The Red Bulletin Mai 2015 - DE

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Arbeit anderer, sehr unterschiedlicher

Trainer. Er hörte ihnen in endlosen Stunden

aufmerksam zu und destillierte das

Wesentliche jedes Einzelnen heraus. Auch

Jahre später noch erinnert er sich an diese

Lektionen. Hin und wieder bezieht er sich

in seinen Kommentaren auf das, was er

von Männern wie Cruyff, Menotti, Lillo,

Bielsa oder Sacchi gelernt hat.

Zum anderen las er sehr viel. (Und

tut es immer noch.) Er ist Experte in der

Historie und Entwicklung des Fußballs.

Diese Expertise ist die Basis dafür, dass er

Ideen anderer Trainer aufgreifen und

zum perfekten Moment umsetzen kann.

Ein Beispiel: Die „falsche Sturmspitze“

gab es in Argentinien und Ungarn bereits

in den 1950er Jahren. Guardiola holte

diese Position 2009 am Tag vor der entscheidenden

Begegnung der Primera

División zwischen Real Madrid und

seinem FC Barcelona aus der Schublade,

besetzte die Rolle mit Lionel Messi – und

sein Team gewann im Stadion des großen

Rivalen mit 6:2.

SEI NEUGIERIG WIE

EIN KIND.

Pep liest alles, wovon er denkt, es könnte

für ihn von Interesse sein.

Egal ob es dabei um Fußball oder

andere Sportarten geht oder um den Entstehungsprozess

eines Musikwerks. Als

er in Italien lebte, reiste er Hunderte

von Kilometern, um den argentinischen

Volleyballtrainer Julio Velasco persönlich

kennenzulernen, nur weil er im Fernsehen

ein Interview mit ihm gesehen hatte und

von ihm lernen wollte.

Während eines Essens mit wichtigen

Persönlichkeiten fragt er viel mehr, als er

antwortet. Dabei kann es sich um ein

Treffen mit einem Schachgroßmeister,

einem Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften

oder der Trainerin einer

Frauenfußballmannschaft handeln.

Gleichgültig, welchen Rang sein Gesprächspartner

bekleidet, Guardiola fragt

und fragt mit der Neugier eines Kindes.

Er fragt nicht aus Höflichkeit, sondern

aus Eigeninteresse. Er ist ein Filter für

Gedanken und Ideen anderer – und ein

Genie darin, sie in seine Disziplin zu

transferieren.

Ein Beispiel: Wir stellten fest, dass

seine Methode, den Gegner zu analysieren,

der von Schachweltmeister Magnus

Carlsen sehr ähnlich ist. Dieser Gedanke

faszinierte ihn. Seither liest er alles, was

er über Schach in die Hände bekommt,

um weitere Parallelen zwischen Schach

und Fußball zu nützen.

Es gibt übrigens nicht nur den Pep,

der zuhört, sondern auch den, der spricht.

Im engsten Kreis redet er ohne Ende, vor

allem stellt er neue Ideen zur Diskussion.

Sein Lieblingssatz in diesem Fall lautet:

„Und was würden wir tun, wenn …?“

SEI VON DEINER MISSION

ÜBERZEUGT.

PEP LIEST ALLES,

WOVON ER DENKT,

ES KÖNNTE

FÜR IHN VON

INTERESSE SEIN.

Ich gestehe, dass ich meine Zweifel hatte,

als Pep zu Bayern München kam. Monatelang

– und ich beobachtete das Training

sehr intensiv – war zu erkennen, wie

schwierig es auch für ihn ist, eine neue

Mannschaft in sein Spielmodell einzupassen.

Und dass es den Spielern, die an

eine völlig andere Spielweise gewöhnt

waren, enorm schwerfiel, Peps „neue

Sprache“ zu erlernen.

Er dagegen zweifelte nicht. „Wir

werden es schaffen!“, sagte er jedes Mal,

wenn ich ihn auf meine Zweifel ansprach.

„Um besser zu werden, muss man zunächst

schlechter werden.“ Denn jeder grobe

Einschnitt in die Spielweise einer erfolgreichen

Mannschaft – und die Bayern

waren, als Pep sie übernahm, das beste

Team der Welt! – bedeutet erst einmal

einen Rückschritt. Das ist ganz logisch.

Vertrauen geht verloren, Sicherheit geht

verloren, Dynamik geht verloren. Es

braucht Zeit und Beharrlichkeit, um

all das wieder aufzubauen, neu und

besser. Niederlagen sind der Preis des

Fortschritts!

Doch Vorsicht: Überzeugung heißt

nicht Selbstgerechtigkeit. Man muss von

den eigenen Ideen besessen sein, gleichzeitig

aber wachsam und selbstkritisch

bleiben. „Du kannst mich kritisieren, so

viel du willst, du wirst nie kritischer mit

mir sein als ich selbst“, sagte mir Pep

einmal, als wir über ein schlechtes Spiel

seiner Mannschaft sprachen.

„Meine Art zu spielen ist meine Art zu

spielen. Aber es gibt auch völlig andere,

die zum Erfolg führen können. Es ist nicht

relevant, ob meine Art die beste ist. Aber

es ist meine.“ So denkt Pep Guardiola.

„UM BESSER ZU WERDEN, MUSS MAN

ZUNÄCHST SCHLECHTER WERDEN.“

THE RED BULLETIN 43

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