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EINFACH ≠ EINFACH

Querspur: Das Zukunftsmagazin des ÖAMTC Ausgabe 07/2015

Querspur: Das Zukunftsmagazin des ÖAMTC
Ausgabe 07/2015

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Querspur Das Zukunftsmagazin des ÖAMTC<br />

Ausgabe 07/2015<br />

<strong>EINFACH</strong> <strong>≠</strong> <strong>EINFACH</strong><br />

<strong>EINFACH</strong> <strong>≠</strong> <strong>EINFACH</strong><br />

1


Quellen: 1 Google & Google SEC fi ling<br />

2 UNWTO<br />

<strong>EINFACH</strong> <strong>≠</strong> <strong>EINFACH</strong><br />

Gibt es geniale<br />

Erfinder wirklich?<br />

„Genie ist zu einem Prozent Inspiration<br />

und zu 99 Prozent Transpiration“, sagte<br />

Erfinder und Unternehmer Thomas Alva Edison.<br />

Und der Tausendsassa wusste, wovon er sprach:<br />

Mehr als 1000 Erleichterungen des Alltags gehen<br />

auf den Amerikaner und seine zahlreichen Partner<br />

und Mitarbeiter zurück. Mit dem Kohlekörnermikrofon<br />

bereiteten seine Labors beispielsweise<br />

den Weg für das Telefon, die 35-Millimeter-<br />

Filmtechnik und auch die Erfindung der<br />

Glühbirne wird ihnen zugeschrieben.<br />

Edison gilt als Erfinder der<br />

industriellen Forschung, er war<br />

kein Einzeltäter.<br />

Wohin reisen die<br />

meisten Menschen?<br />

Laut der Welt Tourismus<br />

Organisation UNWTO verreisen jährlich<br />

935 Millionen Menschen. Die am<br />

meisten besuchten Länder sind Frankreich<br />

und die USA. Bis 2030 werden die meisten<br />

internationalen Reisenden jedoch nicht<br />

mehr in den Industrieländern, sondern<br />

in den heute als Schwellenländer<br />

bezeichneten Destinationen<br />

unterwegs sein. 2<br />

Impressum und Offenlegung<br />

Einfach <strong>≠</strong> einfach?<br />

Oftmals ist hohe Komplexität Grundlage<br />

der Einfachheit von Prozessen oder<br />

Produkten. Beispielsweise kommt der<br />

große Erfolg von Apple’s iPad auch daher,<br />

dass das Tablet für den User einfach zu bedienen<br />

ist. Dahinter steckt jedoch ein hochkomplexes,<br />

intelligentes Computersystem. Einfach <strong>≠</strong> einfach<br />

steht für einfache bzw. einfach erscheinende<br />

Lösungen (Produkte, Prozesse), die einen<br />

hochkomplexen Unterbau besitzen, woraus<br />

wiederum die hohe Qualität für den User<br />

entsteht. Albert Einstein formulierte es so:<br />

„Alles sollte so einfach wie<br />

möglich gemacht sein,<br />

aber nicht einfacher.“<br />

Medieninhaber und Herausgeber<br />

Österreichischer Automobil-, Motorrad- und Touring Club (ÖAMTC),<br />

Schubertring 1-3, 1010 Wien, Telefon: +43 (0)1 711 99 0<br />

www.oeamtc.at<br />

ZVR-Zahl: 730335108, UID-Nr.: ATU 36821301<br />

Vereinszweck ist insbesondere die Förderung der Mobilität unter<br />

Bedachtnahme auf die Wahrung der Interessen der Mitglieder.<br />

Rechtsgeschäftliche Vertretung<br />

DI Oliver Schmerold, Verbandsdirektor<br />

Mag. Christoph Mondl, stellvertretender Verbandsdirektor<br />

Konzept und Gesamtkoordination winnovation consulting gmbh<br />

Chefredaktion Mag. Gabriele Gerhardter (ÖAMTC),<br />

Dr. Gertraud Leimüller (winnovation consulting)<br />

Chefin vom Dienst Silvia Wasserbacher-Schwarzer, BA, MA<br />

Was ist der<br />

Lotus-Effekt?<br />

Lotus- oder Lotos-Effekt<br />

wird die geringe Benetzbarkeit einer<br />

Oberfläche bezeichnet, wie sie bei der<br />

Lotospflanze vorkommt. Das Prinzip der sich<br />

selbst reinigenden Lotosblume wurde schon<br />

1972 vom deutschen Botaniker und Bioniker<br />

Wilhelm Barthlott beschrieben:<br />

Wasser perlt ab und nimmt dabei auch alle<br />

Schmutzpartikel auf der Oberfläche mit.<br />

Erst 27 Jahre später brachte die Sto AG 1999<br />

die Fassadenfarbe Lotusan® auf den Markt,<br />

die mit diesem Prinzip arbeitet.<br />

Sie hält das Patent am<br />

Lotus Effekt®.<br />

Wie viele E-Mails<br />

erhält der<br />

durchschnittliche User?<br />

Dass E-Mails einmal den Brief ersetzen<br />

werden und damit schnelle (meist kostenlose)<br />

Kommunikation möglich machen, hätte bis vor<br />

ein paar Jahrzehnten niemand gedacht. Die USamerikanische<br />

Marktforschungsagentur Radicati<br />

hat erhoben, dass ein Nutzer durchschnittlich<br />

74 E-Mails pro Tag erhält, 13 davon sind<br />

nicht gewollte. 75 % der E-Mails sind private Mails,<br />

der Rest geschäftliche. Die schriftliche<br />

Kommunikation hat somit enorm<br />

zugenommen: Ein durchschnittlicher<br />

Postkunde kam wohl zu keiner Zeit<br />

auf 74 Briefe pro Tag<br />

im Postkasten.<br />

Komplex oder<br />

kompliziert?<br />

Das Wort „kompliziert“ stammt vom<br />

lateinischen complicare, und bedeutet<br />

soviel wie „verwickelt, undurchsichtig“.<br />

Komplexität kommt von complexus – „flechten,<br />

umfassen“. Der Unterschied der beiden Wörter<br />

wird vor allem auf der subjektiven Ebene klar:<br />

Etwas erscheint als kompliziert, wenn man<br />

nicht über das Wissen oder das Können<br />

verfügt, eine Sache zu verstehen, die<br />

möglicherweise einen hohen Grad<br />

an Komplexität, also<br />

Vielschichtigkeit,<br />

aufweist.<br />

Lexikon<br />

oder Suchmaschinen-Abfrage?<br />

Wie viele Menschen heute (noch)<br />

ein Lexikon aufschlagen, ist unbekannt,<br />

die Suchaufträge auf Google werden<br />

hingegen genau gezählt:<br />

2,9 Milliarden sind es täglich.<br />

Pro Sekunde verzeichnet Google<br />

33 564 Anfragen. Google ist damit die<br />

am meisten genutzte Suchmaschine. Um<br />

an Spezialinformationen zu gelangen,<br />

bleibt das Buch bis heute jedoch<br />

unumstritten. 1<br />

Mitarbeiter dieser Ausgabe Dipl.-Bw. Maren Baaz, Catherine Gottwald, Ulrich Herbst,<br />

Margit Hurich, Mag. (FH) Christian Huter, Mag. Claudia Kesche, Mag. Astrid Kuffner,<br />

Dr. Gertraud Leimüller, MMag. Ursula Messner, Dr. Ruth Reitmeier, Katrin Stehrer, BSc,<br />

MSc, Theresia Tasser, Mag. Christina Tropper, DI Anna Várdai,<br />

Silvia Wasserbacher-Schwarzer, BA, MA<br />

Fotos Karin Feitzinger; Umschlag: Karin Feitzinger<br />

Grafik Design, Illustrationen Drahtzieher Design & Kommunikation, Barbara Wais, MA<br />

Korrektorat Mag. Christina Preiner, vice-verba<br />

Druck Hartpress<br />

Blattlinie Querspur ist das zweimal jährlich erscheinende Zukunftsmagazin des ÖAMTC.<br />

Ausgabe 07/2015, erschienen im Juni 2015<br />

Download www.querspur.at


4<br />

8<br />

10<br />

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17<br />

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31<br />

Heute<br />

Einfach komplex<br />

Heute ist der Alltag hoch komplex.<br />

Dennoch war das Leben früher nicht<br />

leichter.<br />

Von Ruth Reitmeier<br />

Alltag mit Hürden<br />

Wie Einkaufen mit Zwillingen zur Herausforderung<br />

wird und warum ein Italiener<br />

nicht in der Wiener Vorstadt parkt.<br />

Von Christina Tropper und Ruth Reitmeier<br />

Architektur darf<br />

nicht nur Kunst sein<br />

Die Architektin Elke Delugan-Meissl über<br />

reduziertes Design und Nutzererlebnisse.<br />

Von Catherine Gottwald<br />

Keine einfache Kopiervorlage<br />

Bionik ist nicht die eierlegende<br />

Wollmilchsau.<br />

Von Astrid Kuffner<br />

Gutes Design führt<br />

durch komplexe Prozesse<br />

Service-Design hat sein Ziel erreicht,<br />

wenn die User keine Beschreibung lesen<br />

müssen. Das New Yorker Designduo<br />

antenna im Interview.<br />

Von Ruth Reitmeier<br />

Morgen<br />

Wenn der Strom ausfällt<br />

Warum ein großfl ächiger Stromausfall ein<br />

realistisches Szenario ist.<br />

Von Ulrich Herbst<br />

Vernetzt in alle Richtungen<br />

Welche Services werden uns in 20 Jahren<br />

das Leben erleichtern?<br />

Von Gertraud Leimüller<br />

Einfach unterwegs<br />

Ein einfacher Service kann in<br />

der Entwicklung ganz schön<br />

herausfordernd sein.<br />

Von Theresia Tasser<br />

Ich bin, was ich erlebe<br />

Neo-Individualtouristen inszenieren sich<br />

an den Urlaubsorten. Internet sei Dank.<br />

Von Catherine Gottwald<br />

Start-Ups<br />

Spannende Ideen zum Thema<br />

Einfachheit und Komplexität.<br />

Von Katrin Stehrer<br />

Was hinter den Dingen<br />

des Alltags steckt<br />

Die Wissenschaft beweist, was<br />

der Hausverstand vermuten lässt.<br />

Von Silvia Wasserbacher-Schwarzer<br />

Foto: © Christina Topper<br />

8<br />

Foto: © Delugan Meissl Associated Architects<br />

10<br />

Foto: © Fabian Holzer, Erika Kósa<br />

24<br />

Foto: © smart<br />

26<br />

<strong>EINFACH</strong> <strong>≠</strong> <strong>EINFACH</strong><br />

3


Einfach<br />

komplex<br />

4<br />

Foto: © Karin Feitzinger


DAS LEBEN WAR ZWAR FRÜHER NICHT LEICHTER, ABER <strong>EINFACH</strong>ER.<br />

VERÄNDERUNGEN VOLLZOGEN SICH NUR LANGSAM. DER MODERNE<br />

ALLTAG HINGEGEN IST HOCHKOMPLEX. UND DAS IST GUT SO. Von Ruth Reitmeier<br />

Was ist Einfachheit? Machen wir es<br />

uns doch einfach und geben diese<br />

Frage in die Suchmaschine ein.<br />

Wikipedia bietet folgende Defi nition:<br />

Einfachheit, auch Schlichtheit, ist<br />

ein Zustand, der sich dadurch auszeichnet,<br />

dass nur wenige Faktoren<br />

zu seinem Entstehen oder Bestehen<br />

beitragen, und dadurch, dass das Zusammenspiel<br />

dieser Faktoren durch<br />

nur wenige Regeln beschrieben werden<br />

kann. Damit ist Einfachheit das<br />

Gegenteil von Komplexität. Nun, der<br />

letzte Satz dieser Defi nition sollte<br />

gestrichen werden.<br />

HINTER <strong>EINFACH</strong>EN<br />

ERGEBNISSEN STEHEN<br />

OFT KOMPLEXE<br />

PROZESSE<br />

Einfachheit ist nicht das Gegenteil<br />

von Komplexität, zumal auch das Einfache<br />

hochkomplex sein kann. Anschauliche<br />

Beispiele dafür gibt es zuhauf,<br />

etwa aus der Diagnostik, wenn<br />

Patienten im plötzlich auftretenden<br />

gesundheitlichen Ausnahmezustand<br />

von Facharzt zu Facharzt pilgern. Am<br />

Ende solcher Leidensgeschichten ist<br />

dann oft bereits der Termin beim Psychiater<br />

ausgemacht, doch dann erkennt<br />

endlich jemand, dass die höllischen<br />

Schmerzen etwa von einer<br />

Borreliose in Folge eines Zeckenbisses<br />

herrühren – einer simplen und<br />

häufi gen Infektion also.<br />

DAS GEHIRN<br />

BEVORZUGT<br />

LINEARES DENKEN<br />

Wer komplex denkt, sieht das große<br />

Ganze. Doch das ist gar nicht so einfach.<br />

Denn das menschliche Gehirn<br />

bevorzugt eher lineares, analoges<br />

Denken, was einem schrittweisen<br />

Vorgehen entspricht. Der Mensch<br />

passt sich also nach und nach an seine<br />

Umwelt an und macht sie so begreifund<br />

nutzbar. Komplexität bedeutet<br />

aber nicht zuletzt, dass der nächste<br />

Schritt bereits in eine ganz andere<br />

Richtung weisen kann. Denn es liegt<br />

in ihrer Natur, dass immer etwas<br />

nachkommt. Das gilt es zu begreifen.<br />

INDIVIDUELLE<br />

LÖSUNGEN<br />

SCHAFFEN<br />

DURCHBLICK<br />

Wer Komplexität meistern will, muss<br />

ihr mit ebensolcher begegnen. Iris<br />

Bosich, engagierte Unternehmerin<br />

aus Wien, betreibt seit dem Vorjahr<br />

unter der Marke Vitolerance ein Geschäft<br />

samt Online-Shop für Menschen<br />

mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten.<br />

Die Businessidee kam<br />

Bosich, als sie beobachtete, wie Allergiker<br />

ratlos vor den Supermarktregalen<br />

standen. Sie dachte, dass man<br />

ihnen den Einkauf erleichtern sollte.<br />

Vitolerance tut genau das, bietet eine<br />

große Auswahl an Lebensmitteln, die<br />

Regale sind klar organisiert, und jedes<br />

Produkt ist umfassend gekennzeichnet.<br />

Im Geschäft fi nden sich<br />

mehrere Meter Regalfl äche mit glutenfreien<br />

Lebensmitteln, außerdem<br />

führt Vitolerance laktose-, fruktose,<br />

hefe- und weizenfreie Lebensmittel.<br />

Doch kaum hatte das Geschäft eröffnet,<br />

war klar, dass diese Kundschaft<br />

mehr als ein perfekt durchdachtes<br />

Warenangebot benötigte, sie braucht<br />

fundierte ernährungswissenschaftliche<br />

Beratung. „Einige Kunden kommen<br />

mit ihren Befunden zu uns einkaufen“,<br />

sagt Bosich. Sie engagierte<br />

umgehend eine Diätologin, die an den<br />

starken Einkaufstagen direkt im Geschäft<br />

berät. Dieser besondere Service<br />

rundet das Geschäftsmodell ab<br />

und sorgt für Kundenbindung.<br />

ZERTIFIZIERUNG<br />

SCHAFFT LÜCKEN<br />

Kennzeichnung und Gütesiegel bieten<br />

Konsumenten Orientierung in einer<br />

immer komplexer werdenden Warenwelt.<br />

Diese Lösung ist zwar einfach,<br />

aber nicht perfekt und hinterlässt ihrerseits<br />

Lücken im System, die wiederum<br />

zu neuen Produkt- und Geschäftsideen<br />

führen können. Jeder kennt<br />

Bio-Marmelade, doch der vielleicht<br />

ökologisch konsequenteste süße Brotaufstrich<br />

ist Zero Waste Jam. Trägt<br />

Marillenmarmelade ein Bio-Gütesiegel,<br />

so muss der ökologische Anbau<br />

der Früchte kontrolliert werden.<br />

Die Marillen werden zumeist angeliefert,<br />

denn Früchte, die etwa in den zur<br />

Marmeladenfabrik nahegelegenen privaten<br />

Obstgärten wachsen, werden<br />

zwar fast immer pestizidfrei angebaut,<br />

doch sie sind nicht zertifi ziert und<br />

qualifi zieren sich deshalb nicht für ein<br />

Produkt mit Bio-Garantie. Im schlimm s -<br />

ten Fall verrotten diese lokalen Früchte<br />

unverzehrt, während teures, weitgereistes<br />

Obst verarbeitet wird.<br />

Das Sozialunternehmen Zero Waste<br />

Jam, das sich dem Ziel der Abfallvermeidung<br />

und optimalen Ressourcennutzung<br />

verschrieben hat, schließt<br />

diese Lücke. Wer etwa einen Garten<br />

im Raum Wien, Graz oder im Waldviertel<br />

besitzt, wo mehr Früchte<br />

gedeihen als er verbraucht, kann<br />

sein Obst einfach spenden und somit<br />

einen Beitrag gegen die Lebensmittelverschwendung<br />

leisten. Die<br />

Fruchtspende wird abgeholt, von den<br />

Zero-Waste-Jam-Produktionspartnern<br />

zu Konfi türe verarbeitet und schließlich<br />

professionell vertrieben.<br />

Der moderne Alltag ist ein komplexes<br />

System. Mit Patentlösungen kommt<br />

man da nicht weiter, zumal sich Lebensentwürfe<br />

immer unterschiedlicher<br />

<strong>EINFACH</strong> <strong>≠</strong> <strong>EINFACH</strong><br />

5


WORK-LIFE-BALANCE<br />

MEHR DENN JE<br />

GEFRAGT<br />

gestalten. Werden heute bei einem<br />

Maturatreffen von Mitvierzigern die<br />

Kinderfotos herumgereicht, so sind<br />

dies Bilder von Menschen zwischen<br />

zwei und zwanzig Jahren. Arbeit, Kinder<br />

und andere (familiäre) Verpfl ichtungen<br />

unter einen Hut zu bringen ist<br />

alles andere als einfach, verlangt nach<br />

Multitasking und Improvisations kunst.<br />

Steigen die Anforderungen im System<br />

Familie, so muss wie in einem Unternehmen<br />

eine entsprechend gute<br />

Organisationsstruktur und faire<br />

Arbeits aufteilung unter Einbeziehung<br />

freiwilliger und eventuell auch bezahlter<br />

Hilfe her. Das „Familienprogramm“<br />

wird zudem regelmäßige Updates<br />

brauchen, um mit den sich ändernden<br />

Bedingungen übereinzustimmen. Die<br />

Komplexität des Alltags, die Gesamtheit<br />

und der Zusammenhang der<br />

zu bewältigenden Aufgaben wird<br />

schließlich um ein paar Termine und<br />

Pläne reduziert werden müssen:<br />

Das Konzertabonnement, die Überstunden,<br />

den Baby-Englischkurs, den<br />

Elternsprechtag, den Zweitwohnsitz.<br />

Trotz Abstrichen bleibt in der so genannten<br />

Rushhour des Lebens, also<br />

in jener Phase, wo sich die Aufgaben<br />

und Anforderungen türmen, noch<br />

immer genug zu tun.<br />

Vor diesem Hintergrund stehen auch<br />

Unternehmen vor neuen Herausforderungen.<br />

Die Organisationskunst der<br />

Manpower reicht heute längst über<br />

die Grenzen des Betriebs hinaus ins<br />

Private. Immer deutlicher zeigt sich<br />

der Trend zur individualisierten Personalarbeit.<br />

Programme nach dem Top-<br />

Down-Prinzip über große Teile der<br />

Belegschaft zu stülpen, ist nicht mehr<br />

zeitgemäß. Heute werden die Mitarbeiter<br />

zunehmend einbezogen, werden<br />

angehalten, ihren Arbeitsplatz zu<br />

bewerten und Stressfaktoren beim<br />

Namen zu nennen.<br />

Der Zeitgeist verlangt es, unermüdlich<br />

Unternehmer seiner selbst zu sein<br />

und auch das kann ganz schön anstrengend<br />

werden. Manchmal will<br />

man auch nur Instandhalter seines<br />

Lebens sein. In der Überfl uss- und<br />

Leistungsgesellschaft ist deshalb die<br />

Sehnsucht nach Vereinfachung die<br />

andere Seite der Medaille, die (gedankliche)<br />

Flucht in eine Idylle des<br />

Schlichten; eine Art Entschleunigungsrefl<br />

ex.<br />

DER WUNSCH NACH<br />

DEM <strong>EINFACH</strong>EN<br />

LEBEN WAR IMMER<br />

WIEDER EN VOGUE<br />

All das ist freilich nicht neu. Weglassen,<br />

dann wird alles besser, ist<br />

der Grundgedanke vieler Heilslehren.<br />

Mehrere christliche Orden haben sich<br />

bereits vor Jahrhunderten dem einfachen<br />

Leben verschrieben. Scheinheiliger<br />

war wohl die Sehnsucht der<br />

Aristokratie des Barock nach idealisierter<br />

Einfachheit, die in nachgebauten<br />

Bauernhäusern neben ihren pompösen<br />

Schlössern Landleben spielten.<br />

Die heutigen Downshifter sind neben<br />

rein ökonomischen Beweggründen<br />

geistige Nachfahren der Aussteiger<br />

der 1960er und 70er Jahre, die die<br />

vermeintlich sinnentleerten Wohlstandsideale<br />

der Mittelschicht in<br />

Frage stellten.<br />

ÜBERFLUSS WECKT<br />

DAS BEDÜRFNIS NACH<br />

DEM <strong>EINFACH</strong>EN<br />

Diese Suche nach dem Einfachen ist<br />

jedoch im Grunde ein Luxus – ein<br />

Luxusproblem. Extremes Aufräumen,<br />

das „Entmüllen“ sämtlicher Lebensbereiche,<br />

bewusster Konsum; um<br />

diese Fragen ist längst eine Industrie<br />

entstanden. Ein Standardwerk<br />

zum Reduktionstrend ist der Megaseller<br />

„Simplify your Life“, mit dem ein<br />

evangelischer Pfarrer und ein Zeitmanagement-Experte<br />

bereits um die<br />

Jahrtausendwende einen Vereinfachungs-Guide<br />

vorlegten und damit<br />

den Nerv der Zeit trafen. Das Buch<br />

gibt klare, einfache Anweisungen, wie<br />

man in sämtlichen Lebensbereichen<br />

drastisch reduziert. Das Programm<br />

verläuft von außen nach innen, von<br />

Stufe 1: „Vereinfachen Sie Ihre<br />

Sachen“, über die Finanzen, Zeit,<br />

Gesundheit, Beziehungen, die<br />

Partnerschaft bis letztlich mit abgeschlossener<br />

Stufe 7 das Ziel erreicht<br />

ist: „Vereinfachen Sie sich selbst.“ Da<br />

muss man kurz schlucken. Ist die Ultima<br />

ratio, ein Einfaltspinsel zu werden?<br />

DER MENSCH<br />

WÄCHST AN DER<br />

HERAUSFORDERUNG<br />

Wie unterkomplex, wie einfach gestrickt,<br />

dürfen wir sein, um im Jetzt<br />

zu leben und die Chancen unserer<br />

Zeit wahrzunehmen? Selbst wenn der<br />

Alltag komplexer geworden ist und<br />

Stressoren dazugekommen sein mögen,<br />

der Mensch wächst an seinen<br />

Aufgaben. Mit der Modernisierung der<br />

Welt modernisiere sich eben auch das<br />

Seelenleben des modernen Menschen,<br />

argumentieren etwa die Psychologen<br />

Martin Dornes und Martin Altmeyer<br />

in der deutschen Wochenzeitung<br />

„Die Zeit“. Beschleunigung, Globalisierung,<br />

berufl iche Mobilität, Pluralismus<br />

der Werte und Lebensstile<br />

sowie Flexibilität sind nicht nur Anforderungen,<br />

sondern bieten vor allem<br />

neue Möglichkeiten der Lebensgestaltung<br />

und Erweiterung des Horizonts.<br />

Die moderne Arbeitswelt ist<br />

mit ihren Ansprüchen zur Teamfähigkeit,<br />

Eigeninitiative und Selbstorganisation<br />

zweifellos fordernder als einst,<br />

doch sollte man der Monotonie auslaufender<br />

Berufswelten deshalb nachtrauern?<br />

KOMPLEXITÄT IST KEINE<br />

NEUERFINDUNG. NEU IST<br />

DIE GESCHWINDIGKEIT,<br />

MIT DER SIE STEIGT<br />

„Komplex ist nahezu ein Synonym für<br />

intelligent“, betont Kybernetikerin<br />

Maria Pruckner. Die Kybernetik ist<br />

die Wissenschaft der Steuerung und<br />

Regelung in Maschinen, lebenden<br />

Organismen und sozialen Organisationen<br />

und wird auch als die Kunst des<br />

Steuerns beschrieben. Sie hilft zu verstehen,<br />

wie Eigendynamiken und das<br />

Funktionieren an sich funktionieren.<br />

Die Systemwissenschaft Kybernetik<br />

spielt insbesondere in der Managementlehre<br />

eine immer wichtigere Rolle.<br />

„Komplexität gab es auch früher, doch<br />

6


Fotomontage: © Drahtzieher<br />

Das Gehirn bevorzugt lineares Denken. Durch schrittweise Annäherung an die Herausforderungen meistert es der Mensch trotzdem,<br />

sich in einer Welt zunehmender Komplexität zurecht zu fi nden.<br />

durch die moderne Daten- und Kommunikationstechnik<br />

nimmt sie rasant<br />

zu, und alles ändert sich viel schneller.<br />

Dadurch erhöht sich auch die Unsicherheit<br />

und Ungewissheit in vielen Situationen“,<br />

betont Pruckner.<br />

ZU VIEL AN<br />

INFORMATION WIRD<br />

ALS ÜBERFORDERUNG<br />

WAHRGENOMMEN<br />

Wenn scheinbar unlösbare Probleme<br />

belasten, wird oftmals die Komplexität<br />

dafür verantwortlich gemacht und sie<br />

wird dabei als Überdosis an Information<br />

(miss-)verstanden. Das zentrale<br />

Problem ist aber nicht ein Zuviel an<br />

Information. Geraten die Dinge außer<br />

Kontrolle, ist das Gegenteil der Fall.<br />

„Das Problem ist immer das Fehlen<br />

relevanter Information“, betont<br />

Pruckner. Die Kybernetikerin hat<br />

diese Mechanismen in ihrem Buch<br />

„Die Komplexitätsfalle“ anhand von<br />

Beispielen beschrieben. Das zugrundeliegende<br />

Muster ist immer das gleiche:<br />

Durch mangelnde Information entstehen<br />

Probleme, die weitere Konfl ikte<br />

erzeugen. Fehlt der Durchblick, so<br />

stellen sich Angst und Stress ein, was<br />

wiederum zu Fehlleistungen führt. So<br />

wird aus einem Problem schnell ein<br />

Riesenproblem. Pruckner zeigt, wie<br />

die Komplexitätsfalle zuklappt und<br />

Krisen eskalieren können. Sie zeigt<br />

auch Auswege aus der Komplexitätsfalle,<br />

etwa indem Informationslücken<br />

rechtzeitig geschlossen werden.<br />

Vor dem Hintergrund einer komplexer<br />

werdenden Welt sollte demnach das<br />

Herzstück jeder Bildungsreform eine<br />

auf komplexe Systeme bezogene<br />

Denkschule sein, um zu lernen, wie<br />

man an noch nie dagewesene Situationen<br />

souverän herangeht. Denn wer<br />

Komplexität beherrschen will, muss<br />

sie in seinem Kopf erzeugen können.<br />

Komplexität ist nur mit ebenso hoher<br />

Komplexität zu begegnen. Beim Militär,<br />

in der Kriminalistik oder der Medizin<br />

wird seit jeher so vorgegangen:<br />

Man verschafft sich zunächst einen<br />

Überblick, stellt gezielte Fragen. Keine<br />

Entscheidung fällt ohne sorgfältige<br />

Lagebeurteilung.<br />

DAS FEHLEN RELEVANTER<br />

INFORMATION BEDEUTET<br />

KONTROLLVERLUST<br />

Wer jedoch in der Komplexitätsfalle<br />

sitzt, arbeitet sich immer am falschen<br />

Problem ab. Entscheidend ist also,<br />

dass das tatsächliche Problem identifi<br />

ziert wird, zumal es die Lösung in<br />

sich trägt. In der Praxis bedeutet das:<br />

In einer Krise geht es darum, sich die<br />

relevanten Informationen zu beschaffen<br />

und/oder Hilfe zu holen – also jemanden<br />

hinzuzuziehen, der über das<br />

erforderliche Fach-, System und auch<br />

Insiderwissen verfügt. Pruckner:<br />

„Eine goldene Regel der Kybernetik<br />

lautet: Lass dich von dem führen, der<br />

am besten Bescheid weiß.“ <br />

www.mariapruckner.com<br />

www.vitolerance.at<br />

www.zerowastejam.com<br />

<strong>EINFACH</strong> <strong>≠</strong> <strong>EINFACH</strong><br />

7


Alltag<br />

mit Hürden<br />

Zweifach ist gar<br />

nicht so einfach<br />

Fotos: © Christina Tropper<br />

USERSTORY<br />

Ich habe zwei Im-Mobilien. Zwei Kinder, um genau zu sein. Seit ich Mutter von<br />

Zwillingen bin, wird das Verlassen des Eigenheims zur Schwerarbeit. Von Christina Tropper<br />

Kennen Sie eigentlich Sisyphos? Den armen Kerl, der stän dig<br />

einen Stein den Berg hinaufrollen musste, nur um kurz vor<br />

dem Ziel zu scheitern? Das ist mein Leben! Seit ich Zwillinge<br />

habe, wird es zu einer Vormittag füllenden Aufgabe, zwei Liter<br />

Milch zu kaufen. Bis man die Kinder für einen Mini-Einkauf<br />

fertig hat, ist die Milch im Geschäft schon sauer. Gibt es vielleicht<br />

deswegen die „Länger-frisch-Milch“?<br />

Prinzipiell hat eine Mutter ja drei Möglichkeiten, mit zwei<br />

gleichaltrigen Babys einmal einkaufen zu gehen: Entweder<br />

die Mutter ist verwegen, dann verwendet sie das Auto. Mit<br />

anderen Worten: Kinder wickeln, füttern, anziehen und dann<br />

Stück für Stück ins Auto tragen. Während man also Kind A<br />

ins Auto bringt, brüllt Kind B. Holt man dann Kind B, dann<br />

tut Kind A seinen Unmut kund. So wissen auch die Nachbarn,<br />

dass es zu einem Milch-Engpass gekommen ist. Wichtig:<br />

Kinderwagen nicht vergessen. Der ist nicht nur schwer,<br />

sondern auch äußerst sperrig. Die Einkaufsliste sollte demnach<br />

relativ kurz sein, da der Kofferraum bereits vom Wagen<br />

besetzt ist. Und von jenen Dingen, die jede Mutter eben so<br />

mithaben muss: Windeln, Feuchttücher und einen Liter Baldrian.<br />

Zum Eigengebrauch, versteht sich …<br />

Die zweite Möglichkeit, an frische Milch zu kommen, sind die<br />

öffentlichen Verkehrsmittel: Da sind Geschick und vor allem<br />

Diplomatie gefragt. „Och – sind das Zwillinge?“, ist die am<br />

häufi gsten gestellte Frage. Obwohl es mir auf der Zunge liegt<br />

zu sagen: „Nein, die sind zufällig gleich angezogen und sehen<br />

sich zufällig ähnlich“, antworte ich höfl ich: „Ja – Zwillinge!<br />

Was für ein Segen!“ Währenddessen brüllt Kind A aus voller<br />

Kehle und Kind B beginnt verdächtig streng zu riechen. Aber<br />

was soll’s: Es sind ja nur noch fünf Stationen.<br />

Kommen wir also zur dritten Möglichkeit, endlich frische<br />

Milch zu kaufen: per pedes. Wir erinnern uns: Kinder sind satt,<br />

sauber und glücklich. Den sperrigen Zwillingskinderwagen<br />

habe ich die Treppen hinunter getragen, begleitet von den lieblichen<br />

Stimmen des Nachwuchses, der lauthals seinen Unmut<br />

kundtut. Optimisten könnten es auch Anfeuerungsrufe<br />

nennen. Ich stopfe also die Kinder in den Wagen und schnappe<br />

die Wickeltasche, die gefühlte 200 Kilo wiegt. Schweiß gebadet<br />

winke ich den Nachbarn zu, die ob dieses Schauspiels den<br />

eigenen Kinderwunsch stark überdenken. Wir schleppen uns –<br />

also eigentlich schleppe ich alle – in den Supermarkt und raffe<br />

dort in Windeseile alles, was man eben so braucht, an mich.<br />

Natürlich in einem Sicherheitsabstand zu den Regalen. Denn<br />

auch kurze Arme können fl ink sein.<br />

So stehe ich nun – egal für welche der drei Varianten ich<br />

mich entschieden habe – an der Kassa: Der Zwillingswagen<br />

passt leider nicht durch, was vor allem die fünf Leute hinter<br />

mir freut. Man öffnet uns also die Kassa für Rollstuhlfahrer<br />

und Kind A nutzt den Tumult, um noch schnell einen Schokoriegel<br />

zu klauen.<br />

Als ich endlich bezahlt habe, fällt es mir wie Schuppen von<br />

den Augen: Verdammt, ich habe die Milch vergessen!<br />

8


Foto: © shutterstock; Montage: Drahtzieher<br />

Warum einfach,<br />

wenn’s auch<br />

kompliziert geht<br />

Ich wohne hinter Wiener Bergen unter Gartenzwergen, in einer entlegenen Ecke der Stadt,<br />

in einer Straße, die viele Taxifahrer ohne Navi nicht finden. Parkplatzprobleme kannten wir nicht.<br />

Bis das Parkpickerl zu uns kam und so manche verwirrende Veränderung brachte. Von Ruth Reitmeier<br />

Alles begann im Oktober 2012, als das Parkpickerl erstmals<br />

im Bezirk Hernals eingeführt wurde. Doch nicht überall.<br />

Manche Zonen, wie auch mein Grätzel, waren zunächst<br />

noch ausgenommen. Kämpfe um die noch gebührenfreien<br />

Parkplätze wurden 2013 abgedreht, als man die erste<br />

Zonen erweiterung beschloss. Seither bin auch ich Pickerl-<br />

Kleberin.<br />

Weil diese Angelegenheit nicht so einfach ist wie vermutet,<br />

war eine weitere Ausweitung der Anrainerzonen nötig. Diesmal<br />

kam eine zusätzliche Dimension dazu: Die beiden Straßenseiten<br />

der Savoyenstraße, die in die Gebührenzone eingegliedert<br />

wurde, liegen in unterschiedlichen Bezirken.<br />

Rechts 17. Bezirk und links 16., oder umgekehrt. Natürliche<br />

Überlappungszone nennt sich das. In der Praxis bedeutet es,<br />

dass man dort mit den Pickerln beider Bezirke parken darf.<br />

Dies hatte sich allerdings zunächst nicht zu den Organen der<br />

Parkraumüberwachung durchgesprochen, deren Ortskenntnis<br />

dem profunden Wissen der Anrainer hinterher hinkte.<br />

Die Parksheriffs mussten es sich also gefallen lassen, den<br />

exak ten Grenzverlauf erklärt zu bekommen, um mit wasserdichten<br />

Argumenten vom Strafzettelschreiben abgehalten<br />

zu werden.<br />

Der Geschichte noch kein Ende: Sobald sich die ersten Primeln<br />

zeigen, bringen die Schrebergärtner Saisonpickerl (!)<br />

auf ihren Gefährten an. Dann weiß man, dass der Winterschlaf<br />

vorbei und es an der Zeit ist, wieder in Form zu kommen<br />

– mental wie körperlich. Zunächst prägt man sich besser<br />

ein, wo man sein Auto zuletzt abgestellt hat – das kann<br />

mitunter etwas weiter entfernt sein. Auch sollte man gut zu<br />

Fuß und nicht allzu ängstlich sein. Mein User-Tipp: Bitte festes<br />

Schuhwerk und Taschenlampe im Auto mitführen. Denn<br />

mit Sicherheit fi ndet man erst im einen Kilometer entfernten<br />

Waldgebiet einen Stellplatz.<br />

Das System ist einfach komplex und Komplexität bedeutet<br />

nicht zuletzt, dass immer noch etwas nachkommt. Vor diesem<br />

Hintergrund entstehen selbst rund zweieinhalb Jahre nach<br />

der Pickerl-Ersteinführung spontan Guerilla-Selbsthilfegruppen,<br />

wie etwa jüngst in einer Trafi k in der Güpferlingstraße um<br />

neun Uhr am Morgen, als ein Italiener einen geschäftlichen<br />

Termin in der City sowie die blendende Idee hatte, sein Auto<br />

doch einfach in der Vorstadt abzustellen und von dort aus<br />

mit den Öffi s bequem ins Stadtzentrum zu fahren. Nur daraus<br />

wurde leider nichts. In der Trafi k ging es plötzlich zu wie<br />

in einer neapolitanischen Bar. Die Trafi kantin und vier ihrer<br />

Kunden versuchten in broken English und heftig gestikulierend,<br />

dem Italiener die Vielschichtigkeit des Problems auseinanderzusetzen:<br />

Ihn in eine der nächstgelegenen Garagen<br />

mit Anbindung ans U-Bahnnetz zu schicken, erschien unverantwortlich,<br />

denn diese bieten um diese Uhrzeit nur selten<br />

freie Plätze. In den angrenzenden pickerlfreien 18. Bezirk<br />

(Währing) wollten sie einen Fremden nun auch nicht schicken,<br />

das erschien zu kompliziert – und vielleicht wollte man es sich<br />

auch einfach ersparen, erklären zu müssen, wie er hinkommt,<br />

von dort in die Innenstadt und wieder zurück. Der Italiener<br />

folgte der aufgedrehten Diskussion staunend und ließ sich<br />

schließlich überzeugen, doch einfach mit dem Auto zu fahren.<br />

<strong>EINFACH</strong> <strong>≠</strong> <strong>EINFACH</strong><br />

9


„ARCHITEKTUR<br />

DARF NICHT<br />

NUR KUNST SEIN“<br />

FASZINIERENDE RAUMANGEBOTE ZU KONZIPIEREN, DIE DEM NUTZER EINE<br />

HOHE AUFENTHALTSQUALITÄT UND SPANNENDE ERLEBNISSE BIETEN,<br />

ABER AUCH FUNKTIONAL ENTSPRECHEN, IST EINE HERAUSFORDERUNG.<br />

DAS ÖSTERREICHISCHE ARCHITEKTURBÜRO DELUGAN MEISSL ASSOCIATED<br />

ARCHITECTS FOKUSSIERT DAHER SCHON ZU BEGINN SEINE ENTWURFS-<br />

PROZESSE AUF EBEN DIESE PARAMETER.<br />

Das Gespräch führte Catherine Gottwald<br />

querspur: Ihre Gebäude rufen<br />

auf den ersten Blick ein Gefühl<br />

der Schwerelosigkeit und des Fließens<br />

hervor. Reduzierte Formen, die<br />

wahrscheinlich in einem komplexen<br />

Prozess entstanden sind.<br />

Delugan-Meissl: Um diese Ergebnisse<br />

zu erzielen und auch zu realisieren,<br />

bedeutet es, in der Entwicklung und<br />

Umsetzung großes Engagement und<br />

Überzeugungskraft zu investieren.<br />

Welchen Stellenwert hat reduziertes<br />

Design in Ihrer Architektur?<br />

Delugan-Meissl: Reduziertes<br />

Design ist kein Qualitätskriterium.<br />

Die Komplexität liegt in der Vision,<br />

in den Parametern, die den Entwurf<br />

bestimmen. Dies erfordert einen<br />

reflexiven Prozess, der unterschiedliche<br />

Perspektiven miteinbezieht.<br />

Warum sind einfache Formen in<br />

der Architektur so beliebt?<br />

Delugan-Meissl: Sind die einfachen<br />

Formen tatsächlich so beliebt? In<br />

diesem Zusammenhang finde ich die<br />

Bezeichnung „einfach“ nicht adäquat.<br />

In der Architekturgeschichte gibt und<br />

gab es immer wieder Strömungen,<br />

architektonische Richtungen, welche<br />

sich der Sachlichkeit verpflichtet<br />

fühlen. Auch die Entwicklung von<br />

reduzierter Architektur oder reduziertem<br />

Design erfordert aufwändige<br />

Entwurfsprozesse.<br />

Was bedeutet der Dualismus Komplexität/Einfachheit<br />

in der Architektur?<br />

Delugan-Meissl: In der Architektur<br />

fungieren Einfachheit und Komplexität<br />

wie zwei Pole, die einander ergänzen<br />

können, jedoch nicht ausschließen<br />

müssen. Voraussetzung für die Realisierung<br />

von anspruchsvoller Architektur<br />

und Design ist in hohem Maße ein<br />

Beobachtungs- und Reflexionsvermögen<br />

sowie die Vision, stets an neuen<br />

Lösungsansätzen zu arbeiten. Am<br />

Ende dieses vielschichtigen, komplexen<br />

kreativen Prozesses entsteht letztlich<br />

ein Produkt, welches dieser Dualität<br />

entspricht.<br />

FÜR DEN NUTZER IST<br />

<strong>EINFACH</strong>HEIT IN DER<br />

ARCHITEKTUR EIN<br />

ERLEBNIS<br />

Neben dem Sehen gibt es ein Erleben<br />

von Architektur. Ganz konkret:<br />

Wie kann der Nutzer Einfachheit in der<br />

Architektur erleben?<br />

Delugan-Meissl: Für mich impliziert<br />

die gelebte Einfachheit auch die räumliche<br />

Erfahrbarkeit durch den Nutzer.<br />

In einem Gebäude kann man genau<br />

beobachten, wie sich der Nutzer im<br />

Raum bewegt, orientiert und sich in<br />

den gegebenen Strukturen zurechtfindet.<br />

10


Foto: © Delugan Meissl Associated Architects<br />

Elke Delugan-Meissl, geboren in Linz, ist<br />

Gründerin und Partnerin des Architekturbüros<br />

Delugan Meissl Associated Architects.<br />

Sie und ihr Mann sind Träger des Großen<br />

Österreichischen Staatspreises 2015.<br />

Das Architektenbüro realisiert seine Entwürfe<br />

weltweit. Das 2012 gebaute Festspielhaus<br />

der Tiroler Festspiele brachte Delugan Meissl<br />

Associated Architects 2015 eine Nominierung<br />

für den Mies van der Rohe-Preis, den Preis für<br />

zeit genössische europäische Architektur.<br />

Nichts bereitet der passionierten Architektin<br />

Delugan-Meissl mehr Freude, als „wenn ihre<br />

Objekte von den Nutzern angenommen<br />

werden.“<br />

USABILITY<br />

KONKURRIERT IN<br />

DER ARCHITEKTUR<br />

MIT ANDEREN<br />

PARAMETERN<br />

Sie haben Projekte wie das Porsche-<br />

Museum in Stuttgart oder das EYE<br />

Film Institut in Amsterdam umgesetzt.<br />

Wie wichtig ist in der Architektur die<br />

Usability, also Nutzerfreundlichkeit<br />

im Verhältnis zu anderen Zielen,<br />

beispielsweise der Ästhetik?<br />

Delugan-Meissl: Die Nutzerfreundlichkeit<br />

spielt sicherlich eine entscheidende<br />

Rolle. Erst durch die Nutzung<br />

wird ein Gebäude lebendig. Oft ist es<br />

eine Herausforderdung, allen Parametern,<br />

die zur Entwicklung eines<br />

qualitätsvollen Ergebnisses beitragen,<br />

gerecht zu werden.<br />

Öffentliche Gebäude müssen die<br />

Ansprüche einer heterogenen Nutzergruppe<br />

erfüllen. Wie integriert man<br />

die oftmals unterschiedlichsten Userperspektiven<br />

optimal in einen Entwurf?<br />

Delugan-Meissl: In unserer Entwurfsmethodik<br />

nähern wir uns dem Ergebnis<br />

über drei wichtige Abschnitte.<br />

Die architektonische Analytik ermöglicht<br />

es uns im ersten Schritt, die<br />

spezifische Ausgangslage (wie u. a.<br />

die Topographie, den städtebaulichen<br />

Kontext, die zukünftige Nutzung<br />

und funktionale Anforderungen)<br />

zu beurteilen und zu analysieren,<br />

um auf sie in einem zweiten Schritt –<br />

der architektonischen Imagination –<br />

zu reagieren und unseren architektonischen<br />

Ansatz zu entwickeln. Dabei<br />

steht die Frage nach der unmittelbar,<br />

körperlich erfahrbaren Wirkung von<br />

Räumen im Mittelpunkt aller unserer<br />

Projekte, d. h. der Versuch, jedem Gebäude<br />

die seinem Zweck und seinem<br />

Kontext entsprechenden Raumwirkungen<br />

zu verleihen.<br />

RAHMENBEDINGUNGEN<br />

SIND MASSGEBLICH<br />

FÜR EINEN<br />

ENTWURF<br />

Architektur ist Kunst – wie viel<br />

User perspektive erlaubt eine<br />

architektonische Vision überhaupt?<br />

Delugan-Meissl: Ich sehe Architektur<br />

nicht als reine Kunst, die losgelöst von<br />

Rahmenbedingungen agieren kann. In<br />

der Entwurfs- und Konzeptionsphase<br />

sind funktionale, wirtschaftliche,<br />

technische etc. Aspekte zu berücksichtigen.<br />

Qualitative Architektur ist auch<br />

eine nutzerorientierte.<br />

<strong>EINFACH</strong> <strong>≠</strong> <strong>EINFACH</strong><br />

11


Klare, moderne Formen als Kontrast zum traditionellen, geschichtsträchtigen Wien: Die Messingwand in der<br />

Touristeninformation am Albertinaplatz in Wien wurde nach dem Entwurf des Architektenbüros Delugan-Meissl Associated Architects<br />

umgesetzt.<br />

Foto: © Herta Hurnaus<br />

Neue Projekte in historische Städte<br />

wie zum Beispiel Wien zu integrieren<br />

stelle ich mir anspruchsvoll vor ...<br />

Delugan-Meissl: Unser Anspruch<br />

ist es, die Qualität des Ortes zu analysieren<br />

und diese durch die bauliche<br />

Intervention zu stärken. Ein Beispiel<br />

dafür ist ein Dachaufbau im 4. Bezirk<br />

in Wien, den wir in den Kontext der<br />

urbanen Dachlandschaft unter Beibehaltung<br />

unserer architektonischen<br />

Vision integriert haben.<br />

UNVORHERGESEHENE<br />

RAUMNUTZUNG WIRKT<br />

IN STÄDTEN ATTRAKTIV<br />

Wenn Sie an die Stadt der Zukunft<br />

denken: Welche Bedeutung hat<br />

Zwischenraum und was fordert der<br />

User von der Architektur der Zukunft?<br />

Delugan-Meissl: Stadtentwicklung<br />

erfolgt heute in inhaltlicher, wie auch<br />

maßstäblicher Hinsicht allzu oft<br />

selbstreferenziell und rein additiv.<br />

Die fehlende Einbeziehung übergeordneter<br />

Konzepte sowie mangelnde Vernetzung<br />

mit dem öffentlichen Raum,<br />

dem Zwischenraum, widersprechen<br />

zukunftsorientierten Prozessen.<br />

Europäische Städte laufen Gefahr,<br />

zunehmend als museale, unveränderliche<br />

Strukturen wahrgenommen zu<br />

werden. Ein adäquates Mittel, dieser<br />

Entwicklung gegenzusteuern, stellen<br />

u. a. Um- und Zwischennutzungen<br />

von bestehender Bausubstanz dar.<br />

Sie fördern städtische Identität und<br />

fungieren als Katalysator für eine<br />

dynamische Entwicklung. Neben<br />

der Vielfalt räumlicher Sequenzen<br />

verleihen auch unterschiedliche –<br />

oft unvorhergesehene – Nutzungen<br />

dem urbanen Kontext Lebendigkeit<br />

und Attraktivität.<br />

DIE STADT ALS<br />

LEBENDIGER<br />

ORGANISMUS<br />

Der römische Architekt Renzo Piano<br />

hat etwas ganz Ähnliches über die<br />

Transformation der verarmten Vorstädte<br />

von Rom gesagt. Man müsse<br />

der Zersiedelung ein Ende bereiten,<br />

die ohne urbane Qualität errichteten<br />

Vororte als Teil des städtischen<br />

Potenzials wahrnehmen und in<br />

das Stadtbild Roms integrieren …<br />

Delugan-Meissl: Es gilt, keine Monofunktionen<br />

oder Ghettos zu schaffen,<br />

sondern eine polyzentrische und polyfunktionale<br />

Entwicklung zu ermöglichen.<br />

Dies bedingt allerdings das Zusammenwirken<br />

mehrerer Kräfte sowie<br />

den politischen Willen. Wir sehen die<br />

Stadt als einen lebendigen Organismus,<br />

von den Bewohnern geprägt, offen für<br />

zukünftige Entwicklung. <br />

12


WENN DER STROM AUSFÄLLT<br />

DIE GÄNSEBRATENSPITZE, WIE EINST ZUR WEIHNACHTSZEIT DER PEAK AN<br />

STROMVERBRAUCH GENANNT WURDE, WEIL ALLE ÖFEN GLEICHZEITIG<br />

HOCHGEFAHREN WURDEN, BEREITET DEM STROMNETZ HEUTE KEINE PROBLEME<br />

MEHR. EIN GROSSFLÄCHIGES BLACKOUT WÜRDE HEUTE DURCH ANDERE<br />

URSACHEN AUSGELÖST. Von Ulrich Herbst<br />

////// PLÖTZLICH BLACKOUT //////////////////////////////<br />

Ein Blackout ist heute mehr denn je ein realistisches Szenario: Strom ist in Europa keine natio nale<br />

Angelegenheit, sondern durch ein eng vernetztes europäisches Verbundsystem geregelt. Neben<br />

der Sicherheit, dass der Ausfall eines Kraftwerkes durch die anderen im System aufgefangen<br />

werden kann, birgt das das Risiko, dass eine Großstörung Auswirkungen auf das Gesamtnetz<br />

hat. Daher wäre es durchaus möglich, dass ein Blackout nicht in Österreich ausgelöst wird,<br />

Österreich aber massiv davon betroffen wäre. Zur Instabilität tragen auch erneuerbare<br />

Energie träger bei, die je nach Wetterlage Energie produzieren: „Je höher der Anteil an schwankender<br />

Strom einspeisung aus Windkraft am gesamten Stromaufkommen wird, desto robuster<br />

muss das Stromnetz sein, welches diese Schwankungen abfangen kann“, sagt Markus Pederiva<br />

von der Austrian Power Grid AG (APG), die für das hochrangige Stromnetz in Österreich verantwortlich<br />

ist. Soll heißen: Nicht nur zu wenig Strom kann gefährlich sein, sondern auch zu viel. Eine<br />

Überdosis kann die Leitungen überlasten und zu einem Zusammenbruch des Systems führen.<br />

Die genaue Wahrscheinlichkeit eines Blackouts lässt sich laut Experten nicht abschätzen, weil<br />

eine Vielzahl an Parametern dazu beiträgt. Fest stehe, dass der Ausfall innerhalb weniger Sekunden<br />

und vor allem ohne Vorwarnung passiere. Deshalb ginge es vor allem darum, Vorsorgemaßnahmen<br />

direkt in der Bevölkerung zu treffen, so Herbert Saurugg, Initiator der zivilgesellschaftlichen<br />

Initiative Plötzlich Blackout. Denn ist der Strom einmal weg, sind Retter gleichzeitig Opfer-,<br />

und Standardverfahren also obsolet. www.ploetzlichblackout.at<br />

KOMPLEXES <strong>EINFACH</strong> ERKLÄRT<br />

////// DIE GOLDENE STUNDE BEIM STROMAUSFALL ///<br />

Ein Blackout, ein Stromausfall, der länger als acht Stunden dauert, würde das Leben lahmlegen.<br />

Experten gehen davon aus, dass nach sechs Stunden die Mobilfunknetze zusammengebrochen<br />

wären, nach zwölf Stunden müssten Firmen den Betrieb einstellen und es könnte nicht mehr geheizt<br />

werden. Nach 20 Stunden würde kein Bus mehr fahren und kein Flugzeug fl iegen, die Versorgung<br />

mit Lebensmitteln wäre in Gefahr. Spätestens nach zwei Tagen würden Läden geplündert<br />

und möglicherweise Seuchen ausbrechen. Deshalb ist im Notfall die erste Stunde – die<br />

Golden Hour – so wichtig: um Maßnahmen zu veranlassen, solange die technischen Kommunikationsmittel<br />

funktionieren.<br />

Bilder: © shutterstock<br />

////// STROM – IM NOTFALL AUS DEM AUTO ////////////<br />

Notstromaggregate, die aus Diesel-Verbrennungsmotoren zur Erzeugung von Energie bestehen,<br />

sind vor allem in Krankenhäusern, Feuerwehren oder Rechenzentren elementar, um die Stromversorgung<br />

jederzeit aufrecht zu erhalten. Experten bezweifeln jedoch, dass bei einem größeren<br />

Ausfall tatsächlich eine ausreichende Dieselversorgung für die Notstromaggregate gewährleistet<br />

ist; auch deshalb, weil Tankstellen ohne Strom nicht funktionieren und nur wenige selbst<br />

über ein Notstromaggregat verfügen. Künftig könnten aber Autos vermehrt in die Stromversorgung<br />

einbezogen werden. Japanische Autohersteller sind für diese Idee Vorreiter. Weil Japans<br />

Stromnetz als veraltet gilt und es immer wieder zu Ausfällen kommt, wurden Autos entwickelt,<br />

die als fahrende Notstromaggregate konzipiert sind. So liefert etwa ein voll getankter (!)<br />

Mitsubishi Geländewagen über zwei separate Anschlüsse im Heck mit laufendem Motor zehn<br />

Tage Strom für einen Haushalt. Daihatsu hat dieses Prinzip als Wasserstoff-Auto umgesetzt:<br />

In Brennstoffzellen reagiert gasförmiger Wasserstoff mit Sauerstoff und erzeugt Energie, die<br />

wiederum die Batterie des Elektromotors speist. Der Strom kann im Haus verbraucht werden.<br />

Ebenso kann die Batterie des Autos als Zwischenspeicher für die in der hauseigenen Solaranlage<br />

gewonnene Energie dienen.<br />

<strong>EINFACH</strong> <strong>≠</strong> <strong>EINFACH</strong><br />

13


Einfach<br />

unterwegs<br />

14<br />

Foto: © asoluto


UNTER FAMILIENMITGLIEDERN ODER FREUNDEN EIN AUTO TEILEN,<br />

DAS IM DSCHUNGEL DER GROSSSTADT VERGESSENE AUTO NIE MEHR SUCHEN<br />

MÜSSEN, EIN RASCH ERSTELLTES FAHRTENBUCH FÜR DAS FINANZAMT:<br />

DAS NENNT SICH „MOBITO“, DIE NEUE ONLINE-PLATTFORM FÜR<br />

PRIVATPERSONEN, ENTWICKELT VOM ÖAMTC. SIE MACHT USERN DAS LEBEN<br />

<strong>EINFACH</strong>ER UND IST GENAU DESHALB HOCHKOMPLEX. Von Theresia Tasser<br />

Logisch, geordnet und extrem leicht<br />

zu bedienen sollte sie sein: „mobito“,<br />

ein Onlinetool mit dem Ziel, Automobilität<br />

einfach zu organisieren.<br />

Konzipiert und entwickelt wurde sie<br />

in den letzten achtzehn Monaten in<br />

einem Entwicklerteam von ÖAMTC,<br />

dem Unternehmen asoluto (Spezialisten<br />

für Online-Interaktion und<br />

Kommunikation) sowie openForce<br />

(IT-Infra struktur). Im Juni wird die<br />

Plattform, die am PC genauso wie am<br />

Smartphone funktioniert, der Öffentlichkeit<br />

präsentiert und dabei sowohl<br />

ÖAMTC-Mitglieder als auch Nicht-<br />

Mitglieder in wesent lichen Punkten<br />

ihrer Automobilität unterstützen.<br />

Die Idee zu mobito entstand, weil sowohl<br />

Mobilitätsverhalten, als auch deren<br />

Organisation individuell geregelt<br />

werden. Menschen in der Stadt wie<br />

auch auf dem Land dabei zu unterstützen,<br />

sei dem ÖAMTC ein wichtiges<br />

Anliegen. Ebenso, dass Mobilität<br />

für alle leistbar und so ressourcenschonend<br />

wie möglich ist.<br />

MOBITO: <strong>EINFACH</strong><br />

HEISST KEINE<br />

UNNÖTIGEN FEATURES<br />

Die Leistungen von mobito reichen<br />

vom digitalen Fahrtenbuch bis zur<br />

Organisation der gemeinsamen Nutzung<br />

eines Autos. Zwei voneinander<br />

getrennte Bereiche stehen zu Beginn<br />

zur Verfügung: my.mobil und co.mobil.<br />

mobito verzichtet auf jeden Ballast an<br />

Zusatzfunktionen: „Es ist kein Facebook,<br />

sondern ein praktisches Instrument“,<br />

erklärt Gabriele Gerhardter<br />

vom ÖAMTC die bewusste Beschränkung<br />

auf ein sehr funktionelles,<br />

schlankes, schnelles Werkzeug.<br />

NEUE MÖGLICHKEITEN<br />

DIE EIGENE<br />

MOBILITÄT ZU<br />

ORGANISIEREN<br />

Im Bereich my.mobil fi ndet man zum<br />

Beispiel die Funktion „Fahrzeug standort“.<br />

Es war eines der ersten wichtigen<br />

Tools, das entwickelt wurde. Und eines,<br />

„das schon für sich allein Sinn<br />

machen würde“, meint Mustafa Alic<br />

von asoluto. Jeder Städter, der sein<br />

Fahrzeug nicht täglich benutzt und<br />

es nach längerer Standzeit in den<br />

Straßen rund um seine Wohnung<br />

sucht, dürfte die Sinnhaftigkeit des<br />

Tools erkennen. Wird das Auto auch<br />

noch mit anderen geteilt, und sei es<br />

nur innerhalb der Familie, wird diese<br />

Funktion essenziell. „Sie zeigt mit<br />

einem Knopfdruck den Standort des<br />

Fahrzeugs an – und den Weg dorthin“.<br />

my.mobil enthält aber auch ein<br />

Fahrtenbuch, das so angelegt ist,<br />

dass es das Finanzamt akzeptiert,<br />

ein Erinnerungsservice, wenn das<br />

nächste Pickerl fällig ist und eine<br />

Übersicht über den Spritverbrauch<br />

und alle Kosten rund um das Auto.<br />

Umfassender ist die mobito-Funktion<br />

co.mobil angelegt. „Diese hilft einer<br />

Gruppe an Personen, Mobilität<br />

möglichst einfach zu organisieren“,<br />

fasst Gerhardter zusammen, „sprich<br />

ein Fahrzeug gemeinsam zu nutzen,<br />

aber auch alle Kosten und Zeiten<br />

zu erfassen.“ co.mobil wendet<br />

sich vor allem an Familien, Freunde<br />

und Nach barn. Auch für Vereine,<br />

die ein Auto gemeinsam nutzen,<br />

verschiedene Fahrer haben und<br />

eventuell ein Fahrtenbuch brauchen,<br />

ist es hilfreich.<br />

Die Applika tion schlägt etwa Modelle<br />

vor, wie sich eine Gruppe die Kosten<br />

für ihr Auto aufteilen kann. Und bietet<br />

dazu auch einen Mustervertrag.<br />

Darüber hinaus ist diese Funktion<br />

mit einem Nachrichten- und Kalenderdienst<br />

verbunden – Fahr zeug-Sharer<br />

können Terminabsprachen und<br />

Reservierungen machen, ein gemeinsames<br />

Fahrtenbuch führen, Nebenkosten<br />

erfassen. Oder Aufgaben<br />

eintragen, wann etwa das Frostschutz<br />

mittel nachzufüllen ist oder<br />

das Auto neue Winterreifen braucht.<br />

LÖSUNGEN FÜR DIE<br />

TÜCKEN DES ALLTAGS<br />

FINDEN<br />

„In der Entwicklung war co.mobil<br />

sicher der komplexeste Teil, weil es<br />

sehr viel Interaktion zwischen den<br />

Teilnehmern ermöglichen muss“, meint<br />

Otto Meinhart von openForce, jenes<br />

Unternehmen, das die technische<br />

Umsetzung der Plattform übernahm.<br />

Beispielsweise wurde lange darüber<br />

getüftelt, wie eine pünktliche Übergabe<br />

www.mobito.at<br />

mobito ist ein kostenloses Angebot des ÖAMTC für alle, die sich<br />

rund um die Organisation ihrer Automobilität ein einfach zu bedienendes<br />

Tool wünschen.<br />

Getüftelt daran haben drei unterschiedliche Unternehmen und zwölf<br />

verschiedene Professionen mit dem Ziel, einen einfachen Service zu<br />

gestalten.<br />

ÖAMTC: Gabriele Gerhardter, Christian Huter,<br />

Harald Kalleitner, Patrick Büchler, Jakob Pfl egerl.<br />

asoluto: Martin Verdino, Philipp Affenzeller,<br />

Mustafa Alic, Nils Jürgens.<br />

openForce: Otto Meinhart, Christian Macher,<br />

Bernhard Schauer<br />

<strong>EINFACH</strong> <strong>≠</strong> <strong>EINFACH</strong><br />

15


des Autos zwischen zwei Nutzern<br />

eingehalten werden kann. Die Lösung<br />

war, zwischen den Leihzeiten frei<br />

wählbare Minuten als tote Zeit<br />

einzuführen – in dieser Zeit kann<br />

das Auto nicht gebucht werden.<br />

Hinsichtlich der Datensicherheit<br />

waren die Projektpartner speziell<br />

gefordert, denn eine solche Plattform<br />

müsse sehr vertrauensvoll und sicher<br />

sein, wie Harald Kalleitner vom<br />

ÖAMTC betont. „Wir konnten uns<br />

auch nicht an etwas Vergleichbaren<br />

orientieren, weil es ein Tool in dieser<br />

Form unseres Wissens nach nicht gibt.“<br />

Von der Idee bis zur fertigen Webund<br />

Mobile-Applikation dauerte es<br />

eineinhalb Jahre. Wobei ein derart<br />

komplexes Produkt nie ganz fi nal sein<br />

wird, weil es laufend Weiterentwicklungen<br />

impliziert.<br />

Mit diesem Zeitraum hatten nicht alle<br />

Beteiligten gerechnet – man dachte<br />

eher, ein Modul nach dem anderen<br />

entwickeln zu können. Und erlebte in<br />

der Praxis, dass vieles parallel entstehen<br />

muss und sich die Fragen mit<br />

jedem abgehakten Task potenzieren.<br />

Synchron wurde entwickelt, designt,<br />

getestet. Aber auch verworfen und<br />

neu strukturiert.<br />

In einer ersten Ideenwerkstatt galt es<br />

in offener Runde das Big Picture, das<br />

große Ganze, zu defi nieren: „Die Idee<br />

war klar: Wir möchten Mobilität einfacher<br />

machen! Doch was könnte das<br />

überhaupt für ein Produkt sein?, Was<br />

passt zum ÖAMTC?“, schildert Martin<br />

Verdino von asoluto die Ausgangsfrage.<br />

NICHT ALLES WAS<br />

MACHBAR IST, IST<br />

SINNVOLL FÜR DEN<br />

NUTZER<br />

Bis die Idee einer größeren Mobilitäts-Toolbox<br />

geboren wurde; an die<br />

15 Module hatte man sich überlegt.<br />

Jedoch zu viele, um die Struktur bedienungsfreundlich,<br />

logisch und<br />

selbsterklärend zu halten, wie sich<br />

später in der Umsetzung und in Tests<br />

erweisen sollte. „Wir hatten jede Idee<br />

hineingepackt. Dadurch wurde es in<br />

der Entwicklung schwierig, all die<br />

Tools in ihren Abhängigkeiten zusammenzufassen.<br />

Wir hatten viele Puzzlesteine“,<br />

schildert Verdino. „Wie interagieren<br />

sie? Und welche Quer schnittfunktionen<br />

braucht es?“ Das Fahrtenbuch<br />

ließ sich vielleicht noch als Einheit<br />

entwickeln. Was aber, wenn zusätzlich<br />

ein Kalender, ein Kostenmodul<br />

oder eine Aufgabenliste entwickelt<br />

werden, die bei my.mobil und bei<br />

co.mobil auch noch ineinander greifen?<br />

Dann wird die Entwicklung eine<br />

hochkomplexe Angelegenheit und<br />

man ist dann plötzlich weiter denn je<br />

entfernt vom ursprünglichen Vorsatz:<br />

„Fertig ist man, wenn man nichts mehr<br />

weglassen kann.“<br />

DER PROTOTYP ZEIGT<br />

OB DIE RICHTUNG<br />

DER ENTWICKLUNG<br />

STIMMT<br />

Sehr früh galt es, nachvollziehbare<br />

Artefakte und ansprechende Designs<br />

zu verwirklichen, damit man sich<br />

etwas Konkretes vorstellen könne.<br />

Viel hinge davon ab zu sehen, wie<br />

sich ein Produkt anfühlt, wie man<br />

darin navigiert und scrollt, meint Alic.<br />

Dazu braucht es laufend den Gegencheck<br />

mit dem Nutzeralltag. Auch ein<br />

Mobilitätsprojekt, das so nah an der<br />

Lebenswirklichkeit ist wie dieses:<br />

Wie werden Dinge im täglichen<br />

Leben verwendet? Welche Muster<br />

hat der Nutzer? Wie würde man mit<br />

der App seine eigene Mobilität organisieren?<br />

Man geht vieles immer<br />

wieder im Kopf durch, erzählt das<br />

Team. Und spielt dann schon auch<br />

einmal mit kleinen Matchbox-Autos.<br />

Oder probiert zumindest Car-Sharing<br />

realiter aus. Was auf dem Papier und<br />

auf dem Screen noch recht schlüssig<br />

ist, muss das nicht in der Anwendung<br />

sein.<br />

ENTWICKELN IN<br />

GEWACHSENEN<br />

STRUKTUREN<br />

BEDEUTET BESONDERE<br />

HERAUSFORDERUNGEN<br />

Zweifel kommen in einer Produktentwicklung,<br />

die länger dauert, automatisch,<br />

fast so, als gehörten sie dazu,<br />

damit etwas glückt. Sie können sich<br />

einschleichen, wenn der zeitliche<br />

Rahmen nicht auszureichen scheint.<br />

„Natürlich fragt man sich, ob man zu<br />

naiv ins Projekt gegangen ist“, resümiert<br />

das Team und verneint es umgehend.<br />

Oder, ob man die Komplexität<br />

nicht schon im Vorhinein hätte erkennen<br />

können. Auch das sei schwierig<br />

– aus der Retrospektive des geglückten<br />

Projekts: „Der amerikanische Ansatz<br />

wäre, mit einem Skateboard anzufangen,<br />

dann einen Roller zu<br />

entwickeln, dann ein Fahrrad, ein Motorrad,<br />

ein Luxusauto zu realisieren.“<br />

Aber mobito beziehungsweise das<br />

Team ist kein Start-up und der<br />

ÖAMTC keine junge, unorthodoxe<br />

Einheit. „So musste das Fundament,<br />

auf dem sich das Produkt weiterentwickeln<br />

soll, enorm stabil sein. Das<br />

ist dem ÖAMTC als gewachsener<br />

Struktur geschuldet“, meint Kalleitner.<br />

Auch die Wahl der Arbeitsmittel ergibt<br />

sich aus der Praxis. Für derart<br />

komplexe Aufgaben brauche es<br />

„Werkzeuge, die Zusammenarbeit<br />

stark unterstützen“, meint Meinhart.<br />

Nur so ist jeder in einer Gruppe von<br />

zwölf Personen, die örtlich meist getrennt<br />

arbeiten und verschiedenen<br />

Professionen angehören, auf dem<br />

gleichen Wissensstand.<br />

<strong>EINFACH</strong>HEIT IST<br />

DAS ERGEBNIS<br />

Bei jeder komplexen Entwicklung<br />

tauchen automatisch auch Fragen<br />

des Datenschutzes und der Security<br />

auf. In diese Sicherheit investierte<br />

das Team besonders viel Einsatz und<br />

zog zudem weitere Experten hinzu.<br />

So kann der ÖAMTC die Sicherheit<br />

der Daten gewährleisten. Und was<br />

noch hinzukommt: Dass die App sowohl<br />

kosten- als auch werbefrei ist.<br />

Dem User entstehen keine Aufwände<br />

und er kann sich darauf verlassen,<br />

dass seine Daten in Österreich bleiben.<br />

Auch das gehört zu der Einfachheit,<br />

die dem ÖAMTC bei der Idee zu<br />

mobito vorschwebte. <br />

www.mobito.at<br />

16


Foto: © Knoll Inc<br />

„Gutes Design führt<br />

die Menschen sicher<br />

durch komplexe Prozesse“<br />

QUERSPUR SPRACH MIT SIGI MÖSLINGER UND MASAMICHI UDAGAWA VOM<br />

NEW YORKER DESIGN-UNTERNEHMEN ANTENNA ÜBER „DESIGN FOR ALL“ –<br />

DESIGN, DAS FÜR ALLE UND JEDEN FUNKTIONIERT. EINE DER ZENTRALEN<br />

ERKENNTNISSE DES DESIGNER-DUOS: MENSCHEN LESEN NICHT, DINGE<br />

MÜSSEN SICH DESHALB SELBST ERKLÄREN. Das Gespräch führte Ruth Reitmeier<br />

querspur: Ihr Unternehmen antenna ist<br />

auf User-zentriertes Design spezialisiert.<br />

Ich will es „design for all“ nennen. Design,<br />

das also für die breite Masse funktioniert,<br />

von jedermann verstanden und angenommen<br />

wird. Eine Ihrer aktuellsten<br />

Arbeiten ist das LinkNYC, eine Multimediastation<br />

mit Highspeed-Internet<br />

und zahlreichen weiteren kostenlosen<br />

Funktionen (siehe Bildtext Seite 18),<br />

die in New York City gerade das alte<br />

Pay Phone (Telefonzelle) ersetzt.<br />

Das ist ein völlig neues öffentliches<br />

Kommunikationskonzept, wo man als<br />

Designer vermutlich nur begrenzt auf<br />

Erfahrungen zurückgreifen kann.<br />

Möslinger: Wir sind schon sehr gespannt,<br />

wie es angenommen wird.<br />

Denn das Pay Phone wird ja heute<br />

kaum noch genutzt. Wir sind deshalb<br />

davon ausgegangen, dass die Telefonie<br />

in Zukunft nur eine kleine Rolle spielen<br />

wird. Ob sich die Menschen beim<br />

LinkNYC verabreden werden und wie<br />

die gänzlich kostenlosen Datenservices<br />

genau genutzt werden, zeigt sich demnächst,<br />

sobald die ersten 300 aufgestellt<br />

sind.<br />

Sie haben das Exterior Design des<br />

LinkNYC gestaltet?<br />

Udagawa: Genau, und dies ist wiederum<br />

ein Bereich, wo wir viel Erfahrung<br />

haben. Wenn es also darum geht,<br />

Dinge so robust wie möglich zu gestalten.<br />

Denn dieses Problem stellt sich<br />

bei öffentlichen Einrichtungen grundsätzlich<br />

immer: Sie müssen vor allem<br />

vandalismussicher sein.<br />

LinkNYC IST KEIN<br />

STATISCHES DING<br />

Das Info-Kit zum LinkNYC trägt den<br />

Titel: „Gigabit Wi-Fi. And that’s just the<br />

beginning“. Das ist also kein statisches<br />

Ding wie das alte Pay Phone, es ist<br />

wandel- und erweiterbar …<br />

<strong>EINFACH</strong> <strong>≠</strong> <strong>EINFACH</strong><br />

17


Der LinkNYC – Viel intelligenter als die<br />

alten Telefonzellen in New York City:<br />

Demnächst werden die ersten<br />

300 LinkNYCs aufgestellt, insgesamt<br />

sind 10.000 für die fünf New Yorker<br />

Bezirke geplant.<br />

Die Nutzung der Multimedistation ist<br />

kostenlos. Das LinkNYC ist ein Public-<br />

Private-Partnership-Projekt des Büros<br />

des Bürgermeisters, dem NYC Department<br />

of Information and Technology und einem<br />

Unternehmens-Konsortium. Es fi nanziert<br />

sich aus Werbeeinnahmen.<br />

Foto: © Gerhard Peyrer<br />

LinkNYC auf einen Blick:<br />

• Super-Highspeed Internet rund um<br />

die Uhr<br />

• schnellen Zugang zur Notrufnummer 911<br />

• einen Touchscreen zu städtischen<br />

Services und Einrichtungen<br />

• einen kleineren Touchscreen für lokale<br />

Informationen<br />

• eine Handy-Ladestation<br />

• freie Telefonate in den USA<br />

• digitale Werbung.<br />

Möslinger: Das LinkNYC ist als<br />

Open Architecture gestaltet, also für<br />

Upgrades offen. Denn es wird erwartet,<br />

dass das LinkNYC auch als eine Art<br />

lokale Datenstation dienen wird.<br />

Messfühler werden laufend Informationen<br />

über die Luftqualität oder das<br />

Wetter sammeln oder etwa wie viele<br />

Menschen am Link vorbeigehen.<br />

Einer Ihrer ersten großen Aufträge war<br />

das Design der Ticketautomaten für die<br />

New Yorker U-Bahn in den ausgehenden<br />

1990ern. Seither ist so einiges passiert,<br />

allen voran die Digitalisierung.<br />

Udagawa: Als wir Ende der 90er die<br />

Ticketautomaten designten, hatten<br />

nur sehr wenige Menschen Erfahrung<br />

mit dem Touchscreen. Das ist natürlich<br />

heute ganz anders. Allerdings haben<br />

sie zugleich sehr konkrete Vorstellungen<br />

davon, wie ein Touchscreen<br />

zu funktionieren hat. Für gelungenes<br />

Schnittstellendesign ist es also enorm<br />

wichtig, zu wissen, was sich in den<br />

Köpfen der Menschen abspielt.<br />

Möslinger: Aber es gibt nicht nur<br />

technologische, sondern vor allem<br />

gesellschaftliche Veränderungen,<br />

die das Design der nächsten U-Bahn-<br />

Generation betrifft. Sie muss radfahrerfreundlicher<br />

werden, denn in<br />

New York sind heute deutlich mehr<br />

Menschen mit dem Rad unterwegs<br />

als etwa vor fünfzehn Jahren.<br />

SELBST BEI<br />

U-BAHN-ZÜGEN HÄNGT<br />

VIELES VON DEN<br />

LOKALEN USERN AB<br />

Um die Jahrtausendwende designten Sie<br />

die New Yorker U-Bahnzüge, zwölf Jahre<br />

später dann jene für Washington D.C.<br />

Worin langen die Ähnlichkeiten und wo<br />

die Unterschiede dieser beiden Aufträge?<br />

Udagawa: Es gab naturgemäß Ähnlichkeiten,<br />

aber auch einige Unterschiede.<br />

Beim „Railcar“ für die<br />

Washington Metropolitan Area haben<br />

wir das Interieur etwas softer gestaltet<br />

und es waren Dinge möglich, die in<br />

New York nicht funktioniert hätten.<br />

In Washington konnten wir gepolsterte<br />

Sitze planen, weil es dort nicht üblich<br />

ist, in öffentlichen Verkehrsmitteln<br />

zu essen. Auch Vandalismus ist in<br />

Washington D.C. kein großes Problem,<br />

sodass wir Glasabtrennungen verwenden<br />

konnten. In New York wäre das zu<br />

riskant gewesen, dort muss alles sicher<br />

vor Zerstörung sein.<br />

DIE EINBEZIEHUNG<br />

DER NUTZER ERHÖHT<br />

DIE ZUFRIEDENHEIT<br />

In Washington wurde, wie ich höre,<br />

die Öffentlichkeit stärker einbezogen.<br />

Udagawa: Ja, die Verkehrsbetriebe<br />

führten eine Kundenbefragung durch,<br />

die sich etwa auf die Wahl der Farben<br />

im Wageninneren auswirkte. Denn<br />

das Management wollte für<br />

Washington D.C. ein einzigartiges<br />

Design, das keinesfalls an die New<br />

York Subway erinnern sollte.<br />

Möslinger: Wir schlugen ein modernes<br />

Braun vor. Es sollte an die Eleganz<br />

der Innenausstattung von Autos der<br />

Luxusklasse erinnern. Zu unserer<br />

18


Das New Yorker Designbüro antenna wurde<br />

1997 von der Österreicherin Sigi Möslinger<br />

und dem Japaner Masamichi Udagawa gegründet.<br />

Die beiden haben seither ein beeindruckendes<br />

Portfolio von großen Design-Aufträgen<br />

erarbeitet und zahlreiche Aus zeichnun -<br />

gen erhalten. Sie fi nden sich routinemäßig unter<br />

den einfl ussreichsten New Yorkern gereiht,<br />

zumal antenna das Stadtbild der Metropole<br />

nachhaltig geprägt hat.<br />

In ihrer Kindheit in Oberösterreich gestaltete<br />

Sigi Möslinger zunächst Möbel & Interieurs<br />

für ihre Puppen. Später kam eine Faszination<br />

für Gerätschaften wie die Espressomaschine<br />

in der elterlichen Küche hinzu. Als Teenager<br />

gestaltete sie ihr Zimmer als Gegenentwurf zu<br />

den allgegenwärtigen Bauernmöbeln. Von dort<br />

aus startete Möslinger eine bemerkenswerte<br />

Designkarriere, die über Studien in Linz, der<br />

Schweiz und Kalifornien nach New York führte.<br />

Der Tokioter Masamichi Udagawa machte<br />

sich als kleiner Bub seine Spielsachen selbst,<br />

ein wenig später kam eine Leidenschaft für<br />

den Modellbau von Flugzeugen und Kriegsgerät<br />

dazu. Die Liebe zum Tüfteln und Gestalten<br />

führte ihn zum Designstudium in Tokio, danach<br />

zu Apple ins Silicon Valley; und von dort<br />

ging es nach New York.<br />

www.antennadesign.com<br />

Überraschung empfanden die Menschen<br />

aus Washington das jedoch als<br />

Rückschritt. Sie wollten etwas anderes,<br />

etwas Neues.<br />

In diesem Fall war die Einbeziehung<br />

der Passagiere wertvoll, denn diese<br />

Entscheidung konnten im Grunde nur<br />

die Ortsansässigen selbst treffen.<br />

Udagawa: Genau. Und es ist ein gutes<br />

Beispiel dafür, dass selbst wenn man<br />

etwas gestaltet, das für alle funktionieren<br />

soll, es dennoch darauf ankommt,<br />

um welchen Teil von „alle“ es sich<br />

handelt.<br />

MENSCHEN<br />

LESEN KEINE<br />

INSTRUKTIONEN<br />

Wir haben über die Digitalisierung<br />

und die damit einhergehenden Veränderungen<br />

gesprochen, gibt es denn auch<br />

Bereiche, die sich nicht ändern, wenn<br />

man etwa Service-Maschinen für eine<br />

breite Nutzerschicht entwickelt.<br />

Möslinger: Eine Sache, die wir früh<br />

erkannt haben: Menschen lesen nicht.<br />

Es ist also sinnlos Instruktionen rund<br />

um den Bildschirm anzubringen,<br />

weil die User das ignorieren und<br />

einfach loslegen. Umso wichtiger ist<br />

es deshalb, wie das Display gestaltet<br />

ist und wie die Maschine den Menschen<br />

leitet.<br />

Die Dinge müssen also direkt mit den<br />

Menschen kommunizieren. Wie gehen<br />

Sie an so eine Aufgabenstellung heran?<br />

Udagawa: Am Beginn eines Projekts<br />

machen wir uns mit dem Kontext<br />

vertraut und stellen Hypothesen auf,<br />

wie das Neue funktioniert und verwendet<br />

werden wird. Oft produzieren wir<br />

möglichst rasch einen Prototyp und<br />

testen das Design, überprüfen also,<br />

ob unsere Hypothesen korrekt waren<br />

oder ob wir uns in einem Punkt geirrt<br />

haben. Der Designer kann nicht<br />

alles wissen.<br />

Was ist in dieser Phase wichtiger:<br />

die Menschen zu befragen oder sie<br />

bei der Anwendung zu beobachten?<br />

Möslinger: Eindeutig das Beobachten,<br />

denn es gibt einen großen Unterschied<br />

zwischen dem, was Menschen glauben<br />

zu tun und was sie tatsächlich machen.<br />

Wohin geht die Entwicklung, welches<br />

sind die großen Design-Trends?<br />

Möslinger: Es gibt zwei parallel laufende<br />

Entwicklungen: einerseits eben<br />

„Design for all“, das für jeden funktioniert<br />

und jeder versteht, und zugleich<br />

diese andere Strömung zu Produkten<br />

für immer spezifischere Kundengruppen.<br />

Im Service-Design sehen wir diesen<br />

Trend zum superindividuellen Angebot<br />

bereits heute ganz stark. Deshalb<br />

haben ja immer mehr Unter nehmen<br />

Kundenkarten und -bindungsprogramme.<br />

Sie wollen ihre Klientel und<br />

deren Kaufverhalten genau kennenlernen,<br />

um Produkte und Services anbieten<br />

zu können, die möglichst genau auf<br />

sie zugeschnitten sind.<br />

Udagawa: Und die Spitze dieser<br />

Design-Entwicklung ist die Hyper-<br />

Individualisierung, wie etwa exakte<br />

Kopien von Zähnen oder Knochen, die<br />

durch neue Produktionstechnologien<br />

individuell hergestellt werden können.<br />

SERVICE-DESIGN WIRD<br />

IM BEREICH DER<br />

BIOTECHNOLOGIE EINE<br />

ROLLE SPIELEN<br />

Sie sprechen vom 3D-Drucker?<br />

Udagawa: Nicht nur, auch die Biotechnologie<br />

wird in Zukunft eine Schlüsselrolle<br />

spielen. Stammzellen werden<br />

dazu verwendet werden, quasi „Ersatzteile“<br />

für den menschlichen Körper<br />

herzustellen; sie werden aus menscheneigenem<br />

Zellmaterial geschaffen<br />

werden. Diese Entwicklungen gehen<br />

freilich weit über die traditionellen<br />

Bereiche des Produktdesigns hinaus.<br />

DAS NEUE<br />

AUSZUPROBIEREN<br />

MUSS SICH FÜR DEN<br />

USER LOHNEN<br />

Zurück zum „Design für alle“: Gibt es<br />

denn Regeln, damit Design von möglichst<br />

vielen Menschen verstanden und<br />

angenommen wird? Wie lädt uns etwa<br />

eine Maschine ein, sie zu benutzen?<br />

Udagawa: Die Menschen müssen den<br />

Nutzen, den Sie aus einem Objekt ziehen,<br />

sofort verstehen. Denn wir dürfen<br />

nicht vergessen: Etwas Neues auszuprobieren<br />

bedeutet für den Menschen<br />

immer eine Investition – eine psychologische<br />

oder auch eine finanzielle.<br />

Deshalb muss das Neue den Menschen<br />

überzeugen, dass sich diese Investition<br />

auch lohnt. Und natürlich muss es den<br />

versprochenen Nutzen liefern. Das<br />

Design muss also funktionieren.<br />

Möslinger: Es muss zudem seine<br />

Funktion direkt kommunizieren und<br />

die Menschen anleiten, wie es benutzt<br />

werden soll. Nachdem wir wissen, dass<br />

die Menschen keine Instruktionen lesen,<br />

müssen die Dinge selbsterklärend<br />

sein. Dies ist zudem die große Herausforderung<br />

für den Designer:<br />

komplexe Dinge auseinanderzubrechen<br />

und in einen logischen Prozess<br />

aufzuteilen, der sich schrittweise vollzieht.<br />

Denn gelingt dies nicht, wenden<br />

sich die Menschen ab, brechen etwa<br />

eine Transaktion an einem Bestellterminal<br />

ab. Die Maschine muss den<br />

Menschen souverän durch den komplexen<br />

Prozess führen. <br />

<strong>EINFACH</strong> <strong>≠</strong> <strong>EINFACH</strong><br />

19


20<br />

Foto: © Karin Feitzinger


Vernetzt in<br />

alle Richtungen<br />

MARLENE WIRD DIESEN SOMMER ACHT. 2035 WIRD SIE 28 SEIN, WOMÖGLICH<br />

EINE SEHR BESCHÄFTIGTE FRAU, DENN BIOLOGIE IST SCHON HEUTE IHR DING.<br />

WIRD SIE DANN NOCH NACH BÜROSCHLUSS IN DEN SUPERMARKT HETZEN<br />

MÜSSEN, UM EINKÄUFE ZU ERLEDIGEN? IN DER TELEFONISCHEN<br />

WARTESCHLEIFE DES FACHARZTES HÄNGEN, UM EINEN TERMIN ZU<br />

ERGATTERN? DIE CHANCEN STEHEN GUT, DASS SIE NEUE SERVICES<br />

NÜTZT, DIE IHR ALLTAGSLEBEN <strong>EINFACH</strong>ER MACHEN ALS DAS DER<br />

HEUTIGEN GENERATION. Von Gertraud Leimüller<br />

Man muss sich 2035 in etwa so<br />

vorstellen wie 2015. Das Tempo<br />

wird genauso hoch sein, wenn nicht<br />

noch höher, sodass man mitunter<br />

das Gefühl hat, zwischen Frühstück<br />

und am Abend ins Bett fallen lägen<br />

bloß drei Stunden. Nicht weniger<br />

Multitasking, sondern zwanzig<br />

Aufgaben parallel. Und doch wird<br />

Marlene, heute Volksschülerin und<br />

dann womöglich eine vielbeschäftigte<br />

Biologin, eines gar nicht erleben:<br />

die Diskussion um den Segen und<br />

Fluch der Digitalisierung, die in der<br />

Erwachsenenwelt anno dazumal für<br />

jeden Schrecken herhalten musste:<br />

Werteverfall, Vereinsamung und<br />

Individualisierung, Arbeitslosigkeit,<br />

Abwanderung von Fabriken, was<br />

wurde damals nicht alles vorhergesagt.<br />

Die allvernetzte Computerwelt<br />

als Krake gesehen, die sich alles<br />

greift. Genauso, wie in den 1990er-<br />

Jahren die Globalisierung als Sündenbock<br />

für alles und jedes galt.<br />

TELEMEDIZIN WIRD<br />

NICHTS BESONDERES<br />

MEHR SEIN<br />

2035 werden Staunen und Empörung<br />

nicht nur verebbt, sondern vergessen<br />

sein: Von Digitalisierung und<br />

Industrie 4.0 wird niemand mehr<br />

reden, weil online und offline im<br />

Alltag stark verwoben und somit<br />

Normalität sind: Marlenes Zahnarzt<br />

wird Behandlungstermine über ein<br />

Online-Portal vergeben. Sie selbst<br />

muss ihrem elektronischen Assistenten<br />

am Handgelenk nur sagen,<br />

dass ein Termin fällig ist, schon<br />

gleicht dieser Marlenes Kalender<br />

mit dem des Arztes ab und schlägt<br />

selbstständig Termine vor. Würde sie<br />

mehr Wert auf Techno-Chic legen,<br />

könnte sie sich dafür wie manche<br />

ihrer Kollegen auch einen Chip<br />

unter die Haut pflanzen lassen. In<br />

der Telefon-Warteschleife der Arztordination<br />

zu hängen wird jedenfalls<br />

Vergangenheit sein. Die Wartezimmer<br />

der meisten Ärzte sind nur<br />

noch sehr klein und meistens leer,<br />

weil Patienten generell nicht mehr<br />

warten. Viele Ärzte teilen sich Ordinationsräume<br />

und Assistenz, weil<br />

vieles von intelligenter Software erledigt<br />

wird und Arzt und Patient online<br />

in engem Austausch sind. Gesundheitsberufe<br />

unterschiedlicher<br />

Art sind auf Professional Social<br />

Networks eng miteinander vernetzt<br />

und tauschen sich über Diagnosen<br />

und Therapien mit ihren Peers aus.<br />

Das erspart den Patienten die Rennerei<br />

von Arzt zu Arzt und bringt<br />

mehr Qualität in das Gesundheitswesen.<br />

Allerdings verlangen diese<br />

modernen Services auch Offenheit<br />

von Medizinern und das Eingeständnis,<br />

selbst nicht alles zu wissen.<br />

Ähnlich wie bei der Software, die<br />

aufgrund der Symptome eines Patienten<br />

Vorschläge für eine wahrscheinliche<br />

Diagnose erstellt und<br />

die standardmäßig in Spitälern<br />

eingesetzt wird, um treffsicherere<br />

Diagnosen zu stellen als in der Zeit<br />

vor der Digitalisierung: Bei Tausenden<br />

von unterschiedlichen Erkrankungen,<br />

wie soll ein Arzt jede einzelne<br />

im Kopf haben und auch noch erkennen?<br />

DER KUNDE ERHÄLT<br />

INSTANT-INFORMATIONEN<br />

ZUR BESSEREN PLANUNG<br />

Bevor Marlene ihren Arbeitsplatz<br />

verlässt und zum Zahnarzt geht,<br />

erhält sie eine Push-Mitteilung über<br />

eine aktuelle Verspätung des Arztes.<br />

Sie fährt also erst später los, um<br />

Zeit zu sparen. Wäre es nicht gerade<br />

der Zahnarzt, der ein Loch im<br />

<strong>EINFACH</strong> <strong>≠</strong> <strong>EINFACH</strong><br />

21


Zahn füllen müsste, würde sie überhaupt<br />

im Büro oder zu Hause bleiben:<br />

Puls-, Temperatur- und Blutdruckmessungen,<br />

ein Blick in die<br />

Augen, Ohren und Rachen, all das<br />

geht bereits von daheim aus. Die<br />

Aufnahmen landen auf Knopfdruck<br />

beim Arzt. Intelligente Messgeräte<br />

von der Größe einer elektrischen<br />

Zahnbürste, welche den Patienten<br />

und ihren Familien einen Do-it-yourself-Erstcheck<br />

von Vitalparametern<br />

ermöglichen, sind fast in jedem<br />

Haushalten vorhanden. Persönliche<br />

telemedizinische Beratungen via Internet<br />

werden von jeder öffentlichen<br />

Krankenversicherung bezahlt. Sie ersparen<br />

den Patienten, sich in krankem<br />

Zustand in eine Praxis oder Ambulanz<br />

zu schleppen und dem System<br />

damit manch unnötigen Behandlungsfall.<br />

Denn die Messungen zu<br />

Hause ermöglichen dem Online-<br />

(Haus-)Arzt, bei schwereren Erkrankungen<br />

schneller zu reagieren und<br />

Patienten gleich an die richtige Stelle<br />

weiter zu routen. Gerade auf dem<br />

Land, wo der nächste Arzt oder das<br />

nächste Spital mitunter mehr als eine<br />

Stunde Fahrzeit entfernt sind, sind<br />

Online-Ordinationen stark frequentiert<br />

und helfen insbesondere älteren<br />

Menschen, möglichst lange in den<br />

eigenen vier Wänden zu bleiben.<br />

Marlenes Großeltern, beide um die<br />

80, nutzen Telemedizin-Services<br />

intensiv, weil ihnen Termine in der<br />

Stadt schon zu beschwerlich sind.<br />

SELBSTVERSORGUNG<br />

DURCH DIE<br />

COMMUNITY<br />

Beide lieben das Leben am Land.<br />

Dennoch haben sie den Garten rund<br />

um das Haus herum längst in ein<br />

Community Farming Projekt eingebracht.<br />

Das hat den Vorteil, dass sie<br />

sich im Alter nicht mehr selbst darum<br />

kümmern müssen und trotzdem<br />

Äpfel, Zwetschken, Salat und Kartoffeln<br />

frisch geerntet direkt vor der<br />

Haustür landen. Die Community aus<br />

privaten Familien, Bauern und kleinen<br />

Lebensmittelerzeugern wie Käsemachern,<br />

Fleischern und Bäckern<br />

versorgt sich selber rund ums Jahr<br />

mit regionalen Lebensmitteln. Was<br />

angebaut und produziert wird, entscheiden<br />

die Mitglieder gemeinsam,<br />

wie viel sie selbst mitarbeiten, können<br />

sie ebenfalls selbst bestimmen. Entsprechend<br />

dem gewählten Paket<br />

bekommen die Mitglieder selbst<br />

einen Teil der Ernte, der Rest wird<br />

an Nicht-Mitglieder in der Region<br />

verkauft. Ein ausgeklügeltes und<br />

schnelles Crowdlogistik-System<br />

zeigt den Beteiligten online an, was<br />

gerade vom Feld oder Baum geholt<br />

wurde und weitertransportiert werden<br />

sollte. Wer gerade in der Nähe<br />

ist, nimmt die Lieferung die nächste<br />

Etappe mit, bis sie schließlich nach<br />

mehreren Stationen am Ende direkt<br />

vor der Haustür von Mitgliedern und<br />

Kunden landet.<br />

GRÜNE SKYLINE:<br />

GEWÄCHSHÄUSER<br />

STRECKEN SICH IN<br />

DER STADT ÜBER<br />

STOCKWERKE<br />

Ähnliches gibt es auch in der Stadt,<br />

in der Marlene wohnt. 100-prozentige<br />

Selbstversorgung, ohne auf globale<br />

Wertschöpfungsketten und damit<br />

unkontrollierbare Produktionsumstände<br />

angewiesen zu sein, ist<br />

für viele Konsumenten erstrebenswert:<br />

Eine Mitgliedschaft in einem<br />

Vertical-Farming-Projekt ist mitunter<br />

Arbeit, weil man mitarbeiten muss,<br />

um sich die Lebensmittel leisten zu<br />

können, doch sie bringt auch Autonomie<br />

und ermöglicht lokale Energie-<br />

und Stoffkreisläufe. Da in der<br />

Stadt die freien Flächen in der Horizontale<br />

fehlen, findet Landwirtschaft<br />

in der Vertikalen statt, konkret in<br />

den vielen Stockwerken der Vertical-Farming-Gewächshäuser,<br />

die<br />

in vielen Städten betrieben werden.<br />

Paprika, Tomaten, Bohnen, ja sogar<br />

Fisch aus Aquakulturen kann<br />

man dort anbauen, kaufen oder<br />

wöchentlich abonnieren. Städter<br />

können sich auf diese Weise mit<br />

Lebensmitteln aus nächster Nachbarschaft<br />

versorgen. Das ist kein<br />

Massenbedürfnis, doch eine wachsende<br />

Nische, die aus der Urban-<br />

Farming- und Do-it-yourself-Bewegung<br />

entstanden ist: Die Konsumenten<br />

wollten neue Lösungen und haben<br />

daher die ersten Projekte selbst<br />

initiiert. Später haben Unternehmen<br />

weitere Vertical-Farming-Häuser eröffnet,<br />

jedoch in der Konzept- und<br />

Planungsphase bereits potenzielle<br />

spätere User eingebunden. Was<br />

wie in welcher Qualität produziert<br />

und verkauft wird, wurde schon in<br />

gemeinsamen Workshops vor Baubeginn<br />

festgelegt.<br />

DER SUPERMARKT<br />

WIRD ALS<br />

PROBIERZONE DIENEN<br />

Ein generell weit verbreiteter Service<br />

ist die Hauszustellung von Waren<br />

aller Art. Ähnlich wie die Arztpraxen<br />

sind deshalb auch die Supermärkte<br />

kleiner geworden. Viele Menschen<br />

lassen sich Milch, Mineralwasser,<br />

Brot, Käse, Wasch- und Toilettenartikel<br />

nur noch direkt nach Hause<br />

liefern. In Supermärkte geht man nur<br />

noch zum Stöbern und Ausprobieren<br />

von Neuem. Längst haben Fahrradboten<br />

und Mini-Elektromobile den<br />

wachsenden Markt der „sauberen“<br />

Hauszustellung für sich erobert.<br />

Zudem gibt es Online-Plattformen,<br />

an denen wiederum sehr viele kleine<br />

Spezialhersteller hängen, mit<br />

komplexen Filtermöglichkeiten, die<br />

es den Usern ganz einfach machen,<br />

Lebensmittel einzukaufen, die<br />

gleichzeitig vegan, glutenfrei und<br />

aus der Region im Umfeld von<br />

100 Kilometern stammen. Wer Unverträglichkeiten<br />

oder Allergien hat,<br />

bekommt auf Wunsch auch Online-<br />

Fachberatung in Sachen Einkauf<br />

und Essen.<br />

WENIGER AUSWAHL,<br />

DAFÜR GEZIELTE<br />

VORAUSWAHL AN<br />

PRODUKTEN<br />

Die Reduktion von überbordenden<br />

Auswahlmöglichen ist 2035 generell<br />

ein großes Konsumentenanliegen:<br />

Viele sind des ständigen<br />

Vergleichens von Produkten überdrüssig<br />

geworden und lassen sich<br />

daher, entsprechend ihren Vorlieben<br />

22


Foto: © shutterstock<br />

Ein heute acht-jähriges Mädchen wird in 20 Jahren von High- und Lowtech-Services profitieren. Etwa wird es keine unnötigen<br />

Wartezeiten mehr beim Arzt geben. Lebensmittel werden durch neue Logistik-Systeme vom eigenen Feld direkt nach Hause geliefert.<br />

und gewünschtem Preisniveau, nur<br />

noch eine kleine Auswahl vorschlagen.<br />

Wer will, kann sogar Rezepte<br />

samt dazugehörigen, exakt abgewogenen<br />

Zutaten direkt nach Hause<br />

liefern lassen. Das lästige „Was koche<br />

ich heute?“ samt Raserei in den<br />

Supermarkt zwischen Büroschluss<br />

und Abendessen ist damit hinfällig.<br />

Wer es noch bequemer mag, kann<br />

auch vorher individuell ausgewählte<br />

Abos aus fix fertig gekochten Mahlzeiten<br />

in hoher Qualität abonnieren.<br />

BARGELDLOS<br />

MIT CHIP<br />

ODER KARTE<br />

Das ist der Gegenpol zur Selbstversorger-Mentalität<br />

der regionalen<br />

Food Communities, aber nicht notwendigerweise<br />

ein Widerspruch:<br />

Viele Familien, sofern sie es sich<br />

leisten können, haben beides. Geld<br />

ist überhaupt ein gutes Stichwort:<br />

Dieses wird kaum noch sichtbar sein,<br />

weil das Bargeld weitgehend verschwunden<br />

sein und durch digitales<br />

Bezahlen ersetzt worden sein wird.<br />

DAS LEBEN IN<br />

ATTRAKTIVEN STÄDTEN<br />

KOSTET VIEL GELD<br />

Marlene selbst muss jeden Euro<br />

zweimal umdrehen. Der Lebensstil,<br />

der mit dem Leben in interessanten<br />

Städten verbunden ist, also Wohnen,<br />

Energie, Essen und Mobilität, kostet<br />

sehr viel Geld. Nach vier Jahren in<br />

einem Pharmaunternehmen bildet<br />

sich die Biologin zur Expertin für<br />

biogene Rohstoffe weiter. Das kostet<br />

Geld, sowie auch die Entscheidung,<br />

diesen Schritt überhaupt zu<br />

tun: Berufswechsel sind so häufig<br />

geworden, dass professionelle Umstiegscoaches<br />

gute Umsätze machen.<br />

Auch Marlene hatte einen, der ihre<br />

Kenntnisse und Interessen mit dem<br />

Bedarf der Wirtschaft verglich und<br />

dann letztlich auf die Idee mit biogenen<br />

Rohstoffen kam. Denn diese<br />

werden intensiv nachgefragt, seit<br />

die rasche Abbaubarkeit von Kunststoffen<br />

auf Druck der Bevölkerung<br />

zur gesetzlichen Pflicht erhoben<br />

wurde und viele der alten Kunststoffe<br />

ersetzt werden müssen.<br />

ELEKTRONISCHER<br />

FINANZMANAGER<br />

BELOHNT ERFOLG<br />

Um sich die Ausbildung finanzieren<br />

zu können, muss Marlene sparen.<br />

Ihr elektronischer Finanz-Manager<br />

wacht darüber, dass sie die selbst<br />

gesetzten Ausgabelimits einhält<br />

und belohnt sie spielerisch, wenn<br />

ihr das gelingt. Voraussichtlich wird<br />

sich diesen Sommer nur ein Billigurlaub<br />

ausgehen – in einem Hotel,<br />

in dem an der Rezeption und auf der<br />

Etage menschenähnliche Roboter<br />

arbeiten, stets freundlich und zuvorkommend,<br />

doch ohne Sinn für Humor.<br />

Einerlei, sie kommt mit Freunden<br />

aus Fleisch und Blut. Mit ihnen<br />

gibt es immer etwas zu lachen.<br />

Ganz einfach in Echtzeit.<br />

<strong>EINFACH</strong> <strong>≠</strong> <strong>EINFACH</strong><br />

23


Ich bin,<br />

was ich erlebe<br />

NEO-INDIVIDUALREISENDE HABEN IHRE EIGENEN VORSTELLUNGEN VOM<br />

URLAUBSGLÜCK. SIE WOLLEN BEI SICH SELBST ANKOMMEN UND ALS<br />

AVANTGARDISTEN WAHRGENOMMEN WERDEN. DAFÜR NEHMEN SIE EINE<br />

UMFANGREICHE REISEPLANUNG IN KAUF. IM GEGENSATZ ZUM BACKPACKER<br />

DES VORIGEN JAHRHUNDERTS BRAUCHEN SIE KEINEN REISEFÜHRER.<br />

DAS SMARTPHONE GENÜGT. Von Catherine Gottwald<br />

Wenn Fabian Holzer die Piazza Navona<br />

in Rom überquert, hat er für die<br />

Schönheit von Berninis Vierströmebrunnen<br />

keine Augen. Auch die Fontana<br />

del Moro oder der Neptunbrunnen<br />

sind ihm schnuppe. Sein Ziel<br />

ist der berühmteste Pizza-al-Taglio-<br />

Bäcker der ewigen Stadt. Dort bekommt<br />

er hauchdünne Pizzaschnitten<br />

mit verschiedenen Belägen. Geschätzte<br />

5 300 derartige Pizza-Läden<br />

gibt es in Rom, der 36-Jährige glaubt<br />

ausgerechnet hier, auf der Piazza<br />

Navona, den König der Bäcker ausfi<br />

ndig gemacht zu haben. Zeit, das<br />

nahe gelegene Pantheon zu besichtigen,<br />

bleibt auch nicht, da ums Eck<br />

noch schnell der angeblich köstlichste<br />

Espresso Italiens konsumiert werden<br />

muss.<br />

SIGHTSEEING MACHEN<br />

WIR DANN, WENN WIR<br />

ALT SIND! Erika Kósa 27, Foodistin<br />

Mindestens 15 kulinarische Hot-Spots<br />

stehen in Rom auf seiner persönlichen<br />

Entdeckerliste, die er in zweieinhalb<br />

genussvollen Tagen abarbeiten will.<br />

Sehenswürdigkeiten, für die andere<br />

Touristen extra anreisen, spielen für den<br />

Fernsehmacher und seine Freundin<br />

Erika Kósa eine untergeordnete Rolle.<br />

Abweichungen von touristischen<br />

Trampelpfaden sind beim ihm Programm,<br />

fast sogar ein Manifest:<br />

„Ich möchte ganz bewusst gegen<br />

24


Fotos: © Fabian Holzer, Erika Kósa<br />

den Strom schwimmen und das, was<br />

in Reiseführern oder auf dem Online-<br />

Bewertungsportal TripAdvisor steht,<br />

ignorieren. Land und Leute möchte<br />

ich eben auf meine Weise entdeckten.<br />

Darin liegt ja der Reiz“, erklärt Holzer.<br />

„Klassisches Sightseeing können wir<br />

auch machen, wenn wir alt sind!“ ergänzt<br />

Kósa. Beide sind leidenschaftliche<br />

Foodisten, Schatzsucher in<br />

Sachen Geschmack, und haben sich<br />

auf ihren Reisen im In- und Ausland<br />

ganz und gar der Erkundung von<br />

regionalen Spezialitäten verschrieben.<br />

DIE KOMPLETTE REISE<br />

IM DO-IT-YOURSELF-<br />

MODUS<br />

Holzer und die gebürtige Ungarin Kósa<br />

sprechen zusammen fünf Sprachen.<br />

Reichen diese bei den Reisevorbereitungen<br />

nicht aus, um beispielsweise<br />

Speisekarten auf Niederländisch zu<br />

durchforsten, dann wird die Online-<br />

Übersetzung Google Translate herangezogen.<br />

Mehrsprachige Recherche<br />

auf Insider-Foren, Flug-, Hotel- und<br />

Restaurantreservierungen, Vorabgespräche<br />

mit Herstellern, permanente<br />

Preisvergleiche und Abchecken von<br />

Museums- und Ladenöffnungszeiten.<br />

Der administrative Aufwand der durch<br />

und durch individuellen Reise scheint<br />

enorm und ganz schön anspruchsvoll.<br />

Aber genau das ist es, was den Reiz<br />

ausmacht. In der wochenlangen<br />

Vorbereitungsphase stellen sich<br />

Glücksgefühle ein: „Es ist wie beim<br />

Aussuchen und Verpacken von Weihnachtsgeschenken<br />

– ein großer Teil<br />

der Freude ist die Vorbereitung von<br />

dem, was du machen willst“, begründet<br />

Holzer seine Bereitschaft, sich<br />

intensiv mit der Materie auseinander<br />

zu setzen. Die ganze Kommunikation<br />

läuft digital ab. „Offl ine wäre diese<br />

Art zu reisen überhaupt nicht möglich.“<br />

Die digitale Infrastruktur, die weltweit<br />

vor allem in den letzten Jahren enorm<br />

ausgebaut wurde, wird sowohl in der<br />

Vorbereitung, während des Aufenthalts<br />

als auch bei der Nachbereitung<br />

in sozialen Netzwerken und Blogs<br />

genützt. Ein Reiseführer in Form<br />

eines Buches wird so obsolet. Und<br />

ganz nebenbei: Wer seine Reise<br />

von A bis Z selbst organisiert und<br />

die Preise im Blick hat, kann mitunter<br />

schon zwischen 30 und 50 Prozent<br />

der Reisekosten einsparen, sagen<br />

erfahrene Praktiker.<br />

DIE NEUEN INDIVIDUAL-<br />

TOURISTEN ALS<br />

GAME CHANGER?<br />

Der Markt für individuelle (online)<br />

Reisegestaltung steigt. Laut Reiseanalyse<br />

2015 der FUR (Forschungsgemeinschaft<br />

für Urlaub und Reisen)<br />

beträgt der Anteil der Urlaubsreisen,<br />

die in Deutschland als Pauschaloder<br />

Bausteinreisen mithilfe von<br />

Reisever anstaltern organisiert werden,<br />

40 Prozent. 2009 waren es noch<br />

50 Prozent (Quelle: Zahlen und Fakten<br />

zum deutschen Reisemarkt 2009).<br />

„De-Touristifi cation“ heißt das Phänomen,<br />

das gleichzeitig die Neo-Individualtouristen<br />

defi niert: Eine neue Generation<br />

von Individualtouristen nimmt,<br />

losgelöst von der bisherigen Vorstellung<br />

und Defi nition eines Touristen,<br />

das Organisieren von Reiseelementen<br />

selbst in die Hand. Es ist ein Phänomen,<br />

bei dem der Reisende nicht<br />

mehr als einer von vielen anonymen<br />

Touristen wahrgenommen werden<br />

möchte, sondern als Individuum.<br />

Er ignoriert bewusst den Lockruf der<br />

Reiseveranstalter und Zielgebietsagenturen<br />

mit ihren bequemen Urlaubspaketen.<br />

Mobilität und Unterkunft<br />

werden komplett selbst organisiert.<br />

EIN DIA-ABEND IST<br />

FÜR DIESE GRUPPE<br />

AUSGESCHLOSSEN<br />

Bewiesen wird der Erfolg der Do-ityourself-Reise<br />

übrigens nicht beim<br />

klassischen Dia-Abend, sondern in<br />

sozialen Netzwerken und Blogs, wo<br />

man sich vor viel größerem Publikum<br />

inszenieren kann. Virtuelle Reisebegleiter<br />

wie auch reale Nachahmer<br />

sind herzlich willkommen. Aber: Im<br />

Gegen satz zum Backpacker bereisen<br />

Neo-Individualtouristen keine vorgegebenen<br />

Routen – auch nicht die aus<br />

Szene-Reiseführern wie Lonely Planet.<br />

REISETIPPS<br />

KOMMEN AUS DER<br />

COMMUNITY<br />

„De-Touristifi cation beschreibt die<br />

Avantgarde“, erklärt die Tourismusexpertin<br />

und Strategieberaterin<br />

Susanne Eckes, Autorin des vom<br />

Zukunftsinstituts herausgegebenen<br />

Tourismusreport 2015: „Die neoindividualtouristischen<br />

Millenials,<br />

Generation-Y-Mitglieder und Digital<br />

Natives sind gerade dabei, das Tourismusgeschäft<br />

selbst zu übernehmen.<br />

Sie organisieren, empfehlen,<br />

bewerten und teilen untereinander<br />

alles über Sharing- und Bewertungsplattformen<br />

und ortsansässige Buddy<br />

Apps. Das ist eine Technik, die im<br />

Augenblick nur eine kleine Gruppe<br />

beherrscht und nicht jedermanns<br />

Geschmack ist.“<br />

In der Folge verlagern sich Tourismusgüter<br />

und -dienstleistungen ins<br />

Private und stellen die Branche vor<br />

neue Herausforderungen. Etwa dass<br />

der Neo-Individualtourist kein Stammkunde<br />

ist. Zweimal dieselbe Route zu<br />

nehmen passt nicht in sein Konzept.<br />

„Zahlenmäßig handle es sich bei der<br />

neuen Form der Individualtouristen<br />

heute noch um eine kleine Gruppe.<br />

Maximal zehn Prozent schwimmen<br />

tatsächlich gegen den Strom und<br />

erkunden die Welt auf eigene Faust“,<br />

so Susanne Eckes. Ob und wie Neo-<br />

Individualtouristen den Tourismus der<br />

Zukunft prägen werden, lasse sich<br />

laut Susanne Eckers erst in zehn oder<br />

20 Jahren abschätzen. Eine lange<br />

Zeit. Fabian Holzer und Erika Kósa<br />

werden dann schon wieder ganz<br />

andere Wege gehen. <br />

<strong>EINFACH</strong> <strong>≠</strong> <strong>EINFACH</strong><br />

25


INNOVATIVES ONLINE & OFFLINE<br />

START-UPS<br />

SPANNENDE IDEEN ZUM THEMA <strong>EINFACH</strong>HEIT UND KOMPLEXITÄT.<br />

Von Katrin Stehrer<br />

////// FAHRRADPARKEN IM UNTERGRUND //////////////<br />

Platz ist kostbar – vor allem in Japans Großstädten. In Tokyo wird nun mit dem<br />

ECO Cylce, ein vom Ingenieursbüro Giken Seisakusho entwickeltes platzsparendes<br />

Fahrrad-Parksystem, errichtet, welches Fahrräder diebstahls- und erdbebensicher<br />

im Untergrund verwahrt. Der Fahrradfahrer schiebt dazu sein Fahrrad auf<br />

eine Art Förderband, an dessen Ende sich Lifttüren befi nden, die sich durch einen<br />

im Fahrrad eingebauten Chip öffnen. Nach Betätigen des Startknopfes zum<br />

vollautomatischen Verladen des Fahrrades ist der Parkvorgang für den Nutzer erledigt.<br />

Dann übernimmt ein komplexes Logistiksystem im Untergrund die Parkplatzsuche<br />

und Verstauung. Beim Abholen legt der User seine persönliche Chipkarte<br />

an das Kartenlesegerät und schon wird das Fahrrad vollautomatisch gebracht.<br />

giken.com/en/developments/eco_cycle<br />

////// BLIND ANS ZIEL ///////////////////////////////////////<br />

Um die Orientierung in Gebäudekomplexen wie Universitäten, Einkaufszentren oder<br />

Museen für sehbehinderte Menschen zu vereinfachen, entwickelte das Team von<br />

Touch Graphics gemeinsam mit der Universität von Buffalo (New York, USA) multisensorische<br />

3D-Karten. Durch die Berührungen von Gebäuden, Wegen oder anderen<br />

Punkten auf der Karte wird ein Audio-Feedback ausgelöst, welches zum Beispiel<br />

Gebäude- und Personalnamen oder Himmelsrichtungen nennt. Auch komplette<br />

Wegbeschreibungen können abgerufen werden. Die 3D-Karte bietet aber auch Menschen<br />

mit intaktem Sehvermögen Orientierungshilfe. Etwa können Lichtprojektionen<br />

aktiviert werden, durch die ein komplexeres Areal für den (sehenden) User verständlicher<br />

wird. touchgraphics.com<br />

////// KÜHLSCHRANK OHNE STROM /////////////////////<br />

In den ländlichen Gegenden Nigerias können wegen der schlechten Infrastruktur<br />

keine elektrischen Kühlgeräte verwendet werden. Lebensmittel verderben, was sowohl<br />

Krankheiten nach sich zieht als auch den Verlust von Einkommensquellen, da<br />

Lebensmittel recht rasch unverkäufl ich werden. Um die Situation zu ändern, nutzt<br />

der nigerianische Lehrer Mohammed Bah Abba traditionelle afrikanische Tontöpfe<br />

für ein einfaches, kostengünstiges, und gleichsam höchst effektives Kühlsystem:<br />

Zwei unterschiedlich große Tontöpfe werden ineinander gestellt, der Zwischenraum<br />

mit Sand befüllt und dieser mit Wasser übergossen. Ein Deckel sorgt dafür, dass die<br />

kühle Luft, die im inneren Topf entsteht, nicht entweichen kann. Die Haltbarkeit von<br />

z. B. Melanzani kann so von zwei auf bis zu 27 Tage erhöht werden. Die Idee der „Potin-Pots“<br />

ist mittlerweile weltweit in Entwicklungsländern in Verwendung.<br />

rolexawards.com/profi les/laureates/mohammed_bah_abba<br />

26


VOLLAUTARKER WOHNRAUM //////////////////////<br />

Wie viel Platz braucht man eigentlich zum Leben? 25m 2 – wenn es nach Theresa Steininger<br />

und Christian Frantal geht, den beiden Gründern des österreichischen Startups<br />

WW Wohnwagon GmbH. Das Naturholz-Gefährt ermöglicht ein nahezu vollautarkes<br />

Leben und bietet Raum zum Wohnen und Arbeiten mit Photovoltaikanlage,<br />

Regenwasser- und Brauchwasserfi lterung mittels Sumpfpfl anzen, Solar-Holz-Wasserboiler<br />

sowie Biotoilette (ermöglicht die Herstellung von Dünger). Die Einsatzmöglichkeiten<br />

der individuell zugeschnittenen Wohnwagons sind vielfältig: Vom Zweitwohnsitz<br />

bis zum Schauraum, vom fahrenden Restaurant bis zum Hotelzimmer. Die<br />

Idee fi ndet Anklang: Über 170 Interessenten haben sich schon gemeldet. Die Kosten<br />

pro Wohnwagon liegen bei 40 000 bis 80 000 Euro. Mit der Produktion wurde<br />

bereits begonnen. wohnwagon.at<br />

////// PAKETLIEFERUNG ZU JEDER ZEIT //////////////////<br />

Wer kennt das nicht? Die heiß ersehnte Online-Bestellung wird garantiert dann geliefert,<br />

wenn man gerade außer Haus ist. Dazu hat sich das belgische Lieferservice<br />

Cardrops etwas ausgedacht: Es liefert das Paket direkt in den Kofferraum des eigenen<br />

Autos. Durch Verwendung eines GPS-Senders spielt es keine Rolle, ob sich das<br />

Auto zuhause oder am Firmenparkplatz befi ndet. (Um zu vermeiden, dass der Lieferant<br />

dem Auto hinterherfahren muss, wird – sofern nicht vom User deaktiviert – das Auto<br />

über eine längere Dauer getrackt, um zu ermitteln, wo sich das Auto üblicherweise<br />

längerfristig aufhält.) Zu einem Preis von 99 Euro wird eine kleine Signalstation in<br />

das Auto eingebaut, mit deren Hilfe es geortet sowie der Kofferraum über Funk geöffnet<br />

wird. Pro Lieferung werden 4,99 Euro verrechnet. Der Lieferstatus wird per<br />

SMS geschickt. www.cardrops.com<br />

Eine andere Idee ist der Paketbutler, eine Innovation der deutschen Telekom. Die Bestellung<br />

wird direkt an der Haustür abgeladen, auch wenn man bei der Anlieferung<br />

nicht zu Hause ist. Der Paketbutler ist eine faltbare Schachtel, die mittels Gurt zwischen<br />

Türrahmen und Haustüre befestigt ist und die gelieferte Ware diebstahlsicher<br />

aufbewahrt. Derzeit werden die ersten Paketbutler mit ausgewählten Berliner Zalando-Kunden<br />

getestet. paketbutler.com<br />

////// TANZEN BEI ROT //////////////////////////////////////<br />

Rote Ampeln werden von Fußgängern immer wieder ignoriert und die Straße trotz<br />

Gehverbot überquert. Der Autohersteller Smart erkannte nun, wie man Fußgänger<br />

dazu bringen kann, diese Verkehrsregel einzuhalten – und zwar mit Unterhaltung.<br />

Passanten an einer viel befahrenen Kreuzung in Lissabon können in einer Kabine ihre<br />

Lieblingsmusik auswählen und einfach lostanzen. Die Bewegungen werden überdimensional<br />

auf der Außenseite der Kabine als tanzendes, rotes Ampelmännchen dargestellt<br />

und bei Rotlicht auch gleichzeitig auf die echte Fußgängerampel dieser Kreuzung<br />

übertragen. Laut Smart konnte die Anzahl der auf grün wartenden Fußgänger<br />

während des Projekts um insgesamt um 81 Prozent gesteigert werden.<br />

int.smart.com/en/en/index/smart-campaigns/whatareyoufor/for-a-safer-city.html<br />

////// HOTEL ALS SPRUNGBRETT /////////////////////////<br />

Das im Februar 2015 am Wiener Prater eröffnete magdas Hotel, ein Social Business<br />

der Caritas Wien, gibt Menschen mit Fluchthintergrund Arbeit und damit eine Chance<br />

auf Normalität. Das Besondere ist, dass auch Flüchtlingen, die noch keinen positiven<br />

Asylbescheid haben, eine Perspektive geboten werden kann. Weil Ausbildung<br />

auch ohne Asylzuerkennung erlaubt ist, können insgesamt fünf junge Asylwerber im<br />

magdas Lehrberufe wie Koch und Kellner erlernen. Neben Profi s aus der Hotellerie<br />

und freiwilligen Helfern sollen insgesamt bis zu 30 junge Menschen mit Fluchthintergrund<br />

beschäftigt werden. Derzeit wird auf crowdfunding.at noch nach weiteren<br />

Crowdinvestoren für das Social Business gesucht. magdas-hotel.at<br />

<strong>EINFACH</strong> <strong>≠</strong> <strong>EINFACH</strong><br />

27


Keine<br />

einfache<br />

Kopiervorlage<br />

28<br />

Foto: © festo.com


SCHON DIE BERÜHMTEN SKIZZEN DES RENAISSANCEGENIES LEONARDO DA VINCI<br />

ZUM VOGELFLUG ZEIGEN, DASS GENAUE BEOBACHTUNG AM BEGINN JEDER<br />

INSPIRATION AUS DER NATUR FÜR DIE TECHNIK STEHT.<br />

QUERSPUR STELLT SIEBEN BEOBACHTUNGEN AN, WARUM DIE BELEBTE NATUR<br />

BIS HEUTE DENNOCH NICHT <strong>EINFACH</strong> ZU KOPIEREN IST. Von Astrid Kuffner<br />

Wir müssen das Rad nicht neu erfi n-<br />

den“, rät ein Sprichwort für jene Fälle,<br />

in denen es bereits eine Lösung gibt.<br />

Das Rad gilt als genuin menschliche<br />

Erfi ndung. Seine Benutzung setzt<br />

ebene, befestigte Wege voraus, wie<br />

sie in der Natur kaum vorkommen. Es<br />

repräsentiert auch die erste und vielleicht<br />

wichtigste Beobachtung, warum<br />

Ideen nach dem Vorbild der Natur noch<br />

nicht fl ächendeckend im Einsatz sind:<br />

Einmal etablierte Lösungen werden<br />

nur in Ausnahmefällen ernsthaft hinterfragt,<br />

verdrängt oder radikal erneuert.<br />

Viel eher wird Bestehendes optimiert,<br />

an der Form gefeilt oder das<br />

Material verbessert (erstes Prinzip).<br />

VOGEL ALS<br />

VORBILD FÜR<br />

EIN AUTO<br />

Für Werner Nachtigall, einen der<br />

deutschen Pioniere in dem Bereich,<br />

ist Bionik ein Werkzeug, keine Heilslehre.<br />

Sie sollte geduldig und ohne<br />

übersteigerte Erwartung gehandhabt<br />

werden. Für ein Forschungsfahrzeug –<br />

das so genannte Bionic Car – suchte<br />

Mercedes Benz 2005 gezielt nach<br />

Vorbildern in der Natur für Leichtbau<br />

und Aerodynamik. Nachtigall empfahl<br />

dem Autobauer für das Bionic Car<br />

den Eselspinguin. Einen Vogel, der zu<br />

den besten Schwimmern mit einem<br />

sehr niedrigen Widerstandsbeiwert<br />

gehört (Cw-Wert 0,07 vgl. Ferrari<br />

Cw-Wert 0,3). Die Entwicklungsabteilung<br />

entschied sich jedoch für den<br />

Kofferfi sch. Der langsam manövrierende<br />

Riffbewohner in Kastenform ist<br />

aerodynamisch ideal gebaut und zeigt<br />

ebenfalls gute Strömungswerte<br />

(Cw-Wert 0,19). Für die Karosserie<br />

des experimentellen Kompaktwagens<br />

wurden Anregungen aus der materialsparenden<br />

Bauweise des Fisches<br />

umgesetzt. Auf der Straße begegnet<br />

einem das Bionic Car dennoch nicht,<br />

da an dem Konzeptfahrzeug Systeme<br />

nur erprobt werden. Aktuell wird der<br />

autonom fahrende F015 präsentiert.<br />

DIE NATUR HAT<br />

EINEN VORSPRUNG<br />

VON 3,4 MILLIARDEN<br />

JAHREN<br />

Das Auto wurde vor rund 130 Jahren<br />

erfunden. Die belebte Natur hat in<br />

Sachen Fortbewegung also einen riesigen<br />

Vorsprung. 3,4 Milliarden Jahre<br />

Leben auf der Erde bedeuten ebenso<br />

viel Zeit, um ungeeignete Entwürfe<br />

einzustampfen. Was wir heute an Artenvielfalt<br />

sehen, ist das jeweils bestgeeignete<br />

Ergebnis von knallharten<br />

Bewährungsproben. Im Unterschied<br />

zum Menschen plant die Natur nicht.<br />

Sie würfelt und prüft. Ihr Werkzeug<br />

heißt Evolution (zweites Prinzip).<br />

Diese arbeitet mit langen Zeiträumen<br />

und zufälligen Mutationen in Material,<br />

Form und Bauplan. Antonia Kesel,<br />

Leiterin des Studiengangs Bionik<br />

an der Hochschule Bremen, nennt es<br />

„Leben am Limit“. Für eine geniale<br />

Konstruktion, die wir zum Vorbild<br />

nehmen könnten, wurden etliche Versuche<br />

aussortiert. Hier zeigt sich die<br />

belebte Natur verschwenderisch und<br />

gnadenlos. Von tausend und mehr<br />

Nachkommen überleben nur wenige<br />

und geben das Erbgut an die nächste<br />

Generation weiter. Das gilt für Pfl anzensamen<br />

ebenso wie für menschliche<br />

Spermien. Gleichzeitig wird auf diese<br />

Weise bewahrt, was sich bewährt.<br />

OPTIMALE SYSTEME<br />

ENTWICKELN IHRE<br />

EINZELTEILE NICHT<br />

ISOLIERT<br />

Der schrittweise Evolutionsprozess<br />

kann am Computer simuliert werden.<br />

Das passiert aktuell nur bei sehr spezifi<br />

schen Aufgabenstellungen, sogenannten<br />

kombinatorischen Optimierungsaufgaben.<br />

Synonym für eine kombinatorische<br />

Optimierungsaufgabe könnte auch ein<br />

Synonym für „Überleben in freier Wildbahn“<br />

sein. Am Beispiel eines Vogels<br />

zeigt sich, warum es nicht einfach ist,<br />

die Natur zu kopieren. Er fl iegt nicht nur.<br />

Er muss sich auch selbst ernähren, mit<br />

der zugeführten Energie haushalten,<br />

bei jedem Wetter draußen sein, ein<br />

Nest bauen, einen Partner fi nden und<br />

Junge großziehen. Im Lauf der Evolution<br />

wurde jeweils das Gesamtsystem<br />

immer besser an die Lebensaufgaben<br />

eines Vogels angepasst (drittes Prinzip).<br />

Die Einzelteile wie Schnabel, Fuß<br />

oder Flügel wurden nicht isoliert optimiert,<br />

wie es bei der gezielten Planung<br />

eines Vogels wohl der Fall wäre.<br />

FEDERN ERFÜLLEN<br />

VIELE AUFGABEN. IHR<br />

BAUMATERIAL ABER IST<br />

<strong>EINFACH</strong> KONSTRUIERT<br />

Für Antonia Kesel macht Beobachtung<br />

Nummer vier die belebte<br />

Natur zur Inspirationsquelle und<br />

Herausforderung: „Lebewesen zeigen,<br />

dass es möglich ist, multifunktionale<br />

Anforderungen zu vereinen.“ Ein<br />

Beispiel dafür sind Federn. Dieses<br />

variable Bauteil hilft seit 140 Millionen<br />

Jahren beim Fliegen. Federn halten<br />

aber gleichzeitig warm, sparen Energie<br />

und sind ein optisches Signal.<br />

So bunt die Vielfalt der belebten<br />

Natur, so auffallend ist ihre Selbstbeschränkung<br />

bei den Werkstoffen.<br />

Federn erfüllen vielfältige Aufgaben<br />

und bestehen aus einem einzigen<br />

Material namens Keratin. Dieses wird,<br />

wie alle anderen Stoffe, die Leben<br />

ausmachen, aus einem Set von nur<br />

zwanzig Aminosäuren gebaut. So<br />

vielfältig der Mensch Stahl, Aluminium<br />

oder Beton auch einsetzt, all diese<br />

Werkstoffe bestehen im Vergleich<br />

dazu aus endlichen Ressourcen und<br />

werden mit hohem Energieeinsatz<br />

hergestellt.<br />

<strong>EINFACH</strong> <strong>≠</strong> <strong>EINFACH</strong><br />

29


Fotos: © wikidepdia; festo.com<br />

Hätten Sie es gewusst? Von der Natur inspiriert: Stahlbeton (Stützgewebe der Blätter eines Kakteengewächses), Klettverschluss (Klettfrüchte),<br />

Stacheldraht (Dornstrauch Osage), Winglets (Spitzen von Vogelfl ügeln), Festo Bionic Tripod mit Fin-Grippe (Schwanzfl osse von Fischen).<br />

Mit dieser Vorgehensweise ist auch<br />

das fünfte Prinzip der belebten<br />

Natur nicht vereinbar. „So viel wie nötig,<br />

so wenig wie möglich“ heißt die Devise,<br />

wenn es um den Verbrauch von Energie<br />

und Ressourcen geht. Die Energie der<br />

Sonne treibt Organismen an. Licht und<br />

Wärme sind zudem wichtige Taktgeber<br />

und Muntermacher. Organismen, die<br />

Sonnenlicht in Biomasse verwandeln,<br />

stehen im Zentrum komplexer Nahrungsnetze,<br />

in denen Bakterien, Pilze,<br />

Tier- und Pfl anzenarten verwoben und<br />

voneinander abhängig sind.<br />

NACHHALTIGES<br />

WIRTSCHAFTEN<br />

IST FÜR DIE NATUR<br />

KEIN PROBLEM<br />

Zudem sind biologische Strukturen<br />

nur begrenzt haltbar und werden nach<br />

ihrem Ableben recycelt. Menschgemacht<br />

bedeutet dagegen oft: Immer<br />

mehr Verbrauch und für die Ewigkeit<br />

gebaut. Bei der (Rück-)Besinnung auf<br />

eine Kreislaufwirtschaft stehen wir noch<br />

am Anfang. Konstrukteure von Robotern<br />

kennen das sechste Prinzip<br />

gut. Nicht nur die Fortbewegung fordert<br />

viel Hirnschmalz, sondern auch<br />

die Steuerung der Fortbewegung.<br />

Regenwurm, Spinne, Qualle, Pinguin,<br />

Gepard, Möwe oder Känguru kommen<br />

ganz unterschiedlich voran, haben<br />

aber eine gemeinsame Erfolgsformel.<br />

Auf einen „Muskel“ zur Fortbewegung<br />

kommen zehn „Sensoren“, die Umweltparameter<br />

erfassen und verarbeiten<br />

und somit das Steuern ermöglichen.<br />

Dieses Prinzip ist im Vergleich<br />

zu Schaltkreisen und Batterien vorbildhaft<br />

klein, leicht und vielfältig verwirklicht.<br />

IM BIONIC LEARNING<br />

CENTER WIRD VON<br />

DER NATUR<br />

ABGESCHRIEBEN<br />

Wie das gehen kann, zeigen tierische<br />

Maschinen des deutschen Spezialisten<br />

für Fabrik- und Prozessautomation<br />

Festo, der ein eigenes Bionic Learning<br />

Center betreibt. Auch bei funktio nalen<br />

Oberfl ächen fassen bionische Lösungen<br />

langsam Fuß. Das Paradigma<br />

„glatt ist gut“ (siebtes Prinzip)<br />

wurde in den vergangenen Dekaden<br />

durch immer bessere Bildgebung<br />

gestürzt. Natürliche Oberfl ächen<br />

erfüllen ihre Funktion oft durch eine<br />

gewisse Rauigkeit: Pinguine fl itzen in<br />

einem Mantel aus Luftbläschen dahin,<br />

die sie mit ihren Federn unter die<br />

Wasseroberfl äche mitnehmen, das<br />

Lotusblatt ist unbenetzbar dank<br />

3D-Wachskristallen auf der Oberfl<br />

äche und die Schuppen von Haien<br />

haben in Längsrichtung kleine Rillen<br />

(Riblets), die den Widerstand vermindern.<br />

Die Haifi schhaut ist ein gutes<br />

Beispiel für die letzte Beobachtung:<br />

Es lohnt sich, um die Ecke zu denken.<br />

Nahe liegend war es, einen Anzug zu<br />

entwickeln, der Schwimm-Assen im<br />

Wettkampf wenige Hundertstel Vorsprung<br />

verschafft. Einen breiteren<br />

Nutzen versprachen Tests auf Treibstoffeinsparung<br />

im Transportwesen. Allerdings<br />

erreichten Autos mit Riblet-Folie<br />

im Stau oder Stadtverkehr fast nie die<br />

erforderliche Geschwindigkeit, die nötig<br />

ist, um Sparpotenziale auszunutzen.<br />

UM DIE ECKE ZU<br />

DENKEN BRINGT<br />

NICHT IMMER DEN<br />

GEWÜNSCHTEN ERFOLG<br />

Bei Flugzeugen musste beispielsweise<br />

die Folie bei jeder Wartung abgezogen<br />

werden, was die Standzeiten unrentabel<br />

verlängert. Das Haihaut-Prinzip<br />

wird heute aber erfolgreich auf<br />

Schiffsrümpfen angewandt. Dabei<br />

geht es weniger um Geschwindigkeit<br />

oder Einsparung, denn um das Fernhalten<br />

von Seepocken, Algen & Co.<br />

(Anti-Fouling) ohne giftigen Lack.<br />

Weniger Gift im Wasser lässt auch die<br />

vielen winzigen Wasserorganismen am<br />

Leben, die sich mit einer rotierenden<br />

Bakteriengeißel fortbewegen. So zeigen<br />

sie uns weiterhin vor, dass selbst<br />

das Rad mit Kugellager und Achse<br />

keine menschliche Erfi ndung ist. <br />

30


WAS HINTER DEN DINGEN<br />

DES ALLTAGS STECKT<br />

Die Wissenschaft macht das Leben einfacher – sagen 86 Prozent der Österreicher und 79 Prozent der US-Amerikaner 1 .<br />

Welche Komplexität hinter so manch einfach erscheinendem Alltagsphänomen steht und wie die Waschmaschine der<br />

Zukunft aussehen könnten. Von Silvia Wasserbacher-Schwarzer<br />

DATEN & FAKTEN<br />

Quellen: 1 Österr. Wissenschaftsmonitor; Pew Research Center.<br />

2 Krups Consultants<br />

3 Spiegel.de<br />

Phänomen: Ein Obsthändler stapelt<br />

seine Orangen in versetzten Reihen<br />

in Form einer Pyramide übereinander.<br />

Erklärung: Dadurch bringt er die<br />

meisten Orangen auf vorhandenem<br />

Platz unter (74 % Raumnutzung). Die<br />

Vermutung dazu stellte schon Johannes<br />

Kepler vor 400 Jahren an (Keplerschen<br />

Vermutung). Den Beweis lieferte der<br />

US-Mathe matiker Thomas C. Hales 1998.<br />

Phänomen: Es heißt, die Waschmaschine gehöre zu<br />

jenen Erfi ndungen, die das Leben im letzten Jahrhundert<br />

am meisten vereinfacht hat. Aus Sicht der Nutzer schon:<br />

Brauchte man bis ca. 1960 mehrere Tage und bis zu<br />

15 Arbeitsschritte, um die Wäsche zu waschen, sind<br />

es seither nur einige Minuten zum Befüllen der Waschmaschine.<br />

Auf Seiten der Waschmaschinenerzeuger<br />

gibt es die one-fi ts-all Lösung jedoch nicht.<br />

Erklärung: Sie müssen sich an die weltweit<br />

unterschiedlichen Waschvorlieben anpassen:<br />

Spanier waschen ihre Wäsche am liebsten kalt, Griechen<br />

heiß. In Frankreich befüllt man die Maschine von oben,<br />

in Deutschland von vorn. Russen mögen schmale Geräte,<br />

Amerikaner große. Chinesen haben gleich zwei Maschinen<br />

im Haushalt, weil sie zwischen Männer- und Frauenkleidung<br />

trennen. 3<br />

Phänomen: Beim Kauf von<br />

Staubsaugerbeuteln das richtige<br />

Modell zu erwischen, ohne es sich<br />

zuvor notiert zu haben, liegt die<br />

Wahrscheinlichkeit bei unter einem<br />

Promille.<br />

Erklärung: Für ca. 42.000<br />

Staubsaugermodelle, die es am<br />

Markt gibt, liegt eine Auswahl<br />

von 1.120 verschiedenen Beutel-<br />

Modellen vor. 2<br />

Phänomen: In einem Fast-Food-Restaurant,<br />

in dem der Kunde sein Sandwiches<br />

individuell zusammenstellen lassen kann,<br />

ist so manch einer überfordert.<br />

Erklärung: Die Zutaten sind auf den ersten<br />

Blick überschaubar: Art des Brotes (4 Brotsorten,<br />

wahlweise getoastet), seine Größe (15 oder<br />

30 cm), der Belag (13 Fleisch- und 3 Käsesorten,<br />

8 Beläge wie z.B. Tomaten) und die Sauce<br />

(7 Saucen). Hochgerechnet erlauben sie doch<br />

1.113.840 Kombinationsmöglichkeiten. 2<br />

Phänomen: Zwar sind zum Wäschewaschen im Vergleich zu früher<br />

heute nur mehr minimale menschliche Anstrengungen nötig, natürliche<br />

Ressourcen werden jedoch weiter bemüht: Ein Waschgang, der<br />

ein bis zwei Stunden dauert, braucht rund 60 Liter (Trink-)Wasser.<br />

Ressourcen, die durch eine komplexe Erfi ndung womöglich bald nicht<br />

mehr verbraucht werden.<br />

Erklärung: Die französische Industriedesignerin Elie Ahovi<br />

entwickelte „Orbit“, die Waschmaschine der Zukunft. Ein Waschgang<br />

dauert fünf Minuten und verbraucht keinen Tropfen Wasser: Während<br />

des Waschvorgangs schwebt eine (tragbare) Trommel aus supraleitendem<br />

Metall in einem Ring. Dieser besteht aus einer Batterie, die Strom<br />

leitet. Sobald der elektrische Widerstand auf Null fällt, gleitet die<br />

Trommel im Ring. Um den Schmutz zu lösen, wird der Wäsche Trockeneis<br />

(Kohlenstoffdioxid) hinzugefügt, das mit dem Schmutz reagiert und<br />

diesen auswäscht; ein Vorgang, der auch in der Industrie zur<br />

Oberfl ächenreinigung gebräuchlich ist. 3<br />

<strong>EINFACH</strong> <strong>≠</strong> <strong>EINFACH</strong><br />

31


Querspur Das Zukunftsmagazin des ÖAMTC<br />

Kettenreaktion<br />

Bei einer Kettenreaktion<br />

genügt ein einfacher Anstoß<br />

für einen großen Effekt:<br />

Eine Reihe einander<br />

bedingende Reaktionen<br />

werden ausgelöst.<br />

Das bekannteste Beispiel<br />

ist der sogenannte<br />

Dominoeffekt.<br />

32

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