Eurabia - MES 2010

2010.makeames.info

Eurabia - MES 2010

EDITORIAL

Liebe Mitglieder der DAG, liebe Leser,

wir hatten nach der Friedensinitiative des saudischen Königs

2002 und nach der großen Rede von Barack Obama

in Kairo auf eine positive Bewegung in der Palästinafrage

gehofft. Fehlanzeige – die israelische Regierung hat offenbar

andere Interessen. König Abdullah und die arabischen

Staatsführer, die sich ihm angeschlossen hatten, blieben bis

heute ohne Antwort.

Die Rechtsregierung von Benjamin Netanjahu verübelt

den arabischen Bewohnern des seit über 60 Jahren völkerrechtswidrig

besetzten Westjordanlandes, dass sie ihre Häuser

und Wohnungen nicht freiwillig aufgeben, wo man ihnen

zum Teil schon das Wasser abgedreht hat. Daniel Barenboim

hat daür kein Verständnis (S. 19 f.).

Gerhard Fulda analysiert (S. 14 f.) die neue Staatsgeometrie

im Nahen Osten, in der die Türkei eine immer

stärkere Rolle spielen wird. Gerade das, so schließt Fulda,

mache Ankara als Partner für Europa immer interessanter.

Absehbar ist allerdings, dass das amerikanische Rüstungskorsett

für Israel in zwanzig Jahren vielleicht keinen Schutz

mehr bietet, weil die USA ihre Interessen in einer sich verändernden

Welt anders gewichten werden. Und in China,

der neuen Großmacht, die vor allem an Rohstoffen interessiert

ist, wird es eine unnachgiebige israelische Regierung

schwer haben, Lobbyarbeit zu betreiben und ein ermutigendes

Echo für ihre Politik zu finden.

Literatur israelischer und jüdischer Autoren, die über die

politische Lage in Nahost reflektieren, gibt es in Fülle – und

sie erreicht wohl auch Leseräume europäischer Parlamente.

Der israelische Historiker Schlomo Sand, dessen Buch in

diesem Jahr Aufmerksamkeit erregt und Diskussionen angestoßen

hat, rüttelt am offiziellen Staatsverständnis Israels

und an dessen „Gründungsmythos“ (S. 21).

Friedensgespräche werden zu Palaver, wenn der Wille

fehlt und man sich gegen eine Grenzfestlegung sperrt, obwohl

die asymmetrische demographische Entwicklung dies

zwingend erfordert – so sagte es der ehemalige Botschafter

Israels in Deutschland, Avi Primor, am 28. September

2010 nach der Aufkündigung des vorläufigen Baustopps –

anstatt auf palästinensischem Terrain neue faits accomplis

in Beton zu gießen.

Der Schwerpunkt dieser Ausgabe gilt dem Libanon, einem

kleinen, vielschichtigen, liberalen und doch tief gespaltenen

Staat. Nils Metzgers Lagebericht (S. 6 f.) macht die

sich ständig wandelnden Allianzen der Levante transparent;

02 Eurabia 1/2010

Sabine Häußler war letztes Jahr dort Wahlbeobachterin

(S. 11), und Sabine Grund fordert Sympathien für die Opfer

des verlorenen gegangenen libanesischen Équilibre ein (S. 8).

Dass das Land trotz seiner Konflikte als Finanzplatz

attraktiv ist, mag erstaunen. DAG-Schatzmeister Uwe

Zimmer beleuchtet die Gründe dafür (S. 9).

Als neuenBeiratsvorsitzenden begrüßen wir seit diesem

Jahr besonders Alexandra Thein, Abgeordnete im Europaparlament,

die uns mit europapolitischen Ideen und Ansätzen

zur Lage in Nahost und zu unseren Beziehungen

mit den Mittelmeeranrainern bereichern wird.

Eine wirtschaftlich orientierte DAG-Delegation bereiste

im März unter Leitung unseres Präsidenten das größte

afrikanische Land, den Sudan. Botschafter Eberle gab eine

exzellente, kenntnisreiche Einführung der wirtschaftlichen

und politischen Situation des Landes, das vor der Abspaltung

seiner südlichen Provinzen steht. Während die Wirtschaftsvertreter

ihre Kenntnisse und Kontakte vertiefen

konnten, setzte Peter Scholl-Latour politische Akzente und

kritisierte in verschiedenen Gesprächen vor der internationalen

Presse sowie im sudanesischen Fernsehen die

„westliche Heuchelei“ im Umgang mit dem Sudan (S. 12

f.), der engere Kontakte zu Deutschland sucht, schon um

sich aus der einseitigen chinesischen Einflussnahme zu lösen.

Auf unsere Gegeneinladung möchte der Gouverneur

von Khartum, Al Khidir, vom 24. bis 27.08. Deutschland

besuchen und dabei auch in Hannover mit dem neuen

niedersächsischen Ministerpräsidenten McAllister zusammentreffen.

Die Staatsministerin im Außenamt, Cornelia Pieper, wird

am 1. Oktober 2010 vor der DAG in der Deutschen Parlamentarischen

Gesellschaft das Arabien-Gespräch fortsetzen

und über Grundlagen deutscher Nah-und Mittelostpolitik

sprechen. Und der Altpräsident der Technischen Universität

Berlin, Prof. Kutzler, wird, wie schon im Rahmen des Arabien-Gesprächs

im Juli im Haus der Deutschen Wirtschaft,

gemeinsam mit seinen ägyptischen Partnern über die Chancen

der Erweiterung einer deutsch-arabischen Bildungszusammenarbeit

diskutieren.

Wir werden wiederum unter der Leitung unseres Präsidenten

am 5. November mit einer Wirtschaftsdelegation für

fünf Tage nach Algerien reisen. Bitte schreiben Sie uns gezielt

an, damit wir Ihre Besuchswünsche früh in das Programm

integrieren können.

Ähnliche Magazine