The Red Bulletin Mai 2015 - DE

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und konsequent. Die Beamten würden ihnen nicht glauben oder

nur halb glauben, aber dann doch einen günstigen Bericht

schreiben. Der Alte und der Junge würden in ein Krankenhaus

gebracht. Nein, es war nicht richtig, die beiden zu dem Gasthaus

zu führen. Streichen wir das Gasthaus aus dem Geschehnis. Es

gibt kein Gasthaus in der Nähe. Die Nacht ist lang und ohne

Obdach für die beiden. Sie gehen an der Straße entlang. Den

Sternen sind sie kein Gewinn. Es sind böse Menschen, sie

verdienen die Einsamkeit und die Ödnis. Denken wir uns eine

Strafe Gottes aus. Gott existiert, wenn du es willst. Mach ihn zu

einem strafenden Gott, und er wird ein strafender Gott sein.

Zwei Offiziere Gottes, mit mattem schwarzen Lack besprüht

von den Haaren bis hinunter zu den Stiefelspitzen, der

Schlanke von den beiden hat auf eine rote Corvette

gespart, aber der Dicke darf sie fahren, sie sehen die beiden

Teufel vor sich, wie sie am Straßengraben entlangschlurfen.

Sie halten nicht an, vor Teufeln in der Nacht fürchten sich auch

Offiziere Gottes. Sie fahren im Schritttempo neben ihnen her.

Der Schlanke dreht die Scheibe zur Hälfte herunter.

Der alte Teufel sagt: He!

He!, sagt auch der junge.

Könnt ihr uns mitnehmen? Habt ihr Verbandszeug?, fragt der

Alte.

Der schlanke Besitzer der Corvette fragt: Wer hat euch so

zugerichtet?

Der Blitz fiel vom Himmel, sagt der alte Teufel, er schlug in

meine Wange ein, rauschte durch mein Maul und hinaus und

fegte meinem Sohn über die Wange.

Wir können euch zwei Dosen Bier geben, ruft der Dicke vom

Steuer herüber. Mehr aber können wir nicht für euch tun. Wir

nehmen niemanden mit.

Dann gebt uns das Bier doch einfach, sagt der junge Teufel

und fragt: Warum habt ihr eure Gesichter schwarz gemacht?

Wir suchen solche wie euch, lacht der Schlanke, wirft ihm

zwei Dosen zu und kurbelt das Fenster hoch. Fahr los!, brüllt er

den Dicken an.

Die Teufel, der junge und der alte, stehen an der Straße, ihre

Wangen schmerzen. Sie trinken aus der Dose. Der Alte drückt

den Daumen auf das Loch in seiner Wange, damit das Bier nicht

herausläuft.

Was denkst du, warum sie sich schwarz angemalt haben?,

fragt der Junge.

Vielleicht haben wir uns getäuscht, und sie waren gar nicht

schwarz angemalt, sagt der Alte. In der Nacht ist schnell etwas

schwarz.

Sie waren schwarz, sagt der Junge. Warum sollten wir uns

das einbilden? Die Haare waren schwarz gefärbt, die Stirn war

schwarz, alles, die Hände. Sie haben sich angemalt. Warum?

Wir sind schlecht, sagt der Alte. Aber es gibt welche, die sind

noch schlechter. Diese da waren noch schlechter.

Wir hätten die beiden abhalten sollen, das Böse zu tun. Der

Junge war bis dahin unbescholten. Er hatte sich vom Alten überreden

lassen, einen Wagen anzuhalten. Sie wollten den Fahrer

überwältigen, das Auto stehlen, alles stehlen, was der Fahrer

bei sich hatte, sie wollten die Nacht durchfahren, von dem Geld,

das der Fahrer bei sich hatte, wollten sie tanken, nach Süden

fahren und ein neues Leben beginnen. Sie haben ihre Flügel

abgeschnallt, bevor sie sich auf den Weg machten, Flügel aus

getrockneter Haut, schwarz von altem Blut. Die Haut hatten sie

sich selbst vor langer Zeit von der Brust und vom Rücken gerissen,

auf das bloße Fleisch hatten sie Bronzeschilde genietet, damit sie

unverwundbar seien. Irgendwann waren ihnen die Flügel und

Wir sind schlecht, sagte

der Alte. Aber es gibt

welche, die sind noch

schlechter. Diese da

waren noch schlechter.

die Schilde lästig geworden. Bevor sie aufgebrochen waren,

hatten sie sich ihrer entledigt. Unterwegs war ihnen eine neue

Haut gewachsen, zart und rosa. Sie hatten sich vorgenommen,

nichts Böses mehr zu tun. Aber dann haben sie sich von uns verführen

lassen. Der Alte hat sich von mir verführen lassen, und er

hat den Jungen verführt.

Stell dich ihm in den Weg, hatte der Alte gesagt.

Der Junge hatte sich mitten auf die Fahrbahn gestellt, und der

Fahrer hatte angehalten.

Kann ich helfen?, hat er gefragt.

Nimm uns ein Stück mit, hat der Alte geantwortet. Wir sind

am Ende. Du brauchst uns nichts zu geben. Wir sind keine Bettler.

Nur nimm uns ein Stück mit.

Das hat der Fahrer getan.

Der Alte und der Junge waren nacheinander aus dem

Himmel gefallen. Zuerst der Alte. Das viele Böse in ihm

drehte und wendete sich und erkannte sich nicht. Dann

fiel der Junge, und seine Augen waren dem Bösen ein Spiegel.

Der Fahrer nahm sie ein Stück weit mit.

Diesmal geht es gut aus. Der Alte und der Junge kommen gar

nicht auf den Gedanken, den Fahrer anzugreifen. Sie sind müde

und hungrig. Sie besitzen nichts.

Ich lade euch zum Essen ein, sagt der Fahrer. Dort vorne ist

ein Gasthaus. Das kenne ich. Dort essen die Fernfahrer. Es ist

billig und gut. Mehr kann ich für euch nicht tun. Aber das möchte

ich gern für euch tun.

So betraten sie zu dritt die Gaststube, als könnten sie Opfer

nicht und nicht Täter sein, setzten sich an einen der Tische.

Dem Wirt waren der Alte und der Junge nicht geheuer. Er hielt

Abstand, ließ sich die Bestellungen zurufen.

Sind das deine Freunde, Piet?, fragte er, als der Fahrer an ihm

vorbei zur Toilette ging.

Das glaube ich, ja, sagte Fahrer.

An dem Tisch neben der Tür zur Toilette sitzen der Dicke und

der Schlanke.

Gehört euch die rote Corvette draußen?, fragt Piet.

Mir, sagt der Schlanke.

Und warum malt ihr euch schwarz an?

Party.

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Lesevergnügen im Red Bulletin: Jeden Monat widmet ein

namhafter Autor unseren Lesern eine Kurzgeschichte.

Diesmal Michael Köhlmeier, Österreichs fabelhafter Erzähler.

Sein aktueller Roman „Zwei Herren am Strand“

(Hanser Verlag) handelt von Winston Churchill und Charlie

Chaplin. In dem ungleichen Paar steckt die Geschichte

des 20. Jahrhunderts, nicht mehr und nicht weniger.

94 THE RED BULLETIN

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