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Ulrike Theusner


Ulrike Theusner

DER ABGESANG


Ihre Zeichnungen und Grafiken wie auch ihre Malerei und Installationen sind großartig, gleich

welche Technik sie auch ausübt oder welchem Thema sie sich auch immer widmet. Ulrike

Theusner gehört zu den wenigen Ausnahmebegabungen in der bildenden Kunst, die man als

Kunsthistoriker kennenlernen darf und von denen man hofft, dass sie ihr großes Talent an niemanden

und an nichts verschwenden, am wenigsten an die Moden und Beliebigkeiten des

Kunstmarkts. Höchstens nur an sich oder an ihre Kunst.

Lässt man die einzelnen Serien, die in den letzten Jahren entstanden sind, Revue passieren, so

zeigt sich ein geradezu überbordender Schatz an Sujets, die sich aus der Spannung zwischen

Reisen und Rückzug entfalten. „Ich muss die weite Welt verlassen und endlich zurück in meine

autistische Heimat … In mein kleines fensterloses Atelier…“, schreibt sie auf einem Blatt ihres

gezeichneten Tagebuchs „New York Diaries“, das 2009 auf Reisen in New York entstand.

Alles, was sie dort beobachtet, alle grotesken, aber so überaus prägnanten Szenen dieser für

sie faszinierenden Metropole hält sie mit Virtuosität und Leichtigkeit fest, merkwürdige Paare,

gescheiterte Existenzen, Junkies, Strassenmusiker, Künstler. Man hat den Eindruck, sie scannt

alles ein, was auf sie visuell und atmosphärisch eindringt, einprasselt, und bringt es in ihrem

eigenen, immer leicht nervösen, aber dennoch ganz präzis beobachtenden Zeichnungsduktus

wieder hervor. Die Bilder werden skurril, manchmal wie halluzinierend vor einem inneren Auge,

manchmal Gesehenes sehr real schildernd, aber nie realistisch.

Es ist eine Weltsicht voller Offenheit, Fantasie und Unvoreingenommenheit, nicht ohne aber

genau das zu sehen, was Realität auch ausmacht: die Nachtseiten des Lebens, die Schmuddelecken

einer Großstadt, Scheitern, Verzweifeln oder Straucheln. Ulrike Theusner schildert

all das in seinem ambivalenten Sowohl - als - auch, ohne kritischen Zeigefinger oder jegliche

moralisierende Kommentierung. Ganz einfach so, wie es ist oder wie es ihr in diesem Moment

vor Augen steht. Dennoch ist darin schon der vielbeschworene Crash enthalten, der in früheren

Zeiten gern als drohende Apokalypse beschrieben wurde. Und so reiten plötzlich Apokalyptische

Reiter bei ihr ins Bild, Adam und Eva erscheinen seltsam mutiert, und überhaupt explodiert

das ganze Figurenarsenal ins Historische. Und ebenso ins Grotesk-Komische, denn die

Reiter reiten nicht nur auf Pferden, sondern auch auf Nashörnern…

Es erscheint mir ganz schlüssig und folgerichtig, dass sich Ulrike Theusner in der anregendenzurückgezogenen

Welt des Ateliers in Weimar immer mehr auf vielseitige historische Bezüge

einlässt, um deren fantastisch-realistisches Potential zu überprüfen. Brueghel oder Bosch

schauen da um die Ecke, Cranach, Dürer, manchmal Rubens oder andere barocke Meister. Doch

dabei bleibt es nicht: Immer ist es ihr Ziel, das Heutige mit einer Chiffre oder einem Symbol zu

beschreiben und inhaltlich zu umkreisen. Plötzlich ist es nicht mehr der Alltag in New York mit

seinen hypernervösen Gestalten, einer Crew enerviert-überdrehter Fashionpeople oder kleiner

eitler Beautyqueens. Jetzt fährt Ulrike Theusner mit Verve die ganze Kunstgeschichte von

Renaissance und Barock auf und spielt bravurös auf dieser Klaviatur. Wohlgemerkt, eine Klaviatur,

auf der schon der ein oder andere grandios gescheitert ist.


Let the Games begin! 2012, Tusche auf Papier, 50 x 50 cm


Es sind ihr einzigartiges Talent und ihre innere Distanz zum Thema, die sie davor bewahren, den

falschen Ton zu treffen. Sie liebt es, mit diesen historischen Bildern zu fabulieren, und im Fabulieren

zugleich ein Stück Wahrhaftigkeit aufzuzeigen. Ab und an scheut Ulrike Theuser auch nicht

davor zurück, mit Ironie das vermeintliche High mit Hilfe des Low zu brechen. Der liebe Gott steht

bei ihr schon mal auf der Leiter und kippelt…

Dieser Mut, sich auf tradierte Bilder und deren Wirkmächtigkeit einzulassen, ihre Kunst, diese

zu benutzen und gleichzeitig zu hinterfragen oder ad absurdum zu führen, ist einzigartig und

unvergleichlich. Dazu kommt eine stupende Beherrschung der zeichnerischen, grafischen oder

malerischen Mittel, was ihr eine herausragende Sicherheit und Meisterschaft verleiht. Aber auch

hier zeigt sich ihr großes Können darin, dass sie ihre Virtuosität niemals um ihrer selbst willen

ausspielt. Vielmehr gehen die von ihr gewählten außergewöhnlichen Sujets und ihre technische

Finesse eine einzigartige Verbindung ein zur Interpretation und Reflexion von Themen des alltäglichen

Lebens, die sie als Wandlerin zwischen den verschiedenen Welten von Kunst und Fashion

beschäftigen. Sie steht ganz im Hier und Jetzt, immer mit dem erhellenden Blick auf Schein und

Sein, auf Fassaden oder Oberflächlichkeiten, die mitunter in ihren Bildern implodieren.

Obwohl noch sehr jung, ist es faszinierend, zu sehen, wie unverkennbar Ulrike Theusners malerischer

oder zeichnerischer Stil ist und wie auf eine eigentümliche Weise ausgereift sich ihre

künstlerische Handschrift präsentiert. Das zeigt sich unter anderem darin, dass selbst bei vermeintlich

harmlosen Landschaften oder floralen Motiven das Bild immer einen Zug ins Unheimliche,

Dunkle und Undurchsichtige erhält. Blumen verkrüppeln da schon mal und der Botanische

Garten wird zum gefährlichen Dickicht. Es ist dies die zweite Ebene ihrer Kunst, eine Ebene, die

die eindringliche Motivik ihrer Bilder und Zeichnungen auffängt und in eine Welt transponiert,

die eben nicht unbedingt nachvollziehbar oder einfach zu entschlüsseln ist, trotz verschiedener

Fingerzeige, die die Künstlerin dem Betrachter über Inschriften im Bild mitgibt. Das Geheimnis

ihrer Bilder bleibt letztendlich gewahrt.

Ulrike Theusners Malerei und Zeichnung ist immer dann am stärksten, wenn sie die Gratwanderung

zwischen Mythos und Gegenwart, realer Welt und phantastischen Welten, Ironie und deren

Brechung, zwischen Themen aus alter und neuer Welt wagt. Und diese Gratwanderung fordert

sie ständig heraus. Chapeau!

Ulrike Bestgen


Die Beute, 2012

Pastell auf Papier, 65 x 50 cm


Das Ende der Jugend, 2012

Kohle und Pastell auf Papier

50 x 65 cm


Der Fanatiker, 2012

Pastell auf Papier, 65 x 50 cm


Der Despot, 2012

Pastell auf Papier, 46 x 50 cm


Das Rudel, Detail, 2011

Pastell auf Papier, 50 x 65 cm


Die Dreistigkeit kommt

angeritten, 2012

Pastell auf Papier, 50 x 48 cm


Recession bitches, 2012

Pastell auf Papier, 50 x 33 cm


Der Abgesang, 2011 / 2012, Tusche auf Papier, 140 x 300 cm


Der Verliebte, Make me rich and famous, Das geregelte Dasein,

Die Vorfreude, He knows the answer, The rich Guy

2011 / 2012, Tusche und Pastell auf Papier, 30 x 20 cm


Wie sich Verdienst und

Glück verketten, 2011

Tusche auf Papier, 70 x 50 cm


Das Gebet, 2011

Tusche auf Papier, 70 x 50 cm


Der Diener, 2011

Öl auf Leinwand, 60 x 30 cm


Utopia, 2011

Öl auf Leinwand, 40 x 30 cm


Heaven is awesome, 2011 / 2012

Tusche auf Papier, 100 x 210 cm


Utopia, 2011

Zuckertusche - Radierung auf Bütten, 50 x 65 cm


Der Liebe Gott, 2011

Tusche auf Papier, 50 x 65 cm


Ulrike Theusner

1982 in Frankfurt/Oder geboren

2001 Abitur

2002 Studium der Freien Kunst an der Bauhaus - Universität Weimar bei

Prof. Liz Bachhuber (2002-2004), Peter Heckwolf (2005 - 08) und

Prof. Norbert Hinterberger (Diplom)

2005 -2008 Erasmus Stipendium und anschließendes Studium an der Ecole

des Beaux Art "Villa Arson" Nice bei Noel Dolla und

Pascal Pinaud

2008 Diplom an der Bauhaus - Universität Weimar


Preise

2011 Arbeitsstipendium „Art Regio“ Thüringen

2010 1. Preis der European Contemporary Print Triennial Toulouse

Einzelausstellungen

2012 Revolution! Galerie Rothamel Erfurt

2012 Gravures, Galerie Le Majorat, Toulouse

2012 Ten Seconds of Fame, Landesverwaltungsgericht Weimar

2011 Nitro Circus, Galerie Pierrick Touchefeu, Paris

2011 Weird Feelings, Galerie Rothamel Frankfurt / Main

2010 Ten seconds of Fame, Galerie Wagner und Partner, Berlin

2010 East of Eden, Galerie Rothamel Erfurt

2009 Showroom, Galerie Soardi, Nizza

2008 The Waste Land, Diplomausstellung Bauhaus - Universität Weimar

Gruppenaussstellungen

2012 Ereignis Druckgrafik 4, Projektgalerie des BBK Leipzig

2012 God & Co., Galerie Rothamel Frankfurt / Main

2012 Potenzial, Galerie Rothamel Erfurt

2012 Stippvisite, Neues Museum Weimar

2011 Hausbesetzung, Angermuseum Erfurt

2011 Kunsthalle macht Schule, Kunsthalle Darmstadt

2011 Stadt, Land, Fluss, Kunstverein Jena

2011 Walter Koschatzky Kunstpreis 2011, Albertina , Wien

2011 Almost transparent blue, Y Gallery, New York

2011 Gratwanderung, Bauhaus Museum, Haus am Horn, Weimar

2011 Impulse, Aando fine art, Berlin

2011 It won´t fit, Hibbleton Gallery Fullerton, L.A.

2011 Unknown, Good Units, New York

2010 Flux Factory Auction, New York

2010 GBX Collaboration Project , Y Gallery, New York

2010 Chroma, Bauhaus - Universität Weimar

2010 First Exhibition, EKE Studio, Brooklyn, New York

2010 Another Artshow, Submerged Art Gallery Newark, New Jersey

2010 European contemporary Print Triennial 2010, Toulouse

2009 Visite, Kunstverein Speyer

2009 6. Nordhäuser Grafikpreis, Kunsthaus Meyenburg, Nordhausen

2009 Traits Noir, Musée des Beaux Arts Nizza

2008 Exkursionen, Galerie Rothamel Erfurt

2007 UMAM Nouvelle Biennale, Union mediterranéenne pour l´art moderne, Nizza

2006 Ne pas toucher le contour, Villa Arson, Nizza


Herausgegeben von / edited by

Galerie Rothamel

Kleine Arche 1A

99084 Erfurt

Fahrgasse 17

60311 Frankfurt am Main

galerie@rothamel.de

www.rothamel.de

© 2012 Galerie Rothamel

Text

Dr. Ulrike Bestgen

Fotos

Anna J. Rahn (Portrait)

Ulrike Theusner

Gestaltung

Elisa Theusner

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