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Das alte Kind

Mutter kam aus dem Bad. Mit glänzendem Gesicht kam sie auf mich zu, umarmte und küsste mich. „Das ist er. Jetzt ist er da. Ist das nicht wundervoll?“ sagte sie und zeigte dabei auf Sam. „Mutter, du bist ein Kind.“ erklärte ich. „Das denke ich auch manchmal.“ bestätigte Sam, „nein, nicht ein Kind, wie eine junge Frau ist sie, offen, unbeschwert, lebhaft und lustig. Wundervoll, Victoria.“ „Das ist das normale Leben einer Frau, das sie nicht leben kann, weil sie die Ordnungshüter des Geschlechts daran hindern. Sie schreiben vor, wie eine Frau zu sein hat. Das Drängen nach ihrem wirklichen Leben steckt aber in jeder Frau, auch wenn man noch so massiv versucht hat, ihr die Erinnerung an die Kindheit auszutreiben. Die Frau will sich selbst leben und die Kraft der Liebe verleiht ihr die Macht dazu.“ interpretierte es Mutter. „Die Liebe befähigt dich, das zu leben, was immer in dir war, aber wegen der Ordnungen für die Frauen in deinem Unbewussten verborgen bleiben musste? Dazu gehört auch die Erinnerung an das vergessene Mädchen Victoria?“ fragte ich nach. „Ja, es gibt vieles, was bei einer Frau im Unbewussten verborgen bleiben muss, was eingefroren ist und nicht zum Vorschein kommen darf, und die Liebe ist etwas Extraordinäres. Sie nimmt dich auf den Arm und lässt dich Ungeglaubtes leben.“ bestätigte Mutter. „Hast du keine Angst davor, dass es sich nicht immer zu deinem Vorteil entwickeln könnte?“ fragte ich Sam. Der lachte und meinte: „Sie wird immer die bonne sauvage bleiben, da bin ich sicher, und die erlebe ich jetzt auch schon.“ Meine Mutter, die gute Wilde? Als natürlich und echt war sie mir schon immer erschienen, aber dass sie aus sich herausgehen und ihre Gefühle offen ausleben konnte, schien mir für die arrivierte, distinguierte, ältere Anwältin unglaublich, aber ich hatte ja ihre Kindereien durch die offene Schlafzimmertür mitbekommen.

Mutter kam aus dem Bad. Mit glänzendem Gesicht kam sie auf mich zu, umarmte und küsste mich. „Das ist er. Jetzt ist er da. Ist das nicht wundervoll?“ sagte sie und zeigte dabei auf Sam. „Mutter, du bist ein Kind.“ erklärte ich. „Das denke ich auch manchmal.“ bestätigte Sam, „nein, nicht ein Kind, wie eine junge Frau ist sie, offen, unbeschwert, lebhaft und lustig. Wundervoll, Victoria.“ „Das ist das normale Leben einer Frau, das sie nicht leben kann, weil sie die Ordnungshüter des Geschlechts daran hindern. Sie schreiben vor, wie eine Frau zu sein hat. Das Drängen nach ihrem wirklichen Leben steckt aber in jeder Frau, auch wenn man noch so massiv versucht hat, ihr die Erinnerung an die Kindheit auszutreiben. Die Frau will sich selbst leben und die Kraft der Liebe verleiht ihr die Macht dazu.“ interpretierte es Mutter. „Die Liebe befähigt dich, das zu leben, was immer in dir war, aber wegen der Ordnungen für die Frauen in deinem Unbewussten verborgen bleiben musste? Dazu gehört auch die Erinnerung an das vergessene Mädchen Victoria?“ fragte ich nach. „Ja, es gibt vieles, was bei einer Frau im Unbewussten verborgen bleiben muss, was eingefroren ist und nicht zum Vorschein kommen darf, und die Liebe ist etwas Extraordinäres. Sie nimmt dich auf den Arm und lässt dich Ungeglaubtes leben.“ bestätigte Mutter. „Hast du keine Angst davor, dass es sich nicht immer zu deinem Vorteil entwickeln könnte?“ fragte ich Sam. Der lachte und meinte: „Sie wird immer die bonne sauvage bleiben, da bin ich sicher, und die erlebe ich jetzt auch schon.“ Meine Mutter, die gute Wilde? Als natürlich und echt war sie mir schon immer erschienen, aber dass sie aus sich herausgehen und ihre Gefühle offen ausleben konnte, schien mir für die arrivierte, distinguierte, ältere Anwältin unglaublich, aber ich hatte ja ihre Kindereien durch die offene Schlafzimmertür mitbekommen.

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Carmen Sevilla

Das alte Kind

Hélène und Victoria leben

ihr Unbewusstes

Erzählung

"Si la non-violence est la loi de l'humanité, l'avenir appartient aux

femmes. Qui peut faire appel au coeur des hommes avec plus

d'efficacité que la femme ? "

Mahatma Gandhi

Mutter kam aus dem Bad. Mit glänzendem Gesicht kam sie auf mich zu,

umarmte und küsste mich. „Das ist er. Jetzt ist er da. Ist das nicht

wundervoll?“ sagte sie und zeigte dabei auf Sam. „Mutter, du bist ein Kind.“

erklärte ich. „Das denke ich auch manchmal.“ bestätigte Sam, „nein, nicht ein

Kind, wie eine junge Frau ist sie, offen, unbeschwert, lebhaft und lustig.

Wundervoll, Victoria.“ „Das ist das normale Leben einer Frau, das sie nicht

leben kann, weil sie die Ordnungshüter des Geschlechts daran hindern. Sie

schreiben vor, wie eine Frau zu sein hat. Das Drängen nach ihrem wirklichen

Leben steckt aber in jeder Frau, auch wenn man noch so massiv versucht hat,

ihr die Erinnerung an die Kindheit auszutreiben. Die Frau will sich selbst leben

und die Kraft der Liebe verleiht ihr die Macht dazu.“ interpretierte es Mutter.

„Die Liebe befähigt dich, das zu leben, was immer in dir war, aber wegen der

Ordnungen für die Frauen in deinem Unbewussten verborgen bleiben musste?

Dazu gehört auch die Erinnerung an das vergessene Mädchen Victoria?“ fragte

ich nach. „Ja, es gibt vieles, was bei einer Frau im Unbewussten verborgen

bleiben muss, was eingefroren ist und nicht zum Vorschein kommen darf, und

die Liebe ist etwas Extraordinäres. Sie nimmt dich auf den Arm und lässt dich

Ungeglaubtes leben.“ bestätigte Mutter. „Hast du keine Angst davor, dass es

sich nicht immer zu deinem Vorteil entwickeln könnte?“ fragte ich Sam. Der

lachte und meinte: „Sie wird immer die bonne sauvage bleiben, da bin ich

sicher, und die erlebe ich jetzt auch schon.“ Meine Mutter, die gute Wilde? Als

natürlich und echt war sie mir schon immer erschienen, aber dass sie aus sich

herausgehen und ihre Gefühle offen ausleben konnte, schien mir für die

arrivierte, distinguierte, ältere Anwältin unglaublich, aber ich hatte ja ihre

Kindereien durch die offene Schlafzimmertür mitbekommen.


Das alte Kind - Inhalt

Das alte Kind.........................................................................................3

Muttersöhnchen.....................................................................................3

Mutters neuer Freund..............................................................................4

Mutter du bist ein Kind............................................................................5

Veras Freundschaft.................................................................................8

Wachträume..........................................................................................9

Phallozentrisch verseucht.......................................................................12

Ferienzeit............................................................................................13

Liebe als ob.........................................................................................14

Mit Hélène bei Mutter...........................................................................15

Hélène am Baggersee............................................................................16

Neue Initiativen....................................................................................18

Auswärts in Heidelberg..........................................................................19

Weihnachtsferien..................................................................................20

Die wilde Frau......................................................................................23

Neue Zeit............................................................................................24

Begegnung mit dem Du.........................................................................25


Das alte Kind

Muttersöhnchen

„Und, die kann das besser?“ fragte Eva mit süffisantem Grinsen. Ich hatte ihr

gerade erzählt, dass ich morgen wegen der Wäsche zu meiner Mutter fahren

wolle. Eine kurze Pause. Ich erklärte lächelnd: „Ja, sie hat eine Waschmaschine.

Du hast völlig Recht. Im Grunde ist das unmöglich. Sie ist voll berufstätig,

muss auch allein ihren Haushalt führen und ich bring ihr noch meine schmutzige

Wäsche. Ich bin bestimmt ein Muttersöhnchen.“ erklärte ich. „Wieso?

Kommst du in dieser Welt ohne die Mutti nicht zurecht?“ vermutete Eva. „Nein,

nein, so nicht. Meine Mutter bedeutet mir ungeheuer viel. Sie ist für mich der

wichtigste Mensch auf dieser Welt. Das wird auch so bleiben, da wird sich niemand

zwischen drängen können.“ stellte ich es dar. „Warum grinst du?“ wollte

ich von Eva wissen. Eva war eine Kommilitonin, wir hatten uns beide für ein

Referat gemeldet. „Lass es uns doch zusammen machen.“ hatte Eva vorgeschlagen,

und es funktionierte nicht nur wunderbar, sondern es schien uns

Spaß zu machen. Wahrscheinlich hatte Eva gespürt, dass es sich mit uns so

entwickeln würde. „Weißt du, Mica, dass etwas immer so bleiben wird, solche

Sätze kommen grundsätzlich nicht über meine Lippen. So etwas wäre Hellseherei

und falsch, denn nichts bleibt immer wie es ist, alles verändert sich. Aber

mit deiner Mutterliebe, das ist doch nichts Ungewöhnliches. Von der Stunde

der Geburt an ist deine Mutter der wichtigste Mensch auf der Welt für dich. Sie

öffnet dir den Zugang zur Welt, dass du sie zu deiner machen kannst. Auch

wenn dein bewusstes Gedächtnis später nichts mehr davon weiß, bei deiner

Gehirnentwicklung hat es sich aber unauslöschlich eingegraben. Du kannst

später noch so selbstständig sein, König der Welt spielen, aber deine Mutter

bleibt für dich immer der wichtigste Mensch.“ erklärte Eva. „Und du, gilt das

für dich auch?“ wollte ich wissen. „Bei Frauen und Mädchen ist das fast die Regel,

ich nehme an, so gut wie selbstverständlich. Ein Muttertöchterchen gibt es

ja auch nicht.“ bekräftigte Eva. „Bei Mutter und Tochter kommt auch noch die

Solidarität unter Frauen hinzu, nicht wahr.“ fügte ich an. Eva lache: „Ja, ja, die

ist wahrscheinlich genetisch verankert.“ kommentierte sie. „Vielleicht, aber das

glaube ich nicht. Für mich ist es eher eine kulturgeschichtliche Konsequenz, die

sich daraus ergibt, dass alles in unserer derzeitigen Welt männlich dominiert

ist.“ entgegnete ich. Eva starrte mich verwundert an und meinte: „Du gehörst

aber nicht dazu, zu dieser dominierenden, herrschenden Klasse?“ fragte sie

leicht provokant. „Natürlich bin ich ein Mann und werde auch überall wie ein

Mann behandelt, aber was das typisch männliche bei mir ausmacht, ist mir gar

nicht richtig bewusst.“ erklärte ich. „Du möchtest lieber eine Frau sein.“ vermutete

Eva. „Nein, nein, so nicht, aber ich denke schon, dass die Welt ganz

anders aussähe, wenn das Weibliche dominierte.“ meinte ich. „Mica, es gefällt

mir, mich mit dir zu unterhalten. Ich könnte aus feministischer Sicht bestimmt

noch einiges von dir lernen. Wie nennt man denn eigentlich einen Mann, der

feministische Gedanken vertritt? Einen Feministo im Gegensatz zum Macho?“

fragte Eva und lachte. Sie fuhr fort: „Wie kommst du denn überhaupt darauf?

Hast du Simone de Beauvoir gelesen oder Ähnliches?“ „Nein, ich habe mich


häufig mit meiner Mutter unterhalten. Sie ist eine biedere Rechtsanwältin, aber

in feministischer Philosophie kennt sie sich absolut aus. Für mich sind es

einfach die klügeren und intelligenteren Ansichten und Deutungen.“ erläuterte

ich. Eva gehörte zu den Frauen, die ich als sehr angenehm empfand.

Außerdem gab es für mich noch Frauen, die ich als eher unangenehm

bezeichnen würde, weil es mir vorkam, dass ihnen eine Sucht zu Disharmonien

angeboren schien. Den größten Teil bildeten aber die Frauen, die ich fast gar

nicht wahrnahm. Ihr Gesicht, ihr Verhalten, ihre Gedanken und Äußerungen

schienen von einem grauen Dunstschleier der Allgemeinheit überzogen. Dann

gab es noch besondere Frauen, deren Gesicht für mich einen speziellen

Ausdruck vermittelte. Was dieser Ausdruck konkret war und was er bei mir

bewirkte, das konnte ich gar nicht benennen, ich spürte es einfach. Mutter

hatte das kritisiert und gemeint, es handele sich um eine Machoansicht. Ich

würde Frauen nach Kategorien der Brauchbarkeit für mich sortieren. Unrecht

hatte sie wahrscheinlich nicht, aber sollte ich mein ganzes

Wahrnehmungsverhalten umbauen?

Mutters neuer Freund

„So, und was für einer? Einer vom Amur oder ein Königstiger?“ hörte ich Mutter.

„Der Tiger von Eschnapur bin ich.“ so Mutters Freund. „Au, du tust mir

weh mit deinen scharfen Krallen und den langen Zähnen.“ Mutter wieder. Sie

lachte ständig. Wahrscheinlich kitzelte ihr Freund sie noch zusätzlich. So hatte

ich Mutter noch nie lachen gehört, fast wie ein Kind. Dann kamen noch einige

zärtliche Worte für Sammy, so hieß der neue Freund wohl. Ich ging in mein

Zimmer. Stören konnte ich die beiden ja jetzt nicht, auch wenn es schon zehn

Uhr am Samstagvormittag war. Mutter wusste, dass ich kommen wollte, aber

das schien jetzt wohl alles weniger bedeutsam. Mutter hatte es mir am Telefon

gesagt, dass sie jetzt einen Freund habe. „Kannst du dir das vorstellen, richtig

verliebt bin ich, unglaublich, nicht wahr?“ hatte sie gesagt. Das war für mich

allerdings unglaublich. Ich wusste gar nichts zu sagen und erklärte nur: „Wie

schön für dich.“ Vor anderthalb Jahren hatten sich meine Mutter und mein Vater

getrennt. Das hielt ich für unverschämt. Sie gehörten doch schließlich nicht

jeder sich nur alleine, sie waren doch zusammen meine Eltern, und da konnten

sie doch nicht einfach, ohne mich zu fragen, auseinander laufen. „Da ist nichts

mehr. Wir sind einfach nur noch da, weil wir dazu gehören, wie die Möbel

auch.“ hatte Mutter erklärt. „Und die vielen Jahre gemeinsames Leben und gemeinsame

Erfahrung, das bedeutet alles nichts?“ hatte ich eingewandt. „Doch

schon, das habe ich mir ja auch immer vorgesagt, sonst wäre es schon viel

früher zur Trennung gekommen.“ Mutter dazu. „Wie konnte es denn dazu kommen?

Ihr habt euch doch auch mal geliebt.“ wollte ich erklärt haben. „Oh, Michi,

das ist eine lange Geschichte. Ich könnte dir jetzt stundenlang etwas erzählen,

aber das ist auch meine ganz private, intime Geschichte, die nur mir

gehört. Im Übrigen müsste ich dann auch einiges zu deinem Vater erzählen.

Das mach ich sowieso nicht. Das kann er dir ja selbst erzählen. Aber es hat

sich auch nichts Spektakuläres abgespielt. Es hat sich so ähnlich entwickelt wie

bei vielen anderen auch. Nur wir waren zu unachtsam, haben nichts wahrgenommen,

haben zu sehr an der Oberfläche in den Tag gelebt. Als es uns bewusst

wurde, war es längst zu spät, und Gewesenes wieder zurückholen, und


es neu beleben, das geht nicht.“ hatte Mutter erklärt. Mich störte es schon,

dass mein Vater jetzt nicht mehr da war. Freundlich war er immer gewesen,

aber eine tiefere Beziehung war zu ihm nie zustande gekommen. Trauer habe

ich wegen der Trennung meiner Eltern nie empfunden. Mein Hauptbezugspunkt

war ja auch vorher schon meine Mutter gewesen. Wir hatten häufig über

feministische Vorstellungen diskutiert, mit Vater sprach sie über so etwas

nicht. Für mich war klar, dass sie in ihrem weiteren Leben allein bleiben würde.

Einerseits war sie mit vierundfünfzig ja nicht mehr in dem Alter, das auf

Männer besonders attraktiv wirkt, und andererseits konnte ich mir nicht

vorstellen, dass sie mit ihren feministischen Ansichten Lust auf einen Mann

haben könnte. Direkt männerfeindlich war sie zwar nicht, aber ihre Ansichten

über Liebe hätten sie eigentlich davor bewahren müssen.

Mutter du bist ein Kind

Ich hörte etwas in der Küche und ging hin. „Ah, sie sind Sammy, Mutters neuer

Freund. Guten Morgen.“ begrüßte ich den Mann in der Küche. „Nein, nein, Sam

oder Sammy das ist Victoria. In Wirklichkeit heiße ich Isaac, aber Victoria sagt,

Isaac und Samuel sei das Gleiche, und Sam passe gut zu mir und gefiele ihr.“

korrigierte der Mann. „Sie lieben meine Mutter?“ fragte ich lächelnd. Der Mann

lachte. „Würden wir sonst die Nacht gemeinsam im Bett verbringen?“ fragte er

erstaunt. „Wenn es ihnen lieber ist, können wir uns natürlich weiter mit Sie anreden,

aber mir wäre es angenehmer, wenn sie mich Isaac oder meinetwegen

auch Sam nennen würden.“ erklärte der Mann. „Mein voller Name lautet Michael,

aber alle benutzen irgendwelche Abkürzungen, die ihnen gerade in den Sinn

kommen, und erwarten selbstverständlich, dass ich weiß, wen sie damit meinen.“

stellte ich mich vor, und Sam schmunzelte. Mutter kam aus dem Bad. Mit

glänzendem Gesicht kam sie auf mich zu, umarmte und küsste mich. „Das ist

er. Jetzt ist er da. Ist das nicht wundervoll?“ sagte sie und zeigte dabei auf

Sam. „Mutter, du bist ein Kind.“ erklärte ich. „Das denke ich auch manchmal.“

erklärte Sam, „nein, nicht ein Kind, wie eine junge Frau ist sie, offen, unbeschwert,

lebhaft und lustig. Wundervoll, Victoria.“ „Das ist das normale Leben

einer Frau, das sie nicht leben kann, weil sie die Ordnungshüter des Geschlechts

daran hindern. Sie schreiben vor, wie eine Frau zu sein hat. Das

Drängen nach ihrem wirklichen Leben steckt aber in jeder Frau, auch wenn

man noch so massiv versucht hat, ihr die Erinnerung an die Kindheit auszutreiben.

Die Frau will sich selbst leben und die Kraft der Liebe verleiht ihr die

Macht dazu.“ interpretierte es Mutter. „Die Liebe befähigt dich, das zu leben,

was immer in dir war, aber wegen der Ordnungen für die Frauen in deinem Unbewussten

verborgen bleiben musste? Dazu gehört auch die Erinnerung an das

vergessene Mädchen Victoria?“ fragte ich nach. „Ja, es gibt vieles, was bei einer

Frau im Unbewussten verborgen bleiben muss, was eingefroren ist und

nicht zum Vorschein kommen darf, und die Liebe ist etwas Extraordinäres. Sie

nimmt dich auf den Arm und lässt dich Ungeglaubtes leben.“ bestätigte Mutter.

„Hast du keine Angst davor, dass es sich nicht immer zu deinem Vorteil entwickeln

könnte?“ fragte ich Sam. Der lachte und meinte: „Sie wird immer die

bonne sauvage bleiben, da bin ich sicher, und die erlebe ich jetzt auch schon.“

Meine Mutter, die gute Wilde! Als natürlich und echt war sie mir schon immer

erschienen, aber dass sie aus sich herausgehen und ihre Gefühle offen ausle-


en konnte, schien mir für die arrivierte, distinguierte, ältere Anwältin unglaublich,

aber ich hatte ja ihre Kindereien durch die offene Schlafzimmertür

mitbekommen. „Sammy ist ein kluger, intelligenter Mann. Eigentlich ist er Anthropologe,

aber in Wirklichkeit ist er Philosoph, nicht wahr, Sammy?“ erklärte

Mutter, „Vielleicht verstehen wir uns deshalb so gut, weil wir uns stets auf hohem

Niveau unterhalten können.“ „Wir lieben uns, weil wir gut miteinander reden

können? Ist da nicht auch noch etwas anderes?“ zweifelte Sam. „Du hast

Recht,“ bestätigte ihn Mutter, „aber nein, wenn wir kommunizieren, tauschen

wir doch nicht nur Texte aus. Wir begegnen einander doch in unserer vollen

Persönlichkeit. So haben wir uns doch auch kennengelernt.“ „Das kann ich mir

sowieso gar nicht vorstellen. Wie konnte Mutter denn Interesse an einem Mann

haben und dies auch noch äußern?“ fragte ich zweifelnd. Die beiden lachten.

„Ich kann mir das im Grunde auch gar nicht erklären. An das Gefühl, Interesse

an einem Mann oder ein Bedürfnis nach einem zu haben, kann ich mich auch

nicht erinnern.“ äußerte sich Mutter. „Es entwickelte sich eigentlich alles ganz

banal.“ begann Sam es zu erklären, „Es war ein ganz normaler Vortrag mit anschließender

Diskussion. Victoria bemängelte das Fehlen feministischer Aspekte.

Sie wurde kritisiert, weil das mit dem Thema nichts zu tun hätte. Ich fand

ihre Argumente aber so tiefgründig und fundiert, dass wir beide anschließend

noch allein miteinander weiter diskutierten. Dabei kamen wir auf die Idee, dass

wir uns nochmal treffen wollten. Wir gingen gemeinsam Essen.“ „Ich fand das,

was du sagtest, ja auch ganz interessant, aber bestimmt war da bei der Diskussion

schon etwas ganz anderes, was wir ineinander gesehen hatten. Wieso

musste ich an den folgenden Tagen immer an den netten Menschen denken.

Ich habe es mir verboten, wollte es nicht wahrhaben, aber es nützte nichts.“

kommentierte Mutter. „Hat Mutter dich denn gar nicht geprüft und getestet?“

wollte ich von Sam wissen. Mutter antwortete: „Na klar, es kam mir alles

schon so vor, wie liebesähnliche Empfindungen. Das hielt ich einerseits für unmöglich,

andererseits wollte ich es doch auch nicht. Nach dem gemeinsamen

Essen war es noch viel schlimmer geworden. Ich hatte ihn zum Kaffee zu uns

eingeladen, weil ich einerseits herausfinden wollte, wie es mit meinen Gefühlen

und Empfindungen wirklich bestellt war und andererseits musste ich ihn mir

doch mal genauer anschauen.“ „Der geplante Test verlief wie ein irres Spiel,

bei dem wir ständig nur lachten.“ fügte Sam hinzu. „Es wäre albern gewesen,

Fragen zu stellen und Antworten zu erwarten. Wir haben es einfach gespürt,

dass wir zu dem gleichen Rhizom gehörten. Wir waren uns eins. Dann ist alles

Übrige irrelevant. So dirigiert dich die Liebe.“ ergänzte Mutter. „Bei deiner Liebe

ist es anders. Da ist alles ordentlich und kalkuliert.“ ironisierte Sam. „Sie

hat mich bislang noch nicht befallen.“ antwortete ich lächelnd. „Er sucht ja

auch gar nicht danach.“ wusste Mutter. „Hast du denn danach gesucht? Wo

willst du denn danach suchen? Auf dem Heiratsmarkt auf Partnerbörsen? Liebe

kannst du doch nicht suchen. Du kannst vielleicht einen Partner finden, aber

nicht die Liebe.“ machte ich deutlich. „Ich vermute, du würdest sie auch gar

nicht reinlassen, wenn sie käme.“ prognostizierte Mutter. „Angst vor der Liebe?

Denn mutig muss man ja schon sein.“ fragte Sam. „Nein, so viel Glück wie ihr

beiden, haben eben nicht alle Menschen jeden Tag.“ antwortete ich.

Ich hatte nie Glück. Ich hatte viele Bekannte, und wenn man so will, auch


Freunde. Das lag an unserer Schulzeit. Aber nur zu Guido und Lars hatte ich so

enge Beziehungen, dass ich von Freundschaft sprechen würde. Jaco hatte es

uns schmackhaft gemacht. Wir sollten doch alle Mitglieder in seinem Sportclub

werden. Es gab keine Verpflichtung, irgendetwas zu tun. Man zahlte nur seinen

geringen Mitgliedsbeitrag und konnte alles nutzen, vor allem das Vereinsheim

mit seinem Bistro. Nirgendwo ist man so lange mit anderen Menschen zusammen

als in der Schule, aber uns reichten die sozialen Kontakte offensichtlich

nicht. Wir trafen uns auch noch nachmittags im Club-Bistro. Völlig ungewöhnlich

ist das nicht. Aus anderen Klassen trafen sich ja auch nachmittags Cliquen

in Cafés oder sonst wo. Morgens, das war eben Unterricht, nachmittags gab es

das freie Sozialleben, und das gefiel einem unter Vertrauten am besten. Wir

hatten immer noch gute Kontakte, luden uns zu Feiern oder Parties ein, obwohl

wir uns natürlich längst nicht mehr im Sport-Bistro trafen. Es hatte sich sozusagen

ein stabiler sozialer Kreis gebildet. Unser Sprache hatte sich sogar angeglichen.

Du konntest es nicht einfach so ablegen oder vermeiden. Es sprach

einfach aus dir heraus, und du merktest, das waren Ulrikes Worte. Doch auch

wenn meine Freunde Jungen waren, befasste ich mich lieber mit den Mädchen.

Bestimmt gab es auch unter ihnen welche, deren Aussehen nicht als optimal

galt, aber das interessierte mich nicht. Wenn du jemanden ein wenig kennst,

spielt das überhaupt keine Rolle, ja du kannst es nicht einmal erkennen. Die

Mädchen waren offener, in Gesprächen leichter zugänglich, sie hatten mehr

Lust zu lachen und hörten besser zu. Keineswegs ist das eine Aussage über

Frauen im Allgemeinen, aber für die Mädchen in unserem Kreis konnte ich das

nicht leugnen. Aber auch, wenn wir uns gut verstanden und mochten, hatte ich

als Junge, als Mann, der für sie als Lover in Frage kam, keine Chance. Da wurden

die bevorzugt, die wirklich Sport machten und ihre Muskeln aufbauten.

Verstehen konnte ich das nicht. Ging es um die Schönheit des männlichen Körpers?

Wirkte ein Mann attraktiv, weil er den Willen zum Siegen ausstrahlte,

oder waren es die uralten Bilder von Kraft und Stärke, die Frauen immer noch

faszinieren konnten, auch wenn sie heute völlig bedeutungslos waren. Ich würde

jedenfalls nicht ins Fitnessstudio gehen, um Frauen mit meinem Körper zur

Liebe zu animieren versuchen. Ich weiß gar nicht genau, was ich mir unter Liebe

vorstelle. Meine Mutter war ja ganz offensichtlich von der Liebe befallen,

aber der Gedanke, dass eine von den Frauen aus unserem Kreis, bei mir Gefühle

auslösen könnten, die mich zu derart exaltiertem Verhalten drängten,

ließ mich nur schmunzeln. Ich mochte sie schon, aber um Liebesgefühle auslösen

zu können, musste dich doch etwas besonders ansprechen, musste dich

etwas faszinieren. Die Frauen aus unserem Kreis, auch wenn sie alle das

Gymnasium besucht hatten, kamen mir eher vor wie Heringe aus der großen

Masse der im Mainstream schwimmenden Fische. An der Käsetheke hatte ich

eine Stimme gehört. Ich drehte mich zu ihr hin. „Nein, ein kleines Stückchen,

ich muss das ja fast alles allein essen.“ sagte sie. Wundervoll fand ich den

Klang und die Melodie ihrer Stimme und faszinierend ihren Gesichtsausdruck.

Sie war eine Frau im fortgeschrittenen Alter. Wie gern hätte ich ihr gesagt,

dass es mich glücklich machen würde. mit ihr gemeinsam bei einen Glas Wein

den Käse zu verzehren. Was war ich für ein Idiot. Ich kannte die Frau doch

überhaupt nicht, wusste nichts von ihr. Offensichtlich ließ ich mich doch von

Äußerlichkeiten verführen. Aber als Schönheit hätte die Frau an der Käsetheke

bestimmt nicht gegolten, dafür war sie zu alt. Waren es gar nicht die allge-


meingültigen Bilder von Schönheit und Ausstrahlung, die mich bei einer Frau

faszinieren konnten, sondern waren es meine eigenen Vorstellungen, Visionen

und Fantasien, die ich manchmal angesprochen fühlte? Nur die kannte ich

nicht, konnte sie nicht benennen, ich hätte gar nicht gewusst, was ich suchen

sollte. Eva zum Beispiel war eine sehr nette Frau, mit der ich mich hervorragend

verstand, und die ich gut leiden mochte, aber die Vorstellung, dass sich

zwischen uns eine Liebesbeziehung entwickeln könnte, war für mich undenkbar.

Vielleicht trägt ja jede Frau, auch wenn ich sie dem Mainstream zurechne,

einen unverwechselbaren, persönlichen Ausdruck in sich. Ich konnte ihn nur

nicht erkennen, meine Wahrnehmung war begrenzt und sah nur das, was sie

sehen wollte.

Veras Freundschaft

Bei Vera hatte mich auch kein starker persönlicher Ausdruck fasziniert. Wir saßen

nur zufällig bei einem Kaffee in der Mensa zusammen. Ich hatte dämlich

etwas zum Wetter gesagt, und Vera lachte sich schief über mich. Wir klärten

lachend mein dummes Gerede und kamen ins Gespräch. Bald sprachen wir

über Beziehungen und Liebe, allgemein und keineswegs auf uns persönlich bezogen.

Vera vertrat die Ansicht, dass feste Partnerschaft und Liebe antiquierte

Beziehungsformen seien, die ein sentimentales Bedürfnis bedienten. „Wir leben

als Menschen doch von unseren Beziehungen, und da kann es doch sehr tiefgreifende

Verbindungen geben, die nicht nur ein sentimentales Bedürfnis an

der Oberfläche bedienen.“ widersprach ich. Vera stellte klar, dass jeder Mensch

letztendlich sein eigenes Leben zu führen habe, eine feste Beziehung ihm aber

den falschen Eindruck vermittele, dass er nicht allein sei. Eine feste Beziehung

sei letzten Endes immer einengend. „Und wie sehen deine Vorstellungen aus?

Du lebst als Single und bei Bedarf hast du wechselnde Partner?“ vermutete ich.

„Nein, du kannst doch befreundet sein. Da bleibst du völlig frei, und wenn Bedarf

besteht, dann triffst du dich eben mit deinem Freund. Du kannst alles zusammen

machen, bleibst aber trotzdem völlig frei.“ erklärte Vera. Wir wollten

uns nochmal treffen und weiter darüber diskutieren. Vera kam zu mir. Mit der

einengenden Wirkung einer festen Beziehung, das sah ich ja auch so. Sie erzählte

von Bekannten, die das auch so machten, und wie glücklich sie damit

wären. Dass so die künftigen Beziehungen unter Menschen aussehen würden,

statt Liebe, Partnerschaft und Ehe alles nur Freundschaften, dass konnte ich

mir nicht vorstellen. Aber vielleicht war ich ja auch nur in antiquiertem Denken

gefangen. Ich mochte Vera, und wir lachten viel. Als ich sie fragte, wie viele

Freunde sie denn habe, wurde sie ernst. „Zur Zeit niemanden.“ sagte sie. Dann

folgte eine Pause. „Mica, ich finde dich sehr nett, und wir verstehen uns doch

auch gut, und da wollte ich dich mal fragen, was du davon hieltest, wenn wir

befreundet wären?“ Ich überlegte und versuchte es mir vorzustellen. Große

Liebesgefühle verspürte ich zwar nicht, aber das sollte ja auch nicht sein. Vera

gefiel mir allerdings schon sehr gut, und Freundschaft? Warum nicht? Zuerst

gingen wir auch manchmal gemeinsam ins Kino oder ins Konzert. Vera wurde

mir immer näher und vertrauter. Mir kam es vor, als ob man nur öfter etwas

gemeinsam liebevoll tun müsse, dann würde sich irgendwann die Liebe schon

einstellen. Besonders traf das zu, wenn wir gemeinsam ins Bett gingen. Später

trafen wir uns nur noch, um miteinander Sex zu haben. Natürlich war es jedes


mal wundervoll, und ich hatte keinesfalls etwas dagegen, mit Vera ins Bett zu

gehen, aber es erschien mir immer verlogener und irrsinniger. Niemals bist du

einem anderen Menschen so nahe, so vertraut, so offen, so intim wie beim

gemeinsamen Sex, aber du darfst nicht sagen, was Vera dir bedeutet, was du

für sie empfindest? Nur gemeinsames Vergnügen soll das sein? Widerlich, so

eine Benennung. Ich liebte Vera. Kein anderer Mensch war mir je so nahe, und

das musste ich verschweigen? Für pervers hielt ich es und wollte mich nicht

weiter selbst belügen. Ich versuchte es Vera zu erklären und war sicher, dass

sie es auch so sehen würde. Aber das war wohl eine typisch männliche

Fehleinschätzung, wonach die eigenen Argumente die besseren sind, die alle

überzeugen müssen. Bei mir kam noch hinzu, dass ich sicher war, dass Vera

mich auf keinen Fall verlieren wolle, aber auch das eine Fehleinschätzung. Sie

sagte nur, dass sie es als schade empfinde, dass es mit uns beiden ja

offensichtlich nicht funktioniere. Was für eine Frau, die mir die Liebste war,

kann einfach so unsere tiefen, intimen, persönlichen Bindungen fliegen lassen,

weil es nicht in ihr Konzept passt, dass ich ihr sage, es sei die Realität, dass ich

sie lieben würde. Ich weiß nicht, was es für Vera letztendlich wirklich

bedeutete, aber diese Coolness und Härte hätte keine von den von mir als

Mainstreamfrauen bezeichneten, an den Tag gelegt. Für mich hatte es die

Wirkung eines Schockerlebnisses. Ich konnte es gar nicht fassen, mich jetzt

nicht mehr mit Vera treffen zu können. Sie war zu einem Teil von mir

geworden. Ich liebte sie. Mutig war ich dazu nicht gewesen, es hatte sich

einfach so ergeben. Nur mich in eine andere Frau verlieben, das konnte ich mir

nach Vera gar nicht vorstellen. Unabhängig davon hatten mir die Erfahrungen

mit Vera auch Angst gemacht. Nach Liebesbeziehungen verspürte ich kein

Verlangen mehr, mir würden die freundlichen Momente, wie zum Beispiel mit

Eva, genügen.

Wachträume

Wenn ich mich hinlege, wandern meine Gedanken nicht selten in Regionen, die

mit der tatsächlichen Wirklichkeit nicht mehr korrelieren. Ich habe zum Beispiel

Kompliziertes am Computer zu lösen, bis mir plötzlich bewusst wird: „Ich habe

ja gar keinen Computer.“ Ich träume schon, aber schlafe noch gar nicht. Die

Realität ist noch nicht völlig ausgeblendet. Ähnliches muss sich an manchen

Tagen abspielen. Du bist zwar wach und lebst selbstverständlich in der Realität,

aber deine Vigilanz scheint sich nicht voll auf dein Handeln zu konzentrieren.

„Du träumst.“ hatte Mutter dann früher manchmal gesagt, wenn sie es

merkte. Wovon ich dann angeblich träumte, wusste ich aber nicht. Heute morgen

hatte ich schon aus Unachtsamkeit eine Tasse Kaffee verschüttet. Als ich

in die Vorlesung wollte, stand nur die halbe Tür offen. Zu schmal für die Kommilitonin

und mich gleichzeitig. Mir wurde es aber nicht bewusst, sodass ich die

Kommilitonin anrempelte. „Oh, Entschuldigung, das ist mir peinlich. Es tut mir

entsetzlich leid.“ erklärte ich. „Regen sie sich doch nicht auf. Das ist doch ganz

normal, jedem hätte das passieren können.“ reagierte sie freundlich lächelnd.

Mittags traf ich sie wieder in der Mensa. Ich schloss mich ihr an und stellte

mich neben sie an der Theke. „Sie sind eine sehr freundliche Frau.“ erklärte

ich. „Das stimmt, aber klären sie mich auf, woher sie das wissen.“ bat sie. „Na,

sie hätten ja auch sagen können: „Sie unverschämter Rüpel können sie denn


nicht aufpassen?“ antwortete ich. Die Studentin bog sich vor Lachen. „Das

stimmt. Hätten sie das denn lieber gehört? Aber das ist nicht mein Stil. So

spreche ich nicht, auch wenn ich keine freundliche Frau wäre.“ erklärte die

Frau und weiter, „setzen wir uns zusammen. Meine Freundin Julia ist noch

dabei. Sie hat auch großen Hunger.“ Wir suchten uns freie Plätze. „Das ist die

besagte Julia, und ich bin Hélène, Französin.“ stellte sie sich vor. Kurze Pause

und Lächeln. „Quatsch, ich bin keine Französin. Nur mein Name ist französisch

mit Akzent hinten und Akzent vorne.“ sagte Hélène und lachte. „Franzose wäre

ich auch gerne. Ich heiße Michael.“ erklärte ich. „Dann wärst du Michel oder

Miguel, nein, das ist, glaube ich, spanisch.“ wusste Hélène. „Das wäre doch

besser. Jetzt nennen sie mich alle Micha, Mica, Micki oder was ihnen gerade

einfällt.“ erläuterte ich. „Mischu, würde ich dich nennen, gefiele dir das?“

erkundigte sich Hélène. Julia lachte die ganze Zeit. Warum? das war nicht zu

ergründen. Ich dachte nur, wie wundervoll, eine Freundin zu haben, die immer

gut aufgelegt ist, die immer lacht. Aber auch Hélène und ich lachten häufig,

obwohl wir uns doch überhaupt nicht kannten und nichts miteinander zu tun

hatten. Vielleicht gibt es eine stillschweigende Übereinkunft unter

Kulturwissenschaftlern, einen tacit consent, von dem man als Student zwar

nichts weiß, aber den man spürt. Nein, es lag wahrscheinlich an der kuriosen

Situation unseres Zusammenpralls und unseren Reaktionen darauf. Nach dem

Essen sinnierte ich noch darüber, dass man doch im Grunde aus jeder

Situation, ein Erlebnis mit Gefühlen des Wohlempfindens bereiten konnte, aber

das lag wahrscheinlich auch an beiden Kommunikationsteilnehmern. Hélène

hatte einen starken Eindruck auf mich gemacht, und ich musste in den

folgenden Tagen öfter an sie denken. Sie wirkte so klar, offen und direkt, wie

ich mir das vorstellte, wenn Mutter ihre eingefrorene Kindheit leben wollte. Ich

würde sie ja noch öfter sehen. Ansprechen wollte ich sie auf jeden Fall. Aber

ich begegnete ihr nicht, weder ihr noch Julia. Sie musste etwas anderes

machen, denn Kulturwissenschaftler gab es ja nicht so immens viele. Ich

überlegte ja auch eventuell mein Zweitfach zu wechseln. Philosophie oder

Kulturgeschichte stand für mich zur Wahl. Ich hatte mich für Kulturgeschichte

entschieden. Politikwissenschaft hatte ich zusätzlich gewählt, weil ich mich für

aktuelle Politik sehr interessierte, aber jetzt konnte ich mich mit Theorien zur

Staatenbildung und der Magna Carta beschäftigen. Belanglos war das ja

keineswegs, nur traf es nicht im Geringsten mein derzeitiges Interesse. An

Hélène musste ich öfter denken. Was sie wohl gestört hatte, und was sie wohl

machte.

Exkursion

Zwei Jahre später nahm ich an einer von den Biologen organisierten Exkursion

zu einem Vogelschutzreservat teil. Jeder sollte es eigentlich gesehen haben,

nur jetzt war es durch den Anstieg des Wasserstands bedroht. Hier brüteten

Vögel, die es sonst nur in Norwegen gab. Die Frau da vorne, das musste Hélène

sein, ich konnte mich nicht irren. Ich sprach sie an. „Ich weiß nicht, wovon

sie sprechen. Lassen sie mich in Ruhe.“ sagte sie abweisend. „Aber, Hélène,

dass ich deinen Namen weiß, zeugt doch davon, dass wir uns kennen. Ich bin

der Mica, den du Mischu nennen wolltest.“ versuchte ich es nochmal. „Mag

sein, dass sie Recht haben, aber ich möchte trotzdem nicht, dass sie mich be-


lästigen.“ erklärte sie. „Ich habe damals gesagt, dass ich sie für freundlich hielte,

jetzt müsste ich dem hinzufügen, dass sie auch zickig sein können.“ reagierte

ich. „Sie sind ein frecher Lümmel.“ antwortete sie, wobei sie aber wieder

lachte. Natürlich konnte sie es vergessen haben. Es war ja nur eine kleine unbedeutende

Episode am Mittag. Nur ich hatte sie nicht vergessen, weil Hélène

auf mich so beeindruckend gewirkt hatte. Ich hätte mich gern mit ihr unterhalten,

sie alles Mögliche gefragt, aber sie hatte sich ja strikt verweigert. Jetzt traf

ich sie auch wieder in der Uni. Im Foyer sprach ich sie an. „Hélène, ich will

doch nichts von ihnen, ich will sie auf keinen Fall belästigen, aber können wir

uns denn nicht mal wie ganz normale, vernünftige Menschen unterhalten?“

bettelte ich. Sie musterte mich prüfend. „Na gut, Donnerstag um 15ºº Uhr in

der Cafeteria?“ schlug sie vor. Ich erzählte nochmal, was sich vor zwei Jahren

zugetragen hatte, und jetzt erinnerte sich Hélène doch wieder. „Ich habe so

viele Probleme gehabt, und Julia ist auch nicht mehr da. Ich habe Biologie studiert.

Das war eigentlich der Anlass und das Zentrum meines Studiums, aber

beides zusammen war nicht zu schaffen. Meine Ansichten haben sich verändert.

Biologie ist und bleibt sicher immer wichtig und interessant, aber ich sehe

den Schwerpunkt meiner Wertvorstellungen mittlerweile primär im Kulturellen,

im Geisteswissenschaftlichen.“ erklärte Hélène. „Also Biologie hast du abgebrochen.

Machst du denn neben Kulturwissenschaften noch etwas anderes?“ erkundigte

ich mich. „Ja, ja, mit den Wissenschaften der Historie beschäftige ich

mich, ich mache Geschichte. Das passt doch ganz gut zusammen, nicht wahr?“

antwortete Hélène. „Ich finde dass es eine kluge Kombination ist, aber was

wäre von einer klugen Frau, wie dir, auch anders zu erwarten.“ kommentierte

ich. „Nimm dich in Acht, du Schelm.“ verbat sich Hélène derart triviale Komplimente.

Die Anwesenheit von Hélène kam emotionalem Streicheln gleich. Sie

sprechen zu erleben, dem Klang und der Melodie ihrer Stimme lauschen zu

können und ihre Augen zu erleben, wenn sie mich anblickten, löste Gefühle

von Wohlempfinden aus. Ich fragte sie, ob wir uns nicht öfter mal unterhalten

könnten. Hélène blickte mich fest an. „Michael, oder wie wollte ich dich nochmal

nennen?“ fragte sie. „Mischu.“ fügte ich ein. „Also, Mischu, obwohl ich

kaum etwas von dir weiß, meine ich doch zu spüren, dass du ein ganz netter

Mensch bist. Aber für mich hat sich die Situation verändert. Ich habe einen festen

Freund, und daran möchte ich nichts beschädigen. Mich einfach so mit

fremden Männern treffen, wäre da nicht so gut.“ erklärte Hélène. „Oh, Schreck,

Hélène, wie denkst du? Ich dachte nur, dass es schade wäre, wenn man sich

gut untereinander versteht, den Kontakt abreißen zu lassen.“ reagierte ich.

„Und deine Freundin, was sagt die dazu?“ wollte Hélène wissen. „Ich habe gar

keine und will auch keine. Schlechte Erfahrung.“ bemerkte ich. „Verlassen worden?“

forschte Hélène nach. „Nicht so direkt.“ erklärte ich. „Indirekt verlassen?

Wie geht das denn?“ staunte Hélène. „Ach, Hélène das ist eine unangenehme

Geschichte, die möchte ich nicht erzählen, ja, ich möchte noch nicht einmal

daran denken müssen.“ kommentierte ich. „Na gut,“ sagte Hélène schließlich,

„nächste Woche gleiche Zeit wieder hier?“ „Sollen wir nicht unsere Telefonnummern

austauschen, dann können wir uns informieren, wenn mal etwas dazwischen

kommen sollte.“ schlug ich vor. Davon war Hélène aber offensichtlich

nicht sofort begeistert. Sie schwieg, schaute zur Decke und überlegte wahrscheinlich,

welche Nachteile sich daraus ergeben könnten. „Wahrscheinlich hat

der Rempler an der Tür damals bewirkt, dass sich mein Herz für Michael-Mi-


schu geöffnet hat.“ scherzte sie. Dann holte sie einen kleinen Block raus,

schrieb eine Nummer darauf und schob mir den Block samt Stift hin. Jetzt hatte

ich Hélènes Telefonnummer und freute mich riesig. Was für ein Schwachsinn.

Würde ich sie jetzt etwa immer anrufen, wenn ich mal an sie dachte? Gar

nichts änderte sich, nur dass ich mit Hélène jetzt wieder normal reden konnte,

fühlte sich gut an. Ich meinte mir vorstellen zu können, wie belastend sich Disharmonien

zwischen Verwandten oder unter Nachbarn auf das eigene Befinden

auswirken können.

Phallozentrisch verseucht

Als wir uns wiedertrafen, kamen wir auf die staatlichen Maßnahmen zur Unterstützung

von Müttern mit kleinen Kindern zu sprechen. „Albern finde ich das

ganze Palaver und hin und her hier. In Frankreich ist das optimal geregelt.“ erklärte

Hélène. „Es ist sicher übersichtlicher und klarer, aber so optimal finden

das hier bestimmt nicht alle Frauen.“ wand ich ein. „Na ja, die Mamis hier sind

nie zufrieden, dabei haben sie in den letzten Jahren so viel erreicht.“ meinte

Hélène dazu. „Mag ja sein, dass es in den letzten Jahren einige Verbesserungen

gegeben hat, aber im Grunde geht es doch darum, dass Frauen und Männer

gleich behandelt werden. Das scheint aber ernsthaft keiner zu wollen.“ erklärte

ich. Hélène lachte. „Das ist doch unser Verfassungsauftrag.“ entgegnete

sie. „Wie simpel wäre es, den ungleichen Lohn von Frauen und Männern abzuschaffen.

Man müsste nur die ungleiche Bezahlung bei hohen Strafen verbieten.

Das Problem gäbe es nicht mehr. Überall, an den Schulen und an den Unis

sind Frauen die besseren, aber die Betriebe brechen zusammen, wenn sie die

Aufsichtsräte und leitenden Positionen paritätisch besetzen sollen? So etwas

kann dir doch nur jemand erzählen, der dich für einen Idioten hält.“ so von mir

zum Verfassungsauftrag. „Du meinst, die tatsächliche Gleichstellung ist noch

längst nicht verwirklicht, es könnte viel mehr geschehen, wenn man es wollte.“

interpretierte mich Hélène. „Hélène, Gleichstellung das ist ein nettes Wort mit

nichts dahinter. Die Welt existiert nicht in gleicher weise aus der Sicht von

Männern und von Frauen, fast alles, wovon wir umgeben sind, basiert auf der

Sicht phallokratischer Ordnungen.“ erklärte ich. „Du meinst, dass wir im Patriarchat

leben.“ schlussfolgerte Hélène. „So ähnlich vielleicht, aber ich will auch

keine Herrschaft von Müttern. Kein Mensch ist zum Herrscher oder Sklaven geboren.

Das macht die Gesellschaft aus ihm. Die freie Frau muss sich selbst, ihr

eigenes Leben leben können, und da weiß sie oft gar nicht mehr, was das ist.

Eine Bekannte der Freundin meiner Mutter hat ihr Amt als Frauenbeauftragte

zurückgegeben, mit der Begründung, dass die Frauen im Betrieb alle phallozentrisch

verseucht seien.“ erzählte ich. Nachdem Hélène sich totgelacht hatte

wollte sie es erläutert haben. „Die Frau kann sich gar nicht selbst sehen, sondern

sie sieht nur das Bild in dem sie aus der Sicht des Mannes erscheint. In

dieses Bild, das ihr selbst gar nicht entspricht, verliebt sie sich narzisstisch.

Pervers, nicht war, aber so ist es nicht nur beim Ego, sondern mit Ausnahmen

bei allem, was uns umgibt.“ erklärte ich. „Beschäftigst du dich viel mit feministischen

Fragen? Ich glaube, du hast da weit mehr drauf als ich.“ meinte Hélène.

„Nein, ich habe mich nur sehr viel mit meiner Mutter unterhalten. Bei mir

hat offensichtlich das Fragealter nie aufgehört. Wenn ich die Welt endgültig

komplett verstanden hätte, wäre vielleicht Schluss gewesen. Hast du sie denn


schon ganz verstanden?“ fragte ich. Hélène lachte. „Du bist süß.“ entfuhr es

ihr, „Aber ich habe ja auch niemanden, der sie mir erklären könnte und

wollte.“ „Bei den Gesprächen mit meiner Mutter kamen wir schon sehr früh in

philosophische Dimensionen. Ob du selbst mit deinem freien Willen

entscheidest oder ob es andere Determinanten gibt, ist doch in jedem Alter

interessant. Daher hätte ich auch beinahe Philosophie studiert.“ erzählte ich.

„Und was hat das mit feministischen Ansichten zu tun?“ wollte Hélène wissen.

„Na klar, wenn du über Frau und Mann sprichst, sind die feministischen

Ansichten einfach die klügeren, die intelligenteren, die besseren. Und

feministische Philosophie ist so etwas, wie das Hobby meiner Mutter. Es reizt

sie besonders, weil es ihren Intellekt fordert, wo sie sich sonst als Anwältin

minderwertig vorkäme.“ erläuterte ich. Dass wir uns nochmal treffen wollten,

bedurfte keiner Frage. Zum Abschied wurde ich sogar umarmt und gedrückt.

Offensichtlich hatte ich in Hélènes Wertvorstellung einen höheren Rangplatz

erklommen. Hatte ihr Herz sich weiter geöffnet, hatte ich Kluges gesagt, das

ihr imponierte, oder gefiel ihr was ich von meiner Mutter erzählt hatte?

Vielleicht war es auch ein Konglomerat aus allem, das mir das Empfinden

vermittelte, wir seien uns ein wenig näher gekommen.

Ferienzeit

Hélènes Eltern waren relativ begütert. Sie waren in den Ferien immer nach Biarritz

gefahren, weil sie den alten Charme der Belle Époque faszinierend fanden.

Hélène faszinierten aber mehr die jungen Männer am Strand, die auf einfachen

Brettern stehend, sich über mörderische Wellen schwangen. Hélènes Eltern

faszinierte das überhaupt nicht, weil Hélène insistierte, auch so ein Brett

haben zu wollen. Schließlich bekam sie doch eins mit der Auflage, nur direkt

am Strand darauf stehen zu lernen. Aber im nächsten Sommer schwang sie

sich schon über die Wellen. „Wenn du es einmal gemacht hast, wird es zur

Sucht. Wenn du einmal laufen gelernt hast, kannst du es nicht mehr lassen.“

sagte Hélène und lachte. „Und du machst es heute immer noch?“ wollte ich

wissen. „Aber hier geht es ja nirgendwo.“ bemerkte Hélène. „Windsurfen, der

ganze Baggersee ist doch voll mit Windsurfern.“ wusste ich. „Das hat doch mit

Surfen nichts zu tun. Wellenreiten haben sie früher dazu gesagt. Wo sind denn

auf dem Baggersee Wellen? Segeln mit einem Brett ist das eher. Die nutzen

den Wind aber nicht die Wellen.“ erklärte Hélène. Ich erzählte, dass mir die Urlaube

mit meinen Eltern nicht so viel gegeben hätten. Ich wäre lieber mit meinen

Freunden unterwegs gewesen. Einmal hätten wir uns sogar ein richtiges

Baumhaus gebaut, bis ein Förster im Herbst erklärt hatte, er könne das nicht

zulassen. Entweder wir machten es selbst weg, sonst ließ er es beseitigen, was

aber unsere Eltern bezahlen müssten. Das wäre ja das Schlimmste gewesen.

Das Baumhaus war doch unser Geheimnisschloss, von dem niemand etwas

wissen durfte. Wir erzählten uns noch einiges Lustiges aus unserer Kindheit

und Jugend und hatten dabei Lust zu lachen und zu spinnen. Es wurde deutlich,

das das Verhalten von Hélènes Eltern gewiss korrekt und freundlich war,

dass ihr aber so eine enge Bindung, wie ich sie zu meiner Mutter hatte, fehlte.

Ihre herzlichste Beziehung war die zu ihrer Kinderfrau gewesen. Wir kamen auf

die verrückte Idee, einen gemeinsamen Ausflug zu machen. Ich wollte Hélène

zeigen, in welchem Baum im Stadtwald sich unser Baumhaus befunden hatte


und Hélène wollte mit mir zum Baggersee fahren, damit ich mal versuchen

könne, auf einem Surfbrett zu stehen. Wann wir das machten, wollten wir

telefonisch absprechen.

Liebe als ob

Wir unterhielten uns auch über Liebe. Alle möglichen Aspekte waren interessant,

nur mit uns persönlich hatte das nichts zu tun. Ich erzählte von einer

Bekannten, von der ehemaligen Freundin war Vera schon zu einer Bekannten

degradiert, denn ich hielt sie für unmenschlich. Alles zu ignorieren und alle gemeinsamen

Erfahrungen zu missachten, schien mir für ein menschlich fühlendes

Wesen nicht möglich. Hélène konnte sich das mit der Freundschaft auch

nicht vorstellen, aber was Liebe wirklich sei, wisse sie auch nicht so richtig. Ich

erzählte von Mutter und Sam, die es beide eigentlich nicht gewollt hätten, aber

von der Liebe überwältigt worden seien. Mutter fühle sich außerordentlich

stark, und die Liebe gäbe ihr die Kraft, ihr wirkliches Leben als Frau zu leben,

das bislang in ihrem Unbewussten gefangen gewesen sei. Wir sprachen auch

über das Zerbrechen von Liebe und die Trennung meiner Eltern. Ich war der

Ansicht, das sogenannte Liebe heute häufig wie ein Geschäft behandelt werde.

Man suche sich nach vermeintlicher Brauchbarkeit aus und erkläre es dann zur

Liebe. „Wenn so etwas nicht lang hält, brauchst du dich nicht zu wundern.“ behauptete

ich. „Du meinst, wirkliche Liebe ist da im Grunde gar nicht vorhanden.

Sie wünschen es sich nur und tun, als ob es so wäre?“ vermutete Hélène.

„Ja, ich vermute, dass es häufig so ist, aber wirkliche Liebe gibt es natürlich

auch.“ antwortete ich. „Und woran erkennt man die wirkliche Liebe, die nicht

sofort zerbricht?“ wollte Hélène wissen. „Ich bin doch kein Liebesberater. Aber

ich denke das verliebtes Schwärmen sich an der Oberfläche bewegt und keine

Voraussetzung für eine dauerhafte Beziehung ist. Ein tiefgründiges Interesse

an der Person des oder der anderen sollte bestehen, verbunden mit dem Bedürfnis

sich immer besser kennenzulernen. Dann meine ich, dass die Liebe

auch komplex sein sollte und versucht, den anderen möglichst umfänglich in

allem zu erfassen.“ lautete mein Ratschlag. „Du bist ein kluger Junge. Weißt du

das auch alles von deiner Mutter?“ fragte Hélène. „Ich weiß nicht alles von

meiner Mutter. Das ist Quatsch. Ich bin auch Mica, ein eigenständiger Mensch.“

bekam Hélène zur Antwort. „Trotzdem würde ich deine Mutter gern mal kennenlernen.“

wünschte Hélène. „Ruf in der Kanzlei an und lass dir einen Termin

geben.“ empfahl ich ihr. „Mischu, du spinnst. Du kannst mich doch einfach mal

mitnehmen, wenn du nach Hause fährst.“ wünschte Hélène. „Ja, soll ich meiner

Mutter die zukünftige Schwiegertochter vorstellen?“ wollte ich geklärt haben.

„Unsinn, wir können ihr doch klar machen, dass wir kein Paar sind, sondern

uns nur von Unterhaltungen kennen. Das Gespräch über Liebe war völlig losgelöst

von uns selbst geführt worden, aber trotzdem waren meine Gedanken immer

bei Hélène. Ihre Mimik ließ erkennen, dass manches Hélène offensichtlich

sehr beschäftigte. Mir kam es vor, dass wir uns durch das Gespräch über Liebe

um vieles näher gekommen waren. Auch wenn wir nicht direkt über uns selbst

gesprochen hatten, kam es mir doch sehr offen und vertrauensvoll vor.


Mit Hélène bei Mutter

„Mica, du bist wohl verrückt geworden. Schleppst einfach eine fremde Frau an

und stellst sie hier hin. Was soll ich denn jetzt machen? Den Hexentanz aufführen

oder was?“ beschwerte sich Mutter, als ich Hélène mitgebracht hatte. „Michael

ist völlig unschuldig. Ich bin die Schlimme.“ versuchte Hélène es zu erklären.

„Er hat mir von ihnen erzählt, und das fand ich so interessant, dass ich

gedacht habe, die Frau würde ich gern mal kennenlernen.“ „Tscha, aber was

wollen sie denn von mir wissen oder kennenlernen. Ich bin eine ganz normale

Frau, wie alle anderen auch.“ erklärte Mutter. „Das kann nicht sein. Sie haben

einen prächtigen Sohn, und er hat gesagt, dass sich das alles aus Gesprächen

mit ihnen entwickelt hat. Meine Mutter hat mit mir keine philosophischen Diskussionen

geführt.“ stellte Hélène klar. Dann unterhielten sich die beiden unter

sich. Ich hörte noch, wie sie über Liebe sprachen. „Du kannst sie nicht bestellen

oder suchen. Sie kommt wann sie will, und dann nimmt sie dich an die

Hand. Sie führt dich auf Wege, die dir unbekannt sind. Es sind aber deine

Wege, die immer in deinem Unbewussten verborgen waren, weil du sie bislang

nicht gehen durftest. Die Kraft der Liebe aber macht dich stark, das Unbewusste

von dir zu leben.“ erklärte Mutter. Die beiden hatten viel Spaß miteinander.

Sie lachten häufig. „Es gibt ja Jungs, die sich Mütter als Schwiegersohn für ihre

Tochter wünschen. Wäre Mica da nicht auch so jemand?“ wollte Mutter wissen

und lachte. „Von Schwiegertöchtern kenn ich das gar nicht, aber ich habe Hélène

schon gesagt, dass es mich freuen würde, sie öfter zu sehen.“ „Mutter, was

kannst du für einen Stuss reden. Da lässt dich die Liebe wohl wieder das alberne

Kind spielen.“ deutete ich Mutters Ansichten. „Bevor wir zu deiner Mutter

fuhren, genoss sie bei mir hohes Ansehen. Jetzt weiß ich gar nicht, was ich sagen

soll. Ich glaube sie hat mich völlig okkupiert. Sie ist nicht nur eine äußerst

kluge Frau, sie ist auch voller Poesie. Ist dir das noch nie aufgefallen.“

schwärmte Hélène. „Vielleicht, so genau kann ich es gar nicht sagen.“ reagierte

ich lapidar. Mir schwirrte nur immer der 'prächtige Sohn' im Kopf herum, als

den Hélène mich bezeichnet hatte. Wie sie wohl darauf gekommen war? Ob sie

nur meiner Mutter schmeicheln wollte oder dabei auch an mich gedacht hatte?

Ob sie mich für prächtig hielt, weil ich ihrer Ansicht nach viel wusste, oder ob

ich dabei war, in ihren Empfindungen für mich an Pracht zu gewinnen? Wir trafen

uns jetzt immer bei mir, das war gemütlicher. Dazu war mein Bett gut geeignet,

aber zu allem anderen taugte es nicht. Nach meinem USA Aufenthalt

musste ich unbedingt so ein Bett haben, weil alle dort so ein Bett hatten. Später

habe ich in einem Test gelesen, dass es bei diesen Betten für alles nur

schlechte Bewertungen gab. So entscheiden eben die oberflächlichen Menschen

aus der Allgemeinheit. Auf meinen Original Handmade Amish Quilt war und

blieb ich aber stolz. Hélène hatte sich schon aufs Bett gelegt, während ich das

Tablett mit dem Kaffee holte. Hélène machte eine ernste Mine und erklärte zögernd,

fast stotternd: „Mischu, weißt du, wir wollten uns ja nur unterhalten.

Das haben wir ja auch getan, aber dabei hat sich für mich auch gezeigt, dass

ich dich als Mensch sehr nett finde.“ Ich wusste nicht, was daraus werden sollte.

„Na klar, wir mögen uns doch beide gut leiden, deshalb verstehen wir uns

ja auch so gut.“ kommentierte ich verallgemeinernd. „Na ja, ich glaube, es ist

schon mehr. Ich denke, dass ich für dich starke Gefühle habe. Empfindest du

so etwas auch für mich?“ wollte Hélène wissen. Erwartete sie jetzt eine Liebeserklärung

von mir? Ich wollte alles zunächst mal hinauszögern. „Was sagt denn


dein Freund dazu, wenn du starke Gefühle für mich hast?“ erkundigte ich mich.

„Jörg und ich, wir haben uns getrennt. Wir waren uns einig, dass es keine

Liebesgefühle waren, die uns verbanden. Das wurde mir besonders deutlich,

als ich spürte, wie sich die Liebesgefühle für dich entwickelten.“ berichtete

Hélène. „Du willst also sagen, dass du dich in mich verliebt hast. Bedarf es zur

Liebe denn nicht immer zwei Personen. Beruht denn Liebe nicht auf

Gegenseitigkeit?“ fragt ich. „Du liebst mich also nicht?“ vermutete Hélène, „Ich

weiß ja auch nicht, ob es wirklich Liebe ist, nur sind es immer sehr angenehme

Gefühle, wenn ich an dich denke.“ „Hélène, die angenehmen Gefühle habe ich

auch, besonders wenn wir uns treffen und miteinander reden. Aber sollen wir

nicht lieber mal ein wenig warten, bis wir uns sicher sind, dass es die Liebe ist,

die uns verbindet?“ schlug ich vor. Ich war ein Feigling. Ich mochte Hélène

über die Maßen, träumte von ihr, wünschte mir bei allem Erdenklichen, wie

schön wäre es, wenn Hélène jetzt hier wäre, aber ihr zu sagen, dass ich sie

liebe, traute ich mich nicht. Einerseits hatte ich Angst vor allen denkbaren und

undenkbaren Katastrophen, die Liebe immer in sich bergen konnte, siehe Vera,

und andererseits schwebten mir auch die gewohnten Konsequenzen vor, von

denen ich eigentlich nichts wissen wollte. Heiraten, Schwiegertochter, Familie,

Kinder kriegen. Das war mir alles so fern. Freuen konnte ich mich darauf

keinesfalls. Wir fassten uns aber schon mal an und streichelten uns sanft die

Wänglein. Das durfte man auch, wenn man nicht genau wusste, ob es Liebe

war. „Und die große Liebe, wann werden wir wissen, ob sie es ist?“ suchte

Hélène Klärung. „Das spürst du doch, sie erfasst dich voll und tief, und der

andere wird zum Zentrum der Welt für dich.“ wusste ich. Das Zentrum der

Welt war Vera für mich gewiss nicht gewesen, aber dass es Liebe war, was ich

für sie empfunden hatte, dessen war ich mir sicher. Vielleicht gibt es die Liebe

gar nicht, es wird eine Sammelbezeichnung für viele unterschiedliche Formen

der Zuneigung sein. Aber es handelt sich immer um eine sehr intensive Form

der Zuneigung mit starker emotionaler Beteiligung. Und ob das bei Hélène so

war, das wusste ich noch nicht? Ich war ein Idiot. Hélène hatte mich fasziniert

fast vom ersten Moment an, als ich sie noch gar nicht kannte. Ihr

Gesichtsausdruck, ihr Verhalten ihre Stimme lösten Glücksgefühle in mir aus.

Wenn wir uns getroffen hatten, war auch der Rest des Tages wundervoll. Das

ich sie liebte, stand für mich im Unbewussten schon lange fest, nur an eine

Realisierung war eben nicht zu denken. Da gab es eben die Barriere mit dem

festen Freund. Dass sich jetzt alles mit zwei Worten aufgelöst hatte, war für

mich vielleicht auch so plötzlich und überraschend gekommen, dass ich es

sofort gar nicht voll erfassen konnte. Natürlich war ich der Geliebte und hatte

eine Liebende, wie ich sie mir nicht wundervoller wünschen konnte, aber wir

mussten erst noch warten, bis wir es wirklich wussten. Bei der

Abschiedsumarmung legten wir unsere Wangen aneinander. Wir blickten uns

an mit den Augen fast direkt voreinander. Unsere Lippen suchten sich zu

einem Kuss. Hélène und ich, wir hatten uns geküsst. Die Freude darüber würde

wahrscheinlich eine ganze Woche anhalten.

Hélène am Baggersee

Wir wollten unsere Exkursion machen. Ich wunderte mich, dass ich nach so

langen Jahren im Stadtwald sofort den Baum wiederfand, in dem wir unser


Baumhaus gehabt hatten. „Oh je!“ entfuhr es Hélène. „Ja, heute wäre jeder

Sturz mit Sicherheit tödlich, aber auch was wir damals gemacht haben, kam

mir im Nachhinein kriminell gefährlich vor. Wir haben riesiges Glück gehabt,

dass nichts passiert ist.“ erklärte ich. „Früher haben die frommen Leute gesagt:

Kinder haben einen guten Schutzengel.“ wusste Hélène. „So wird es bei

uns auch gewesen sein.“ vermutete ich. „Wundervoll, diese großen alten Bäume.

Ich würde hier gern mal spazieren gehen. Gehst du häufig spazieren?“

fragte Hélène. „Leider nein. Als Kinder waren wir immer in der Natur unterwegs,

und heute komme ich gar nicht auf den Gedanken.“ erklärte ich. Am

Baggersee empfing uns eine völlig andere Vegetation, am Strand nur Sand und

dahinter Kiefern. Hélène hatte einen speziellen Dachgepäckträger für ihr Surfbrett.

Ein riesiges Gerät wie mir schien. Vielleicht benötigte man so etwas für

die gewaltigen Wellen im Golf von Biskaya, nur mit ihrem Auto würde ich die

Fahrt dahin lieber nicht wagen. Es war ein heißer Sommertag. Viele Menschen

badeten. Wir hatten uns einen Platz ein wenig abseits gesucht, aber Badesachen

brauchten wir auch, besonders ich, der damit rechnen musste, öfter ins

Wasser zu fallen. Ich war verrückt. Irgendetwas aufgefallen war mir an Hélènes

Gang schon. Noch nie hatte ich Frauen wegen ihrer Brüste oder ihres Hinterns

aufregend gefunden. Vielleicht registrierte es mein Unbewusstes ja doch

wie bei anderen Männern auch automatisch, und mir wäre es nur peinlich gewesen,

mir so etwas bewusst werden zu lassen. Aber Hélènes Po fesselte meinen

Blick. Ich wollte es gar nicht wahrhaben, aber ich musste ständig hinschauen,

als sie an ihr Surfbrett gelehnt auf den See starrte. Offensichtlich war

ihr Becken besonders weit nach hinten gebogen und die ausladenden Pobacken

zierten ihre Rückansicht. Genau beschreiben kann ich es gar nicht, weil ich

nicht weiß, wie es normaler weise sein müsste, aber Hélènes Po war göttlich.

Es war mir peinlich, dass ich so etwas empfand, aber es ließ mich nicht los. Es

dauerte lange und wir lachten viel, bis ich es endlich geschafft hatte, auf das

Surfbrett zu klettern und darauf stehen zu bleiben. Hélène gab dem Brett

einen Schubs auf den See, und ich landete natürlich sofort wieder im Wasser.

Dass es mir gelingen könnte, stehend auf den Kämmen der Wellen zu reiten,

schien mir etwas Menschenunmögliches. Bei Hélène konnte ich es mir allerdings

sehr gut vorstellen. Ihre Körperhaltung schien mir dafür prädestiniert.

Vielleicht hatte sie sich ja auch durch das Surfen so entwickelt. Sie hatte keine

dicken Beine, aber kräftige Muskeln an Ober- und Unterschenkel. Hélènes Körper

irritierte und faszinierte mich. Auch als wir nach Haus fuhren, musste ich

immer an ihren Po denken. Es war mir völlig unerklärlich. Ich wühlte in meinem

Gedächtnis und wollte erkunden, ob mir früher schon mal so etwas passiert

war, aber mir viel nichts ein. Na ja, es gab ja alles Mögliche im Hinblick

auf erotische Erregung, aber ich hielt es für einen intellektuellen Menschen als

unwürdig, auf die sekundären Geschlechtsmerkmale einer Frau zu reagieren.

Tat ich das denn? Nein, ich liebte Hélène doch, und da war mir ihre Rückansicht

eben besonders aufgefallen. Es war etwas, das mir an ihr gefiel, von dem

ich aber gar nicht genau wusste, warum. Vielleicht sollte ich mal etwas nachlesen

über die erotische Wirkung des weiblichen Hinterns, da gäbe es doch bestimmt

Untersuchungen. Aber das Allgemeine war mir ja gleichgültig, mich interessierte

nur Hélène. Ich wollte es vergessen, aber wenn ich an Hélène dachte,

war da jetzt auch immer das Bild vom Baggersee, mit ihrem Bikinihöschen

und den wundervollen Pobacken. Als wir uns das nächste mal trafen, fragte


Hélène: „Warum grinst du immer?“ Jetzt wurde mir erst bewusst, dass ich wohl

immer ein Schmunzeln auf den Lippen trug. „Reitest du gern?“ fragte ich

unvermittelt. „Nein, wieso? Überhaupt nicht. Wie kommst du darauf?“ wollte

Hélène wissen. „Mädchen haben doch häufig eine besondere Liebe zu Pferden,

und es könnte doch auch sein, dass dein Biologiestudium darauf basierte.“

argumentierte ich. Hélène blickte mich an und grinste skeptisch. Sie glaubte

mir nicht. „Sag, was es wirklich ist.“ forderte sie mich auf. Dein Gang ist ein

bisschen ungewöhnlich. Auf mich wirkt er so, als ob du ein Cowgirl wärst, das

jahrelang im Sattel gesessen hätte.“ erklärte ich. „Und neben John Wayne für

Gerechtigkeit in dieser Welt gesorgt hätte.“ komplettierte Hélène, „Aber warum

fällt dir das erst jetzt auf?“ Was sollte ich denn darauf sagen? Lügen?

Irgendwelche Ausreden erfinden? „Hélène, du quälst mich. Es ist mir unendlich

peinlich. Ich habe mich noch nie von den Möpsen einer Frau oder ihrem

Hintern beeindrucken lassen, aber als wir am Baggersee waren, musste ich

immer deinen Hintern anstarren. Und das Bild gehört jetzt zu dir, immer wenn

ich dich sehe.“ erklärte ich. „Und das macht dich traurig?“ wollte Hélène

wissen. „Nein, aber es ist doch eine total sexistische Ansicht. Stört dich das

denn nicht?“ fragte ich. „Es hat doch nicht irgendjemand gerufen, „Schau mal,

was die Alte für einen geilen Arsch hat.“ Was soll ich denn dagegen haben,

wenn du meinen Hintern schön findest?“ argumentierte Hélène. „Na, das hat

doch mit Liebe und Zuneigung nichts zu tun.“ erklärte ich. „Ist es nicht immer

die körperliche Faszination, wenn ein Mann eine Frau begehrt?“ vermutete

Hélène. „Aber meine Liebe, leider ist es heute nicht selten so, aber für mich

müsste das Begehren sich eindeutig aus der Liebe entwickeln.“ „Auch das

körperliche? Das liegt doch am Geschlechtstrieb.“ fragte Hélène grinsend.

„Aber natürlich, in der Liebe trennst du das doch nicht. Du liebst einen Mann

mit deinem Herzen und deinem Körper.“ erklärte ich.

Neue Initiativen

Auch wenn die Atmosphäre sich völlig verändert hatte, wir glichen ehr einem

Ehepaar, das sich bis ins Letzte versteht. Wir konnten alles tun, denken, vermuten

und behaupten, beurteilt wurde nichts. Wir versuchten nur uns immer

besser und tiefer zu verstehen. Trotzdem entwickelte sich vieles. Hélène wollte

eine andere Frau leben, nicht mehr eine, die in das phallokratisch dominierte

Bild der Allgemeinheit passt. Sie telefonierte oft mit Mutter. Hélène hatte begonnen,

eine Art Tagebuch zu schreiben, aber eher in offener, essayhafter

Form. Sie schreibe sich selbst, nannte sie es. Mutter hatte Hélène geraten,

Das Unbehagen der Geschlechter von Judith Butler“ zu lesen. Ich hatte es

zum Teil schon gelesen, jetzt lasen wir es gemeinsam nochmal. Etwas Wundervolleres

konnte es zur Förderung der Liebe und des Intellekts nicht geben. Wir

trafen uns, sooft es nur ging. Absolut spannend waren wir füreinander geworden.

Die äußerlichen Zeichen einer Liebe hielten sich aber weiter in Grenzen.

Zur Begrüßung und zum Abschied gab es Küsschen, aber sonst hatte sich

nichts verändert. Warum das so sein musste, war mir auch nicht mehr klar.

Wir unterhielten uns viel übers Studium, aber alles konnte Thema sein. Hélène

erklärte, dass sie unbedingt noch für ein Semester raus müsse. „Wegen Biologie

wollte ich wenigstens ein Semester in die USA, aber jetzt kann ich auch

hier irgendwo bleiben.“ erklärte sie. „Hélène, du kannst doch nicht einfach für


ein Semester verschwinden. Ich werde vor Einsamkeit sterben ohne dich.“

bewertete ich es. „Ich werde mein Leben lang eine dumme Nudel bleiben,

wenn ich nichts anderes kenne als die Uni hier. Wir können uns ja Mails

schreiben und telefonieren, und so lange wird es doch nicht dauern.“ erklärte

Hélène. „Und wenn du in Heidelberg einen Studenten oder anderen Mann

kennenlernst, der dir noch viel besser gefällt als ich?“ wollte ich erfahren.

„Mischu, du machst mich böse. Redest einfach so einen Unsinn daher. Mein

Leben, das ist mein Leben mit dir. Kannst du bei mir eine Tendenz erkennen,

dass ich mein Leben zerstören wollte?“ reagierte Hélène leicht ärgerlich.

„Dummes Allerweltsgewäsch, Entschuldigung. Ich gehöre zu deinem Leben?“

wollte ich etwas Genaueres erfahren. „Michael, ich war sicher nicht dumm und

ungebildet, aber seitdem wir uns kennen, haben sich für mich neue Welten

aufgetan, die zuvor im Dunkel des Unzugänglichen lagen. Was ich erfahren und

gelernt habe hat mich verändert, hat aus mir eine andere Frau gemacht. Eine

Frau, die sich mag, die anders lebt, die ihre Perspektive sieht. Es kommt mir

vor, dass ich erst richtig erwachsen geworden bin, seit wir uns kennen.“

erläuterte Hélène. All mein Betteln half nicht, Hélènes Entschluss, die Welt in

Heidelberg kennen zu lernen, stand unverrückbar fest. Mitzugehen, das kam

mir albern vor, außerdem hätte ich nicht gewusst, was mich persönlich nach

Heidelberg locken sollte. Folglich war ich im Wintersemester einsam und

Hélène in Heidelberg.

Auswärts in Heidelberg

Hélène schien es in Heidelberg zu gefallen. Auf Anraten Julias, die auch in Heidelberg

gewesen war, aber mittlerweile in Boston studierte, hatte sie sich für

Heidelberg entschieden. Sie schrieb mir von Frauenforschungsprojekten an der

Uni und nannte ein Buch, dass wir unbedingt lesen müssten. Alles schien toll in

Heidelberg, sogar das Wetter im Herbst. Hinterher käme es noch dazu, dass

sie in Heidelberg bleiben wolle. Ich wusste gar nicht was ich immer schreiben

sollte. Meine Mutter und Sam luden mich schon mal zum Essen ein. Das waren

meine freudigsten Erlebnisse. Mutter erzählte, dass es in vieler Hinsicht tatsächlich

ein neues Leben sei. Sie lebe jetzt vieles völlig selbstverständlich, was

das frühere Verständnis von sich als Frau ihr unmöglich gemacht hätte. Dass

sie wieder mit einem Mann ins Bett gehen könne, hätte sie für unvorstellbar

gehalten, aber mit Sammy sei alles anders gewesen. Sie seien wie neugierige

Kinder gewesen, die gegenseitig alles an sich erforschen wollten. „Ja, neugierig

wie die Kinder sind wir immer auf uns. Auf Körper und Seele, auf alles.“ ergänzte

Sam. „So kam ich mir auch hinterher vor, wie ein Mädchen, das zum

ersten mal mit einem Mann geschlafen hat.“ bekräftigte Mutter. „Victoria hat

durch die Liebe eine Chance bekommen, ihr wirkliches Leben noch einmal neu

zu beginnen.“ interpretierte ich es. „Ja, weil ich eine andere Frau geworden

bin, eine Frau, die nicht mehr unwissend in den Tag lebt, eine Frau, die sich

selbst in allem voll einbringen will.“ erklärte Mutter. Aber ich konnte Hélène ja

nicht nur von meinen Gesprächen mit Mutter und Sam berichten. Ansonsten

kamen mir die Tage ohne Hélène schon ziemlich öde vor. Ich brauchte es, sie

sprechen zu erleben, ich brauchte ihre Stimme und ihre Gedanken und Fragen,

ich brauchte ihre Lustigkeit, ich brauchte ihre Augen. Hélène war in mir, und

da fehlte sie jetzt. Natürlich schrieb ich ihr, wie sehr sie mir fehlte, aber ich


wollte ihr ja nicht durch das Lesen meiner Mails jedes mal die Stimmung

verderben, indem ich über meine Qualen jammerte. Eines Tages kam von ihr

ein Brief:

„Lieber, allerliebster Mischu,

es fällt mir schwer, aber ich muss es tun, auch wenn es dich schmerzt. Das

permanente Lügen kann ich nicht mehr ertragen, und außerdem sollst du auch

wissen, wie es mir wirklich geht, wenn nicht du, wer sonst. Nichts ist schön an

Heidelberg. Für mich ist alles nur widerlich, zum Kotzen und es nervt mich. An

der Uni mag es ja noch ganz gute Forschungen geben, mit denen ich aber

nichts zu tun habe. Die Stadt selbst wirkt auf mich wie ein Konglomerat aus

der Anhäufung des Bedürfnisses nach bourgeoisen Sentimentalitäten. Aber das

ist ja noch nicht einmal das Schlimmste. Ich bin allein. Von dem, was ich bislang

gemacht habe, habe ich nichts aufgegeben, aber trotzdem kommt es mir

manchmal alles so sinnlos vor ohne dich. Eine Freundin zu finden, die ähnlich

denkt wie ich, habe ich schon aufgegeben. Mein Innerstes ist auf dich angewiesen,

mein Leben braucht deins, um sinnvoll zu sein. Deine Mutter ist mir eine

große Hilfe. So etwas hätte meine Mutter mir gar nicht erklären können. Deine

Mutter hat mir aufgezeigt, warum der Sinn meines Lebens letztlich ich selbst

sei, und warum und wie ich mich selbst als Frau lieben müsse. Keine Sorge, ich

werde es überleben. Am meisten freue ich mich auf Weihnachten, wenn wir

uns sehen werden.

In Liebe und Verlangen, deine allerliebst Hélène“

Bis Weihnachten das würde ich ja noch aushalten können. Ich hatte im ersten

Moment gedacht, sofort nach Heidelberg zu fahren und Hélène zu besuchen

und zu trösten. Ich schrieb ihr, dass ich mich in gleicher weise nach ihr sehne.

„Ich habe mir mal Gedanken über meinen nächsten Urlaub gemacht und wollte

mal hören, was du dazu meinst. Biarritz, den alten Charme der Belle Epoque,

würde ich auch gern mal erleben, und der Atlantik ist in der Biscaya natürlich

imposant.“ schrieb ich. „Ha,ha, du Schelm. Du kannst doch gar nicht surfen.

Du willst nur meinen Hintern anstarren. Aber nein, das wäre natürlich ein wundervolles

Geschenk, und wenn du nicht völlig unbeweglich bist, kannst du es ja

lernen.“ bekam ich als Antwort.

Weihnachtsferien

Ihre Mutter war auch am Bahnhof, um sie abzuholen, aber Hélène wollte zunächst

zu mir. Wir hätten uns so vieles zu erzählen, erklärte sie. Das stimmte

ja auch, aber zunächst mussten wir bei mir die Begrüßungsumarmung noch

einmal ausführlich wiederholen. „Ich habe überlegt, was mir von dir am meisten

fehlte, deine Stimme, deine Augen, deine Worte und Gedanken, aber ich

konnte es nicht herausfinden. Es war alles von dir. Ich habe dich wahrscheinlich

mit allem völlig in mich aufgenommen. Ist das nicht gefährlich, und jetzt

kann ich wie ein kleines Kind ohne dich gar nicht mehr leben.“ erklärte Hélène.

„Ja, es ist verrückt, als wenn du immer und ständig bei mir gewesen wärest.

Überall fehltest du mir jetzt, auch da wo du sonst gar nicht dabei warst.“ bestätigte

ich es von mir. Bei der Begrüßung hatten wir uns immer wieder neu

umschlungen, gedrückt und zärtlich unsere Gesichter gestreichelt, unser kostbarstes

Gut hatten wir zurück erhallten, das wir jetzt nie wieder hergeben wür-


den. So lagen wir auch auf dem Bett, küssten uns, befühlten unsere Gesichter,

drückten und streichelten uns. Das war früher nie vorgekommen, jetzt schien

es uns wie unabdingbar und selbstverständlich. Wenn ich Hélène über den Po

streichelte, bekam ich immer ein freundliches Schmunzeln. „Weißt du, Mischu,

vergiss doch diese Selbstvorwürfe von Sexismus mit meinem Po, das ist doch

albern. Wenn dir mein Ohr gefällt, findest du es schön und begehrenswert, mit

meinem Hals ist es nicht anders. Bei allem von mir wird es so sein.“ erklärte

Hélène. „Nein, umgekehrt ist es. Ich liebe dich, und deshalb bist du für mich

wunderschön und begehrenswert. Ich liebe alles an dir und finde es begehrenswert,

weil du es bist, meine Liebste.“ erwiderte ich. „Also, mein Po ist kein

auf einen Mann sexistisch animierend wirkendes Symbol, sondern ich bin es,

die schöne Rückansicht deiner schönen Geliebten.“ sagte Hélène, der offensichtlich

meine Bewunderung für ihren Po Spaß machte, und lachte. Die Trennung

und das Wiedersehen nach der Trennung hatte uns um vieles näher zusammen

gebracht. Dass wir uns als Liebste und Liebsten bezeichneten war

schon in den Mails selbstverständlich, wir wollten und konnten nicht ohne die

oder den anderen sein, aber direkt wurde über den Stand der Entwicklung unserer

Liebe nicht gesprochen. Wir wollten ja noch ein wenig warten, bis wir es

wirklich wussten, aber wie sollte man sich denn sicherer sein. Mir gefiel es so

auch wunderbar. Zu erfahren, das Hélène mich aus tiefstem Herzen liebte und

meine Liebe sie glücklich machte, was wollte ich denn mehr? Mit Hélène ins

Bett gehen und Sex mit ihr haben? Danach spürte ich gar kein direktes Verlangen.

Es kam mir eher wie etwa Triviales vor, bei dem ich Angst hatte, es könne

das Bild der schönen, edlen, von mir geliebten Hélène beschädigen. Ich hatte

bei Hélène nochmal erlebt, welches Wunder der Mensch sein kann. Es kam mir

vor, als ob ich ihre Menschlichkeit direkt erlebt hätte, so wie sie sich selbst gar

nicht sehen konnte. Bei meiner Mutter war mir mal Ähnliches wie in einer Art

Trance erschienen, als ob mir das Gute in ihr, die lebendige Mutterliebe, der

Engel in ihr sichtbar geworden wäre. Hélène und ich waren jetzt ständig zusammen.

Das gemeinsame Lesen hatten wir fantastisch gefunden. Jetzt lasten

wir etwas über Widerspenstigkeit aus einem Buch, das Hélène mitgebracht

hatte. Am Heiligabend musste Hélène selbstverständlich nach Hause. Wir überlegten,

ob ich mitkommen solle, aber Hélène war davon auch nicht begeistert.

Mir gefiel es auch besser, Weihnachten mit Mutter und Sam, der sich mittlerweile

von seiner Frau getrennt hatte, zu verbringen. Mutter hatte Hélène und

mich zu einem Essen eingeladen. Sie war von Hélène wahrscheinlich bestens

über unsere Situation informiert. Wenn das Gespräch auf meine 'gute Bekannte'

kam, schmunzelte sie nur. Einmal hatte sie gemeint: „Komische Leute seid

ihr. Willst du jetzt vor der Liebe davon laufen?“ „Du hast Recht. Ein Feigling bin

ich, nicht wahr?“ hatte ich reagiert. Beim Weihnachtsessen stellte Mutter zunächst

mal klar, das sie für alle nur Victoria sei und Frau Gerstmann nicht

mehr hören wolle. Hélène machte ihr zunächst eine Art Liebeserklärung. „Michael

hat erklärt, das du für ihn der wichtigste Mensch auf der Welt bist. Das

kann ich gut nachvollziehen. Für mich ist es fast nicht anders, nur im Moment

empfinde ich es so, dass Michael noch vor dir kommt.“ erklärte Hélène. „Danke

schön, so richtig weiß ich nicht, wodurch ich das verdient habe, aber der wichtigste

Mensch solltest du dir immer nur selbst sein. Es ist dein Leben, es gehört

nur dir. Erkenne es und koste es aus.“ reagierte Mutter. „Ich habe schon verstanden,

das hast du mir ja auch erklärt, aber allein ist der Mensch doch


nichts. Die Mutterliebe öffnet ihm das Tor zur Welt. Die Mutterliebe zeigt ihm

was Liebe ist und macht ihn für sein Leben lang süchtig danach. Ich glaube,

dass die Liebe mehr ist als die Liebe zu einem Menschen. Sie wird zu einem

Wesensmerkmal von dir, mit dem du der Welt begegnest.“ erklärte Hélène.

„Ich glaube schon, dass es wesentlich ist, wie junge Menschen Liebe erfahren,

aber ich denke, das das Bedürfnis nach Liebe in jedem Menschen genetisch

verankert ist. Unabhängig von allen Kulturen suchen alle Menschen überall auf

der Welt nach Liebe. Wahrscheinlich konnte sich unser aller Urmutter nur

deshalb evolutionär durchsetzen, weil sie über ein Liebesgen verfügte.“ meinte

Mutter dazu. „Hat man das Gen denn schon gefunden und weiß man, ob es bei

Männern und Frauen in gleicher weise vorkommt?“ wollte Hélène wissen.

Mutter lachte. „Da ist wahrscheinlich die Sozialisation entscheidend. Die Frau

kann sich mit allem, was sie ist, völlig in die Liebe versenken, ihr Leben ist die

Liebe, während den Männern ihre Sozialisation sagt, dass man sich besser

nicht mit voller Leidenschaft hingibt, dass es cool ist, immer Distanz wahren zu

können.“ interpretierte sie. „Ja, ist das bei dir so, Mischu?“ fragte Hélène. Ich

glaube, dass ich rot geworden bin. Fühlte mich durchschaut, der Vorschlag zu

warten, kam ja von mir. „Es mag ja sein, dass du Recht hast, Victoria, in der

Regel wird es sich gewiss so oder ähnlich verhalten. Aber fehlende

Leidenschaft? Ich wäre doch fast gestorben als Hélène nicht da war.“

antwortete ich. Warum wir uns nicht einfach direkt sagen konnten, wie stark

unsere Liebe füreinander war, wurde mir immer unerklärlicher. Hélènes Eltern

hatten ein gemeinsames Skiwochenende vorgeschlagen, aber Hélène war

nichts wichtiger als möglichst jeden freien Moment mit mir zu verbringen. Sie

wollten auch mit Hélène essen gehen, aber Hélène hatte sich ausbedungen,

dass ich auch eingeladen werden müsste. Langweilig war es. Ich wurde als der

potentielle, zukünftige Schwiegersohn getestet. Kulturwissenschaften das

hielten sie ja auch bei Hélène schon für eine brotlose Kunst, aber dass ich

Politik studierte, fanden sie gut. Ich hatte keine Lust, mich näher darauf

einzulassen. Mir war direkt klar, dass sie kein gesteigertes Interesse haben

würden, mich wirklich verstehen zu wollen. Sie hätten ein festgefügtes Weltbild

und das läge im Common Sense der Allgemeinheit, das war mir nach den

ersten Sätzen deutlich geworden. Aber auch die Sprache von Hélènes Mutter

machte in ihrer gesamten Ausprägung deutlich, dass da nicht die Frau mit

ihrem eigenen Leben, mit ihrem eigenen Körper sprach, sondern dass es das

Zerrbild war, das sie selbst von sich hatte. Hélène war in wohlbehüteten

Verhältnissen aufgewachsen, aber woher sie ihre Liebesfähigkeit, ihre Anmut,

ihre Würde hatte, konnte ich mir kaum vorstellen. Wahrscheinlich suchen

Kinder sich automatisch andere Quellen, wenn die Mutter dazu nicht ausreicht.

Sie haben von Anfang an ein Verlangen danach, in Liebe und Harmonie

aufzuwachsen und suchen sie. Das Gute, das jeder Mensch in sich trägt, kann

durch so vieles beschädigt und unkenntlich gemacht werden, aber bei einer

Frau verschwindet es nie. In ihrem Unbewussten bleibt es immer präsent, auch

wenn sie es zur Zeit auf Grund ihres Welt- und Selbstbildnisses nicht leben

kann. Die kurzen Weihnachtsferien hatten Hélènes Psyche wieder repariert,

und uns beide stark gemacht, dass wir den Rest des Wintersemesters

überstehen würden.


Die wilde Frau

Was mit mir selbst war, wusste ich gar nicht genau. Natürlich war ich tiefstens

verliebt, natürlich war jeder Moment mit Hélène wonnevoll, aber mit Hélène

zusammenzuleben? Wollte ich das wirklich? Wir redeten viel darüber, als Hélène

zurückkam. Letztendlich kamen wir zu dem Schluss, dass es nichts Wundervolleres

gebe, als wenn wir zusammen sein könnten, dass wir aber doch die

Freiheit behalten wollten, für uns selbst unser eigenes Leben zu führen. Hélène

war jetzt ständig bei mir. Uns schienen die Bedingungen bei mir günstiger.

Hélène schlief auch bei mir auf der Schlafcouch. Dass wir zusammen ins Bett

gehen könnten, auf den Gedanken kamen wir gar nicht. Es hätte ja auch sein

können, dass Hélène ein Verlangen danach verspürt hätte, aber sie machte nie

irgendwelche Andeutungen in diese Richtung. Wir schmusten, küssten und

streichelten uns nur ständig. An einem heißen Tag im Mai lagen wir beide

schmusend auf meinem Bett. Wir hatten beide nur ein Hemd und einen Slip an.

„Mischou, denkst du nicht auch, dass das was wir tun, dahin führen könnte,

dass wir tun, was wir erst machen wollten, wenn wir wissen, ob wir uns wirklich

lieben?“ stoppte Hélène mein Streicheln. „Und, was sollen wir machen?

Möchtest du dir gern etwas Wärmeres anziehen?“ fragte ich. Hélène lachte nur

und ich grinste auch. „Mischu, ich liebe dich doch. Ich möchte alles mit dir machen.

Am liebsten würde ich dich auffressen. Nicht nur mein Herz, alles in mir

verlangt nach dir.“ erklärte Hélène. „Vielleicht ist es ja auch so, dass die Liebe,

so voll wie sie nur sein kann, längst da ist. Wir wissen es nur noch nicht. Wir

spüren sie in unserem Unbewussten, nur unser Bewusstsein ist noch nicht aufgeklärt.“

vermutete ich. Hélène lachte. „Ich glaube, in meinem Unbewussten

ist noch viel mehr. Ich möchte leben, mich voll ausleben in unserer Liebe.“

sagte sie. Hélène begann zu raufen, zog mir das Hemd aus und sich ihr eigenes

aus. „Ich bin wild. Eine wilde Frau, kennst du die?“ fragte sie, „Alles in mir

lebt und will sich ausleben. Ich bin jetzt schon ganz high.“ Früher war Hélène

mir immer lebenslustig, quirlig erschienen, das hatte sich aber im Laufe unseres

Zusammenseins und durch die Zeit in Heidelberg verändert. Sie war zwar

immer noch gern lustig, aber in ihre Grundhaltung hatte sich etwas verändert.

Sie strahlte Beschaulichkeit und Nachdenklichkeit aus. Das junge Mädchen

Hélène hatte sich in eine weise Frau verwandelt. Davon war allerdings jetzt

nichts mehr zu spüren. Wahrscheinlich war für sie jetzt die Phase ausgebrochen,

in der sie ihre verdrängte Kindheit neu ausleben wollte. „Mischu, ich werde

verrückt, ich bin nicht mehr ganz hier. Alles von mir will dich, meine ganze

Liebe mit meinem Körper. Ich will alles von dir, ich will dich ganz.“ erklärte

Hélène noch, bevor es zur wilden Liebe kam. Die völlig verschwitze Hélène griff

nach meiner Hand, als ob sie nach einer Bestätigung dafür suche, dass wir

wieder in dieser Welt mit ihren üblichen Alltagsgedanken angekommen seien.

„War das die wundervollste Reise unseres Lebens?“ fragte ich. „Sprich nicht.

Ich liebe es wenn du sprichst, aber jetzt musst du schweigen, Mischu.“ Hélène

darauf. Hélène glänzte wonneversunken und ließ sich von mir die Schweißperlen

vom Gesicht küssen. Mir kam es mit Hélène so vor, als ob Frauen tatsächlich

in der Lage seien, intensiver zu erleben und tiefer zu genießen. Hélène war

einfach glücklich und strahle es aus. Wir deckten uns mit einer leichten Decke

zu. Wahrscheinlich würden wir später wieder aufstehen. Es war ja noch früher

Abend. Das Schmusen und Streicheln war zu etwas völlig anderem geworden,

nicht nur weil wir jetzt nackt waren. Wir hatten uns gegenseitig aufs Tiefste er-


lebt, waren gemeinsam auf einem anderen Stern gewesen, einen anderen

Menschen als Hélène gab es für mich jetzt auf dieser Welt nicht mehr. Wir waren

eingeschlafen, wachten aber schon nach kurzer Zeit wieder auf. „Meinst

du, wir wissen es jetzt wirklich, dass es die Liebe ist, die uns verbindet?“ fragte

Hélène mit schelmischem Grinsen. „Ich könnte mir vorstellen, dass es so ist.“

antwortete ich lächelnd, „Weist du, ich hatte immer befürchtet, dass Sex unsere

Beziehung beschädigen könne. Was man sich nur alles für einen Unsinn ausdenken

kann, nicht wahr.“ „Mischu, wir werden jetzt überhaupt nicht mehr

nach den Beschlüssen unseres Bewusstseins leben, sondern uns nur noch daran

orientieren, was uns unser Unbewusstes empfiehlt. Da soll bei mir als Frau

noch unendlich vieles schlummern, sagt Victoria. Die Liebe gebe ihr die Kraft,

zu entdecken, wer sie wirklich sei. Unsere Liebe, das war, glaube ich, schon

der Anfang dazu. Die brave Studentin Hélène macht so etwas nicht.“ erklärte

Hélène. „Du meinst, wir sollten exaltierter leben?“ vermutete ich. „Nein, damit

hat das überhaupt nichts zu tun. Fast alles in dieser Welt ist an phallokratischen

Vorstellungen und Strukturen ausgerichtet und orientiert, die auch dein

Leben als Mann einengen. Ich möchte wo es geht als freie Frau, unabhängig

von diesen Sichtweisen leben. Victoria sagt, dass ihr die Liebe die Kraft dazu

gäbe. Ich brauche deine Liebe, um mich selbst als Frau, die ich wirklich bin, leben

zu können.“ stellte Hélène es dar. Wir standen nicht mehr auf, um etwas

zu essen oder Dergleichen. Wir redeten und schmusten weiter im Bett. Ein völlig

neues Lebensgefühl war es.

Neue Zeit

An Hélènes Po hatte ich bei aller Liebe nicht ein einziges mal gedacht. Jetzt

schlief Hélène natürlich nicht mehr auf der Couch. Sonst gestaltete sich die Zeremonie

des Zubettgehens immer, als ob wir uns für eine lange Reise verabschieden

würden. Wir wollten uns einander als Begleiter für die Traumreisen

empfehlen. Jetzt gingen wir einfach gemeinsam ins Bett. Hélène blieb da liegen,

blieb immer dort, die ganze Nacht. Eine neue, wundervolle Zeit war für

mich angebrochen. Damals mit Vera war ich ja auch schon mal eine Nacht über

zusammen gewesen, aber von alldem wollte ich jetzt nichts mehr wissen, hätte

es am liebsten aus meinem Gedächtnis gelöscht. Jetzt hatte auch für mich ein

neues Leben begonnen. Gemeinsam mit Hélène im Bett liegen, ihre Wärme

spüren, mit ihr reden, sich streicheln und sich lieben und nebeneinander aufwachen,

das war leben in einer Welt, in der alle Glückshörner voll ausgeschüttet

sein mussten. „Manchmal kommt es mir vor, als ob wir uns völlig mit Körper

und Geist zu einer Person vereinigen würden.“ meinte Hélène. „Du meinst,

wie die zwei Hälften, von denen Platon im Gastmal den Aristophanes erzählen

lässt, die sich gefunden haben und Dank Eros jetzt wiedervereint sind?“ schlug

ich vor, „Bist du nicht auch eher der Ansicht, dass wir beide auch bei all unserer

Liebe zwei einzelne Menschen geblieben sind, die jeweils für sich die oder

der andere sind. Ich denke, durch unsere Liebe ist eine weitere Person entstanden,

die wir beide ist. Sie ist nicht von dieser Welt, wir können mit ihr

nicht streiten, nicht böse mit ihr sein, sie ist etwas Transzendentales, das aber

trotzdem existiert, und die in allem aus uns beiden besteht.“ „Ja, und wenn

unsere Liebe jemals zerbrechen sollte, dann stirbt diese Person, die wir beide

sind, nicht wahr?“ vermutete Hélène. „Wollen wir nicht dafür sorgen, dass sie


immer am leben bleibt?“ fragte ich nach. „Das wäre das Prächtigste und Beste,

was wir machen könnten, aber genau das tun wir doch auch.“ antwortete

Hélène.

Begegnung mit dem Du

Jetzt, da wir uns unserer Liebe sicher waren, würde auch der geplante Urlaub

in Biarritz billiger. Wir brauchten nicht mehr zwei getrennte Einzelzimmer. Die

Fahrt dorthin kam allerdings einer Reise ans Ende der Welt gleich. Wir mieden

Autobahn, trotzdem meinte ich, dass junge Frauen wohl auch einen besonderen

Schutzengel haben müssten. Jeder Händler hätte Hélène für ihr Auto wahrscheinlich

den Schrottplatz empfohlen, aber Hélène schien über besondere

Nerven zu verfügen, die mit den Innereien ihres Vehikels in Verbindung standen.

Jedoch die Fahrt gestaltete sich gleichzeitig auch als wundervoll gemütlich.

Die direkte Begegnung mit den Landschaften und die vielen Pausen an

den kleinen Bar-Tabacs. Mit meinen Eltern war ich ja auch schon öfter am Mittelmeer

gewesen. Es war nicht schlecht, aber für umwerfend hatte ich es nie

gehalten. Die alten Häuser von Biarritz hätte ich sonst vielleicht auch als ganz

nett angesehen, aber jetzt kam mir alles fantastisch vor. Das alte Hotel, die

Stadt und der wilde Atlantic mit seinen prächtigen Wellen. Ich sah alles mit anderen

Augen. Hélène veränderte meine Wahrnehmung. Mit Hélène war alles

prächtig. Ich glaube, ich liebte nicht nur Hélène, sondern ich begann mit ihr die

Welt zu lieben, mit und durch Hélène. Sie meinte, dass sie mir zwar auch einiges

zeigen könne, aber dass es günstiger für mich sei, an einem Surfkurs teilzunehmen.

Ich bezweifelte, dass ich es jemals lernen würde. Hélène drängte

selbst darauf und ich wollte sie natürlich auch gern sehen. Sie musste weit

aufs Meer hinaus paddeln, bis sie in den Bereich der höheren Wellen kam.

Wundervoll, Hélène war eine Göttin, wie sie sie sich bog und wieder auf den

Wellenkamm schwang. Sie war die einzige Frau, sonst sah man nur Männer.

Ich lobte und bewunderte ihre Kunst, als sie zurückkam. „Das Surfen selbst ist

fantastisch, aber das Klima unter den Surfern ist nicht meine Welt. Es gibt

auch vereinzelt Frauen, aber größtenteils ist es von Männern dominiert, die

sich alle großartig und schön vorkommen.“ erklärte Hélène. „Es gibt dir ein Gefühl,

als ob du fliegen würdest. Du kommst dir völlig frei vor, obwohl du ja total

abhängig bist von der Welle, aber das Wundervollste beim Surfen ist, dass

du dich voll einbringen musst, mit deinem ganzen Körper und unter absoluter

Anspannung. So ähnlich erlebt es vielleicht auch eine Ballerina.“ meinte Hélène.

„Ich erlebe dich meistens so, nicht nur beim Surfen. Zum Beispiel, wenn du

sprichst, dann spricht nicht nur dein Sprachzentrum und deine Sprechwerkzeuge,

dann spricht die gesamte Hélène, mit ihrem ganzen Körper und ihren Empfindungen.

Dann erlebe ich dich, Hélène, und nicht nur klingende Wörter.“

wusste ich dazu. „Du siehst und du erlebst viel mehr von mir als die die Bedeutung

des Inhalts meiner Wörter. Das ist wunderschön, und ich sehe es auch so,

aber du musst gut zuhören, beziehungsweise beobachten.“ ergänzte Hélène.

Das taten wir immer. Dass der Mensch sich erst in der Begegnung mit dem Du

verwirkliche, hatte Martin Buber gesagt, und so sahen wir es auch. Das konnte

schon mal dazu führen, dass die Begegnung mit dem Du uns wichtiger erschien

als mein aktueller Surftermin. Trotzdem lernte ich es wider Erwarten auf

dem Brett zu stehen und kleine Wellen zu überwinden, während Hélène gleich-


zeitig in der Ferne auf den Kämmen segelte. Zwei Frauen habe ich auch gesehen.

Sie trugen enge Lycra Badeanzüge, das war wohl in, während Hélène mit

ihrem Bikinihöschen und dem T-Shirt bestimmt als Gammellook galt. Genau

konnte ich es sicher nicht bewerten, aber mir kam Hélènes Wellenakrobatik

kein bisschen schlechter vor als die ihrer mitsurfenden Männerheroen. Dass

Mutter Lust hatte, ihre verdrängte Kindheit nachzuleben, konnte ich gut verstehen.

Wir fühlten uns auch oft wie die Kinder. Ob es an der Liebe lag, die ein

solches Bedürfnis suggerierte, oder einfach daran, dass es nichts gab, was uns

auf irgendeine Art einengte. Wir hatten keine Termine, brauchten nicht einzukaufen,

nichts drängte uns. Das freie Glück in Biarritz. Trotzdem waren wir

froh, als wir wieder nach Hause fahren konnten. Sollten wir jetzt zusammen leben?

In Biarritz war es ja so gewesen, und nichts hatte uns gestört. Sam hatte

sich auch gewünscht, mit Mutter zusammenzuleben, aber Mutter hatte es abgelehnt.

Die größte Liebe sollte nicht zum Aufgeben der eigenen Person führen.

Selbständigkeit sei für jeden Menschen ein hohes Gut, dass er nicht veräußern

dürfe, hatte sie argumentiert. So wollten Hélène und ich es auch halten, und

vertraten die Ansicht, dass es unserer Liebe dienlicher sei, wenn wir beide die

Möglichkeit hätten, unser eigenes Leben zu leben. Nur in der Praxis zeigte sich

davon nicht viel. Hélène lebte ihr eigenes Leben vornehmlich bei mir, aber ideell

existierte ein großer Vorteil. Wir akzeptierten uns gegenseitig als die Andere

oder den Anderen und Gedanken oder Bestrebungen sich gegenseitig okkupieren

zu wollen kamen nicht auf. Wir waren uns gegenseitig die wichtigsten anderen

Menschen und versuchten möglichst intensiv, uns in der Begegnung mit

dem Du, zum wirklichen Menschen zu entwickeln.

FIN


"Si la non-violence est la loi de l'humanité, l'avenir appartient aux

femmes. Qui peut faire appel au coeur des hommes avec plus

d'efficacité que la femme ? "

Mahatma Gandhi

Mutter kam aus dem Bad. Mit glänzendem Gesicht kam sie auf mich zu,

umarmte und küsste mich. „Das ist er. Jetzt ist er da. Ist das nicht

wundervoll?“ sagte sie und zeigte dabei auf Sam. „Mutter, du bist ein Kind.“

erklärte ich. „Das denke ich auch manchmal.“ bestätigte Sam, „nein, nicht ein

Kind, wie eine junge Frau ist sie, offen, unbeschwert, lebhaft und lustig.

Wundervoll, Victoria.“ „Das ist das normale Leben einer Frau, das sie nicht

leben kann, weil sie die Ordnungshüter des Geschlechts daran hindern. Sie

schreiben vor, wie eine Frau zu sein hat. Das Drängen nach ihrem wirklichen

Leben steckt aber in jeder Frau, auch wenn man noch so massiv versucht hat,

ihr die Erinnerung an die Kindheit auszutreiben. Die Frau will sich selbst leben

und die Kraft der Liebe verleiht ihr die Macht dazu.“ interpretierte es Mutter.

„Die Liebe befähigt dich, das zu leben, was immer in dir war, aber wegen der

Ordnungen für die Frauen in deinem Unbewussten verborgen bleiben musste?

Dazu gehört auch die Erinnerung an das vergessene Mädchen Victoria?“ fragte

ich nach. „Ja, es gibt vieles, was bei einer Frau im Unbewussten verborgen

bleiben muss, was eingefroren ist und nicht zum Vorschein kommen darf, und

die Liebe ist etwas Extraordinäres. Sie nimmt dich auf den Arm und lässt dich

Ungeglaubtes leben.“ bestätigte Mutter. „Hast du keine Angst davor, dass es

sich nicht immer zu deinem Vorteil entwickeln könnte?“ fragte ich Sam. Der

lachte und meinte: „Sie wird immer die bonne sauvage bleiben, da bin ich

sicher, und die erlebe ich jetzt auch schon.“ Meine Mutter, die gute Wilde? Als

natürlich und echt war sie mir schon immer erschienen, aber dass sie aus sich

herausgehen und ihre Gefühle offen ausleben konnte, schien mir für die

arrivierte, distinguierte, ältere Anwältin unglaublich, aber ich hatte ja ihre

Kindereien durch die offene Schlafzimmertür mitbekommen.

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