Ortsentwürfe

JovisVerlag

ISBN 978-3-86859-229-0

VORWORT


NEUVERMESSUNGEN

STÄDTISCHER ORTE

Wie in anderen Metropolregionen geben die äußeren Merkmale

von Graz das Portfolio zahlreicher europäischer Großstädte wider:

Kunst- und Kulturfestivals, historisch-touristifizierte Altstadt und

Architekturhighlights mit Signalwirkung. Das soll Aufmerksamkeit

im internationalen Wettstreit, Touristenströme und neue Ökonomien

versprechen. Graz als gewachsene Stadt bietet außerdem viele Ingredienzien

von Urbanität sowie experimentelle, kreative und künstlerische

Auseinandersetzung. Im Windschatten derartiger Leistungsbemühungen

hat sich jedoch »von unten« kommend ein neuzeitlicher

Gegenentwurf entwickelt: das Stadtteilfestival »Lendwirbel«, das

alljährlich in einem ehemaligen Gewerbe- und Arbeiterbezirk zwischen

Stadtzentrum und Hauptbahnhof eine virulente Szene von Aktivisten,

Culturepreneurs und Stadtteilinitiativen vereint. Vormals

erdgeschossige Leerstände der 1990er Jahre wurden durch Neunutzungen

ersetzt und beim Festival werden Plätze, Straßen, versteckte

Ecken und unbekannte Gassen umcodiert und neue Praktiken der

Orte zutage gebracht. Das Lendviertel avanciert so zum temporären

Spielplatz der Ideen und Experimente. Es wird gestaunt und gerockt,

gekocht und gebastelt, vorgeführt und ausgestellt, diskutiert und

entwickelt und der urbane Lebensraum als Bühne des Lebens zurückerobert.

Der »Lendwirbel« ist die mehrtägige Würdigung heterotoper,

urbaner Lebensformen und neuer Ortsaneignungsformen. Mittlerweile

sechs Festivals »Lendwirbel« sind der Anlass einer urbanistischen

Bastian Lange

Ha r a ld S a i ko

Gottfried Prasenc

Kontextualisierung in dieser Publikation. Orte wie das Lendviertel

sind global betrachtet im Fokus der Stadtentwicklung. An ihnen formiert

sich eine neue Urbanität im 21. Jahrhundert. Die vorliegende

Anthologie zeigt, wie unter sozialen, politischen, kulturellen und ökonomischen

Krisenbedingungen in Europa eine neue Praxisform der

Ortsentwicklung Beachtung findet. Sie löst die Ära des öffentlichen

Ortes zum alleinigen Zweck des Flanierens, Konsumierens und sich

Präsentierens ab. An ihre Stelle treten Ortsentwürfe, an denen kulturelle

und soziale Teilhabe neu erprobt, Produktionsprozesse ressourcenschonend

eröffnet und neue Formen des Wohnens und Arbeitens

entwickelt werden. Orte wie der Zuccotti-Park in New York sind mehr

als nur öffentliche Orte, sie sind zu Kulminationspunkten neuer gesellschaftlicher

Entwürfe avanciert. Auf Beteiligung abgestellte Planungs-

und Bauvorhaben durch Baugruppen sind Ausdruck eines erhöhten

Gestaltungsanspruchs an Wohn- und Lebensraum und der

Selbstversuch, Wohnkosten zu senken. Temporäre Stadtteilinitiativen

wie der »Lendwirbel« in Graz sind Bestrebungen selbstorganisierter

Initiativen, den städtischen Raum temporär zu einer Zone kultureller

und sozialer Interventionen umzuprogrammieren und Praktiken des

Stadtlebens zur Sichtbarkeit zu verhelfen.

Konnte man sich bis in das 20. Jahrhundert auf die Figur des Bürgers

als relativ souveränes Subjekt der Stadt verlassen, so treten heute

teilkollektive, ortsbezogene und partikulare Interessensgruppen in

ihre Stelle: Es sind neue Ortsentwickler, die abseits der Planungsroutinen

»Stadt machen«. Im Kern erheben gerade jene Aktivisten, welche

häufig in kreativen und wissensbasierten Professionen zu finden

sind, den Anspruch, ihre Stadt (mit) zu gestalten. Als »neue Stadtmenschen«

trennen sie Arbeiten und Wohnen nicht mehr funktionell, sondern

vereinen verschiedene Funktionsbereiche an einem Ort.

Die Orte der Stadt werden neu vermessen und sind der Grund, exemplarische

Perspektiven in dieser Publikation vorzustellen und den

vielfältigen Ursachen nachzugehen.

02

03


INHALTSVERZEICHNIS DER AUTORENARTIKEL

0. Seite 13

0.1 Seite 14

EINFÜHRUNG

UND

LEITTHESEN

NEUE ORTE

DES STÄDTISCHEN

DURCH SOZIALE

INNOVATIONEN

Bastian

Lange

2.

Seite 81

ORTE

DER

GEGENBEWEGUNG

2.1

Seite 84

ARBEITEN, WOHNEN,

LOUNGEN


HUGH HEFNER UND

DIE NEOLIBERALE

RÜCKEROBERUNG

DER STÄDTE

Christoph

Tw ickel

0.3

0.2 Seite 26

Seite 36

1.

1.2

1.4

NEUE STADTMENSCHEN

UND ORTSENTWÜRFE

DER RE-URBANISIERUNG

Seite 53

ORTE

NEUER

GEMEINSCHAFTEN

Seite 62

COMMUNITY

INFRASTRUCTURING


DESIGNWERKZEUGE ZUR

PARTIZIPATORISCHEN

STADTGESTALTUNG

Seite 72

NEUE GEMEINSCHAFTEN

ALS

TRANSFORMATIVE

KRAFT

Harald

Saiko

Ma lte

B erg ma n n,

Bianca

Herlo,

Jennifer

S chuber t ,

F lor ia n

Sametinger,

Andreas

Unteidig

Rainer

Rosegger

1.1

1.3

LENDWIRBEL

EIN

ORTSENTWURF

Seite 56

REPAIRCITY


NEUE ORTE DER

PRODUKTION IN

DER STADT

Seite 68

POSTMIGRANTISCHE

URBANITÄT:

VON DER

HETEROTOPIE

ZUR TRANSTOPIE

Gottfried

Prasenc

Bastian

L a nge ,

i m G e spr äch

m it

Christopher

Doering

Erol

Yildiz

2.2 Seite 88

Seite 92

ES GEHT NICHT UM EIN

STÜCK VOM KUCHEN,

ES GEHT UM DAS REZEPT


AKTUELLE STÄDTISCHE

BEWEGUNGEN UND DIE

FORDERUNG NACH EINEM

»RECHT AUF STADT«

Christoph

Laimer

2.3

3. Seite 101

3.1

3.2

ORTE

BEWOHNEN

Seite 114

HEUTE SCHON GEWOHNT?


VISIONEN KLEINRÄUM-

LICHER INTERVENTION

ALS IMPULS FÜR GROSS-

RÄUMLICHE SZENARIEN

Patricia

Zacek

Stadler

PLATZBEWEGUNGEN


EXPEDITIONEN

IN DEN RAUM

DER

VERSAMMLUNG

Seite 104

LEISTBARES

WOHNEN

IN DER

WACHSENDEN

STADT,

QUO VADIS?

3.3 Seite 122

Peter

Mörtenböck,

Helge

Mooshammer

Bast ia n

L a nge

u nd

Ha r a ld

S a i ko au f

Basi s ei ne s

G e spr ächs

mit Georg

Kogler

STRUKTUR

Robert

UND

Kaltenbrunner

INTERPRETATION


PLACEMAKING – ODER

WAS ES HEISST, HEIMAT

ZU FINDEN IN DER

STADT

04

05


INHALTSVERZEICHNIS DER AUTORENARTIKEL

4.

Seite 133

GEMISCHTE

UND

MULTIFUNKTIONALE

ORTE

4.1

Seite 136

FEINE SCHRITTE

STATT

GROSSE WÜRFE


EIN PLÄDOYER FÜR

URBANE VIELFALT UND

RAUMGEBORGENHEIT

Matthias

Bürgin

5.

Seite 161

ORTE

PLANEN

5.1

Seite 164

STADT

DER

ATHLETEN

Theo

Deutinger

4.2 Seite 140

4.3 Seite 146

ZÜRICH WEST


ZERREN AN DES

INDUSTRIEQUARTIERS

EINZELTEILEN

Philipp

Klaus

HANDELN NACH Philippe

DER PLANUNG

Schmidt


»POST PLANNING

PROCESSES« IN

DER RÄUMLICHEN LEERE

5.2 Seite 174

5.3

BESSERE PLANUNG

DURCH BESSERE

KOMMUNIKATION

Markus

Neppl

Seite 180

IMAGE STADT


ORTE PLANEN –

STEUERUNG

UND TEILHABE

Kurt

Smetana

4.4

Seite 152

VOM LEBENSSTIL

ZUM GESCHÄFTS-

MODELL


MANIFESTATIONEN

DES KREATIVEN

IN DER STADT

Doris

Rot hauer

6. Seite 189

RELATIONALE

ORTE

6.1

Seite 192

RE-CLAIMING

KARNEVALISIERUNG


DIE STRASSE

ALS ÖFFENTLICHES

WOHNZIMMER

Elke

Krasny

6.2 Seite 198

Seite 202

6.3

VON DER ANARCHIE

IN DER VORSTADT

NACH BOBOSTAN

Philipp

Rode

ES GIBT VIEL

ZU TUN!


EIN PLÄDOYER FÜR MEHR

KÜNSTLERISCHE PRAXIS

IM URBANEN RAUM

Ula

Schneider

06

07


INHALTSVERZEICHNIS ZUM FALLBEISPIEL »LEND«

Seite 09

DER GRAZER

BEZIRK LEND

UND DAS

MARIAHILFERVIERTEL

1.

Seite 49

ZWISCHEN

LIEBE

UND

SEHNSUCHT …

DER GRAZER

BEZIRK LEND

UND DAS

MARIAHILFERVIERTEL

2. Seite 77

3.

HELDEN

Seite 97

DACH-

TERRASSEN-

HIPSTER

4. Seite 129

5.

KONTAKTHOF

(LOCAL KNOWHOW)

Seite 157

STADT

GEMACHT!

6.

Seite 185

IM MAI

alle Artikel von

Claudia Gerhaeusser

Seite 205

LENDWIRBEL

2008 — 2013

Seite 213 Seite 219

LOKAL HEROES 8020


VEREIN FÜR

KREATIVE,

STADT,

ENTWICKLUNG

DAS MANIFEST


DIE ZEIT

IST REIF

Seite 224

IMPRESSUM

08

09


Transformation

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schlossen

traditionell industrielle Produktionsbetriebe

im Bezirk Lend ihre Pforten, Anfang der 1990er

Jahre wurde die Mariahilferstraße Fußgängerzone,

was eine Veränderung der Gewerbestruktur nach

sich zog. Bedingt durch Umsatzrückgänge, deren

Ursache in der jahrelangen Bautätigkeit zu finden

ist, wurde in den 1990er Jahren die Murgalerie, ein

»künstlerisches Fußgängerzonenbelebungsprojekt«

durch eine Initiative von den Gewerbetreibenden

rund um die Mariahilferstraße ins Leben gerufen.

Im wirtschaftlichen Kontext konnte die Murgalerie

die in sie gesetzten Erwartungen jedoch nicht

erfüllen.

Vgl.: http://offsite.kulturserver-graz.at/werke/952

Geschichte

Der 4. Grazer Stadtbezirk liegt westlich der Innenstadt

am rechten Ufer der Mur.

Zentrum des Bezirks bildet der Bereich entlang der

Mur, von der Annenstraße Richtung Norden über

den Mariahilferplatz bis zum Lendplatz. Dieser

Zone, die historisch dem nördlichen Teil der alten

Murvorstadt entspricht, kam seit jeher eine besondere

verkehrstechnische Bedeutung zu. Zuerst durch

den Verkehr am Fluss (Floßlend), ab dem 17. Jahrhundert

durch die Nord-Süd-Hauptverbindung (Wien-Triest-Laibach)

durch die Wiener Straße über den

Lendplatz, Mitte des 19. Jahrhunderts mit Errichtung

der Annenstraße zum neuen Grazer Hauptbahnhof.

Als der überregionale Verkehr längst verlagert

war, blieb der Lendplatz als Endstation für die

Buslinien aus der Weststeiermark sowie durch die

innerstädtische Anbindung Tramlinien 2 und 3 bis

in die 1960er Jahre lebendige Verkehrsdrehscheibe.

Der Lendplatz und seine Umgebung waren immer

»Handelsumschlagplätze« mit Beherbergungs-, Gastronomiebetrieben

sowie gewerblicher Infrastruktur.

Noch heute zeugen der Mühlgang und der Bauernmarkt

am Lendplatz von dieser Entwicklung.

Soziale Struktur

Die alte Murvorstadt des rechten Murufers (die heutigen

Bezirke Gries und Lend) war und ist der Stadtteil,

der auch jene aufnahm und aufnimmt, die in

den bürgerlich geprägten Bezirken des linken Murufers

deplatziert waren und sind: Gesindel, Gesetzlose

und Verbrecher in früheren Zeiten, Zuwanderer

und Migrantinnen und Migranten heute. Im ausgehenden

19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts

war Lend ein Arbeiterbezirk mit 30.000

Einwohnern und vielen Arbeitsstätten vor Ort. Die

Zuwanderungsphase der letzten 15 Jahre veränderte

den Bezirk noch einmal nachhaltig. Lend hat lt.

der vom Magistrat Graz herausgegebenen Statistik

mit dem Stand vom 01.10.2012 mit 28,6% den zweitgrößten

Anteil an Migrantinnen und Migranten in

ganz Graz, im benachbarten Gries leben 31,4%. Auf

gesamtstädtischer Ebene liegt der Anteil bei 16,4%.

Begünstigt wurde diese Entwicklung durch die seit

Jahrhunderten günstigen Immobilien- und Mietpreise

im Lend.

Vgl.: Bezirkschronik Prof. Dr. Karel Kubinzky

10

11


NEUE ORTE

DES STÄDTISCHEN

DURCH SOZIALE

INNOVATIONEN

»haring is th new black«

0.1

Bast ia n

Lange

turellen und ökonomischen Bedingungen ansprechen. Zum anderen zeigen die

Beispiele auch, wie in ausnahmslos unterschiedlichen Kontexten Menschen um

die Sicherstellung des Zugangs zu öffentlichen Orten im Städtischen als Ausdruck

gesellschaftlicher Teilhabe und der Wahrung sozialer Infrastrukturbedürfnisse

ringen (müssen): politisch, planerisch, kulturell, sozial und ökonomisch.

Dabei zeigt sich, dass sich die Akzeptanz des öffentlichen Ortes als Polis

der europäischen Stadt zum Zweck des Flanierens, Konsumierens und Sichzeigens

immer eindringlicher wandelt. Die Polis verändert sich zugunsten einer

städtischen Ortslogik, bei der weitaus eindringlicher existenzielle Fragen zur

Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen vorgetragen, artikuliert und verhandelt

werden. Quer zu den Generationslagen wollen junge und alte Stadtbewohner immer

nachhaltiger bei der Ausgestaltung von neuen Orten in ihrem nahen Umfeld

mitsprechen. Sie trachten ebenso danach, für sie wichtige und bedeutsam gewordene

Orte im Verbund mit spezifischen kulturellen Errungenschaften zu bewahren.

Immer geschickter gelingt es dabei zum Beispiel neuen Protestbürgern,

sich gegen ortsverändernde Vorhaben zur Wehr zu setzen und somit lokalen

und ortsgebundenen Werten zur Durchsetzung und Anerkennung zu verhelfen.

Warum Orte?

Städtische Orte sind das strittige Terrain des urbanisierten 21. Jahrhunderts.

Orte wie der Tarhirplatz in Kairo und der Zuccotti-Park in New York sind

mehr als nur öffentliche Orte des Protests, sie sind zu Kulminationspunkten

neuer gesellschaftlicher Entwürfe avanciert; dagegen sind neue städtische Orte

wie ›New Downtowns‹ geplante Entwürfe mit dem Ziel, Funktionsmischung von

oben zu planen, wie es sich in der Hamburger HafenCity abzeichnet; des weiteren

sind auf Beteiligung abgestellte Planungs- und Bauvorhaben durch Baugruppen

Ausdruck eines erhöhten Gestaltungsanspruchs von Wohn- und Lebensraum,

wie ebenso der Versuch, Entwicklungs-, Bau- und Planungskosten

durch Eigenbeteiligung zu senken; temporäre Kultur- und Stadtteilinitiativen,

wie zum Beispiel das jährlich stattfindende Lendwirbel-Festival in Graz, sind Bestrebungen

selbstorganisierter transversaler Initiativen, den städtischen Raum

temporär zu einer Zone kultureller Interventionen umzuprogrammieren, um

dadurch neuen Praktiken der Kulturproduktion und des Stadtlebens zur Sichtbarkeit

zu verhelfen.01 Keine Frage, neue Ortspraktiken reformulieren die Stadt,

wie wir sie kennen.

Warum Ortsentwürfe?

Die diskursiv seit einigen Jahren von Raum- und Stadtforschung, aber auch

dem Feuilleton, urbanen Lifestylemedien sowie zivilgesellschaftlichen Anstrengungen

hervorgehobenen neuen konkreten Ortsentwürfe bringen zumindest

zwei beachtenswerte Elemente zum Ausdruck: Zum einen lassen sich derartige

Aneignungsformen als exemplarische Ortsgeografien der Neuformierungen von

Urbanität im 21. Jahrhundert unter gänzlich neuen sozialen, politischen, kul-

01

Die Liste ließe sich beliebig

weiterführen, was Marquart/

Schreiber (2012) auch mit ihrem

Buch Ortsregister getan haben

(Marquardt /Schreiber 2012).

Sehnsucht nach Kanten und Ecken, Spitzen und Kerben

Diese Praxisformen drücken aber auch pragmatische Sehnsuchtsbestrebungen

im sozialen und räumlichen Nahraum aus. In einer globalisierten, durch

analoge und digitale Netzwerkstrukturen radikal multiplizierten Welt, trachten

viele Menschen immer vehementer danach, sich wieder eine Welt zu erschaffen,

in der das Essen noch so schmeckt, wie man es früher selbst geschmeckt und

erfahren hat, in der soziale Beziehungen wiederum neu erfunden werden und

sich so anfühlen, wie man es aus vergangenen Zeiten kennt; in diese heutige Welt

sollen wiederum Kanten und Ecken, Spitzen und Kerben eingesetzt werden, um

der fehlenden Haptik des digitalen Zeitalters eine neue, gleichsam alte Griffigkeit

zu verleihen: Das fängt mit der Modewelle der Rauschebart tragenden jungen

Großstadtmänner und ihren grobkarierten Holzfällerhemden an, geht weiter

zur Suche nach alten, aber schmackhaften regionalen Nahrungsmitteln und

setzt sich im sozialen Bereich in der auffallenden Blüte von vergemeinschaftenden

Mikroinitiativen fort: Urban Gardening, Stadtteilfeste, neue Baugruppenprojekte,

Coworking Spaces usw. bringen dies zum Ausdruck.02 Man meint, alle

strömen an die Wärme des verloren gegangenen Lagerfeuers zurück. Aus dieser

mitunter wiederbelebten Romantik erwächst eine Suchbewegung nach der

richtigen zukünftigen Parzelle, der sozialen Scholle, auf der diese städtischen

und sozialen Wiederbeatmungsversuche vollzogen werden. Gestärkt werden

diese mannigfaltigen Initiativen aber auch dadurch, dass Dinge des Alltags

durch die industriellen Produktionsweisen an Qualität, Passgenauigkeit, Usability

oder Geschmack verloren haben.

Von Do-it-yourself zu Do-it-better!

Denn im Zuge der Suche nach der jeweils richtigen Parzelle hat sich auch die

anfänglich stichwortgebende Do-it-yourself-Kultur – ursprünglich dem protestierenden

Punk in Musik, Mode und Gesellschaft zugeordnet – reformuliert

und sich als Quellgrund neuer Produktionslogiken zur Marke Eigenbau (Friebe/Ramge

2008) gemausert.03

0₂ »Urban Gardening«, Über die

Rückkehr der Gärten in die

Stadt, so lautet das Buch von

Dr. Christa Müller, das erste

Buch zur neuen Gartenbewegung

aus dem Jahr 2011.

03 Holm Friebe und Thomas

Ramge belegen anhand vieler

nationaler und internationaler

Beispiele, wie das schon

jetzt funktioniert und warum

Masse künftig die Summe

der Nischen sein wird. Die

Grenzen zwischen Produzenten

und Käufern werden fließend,

aus Konsumenten werden

»Pro-sumenten«, die selbst Produkte

herstellen und ihre

Marktmacht entdecken.

Eine Bewegung, die dem globalen

Kapitalismus eine

neue Wendung geben wird.

14

15


NEUE STADTMENSCHEN

UND ORTSENTWÜRFE

DER RE-URBANISIERUNG

»Re-rbanisierung ist di

rbanität im 21. ahrhundert.«

Es ist noch nicht allzulange her, dass der Diskurs zur europäischen Stadt deren

Auflösung beschwor. Egal ob durch die zunehmenden virtuellen Welten, die

öffentliche und reale Räume als überflüssigen und altmodischen Tand stigmatisierten,

egal ob in Form der unbestrittenen Suburbanisierung in einer immer

weiteren Agglomeration um die kriselnden Kernstädte, egal ob durch Schrumpfung

der Städte, welche in Gegenden der ehemaligen DDR genauso wie in ländlichen

Randgebieten Österreichs ein relevantes Phänomen darstellen: Es schien

schlecht bestellt um die gute alte Stadt, und mit ihr um die Communitas. Die

Rufe der Traditionalisten nach einer »kompakten Stadt« verhallten in dieser Zeit

wie das Pfeifen im Walde.

Mittlerweile werden diese Schlagzeilen im einschlägigen Fachdiskurs genauso

wie in Feuilleton und Boulevard durch Themen rund um die »Renaissance der

Stadt« verdrängt. Viel öfter hört oder liest man das geflügelte Wort, dass erstmals

in der Geschichte der Menschheit über 70% der Menschen weltweit in Städten

leben. Und in der Tat, auch in etlichen mitteleuropäischen Städten herrscht seit

wenigen Jahren ein Bevölkerungswachstum01 wie schon lange nicht, ablesbar an

rasant steigenden Preisen für Grund und Boden oder Wohnen.

Es dürfte also klar sein, dass die Stadt kein Auslaufmodell

ist, unklar ist höchstens die Frage, was denn ge-

GRAZ

nau Stadt und mit ihr die Urbanität sei. In diese Debatte

gesellt sich neuerdings ein Kaleidoskop von Begriffen und

Themen die von Bottom-Up-Urbanismus und Self-Made-City

über informellen Städtebau und Grasroot-Bewegung

bis hin zu »Reclaim the City« oder der Wiederbelebung

des »Rechts auf Stadt« reichen, um nur einige wenige

0.2

Ha r a ld

Saiko

01

Statistik Bevölkerung Graz und

Umgebung

GRAZ

UMGEBUNG

SUMME

1971 249.089 99.806 348.895

1981 243.166 106.34 0 349.509

1991 237.810 118 . 0 4 8 355.858

2001 226.244 131.304 357.548

2011 262.566 142.553 405.119

zu nennen. Es stellt sich die Frage, welche Phänomene damit angesprochen werden

und welche Rolle diese in der neu erwachten Debatte zur Stadt spielen.

Was ist Stadt?

Dazu ist erstens festzuhalten, dass verschiedenste Formen von Stadt oft längst

der Normalfall waren, wenn auch außerhalb einer konservativen Sicht von Stadt.

So werden Einfamilienhausteppiche,02 die sich über ganze Landschaften legen,

die informellen Barackensiedlungen der Favelas oder großmaßstäbliche monofunktionale

Plattenbauzeilen selbstverständlich als Teil jener Städte gesehen, wo

sie situiert sind, auch wenn dies dem europäischen Stadtliebhaber alter Prägung

nicht ganz geheuer ist.

Dazu ist zweitens festzuhalten, dass wesentliche Merkmale der Stadt als Ort

von Produktion, Handel und Konsumtion, des Wohnens und der Repräsentation

keineswegs unveränderliche Konstanten sind, ja nicht einmal einer linearen,

stetigen Entwicklung folgen. Man denke nur an die weitreichenden Folgen der

industriellen Revolution in Europas Großstädten, deren gerademal in drei, vier

Jahrzehnten entstandene Stadtbilder etwa Paris, Wien, Berlin heute noch prägen.

Man denke nur an die Suburbanisierung der Wirtschaftswunderzeit, deren

gerademal in drei, vier Jahrzehnten entstandene riesige Speckgürtelagglomerationen

unsere Städte noch weit in die Zukunft prägen werden.

Ungleichzeitigkeit und Unterschiedlichkeit gebauter und gelebter Stadtstrukturen

über die ganze Welt verteilt und deren permanente Transformation stellen

also keineswegs Ausnahmen oder Abweichungen eines Idealstadtmodells

dar. Vielmehr beschreibt diese unübersichtliche Vielfalt die Möglichkeiten der

Stadt gestern wie heute.

»Spontaneous Interventions:

Design Actions for the Common Good«

Sehr überraschend angesichts dieser Unüberblickbarkeit und Ungleichzeitigkeit

ist aber allemal, wenn kleinteilige lokale Phänomene über die Kontinente

hinweg frappierend ähnlich und zugleich auftauchen, und ihnen da wie dort

ungeteilte Aufmerksamkeit zukommt. So zeigte der nationale Beitrag der USA

anlässlich der Architekturbiennale in Venedig unter dem Titel »Spontaneous

Interventions: Design Actions for the Common Good«03 eine ganze Reihe von

nachbarschaftlichen Projekten in öffentlichen Räumen oder halböffentlichen Bereichen.

Es waren Projekte wie gemeinsame Wohnzimmer in der Straße, gemeinschaftlich

betriebene Gärten oder Freizeitbereiche, künstlerische oder partizipatorische

Aktivitäten und Festivitäten aller Art. Situiert waren diese spontanen

Interventionen in verschiedensten Städten quer durch die USA, in verschiedensten

Kontexten und Milieus. Initiiert wurden diese Projekte weder von der jeweiligen

Stadtverwaltung noch von Investoren oder anderen übergeordneten Interessensgruppen,

sondern von Anwohnern oder Nachbarn, ansässigen Künstlern,

Architekten oder Vereinen usw. usf. Es sind Menschen verschiedenster Herkunft,

Motivation, Zugehörigkeit oder Kompetenz, die das Tun und Wirken am

gemeinsamen Umfeld in der Stadt verbindet. Ähnlich und zu gleicher Zeit sind

Projekte dieser Art in unseren Breiten entstanden. Einige davon haben geradezu

Kultstatus erreicht. Doch auch wenn der mediale Fokus noch nicht überall

darauf eingestellt wurde, es finden sich solche Projekte in zahlreichen größeren

0₂ »Das wahre Zentrum, die einzige

zulässige Zentralisierung in der

Demokratie Usonias, ist das einzelne

Haus«, schreibt F.L. Wright

in seinem Idealstadtentwurf

Broadacres aus den 30er Jahren

des letzten Jahrhunderts. Er

nimmt die in Folge entstehenden

Städte der Agglomeration mit

ihren endlosen Einfamilienhausteppichen

prophetisch vorweg,

wenn auch in seiner amerikanischen

Variante und mit durchaus

hehren Motiven für die Stadt.

03 Spontaneous Interventions:

Design Actions for the Common

Good documents projects

initiated by architects, designers,

planners, and everyday

citizens that bring positive

change to the public realm.

It captures one of the most

compelling contemporary

urban trends, wherein people

launch projects that expand the

amenities, comfort, functionality,

inclusiveness, safety, and

sustainability of cities. From

parklets to community farms,

guerrilla bike lanes to urban

repair squads, outdoor living

rooms to pop-up markets, sharing

networks, and temporary

architecture, Spontaneous

Interventions highlights

viable citizen-led alternatives

to traditional top-down urban

revitalization tactics. With the

world´s population officially

predominantly urban, and a

broadening interest in urban

design and placemaking, the

kinds of microspatial urban

acts collected in Spontaneous

Interventions represent a

critique of the contemporary

city as well as an affirmation

of the power of human agency

and the desire of individuals to

play a more hands-on role in

shaping the cities in which they

live. Spontaneous Interventions

presents a fascinating

contemporary approach that

blends activism with a sort of

entrepreneurship, craft, and ingenuity,

ultimately reasserting

design as an integrated practice

capable of solving problems of

all types and scales.

26

27


Programm. Jemand stellte noch einen Flohmarkt auf die Beine. Mit dem Veranstaltungs-

sowie Straßenamt wurden Abklärungen getroffen und Zustimmungen

eingeholt. Anfänglich noch unbedarft, war man überrascht, dass hier zwei

Sprachen aufeinandertreffen – auf der einen Seite die des Regulativs, auf der

anderen Seite die der Spontaneität. Mit der Zeit lernte man in diesen fremden

Gewässern zu schwimmen und mit den Spielräumen und Interpretationen des

Regelwerkes umzugehen. Angekündigt wurde das Straßenfest als »Lendwirbel

– die Blockparty im Lend«. Diese fand zwischen dem 16.–18.Mai 2008 statt. Die

Ankündigung erfolgte hauptsächlich auf selbstgedruckten Flugblättern sowie

in sozialen Netzwerken. In einigen lokalen Medien erschienen Wochen und

Tage davor kurze Artikel über die Kreativwirtschaft in der Mariahilferstraße

und über die Vorbereitungen zum Straßenfest. Bereits am Donnerstag davor

verbrachten viele Leute im Viertel einige Zeit vor ihren Haustüren, um die Installationsaufbauten

zu beobachten.

Dies ist unser Wohnzimmer

Am Haupttag des »Lendwirbels«, dem Samstag, waren geschätzt an die 6000

Menschen bei friedlicher Stimmung auf der Straße, viele davon bis in die Morgenstunden.

Der Slogan »Dies ist unser Wohnzimmer« prägte das Fest. Obwohl

das Programm beim ersten »Lendwirbel« gegenüber den folgenden noch einigermaßen

übersichtlich war, waren etliche Teilprojektveranstalter ähnlich wie

ich überrascht von der Spontaneität und Dichte, die sich ergab. Nach dem Fest

wurden Stimmen laut, die meinten, eine solche Aufbruchsstimmung in der Stadt

noch nicht erlebt zu haben. Der größte Erfolg für die community jedoch war, dass

sich insgesamt mehr als 100 Akteure ehrenamtlich am Fest beteiligten. Allein bei

der »Streetgallery« wurden über 30 Projekte eingereicht und errichtet. Den Menschen

war die Mitgestaltung und/oder Kommentierung des Ortes, an dem wir arbeitend

oder wohnend leben, von Bedeutung. Das war mehr als eine Blockparty.

Zwischen Blockparty und soziokulturellem Grätzelfest

In den lokalen Medien kamen Titulierungen wie Grätzel- oder Soziokulturelles

Stadtteilfest verstärkt auf, insbesondere innerhalb der Lendwirbelcommunity

vollzog sich in den beiden Folgejahren ein Paradigmenwechsel. Der Fokus wurde

zunehmend auf die Betonung des Nachbarschaftlichen und des Soziokulturellen

gelegt. 2009 wurde das Fest programmatisch noch ausgebaut. Nana und Kuki veranstalteten

das »PermaLend - Frühstücken«0⁷ im öffentlichen Raum zu dem jedeR

geladen war. Thematische Spaziergänge entlang der Sinne wurden von Rainer und

Lola organisiert, Gregor und Franz erfanden den Schlagergarten Gloria, das Lokal

Scherbe organisierte den Interkulturellen Straßenmarkt, die Theatergruppe freigangproduktionen

bespielte den öffentlichen Raum sowie leer stehende Häuser, …

Da immer mehr Akteure verschiedenste Veranstaltungen während des Festes

durchziehen wollten, hatte man den »Lendwirbel« auf vier Tage erweitert. Die

Kulturinstitutionen, die sich im Bezirk befanden, versuchten dabei zu sein, entwickelten

jedoch nicht diese Kraft und Autonomie wie etliche andere Akteure,

die sich mit dem Viertel verbunden fühlten bzw. darin lebten. Jedoch nutzten

immer mehr soziale Initiativen das Fest als Plattform für ihre Anliegen. Eingesessene

Bewohner/-innen wurden als Expert/-innen beigezogen. Sie erzählten

über die Entwicklungen in ihrer Straße.

07 Dabei handelt es sich um eine

Abwandlung zum »Permanent

Breakfast«, einem Kunstprojekt

des österreichischen Künstlers

Friedemann Derschmidt und

einigen weiteren Künstlern, mit

dem Ziel, öffentliche Räume

und Plätze ohne Voranmeldung

und zu meist bestimmten Zeiten

zu »befrühstücken« und damit

die Kommunikation unter den

Teilnehmer/-innen zu fördern.

Die Gentrifizierungsdebatte

Bereits in diesem zweiten Jahr kam es innerhalb der Lendwirbelakteure

zu Diskussionen über Gentrifizierung0⁸ sowie in der Reaktion darauf das verstärkte

Einbinden von Migrant/-innengruppen. Bei manchen der Akteure war

anfänglich die liberale Haltung vorherrschend, dass jeder/jedem die Möglichkeit

gegeben ist im öffentlichen Raum selbst zu agieren. Andere führten wiederum

die Verantwortung gegenüber sozial Schwächeren an. Trotz Bemühungen

einiger Akteure konnten Migrant/-innen in Folge nur vereinzelt oder über

Organisationen, die sich damit beschäftigen, eingebunden werden. Die Gentrifizierungsdebatte

wurde zu einem Teil auch von manchen politischen, sozialen,

aber auch künstlerischen Gruppierungen, die manchmal den großen

Subventionstopf hinter dem Fest vermuteten, ideologisch motiviert als inflationäre

Universalmetapher herangetragen. Fundierte Belege wurden bis dato

noch nicht aufgezeigt, aber auch in der Wahrnehmung ist eine Segregation von

Migrant/-innen schwer auszumachen, da das Milieu in der Mariahilferstraße

sowie in Teilen des Lendplatzes nicht von Migrant/-innen bestimmt war.0⁹ Innerhalb

der community sind für manche die sogenannten Kreativ-Läden der

ganz selbstverständliche Strukturwechsel des Gewerbes in der einstigen Handelsstraße.

Andere weisen auf die Trendprognosen seitens der Immobilienwirtschaft

hin. Was von der Gentrifizierungsdebatte bleibt, ist eine Unsicherheit

sowie eine fortlaufende Auseinandersetzung. Beides produziert jedoch Aufmerksamkeit,

und dies kann für die gesellschaftliche sowie städtebauliche Entwicklung

nur gut sein.

Vereinnahmt von allzu viel Design

Auch an einem anderen Themenfeld kam 2009 Irritation auf. Die Creative

Industries Styria10 organisierte in diesem Jahr erstmals den »Designmonat«,

da Programmteile des »Lendwirbels« eine kleine finanzielle Unterstützung

seitens der CIS bekamen, verleibte sich die CIS auf ihren Hochglanzmagazinen

den Lendwirbel ein. Was anfänglich von den meisten Lendwirbelaktivist/

-innen noch gewollt wurde, verkehrte sich in das Gegenteil, als man erkannte,

dass dadurch nach außen hin der Eindruck vermittelt wird, es handle sich

dabei um eine Leistung der CIS. Die Vereinnahmung dauerte noch ein weiteres

Jahr an, bis die Problematik bei allen Lendwirbelakteuren einsickerte und

man sich erfolgreich dagegen verwehrte. In der Konsequenz dazu verzichtete

man auf weitere finanzielle Förderung von dieser Stelle.

Förderungen und Stadtmarketing

Diskussionen über Subventionen begleiteten ohnehin all die Jahre den »Lendwirbel«.

In einem Jahr wurde versucht die Programmpunkte zu bündeln, ein anderes

Mal wieder die Programmpunkte einzeln einzureichen. Augenscheinlich

war, dass die öffentlichen Fördergeber mit dezentralisierten Veranstaltungen –

und zu dem entwickelte sich der »Lendwirbel« immer stärker – nicht umgehen

konnten bzw. sich deren Aufteilungsmechanismus nur durch starkes Lobbying

verändern ließ. So kam man immer wieder auf ähnliche Fördersummen, die sich

in Summe zwischen 20.000,- und 30.000,- Euro beliefen. (Abgesehen von einigen

weitere Programmpunkten, die unabhängig auf eigene Faust Förderungen

akquirierten.) Diese Summe war für das Ausmaß der Veranstaltung auch die-

08 »Der Begriff Gentrifizierung

wurde in den 1960er Jahren von

der britischen Soziologin Ruth

Glass geprägt, die Veränderungen

im Londoner Stadtteil

Islington untersuchte. Abgeleitet

vom englischen Ausdruck

›gentry‹ (= niederer Adel) wird

er seither zur Charakterisierung

von Veränderungsprozessen in

Stadtvierteln verwendet und

beschreibt den Wechsel von

einer statusniedrigeren zu einer

statushöheren (finanzkräftigeren)

Bewohnerschaft, der oft

mit einer baulichen Aufwertung,

Veränderungen der Eigentümerstruktur

und steigenden

Mietpreisen einhergeht.«

Deutsches Institut für Urbanistik:

Difu-Berichte 4/2011 - Was

ist eigentlich Gentrifizierung?

http://www.difu.de/publikationen/difu-berichte-42011/

was-ist-eigentlich-gentrifizierung.html,

07.03.2013

09 Bei der Untersuchung von

Gentrifikation folge ich

nachstehenden Grundsätzen:

»Bei ›Gentrifikation‹ und

›Residualisierung‹ gilt zu

hinterfragen, welche positiven

Entwicklungen und Potentiale

sie in sich tragen, und welche

Schattenseiten es dabei abzufedern

gilt. Dabei ist wichtig

sich anzusehen, wie sich das

Leben im Stadtteil gestaltet,

wie sich die Bewohner selbst

dabei wahrnehmen, welche

Orte im formalen Bereich (Arbeit,

Schule, ...) für sie zentral

sind, wie sie ihren Lebensstil

entfalten, welche Konflikte

sich ihnen stellen und welche

Bedeutung soziale Netzwerke

dabei spielen.« Davey-Hiesleitner,

Anna/Güngör, Kenan. In:

Ressourcen im Blick, Tagungsband

zur Veranstaltung vom

07.Mai 2010, Gemeindezentrum

St. Ruprecht, http://www.ifeb.

uni-klu.ac.at/fileadmin/ib/dateien/Tagungsband_Ressourcen_im_Blick.pdf,

09.01.2013

10 Auf Initiative der steirischen

Wirtschaft wurde die CREA-

TIVE INDUSTRIES STYRIA

GMBH zur Stärkung und Ver

netzung der Creative Economy

in der Steiermark gegründet.

Hinter der CREATIVE INDUS

TRIES STYRIA GMBH stehen

die Innofinanz - Steiermärkische

Forschungs -und Entwicklungsförderungsges.m.b.H.,

die steirische Industriellenvereinigung,

die Wirtschaftskammer

Steiermark und die Stadt Graz.

38

39


1.1

Seite 56

REPAIRCITY

1.

1.2

Seite 62

COMMUNITY

INFRASTRUCTURING

ORTE

NEUER

GEMEINSCHAFTEN

Eine gewisse Unübersichtlichkeit stellt sich ein, je

länger ich die Szenerie beobachte, so dass mittendrin

das Gefühl aufkommt, nicht alles erfassen zu können

und auch nicht überall dabei zu sein. Welche eigenen

Dynamiken in den Gassen entstehen abseits der gängigen

Plätze, wie es Mariahilferstraße und der Lendplatz

sind, lässt sich nur erahnen. Zwei ägyptische

Studierende erzählen von einer Wohngemeinschaft

in der sie Gesprächsrunden und Vorträge organisieren

zu den Themen der Zeit. Ihr Lend fängt dort an,

wo meiner bis eben aufgehört hat.

Das ist die Energie. Immer anders entwickelt sich

der Vibe, immer anders sind die Leute, die am Fenster

vor dem Printi vorbeigehen. Eine Dame Mitte 60

in senffarbenem Jäckchen mit Hund und Ehemann

ebenso wie der halbe Jesus mit Longboard und Rucksack.

Kinder mit Ihren Müttern, Mütter mit Kindern

und Väter mit Kindern und immer wieder Fahrradfahrer/-innen,

Hundebesitzer/-innen und Männer

auf dem Weg ins nächste Puff. Je nach Uhrzeit, je

nach Wetterlage sehr verschieden.

Zwischendrin sehe ich vom Sofa aus, wie die

Sehnsucht in leuchtenden Lettern im Baum hängt,

während hinter mir die Liebe als Leuchtschrift an

der Wand im Laden selbst die Aufmerksamkeit japanischer

Touristengruppen auf sich zieht: Cheese,

may I take a picture of this? Yes you can!

52

1.3

Seite 68

POSTMIGRANTISCHE

URBANITÄT:

VON DER HETEROTOPIE

ZUR TRANSTOPIE

1.4

Seite 72

NEUE

GEMEINSCHAFTEN

ALS

TRANSFORMATIVE

KRAFT

53


POSTMIGRANTISCHE

URBANITÄT:

VON DER HETEROTOPIE

ZUR TRANSTOPIE

1.3

Erol

Yildiz

sich neue Verortungspraxen und Lebenskonstruktionen, neue Bindungen und

Vernetzungen, die verschiedene Orte miteinander verknüpfen und schrittweise

transformieren.03 Dies verweist auf einen »neuen Kosmopolitismus von unten«

(Römhild 2009, S. 234), eine transversale Bewegung, die Regionen, Kulturen, Lebensstile

und Lebensformen, die oft geografisch wie zeitlich weit voneinander

entfernt sind, auf lokaler Ebene zusammenbringt. Dabei entstehen, wie Martin

Albrow (1998) sagt, diverse »Soziosphären«, die unterschiedlich gelagerte, weltweit

gespannte gesellschaftliche wie lebensweltliche Verknüpfungen im Alltag

präsentieren. Diese urbane Alltagspraxis gewinnt eine neue Dynamik und erfordert

das Überdenken unserer nationalen Vorstellungen von Raum, Zeit und

Welt (vgl. Rifkin 2006, S. 285).

03 Da ich urbane Wirklichkeiten

aus der Perspektive und

Erfahrung von Migration

betrachte, wird mir gelegentlich

vorgeworfen, auf einem Auge

blind zu sein. Meine Arbeiten

verstehen sich jedoch als eine

Absage an das vorauseilende

Misstrauen, mit dem Migration

und migrationsbedingtem

Wandel stets begegnet wird.

»tadtgeschichte sind auch imme

igrationsgeschichte«

Stadt ist Migration

In Wiener U-Bahnstationen brachte kürzlich ein Plakat die komplexe Beziehung

von Stadt und Migration auf den Punkt: »Ach Wien, ohne uns Fremde,

Migranten, Zugewanderte, hättest Du weder Vergangenheit noch Zukunft.«

Zwar wird Mobilität allseits als Erfordernis unserer globalisierten Welt beschworen,

transnationaler Migration aber weiterhin mit Argwohn und Ablehnung

begegnet. Nahezu unreflektiert erstreckt sich dieser hegemoniale Blick

auch auf Stadtviertel oder Straßenzüge, die sichtbar von Migration geprägt sind,

wo inzwischen die Nachkommen von Zuwanderern bereits in der dritten Generation

leben. Schnell werden solche Quartiere als Problemviertel abgetan, geraten

langfristig in Verruf. Es wäre absurd, von abgeschlossenen, homogenen

Parallelwelten zu reden.01 Urbane Strukturen motivieren, ja nötigen Menschen

in den verschiedensten Kontexten zum Austausch. Netzwerke des Handels, der

Gastronomie und anderer Unternehmungen verbinden die Stadtteile mit dem

größeren Umfeld – auch über nationale Grenzen hinweg. Es sind Strukturen und

informelle Gestaltungsräume, mit denen Migranten und deren Nachkommen

aktiv zur Entwicklung von Urbanität beitragen und durch die vor allem Großstädte

ein weltoffenes Image erlangen.02

Öffnung der Orte zur Welt

Zur Charakterisierung gegenwärtiger Gesellschaften benutze ich daher die

Metapher »Die Öffnung der Orte zur Welt« und meine damit, dass Globalität eine

täglich gelebte Erfahrung ist. Eine Art mobiler Sesshaftigkeit oder sesshafter

Mobilität scheint das Charakteristikum heutiger Städte zu sein. Durch Migration,

die den Mythos der andauernden Sesshaftigkeit infrage stellt, entwickeln

01 Bei solchen Begriffen handelt

es sich um ein »Dispositiv« im

Sinne von Michel Foucault, mit

dem Normalitäten definiert

und gesellschaftliche Machtverhältnisse

organisiert werden.

02 Statt von oben zu urteilen und

ganze Stadtteile als »Parallelgesellschaften«

abzuwerten,

reicht manchmal schon eine

erste Ortsbegehung oder ein

Gespräch vor Ort, um den Blick

zu verändern und um Gegenbilder

zu den hegemonialen

Diskursen zu entwerfen

(vgl. Mattausch/Yildiz 2009).

Urbanität zwischen Entnationalisierung und Renationalisierung

Durch permanente und widersprüchliche Mischungen entstehen neue urbane

Räume, die sich als Zwischenräume vorstellen lassen. Sie sind Orte, an denen

radikale Differenzen und Widersprüche aufeinanderprallen. Zu Recht hat

Henri Lefebvre das Städtische als Ort definiert, »wo die Unterschiede sich kennen,

sich erkennen, erproben (…)« (Lefebvre 1972, S. 128). Diese Sichtweise ermöglicht,

wie Michail Bachtin in einem anderen Zusammenhang formuliert

hat, »Unterschiedliches zu kombinieren und Entferntes anzunähern« (Bachtin

1987, S. 85). Diese durch Diversität geprägten urbanen Wirklichkeiten gleichen

dem, was Edward Said (1990) »atonales Ensemble« nannte: Die alltägliche Realität

kann am besten charakterisiert werden durch radikale Vielfalt, Mehrdeutigkeit,

Ambivalenz und Widersprüche.04

Neben den Möglichkeiten, die solche weltweiten Verbindungen für die Individuen

im Alltag bieten, gibt es allerdings die vielerorts verschärften Grenzen der

Nationalstaaten oder die hoch gesicherten Außengrenzen der Europäischen Union

und die damit einhergehende Kontrolle von Mobilität, zusätzlich Diskriminierungen

ökonomischer und politischer Art, die Migration zu unterbinden versuchen.

Die paradoxe Situation der Öffnung bei gleichzeitiger Verschärfung der

Kontrolle gegenüber bestimmten Gruppen (Flüchtlinge, Illegale etc.), die als »unerwünscht«

und »überflüssig« betrachtet werden, schafft für diese Menschen immer

größere Barrieren. Geografische Mobilität gilt also nicht für alle im gleichen

Maße. Eine solche globale Hierarchie der Mobilität ist Bestandteil einer Neuverteilung

von Privilegien und Verlusten auf weltweiter wie auf lokaler Ebene; dabei

findet eine Umschichtung der Menschheit statt (vgl. Bauman 1998, S. 70).

Postmigrantische Transkodierungspraxis

Die Kinder und Enkelkinder der Gastarbeitergeneration formulieren neue

Perspektiven und beginnen, ihre eigenen Geschichten zu erzählen (vgl. Terkessidis

2004). Darin setzen sie sich sowohl mit der Migrationsgeschichte ihrer Eltern

und Großeltern als auch mit ihren eigenen Lebensbedingungen auseinander,

entwickeln neue Lebensentwürfe und Strategien zur gesellschaftlichen Verortung.

Auf diese Weise schaffen sie auch urbane Räume, die beschränkten Vorstellungen

zu Migration und Integration entgegenstehen. Dieses neue Verständnis

und die Strukturen, die daraus hervorgehen, könnte man als »postmigrantisch«

bezeichnen. Jugendliche aus Migrationsfamilien sehen sich als Kölner, Berliner

oder Wiener und entwickeln eine provokante autonome »Kanakenkultur» oder

04 »(…) es liegt in jedem Entweder-Oder

eine gewisse Naivität,

wie sie wohl dem wertenden

Menschen ansteht, aber nicht

dem denkenden, dem sich die

Gegensätze in reihen von Übergängen

auflösen.« Robert Musil

68

69


Auffallend jung sind die

Menschen, die sich für einen

Zuzug in den Grazer

Lend interessieren. Seitdem sich dort eine virulente

Szene innerhalb weniger Jahre angesiedelt hat, stehen

kaum Geschäfte oder Wohnungen leer. Abseits

offizieller politischer Strategien von Wirtschaftsförderung

und Standortmarketing haben sich Leben und

Stadtbild in dem ehemals unbeachteten Viertel wirklich

und nachhaltig verändert. Statt dem nicht einzuschätzenden

Fremden oder den Unterschieden zwischen

»arm und reich« begegnet man vornehmlich

Hippstern, Aktivisten, Cafe- und Kneipenbesuchern

ebenso wie Shoppingpeople oder Kunstinteressierten.

Im Gegensatz zu der im vergangenen Jahrhundert etablierten

Auffassung, dass Stadt Anonymität bedeutet,

rückt der Lend zusammen, bildet eine lesbare Nachbarschaft

mit Identität, die auch von außen wahrgenommen

wird. Ein allgemein migrantisches Verhalten

durch Zuzug und Wegzug, vermeidet bis jetzt,

dass aus dem Gefühl Stadt das Gefühl Dorf wird.

A

Durch individuelle Interessen

motiviert, entstehen

Netzwerke, die sowohl im

lokalen als auch im globalen Kontext funktionieren.

Im Wesentlichen tauschen sich die neuen Lendbürger

aus, sorgen für neue Impulse und verschaffen damit

Gleichgesinnten Zugang zum Lend, auch wenn

das bedeutet, dass weniger finanzstarke oder nicht

kreative Klientel verdrängt werden könnte. Dass

Verdrängung oder nennen wir es Vermischung stattfindet,

macht sich in den Häusern um das Kunsthaus

bemerkbar, weniger auf der Straße. Sucht man

augenblicklich eine Mietwohnung im innenstadtnahen

Bereich, enttäuschen hohe Preise und schlechte

Wohnungseigenschaften. Dennoch kein Grund zur

Sorge, da laut Maklereinschätzung generell die Mieten

in Graz steigen und der Markt sich in den kommenden

Monaten stark verändern wird. Fragen, wie

sich das auf das Zusammenleben der Nachbarschaft

auswirkt, sind noch offen, lassen aber auch Raum für

einen unkonventionellen Umgang.

98

99


STRUKTUR

UND

INTERPRETATION


PLACEMAKING –

ODER WAS ES HEISST,

HEIMAT ZU FINDEN

IN DER STADT

3.3

Robert

Kaltenbrunner

den Lebensalltag, dann heißt das in etwa: Es geht um das Wiederherstellen eines

neuen Funktionszustandes unter Rückgriff auf systemimmanente Elemente

und Routinen. Dabei ist man gut beraten, sowohl die individuellen Ansprüche

und Möglichkeiten (des Wohnens) auszuloten als auch gemeinschaftsrelevante

Aspekte (Quartier und Nachbarschaft) anzusprechen. Und nicht zuletzt wäre

wieder zu beleben, was der holländische Kult-Architekt und nimmermüde Theorielieferant

Rem Koolhaas vor einiger Zeit schon totgesagt hatte: »Geblieben

ist uns eine Welt ohne Urbanismus (...) nur noch Architektur, Architektur und

nochmals Architektur. Sie nutzt und erschöpft jene Möglichkeiten, die im Grunde

bloß der Urbanismus hervorbringen kann.« Es geht also letztlich auch um eine

erneute In-Wert-Setzung städtebaulichen Arbeitens und Denkens.

Von Jorge Luis Borges, dem argentinischen Schriftsteller, stammt die eindrückliche

Erzählung Del rigor en la ciencia. Darin arbeiten einige Kartografen

eines fiktiven Staates so obsessiv, bis sie »eine Karte der Reiches erstellt hatten,

die die Größe des Reichs besaß und sich mit ihm in jedem Punkt deckte«.

Wie viel Orientierung aber bietet eine Karte im Maßstab 1:1? Da sie die Welt lediglich

doppelt, sagt sie nichts über das Befinden des Menschen im Raum. Und

eben dieses Befinden ist alles andere als banal und irrelevant. Schließlich konsolidiert

sich jede Gruppe durch die Schaffung von Orten, die nicht nur Schauplätze

ihres Handelns abgeben, sondern Anhaltspunkte ihrer Erinnerung sind

– und Symbole ihrer Identität.

Städte können durchaus ja so etwas wie kollektive Identität bieten. Allerdings

zeigt der Begriff des »Urbanen« mitunter ein Janusgesicht. Er kommt zwar mit

viel Überzeugungskraft daher, hat aber auch etwas von einem Plastikwort, das

für alles und jedes steht. Und das zugleich viele Probleme kaschiert. Nach wie

vor finden Städtebau und große Investitionen am liebsten unter tabula-rasa–

Bedingungen statt: freie Areale, hohe Ausnutzungspotenziale, kurze Entscheidungswege

und wenig kontextuelle Anpassungsarbeit. Weil Stadtgestaltung

nicht mehr einer gesellschaftlichen Konvention unterliegt oder gar als Kunst

verstanden wird, sondern als Instrument und Ausdruck von Gewinnmaximierung

bei der Verwertung von Grundstücken und Immobilien, sind Häuser häufig

nur noch gestapelte Nutzflächen mit konfektionierter Außenhaut. Und das

»Urbane«, begriffen als das fruchtbare Nebeneinander unterschiedlicher Nutzungen

und Bevölkerungsschichten, macht sich ausgerechnet in den als besonders

urban bezeichneten Innenstädten zunehmend rar. Wenn man nun aktuellen

»Ortsentwürfen« nachspüren will und versucht, Urbanität rückzuübersetzen in

Heimisch sein und werden

Wie war das noch? Es gibt kein richtiges Wohnen im falschen? So ähnlich

ging es doch, das Sprüchlein von Theodor Wiesengrund Adorno, damals, als

die Dialektik noch als der Königsweg zur Kulturkritik galt. Heute fragt der kritische

Geist: »Lebst du noch, oder wohnst du schon?« Das Heimelige ist dem Intellektuellen

unheimlich. Dennoch ist klar: Um’s Wohnen kommt keiner herum.

Und auch das »Heimischwerden« ist in unserer zunehmend mediatisierten

Gesellschaft alles andere als obsolet.

Mögen die Wohnhäuser der Zukunft auch vernetzt und in sich »mobil« sein,

die Wohnwelt selbst muss dafür nicht neu erfunden werden. Ohnehin hat das

Haus gegenüber öffentlichen Dienstleistungen immer wieder erstaunlichste Integrationsleistungen

vollbracht. Die wichtigste war vielleicht die Privatisierung

des WCs, das lange noch ein externes Reglement auf der Etage erforderte. Auch

die öffentlichen Wasch-, Bade- und Saunaanstalten sind längst in der Wohnung

privatisiert. Und sie hat auch die Eigenküche gegen alle rationalistischen Vorschläge

verteidigt, mit enormen technischem Aufwand sogar ausgebaut. Warum

sollten bei dieser »Absorptionsfähigkeit« der Wohnung nun deren Grundfesten

ins Wanken geraten, wenn seit 20 Jahren Techniker und Marktstrategen

sich mit dem »Smart House« beschäftigen? Ein High-tech-Regelmechanismus,

die intelligente Vernetzung von Zentralheizung über Waschmaschine, Rollläden,

Dusche bis Kaffeekocher, ist als künftige Grundausstattung durchaus denkbar

– als eine Art Intranet für das eigene Haus –, ohne dass deswegen das tradierte

Wohnmuster selbst infrage gestellt wird. Die grundsätzlichen Ansprüche an das

Wohnen bleiben, nur verfeinern sie sich gegebenenfalls. Sie finden ihre Bestätigung,

indem sie sich technischer Innovationen bedienen. Man darf festhalten,

dass das Wohnen, bei allen kulturellen Differenzierungsleistungen im Erscheinungsbild

und im Gebrauch, eine anthropologische Konstante, ein Teil des Bedürfnishaushaltes

geblieben ist.

Die Rolle, die die Architektur dabei spielt, ist freilich etwas ambivalent. Zwar

hatten die Architekten seit den 1920er Jahren das Wohnen als »ihre« Aufgabe

entdeckt: Sie wollten Haus und Wohnung nach rationell-funktionalen, ihnen als

vernünftig erscheinenden Gesichtspunkten gestaltet wissen. Aber ganz selbstverständlich

nahmen sie an, dass sich die Menschen ebenfalls nach diesen Maßstäben

erziehen lassen werden. Was als »befreites Wohnen« proklamiert wurde, ähnelte

alsbald einer Zwangsjacke. Minimalmaße wurden oft genug als notwendige

Maße missverstanden und mussten als Ausgangspunkt für den Entwurf herhal-

122

123


4.1

Seite 136

FEINE SCHRITTE

STATT

GROSSE WÜRFE

4.

Das Erlangen des local knowhow braucht vor allen

Dingen Zeit. Dies einbezogen in die Betrachtung,

ergibt sich eine ganz selbstverständliche Nachhaltigkeit

lokalen Engagements, da langfristiges Interesse

Auslöser ist. Die Verantwortung des Einzelnen fügt

sich in die Netzwerke einer veränderbaren Nachbarschaft

ein und bestimmt den Ton im Kiez, die Stimmung

im Quartier. Einer komplexen Kombination

aus der ökonomischen Verfassung des Einzelnen,

egal ob ehemals Zuwanderer oder Langzeitbewohner,

den infrastrukturellen Vorteilen, einer gewissen

Skepsis von außen und einer sichtbaren räumlichen

Patina ist es zu verdanken, dass in einem

Stadtteil wie dem Lend ein Klima entsteht, in dem

unkonventionelle Aktionen (Nutzungen) zu feststellbaren

Verbesserungen führen. Meist wird der

Bezirk dadurch erst als ein solcher von der Öffentlichkeit

wahrgenommen. Damit steigt dann auch der

It-Faktor eines Quartiers – unabhängig davon, ob

das Gentrifizierung bedeutet oder nicht. Die angesprochenen

unkonventionellen Nutzungen bedürfen

selten neugeschaffener räumlicher Strukturen. Aus

den Umständen der Prekarität, im neueren Sinne als

post-fordistisch verstanden, leitet sich ein höchst flexibles

Raumbedürfnis ab, welches nicht auf Permanenz

und Expansion abzielt. Geringe Distanz zwischen

Arbeits- und Lebensraum und der Anschluss

an lokale Netzwerke, also auch die Frage nach dem

passenden Café für die Pausen, entscheidet hier weit

stärker über Qualität und Aneignung eines Ortes.

132

4.2

Seite 140

ZÜRICH

WEST

4.3

Seite 146

HANDELN NACH

DER PLANUNG

4.4

Seite 152

VOM LEBENSSTIL

ZUM GESCHÄFTSMODELL

GEMISCHTE

UND

MULTIFUNKTIONALE

ORTE

133


Einen Platz neu denken – Raum frei machen

Aus diesen Erkenntnissen heraus startete ich Anfang 2005 während der Bauphase

am Weimarplatz mit einigen anderen Urbanisten der Bauhaus-Universität

Weimar Aktionen, die sich später zur Initiative ||||frei|||raum|||||||||weimarplatz

entwickelte, mit dem Untertitel »... den Platz neu denken«. Wir hatten zum Ziel,

die Veränderungen am Weimarplatz transparent zu machen und eine Diskussion

für interessierte Bürger zu öffnen bzw. überhaupt zu initiieren und mit der Öffentlichkeit

der Frage nachzugehen, wie sich der Platz vom faschistischen, sozialistischen

und kapitalistischen zum demokratischen Raum wandeln könne.04 Es

ging darum, in einem solchen Transformationsprozess eine gedankliche Raumaneignung

stattfinden zu lassen. Wir wollten nicht nur auf fachlicher Ebene,

sondern mit den Bürgern und vor allem jugendlichen Besuchern der Stadt diesen

ehemaligen politischen Schaltort des menschenverachtenden Nazi-Regimes

kritisch ins Bewusstsein rufen und gleichzeitig eine freie und aktive kritische

Auseinandersetzung im Sinne eines Lernortes ermöglichen.

Als Ende 2004 die Bagger anrollten, um die Leere zu verwirklichen, war plötzlich

nach einer Dekade hochkarätig besetzter Podien, Wettbewerbe und Diskussionen

in Wissenschaft und Politik eine Leere der Diskussion eingetreten. Es

erschien wichtig, sich in neuen Wegen der Bürgerbeteiligung mit dem Weimarplatz

und seiner Gestaltung auseinanderzusetzen. Der im bisherigen Planungsdiskurs

verpasste bürgerorientierte Diskurs stellte die eigentliche »Leere« dar.

Ein solcher frühzeitiger Diskurs hätte eine außerordentliche Chance im Kontext

der Demokratiebildung darstellen können! Doch mit der Errichtung der Bauzäune

und des Einkaufs- und Erlebniszentrums schien nun weiter Gras über die

Sache zu wachsen. Und neben dem Begrünen und dem Ausblenden der unangenehmen

Seiten deutscher und lokaler Geschichte entstand damit gleichzeitig

auch eine bloße Akzeptanz bzw. Hinnahme des »Neuen«, des Praktischen, des

Einkaufvergnügens. Vielmehr war zunächst nicht zu erwarten, denn das Warenangebot

eines innerstädtischen Shoppingcenters entspricht heutiger Glückseligkeit.

Wir aber wollten wissen, wie die Bevölkerung zu diesen Umbaumaßnahmen

stünde, mit der prinzipiellen Frage, in welcher Hinsicht sich an einem

politischen Schaltort des Nationalsozialismus denn ein kollektives Bewusstsein

für den Raum, seine Geschichte und seine Zukunft entwickeln und offenbaren

würde oder wie dieses determiniert wird.

Von der Leere zum Freiraum des Denkens

Mit dem Versuch, die Kluft zwischen Expertenwissen und Bürgern zu schließen,

zeigte sich schnell, dass die Erwartungen von Einheimischen, Touristen und

auch Fachleuten hinsichtlich des Geschichtsbewusstseins weitaus größer waren,

als bloß im Einkaufszentrum dem Warenangebot und einer großen Rasenfläche

gegenüberzustehen. Denn der Eindruck eines grasüberwachsenen, aber eingefrorenen

Zustands der Geschichtsbewältigung entsteht schneller als die Verinnerlichung

eines intellektuellen Raumkonzepts – anders als es am Nürnberger

Reichsparteitagsgelände beispielsweise Günther Domenig mit dem als Pfahl im

Fleische entworfenen Dokumentationszentrum aus Stahl und Glas zum Ausdruck

brachte, welches das nationalsozialistische Kolosseum einschlitzt.

Ein zentrales Anliegen der Initiative Freiraum Weimarplatz liegt darin, im

Gestaltungskonzept der »räumlichen Leere« zwischen neuen Nutzungen und

04 Der Ideenwettbewerb von 1999

hatte im Konzept eine Demokratisierung

des Ensembles

eher ausgeschlossen, um

einer Verharmlosung des

ursprünglichen Erscheinungbildes

entgegenzuwirken.

einem Ort nationalsozialistischer Vergangenheit zu vermitteln. Zum Weimarer

Sternbrückenfest am 1. Mai 2005 führten wir zunächst ein »Planspiel« durch.

Wir fürchteten, dass das Konzept eines leeren Platzes die Geschichte regelrecht

einfrieren würde. Es bestand und besteht also die Notwendigkeit, zivilgesellschaftliche

Kräfte an diesem Schaltort nationalsozialistischer Politik und ihres

Herrschaftswahns artikulieren zu lassen – sodass die interessierte Bevölkerung

nicht nur eine Form der Leere als Erinnerung vorgesetzt bekommen sollte, sondern

um gemeinsam neue Formen einer Erinnerungskultur und vor allem des

kollektiven Wachseins zu üben und die Leere zu hinterfragen. Die große Beteiligung

überraschte uns. Die Leere des Platzes, der räumliche Freiraum sollte eine

neuartige Auseinandersetzung und Aufarbeitung der Geschichte ermöglichen,

die einen Freiraum des Denkens evoziert. Gleichzeitig sind die Leere des Platzes

und die Bauten jedoch Teil einer ideologischen Bestimmtheit, die trotz des

Freiraums eine neue Aneignung des Erinnerungsraumes kaum möglich macht.

Was kommt nach der Architektur?

Diese unklare Bestimmtheit des Raumes ist eine besondere Herausforderung

und Chance, um in der Stadtplanung auf Prozesse Einfluss zu nehmen, die doch

eigentlich schon längst abgeschlossen sind. Diese Anforderung möchte ich Post

Planning Processes nennen, also Prozesse nach der Planung, vielmehr nach dem

Bauen. Um dem Platz neues Leben einzuhauchen, wollten wir Wege finden, die

nun »abgeschlossene Planung« durch eine Diskussion auch nach der Planung

und baulichen Umsetzung des Konzepts der Leere mit neuen Überlegungen zu

begleiten. Es geht also darum, nicht eine Resistenz gegen ein Projekt zum Ziel

zu erklären, sondern vielmehr nach dem Bauen ein Erklärungsvakuum des Gebauten

im Sinne der Architekturvermittlung zu füllen. Es geht also darum, einen

»Platz nach dem Platz« zu erfinden – getrost dem Motto der Initiative »...

den Platz neu denken«. Denn weder durch Verhüllung noch durch Schaffung

einer räumlichen Leere kann man die ursprüngliche Planung, das ursprünglich

menschenverachtende Gedankengut aus der NS-Zeit aus ihrer ideologischen

Bestimmtheit befreien. Eine Korrektur des Geschehenen und des vorhandenen

Städtebaus ist geschichtlich-dokumentarisch nicht möglich, jedoch die Frage

nach Veränderung, und zwar als sichtbares und offenkundiges Hinterfragen

oder als eine Überwerfung mit dem Vorhandenen.

Als Intermezzo eines städtischen Platzes, in dem sowohl die politischen Entscheidungen

in der Stadtplanung als auch Kunst und Philosophie, aber auch die

körperlich-physische Wahrnehmung eine bedeutende Rolle in der Annäherung

an die Geschichte einnehmen können, begann die Initiative mit Vorträgen und

spielerischen Aktionen sowie Workshops und Performances, um anhand des

konkreten städtebaulichen Fallbeispiels den Austausch zwischen den Disziplinen

zu betreiben. In diesem Post Planning Process sollen die Disziplinen vonund

miteinander lernen und allmählich eine Gemeinschaft derer bilden, die Interesse

an der Auseinandersetzung mit der negativen Konnotation des Platzes

bekunden. Zu diskutieren gilt es dabei insbesondere, welche Rolle das Verhältnis

von der Politik zum Bürger und umgekehrt einnimmt, welche Phasen der

Planung man als Erklärungsvakuen bezeichnen könnte, wie sie als bauliches Ergebnis

in der Umstrukturierung bzw. »Neubesetzung« am Weimarplatz vorzufinden

sind und was öffentliches Interesse für solche Orte bedeutet. An Orten, in

148

149


In einem Entwurf der

Stadt Graz für ein Stadtentwicklungskonzept

ist

unter den Stichworten Integration und Beteiligung

von einem Lebensqualitätsindikator zu lesen. Vorstellbar

ist mir damit eine Maschine, die gewillten

Bewohnern sagt, welche Lebensqualität sie zu

erwarten haben, sollten sie sich in dem einen oder

anderen Stadtteil von Graz niederlassen. Es könnte

eine große, laute und komplizierte Informationsverarbeitungsmaschine

sein, die Daten aufnimmt

und sie zu potenziellen Glaubenssätzen erfolgversprechender

Stadtentwicklung verarbeitet. Im Entwicklungskonzept

wird ein »Rauminformationssystem«

beschrieben, welches »objektive Fakten mit

subjektiven Empfindungen der Bevölkerung überlagert,

um daraus unterschiedlichen Handlungsbedarf

... ableiten zu können« (vgl. 4.0 Stadtentwicklungskonzept

Graz Entwurf, März 2011). Um beides,

die objektiven Fakten und das subjektive Empfinden,

I

für den Lebensqualitätsindikator

nutzbar zu machen,

müssen diese festgehalten

und entsprechende Parameter definiert werden. Zu

kompliziert? Vielleicht. Statt einer solchen Maschinerie

kann man in Sachen Lebensqualität überall

im Lend die Bereitschaft der Stadtbewohner urbane

Verantwortung zu übernehmen heranziehen. Auch

ohne vorherige Bestimmung der potenziellen Lebensqualität

im Viertel wird klar, dass der Spielraum

der Mitgestaltung vor Ort zu einem gleichwertigen

Faktor wird, ähnlich wie ökonomische

Bedingungen und soziale Einbindung.0¹ Statt subjektiver

Empfindungen werden von den Stadtteilbürgern

konkrete individuelle Lebensvorstellungen

und auch der Wille diese umzusetzen formuliert.

Eine Triebfeder, die unterschiedliche Interessen

zwar aufeinanderprallen lässt, aber die notwendige

Toleranz für große Verhandlungsspielräume mit

sich bringt.

0¹ Vgl. Definition: »Lebensqualität

ist die subjektive Wahrnehmung

einer Person über ihre Stellung

im Leben in Relation zur Kultur

und den Wertsystemen in denen

sie lebt und in Bezug auf ihre Ziele,

Erwartungen, Standards und

Anliegen.« ( WHO, D.d. 1993)

158


BESSERE

PLANUNG

DURCH

BESSERE

KOMMUNIKATION

5.2

Markus

Neppl

dig saniert werden, das Interesse hielt sich in Grenzen und das Projekt konnte

nur mit einem hohen finanziellen Engagement der Stadt vorangetrieben werden.

Mangels wirklicher Alternativen blieb man aber badisch gelassen. Viele Interessenten

suchten neben akzeptablen wirtschaftlichen Bedingungen vor allem

eine besondere Atmosphäre. Neben den konventionellen städtischen Planungsinstrumenten

etablierte sich die Gruppe »ausgeschlachtet«. Hier versammelten

sich erste Nutzer und Interessenten und begannen das zum Teil noch leere Gelände

zu bespielen.

Neues cooles Bürgertum?

Sie verstehen sich als Individualisten, die unabhängig agieren. Sie suchen ihren

kollektiven Ausdruck nicht in architektonischen Dimensionen, ähnlich dem

Bürgertum des 19. Jahrhunderts, sondern sie suchen das Temporäre, verstehen

sich als Zwischennutzer und wollen das Unkonventionelle. Trotzdem haben sie

ein feines Gespür für Qualität. Es geht dabei aber nicht um die Repräsentation

als Stadtbürger, sondern eher um informelle Prozesse und eine gewisse Coolness.

Hinterhöfe sind sehr viel gefragter als Vorderhäuser und karge Lofts scheinen

geeigneter als das klassische Büro. Man lässt sich aber nicht vereinnahmen. Ein

architektonisch definierbarer Anspruch und das Gefühl für Baukultur will von

dieser Klasse nicht getragen werden. Dafür erscheint die Szene zu diffus und

zu wenig bereit diesen Anspruch vertreten zu wollen. Es fehlt die Stabilität. Die

Halbwertszeiten der eher informell verstandenen Szenen sind kurz und abhängig

von den sich engagierenden Persönlichkeiten.

Kreative und Stadt

»Die Kreativen« sind in der Stadtentwicklung eine begehrte Klientel. Man

verbindet damit unternehmerischen Erfolg in Kombination mit einem gewissen

Understatement und einer etwas bunteren Lebensart. Dieses Nebeneinander

von gegensätzlich erscheinenden Phänomenen ist schwer zu beschreiben und

schon gar nicht präzise lokalisierbar. Es braucht Protagonisten, die sich artikulieren

können und diese Stimmung verbreiten. Die kreative Klasse scheint die

Rolle eines neuartigen Bürgertums übernommen zu haben. Sie engagiert sich lokal,

ist fester verwurzelt, als sie zugibt, und »kümmert sich« um ihre Umgebung.

Sie erscheint als eine wichtige Komponente in der Stadtentwicklung, ohne aber

wirklich manifest zu sein. Wer bezeichnet sich aber als kreativ? Wer will dazu

gehören? Sind es eben nicht nur die klassischen Kreativen, sondern zunehmend

auch typische Vertreter des Unternehmertums und der etablierten Gesellschaft?

Auf der Suche nach den Kreativen

Die Stadt Karlsruhe hat 2002 im Rahmen ihrer Bewerbung zur europäischen

Kulturhauptstadt beschlossen, das ehemalige Schlachthofgelände in einen Kreativpark

umzuwandeln. Man wollte einen zentralen Ort für die Kreativwirtschaft

und unterschiedliche lokale »alternative« Kulturinstitutionen schaffen. Zunächst

gab es nur eine vage Vorstellung, wie das funktionieren sollte. In der Stadtöffentlichkeit

wurde es als eine Art Kompensationsprojekt zur öffentlichen Kulturförderung

angesehen. Man träumte von einer entspannten Loftatmosphäre, von

einem großen Andrang und wirtschaftlichem Erfolg. Nach der ersten Euphorie

kehrte Ernüchterung ein. Die bestehenden Gebäude mussten sehr aufwen-

Integrativ oder polarisierend ?

Wenn man diesen Thesen folgt, stellt sich aber die Frage, ob diese kreativen

Szenen tatsächlich integrative Faktoren der Stadtentwicklung sind, oder ob sie

nicht vielmehr polarisieren und lokal gewachsene Strukturen verdrängen. Dem

steht aber entgegen, dass viele Kreative das bürgerschaftliche Engagement für

sich wiederentdecken und neu interpretieren. Es sind weniger Vereine und Institutionen,

sondern eher das direkte Mitreden und Sichäußern, was sie interessiert.

Dies wiederum hat einen direkten Einfluss auf die Planungsprozeduren

in einer Stadt. Es geht dabei eher um Spielräume, weniger bestimmte Orte, um

mehr Offenheit und Freiheit. Das klassische hoheitliche Vorgehen der Verwaltungen

kann dies nicht leisten. Man wünscht sich nicht eine oberflächliche Beteiligung

der Bürger, sondern Austausch, Vertrauen und das gemeinsame Erarbeiten

einer gegenseitigen Verbindlichkeit. In Karlsruhe scheint dies gelungen zu sein.

Das Projekt ist nach zehn Jahren noch lange nicht fertig, aber es ist gelungen ein

respektvolles Miteinander von städtischer Projektentwicklung und bürgerschaftlichem

Engagement zu organisieren. In diesem Zusammenhang stellt sich dann

aber die grundsätzliche Frage, mit welchen Mitteln Stadtentwicklung auf diese

Szenen reagieren kann und muss. Was kann Planung und was kann sie nicht?

Urbanität

Wenn man sich intensiv mit dieser Fragestellung beschäftigt, taucht bei der

Beschreibung von städtischen Qualitäten immer wieder der Begriff Urbanität

auf. Scheinbar ist er ein Synonym für ein städtisch geprägtes Lebensgefühl, welches

von der kreativen Szene gesucht und angestrebt wird.

174

175


IMAGE

STADT


ORTE PLANEN —

STEUERUNG

UND

TEILHABE

»… Wen also di tadt von

eine rt de ntegratio zu eine

rt de usgrenzung wird, dan wird das di

ukunftsfähigkeit nicht nur de tädte, sonder de

ganze esellschaft infrag stelle«

Walter Siebel01

5.3

Oberfläche

Das Image einer Stadt und ihrer unterschiedlichen Quartiere reicht von den

sichtbaren Dokumenten ihrer Geschichte über ihr kulturelles Erbe, ihrer Positionierung

zur gegenwärtigen Kunst bis hin zur Schaustellung ihrer Architekturen

und öffentlichen Räume. Atmosphären, sichtbar gemacht in der Form der

Aneignung durch ihre Bewohner. Lebendig durch das Rückgrat ihres wirtschaftlichen

Treibens und des Handels.

Eine bekannte Notation

Doch die Stadt und ihre Viertel unterliegen einer permanenten Veränderung,

oft leise, wenig sichtbar, manchmal laut, penetrant, aufmerksam machend, hilfesuchend,

selbstdarstellend. Interventionen finden laufend statt und geben dem

Viertel ein neues Gepräge.

Morphologische Schichten und Spuren werden im Unterbewusstsein wahrgenommen,

ergänzt, überbaut, zerstört.

Mit dem Makel eines stagnierenden Bereichs, durchsetzt von Brachen, ehemaligen

Industriegebäuden, leer stehenden Erdgeschosszonen. Ein altes Viertel,

bedroht von kumulativen Verfallsprozessen, das später einen sichtbaren Aufschwung

erfahren soll. Ein interessanter Stadtgrundriss mit Resten einer alten,

an eine dörfliche Struktur erinnernden Architekturlandschaft. Durchsetzt mit

Bauten aus der Gründerzeit, dichte Bebauungsstrukturen treffen auf riemenartig

angelegte Parzellen aus der Barockzeit und dem Biedermeier. Keine einheitliche

Gesimskante, Vor- und Rücksprünge in der Baulinie, kleinteilig.

Von den Menschen, die hier leben, haben viele in den letzten 30 Jahren das

Viertel und ihre Substandardwohnungen verlassen und sind in andere Teile der

Kurt

Smetana

01 Siebel, Walter: Die Zukunft

der Städte. In: Konstruktiv 284,

bAIK, 12/2011, Wien

Stadt gezogen. Als Zeichen ihres sozialen Aufstiegs. Der entstandene Leerstand,

aufgefüllt von Menschen mit Migrationshintergrund, geben dem sich verändernden

Viertel ein neues Gepräge.

Kunst- und Kulturschaffende werden aktiv, siedeln sich an, versuchen leer

stehende Lokale zu bespielen, beginnen dabei ein standortbezogenes Festival zu

entwickeln. Unter Einbeziehung der Geschäftsleute behandeln sie aktuelle Themen

des Viertels. Ein alternatives Projekt, von Intellektuellen geschätzt, anfangs

in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, von der lokalen Politik wohlwollend

registriert und vorsichtig begleitet, beobachtend. Später, als ein typisches

Bottom-up-Projekt – gentrifizierungsbehaftet – beschrieben.

Diese Skizzierung und Problemstellung würde auf viele Viertel bekannter

Städte zutreffen, für die eine Neupositionierung sowohl von der Politik, der

Stadtplanung, als auch den Akteur/-innen und Bewohnern/-innen vor Ort gewünscht

wird. Beschrieben wird das Brunnenviertel in Wien Ottakring, so wie

es sich im Zeitraum 2001–2012 präsentierte.

Das Brunnenviertel

Heute ist das Viertel eines der Vorzeigebeispiele eines gelungenen Stadterneuerungsprozesses

in Wien geworden. Bei zahlreichen Führungen für ein interessiertes

in- und ausländisches Fachpublikum wird dieser Umstand immer wieder

anerkennend registriert.02

Empowerment

Was war geschehen? Wer hat das Viertel neu definiert und zeichnet sich hier

verantwortlich? Wer wurde verdrängt? Wie groß war der Publikumstausch? Wer

profitiert von den Veränderungen? Wie nachhaltig ist das Empowerment der unterschiedlichsten

Stellen der Stadt, des Bezirkes und der Stakeholder vor Ort?

Gleich vorweg, es waren viele, die an der Veränderung/Aufwertung mitgearbeitet

haben und die bis heute mitbeteiligt sind.03

Es war klar, dass eine einzelne Maßnahme alleine wenig auslösen, und ebenso

klar, dass eine von oben steuernde Planung wenig bewirken kann. Die Frage

einer aktiven Mitwirkung aller involvierten Akteur/-innen bildete die wesentliche

Voraussetzung dazu, gepaart mit einem nachvollziehbaren Prozessdesign

und einer begleitenden Evaluierung durch eine Steuerungsgruppe.

Bürgerbeteiligung

Es gibt keine einheitliche Rezeptur für einen Partizipationsprozess, doch je

mehr involvierte Akteur/-innen und Geschäftsgruppen der städtischen Verwaltung

vom Beginn an in ein Aufwertungsprogramm eingebunden werden können,

umso stärker ist die Akzeptanz der aufeinander abzustimmenden Maßnahmen.

Das dabei langsam entstandene Netzwerk bildet die Stärke des Rückgrats eines

sich seit 2010 »selbst« überlassenen Quartiers.04

Upgrading

Der Straßenmarkt hat sich zum umsatzstärksten Markt der Stadt entwickelt,

Verkehrsberuhigungsmaßnahmen und neue Freiräume haben die Qualität für

die Bewohner/-innen des Viertels verbessert, der Yppenplatz hat sich zur Ausgehmeile

der Stadt etabliert, unterschiedlich geförderte Wohnbauvorhaben ha-

02 Das Brunnenviertel bildet

einen Teil von Neulerchenfeld,

eines der ältesten Viertel des

16. Beziks. Bekannt geworden

einerseits als Ausflugsziel der

Wiener im 18. und 19. Jahrhundert,

wo zahlreiche Gaststätten

eine Attraktion für die Ausflügler

der Stadt darstellten, und

andererseits durch den Markt,

datiert aus dem Jahre 1786, der

bis heute als längster Straßenmarkt

Europas gilt.

Im rd. 34 Hektar großen Quartier

leben rd. 8000 Menschen,

45 Prozent davon mit migrantischem

Hintergrund. Der Anteil

der Substandardwohnungen

liegt noch immer bei ca. 20

Prozent.

03 Die Gebietsbetreuung Ottakring

– heute GB*7/8/16 –

koordinierte den Aufwertungsprozess

und bildete dazu die

Informations- und Vernetzungsplattform.

Bei regelmäßigen

Treffen wurden alle

Maßnahmen aufeinander

abgestimmt und im Rahmen

öffentlicher Veranstaltungen

die Bevölkerung und die

Geschäftsleute umfassend

informiert.

04 Dem Aufwertungsprozess

vorangegangen war ein von der

Stadt in Auftrag gegebenes Bürgerbeteiligungsverfahren.

Nach

Vorliegen der Ergebnisse wurde

ein 10-Punkte-Programm

erstellt, das sukzessive umgesetzt

werden sollte.

180

181


6.1

Seite 192

RE-CLAIMING

KARNEVALISIERUNG

6.

Lend lenden,

Tschick tschicken,

Tipp tippen,

Wein weinen,

Arbeit arbeiten,

Fick ficken,

Liebe lieben,

Essen essen,

Reden reden,

Leben leben,

Lend lenden …

Ein erstes Bier fügt dem Treiben mit seinem Ploppen

beim Öffnen einen vertrauten Ton hinzu. Diesmal

Bier mit Koffein, um den Tag im Mai noch länger

werden zu lassen. Im nächsten Augenblick gehen

die Türen der Kirche auf, das war noch nie, und die

Töne der Orgel versetzen die Oberfläche meines

Biers in leichte Wellen. Irgendwo ruft jemand: «Wir

brauchen mehr Holz und Kinder!«. Es müsste jetzt

schon Mittag sein. Drei Menschen mit Mikrophonen

übernehmen für eine Stunde den Sound vor Ort.

Dann wieder mehr Menschen in kleineren Gruppen,

die den Platz von rechts nach links oder von links

nach rechts durchkreuzen. Gegen sechs hat fast jeder

schon ein Bier mit Koffein getrunken und lächelt

seinem Gegenüber ins Gesicht. Keine schlechte Stimmung,

manchmal nur ein bisschen Ungeduld. In einem

Hinterhof in der Nähe, so höre ich Vorbeigehende

reden, sei grad jemand aus Hamburg, der über das

Recht auf Stadt spricht: »Das dürfe man nicht verpassen.«.

Gegen Dämmerung treibt mich der Hunger

doch noch die Straße entlang Richtung Lendplatz,

wo es Afrikanisches zu essen geben soll. Ein weiterer

Tipp, den ich im Vorbeigehen aufgefangen habe.

Mir folgt eine Blaskapelle inklusive Publikum. Die

Menschenmenge wird jetzt dichter. Kaum noch ein

Durchkommen auf der Höhe des Hier ist Platz.

Stunden nachdem um Mitternacht die Straßensperren

aufgehoben werden, halten sich die Menschen

noch immer dicht gedrängt zwischen den

Häusern auf: »Geht’s nach Hause, macht die Straße

frei, bittschön habt ihr kein eigenes Wohnzimmer?«,

rufe ich und bleibe, an einem Tag im Mai …

6.2

Seite 198

VON DER

ANARCHIE

IN DER

VORSTADT

NACH

BOBOSTAN

RELATIONALE

ORTE

C l aud i a G erh äu s s er studierte Architektur und Ausstellungsdesign,

bevor sie 2010 nach Graz kam. Sie unterstützte die Lokal Heroes 2011

in Moderation, Konzeption und Organisation des Symposiums »How to

lokal hero?«. Zuvor lebte und engagierte sie sich in Weimar, Berlin und

New York, immer mit dem Blick für urbane Räume und Veränderungen.

Im Lend arbeitet sie seit Sommer 2011. Aktuell beschäftigt sie sich am

Institut f. Raumgestaltung der TU Graz und in der Gruppe oiXplorer

mit der Frage der Vereinbarkeit von Ökonomie, Ökologie und Design.

188

6.3

Seite 202

ES GIBT VIEL

ZU TUN!

189


LOKAL HEROES 8020


VEREIN FÜR KREATIVE,

STADT, ENTWICKLUNG

»en i de rchitektu und i

tädtebau de indruck von tadt, die nmutung

eines aums als rbanität bezeichnet wird, so ist es

in der oziologie eine ebensweise, wie sie nur in eine

tadt entstehen kann. eiden gemeinsam ist di

tadt, die wir täglich gestalten und beeinflussen,

in der wir wohnen und arbeiten.«

212

213


2011

Symposium

HOW TO LOKAL HERO?

BEDIENUNGSANLEITUNGEN

URBANEN HANDELNS

David Bowie macht es ebenso wie Edward Norton, Rocko Schamoni und Dr.

Motte. Egal ob Highline Park New York, Hamburg oder Megaspree Berlin, weltweit

bekannte Persönlichkeiten verbrüdern sich mit urbanen Aktivisten, deren

lokale Motivation durch ihre Unterstützer globale Kraft erhält und zum überregionalen

Thema wird. So rückt ein Impuls lokalen Handelns trotz oder gerade

wegen globaler Netzwerke heute verstärkt in den Mittelpunkt städtischer

Aufmerksamkeit. Das Symposium »How to Lokal Hero?« stellt Fragen nach der

zeitlichen Entwicklung urbaner Eigeninitiativen. Explizit interessiert die Frage

nach der Zukunft: Was passiert, wenn die kreative lokale Aktion von außen

vereinnahmt, globalisiert oder mediatisiert wird? Steht am Ende der Export in

andere Städte oder ein Abzug und Umzug der Kreativpioniere, eine Art neo-urbane

Migration?

»Lokal-Global-Medial in Graz?« –

Podiumsdiskussion über

Motivationen und Veränderungen

im lokalen Kontext

Mario Rampitsch, Lendwirbel

Andreas Foerster und

Rainer Rosegger, SCAN

Christoph Twickel,

Initiative Recht auf Stadt Hamburg

U la Sch neider, SOHO in Ottakring

Nana Poetsch, Lendwirbel

DAS

MANIFEST

Mit:

E rol Yi ld i z , Köln

Christoph Twickel, Hamburg

Ula Schneider, Wien

Philippe Schmidt, Weimar

Christoph Laimer, Wien

Andreas Foerster, Graz

2012

Vortrag

NEUE STADTMENSCHEN

REALITY CHECK

KREATIVWIRTSCHAFT

Die Kultur- und Kreativwirtschaft hat in den letzten 15 Jahren eine beachtenswerte

Karriere hingelegt. Zeit für einen Reality Check und die Frage, was bleibt

nach Jahren, in denen die Kultur- und Kreativwirtschaft für Stadtmarketing,

wirtschaftlicher In-Wert-Setzung von öffentlicher Kultur und der Ökonomisierung

des Kulturellen wie Privaten Pate stand. Wie wirkt sie heute auf den Stadtraum,

den öffentlichen Raum und Mikrostrukturen des Städtischen? Wer macht

Stadt oder »How to Lokal Hero?«

Diskussion »Reality Check

Kreativwirtschaft«

Andrea Keimel, Abteilung

Wirtschaftsförderung Stadt Graz

Bastian Lange, Multiplicity Berlin

Ha ra ld Sa i ko, Architekt Graz

Ma r io R a mpit sch, Lendwirbel Graz

Nana Poetsch, Lendwirbel Graz

Von:

Bastian Lange, Berlin

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