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eMagazin BEST PRACTICE IN FINANCE

Neue Ausgabe des eMagazin BEST PRACTICE IN FINANCE mit den Themenschwerpunkten "Cross Border Wealth Management", "Mergers & Acquisitions", "Vermögensverwaltung", "Due Diligence" und IT unterstützte Prozesse.

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BEST PRACTICE IN FINANCE / Seite 10 KOMMENTAR Wenn Banken die Technik fürchten Roger Darin * Während sich die meisten Leute an die Vorteile des Internets gewöhnt haben und weder Facebook noch online Shopping Lebewohl sagen möchten, gibt es verschiedene Industriezweige, die sich vor Veränderungen durch neue Technologien fürchten. Insbesondere der Finanzbereich scheint sich Angesichts seiner Bedeutung äusserst langsam zu entwickeln. Das erstaunt ein wenig, denn bereits 1991 konnten Anleger auf AmericaOnline (AOL) und CompuServe Aktien kaufen und verkaufen. Angeboten wurde dies von einer kleinen Brokerage, welche bis zum Ende der Dotcom Blase nicht nur eindrücklich wuchs, sondern auch die verkrustete Gebührenstruktur bis in die Schweiz hinein in Bewegung brachte. Seither jedoch hat sich vordergründig wenig getan. Klar, die Webseiten unserer Banken haben in den letzten ein bis zwei Jahren den Sprung ins neue Jahrtausend auch endlich geschafft. Zudem erlaubte die Digitalisierung den Banken eine Auslagerung verschiedener Arbeitsabläufe an den Kunden, die früher ganze Geschäftshäuser voll von Angestellten beschäftigten. Kaum mehr jemand reiht sich Ende Monat noch am Bankschalter ein um Bargeld abzuheben — und trotzdem sind die Kontoführungsgebühren ein Vielfaches dessen, was sie vor der digitalen Revolution 1.0 waren. Es scheint, als ob in erster Linie die Banken profitiert hätten. Viel mehr als Kostensenkungen Diese Rückblende dient uns gleichzeitig als Aussichtspunkt um besser zu verstehen, warum der digitale Fortschritt die Finanzbranche hinter sich gelassen hat: Auf dem Spiel steht dieses Mal deutlich mehr als nur Kostensenkungen oder um es in den Worten von Bill Gates auszudrücken: "Banking ist notwendig - Banken sind es nicht". Das Rotkäppchen-Syndrom: Die Angst vor der Technik lähmt und macht die Finanzinstitute handlungsunfähig. Ein kurzer Blick in andere Industriezweige verdeutlicht dies! Es war keine Warenhauskette, die das online Shopping einführte, sondern ein neu gegründetes Unternehmen namens Amazon. Auch die Hotelbranche war in erster Linie mit sich selbst beschäftigt bis AirBnB mit einem Produkt auftauchte, das besonders Vielreisende magnetisch anzuziehen schien. Oder während die Taxibranche es sich in vielen Ländern durch staatlich ermöglichte Monopole oder hohe Eintrittsbarrieren gemütlich gemacht hatte, kam scheinbar aus dem Nichts ein kalifornisches Start-Up namens Uber, welches nicht nur ein angenehmeres Buchen von Taxis ermöglichte, sondern zudem auch noch deutlich billiger war als die vom Wettbewerb geschützten Taxis. Günstiges Telefonieren kam nicht von einem der Telekomkonzerne, welche das technische Wissen durchaus gehabt hätten, sondern von einem kleinen Unternehmen aus Estland namens Skype. Kaum je gab es eine Disruption aus der Branche selber; die Angst vor Veränderungen entspringt einem Selbsterhaltungstrieb, der kaum zu bändigen sein wird. Der Schein trügt Trotzdem investieren Schweizer Banken in FinTech; ein kürzlich erschienener Bericht gibt dabei der Schweiz insgesamt gute Noten. Doch der Schein trügt: Der Produktemix der meisten Banken ist auf Profitabilität optimiert, nicht auf Kundennutzen. Dies erklärt beispielsweise, warum im Private Banking gewisse Lösungen nur einer sehr wohlhabenden Kundschaft vorbehalten sind, obwohl das Produkt an sich hoch skalierbar wäre: solange Kleinkunden als Klasse sich nicht dagegen wehren sondern weiterhin hochmargige Produkte akzeptieren, so lange gibt es aus Sicht des Finanzinstitutes keinen Grund etwas zu ändern. Naja, fast nichts ändern — allenfalls die e-Banking Plattform so modernisieren, BEST PRACTICE IN FINANCE / BEST PRACTICE IN REAL ESTATE / Academy for Best Execution GmbH / www.BestInFinance.ch / www.BestInRealEstate.ch

BEST PRACTICE IN FINANCE / Seite 11 Wenn Banken die Technik fürchten Kommentar dass endlich diese ständigen Calls beim Help Center aufhören. Hohe Eintrittsbarrieren Die grosse Disruption in der Finanzbranche, deren Eintrittsbarrieren ständig erhöht werden, wird daher wohl von ausserhalb der Branche kommen. Finanzinstitute beobachten Kandidaten und Technologien für eine solche Disruption sehr genau. Dabei stehen sie nicht (nur) abseits sondern lassen diverse Bereiche erforschen, beispielsweise die Blockchain, also die Technik, der Bitcoin zugrunde liegt, oder die Analyse von "Big Data" — wenn auch letzteres vorderhand um Marketingkosten zu optimieren. Die stets zitierte Zielgruppe für das Banking von morgen (Finance 2.0) sind die "Millennials", je nach gewünschtem Forschungsresultat sind das nach 1980 oder auch erst nach 2000 geborene Personen (bei Wikipedia werden Millennials übrigens mit Generation Y gleichgesetzt, welche nach der Generation X — auch Generation Golf genannt — kamen). Einfache Lösungen sind gefragt Diese Millennials nun, welche anscheinend lieber zum Zahnarzt als zur Bank gehen — und wer kann ihnen das verübeln? — verlangen nach einfacheren Lösungen: Gamification, Virtual Reality, Peer-to-Peer, Social und rundum sorglos sind Schlagworte, die den Bankenvertretern dabei einfallen. Dabei vergessen sie allerdings, was die Millennials (und nicht nur sie) ursprünglich wollten: Etwas einfacheres. Als ein Bekannter von mir kürzlich seinen Bankberater nach möglichen Umschichtungsoptionen für sein Depot anfragte, bekam er als Antwort ein Email mit rund einem Dutzend angehängter PDFs: Übersichtsblätter für eine bunte Auswahl von Anlagefonds mit ebenso vielen Disclaimers. Mein Bekannter entschied, angesichts dieser Informationsflut keine Zeit zu haben und liess sein Depot für einige weitere Monate unangetastet. Man stelle dies in Kontrast mit den Möglichkeiten des Internets: schon vor zehn Jahren war es möglich mit Gmail sämtliche Emailkonten von einem zentralen Ort aus zu verwalten. Wenn man etwas ändern wollte, konnte man dies bequem im Browser erledigen und zwar ohne sich bei jedem Konto anmelden zu müssen und manuell Mails hin und her zu schieben. Gmail wurde zur zentralen Anlaufstelle für Email und degradierte die bisherigen Email-Provider zu austauschbaren Zulieferern. Es gibt noch viel zu tun Die Banken hätten es in der Hand, bei der digitalen Revolution ganz vorne dabei zu sein. Das sind sie auch, aber nur in Bereichen wo es entweder nicht weh tut oder nicht anders geht (es ist erstaunlich wie wenig "Innovationen" nach der Anwendung dieses Filters noch übrig bleiben). Die grossen Firmen des Internets haben zwar das technische Know- How um den Bereich aufzumischen, und tatsächlich haben sich einige um Banklizenzen bemüht und/oder sind in dem Bereich als Start-Up Investoren tätig, doch wirklich aufgemischt haben sie noch nichts. Anders sieht es da in der Start-Up Szene aus: Bereits 2015 wurden alleine in den USA in Bitcoin-nahen Bereichen weit über US$100mio investiert und das Bitcoin Start-Up Xapo konnte mit Larry Summers (ehemaliger US Treasury Secretary), John Reed (einst CEO bei Citibank) und Dee Hock (Gründer von VISA) äusserst illustre Namen für sein Advisory Board gewinnen. Um es nochmals zu betonen: All dies sind Aktivitäten in Bitcoin-nahen Bereichen, weitere substantielle Investionen werden in anderen Fintech Bereichen gesprochen. Auch in der Schweiz bewegt sich die Start-Up Szene, wenn auch viel langsamer als in den USA, beispielsweise mit TrueWealth, das unter anderem von einem der Digitec.ch Gründer mitgetragen wird. Die nächste digitale Revolution wird kommen — aber die grossen Finanzinstitute wirken derzeit eher wie Dinosaurier, die das farbenfrohe Schauspiel der Asteroiden in der Atmosphäre beobachten. * Roger Darin, Managing Partner, FX Diversity BEST PRACTICE IN FINANCE / BEST PRACTICE IN REAL ESTATE / Academy for Best Execution GmbH / www.BestInFinance.ch / www.BestInRealEstate.ch

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