The Red Bulletin Mai 2015 - DE

theredbulletin.de

Ich brauche nichts gegen die Angst

zu tun, weil ich keine Angst habe.

Ich bin entspannt und konzentriert.

2 0 1 1 / 1 2 / M O S K A U

Du landest erstaunlich selten tatsächlich

im Gefängnis. Wie schaffst du es,

der Polizei zu entkommen?

Ich laufe davon. Klingt banal, ist aber

wirkungsvoll. Polizisten laufen langsamer

als ich. Die heikelste Situation ist es, wenn

ich gerade auf eine Brücke klettere und

oben die Polizisten in ihrem Auto warten.

In diesem Fall gibt es ja keinen Fluchtweg.

Also muss ich sie überlisten. Ich muss

gegen ihre Fahrtrichtung rennen. Dann

sind sie es, die von der Brücke gefangen

sind. Denn um zu wenden, müssen sie erst

das andere Ende der Brücke erreichen.

Das verschafft mir mehr als genug Zeit.

Reagieren Polizisten überall gleich auf

deine Aktionen?

Europäer sind höflich. Wirklich. Höfliche

Leute dort bei der Polizei. Ich erinnere

mich zum Beispiel an diese sehr hohe

Brücke in Budapest. Es war ein sonniger,

heißer Tag, das Klettern war anstrengend

und schwierig. Plötzlich stach mich eine

Wespe in den Arm. Keine Ahnung, was

die so weit oben getrieben hat. Ich erreichte

die Spitze der Brücke, doch mein

Arm machte mir wegen der verdammten

Wespe zu schaffen. Klar, jemand hatte

mich vom Boden aus gesehen und die

Polizei gerufen. Sie nahmen mich fest,

aber vorher boten sie mir medizinische

Versorgung an. Das fand ich nett.

In Russland droht dir Gefängnis.

Sieben Jahre, ja. Die russischen Polizisten

sind auch die brutalsten. Ich kletterte

vergangenes Jahr auf dieses Gebäude in

Moskau und bemalte in 176 Meter Höhe

den Sowjetstern in den Farben der

Ukraine. Mich haben sie nicht erwischt.

Aber vier meiner Freunde, BASE-Jumper,

die zufällig dabei waren, wurden verhaftet

und stecken seither im Gefängnis.

Was ich tue, verhöhnt die Vernunft der

bestehenden Gesetze. Würde ich grundlos

auf der Straße auf Menschen schießen,

bekäme ich drei Jahre. Jetzt soll ich für

sieben Jahre ins Gefängnis, weil ich

auf ein 176 Meter hohes Gebäude raufgeklettert

bin und einen Stern angemalt

habe? Kranke Welt.

Wie reagieren die ukrainischen

Beamten auf deine Aktionen?

Sie machen gerne Fotos von mir. (Lacht.)

Eine kuriose Begegnung mit Polizisten?

Beim Abstieg vom Princess Tower in

Dubai, von dem ich vorhin erzählt habe.

Da rannte ich zwei Wachleuten in die

Arme, unglaublich große Kerle, unglaublich

hässlich, sie sahen aus wie Affen. Sie

redeten irgendwelches Zeug auf Arabisch,

ich verstand kein Wort. Dann packte mich

einer, natürlich wehrte ich mich, fast

wäre es zu einer Schlägerei gekommen.

Aber dann zeigte ich ihnen Videos und

Fotos von mir, auf denen ich auf anderen

Gebäuden rumturne. Das gefiel ihnen.

Als dann die Polizei kam, war längst alles

entspannt. Sie fragten mich, wie ich aufs

Dach gekommen war. Sie dachten, ich

hätte Schlösser geknackt oder so. Aber es

hatte einfach jemand ein Fenster im

obersten Stockwerk offen gelassen. Das

konnte ich aufklären. Und dann ließen

sie mich frei.

Gibt es so etwas wie eine Philosophie

hinter dem, was du tust?

Philosophie interessiert mich, das habe

ich sogar einige Jahre studiert. Ich bin

aber dann von der Uni wieder weg, weil

mich Titel und Diplome weniger interessieren.

Das braucht man alles nicht, um

glücklich zu sein. Ich habe meine eigene

Philosophie. Versuch erst gar nicht, sie zu

verstehen. Ich bin davon überzeugt, wenn

du etwas gern tust und wenn du keinem

damit schadest, ist das gerecht. Niemand

kann dir einreden, es sei ein Verbrechen.

Und merk dir: Ich tue das nicht, um reich

oder berühmt zu werden oder um als

Athlet Rekorde aufzustellen. Ich mach es

einfach, weil ich es gerne tue.

Was tust du gegen deine Angst, wenn

du nur an den Fingerspitzen in

hunderten Metern Höhe baumelst?

Nichts. Ich brauche nichts gegen die

Angst zu tun, weil ich keine Angst habe.

Ich bin entspannt und konzentriert. Nur

darauf kommt es an. Entspannung und

Konzen tration sind die Voraussetzungen

für Kontrolle.

Was tust du an einem entspannten

Abend zu Hause?

Tee trinken. Nur Tee. Nie Alkohol oder

andere Drogen. Und ich schaue mir

Videos von James Kelly an, wie er Skateboard

fährt. Der ist so unglaublich entspannt

auf seinem Board.

mustang-wanted.com

THE RED BULLETIN 39

Weitere Magazine dieses Users