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PETER-ANDREAS HASSIEPEN

Nacht

mit

Zuhörer

Von Michael Köhlmeier

Michael Köhlmeier

Geboren am 15. Oktober 1949 in Hard, Vorarlberg. Studium

der Germanistik, Politologie, Mathematik und Philosophie.

Köhlmeier ist ein Multitalent. Er schrieb und schreibt Liedtexte

(1972 gründete er mit Reinhold Bilgeri die Band Bilgeri

& Köhlmeier) und Hörspiele („Like Bob Dylan“), Erzählungen

(„Der Unfisch“) und Romane („Die Abenteuer des Joel Spazierer“),

Märchen und Sagen

(die er zum Teil selbst im TV und

auf Hörbüchern vorträgt), Drehbücher

(„Requiem für Dominic“)

und Opernlibretti („Die Welt der

Mongolen“). Fünf Jahre moderierte

er die Diskussionssendung

„Club 2“ im Österreichischen

Rundfunk. Köhlmeier ist mit der

Schriftstellerin Monika Helfer

verheiratet und lebt als freier

Autor in Hohenems und Wien.

Sie waren aus dem Wagen geworfen worden und

bluteten an der Wange. Der Fahrer hatte sich

gewehrt, hatte nach hinten geschlagen und zur Seite

und die Wange des Alten getroffen, der hinten saß,

und die Wange des Jungen auf dem Beifahrersitz.

Vielleicht hatte er in die Tasche gegriffen und etwas Spitzes

herausgeholt, als die beiden ihn bedrohten, einen Schlüsselanhänger

oder ein Taschenmesser. Der Gegenstand muss spitz

und scharf gewesen sein. Die Wange des Alten hatte er durchschlagen,

der Alte konnte die Zunge durch die Backe ins Freie

strecken. Schmerz spürte er nicht. Die Wunde des Jungen war

nicht so tief, aber länger. Sie zog sich vom Ohrläppchen bis unter

die Unterlippe. Er blutete auch mehr als der Alte. Das Blut wurde

vom Regen verdünnt und rann ihm über den Hals in den Hemdkragen.

Sie waren auf den Knien gelandet. Im Dreck. Der Fahrer

hatte die Tür geöffnet und den Jungen mit den Füßen hinausgetreten.

Der Junge meinte, der spitze, scharfe Gegenstand habe

die Schlagader an seinem Hals aufgerissen. Er meinte, es gehe

nun um sein Leben, und ließ sich aus dem Auto treten, um sich

draußen um sein Leben zu kümmern. Aber warum war der Alte

im Dreck gelandet? Sie knieten nebeneinander und hielten sich

die Wange und sahen dem davonfahrenden Wagen nach. Windböen

warfen ihnen den Regen ins Gesicht. Die Nacht war sehr

plötzlich da gewesen. So hätte die Sache für den Fahrer ausgehen

sollen, nicht für sie. Sie besaßen nichts. Sie gingen an der

Straße entlang, einen Fuß auf dem Asphalt, den anderen im Gras

daneben. Sie sahen nichts. Sie drückten die Faust gegen die

Wange, damit nicht so viel Blut herausrinne. Der Regen verhinderte,

dass die Wunden verkrusteten.

Einen Kilometer vor ihnen liegt ein Gasthaus. Dort steigen

Fernfahrer ab. Sie könnten dem Wirt und den Gästen eine

Geschichte erzählen. Könnten als Beweis ihre Wangen vorweisen.

Und wenn der Mann, der sie mitgenommen und den sie

hatten erwürgen wollen und der sie so zugerichtet hatte, wenn

der in dem Gasthaus abgestiegen ist? Er will die Polizei rufen.

Sie gehen und reden nicht und denken jeder an seine Wunde.

Jetzt sehen sie das Licht vor sich. Es ist ein beleuchtetes Schild,

das an einem hohen Mast befestigt ist und über die Straße reicht.

Bevor sie durch die Tür treten, werfen sie sich einen Blick zu. Sie

sehen aus wie Opfer. Sie stöhnen. Der Alte sinkt in der Gaststube

nieder, zeigt seine blutigen Hände, seine blutende Wange, das

Loch in der Wange. Der Junge kniet sich neben ihn und weint.

Seine rechte Gesichtshälfte ist rot. Am Tresen stehen drei Männer.

An einem der Tische sitzen noch drei. Es ist still. Die Männer

betrachten die beiden. Der Junge kreischt. Dann spricht er

abgehackt. Tut, als fasse er sich. Er und sein Vater, sagt er, seien

überfallen worden. Der Junge erzählt irgendetwas, er redet wirr.

Das sind die beiden, sagt da eine Stimme. Es ist der Mann, den

sie in seinem Auto überfallen wollten. Dessen Opfer dann aber

sie geworden sind. Er kommt von der Toilette. Das sind die

beiden, sagt er noch einmal. Der größte von den dreien, die

am Tisch sitzen, erhebt sich langsam und stellt sich an die Tür.

Damit der Alte und der Junge nicht abhauen können. Die drei an

der Theke und die zwei anderen und dann noch der Wirt halten

den Alten und den Jungen fest. Wenn sie sich wehren, treten sie

ihnen auf die Knie oder auf die Schenkel oder auf die Fersen. Der

Mann, der ihr Opfer hätte werden sollen, fragt den Wirt, ob er

die Kehrschaufel ausleihen dürfe. Das darf er. Mit diesem Ding

verrichtet er sein Werk.

Es war nicht richtig, den Alten und den Jungen zu dem Gasthaus

zu führen. Die Männer dort richten viel Schaden an, aber

sie lassen die beiden am Leben. Ich sage dir, sie würden am Ende

sogar die Rettung rufen. Und die Polizei. Sie würden lügen, stur

THE RED BULLETIN 93

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