The Red Bulletin Mai 2015 - DE

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HEROES

„WIR SOLLTEN DAS

REDEN AUFGEBEN“

KONTRA K teilt gerne aus. Mit dem Mikrofon und

Boxhandschuhen. Und er weiß, wie man Wut

in Kunst verwandelt.

„KEINER UNTER 50

SOLLTE STAR SEIN“

SEASICK STEVE wurde es mit 62. Das war vor

elf Jahren. Davor war er Landstreicher.

Interview: Marcel Anders

OLIVER RATH, GETTY IMAGES

Mit seinem neuen

Album „Aus dem

Schatten ins

Licht“ schaffte es

Kontra K auf

Platz zwei der

deutschen

Charts. Dank einem sehr ungewöhnlichen

Zugang: Statt

über Autos und Goldketten

rappt der 27-jährige Berliner

über Ehrgeiz und Disziplin.

the red bulletin: Sie sind

derzeit einer der erfolgreichsten

Rapper Deutschlands.

Wie sah Ihr Leben

vor zehn Jahren aus?

kontra k: Nicht so toll. Mit

sechzehn brach ich die Schule

und mein Boxtraining ab. Ich

wandte das, was ich im Ring

gelernt hatte, auf der Straße

an. Das war saudumm.

Wie kriegten Sie die Kurve?

Ich war 22, als zwei meiner

besten Freunde im Knast landeten.

Da wachte ich auf. Ich

wusste, wenn ich so weitermache,

bin ich der Nächste.

Ich fing wieder mit dem Boxtraining

an. Dort lernte ich

Disziplin und Teamgeist. Das

war meine zweite Chance. Im

Ring interessiert sich keiner

für deine Vorgeschichte.

Damals begannen Sie auch

zu rappen. Warum?

Weil es mir schwerfiel, mit

Leuten darüber zu sprechen,

was mir passiert war. Rappen

half mir, mich mit meinen

eigenen Fehlern zu konfrontieren.

Es war ein Weg, meine

Aggressionen abzubauen.

Sie haben also Ihre Wut in

Kreativität umgewandelt?

Ja. Meine Songs sind zum

Großteil Motivationsansprachen

an mich selbst.

Ich schreibe sie auf und

schreie sie in die Welt hinaus.

Damit nehme ich mich selbst

in die Verantwortung. Es

wäre ein Verrat an mir selbst,

würde ich mich selbst nicht

an meine Message halten.

In Ihren Songs halten Sie

Werte wie Loyalität und

Selbstdisziplin hoch. In

„Kampfsport 2“ heißt es:

„Fressen, saufen, kiffen –

nicht bei mir“. Für einen

jungen Rapper eher untypisch,

oder?

Das höre ich öfter. Vielleicht

bin ich in der falschen Zeit

geboren, aber ich finde, diese

Werte kommen in unserer

Gesellschaft zu kurz. Gerade

in solchen Kreisen, in denen

ich mich früher bewegte.

Auf der Straße nennt dich

zwar jeder schnell „Bruder“,

aber wenn es darauf ankommt,

stehst du allein da.

Jeder sollte ein Rudel um

sich haben, auf das er sich in

jeder Lebenslage unbedingt

verlassen kann.

Apropos Rudel … der Wolf

kommt oft in Ihren Texten

vor. Was fasziniert Sie so

an ihm?

Er opfert sich für sein Rudel

auf – und das bedingungslos.

Wir Menschen sind viel

zu oft auf unseren eigenen

Vorteil bedacht. Grundstein

der Missverständnisse ist die

Sprache. Vielleicht sollten

wir das Reden aufgeben.

Dann gäbe es keine Lügen

und Intrigen mehr.

Für einen Rapper ist das

eine interessante Ansage.

Stimmt. Vielleicht sollte ich

es in Zukunft mit Ausdruckstanz

versuchen (lacht).

www.kontra-k.de

the red bulletin: Ihr erstes Album machte Sie 2004 zum

Star. Seither verkauften Sie eine Million CDs. Ihr neues Werk

„Sonic Soul Surfer“ nahmen Sie wieder daheim auf, nicht

im Hightech-Studio. Übertreiben Sie’s mit der Koketterie?

seasick steve: Das hat einen ganz anderen Grund: Nichts

klingt besser als meine alten Bandmaschinen. Vergiss dein Studio.

Überhaupt wurden die Dinge früher besser produziert.

Sieh dir Autos an. Kisten aus den 1950er Jahren fahren heute

noch. Denkst du, man wird in 30 Jahren noch Autos von 1995

sehen? Die sind dann doch längst verrostet.

Wenn Sie überlegen, was Sie in so kurzer Zeit erreicht

haben, wünschen Sie sich, Sie hätten früher angefangen?

Ich finde, keiner unter 50 sollte Rockstar sein. Musik-Manager

sagen dir, was du tun sollst, versprechen dir das Blaue vom

Himmel. Mit 20 hätte ich ihnen geglaubt und mich zum Trottel

gemacht. Besser, du wartest. Dann hast du mehr Durchblick.

seasicksteve.com

Seasick Steve

zählt Jack White

und Dave Grohl

zu seinen Fans.

THE RED BULLETIN 61

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