750 Jahre Forst

lronline.de

2 750 Jahre Forst RUNDSCHAU · 7. Juli 2015 REG!ONAL

Eine Reise in die Vergangenheit

Herrschaftszeiten, Bürgerstolz, Rotes Forst und ein Rätsel – Forster Geschichte

Die Zahl 1265 steht dieses Wochenende

im Mittelpunkt. Vor 750 Jahren

– was war denn da? Ein Rätsel,

so spannend wie die ganze Forster

Geschichte.

1265 oder 1266, so heißt es in der

Stadtgeschichte von 1967, sei die

Stadtkirche erbaut worden. Die Urkunden

sind verloren, den Namen

des Stadtgründers kennt niemand,

ebenso wenig den Grund, wann und

warum sich die „1265“ zu dem traditionell

überlieferten „1266“ gesellte.

Gewiss ist aber, dass um diese

Zeit die Stadt entstand. Das haben

Archäologen bewiesen. Sicher

ist auch, dass Forst gleich zu Beginn

planvoll, regelmäßig angelegt

wurde, eine hochmittelalterliche

Gründungsstadt war, wie die Stadthistoriker

das nennen. Das lässt

sich am Straßengrundriss noch

heute ablesen, ebenso wie der Anlass

des Festwochenendes allen

Kriegen und Katastrophen zum

Trotz unverrückt an seinem Platz

steht – die Kirche St. Nikolai.

Der heilige Nikolaus ist der Schutzpatron

der Kaufleute, und an der

Kreuzung alter Handelstraßen entstand

die Stadt. Die Ost-West-

Route im Verlauf der „Salzstraße“,

einer wichtigen Transitroute zwischen

Halle und Osteuropa, bildete

einst die einzige öffentliche Durchgangsstraße

durch die Stadt, von

der heutigen Fußgängerzone über

Die 1901 gelaufene Ansichtskarte zeigt aus künstlicher Vogelperspektive das Stadtpanorama.

den Markt in die Mühlenstraße

Richtung Neiße. Aber nicht Kaufleute,

sondern Handwerkerbürger, die

zugleich höchst erfolgreiche Bierbrauer

waren, und der Adel prägten

die Stadt.

Das war, bei allen Konflikten, kein

Gegensatz. Die Bürger hatten „alle

Privilegia einer großen Stadt“, wie

es noch im 18. Jahrhundert hieß,

besaßen Marktrecht, Gerichtsbarkeit,

Dienstfreiheit und anderes

mehr. Ihre Stadt war Mittelpunkt

der zweitgrößten Adelsherrschaft in

der Niederlausitz. Hier nahmen die

Bibersteiner Quartier, damals eines

der mächtigsten Geschlechter zwischen

Böhmen, Breslau und Berlin.

Die Stadt verdankt den Bibersteinern

vieles. Schon der große Johann

III., Gefolgsmann von Kaiser

Karl IV., investierte bald nach 1380

nachhaltig in Ausbau und Errichtung

Internet • Telefon • Fernsehen

WENN DAS KEIN GRUND ZUM FEIERN IST:

750 Jahre Forst (Lausitz)

und

55 Jahre Funk und Technik

Internet mit bis zu 128.000 kbit/s

Digitales Fernsehen SD und HD

große Programmauswahl

IP und LWL Lösungen

weitere Optionen buchbar

www.kabel-net.de

von Mühlgräben, Hochwasserschutz,

Stadtmühle und der Stadtburg,

dem einstigen „Kornhaus“ am

Haag.

Von adliger Herrlichkeit zeugt noch

das „Alte Amt“, so bezeichnet, weil

es nach dem Aussterben der Bibersteiner

1667 den neuen Herren als

Amthaus diente, und damals seine

heutige Gestalt erhielt. Die neuen

Herren waren die Herzöge von

Sachsen-Merseburg. Sie prägten

Forst als sächsische Stadt. Drei

Jahrzehnte lang residierte in Forst

die Witwe des Herzogs Philipp von

Sachsen-Merseburg-Lauchstädt,

Luise Elisabeth. Ein Glücksfall, denn

durch ihren illustren Hofstaat, dem

Gelehrte und Komponisten angehörten,

florierten Handel und Gewerbe,

und Forst erhielt erstmals

eine Poststation.

Ein anderer großer Sachse wurde

ebenfalls Forster: Heinrich Graf von

Brühl, sächsisch-polnischer Premierminister,

der wenige Jahre

nach Pförten/Brody auch Forst erwarb.

Ihm verdankt Forst den ersten

textilen Großbetrieb, eine Tuchmanufaktur

im damals leerstehenden

Stadtschloss an der heutigen

Kirchstraße. Nach dem großen

Stadtbrand, sorgte er für den Wiederaufbau

der Stadt nach modernsten

Gesichtspunkten barocker

Stadtplanung. Die Bürger waren

nicht begeistert, das Projekt war

teuer, Brühl musste manche Abstriche

machen. Jedoch gehen die Anfänge

der „größten Tuchstadt Ostdeutschlands“

und des „deutschen

Manchesters“, wie die Stadt um

1900 für sich warb, auf die Ära

Brühl zurück. In der Forster Stadtkirche

fand der umstrittene Politiker

und Stadtherr seine letzte Ruhe.

Das Erbe der Industriekultur prägt

das Stadtbild. Die Industrialisierung

der Stadt begann in den 1820er-

Jahren mit durch Wasserkraft betriebenen

Spinnmaschinen in den

ersten Fabriken am Stadtschloss,

1844 folgte die erste Dampfmaschine

in Forst. Nach dem Anschluss an

das Bahnnetz 1872 begann die

Stadt zu boomen. Die von August

Groeschke nach Forst geholte Produktion

günstiger Buckskin-Tuche

wurde zum Exportschlager auch in

Übersee. Angeblich kam um 1930

jeder fünfte Anzug aus der Neißestadt.

Arbeitskräfte zogen in die

Stadt, die auch eine Hochburg der

Arbeiterbewegung wurde. Der Einwohner-Höchststand

wurde mit

rund 45 000 Personen 1940 mit

weiteren Eingemeindungen erreicht.

Das rasante Wachstumstempo galt

um 1900 als „amerikanisch“. Der

Stadtbaurat Dr. Rudolf Kühn suchte

in den Zwanzigerjahren diese Dynamik

planerisch zu bändigen und

setzte mit der Bebauung der Neißeufer

und zahlreichen herausragenden

Gebäuden wie Stadtmühle,

Siedlung „Jerusalem“, Krematorium

markante architektonische Akzente.

Die Stadt hat in den vergangenen

70 Jahren gravierende Zäsuren

erlebt, die Zerstörung 1945 und

das Ende der Textilindustrie nach

der friedlichen Revolution 1989/90.

Heute liegt die Grenzstadt wieder

in der Mitte Europas. Die Industriekultur

gehört der Vergangenheit an,

Tourismus, Mittelstand, Infrastruktur

prägen die Stadt. Als Transitort

von und nach Osteuropa knüpft sie

auch wieder an Traditionen aus der

Zeit der Bibersteiner und Brühls an,

steht sie immer noch mitten in der

Geschichte. Dr. Jan Klußmann

Stadtgeschichte in Zahlen

um 1265 Stadtgründung

1350 Urkundliche Ersterwähnung

um 1380 Die Bibersteiner erwerben die

Herrschaft Forst (bis 1667)

1538 Reformation in Forst

1626 Durchzug Wallensteins während

des Dreißigjährigen Krieges, seinen

Truppen folgt die Pest; in den Folgejahren

Plünderungen

1667 Forst fällt als landesherrliches

Amt an Sachsen-Merseburg

1704-1736 Herzoginwitwe Luise Elisabeth

residiert im Stadtschloss

1746 Graf Brühl erwirbt die Herrschaft

Forst

1748 Letzter großer, nicht kriegsbedingter

Stadtbrand

1815 Forst fällt an Preußen

1821 Erste Spinnmaschine

1844 Erste Dampfmaschine in Forst

1875 Eingemeindung von Alt Forst, Verdopplung

der Bevölkerung auf 14 000

Personen

1893 Inbetriebnahme der Stadteisenbahn

(bis 1965)

1897 Eingemeindung von Berge, Forst

wird Stadtkreis sowie großes Neißehochwasser

- es war die letzte Überflutung

der Stadt

1903 Eröffnung des Wasserwerks und

des Wasserturms

1906 Eröffnung des Eltwerks

1913 Rosen- und Gartenbauausstellung,

aus der der Rosengarten entsteht

1922 Eröffnung der Langen Brücke über

die Neiße (sie wurde 1945 zerstört)

1940 Eingemeindung von Eulo, Noßdorf,

Domsdorf, Keune, Scheuno

1945 Zerstörung der Innenstadt zu

80%, Verlust östlicher Stadtteile

1946 Eingemeindung von Sacro

1952 Bildung des Kreises Forst

1993 Eingemeindung von Groß und

Klein Bademeusel, Groß und Klein Jamno,

Mulknitz, Naundorf, Bohrau, Briesnig,

Kreisreform

2002 Neue Grenzbrücke bei Sacro

2003 Neue Ortsteile: Sacro und im Zuge

der bergbaubedingten Ortsumsiedlung

Horno

2004 Forst erhält den Titel „Rosenstadt“

verliehen

2013 Deutsche Rosenschau im Rosengarten,

dafür erfolgen umfangreiche Erneuerungs-

und Erweiterungsarbeiten

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine