Spiegel fuer HP.p65 - Undine Verlag

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Hi,heute möchte ich euch die 15-jährigeJana vorstellen, die sich zu dick findet.Als Chloe neu in die Klasse kommt undsie auch noch vor den anderen Mädchenals Robbe bezeichnet, fasst Jana einentödlichen Entschluss: Sie will werden wieSandrine, genauso schön und erfolgreich.Auf was hat Jana sich da eingelassen?Wird sie die Wahrheit erkennen?Findet es selbst heraus!Viel Spaß dabei wünschtAstrid Seehaus1


der SpiegelvonAstrid SeehausUndine2


Wenn man Tag für Tag darüber grübelte, was für einRiesentrampel man war, benahm man sich auch wieeines. Also war es nicht weiter verwunderlich, dass alleeinen für ungeschickt hielten. So dachte Jana jedenfallsund schämte sich.„Jana! Was stehst du da rum? Spring endlich überden Bock!“Frau Färber war die Dompteuse von sechzehn Mädchen,denen sie heute das elegante Springen über einTurngerät beibringen sollte. Deutlicher gesagt, sie warSportlehrerin und es gab Zeiten, da hasste sie ihrenBeruf.„Er ist zu hoch!“, jammerte Jana und Frau Färberblitzte sie aus zusammengekniffenen Augen an, als obsie das Mädchen gleich im nächsten Ballschrank einsperrenwollte.„Du bist über eins siebzig, was soll denn dann erstAnja sagen? Die ist zehn Zentimeter kleiner als du undspringt wie eine Elfe.“„Von mir aus. Ich bin eben keine Elfe“, verteidigtesich Jana und fühlte sich gleich zwanzig Kilo schwerer.Die Mädchen hinter ihr kicherten.„Mir egal, als was du dich fühlst. Hier geht es umNoten. Und du springst jetzt über den Bock, sonst bekommstdu eine Sechs. Fertig! Und Schluss mit denDiskussionen.“Das saß. Für einen Moment war es so still in derHalle, dass man nur noch die verirrten Brummer hörte,die auf der Suche nach dem Weg in die Freiheit gegendie Fensterscheiben stießen.„Natürlich, Frau Färber“, murmelte Jana gequältund sprang, elegant wie ein fliegender Putzlappen, überdas unförmige Holzding, streifte es mit den Ober-4


New York, Paris, Berlin – Wow! Die hatte schon wasvon der Welt gesehen.Die nächste Stunde war Mathe. Kalle Leuchtturmrauschte ins Klassenzimmer. Er hieß natürlich nichtwirklich so. Karl Turm war sein Name. Und so sah erauch aus – groß und dünn.Eigentlich hätte er Riesenschildkröte werden sollen,behauptete Arno, so oft wie Kalle seinen Kopf einzog,sobald es nach Ärger aussah. Doch es gab keine Auseinandersetzungen.Nicht in dieser Klasse. Wahrscheinlichlag das an Tommi.Der gut aussehende Tommi, Klassensprecher undleidenschaftlicher Sportler, verfolgte Kalles Unterrichtmit großem Interesse, denn Mathematik war nebenSport seine zweite Leidenschaft. Er war Klassenprimusund es fuchste ihn, wenn jemand in diesem Fach störte.Also störte niemand, denn alle mochten Tommi.Er war cool. Vor allen Dingen war er schlau. Und dieseNeunte war die absolute Lieblingsklasse von LehrerTurm. Niemand begehrte gegen seinen trockenenUnterrichtsstil auf, denn niemand wollte es sich mitdem Klassenprimus verderben.Während die Schüler aufpassten und mitschrieben,legte Chloe im superkurzen Mini ihre langen, schlankenBeine auf den Tisch und feilte sich die Fingernägel.Das war krass und es erfüllte seinen Zweck. Siewollte jemanden provozieren und dieser Jemandsprang auch prompt darauf an.Tommi schnappte hörbar nach Luft. Geschmeidigwie eine Katze erhob er sich von seinem Stuhl, umKalle nicht in seinen mathematischen Ausschweifungenan der Tafel zu stören, und trat an Chloes Tisch.6


Ohne eine Miene zu verziehen, wischte er ihre Beinevon der Tischplatte und seine Lippen formten überdeutlichdie beiden Worte „Das stört!“, ohne dass ereinen Ton von sich gab.Sie lächelte.Er musterte sie von oben bis unten, bevor er wiederseinen Platz einnahm. Sie ließ ihre Beine tatsächlicham Boden.Leuchtturm hatte die Situation bewusst ignoriert. Eswar ihm nicht entgangen, dass die neue Schülerin nichtnur gut aussah, sondern auch ziemlich egozentrischwar, und Tommi ganz offensichtlich ein Problem damithatte.Chloe hatte das, was Jana sich wünschte – lange Beine,lange Haare, kein Gramm Fett zu viel. Ihr Haarwar genauso schwarz wie Janas, doch wahrscheinlichgefärbt. Tommi mochte schwarze Haare. Und ermochte gut aussehende Mädchen, wenn sie groß warenund selbstbewusst.Mathe war zu Ende. Noch zwei Stunden und der Vormittagwäre gelaufen. Tommi schlenderte zu seinemFreund Mecki, nahm sich eine Zigarette aus der Pakkungin dessen Jackentasche und zündete sie sich einean.„Spinnst du!“ Solveig stand vor Tommi, riss ihmempört die Zigarette aus dem Mund und drückte sievorsichtig aus. „Du hast sie wohl nicht mehr alle,Blödmann! Ich finde es total daneben, dass du alsSportler rauchst.“Tommi zuckte mit den Achseln.Solveig war klein, aber ihr Selbstbewusstsein warmeterhoch. Fast wäre sie Klassensprecherin geworden.7


Ihr hatte nur eine Stimme gefehlt. Und nun stand sievor Tommi und spießte ihn mit eisigem Blick auf.Da sich Tommi ungern mit jemandem anlegte, derihm argumentativ überlegen war, schwieg er. War auchbesser so! Solveig zu widersprechen, war geradezu eineEinladung zu endlos langen Diskussionen über Rauchen,Lungenkrebs und vorzeitigen Tod. Davon abgesehenwar Solveig seine um zwanzig Minuten ältereZwillingsschwester, und würde er sich jetzt mit ihrstreiten, bereitete sie ihm zu Hause die Hölle auf Erden.Sie hatte nämlich immer Recht. Behauptete sie.Weil sie die Ältere war. Lachhaft! Wie konnte manmeinen, immer Recht zu haben, nur weil man zwanzigMinuten länger auf der Welt war. Ihre Rechthabereimachte ihn manchmal rasend. Das war auch derGrund, weswegen er so fantastisch skaten konnte undden Schulrekord im Tausendmeterlauf hielt. Er reagierteseine Wut auf dem Sportplatz ab.Jana beobachtete beide. Sie hatte keine Geschwister.Solveig war beliebt und Tommi war der hübschesteJunge, den sie kannte. Und die Blicke, die er Chloezuwarf – Herrje! Die waren so intensiv. So hatte ernoch nie jemanden angesehen. Für einen kurzen Momentfragte sie sich, ob sie sich wünschte, dass er sieauch einmal so ansah. Unwillkürlich schüttelte sie denKopf. Vergiss es, dachte sie. Jungs wie Tommi sind derTraum und Moppel XXL die Wirklichkeit.Sie nahm ihre Schultasche und schwänzte die restlichenStunden. Sie wusste, dass sie einen Eintrag bekommenwürde. Er wäre nicht der erste.Nicht weit von der Schule, im Café Suppkultur, indem sich Schüler und Lehrer für wenig Geld alle mög-8


lichen Suppen bestellen konnten, holte sie ihr Tagebuchheraus und las ihre Eintragung vom Tag davor:Liebe Marja, ich fühle mich überflüssig. Mir fehlt jemandzum Reden. Vielleicht auch zum Küssen. Ichwürde gerne mal geküsst werden. Jetzt bin ich schonfünfzehn und niemand interessiert sich für mich, weilich fett bin. Ich wollte das Schulbrot nicht essen, aber ichhabe es wieder nicht geschafft. Morgen werde ich eswegschmeißen, damit Mutti nichts merkt. Sie fragt soviel. Was will sie denn nur wissen? Es gibt doch nichtszu erzählen.Jana holte ihren Kuli aus der Mappe und schrieb:Liebe Marja, ich müsste mehr Sport treiben, aberdann sehe ich da Tommi und vor dem will ich michganz bestimmt nicht blamieren.Sie überlegte, spielte mit dem Kuli und schriebschließlich weiter:Er hat sich heute mit Chloe international angelegt.Ich glaube, Tommi ist in sie verknallt, und sie amüsiertsich darüber. Sie bequatscht alles mit Chantal, Doreenund Witta, und ich habe sie dabei gehört. Sie will ihnzum Spaß anmachen. Nur so zum Scherz. Ehrlich – sieMACHT ihn gerade an. Und wie!!! Ob ich so was auchkönnte?Wieder hob Jana den Kuli und dachte nach, schüttelteden Kopf und fuhr fort:Nein. Ich finde das irgendwie gemein. Man spieltnicht mit den Gefühlen anderer. Tommi ist nett, auchwenn er manchmal tierisch eitel ist. Er haut wenigstenskeinen in die Pfanne. Ich bin in Nils verliebt. Aber ergeht aufs Gym und steht kurz vorm Abi. Er interessiertsich nicht die Bohne für mich. Er geht mit Lisa und Lisaist einfach so schön ...9

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