstädter gehört. Das städtische Volumen und die architekto -

nische Qualität von Spindlersfeld könnten zu einem der besten Beweise für dieses faszinierende, anregende und

zugleich entspannende Spiel aus Stadt, Natur und Wasserlandschaft werden. Ihre Bausteine, der Ringbau der

ehe maligen Wäscherei, die Turmbauten an der Promenade sowie die städtisch gefügten Reihenhäuser verheißen

einen urbanen Ort an der Spree, der den Mythos der Stadt am Wasser aus dem Dunkel der Erinnerung zur vita -

len Wirklichkeit von heute auftauchen lässt.


Das dominante Zentrum des Masterplans »Wasserstadt Spindlersfeld« bildet das backsteinerne Baudenkmal der ehemaligen

Spindler’schen Fabrik von 1873 mit all seinen architektonischen Eigenschaften, mit großem Innenhof (der

geheimen »Seele« der Wasserstadt) und seiner tektonisch gegliederten Fassade mit Burgcharakter. Sämtliche archi -

tek tonischen Strukturen und Neubauten der »Wasserstadt« nehmen Bezug auf diesen sogenannten Ringbau. Neben

Ringbau und Spree gibt es aber weitere wichtige Bezugspunkte in der Umgebung: Das Villengebiet westlich davon

und die benachbarten Parks und Freiflächen. Ziel ist die Herstellung eines harmonischen Ganzen im charakteris -

tischen Zusammenspiel unterschiedlicher Hausformen. Neben dem Ringbau bilden die kleineren Baudenkmale als

Reste des ehemaligen Fabrikareals weitere Bezugs- und Orientierungspunkte. Die wesentlichen räumlichen Bereiche

innerhalb des Masterplans um den zentralen Ringbau herum sind:

Die Spreepromenade mit der Doppelturm-Reihe (den »Spindler Towers«) an der Spree entlang in unmittelbarer Be -

ziehung zur Architektur des Ringbaus bildet den östlichen Rand. Die

Ernst-Grube-Straße mit einer Folge denkmalgeschützter Einzel -

MASTER

bau ten aus der Ära Spindler, ergänzt durch punktuelle Neubauten,

den sogenannten Roten Häusern (Punkt- und Torhäuser), bildet die

PLAN

Grenze nach Westen.

Zwischen Seepromenade, Ernst-Grube-Straße und um den Ringbau

herum breitet sich das sogenannte Grüne Viertel aus, eine diffe -

ren zierte Stadtstruktur mit Straßen, Vorgärten, Reihen- und Eck -

häusern (den sogenannten Terraces), wobei mit »Terraces« eine Rei -

hen haus bebauung nach englischem Vorbild gemeint ist: Ein ander

ähnliche Reihenhäuser werden durch dominante Eckhäuser als Bau -

gruppe gefasst und bilden so einen prägnanten Straßen ab schnitt in

einer adäquaten Dimension zum Ringbau.

Der Masterplan ist Grundlage des Bebauungsplans und legt sämt -

liche Gebäudetypen, die öffentlichen Räume und Freiflächen fest; er

dokumentiert städtebaulich und architektonisch die Übereinkunft

zwischen Stadt, Bauherr und Architekt. (Stand 07/2012)


Matthias Dunger

Die Industriebauten der Firma Spindler

Zur Erweiterung seines 1832 in Berlin gegründeten Unternehmens ließ der Fabrikant Wilhelm Spindler auf einem

über 26 Hektar großen Gelände an der Oberspree bei Köpenick ab 1872 eine an den seinerzeit modernsten tech -

no lo gischen Erfordernissen orientierte industrielle Wäscherei und Färberei errichten. Sie entwickelte sich rasch zu

einem der größ ten Unternehmen dieser Art in Europa und fand schon seinerzeit ein lebhaftes Echo in der Öffent lich -

keit. Bis zur Jahrhundertwende entstand eine kleine Stadt mit den eigentlichen Produktionsgebäuden für die

Wä sche rei und Chemische Reinigung – die Wilhelm Spindler erstmals 1854 in Deutschland einführte –, Ma schi nenund

Kessel häu ser für die zahlreichen Dampfmaschinen, eine eigene Gasanstalt, Pferdeställe und Remisen. Sicher

nicht nur aus Grün den der Fürsorge ließ Spindler schon ab 1872 Wohnhäuser für seine Angestellten, ein Badehaus

und weitere Wohl fahrtseinrichtungen errichten, sodass schon 1873 der Ortsteil den offiziellen Namen Spindlersfeld

er hielt. Seinem traditionellen Unternehmerverständnis entsprechend baute Spindler seine großzügige Villa in unmittelbarer

Nachbarschaft zur Fabrikanlage und ließ nicht nur einen Privatgarten, sondern auch einen vorgelagerten

öffent lich zugänglichen Volkspark anlegen. 1892 erhielt Spindlersfeld einen eigenen Bahnanschluss.

Überliefert ist heute vor allem der monumentale Ringbau, der 1872 begonnen und in mehreren Bauabschnitten bis

zum Ende der 1880er Jahre fertiggestellt wurde. Die auf die Spree ausgerichtete Hauptfront mit überhöhten Mittelund

Eckrisaliten, die hinüber zur Stadt Köpenick weist, assoziiert sofort den klassischen Schlossbau und unter streicht

damit den Repräsentationsanspruch des Bauherrn. In der Denkschrift zum 50-jährigen Jubiläum der Firma Spindler

1883 wurde die Fabrikanlage als Palast der Industrie gerühmt.

Der Entwurf, für den lokale Maurer- und Zimmermeister verantwortlich zeichneten, hielt sich an die Konventionen des

spätklassizistischen Backsteinbaus. Mit den über die Traufe geführten lisenenartigen Wandvorlagen, die unter ande -

rem der Ableitung der gefährlichen Benzindämpfe aus der chemischen Reinigung dienten, wurde jedoch eine höchst

cha rak teristische Architektursprache gefunden, die über drei Jahrzehnte bis zur 1905 errichteten Remise die Bauten

auf dem Gelände prägte. Die eindrucksvolle Anlage dürfte eine der größten Industriebaustellen in der Berliner Um -

ge bung vor der sogenannten Zweiten Randwanderung der Industrie in den späten 1890er Jahren gewesen sein und

wurde schon 1877 in der ersten Auflage von »Berlin und seine Bauten« erwähnt.

Die Unternehmerfamilie Spindler war lange Jahre eine der führenden Industriellendynastien Köpenicks und trat nicht

nur durch verantwortungsbewusste Unternehmensführung hervor, sondern auch als Sponsor öffentlicher Ein rich tun -

gen und nicht zuletzt als Erbauer des (1959 abgebrannten) alten Müggelturms. Die Ära Spindler endete mit der Um -

wand lung in eine AG und die Übernahme durch Schering Mitte der 1920er Jahre. Mitte der 1990er Jahre wurde der

Wäschereibetrieb auf dem Gelände endgültig eingestellt.


Bei aller Vielfalt an Hausformen geht es immer um die Harmonie im Ganzen. Die Häuser und Hausgruppen werden

in ihrer äußeren Erscheinung bis ins bauliche Detail präzise definiert und bilden ein Ensemble, das vom roten Back -

stein bau des Ringbaus dominiert wird, der nach den Regeln des Denkmalschutzes in ein Wohnhaus umgebaut und

vor allem im Bereich der Außenfassade sorgfältig restauriert wird.

Der Bau und die Gestaltung der Häuser folgt, abgesehen von der energetischen Optimierung, in allen Bauteilen be -

stimmten Regeln und Ausführungsstandards, die in sieben Punkten formuliert sind:

SIEBEN REGELN

ZUM GUTEN BAUEN

1. Eine bei allen Variationen verwandte Architektursprache für alle Häuser mit Backsteinsockel,

stehenden Fensterformaten, betonten Hauseingängen und abgesetztem Dachgeschoss.

2. Eine einheitliche Putzfarbe in Rot (Spreepromenade und Ernst-Grube-Straße)

und Gelb (Grünes Viertel), harmonisch abgestimmt auf den Backsteinsockel.

3. Ein hochwertiger Fassadenklinker im Sockel, abgestimmt auf den Fassadenklinker des Ringbaus.

4. Einheitlich gefärbte Holzfenster in einem hellen Anthrazitgrau, abgestimmt auf die anderen

Fassadenmaterialien für sämtliche Haustypen.

5. Einheitliche Gestaltung aller Vorgärten mit Hecke und Gartentor (im Bereich der Terraces).

6. Einheitliche, charakteristische Dachform (im Bereich der Terraces).

7. Einheitliche tektonische Fassadenstruktur mit Vor- und Rücksprüngen im Bereich der

Doppeltürme am Wasser und im Bereich der Roten Häuser an der Ernst-Grube-Straße.

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