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Magazin WERTE 2015 - 1. Ausgabe - Leseprobe

Magazin zu Restaurierung, Denkmalpflege, Handwerkstradition

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Schutzgebühr 4,00 €<br />

April <strong>2015</strong> . <strong>1.</strong> <strong>Ausgabe</strong><br />

Restaurierung | Denkmalpflege | Tradition<br />

<strong>WERTE</strong> <strong>2015</strong><br />

NOSTALGISCHE LEIDENSCHAFT<br />

ALTES HANDWERK -<br />

NEUER GENUSS<br />

Haute<br />

Couture<br />

FÜR JEDERMANN<br />

HINTER DEN KULISSEN


6<br />

EDITORIAL<br />

10<br />

NOSTALGISCHE<br />

LEIDENSCHAFT<br />

BLICK IN DIE WERKSTATT<br />

20<br />

BESONDERE ZEITGENOSSEN<br />

SELBST<br />

ERFAHREN<br />

26<br />

D<br />

„KLEIDER MACHEN LEUTE.“<br />

ieses Zitat kennen viele von der gleichnamigen Novelle<br />

des Schweizer Dichters Gottfried Keller. Darin wird ein armer<br />

Schneidergeselle aufgrund seiner Kleidung für einen polnischen Grafen<br />

gehalten.<br />

22<br />

ALTES HANDWERK −<br />

NEUER GENUSS<br />

3 EDITORIAL<br />

5 NEWS & TERMINE<br />

Neuauflage, Gartentage, Erstausgabe<br />

Inhalt<br />

6 BLICK IN DIE WERKSTATT<br />

Sollen Zigarren länger lagern, sind Holz und Befeuchtungssystem<br />

die entscheidenden inneren Werte beim Humidorbau und -kauf.<br />

10 NOSTALGISCHE LEIDENSCHAFT<br />

Grammophone, Pferdespielzeug oder Bagger: Historische Technik<br />

hat ihre Liebhaber und Sammler – und auch ihren Wert.<br />

12 UNTER DER LUPE<br />

Durch Feuervergolden erstrahlt ein unansehnlich gewordenes,<br />

barockes Ziborium nach der Restaurierung in altem Glanz.<br />

14 HINTER DEN KULISSEN<br />

Im Alltag selten geworden, sind alte Berufe und handwerkliches<br />

Können beim Theater gefragt. Die Abteilung „Kostüm und Maske“<br />

von den Salzburger Festspielen gewährt einen Einblick.<br />

18 INTERVIEW<br />

Was wird die Zukunft bringen? Welche Trends werden sich<br />

durchsetzen? Trendbeobachter Mathias Haas gibt Antworten.<br />

20 BESONDERE ZEITGENOSSEN<br />

Gerwin Rodewald hat sich auf Klarinette, Saxophon & Co.<br />

spezialisiert, damit diese nicht aus dem letzten Loch pfeifen.<br />

22 ALTES HANDWERK – NEUER GENUSS<br />

Im wahrsten Sinne des Wortes eine Schnapsidee hatte der<br />

Verleger Christoph Keller 2005, als er beschloss, sein Hobby zum<br />

Beruf zu machen und fortan edle Destillate zu brennen.<br />

26 SELBST ERFAHREN<br />

Wer hat an der Uhr gedreht? Beim Uhrenseminar sind etwas<br />

Geduld und ruhige Hände gefragt, bevor der veredelte Zeitmesser<br />

schließlich das Handgelenk ziert.<br />

30 EXPERTENVERZEICHNIS<br />

Von „B“ wie Baukeramik bis „Z“ wie Zimmerer –<br />

diese Experten helfen mit Rat und Tat.<br />

FÜR UNS BEKAM DIE REDEWENDUNG gleich zweifach<br />

Bedeutung, als wir Anfang des Jahres zu Gast in der Abteilung „Kostüm<br />

und Maske“ der Salzburger Festspiele waren: Zum einen formt die<br />

Kleidung, die im Alltag meist von Zweckmäßigkeit geprägt ist, in der<br />

Welt des Theaters wesentlich die jeweiligen Charaktere. Zum anderen<br />

trafen wir auf Leute, die diese Kostüme herstellen und ihr Handwerk<br />

dabei nicht nur lieben, sondern es mit spürbarer Leidenschaft erfüllen.<br />

Die kunstvollen Kreationen sind ein wahres Fest für die Sinne!<br />

WAS DIE ZUKUNFT uns bringen wird, wollten wir von Matthias<br />

Haas wissen. Er will sich als Trendbeobachter bewusst von Forschern<br />

und Propheten abheben und setzt auf sein eigenes Wissen sowie seine<br />

Erfahrungen, die er während seines Berufslebens zusammengetragen hat.<br />

Auf dieser Basis erkennt und beurteilt er Trends. Wie das im Einzelnen<br />

aussieht, hat er uns im Interview verraten.<br />

EINE VIELVERSPRECHENDE PERSPEKTIVE hat auch antikes<br />

technisches Kulturgut, das wir nicht nur in unseren Ausstellungen<br />

gerne zeigen, sondern mittlerweile eine eingeschworene Sammlergemeinde<br />

hat. Wir finden ebenfalls: Das Grammophon hat durchaus das<br />

Zeug zum Kultobjekt.<br />

LASSEN SIE SICH ERNEUT von unserer Themenvielfalt<br />

verzaubern und genießen Sie die Lektüre! Ursula Hoffmann Thomas Büscher<br />

IMPRESSUM<br />

HERAUSGEBER<br />

Thomas Büscher,<br />

buescher@werte<strong>2015</strong>.de,<br />

Ursula Hoffmann,<br />

hoffmann@werte<strong>2015</strong>.de<br />

REDAKTION<br />

Thomas Büscher, Paul Göttl,<br />

Ursula Hoffmann, Frank Jörger<br />

MITARBEITER DER AUSGABE<br />

Ivar A. Aune, Matthias Gaul,<br />

Nobilis, Karin Weidenbacher<br />

GRAFIK UND PRODUKTION<br />

Frank Jörger, Stephanie Tarateta,<br />

Marcus Zimmer<br />

DRUCK<br />

W. Kohlhammer Druckerei<br />

GmbH & Co. KG, Stuttgart<br />

ANZEIGENVERKAUF<br />

Thomas Büscher,<br />

buescher@werte<strong>2015</strong>.de,<br />

Bettina Pfeffer,<br />

bettina.pfeffer@etmservices.de<br />

VERTRIEB EINZELVERKAUF<br />

DPV – Deutscher Pressevertrieb GmbH, 20355 Hamburg, Telefon 07 1<strong>1.</strong>32 06 99 44, Telefax: 07 1<strong>1.</strong>1 82-25 50, E-Mail an: bestellservice@dpv.de<br />

VERLAG<br />

EuroTransportMedia (ETM)<br />

Verlags- und Veranstaltungs-GmbH<br />

Geschäftsbereich ETMservices<br />

Handwerkstraße 15<br />

70565 Stuttgart<br />

Telefon: 07 1<strong>1.</strong>7 84 98-80<br />

Internet: www.eurotransport.de<br />

2<br />

3


BLICK HINTER DIE KULISSEN<br />

HauteCouture<br />

FÜR JEDERMANN<br />

Jeden Sommer machen internationale Opernstars und<br />

renommierte Schauspieler die Salzburger Festspiele zu<br />

einem bedeutenden Kulturereignis. In die aufwändigen<br />

Inszenierungen der sechswöchigen Spielzeit steckt die<br />

Abteilung „Kostüm und Maske“ viel handwerkliches Können.


BLICK HINTER DIE KULISSEN<br />

L angsam geht das Licht aus, die Zuschauer verstummen, die<br />

ersten Klänge aus dem Orchestergraben ertönen. Der Vorhang öffnet<br />

sich für eine andere, fantastische Welt. Ob mit einem Paukenschlag oder<br />

mit leisen Tönen, in monochromen Farben oder fröhlich bunt – eine<br />

gute Inszenierung lebt von einer harmonischen Wechselbeziehung<br />

zwischen Musik, Bühnen- und Kostümbild. Bis zum Tag der Premiere ist<br />

es jedoch ein langer Weg. Denn an einer neuen Inszenierung sind neben<br />

dem Regisseur und den Protagonisten zahlreiche Spezialisten beteiligt.<br />

Die Salzburger Sommerfestspiele beschäftigen an die 5.000 Personen<br />

in zwölf Spielstätten. „Allein die Abteilung ‚Kostüm und Maske‘ zählt<br />

während der Festspielzeit bis zu 380 Mitarbeiter“ erklärt deren Leiterin,<br />

Dorothea Nicolai. Dazu gehören neben Gewandmeistern, Damen- und<br />

Herrenschneidern, auch Weißnäher für Herrenwäsche, Färber, Modisten,<br />

Schuhmacher, Garderober, Textilreiniger, Wäscher und Wäschebügler,<br />

Mitarbeiter des Theaterfundus sowie Maskenbildner. „Hier überleben<br />

Handwerksberufe, die im Alltag immer seltener werden,“ erläutert die<br />

Kostümdirektorin. Im ehemaligen Stall der Felsenreitschule arbeitet das<br />

Team Hand in Hand und höchst kreativ zusammen. Anders wäre die<br />

Arbeit auch gar nicht zu bewerkstelligen, denn je nach musikalischer<br />

Vorlage sind für eine einzige Aufführung bis zu 600 Kostüme erforderlich.<br />

„Bei einer Mozart-Oper sind es etwa 120, bei einem Stück von Berlioz<br />

wächst die Anzahl schnell auf mehrere Hundert an“, führt die Leiterin<br />

aus. Ein Kostüm besteht nicht nur aus dem sichtbaren Gewand sondern<br />

schließt passende Unterwäsche, Strümpfe und Mieder bis hin zu Hüten,<br />

Perücken und Handtaschen ein.<br />

16<br />

Herren-Gewandmeister<br />

Armin<br />

Zwicker überträgt<br />

das Schnittmuster.<br />

Der Reifrock sorgt für<br />

voluminöse Kleider.<br />

KOSTÜME<br />

ALS AUSDRUCK<br />

VON ZEITGEIST<br />

Dementsprechend<br />

komplex sind Planung<br />

und Umsetzung. Der<br />

Prozess beginnt<br />

beim Kostümbildner,<br />

der in ersten<br />

Skizzen die<br />

vom Regisseur<br />

gewünschte<br />

Optik, den<br />

Zeitgeist und<br />

den gesellschaftlichen<br />

Kontext<br />

einfängt. Die Umsetzbarkeit<br />

dieser Ideen<br />

wird im Anschluss mit der<br />

Kostümdirektorin und ihrem Team<br />

diskutiert. Welche Bewegungen müssen die<br />

Kleidungsstücke ermöglichen, sind schnelle Umzüge während des Stückes<br />

geplant, wie wird das Bühnenbild aussehen? All diese Aspekte müssen<br />

von Anfang an in die Überlegungen einbezogen werden, um einen effektiven<br />

Ablauf zu gewährleisten. In Frage kommende Materialien werden<br />

erörtert, eventuell vorhandene Teile im Fundus recherchiert. „Der kreative<br />

Anteil unserer Arbeit ist sehr hoch, erläutert der Gewandmeister der Herrenschneiderei,<br />

Armin Zwicker, „denn wenn beispielsweise der Boden sehr<br />

rau ist, können wir bei langen Kostümen keine feinen Stoffe verwenden.<br />

Die Säume würden der Beanspruchung nicht standhalten.“ Nach Prüfung<br />

der Entwürfe auf Tauglichkeit beginnt die handwerkliche Fertigung.<br />

Die Werkstätten der Schneiderei fertigen bis zu 600 Kostüme für eine einzige Aufführung.<br />

„Am Theater überleben Handwerksberufe,<br />

die im Alltag immer weniger benötigt werden.“<br />

Dorothea Nicolai, Direktorin ‚Kostüm und Maske‘, Salzburger Festspielfonds<br />

In der Färberei werden dazu Stoffproben eingefärbt, „was bei manchen<br />

Materialien ein langes Experimentieren erfordert“, erzählt Elke Grothe-<br />

Schönswetter, eine ausgebildete Restauratorin. Sie probiert gerade an<br />

grobem Sackleinen, wie sich ein rückseitiger Farbauftrag auf der Vorderseite<br />

auswirkt. Auf dem Tisch daneben liegen Quasten, deren purpurne<br />

Farbunterschiede nur Nuancen ausmachen. Schnell bekommt auch<br />

der Laie ein Gespür, welch perfektionistischer Anspruch hinter jedem<br />

einzelnen Arbeitsschritt steht und welches Fachwissen notwendig ist. Alle<br />

Teammitglieder haben ein Handwerk erlernt und sich entsprechend ihres<br />

Aufgabengebietes vielfältig weitergebildet. Die künstlerisch-technische<br />

Ausbildung zum Gewandmeister erfordert beispielsweise ein vierjähriges<br />

Studium und setzt eine Schneiderlehre voraus.<br />

Applizierte Blüten mit Swarowski-Kristallen<br />

zieren das Kleid der „Buhlschaft“.<br />

GEBURTSHELFER EINER IDEE<br />

Dorothea Nicolai weiß, was einen guten Gewandmeister ausmacht: „Er<br />

hat das historische Wissen, kennt die fachlichen Regeln, nimmt sich aber<br />

dennoch die Freiheit, anders darauf zu reagieren.“ Konkret bedeutet das,<br />

alte Schnittführungen zu kennen, ein großes kulturgeschichtliches Repertoire<br />

zu besitzen, vor allem jedoch aus dem eigenen Erfahrungsschatz zu<br />

schöpfen. Viele winzige Details, wie die korrekte Position eines Abnähers,<br />

der die Silhouette vorteilhaft erscheinen lässt oder die Unterkonstruktion<br />

eines Reifrocks, im Fachjargon Krinoline genannt, sind das Werk kreativer<br />

GewandmeisterInnen. Neben beratenden Aufgaben sind sie hauptsächlich<br />

für die Schnitterstellung sowie die Umsetzung in der Schneiderei<br />

verantwortlich. Oft wird zunächst ein Musterteil gefertigt. Erst wenn<br />

Proportionen, Längen, Verschlüsse und vieles andere festgelegt und von<br />

den Kostümbildnern abgesegnet sind, beginnt die Einzelfertigung aus dem<br />

Originalstoff. Neben jeweils zwei Gewandmeistern in der Damen- und<br />

Herrenschneiderei, arbeiten in jeder Werkstatt zusätzlich zehn Schneiderinnen<br />

und Schneider, die sich auf Damen- oder Herrenkonfektion spezialisiert<br />

haben. Josefa Schmeisser, Gewandmeisterin der Damenschneiderei,<br />

weiß um die besonderen Herausforderungen. Beispielsweise wenn bei<br />

einem offenen Umzug, also vor den Augen der Zuschauer, in Sekundenschnelle<br />

ein Kleidungsstück abgelegt oder angezogen werden muss.<br />

In solch einem Fall kommen anstatt Knöpfe Magnete zum Einsatz. Der<br />

schnellste Umzug von Placido Domingo in „Il trovatore“ dauerte gerade<br />

einmal acht Sekunden.<br />

Nuancierte Versuche sind erforderlich, bis<br />

die purpurne Farbe für die Quasten gefällt.<br />

IMPROVISATION ALS HERAUSFORDERUNG<br />

Spontaneität ist auch dann gefragt, wenn es gilt, auf plötzliche<br />

Änderungen zu reagieren. „Wir müssen höchst flexibel sein“, meint<br />

Herren-Gewandmeister Gregor Kristen, „denn wird eine Rolle kurzfristig<br />

umbesetzt, passt die Ersatz person in den seltensten Fällen<br />

genau in das vorhandene Kostüm.“ Anproben sind daher wichtige<br />

Meilensteine der Herstellung. „Bei Hemden für Opernsänger ist es<br />

entscheidend, dass der Kragen genügend Weite für die Bewegungen<br />

des Kehlkopfes hat“, erklärt Maria Willert aus der Weißnäherei. Da die<br />

Salzburger Festspiele kein festes Ensemble haben, sind ihre Künstler<br />

während des Jahres weltweit unterwegs. Die Koordination der<br />

Anprobe-Termine ist daher ein zeitlicher wie logistischer Kraftakt.<br />

Der vorderseitige Farbauftrag zeigt die<br />

gewünschte Wirkung auf der Stoffrückseite.<br />

Es kommt bisweilen vor, dass die Gewandmeister irgendwo in Europa<br />

an ein bis zwei Tagen einen ganzen Chor vermessen und einkleiden<br />

müssen. Zurück in Salzburg, werden aus Hunderten von Einzelmaßen<br />

dann die Kostüme angefertigt. „Bei prominenten Persönlichkeiten<br />

ist eine gute Atmosphäre während der Anprobe besonders wichtig“,<br />

erklärt Gregor Kristen, „schließlich handelt es sich um eine intime<br />

Situation.“ Gleichzeitig lobt er die Stars, die sehr freundlich und<br />

professionell mit den Kostümfachleuten zusammenarbeiten. Cecilia<br />

Bartoli bedankt sich beispielsweise immer mit einem gemeinsamen<br />

Abendessen für alle Beteiligten. „Wir haben einen tollen Beruf“, sind<br />

sich alle einig, denn es ist etwas ganz Besonderes, Teil der Salzburger<br />

Festspiele zu sein.<br />

URSULA HOFFMANN<br />

Stoffe verschiedenster Materialien und Farben liegen griffbereit.<br />

17


BESONDERE ZEITGENOSSEN<br />

In Deutschland sind nach Angaben des Deutschen Musikinformationszentrums<br />

in Bonn rund <strong>1.</strong>550 Musikinstrumentenbauer<br />

tätig, davon 130 Holzblasinstrumentenmacher. Einer davon ist Gerwin<br />

Rodewald. Nach seiner Einschätzung sind nur weitere 20 Kollegen wie<br />

er selbst auf die Rohrblattinstrumente Klarinette, Saxophon, Oboe und<br />

Fagott spezialisiert.<br />

MEISTERLICHE EINRICHTUNG<br />

Die Nische, die sich der Koblenzer für seine Arbeit gesucht hat, ist also<br />

sehr klein. Und dies im wörtlichen Sinne. Sein Arbeitstisch befindet sich<br />

hinter dem Kastenfenster der kaum zwölf Quadratmeter großen Werkstatt,<br />

die er sich nach dreijähriger Lehre und einjähriger Meisterschule<br />

1991 in Koblenz in einem Barockhaus aus der Zeit der ehemaligen<br />

Residenzstadt Ehrenbreitstein eingerichtet hat. Nicht nur das Handwerk<br />

und das Haus sind alt, auch viele Teile der Werkstatteinrichtung sind<br />

deutlich älter als der 53-jährige Meister selbst. Von seinem Großvater<br />

lernte er schon als Kind das Drechseln und so hat er die kunstvollen<br />

Griffe seiner Spezialwerkzeuge und auch ein Holzhämmerchen selbst<br />

hergestellt. Für seine Kunden drechselt er Handstützen für die schweren<br />

Instrumente. Wenn vor dem Drehscheibentelefon keine modernen<br />

Kunststoffschalen lägen – die Werkstatt könnte man für so alt halten<br />

wie Gerwin Rodewald selbst.<br />

KLAPPRIGER MECHANISMUS<br />

Außer Holz bearbeitet der Musikinstrumentenbauer Kork, Filz, Leder<br />

und Metall an den Instrumenten, die er oft auch individuell für den Benutzer<br />

anpasst. Der Vater zweier Söhne hat ebenfalls Entwicklungsarbeit<br />

geleistet und eine kindgerechte Mechanik für das Fagott verbessert.<br />

So machen die Klappen, welche die Luftlöcher öffnen und schließen,<br />

den größten Anteil seiner Arbeit aus. Sie müssen dicht anliegen und<br />

leichtgängig sein. Jede Klappe für sich ist ein Einzelstück, das Rodewald<br />

ab und an sehr individuell ausformt. Und jede befestigt er mit eigens angepassten,<br />

unterschiedlich langen Schrauben am Korpus. Damit nichts<br />

durcheinanderkommt, steckt er die rund 100 Schrauben einzeln und<br />

in einer bestimmten Reihenfolge in ein Schraubenbrett. Die kleineren<br />

finden Platz im Gehäuse einer Napfschnecke. Große Sorgfalt erfordern<br />

auch die mit Kork abgedichteten Steckverbindungen zwischen den<br />

einzelnen Teilen eines manchmal seinen Spieler überragenden Fagotts,<br />

das auseinandergenommen in ein handliches Köfferchen passt.<br />

UNGESTÖRTE<br />

HARMONIE<br />

Rodewald liebt und lebt seinen<br />

Beruf in einer Harmonie, die sich<br />

auch nicht durch die Enge und<br />

scheinbare Unordnung in seiner<br />

Werkstatt stören lässt. Neben<br />

den vielfältigen handwerklichen<br />

Fähigkeiten beherrscht er auch<br />

die Instrumente und findet als<br />

Musiker neben der Arbeit in<br />

seiner Werkstatt auch noch<br />

Zeit für Probentermine und<br />

Konzertauftritte.<br />

IVAR A. AUNE<br />

Die Werkstatt im Haus von 1658.<br />

Hier steht eine Bu.<br />

Hier steht eine Bu.<br />

Der hohle Stiefel dieses Fagotts besteht aus Metall. Die Halterung der<br />

Klappe darüber ist sehr individuell ausgestaltet.<br />

20<br />

Damit keine Schrauben verloren gehen, stecken sie geordnet im<br />

Schraubenbrett oder liegen im Gehäuse einer Napfschnecke.<br />

GLÜCKLICH IN DER<br />

Nische<br />

Bei Musikinstrumenten, die schon mal in der<br />

Preisklasse teurer Mittelklassewagen liegen,<br />

lohnt sich nicht nur eine Reparatur, sondern<br />

auch eine umfassende Restaurierung. Gerwin<br />

Rodewald aus Koblenz-Ehrenbreitstein hat<br />

sich auf Holzblasinstrumente spezialisiert.<br />

21


SELBST ERFAHREN<br />

DIE GUNST DER<br />

Stunde<br />

A<br />

Ein Uhrenseminar vermittelt viel<br />

Wissenswertes über Aufbau und Funktion<br />

eines Zeitmessers und führt zu einem<br />

individuellen, eigenhändig veredelten<br />

Schmuckstück am Handgelenk.<br />

ls ich einen Prospekt der Karlsruher Uhrenmanufaktur<br />

Schäuble & Söhne durchstöbere, offenbart sich mir ein<br />

faszinierender Mikrokosmos. Ein Flieger- oder Oldtimer-Chronograph<br />

mit gebläuten Schräubchen, punziertem Räderwerk und vielen weiteren<br />

Veredelungen, gefertigt von mir? Die Entscheidung fällt schnell auf<br />

eine hochwertige Flieger-„Basisuhr“, die im Seminarpreis von <strong>1.</strong>280 Euro<br />

enthalten ist. Meine zittrigen und auch nicht zart geformten Hände<br />

bilden nicht gerade die ideale Voraussetzung für dieses Vorhaben,<br />

doch will ich unbedingt mein eigenes Meisterstück der Feinmechanik<br />

schaffen.<br />

26<br />

„TAG X“<br />

Zwei ganze Tage werde ich in einem Wochenend-Werkstattseminar<br />

eine individuell gestaltete Fliegeruhr mit Handaufzugwerk schaffen.<br />

Inhaber Gunther Schäuble begrüßt die acht Teilnehmer zum<br />

Fulltime-Veredelungskurs im einladend hellen Schulungsraum seiner<br />

1924 gegründeten Traditions-Uhrenmanufaktur und stellt uns die<br />

Seminarleiter Till Lottermann, Timo Arnsfeld und Michael Teutsch vor,<br />

allesamt erfahrene Uhrmachermeister. „Wir wollen unsere Leidenschaft<br />

für das Innenleben tickender Zeitmesser an Euch weitergeben“, meint<br />

Lottermann. „Diese Faszination werdet Ihr beim Eintauchen in die<br />

Technik spüren.“<br />

27


SELBST ERFAHREN<br />

Demontage und Montage<br />

der filigranen Uhrwerkteile<br />

erfordern viel Feingefühl,<br />

Geduld und eine ruhige Hand.<br />

SCHIMMERNDE SCHICHT<br />

Im Anschluss heißt es kräftig Schleifen. Das Anlegen von Gummi-<br />

Fingerlingen vermeidet lästige Fingerspuren auf den frisch gereinigten<br />

Bestandteilen unserer künftigen Uhren-Kunstwerke. Akkurat glätten wir<br />

die Oberflächen aller Miniaturschrauben, Rädchen und Platten. Und<br />

schon suche ich als Erster ein winziges Schräubchen, das von der Werkbank<br />

gefallen und immens wichtig ist – denn jetzt wird „gebläut“. „Die<br />

Schrauben werden so lange erhitzt, bis sich eine bläulich schimmernde<br />

Oxidationsschicht auf dem Metall bildet“, erklärt Lottermann. Folgsam<br />

schalte ich den Bunsenbrenner ein und fasse die wiedergefundene<br />

Schraube vorsichtig mit der Pinzette. Und siehe da: Es klappt tatsächlich.<br />

Ein motivierendes Lob vom Meister dringt an mein Ohr, während unter<br />

den Tischen um mich herum die Jagd nach den nächsten verlorenen<br />

Schräubchen einsetzt.<br />

THEORIE UND PRAXIS<br />

Jedem Teilnehmer wird zu Beginn eine eigene Werkbank und<br />

professionelles Uhrmacher-Werkzeug zur Verfügung gestellt.<br />

Zunächst erhalten wir eine Einführung in die Feinmechanik, wichtige<br />

Informationen zu den verschiedenen Uhrmachertechniken sowie zu<br />

Aufbau und Funktion der wertvollen, im Fachjargon auch gern als „Timepiece“<br />

bezeichneten Uhren. Dann der erste Kontakt: Ehrfürchtig halten<br />

wir die Objekte unserer Begierde in Händen, die wir in den nächsten zwei<br />

Tagen auseinandernehmen, veredeln und wieder zusammenmontieren<br />

werden. Handaufzug, Gehäuse und Lünette aus Edelstahl, Lünette und<br />

Glas-Gehäuseboden schraubbar, gut ablesbare Leuchtziffern auf schwarzem<br />

Untergrund und Unitas-Kaliber. Die Spannung steigt: Es geht an die<br />

Demontage. Die Profi-Uhrmacher stehen fortan bei jedem Handgriff mit<br />

guten Tipps und beruhigenden Worten an unserer Seite und nehmen<br />

uns die Scheu vor der filigranen Mechanik.<br />

PRÄZISES ZERLEGEN<br />

„Bevor wir loslegen, müssen wir die Genauigkeit der Uhrwerke auf der<br />

Zeitwaage prüfen“, sagt Teutsch. „Bei dieser Prüfung erkennen wir, ob<br />

und um wie viele Sekunden eine Uhr pro Tag vor- oder nachgeht.“<br />

Kurz darauf steht das Ergebnis des Rohwerk-Checks fest: „Sie gehen<br />

alle punktgenau.“ Die Lupe ins Auge geklemmt und die Pinzette in der<br />

Hand, folgen die Arbeitsschritte der Uhren-Demontage: Abspannen,<br />

Lösen der einzelnen Schrauben, Entfernen von Unruh, Hemmungsrad,<br />

Ankerbrücke, Anker und Aufzugsrädern. Dann bauen wir Räderwerksund<br />

Federhausbrücke sowie das gesamte Räderwerk aus. Zum Schluss<br />

entnehmen wir noch Aufzugs- und Kupplungstrieb und schrauben<br />

die Aufzugsabdeckung ab. „Achtet besonders auf das Zifferblatt.<br />

Wenn Ihr nicht vorsichtig seid, riskiert Ihr schnell einen Kratzer“, warnt<br />

Arnsfeld. Nach einer guten Stunde liegen rund 80 filigrane Einzelteile<br />

vor mir: Zifferblatt, Zeiger, Unruh, Aufzugwelle, Krone, Glasboden,<br />

Rubinlager und viele kleine Zahnrädchen, Schrauben und Metallplättchen.<br />

Alles kommt fürs Erste unter eine Glasglocke, um Verlusten<br />

vorzubeugen.<br />

HOCHKARÄTIGE BESETZUNG<br />

Bunsenbrenner, Lupe, Schraubenziehersatz, Pinzette und Zahnstocher<br />

sollen uns ab sofort dabei helfen, das leere 42-mm-Gehäuse mit<br />

veredelten Ingredienzen zu füllen. „Teile des Uhrwerks werden nun<br />

vergoldet und die Schrauben gebläut, damit der Blick durch den Glasboden<br />

auf eine einwandfreie Optik fällt“, fasst Schäuble zusammen.<br />

„Der Individualisierungsgrad ist nahezu unbegrenzt; Ihr könntet also<br />

das Ziffernblatt gern auch zusätzlich noch in eine 24-karätige Echtgold-Lünette<br />

setzen und mit Namen oder Initialen personalisieren.“<br />

Zur Schonung unserer Geldbeutel gehen wir rasch zur Ultraschall-<br />

Reinigung der einzelnen Komponenten über.<br />

Gespannt verfolgen die Seminarteilnehmer die Prüfung<br />

der Ganggenauigkeit ihrer Uhren auf der Zeitwaage.<br />

Der Uhrmachermeister demonstriert die Perlage- und Punziertechnik.<br />

GESCHLAGENE KREISE<br />

Am zweiten Tag lernen wir nach einer erneuten Ultraschall-Reinigung das<br />

Punzieren – und sind erstaunt, wie schnell wir es beherrschen. Mit jedem<br />

Schlag entstehen mittels eines feinen Metallstifts winzige kreisförmige<br />

Ornamente. Der Zusammenbau des Uhrwerks kristallisiert sich schnell<br />

als komplizierteste Aufgabe des Seminars heraus. Alle Einzelteile werden<br />

noch einmal gründlich gereinigt und millimetergenau zusammengesetzt.<br />

„Betrachtet das Schrauben als eine Kunst und macht es mit wenig Kraft“,<br />

mahnt Lottermann. Wir sind froh, dass die Uhrmacher-Profis uns beim<br />

Einhalten der richtigen Reihenfolge unterstützen. Zum Schluss folgt der<br />

Einbau der Unruh. Gebannt fiebern wir dem Ergebnis entgegen und starren<br />

auf die Zeitwaage. Die Unruh bewegt sich! „Ihr könnt sehr zufrieden<br />

sein, Eure Uhren laufen genauso gut wie vorher“, lobt uns Lottermann.<br />

KRÖNENDER ABSCHLUSS<br />

Dann folgen die letzten Handgriffe. Das Einschalen des Uhrwerks ins<br />

Gehäuse, auch „Hochzeit“ genannt, sowie das Anbringen von Zifferblatt,<br />

Zeiger und Krone. Geschafft! Als Ergebnis prangt nun ein unverwechselbares<br />

Einzelstück mit der Nummer 565 an meinem Handgelenk. Das<br />

zweitägige Seminar hat einen einfachen Uhrenliebhaber in einen wahren<br />

Meister der Feinmechanik verwandelt und es wird ganz sicher nicht das<br />

letzte Uhrenseminar gewesen sein, das ich besucht habe! KARIN WEIDENBACHER<br />

DIE INDIVIDUELLE UHR<br />

Uhrenseminare unterschiedlicher Dauer, Schwierigkeitsgrade<br />

und Preisklassen bieten unter anderem nachfolgende<br />

Hersteller an:<br />

∙ Schäuble & Söhne Manufakturwaren GmbH, 76131 Karlsruhe<br />

www.schaeuble-soehne.de<br />

∙ Lottermann & Söhne GdbR, 68239 Mannheim<br />

www.lottermannundsoehne.de<br />

∙ NIVREL Uhren – Gerd Hofer GmbH, 66119 Saarbrücken<br />

www.nivrel.com<br />

∙ Hessische Uhrmacherschule, 61267 Neu-Anspach<br />

www.hess-uhrmacherschule.de<br />

∙ mecanicus-Chronometrie Bernd Eckel, 73230 Kirchheim | Teck<br />

www.mecanicus.de<br />

∙ Schaumburg & CCM Braun Uhrenseminare, 31737 Rinteln<br />

www.schaumburgwatch.com<br />

∙ ASKANIA AG Uhrenmanufaktur, 10178 Berlin<br />

www.askania-berlin.de<br />

∙ Uhrmachermeister Kriescher GbR, 52146 Würselen<br />

www.uhrenschrauber.de<br />

∙ Uhrmachermeister Reinhold Flüthe, 48291 Telgte<br />

www.uhrenseminare-fluethe.de<br />

∙ Juwelier Joh. H. Windecker KG, 61440 Oberursel<br />

www.windecker.de<br />

∙ Labhart-Chronometrie, CH-9004 St. Gallen<br />

www.chronometrie.ch<br />

28<br />

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