November 2012 - Deutsch-Israelische Gesellschaft

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November 2012 - Deutsch-Israelische Gesellschaft

Schloßhof

Aufgeschreckt durch Pressemeldungen, nach denen der „Schloßhof“ im „Alten Bielefelder

Westen“ nach dem Eigentümerwechsel für einen Gaststättenneubau abgerissen werden soll,

fanden sich die Bielefelder Arbeitsgemeinschaft der Deutsch-Israelischen Gesellschaft

gemeinsam mit dem Förderverein Museum Wäschefabrik, dem Verein „Gegen Vergessen –

für Demokratie“, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, der Gesellschaft

für Archäologie, dem Historischen Verein für die Grafschaft Ravensberg, dem Initiativkreis

Deportationsausstellung, dem Verein für Zeitgeschichte und pro grün e.V. zu einem

„Aktionsbündnis Schloßhof“ zusammen. Am 26. Nov. 2010 haben sie die neue

Eigentümerin, die Krombacher Brauerei, und die Investorin, die Celona-Gastro GmbH, in

einem Schreiben auf die besondere Bedeutung des Gebäudes hingewiesen und appelliert,

diesen Ort der Erinnerung zu bewahren und ihn in eine aktualisierte Nutzung zu integrieren.

Das 1686 errichtete Haupthaus des Schlosshofs ist eines von nur zehn Profangebäuden im

Kern Bielefelds, die älter als zweihundert Jahre sind.

Der Schloßhof hat über die Jahrhunderte hinweg vielfältige Nutzungen erfahren. Das Areal ist

ein lebendiger Geschichtsort, der gleichermaßen über Strukturen im vormodernen Bielefeld,

über adeliges Wohnen und Wirtschaften, über bürgerliche Freizeitkultur und über

nationalsozialistische Gewaltherrschaft Zeugnis ablegt.

Seiner Funktion im „Dritten Reich“ wegen ist der Schloßhof ein besonderer Erinnerungsort:

NS-verfolgten Juden, die anschließend fast alle in Konzentrationslagern umgekommen sind,

diente er als „Umschulungslager“. Der Schloßhof war keines von den üblichen Sammellagern,

wo die Menschen für wenige Tage zusammengepfercht auf ihren Abtransport warteten;

vielmehr lebten hier zumeist junge Menschen über Monate. Die Lebensbeschreibungen

weniger Überlebender geben ein eindrückliches Zeugnis von der Alltäglichkeit des Terrors

dieser Zeit. Der Schloßhof kann ein Zeugnis dafür geben, wie unmittelbar Lagerterror,

Zwangsarbeit und Ausgrenzung in der Zeit des Nationalsozialismus in unserer Stadt zu

erleben waren.

Das Aktionsbündnis bemühte sich intensiv darum, wenigstens den Hauptgebäudeteil unter

Denkmalschutz zu stellen. Der Investor wollte sich schließlich auch auf den Denkmalschutz

einlassen, das LWL-Amt für Denkmalpflege in Westfalen mit Sitz in Münster und die Stadt

Bielefeld als Untere Denkmalbehörde verweigerten aber die Unterschutzstellung.

In einem Ortstermin am 24. März 2011 konnte das Aktionsbündnis aber mit Herrn Irmin

Burdekat, einem der Gesellschafter der Celona, Einvernehmen darüber erzielen, welche

Bauteile aus historischer Sicht erhalten bleiben müssen. Dieser unterzeichnete eine

entsprechende Verpflichtungserklärung und stimmte dem Vorschlag zu, die erzielte

Übereinkunft durch eine Dienstbarkeit zugunsten des Historischen Vereins im Grundbuch

abzusichern. So konnte das Aktionsbündnis gemeinsam mit dem Investor den historischen

Teil des Schloßhofes retten. Die Geschichte des Schloßhofes darf auf Tafeln im

Gaststättenraum dargestellt werden.

Die Celona konnte den historischen Gebäudeteil und einen neuen Anbau im November 2012

fertig stellen.

Am 25. November 2012 wurde das Buch „Der Schloßhof / Gutshof – Gasthaus – Jüdisches

Lager“ als 16. Sonderveröffentlichung des Historischen Vereins für die Grafschaft

Ravensberg e.V. im Schloßhof vorgestellt, u. a. mit den Kapiteln „Das jüdische Lager

Schloßhof 1940 bis 1943“ von Dagmar Buchwald und Martin Decker (Vorstandsmitglied der


DIG-Arbeitsgemeinschaft Bielefeld) und „Paul Hoffmanns Jugendjahre im Arbeitslager

Schloßhof“ von Daniel Hoffmann.

Das Buch kann im Stadtarchiv, in der Celona-Schloßhof-Gaststätte und im Buchhandel

erworben werden (tpk-Verlag, ISBN 978-3-936359-53-4, 17,80 €).

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