Lied Katechese, Teil 2

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Lied Katechese, Teil 2

6 NICHTS IST UNMÖGLICH

Völlig verstört zog sich das Senfkorn in die dunkelste Ecke zurück und wagte

nicht mehr, zum Sonnenblumenkern aufzuschauen.

Plötzlich wurde es wieder hell. Und wieder ein lautes Rufen: „Los, weg da!

Ich komme. Macht Platz!“ Und schon plumpste eine dicke Tulpenzwiebel geradewegs

zwischen Senfkorn und Sonnenblumenkern in die Erde.

(Ein drittes Kind, in ein großes braunes Tuch gehüllt, springt heran und hockt

sich zwischen die beiden anderen).

Dann wurde es wieder dunkel. „Guten Tag, ehrwürdige Tulpenzwiebel.

Schön, dass ich jetzt Gesellschaft habe, einen, der es versteht, zu wachsen

und groß und stark zu werden“, schmeichelte der Sonnenblumenkern und

rückte noch ein Stückchen näher an die dicke Zwiebel heran. Dann stellte er

sich auf seine Zehenspitzen und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Auf einmal prusteten

beide lauthals los. Sie klopften sich vor Vergnügen auf die Schenkel,

sahen in die Ecke, wo das kleine Senfkorn noch immer hockte ohne aufzuschauen,

lachten erneut aus vollem Halse und kriegten sich kaum noch ein.

Für das Senfkorn war nicht schwer zu erraten, worüber sich die beiden lustig

machten. – „Ja, haben sie nicht recht?“, dachte das kleine Senfkorn bei sich.

Es war ja auch wirklich so klein, das man sich nur schwer vorstellen konnte,

dass es zu etwas Großem heranwachsen würde. Würde es jemals aus dieser

dunklen Erde herauskommen und das Licht der Sonne sehen? Bei diesen

Gedanken kamen dem kleinen Senfkorn die Tränen. Während es so dasaß,

holte es die Müdigkeit ein. Als ihm die Augen zufielen, kam ihm seine Mutter

in den Sinn, und da fiel ihm plötzlich ein, was sie ihm noch zugerufen hatte,

als sie voneinander getrennt wurden: „Hab’ keine Angst! Wenn wir auch die

kleinsten Samenkörner auf Erden sind, so wird der liebe Gott uns doch nicht

vergessen.“ Das kleine Senfkorn seufzte tief. Dann schlief es ein. –

(Während des folgenden Liedes wird die Szene neu gestaltet: Den Kindern,

die die Tulpenzwiebel und den Sonnenblumenkern spielen, wird über das

braune Tuch ein kleineres grünes gelegt.

Die „Tulpenzwiebel“ erhält zusätzlich ein kleines rotes Tuch um den Hals, der

„Sonnenblumenkern“ ein kleines gelbes. Beide bleiben aber hocken. Das

Senfkorn wächst zur Staude: Das entsprechende Kind stellt sich hin und

streckt die Arme weit aus. Es erhält ein grünes Tuch, das über die ausgestreckten

Arme reicht. Daneben stellt sich ein Erwachsener als ausgewachsene

Senfstaude: die untere Körperhälfte mit einem braunen Tuch, die obere

Körperhälfte mit einem grünen Tuch umhüllt. Seitlich von den vieren wird eine

Sonne hochgehalten.)

4/2009; 4. Gottesdienst

Lied

Das Lied vom Senfkorn (siehe Liedanhang, 1.+2. Str.)

Katechese, Teil 2

Als das kleine Senfkorn wieder aufwachte, spürte es eine wohltuende Wärme.

Vorsichtig öffnete es die Augen und blinzelte – in die Sonne! Ja, wirklich!

Das kleine Senfkorn sah die Sonne! Es hatte es also doch geschafft, aus der

Erde herauszuwachsen, der Sonne entgegen. Voller Freude wollte es – wie

es das als kleines Korn immer getan hatte, wenn es sich freute – hin und her

hüpfen. Doch da merkte es, dass es gar kein kleines Senfkorn mehr war: Es

hatte jetzt feste Stämme, die – das spürte es – von starken Wurzeln in der

Erde gehalten wurden. An den Stämmen saßen viele Äste und Zweige mit

grünen Blättern. Aus dem Senfkorn, dem winzigen Senfkorn, war ein stattlicher

Strauch geworden.

Aber was war denn das? Unten, in seinem Schatten, standen zwei wunderschöne

Blumen: eine kleine rote Tulpe und eine Sonnenblume mit einem

großen gelben Blütenrad. Beide sahen verschämt in eine andere Richtung.

Liebevoll lächelte der große Strauch ihnen zu. Er hätte die ganze Welt umarmen

können. Kraftvoll streckte er seine Zweige aus und spürte plötzlich eine

leichte Berührung. Nanu? Erstaunt sah er zur Seite, und fast wäre sein

Herz vor Freude zersprungen: Was er da berührte, war – ein Ast seiner Mutter.

Er schaute zu ihr hinauf. Wie groß und stark seine Mutter war! Über dichtem

Geäst breitete sich eine mächtige Krone aus unzähligen Zweigen und

Blättern aus. Sie beugte sich zu ihm herunter und strich ihm zärtlich über die

Zweige: „Ich freue mich so, dass du da bist, mein Kleiner! Sei nur sicher: Du

wirst noch weiter wachsen, bis du eines Tages so groß und stark bist wie ich.

Habe ich dir nicht gesagt, Gott wird dich nicht vergessen, selbst wenn du

noch so klein bist?“ – „Gott wird dich nicht vergessen, selbst wenn du noch

so klein bist“, wiederholte er leise und sah in den blauen Frühlingshimmel.

Und der Wind spielte in seinen Zweigen.

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4/2009; 4. Gottesdienst


6 NUR EIN RÄDCHEN IM GETRIEBE?

kobus. Sie gingen zum Haus des Synagogenvorstehers. Als Jesus den Lärm

bemerkte und hörte, wie die Leute laut weinten und jammerten, trat er ein und

sagte zu ihnen: Warum schreit und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, es

schläft nur. Da lachten sie ihn aus. Er aber schickte alle hinaus und nahm außer

seinen Begleitern nur die Eltern mit in den Raum, in dem das Kind lag. Er

fasste das Kind an der Hand und sagte zu ihm: Talita kum!, das heißt übersetzt:

Mädchen, ich sage dir, steh auf! Sofort stand das Mädchen auf und ging

umher. Es war zwölf Jahre alt. Die Leute gerieten außer sich vor Entsetzen.

Doch er schärfte ihnen ein, niemand dürfe etwas davon erfahren; dann sagte

er, man solle dem Mädchen etwas zu essen geben (Mk 5,21-43).

Auslegung und Aktion

„Dann sagte er, man solle dem Mädchen etwas zu essen geben.“ Mit dieser

banalen Bemerkung ist der Abschnitt des Evangeliums zu Ende.

Ich möchte jetzt mit euch vier Perspektiven des Evangeliums kurz nachstellen,

bevor ihr darüber ins Gespräch kommt. Ich werde jetzt das Evangelium

hier mit den Figuren nachstellen, sodass die Dramatik deutlich wird:

1. Der Synagogenvorsteher: Jesus ist gerade aus dem Boot gestiegen, da

kommt hier der Synagogenvorsteher an. Er geht sofort auf ihn zu, die Zeit

drängt, denn seine Tochter liegt im Sterben. Er bedrängt ihn, dass er sofort

mitgeht. Jesus geht auch los. Aber: da ist die Menge und die Frau.

Der Synagogenvorsteher bleibt an der Seite Jesu, aber er kann nicht mehr

weiter, obwohl es um Leben und Tod seiner Tochter geht. Er steckt fest,

denn es geht jetzt erstmal um die Frau.

2. Die Frau: Diese Frau, die einen langen Leidensweg hinter sich hat, erst

recht, wenn man weiß, dass die Reinheitsvorschriften sie vom liturgischen

Leben fast ausgeschlossen haben. Diese Frau also macht sich auf den

Weg. Mitten in die Menge hinein. Diese vielen, vielen Menschen um sie

herum drängen und bedrängen sie. Sie traut sich nicht, Jesus direkt anzusprechen.

Aber sie denkt sich, einen Versuch ist es wert, und berührt sein

Gewand.

Dazu muss sie ganz nah herangehen an Jesus, der gerade aus dem Boot

gestiegen ist. Wenn ihr euch das anschaut – da ist Jesus mit den Jüngern.

Diese schauen gerne nach der Ordnung. Da ist die Menge, die Menge, die

sofort herandrängt. Jesus ist kaum noch zu sehen, auch die Frau geht unter.

In dieser Menschenmenge spürt Jesus die Berührung. Die Kraft.

4/2009; 5. Gottesdienst

3. Die Kraft: Mitten in diesem Gewühl schaut sich Jesus um und fragt, wer

ihn berührt hat. Die Peinlichkeit tritt also ein für die Frau, die doch unerkannt

bleiben wollte mit ihrem Leiden. Sie muss sich jetzt also outen, durfte

doch gar nicht berühren. Dementsprechend wird das auch nicht leicht

gewesen sein. Zitternd vor Furcht war sie, so heißt es. Bevor die beiden

aber sprechen können, kommen die Jünger auf den Plan und wissen es

besser: Bei dem Gewühl ist es doch klar, dass Jesus berührt wird. Man

sieht sie förmlich vor sich, wie sie den Kopf schütteln. Doch Jesus hat gespürt,

wie eine Kraft von ihm ausgeht. Das muss man sich mal vorstellen:

im völligen Gedränge die Kraft zu spüren. Diese Kraft, die den Unterschied

macht zwischen gesund und krank und tot und lebendig.

Unterdessen steht der Synagogenvorsteher noch immer im Gedränge,

seine Tochter stirbt derweil. Das sagen ihm Menschen, die aus seinem

Haus kommen. Jetzt reagiert Jesus erneut auf ihn und geht mit ihm. Er

sagt nur: „Sei ohne Furcht.“ Man kann sich vorstellen, dass er ohnehin nur

noch Trauer empfindet: Gerade ist seine Tochter gestorben. Sie gehen

zum Haus und wieder ist dort eine Menge. Diese Menge klagt und weint

bereits. Sie lacht, als Jesus sagt, dass das Kind nur schläft. Er aber berührt

sie und sagt einfach nur: „Steh auf!“ Und dann: „Gebt ihr zu essen!“

4. Die Menge: Dann ist da die Menge, zu der irgendwie auch die Jünger

gehören. Die Menge drängt, sie zweifelt, sie lacht und sie ist entsetzt. Die

Menge bekommt alles mit und reagiert darauf. Sie kann sich nicht vorstellen,

dass Tod Tod bleibt. Diese Menschen als Masse sind Zuschauer und

zugleich Involvierte.

Jetzt seid ihr dran! Es gibt hier vier Ecken, in die ihr jetzt gehen könnt. Dort

sind diese vier Perspektiven vertreten. Bitte erzählt euch, was euch in die

Ecke „getrieben“ hat, was euch wichtig, verrückt, nachdenkenswert erscheint.

Versucht, euch in das Gefühl und die Situation dieser Perspektive hineinzufühlen.

Stellt das bitte in einem Standbild dar. Die vier Ecken sind: Der Synagogenvorsteher,

der sein Kind retten will, der enttäuscht und dann beschenkt

wird; die Frau, die heimlich Heilung sucht und doch in die Öffentlichkeit

muss; die Kraft, die von Jesus ausgeht, die das Getriebe stoppt und

dann die Menge, die immer dabei ist: stoppend, staunend, flüsternd, lachend

und entsetzt. Ihr habt jetzt fünfzehn Minuten, dann werden die Bilder gezeigt

und ihr kommt miteinander über das Dargestellte ins Gespräch. Die Reihenfolge

der Darstellung ist die des Evangeliums. Dadurch entsteht das Evangelium

neu.

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4/2009; 5. Gottesdienst

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