Der Topf ist rund, und nach der Vorspeise ist vor dem Hauptgang

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Der Topf ist rund, und nach der Vorspeise ist vor dem Hauptgang

»Der Topf ist rund, und nach der Vorspeise ist vor dem Hauptgang(( ­

Vom kulinarischen Starkult und Sportsgeist im täglichen TV-Geflimmer

Vergeltung. In beiden Ausprägungen zeigt sich eine hohe

. emotionale Involviertheit, die den Zuschauer an das mediale

Phänomen bindet. Mit Wettbewerb und Konkurrenz ist

jedoch jeder Medienrezipient auch im außermedialen Alltag

unmittelbar konfrontiert. Sie sind die Grundprinzipien spätkapitalistischer

Ordnungssysteme, die dem Individuum

jedoch meist Negativerfahrungen bereiten. Denn zum einen

kann es den hauptsächlich fremdbestimmten Konkurrenzsituationen

nicht ohne Verluste entgehen, und zum anderen

ist das Positiverlebnis eines Sieges in der subjektiven Wahrnehmung

selten von längerer Nachhaltigkeit. Außerdem

lassen sich die Konkurrenzen und die darauf beruhenden

Zwänge weniger konkreten Personen zuschreiben, sondern

erscheinen als Auswirkungen systemmotivierter Dispositionen,

denen der Einzelne eher machtlos ausgeliefert ist.

Eine medial inszenierte Konkurrenzsituation führt

allerdings die Protagonisten offen vor, und ihre Handlungen

sind durch klare Spielregeln transparent strukturiert. Diese

Komplexitätsreduktion und die für den Zuschauer konsequenzlose

Konkurrenzsituation bilden das positive Setting

einer medialen Competition-Inszenierung wie bei Sport-,

Quizsendungen und nicht zuletzt wie bei Kochwettbewerben

im Fernsehen. Die Präsentation des Kochens unter

Wettbewerbsbedingungen ist somit eine Kombination, die

der Inszenierung von Essen eine weitere Dramaturgie beifügt,

um gesteigerte Attraktivität zu erlangen. Einen Höhepunkt

dieser Ausprägung markiert m.E. die Sendung »Das

perfekte Dinner«. Hier stehen die Beteiligten täglich in direkter

Konkurrenz um die beste (lifestyleorientierte) Inszenierung

eines Menüs. Sie sind jedoch keine professionellen

Köche, sondern Privatpersonen, die vor der Kamera um soziale

Anerkennung ihrer Kochfähigkeiten ringen. Während die

bereits genannten Kochshows so wie Sportveranstaltungen

im öffentlichen Räumen stattfinden und somit die Protagonisten

bereits durch den örtlichen Kontext zu Personen des

öffentlichen Lebens werden, definiert »Das perfekte Dinner«

die private Wohnung zur öffentlichen Arena um. Der

Zuschauer wird in die Privatsphäre der Kandidaten mitgenommen

und kann sich dort, vertreten durch die anderen

Beteiligten, offensiv mit dem Wohngeschmack und dem

Lebensstil des an diesem Abend zur Disposition Stehenden

vertra ut machen. Die Protagonisten benoten nach jedem

Abend Ambiente und Qualität des Essens gegenseitig und

erbarmungslos, gilt es doch selbst am Ende als Sieger hervorzugehen.

»Das perfekte Dinner« ist somit eine mediale Reproduktion

eines von den Medien bereits vermittelten Lifestyles. Es

bringt Privatpersonen, die als Rezipienten professioneller

Lifestylestiftung gelten, ins Fernsehen, in dem sie sich ihrerseits

als (Re-)Produzenten von Lifestyle bewähren müssen.

Dabei schaut ihnen wiederum das Fernsehpublikum zu, dessen

weitere Involviertheit sich aus der gesteigerten Nähe zu

SIETAR Journal 2/07

den Protagonisten speisen mag. Sind die professionellen

Medienköche als Stars eher unerreichbare Idole, so bietet

das Ringen von Privatpersonen um Authentizität in der

individuellen Reproduktion von Lifestyle eine große Identifikationsfläche.

Denn sie zeigt genau die Schwierigkeit, der

sich auch der heimische Zuschauer gegenübergestellt sieht,

wenn er Gäste erwartet. Er steigt bei der Rezeption quasi

vom Laien zum Experten auf, der die Fernsehprotagonisten

angesichts seines eigenen Erfahrungsschatzes loben, kritisieren,

ja sogar verachten kann. Hier zeigt sich zwar weiterhin

medienvermittelt, aber nun auf privater Ebene, inwiefern

Lifestyle-Attribute als Instrument der Eigeninszenierung

erfolgreich oder nicht erfolgreich genutzt werden können.

Erfolg und Misserfolg organisiert sich dabei weiterhin

unter den klaren Richtlinien der Spielregeln, die eine Punkteskala

von 1 bis 10 den übrigen Beteiligten in die Hand

geben. Die medial präsentierte Konkurrenz ist jedoch gleichzeitig

ein Spiegelbild des Kampfes um soziale Anerkennung,

den der heimische Zuschauer ebenfalls beim eigenen privat

ausgerichteten Event zu bestehen hat. In diesem Sinne:

»Guten Appetit«.

Literatur

Benjamin, Walter (2005):

Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.

In: Günter Helmes/Wemer Köster (Hg.):

Texte zur Medientheorie. Stuttgart: Reclam, S. 163-189.

Billerbeck, Liane von/Siebeck, Wolfram (2007):

.Es wird ein Spektakel in der Kunstszene werden.,

Onlinedokument: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kulturinterview/630270/,

Stand 10.09.07.

Hepp, Andreas/Thomas, Ta nja/Winter, Carsten (Hg.)

(2003): Medienidentitäten. Identität im Kontext von

Globalisierung und Medienkultur. Köln: von Halem.

Leeuwen, Theo van (2005):

Introducing Sodal Semiotics. London: Routledge.

Schulze, Gerhard (2005):

Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie

der Gegenwart, 2. Aufl.., Frankfurt a.M,: Suhrkamp.

Autor

Dr. Stefan Meier ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an

der Professur für Medienkommunikation der Technischen

Universität Chemnitz. Zu seinen Forschungsgebieten

zählt die Untersuchung des ganzheitlichen Zeichenhandelns

(online- bzw. inter-)medialer Kommunikationspraktiken

anhand unterschiedlicher Diskursfelder: Graffiti,

Rechtsextremismus, (Online-)Joumalismus, PR,

Werbung, Jugendkultur(en) etc. Die 2007 abgeschlossene

Dissertation untersucht Anhand des Online-Diskurses

um die zweite Version der so genannten .Wehrmachtsausstellung.

des Hamburger Instituts für Sozialjorschung

die kommunikative Praxis sozialer Diskurse und die

Konstitution historischen Wissens im WorldWideWeb.

Kontakt

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