Jubiläums-Beilage «zürich - Der Landbote

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Jubiläums-Beilage «zürich - Der Landbote

19. november 2011 — nummer 5sonderBeilage des LandbotenZürichDas Jubiläumsmagazin175 – Das JubiläumsmagaziN


Im Stadt-ZentrumWinterthurAlles andere istabseitsFrische Auswahl in Winterthur: 40 Fachgeschäfte, 6 Restaurants. Mo–Fr, 8.30–20 Uhr, Sa, 8.30–18 Uhr/MMM ab 8 Uhr.www.neuwiesen.ch.


vorwortzürichWinterthur-West175 – Das JubiläumsmagaziNImpressumJubiläumsmagazinAuflage: 40 000Konzept, RedaktionElisabetta Antonelli, Sabine Arnold,Colette Gradwohl, Reto WäckerliGestaltungskonzept, Titelblatt, LayoutPeter WittwerProduktionAyhan Isik (Bildbearbeitung)Daniel Kiss (Leitung Technik)Barbara Truninger (Bildredaktion)Autorinnen und Autoren dieser AusgabeSabine Arnold, Stefan Busz, Nadja Ehrbar,Eva Kirchheim, Corine Mauch, Anna WepferFotografinnen und FotografenDonato Caspari, Marc Dahinden, Heinz Diener,Moritz Hager, Urs Jaudas, Peter WürmliKarikaturistPeter GutKorrektoratEsther Hausammann, Walter Kehl,Vroni Schilling, Silvia Tavernini,Andreas ZollingerVerlag und DruckZiegler Druck- und Verlags-AGGeschäftsleiter: Lothar DostalVerlagsleiter: Markus WengerKontaktDer Landbote, Garnmarkt 10, 8401 WinterthurTelefon 052 266 99 11, Fax 052 266 99 15EinzelheftbestellungTelefon 052 266 99 01, Einzelnummer CHF 5.–Die Redaktion bedankt sich beiOptimo Service AG und Zentrum Neuwiesen,den Sponsoren dieses Magazins.Es gibt kaum grössere Lokalpatrioten als die Winterthurer.Das wird mir als Zürcherin, die in Winterthur arbeitet,tagtäglich bewusst. Aus Winterthurer Optik wird Zürich zumVorort, zu «Winterthur-West» quasi. Meine Kolleginnen undKollegen werden nicht müde, zu fragen: Wann ziehst du endlichnach Winterthur? Sie finden, sie leben in der besten Stadt derWelt. Ich gebe ihnen recht, sie hat wirklich viele Qualitäten:die Altstadt, die grünen Hügel, die grosszügigen Velostreifen,die freundlichen Menschen.Einige Winterthurer hassen Zürich sogar, erfuhr ich kürzlich.Das hat mich befremdet. Der Minderwertigkeitskomplexscheint doch ganz tief zu sitzen. Das zeigt auch ein Blick in dieGeschichtsbücher (Seite 24) sowie die aktuelle Imagekampagneder Stadt. Winterthur braucht Zürich, um sich selbst zudefinieren. Dabei könnte Winterthur selbstbewusster sein undaus dem Schatten der ewigen Konkurrenz hinaustreten.Das wäre ein Zeichen von Grösse. Oder wie Roger Schawinski(auf Seite 31) sagt: «Das grosse Zürich hat selten Probleme mitdem kleinen Winterthur. Umgekehrt ist es anders.»Sabine Arnold


inhaltsverzeichniszeitsprungZürichZürcherstrasseEditorial 3Zeitsprung 4Strassenumfrage: «Was gefällt Ihnen an Zürich?» 7SightseeingParallele WeltenSuchen Sie die Unterschiede! Zwei Städte im Vergleich 8Str assenserie SpezialUntendurchWie weit ist Zürich von Winterthur entfernt? Ein Spaziergang 14Wohnungsmarkt«Was? Ihr zieht nach Winterthur?»Aus Zürich verdrängte Zürcher ziehen nach Winterthur 20GeschichteWie Zürich Winterthur Bescheidenheit lehrteVom rasanten Aufstieg und tiefen Fall einer Überfliegerin 24Lok alpatriotismus«Zürcher liegen mir einfach nicht»Peter Lattmann ist Winterthurer mit Leib und Seele 28PeopleAus der HauptstadtWas prominente Zürcher über die kleinere Grossstadt denken 301908rumpelt und lärmtnoch das Tramdurch die Zürcherstrasse. Und dasschon dreizehn Jahre lang, zuBeginn von zwei Pferden gezogen,seit 1898 elektrisch betrieben.Trotz des damals modernenTransportmittels bot das Arbeiterdorfein ländliches Bild – keinWunder, Töss gehörte bis 1922noch nicht zur Stadt, sondernbildete eine eigenständige Gemeinde.Durch das Sulzerarealund nicht zuletzt auch dank demTram war Töss aber schon längermit Winterthur verbunden.2011ist Töss zwar nochimmer geprägt vonArbeiterhäusern und Industrieanlagen.Viele Gebäude werdenheute aber anders genutzt. Spaziergängeauf der Zürcherstrasse,1908 offenbar noch gut möglich,sind heute undenkbar. Täglichwälzen sich rund 25 000 Autosüber diese wichtige Verkehrsachse.Das Zentrum Töss, von 1968 bis1972 erbaut, bildet das zwarumstrittene, aber unverkennbareWahrzeichen des Stadtteils.Carte blanche von Corine Mauch 34Ende Gut 35175 – Das JubiläumsmagaziN


Bilder: Marc dahinden, winterthurer bibliotheken, studienbibliothek


Wo ist die Hektikgrösser? ImHauptbahnhofZürich (l.) oderim HauptbahnhofWinterthur?SightseeingParalleleWo gibts die schönerenBlumen? Am Wochenmarktauf dem ZürcherBürkliplatz (o.)oder an jenem aufder Steinberggasse?Wo wird mehr Geldausgegeben?Auf der ZürcherBahnhofstrasse (l.)oder auf der WinterthurerMarktgasse?


WeltenSuchen Sie die Unterschiede!Winterthur und Zürich, ihre Hauptbahnhöfe,Flüsse und Hochhäuser im Vergleich.Bilder von Urs Jaudas


Welche Busse sind pünktlicher?Die Busse in Zürich (o.)oder jene in Winterthur?Welcher Flussist romantischer?Die Limmat (o., Blickvon der Wasserkirchezum Fraumünster) oderdie Eulachbeim Eulachpark?Welche Villen sindmondäner? Die amZürichberg (l.) oderjene an der Seidenstrassein Winterthur?


175 – Das JubiläumsmagaziN


Wo macht Radfahren mehr Spass?Auf dem Zürcher Central (l.) oderbeim Bahnhof Oberwinterthur?Welche Stadt leuchtet schöner?Zürich von der Waid (l.) ausoder Winterthur vom Bäumli?Welches Hochhausist grossartiger? DerPrime-Tower in Zürich-West (l.) oder der RoteTurm in Winterthur?175 – Das JubiläumsmagaziN


14Text und Bildervon Stefan Busz175 – Das JubiläumsmagaziNStr assenserie spezialUntendurchJeder Tubel weiss doch: Zürich ist lustiger als Winterthur.Gehen wir der Sache einmal nach.Ein Spaziergang auf der Zürcherstrasse.Das Beste an Winterthur, sagte man früher, sei der Zug nach Zürich. Daswar aber noch vor der Erfindung der S12. Heute ist vieles anders geworden,der O-Ton geht etwa so. Im Zug eine junge Frau: «Was, mer sindscho z Winti?» Ihre Kollegin: «Ja, Mann, Winti ghört dänk zu Züri!» Die jungeFrau: «Nei, würkli?» Die andere: «Züri isch gross und hät vili Bahnhöf, und Wintiisch eine devo.» Wirklich cool, wie sich die Verhältnisse geändert haben.Nur: Winterthur spielt noch immer Kalter Krieg. «Eine Kulturstadt wieZürich. Nur lustiger», sagt Viktor Giacobbo, Initiant und VR-Präsident des Casinotheaters,auf Plakat eins der Image-Kampagneder Stadt. «So schnell am Flughafen wie vonZürich, nur entspannter», sagt Bruno Gehrig,Verwaltungsratspräsident Swiss InternationalAir Lines, auf Plakat zwei. Kurz: Winterthursingt plakativ den Wohlfühl-Rap, und die andernsollen Stress haben. Zürich aber kontert.«Jeder Tubel weiss doch, dass Zürich lustigerist als Winterthur», sagt Hermann Strittmatter,Gründer der Werbeagentur GGK und Verwaltungsratspräsident.Fertig lustig. Machenwir die Probe. Gehen wir Richtung Zürich. Zumindestein Stück weit.Im ZentrumDie reale Bewegung im Stadtraum beginnt beider Zürcher-Unterführung. Wer von Winterthurnach Zürich will, muss zuerst untendurch.Auf den ersten Blick ist die Zürcherstrasse einBroadway. Grossspurig der Auftritt, als gälte es


15175 – Das JubiläumsmagaziNschon zu Anfang alles zu regeln. Rechts die Abzweigung ins Neuwiesen-Parkhaus,links aufs Sulzerareal. Pfeil geradeaus, das ist aber die Generallinie nachZürich, vorbei an Kesselhaus, Sulzer-Hauptgebäude, Pionierpark. Von diesemAreal aus gingen einst die Schiffe in die Welt. Plan B ist geblieben. Die vergangeneGrösse markieren nur noch Fassaden, dahinter: Elektrodiscounter, Multiplexkino,Noodles und Sushi, Transa – alles, was Zürich auch hat. Ein Blick zurückim Modus Google Street View zeigt: Das neue Winterthur ist längst nochnicht gebaut. Den Prime Tower aber in Zürich West gibt es schon fertig im 3-D-Modell. Es ist der alte Jammer: Zürich ist in der Vorstellung der anderen immerWorld Class, Swiss made. Winterthur aber kommt vom guete Bode nicht los.Weiter geht es in der Wirklichkeit. Auch hier zeigt die Zürcherstrasse in der Verbindungzwischen dem Alten und dem Neuen ihre zwei Gesichter.Brühleck, das ist der Knick, das Anton-Graff-Haus die Fortsetzung. Wiedereine Sulzer-Immobilie in Umnutzung, ein Berufsschulhaus wird daraus werden.Ganz in der Nähe befindet sich die Manta-Bar, sie ist in Sachen Export einekleine Erfolgsgeschichte. Denn dieser Betrieb hat an die Zürcher Bahnhofstrasseexpandiert. Manta-Sandwichs sind auch dort top. Wie auch notabene die Macaronsmade by Vollenweider, sie stellen sich beim Zürcher Opernhaus der Luxemburgerli-Konkurrenz,was so eine Art Angriff aufs Stadtheiligtum ist. DieZürcher Exporte haben es gastronomiemässig in Winterthur hingegen ein bisschenschwerer. Es braucht eine gewisse Zeit, bis sich das Neue hier etabliert. Dakonnte mit grossem Tamtam das Tibits, anderenorts ein Place to go, an den Grabenkommen, nichts half, keine Reklame, kein Gratisessen, das Lokal blieb amAnfang recht leer. Bis sich die Winterthurer einfach daran gewöhnten.Heute ist das Tibits für viele ein Lieblingsort.Das Glück ist in Winterthur eben nicht auf die Schnelle zu haben. Dafürist die Zufriedenheit nachhaltiger als an anderen Orten. Die Standortförderungsagt: Wir sind die Stadt der glücklichsten Frauen. Auf derZufriedenheitsskala von 0 bis 10 liegt der Frauen-Durchschnittswert bei8,18 Punkten, was spitze ist. Zürich fällt da auf Platz fünf zurück. Aberdas Glück liegt in beiden Städten nicht auf der Strasse.Auf der Zürcherstrasse, Nummer 30, gibts nach demKnick runde Weiber im 3er-Pack, «hier erhältlich, zum Mitnehmen».Mitten auf dem Trottoir reklamiert sich der libosan.ch-Laden, Untertitel: Erotic vom Feinsten. Auf der einen Seite der Stellwandhat man den Frauen noch Sterne draufgeklebt, auf der anderen(«Lolitas im Duo») gar keine mehr. Mütter kurven mit demKinderwagen um diese Blössen einfach herum. Wie ist es in Zürich?Gibts zu libosan.ch ein Pendant? So genau möchte man dasgar nicht wissen. Jede Stadt hat ihre Problemzonen. Im Gymi hatman uns dringlich vor dem Absumpfen in Zürich gewarnt. Es gabda so Präzedenzfälle. Aus Zürcher Sicht aber gilt die Umkehrfunk-


16175 – Das JubiläumsmagaziNtion. Winterthur scheint das reinste Sanatorium für Grossstadt-Geschädigte zusein. So erging es auch Maximilian Schell im Film «Taxichauffeur Benz» (1957)von Werner Düggelin. Sein Toni, labiler GC-Fussballer, wurde per Eisenbahn zurHeilung von allerhand Süchten aufs Land verschickt. Das Ziel war – Winterthur.Denn hier hört, von Zürich aus gesehen, die Schweiz auf. Was notabene auch fürden Fussball gilt.Wir gehen weiter auf der Zürcherstrasse und setzen uns selber der Gefahr aus.Denn ein Rausch kommt über den, der lange Zeit ohne Ziel durchStrassen spaziert. «Sich in einer Stadt nicht zurechtzufinden heisstnicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man in einemWalde sich verirrt, braucht Schulung», sagt Walter Benjamin, dergrosse Flaneur. Nun, die Stadt ist nicht Berlin oder Paris. Aber auchin Winterthur gibt es den benjaminschen Wald: Es sind die vielenGasthäuser an der Zürcherstrasse.Sie hiessen: Hirschen, Freieck, Rosenburg, Löwen, Hörnli, Industriehalle,Eintracht, und sie heissen, falls heute noch vorhanden, immernoch so. Nur tragen die Namen einen neumodischen Zusatz:Westernsaloon, Fried Chicken et cetera. Auch die Restaurants habenmit der Zeit ihr Gesicht gewechselt, sie schauen, wie überall,Richtung Globalisierung. Auch an der Zürcherstrasseersetzt ein Kebab, hausgemacht zu Fr. 8.–, das Menü einsmit Salat. Und «Metro» ist kein Verweis auf die Tramway, diehier einmal verkehrte, sondern einfach eine Pizzeria. Schritt fürSchritt legt die Strasse so ihre Interieurs offen. Die Aufschriftenan den Häusern lassen sich lesen als Wegweiser durch dieEsszimmer der Welt. Und je näher man Zürich kommt, destomehr Fastfood wird angeboten. Ja, und das extra für die Zürcher:Einen McDonald’s haben wir an der Zürcherstrasse. Undeinen Burger King zleid noch dazu.Im GrünenWald Nummer zwei, in dem man sich verirren lernen könnte,ist das Grünwerk. Winterthur ist Gartenstadt, und da dürfen diegrünen Akzente im weissen Rauschen der Zürcherstrasse nichtfehlen. «Lebensgefährlich, sie zu überqueren», hiess es schonfrüher. Heute ist der Verkehr am Tag und auch in der Nacht eineinziger Strom. Ausweichmanöver führen den Fussgänger in den Brühlgut-Park,neu gestaltet von Rotzler und Krebs, Landschaftsarchitekten, und ausgezeichnetmit dem Hasen in Gold (CH) und dem deutschen Landschaftsarchitekturpreis2011. Eine alte private Anlage wird hier neu interpretiert für die Öffentlichkeit.Ein hoher Zaun schliesst den Park gegen die Strasse ab – das schaut ein bisschenpsychedelisch aus. Vis-à-vis die gezähmten Birken auf der Grünfläche vor Werk 1,


17175 – Das JubiläumsmagaziNsie sehen etwa so aus wie die in Zürich Nord. Und im Industrie-Chic geht esauch eine Weile auf der Zürcherstrasse weiter, dies mit Lokwerk, dem hinterBacksteinfassaden verkleideten Einkaufszentrum. Dann das Eckhaus Astoria.Mit ihm beginnt die Passage durch das Durcheinandergebiet einer Vorstadt: mitNightclub, Restaurant Prizveni, Selecta-Automat, Dada’s Tiershop. Und auch einpaar Menschen wohnen hier an der Strasse. Keine bevorzugte Wohnlage.Für Max Bill aber reicht es noch immer, er hat an der Zürcherstrasse einenPlatz bekommen mit seiner Plastik mit den Torfiguren. Solche Bill-Kunst hat esauch an der Zürcher Bahnhofstrasse, mit dem Unterschied, dass zur WinterthurerVariante des Pavillons noch ein Brunnen dazukommt, Marke: verlorenin der Gegend herumstehend. In Zürich zeigt sich Bill im Zentrum. Winterthur,seine eigentliche Heimatstadt, aber hat den Künstler an die Ränder verwiesen.Und trotzdem hat der Ort Charme. Sogar die Hainbuchenhecken werden vonder Stadtgärtnerei liebevoll auf Bauhaus-Kurs getrimmt.Auf ExkursionLustigerweise hat auch die Winterthurerstrasse in Züricheinen solch verloren in der Gegend herumstehenden Brunnen.Sie ist nicht nur in dieser Hinsicht das Pendant zurZürcherstrasse. Auch wir haben die Winterthurerstrassebegangen, von der Seilbahnstation Rigiblick, wo sie beginnt,bis zur Überlandstrasse nach Schwamendingen.Viel gibt es aber hier nicht von dieser Recherche in die andereRichtung zu erzählen. Denn die Winterthurerstrassewollte partout nicht sprechen. Also folgt ohne viel Kommentareine Aufzählung. Die Winterthurerstrasse hat:eine Pizzeria oder zwei. Dazu ein China-Restaurant. VieleLederjacken-Reinigungen. Garagen dito (gegen Schwamendingenhin). Genossenschaftssiedlungen in Genossenschaftsfarben(dunkles Rot bis Grün-Orange). Eine Kircheplus Kirchturm mit Bruder-Klaus-Skulptur. Eine FCZ-Sprayerei. Dann Irchelpark, was zugegebenermassen eine sehr schöne Sache ist.Weniger vornehm ist die Vergangenheit der Häuser mit Nummer 204/206, siewaren einst Pockenspital, Notspital, Strassenverkehrsamt, bis sie an die Uni Zürichübergingen. Auf dieser Höhe müssen auch die Autofahrer, die nach Winterthurwollen, untendurch. Der Verkehr wird unter dem Milchbuck in einem Autobahnabschnittkanalisiert. Und so kann man danach in Schwamendingen quasidurch ein Dorf fräsen. Ist das lustiger als in Winterthur? Es kommt eben auchdarauf an, wo der Tubel, der alles über das Verhältnis von Zürich zu Winterthurzu wissen meint, wohnt. Alles Ansichtssache. «The eyes that mock me sight theway / whereto I pass at eve of day», hat James Joyce über Zürich geschrieben. InWinterthur war der grosse Dichter nicht. Wir haben kleinere.


19175 – Das JubiläumsmagaziNde Suisse 1946. Beim Bahnübergang senkte sich die Schranke. Die Spitze des Feldeskam noch gerade unter der Barriere durch: Litschi, Weilenmann, der SpanierGual profitierten. Der Rest des Feldes musste vor der Schranke mehr als eine Minutewarten. Die Barriere, die später auch so viele Autos auf ihrem Weg nachZürich aufgehalten hat, gibt es schon lange nicht mehr. In den Siebzigerjahrenkam eine Unterführung an ihre Stelle. Es ist BrutaloarchitekturNummer zwei in Töss. Der Weg nach Zürich stand nun offen.Nur stehen jetzt die Menschen vor dem Riegel.Am StadtrandNach der Unterführung kommt auf der Zürcherstrasse nichtmehr so viel. Mundo Mondial. Miranda. Alles tönt nun wiederwie ein Versprechen (aber ist «Eintracht» nicht auch eines?) mitZusatz: Club, Bar, Fried Chicken. Beim Lichtsignal geht der TrolleybusNummer 1 in die Schleife, eine Endstation Sehnsucht fürsich. Die Zürcherstrasse steigt jetzt an, die J.-C.-Heer-Strassewird mit einem Wohnmobilparkplatz gekreuzt. Weiter geht esüber die Brücke zur Autobahn, immer weiter Richtung Zürich.Die Stadt verschwindet aus dem Blick, nächste Station ist Überland. An derStrasse noch ein gelbes Wegzeichen, der Spaziergänger wird auf Nebenwegeverwiesen. Ende der Zürcherstrasse. Ab Kemptthal wird sie zur Winterthurerstrasse.Und wenn die Strassennamen zu uns sprechen könnten, sie sagten: Winterthurund Zürich sind gar nicht so weit voneinander weg. l


«Die Zürcher Wohnungspreise passten nicht in unser Budget.» Albert und Hanna Gabi wohnen seit einem Jahr in Oberwinterthur.20Wohnungsmarkt«Was ? Ihr zieht nach Winterthur ?»Die stark steigenden Immobilienpreise verdrängen Einheimische ausdem Zentrum von Zürich. Immer öfter heisst die Alternative Winterthur.Früher holte Albert Gabi seine Frauhäufig im Schauspielhaus ab, wo siean der Kasse arbeitete. Dann schlendertensie durchs Zürcher Niederdorfoder hinunter an den See. Vor einem Jahrwar Schluss damit. Ihnen wurde die Altbauwohnungim Universitätsquartiergekündigt. Sie wird renoviert. Danachwerde sie zum doppelten Preis vermietet,für 3000 bis 4000 Franken, vermutet AlbertGabi. Kaum lag die Kündigung aufdem Tisch, suchte der 66-Jährige imInternet nach einer neuen Wohnung.Mindestens vier Zimmer sollte sie haben,ruhig gelegen und doch mit öffentlichemVerkehr erreichbar sein. «Ich habe auchin der Stadt Zürich geschaut. Die Preisevon 2500 Franken an aufwärts passtenaber nicht in unser Rentnerbudget.»Bald stach ihm die Vierzimmerwohnungan der Helgenstrasse in Winterthurins Auge: Balkon, hell, guter Grundriss.Ein Jahr nach dem Einzug sitzen sie nunin dieser Wohnung, auf dem türkisfarbenenSofa, und trinken Kaffee. Der Umzugfiel mit Hanna Gabis Pensionierungzusammen. Zürich zu verlassen, sei ihrziemlich leicht gefallen, sagt die 64-Jährige,obwohl sie immer dort gelebt hat.Ihre Tochter hatte sie unterstützt: Einegewisse Distanz zu Zürich sei heute normal.Dennoch ist Hanna Gabi froh, dasssie nicht täglich von Oberwinterthurnach Zürich pendeln muss, sondern nurnoch ein- bis zweimal pro Woche. Wennsie ihre Enkel betreut, wenn sie einenCoiffeurtermin hat oder eine betagte Bekanntebesucht. «Die Fahrt braucht mehrZeit, als ich gedacht habe.»Für Albert Gabi war der Wegzug eineRückkehr: Er wuchs in Winterthur auf,lebte aber seit vierzig Jahren anderswo.Dem Rentnerpaar ist es offensichtlichwohl in «Oberi». Sie erzählt vom Dorfkernund den guten Einkaufsmöglichkeiten.Er vom im Vergleich zu Zürich kleineren,aber attraktiven Kulturangebot.Allzu oft zu Hause sind die Gabis trotzdemnicht. Sie sind häufig im Toggenburgoder am Segeln auf dem Bodensee.Altstetten, Oerlikon, WinterthurDenselben Schritt wie die Gabis werdenkünftig immer mehr Zürcherinnen undZürcher machen. Denn eine neue Artvon Einwanderern übt laut Geograf MichaelHermann Druck auf den StadtzürcherWohnungsmarkt aus. Immer mehrgut ausgebildete Berufsleute mit ent-175 – Das JubiläumsmagaziN Bilder: Peter Würmli


«Unser Umfeld hat zum Teil irritiert reagiert.» Annette Pfister, Armin Frischknecht, Lotta, Flurin und Julian (v. l.) im 1905 erbauten Haus.175 – Das JubiläumsmagaziNsprechend hohen Löhnen aus Nord undWest, zum Beispiel aus Deutschland, denUSA oder England, wandern in den ZürcherWirtschaftsraum ein.Anhand der Zahlen aus den letztenzehn Jahren – seit die Personenfreizügigkeitgilt – haben die WissenschaftlerSzenarien entworfen, welchen Einflussdie Immigration in diesem Gebiet habenwird. Klar ist: Der Wohnungsmarkt verändertsich stark. Die neuen Einwandererbevorzugen Wohnlagen am Zürichseeoder im Zentrum der Stadt Zürich.Hermann sagt: «Die Stadt Winterthurist viel weniger von dieser Einwanderungbetroffen, sogar weniger als Horgen.Das kann daran liegen, dass Winterthurinternational relativ unbekannt ist.Trotz der industriellen Vergangenheit istes keine schillernde Stadt. Zudem ziehendie modernen Nomaden dorthin, wo bereitsviele ihrer Landsleute wohnen.»Dennoch spüre Winterthur die Einwanderung,wenn auch indirekt, so Hermann.«Die Einheimischen in Zürich, dieunter den steigenden Mietpreisen leiden,ziehen an den Stadtrand, nach Altstetten,Neu-Oerlikon – oder eben nach Winterthur.Denn sie wissen um die Attraktivitätdieses kleineren Zentrums.»Das belegt die Wanderungsbilanz:2009 zogen 290 Menschen mehr vonZürich nach Winterthur als von Winterthurnach Zürich. Die Neu-Winterthurerseien Menschen, die urbaneLebensqualität suchen und nicht in derAgglomeration oder auf dem Land wohnenwollen, sagt Hermann. Sie seienSchweizer oder Ausländer, die bereitslänger in der Schweiz leben. Sie gehörtenmindestens dem Mittelstand an. «DennWinterthur ist etwa im Vergleich zumThurgau auch nicht mehr billig. Es istkein Dumping-Standort.»Diese Einschätzung bestätigt MarioSteiger, Immobilienvermarkter beiRE/MAX Winterthur. Die Immobilienpreiseseien an Winterthurs guten Lagenmassiv gestiegen. Die Nachfrage seigross und der Markt ausgetrocknet. «Wirspüren ganz klar den Druck der Stadtzürcher.Viele Winterthurer weichen ihrerseitsin die Region aus, ins Weinlandoder in den Thurgau.»«In Zürich: Hoffnungslos»Annette Pfister (41) und Armin Frischknecht(42) schätzen Winterthurs kurzeDistanzen, die Übersichtlichkeit und dentrotzdem städtischen Charakter. Sie zogenvor sechs Jahren hierher. Ihre einzigeVerbindung: Freunde wohnten inderselben Strasse. Am grossen Holztischvor dem Fenster zum Garten erzählt dasPaar, wie es zum Umzug kam. Im Hausist es still, die drei Kinder, 7-, 9- und 10-jährig, sind bereits in der Schule.Ihr 4,5-Zimmer-Häuschen in der Näheder Universität Irchel wurde zu eng, alsdas dritte Kind zur Welt kam. Die zweiKunstschaffenden suchten nach etwasBezahlbarem. «Zuerst haben wir uns nurin Zürich umgeschaut und gemerkt: Dasist hoffnungslos», sagt Frischknecht. Siewaren bereit, ein Haus zu kaufen. «War21


«Vier Meter hohe Wände! 170 Quadratmeter!» Cary Steinmann und seine Frau Sabine in ihrer Loft am Katharina-Sulzer-Platz.22ein Objekt für 600 000 Franken ausgeschrieben,stand das Mindestgebot inder zweiten Runde bereits bei 1,2 Millionen.»Glück hatten sie erst in Winterthur:2005 stand eines der 1905 erbautenReihenhäuser an der Heiligbergstrassezum Verkauf. Die Wände holzgetäfert,die Dielenböden knarrend, die Fensteraus Doppelglas, das die Sicht leicht verzerrt.Obwohl sie nicht die Meistbietendenwaren, erhielten Pfister und Frischknechtden Zuschlag. Die Vorbesitzerwollten an eine Familie verkaufen.«Was? Ihr zieht nach Winterthur?»Ihr Umfeld habe zum Teil irritiert reagiert,sagt Pfister. Sie selbst waren offen.Wichtig war ihnen nur, dass sie denWinterthurer Hauptbahnhof zu Fuss erreichenkönnen. «Von den Fahrminutennach Zürich her spielt es keine Rollemehr, ob man in Wiedikon oder in Winterthurwohnt.» Gleichzeitig unterscheidesich Winterthur positiv von Zürich,finden sie: Die Leute seien freundlicher.Hier sage man einander auf derStrasse noch Grüezi. In den Geschäftenbediene der Chef selbst. Dennoch istFrischknecht, der in Zürich bildnerischesGestalten unterrichtet, froh, nicht auchhier zu arbeiten. «Das wäre mir zu eng.»«Zürich arrogant. Winterthur cool»Familie Pfister-Frischknecht entschiedsich für Winterthur, weil sie hier einTraumhaus gefunden hat. So auch CarySteinmann. Man könnte zwar meinen,der Wirtschaftsprofessor habe die Stadtwegen seiner Arbeit an der ZHAW gewählt.Aber nein: Er pendelte vier Jahrelang von Zürich hierher. Erst vor einemMonat zogen er und seine Frau Sabinein eine Maisonette-Loft am Katharina-Sulzer-Platz. «Vier Meter hohe Wände!170 Quadratmeter!», schwärmt er. «Fürdiese Wohnung wäre ich sogar nachSchaffhausen gezogen.»Steinmann hat zusammen mit seinenStudenten die Studie erarbeitet, aufdie Winterthur seine aktuelle Imagekampagnestützt. Sie kreist um den Slogan«Winterthur ist das Beste, was Zürichzu bieten hat». Der Marketingexpertescheint den Spruch verinnerlicht zuhaben: «Winterthur wird massiv unterschätzt.Dabei ist die Stadt entspannt undcool. Zürich hingegen ist arrogant undtut wichtig.» Der 50-Jährige ärgerte sichausserdem zunehmend über «die ausländischeInvasion» in Zürich. Die Stadtverliere so ihren Charakter und werdezur Karrieren-Durchgangsstation.Für seine Winterthurer Traumwohnungwürde Steinmann in Zürich etwadas Dreifache bezahlen. Vermittelt hat sieihm Maya Gadgil, die bei der StandortförderungRegion Winterthur das Wohnortmarketingleitet. Winterthurs temperamentvollsteWerberin sagt: «Wir sindnicht die zweite Wahl für Wohnungssuchende,sondern eine gute Alternative.»Die gut verdienenden Ausländer zögenebenfalls bereits nach Winterthur, sagtGadgil. Das zeige der grosse Andrang,den die hiesige International School erlebe,oder dass die Stadtführung für175 – Das JubiläumsmagaziN Bilder: Peter Würmli


«Winterthur ist nur auf der Visitenkarte ein Problem.» Sven Adolph und seine Frau Cheong Kwon wohnen «Am Eulachpark».175 – Das JubiläumsmagaziNNeuzuzüger auch auf Englisch angebotenwerden müsse. Der einzige Nachteilsei die Unbekanntheit der Stadt.«Winterthur, near Zurich»«Winterthur ist nur auf der Visitenkarteein Problem. Im Ausland ist es nichtso bekannt», sagt auch Designer SvenAdolph. Der 46-Jährige wohnt seit 2006in einer 135 Quadratmeter grossen loftartigenEigentumswohnung «Am Eulachpark»,einem Neubauquartier inOberwinterthur. Von Zürich-Oerlikonaus schaute er sich damals nach Wohneigentumum, etwa auch in Richterswil.«Eine solche Loge in Zürich zu finden,liegt über meinem Budget.» Winterthurmachte das Rennen, weil es kein Dorf ist,in dem samstags die Läden früh schliessen,sondern «eine richtige Stadt».Produktegestalter Adolph entwirft vorallem Büromöbel, Leuchten und Armaturenfür Kunden in Süddeutschland, imElsass und in Norditalien. «Winterthurist dafür ein idealer Ausgangspunkt.» DieNähe zum Flughafen sei wichtig. Auffälligist, dass der Designer nie von Winterthurspricht, sondern nur vom GrossraumZürich oder gar von der Schweiz.Der Grund: Adolph, der ursprünglich ausKonstanz stammt, lebte mehrere Jahre inden USA und denkt grossräumiger. ImVergleich mit amerikanischen Distanzensei Winterthur definitiv «near Zurich».Adolph gefällt aber auch das Kleinräumige.Arbeitet er zu Hause, isst er imnahen Kafi Müli mittags ein Menü für12.80 Franken. Seine Frau sei begeistert,dass sie mit dem Velo in die Stadt fahrenkönne. «Die Lebensqualität ist hier sehrhoch.» Winterthur sei zudem bei weitem«kein kulturelles Niemandsland», wiedas Fotomuseum zeige. AmerikanischeGäste führe er jeweils in die SammlungOskar Reinhart «Am Römerholz» undstosse immer auf Begeisterung.Der Designer, der regelmässig mit demAuto unterwegs ist, kritisiert einzig dieverkehrstechnische Erschliessung seinesQuartiers. Am Freitagnachmittag stautensich regelmässig Anwohner, Gewerblerund Shoppingkunden vor dem Nadelöhr,der Unterführung beim BahnhofOberwinterthur. Adolph wünscht sichvon der Stadt eine der Neubauzone angepassteStrassenplanung.Winterthur erhalte mit den Neu-Winterthurerneine integrierte und am lokalenGeschehen interessierte Bevölkerung,sagt Geograf Michael Hermann. «Dasist eine Chance.» Die Stadt müsse aberauch die Infrastruktur bieten, welche dieurbane Qualität ausmacht. «Diese Leutewollen nicht ländlich abgeschottet leben.»Wichtig seien neben Erreichbarkeitein guter Bevölkerungsmix – und genügendSchulräume.Rund um das ehemalige Sulzerarealin Oberwinterthur plante die Stadt einneues Quartier mit Hunderten von Familienwohnungen,Land für ein Schulhauszu reservieren, ging jedoch vergessen.Das darf sich Winterthur künftigdefinitiv nicht mehr erlauben.l Sabine Arnold23


GeschichteWie Zürich Winterthur Bescheidenheit lehrteWer das Verhältnis zwischen Winterthur und Zürich ergründen will, muss im 19. Jahrhundertsuchen: Es erzählt vom rasanten Aufstieg und vom tiefen Fall einer kleinen Überfliegerin.24Nie – da sind sich die Experten einig – wardie Rivalität zwischen den beiden Grossstädtenim Kanton Zürich so ausgeprägt undso offen wie im vorletzten Jahrhundert. Kein Wunder,wollte doch das kleinere Winterthur endlich ausdem Schatten der grossen Schwester treten, nachdemes von dieser jahrhundertelang in Schach gehaltenworden war. Aber wer hätte gedacht, dass das«Dorf» an der Eulach der Stadt an der Limmat einmalwirtschaftlich die Stirn bieten und sie politisch überflügelnkönnte? Und wer hätte gedacht, wie schnellauf den Hochmut des Erfolgreichen der Fall des Erschöpftenfolgen würde?Um 1800 war Winterthur eine 2500-Seelen-Gemeinde,ein bescheidenes Arbeiterstädtchen, das überdie Region hinaus wenig Bedeutung hatte. Zürichzählte zum gleichen Zeitpunkt 10 000 Einwohner undpflegte Handelskontakte in die ganze Welt.Es war nicht einfach der Neid auf das bedeutendereZürich, der in Winterthur den Wetteifer weckte. Umzu verstehen, was sich in der Winterthurer Seele abspielte,müssen wir in den Geschichtsbüchern nocheinmal 350 Jahre zurückblättern. Mitte des 15. Jahrhundertsgehörte Winterthur zum habsburgischenHoheitsgebiet. Doch als die Österreicher 1467 inGeldnöten steckten, verpfändeten sie WinterthurAls die Habsburger 1467 in Geldnöten steckten, verpfändeten sieWinterthur kurzerhand an die Stadt Zürich – für 10 000 Gulden.kurzerhand an die Stadt Zürich für einen Gegenwertvon 10 000 Gulden. Im Pfandbrief anerkannteZürich zwar sämtliche Freiheiten, welche Habsburgden Winterthurern zugestanden hatte. Diese musstenaber fortan jedes Jahr am Albanitag einen Treueeidleisten, mit dem sie sich verpflichteten, der Stadt Zürich«gehorsam zu sein und deren Nutz und Ehre zufördern und Schaden zu wenden». Damit verbundenwaren Einschränkungen. So war es Winterthur nichterlaubt, eine eigene Aussenpolitik zu betreiben, undes musste sich an militärischen Feldzügen Zürichsbeteiligen. Auch wirtschaftlich hatten sich die Winterthurerunterzuordnen. Produzieren durften sie nurin jenen Bereichen, in denen sie bereits vor der Verpfändungaktiv waren. Neuere Zweige wie die Ofenbaukunstoder die Seidenindustrie verbot Zürich, umso die eigene Position zu stärken.Erst 1798 endete mit dem Einmarsch napoleonischerTruppen die zürcherische Herrschaft. In dersogenannten «Freiheitsurkunde» proklamierten dieHerren von Zürich auf Geheiss des französischenKaisers widerwillig Freiheit und Gleichheit für alleBewohner des Kantonsgebiets.Das Städtchen wird zur MetropoleVor diesem Hintergrund brach für Winterthur ein befreites19. Jahrhundert an. Und die Stadt wusste darausihren Nutzen zu ziehen, was zu einem vorher undnachher nie gekannten Aufschwung führte. Innerhalbvon nur 100 Jahren wurde das kleine, beschaulicheStädtchen zum Industriezentrum mit internationalerAusstrahlung. Was genau Winterthur so beflügelte,ist schwierig zu eruieren. Sicher ist aber, dass der Erfolgder Stadt eng verknüpft ist mit einzelnen Persönlichkeitender Stadtgeschichte. Alteingesessene Familienmit Namen wie Sulzer, Rieter, Volkart, Reinhartoder Biedermann machten Winterthur zunächst zurHandelsmetropole und später zur Hochburg der Textil-und Maschinenindustrie. Laut dem Historiker PeterNiederhäuser war Winterthur in den 1830er-Jahrengar die «verhältnismässig bedeutendere Handelsstadtals Zürich».Besonders ein Name ist in dieser Zeit wichtig fürWinterthur: jener von Johann Jakob Sulzer, Stadtpräsidentvon 1858 bis 1873 und nicht zu verwechseln mitseinem Namensvetter, dem die Sulzer-Giesserei gehörte.Unter ihm und mit dem wirtschaftlichen Erfolghat sich das Winterthurer Selbstbewusstsein markantverändert. Zürich empfand man zunehmend als Konkurrentin,mit der man sich mindestens auf Augenhöhemessen wollte.Der Wettkampf dehnte sich auf die politischeEbene aus. Die noch kleine, in Winterthur beheimateteBewegung der Demokraten wurde unter StadtpräsidentSulzer zum Instrument des Widerstandsgegen die Stadt Zürich. Diese wurde vom freisinnigenUnternehmer, Bankier und Tausendsassa AlfredEscher regiert. Die beiden Stadtpräsidenten kanntensich aus dem Regierungsrat, aus dem Sulzer 1857 imGroll gegen den angeblich herrschsüchtigen Escherausgetreten war.Um die Ideologie der demokratischen «Ecole deWinterthour» mit etwas Greifbarem zu untermauern,leistete sich Sulzer ein kostspieliges Symbol: einneues Stadthaus. Erbauen liess er es vom damaligenStararchitekten Gottfried Semper. Der tempelartigeBau spannt den architektonischen Bogen zum antikenGriechenland, der Wiege der Demokratie. Es ist175 – Das JubiläumsmagaziN bilder: Heinz diener


Es ist ein politisches Ausrufezeichen an dieAdresse des Zürcher Freisinns: Das tempelartigeStadthaus steht symbolisch für den Siegeszugder demokratischen «Ecole de Winterthour».25


261855 fuhr die erste Dampflok im Bahnhof Winterthur ein.Der Mittelbau mit den bogenartigen Eingängen wurde fünf Jahrespäter als Empfangsgebäude eingeweiht. Er erinnert noch heutean die spektakuläre Pleite der Winterthurer Nationalbahn.


175 – Das JubiläumsmagaziN bilder: Heinz Dienerkein Zufall, dass der Mittelteil, in dem die Volksversammlungenstattfanden, den Rest des Gebäudes, wodie Verwaltung untergebracht war, überragt. Die baulicheHierarchie versinnbildlicht die Macht des Volks,die über jener der Stadtherren steht: ein politischesAusrufezeichen an die Adresse des machtbewusstenZürcher Finanzfreisinns.Doch bereits mit der Finanzierung des 1870 eingeweihtenStadthauses zeigte Winterthur erste Schwächen.Denn das Kräftemessen zehrte an der Substanz.Ausgerechnet der «Tempel der Demokratie» riss einerstes grosses Loch in die Stadtkasse, denn er kosteteviel mehr als budgetiert. Die Figuren auf dem Dachkonnte sich die Stadt gar nicht mehr leisten, woraufPrivate die Finanzierung übernahmen.Dem Boom der Demokraten tat dies allerdings keinenAbbruch. Sie erstarkten im ganzen Kanton, griffenauch mit Hilfe des «Landboten» in die kantonalePolitik ein und forderten eine neue Verfassung. JohannJakob Sulzer präsidierte den Verfassungsrat.Das Volk nahm die Verfassung 1869 deutlich an, womitdas «System Escher» zusammenbrach. In jenemJahr erlangten die Demokraten auch die Mehrheit imKantonsrat und stellten alle sieben Regierungsräte.Ein finanzielles DebakelIn der griechischen Tragödie ist es die Hybris, alsodie hochmütige Selbstüberschätzung, die den tragischenHelden zu Fall bringt. Ähnliches könnte manvon Winterthur sagen. Nachdem Johann Jakob Sulzerpolitisch über Alfred Escher triumphiert hatte, wollteer diesen auch in dessen Prestigedisziplin schlagen:dem Eisenbahnbau. Escher, der den Bau des Gotthardtunnelsleitete, hatte mit seiner Nordostbahnzwischen Zürich und Romanshorn eine Vormachtstellungim Eisenbahnnetz.Diese wollte ihm Sulzer streitig machen. Ihmschwebte eine Volksbahn vom Boden- bis zum Genferseevor, die von der öffentlichen Hand finanziertwürde und nicht durch die grossen (Zürcher) Finanzinstitute.Neben Winterthur beteiligten sich auch Baden,Lenzburg und Zofingen am Unterfangen. Dochdie Verantwortlichen hatten grosse Mühe, das nötigeGeld aufzutreiben, und der Bau neuer Strecken wurdeteurer als geplant. Lenzburg und Zofingen warfennach nur vier Jahren das Handtuch, was den Druckauf Winterthur und Baden massiv erhöhte.Hinzu kam, dass Eschers Nordostbahn ebenfallsDampf machte und auf den gleichen Strecken kürzereVerbindungen baute. 1878, nur sechs Jahre nachihrer Gründung, musste die Nationalbahn den Betriebwieder einstellen.Mit der Zwangsliquidation war für die Stadt Winterthurdas finanzielle Debakel perfekt. 31 MillionenFranken hatte die Nationalbahn gekostet. Die Konkursmasseübernahm – ausgerechnet – Eschers Nordostbahnund bezahlte nicht einmal vier Millionen dafür.Bis ins Jahr 1950 stotterte Winterthur die Schuldenab, die Sulzers blinder Ehrgeiz verursacht hatte.Die politischen Folgen: 1878 erlitten die Demokratenerstmals eine Niederlage.Nicht nur dem Selbstbewusstsein der Stadt setzteder spektakuläre Misserfolg der Nationalbahn zu.Da er mit einer Weltwirtschaftskrise zusammenfiel,machte er der schwächelnden Industriestadt umsomehr zu schaffen. Winterthur brauchte ein ganzesJahrzehnt, um sich zu erholen. Das war der Zeitpunkt,da sich die Konkurrenzstädte endgültig auseinanderentwickelten.Während sich Winterthur mühsam aufrappelte,explodierte in Zürich förmlich der Dienstleistungssektor.Winterthur hielt nicht mehr mit.Am Kräfteverhältnis zwischen den beiden Städtenhat sich seither wenig geändert. Zürich ist die klareNummer eins, obschon sich auch Winterthur seit2008 offiziell Grossstadt nennen darf. Von der einstigenBlüte des Industriestandorts ist wenig übriggeblieben.Auf den grössten Boom in den 1960er-Jahrenfolgte der schrittweise Zerfall der traditionsreichenFamilienbetriebe. Allein bei Sulzer gingen in denletzten 30 Jahren rund 10 000 Arbeitsplätze verloren.«Gerade im Maschinenbau ist es tödlich, wenn Betriebenicht mehr langfristig investieren, sondern vongewinnorientierten Managern kurzfristig ausgehöhltwerden», sagt Industriehistoriker Hans-Peter Bärtschi.Genau das sei mit Firmen wie Sulzer passiert.War Winterthur zu Boomzeiten eine reiche Stadt,käme sie heute ohne hohe Beiträge aus dem kantonalenFinanzausgleich nicht mehr über die Runden.Der Niedergang der Industrie habe der Stadt aberauch positive Impulse gegeben, sagt StadtpräsidentErnst Wohlwend. Auf den vielen Industriebrachenist heute Platz für Zukunftsträchtiges. Zum Beispielhat sich die ZHAW im Sulzerareal und im Rundbauder Firma Volkart niedergelassen. WinterthurDie Konkursmasse der Nationalbahn übernahm – ausgerechnet –Eschers Bahn. Bis 1950 stotterte Winterthur die Schulden ab.ist jetzt eine Studentenstadt. Den Studis sollen innovativeKMU in die Stadt folgen, die auf gut ausgebildeteHochschulabgänger angewiesen sind. Auchdiese jungen Unternehmen finden in den traditionellenIndustriegebieten Platz – «günstiger als inZürich», sagt Wohlwend. Das Verhältnis zu Zürichbeschreibt er als «freundschaftliches Nebeneinander».Das Selbstwertgefühl der Winterthurer sei wiedergewachsen. «Man spürt die Jugend auf der Strasseund glaubt an die Zukunft.»Beim Formulieren grosser Ziele ist die Stadtaber zurückhaltend. Entwicklungsprognosen sindhöchstens vorsichtig optimistisch. Wohlwend lobtWinterthurs dörflichen Charakter, anstatt dasGrossstadt-Image zu forcieren. Offenbar hat die Stadtaus den ersten Blütejahren der Industrie nicht nurdie alten Gebäude bewahrt; geblieben sind auch dieErinnerung an eine Zeit, in der eine Portion Bescheidenheitgrossen Schaden hätte vermeiden können.l Anna Wepfer27


Lok alpatriotismus«Zürcher liegen mir einfach nicht»Peter Lattmann ist Winterthurer mit Leib und Seele.Für Zürich hat er nicht viel übrig.28Frag doch Baldo», heisst es auf der«Landbote»-Redaktion, wenn manetwas über die Vergangenheit oderdie persönlichen Verflechtungen wichtigerWinterthurer wissen will. Als fürdiesen Beitrag ein Winterthurer Lokalpatriotgesucht wurde, fiel die Wahl deshalbschnell auf den pensionierten SportredaktorPeter Lattmann alias Baldo.Sein Terminplan ist immer noch voll.Lattmann hat nur eine Stunde Zeit fürdas Gespräch, wir treffen uns auf ein Bierim Restaurant Obergass. Gross, blond,breitschultrig, der 66-Jährige strahltRuhe und Gutmütigkeit aus, er hat etwasvon einem Bären, man fasst schnell Vertrauenzu ihm.Woher sein Spitzname kommt, weisser selber nicht mehr so genau: «DerName stammt aus meiner Gymi-Zeit. Erhat irgendwas mit dem EishockeyspielerArturo Baldi und einem Freund namensArturo Perolini zu tun», sagt er lachend.Aufgewachsen ist Peter Lattmann in Seenals Sohn eines Baumschulbesitzers. Seenwar damals noch ein Dorf, von Winterthurräumlich getrennt durch das Grüzefeld.Man fuhr «in die Stadt», wenn manetwas in Winterthur zu erledigen hatte.Als Kind war er nur Seemer, richtigerWinterthurer sei er erst geworden, als erdas Gymnasium Im Lee besuchte. «Auslöserwar der Sport.» Die Mittelschülerspielten Handball.Die SchülermannschaftThe Vikings – «So nanntenwir uns, weil wir sotrinkfest waren» – warschnell erfolgreich. Nachdem Gewinn der Schülermeisterschaftwollte man mehr. Die jungen Leute konntenvon der Quartiermannschaft YellowWinterthur, die nach dem Abstieg ausder ersten Liga aufgelöst wurde, für nur100 Franken den Namen und die Trikotskaufen. «Das war nötig, damit wir nichtin der untersten Liga starten mussten.»Baldo wurde Vereinspräsident und bliebes die nächsten 40 Jahre.Baldo braucht kein Facebook,er kennt auch so diehalbe Stadt, quer durchalle Parteien und Klassen.Nach dem Training machten die jungenHandballer die Stadt unsicher. «Je älterwir wurden, je mehr haben wir unsin der Stadt herumgetrieben.» Sie lerntenalle Beizen kennen: die Apollo Bar,den «Neuwiesenhof», das «Rössli» oderTanzlokale wie den «Wallfisch». Dort gabes noch Tischtelefone. Wenn die Bubensich an einen Tisch setzten und ein Bierbestellten, klingelte sofortdas Telefon und ältereDamen fordertensie zum Tanz auf. Währendder Freistundehingen die Gymnasiastenim legendären «Africana» inder Neustadtgasse herum. Das war Anfangder Sechzigerjahre, die Beatles fingengerade an, die Szene zu beherrschen.«Wir waren der erste Jahrgang, der in derSchule Bluejeans trug. Dafür brauchtenwir eine Sonderbewilligung», sagt Lattmannsichtlich stolz.«Mit Zürich wurde ich niewarm. Schon als Studentmerkte ich, dass ich nachWinterthur gehöre.»Er kennt die halbe StadtAls Mittelschüler fing er auch an, fürden «Landboten» Berichte zu schreiben,Sport und Kino waren sein Gebiet.«Der alte Wirt des Casinos, Fritz Steiner,und ich waren mittwochnachmittagszur Premiere häufig die einzigen Besucherim Kino am Neumarkt», sagt Lattmann.In seiner jovialen Art hat er dieBekanntschaft Steinersgesucht. Das sei der Anfangseines riesigen Beziehungsnetzesgewesen.Es fällt ihm leicht,Leute anzusprechen, mitallen scheint er ein Thema zu finden.Auf die Frage, wie viele Winterthurer erheute gut kennt, antwortet er spontan:«Das müssten rund 500 sein.» Er überlegteinen Moment und verbessert sich:«Wahrscheinlich sind es eher 1000.» Erbrauche kein Facebook, er kenne auch sodie halbe Stadt, quer durch alle Parteienund Einkommensklassen. «Hallo Baldo,wie gehts?» begrüsst ihn die Bedienung.Nach der Schule begann er ein Jus-Studium in Zürich. Schon damals hatteer für öffentliche Verkehrsmittel nichtsübrig, zur Uni chauffierte er sich undseine Winterthurer Kollegen mit demAuto. «Mit Zürich bin ich aber nie richtigwarm geworden. Schon als Student habeich gemerkt, dass ich nach Winterthurund nicht nach Zürich gehöre. Obwohlwir statt zu studieren indie Wirtschaft gegangensind und gejasst haben,bin ich dort nie heimischgeworden. Die Zürcher liegenmir einfach nicht.»«Ich kenne Zürich eigentlich schlecht»,gibt er zu. «Wenn ich einmal dort bin,habe ich auch nicht das Gefühl, ich verpassesonst etwas.» Das fange damit an,dass die Leute achtlos aneinander vorbeigingen.Der Verkehr sei schlimm, «weildie Politiker noch mehr als in Winterthurprobieren, zu verhindern, dass manvorwärtskommt». Die Beizen seien vielzu teuer. Die gleiche Flasche Wein kostein Zürich schnell mal 15 Franken mehrals in Winterthur, sagt Baldo und nimmteinen Schluck von seinem Bier.Nach Zürich zu ziehen, habe ihn niegereizt. Er hatte zwar einen Bezugspunkt,einen Onkel mit einem Haus amZürichberg. Dort ging es ganz vornehmzu, mit Hausdame und allem Drum undDran. «Das ist mir immer zu fein gewesen.»Gestört hat ihn auch, dass man sichin Zürich chic anziehen musste, «das warund ist in Winterthur nicht üblich».Schon während des Studiumsverdiente Peter Lattmann Geld, indemer Berichte für den Sportinformationsdienstschrieb. Dabei kam er schnellmit dem Motorsport in Berührung. Bisheute, auch nach seiner Pensionierung,berichtet er für diverse Medien über dieAutorennen der Formel 1. Dafür reist erwährend der Saison in der ganzen Weltherum. Was vermisst er auf diesen Reisen?«Meine fünf Stammtische in derStadt und die Ruhe in Seen.» Nach einemBild: Peter Würmli


Peter Lattmann fühlt sich nichtwohl in Zürich (im Bild ander Langstrasse). «Die Politikversucht hier noch mehr zuverhindern, dass man mit demAuto vorwärtskommt.»Abstecher nach Schottikon wohnt erdort mit seiner Frau in einem Haus amWaldrand, Tochter und Sohn sind dabei,von zu Hause auszuziehen.Das Studium beendete er nicht. 1970folgte er lieber dem Ruf des «Landboten»und wurde der erste Regionalredaktorder Lokalzeitung. Zweimal in seinem Lebenhätte er die Chance gehabt, aus Winterthurwegzukommen. Einmal wollteGC Zürich ihn als Spieler abwerben, aberdas sei gar nicht in Frage gekommen:«Das hätte ich meinen Handballkollegennicht antun können, GC war tabu.» Einanderes Mal wollten ihn die «LuzernerNeusten Nachrichten» als Sportredaktoranstellen. «Das habe ich mir ernsthaftüberlegt. Aber wo sollte ich dann meineKollegen treffen?» Natürlich genoss er esauch, dass ihn in Winterthur alle kennen,in Luzern wäre er ein Niemand gewesen.175 – Das JubiläumsmagaziNVor- und Nachteile der GrossstadtIn der Stadt hat sich seit seiner «wildenZeit» viel verändert. «Wenn wir früherum 22 Uhr nach dem Training in eineBeiz kamen und etwas trinken wollten,gab es wegen der Sperrstunde schonnichts mehr. Niemand wäre auf die Ideegekommen, nach Zürich zu fahren.» Mitden Autos ging es vielmehr nach Seuzach,«das war nah und hatte drei Beizen»,in die «Sonne» nach Hettlingen odernach Frauenfeld.Heute habe Winterthur zum Glückein lebendiges Nachtleben. Seine Frau,eine gebürtige Zürcherin, wolle im Alterunbedingt in die Altstadt ziehen, weilman zu Fuss überall hinkommt.«Winterthur ist eine Grossstadtgeworden, aber man merkt nicht, dassman in einer Grossstadt ist.» Nur umden Bahnhof herum würden sich dieNachteile bemerkbar machen. «Daraufkönnte ich gut verzichten», sagt Baldolachend und macht sich auf den Weg zumFlieger nach Japan. Die Formel 1 brauchtihn dort.l Eva Kirchheim29


PeopleAus der HauptstadtWas prominente Zürcher über diekleinere Grossstadt im Kanton denken.30Bilder: Patrick Mettraux, Lena thuering, SF DRS, Keystone, PD (6)


Michael von der Heide, Sänger «Ich habe vier Jahre inWinterthur gewohnt und kenne ziemlich jeden Winkel.Unvergesslich sind mein erster Auftritt im Albaniund meine Ausbildungszeit an der Krankenpflegeschule.Nach 20 Jahren in Zürich kann ich es mirdurchaus vorstellen, wieder in Winterthur zu leben.Ich bin oft dort, weil viele Freunde in dieser Stadtwohnen. In meinem Zürcher Bekanntenkreis hatWinterthur einen ausgezeichneten Ruf.»Koni Frei, Gastronom «Von Winterthurist man heute schnellerim Zentrum von Zürich als vonSchwamendingen. Winterthur hatalles, was es braucht, ist aber überschaubarer.Ich habe mich mal fürein Restaurant interessiert. Darausist aber nichts geworden. In Winterthurwürde ich noch immereins führen, wenn sich die Gelegenheitböte. Denn es hat dort einegute Ausgehszene. Ich selbst gehekaum aus Zürich hinaus. Der Kreis4, wo ich wohne, ist ein Dorf in derStadt. Es hat alles. Ab und zu fahreich meine Frau morgens nach Winterthurzur Arbeit, dann kann sieeine Stunde länger schlafen.»Roger Schawinski, Medienunternehmer«Winterthur hat eine grosseinternationale Tradition. Den Namender Stadt findet man an denHauswänden der ganzen Welt. Diezweitgrösste Stadt im Kanton erlebtderzeit einen fantastischenAufschwung. Die Präsenz derHochschule im Zentrum beeindrucktmich sehr. Ich bin Aktionärdes Casinotheaters und daheroft dort anzutreffen. Im Sommerhabe ich bei ‹Karl’s kühner Gassenschau›wieder einen ganz besonderenTeil von Winterthur erlebt.Das grosse Zürich hat seltenProbleme mit dem kleinen Winterthur.Umgekehrt ist es anders.»175 – Das JubiläumsmagaziNBeat Schlatter, Komiker und Schauspieler«Meine Eltern haben michvor 50 Jahren in Töss, dem Arbeiterviertelvon Winterthur, gezeugt.Ein lieber Freund von mir,Mathias Kilga, wohnt in dieserStadt. Er kümmert sich seit vielenJahren bei meinen Bühnenauftrittenum die Technik. Die Stadt hatgrossartige Einrichtungen: Salzhaus,Sulzerareal, Kraftfeld, Albanifestund den FC Winterthur mitder einmaligen Sirup-Kurve. DieWinterthurer sind mir im Gegensatzzu den Wallisern oder denWelschen sehr nahe, weil ich michmit den meisten verwandt fühleund sie auch verstehe.»Carolina Müller-Möhl, UnternehmerinMüller-Möhl-Gruppe «BeimStichwort Winterthur denke ichals Erstes an unser Forum Bildung,einen Thinktank für Bildungsfragenund Dialog, der seinen Hauptsitzin Winterthur hat und den ichmit drei weiteren Personen präsidiere.Mit unserer Arbeit möchtenwir den Menschen in Erinnerungrufen, wie wichtig Bildung fürunser Land ist. Winterthur ist Industrie-und Kulturstadt zugleich.Ich bin ein grosser Fan des Fotomuseums.Nur komme ich leiderviel zu selten dahin. Dafür gehe ichmit meinem Sohn ab und zu insTechnorama. Sehr eindrücklich istauch das Sulzerareal.»Zineta Blank, Geschäftsführerin Modelagentur Visage«Ich habe in Winterthur einmal den Halbfinal desFord-Supermodel-Contests durchgeführt und warpositiv überrascht: Alles hat super funktioniert, dieLeute waren professionell und gastfreundlich. Winterthurist wie eine andere Seite von Zürich: ruhig,idyllisch und übersichtlich. Die Models aus Winterthursind bei uns beliebt. Denn sie sind schnell in Zürich.Das ist bei kurzfristigen Aufträgen wichtig.»Bligg, Rapper «Die Winterthurerkönnen enorm stolz auf ihr wundervollesStädtchen sein. Es bietetsehr viel und hat Charme. ZweiDinge prägten mein Leben: Zuersthabe ich meine Lehrabschlussprüfungals Sanitärmonteur imSulzerareal und später die Autoprüfungin dieser Stadt gemacht.Daher kenne ich Winterthur ziemlichgut. Einige Freunde leben hier,die ich auch oft besuchen gehe.Wir streifen dann meist durchdie Altstadt und begeben uns aufKneipentour. Kürzlich war ich sogaran einer Immobilie interessiert.Das Preis-Leistungs-Verhältniswar jedoch absurd.»Brida von Castelberg, Co-Chefärztin FrauenklinikTriemli «Ich kenne Winterthur aus meiner Jugend. DieSammlung ‹Am Römerholz› war beeindruckend, dasKunstmuseum zeigte gute Ausstellungen. Aber sonstschien uns die Stadt traurig und unbelebt, nicht zuletzt,weil die Beizen um 23 Uhr schlossen. Das Winterthurvon heute vibriert vor jungen Leuten und Leben.Die Geburtenzahlen der Frauenklinik zeigen: Eswächst nicht nur durch Zuwanderung ganz schön.»Mathias Seger, EishockeyspielerZSC «Ich habe Winterthur sehrgern. Auf dem Weg mit dem Zugvon meinem Heimatort Uzwilnach Zürich war das die erste Station.Leider steht Winterthur etwasim Schatten von Zürich, doches wird unterschätzt. Winterthurhat eine wunderschöne Altstadt,ein grosses kulturelles Angebot.Eines meiner Lieblingspubs ist das‹Paddy O’Brien’s›. Adrian Wichser,ein Winterthurer, hat uns alsMannschaft oft dorthin gebracht.Im Vergleich zu den Zürchern sinddie Winterthurer dem Eishockeyfreundlich gesinnt. Die haben dieneue Halle nicht verhindert.»Tomas Prenosil, CEO ConfiserieSprüngli «Seit elf Jahren haben wireinen Standort an sehr guter Lageim Hauptbahnhof Winterthur,einer der am besten frequentiertenBahnhöfe der Schweiz. Unsere Luxemburgerli,ein typisches über 50Jahre altes Sprüngli-Produkt, hatzahlreiche Nachahmer. Auch dieWinterthurer Confiserie Vollenweiderstellt Macarons her. Dabeihat jeder seine Rezeptur und seineKundschaft. Ich finde unsere Luxemburgerlibesser. Sonst müsstenwir ja die Macarons von Vollenweidernachahmen. In den WinterthurerRestaurants habe ich immersehr gut gegessen.»l Nadja Ehrbar31


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carte blanchelCorine Mauch­Zürich ist WinterthurWenn ich Zürcherinnen undZürcher über Winterthursprechen höre oder wenn ich Menschenin Winterthur nach Zürich frage, töntes jeweils ganz ähnlich. Die Unterschiedewerden betont. Es werdenVelowege abgezählt, der Steuerfuss unddie Wohnungspreise verglichen und dieWegzeit zum Flughafen gemessen.Allerdings, so bin ich überzeugt,werden für uns in Zukunft dasVerbindende und die Gemeinsamkeitenwesentlich bedeutsamer sein.Denn bei näherer Betrachtung wirdklar: Zürich ist Winterthur – undumgekehrt. Je länger, je mehr.Wir sind Städte der kurzen Wegeund haben einen exzellentenöffentlichen Verkehr. Zürich undWinterthur sind ausgezeichneteBildungs- und Wissensstandorte.Und wir sind beides Kulturstädte mitherausragenden Angeboten, die sichergänzen und auch international sehenlassen können. Gäste aus dem ganzenKanton und darüber hinaus besuchenunsere Museen und Theater, verbringenliebend gerne ihre Freizeit bei uns.Corine Mauch, 51, istStadtpräsidentin von Zürich.Unsere Städte wachsen und prosperieren,wir haben die Trendwendein der Stadtentwicklung geschafft. DieLebensqualität ist hoch und in unserenehemaligen Industriearealen erblühenneue Stadtquartiere. Zufall, oder ebennicht: Zürich und Winterthur werdenrot-grün regiert, mitten unter bürgerlichdominierten Nachbargemeinden.Weitere Herausforderungenstellen sich auf der Zürcher undder Winterthurer Seite der BrüttenerHöhe gleichermassen. Als Zentrenunserer Regionen fallen bei uns Lastenan, die wir auch für unser Umlandbewältigen müssen. Und wir teilenWerthaltungen. Beispielsweise in derIntegrationspolitik. Hier wie dortpflegen wir eine Willkommenskultur,die auf die Potenziale der Menschenbaut und bestrebt ist, die erwünschteIntegration von Neuzuziehendennicht unüberlegt mit Vorurteilenund Misstrauen zu behindern.Ausserdem finden Zürichund Winterthur zusammenLösungen. Beide Städte haben dieMetropolitankonferenz massgeblichmitinitiiert. Zusammen mit über 100anderen Städten und Gemeinden und8 Kantonen engagieren wir uns fürdie Interessen unserer Grossregion.Denn gemeinsame Anliegen gibt esviele, seien es Fragen des Verkehrs,der Wirtschaft, der Gesellschaftoder der Raumentwicklung.Ob wir also – eher mit Blick in dieVergangenheit – Gegensätzlicheshervorheben oder – vielmehr in dieZukunft schauend – Gemeinsamesbetonen, ist letztlich eine Frage der Perspektive.Für mich ist klar: Zürich istauch Winterthur, Winterthur ist auchZürich, und zusammen sind wir dasurbane Gesicht des Kantons Zürich.175 – Das JubiläumsmagaziN bild: peter würmli


ende gutPeter Gut ist Karikaturistund lebt in Winterthur.vorschauheilig175 – Das JubiläumsmagaziNPünktlich zum Heiligen Abend legenwir Ihnen unser letztes Jubiläumsgeschenkunter den Christbaum.Das sechste Magazin drehtsich ums Thema «heilig». Besinnlichkeiterwartet Sie aber höchstensin der Fotostrecke über Rituale.Sonst kratzen wir mehr amUnantastbaren, etwa an Winterthursheiligen Kühen: War es wirk­lich erstrebenswert, eine Grossstadtzu werden? Hätte man dasSulzer-Hochhaus nicht besser abgerissen?Zudem beschäftigen wiruns mit Pfarrerssöhnen und fragen,ob ausländische Pfarrer für dieKirche ein Segen sind. Vielleichtfindet sich im Heft, das am 24. Dezemberdem «Landboten» beiliegt,auch eine Weihnachtsgeschichte.35


Was dürfen wir für Sie tun?Optimo Service AGBarbara-Reinhart-Strasse 22PostfachCH-8404 WinterthurTel. +41 52 262 70 70Fax +41 52 262 70 71info@optimo-service.comwww.optimo-service.comOptimo Service AGHardstrasse 301PostfachCH-8021 ZürichTel. +41 44 278 21 65... auch in Zürich!Im Stadt-Zentrum WinterthurWUNDR.CHAlles andere istabseitsUrbane Auswahl in Winterthur: 40 Fachgeschäfte, 6 Restaurants. Mo–Fr, 8.30–20 Uhr, Sa, 8.30–18 Uhr/MMM ab 8 Uhr.www.neuwiesen.ch.

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