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Gustav Klimt: Der Kuss

978-3-86859-309-9

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AGNES HUSSLEINARCO HG.

MIT EINEM TEXT VON

STEFANIE PENCK UND

ALFRED WEIDINGER

GUSTAV KLIMT

Der

Kuss

„Liebespaar“


AGNES HUSSLEINARCO, Direktorin des Belvedere in Wien

GUSTAV KLIMT und das Belvedere werden

weltweit als untrennbare Einheit verstanden.

Die Gründe dafür sind vielfältig,

beruhen aber im wesentlichen auf der

Tatsache, dass das Belvedere – bzw. seine

institutionellen Vorgängerinnen Moderne

Galerie und k. k. Österreichische Staatsgalerie

– als Ort für die zeitgenössische

österreichische Kunst einer Initiative Carl

Molls und der Künstlergruppe um Gustav

Klimt zu verdanken ist. 1903 befanden

sich bereits drei Klimt-Gemälde (Nach

dem Regen, Am Attersee, Josef Lewinsky)

in der Sammlung und fünf Jahre später

wurde die in der Wiener Kunstschau noch

unvollendet gezeigte Monumentalikone

Liebespaar (Der Kuss) erworben und

nach ihrer Fertigstellung am 22. Juli 1909

vom Künstler an das Museum ausgeliefert.

In einer anlässlich der Neuaufstellung

der Sammlung der Modernen Galerie in

der Wiener Allgemeinen Zeitung 1916

veröffentlichten Rezension findet sich

eine interessante Einschätzung des

damaligen Stellenwerts Klimts und der

Präsenz seines Hauptwerks:

„Auch angesichts der noch embryonalen

Wandfläche, die Gustav Klimt beherrscht,

gilt Goethes Spruch: Höchstes Glück

der Erdenkinder ist nur die Persönlichkeit!

Ein Kunstwissender hat es einmal

gesagt, dass Klimt als ein Meteor am

Himmel der Kunst selbstherrlich seine

Bahn wählt. Er kommt von nirgendher

und führt vielleicht nirgendhin. So wird

der seltsame Hymnus der Liebe, den der

Meister im ‚Kuss’ feiert, von den Kunsthistorikern

der Zukunft in keine Schule

der Zeit einzureihen sein. Ein Aufflammen

von Prunk und schmückender

Pracht; ein heißes Blühen und Duften

umrauscht die sich einander Reigenden,

12


welche die Last goldfunkelnder Pracht

wie Gekrönte tragen. Klimt zelebriert

hier die hohe Messe der Leidenschaft.

Solches Höhenmaß der Stilisierung

kann jedoch, ohne sich im Dekorativen

zu verlieren, nur ein der Natur naher

Künstler wagen.“

Zeitlebens war Klimts Arbeitsweise charakterisiert

durch seine nie erlahmende

Offenheit für künstlerische Errungenschaften

und die beständige Aufnahme

von Anregungen, die er dann in seinen

persönlichen Stil verwandelte. Eindrucksvoll

führt dies das Liebespaar vor Augen,

das neben Gestaltungsprinzipien japanischer

Kunst, byzantinischer Mosaikarbeiten

oder mittelalterlicher Tafelmalerei

auch die Auseinandersetzung mit dem

Werk Auguste Rodins, George Minnes

oder Edvard Munchs erkennen lässt. Am

Höhepunkt seiner Goldenen Periode entstanden,

bildet das Liebespaar unbestritten

das Hauptwerk des berühmten Malers

und ist zugleich das bedeutendste Kunstwerk,

das der österreichische Jugendstil

je hervorgebracht hat.

Trotz der zahlreichen Verluste durch

Restitution, Tausch, aber auch Zerstörung

(das Fakultätsbild Medizin wurde 1945

ein Raub der Flammen), die die Klimt-

Sammlung zu verzeichnen hatte, besitzt

das Belvedere mit insgesamt 24 Gemälden

– Porträts, Landschaften und allegorischen

Darstellungen – die weltweit größte

Sammlung des bedeutendsten österreichischen

Malers und ist, nicht zuletzt

wegen Gustav Klimts Monumental ikone

Liebespaar (Der Kuss), das meistbesuchte

Museum Österreichs.

13


„Wenn der

sexuelle Akt

ein Punkt ist,

ist der Kuss

ein Komma.“

ALEXANDRE LACROIX

15

001 | GUSTAV KLIMT: FREUNDINNEN | 1904 | DETAIL

Bleisti auf Pergament mit Aquarell-Deckfarben, Silberbronze und

Goldbronze gehöht, 50 x 20 cm, Belvedere, Wien


Kuss

Der

18

WAS GIBT ES SCHÖNERES als die

Darstellung der Liebe in der bildenden

Kunst? Liebe und Erotik, nackte Haut

und fleischliches Vergnügen haben bis

ins 19. Jahrhundert hinein eine lange

Tradition in der Kunst – solange sich das

Thema mit einem allegorischen Rahmen

versehen lässt. Man denke nur an die

Darstellung der Susanna im Bade, nackt,

von lüsternen Alten umlagert, in Rubens‘

gleichnamigem Gemälde. Aber sobald dieser

Rahmen verlassen wird, wenn Manet

eine nackte Frau inmitten von wohlgekleideten

Herren auf einer Picknickdecke

platziert und sein Bild auch noch lapidar

Frühstück im Freien nennt, ist der Skandal

vorprogrammiert.

Doch vom Ende des 19. Jahrhunderts bis

in die 1920er Jahre wandelt sich das

Bild, in der Malerei findet eine regelrechte

Kussmode“ statt. Der Kuss wird zum

Thema zahlreicher Gemälde, historisch

verpackt oder isoliert als Ausdruck einer

intensiven und intimen Gefühlswelt

präsentiert. Er beflügelt schon seit Jahrtausenden

literarisch und künstlerisch

die Gemüter, seine Verweigerung, sein

Hinhalten, sein flüchtiges Wesen, sein

schmerzhaftes Trennen. Der Kuss kann


Abschied oder Begrüßung sein, wehtun

oder jubilieren, gewollt oder ungewollt

sein, in Komödie oder Tragödie enden,

aber auch hinreißen, die Welt vergessen,

Tore öffnen und neue Welten betreten

lassen. Der Kuss von Gustav Klimt ist

auch deswegen zur Ikone der Österreichischen

Galerie Belvedere in Wien

geworden, weil das Bild eben genau davon

erzählen kann, von der vielschichtigen

Persönlichkeit eines besonderen Künstlers,

von der Aufbruchstimmung der Zeit

in Wien um 1900, von Bruch mit der

künstlerischen Tradition, aber auch – und

vor allem – von der Liebe.

003 | GUSTAV KLIMT: PHILOSOPHIE, FAKULTÄTSBILD

FÜR DIE UNIVERSITÄT WIEN | 1900 1907 | DETAIL

Öl auf Leinwand, 430 x 300 cm, Elisabeth Bachofen-Echt, Wien

(1945 verbrannt in Schloss Immendorf)


22

005 | GUSTAV KLIMT:

IM MOTORBOOT AUF

DEM ATTERSEE | 1905

Fotografiert von Emma Bacher

(geb. Paulick), Silbergelatine,

Privatbesitz

an den Künstler angewiesen werden 5 –

versteht sich sehr wahrscheinlich als

eine Art „Ausgleichszahlung“, mit der

Klimt für die Ablehnung der sogenannten

Fakultätsbilder und das damit erfahrene

Unrecht gewissermaßen entschädigt

werden sollte. Noch während der Klärung

der Formalitäten für die Abwicklung

des Ankaufs reist Klimt wie im Sommer

üblich an den Attersee und schreibt am

16. Juli 1908 aus seiner Sommerresidenz

an den zuständigen Ministerialsekretär

Max von Millenkovich-Morold, dass er

„selbstverständlich, das nicht ganz

fertige Bild Liebespaar nach Schluss der

Ausstellung sofort vollenden und selbst an

das k. k. Ministerium abliefern werde“ 6

(Abb. 6). Diese optimistische Prognose

Klimts stellt sich im Nachhinein als

voreilige Äußerung heraus, da die Fertigstellung

des Gemäldes und die daran

ge knüpfte Anweisung der zweiten Rate

des Kaufpreises erst im Juni 1909 nachweisbar

sind. 7 Die physische Übernahme

von Klimts Liebespaar in das Inventar

der Sammlung der Modernen Galerie er -

folgt endlich am 22. Juli 1909. 8


006 | BRIEF VON GUSTAV KLIMT AN MAX

VON MILLENKOVICHMOROLD | 16. JULI 1908

Österreichisches Staatsarchiv, Wien


012 | GUSTAV KLIMT: LIEBE | 1895

Farblithografie, Belvedere, Wien

Die Darstellung von Liebespaaren beschäf -

tigt Klimt schon zu einem sehr frühen

Zeitpunkt seiner Karriere. So hat er dieses

Thema schon 1895 in einem als Vorlage

für einen Druck der Serie Allegorien und

Embleme des Wiener Verlags Gerlach &

Schenk entstandenen Gemälde bearbeitet

(Abb. 11 + 12). 1894 wird er zusammen

mit seinem Künstlerkollegen Franz

Matsch beauftragt, die Decke des Großen

Festsaales der Universität Wien mit Allegorien

der vier klassischen Fakultäten

– Jurisprudenz, Medizin, Philosophie und

Theologie – zu gestalten.

31

011 | GUSTAV KLIMT: LIEBE | 1895 | DETAIL

60 x 44 cm, Öl auf Leinwand, Wien Museum


023 | GUSTAV KLIMT: BEETHOVENFRIES | 1901/02 | DETAIL

Mischtechnik auf Mörtelputz, Gesamtlänge: 34,14 m, Höhe: 2,15 m, Kaseinfarbe,

Blattgold, Halbedelsteine, Perlmutt, Gips, Kohlesti, Bleisti auf Stuckgrundierung

Belvedere, Wien (als Leihgabe in der Secession, Wien)

Ein Liebespaar in inniger Umarmung wird von einem „Chor der Paradiesengel“

begleitet. In dieser symbolischen Vereinigung finden wir Klimts Interpretation von

Schillers Gedicht „An die Freude“, die Beethoven in seinem 4. Satz der Symphonie

vertonte: „Seid umschlungen Millionen! Diesen Kuss der ganzen Welt!“

42

Es ist denkbar, dass Klimt aus den Schöpfungen

Rodins seine eigene Lösung der

idealisierten „ewigen“ Liebe generiert. So

wie Rodin sich in einem Großteil seiner

Werke selbst als Liebhaber sieht, ist es

Klimt ein Anliegen, sich in der männlichen

Figur darzustellen. Allerdings ist

sein Gesicht nahezu vollständig verdeckt,

genauso wie bereits 1902 in der Szene der

Umarmung im Beethoven-Fries (Abb. 24)

und noch einmal in der Erfüllung des

Materialfrieses für das Speisezimmer

des Palais Stoclet in Brüssel. Damit nicht

genug, gibt er durch den Efeukranz im

Haar des Mannes der Darstellung ein

antikes Gepräge.

024 | GUSTAV KLIMT:

BEETHOVENFRIES |

1901/02 | DETAIL


50

031 | GUSTAV KLIMT: JUDITH | 1901

Öl, Blattgold, Goldfarbe auf Leinwand,

84 x 42 cm, Belvedere, Wien

Klimt benutzt die alttestamentliche Erzählung

von Judith und Holofernes als Vorwand, eine

moderne Frau zu präsentieren.


032 | GUSTAV KLIMT: SALOME | 1909

Öl auf Leinwand, 178 x 46 cm, Galleria Internazionale

d´Arte Moderna, Ca´ Pesaro, Fondazione

Musei Civici Venezia, Venedig

Im Zusammenhang mit Gustav Klimts

leidenschaftlicher Beschäftigung mit der

Auseinandersetzung der Geschlechter,

die er in seinen visualisierten Liebespaaren

und in Gemälden wie Judith

(Abb. 31) sowie Salome (Abb. 32) deutlich

unterstreicht, zählt auch die Literatur

zu einer nicht unbedeutenden Quelle für

sein künstlerisches Schaffen. Gerade mit

seinem Liebespaar stützt er sich, wenn

auch nicht vordergründig, auf das Motiv

der Loreley von Heinrich Heine, das als

archetypisch für den (hauptsächlich vom

Mann postulierten) Geschlechter kampf

angesehen werden kann. Heines Figur inspiriert

unter ander em den französischen

Maler Gustave Moreau zu seinem 1864

erstmals öffentlich vorgestellten Meisterwerk

Ödipus und die Sphinx (Abb. 33), das

Gustav Klimt bestimmt bekannt ist: Die

marmorne Sphinx, ein zugleich erschreckendes

und anziehendes Wesen mit dem

Körper und den Krallen eines Löwen, aber

dem Kopf und den Brüsten eines Weibes,

verwandelt sich in eine Frau; sie lässt sich

von Ödipus küssen, der dem Reiz ihrer

Lippen nicht widerstehen kann.

033 | GUSTAVE MOREAU: ÖDIPUS UND SPHINX | 1864

Öl auf Leinwand, Metropolitan Museum of Art, New York

51


038 | GUSTAV KLIMT: DER GOLDENE RITTER | 1903

Öl und Gold auf Leinwand, 103,5 x 103,7 cm,

Aichi Prefectural Museum of Art, Nagoya


In sehr ähnlicher Weise hat Klimt bereits

den Hintergrund in seinem 1903 ent -

standenen Gemälde Der goldene Ritter

(Abb. 38) ausgeführt. Dieselbe Hintergrund

beschaffenheit – eine Materialkombination

aus Schlagmetall, einem

Goldbronzegemisch und Ölfarben auf

einer Grundierung aus Zinkweiß – weisen

aber auch das 1907/08 entstandene

Bildnis Adele Bloch-Bauer I (Abb. 39)

und das nahezu zeitgleich gemalte Bild

Hoffnung II (Abb. 40) auf. Mit dem sich

aus dem Grund aufbauenden blumen übersäten

Thron könnte durchaus das Seeufer

vor der Villa Oleander in Kammerl

am Attersee gemeint sein, zumal sich

die bereits von den Bildern Freundinnen

(Abb. 41) und Wasserschlangen (Abb. 42)

her bekannten Algen im abhängenden,

also wassernahen Bereich der Blumenwiese

zeigen.

59


1

Wien um

Der Zeit ihre

72

050 | KÜNSTLERGRUPPENBILD

DARUNTER GUSTAV KLIMT | UM 1903

Silbergelatine, Privatbesitz

WIEN UM 1900, das ist schon längst ein

feststehender Begriff für ein schillerndes

Gewebe aus so gegensätzlichen Paaren

wie Traum und Wirklichkeit oder Tod und

Eros – und aus großen Namen der euro päi -

schen Kulturgeschichte. Am Be ginn eines

neuen Jahrhunderts kon zen trieren sich

hier in unvergleichlicher Dichte Höchstleistungen

aus Architektur, Malerei,

Literatur und Musik.


9009

Kunst.

Der Kunst ihre Freiheit.“

Althergebrachte Traditionen, Ideen,

politische und wirtschaftliche

Strukturen stehen plötzlich auf dem

Prüfstand: Das ausgehende 19. Jahrhundert

gilt mit seinem Verständnis

von Repräsentation in Prunk und

Pracht plötzlich als degeneriert, der

Historismus ist nicht mehr modern,

sondern rückständig und bildet mit

seinen überkommenen Vorstellungen

den fruchtbaren Boden für neue

Ideen: Sigmund Freuds Psychoanalyse,

die Lust am Experiment in der angewandten

Kunst, die atemlose Musik Gustav

Mahlers, die grandiose und heiß

diskutierte neue Architektur eines

Adolf Loos, aber auch der Streit und

die Diskussionen mit und um die Künstler

der Wiener Secession.

(Abb. 50 – 54)

73


80

056 | WIENER SECESSION

Fotografie um 1902

1897 ist das Jahr, in dem das bis dahin

sehr konservative Wien plötzlich aufwacht.

Klimt und mit ihm eine Gruppe

junger, aufstrebender Künstler haben

genug von der starren akademischen

Ausrichtung des Künstlerhauses und

machen sich mit der Gründung einer

eigenen Künstler gruppe, der Secession,

selbstständig. Unter den fünfzig Gründungs

mitgliedern finden sich neben

ihrem Präsidenten Gustav Klimt Maler,

Architekten und Innenausstatter wie

Josef Hoffmann, Koloman Moser, Joseph

Maria Olbrich, Otto Wagner und Alfons

Mucha (Abb. 58 – siehe nächste Doppelseite).

Sie alle stellen sich gegen die

konservativen Richtlinien am Künstlerhaus

und die dort vorherrschenden am

Historismus orientierten Einstellungen.

Olbrich entwirft das Ausstellungsgebäude

der Secession, das von einer Kuppel

aus 3000 schmiedeeisernen Lorbeerblättern

gekrönt wird, eine Inkarnation der

Pflanzenträume des Wiener Jugendstils

(Abb. 57).


057 | WIEN: AUSSTELLUNGS

GEBÄUDE DER WIENER

SECESSION | 1897/98,

Architekt: Josef M. Olbrich,

Außenansicht.

In goldenen Lettern prangt der

Wahlspruch der Künstlergruppe

über dem Eingang.

81


Der

Künstll

Gustav Klimt

Der junge Klimt gehört noch ganz dem

19. Jahrhundert, er ist für seine jungen

Jahre erstaunlich erfolgreich, auch

dank seines Netzwerkes aus der Künstlervereinigung.

Zusammen mit seinem

Bruder Ernst erhält er gut bezahlte

Dekorations- und Ausstattungsaufträge

in Schlössern, Theatern und öffentlichen

Gebäuden (Abb. 63). Schon 1904 schreibt

die Journalistin Berta Zuckerkandl:

88

063 | KARL SCHUSTER:

GUSTAV KLIMT | 1892

Sibergelatine, Belvedere Wien


er

064 | GUSTAV KLIMT: SHAKESPEARES GLOBETHEATER, DECKENGEMÄLDE | 1886 87

Feststiege Volksgartenseite, Burgtheater Wien.

Das in höchster akademischer Tradition verfasste Bild ist das einzige Bild im Burgtheater, auf dem

Klimt keinen antiken Stoff thematisiert, sondern die Gruszene aus Shakespeares Romeo und Julia.

Hier findet sich auch das einzige gemalte Selbstporträt des Künstlers. Gemeinsam mit Ernst Klimt

und Franz Matsch hat er sich rechts im Bild unterhalb der Loge verewigt.

Der Beginn von Klimts künstlerischer

Laufbahn ließ die Kämpfe nicht ahnen, welche

seine spätere Entwicklung begleiten sollten. ...

Wäre Klimt an diesem Punkte seines Schaffens

stehen geblieben, hätte er keine innere

Wandlung erlitten, er wäre gewiss heute reich

an äußeren Ehren und an Gütern. ... Klimt

war aus anderem Stoff. Nichts konnte die

innere Unruhe seiner Künstlerseele dämpfen.“

89

BERTA ZUCKERKANDL

Zeitkunst. Wien 1901 07, Wien 1908, zit. nach 150 Jahre Gustav Klimt, Wien 2012, S. 11


„Soll meine Jahre verschlingende

Arbeit überhaupt vollendet werden,

muss ich mir zuerst wieder Freude

dazu verschaffen und diese fehlt

mir vollständig, solange ich sie

unter den jetzigen Verhältnissen

als Staatsauftrag betrachten muss.“

GUSTAV KLIMT

Schreiben an das Ministerium im April 1905

Klimt lässt sich also die Kritik an der

künstlerischen Gestaltung nicht gefallen,

er zieht seine Bilder zurück und beschließt,

nie wieder einen öffentlichen

Auftrag entgegenzunehmen. Er vollendet

die Werke als Einzelstücke, da sie nun

nicht mehr in einer zusammen hängenden

Komposition ausgestellt werden können.

Während des Zweiten Weltkrieges werden

die Bilder nach Schloss Immendorf in

Niederösterreich ausgelagert, das gegen

Kriegsende von den Nationalsozialisten in

Brand gesetzt wird. Alle darin aufbewahrten

Kunstwerke werden zerstört. Heute

können wir die Bilder nur noch durch

Skizzen und Schwarzweiß-Fotografien

betrachten. Einzig von einem Detail

der Medizin ist noch zu Lebzeiten

Klimts eine Farbreproduktion entstanden

(Abb. 69).

Der Ablehnung Klimts in akademischen

und adligen Kreisen steht eine uneingeschränkte

Bewunderung durch das

intellektuelle Bürgertum entgegen. Aber

woher kommt das? Das untergehende

Habsburgerreich kann mit seiner unakademischen

Kunst nichts anfangen, allein

die Berufung Klimts als Professor an die

Akademie der Künste wird viermal vom


069 | GUSTAV KLIMT:

MEDIZIN, FAKULTÄTSBILD

FÜR DIE UNIVERSITÄT

WIEN | 1900/07

AUSSCHNITT: Hygieia

Öl auf Leinwand,

Detail, Farblithografie,

Belvedere, Wien

95


106

„Alma ist schön, ist klug,

geistreich, sie hat alles, was ein

anspruchsvoller Mann von einem

Weibe verlangen kann, im

reichsten Maße, ich glaube, wo sie

hinkommt, hinschaut in die

Männerwelt, ist sie Herrin,

Gebieterin, vielleicht war ihr dieß

schon zu langweilig, vielleicht

wollte sie einen kleinen Roman...

– aber auch als Spielerei schien es

mir gefährlich und nun wäre es an

mir gewesen, vernünftig zu sein,

der ich doch Erfahrung habe und

von da an beginnt meine

Schwäche... Findest Du es nicht

begreiflich, daß es ihr gegenüber

Momente giebt, wo die Gehirnthätig

keit etwas unregelmässig

wird, verworren?“

GUSTAV KLIMT

in einem Brief an Almas Stiefvater Carl Moll, 19.5.1899


079 | GUSTAV KLIMT:

MARGARETHE

STONBOROUGH

WITTGENSTEIN | 1904

Bleisti auf Packpapier,

Privatbesitz

080 | GUSTAV KLIMT:

MARGARETHE

STONBOROUGH

WITTGENSTEIN |

1904 | DETAIL

Öl auf Leinwand, 180 x 90 cm,

Neue Pinakothek, München


085 | ATELIER D´ORABENDA:

EMILIE FLÖGE | FEBRUAR 1909

Silbergelatine, Privatbesitz

083 | GUSTAV KLIMT:

EMILIE FLÖGE | 1902

Öl auf Leinwand,

181 x 84 cm, Wien Museum

110

084 | JOSEF HOFFMANN:

SCHWESTERN FLÖGE

FIRMENSCHILD |1904

Salon des Wiener Haute-

Couture-Geschäes entworfen

vom Architekten Josef Hoffmann

Beinahe alle Frauen, die in Klimts Leben

eine Rolle spielen, finden sich in seinen

Werken wieder. Eine nimmt dabei die

unbestrittene Hauptrolle ein: Emilie Flöge

(1874-1952), die Schwägerin und Freundin,

mit der ihn eine sehr enge Beziehung

verbindet. Gemeinsam mit ihren Schwestern

Helene und Pauline führt sie ab

1904 das Wiener Haute- Couture-Geschäft

„Schwestern Flöge“ (Abb. 84). In diesem

von dem Architekten Josef Hoffmann

entworfenen Salon präsentiert sie Modellkleider

im Stil der Wiener Werkstätte.

Klimt selbst entwirft für Emilie sogenannte

„Reformkleider“, die unkonventionell

und freizügig das neue Selbstbewusstsein

der Frauen unterstreichen, ohne das bisher

übliche Korsett, frei schwingend und

in bequemen, weiten Schnitten.


Oder siegt

die Liebe über

den Tod, indem

sie sich als

stärker erweist,

den Abgrund

überwindet und

in eine goldene

Ewigkeit aus

Liebe und Erotik

übergeht?

120

096 | EMILIE FLÖGE UND

GUSTAV KLIMT IM GARTEN

DER VILLA OLEANDER IN

KAMMERL AM ATTERSEE | 1910

Silbergelatine, Privatbesitz

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