The Red Bulletin Mai 2015 - DE

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1000 Grad gemessen. Das beeinflusst zwar

nicht die Performance, reduziert aber die

Lebensdauer. Und eines der Entwicklungsziele

war eben geringer Verschleiß, um

die Kosten niedrig zu halten.

Man experimentiert daher mit verschiedenen

Luftkanälen an der Front, um

mehr Luft an die Bremsen zu bekommen

und die heiße Luft rascher abzuleiten. Das

kann funktionieren, muss es aber nicht.

Fünf Runden, Daniil, und bitte nicht zu

langsam. Wir wollen sehen, ob die neuen

Luftführungen etwas bringen. Er nickt,

wirft per Startknopf einen Motor an, dessen

Auspuff im Wesentlichen aus zwei

unterschenkeldicken Ofenrohren besteht

und dementsprechend pur klingt.

Und weg ist er. Gut, dass er die Strecke

kennt.

Schon aus der In-Lap kommt Kwjat mit

fliegenden Fahnen zurück, danach brennt

er ansatzlos drei Zeiten auf dem Niveau

routinierter Testpiloten auf den Asphalt,

um das Auto in der letzten Runde etwas

auskühlen zu lassen. Von Premiere zu

Routine in fünf Runden, man erahnt das

erhabene Bewegungstalent von F1-Profis.

Daniils erstes Zitat, nachdem sich die

Flügeltüren öffnen und ein strahlendes

HARD

FACTS

LEISTUNG

gut 550 PS

GEWICHT

unter 1100 kg

GETRIEBE

7 Gänge

BREMSEN

Carbon

FAHRWERK

Öhlins,

verstellbar

„GUTE BREMSEN,

DU KANNST VOLL

REINLATSCHEN!“

Augenpaar aus dem Helm blickt, ist nicht

druckfähig. Es beinhaltet zweimal das

F‐Wort und einmal „brillant“.

„Das Ding hat wirklich Leistung und

dank des aerodynamischen Unterbodens

und des Heckflügels massiven Anpressdruck.

In langsamen Kurven habe ich ein

wenig Untersteuern gefühlt, in mittleren

eine leichte Tendenz zum Heckausbruch.

Die Bodenwelle im schnellen Rechtsknick

gab es früher noch nicht, hier musste ich

die Linie leicht variieren. Die Bremsen

sind gut, du kannst voll reinlatschen. Das

ABS habe ich in der zweiten Runde von

Stufe 4 auf 3 zurückgedreht, um mehr

Feedback zu bekommen. Die Traktionskontrolle

habe ich nach der In-Lap aufs

Minimum reduziert. In der vierten Runde

musste ich auf Snap-Oversteer achten. Da

TECHNIK

Angetrieben wird der

Renault R. S. 01 von

einem Motor der Konzernschwester

Nissan,

und zwar vom brillanten

3,8-Liter-Doppelturbo

aus dem Skyline

GT-R. Dort hält das

Aggregat mehrere hunderttausend

Kilometer.

Die robuste Grundkonstitution

kommt

den Unterhaltskosten

im Rennsport zugute.

Das sequenzielle

Siebenganggetriebe

ist bewährt, die äußere

Hülle sieht zwar nach

Carbon aus, besteht

aber aus simpler Glasfaser.

Das ist billiger,

denn Schürzen und

Motorhauben gelten

wegen der oft rustikalen

Fahrweise in

Markenpokalen als

Verschleißteile.

Bei der Sicherheit

wurde nicht gespart.

Der Fahrer sitzt in

einer Überlebenszelle

aus Carbon, der zusätzliche

Käfig aus

Stahl genügt sogar den

Anforderungen der

mehr als 350 km/h

schnellen Le-Mans-

Prototypen (LMP) der

höchsten Kategorie

LMP1.

haben die Hinterreifen wohl ein bisschen

überhitzt. Das Dach hat mich nie gestört.

Was sagen die Daten?“

Was für ein Feedback für jemanden, der

soeben die ersten Runden seines Lebens in

einem Sportwagen gedreht hat. Wo andere

nur „Wow“, „Geil“ oder „Schnell“ gesagt

hätten, liefert Daniil trotz offensichtlichen

Adrenalinrausches ein minutiöses Protokoll

der Geschehnisse im Wagen, gleichermaßen

Analyse wie Bestätigung der Daten.

Kein Eingewöhnen, kein Herantasten,

sondern schiere Professionalität ab der

ersten Sekunde. Das ist wohl das Holz, aus

dem Formel-1-Piloten geschnitzt sind.

Mit gutem Gefühl übertragen ihm die

Techniker Aufgaben für seine nächsten

Runden, die er ebenso virtuos löst.

„Das Auto ist prinzipiell nicht schwer

zu fahren“, resümiert Daniil am Ende

eines so langen wie schönen Tages. „Um

die allerletzten Zehntelsekunden rauszuquetschen,

bräuchte ich wohl noch einen

halben Testtag. Doch selbst nicht so routinierte

Piloten werden viel Spaß haben.“

Ist ein „nur“ 550 PS starkes Auto mit

Dach nicht trotzdem fürchterlich fad für

einen, der aus der Formel 1 kommt? Kwjat

verneint entschieden: „Natürlich funktioniert

in der Formel 1 alles noch schärfer

und präziser, wir haben mehr Leistung,

unsere Gangwechsel passieren schneller,

auch die Fliehkräfte sind höher. Andererseits

haben meine Daten von heute einen

Maximalwert von 2,3 g ergeben. Das ist

ein durchaus anständiger Wert.“

Wie ernst er diese Aussage meint,

beweist der Umstand, dass er einige Tage

nach unserem Test mit ein paar Freunden

inkognito wiedergekommen ist, um Spaß

mit dem Renault Sport R. S. 01 zu haben,

ganz ohne Test-Equipment rundherum.

„Man muss ja während des Winters ein

bisschen üben“, scherzte er.

Erster Renneinsatz des R. S. 01: 30./31. Mai, Spa-

Francorchamps (BEL); worldseriesbyrenault.com

www.infiniti-redbullracing.com

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