Tradition - Organisation - Innovation - FreiDok - Universität Freiburg

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Tradition - Organisation - Innovation - FreiDok - Universität Freiburg

Bibliothekssystem der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Informationen

Sonderheft 1

ISSN 0940-1148 - Juli 1991 / 2007 - Hrsg. von der Universitätsbibliothek Freiburg i. Br.


Tradition - Organisation - Innovation

__________________________________

25 Jahre Bibliotheksarbeit in Freiburg

Wolfgang Kehr zum 60. Geburtstag

Vorgelegt von Mitarbeitern der

Universitätsbibliothek

und anderer wissenschaftlicher

Bibliotheken in Freiburg i. Br.

Herausgegeben von Albert Raffelt

Band 1

Freiburg i. Br. - Universitätsbibliothek – 1991 – 2007


Abbildungsnachweis:

Titelbild: Ulrike Nerlinger - S. 11: Privatbesitz - S. 20-50: Aus Besitz Dr. Helmut Knufmann und aus

Beständen der Universitätsbibliothek - S. 52: Handschriftenabteilung der Universitätsbiblithek

2. Auflage - Digitale Version © Freiburg 2007

Bibliothekssystem der Albert-Ludwigs-Universität

Freiburg im Breisgau

Informationen. Sonderhefte

Herausgegeben von der Universitätsbibliothek Freiburg i. Br.

ISSN 0940-1148

© Freiburg i. Br. - Universitätsbibliothek - Juli 1991 - 2007

Schriftleitung: Albert Raffelt


INHALT

Band 1

Albert Raffelt: Zur Einführung 9

Zur zweiten Auflage in digitaler Form 11

*

Bärbel Schubel: Wolfgang Kehr zum sechzigsten Geburtstag 13

Helmut Knufmann: Das besondere Requisit. Bemerkungen

zum Buch im Bild 19

*

Die UB Freiburg 1968 53

Erwerbung

Beate Zick: Revision und Sanierung einer

Fortsetzungskartei 63

Rita Messmer: Rationalisierung in der Zeitschriftenstelle 69

Hermann Josef Dörpinghaus: Steuern auf Bibliotheksmaterialien.

Ein Überblick 77

Fachreferate

Folkert Krieger: Vorläufige Überlegungen zum Aufbau

einer EDV-gestützten Bestellkartei am Arbeitsplatz

des Fachreferenten 91

Albert Raffelt: Gedanken zum Fachreferat 103

Inhalt - Band 1

5


Katalogisierung

Hansjürgen Maurer: Sonderarbeiten der Katalogabteilung

1967-1991 125

Christoph Hermann: Zeitschriftenkatalogisierung

im Wandel. Vom Offline- zum Online-Betrieb 136

Jutta Amedick: Der Freiburger Gesamtkatalog 145

Hansjürgen Maurer: Retrospektive Katalogkonversion

in einem Verbundsystem 165

Rudolf Piepenbrock: Anwendung und Abwandlung der

Sachkatalogisierungsmethode Eppelsheimers in der

Universitätsbibliothek Freiburg i. Br. Eine Skizze 193

Handschriften und altes Buch

Vera Sack: Arbeit am alten Buch. Eine Rückschau 204

Winfried Hagenmaier: Handschriften- und Nachlaßkatalogisierung

230

Benutzung

Ekkehard Arnold: Informationsabteilung in der UB Freiburg

1978-1991. Rückblick und Bilanz 236

Barbara Brummer: Informationsvermittlerin in Freiburg 246

Klaus Moser: Leihstelle und Magazin 1967-1978 251

Hannsjörg Kowark: Die Universitätsbibliothek auf dem

Weg zur Massenbenutzung. Der Ausleihbereich in den

Jahren 1978-1990 266

Jutta Amedick: Spielwiese: Von der AL zur FZ

(Akademische Lesehalle, Studentenbücherei

mit Lehrbuchsammlung, Freizeitbücherei) 283

Hans-Adolf Ruppert: 15 Jahre OLAF - und noch kein Ende?

Fragmentarische Gedanken zum Versuch, ein viereckiges

Rad so rund wie möglich zu machen 307

6

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Themenübersicht Band 2

Bibliothekssystem

Wilfried Sühl-Strohmenger: Das Bibliothekssystem der Albert-Ludwigs-

Universität Freiburg im Breisgau

Albert Raffelt: Kleine Geschichte des Verbunds der Institutsbibliotheken

der Theologischen Fakultät

Ulrike Nerlinger: Das Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Universität

und seine Tauschbeziehungen

Susanne Röckel: Naturwissenschaftliche Bibliotheken

Frauke Vrba: The moving library. Die Bibliothek des Englischen Seminars

Claudia Mühl-Hermann: Katalogsanierung mittels Verbundkatalogisierung

im Musikwissenschaftlichen Seminar

Jutta Dörbecker-Gaigl - Hiltrud Hertel-van Meegen: Die Bibliothek des

Romanischen Seminars

Jutta Giencke: Die Fakultätsbibliothek Forstwissenschaft im Umbruch

Günter Franz Paschek: Die Bibliothek für Rechtswissenschaft

Peter Glanzner: Universitätsbibliothek und Bibliothek der Pädagogischen

Hochschule. Ein Kooperationsmodell

Ingeborg Feige: Die Bibliothek des Deutschen Caritasverbandes in Freiburg

i. Br. (»Caritasbibliothek«)

Überregionales

Wilfried Sühl-Strohmenger: Das Handbuch der historischen Buchbestände

für die Bibliotheksregion Baden-Württemberg

Eleonore Engelhardt: Bibliotheksarbeit in der Deutschen Forschungsgemeinschaft

Franz Leithold: Die Bestands- und Katalogsituation an Medien- bzw.

Sprachzentren westdeutscher Hochschulen

Inhalt – Band 2

7


Bau, Kunst

Ortwin Müller: Der Neubau der Universitätsbibliothek. Ein Baubericht

Angela Karasch: Denkmalschutz und Neubauplanung, oder: Der Abriß des

Rotteck-Gymnasiums, eine »Chronik der Vernichtung«?

Veronika Mertens: Bilder, Bücher und Steine. Kunstwerke in der

Universitätsbibliothek

Ausstellungen, Publikationen

Gerd Biegel: Kulturkooperation im Dienste des Bürgers. Ausstellungsverbund

von Universitätsbibliothek und Museum für Ur- und

Frühgeschichte 1979-1986

Rita Matysiak - Helmut Staubach: Ausstellungen der Universitätsbibliothek

1980-1990

Albert Raffelt: Die Publikationen der Universitätsbibliothek

Bibliographisches

Die Praktikanten der Universitätsbibliothek: Die Universitätsbibliothek im

Spiegel der »Freiburger Zeitung« (1895-1939)

Christel Gnirß: Bibliographie Wolfgang Kehr

Bärbel Schubel: Die UB Freiburg 1991

8

*

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Albert Raffelt

ZUR EINFÜHRUNG

Mit »Sonderheften« beschreiten die INFORMATIONEN des Bibliothekssystems

der Universitât Freiburg im Breisgau neue Wege. Stellte

unsere »Hauszeitschrift« in dem vergangenen Jahrzehnt vielfach

begleitend Aktivitäten aus unserem Arbeitsleben - wie aus der Arbeit

anderer kooperierender Freiburger wissenschaftlicher Bibliotheken - dar,

so konnte der Gedanke nicht allzu fern liegen, zum sechzigsten

Geburtstag von Professor Wolfgang Kehr Überblicke, Reflexionen und

Beispiele aus Tätigkeitsbereichen Freiburger Bibliotheken gesammelt

vorzulegen. Die lockere Form einer solchen Sammelarbeit zeigt sich an

vielen Stellen der beiden vorgelegten Bände, die schließlich das Volumen

einzelner INFORMATIONEN-Hefte gesprengt haben.

Herkunft ist auch Gegenwart - um ein weiter gespanntes Diktum

etwas abzuwandeln: So bleibt dieser Band durch seine Entstehung

bestimmt. Die Stilart der Beiträge verrät ihre Herkunft aus unterschiedlichen

Bereichen, die Eigenart der Autorinnen und Autoren soulte

durch keine prokrusteshafte Bearbeitung vertuscht werden; die formate

Vereinheitlichung - sonst vielleicht Zeichen gründlicher Schriftleitung -

war hier nur bedingt Eigenheiten der Gliederung und Darbietung des

Stoffs zeigen so vielleicht eine größere Variationsbreite aus üblich.

Inhaltlich wurde das Material anhand einer herkömmlichen

Abteilungsgliederung wissenschaftlicher Bibliotheken angeordnet. Dem

aufmerksamen Beobachter wird dabei nicht entgehen, daß manches fehlt:

Wäre eine systematische Selbstdarstellung geplant gewesen, müßte man

das aus Mangel ansehen. Bei einer neben der tâglichen Arbeit erstellten

Sammlung wird man aber komplette Dokumentation nicht erwarten

können. Schließlich ist vieles, was auch in diesem Band hâtte Platz

finden können, in den gut fünfzig Nummern der INFORMATIONEN

erschienen. Verweise in den Anmerkungen der Beiträge dieses Bandes

führen zu diesen Veröffentlichungen. Anderes ist in den Schriften der

Universitätsbibliothek Freiburg Br. publiziert worden, vor allem die

Arbeit von W. Sühl-Strohmenger über das Bibliothekssystem Freiburg,

Zur Einführung

9


die die hier gebotenen entsprechenden Darstellungen ergänzt; die Studie

von Angela Karasch über den Carl Schäfer-Bau der

Universitätsbibliothek Freiburg (1895-1903) enthält Wesentliches über

die Arbeitsbedingungen vor 1978 (aus der Optik eines Neubaus!) u.a.m.

Der Band ist dem Engagement von Mitarbeitern des Freiburger

Hochschul-Bibliothekssystems zu verdanken, - wobei der Leiter des

Universitätsbauamts sowie der jetzige Direktor des Braunschweigischen

Landesmuseums wegen der hier dokumentierten Zusammenarbeit

großzügig unter diesem Etikett mitgeführt werden. Der Artikel über den

Neubau der Universitätsbibliothek - ein solcher durfte hier nicht fehlen -

ist den Freiburger Universitätsblättern entnommen und freundlicherweise

vom Autor ergänzt worden.

Das Überkommene zu bewahren, das Vorhandene ebensosehr zu

schützen wie zugänglich zu machen, das Notwendige, Nützliche und

Wertvolle zu erwerben und zu erschließen, den Blick aber nach vorne zu

richten und die Zeichen der Zeit zu erkennen, die Möglichkeiten der

Gegenwart zu nutzen... - all dies kann man mit der Trias Tradition,

Organisation, Innovation bezeichnen, die unserer Sammlung den Titel

gibt. Der Titel stellt einen Anspruch dar, er ist nicht eine Beschreibung

des Geleisteten! Wenn aber einige der hier beschriebenen Aktivitäten

Beispiele solch innovativ vermittelnder Traditionspflege darstellten, so

wäre dies im Sinne aller Beteiligten wie Bicher auch des

Widmungsträgers dieser Blinde. Der erste den universitären Gremien

gebotene Jahresbericht von 1968, der mit seinem für diesen Band

zusammengestellten Gegenstück am Ende von Band 2 den Rahmen

abgibt, zeigt in schlichten Darstellungen und Zahlen, wie sich solch

erneuerndes Bemühen um das Erworbene ganz nüchtern »organisiert«.

Die folgenden Beiträge wollen in dieser Spur berichten, überlegen,

anstoßen und manchmal auch ein wenig erfreuen...

*

Für das Zustandekommen dieser beiden Bande ist vor allem den

Verfassern der einzelnen Beiträge zu danken. Der Umfang der anfallenden

Arbeiten machte es aber nötig, auf die Hilfe manch anderer

Mitarbeiter zurückzugreifen, die nicht im Inhaltsverzeichnis genannt

10

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


sind. So gebührt Monika Bangert, Sybille Hentze, Christina Hermann,

Gabriele Langer, Regina Volk und Heinz Ohnemus (abermals neben

verschiedenen der Autoren dieser Bände) für Schreibarbeiten sowie den

ersteren beiden für vielerlei Hilfen bei Redaktion und Korrektur Dank.

Ulrike Nerlinger ergänzte durch fotographische Aufnahmen, was für

unsere Dokumentation noch fehlte... Ganz besonders ist den Mitarbeitern

von Fotostelle, Drukkerei und Buchbinderei für ihre umfangreichen

Sonderleistungen zu danken. Bei den Endkorrekturen haben Dr. Winfried

Hagenmaier, Dr. Angela Karasch, Dr. Folkert Krieger, Helmut Staubach

und ganz besonders Dr. Eleonore Engelhardt geholfen.

Zur zweiten Auflage in digitaler Form

Mit dem vorliegenden Band begann die Universitätsbiliothek Freiburg eine

Folge von Darstellungen ihrer Leistungen seit Ende der 60 er Jahre.

Fortgesetzt wurden die beiden Bände TraditionOrganisation

Innovation von 1991 durch den Sammelband Die Universitätsbibliothek

Freiburg : Perspektiven in den neunziger Jahren / hrsg. von Bärbel

SCHUBEL (Freiburg i. Br. : Universitätsbibliothek, 1994 [Schriften der

Universitätsbibliothek Freiburg im Breisgau ; 17] und – nunmehr bereits

gleichzeitig als elektronische Publikation – durch Positionen im Wandel :

Festschrift für Bärbel Schubel. (Freiburg i. Br. : Universitätsbibliothek,

2001 [Schriften der Universitätsbibliothek Freiburg im Breisgau ; 27] =

http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/300/). Es lag nahe, diese

Dokumentationen auch elektronisch aufzubereiten, womit hier begonnen

wird. Nach sechzehn Jahren konnte die digitale Version der Bände

TraditionOrganisationInnovation zwar noch von den Originaldateien

ausgehen. Da diese aber über mehrere Betriebssystem- und

Programmversionen in das PDF-Format transformiert werden mußten,

zumdem 1991 noch der „Klebeumbruch’“ für Abbildungen üblich war,

ging das nicht ohne Verschiebungen ab. Die Seitenzählung konnte aber in

etwa – jedenfalls für Anfang und Ende der Beiträge – beibehalten werden.

Zur Einführung

Freiburg i. Br. im Juli 2007

11


12

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Bärbel Schubel

Wolfgang Kehr zum sechzigsten Geburtstag

»Es ist ja ohnehin die Eigenschaft des Geistes, etwas schnell zu begreifen, aber

etwas recht zu tun, dazu gehört die Übung des ganzen Lebens«

(J. W. von Goethe)

Zum 60. Geburtstag von Wolfgang Kehr veröffentlichen wir eine Festschrift,

veranstalten ein Symposium und feiern ein Fest. Wohl wissen wir,

daß der Jubilar solchen Aktivitäten distanziert gegenüber steht, große

Festivitäten flieht und Trubel um seine Person nicht schätzt. Über diese

persönlichen Bedenken setzen wir uns großzügig hinweg, da wir nicht nur

den 60. Geburtstag feiern wollen, sondern auch mit W. Kehr auf fast ein

Vierteljahrhundert erfolgreichen Wirkens als Bibliotheksdirektor an der

Universität Freiburg zurückblicken können.

Die vorliegende Festschrift ist ein Geburtstagsgeschenk der Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter für den Jubliar. Neben der täglichen Arbeit

oder in der Freizeit entstanden ist sie Anlaß innezuhalten, auf gemeinsame

Arbeiten zurückzuschauen und die Entwicklung der letzten 25 Jahre zu

dokumentieren. Wir hoffen, daß der Jubilar das Ergebnis unserer

Rückschau teilen kann und angeregt wird, uns mit neuen Perspektiven auf

gangbare Wege in die Zukunft zu weisen.

Mit dem Symposium soll darauf hingewiesen werden, daß W. Kehr im

Bibliotheksleben über die Grenzen Freiburgs hinaus eine führende Rolle

spielt und die deutsche Bibliothekslandschaft aktiv mitgestaltet. Wir freuen

uns auf eine hochwillkommene Fortbildungsveranstaltung. - Für die

großzügige Einladung zum Geburtstagsfest bedanken wir uns an dieser

Stelle recht herzlich.

Das bei der Rückschau auf die gemeinsame Arbeit zu kurz gekommene

Private soll nur durch einige Streiflichter auf den Lebenslauf des Jubilars

erhellt werden.

Wolfgang Kehr wurde am 8. Juli 1931 in Mainz geboren und verbrachte

dort auch seine Schulzeit. Im familiären Umfeld - ein mit preußischem

Wolfgang Kehr zum sechzigsten Geburtstag

13


Pflichtgefühl als hoher Beamter tätiger Vater, ein zehn Jahre älterer als

Musiker erfolgreicher Bruder - finden sich die ihn auszeichnenden

Eigenschaften wie hohe Sensibiliät für Menschen und das Künstlerische,

rasche Auffassungsgabe, rationales Denken und Disziplin wieder.

Die Schule langweilte ihn bald, so daß er mit 15 Jahren anfing

Vorlesungen über Kunst, Musik, Ethik und Tierpsychologie zu besuchen.

Auch in den ersten Semestern seines Studiums in Mainz und Marburg

folgte er seinen breitgestreuten Interessen, las Weltliteratur, studierte

Astrologie und Harmonik, beschäftigte sich mit A. Schweitzers Leben-

Jesu-Forschung u.a. Von einem halbjährigen Bildungsaufenthalt in

Österreich und Italien zurückgekehrt, bereitete er sich in Marburg drei Jahre

lang im Selbststudium auf das Staatsexamen vor, besuchte nur wenige

Vorlesungen und die notwendigsten Seminare. 1955 legte er ein glänzendes

Staatsexamen in den Fächern Anglistik, Germanistik, Philosophie und

Pädagogik ab. Die autodidaktische Lernweise hat er während seines ganzen

Lebensweges beibehalten.

An Lehrer in engerem Sinn kann er sich nicht erinnern, er übernahm

nach eigenem Gutdünken, was ihm richtig erschien. Auf Befragen fällt ihm

einzig Gustav Waldt ein, ein Literat, Mitglied des PEN, den er 1945 durch

seinen Bruder kennenlernte. Obwohl 49 Jahre älter, war Waldt ein Freund

für ihn. Durch ihn lernte er Kreuder, Döblin, Jahnn persönlich kennen und

wurde in Literatenkreise eingeführt. Die Hellsichtigkeit, mit der der von

Jugendstil und Anthroposophie geprägte Waldt Stellung bezüglich Technik,

Zerstörung der Natur und Konsum bezog, beeindruckte ihn tief.

Mit seiner Promotion über John Cowper Powys, den er übrigens

persönlich kennenlernen konnte, schloß er 1957 sein Studium mit großartigem

Erfolg ab. Bibliothekar wurde er, weil er keine Neigung zum

Studienrat verspürte und sein älterer Freund ihm zum Bibliothekarsberuf

riet. Das übliche Argument: »Dann hast Du viel Zeit und kannst schöne

Bücher lesen«, mit dem er in den Beruf gelockt wurde, hat offensichtlich

keinen Schaden angerichtet. Seine Referendarausbildung absolvierte er in

Darmstadt und Köln. Mit der Kölner Assessorarbeit aus dem Bereich der

Buchkunst über Eric Gill legte er ein grundlegendes Werk dieses

Schriftkünstlers vor und eignete sich selbst tiefergehende Kenntnisse auf

diesem Gebiet an.

Am Anfang seines Berufslebens in Frankfurt begegnete W. Kehr so

14

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


unterschiedlichen Persönlichkeiten wir Hanns W. Eppelsheimer, Hermann

Fuchs und Clemens Köttelwesch, die in der Bibliotheksgeschichte einen

Namen haben. H. W. Eppelsheimer, ehemaliger Direktor der Stadt- und

Universitätsbibliothek Frankfurt und der Deutschen Bibliothek, führte mit

ihm anregende Gespräche über Literatur - Bibliothekswesen interessierte

ihn zu der Zeit nicht mehr - und machte ihn in den Frankfurter Literaten-

und Verlegerkreisen bekannt. Hermann Fuchs, den Direktor der Mainzer

Universitätsbibliothek, u.a. Verfasser eines grundlegenden Werkes über

Verwaltungslehre, lernte W. Kehr als integren Charakter während der

gemeinsamen Organisation des Bibliothekartages in München schätzen und

blieb ihm menschlich verbunden.

Clemens Köttelwesch holte W. Kehr 1959 an die Stadt- und

Universitätsbibliothek Frankfurt, machte ihn bald zum »Mädchen für alles«,

später zum »Kronprinzen«. Von diesem Lernfeld - auch durch negative

Erfahrungen - profitierte W. Kehr entscheidend für seine berufliche

Entwicklung. Er erkannte und nutzte mit wachem Geist die Möglichkeiten,

die sich für einen 30jährigen Berufsanfänger boten. Dafür zahlte er mit

einem immensen Arbeitspensum, welches nicht selten zu einem 12-

Stunden-Arbeitstag führte.

Aus der Vielfältigkeit der Aktivitäten dieser Zeit seien nur wenige

herausgegriffen: Gremienarbeit in der Deutschen Forschungsgemeinschaft,

Umzug in den Neubau der Frankfurter Stadt- und Universitätsbibliothek,

Leiter des Sachkatalogs, Veröffentlichungen eines für viele Bibliotheken

grundlegenden Konzepts für den Aufbau von Studentenbüchereien,

Organisation von Ausstellungen in Brasilien und Island, schriftstellerische

und herausgeberische Tätigkeit. Nur einmal wurde er ernsthaft in seinem

Berufsziel verunsichert. Er erhielt das Angebot, als Verlagsdirektor die

Verantwortung für die Produktion und das Programm eines großen Frankfurter

Verlages zu übernehmen.

Am 4. September 1967 wurde W. Kehr in das Amt des Bibliotheksdirektors

der Universität Freiburg eingeführt. Aus seinem Bericht an

die Bibliothekskommission, den wir unserer Festschrift als Ausgangspunkt

vorangestellt haben, lassen sich die vorgefundenen Verhältnisse deutlich

ablesen. In der Festschrift selbst werden auf fast 700 Seiten die durch W.

Kehr bewirkten grundlegenden Veränderungen und positiven

Entwicklungen in der Bibliothek dokumentiert. Deshalb sollen an dieser

Wolfgang Kehr zum sechzigsten Geburtstag

15


Stelle nur einige wenige herausragenden Einzelheiten erwähnt werden.

Eine wesentliche, entscheidende Erfahrung im Berufsleben von W.

Kehr war sicherlich die in konstruktiver Zusammenarbeit mit dem

Universitätsbauamt durchgeführte Planung des Neubaues der

Universitätsbibliothek. An diese fünf Jahre seiner Berufszeit erinnert sich

W. Kehr gern. Das Ergebnis in Gestalt des funktionellen, für auswärtige

»Bauherren« immer noch vorbildlichen Neubaus gibt ihm recht. Der

großzügig konzipierte Bau ist die Voraussetzung für die Verwirklichung

des Kehrschen Programms. Grund- und Angelpunkt dieses Programms sind

die Bedürfnisse des Benutzers. W. Kehr sorgte mit planvollem

Bestandsaufbau und Erschließung der Bestände (einschließlich der

historischen) für ein attraktives, an Lehre und Forschung orientiertes

Angebot. 1973 wurde ihm u.a. hierfür von der Philosophischen Fakultät III

der Universität Freiburg die Honorarprofessur verliehen. Durch konsequente

Förderung und Ausbau der Serviceleistungen erreichte er eine

liberale, offene und freundliche Atmosphäre für den Benutzer. Die 1,5

Millionen Ausleihen pro Jahr stehen für den Erfolg, lassen aber auch die

Probleme der Massenbenutzung, denen sich W. Kehr besonders annimmt,

augenfällig werden.

Trotz seiner innovativen Art, Begeisterungsfähigkeit für Neues und

durch überregionale Gremien geprägte Denkweise reagiert W. Kehr eher

wie ein sorgsamer Hausvater, wenn es darum geht, Neuerungen wie EDV,

neue Medien usw. in die Universitätsbibliothek einzuführen. Seine Devise

»eine Bibliothek ist ein Dienstleistungsbetrieb und kein Labor« bestimmt

grundlegend seine Entscheidungen. Personalaufwendigen Projekten steht er

eher abwartend gegenüber und wägt Kosten und Nutzen sorgfältig ab.

Als »Markenzeichen« kann die intensive kooperative Arbeit mit den

verschiedenen Bibliotheken innerhalb der Universität und mit anderen

wissenschaftlichen Bibliotheken in Freiburg gelten. Sie führte zu einem in

seiner Art einzigen ausgebauten Bibliothekssystem, das durchaus als

Alternative zu den neuen, einschichtigen Universitäten bestehen kann.

Das berufliche Leben W. Kehrs in Freiburg beschränkte sich von

Anfang an nicht auf die eigene Bibliothek. In Baden-Württemberg hat er

sich 1969 - 1974 besonders als Vorsitzender der Arbeitsgruppe »Bibliotheksgesamtplan

Baden-Württemberg«, die einen Entwicklungsplan für

das wissenschaftliche Bibliothekswesen des Landes erarbeitet hat, enga­

16

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


giert. Seit 1983 ist er Vorsitzender des Lenkungsausschusses des Verbundes

der Südwestdeutschen Bibliotheken. Außerdem arbeitet er als Mitglied in

verschiedenen Expertengruppen des Ministeriums für Wissenschaft und

Kunst an Stellungnahmen und Gutachten zu Einzelfragen des

wissenschaftlichen Bibliothekswesens mit. Ein Aufzählen aller überregionalen

bibliothekarischen Tätigkeiten würde zu weit führen. Es seien

herausgegriffen die Herausgeber- bzw. Mitherausgeberarbeit an der Reihe

»Bibliothekspraxis« im Verlag Saur, an dem dreibändigen Handbuch »Zur

Theorie und Praxis des modernen Bibliothekswesens« im Verlag Saur, der

Reihe »Bibliothekswesen in Einzeldarstellungen« im Verlag Klostermann,

dem sechzehnbändigen »Handbuch der historischen Buchbestände in

Deutschland«...

Für die Deutsche Forschungsgemeinschaft ist er als Mitglied wie auch

als Vorsitzender von Arbeitsgruppen, Unterausschüssen oder dem

Bibliotheksausschuß tätig gewesen. Er beschäftigte sich dort mit so

verschiedenen Themen wie Leihverkehr, Literaturversorgung der

Pädagogik, Literaturerschließung, Bestandserhaltung. Seine Funktionen als

Mitglied verschiedener Arbeitsgruppen des Wissenschaftsrates sollen nur

summarisch erwähnt werden.

Seit 1986 ist er im Rahmen der Kultusministerkonferenz Mitglied der

Bund-Länder-Arbeitsgruppe und des »national focus« für »Europäische

Bibliotheksangelegenheiten«, seit 1989 im Auftrag des Bundesinnenministeriums

Mitglied der Bund-Länder-Kommission »Papierzerfall«.

Die intensive Mitarbeit in verschiedenen Gremien ist sicherlich

zeitweise recht ermüdend für W. Kehr, hat aber auch die Routine des

Arbeitsalltags durch neue Anregungen belebt. Trotz dieser Aktivitäten war

und ist die Universitätsbibliothek Freiburg Mittelpunkt des Interesses für

W. Kehr geblieben. Er hat die Leitungs- und Entscheidungsbefugnisse nie

aus der Hand gegeben, sondern seine erforderliche Abwesenheit durch

erhöhtes Arbeitspensum ausgeglichen. Sein kollegialer Arbeitsstil schafft

nicht nur eine angenehme Arbeitsatmosphäre für die Mitarbeiter, sondern

fördert die Selbständigkeit und Verantwortlichkeit des einzelnen für seinen

Arbeitsbereich.

Nachdem der 60. Geburtstag in der Festschrift in einer Rückschau auf

fast ein Viertel Jahrhundert Freiburger Tätigkeit ausführlich gewürdigt

wurde, dürfen zum Schluß die Glückwünsche zum Geburtstag nicht

Wolfgang Kehr zum sechzigsten Geburtstag

17


vergessen werden. Wir wünschen dem Jubilar alles Gute für seinen privaten

und beruflichen Lebensbereich und vor allen Dingen Gesundheit, Freude

und Zufriedenheit.

Für die Zukunft hoffen wir auf weitere gemeinsame, schöne und

erfolgreiche Berufsjahre bis die dritte Dekade Kehrschen Wirkens an der

Universitätsbibliothek Freiburgs erfüllt ist.

*

»Die echte Sehnsucht muß stets produktiv sein, ein neues Besseres zu erschaffen«

(J. W. von Goethe)

18

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Helmut Knufmann

DAS BESONDERE REQUISIT

Bemerkungen zum Buch im Bild

Hier ein Buch und da ein Buch. Immer wieder Bücher! Wer mit einem

daraufhin geöffneten Blick ein Museum oder einen Band mit Abbildungen

von Werken bildender Kunst durchstreift, wird es bestätigt finden: Die

Kunst, zumal die ältere, scheint für das Buch als Requisit der bildlichen

Darstellung eine auffallende Vorliebe zu haben.

Propheten, Apostel, Kirchenlehrer, Heilige und später dann auch private

Personen - mit einem Buch zur Hand: ein Buch, das sie vorweisen, ein

Buch, mit dem sie lesend oder schreibend beschäftigt sind, ein Buch, das

sich in ihrer Reichweite befindet, das, immerhin nach der Vorstellung des

jeweiligen Künstlers, den Dargestellten signifikativ zugehört. Das Buch -

ein Element ihrer Welt, ihrer Person, ihrer Bedeutung und Wirkung.

Symbolcharakter des Buches

Warum gerade das Buch? Was besagt die Anwesenheit von Büchern in

einem Bildwerk? Vielerlei jedenfalls - das wäre im Einzelfall

nachzuweisen. Abstrakt betrachtet ist es aber doch dies: Das anwesende

Buch fungiert als Hinweis auf eine geistige Welt, eine symbolische

Wirklichkeit, die, als Schrift fixiert, in Beziehung gesehen wird zu den

übrigen Bildelementen, in erster Linie freilich zu den dargestellten Personen.

Das Buch, als Medium eines gedachten und aufgezeichneten Gutes, ist

kein mehr oder weniger beliebiges Requisit, es tritt als Symbol des

Symbolischen auf, als ein Symbol des Geistigen par excellence.

Das Buch fixiert den Gedanken. Aber es transzendiert ihn auch. Ein

Buch, zum wiederholten Mal gelesen, ist nicht mehr dasselbe Buch, es wird

durch die Lektüre verwandelt. Der Kontext eines Buches ist keine feste

Größe. Der Leser, der sich nicht wie der Autor dezisionistisch festlegt, steht

im Strom seines Bewußtseins, abhängig, geprägt von den momentanen

Umständen seiner Kultur wie seiner Subjektivität. Entsprechend wird sein

Das besondere Requisit. Bemerkungen zum Buch im Bild

19


Verständnis des Buches jeweilig anders ausfallen. Das Buch ist der Spiegel,

realisiert im Spiegelbild dessen, der sich darauf einläßt - des Lesers.

Das Buch im Bild, seit wann gibt es das? Wenn wir von den in

spätantiken und byzantinischen Darstellungen vorkommenden Schriftrollen

absehen - grosso modo - Antwort: Seit es das Bild im Buch gibt.

Mit der Kodifizierung der christlichen Glaubensinhalte erhält das Buch

den Rang einer Institution. Es wird nicht nur Medium, es wird auch Symbol

der neuen Religion. In der Folge, etwa vom frühen 8. Jahrhundert an,

entfaltet es dann sein symbolisch-metaphorisches Potential in den nun nicht

mehr nur ornamentalen Illuminationen der Buchmalerei. Das Universum als

Buch - so begegnet es uns nicht erst in den Darstellungen romanischer

Tympana, wie beispielweise in Chartres oder Arles (Saint-Trophime, Abb.

1), sondern bereits im Stuttgarter Psalter.

20

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Wir haben es hier mit einem vielfach abgewandelten Bildtypus zu tun. In

der Mitte, mit dem Buch des Lebens, der thronende Christus (zumeist in

einer Mandorla eingefaßt) und ihm zugeordnet, ihn umrahmend, die

Symbole der vier Evangelisten: eine Menschengestalt mit Flügeln

(Matthäus), ein geflügelter Löwe (Markus), ein geflügelter Stier (Lukas)

und ein Adler (Johannes) - ein jedes mit seinem Buch, seinem Evangelium,

im Griff.

Evangelisten

Bei der reinen Zeichenhaftigkeit des Buch-Symbols wird es nicht bleiben.

Denn bald schon wird das Symbol zum Anekdotischen hin aufgeschlossen.

Mit anderen Worten: das im Bild gezeigte Buch bekommt, über seine

zeichenhafte Funktion hinaus, eine Rolle zugewiesen als materiales Objekt

des Umgangs konkret dargestellter Menschen.

Wenn uns so, zum Beispiel im Ada-Evangeliar (Trier), der Evangelist

Matthäus bei der Tätigkeit des Schreibens gezeigt wird, wie er das Diktat

des mit einer Schriftrolle über ihm schwebenden Inspirators in sein Buch

überträgt, so ist dies bereits eine Szene - eine Szene, in der uns, rudimentär,

etwas über die Entstehung des Matthäus-Evangeliums erzählt wird.

Den gleichen Vorgang finden wir in den von Luca della Robbia

gestalteten Zwickeln der Pazzi-Kapelle (Florenz) dargestellt: die vier

Evangelisten, gelassen dasitzend mit ihrem Buch bzw. ihrer Schreibtafel

auf den Knien, die Botschaft protokollierend, die ihnen die jeweils

zugeordnete Symbolfigur wiederum aus einem ihr vorliegenden Buch

diktiert.

Vergleichen wir damit die Evangelisten des Meisters H. L. auf der

Predella des Breisacher Schnitzaltars (Stephansmünster), so ist ein Wandel

in der Darstellungsweise unverkennbar. An die Stelle der emblemartigen

Figuration tritt die mit deutlich realistischen Zügen ausgestaltete

Situationsschilderung. Die Evangelisten, wie sie hier zu sehen sind,

markant gezeichnete Individuen, verkehren miteinander. Dicht beisammen,

an demselben Tisch sitzend, ein jeder mit seinem Buch, die Schreibfeder in

der rechten, das Tintenfaß in der linken Hand, bilden sie eine

Gemeinschaftsszene - eine bürgerliche Schreibstube. Und bei ihrer

Tätigkeit verbindet sie eine angeregte, um nicht zu sagen: aufgekratzte

Das besondere Requisit. Bemerkungen zum Buch im Bild

21


Stimmung. Vervollständigt wird die Szene durch die Symbolfiguren, die,

zu Haustieren verniedlicht, den eifrigen Schreibern über die Schulter

schauen (Abbildung 2).

Maria bei der Verkündigung

Lesen - wenn es nicht bloß um der Unterhaltung willen geschieht - heißt,

sich einer Begegnung stellen, einem Abenteur. In der Konfrontation mit den

Spiegelungen des Textes öffnet sich der Lesende dem Geist des Buches. Er

ist bereit, eine ihm geltende Botschaft zu empfangen. So Maria in der

Verkündigungsszene. Der plötzlich erscheinende Engel ist die sich

erfüllende Erwartung, zu der sie die hingebende Lektüre disponiert hat.

Die Jungfrau Maria, als ihr der Engel Gabriel erscheint, um ihr zu

verkünden, daß sie die Mutter des Erlösers sein werde, hält ein Buch in

Händen. Es gibt kaum einen Maler des Mittelalters und der Renaissance,

der hier, in der Darstellung dieser Szene, auf das Buch verzichtet hätte.

Kein beliebiges Buch, soviel steht fest. Es ist die Bibel, die Heilige

Schrift. Und nicht nur in der Fassung des Matthias Grünewald auf der

Innenseite des linken äußeren Flügels des Isenheimer Altars (Colmar) läßt

sich die aufgeschlagene Seite erkennen - Jesaja 7,14f.: »Ecce virgo

concipiet et pariet filium et vocabitur nomen eius Emmanuel. Butyrum et

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Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


mel comedet ut sciat reprobare malum et eligere bonum«. Das Buch,

enthaltend die heilsgeschichtliche Prophezeiung, wird sozusagen bildhaft

als Stimulans eingesetzt: es symbolisiert Marias prädestinierte

Empfänglichkeit, ihr Disponiertsein durch das Gelesene.

Das besondere Requisit. Bemerkungen zum Buch im Bild

23


Wie kein anderes Requisit ist das Buch geeignet, symbolisch verstanden

zu werden. Die Verkündigung von Santa Croce (Florenz), ein Werk des

Bildhauers Donatello, zeigt Maria, wie sie, vom Engel angesprochen, das

aufgeschlagene Buch an ihren Leib drückt und damit die Fleischwerdung

des Wortes andeutet (Abb. 3, S. 23).

Maria wird vom Verkündigungsengel bei der Lektüre angetroffen - so

will es offenbar die vorherrschende ikonographische Tradition. Das Buch,

in dem sie soeben noch las, hält sie nun halb zugeklappt in der linken Hand,

wobei sie einen Finger zwischen die zuletzt aufgeschlagenen Seiten

gesteckt hat. Dieses Detail, in dem

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die Unterbrechung des Lesens zum Ausdruck gebracht wird, finden wir in

den Verkündigungen von Simone Martini (Florenz, Uffizien; Abb. 4, S.

24), von Piero della Francesca (Arezzo, S. Francesco) und von vielen

anderen. Es verdient, wie später zu zeigen sein wird, unsere Aufmerksamkeit.

Madonna mit Kind

Auffallend ist die geradezu zentrale Stelle, die neben dem Jesuskind das

Buch in vielen Mariendarstellungen der altniederländischen Malerei

einnimmt. Die sitzend frontal dargestellte Gottesmutter hält das Kind in der

einen, die Schrift in der anderen Hand. Indem beide, Mutter und Kind, sich

mit der Schrift beschäftigen, erscheint ihr Verhältnis zueinander wesentlich

durch die Schrift vermittelt. Als illustrierende Muster dieses Motivs wären

die Madonnen Rogier van der Weydens (Madrid, Prado) und Hans

Memlings (Washington, National Gallery) zu nennen, die den Jesusknaben

zeigen, wie er mit der Gebärde des Dozierens in der aufgeschlagenen Bibel

blättert. - Zur Bedeutung des Buches - der Bibel - für die Darstellung der

Gottesmutter mit dem Jesuskind liefert uns Robert Campin, der

frühniederländische »Meister von Flémalle«, ein in seiner weitreichenden

Symbolik hervorragendes Beispiel. Seine »Madonna vor dem Ofenschirm«

(London, National Gallery), dem Betrachter zugekehrt auf einer Bank

sitzend, ist im Begriff, dem Kind, das in ihrem linken Arm liegt, die Brust

zu geben. Neben ihr, zu ihrer Rechten, liegt in spiegelsymetrischer

Zuordnung zum Jesuskind, durch ein untergelegtes Kissen erhöht, die aufgeschlagene

Bibel. Und so ergibt sich, auf gleicher Höhe, eine höchst

signifikante Reihe von links nach rechts: die Bibel - die Brust - der Kopf

des Jesusknaben - der Kelch. Das ganze versinnbildlicht, wie Felix

Thürlemann festgestellt hat, »mittels zweier "Gleichungen" drei Epochen

der Heilgeschichte in ihrer zeitlichen Abfolge«: »Ankündigung des Erlösers

im Alten Testament - menschgewordener Gott -Meßopfer« 1 (Abb. 5, S. 26).

1 Vgl. F. THÜRLEMANN: Eine Malerei der Inkarnation. In: Neue Zürcher Zeitung

(Fernausgabe vom 14. 12. 1990).

Das besondere Requisit. Bemerkungen zum Buch im Bild

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Bei gemeinsamer Bibellektüre sehen wir Maria mit dem Jesuskind in

einer Darstellung Botticellis (Mailand, Museo Poldi-Pezzoli). Der Gestus

der rechten Hand der Mutter wie auch der des Kindes ist auf die

aufgeschlagene Buchseite bezogen. Der betreffende Text ist auch für den

Bildbetrachter lesbar. Unverkennbar der traurig-sinnende Zug im Antlitz

der dem Buch zugewandten Gottesmutter. Das Kind hingegen wendet sich

zurück zu ihr, als wolle es ihr Trost zusprechen. Die kleine Dornenkrone,

die es links um den Arm geschlungen trägt, versteht sich als ergänzender

Hinweis auf das in der Bibel verkündete Heilsgeschehen.

Was das Bild zeigt und wie dies vom Maler gezeigt wird, ist bestimmt

durch das Buch, das seinerseits hier als unerläßliches Bildelement wirkt.

In klassischer Ausgewogenheit findet sich die Beziehung des Buches

zur heilsgeschichtlichen Verkörperung seines prophetischen Inhalts in der

Gestalt des Jesusknaben bei Ambrodigio Bergognone dargestellt. Seine

thronende, von zwei musizierenden Engeln flankierte Madonna (London,

National Gallery) hält die Schrift zum kleinen Jesus hin aufgeschlagen auf

ihrem rechten Knie, während auf ihrem linken Knie, von der Mutter

gehalten, aufrecht der kindliche Erlöser steht, mit erhobener Rechte

feierlich den heiligen Text bekräftigend.

Ein Pendant dazu ist die Darstellung des sogenannten Brüsseler

Meisters. Auch hier der Thron und - diesmal mit der Krone über Mariens

Haupt schwebend - wieder die beiden Engel. Das Besondere aber liegt

darin, daß die Gottesmutter gegenüber dem Kind auf ihrem Schoß als die

wissendere erscheint. Dem kleinen Jesus, der kindlich-verspielt in dem ihm

dargebotenen Buch blättert, scheint ihr Blick sagen zu wollen: Was da

geschrieben steht, du wirst es vollbringen.

Ganz anders schließlich Peter Paul Rubens, wenn wir seine Berliner

Madonna mit dem Kind (Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz)

betrachten. Maria, eine blühende junge Frau, überläßt dem Jesuskind ihre

Brust und blättert zugleich in einem üppig illuminierten Buch. Rundum

eine Fülle von Blumen und Früchten. Der religiöse Aspekt - hier tritt er

zurück gegenüber der Ausmalung eines festlich gesteigerten

Lebensmoments, in dem, gewissermaßen analog zur nährenden

Mutterbrust, das Buch seinen Platz hat (Abbildung 6).

Das besondere Requisit. Bemerkungen zum Buch im Bild

27


In der Verkündigungsszene wie in den Darstellungen der Madonna mit

Kind ist das Vorhandensein des Buches symbolisch begründet: es verweist

auf die in der Bibel präfigurierte Geschichte der heiligen Personen.

Maria lesend

Eine Akzentverschiebung demgegenüber zeigen Bilder, auf denen Maria -

ohne Kind - schlicht als Lesende erscheint. So etwa bei Lorenzo Costa

(Dresdner Galerie). Seine Maria, entspannt auf dem Boden sitzend, liest

aufmerksam in einem Buch, das sie mit beiden Händen hält - und nichts in

ihrem buchvertieften Blick läßt erkennen, daß sie die auf sie zuflatternde

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Taube bemerkt. Ähnlich, aber nun gänzlich frei von jedem Hinweis auf die

Anwesenheit des Heiligen Geistes, die damenhafte »Lesende Hl. Jungfrau«

von Vittore Carpaccio (Washington, National Gallery). - In diesen Darstellungen

- wie übrigens bei der als Bildfragment überlieferten Magdalena

Rogiers van der Weyden (London, National Gallery) - ist weniger der

Bezug der Personen zum Schriftinhalt thematisiert als die Tätigkeit des

Lesens als solche. Kurzum, wir haben es hier mit »Lesenden« zu tun, d.h.

mit einem Bildmotiv, das uns später, vor allem in der bürgerlichen

Bildnismalerei des 18. und 19. Jahrhunderts, in vielfältiger Ausführung

begegnet.

Propheten, Apostel, Kirchenväter und Heilige

Wo immer wir in der Bildenden Kunst Propheten und Apostel antreffen, in

den weitaus meisten Fällen sind sie mit einem Buch versehen. Ein jeder der

Apostel (bzw. Jünger), die den thronenden Christus im Tympanon des

Hauptportals von Vézelay flankieren, hat ein Buch vorzuweisen.

Christentum als Buchreligion verstanden - und so ist das Buch auch das

Emblem derjenigen, die seinen Geist in die Welt tragen. Ein in anderer

Hinsicht markantes Beispiel: das auf vielfache Weise zu deutende Apostel-

Bild Dürers in der Alten Pinakothek (München). Paulus (auf den es hier

vor allem ankommt) hält das Buch mit kraftvoller Gebärde gefaßt, mit

theologischer Entschlossenheit gleichsam - als eine Sache, die es fest im

Griff zu haben gilt.

Direkter und nachdrücklicher freilich ist die Gebärde des Täufers

Johannes in Grünewalds Kreuzigung des Isenheimer Altars. Er hält das

aufgeschlagene Buch in der linken Hand. Die rechte Hand, mit dem

gewaltig erigierten Zeigefinger, weist auf den gekreuzigten Erlöser hin - als

Ausdruck einer Gewißheit, die in dem von der anderen Hand gehaltenen

Buch verbürgt ist.

Schlechthin unerläßlich scheint das Requisit Buch bei der Präsentation

von Kirchenlehrern. Als Vorlage des Lehrvortrags ist es mehrfach

auszumachen in den von Benozzo Gozzoli geschilderten Vorlesungen des

hl. Augustinus (S. Gimignano, Presbyterium von S. Agostino, Abb. 7).

Das besondere Requisit. Bemerkungen zum Buch im Bild

29


Ein Lehrender in vergleichbarer Position ist auch der hl. Thomas von Aquin

in Carpaccios »Sacra Conversazione« (Staatsgalerie Stuttgart). So wie er

gezeigt wird, doziert er von einem thronartigen Lehrstuhl herab, auf dem

Kniebrett ein aufgeschlagenes Buch mit Lesezeichen, daneben ein

geschlossenes. Der Stuhl steht auf einem Sockel, der zugleich eine Art

Bücherkasten mit geöffneter Klappe ist - abschließbar, wie der darin

steckende Schlüssel bezeugt. Was wohl heißen soll, daß es einer

besonderen theologischen Legitimation bedarf, diese Bücher zu benutzen.

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Die symbolische Präsenz des Buches gehört unzweifelhaft zu den

hervorragenden Merkmalen der religiösen Kunst des Mittelalters und der

frühen Renaissance. Es begegnet uns zunächst demonstrativ zu Händen des

thronenden Christus, der Propheten und Evangelisten, später dann, in

vielfach variierter Beziehung, im Gebrauch oder im Ambiente der Jungfrau

Maria. Damit aber ist die Beziehungsfülle des Buch-Motivs keineswegs

erschöpft.

Klause und Gehäus

Für den Menschen, dem es nicht vorrangig darum geht, sich zu zerstreuen

oder sich mit weltläufigen Kenntnissen zu rüsten - was bedeutet für ihn der

Umgang mit Büchern? Was bedeutet das Buch für den, der Spiritualität und

Einsamkeit als Existenzform gewählt hat? - In vielen Darstellungen des

Eremiten-Lebens hat das Buch seinen Platz. Um sich ausschließlich

heiligen Texten zu widmen, unbehelligt von den Einwirkungen des

profanen Lebens, hat sich der Heilige in die Einöde zurückgezogen. So der

hl. Benedikt von Nursia, wie er auf einem Altarflügel des Meisters von

Meßkirch (Stuttgart, Staatsgalerie) zu sehen ist. Er betet kniend am Eingang

einer Felsenhöhle - und vor ihm aufgeschlagen liegt auf dem steinigen

Boden das Buch, die Nahrung seiner einsamen Kontemplation, neben

Totenschädel und Kruzifix. Daß gleichzeitig ein frommer Bruder von dem

darüber ragenden Felsen am Seil einen Korb mit dem ihm zugedachten

Brot, der auch für den Einsiedler unerläßlichen Leibesnahrung, herabläßt,

bemerkt er offensichtlich nicht. Die spirituelle, die aus der Schrift

geschöpfte Nahrung ist ihm wichtiger (Abb. 8, S. 32).

Andere Kirchenlehrer sehen wir in komfortablerer Umgebung. Den hl.

Hieronymus zumal: Einsiedler in der Wüste zunächst auch er, dann

Kardinal und schließlich - in dieser Rolle wird er für uns interessant -

Übersetzer der Vulgata. Mit ihm betreten wir das von Dürer her bekannte

»Gehäus«, die Studierstube.

Hieronymus ist nicht mehr der Mann nur eines (symbolischen) Buches.

Seine Arbeit als vielsprachiger Bibelphilologe setzt das Vorhandensein

mehrerer Bücher, ja einer Bibliothek voraus. Diesem Umstand wissen die

meisten Hieronymus-Bilder Rechnung zu tragen: Ansammlung, Anordnung

und Aufbewahrung der Bücher werden zum bestimmenden Element der

Das besondere Requisit. Bemerkungen zum Buch im Bild

31


Raumgestaltung. Bei Jan van Eyck und/oder Petrus Christus (Detroit,

Institute of Arts, Zuschreibung ungewiß) ist es noch ein mit Büchern

vollgestopftes Ablagebrett über der truhenartigen Arbeitsfläche. Der Kodex,

der den mit kritischer Miene gezeigten Gelehrten gerade beschäftigt, liegt

vor ihm ausgebreitet auf einem Lesepult - einem Utensil, das damals

schlechthin zur Grundausstattung des Arbeitszimmers gehört.

Niccolo Pizzolo hat seinen in einem Zwickel der Eremitana-Kapelle in

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Padua dargestellten Augustinus gleich mit mehreren sinnreichen

Vorrichtungen dieser Art bedient. Auf engstem Raum verfügt der Heilige

über ein für drei Bücher eingerichtetes Drehpult und zusätzlich ein auf

einem Metallfuß erhöht angebrachtes, ebenfalls wohl drehbares Lesegestell.

Bücher über Bücher - ganz zu schweigen von den Schriften, die auf seinem

Arbeitstisch ausgebreitet liegen und sowohl davor wie dahinter in

Schrankfächern untergebracht sind 2 . War das Buch in den früheren Darstellungen

als sakrales Objekt und Symbolträger des heiligen Wortes

gegenwärtig, so erscheint es jetzt, etwa von der Mitte des 15. Jahrhunderts

an, zunehmend als Gebrauchsgut, als Instrument und Material humanistischer,

d.h. philologischer Studien.

Das »Gehäus«, der Arbeitsplatz des in seine Studien vertieften

Gelehrten, wird Gegenstand der Malerei. Erstaunlich, was sich da etwa

Antonello da Messina für seinen Hieronymus (London, National Gallery)

hat einfallen lassen. In einen Kirchenraum hinein stellt er eine kompakte

altanartige Konstruktion mit Pult und zweistöckigen Regalfächern, Bücher

und sonstiges Gerät in bequemer Reichweite - das Ganze von so

bestechender Funktionalität, daß man es nachbauen möchte.

Weniger perfekt in »bürotechnischer« Hinsicht, nimmt sich die Zelle

aus, in die der Venezianer Vittore Carpaccio seinen Kirchenvater plaziert

(Venedig, Scuola di S. Giorgio degli Schiavoni). Aber welch ein prächtiger,

zum Beschauer hin bühnenartig geöffneter, lichtdurchfluteter Raum. Der

Arbeitsplatz des hl. Augustinus (oder wiederum Hieronymus, wie man ihn

in der älteren Literatur identifizierte?) befindet sich in der rechten

Bildhälfte, in Fensternähe: eine schmale Tischplatte, an der Wand befestigt

und auf der anderen Seite abgestützt von einem kunstvoll geschmiedeten

Metallständer... Und da die Bücher: Bücher auf dem Tisch, ein aufgeschlagenes

Buch auf der Sitzbank neben dem Heiligen, mehrere, zum Teil

aufgeschlagene Bücher auf dem Fußboden, auf dem Podest unter dem

Arbeitsplatz, Bücher auf einem Lesepult im offenstehenden Nebenraum

und eine lange Reihe verschiedenfarbig eingebundener Bücher auf dem

Bord links an der Wand. Michel Serres 3 hat sie gezählt: insgesamt, über

2 Abbildung in R. HAMANN: Geschichte der Kunst. München ; Zürich : Droemersche

3

Verlagsanstalt Th. Knaur, 1932/1951.

Esthétiques sur Carpaccio. Paris : Herrmann, 1975.

Das besondere Requisit. Bemerkungen zum Buch im Bild

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den ganzen Raum verstreut, 94 Bände - was genau der Anzahl der

augustinischen Schriften entsprechen soll (Abbildung 9)!

Hieronymus und Maria Magdalena

Stellte die Renaissance-Kunst die heiligen Lehrer der Kirche vornehmlich

als Buchgelehrte humanistischer Prägung vor, so rückt die

Gegenreformation des 17. Jahrhunderts einen anderen Typus heiligmäßiger

Existenz in den Vordergrund. Abgesehen von den zahlreichen

Inszenierungen ekstatischer Andacht, ist es jetzt der Vanitas-Gedanke, auf

dem der Akzent der Darstellung liegt. Exemplifiziert wird er - was ja

naheliegt - an der büßenden Maria Magdalena und - wiederum - am hl.

Hieronymus, dem Bibelkenner par excellence.

Für diesen, den neuen, dem Ideal und Prestige ciceronischer Bildung

entsagenden Hieronymus hat Dürer bereits ein Jahrhundert zuvor den

Prototyp geschaffen (Lissabon, Nationalmuseum). Das hier vor ihm

aufgeschlagene Buch ist nicht mehr Studienobjekt eines von theologischem

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Eifer beseelten Gelehrten. Es ist, wie uns der traurig-wissende Blick des

alten Mannes verrät, eine Quelle abgründiger Melancholie. Das bezeugt

unmißverständlich der neben dem Lesepult liegende Totenschädel, auf den

er mit dem Zeigefinger mahnend hindeutet: Memento mori (Abb. 10).

Als Beispiele für die späteren, Dürer nachfolgenden Hieronymus-

Darstellungen seien hier die Werke von Artus Wolffort (Paris, Privatbesitz),

Antonio de Pereda (Madrid, Prado) und Pieter C. van Slingelandt (Paris,

Louvre) genannt. Sie alle weisen, so verschieden die Ausführung des

Das besondere Requisit. Bemerkungen zum Buch im Bild

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Motivs sonst auch sein mag, stets die gleichen Requisiten auf: Kruzifix,

Totenschädel und Buch. Es sind dies die klassischen Insignien der Buße

und des Bewußtseins von der Nichtigkeit alles Irdischen. Das Buch - was

liegt näher als anzunehmen, daß es sich hier um den Prediger Salomo

(Kohelet) handeln könnte?

Das weibliche Pendant zum grübelnden Hieronymus ist, wie

angedeutet, die büßende Maria Magdalena. Kreuz, Schädel und Buch sind

auch für sie unerläßliche Gegenstände der Meditation. So begegnet sie uns

u.a. bei Cecco da Caravaggio (Augsburg, Städtische Kunstsammlungen),

Philippe de Champaigne (Rennes, Musée des Beaux-Arts) und schließlich,

ganz ohne die sonst übliche baroke Pose, bei Georges de La Tour (Paris,

Louvre).

Hier nichts mehr von jener exaltierten Büßerinnengebärde, wie sie uns

in den Darstellungen anderer Zeitgenossen vorgeführt wird. Vielmehr

intim, ohne jede Heftigkeit: eine sehr ernste junge Frau -nachlässig

gekleidet, das Kinn in die linke Hand geschmiegt, die Rechte auf dem

Totenkopf in ihrem Schoß ruhend, blickt sie, mit vom Betrachter halb

abgewandtem Profil, in die still brennende Flamme eines vor ihr auf dem

Tisch stehenden Windlichts. Dahinter, jenseits des Lichts, liegen, neben

Holzkreuz und Geißel, zwei Bücher. Sie liegen geschlossen da: ungenutzt?

ausgeschöpft? oder resignierend abgetan (Abb. 11, S. 37)?

Immerhin, von der Vielzahl vergleichbarer Darstellungen her gesehen,

wäre über das Buch dies zu sagen: Als Melancholie-Zubehör ist es

Gegenstand brütenden Nachdenkens - als würde von ihm die Erlösung aus

einer niederdrückenden, lähmenden Seelenbefindlichkeit erwartet. Dem

Buch wird eine Kraft zugesprochen, die die Seelenlähmung sprengen

könnte. Aber das Buch gibt sein Geheimnis nicht preis: Es kann die

herbeigesehnte befreiende Erwekung nicht leisten.

Wer büßt, wer sich selbst erforscht, wer bestrebt ist, den Sinn des

Lebens, den die Seele befreienden Heilsweg zu ergründen - meditierend,

fragend und befragt, steht er, der »Melancholiker«, in der Zwiesprache mit

dem Buch. Das Buch aber, einer Sphinx gleich, verhält sich in dieser

Begegnung rätselhaft. Zwar spricht es zu ihm und hält auch Antworten

parat, doch sind seine Antworten von der Art, daß sie sich stets in neue

Fragen verwandeln. - So etwa, psychologisch betrachtet, die Situation der

melancholisch über dem Buch meditierenden Heiligen, Hieronymus und

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Maria Magdalena, wie sie uns die Malerei des 17. Jahrhunderts nahebringt.

Das besondere Requisit. Bemerkungen zum Buch im Bild

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Stilleben: Vanitas und Voluptas

Als konstituierendes Element des Bildaufbaus hat das Buch seinen Platz in

der Stilleben-Malerei. Zum Beispiel: auf einer Tischplatte, arrangiert mit

Sanduhr und ausgedientem Schreibzeug, drei Bände unterschiedlichen

Formats - im Zustand der Auflösung (Abb. 12).

Kompositorisch ganz ähnlich diesem anonymen spanischen Beispiel (Berlin,

Staatliche Museen), das sinnfällig an die Vergänglichkeit gemahnt,

erweist sich ein Bücherstilleben mit erloschener Kerze von Sebastian

Stosskopf (Rotterdam, Museum Boymans-van Benningen). Nur sind es

diesmal nicht verrottete Schwarten, sondern überaus ansehnliche Folianten,

die präsentiert werden. So auch die Bücher in »La Grande Vanité«

desselben Künstlers, die in Straßburg (Musée de l'Oeuvre Notre-Dame) zu

sehen sind. Sie stehen, aufs sorgfältigste angeordnet, im Mittelpunkt einer

aus lauter kostbaren Gegenständen aufgebauten Komposition, darunter

mehrere in Gold gearbeitete Gefäße, eine Laute, eine aufgeschlagene

Partitur, ein Schwert, eine Prunkrüstung, ein Himmelsglobus. Ausnehmend

schöne Dinge dies alles - aber im Bild, an zentraler Stelle aufgestellt vor

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den Büchern, ist da auch der Totenschädel: Vanitas, vanitatum vanitas

(Abb. 13).

Freilich stehen nicht alle Stilleben im Zeichen des Totenkopfs. Indem es

sich hier um eine semantisch oszillierende Gattung handelt, begegnen wir

wohl ebenso häufig auch Stücken, die nicht Vanitas, sondern Voluptas

suggerieren. Die Zusammenstellung von Büchern mit Musikinstrumenten

(vorzugsweise Guitarren) in scheinbar zufälliger, aber höchst dekorativer

Anordnung, begründet ein bis in die Gegenwart zu verfolgendes Motiv.

Beispiele dafür sind der in Straßburg (Musée des Beaux-Arts) befindliche

»Panneau décoratif« von Jean-Baptiste Oudry sowie diverse

Kompositionen des Amerikaners William Michael Harnett. Indem letzterer

seine Stilleben mit Titeln wie »Materials for a Leisure Hour« (Lugano,

Sammlung Thyssen-Bornemisza) und »My Gems« (Washington, National

Gallery of Art) versieht, bestimmt er den Charakter der von ihm

abgebildeten »schönen« Dinge, darunter der Bücher, als Mittel des privaten

ästhetischen Genusses. Auch wenn es sich, wie zu erkennen ist, bei einem

von Harnetts Büchern um einen Band Dante handelt - die hier so liebevoll

Das besondere Requisit. Bemerkungen zum Buch im Bild

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dargestellten Stücke wollen in keiner Weise mehr symbolisch verstanden

werden. Ihre Bedeutung erschöpft sich in ihrer gefälligen

Gegenständlichkeit sowie in ihrem Gebrauchswert als Lesestoff.

Gleichwohl eignet sich das Objekt Buch mehr als andere Requisiten der

bildlichen Darstellung zur symbolischen Repräsentanz. Was es im

einzelnen Fall bedeutet, ergibt sich aus dem Bildganzen. Je nach Kontext

mag es für die geoffenbarte Wahrheit, die kodifizierte Lehre, die

gespeicherte Wissenschaft einstehen. Darüber wird erkennbar, was das im

Bild vorhandene Buch jeweils bewirkt: Erbauung, Tröstung, Belehrung,

Zerstreuung, Verführung, Langeweile etc.

Die letztgenannten psychologischen Aspekte resultieren freilich weniger

aus der Vertrautheit mit einer entsprechenden ikonographischen Tradition

als aus der besonderen Situation der im Umgang mit Büchern dargestellten

Personen.

Ein Sonderfall liegt vor, wenn Rubens etwa den Altphilologen Justus

Lipsius, Fragonard den Enzyklopädisten Diderot und Manet den

Schriftsteller Zola portraitiert: die Bücher in ihren Händen charakterisieren

ihre Tätigkeit, sie figurieren gleichsam als Standesembleme.

Paare mit Buch

Davon unterscheiden sich die »Lesenden«. Sie etablieren ein von

Rembrandt bis über Matisse hinaus gängiges Lieblingsmotiv der Malerei.

Die hier anzuführenden Beispiele sind zahllos. Dabei fällt auf, daß es sich

bei den lesend oder mit einem Buch in der Hand dargestellten Personen in

der bei weitem überwiegenden Mehrzahl um Frauen handelt.

Aufschlußreich, gerade auch in sozialgeschichtlicher Hinsicht, sind da

zunächst bestimmte Doppelbildnisse. »Der Geldwechsler mit seiner Frau«,

gemalt von Quinten Massys (Paris, Louvre), zeigt uns das Paar in

Frontansicht nebeneinander an einem Tisch sitzend. Während der Mann

damit beschäftigt ist, die vor ihm ausgebreiteten Münzen und Perlen mit der

Goldwaage abzuwiegen, hat sich seine Frau (zur Lektüre?) ein wohl

kostbares, illuminiertes Buch vorgenommen. Wir sehen, wie sie gerade die

Seite aufschlägt, wo Maria mit dem Jesuskind abgebildet ist - und

gleichzeitig die Tätigkeit ihres Mannes mit einem betrübten, aber nicht

mißbilligenden Seitenblick bedenkt. Ungeachtet der hier möglichen

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eligiösen Interpretation, die sich gewisser Bibelstellen bedienen mag (z.B.

Lev 19, 35-36, Dt 25, 13-16), wirft die Szene ein Licht auf die den Geschlechtern

herkömmlicher Weise zugewiesenen Rollen (Abb. 14).

Aber - eine ironische Besonderheit - auch dies kommt vor: der in

Gegenwart einer Frau lesende Mann. Das von Edouard Manet gemalte Bild

»La Lecture« (Paris, Musée d'Orsay) zeigt eine blühende junge Frau im

weißen Mousselinekleid, dem Betrachter zugewandt auf einem Sofa

sitzend. Dahinter, nicht einmal ein Sechstel der gesamten Bildfläche

Das besondere Requisit. Bemerkungen zum Buch im Bild

41


einnehmend, sind von dem lesenden Mann gerade nur, im Profil, der Kopf

und die das Buch haltenden Hände zu sehen.

Wenn ein junger Mann und eine junge Frau zusammen sind, um

gemeinsam ein bestimmtes Buch zu lesen, so ist dies ein Thema nach dem

Geschmack der Maler des 19. Jahrhunderts. Die beiden jungen Leute, die

da, stimuliert von ihrer Lektüre, in Liebe zueinander entbrennen - natürlich

sind es Paolo und Francesca aus Dantes Divina Commedia (Inferno, 5.

Gesang). Abgesehen von den überaus zahlreich vorliegenden Dante-

Illustrationen gibt es dazu selbständige Darstellungen von Ingres (Angers),

Delacroix (Zürich, Privatbesitz) und Feuerbach (München, Schack-

Galerie), die jeweils verschiedene Stadien der amourösen Annäherung

festhalten. Bei Ingres etwa ist es der Moment, wo Francesca, von Paolos

Kuß überrascht, das Buch zu Boden gleiten läßt. »Quel giorno più non vi

leggemo avante«, heißt es bei Dante. Weiter also lasen sie nicht: das Buch

als Kuppler und Verführer hatte gewirkt.

Die Frau mit Buch

Wo in der bildenden Kunst, in welchem Motivzusammenhang kommt das

Buch am häufigsten vor? - Weitaus am häufigsten begegnen wir dem Buch

in den Händen weiblicher Personen, sei es bei den Darstellungen der

Jungfrau Maria, sei es bei den bürgerlichen Frauenbildnissen, wie sie sich

vom 17. Jahrhundert an in großer Zahl vorfinden.

Rembrandt, der auch seinen Sohn Titus mehrfach als Lesenden gemalt

hat, portraitiert seine alte Mutter, wie sie in einer großformatigen, von

häufigem Gebrauch gezeichneten Bibel liest (Amsterdam, Rijksmuseum).

Die von Rubens, mit dem Ausdruck menschlich anrührender Traurigkeit

gemalte Isabella Brandt (Florenz, Uffizien), hält in der Rechten ein

Gebetbüchlein - zugeschlagen, aber mit dem Zeigefinger zwischen den Seiten

(Abb. 15, S. 43). Dieses scheinbar belanglose Detail - der ein Lesezeichen

ersetzende Finger zwischen den Buchseiten - hat seine Tradition:

Wir kennen es, spätestens seit Simone Martini, aus ungezählten Beispielen

der Verkündigungsszene.

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Daß von hier aus eine motivgeschichtliche Verbindungslinie zur profanen

Bildnismalerei hinführen soll, mag zunächst überraschen. In der Tat aber

gibt es überraschendee Ähnlichkeiten zwischen dem im 19. Jahrhundert

gängigen Motiv der »Lecture interrompue« und der Verkündigungsszene -

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Das besondere Requisit. Bemerkungen zum Buch im Bild


mit dem Unterschied freilich, daß das in die Situation der lesenden Frau

hereinbrechende aufstörende Element, das Äquivalent des Erzengels, bei

der modernen Version nicht mehr im Bild erscheint.

Ein Bild wie das »La jeune liseuse« von Jean-Honoré Fragonard

(Washington, National Gallery), das - zusammen mit der »Liseuse« von

Renoir (Paris, Musée d'Orsay) zu den meistreproduzierten Beispielen des

Lektüre-Motivs gehört, zeigt ein hübsches Mädchen, das liest - und mehr

nicht (wenn man von den beträchtlichen malerischen Qualitäten einmal

absieht). Weder charakterisiert das Buch hier die damit beschäftigte Person,

noch läßt die Person erkennen, was es mit dem Buch, das sie liest, auf sich

hat. Aber Fragonard wäre als Maler nicht der dezidierte Zeitgenosse (und

Portraitist) des Enzyklopädisten Denis Diderot, wenn ihn nicht auch die

didaktischen Aspekte des Umgangs mit Büchern angeregt hätten. »Das Studium«

- so der betreffende Bildtitel (Paris, Louvre) - zeigt wieder ein junges

Mädchen, das über die vor ihm ausgebreiteten Bände hinweg dem

Betrachter zulächelt. Dennoch, Gelehrtheit ist hier nicht das Thema,

vermittelt wird vielmehr - ganz Rokoko - ein unpedantischer, vergnüglicher

Eifer im Umgang mit Literatur.

Das außerordentliche Prestige, das Literatur und Künste gerade im

französischen Dixhuitième genießen, spiegelt sich in nicht wenigen

Bildnissen auch hochgestellter Persönlichkeiten. Ein Pastell der Marquise

de Pompadour von Maurice Quentin de La Tour (Paris, Louvre) zeigt die

Dame in einer Partitur blätternd vor einem Tisch sitzend, auf dem sich

Mappen und Bücher unterschiedlichen Formats befinden - darunter, wie auf

dem Rückenschild deutlich abzulesen ist, bezeichnenderweise ein Band der

Enzyklopädie von Diderot und d'Alembert (Abb. 16, S. 45).

Im 19. Jahrhundert hat dann das Buch - im Idealfall - seinen festen

Platz im Haushalt der bürgerlichen Bildung. Die Frau mit dem Buch - jetzt

erscheint sie wirklich als lesende, d.h. einer Tätigkeit hingegeben, die sie

ehrt und gesellschaftlich auszeichnet. Auch »schmückt« sie das Buch, das

sie in der Hand hält, wie sie sonst ein Fächer oder ein Blumenstrauß

schmücken könnte. Die Haltung, die Pose, die sie beim Lesen einnimmt,

die Spiegelung des Gelesenen in ihrem Antlitz - all das sind, aus der Sicht

einer bürgerlichen Ästhetik, Elemente eines überaus reizvollen Motivs. So

verwundert es nicht, wenn von Camille Corot bis Max Liebermann nahezu

alle Maler das Motiv um eine oder mehrere Varianten bereichert haben.

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Was das in diesen Bildern präsente Buch anbelangt, so ist es, anders als

das Buch in den Darstellungen der religiösen Kunst, für sich genommen,

eher bedeutungslos. Und doch ist es, indem es sozusagen inspirativ das

Erscheinungsbild der lesenden Person bestimmt, mehr als ein bloß

dekoratives Beiwerk.

Das besondere Requisit. Bemerkungen zum Buch im Bild

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Orte des Lesens

Es wird gelesen, viel gelesen in der bürgerlichen Bildnismalerei des 19.

Jahrhunderts - was da gelesen wird, ist, zumindest in ikonologischer

Hinsicht, ohne Belang. Worauf es primär ankommt, das ist die Tätigkeit des

Lesens, die Lese-Situation, sind Ort und Umstände der Lektüre, der

soziokulturelle Kontext. Für die Impressionisten etwa, Pioniere der

Freiluftmalerei, ist es bezeichnend, daß sie ihre lesenden jungen Frauen mit

Vorliebe in blühende Gärten plazieren. Von Claude Monet gemalt, wird die

Lektüre, die Aufnahme des Gelesenen gewissermaßen dem Einatmen von

Blütenduft assoziiert (La Liseuse; Baltimore, Walters Art Gallery). Den

gleichen Eindruck erweckt gelegentlich sein dänischer Zeitgenosse P. S.

Krøyer. Schöne, sehr originelle Beispiele für Lesende im Freien finden wir

im Werk von Edouard Manet. »Sur la plage« (Paris, Jeu de Paume) zeigt

ein Paar, niedergelassen an einem Sandstrand vor dem offenen,

windbewegten Meer. Während der Mann versonnen aufs Meer

hinausschaut, liest die dreiviertel vom Betrachter abgewandte, Hut und

Schleier tragende Frau ein Buch.

Ein aufgeschlagenes Buch und überdies ein Hündchen hält auf ihrem

Schoß die junge Frau von »Le chemin de fer« (Washington, National Gallery

of Art). Gerade als hätten wir, die Bildbetrachter, sie von ihrer Lektüre

abgelenkt, blickt sie uns offen und neugierig aus dem Bild heraus an. Die

Aufmerksamkeit des in ihrer Begleitung befindlichen kleinen Mädchens,

wohl ihrer Tochter, gilt dagegen der Eisenbahn im Hintergrund, von der

hinter dem abgrenzenden Gitter freilich nur eine gewaltige Dampfwolke zu

sehen ist (Abbildung 17, S. 47).

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Bücherlesen, Lektüre als Zeitvertreib, als kultiviert-angenehme Faute-demieux-Beschäftigung

bürgerlicher Frauen und Töchter - ganz profane

Lektüre erweist sich, wie wir sehen, als vorzüglich geeignetes Motiv für

malerische Gestaltungen. Handelt es sich bei den im Bild gelesenen

Büchern in der Regel auch um nicht identifizierbare Werke, so gibt es doch

Ausnahmen. Wieder ist es die Bibel, das »Buch der Bücher«.

»Mutter und Schwester des Künstlers in der Bibel lesend« - so der Titel

eines Gemäldes von Hans Thoma (Karlsruhe, Staatliche Kunsthalle): zwei

bäuerliche Menschen, von schwerer Arbeit geprägt, die sich am Sonntag

einer sehr ernsten und gar nicht leichten Tätigkeit widmen (Abbildung 18,

S. 48).

Das besondere Requisit. Bemerkungen zum Buch im Bild

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Kein Anflug von Heiterkeit auch bei Wilhelm Leibls subtil gemalten »Drei

Frauen in der Kirche« (Hamburg, Kunsthalle). Den charakterisierenden

Realismus auf die Spitze getrieben hat dann der volkstümliche Schweizer

Albert Anker. Seine bibellesene Bauersfrau (Privatbesitz) ist - sicherlich

ungewollt - fast schon Karikatur.

Lesendes Landvolk - man denke hier gerade auch an Hans Thomas

»Abendstunde« - derartiges dürfte, schon zur Entstehungszeit

entsprechender Bilder, eher selten vorgekommen sein. Was sich hier

ausdrückt, ist die nostalgische Phantasie von Stadtmenschen.

Bücherwahn

Was ursprünglich Gegenstand eines spirituellen oder wissenschaftlichen

Interesses war, wird materiell vereinnahmt. Die Liebe zum Buch entartet

zur Besitzgier. Der Geist, überrollt von seinen eigenen Verteilungs­

48

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


mechanismen, droht auf der Strecke zu bleiben. Das Medium, verdinglicht,

wird zum Fetisch.

In dieser Situation, wo alles auf Verwechslung hinausläuft, ist der

Büchernarr zu Hause. Mit Büchern zu leben, kostbare, berühmte und

pikante Bücher in großer Fülle zur Verfügung zu haben, erscheint ihm als

ein paradiesischer Zustand. Aber er täuscht sich: da sein Paradies weder

Grenzen noch eine Mitte hat, entzieht es sich seiner begierigen Herrschaft.

Gleichwohl hört er nicht auf, sich vom paradiesischen Abglanz seines

Potentials blenden zu lassen. Was macht es ihm da schon aus, daß er Staub

ansetzt - Bücherstaub mit dem darin heimischen Ungeziefer?

Die hier fällige Satire »Von vnnutze buchern« - wir finden sie im

»Narren Schyff« (1494). Und nicht umsonst haben Sebastian Brant und

sein Illustrator den Büchernarren mit einem besenartigen Wedel

ausgerüstet, den er - über seinen Schwarten thronend - an Stelle eines

Szepters handhabt (Abb. 19, S. 50). Dazu die Verse:

Von büchern hab ich grossen hort

Verstand doch drynn gar wenig wort

Und halt sie dennacht jn den eren

Das ich jnn wil der fliegen weren.

Eine eher liebevolle Behandlung erfährt der Büchernarr bei Carl

Spitzweg, wiewohl auch sie die Karikatur streift. Sein »Bücherwurm«

(Privatbesitz) ist kein Bücherschädling, auch deutet nichts darauf hin, daß

ihm die Bücherfülle, die ihn umgibt, wahnhaft berauscht. Wahrscheinlich

sind es nicht einmal seine eigenen Bücher. Aber er ist begierig, diese

Bücher zu nutzen. Er steht, geradezu schwindelerregend, auf der obersten

Stufe einer Leiter vor einer zweifach mannshohen Regalwand der

Abteilung »Metaphysik«. Und er liest -ein Buch kurzsichtig dicht vor der

Nase, ein zweites, ebenfalls aufgeschlagen, in der anderen Hand, ein

weiteres unter dem Arm und ein viertes zwischen die Knie geklemmt. Das

Licht, das hinter ihm aus einem im Bilde nicht sichtbaren Fenster

hereinfällt, wirft den Schatten seiner Gestalt auf die Bibliothekswand. Eine

schattenhafte Existenz ist er trotzdem nicht, dieser »Bücherwurm«, auch

wenn er dem natürlichen Licht, das von draußen kommt, den Rüken zukehrt.

Im Gegenteil: bei aller Komik, die Spitzweg ihm anhängt, erscheint

Das besondere Requisit. Bemerkungen zum Buch im Bild

49


er uns als zwar weltfremder, aber gleichwohl vital-neugieriger, staunender

Leser.

50

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Hier beschließen wir, flüchtig genug, unseren Streifzug durch die

ikonographische Landschaft der »Buch-Bilder«. Wenn er uns etwas gelehrt

hat, dann dies: Das Buch, so unscheinbar seine Gegenständlichkeit im

jeweiligen Bildganzen auch sein mag, erscheint so gut wie nie als ein

beliebiges Requisit, das sich ohne Bedeutungsverlust durch ein anderes

ersetzen ließe. In aller Regel kommt ihm die Rolle zu, wenn nicht ein

zentrales Symbol, so doch ein interpretationsrelevantes Bildelement zu sein.

Als Träger kultureller Substanz und Tradition zeichnet es sich vor allen

anderen materialen Requisiten aus. Das verschafft ihm eine gradezu

unverwüstliche Aura im Sinne Walter Benjamins. Diese freilich verflüchtig

sich da, wo im Bewußtsein das modernen Menschen das Buch sich als

massenhaft verfügbares Gebrauchsgut etabliert. Damit wird es für die

Darstellung der bildenden Kunst uninteressant. Und wenn Braque und

Picasso in ihren abstrahierenden Stilleben anstelle des Buches eher

Zeitungsfetzen, Kartenspiele und Noten verarbeiten, so ist das nur

folgerichtig.

Das besondere Requisit. Bemerkungen zum Buch im Bild

51


52

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Raumverhältnisse.

DIE UB FREIBURG 1968 1

Dank der Initiative des Universitätsrates konnten im Januar 1968 150.000

Bücher und Zeitschriften der Naturwissenschaften und Medizin sowie

500.000 Dissertationen provisorisch ausgelagert werden. Die UB hat

dadurch in den überfüllten Magazinen des Hauptgebäudes gestapelte und

unbenutzbare neuere Literatur aufstellen und Stellraum für die Neuzugänge

bis etwa 1973 gewinnen können.

Die Verkehrsflächen in der Bibliothek und der Ausstellungsraum

mußten für die Verwaltungs- und Publikumsdienststellen voll ausgenutzt

werden. Zwecks Rationalisierung des Geschäftsganges sind zahlreiche

Dienststellen im Haus in andere funktionell günstiger gelegene Räume

umgezogen. Die extrem schlechten Arbeitsplatzverhältnisse konnten

dadurch nur wenig verbessert werden.

In einigen Jahren wird die Bibliothek durch die Raumnot in Magazin,

Publikumsbereich und Lesesaal nicht mehr funktionsfähig sein.

Personal

Für die Modernisierung der Bibliothek, Reformen, den Aufbau einer

Lehrbuchsammlung, die Aufarbeitung von Rückständen und die Ausweitung

des Benutzungsbetriebs wurden keine neuen Planstellen oder

Hilfskräfte bewilligt. Durch die Rationalisierungsmaßnahmen konnten aber

in einigen Dienststellen Arbeitskräfte eingespart werden.

1

Ergänzung zu dem Bericht des Bibliotheksdirektors vor der Bibliothekskommission

im Mai 1968 über den Fortgang der Reformarbeiten. Aus den Akten der

Universitätsbibliothek, C II.

53

Die UB Freiburg 1968


18 Mitarbeiter schieden aus der Bibliothek aus, die Planstellen wurden

ausnahmslos mit jüngeren Bibliothekaren wieder neu besetzt.

Öffnungszeiten

Die traditionelle Schließung der Bibliothek in bestimmten Wochen und an

bestimmten Tagen wurde aufgegeben, die Öffnungszeiten wurden

wesentlich erweitert. Seit WS 1968 sind die Lesesäle, Publikumskataloge,

der Sachkatalog und die Bibliographische Handbibliothek durchgehend von

8 Uhr bis 20.45 Uhr geöffnet. Die Leihstelle ist auch in den Mittagsstunden

und zweimal wöchentlich bis 19 Uhr geöffnet.

Es ist beabsichtigt, durch Einsatz von Hilfskräften die obengenannten

Publikumsbereiche durchgehend von 8 bis 23 Uhr offenzuhalten.

Die Vermeidung größerer Stauungen in der Leihstelle durch

Verlängerung der Öffnungszeit ist nur nach Bewilligung zweier

zusätzlicher Planstellen in Ortsausleihe und Magazin möglich.

Benutzungsabteilung

Benutzungsführer und Benutzungsordnung. - Es finden regelmäßig

Einführungen in die Bibliotheksbenutzung statt. Ein ausführlicher geruckter

Benutzungsführer liegt aus und wird jedem Leser kostenlos zur Verfügung

gestellt. Studenten und Institute werden laufend in Informationsblättern

über Neuerungen unterrichtet.

Eine neue Benutzungsordnung der UB Freiburg liegt im Entwurf vor.

Dieser dienst augenblicklich als Vorlage bei Beratungen über neue

Benutzungsordnungen für alle wissenschaftlichen Bibliotheken des Landes.

Ausleihe. - Die Rationalisierung des Geschäftsgangs in fast allen

Verwaltungsstellen der UB hat auch in der Bibliotheksbenutzung erste

positive Folgen gezeigt.

1968 im Vergleich zu 1967

Gesamtzahl der Bestellungen

54

300.945 259.314

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Gesamtzahl der ausgegebenen Bände 231.687 183.753

Gesamtzahl der Bestellungen am Ort 261.454 220.599

Gesamtzahl der ausgegebenen Bände

aus eigenem Bestand 200.031 152.306

nach auswärts gegebene Bestellungen 17.593 16.912

von auswärts erhaltene Bestellungen 21.898 21.803

nach auswärts gegebene Bände 17.221 17.089

von auswärts erhaltene Bände 14.435 14.358

Gesamtzahl der Kopien für Benutzer 170.796

Die Gesamtzahl der Bestellungen stieg zwischen 1967 und 1968 um 16%,

die der insgesamt ausgegebenen Bände um 20,6%, die der aus Beständen

der UB Freiburg ausgegebenen Bände um 31,3%.

Die UB Freiburg gibt mehr Bücher und Kopien in den Auswärtigen

Leihverkehr, als sie von anderen Bibliotheken erhält.

Ein Vergleich mit anderen deutschen Universitätsbibliotheken zeigt,

daß sie wieder leistungsfähig ist.

Magazin. - Es wurden 850.000 Bücher und Dissertationen umgezogen bzw.

neu aufgestellt. Für die Neuzugänge ab 1968 wurde das Aufstellungssystem

geändert und vereinfacht.

Der freie Magazinzutritt mußte auf einen kleinen Kreis von

Wissenschaftlern beschränkt werden. Beim Lesesaal wurde eine Magazin-

Ausgangskontrolle eingerichtet. Die Anzahl der im Krieg verlorenen,

verstellten oder vermißten Bücher ist groß. In die Leihstelle kehren täglich

Bücher zurück, die vor Einrichtung der Kontrollen ohne jeden Nachweis

von Benutzern mit freiem Magazinzutritt mitgenommen worden sind.

Mit zeitraubenden Revisionsarbeiten wurde begonnen. Die Herstellung

der normalen Ordnung im Magazin wird erst nach jahrelanger Arbeit,

letztlich nur in einem neuen Gebäude möglich sein.

Lehrbücherei. - Sie wurde neu aufgebaut und mit rund 14.000 Bänden ab

55

Die UB Freiburg 1968


Mai 1968 frei zugänglich aufgestellt.

Die Zahl der verliehenen Bände ist von 10.459 (1967) auf 44.848 für

die Zeit von Mai bis Dezember 1968 angestiegen. Mit fast 70.000

verliehenen Bänden im Jahresdurchschnitt 1968 ist die LB trotz

ungünstiger Lage zu einer zentralen Einrichtung der Literaturversorgung

der Studenten geworden.

Sie soll ab SS 1969 mit der Studentenbücherei räumlich vereinigt, an

zentraler Stelle im KG II eingerichtet und durchgehend von 10 bis 18 Uhr

geöffnet werden.

Es sei hier mit Dankbarkeit erwähnt, daß einige Ordinarien Beträge aus

Bleibe- und Berufungsgeldern für die LB zur Verfügung gestellt haben, um

die schwierigen Probleme der Literaturversorgung in den Massenfächern

lösen zu helfen.

Studentenbücherei. - Sie wird im Raum der Akademischen Lesehalle mit

Werken der klassischen und modernen Literatur, Schriften zu Geschichte,

Politik, Soziologie u.ä. (bisher 3.500 Bände) laufend ausgebaut und ist für

alle Studenten und die anderen Universitätsangehörigen frei zugänglich

gemacht worden.

Die Bücher können neuerdings entliehen werden (Monatsdurchschnitt:

rund 1.000 Entleihungen).

Im SS 1969 soll die Studentenbücherei mit der Lehrbuchsammlung

räumlich vereinigt werden. Die UB ist bestrebt, die wichtigste

Studienliteratur, Weltliteratur und aktuelle Informationsliteratur in dieser

zentral untergebrachten und erweiterungsfähigen Bücherei frei zugänglich

aufzustellen. Die Bücherei ist so organisiert, daß ältere Titel ohne

Verwaltungsaufwand in die UB rückgegliedert werden können, sämtliche

Titel sind in den Hauptkatalogen der UB nachgewiesen.

Die Zahl der Zeitschriften- und Zeitungsleser in der Akademischen

Lesehalle stieg von 79.764 (1967) auf 101.786 (1968).

Lesesaal. - Die Gesamtzahl der Benutzer sämtlicher Leseräume (einschließlich

Handschriftenraum und Akademische Lesehalle) stieg von

192.117 (1967) auf 263.759 (1968) um 37,2 %. Den Hauptlesesaal

benutzten 145.743 Leser (1967: 102.153).

56

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Die Benutzungssteigerung ist z.T. auf die Seminarapparate und

Präsenzexemplare wichtiger Lehr- und Studienbücher im Lesesaal

zurückzuführen.

Der alte Dozentenleseraum mußte aus Gründen der Raumnot

aufgegeben werden, um 10 Mitarbeiter der Titelaufnahme für die

Aufarbeitung der Rückstände unterzubringen. Der neue Dozentenraum mit

4 Arbeitsplätzen und schlechten Arbeitsbedingungen ist eine Notlösung, die

von Mitgliedern des Lehrkörpers mit Recht kritisiert worden ist.

Handapparate für Seminare und Übungen. - In Zusammenarbeit mit

zahlreichen Instituten wurden im SS 68 insgesamt 15 Handapparate mit 503

Bänden, im WS 68 30 Apparate mit 1.052 Bänden für die Dauer eines

Semesters im Lesesaal aufgestellt, um die dringend benötigte Literatur für

möglichst viele Studenten präsent zu halten. Für den gleichen Zweck

wurden 1.650 Xerokopien aus Mitteln der UB angefertigt.

Bibliographische Handbibliothek. - Sie wird überdurchschnittlich rege

benutzt und enthält jetzt 15.000 Bände. Eine große Anzahl weiterer

wichtiger Nachschlagewerke muß aus Raummangel im Magazin aufgestellt

werden. Der Ausbau geht zügig voran. Eine größere Anzahl von

Nationalbibliographien, Bibliothekskatalogen und Fachbibliographien

wurde neu erworben.

Die räumlich-zentrale Zusammenfassung von Handapparat der

allgemeinen bibliographischen Nachschlagewerke, Sachkatalog,

Dokumentationskarteien, Verwaltungsstelle des Signierdienstes und

Annahmestelle der Fernleihbestellungen hat sich im Hinblick auf eine

optimale sachliche und bibliographische Benutzerberatung bestens bewährt.

Sachkatalog. - Der Aufbau eines neuen Sachkatalogs mußte wegen der

Aufarbeitung von Rückständen in der Titelaufnahme zurückgestellt werden.

Die Planungsarbeiten konnten aber im Herbst 1968 begonnen werden.

Erwerbung und Katalogisierung

Erwerbung. - Die Erwerbungsabteilung einschließlich Zeitschriften­

Die UB Freiburg 1968

57


akzession und Zeitschriftennachtragsstelle wurde im Januar 1968 auf Grund

einer Analyse des Arbeitsablaufs umorganisiert und rationalisiert.

Insgesamt wurden 31.711 Bände neu erworben, inventarisiert, katalogisiert

und ausnahmslos benutzbar gemacht.

256 neue wissenschaftliche Zeitschriften wurden ab 1968 ff bestellt;

einige Lücken konnten bei wichtigen älteren Zeitschriften durch Reprints

geschlossen werden.

Katalogisierung. - Seit Januar 1968 werden die Neuerwerbungen sofort

katalogisiert; es existieren keine neuen Rückstände.

Der Lauf des Buches vom Eingang in der Erwerbungsabteilung bis zur

Aufstellung im Magazin und Benutzbarkeit dauert in der Regel bei

gebundenen Werken 2-3 Wochen.

Insgesamt wurden 27.812 Titel katalogisiert, davon über 7.000 aus alten

Rückständen. Bis Ende 1969 sollen sämtliche Rückstände von

Neuerwerbungen seit 1958 aufgearbeitet sein.

Mit der Kopie der alten Kataloge und der neueren Kataloge im DIN A

5-Format sowie der Katalogvereinheitlichung wurde Ende 1968 begonnen.

Die Benutzung des Bestandes vor 1930 wird durch die schlechte

Qualität der alten Kataloge erheblich erschwert. Ein Teil des Altbestandes

muß völlig neu katalogisiert werden, um normal benutzbar gemacht werden

zu können. Diese Arbeiten werden sich über viele Jahre hinziehen.

Vor Abschluß eines Teiles dieser Sanierungsarbeiten und ohne

zusätzliches Personal sowie zusätzlichen Stellraum kann mit dem Aufbau

eines örtlichen Zentralkatalogs nicht begonnen werden.

Dissertationen. - Die Neuzugänge werden laufend und innerhalb von acht

Tagen benutzbar gemacht.

Im Jahr 1968 wurden 14.021 Dissertationen katalogisiert und

aufgestellt, ein großer Teil davon stammt aus den Rückständen der letzten

Jahre. Die Aufarbeitung sämtlicher Rückstände, einschließlich der seit 1950

liegengebliebenen ausländischen Dissertationen, wird noch ungefähr ein

Jahr dauern.

Der alphabetische Zettelkatalog der über 500.000 Dissertationen in der

UB Freiburg wurde erstmalig für die Benutzer frei zugänglich aufgestellt.

Die Raumnot ist so groß, daß dafür nur noch die Verkehrsfläche der

58

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Eingangshalle zur Verfügung stand.

Handschriftenabteilung. - Nach der Durchsicht und Revision sämtlicher

Handschriften, Inkunabeln und Nachlässe wurde die Bandaufteilung einer

Publikationsreihe »Kataloge der Universitätsbibliothek Freiburg« und das

Katalogisierungsschema für die mittelalterlichen Handschriften festgelegt.

Mit der Beschreibung der mittelalterlichen Handschriften durch zwei

wissenschaftliche Mitarbeiter wurde bereits begonnen. Es ist geplant, das

Manuskript für den ersten Band im Frühjahr 1971 in Druck gehen zu

lassen.

Der Aufbau einer über 3.000 Bände umfassenden Handbibliothek mit

Nachschlagewerken zur Paläographie, Handschriften- und Inkunabelkunde,

Mediävistik ist fast abgeschlossen. Die Spezialsammlung wird schon jetzt

rege benutzt.

Mit der Katalogisierung der Inkunabeln wird im Februar 1969

begonnen.

Die Katalogisierung der Nachlässe wurde entsprechend den Richtlinien

der DFG vereinfacht und geht zügig voran.

Naturwissenschaftliche und medizinische Abteilung.

Pläne zur Einrichtung einer zentralen Zeitschriftenbibliothek im

Klinikviertel mit den letzten zwanzig Jahrgängen von möglichst vielen

medizinischen Zeitschriften, einem Lesesaal mit Handbibliothek und

Xeroxgerät nach dem Vorbild von Köln, Frankfurt, Düsseldorf, Ulm oder

Homburg (Saar) konnten bisher nicht realisiert werden.

In summa besitzt die Universität Freiburg nicht weniger laufende

medizinische Zeitschriften als die genannten Bibliotheken, ein großer Teil

davon ist aber nur einem kleinen Benutzerkreis zugänglich, die Anzahl der

Doppel- und Mehrfachexemplare ist vergleichsweise sehr hoch.

Ein großer Fortschritt im Hinblick auf eine koordinierte und bessere

Literaturversorgung im Institutsviertel konnte hingegen auf dem Gebiet der

Chemie erzielt werden. Chemisches Laboratorium, Institut für

Physikalische Chemie und UB haben ihre aktiven Bestände

zusammengelegt; die UB erhält eine zusätzliche Stelle im Stellenplan und

Die UB Freiburg 1968

59


verwaltet in dem neuen Hochhaus des Chemischen Laboratoriums eine

öffentlich zugängliche Präsenzbibliothek (mit Xeroxgerät). Durch

Abbestellung von Doppelexemplaren konnte auf diese Weise der Bestand

um 50 neue Zeitschriften auf insgesamt 192 laufende Zeitschriften erweitert

werden. Die zur Verfügung stehenden Gelder werden optimal im Interesse

aller Naturwissenschaftler und Mediziner im Raum Freiburg ausgenutzt, die

Bibliothek wird fachgerecht verwaltet. Sie ist für alle Benutzer tagsüber, für

Institutsangehörige auch nachts benutzbar.

Es besteht Hoffnung, daß es gelingt, im Laufe der nächsten Jahre im

naturwissenschaftlichen Institutsviertel einzelne Institutsbibliotheken zu

größeren Departmentbibliotheken zusammenzufassen und - mit den

Beständen der UB vereint und von dieser bibliothekarisch verwaltet -

leistungsfähige Fachbereichsbibliotheken einzurichten, die für einen

größeren Benutzerkreis zugänglich sind.

Zusammenarbeit UB - Institute

Der Senat hat am 18. Dezember 1968 folgenden Beschlußentwurf der

Bibliothekskommission über die Zusammenarbeit zwischen UB und den

Institutsbibliotheken zugestimmt:

»Die Bibliothekskommission anerkennt die Tatsache, daß im Bereich der

Universität Freiburg inhaltlich und funktionell verschiedene, aber

gleichberechtigte Bibliothekstypen nebeneinander existieren. Im Hinblick

auf die Schaffung eines Systems der koordinierten

Buchbearbeitung und -bereitstellung im gesamten Hochschulbereich

und zwecks besserer Ausnutzung der zur Verfügung stehenden

unzureichenden Mittel empfiehlt sie nachdrücklich eine dauernde enge

Zusammenarbeit zwischen zentraler Hochschulbibliothek und allen

anderen Bibliotheken der Universität Freiburg, wie sie zum Teil schon

besteht. Sie empfiehlt insbesondere laufende Absprachen zwischen

Fachreferenten der UB und Vertretern der Institutsbibliotheken bei der

Anschaffung von Büchern und Zeitschriften, beim Ausbau der zentralen

Lehrbuchsammlung in der UB, bei der Erstellung von Seminarapparaten

im Lesesaal der UB sowie bei der Beschaffung der für die

Seminare benötigten und in den Literaturlisten der Institute aufgeführten

60

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Studienliteratur durch die UB. Weiterhin empfiehlt sie der UB, die

einzelnen Institute bei der fachgerechten bibliothekarischen Verwaltung

ihrer Bücherbestände zu beraten.«

Mit vielen Instituten hat diese laufende Zusammenarbeit seit Frühjahr 1968

bereits zu sehr guten Ergebnissen geführt.

Bibliotheksneubau

Nachdem die Bibliotheksleitung Anfang 1968 einen ersten Raum- und

Funktionsplan ausgearbeitet hatte, konnte mit den vorbereitenden

Bauplanungen begonnen werden. Ein detaillierter Raumbedarfs-,

Austattungs- und Personalplan ist fertiggestellt und wurde zusammen mit

einer Denkschrift über den Raumbedarf im Geisteswissenschaftlichen

Zentrum auf der letzten Sitzung der Akademischen Baukommisison

vorgelegt und nach Stuttgart weitergeleitet.

Die Pläne für den flexiblen Neubau berücksichtigen neben dem raschen

Wachstum der Universität zwischen 1970 und 1980, der Einrichtung von

möglichst vielen Arbeitsplätzen für Studenten in unmittelbarer Nähe der

Bücher auch die Notwendigkeit, zusätzliche Lehr- und Seminarräume zu

schaffen.

Bibliotheksschule

Die Ausbildung von 12 - 15 Anwärtern des gehobenen Dienstes an

wissenschaftlichen Bibliotheken im zweiten (theoretischen) Ausbildungsjahr

mit über 600 Unterrichtsstunden, Übungen, praktischer

Ausbildung in den Dienststellen u.a. beeinträchtigt erheblich die Reform

der Bibliothek und die Aufarbeitung von Rückständen.

Der Wunsch der Bibliotheksleitung, eine zentrale Bibliotheksschule des

Landes einzurichten oder den Fachlehrgang einer anderen und bereits

modernisierten Universitätsbibliothek zu übertragen, wurde vom Kultusministerium

abgelehnt.

Die UB Freiburg 1968

61


Benutzerstatistik der Ortsausleihe u. Lehrbücherei 1968

Dozenten, Professoren 381

Akademische Räte, Wissenschaftliche Assistenten 591

Stud. phil. 4.594

Stud. jur. u. stud. rer. pol. 2.176

Stud. theol. 103

Stud. med. 970

Stud. rer. nat. 909

Doktoranden 322

Studenten anderer Hochschulen 609

Sonstige Benutzer 2.269

Behörden 83

Institute (als eingeschriebene Benutzer) 16

Summe 13.023

Für die Lehrbücherei wurden nur die Benutzer gezählt, die nicht in der

Ortsausleihe angemeldet sind.

Es wurden alle Studenten gezählt, die im Laufe des Jahres 1968

eingeschriebene Benutzer der UB waren.

62

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Beate Zick

REVISION UND SANIERUNG EINER

FORTSETZUNGSKARTEI

Die Fortsetzungskartei in einer Monographienakzession dient der Überwachung

des Zugangs einzelner Lieferungen von Serien und mehrbändigen

Werken, die zur Fortsetzung bestellt sind. Sie ermöglicht jederzeit die

Kontrolle über den regelmäßigen und lückenlosen Eingang der einzelnen

Teile eines Werkes und dient gleichzeitig als Interimskartei für die Teile,

die sich im Geschäftsgang befinden. Sie kann jedoch ihre Funktion nur

erfüllen, wenn sie sorgfältig geführt und in bestimmten Zeitabständen völlig

revidiert und saniert wird. Unterläßt man dies, so wächst sie wegen der

vielen »Karteileichen« zu sehr an und wird damit unübersichtlich und

schwer zu handhaben. Bereits bei der Anlage einer Karteikarte für eine

neue Fortsetzungsbestellung ist darauf zu achten, daß sie alle Angaben enthält,

die für eine spätere Revision oder Sanierung erforderlich sind. Es

empfiehlt sich daher, kein zu kleines Format zu wählen (am besten DIN A

5), um möglichst viele Angaben in übersichtlicher Form eintragen zu

können.

Von den auf einer Fortsetzungskartei obligatorischen Angaben wie

Verfasser, Titel, Verlag, Erwerbungsart, Zugangsart und Lieferant sowie

der Aufführung der gelieferten Einheiten sind einige besonders wichtig.

a) Lieferant: Er sollte, soweit es sich nicht um ortsansässige oder sonstige

Buchhändler handelt, mit denen ständige Geschäftsbeziehungen bestehen,

mit voller Adresse angegeben werden. Diese muß bei jeder

Lieferung überprüft und eventuell korrigiert werden, damit

Reklamationen ohne Umwege ihren Adressaten erreichen können.

b) Verfasser: Bei Fortsetzungswerken wie Briefwechsel, Tagebüchern u.ä.

empfiehlt es sich, die Lebensdaten des Verfassers zu ermitteln und

aufzutragen, um mit ihrer Hilfe den Abschluß des Werkes feststellen zu

können.

Revision und Sanierung einer Fortsetzungskartei

63


c) Titel: Aus demselben Grund muß der Untertitel mit festgehalten

werden, wenn aus ihm der geplante Umfang des Werkes hervorgeht

(z.B. »Eine Dokumentation in 10 Bänden« oder »Geschichte der Stadt

NN 1500-1945«).

d) Verlag: Eventuelle Verlagsänderungen müssen notiert werden.

e) Nachweis der gelieferten Teile: Er sollte so knapp wie möglich, jedoch

so umfassend sein, daß er eine eindeutige Identifizierung ermöglicht

(z.B. Lexikon ..., Bd 3: H-M; Briefe, Bd 4: 1832-1835; Ges. Werke, Bd

3: Prosa). Inhalt, zeitliche oder räumliche Begrenzung des einzelnen

Bandes oder der Lieferung sollten auf jeden Fall genau definiert sein.

Bei Reihenwerken genügt es jedoch, hinter der Bandzählung den

Namen des Verfassers bzw. die ersten drei Ordnungswörter anzugeben.

Das Erscheinungsjahr muß in jedem Fall mit aufgeführt werden, um

Rückschlüsse auf den Publikationsrhythmus zu ermöglichen. Ebenfalls

sollte der Preis notiert werden. Er kann für Weiterbezug oder Abbestellung

entscheidend sein.

f) Angabe von ungefähren Erscheinungsdaten oder Lieferhindernissen:

Alle Angaben zu einem Fortsetzungswerk, die man auf verschiedenen

Wegen erhalten kann (Buchhändlernachrichten, Verlagsprospekte,

letzter erschienener Band, CIP-Ankündigungen), müssen unbedingt auf

der Karte festgehalten werden.

Werden alle diese Kriterien beachtet, läßt sich eine Revision mit weniger

Aufwand durchführen.

Selbst bei sorgfältigster Führung einer Fortsetzungskartei und sofortiger

Reklamation von fehlenden Teilen kann es nicht ausbleiben, daß Lücken

entstehen oder gewisse Fortsetzungen einfach »hängen« bleiben. Aus

diesem Grunde muß die Kartei in gewissen regelmäßigen Zeitabständen

durchgesehen und saniert werden. Sie soll ja kein vollständiger

Bestandsnachweis aller Fortsetzungen der Bibliothek sein (denn dazu dient

der Katalog), sondern nur die für die laufenden Arbeitsgänge in der

Erwerbung erforderlichen Informationen enthalten.

64

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Bei der Revision wird Karte für Karte von den Mitarbeitern der

Erwerbungsabteilung nach verschiedenen Kriterien durchgesehen.

Fortsetzungskarten für mehrbändige Werke, die keine Lücken aufweisen,

kann man ohne weitere Bearbeitung wieder zurückordnen, wenn

feststeht, daß weitere Bände zu erwarten sind.

Bei Reihenkarten sollte - sofern man sich nicht für eine generelle

Vorlage an den zuständigen Fachreferenten entscheidet - nicht nur auf

Lücken geachtet werden, sondern auch auf den Preis und die Art der Titel,

die in diesen Reihen erscheinen. Handelt es sich um Serien mit großen

Lücken, sehr teure Werke oder sehr spezielle Titel (soweit sich dies

überhaupt von Mitarbeitern ohne Fachkenntnisse beurteilen läßt), kopiert

man am besten die Fortsetzungskarte zweifach und stellt sie mit einem

entsprechenden Bearbeitungsvermerk wieder in die Kartei zurück. Da die

Stücktiteleintragungen auf der Fortsetzungskarte in der Regel nicht sehr

aussagekräftig sind, kopiert man am besten auch die Titel der letzten

Eintragungen aus dem alphabetischen Katalog. Eine Kopie der

Fortsetzungskarte und die Stücktitelkopien gehen an den zuständigen

Fachreferenten, der über den Weiterbezug entscheidet. Zuvor sollte jedoch

gerade bei sehr teuren oder speziellen Titeln versucht werden, zu ermitteln,

ob die Reihe noch in einer weiteren Bibliothek am Ort vollständig bezogen

wird, denn in Zeiten besserer Finanzlage wurden oft solche Doppelkäufe

getätigt, ohne die Folgekosten zu bedenken. In diesem Fall muß der

Referent in seine Entscheidung auch die Frage miteinbeziehen, ob ein

weiterer Doppelbezug lohnt bzw. welche Bibliothek ggf. die Reihe

weiterführen soll.

Bei Karten von mehrbändige Werken, die Lücken aufweisen, sollte man

zunächst versuchen, bibliographisch zu ermitteln, ob die fehlenden Titel

bereits erschienen sind, und dann auch sofort reklamieren, da hier keine

Fragmente entstehen sollen. Werden Bände als vergriffen gemeldet, ist zu

prüfen, ob durch antiquarische Suche oder durch eine Kopie die Lücke

geschlossen werden kann. Aus urheberrechtlichen Gründen muß unter

Umständen vorher die Genehmigung des Verlags eingeholt werden; damit

läßt sich auch die Frage nach Restexemplaren verbinden, die ebenfalls

häufig zum Erfolg führt.

Sind Lücken erkennbar oder stellt man fest, daß die letzte Lieferung

schon längere Zeit zurückliegt, kann dies verschiedene Ursachen haben:

Revision und Sanierung einer Fortsetzungskartei

65


a) Unzuverlässige Lieferanten.

b) Handelt es sich um Jahresgaben von Gesellschaften u.ä., bei denen eine

Mitgliedschaft besteht, muß zuvor geklärt werden, ob nicht evtl. die

Mitgliedschaft gekündigt wurde oder die Institution ihren Namen, ihre

Adresse oder ihre Statuten geändert hat, was oft einen Lieferverzug zur

Folge hat. Manchmal genügt es auch, den Erscheinungsrhythmus der

einzelnen Teile zu überprüfen. Bestehen hier größere Zeitabstände

zwischen den Lieferungen, kann mit der Reklamation evtl. noch

gewartet werden.

c) Bei Titeln, die bisher im Tausch geliefert wurden, muß geprüft werden,

ob überhaupt noch Tauschbeziehungen bestehen. Ebenso kann man bei

bisher geschenkweise überlassenen Reihen durch eine höfliche Anfrage

klären, ob mit einem weiteren kostenlosen Bezug gerechnet werden

kann oder ob weitere Teile käuflich erworben werden müssen.

d) Oft wird bei der Bearbeitung des letzten Bandes einer Fortsetzung

einfach übersehen, daß diese abgeschlossen ist. Es empfiehlt sich daher,

zunächst einmal Titel und evt. Untertitel auf irgendwelche

Umfangsangaben zu überprüfen. Falls dies nicht weiterhilft, läßt man

sich am besten den letzten Band vorlegen. Meistens wird im

Klappentext oder Vorwort auf den Abschluß des Werkes hingewiesen.

Handelt es sich um einen Lexikonband, der mit dem Buchstaben Z

endet oder enthält der Band ein Gesamtregister des Werkes, kann man

mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, daß das Werk abgeschlossen

ist. Bei Kartenwerken überprüft man am besten anhand des

Blattschnitts, der meistens vorliegt, die Vollständigkeit.

Bei Briefen, Tagebüchern u.ä. kann man unter Umständen aus den

Lebensdaten des Autors auf den Abschluß der Edition schließen.

Manchmal kann auch der zuständige Referent mit seinem Fachwissen

weiterhelfen.

Alle Karten abgeschlossener Werke werden mit einem entsprechenden

Vermerk abgelegt. Grundsätzlich sollten aber alle unklaren Fälle dem

zuständigen Referenten vorgelegt werden. Ist er nämlich am Weiterbezug

66

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


nicht mehr interessiert, braucht man keine Zeit in die Weiterbearbeitung zu

investieren. Die Vorlage sollte immer nur mittels einer Kopie der

Fortsetzungskarte erfolgen. Eine zweite mit Namen des Fachreferenten und

Weitergabedatum versehene Kopie verbleibt in der Erwerbungsabteilung,

um den Rücklauf zu kontrollieren, da erfahrungsgemäß doch einige Karten

irgendwo »auf der Strecke« bleiben.

Der Fachreferent vermerkt seine Entscheidung über Weiterbezug oder

Abbruch (möglichst mit einer kurzen Begründung) auf der Kopie der

Fortsetzungskarte und leitet diese (ggf. über den Erwerbungsleiter) an die

Akzession weiter.

Ist ein Weiterbezug nicht mehr erwünscht, wird das Werk - sofern es

sich nicht um eine Pflichtfortsetzung handelt - abbestellt und die Karte mit

dem Vermerk »lt NN abbestellt am ...« und kurzer Begründung abgelegt.

Soll eine Reihe oder Fortsetzung, die bisher problemlos geliefert wurde,

weitergeführt werden, kann die Karte ohne weitere Bearbeitung mit der

Bemerkung »Weiterbezug« und Bearbeitungsdatum wieder eingestellt

werden. Ansonsten muß reklamiert werden. Hat sich ein Buchhändler bei

der Aktion als besonders unzuverlässig erwiesen, empfiehlt es sich, bei ihm

ab- und auf einen anderen Lieferanten umzubestellen. Bei Werken, zu

denen seit langem keine Lieferung und auch vom Lieferanten keine

Rückmeldung mehr erfolgte, ist eine Verlagsanfrage einer Reklamation

vorzuziehen. Diese sollte nach Möglichkeit in der jeweiligen

Landessprache oder bei entlegeneren Sprachen in Englisch abgefaßt sein,

um die Antwort zu beschleunigen. Am besten bedient man sich hierzu eines

Vordrucks, auf dem auch die möglichen Antworten über Umfang und

Erscheinungsdatum schon vorgegeben sind. Je leichter es man dem

Bearbeiter macht, desto größer sind die Chancen, eine rasche Rückmeldung

zu erhalten. Erfolgt keine Antwort seitens der Verlage, sollte man sich nicht

scheuen, ein- bis zweimal zu reklamieren. Bleibt auch dies ohne Erfolg,

kann man annehmen, daß keine weiteren Bände mehr zu erwarten sind.

Auf alle Fälle müssen alle nicht ganz eindeutig abgeschlossenen Werke,

deren Karten in die Ablage gelangen, auch abbestellt werden, um eventuelle

spätere Doppellieferungen zu verhindern. Eine Kopie der Abbestellung

sollte an die abgelegte Karte angeheftet werden. Da sich kein Nachweis

mehr in der aktuellen Kartei befindet, würde beim Erscheinen eines nicht

mehr erwarteten Bandes eine Apartbestellung getätigt. Gleichzeitig aber

Revision und Sanierung einer Fortsetzungskartei

67


würde der Band auch aufgrund der Fortsetzungsbestellung ausgeliefert

werden.

Einzelne Fortsetzungskarten von Werken, zu denen trotz sorgfältigster

Bearbeitung nichts ermittelt werden konnte, werden schließlich übrig

bleiben. Ist man an einer Fortführung interessiert, sollte man es noch einmal

mit einer Reklamation beim bisherigen Lieferanten versuchen mit der Bitte

um weitere Information.

Die Sanierung ist also eine recht aufwendige Angelegenheit. Daran

könnte auch die Umstellung auf EDV nicht viel ändern. Denn im Gegensatz

zur Zeitschrifteneingangskartei, bei der aufgrund der periodischen

Erscheinungsweise die regelmäßige Lieferung vom Computer gut

überwacht und durch eine entsprechende Mahnroutine unterstützt werden

kann, erfordert eine Reihen- und Fortsetzungskartei, bedingt durch die

völlig unregelmäßige Erscheinungsweise der einzelnen Teile ein hohes

Maß an konventioneller Bearbeitung. Der Abschluß einer Revision und

Sanierung ist zwar auch rein optisch zu erkennen, da die Kartei danach in

der Regel um ca. 20% »geschrumpft« ist. Der eigentliche Vorteil liegt aber

nicht nur in der nun komfortableren Handhabung der übersichtlicher

gewordenen Kartei, sondern in der Tatsache, daß durch eine Reduzierung

der laufenden Verpflichtungen mehr Mittel für den Einzelkauf frei werden.

68

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Rita Messmer

RATIONALISIERUNG IN DER ZEITSCHRIFTENSTELLE

Das Wort Rationalisierung wird häufig im Zusammenhang mit elektronischer

Datenverarbeitung gebraucht und auch im folgenden kommt man

daran nicht vorbei. Der Einsatz der EDV in der Zeitschriftenstelle der

Universitätsbibliothek Freiburg steht allerdings noch am Anfang. Doch

auch mit konventionellen Mitteln lassen sich Verbesserungen und

Erleichterungen erzielen und Arbeitsabläufe übersichtlich gestalten.

1. Signaturen als Zugangsnummern

Mit dem Erwerbungsjahr 1968 wurde ein neues Signaturensystem

eingeführt. Bis dahin gab es eine für Monographien und Zeitschriften

gemeinsame systematische Aufstellung, bei der neben dem Kardex das

Führen eines Zugangsbuchs und außer den Signaturen das Eintragen von

Zugangsnummern in den Zeitschriftenbänden nötig war. Es wurde von

einem System nach dem Numerus currens abgelöst, Monographien- und

Zeitschriftenaufstellung getrennt.

In Anlehnung an die neuen Signaturen des Freihandbereichs (SB-Ausleihe)

GE, MD, NA, SW wurden für die Zeitschriften die Signaturengruppen

ZG (Zeitschriften der Geisteswissenschaften), ZM (der Medizin),

ZN (der Naturwissenschaften), ZR (der Rechts-, Wirtschafts- und

Sozialwissenschaften) geschaffen, dazu die Gruppe ZT für Zeitungen und

Zeitschriften im Großformat. Vervollständigt wird die Signatur durch

Hinzufügen einer laufenden Nummer (Numerus currens). Auf Jahresringe

wie bei den Monographien wurde verzichtet, um die einzelnen

Bandsignaturen übersichtlich zu halten. Außerdem entstand die Gruppe AK

für Akademieschriften. Hier werden 2 Numerus currens-Ringe angeschlossen,

z.B. AK 1/1, wobei der erste für die Akademie vergeben wird,

der zweite für deren Veröffentlichungen: so stehen die Titel einer

Akademie beisammen. In den siebziger Jahren kam die Gruppe TZ dazu für

nicht laufend gehaltene Zeitschriften, d.h. Zeitschriften, bei denen keine

Rationalisierung in der Zeitschriftenstelle

69


Folgebände erwartet werden. Die Vergabe der Signaturen erfolgt mit Hilfe

eines Standortkatalogs, der die Aufstellung im Magazin widerspiegelt und

somit Auskunft über die zuletzt vergebene Signatur gibt.

Die jeweilige individuelle Inventar- oder Zugangsnummer ergibt sich

aus dieser Grundsignatur plus Band- und Jahresangabe, z.B. ZG 1934-

45.1979. Der Kardex gilt also ab 1968 als Inventarverzeichnis oder Zugangs-»Buch«.

In ihm sind alle notwendigen Angaben festgehalten: Titel,

Impressum, Signatur, Lieferant, Erwerbungsart, Zugangsnachweis,

Rechnungsdaten. Da er ein alphabetisches Verzeichnis ist, wird zur

Ergänzung der Standortkatalog hinzugezogen.

2. Zeitschriften-Lesesaal

Mit dem Umzug ins neue Gebäude kam die Einrichtung des Zeitschriften-

Lesesaals. Er ist nach Fächern gegliedert und innerhalb der Fächer werden

die Zeitschriften alphabetisch nach Titeln aufgestellt, und zwar jeweils die

letzten zwanzig Jahrgänge. Die Auswahl für den Präsenzbereich trifft der

Fachreferent. Es handelt sich um über 1800 Titel, zu denen der Benutzer

direkten Zugang hat. Darunter befinden sich überwiegend Zeitschriften,

deren Jahrgänge in mehreren Heften erscheinen, die bis zur Bindereife

gesammelt werden müssen. Auch diese laufenden Jahrgänge sind im

Lesesaal ausgelegt, und daher fallen hier keine zusätzlichen Ausleihtätigkeiten

in der Zeitschriftenstelle an.

3. Zusammenarbeit mit der Einbandstelle

Für die Abwicklung der Buchbindearbeiten ist in Freiburg die Einbandstelle

zuständig. Für die Zeitschriften bedeutet das, daß die bindereifen Jahrgänge

von der Zeitschriftenstelle an die Einbandstelle gegeben werden. Um auch

diesen Arbeitsablauf rationell zu gestalten, werden die betreffenden Titel

zunächst der Einbandstelle gemeldet. Dies geschieht durch die Zusendung

der sogenannten Buchbindermeldekarten (Kärtchen im internationalen

Bibliotheksformat, mit Titel- und Standortangabe). An Hand dieser Karten

kann die Einbandstelle disponieren, wann welche Zeitschriften welchem

70

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Buchbinder mitgegeben werden sollen. Durch die Rücksendung der Karten

an die Zeitschriftenakzession ruft sie zur rechten Zeit die Jahrgänge ab und

erhält erst dann die Zeitschriftenhefte, kollationiert und gebündelt und mit

Laufzettel versehen. Auf diese Weise werden die Zeitschriften nur so lange

wie nötig der Benutzung entzogen.

4. Reklamationen

Zu den Aufgaben der Zeitschriftenakzession gehört es, die lükenlose

Lieferung der Abonnements zu überwachen. Selbstverständlich wird dies

beim Inventarisieren der eingehenden Hefte und Bände beachtet und ggf.

werden fehlende Ausgaben reklamiert. Gänzlich ins Stocken geratene

Abonnements müssen jedoch auch kontrolliert werden. Da der Kardex noch

konventionell, also »mit Hand und Kopf« geführt wird, muß er regelmäßig

von den Mitarbeitern von A bis Z auf solche Fälle hin durchgesehen

werden. Zu diesem Zweck ist die Erscheinungshäufigkeit der einzelnen

Zeitschriften durch verschiedenfarbige Streifen an den Kardexkarten

markiert. Somit können die Titel sinnvoll, eben rationell, d.h. ihrer Erscheinungsweise

entsprechend, überprüft werden: die Wochenzeitschriften wöchentlich,

Monatszeitschriften monatlich, usw., die zweimal jährlich und

seltener erscheinenden etwa zweimal jährlich. In einem Reklamationsheft

wird festgehalten, bis zu welchem Titel jeweils der Kardex durchgesehen

worden ist.

5.Zeitschriftenakzession und FZV

Die Einarbeitung des Freiburger Zeitschriftenverzeichnisses FZV in die

Zeitschriftendatenbank ZDB brachte auch für die Zeitschriftenakzession Erleichterungen.

Ende der siebziger Jahre wurde mit der Meldung der Daten

des Zettelkatalogs an die baden-württembergische Zentralredaktion in Stuttgart,

von dort in maschinenlesbarer Form an die ZDB in Berlin begonnen.

1985 wurde die erste Ausgabe des FZV auf Mikrofiche herausgegeben, seit

1990 wird im Online-Betrieb katalogisiert.

Durch die Mitarbeit an der ZDB erhält die Dienststelle FZV regelmäs­

Rationalisierung in der Zeitschriftenstelle

71


sig Informationen über Titeländerungen und Änderungen am Erscheinungsverlauf,

wie Erscheinen eingestellt, nicht erschienene Bände,

Wiederbeginn, Fortsetzung als Monographie. Die Daten, die den Bestand

der Universitätsbibliothek betreffen, werden an die Zeitschriftenstelle weitergegeben.

Dies erleichtert dort die Überwachung und Pflege der laufenden

Abonnements. Unnötige Reklamationen können gespart, scheinbar »neue«

Titel mit ihren Vorgängern verknüpft werden.

Die Zusammenarbeit mit dem FZV, also mit der Katalogabteilung, ist

außerdem in zunehmenden Maße wichtig für die Abgrenzung: monographisch

oder als Zeitschrift behandeln. Somit sollten nachträgliche Umarbeitungen

- in beiden Richtungen - weitgehend vermieden werden.

6. Negativkartei

Die Negativkartei der Zeitschriftenstelle darf sicher ebenfalls als Rationalisierungsinstrument

genannt werden. Täglich treffen Zeitschriften ein,

die weder am Kardex als laufend noch im FZV als abgeschlossen noch in

der Bestellkartei als bestellt identifiziert werden können. Da für die Aufstellung

der Fachreferent in Abstimmung mit dem Erwerbungsleiter

zuständig ist, werden ihm diese Titel zugeleitet.

Die Negativ-Entscheidungen werden in der Negativkartei, einer

Steilkartei im DIN A5-Format, festgehalten: Titel, wenn nötig Zusatz zum

Sachtitel, Impressum; Negativ-Entscheidung, wie mit eventuell folgenden

Lieferungen zu verfahren ist, Name des Fachreferenten und Datum der Entscheidung.

Die an Kardex, FZV und Bestellkartei nicht zu findenden Titel

können also an der Negativkartei geprüft - und gefunden werden. Diese

weitere Identifizierungsmöglichkeit entlastet sowohl die Zeitschriftenakzession

als auch den Fachreferenten von dem Neuerwerbungsverfahren

für neue Zeitschriften.

Seit 1985 wird außerdem auf den Karten festgehalten, ob überhaupt

weitere Zusendungen erfolgen, indem das jeweilige Zugangsjahr aufnotiert

wird. 1990 konnten so die bis dahin einmaligen Lieferungen »ausgemustert«

werden; die Kartei wurde von 'Karteileichen' befreit und bleibt so ein

übersichtliches Hilfsmittel. Das Risiko, daß nach Jahren wieder einmal eine

Lieferung eintrifft, kann als gering eingestuft werden. Im Gegenzug hat

72

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


man die Möglichkeit, diejenigen Lieferanten, bei deren Zeitschriften eine

mehr oder weniger regelmäßige Zusendung dokumentiert ist, um Streichung

aus der Versandliste zu bitten. Solchen Aufwendungen war in der

Vergangenheit allerdings nur mäßiger Erfolg beschieden.

7. Neuerwerbungsformular

Einen Fortschritt bedeutete auch das 1985 entstandene Formular »Zeitschriftenneuerwerbung«,

macht es doch aus drei alten ein neues: Es ersetzt

das Blatt »Zeitschriftenneubestellung« des Fachreferenten, auch

»Wunschzettel« genannt, das 'Vorlageformular für neue Titel' der Zeitschriftenakzession

und den Abstimmungszettel »Neue Zeitschrift -Absprache-«.

Es wird von der Zeitschriftenakzession oder vom Fachreferenten für

neu anzuschaffende Titel angelegt. Angegeben werden die

Bezugsmöglichkeit (Kauf - Geschenk - Tausch) bzw. die Bezugskosten,

außerdem für die Abstimmung im Lokal- und Regionalbereich Nachweise

aus FZV und ZDB über die Bestände in den Freiburger Bibliotheken sowie

in den Bibliotheken innerhalb und außerhalb der Leihverkehrsregion

Baden-Württemberg.

Um noch rationeller zu arbeiten, d.h. um diese umfangreichen und

ausführlichen Recherchen auf das tatsächlich Benötigte zu begrenzen, wird

seit 1990 bei den unverlangt eingetroffenen Lieferungen zunächst ein

Anfragezettel vorgeschaltet und beim Fachreferent rückgefragt, ob in diesen

Fällen Erwerbungsinteresse besteht. Erst dann, auf Referentenwunsch hin,

wird das Neuerwerbungsformular ausgefüllt. Häufig fällt jedoch schon in

diesem Stadium eine negative Entscheidung, die dann in der Negativkartei

festgehalten wird.

8. Verfahren »Neue Kaufzeitschriften«

Bis 1989 fanden zweimal jährlich, im Frühjahr und im Herbst, Zeitschriften-Kaufsitzungen

statt. Das bedeutete, daß die Kaufdesiderate auf

diese Termine hin gesammelt wurden, wobei jeder Fachreferent jedoch nur

maximal 5 Titel vorschlagen konnte, oder durfte. Da die Anzahl der

Rationalisierung in der Zeitschriftenstelle

73


Kaufdesiderate ständig steigt, waren die angesammelten Kaufvorschläge

nicht mehr im Rahmen einer - wie vorgesehen - zweistündigen Kaufsitzung

zu bewältigen. Andererseits haben sich durch die Entwicklung der

Wechselkurse die finanziellen Möglichkeiten verbessert.

Seit 1990 können jetzt laufend Desiderate vom Fachreferenten

vorgeschlagen werden. Er holt Stellungnahmen von mindestens zwei

Kollegen ein und legt die Titel dem Erwerbungsleiter vor. Dieser bearbeitet

die Fälle innerhalb des wöchentlichen Abräumens der Monographien. Zeitschriften,

bei denen eine Diskussion nötig ist, können in den vierzehntägig

stattfindenden Referentensitzungen erörtert werden.

9. Erwerbungsstatistik

Für die Einführung der EDV in der Erwerbungsabteilung bot sich als erstes

die Erwerbungsstatistik an, und mit Januar 1986 erfolgte die Umstellung.

Um die erfaßten Daten auch ohne zusätzliches Programm für die Deutsche

Bibliotheksstatistik DBS nutzen zu können, sollten von da an die DBS-

Fachsigel verwendet werden. Zuvor war mit hausinternen

Neuerwerbungsnummern gearbeitet worden und die Daten mußten am

Jahresende mit Hilfe einer Konkordanz für die Meldung an das Deutsche

Bibliotheksinstitut DBI umgestaltet werden.

Für die Zeitschriftenakzession bedeutete dies zunächst Mehrarbeit am

Kardex, da zur Vorbereitung alle bisherigen Sigel entsprechend abzuändern

waren. Dies geschah Ende 1985 in einer Sonderaktion unter tatkräftiger

Unterstützung der Mitarbeiter der Monographienakzession. Von da ab war

bzw. ist mit der Erfassung der Daten die Monatsstatistik erledigt: die

Auswertung, die häufig mehr als einen Arbeitstag in Anspruch genommen

hatte, ist nun dem Computer überlassen. Monatlich wird außerdem eine

Kumulierung ausgegeben, so daß am Jahresende auch die Jahresstatistik

ohne weiteren Rechenaufwand seitens der Zeitschriftenakzession vorliegt.

Seit im September 1990 in der Dienststelle ein PC installiert wurde,

kann die Datenerfassung statt wie bis dahin in der Monographienerwerbung

in der Zeitschriftenstelle vorgenommen werden. Für die Auswertung der

Erwerbungsstatistik werden die Daten per Diskette in den Datenpool der

Monographienakzession überspielt. Damit ist eine weitgehende

74

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Unabhängigkeit bezüglich der Datenerfassung, aber auch der Ausgabe von

Kontrollisten, Kumulierungen sowie Recherchen nach bestimmten

Kriterien gegeben.

10. DataSwets

DataSwets heißt der »online-Subscription Service« der Zeitschriftenagentur

Swets & Zeitlinger. Dieser Service wird den Firmenkunden kostenlos

angeboten. Der Anschluß erfolgt über DATEX-P, die Kosten der

Datenübertragung trägt der Benutzer.

Seit Ende 1988 (Testphase) bzw. Februar 1989 (Öffnung der Leitung)

hat die Zeitschriftenstelle Zugriff auf dieses Informations- und Kommunikationssystem.

Neben der Swets-Datenbank mit über 100.000 Titeln

steht die ISDS-Datenbank mit über 350.000 Titeln zur Verfügung, und

somit ein umfangreiches bibliographisches Instrument, das zudem über die

üblichen Angaben hinaus gerade für Erwerbungszweke wichtige

Informationen bietet, wie Erscheinungsweise, Band- und Heftzählungen,

Verlagsanschriften und natürlich Abonnementspreise. Dabei sind

verschiedene Suchstrategien möglich.

Vorteile für die tägliche Arbeit bringt neben der Information die Möglichkeit

der Online-Kommunikation mit dem Lieferanten Swets. Die wichtigsten

Funktionen sind dabei die Reklamations- und die Mailboxfunktion.

Besonders beim Reklamieren kommt es zu einer erheblichen Arbeitserleichterung,

da man im System feststellen kann, wann das betreffende

Heft in der Swets-Zentrale eingegangen ist bzw. erwartet wird. Man kann

also besser entscheiden, ob eine Reklamation schon abgeschickt werden

soll, was dann per Knopfdruck, ohne Ausfüllen einer Reklamationskarte,

recht einfach geschehen kann. Die Übersicht über die erhaltenen und

erwarteten Hefte kann auch in der Bibliographiefunktion aufgerufen

werden, so daß man Abonnements, die nicht von Swets geliefert werden,

ebenfalls dahingehend prüfen kann. Die Anzahl der Reklamationen kann

damit insgesamt vermindert werden.

Die Mailboxfunktion empfiehlt sich für eilige und dringliche Anfragen

und Reklamationen, wobei man sowohl den Subscription Service als auch

das Backsets Department »anschreiben« kann. Umgekehrt kann Swets

Rationalisierung in der Zeitschriftenstelle

75


esondere Mitteilungen und natürlich die gewünschten Antworten in den

elektronischen Briefkasten der Zeitschriftenstelle schicken.

*

Die Ausführungen mögen hier enden, ohne Anspruch auf Vollständigkeit

und Endgültigkeit. Rationalisierung ist eine nicht endende Aufgabe,

Organisation in der Bibliothek kann wie alle Verwaltungsarbeiten ständig

rationalisiert werden. Das soll heißen, daß man in der praktischen Arbeit

nicht starr an bisherigen Arbeitsabläufen festhält, sondern generell bereit

und offen für neue Wege ist, wenn auch mit der gebotenen Vorsicht und

Kritikfähigkeit. Denn das Neue ist nicht selbstverständlich auch das

Bessere.

76

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Hermann Josef Dörpinghaus

STEUERN AUF BIBLIOTHEKSMATERIALIEN

Ein Überblick

Ein Beitrag über die Besteuerung von Bibliotheksmaterialien in einem zu Ehren

Wolfgang Kehrs erscheinenden Sonderheft der INFORMATIONEN des Freiburger

Bibliothekssystems mag auf den ersten Blick nicht ganz passend erscheinen,

traut man W. Kehr Interesse an solch vermeintlich trockener Materie doch

kaum zu. Wer so denkt, irrt! Es war Wolfgang Kehr, der sich im Februar 1984

in einer Anhörung vor dem Bundestagsausschuß für Bildung und Wissenschaft

als einer von sechs Sachverständigen entscheidend mit dafür einsetzte, daß den

bundesdeutschen Bibliotheken das Privileg der umsatzsteuerfreien Einfuhr von

Büchern und Zeitschriften erhalten blieb. Und es war Wolfgang Kehr, der die

dieser Anhörung vorangegangene bundesweite bibliothekarische

Öffentlichkeitsarbeit zum Erhalt der Einfuhrsteuerfreiheit von Freiburg aus

initiierte und mit immer neuen Anregungen beeinflußte. So darf der Verfasser

mit einiger Zuversicht auch auf das Interesse Kehrs für den nachfolgenden

»trockenen« Beitrag hoffen.

1. Die Steuersituation in der Bundesrepublik

Neben der Lohn- oder Einkommensteuer, die auf das persönliche

Einkommen des einzelnen erhoben wird, ist die Umsatzsteuer eine der

bekanntesten Steuern, mit denen in fast allen westeuropäischen Staaten

die Bürger zur Kasse gebeten werden. Sie wird in der Bundesrepublik seit

1968 in der speziellen Form der sogenannten Mehrwertsteuer auf alle

Lieferungen und Leistungen erhoben, die ein Unternehmer gegen Entgelt

im Rahmen seines Unternehmens ausführt.

Die Steuer wird Mehrwertsteuer genannt, weil - z.B. bei der Produktion

von Waren - nur der jeweilige Mehrwert, der auf den einzelnen

Produktionsstufen entsteht, besteuert wird. Die dafür im Englischen

gebräuchliche Bezeichnung ist »value added tax« = VAT.

Die Mehrwertsteuer ist systematisch so angelegt, daß sie wirt­

Steuern auf Bibliotheksmaterialien

77


schaftlich nur den Endverbraucher belastet. So nehmen z.B. an der

Leistungskette bei der Produktion eines Buches eine ganze Reihe von

Unternehmen teil, indem sie irgendwelche Güter (z.B. Papier, Druck,

Einband, Werbung) produzieren oder bearbeiten oder indem sie (z.B. als

Verleger oder Händler) Dienstleistungen erbringen. Jedes dieser

einzelnen Unternehmen muß für seinen eigenen Umsatz bzw. seine

Wertschöpfung Umsatzsteuer berechnen und an das Finanzamt abführen.

Dennoch wird nur der nichtunternehmerisch tätige Endverbraucher mit

der Umsatzsteuer wirtschaftlich belastet, weil alle in der Leistungskette

mitarbeitenden Unternehmer in den Genuß des sogenannten

»Vorsteuerabzugs« kommen. Dies bedeutet, daß jeder Unternehmer die

Möglichkeit hat, vom Finanzamt für die von ihm gekauften Güter oder

Dienstleistungen eine Steuergutschrift in Höhe der von seinem

Vorlieferanten bereits bezahlten Steuer zu erhalten. Damit wird der

einzelne Unternehmer nicht mit der Umsatzsteuer belastet. Sie ist für ihn

kostenneutral, ein sogenannter durchlaufender Posten; denn die Steu die

ihm von den Vorlieferanten berechnet wird, erhält er auf dem Wege des

Vorsteuerabzugs vom Finanzamt zurück, die Steuer, die er selbst für

seinen Anteil an der Fertigstellung des Produktes berechnen und an das

Finanzamt abführen muß, belastet er der nächstfolgenden

Produktionsstufe. Dies setzt sich fort, bis die Ware oder Dienstleistung

beim Endverbraucher landet. Nur der Endverbraucher kann die Steuer

nicht mehr als Vorsteuer von seiner Steuerschuld absetzen und muß sie

daher voll bezahlen. Eine Steuer, die nur auf die jeweiligen

Wertzuwächse erhoben wird, ist somit hinsichtlich ihrer

Bemessungsgrundlage identisch mit einer Steuer, die auf den Preis des

Endprodukts erhoben wird. Nur der Endverbraucher ist somit mit der

Mehrwertsteuer belastet. Das im Anhang abgedruckte Schema soll diesen

Sachverhalt noch einmal anhand eines Beispiels verdeutlichen.

Der allgemeine Steuersatz in der Bundesrepublik für die

Mehrwertsteuer beträgt seit dem 1. Juli 1983 14%. Es gibt aber auch

einen ermäßigten Steuersatz von 7%. Er gilt z.B. für den Personenverkehr,

für fast alle Lebensmittel außer Getränken und - und das ist für

den Bibliothekar besonders wichtig - für »Waren des Buchhandels« 1 .

1 Detaillierte Informationen zu diesen begünstigten Warengruppen finden sich im

Bundessteuerblatt (1983), Teil 1, Heft 22, S. 586-588 bzw. im Bundesgesetzblatt

78

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Dazu zählen konkret:

- Bücher, Broschüren und ähnliche Drucke, auch in losen Bogen oder

Blättern, auch antiquarisch;

- Zeitungen und andere periodische Druckschriften, auch mit

Bildern;

- Kunstmappen mit gedruckten Reproduktionen;

- Bilderalben, Bilderbücher usw. für Kinder;

- Noten, handgeschrieben oder gedruckt;

- gedruckte kartographische Erzeugnisse aller Art; Buchumschläge,

Schutzhüllen usw. zu begünstigten Druckwerken;

- Sammlungsstücke, die mehr als 100 Jahre alt sind.

Die Umsatzsteuerermäßigung für diese Waren des Buchhandels wird

vom Staat mit kulturpolitischen Erwägungen begründet: Das gedruckte

Wort und seine sinnvolle Verbreitung sollen durch die Steuerermäßigung

für Bücher als materielle Träger geistiger Güter gefördert und daher

sollen Bücher nicht wie beliebige andere Waren behandelt werden.

Rein fiskalisch denkende Politiker, denen es natürlich um volle

Steuerkassen geht, haben es in den vergangenen Jahren in der

Bundesrepublik nicht an Versuchen fehlen lassen, den ermäßigten

Steuersatz für Bücher zu beseitigen und auch für Bücher 14%

Mehrwertsteuer zu erheben. Noch 1987 hat der Frankfurter Börsenverein

nur mit großer Mühe einen derartigen Versuch abwehren können.

Inzwischen haben aber Bundestag wie Bundesregierung in mehrfachen

Erklärungen versichert, an der Steuerermäßigung für »Waren des

Buchhandels« festhalten zu wollen 2 .

Für alle anderen Bibliotheksmaterialien, insbesondere auch für die Nonbook-Medien,

ist derzeit der volle Steuersatz von 14% zu zahlen. Gerade

in Bezug auf Mikrofiches und -filme, die ja zunehmend Bücher ersetzen

bzw. ebenfalls als Originaltexte erscheinen, empfinden die Bibliothekare

den vollen Steuersatz als besonders ungerecht bzw. unlogisch, denn auch

(1988), I, S. 204-209.

2 Vgl. dazu Stenographische Berichte des Deutschen Bundestages 55. Sitzung

(Plenarprotokoll 11/55), S. 3861-3867.

79

Steuern auf Bibliotheksmaterialien


Mikroformen sind Verlagserzeugnisse bzw. Waren des Buchhandels.

Bibliothekarische Bemühungen, zumindest auch für Mikroformen den

ermäßigten Umsatzsteuersatz gesetzlich zu verankern, haben aber bislang

keinen Erfolg gehabt 3 .

2. Die Steuersituation in den Mitgliedstaaten der Europäischen

Gemeinschaft

Generell gilt das in der Bundesrepublik praktizierte Umsatzsteuersystem

auch in allen anderen EG-Mitgliedstaaten. Alle Mitgliedstaaten haben

Mehrwertsteuersysteme, die nach dem gleichen Prinzip konstruiert sind.

Überall fällt die Umsatzsteuer letztlich dort an, wo der Endverbrauch

stattfindet. Und fast überall in den zwölf Mitgliedstaaten der EG

unterliegen »Waren des Buchhandels« einem ermäßigten Steuersatz, in

einigen wenigen Fällen werden sie sogar überhaupt nicht besteuert. Die

Höhe der Steuersätze ist zur Zeit allerdings noch sehr unterschiedlich.

Hinzu kommt, daß einige Länder auch noch zusätzlich erhöhte

Steuersätze für Luxusgüter haben.

3 Dazu grundlegend Harald MÜLLER: Mikroformen und Umsatzsteuerrecht. In: ZfBB 34

(1987), S. 91-111.

80

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Die Mehrwertsteuersätze in den EG-Staaten in % des Entgelts 4

ermäßigte Sätze Regelsätze erhöhte Sätze

Belgien 6 und 17 19 25/33

Dänemark 0 (Zs. u. Zt.) 22

Deutschland 7 14

Frankreich 5,5 und 7 18,6 33,3

Griechenland 3 und 6 18 36

Großbritannien 0 15

Irland 0 und 10 25

Italien 0 und 9 18 38

Luxemburg 3 und 6 12

Niederlande 6 20

Portugal 8 16 30

Spanien 0 und 8 12 33

3. Die Steuersituation nach Einführung des gemeinsamen Binnenmarktes

Ab 1. 1. 1993 wird in der EG der sogenannte gemeinsame Binnenmarkt

eingeführt, d.h. von da an wird es keine Grenzen innerhalb der EG gehen,

so wie es jetzt keine Grenzen mehr zwischen der ehemaligen DDR und

der Bundesrepublik gibt. Ah 1. 1. 1993 werden also weder Personen-

noch Warenkontrollen an den Binnengrenzen der 12 EG-Länder

stattfinden.

Schon seit einiger Zeit ist deutlich geworden, daß es nicht gelingen

wird, bis 1993 die nationalen Mehrwertsteuersätze zu harmonisieren, d.h.

sie auf einen gemeinsamen Steuersatz festzulegen. Stattdessen hat die

EG-Kommission ab 1993 bis zu einer erst in sehr viel späterer Zeit

möglichen Vereinheitlichung für den Normalsatz eine zulässige

4 Aus Herbert HAAG: Die Mehrwertsteuer im einheitlichen Binnenmarkt der

Europäischen Gemeinschaft. In: Der Buchhandel und der Europäische Binnenmarkt

/ ARBEITSGEMEINSCHAFT WISSENSCHAFMICHER SORTIMENTSBUCHHANDLUNGEN (Hrsg.).

Hannover, 1989, S. 63.

81

Steuern auf Bibliotheksmaterialien


Bandbreite von 14-20 % und für den ermäßigten Satz eine Bandbreite

von 4-9% vorgeschlagen. Hinsichtlich des Normalsatzes liegt die

Bundesrepublik mit derzeit 14% noch am unteren Ende der Spanne, beim

ermäßigten Satz ist sie mit 7% in einer Mittelposition. Sollten

Zeitungsmeldungen aus Mai 1990 zutreffen, plant die Bundesregierung

allerdings ab 1993 eine Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 16%, so daß

der ermäßigte Satz dann 8% betragen würde.

Der ermäßigte Satz soll in allen EG-Mitgliedsländern auch für

Bücher, Zeitschriften und Zeitungen gelten. Hier sind zur Zeit folgende

Steuersätze in Kraft:

Die Mehrwertsteuersätze für Verlagserzeugnisse in den EG-Staatens 5

Bücher Zeitungen Zeitschriften

Belgien 6% 0% 0%

Dänemark 22% 0% 0%

Deutschland 7% 7% 7%

Frankreich 5,5% 2,1% 2,1%

Griechenland 3% 3% 3%

Großbritannien 0% 0% 0%

Irland 0% 10% 25%

Italien 0% 0% 0%

Luxemburg 6% 6% 6%

Niederlande 6% 6% 6%

Portugal 0% 0% 0%

Spanien 6% 6% 6%

Bei Büchern besteht demnach eine Spanne von 22% (Dänemark) bis zu

0% (Irland, Italien. Portugal. Großbritannien), hei Zeitungen eine Spanne

von 10% bis 0% und bei Zeitschriften eine Spanne von erstaunlichen

25% (Irland) bis 0% (Belgien, Dänemark, Italien, Portugal,

Großbritannien).

Natürlich ist der 0%-Satz. wie er vor allem für die englische

Buchproduktion gilt, für Bibliothekare und Buchhändler besonders

5 Ebd. S. 64.

82

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


interessant. Da die Engländer befürchten müssen, daß im Rahmen der

EG-Anpassung ihre bisherige Steuerfreiheit für Bücher aufgehoben wird,

gibt es dort bereits seit einigen Jahren eine großangelegte Kampagne, die

unter dem Motto »Don’t tax reading« für die Beibehaltung der

sogenannten »zero rate« eintritt. Die Wortführer dieser Kampagne haben

auch schon eine zumindest verbal starke Lobby in Brüssel bei der EG

aufgebaut, können aber zur Zeit nur eingeschränkt mit der Unterstützung

z.B. des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels rechnen, der starke

Befürchtungen hat, daß eine Diskussion um eine völlige Steuerbefreiung

für Bücher und Zeitschriften eher dazu führen könnte, daß damit auch die

vor wenigen Jahren geführte Diskussion, ob es überhaupt notwendig sei,

für Bücher einen ermäßigten Steuersatz zu haben, wieder aufleben

könnte. Der Frankfurter Börsenverein tritt deshalb - zumindest offiziell -

für die Beibehaltung des ermäßigten Satzes von 7% ein und stimmt dem

deutschen Bundestag zu, der in seiner bislang letzten Stellungnahme zu

diesem Thema beschlossen hat, man sollte innerhalb der EG bei der

Harmonisierung der Mehrwertsteuer für Bücher keinem höheren Satz

zustimmen als dem derzeitigen deutschen Satz, man solle anderseits aber

auch nicht den niedrigsten Satz - im Klartext den 0%-Satz - akzeptieren 6 .

Welche Auffassung letztlich in Brüssel die Oberhand gewinnt, läßt sich

zur Zeit noch nicht absehen. Daß die Bibliothekare lieber den 0%-Satz

sähen, bedarf keiner Worte.

4. Die Steuersituation bei Einfuhr von Bibliotheksmaterialien

aus dem Ausland

Die derzeitigen unterschiedlichen Mehrwertsteuersätze in den einzelnen

EG-Ländern führen logischerweise zu der Frage, welche Steuersätze denn

bei der Einfuhr von Bibliotheksmaterialien aus anderen Ländern zu

zahlen sind.

So wie alle EG-Länder nach dem gleichen Prinzip konstruierte

Mehrwertsteuersysteme haben, die vor allem darin übereinstimmen, daß

die Umsatzsteuer stets dort anfällt, wo der Endverbrauch stattfindet, so

6 Vgl. H. J. DÖRPINGHAUS: Bundesregierung unterrichtet Bundestag über »Maßnahmen

im Bereich des Buches«. In: Bibliotheksdienst 23 (1989), S. 1054-1056.

83

Steuern auf Bibliotheksmaterialien


kennen auch alle EG-Länder das Prinzip, Ausfuhrlieferungen nicht zu

besteuern, während für Einfuhrlieferungen das Gegenteil gilt. Man nennt

dieses Prinzip »Bestimmungslandprinzip«. Es bedeutet, daß im

grenzüberschreitenden Warenverkehr die bis dahin angefallene

Mehrwertsteuer beim Export vom Fiskus dem Exporteur auf Antrag

erstattet wird und vom importierenden Land, d.h. dem Bestimmungsland,

die Umsatzsteuer nach den dort herrschenden Vorschriften erhoben wird.

Mit der Steuerrückerstattung beim Export bezweckt letztlich jeder EG-

Staat und damit auch die Bundesrepublik eine Exportförderung der

eigenen Produktion. Um anderseits zu verhindern, daß importierte Waren

billiger angeboten werden als gleichartige im eigenen Land produzierte

Waren, wird bei der Einfuhr von importierten Waren die sogenannte

Einfuhrumsatzsteuer erhoben. Damit werden die importierten Waren den

im eigenen Land produzierten Waren steuerlich gleichgestellt. Die

Einfuhrumsatzsteuer wird in der Bundesrepublik im gleichen Prozentsatz

erhoben wie die Mehrwertsteuer. Mit anderen Worten: Mehrwertsteuer

und Einfuhrumsatzsteuer sind die beiden Seiten einer Medaille, nämlich

der Umsatzsteuer überhaupt.

Ursprünglich hatte die EG-Kommission beabsichtigt, ab 1. 1. 1993

innerhalb der EG das »Ursprungslandprinzip« einzuführen und dies ist

langfristig, und zwar ab 1. 1. 1997, auch weiter vorgesehen. Die

Besteuerung nach dem »Ursprungslandprinzip« hätte bedeutet, daß dem

Endverbraucher diejenige Mehrwertsteuer in Rechnung gestellt wird, die

im jeweiligen Ursprungsland der Ware gilt. Für französische Bücher wäre

dann z.B. ab 1. 1. 1993 die französische Umsatzsteuer und eben nicht wie

jetzt - zumindest hei Bezug über einen in der Bundesrepublik sitzenden

Importeur - die deutsche Einfuhrumsatzsteuer zu zahlen. Diese Pläne

haben die Finanzminister der EG aber wegen der zur Zeit noch sehr

unterschiedlichen Mehrwertsteuersätze in den einzelnen EG-Ländern und

wegen der Unmöglichkeit, diese Steuersätze bis Ende 1992 zu

harmonisieren, zurückstellen müssen. Die Besteuerung nach dem

»Ursprungslandprinzip« soll deshalb erst ab 1997 eingeführt werden und

die 2 Besteuerun nach dem »Bestimmungslandprinzip« über den 1. 1.

1993 hinaus nach bis Ende 1996 in Kraft bleiben. Gleichwohl wird es

aber ab 1. 1. 1993 einen in seinen Auswirkungen derzeit noch nicht

abzusehenden, sehr gravierenden Unterschied zur augenblicklichen

84

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Praxis gehen: Zwar wird wie bisher beim Export in ein anderes EG-Land

die Mehrwertsteuer dem Exporteur auf Antrag rückvergütet, und wie

bisher muß im EG-Bestimmungsland die dortige Mehrwertsteuer auf die

Ware abgeführt werden, doch im Unterschied zu bisher fallen ab 1993

sämtliche Grenzkontrollen weg, womit Kontrollen auf Steuerehrlichkeit

demnach nicht mehr an der Grenze, sondern nur noch in den Buchhaltungen

der jeweiligen Ex- und Importeure vorgenommen werden

können. Nur noch durch Stichproben in den Betrieben soll zwischen

Anfang 1993 und Ende 1996 geprüft werden, ob die in einem EG-Land

durch Vorsteuerabzug »entsteuerte« Lieferung im Bestimmungsland auch

ordnungsgemäß versteuert worden ist. Daß »clevere« Händler im In- und

europäischen Ausland diese Situation nutzen werden, um sich

Wettbewerbsvorteile durch Steuerhinterziehung zu verschaffen, ist wohl

nicht ganz auszuschließen. Mehr noch als bisher werden deshalb

Bibliotheken als weitgehend staatliche Betriebe ab 1993 darauf zu achten

haben, daß Bibliotheksmaterialien, die sie aus dem EG-Ausland

beziehen, entsprechend den geltenden Vorschriften ordnungsgemäß

versteuert worden sind. Schließlich ist es schon in der jüngsten

Vergangenheit wiederholt zu zollamtlichen Außenprüfungen in

Bibliotheken gekommen 7 .

5. Derzeitige Praxis bei der Einfuhr von Bibliotheksmaterialien

Für Einfuhren aus EG-Ländern wird es - wie bereits oben ausgeführt -

noch bis Ende 1992 Grenzkontrollen geben, für Einfuhren aus Nicht-EG-

Ländern werden Grenzkontrollen auch nach Einführung des

gemeinsamen Binnenmarktes ab 1. 1. 1993 weiterhin selbstverständlich

sein.

Unabhängig aus welchem Land Bibliotheksmaterialien importiert

werden, sind somit für den Bibliothekar zumindest noch bis Ende 1992

drei Fragen von Interesse:

- Wer überwacht die Einfuhr von Waren?

7 Vgl. H. J. DÖRPINGHAUS: Zollamtliche Außenprüfungen in Bibliotheken. In:

Bibliotheksdienst 24 (1990), S. 1670-1671.

85

Steuern auf Bibliotheksmaterialien


- Was wird überwacht und was nicht?

- Welche Einfuhrabgaben kommen für Bibliotheken infrage?

5.1 Wer überwacht die Einfuhr von Waren?

Die Einfuhr von Waren in das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland

wird zollamtlich überwacht. Als Ware gilt in zollamtlicher Interpretation

jede bewegliche Sache. Die Überwachung der Einfuhr erfolgt durch die

Grenzzollämter bzw. durch sogenannte Verzollungsämter, die sich

innerhalb größerer Postämter befinden und bei denen die aus dem

Ausland angelieferte Ware ankommt. Die örtlichen Verzollungspostämter

sind allerdings seit dem 1. 1. 1991 in ihrer Funktion stark beschränkt

worden und werden vermutlich langfristig aufgelöst. An ihre Stelle treten

sogenannte »Grenzeingangsämter«, die die zollamtliche Überprüfung von

Sendungen dann zentralisiert nach Herkunftsland vornehmen. So werden

z.B. seit Jahresbeginn 1991 Sendungen des Erdwegs aus Österreich in

München, Sendungen des Erdwegs aus der Schweiz zentralisiert in

Freiburg i. Br. überprüft. Differenzen über die zollamtliche Abfertigung

können nur noch mit den Grenzeingangsämtern, nicht aber mit den

örtlichen Verzollungspostämtern geklärt werden. Will die Bibliothek das

vermeiden, muß sie ihre Lieferanten im Ausland veranlassen, den

deutlichen Vermerk »Selbstverzollung« auf allen »gestellungsptlichtigen«

Sendungen anzubringen. Nur in diesen Fällen leiten die

Grenzeingangsämter die ausländischen Sendungen an die örtlichen

Postzollämter zur Prüfung weiter 8 .

5.2 Was wird überwacht und was nicht?

Zweck der Wareneingangsüberwachung ist es, die Erhebung von Zoll

und den anderen gesetzlichen Eingangsabgaben zu sichern. Zu diesem

Zweck müssen eingeführte Waren zollamtlich abgefertigt werden. Dies

geschieht durch die sogenannte »Gestellung« der Waren beim

zuständigen Zollamt. Zur Gestellung ist derjenige gesetzlich verpflichtet,

der die Waren in das Gebiet der Bundesrepublik verbringt, also z.B. der

8 Für Einzelheiten U. MONTAG: Selbstverzollung : Neue Verfahrensweise ab 1. 4.

1989. In: Bibliotheksdienst 23 (1989), S. 392 und S. 1053.

86

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Spediteur oder die Deutsche Bundespost. Sobald die Waren dem

zuständigen Zollamt »gestellt«, d.h. vorgeführt werden, sind sie

»Zollgut«. Unabhängig davon, ob die zollamtliche Prüfung ergibt, ob

Eingangsabgaben zu erheben sind oder nicht, darf bis zur Freigabe durch

das Zollamt nicht über die Ware verfügt werden.

Für Bibliotheken wichtig ist, daß bei Einfuhr durch die Post -und das

macht ja den Großteil der Sendungen aus - folgende vier Sendungsarten

nicht gestellungspflichtig sind und damit auch nicht überwacht werden:

- Sendungen, egal welchen Inhalts, bis zu einem Warenwert von DM

25,- aus einem nicht der EG angehörenden Staat.

- Sendungen, egal welchen Inhalts, bis zu einem Warenwert von DM

50,- aus einem Mitgliedsland der EG.

- Briefe und Päckchen mit Waren des Buchhandels, wobei als

»Waren des Buchhandels« nur diejenigen Waren zu betrachten

sind, für die eine Steuerermäßigung von zur Zeit 7% gilt. Mikroformen

z.B. sind also nicht Waren des Buchhandels und demnach

bei der Einfuhr immer zu gestellen, soweit ihr Wert DM 25,- bzw.

DM 50,- übersteigt.

- Drucksachen bis 5 kg mit »Waren des Buchhandels« in der gerade

genannten beschränkenden Definition. Die Sendung muß außen als

»Drucksache« bzw. »Printed matter« gekennzeichnet sein, da sie

sonst nicht als gestellungsfrei anerkannt wird. Besonders diese

Versandart ist die am häufigsten für Bibliotheken in Frage

kommende. Die Gestellungsfreiheit und damit auch die

Abgabenfreiheit kommt nur zum Tragen, wenn die Bibliothek die

Sendung direkt von einem ausländischen Lieferanten bezieht. Wird

ein inländischer Importeur zwischengeschaltet, also eine

bundesdeutsche Importfirma, und läuft die Sendung körperlich über

den inländischen Importeur - was vor allem beim Bezug von

Monographien der Fall ist - handelt es sich beim Weiterverkauf der

Monographien an die Bibliothek um ein Inlandgeschäft, das wie

alle anderen Inlandsgeschäfte mehrwertsteuerpflichtig ist. Dies

bedeutet bei Büchern einen Aufschlag von 7% auf den Warenpreis.

Es gibt aber eine ganze Reihe deutscher Importbuchhändler, die -

um gegenüber der ausländischen Konkurrenz wettbewerbsfähig zu

Steuern auf Bibliotheksmaterialien

87


leiben - bereit sind, die 7% Mehrwertsteuer selbst zu tragen und

nicht an die Bibliotheken weiterzugeben. Darauf sollte beim

Aushandeln von Konditionen besonders geachtet werden.

Es muß nun allerdings an dieser Stelle darauf hingewiesen

werden, daß es sich bei der sogenannten »5 kg-Regelung« seit jeher

um eine letztlich nicht gesetzlich verankerte Sonderregelung des

Finanzministeriums handelt, die schon 1983 abgeschafft werden

sollte (vgl. die Vorbemerkung dieses Aufsatzes), dann aber

aufgrund einer für Bibliothekare geradezu außergewöhnlichen

bundesweit geführten Aufklärungskampagne beibehalten wurde 9 .

Zur Zeit völlig unklar ist, oh diese Sonderregelung der

gestellungsfreien Einfuhr von Waren des Buchhandels als

Drucksache mit maximal 5 kg Gewicht für Sendungen aus EG-

Ländern nach dem 31. 12. 1992 noch Bestand haben wird. Sollte

sie wegfallen, wird das für die Bibliotheken eine sehr erhebliche

finanzielle Mehrbelastung bedeuten. Ein erster Hinweis des DBV

auf diese Problematik 10 ) blieb ohne konkretes Ergebnis, weitere

Schritte zur Klärung der Sachlage wären dringend notwendig.

Mit den gerade beschriebenen vier Sendungsarten sind die wichtigsten

Möglichkeiten genannt, mit denen Sendungen in das Gebiet der

Bundesrepublik Bestellungsfrei und damit auch frei von Abgaben

eingeführt werden können. Alle anderen Sendungen müssen zollamtlich

abgefertigt werden.

5.3. Welche Abgaben kommen für Bibliotheken in Frage?

Bei der Einfuhr in das Bundesgebiet werden von den Zollämtern je nach

Herkunftsland, Wert, Versandart und Art der eingeführten Waren sehr

unterschiedliche Abgaben gefordert. Für Bibliotheken kommen praktisch

allerdings nur zwei Abgabearten in Frage:

1. Die Einfuhrumsatzsteuer für alle Sendungen von Bibliotheks­

9 Vgl. H. J. DÖRPINGHAUS: Die Kontroverse um die Einfuhrumsatzsteuer : Hintergründe

- Verlauf - Konsequenzen. In: ZfBB 31 (1984), S. 314-333 = http://www.freidok.unifreiburg.de/volltexte/2957/

.

10 Vgl.: DEUTSCHER BIBLIOTHEKSVERBAND: Stellungnahme zum Protokoll des Nairobi-

Abkommens. In: Bibliotheksdienst 23 (1989), S. 388ff., hier bes. S. 390.

88

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


materialien, die nicht in den oben beschriebenen vier gestellungsfreien

Sendungsarten eingeführt werden. Die Einfuhrumsatzsteuer wird in der

für die jeweiligen Bibliotheksmaterialien vorgesehenen Höhe von zur

Zeit 7% bzw. 14% erhoben.

2. Der Zoll als von der Einfuhrumsatzsteuer unabhängige, zusätzliche

Abgabe. Der Zoll wird berechnet bei der Einfuhr bestimmter

Bibliotheksmaterialien aus sogenannten Drittländern. Er wird z.B.

erhoben für Tonträger und Videokassetten aus Drittländern. Drittländer

sind alle Länder, die weder der EG noch der EFTA angehören. Die EFTA

ist eine freie Handelsgemeinschaft verschiedener europäischer Länder,

die nicht Mitglied der EG sind.

Für Tonträger und Videokassetten aus den USA sind demnach z.B.

neben der Einfuhrumsatzsteuer auch Zollabgaben zu zahlen. Dies gilt

allerdings nur für nicht von der öffentlichen Hand finanzierte

Bibliotheken. Bibliotheken der öffentlichen Hand haben

erfreulicherweise die Möglichkeit nachzuweisen, daß diese Materialien

bestimmt sind »zur Verwendung durch öffentliche oder gemeinnützige

Einrichtungen und Anstalten erzieherischen, wissenschaftlichen oder

kulturellen Charakters«. Dieser Nachweis kann nicht generell abgegeben

werden, sondern muß bei jeder einzelnen Einfuhr erfolgen 11 . Bei

Vorliegen des Nachweises werden keine zusätzlichen Zollabgaben

erhoben, sondern nur die Einfuhrumsatzsteuer.

In der Praxis bedeutet dies, daß alle Bibliotheksmaterialien

unabhängig vom Ursprungsland, der Zugangs- und Versandart durch

Bibliotheken der öffentlichen Hand zollfrei eingeführt werden können.

Zu zahlen ist nur die Einfuhrumsatzsteuer.

11 Benötigt wird dazu das zollamtliche Formular 0120.

Steuern auf Bibliotheksmaterialien

*

89


Es versteht sich, abschließend gesagt, wohl von selbst, daß dieser knappe

Überblick zur derzeitigen Praxis der Besteuerung von Bibliotheksmaterialien

nur die wichtigsten Bestimmungen aufführen

konnte. Für alle Einzelheiten dieser sehr komplizierten und aus Sicht des

Verfassers keineswegs trockenen Materie sei auf die Broschüre Einfuhr

von Bibliotheksmaterialien verwiesen 12 .

Anhang

Schematische und stark vereinfachte Darstellung zur Herstellung eines

Produkts in drei Stufen zum Preis von DM 200,-

zuzüglich 14% MWst zwecks Verkauf an einen privaten Kunden

Produktions- Wert- Rechnungs- Gesamt- Vorsteuer- An das Finanzstufe

schöp stellung* preis abzug amt abzuführen

fung

____________________________________________________________________

A: Produzent A 100,- 100,- + 14,- 114,- 00,- 14,-

B: Produzent B 50,- 150,- + 21,- 171,- 14,- 7,-

C: Verkäufer 50,- 200,- + 28,- 228,- 21,- 7,-

D: Privater

Endkunde 200,- + 28,- 228,- 00,- 0,-

____________________________________________________________________

* Produktwert + Mehrwertsteuer

12 Einfuhr von Bibliotheksmaterialien : Ein praktischer Ratgeber für Bibliotheken.

Erarb. von der ERWERBUNGSKOMMISSION DES DEUTSCHEN BIBLIOTHEKSINSTITUTS. Berlin :

dbi, 1989 (dbi-materialien. 86). – Vgl. dazu INFORMATIONEN / BIBLIOTHEKSSYSTEM DER

ALBERT-LUDWIGS-UNIVERSITÄT FREIBURG I.BR. 43 (1989), S. 397

90

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Folkert Krieger

VORLÄUFIGE ÜBERLEGUNGEN ZUM AUFBAU EINER

EDV-GESTÜTZTEN BESTELLKARTEI

AM ARBEITSPLATZ DES FACHREFERENTEN

1. Ausgangslage

An der Universitätsbibliothek Freiburg erhalten die Referenten von jedem

von ihnen bestellten oder aus unverlangter Ansicht bzw. standing order

gekauften Titel zwei Durchschläge:

1. für eine eigene Bestellkartei am Arbeitsplatz

- zur Dublettenprobe, d.h. um Mehrfachdesiderate möglichst zu

vermeiden (auch wenn die verantwortliche Kontrolle in der Vorakzession

erfolgt);

- ggf. zur eigenen Information;

- zur Beantwortung von Benutzeranfragen.

2. zur Information für Kollegen benachbarter Fächer oder

3. für Erwerbungsabsprachen. - Die Universitätsbibliothek hat - in vielen

Fächern mit Erfolg - intensive Erwerbungskooperation mit den

dezentralen Bibliotheken des Bibliothekssystems sowie mit einzelnen

nicht zur Universität gehörenden Bibliotheken angestrebt, deren Bestände

im Freiburger Gesamtkatalog nachgewiesen werden und somit

als Ergänzung des Bestandes der Universitätsbibliothek betrachtet

werden können. Die an diese Partner weitergegebenen Bestelldurchschläge

können dienen

- u.U. als Unterlage für beabsichtigte Parallelanschaffungen,

- als Information für den Gesprächspartner zu dessen persönlichem

Gebrauch (z.B. für den eigenen Zettelkasten), d.h. als »Belohnung« oder

»Anreiz« für gute Zusammenarbeit,

EDV-gestützte Bestellkartei des Fachreferenten

91


- vor allem aber als »Warnung« vor unbeabsichtigten Mehrfachanschaffungen.

Dies setzt natürlich die Bereitschaft voraus, die

Durchschläge in geordneter Form zur Verfügung zu stellen (als eigene

Kartei oder durch Einlegen in die Instituts-Bestellkartei) und die

Kenntnis bereits laufender Bestellungen der Universitätsbibliothek in

die Kaufentscheidung im Institut mit einzubeziehen.

Daß es für die Arbeit des Referenten Vorteile bietet, wenn ihm eine solche

Bestellkartei am Arbeitsplatz zur Verfügung steht, ist wohl kaum

zweifelhaft. Strittig dagegen ist, ob der mit ihrer Führung verbundene

Arbeitsaufwand zeitlich und wirtschaftlich zu vertreten ist. Bereits das

Alphabetisieren der Bestelldurchschläge ist zeitraubend; noch mehr gilt das

für das Einlegen in die Bestellkartei, vor allem bei Referenten, die mehrere

1.000 Titel pro Jahr bestellen und/oder mehrere Erscheinungsjahre in einem

Alphabet zusammengefaßt haben. Da es nie dazu gekommen ist, diese

Tätigkeit Hilfskräften zu übertragen, ist die Bereitschaft der Referenten zur

Führung einer Bestellkartei sehr unterschiedlich.

2. Vorüberlegungen

Solange keine Alternative zu einer solchen von Hand geführten

Bestellkartei erkennbar war, wurde die ungeliebte Sortierarbeit noch

einigermaßen akzeptiert. In dem Maß jedoch, in dem in den Dienststellen

Arbeitserleichterungen durch EDV eingeführt wurden, nahm die

Bereitschaft dazu ab und es wurde die Frage gestellt, ob es nicht auch für

die Zusammenarbeit zwischen Fachreferenten und Akzession

komfortablere Möglichkeiten geben könnte. Natürlich ist eine Umstellung

der Erwerbung auf EDV mit zentral geführter Bestellkartei und direktem

Abruf für jeden Referenten von seinem Arbeitsplatz aus geplant, aber für

die Zeit bis zur Realisierung dieses Fernziels sollte eine Zwischenlösung

gefunden werden, die folgende Anforderungen erfüllte:

1. Sie sollte sich kurzfristig verwirklichen lassen.

2. Sie sollten keinen (großen) Schulungs- und Einarbeitungsaufwand

verursachen.

3. Sie sollte keine (großen) oder nur solche Sachmittel erfordern, die sich

92

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


hinterher nicht als Fehlinvestitionen erweisen und damit u.U. die

weitere Entwicklung präjudizieren würden.

4. Sie sollte nicht nur vorübergehend die Arbeit des Referenten erleichtern,

sondern vor allem dazu dienen, die Möglichkeiten des EDV-Einsatzes

für die Tätigkeit der Fachreferenten im Rahmen des derzeitigen

Geschäftsgangs zu erproben.

5. Gleichzeitig sollte sie der geplanten Umstellung in der Monographienerwerbung

zugute kommen. Die bei diesem Testlauf gewonnenen

Ergebnisse sollen dazu dienen, die Anforderungen zu formulieren, die

Referenten an eine in der Akzession geführte Bestellkartei stellen. Der

EDV-Arbeitsgruppe sollen dann bei der Programmentwicklung nicht

nur die Mitarbeiter der Akzession, sondern auch die am Test beteiligten

Referenten als Ansprechpartner zur Verfügung stehen, um die Voraussetzung

für eine beide Seiten befriedigende Lösung zu schaffen.

3. Testaufbau

3.1 Testpersonen

An dem Versuch beteiligen sich zwei Referenten, die beide in großem

Umfang monographische Literatur bestellen (wobei es sich überwiegend

um Einzelbestellungen und nur zum geringen Teil um Kauf aufgrund von

Fortsetzungsbestellungen handelt) und intensive Erwerbungsabsprachen

mit Institutsbibliotheken betreiben. Während einer der Beteiligten auf

langjährige EDV-Praxis zurückgreifen kann (seine Erfahrungen bleiben in

der folgenden Darstellung unberücksichtigt), verfügte der andere zu Beginn

des Projekts nur über in zwei Einführungskursen erworbene

Grundkenntnisse.

3.2 Hardware

Beiden Referenten steht ein PC mit 80286-Prozessor und 40 Mb Festplatte

zur Verfügung, d.h. eine nicht über den normalen Standard hinausgehende

Geräteausstattung.

EDV-gestützte Bestellkartei des Fachreferenten

93


3.3 Software

Das für den Versuch ausgewählte relationale Datenbankprogramm TDB-4

bietet den Vorteil, daß es preisgünstig (ca. DM 100,-), trotzdem vielseitig

anwendbar ist und auch über gute Import- und Exportfunktionen verfügt.

Die Einarbeitungszeit ist relativ kurz; nach dem Aufbau der Datenbank

kann die Datenerfassung auch durch Hilfskräfte erfolgen.

3.4 Ausgangsdaten

Um von Anfang an genügend »Spielmaterial« zur Verfügung zu haben,

wurden im Lauf von etwa zwei Monaten alle vorliegenden Bestellungen

mit den Erscheinungsjahren 1990 und 1991 eingegeben. Nach Abschluß

dieser Arbeit in der zweiten Aprilhälfte enthielt die Datenbank knapp 4.000

Titel.

4. Durchführung

4.1 Aufbau der Datenbank

Die Datenbank sollte nicht nur als Nachweis über bereits erfolgte

Bestellungen dienen, sondern auch Angaben enthalten, die dem Referenten

für seine Kaufentscheidung zur Verfügung stehen sollten. Sie besteht daher

aus folgenden Einzeldateien:

- Verfasser- und Titeldatei. - Sie enthält unter dem Verfasser/Herausgeber

und dem Titel alle Bestellungen mit den für den Referenten wichtigen

bibliographischen Angaben wie Erscheinungsjahr, Auflage, Verlag,

Reihe, Dissertationsvermerk, Vorhandensein von

Originalveröffentlichungen und Vorauflagen.

- Verlagsdatei. - Sie enthält zunächst alle bisher in Listenform zusammengefaßten

Verlage, für die Sonderkonditionen gelten (z.B. Standing

order, keine Ansichtsbestellung möglich, Geschenk usw.), und gibt an,

in welcher Form Titel dieser Verlage desideriert werden sollen. Weitere

94

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Verlage werden aufgenommen, sobald der erste Titel aus ihrer

Produktion bestellt wird. Ergänzend wurde inzwischen damit begonnen,

in dieser Datei auch die bearbeiteten Verlagsprospekte in knapper Form

festzuhalten in der Hoffnung, das Durchsehen der oft in mehreren

Exemplaren umlaufenden Verlagsprospekte zu vermeiden.

- Reihendatei. - Wünschenswert wäre es gewesen, als »Grundstock« alle

zur Fortsetzung bestellten Reihen aufzunehmen. Auf diese Weise hätte

man eine Art »Negativkartei« erhalten, d.h. Titel aus den hier enthalten

Reihen brauchen nicht bestellt zu werden. Dies ließ sich in der zur

Verfügung stehenden Zeit nicht verwirklichen. Stattdessen wurden

Reihen erst dann erfaßt, wenn der erste in ihnen erscheinende Titel

erfaßt wurde. Für jede Reihe ist angegeben, ob sie zur Fortsetzung oder

in Auswahl gekauft wird.

- Dissertationendatei. - Sie enthält diejenigen Universitäten, mit denen

die Universitätsbibliothek Buchhandelsdissertationen tauscht, und nennt

die für den Bezug geltenden Regeln (z.B. nur in Auswahl, Anfrage

erforderlich usw.).

Jede dieser Dateien kann als Einzeldatei geführt und als Auskunftsinstrument

benutzt werden. Gleichzeitig sind sie so miteinander

verknüpft, daß bei der Eingabe in die als Primärdatei geführten

Verfasserdatei die in den drei anderen Dateien enthaltenen Angaben

übernommen werden können.

4.2 Bearbeitung

- Eingabe. - Bei den Vorüberlegungen war zunächst offen, ob die

Eingabe der Titel beim Desiderieren oder erst aufgrund der von der

Vorakzession ausgeschriebenen Bestellungen erfolgen sollte. Für die

erste Lösung sprach die Überlegung, die zwischen der Titelauswahl und

dem Ausschreiben der Bestellung liegende Frist zu überbrücken und die

in dieser Zwischenzeit mangels Bestellnachweis erfolgenden Mehrfachdesiderate

zu vermeiden. Für den hier beschriebenen Test wurde die

zweite Lösung gewählt, d.h. die Erfassung erfolgt in der von der Akzession

vorgegebenen korrekten Ansetzungsform und erst, wenn die

EDV-gestützte Bestellkartei des Fachreferenten

95


Bestellung tatsächlich erfolgt ist. Ergibt sich bei der Lieferung eines

Buches die Notwendigkeit, die bibliographischen Angaben aus der

Bestellung zu ändern, so erhält der Referent einen korrigierten

Bestelldurchschlag; statt diesen in seine Bestellkartei einzuordnen, kann

er jetzt die entsprechenden Änderungen einfacher in seiner Datei

durchführen.

- Bestellung. - Bei der Durchsicht der Erwerbungsunterlagen stehen dem

Referenten alle vier Dateien zur Verfügung. Im Vordergrund steht dabei

die »Verfasserdatei«, die aufgrund der angelegten Indices sowohl in

einem Verfasser- als auch in einem Titelalphabet dargestellt werden

kann. Schon die Schnelligkeit, mit der sich ein Titel durch die Eingabe

von 3-4 Buchstaben aufrufen läßt, wäre - im Vergleich zu der mühsamen

und zeitraubenden Suche nach einem Bestelldurchschlag in einer

umfangreichen Kartei - ein hinreichendes Argument für eine solche

Umstellung. Dazu kommen jedoch noch die über eine formale Kontrolle

hinausgehenden Vorteile, die im weiteren dargestellt werden sollen.

Je nach Bedarf kann während der Prüfung der Bestellunterlagen auch

auf die drei anderen Dateien zugegriffen werden, so daß z.B. Titel aus

Standing-order-Verlagen gar nicht mehr an die Vorakzession gegeben

werden, solange es sich nur um Vorankündigungen handelt. Dagegen

werden Titel aus Reihen, die zur Fortsetzung bestellt sind,

weitergeleitet, um in der Fortsetzungskartei die Vollständigkeit der

Lieferung zu überwachen.

- Titelauswahl. - Soweit es sich nur um die formale Prüfung im Hinblick

auf bereits erfolgte Bestellungen in einem Verfasseralphabet handelt,

leistet eine mit PC erstellte Bestellkartei nichts anderes als eine von

Hand geführte mit Bestelldurchschlägen - nur eben alles schneller und

bequemer. Der große zusätzliche Gewinn besteht in den inhaltlichen

Informationen, die sie bietet, und die sich in die Kaufentscheidung mit

einbeziehen lassen.

Schon die Tatsache, daß hier die Bestellungen mehrerer Jahre

problemlos kumuliert werden können und nicht jeweils alle zwei oder

drei Jahre ein neues Alphabet angefangen werden muß, um den

Bearbeitungsaufwand in Grenzen zu halten, erhöht den

96

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Informationswert beträchtlich: Entscheidungen über Neuauflagen,

Paperbackausgaben oder Übersetzungen können unter Berücksichtigung

von Vorauflagen oder Originalausgaben getroffen werden, zahlreiche

Titel eines Verfassers lassen durch die Häufigkeit bestimmter Themen

oder aber durch thematische Breite - zumindest cum grano salis -

gewisse Rückschlüsse auf die Kompetenz des Autors oder die zu

erwartende Nachfrage seitens der Benutzer zu, d.h. es stehen am

Arbeitsplatz des Referenten Informationen zur Verfügung, die bisher

nur am Katalog zu erhalten waren.

Einen Schritt weiter führt die Umschaltung vom Verfasser- auf das

Titelalphabet. Bereits die Sortierung nach dem ersten Ordnungswort

läßt thematische Erwerbungsschwerpunkte erkennen, wenn bei der

Eingabe von »DDR« gleich 11 Veröffentlichungen oder bei »de g«

sogar 14 mit »de Gaulle« beginnende Titel angezeigt werden (Vgl. Abb.

1).

EDV-gestützte Bestellkartei des Fachreferenten

97


Noch aufschlußreicher - wenn auch zeitaufwendiger - ist die

sequentielle Suche, die eine Recherche nach Stichworten oder

Wortbestandteilen ermöglicht. Sie erhöht bei de Gaulle die

»Trefferquote« auf 21 (darunter dann auch eine »Nouvelle bibliographie

internationale sur Charles de Gaulle«) und bei DDR sogar auf 50 (!) und

kann dann durchaus zu einer kritischeren Auswahl weiterer Titel führen.

5. Auswertung

Wie bereits erwähnt, ist der Aufbau der Bestellkartei erst vor etwa einem

Monat abgeschlossen worden, d.h. erst seit diesem Zeitpunkt steht sie als

Arbeitsinstrument zur Verfügung. Abgesicherte Ergebnisse liegen also im

Augenblick noch nicht vor. Aufgrund der bisherigen Erfahrungen können

aber doch schon einige Feststellungen getroffen werden:

1. Wenn man akzeptiert, daß es zwar generell unsinnig, bis zum Abschluß

der geplanten Veränderungen in der Akzession aber nicht zu vermeiden

ist, daß Referenten die für ihre eigene Bestellkartei benötigten Daten

noch einmal selbst erfassen müssen, bringt der PC-Einsatz bereits für

den Aufbau der Bestellkartei erhebliche Verbesserungen mit sich. Setzt

man durchschnittliche Fähigkeiten an der Schreibmaschine und

Grundkenntnisse der PC-Bedienung voraus, liegt der Zeitaufwand für

die »schriftliche« Datenerfassung zwischen der für das Alphabetisieren

und der für Alphabetisieren und Einlegen benötigten Zeit, wobei sich

das Verhältnis mit der Größe der Datei immer mehr zugunsten des PC

verschiebt.

2. Probleme mit der Speicherkapizät sind bisher nicht zu erwarten. Trotz

der relativ umfangreichen Maske für die Titelerfassung benötigen die

derzeit 4400 Titel erst ca. 1,2 Mb, die gesamte Datei einschließlich aller

Indices könnte bisher wahrscheinlich noch auf drei HD-Disketten

gesichert werden (das Sicherungsprogramm wurde prophylaktisch auf

fünf Disketten aufgeteilt und kann jederzeit ohne Aufwand erweitert

werden).

98

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


3. Bei der Suche im Verfasser- oder Titelalphabet sind die Antwortzeiten

sehr kurz; hier hat das Anwachsen der Dateien auch noch zu keinen

erkennbaren Verzögerungen geführt. Weniger günstig sind die

Zugriffszeiten bei den Datenbankverknüpfungen: während sie für den

Arbeitsplatz des Referenten noch akzeptabel sind, wäre das Programm

für die in der Akzession anfallenden Datenmengen wohl zu langsam.

Am wenigsten kann die sequentielle Suche befriedigen; sie führt zwar

zu guten Ergebnissen, erfordert aber so viel Zeit, daß man sie bei der

Durchsicht von Bestellunterlagen nur ausnahmsweise anwenden kann.

4. Die Annehmlichkeiten, die eine mit EDV geführte Bestellkartei dem

Referenten bietet, sind kein Luxus, sondern erhöhen durchaus die

Effektivität: je bequemer der Zugriff auf die Bestellkartei ist, desto

geringer ist die Neigung, sich auf sein Titelgedächtnis zu verlassen und

die Erwerbungsunterlagen »auf gut Glück« zu bearbeiten. Die Zahl der

für Referenten wie Erwerbungsabteilung unnötige Arbeit

verursachenden Mehrfachdesiderate wird ebenso reduziert wie die von

Bestandslücken aufgrund der irrtümlichen Annahme, einen Titel bereits

bestellt zu haben. Nebenbei wird durch das bereitwilligere und damit

häufigere Prüfen auch noch das Titelgedächtnis gestärkt.

5. Als Hilfsmittel zur Vorakzession am Arbeitsplatz des Referenten hat

sich die Datenbank voll bewährt. Da die Mitarbeiterinnen der

Erwerbungsabteilung dankenswerterweise bereit waren, alle Desiderate

auf Titel, die bereits in der zentralen Bestellkartei enthalten waren, mit

genauer Angabe der Bestelldaten zurückzuleiten, kann diese

Behauptung mit Zahlen belegt werden. Läßt man alle Titel

unberücksichtigt, die bei dem geschilderten Versuchsaufbau per

definitionem nicht erfaßt sein können (Bestellungen anderer Referenten

oder aus der Zeit vor 1990 sowie Redundanz oder Fehler bei den

Bestellunterlagen), so ergeben sich folgende Zahlen:

4 Titel fehlten in der Datei (offensichtlich waren die Bestelldurchschläge

verlorengegangen).

3 Titel wurden bei der Vorprüfung übersehen.

1 Titel wurde wegen eines Eingabefehlers nicht gefunden.

EDV-gestützte Bestellkartei des Fachreferenten

99


Die Zahl der in dieser Zeit vorgelegten Bestellungen wurde nicht genau

ermittelt; nach eigener Schätzung lag sie zwischen 500 und 600. Das

ergibt eine Fehlerquote von knapp über 1%.

6. Für die Auskunftstätigkeit des Fachreferenten bedeutet die am PC

geführte Bestellkartei wegen der vielfältigen Zugriffsmöglichkeiten eine

wesentliche Hilfe. Bei der Beantwortung der selten sehr willkommenen

Frage »Haben Sie vielleicht in letzter Zeit ein Buch zum Thema X

bestellt?« kann man auch die Schwerfälligeit der sequentiellen Suche in

Kauf nehmen, die die Bestellkartei zum Stichwortkatalog und damit

zum interimistischen Sachkatalog macht. Durch die Report-Funktion ist

auch der schnelle Ausdruck solcher Recherchen mittels Stichwörtern

und Verfassernamen möglich.

6. »Vorläufige Überlegungen«

Der vorstehende Überblick gibt den derzeitigen Stand und die bisherigen

ersten Erfahrungen wieder. Im folgenden werden einige weitere - denkbare,

aber noch nicht erprobte - Einsatzmöglichkeiten für eine EDV-gestützte

Bestellkartei aufgeführt. Die Liste ist sicher unvollständig, Vorschläge

werden daher dankbar entgegengenommen.

1. Die in der Bestellkartei erfaßten Daten können nach unterschiedlichen

Kriterien selektiert und nicht nur auf den Bildschirm ausgegeben,

sondern auch ausgedruckt werden. Es wäre daher möglich, die

verschiedensten Listen zu erstellen, z.B. für die Bestellungen eines

bestimmten Zeitraums (sozus. vorgezogene Neuerwerbungslisten) oder

abgestimmt auf die Bedürfnisse des jeweiligen Empfängers (Titel zu

einzelnen Epochen, Personen oder Stichworten).

2. Ein erhebliches Hindernis für eine erfolgreiche Erwerbungskooperation

besteht darin, daß bei Bestellungen der dezentralen Bibliotheken, soweit

sie nicht nicht vorher mit dem Referenten der Universitätsbibliothek

abgesprochen wurden, Bestände der Universitätsbibliothek häufig

unberücksichtigt bleiben. Zwar ist es möglich, die Bestellungen vorher

100

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


an den Katalogen der Universitätsbibliothek zu prüfen, und je nach der

Finanzlage und dem Grad der Kooperationsbereitschaft geschieht dies

auch, doch ist eine solche Prüfung sehr arbeitsaufwendig. Außerdem

fehlt damit immer noch die bei kontinuierlicher Erwerbungspolitik

wichtige Kenntnis der noch offenen Bestellungen, da eine Mitbenutzung

der Bestellkartei der Universitätsbibliothek in der Regel

nicht möglich ist. So wie es bisher teilweise üblich ist, daß der Referent

die Bestelldurchschläge des Seminars erhält und mit auswertet, könnten

durch einen Austausch jeweils aktualisierter Disketten an alle an den

Erwerbungsabsprachen beteiligten Partner unbeabsichtigte

Mehrfachbestellungen vermieden werden.

Nach einer Mitteilung des zuständigen Kollegen geschieht dies bereits

in der Verbundbibliothek der Theologie. Dort ist die Bestellkartei in

elektronischer Form installiert, der Austausch erfolgt durch Import der

jeweiligen Zugangsnummern von der Diskette. Die Bestellkartei wird

zum Abgleich für die Erwerbungen der Universitätsbibliothek genutzt

und durch Eingabe bewußt nur in der Fakultät gekaufter Titel ergänzt.

3. Als Alternative ist auch die Möglichkeit denkbar, die Titel für die

Bestellkartei nicht aufgrund der Bestelldurchschläge der Akzession zu

erfassen, sondern bereits bei der Durchsicht der Bestellunterlagen, und

dann diese Titel als Ausdruck an die Akzession weiterzugeben. Das

setzt allerdings voraus, daß der Referent über ausreichende RAK-

Kenntnisse für eine korrekte Ansetzung verfügt. Außerdem entsteht die

Gefahr, daß Angaben nicht berücksichtigt werden, die für die Akzession

bei der Prüfung an den Katalogen und aufgrund ihrer Vertrautheit mit

den Arbeitsabläufen bei den Lieferanten wichtig oder hilfreich sind,

ohne daß dies für Außenstehende erkennbar wäre. Im übrigen gehen Erfassungsfehler

dann zu Lasten des Referenten. Zwar wäre damit das

Problem der Mehrfachdesiderate bis zur Bearbeitung der Bestellung gelöst,

nur bedeutet das eine Verlagerung von Aufgaben der Vorakzession

auf den Referenten.

4. Wünschenswert wäre eine Reduzierung der Mehrfacherfassung. Sobald

die Bearbeitung der Bestellungen in der Akzession mit EDV erfolgt,

könnte die Weiterleitung von Bestelldurchschlägen an den Referenten

EDV-gestützte Bestellkartei des Fachreferenten

101


durch die Überspielung auf Disketten ersetzt werden.

5. Zu den Erwerbungsunterlagen der Referenten gehören neben dem

Werbematerial der Verlage auch Zetteldienste verschiedener

Lieferanten. Da diese alternativ auch auf Diskette angeboten werden,

wäre die Möglichkeit zu prüfen, diese Daten für die Bestellung zu

nutzen und sie gleichzeitig in die eigene Bestellkartei aufzunehmen

(sofern sich keine Ansetzungsprobleme ergeben). Dadurch ließen sich

sowohl Mehrfachdesiderate als auch Mehrfacherfassung vermeiden.

6. Eine weitere Form der Fremddatennutzung wäre der Abruf von Daten

aus dem Verbund. Zu den unter 5. genannten Vorteilen käme ein

weiteres Argument: bei Titeln, die so speziell sind, daß sie nicht in jeder

Bibliothek vorhanden sein müssen, wäre es auch möglich, die bereits

vorhandenen Nachweise aus dem Leihkreis in die eigene

Kaufentscheidung mit einzubeziehen.

Wie bereits erwähnt, läuft der Versuch noch zu kurz, um schon definitive

Aussagen machen zu können. Vor allem bestand noch keine Gelegenheit,

auch die weiteren Anwendungsmöglichkeiten zu erproben. Schon jetzt

kann aber festgestellt werden, daß eine solche EDV-gestützte Bestellkartei

am Arbeitsplatz des Fachreferenten die Zusammenarbeit zwischen diesem

und der Erwerbungsabteilung (und evtl. auch mit weiteren Partnern) für alle

Beteiligten effektiver gestalten und die Zwischenzeit bis zur Verwirklichung

umfassender Lösungen überbrücken kann.

102

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Albert Raffelt

1. Zwischen Fach und Referat

GEDANKEN ZUM FACHREFERAT

In Organisationsplänen von Bibliotheken sucht man meist vergeblich,

welche Stellung dem Fachreferenten eigentlich zukommt. In Leistungsberichten

taucht er selten auf. Selbst die neugegründeten

Universitätsbibliotheken - die ja z.B. besonders intensive Aufgaben im

Bestandsaufbau zu bewältigen hatten - haben ihm kaum die gebührende

Aufmerksamkeit gewidmet; eine Ausnahme stellen die diskussionsfreudigen

Kollegen in Konstanz dar 1 . Sieht man die INFORMATIONEN

des Freiburger Bibliothekssystems auf ihre Weise als repräsentativ für das

berufliche Leben an, so ist das gleiche Bild zu beobachten. Im Register der

(vor-)letzten zwanzig Hefte (Heft 31-50) taucht »Fachreferat« nur einmal

auf, »Fachreferate« zwar gleich doppelt so häufig, - aber zum einen heißt

das auch nur »zweimal«, zum andern geht es an diesen Stellen nur um die

Verteilung der Referate in Freiburg. Das Bild ändert sich auch nicht sehr,

wenn man das Register des Dokumentationsdienst Bibliothekswesen statt

desjenigen der INFORMATIONEN heranzieht. Die nicht ganz vergleichbare

Konstanzer Situation rettet dort die Statistik. So ist es vielleicht nicht ganz

überflüssig, über die Tätigkeiten des Fachreferenten am Freiburger Beispiel

zu berichten und nachzudenken. Die Darstellung mischt dabei

Tätigkeitsspektrum und Ereignisse, in der Hoffnung, das rätselhafte Wesen

auf diese Weise ein wenig anschaulicher machen zu können. Die Beispiele

stammen - ergänzt durch weitere Hinweise - aus dem eigenen Arbeitsfeld.

Sie sind daher bestenfallls als exemplarisch oder stellvertretend auch für

andere Fachgebiete, nicht als systematisch den Gesamtkomplex umschreibend

anzusehen.

1 Entsprechendes ist öfter in Bibliothek aktuell dokumentiert worden. - Die gegenwärtig

im Rundschreiben / VdDB ; VDB (1991) geführte Diskussion um berufspolitische

Themen hat natürlich auch Implikate, die in unseren Bereich gehören. Eine

Bestandsaufnahme des Spektrums »Fachreferat« scheint mir aber dort noch zu fehlen.

Der vorliegende Beitrag mag auch ein Baustein dafür sein.

103

Gedanken zum Fachreferat


Gehen wir dazu von dem aus, was den Fachreferenten seiner Ausbildung

nach von den anderen Sparten des gleichen Berufs eines Bibliothekars

an wissenschaftlichen Bibliotheken unterscheidet 2 .

2. Erwerbung

Setzt man das »Hegelsche« Prinzip der Sinnhaftigkeit des Bestehenden und

infolgedessen den Sinn eines fachwissenschaftlichen Studiums für die

bibliothekarische Tätigkeit des Fachreferenten voraus, so bleibt die Frage,

für welche Tätigkeiten fachwissenschaftliche Kenntnisse vonnöten sind 3 .

Es fällt einem zunächst wohl die Erwerbung ein. Doch ist die Sache

komplizierter, als es den Anschein haben mag.

Zum einen gibt es Hilfsmittel, die die Beurteilung von Literatur nach

bloß formalen Kriterien ermöglichen. Dabei ist nicht einmal an Rezensionsorgane,

auch nicht an bibliothekarisch zugeschnittene (Choice wäre zu

nennen), zu erinnern. Vielmehr muß auch der Fachreferent bei dem Übermaß

an Literatur, das er zu sichten hat, bloß formale Kriterien entwikeln,

die eine sinnvolle Entscheidung ermöglichen. Er lernt seine relevanten

Verlage kennen, traut entsprechend ihren guten Lektoraten und den

Prospekten mit einem Quentchen Skepsis; er entwickelt »Themengefühl«,

weiß oder glaubt zu wissen, was gebraucht und bestellt wird, und nützt die

quantifizierenden und objektivierenden Möglichkeiten zur Selbstprüfung

(die Durchsicht relevanter durch die Fernleihe eingegangener Titel; die Arbeit

mit Ausleihprofilen etc.).

Zum andern verringert sich die Relevanz vorauszusetzender

Fachkenntnisse anscheinend noch, wenn man eine Tätigkeit unter guten

finanziellen Rahmenbedingungen voraussetzt. Je mehr gekauft werden

kann, desto überflüssiger der Fachreferent, könnte man als Leitsatz

formulieren.

2 Wobei Fachreferent hier insoweit mit »Bibliothekar des höheren Dienstes an

wissenschaftlichen Bibliotheken« gleichgesetzt wird. Da die fachliche Qualifikation

Eingangsvoraussetzung ist und fast durchweg auch die Eingangstätigkeit bestimmt,

mag das erlaubt sein. Die Frage, inwieweit organisatorische Tätigkeiten die Qualifikationen

des höheren Dienstes voraussetzen, ist damit nicht angesprochen.

3 Vgl. auch A. RAFFELT: Wissenschaft, Spezialistentum, Fachreferat. In: INFORMATIONEN

46 (1990), S. 499-500.

104

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Die Argumentation läßt sich vom Wissenschaftsbetrieb her noch

verstärken. In einer normativen »klassischen« Kultur 4 kann man die

Auswahltätigkeit des Fachreferenten von seinen wissenschaftlichen Kenntnissen

her konstruieren. Beispiele reichen von Gabriel Naudés Avis à

dresser une bibliothèque bis zu Eppelsheimer 5 . In einer postmodernen

pluralistischen Kultur, wo mindestens angeblich das Feyerabendsche

anything goes gilt, geht das nicht oder jedenfalls nicht mehr so einlinig.

2.1 Das Fachprofil

Dennoch bleibt bestehen, daß der kompetente Aufbau des Buchbestandes

für ein Wissenschaftsfach an fachlichen Kenntnissen festzumachen ist. Im

Rahmen der hier vorausgesetzten Fächer, der Philosophie und der Theologie,

ist die Situation dabei unterschiedlich:

Die Philosophie ist ein einigermaßen streng umrissenes Fach; sieht man

von dem ominösen Omraan Mikhaël Aïvanhov und ähnlichem ab 6 , was

manchmal die Nationalbibliographien unter dieser Sparte füllt, streicht man

noch das weg, was als lebenskundliche Reflexion ohne wissenschaftliche

Methodik gelegentlich vorgelegt wird, so hat man im Grunde schon einen

reinen Kern fachlicher Literatur, der abzuwägen bleibt.

Die Theologie ist dagegen ein Fach mit wesentlich größeren »Rändern«:

Es beginnt bei populärem Schrifttum - auch sehr zweifelhaftem -, geht weiter

mit praktischem Schrifttum verschiedenster Absicht (vom

Meßdienerkalender bis zu offiziellen liturgischen Büchern), mischt sich mit

»angewandtem« Gut aus anderen Wissenschaften und umfaßt im streng

wissenschaftlichen Bereich schließlich ein großes Spektrum, das mit der

klassischen Dreiteilung der Theologie - historisch/biblisch, systematisch,

praktisch - nur grob angedeutet ist.

Die Übersicht zeigt, daß Profile für die fachliche Erwerbung unerläßlich

sind. Auch wenn sie nicht ausformuliert sind, strukturieren »Handlungsprofile«

allemal die Erwerbungsentscheidungen.

4 Vgl. hierzu etwa die einschlägigen Aufsätze in Bernard J. F. LONERGAN: A second

collection. London : Darton, Longman & Todd, 1974.

5 Vgl. W. KEHR: Gespräche über der StUB im alten Rothschildhaus. In: INFORMATIONEN

49 (1990), S. 595-599, hier 599, Spalte 2, Anfang.

6 Vgl. A. RAFFELT: Philosophie, - bibliographisch. In: INFORMATIONEN 44 (1989), S. 433.

105

Gedanken zum Fachreferat


2.2 Inhaltliche Abgrenzungen und Schwerpunkte

Solche Profile haben in der Fachstruktur ihren Ausgangspunkt. Von hier

aus läßt sich eine erste inhaltlichen Abgrenzung vornehmen. Um bei der

Theologie fortzufahren, so ist von vornherein klar, daß der

Meßdienerkalender auf der Negativseite, das offizielle liturgische Buch

(jedenfalls von den Freiburger Bedingungen her) auf der Positivseite steht.

Kurz: Das Erwerbungsprofil hat den Umfang der nicht mehr zu

sammelnden Literatur zu bestimmen; Ausgrenzungen ergeben sich durch

mangelnden wissenschaftlichen Wert, bloß »praktische« Ausrichtung

(soweit nicht die praktische Theologie solches z.B. als Anschauungsmaterial

erfordert, dazu später), mangelnde fachliche Relevanz (z.B. Sektenschrifttum),

mangelnden Bezug zu Sammelgut und Lehrumfang der

Freiburger Universität, zu periphere Thematik u.ä.m. Positiv ließe sich

manches in Umkehr des Gesagten formulieren. Im Wesentlichen käme es

aber darauf an, die fachlichen Bereiche möglichst präzis zu benennen, die

für die Freiburger Sammlung, für Forschung und Lehre (in Absprache mit

den Fächern) und für die Gesamtrepräsentation des Faches wichtig sind.

Wir wollen dies nun anhand der Philosophie ein Stück weiter treiben.

Da ein Teil der Grenzen für die Philosophie schon oben abgesteckt ist,

gleich einige Bemerkungen zum inhaltlichen Profil der Freiburger

Sammlung. Es ist wohl selbstverständlich, daß die Universitätsbibliothek

Leistungen der Universität von Weltgeltung in ihrem literarischen Niederschlag

entsprechend gründlich zu repräsentieren hat. In der Philosophie ist

dieser Fall zweifellos gegeben. Wenn die bedeutenden Neukantianer noch

andere Standorte - auch in Baden - vorzogen und in Freiburg bestenfalls

Station machten, so sind die Phänomenologie Husserls und Heideggers

Existenzialphilosophie bzw. sein - mit diesem Etikett nicht ganz zu

fassendes - philosophisches Werk überhaupt an Freiburg gebunden. Daß die

Universitätsbibliothek entsprechend umfangreich die Phänomenologie in

ihren Verzweigungen sammelt, liegt daher nahe. Da die Phänomenologie

eine lebendige philosophische Richtung geblieben ist und intensive

Kontakte etwa zur französischen Phänomenologie (Paul Ricœur, besonders

aber Emmanuel Levinas) in Freiburg auch gegenwärtig bestehen, ist hier

inzwischen eine beträchtliche Literatursammlung zustandegekommen. Die

Universität selbst pflegt diese Tradition auf vielfältige Weise. Die

106

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Freiburger Arbeitsstelle des Husserl-Archivs wäre zu nennen, die Feier der

Gedenktage der großen Freiburger Philosophen hat sich auch literarisch

niedergeschlagen, jedenfalls für Edmund Husserl 7 und Martin Heidegger 8 .

Die Sammeltätigkeit der Universitätsbibliothek hat dem zu entsprechen.

Die Dokumentation des etwa 800 Titel umfassenden Katalogs der

Sekundärliteratur zum Werk Martin Heideggers in den INFORMATIONEN ist

ein Nebenprodukt solcher Tätigkeit 9 . - Als ein etwas untypisches kleines

Beispiel einer solchen der eigenen Institution verpflichteten Sammlung mag

das Werk des deutschjüdischen Philosophen Felix Grayeff gelten, der in

Freiburg vor der Nazizeit studiert hatte, dessen Lebensweg über Australien

und Neuseeland nach England führte und dessen Nachlaß durch Vermittlung

des Philosophischen Seminars in die Universitätsbibliothek gekommen

ist. Die Schriften von Felix Grayeff sind selbstverständlich

komplettiert worden 10 . - Ein anderes Beispiel für die Pflege Freiburger

Tradition ist die Erwerbung nachgelassener Materialien zu dem Philoso­

7 Vgl. Edmund Husserl und die phänomenologische Bewegung. In: INFORMATIONEN 38

(1988), S. 240-242 und den Katalog der dort beschriebenen Ausstellung: Hans Rainer

SEPP (Hrsg.): Edmund Husserl und die phänomenologische Bewegung. Freiburg :

Alber, 1988.

8 Vgl. Edelgard SPAUDE (Hrsg.): Große Themen Martin Heideggers : Eine Einführung

in sein Denken. Freiburg : Rombach, 1990. - Als Beitrag zu solch universitärer

Traditionspflege, die durchaus in das Spannungsfeld eines Fachreferates fallen kann,

sei auch die Mitarbeit bei der Tagung der Katholischen Akademie der Erzdiözese

Freiburg zum 100. Geburtstag Martin Heideggers verstanden. Die heftige außerphilosophische

Diskussion um Heideggers Rektorat und seine Beziehungen zum

Nationalsozialismus mag hellhörig für manches machen; eine Auseinandersetzung mit

Heideggers Philosophie - und für den Fachreferenten: die Präsentation seines Werks

einschließlich der Rezeption und Auseinandersetzung - kann sie nicht ersetzen. Vgl.

A. RAFFELT (Hrsg.): Martin Heidegger weiterdenken. München : Schnell & Steiner,

1990.

9 Vgl. A. RAFFELT: Katalog der in der Universitätsbibliothek Freiburg vorhandenen

Sekundärliteratur zum Werk von Martin Heidegger (1989-1976). In: INFORMATIONEN

50 (1990), S. 659-667; 51 (1991), S. 705-715; 52 (1991), S. 759-763.

10 Die Edition seiner Autobiographie und die darin zusammengestellte Bibliographie

sind auch als Akt der Pietät und als Verpflichtung zur Veröffentlichung von Dokumenten

dieses beschämenden Teils unserer Geschichte anzusehen. Vgl. Felix

GRAYEFF: Migrant scholar : an autobiography / Eleonore ENGELHARDT ; Albert

RAFFELT (Hrsg.). Freiburg : UB, 1986 (Schriften der Universitätsbibliothek Freiburg

im Breisgau. 11).

107

Gedanken zum Fachreferat


phen Jakob Sengler im Jahre 1982 auf Vermittlung des Freiburger I. H.

Fichte-Forschers Hermann Ehret 11 .

Die inhaltliche Abgrenzung des im jeweiligen Fach zu Erwerbenden ist

im Vorangehenden einmal hinsichtlich der »Wissenschaftlichkeit«,

zweitens hinsichtlich lokaler oder regionaler Besonderheiten

angesprochen; letzteres berührt sich bei den konkreten Beispielen allerdings

mit Fragen der Forschungsschwerpunkte der Universität. Man könnte hier

fortsetzen. Die Renaissancephilosophie - von den Professoren Martin

Honecker bis Werner Beierwaltes besonders gepflegt - wird als Sammelgebiet

natürlich auch bei geänderten Forschungsinteressen zu pflegen sein, um

dem Bestand die nötige Kontinuität zu geben. Entsprechend werden neue

Schwerpunkte der Universität im Blick zu halten sein. So ist es mehr als ein

nützlicher Zufall, daß die Universitätsbibliothek beim gegenwärtigen

Interesse an mittelalterlicher Logik einen guten Reprintbestand der

neuzeitlichen Rezeption der mittelalterlichen Logik - zum Teil aus Institutsrückläufen

- anbieten kann, der selbstverständlich entsprechend

weitergeführt wird.

Ein ausgefeiltes Erwerbungsprofil (ein »implizites« auf seine Weise

auch!) wird noch andere Fragen dieser Art zu klären haben: Die großen

Traditionen können derzeit mit hoher Vollständigkeit der wichtigen Primär-

und Sekundärliteratur gepflegt werden. Dazu gehören auch Traditionen, die

in früheren Zeiten nach Ausweis der Bestände (aber auch der

philosophischen Veröffentlichungen aus Freiburg) nicht besonders intensiv

zur Kenntnis genommen wurden, z.B. die analytische Philosophie

angelsächsischer Prägung. Hier hat es einen Wandel des Interesses in der

kontinentalen Philosophie gegeben, der früher geschaffene Lüken bedauern

läßt. Durch Nachkäufe sind diese zwar vielfach geschlossen. Für die

Zukunft ist daraus aber sicher zu lernen, daß eine zu einseitige Fixierung

auf die aktuelle Forschung auch nicht angebracht ist 12 . Genauer ist zu überlegen,

wieweit die außereuropäischen Traditionen darzustellen sind; hier ist

11 Vgl. Ein Freiburger Philosoph. In: INFORMATIONEN 9 (1982), S. 4. Vielleicht sind diese

Materialien im Rahmen der Erforschung des Spätidealismus auch einmal für

Editionen von Bedeutung.

12 Zum Schutz der Vorgänger, in deren Amtszeit diese Lücken fallen, muß man

allerdings erwähnten, daß Inflation, knappe Devisen, Naziideologie und Kriegszeit

ebenso für diese Bestandslücken verantwortlich sind, die seit den Sechziger Jahren

allerdings zum Gutteil geschlossen werden konnten.

108

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


das Fachreferat Philosophie allerdings nicht mehr allein zuständig. Das

Problem, inwieweit der östlich Schulmarxismus zu dokumentieren ist, hat

sich praktisch erledigt. Ob die Auswahl in der Vergangenheit richtig war,

werden die historischen arbeitenden Wissenschaftler bald feststellen... 13 .

So ließe sich Sparte für Sparte, Tradition für Tradition, Fachgebiet für

Fachgebiet durchgehen. Die Beurteilung entsteht aus einem Raster, dessen

Koordinaten aus Fragen der Qualität und Relevanz gebildet sind, die sich

dann dem Gegenstand nach entsprechend differenzieren. Der fachlich

kompetentere Kollege hat hier sicher Vorzüge 14 . Die eigene Arbeit zeigt,

daß Wissenslücken die Arbeit erschweren und vermutlich auch das

Ergebnis geringwertiger machen, wenngleich die praktische Übung und

Erfahrung manches ausgleichen mag und die Formalität bibliothekarischer

Arbeit uns die Kunst der Auswahl auch nicht überbewerten lassen sollte.

Wenn sogar schon Lichtenberg feststellen konnte, daß die Kunst, Bücher zu

beurteilen, ohne sie gelesen zu haben, erstaunliche Fortschritte gemacht

hätte, sollte bibliothekarische Professionalität natürlich auch hierin einiges

leisten: aber eben nicht alles!

13 Im Erwerbungsprofil aus dem Jahre 1981 war formuliert worden: »Kauf nur mit

Einschränkungen, um repräsentatives Material vorrätig zu haben; aus diesem Grund

Kauf der zentralen Lehrbücher diverser Autorenkollektive in gößeren Abständen

(nicht jede revidierte Auflage).« Daß daneben versucht werden mußte, lebendiges

Philosophieren - auch wichtige historische Darstellungen - ausfindig zu machen,

versteht sich von selbst. Aus Freiburger Optik gehören dazu etwa die Arbeiten zu

Heidegger und Jaspers von Hans-Martin GERLACH, die lange vor der »Wende« eine

sachliche Beschäftigung mit Heidegger und der Existenzphilosophie in der früheren

DDR darstellten.

14 Was auch rechtfertigt, etwas »Komplexität« hinzunehmen: So ist das Fachgebiet

»Religionswissenschaft« in Freiburg von der »Theologie« abgetrennt, da durch eine

Kollegin mit einschlägigem Fachstudium bessere Voraussetzung gegeben sind als bei

einer Mitverwaltung durch den Theologen.

109

Gedanken zum Fachreferat


2.3 Institutionelle Bedingungen

Zu den Rahmenbedingungen der Erwerbung gehören wesentlich institutionelle

Konstellationen. An zweigleisigen universitären Bibliothekssystemen

ist das Vorhandensein einer eigenen zusätzlichen

Fachbibliothek eine der wesentlichsten und auffälligsten. Die Praxis der

Kooperation ist unten noch zu besprechen. Für die inhaltliche Seite der

Erwerbung ist die Fachbereichsbibliothek Entlastung wie Kontrolle.

Entlastung, insofern angenommen werden kann, daß forschungsrelevante

Literatur auch durch die Informationskanäle der Wissenschaft bekannt wird

und dadurch dort u.U. auch schneller vorhanden sein kann; Kontrolle, da

die Durchsicht der Erwerbungen der Fachbereichsbibliothek 15 einen

Einblick in das Interessenprofil der Fachwissenschaftler ermöglicht und

zugleich auch erlaubt, die formalen Verfahren der Zentralbibliothek

(standing order, Dissertationentausch u.a.m.) anhand von Einzeltiteln

wenigstens punktuell zu überprüfen.

2.4 Organisatorisch-technische Voraussetzungen

Wenigstens am Rande sei der Vollständigkeit halber noch erwähnt, daß die

Erwerbung des Fachreferenten in Großbibliotheken durch eine ganze Reihe

von organisatorischen Entscheidungen betroffen ist, die zunächst einmal die

Abläufe der Erwerbung bestimmen: Verfahren wie standing order oder

auch der Schriftentausch, interne Vorschriften über Geschäftsgangsabläufe

(zur Behandlung von Ansichtssendungen, zur Bearbeitung von

Geschenken...), formale Genehmigungsverfahren (Durchsicht sämtlicher

Bestellungen und Ansichtskäufe durch den Erwerbungsleiter). Diese

Vorgaben können leicht in inhaltliche Richtung ausgeweitet werden (etwa:

kein Kauf von Reprints, kein Kauf von »Readern«, keine pädagogische

15 In Freiburg für die Philosophie anhand der Durchschläge der Bestellzettel; zum

komplizierteren Verfahren und den intensiveren Absprachen in der Theologie unten.

Wirklich praktikabel ist das Einarbeiten der Erwerbungen der Philosophie allerdings

erst, seit die Elektronisierung der Bestellkartei die schnelle Möglichkeit des Abgleichs

und die Verzeichnung der »Überschüsse« der Philosophie ermöglicht

(Doppelbestände zum Bestand der Universitätsbibliothek werden nicht eingegeben,

wohl aber ist eine Übersicht über die Doppelkäufe mittels Durchsicht der Titel

nützlich.

110

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Literatur »für die Hand des Lehrers«...), wenn etwa nach Einsparungsmöglichkeiten

gesucht wird.

Es sei darauf hingewiesen, daß anderes fachliches Material u.U. auch

umgekehrt auf organisatorische Abläufe rückwirken kann. Ein solcher Fall

ist die Erwerbung von Ausstellungskatalogen im Fach Kunstwissenschaft.

Sie setzt einerseits vom Fachreferenten andere Formen der Ermittlung als

die üblichen voraus (z.B. wegen der Sponsoren - etwa aus- und inländische

Sparkassen -, deren Herausgebertätigkeit zum Teil bequem nur über die

Buchmesse festzustellen ist; regelmäßige Besuche wichtiger Kunstmessen

und -märkte, um die publizistischen Aktivitäten von Galerien zu erfassen;

regelmäßige Auswertung insbes. der überregionalen Presse hinsichtlich

Ausstellungsbesprechungen usw.), sie setzt anderseits bei der Erwerbungsabteilung

- will man Ausstellungspreise nützen, keinen Zeitverzug

durch Verlagsauslieferungen erleiden etc. - größere Flexibilität bei der

Beschaffung voraus.

2.5 Die historische Dimension

Eine wesentliche Voraussetzung für die fachliche Erwerbung liegt im

historischen Bestand des Hauses. Die Kenntnis dieses Bestands ist neben

der Alltagsarbeit kaum systematisch zu erwerben. Einzig im Fachreferat

Buch- und Bibliothekswesen war durch die Aufgabenkoppelung mit der

Inkunabelkatalogisierung (und der Drucke des 16. Jahrhunderts) eine

Situation gegeben, die eine sinnvolle Erweiterung des Bestands aus

Kenntnis des Vorhandenen ermöglicht hat. Insofern ist es als ein Glücksfall

anzusehen, daß die Mitarbeit am Handbuch der historischen Buchbestände

dies - wenn auch mit erheblicher Zusatzarbeit - auch für andere Fächer

ermöglicht hat. Die Ergebnisse waren zum einen zu erwarten: So ist die

starke Präsenz von Jesuitica nicht verwunderlich bei einer durch zwei

Jahrhunderte von diesem Orden bestimmten Universität. Trotzdem gibt es

auch hier im einzelnen durchaus unerwartete Bestände, so etwa - als

beliebiges Beispiel - das »Nest« zeitgenössischer Schriften zur Aufhebung

des Jesuitenorden in Portugal mit seinen Begleiterscheinungen 16 . Daß

regionales Schrifttum breiter vorhanden sein dürfte, war auch vorauszuset­

16 Vgl. dazu A. RAFFELT: War Pater Malagrida schuldig? In: INFORMATIONEN 42 (1989), S.

366-368.

111

Gedanken zum Fachreferat


zen. Trotzdem fanden sich auch hier überraschende Köstlichkeiten 17 . Anderes

differenzierte sich durch Durchsicht des Bestands: Die gute oder

schlechte [!] Auswahl an Originalausgaben relevanter Fachschwerpunkte

(etwa der großen deutschen Philosophen), der eher durchwachsene Bestand

bei der Neuscholastik des 19. Jahrhunderts und die noch wesentlich schwächere

Präsenz nicht linientreuer katholischer Theologie dieser Zeit...

Schließlich gab es auch Überraschungen, so etwa die - trotz aller Erwartungshaltung

- ungewöhnliche Dichte der katholischen gegenreformatorischen

Kontroverstheologie oder - um ein ganz anderes Beispiel

zu nennen - das Vorhandensein manch kleiner Publikationen, die als Quelle

heute eigenständigen Wert haben 18 .

Aus anderen Fächern ließen sich andere - ähnliche und unähnliche -

Erfahrungen berichten. So ergab die Bearbeitung des Faches Kunst einen

guten Bestand an Kunstinventaren und Denkmälerverzeichnissen, der zur

weiteren Pflege verpflichtet, eine Sammlung früher Architektur- und

Säulenbücher vor 1800, eine kleinere von Emblembüchern des 16. bis 18.

Jahrhunderts usw.

Das führt zu einer anderen Frage der Erwerbung. Im normalen

Berufsalltag ist das neue Buch der Erwerbungsgegenstand, die Präferenzen

gelten dem vielfach durch Ausleihe Umgeschlagenen. Hier wird die

Effizienz der Erwerbung gemessen. Die Sicht auf das Ganze des Bestands

ergibt aber die Verpflichtung, den Blick auch nach rückwärts zu schärfen

und zu versuchen, durch antiquarische Käufe das Überkommene zu

ergänzen. Die Forderung klingt einfach, sie ist aber nicht selbstverständlich

- jedenfalls außerhalb des frühen historischen Bestandes, der schon immer

eine Wertschätzung und Pflege weit oberhalb seines bloßen »Gebrauchswertes«

genossen hat und - wie schon erwähnt - in Freiburg in den

17 Vgl. etwa A. RAFFELT: Freiburger Predigerkritik. In: INFORMATIONEN 41 (1989), S. 338-

341 mit der Ergänzung 43 (1989), S. 394. Das schöne Beispiel eignet sich auch für

etwas Bibliotheksbestands-Werbung nach außen: Vgl. Freiburger Almanach 41

(1990), S. 90-93.

18 Ein Katechismus im bairischen Dialekt der »sette commune« im Gebiet von Vicenza -

vgl. INFORMATIONEN 37 (1988), S. 212-214 ist solch ein sprachgeschichtlich

interessantes Beispiel. - Daß daneben auch manches eher ins Curiose gehende

vorkam, zeigen etwa die 50 Confirmationsschein-Formulare, die sicher nicht die

praktische Theologie revolutionieren, aber dennoch inzwischen das Aufheben wert

sind, vgl. INFORMATIONEN 52 (1991), S. 742.

112

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


letzten Jahren auch kompetent und konsequent ergänzt worden ist. Nicht

ohne Grund hat Richard Landwehrmeyer hinsichtlich der (mangelnden)

Antiquariatskäufe sein plakatives Diktum von »unbemerkten nationalen

Skandal« geprägt 19 . Der antiquarische Buchkauf ist seither im allgemeinen

wohl nicht besser gepflegt worden. Im Gegenteil, die Diskussion um Buchschäden

und Papierzerfall führt zu einem apriori-Verdacht gegen die

Bücher bestimmter Jahrzehnte, der eher zur Abstinenz als zum verstärkten

Engagement führt. Ohne dieses Problem - an seinem Ort! - für gering

anzusehen, sollte hierdurch jedoch keine neue Barriere aufgebaut werden 20 .

2.6 Und nochmals: Qualität

Bei all diesen Überlegungen zur Erwerbung ist vorausgesetzt, daß der

Einzelkauf schließlich doch von einem wie immer gearteten Qualitätsurteil

getragen ist. Daß die Grenze dafür in mancher Hinsicht heute weiter

gesteckt ist als früher, ist zugegeben. Die postmoderne Buchwelt unterläuft

normative Urteile oft - und ähnliches mehr. Am Beispiel mag dies dikutiert

werden. So ist das Buch von Franz Alt Jesus, der erste neue Mann sicher

durch flüchtiges Anblättern als wissenschaftlich wertlos zu erkennen; die

Bekanntheit des Autors würde es auch noch nicht nötig machen, das Buch

zu kaufen. Selbst die Werte der Bestsellerliste reichten nicht aus. Erst durch

die öffentliche Diskussion - um Themen wie »der erste antisemitische

Bestseller seit dem Krieg in Deutschland« - machen ein erkennbar

schlechtes Buch zum Sammelgegenstand, sogar zum unverzichtbaren, will

19 In: Hochschulen und zu wenig Bücher. 1982 (AWL. 7), S. 26. - Vgl. A. RAFFELT: Zur

Frage antiquarischer Buchkäufe. In: INFORMATIONEN 36 (1987), S. 194-199.

20 Zur Frage nach praktischen Kriterien des Umgangs mit geschädigtem Bibliotheksgut

und zu Geschäftsgangsproblemen vgl. A. RAFFELT: Zum Geschäftsgang Buchschäden :

Die Problematik des Umgangs mit »Unreparierbarem«. In: Arbeitshilfen für

Spezialbibliotheken 6 : Einband und Buchpflege, Signaturen und Beschriftung. Berlin

: dbi, 1990 (dbi-materialien. 94), und: Geschäftsgang Buchschäden : Probleme und

Beispiele. In: INFORMATIONEN 51 (1991), S. 685-687. - Die sachgerechte Beteiligung

des Fachreferenten an den Aufgaben der Bestandserhaltung bis hin zur eventuellen

Makulierung wäre ein eigenes Thema. Daß die Stellraumbedarfs-Elle des

Wissenschaftsrats nicht einmal betriebswirtschaftlich das letzte Maß sein kann und

wie diffizil die Fragen der Aussonderung sind, zeigt W. KEHR: Vom Wachstum

wissenschaftlicher Bibliotheken : Die Empfehlungen des Wissenschaftsrates zum

Magazinbedarf. In: INFORMATIONEN 34 (1987), S. 120-126.

113

Gedanken zum Fachreferat


man nicht an den Forderungen der Zeit vorübergehen.

Unter der Hand hat sich das Qualitätsurteil also verschoben. Die

geforderte Qualität hat ihren Referenzpunkt eben manchmal nicht im

Objekt »Buch«, sondern im Vorgang »Forschung« (Forschungen zur

Trivialliteratur etwa setzen bei der Erwerbung andere Qualitätsurteile als

historisch gewohnt voraus) oder auch im Vorgang »Lehre« (hier wären

parallele, wenn auch inhaltlich anders gelagerte Beispiele etwa für

pädagogische Literatur zu nennen); sie setzt einen breiteren Kenntnisrahmen

voraus als bloßes Buchwissen. Zu diesem Rahmen gehört

unverzichtbar das Fachwissen; es gehören dazu aber auch institutionelle

Erfahrungen, besonders eben was den universitären Bereich angeht 21 .

Hier ließe sich dann anfügen, daß am Ende doch die Bildung des

Bibliothekars, die bei Leyh noch Gegenstand der Reflexion war, heute aber

einschlägig kaum genannt wird, entscheidend wichtig ist. Auch und gerade

die literarische Bildung 22 gehört dazu. Ein fachliches Beispiel mag die

Aufgabe sein, die Freizeitbücherei zu gestalten. Hier ist eine literarische

»Nase«, Kenntnis gesellschaftlicher Tendenzen und ihres Ausdrucks im

Buch, kurz ein auf intensiver Kenntnis und Lektüre beruhendes

Fingerspitzengefühl gefordert 23 .

21 Schwierigkeit der Einzelbuchbeurteilung hinsichtlich der Relevanz und der

Problematik der »Akzeptanz« macht auf schöne Weise folgender Aufsatz deutlich:

Wolfgang FALKE: Zum Innenleben eines Fachreferenten. Oder »Kindlers Enzyklopädie

Der Mensch«. In: Infothek (Ulm) Nr. 6 (1991), S. 4. Einzelbeispiele ließen sich wohl

täglich in einer Bibliothek finden.

22 An den eingangs zitierten Aufsatz von W. KEHR über Eppelsheimer wäre hier

nochmals zu erinnern. Eine aufmerksame Lektüre zeigt, daß manches aus historischer

Distanz etwas betulich Aussehende in Wirklichkeit unter anderen Vorzeichen ganz

aktuell ist. Und so ist es dort ja auch wohl gemeint.

23 Zur Konzeption der Freizeitbücherei vgl. Helmut KNUFMANN: Freizeitbücherei? In:

INFORMATIONEN 6 (1981), S. 1-2.

114

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


3. Kooperation mit den Fachbereichen

Daß Erwerbungsentscheidungen nicht in einsamer Zwiesprache mit dem

Buch sondern in einem institutionellen Geflecht stattfinden, führt uns gewissermaßen

nahtlos zu Fragen der Kooperation, wie sie in zweigleisigen

Bibliothekssystemen 24 heute wohl unvermeidlich gegeben sind. Daß dies

historisch nicht in gleicher Weise galt, ja auch engst benachbarte

Arbeitsbereiche früher eher »autonom« arbeiteten, ist andernorts skizziert

worden 25 . Die Einbindung in die Fachbereiche ist für den Referenten der

Universitätsbibliothek zunächst wieder einmal ein formales Geschäft. Die

gut zwanzig Jahre Bibliotheksarbeit in Freiburg, die wir hier im Blick

haben, haben verschiedene Modelle ausprobieren lassen. Zum Teil ist

darüber schon publiziert worden 26 . Erwerbungskooperation will zum einen

erreichen, daß der Einsatz der finanziellen Mittel für den Bücherkauf

möglichst wirkungsvoll für die Buchversorgung der Universität verwendet

wird. Ein Mittel dazu ist die möglichst große Titelbreite, ein weiteres die

gezielte Standortauswahl (was eben Absprachen erfordert); der Kontakt

ermöglicht zudem, gezielter Lehrbuchbestände aufzubauen u.a.m.

Wie ausgedehnt man Abspracheverfahren durchführen will, wie

»bürokratisch« sie geregelt sein sollen etc. hängt von mehreren

Komponenten ab. Neben der betrieblichen Effektivität gehören dazu auch

fachliche Voraussetzungen, die an das unter 2.1 Gesagte anknüpfen: Ein

(von der Literatur her!) relativ einfach strukturiertes Fach wie die

Philosophie, das zudem Grundlagenliteratur für die gesamte Wissenschaft

bietet, die - jedenfalls im Bereich der Geisteswissenschaften - auch faktisch

in den Lektürekanon anderer Fächer gehört, verbietet einen zu großen

Aufwand hinsichtlich der Auswahl von Titeln, die später ohnehin im

Bereich der Universität vielfach vorhanden sein müssen. Nimmt man die

eingeschränkten zeitlichen Möglichkeiten bei der Belastung durch andere

Aufgaben - anderes Fachreferat, organisatorische Tätigkeiten - hinzu, so ist

24 In eingleisigem natürlich auch, aber eben anders, weshalb wir diesen Bereich für

unsere Verhältnisse ausblenden.

25 Vgl. in Band 2 dieser Festschrift A. RAFFELT: Kleine Geschichte des Verbunds der

Institutsbibliotheken der Theologischen Fakultät.

26 Vgl. insbesondere den Versuch von Hermann J. DÖRPINGHAUS: Zur Praxis der

Erwerbungskooperation im Bibliothekssystem einer »alten« Universität. In: ZfBB 24

(1977), S. 405-427.

115

Gedanken zum Fachreferat


eine Reduktion hier sachlich vertretbar und betriebswirtschaftlich eigentlich

notwendig.

In einem komplizierten Fachgebiet wie der Theologie mit einem breiten

und teilweise diffusen Literaturangebot und einer komplexen Struktur der

Fakultät, ist ein größerer Aufwand zu rechtfertigen. Das im Artikel über die

Theologische Verbundbibliothek (vgl. Band 2) dargestellte Verfahren hat

folgende in unserem Zusammenhang wichtige Implikationen: Es bietet den

an den Absprachen Beteiligten möglichst umfassende Informationen.

Überhaupt setzt Absprache Titelkenntnis auf beiden Seiten voraus. Das

fachliche bibliographische Prae des Bibliothekars muß so eingesetzt werden,

daß die Beteiligten mit gleicher Kenntnis ihre Entscheidungen treffen.

Die zweiwöchentliche Verteilung aller Titel (ausgesondert sind allerdings

in einem ersten Arbeitsgang Peripheres, Populäres, Kinderbücher, formal

Auszuscheidendes [das können z.B. Übersetzungen aus dem Deutschen

sein] etc.) auf die Profile der Arbeitsbereiche soll dies leisten. Durch

weitgehende Verwendung von Zetteldiensten ist dies derzeit formal ziemlich

gut und bequem möglich. Der Rücklauf erlaubt in einem zweiten

Durchgang die Sichtung des Materials unter der Rücksicht des Kaufs: für

die Universitätsbibliothek; für die Fakultät trotz fehlenden Interesses der

Arbeitsbereichem falls dies notwendig erscheint (Lesesaal oder ggf. mit

abermaliger Rücksprache für die Arbeitsbereiche); hinsichtlich der Entscheidung,

ob Doppelbestand in Freiburg notwendig ist, sowie der sonstigen

notwendigen Kauf(vor)entscheidungen für die Erwerbung der

Universitätsbibliothek 27 .

Solche intensiveren Kooperationsverfahren sind wohl dort besonders

günstig durchzuführen, wo die Einbindung des Fachreferenten der

Universitätsbibliothek über die bloße Teilnahme an Kaufsitzungen

hinausgeht. Die Konstruktion in der Theologischen Fakultät, in der der

Fachreferent für Theologie gleichzeitig als organisatorischer Leiter der

Verbundbibliothek der Institute fungiert, scheint von daher günstig. Im

Grunde ist es hier nicht anders, als in den Bibliotheken selbst: Die

27 Nach dem Freiburger Verfahren ist formal der Erwerbungsleiter für den Kaufvollzug

zuständig. Der Fachreferent kann nicht aus seinem Kontingent Entscheidungen

treffen. Für die Praxis der Absprache bedeutet dies, daß der Fachreferent zum

effektiven Arbeiten praktisch voraussetzen muß, daß seine Sachentscheidungen

respektiert werden.

116

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Ortlosigkeit des Fachreferenten in der Hierarchie wird erst durch die

Koppelung mit organisatorischen Funktionen überwunden. Sie geben ihm

schließlich auch bei den fachlichen Entscheidungen mehr Gewicht.

Als Beispiel, wie Absprachen und Integration der Organisation einander

stützen können, mag die Erarbeitung eines Zeitschriftenkonzepts für Theologie

und Religionswissenschaft in Universitätsbibliothek und Fakultät

gelten. Es sollte das in Freiburg Vorhandene - der Schwerpunkt liegt hier in

der Fakultät - überprüft und sachgemäß ergänzt werden. Die Referenzliste

der zu überprüfenden Zeitschriften konnte relativ leicht mit Hilfe der im

Tübinger Sondersammelgebiet erstellten Dienste geschehen 28 . Für manche

Titel gab die Fernleihfrequenz, die in der Dienststelle mit einer Titelkartei

festgehalten wird, Anhaltspunkte. Da Benutzung von Information abhängig

ist, ist dieses Mittel aber von begrenztem Wert. Die Überprüfung der Titel,

die Beschaffung von Ansichtsbänden durch die Fernleihe, die Absprache

mit den Fachvertretern der Fakultät durch die Fachreferentin für

Religionswissenschaft und den Fachreferenten für Theologie führte auch

deshalb zu einem konzisen Ergebnis, weil die bibliothekarische Verwaltung

der Verbundbibliothek Theologie die Abwicklung eines solchen Projekts

auf Seiten der Fakultät relativ problemlos durchführbar machte. Die letzten

Jahre haben das Ergebnis faktisch auch als ausgewogen bestätigt.

Kooperation der Bibliothek mit den Fachbereichen beschränkt sich aber

nicht auf den Erwerbungsbereich und Fragen der Bibliotheksorganisation.

Ein besonders Feld, das sich hierfür anbietet, ist die Benutzerschulung. Da

sie allerdings die Fragen der Kooperation überschreitet, stellen wir sie unter

eine eigene Überschrift.

28 Vor allem des Zeitschrifteninhaltsdienst Theologie.

Gedanken zum Fachreferat

117


4. Benutzerschulung

Zweifellos ist sie eine allgemeine Aufgabe der Bibliothek. Es kann hier also

nur um die fachliche Ergänzung dessen gehen, was durch Merkblätter (auch

im Bereich der Fakultätsbibliotheken, vgl. in Band 2 den Beitrag über die

Theologie), allgemeine Führungen u.a.m. ohnehin von der Bibliothek geleistet

wird. Im Rahmen unserer fachlichen Aufgaben bleiben im Grunde zwei

bzw. drei Formen:

Die erste wäre das Einbringen der bibliothekarischen Themen in

Proseminare der Fakultät. Es geht dabei vor allem um Fragen der

allgemeinen und fachbezogen Bibliotheksbenutzung, dabei insbesondere

auch um die Frage der fachlichen Literatursuche. Für die beiden Fächer der

Philosophie und Theologie sind dafür Merkblätter mit einer kurzen

Übersicht zur Allgemeinbibliographie und zur Fachbibliographie

angefertigt worden. Darüber hinaus wird der Sachkatalog erklärt und zu

seiner Benutzung angeleitet. Je nach zur Verfügung stehender Zeit lassen

sich dann weitere allgemeine Fragen der Bibliotheksbenutzung besprechen.

Das gleiche wäre - zweitens - natürlich auch in einer eigenständigen

Veranstaltung als fachbezogene Einführung zu leisten und ist im Bereich

Philosophie auch schon so angeboten worden. Wichtig war dabei die

Unterstützung durch den Fachbereich in Form von Ankündigungen.

In Fächern, bei denen die bibliographische Erschließung weniger gut

geregelt ist - wie bei der Slavistik -, bieten sich solche Kurzveranstaltungen

geradezu an und werden durchgeführt. Wo noch schwierigere

Darbietungsformen der bibliographischen oder sonstigen fachlichen

Nachschlagewerke hinzukommen, wie beim Marburger Index in der

Kunstwissenschaft oder auch beim Beilstein und den Chemical Abstracts in

der Chemie, kam es ebenfalls zu solchen Veranstaltungsformen.

Die bekannte Problematik dieser Art Veranstaltungen liegt im

»Trockenkurs«-Syndrom«. Formale Kenntnisse sind nur für »geborene

Bibliothekare« (und die gibt es bekanntlich nicht) und für verwandte

Menschentypen ohne Anwendung anschaulich zu machen. So liegt es -

drittens - nahe, anhand praktischer Übungen die Formalia einzubringen. In

Proseminaren 29 unter dem Titel »Einführung in das wissenschaftliche

29 Die Frage nach dem günstigsten Zeitpunkt im Studienablauf verdient eine eigene

Reflexion, was hier aber entfallen muß.

118

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Arbeiten« ist das in der Theologie seit Anfang der 80er Jahre versucht worden.

Der allgemeine Teil ist publiziert worden 30 , im speziellen Teil werden

Interpretationsaufgaben durchgeführt. Die berufliche Beschränkung bringt

es mit sich, daß man hier auf ein Repertoire angewiesen ist, dessen Umfeld

man kennt und das genügend leicht zu bewältigende Fragestellungen bietet.

In den letzten Jahren sind dazu die in ihrer Werk- und Interpretationsproblematik

sehr geeigneten Pensées von Pascal herangezogen worden.

Das Modell hat u.E. den Vorzug, an Beispielen praktische Erfahrungen

vermitteln zu können. Soll wirklich der »Trockenkurs-Effekt« vermieden

werden, so ist jedoch eine nicht ganz gering zu veranschlagende Begleitung

der Studenten nötig. Insofern wäre vermutlich die Schulung von Fortgeschrittenen

ein befriedigenderer Weg. Gunther Franz hat das in seinem

genannten Aufsatz geschildert.

30 Vgl. A. RAFFELT: Proseminar Theologie. Einführung in das wissenschaftliche

Arbeiten und in die theologische Bücherkunde. 4., völlig neubearb. Aufl. Freiburg :

Herder, 1985. Das Buch geht zurück auf frühere Lehrveranstaltungen als Assistent am

Dogmatischen Seminar der Theologischen Fakultät. - Besonders anregend zum

Thema ist der Bericht von Gunther FRANZ: Benutzerschulung und Literatursuche für

Fortgeschrittene und Graduierte. In: ZfBB 29 (1982), S. 101-109.

119

Gedanken zum Fachreferat


5. Sachauskunft, Sachkatalog, Sachrecherchen

Bei der Benutzerschulung ging es schon kräftig um »Sachen«; die

Verdreifachung der »Sache« soll nun optisch so etwas wie einen gehobenen

Zeigefinger darstellen: Sachliche Kenntnisse sind ja nicht nur

Entscheidungsvoraussetzungen - wie etwa bei der Erwerbung -, sie sind

auch weiterzugebendes Kapital.

Es ist dabei selbstverständlich, wenn auch relativ unauffällig im

Tageslauf, daß es in Universalbibliotheken fachliche Auskünfte gibt. Dokumentiert

wird das selten. Zum Informationssystem des Hauses gehört es

unabdingbar.

Die neuen Technologien ergänzen dies, sie ersetzen es nicht. So gehört

der Umgang mit der CD-ROM (abhängig vom faktischen Angebot der

Bibliothek) dazu, wenngleich dies wohl eher eine »Anschub-Informatisierung«

im Rahmen der Benutzerschulung (in Gruppen oder einzeln)

darstellen dürfte, da bei fachlich vorgebildeten Benutzern die formalen

Kenntnisse - soweit sie nicht schon mitgebracht werden - auch oder gar

besser bei den Auskunftsstellen vermittelt werden können.

Die Recherche im Südwestverbund ist im Rahmen der Freiburger

Fachreferate derzeit noch die Ausnahme, was mit dem relativ späten

Anschluß an den Südwestverbund und der Geräteausstattung zusammenhängt

(die fehlende Sacherschließung dieses Datenpools stellt natürlich

eine weitere Eingrenzung seiner Relevanz in unserem Zusammenhang dar).

Zudem hat die Entscheidung, eine eigene Informationsvermittlungsstelle im

Haus einzurichten, bewirkt, daß fachliche Recherchen hier durchgeführt

werden. Die Bewegungen im Datenbankbereich werden hier aber ganz

sicher bald verschiedene Lösungen nebeneinanderstellen.

Diese Überlegungen sind nicht aus einem Konkurrenzdenken skizziert;

vielmehr führen Sachrecherchen von sich aus zu fachlichen Fragen, die

auch bislang ggf. vor Recherchen besprochen werden mußten. Für den

Fachreferenten ist wohl wesentlich, daß er sich dem Problem der

Vermittlung von technischen Möglichkeiten und fachlichen Kenntnissen

nicht entzieht, sondern in seinen Informationsdienst die erreichbaren

Techniken einfügt.

Nach diesen Vorläufen den Schritt zum Sachkatalog zurück zu tun, fällt

nicht ganz einfach, da die Situation der Freiburger Sacherschließung noch

120

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


gänzlich traditionell geprägt ist. Eine Übersicht über die Freiburger

Anwendung des Systems von Eppelsheimer ist an anderer Stelle gegeben.

Die großen Leistungen der Bearbeiter in der Sachkatalogstelle in der Pflege

und Überarbeitung dieses Katalogs haben ein praktikables Instrument

daraus gemacht. Trotz der großen Flexibilität dieses Systems (pointiert

gesagt könnte man ihm eine anarchische Komponente zubilligen) und der

dadurch bedingten leichten Handhabbarkeit für den Katalogisierenden ist es

aber unbefriedigend, neben einer EDV-Formalkatalogisierung weiter

traditionell zu arbeiten. Vollends unhaltbar wäre der jetzige Zustand, wenn

der Benutzer in einem Bildschirmkatalog (OPAC) gleichzeitig die Daten

der alphabetischen Katalogisierung online recherchieren könnte. Die Übertragung

des Eppelsheimer-Katalogs in die EDV mag anderswo (Saarbrücken)

sehr verdienstlich und als Hauslösung praktikabel sein. Regionale

alphabetische Katalogisierung einerseits und lokale Sachkatalogisierung

anderseits - zudem bei gleichzeitigem umfassendem Fremddatenangebot

für alle deutschsprachigen Titel durch die Beschlagwortung der Deutschen

Bibliothek nach den Regeln für den Schlagwortkatalog (RSWK) - erscheinen

aber doch als Skurrilität. Des weiteren stände dieses Fremddatenangebot

auch für alle Katalogisate in Fachbereichen zur Verfügung, in

denen derzeit die Literatur vielfach nur durch die Aufstellung sachlich

erschlossen wird. Die Diskussion um die Schwächen der Regeln für den

Schlagwortkatalog (RSWK) 31 ist sicher notwendig, da solche Instrumente

nicht für Jahrhunderte geschaffen sind und sich selbstverständlich Anwendungsvoraussetzungen

geändert haben und ändern werden. Es gibt aber

auch Alibi-Diskussionen, die Entscheidungen nur verzögern. Aus diesen

Gründen ist der Verfasser der Meinung, daß die Möglichkeiten regionaler

Sacherschließung in Baden-Württemberg baldmöglichst genutzt werden

sollten 32 .

31 Es scheint mir nicht so entscheidend wichtig, ob man in einem Katalog erkennen

kann, ob ein Buch den Fall behandelt, daß ein U-Boot einen Zerstörer beschießt oder

den anderern, daß ein Zerstörer ein U-Boot beschießt, obwohl das für die Beteiligten

natürlich einen erheblichen Unterschied darstellt! Vgl. In: Bibliotheksdienst 25

(1991), S. 188. Die Wünschbarkeit anderer, dokumentarischer Formen der

Sacherschließung bleibt davon ganz unberührt.

32 Zu den mühsamen Ansätzen im Lande vgl. A. RAFFELT: Sachkatalogisierung, RSWK,

Verbund : Fortbildungsveranstaltung des Landes in Oberwolfach. In: INFORMATIONEN

45 (1989), S. 455-456 und die Besprechung des Berichtsbandes dieser Tagung in

121

Gedanken zum Fachreferat


6. Bestandsdarbietung

Um den Eindruck zu vermeiden, mit der Erwerbung und Sachkatalogisierung

seien die Pflichten des Fachreferenten erledigt, sei dieser Punkt

eigens ausformuliert und aus dem Rahmen der Erwerbung

herausgenommen.

Das Vorhandensein des Titels allein genügt noch nicht zu einer

effizienten Literaturversorgung. Vielmehr gehört die rechte Bestandsdarbietung

dazu. Grundsatzentscheidungen wie die Einrichtung des

Freihandmagazins gehören zu den »historischen« Voraussetzungen der

Arbeit in Freiburg. Die Kriterien, welche Literatur in das Tiefmagazin

»abgesenkt« werden soll, welche in Freihand aufzustellen ist, gehören aber

zum Alltag. Die Entscheidung wird nach bestimmten Kriterien (Sprachen,

Literaturgattungen, Umfang) entweder formal vorgenommen oder im

Einzelfall vom Fachreferenten entschieden (z.B. bei Geschenken).

Auffälliger für den Benutzer sind die Entscheidungen, die der

Fachreferent hinsichtlich der in Freihand zugänglichen Präsenzbestände

trifft, also hinsichtlich des Lesesaals (LS) und der Nachschlagewerke,

Bibliographien etc. in der sogenannten »Handbibliothek der Auskunft«

(HBA). Für den Lesesaal waren - angesichts der damals als ungemein

großzügig angesehenen Aufstellungsmöglichkeiten - Kriterien zu

entwickeln, die über das in älteren Universitätsbibliotheken - etwa dem

Freiburger Vorgängerbau - Übliche hinausgingen 33 . Die Prinzipien haben

sich - bis auf kleinere Retuschen (etwa Änderungen in der Abgrenzung von

LS und HBA) - als praktikabel erwiesen.

Allerdings ist die Erstellung eines Lesesaalbestandes - anders als zu

Zeiten der normativen Bibliothek in Gabriel Naudés Avis - nichts, was langfristig

ohne Pflege und Änderungen, ohne Ausarbeitung und Anpassung an

neue Gegebenheiten auskommen kann. So ist der Wechsel von

Fachreferaten häufig der Anlaß zu mehr oder minder großen Retuschen, -

vielfach durch rein organisatorische Vorgaben eingeschränkt (die

problematische Darbietung von Theologiegeschichte und Kirchengeschichte

im »LS Rel« erklärt sich etwa aus den eingeschränkten

INFORMATIONEN 49 (1990), S. 610-613.

33 Vgl. die in den INFORMATIONEN 7 (1981), S. 8-9 mitgeteilten »Kriterien für die Lesesaal-

Buchauswahl«.

122

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Möglichkeiten, einen einmal installierten Bestand bei geänderten Interessen

umzubauen). Qualifizierte Benutzerwünsche können Gründe für Änderungen

abgeben oder Planungsvorhaben wesentlich stützen. Änderungen im

universitären Bereich (z.B. die Einrichtung des Frankreichzentrums)

erfordern auch hier ergänzende Maßnahmen (sei es die Neuaufstellung von

Literatur, seien es Benutzungshilfen).

Gedanken zum Fachreferat

123


7. Ortlosigkeit des Fachreferenten?

Das Eingangsszenario ist durch den Rundgang durch das Fachreferat nicht

bereinigt worden. Vielleicht ist aber das Tätigkeitsspektrum anhand

konkreter Beispiele etwas deutlicher geworden. Vielleicht ist klar

geworden, wie intensiv die einzelnen Komponenten in andere Zusammenhänge

eingebunden sind. Das macht es nötig, die Stellung des

Fachreferenten nicht bloß von seinem Fach und den klassischen

Komponenten - Erwerbung, Sachkatalogisierung - her zu sehen. Es gehört

ein institutionelles Umfeld dazu, das die Einbindung seiner Tätigkeiten in

das Ganze der verschiedenen Felder ermöglicht. Innerhalb der Bibliothek

ist ein effizienter Informationsaustausch nötig, um den fachlichen und

bibliothekspolitischen Rahmen seiner Arbeit überblicken zu können. Hier

wäre etwa über Zweck und Funktion der Referentensitzung 34 zu reden.

Das in der Universitätsbibliothek Freiburg allgemein als sinnvoll

erkannte Aufgeben einer eigenen Kaufsitzung innerhalb der Bibliothek

erfordert eine andere Form, grundlegende Fragen der Erwerbung zu besprechen.

Konzeptionelle Arbeit ist auch in einem effizienten System

immer wieder neu zu leisten. Die verschiedenen Erfahrungen fachlicher

Art, vor allem aber die verschiedenen Gestaltungsmöglichkeiten, die

unterschiedliche Funktionen in Universitätsbibliothek und Bibliothekssystem

mit sich bringen, müssen an einer Stelle effizient vermittelt

werden.

Die schwache institutionelle Stellung des Fachreferenten, wie sie aus

der Literatur zu entnehmen ist, verlangt derartige Strukturen. Es ist die

Kunst einer effizienten Bibliotheksführung, solche Strukturen zu schaffen,

zu pflegen und zu erneuern und Sinn eines Festschriftenbeitrags für

Gelungenes zu danken.

34 Die Frage des Steuerung von Informationen beschränkt sich natürlich nicht auf den

Kreis der Fachreferenten. Der Abdruck der einschlägigen Protokolle in UB intern für

alle Mitarbeiter zeigt dies. Die INFORMATIONEN als Mitteilungsorgan für das ganze

Bibliothekssystem suchen von ihrer Konzeption her (vgl. etwa das »Vorab...« zum

Heft 50, 1990 und in Band 2 dieser Festschrift A. RAFFELT: Die Publikationen der

Universitätsbibliothek) das ihrige zu einem besseren Informationsfluß beizutragen.

124

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Hansjürgen Maurer

SONDERARBEITEN DER KATALOGABTEILUNG 1967-1991

Aus einer Katalogabteilung ist in der Regel wenig Interessantes zu

berichten. Die Routine überwiegt, im Bereich Monographien stellt die täglichen

Hausaufgaben die Erwerbungsabteilung in Form des Neuzugangs, bei

den Zeitschriften steht die Bestandspflege im Vordergrund. Als besonderes

Ereignis in jüngster Zeit, weit weg von der Alltagsroutine, kann die

Umstellung auf die Online-Katalogisierung in beiden Bereichen angesehen

werden oder auch der Beginn der retrospektiven Konversion alter Titelkarten.

Über den Einstieg in die Online-Katalogisierung im SWB-Verbund im

Jahre 1990 hat Hilmar Werth im letzten Heft der INFORMATIONEN berichtet 1 ,

die Umstellung der Zeitschriftenkatalogisierung vom Offline- auf Online-

Betrieb sowie die ersten Erfahrungen mit der im gleichen Jahr begonnenen

retrospektiven Konversion behandeln die auf diesen Bericht folgenden Beiträge

von Christoph Hermann und dem Verfasser.

Trotzdem gibt es außer diesen sehr einschneidenden Ereignissen im

Rückblick auf die Jahre seit dem Amtsantritt von Wolfgang Kehr auch in

der Katalogabteilung einige weitere, eigentlich sogar zahlreiche Arbeiten,

die außerhalb der üblichen Alltags-Routine liegen. Über die umfangreicheren

dieser Sonderaufgaben soll im folgenden eine knappe Übersicht

gegeben werden. (Ausführlicheres dazu läßt sich in vielen Fällen in den

INFORMATIONEN nachlesen). Ausgeklammert bleiben neben kleineren

Sanierungsarbeiten auch die inzwischen weitgehend zur Routine gewordenen

Sonderbereiche der Non-Book-Bearbeitung mit den Schwerpunkten

Mikrofilm und Schutzverfilmung, Tonträger und Video.

Die von der Katalogabteilung in nahezu 25 Jahren geleisteten Sonderarbeiten

lassen sich fast alle unter den Schlagwörtern »Neustrukturierung«

oder »Sanierung« einordnen. In vielen Fällen war dabei die Katalogsanierung

zugleich mit einer grundlegenden Sanierung des zugehörigen

1 WERTH, Hilmar: Ein Jahr Katalogisierung im Südwestdeutschen Bibliotheksverbund

(SWB). In: INFORMATIONEN 52 (1991), S. 755-758.

Sonderarbeiten der Katalogabteilung

125


Bestandes verbunden. Daß diese Arbeiten überwiegend aus eigenen Kräften

der Universitätsbibliothek, d.h. in vielen Fällen ohne zusätzliche Mittel

oder Planstellen, neben den Alltagspflichten erledigt werden konnten, ist

dabei aus der Sicht von heute fast ein Wunder und eigentlich nur durch die

große Motivation aller Beteiligten erklärbar.

1. Die Weichenstellung der ersten Jahre

Schon vor der endgültigen Bewältigung unglaublicher Rückstände bei der

Katalogisierung des Neuzugangs 2 begannen die ersten Sonderprojekte, die

alle darauf abzielten, offensichtliche Strukturmängel im Katalogbereich der

Universität schnellstmöglich zu beseitigen. Ein Teil dieser Arbeiten

erstreckte sich dabei bis in die jüngste Zeit (Katalogsanierungen in der

Universitätsbibliothek und im Bibliothekssystem), andere konnten z.T. in

kürzester Zeit erledigt werden.

1.1 Beginn der Sanierung der UB-Kataloge

Noch 1968 besaß die Universitätsbibliothek Freiburg neben dem erst in

diesem Jahr den Benutzern allgemein zugänglich gemachten Katalog der

Dissertationen insgesamt drei verschiedene Alphabetische Kataloge der

Monographien: einen alten Katalog bis zum Jahr 1929 (im Benutzungsbereich

noch als Bandkatalog!), einen mittleren Katalog für die Jahre

1930-1959 und einen neuen Katalog, der 1960 begonnen wurde.

Im November 1968 startete das erste Teilunternehmen, die Zusammenlegung

der ca. 150.000 Titelkarten des mittleren Kataloges mit dem

neuen Katalog. Die Arbeiten hierfür konnten nach knapp drei Jahren

abgeschlossen werden.

Im Anschluß daran begannen 1971 die Vorbereitungen und die ersten

Testläufe für die wesentlich aufwendigere Einarbeitung des alten Kataloges,

für die zunächst klare Arbeitsrichtlinien erstellt werden mußten, um

2

KEHR, Wolfgang: Der Aufbau eines Bibliothekssystems. In: Freiburger Universitätsblätter

Heft 42 (1973), S. 39-68. Kehr berichtet zum Ende des Jahres 1967 über

einen Arbeitsrückstand von 22.000 neuen Monographien und von über 22.000

neueren Dissertationen.

126

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


den immensen Aufwand für notwendige bibliographische Normierungen

und Verbesserungen der Altkatalogisate in vertret- und damit machbaren

Grenzen zu halten. Diese zusätzlichen Arbeiten waren erforderlich, da es

sich bei dem Alten Katalog um Titelaufnahmen aus der Zeit vor der

Anwendung der Preußischen Instruktionen handelte.

Die Arbeiten an dieser Zusammenlegung sollten sich dann über 13

Jahre hinweg erstrecken (s. 3.1).

1.2 Erweiterung des FZV

Das Freiburger Zeitschriftenverzeichnis (FZV), das 1962 in erster Auflage

für den Teil Naturwissenschaften/Medizin und 1967 für die Geisteswissenschaften

erschien, wurde mit Hochdruck und intensiver

Kontaktpflege auf insgesamt 150 Bibliotheken aus dem Bereich der Hochschulregion

erweitert. Schon im Jahre 1971 erschien dann erstmalig eine

Gesamtausgabe des Freiburger Zeitschriftenverzeichnisses mit allen Beständen

(auch der Universitätsbibliothek) in einem Alphabet mit insgesamt

38.000 Titel-Nachweisen.

1.3 Aufbau des Freiburger Gesamtkataloges

Ergänzend zum Nachweis der Zeitschriftenbestände und damit zur weiteren

Verbesserung der lokalen Literaturerschließung und -versorgung begann

1971 der konzentrierte Auf- und Ausbau des Freiburger Gesamtkataloges

der Monographien teils durch Zusammenlegung vorhandener Titelkarten,

oftmals aber auch unter gleichzeitiger Sanierung der anzuschließenden

Institutsbibliotheken sowie der Bildung größerer Betriebseinheiten in Form

von Fachbereichs- und Fakultätsbibliotheken. Es sei hier auf die Darstellung

von J. Amedick in diesem Sonderheft der INFORMATIONEN verwiesen.

2. Die Aufbauzeit der 70er Jahre

In der ersten Hälfte der 70er Jahre konzentrierte sich die Katalogabteilung

auf die begonnenen Sonderarbeiten, das war zum einen der weitere Ausbau

von Zeitschriften- und Monographien-Gesamtkatalog, zum anderen die

Sonderarbeiten der Katalogabteilung

127


mühselige Weiterarbeit an dem Großprojekt Katalogzusammenlegung.

Mitte der siebziger Jahre drängte sich eine neue Sonderarbeit in den

Vordergrund, der Aufbau eines großen Präsenzbestandes an Monographien

und Zeitschriften für die zukünftigen Lesesäle des Neubaus.

Die umfangreichen Arbeiten wurden unter großem Termindruck

durchgeführt, so daß die anderen Sonderaufgaben zeitweilig vollständig

ruhen mußten.

2.1 Aufbau großer Präsenzbestände

Paralell zum Beginn der Arbeiten am Neubau der Universitätsbibliothek

begannen auch die Vorbereitungen zum Aufbau großer Präsenzbestände,

die zur Einrichtung eines eigenen Arbeitsbereiches, der sog. Sonderaufstellung,

führte. In einer großen Kraftanstrengung konnten für die neuen

Lesebereiche des Neubaus bis zum Einzug im Herbst 1978 bearbeitet

werden (inklusive aller notwendigen Arbeiten im Bereich der Kataloge und

Sonderkataloge): 47.000 Monographien der einzelnen Fächer für die Lesesäle

und den Sonderlesesaal, 1.600 Zeitschriftentitel mit den Beständen ab

1968 (fast 20.000 Bände) sowie 25.000 Bände der Bibliographischen

Auskunft.

Durch den weiteren Ausbau sind diese Bestände heute auf nahezu das

Doppelte angewachsen: In den Lesebereichen stehen insgesamt 120.000

Bände Monographien sowie 38.000 Bände Zeitschriften (1.800 Titel mit

den jeweils letzten 20 Jahrgängen).

2.2 Weiterer Ausbau des FZV

Im Jahre 1974 wurde nochmals ein komplettes Freiburger Zeitschriftenverzeichnis

in gedruckter Form mit auf über 40.000 Titel angewachsenem

Bestand herausgebracht und 1976 durch ein Supplement mit

über 6.000 Titeln ergänzt. Bis Ende des Jahrzehntes war das zunächst nur

als Zettelkatalog weitergeführte Zeitschriftenverzeichnis auf rund 55.000

Titel angewachsen. Aus diesen Zahlen läßt sich der stetige Ausbau der Zeitschriftennachweise

im Bibliothekssystem und in der Hochschulregion

ablesen.

128

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


3. Der Umbruch zum EDV-Zeitalter in den 80er Jahren

Während die 70er Jahre durch das weitgehende Überwinden der Strukturmängel

im Katalogbereich der Universität charakterisiert sind, brachten

die 80er Jahre bei den Monographien neben dem Abschluß der langwierigen

Katalogzusammenlegung zahlreiche Sanierungsarbeiten im sicheren

Bewußtsein, »daß die EDV kommt« und dann Altbestandssanierungen gar

nicht oder nur noch schwer möglich sein werden.

Die Zeitschriftenkatalogisierung dagegen war im Hinblick auf

technische Innovationen der fortschrittlichere Bereich: Hier begann schon

Ende 1979 das EDV-Zeitalter, allerdings mit Offline-Techniken.

Der Gesamtkatalog der Monographien (der trotz des Namens keine UB-

Bestände verzeichnet) wurde 1980 in die Zuständigkeit der Abteilung

Bibliothekssystem überführt und von dort als wichtiger Bestandteil des

Systems über zahlreiche Institutssanierungen beständig weiter ausgebaut 3 .

Über den erstmaligen Einsatz der EDV-Katalogisierung im SWB-

Verbund (ab Sommer 1988) anläßlich einer weiteren Institutssanierung

berichtet C. Mühl-Hermann 4 ebenfalls in diesem Heft. Die dabei gewonnenen

Erfahrungen waren zugleich eine grundlegende Basis für den

gelungenen Start der SWB-Katalogisierung der Universitätsbibliothek zu

Beginn des Jahres 1990.

3

Es sei hier nochmals auf die Arbeit von J. AMEDICK verwiesen.

4 MÜHL-HERMANN, Claudia: Katalogsanierung mittels Verbundkatalogisierung..., in Band

2 dieser Festschrift.

Sonderarbeiten der Katalogabteilung

129


3.1 Abschluß der Katalogzusammenlegung

Nach 16 Jahren intensivster Arbeit konnte gegen Ende 1984 das Mammutwerk

»Katalogzusammenlegung« beendet werden. Endlich war das Ziel

eines einzigen Kataloges der Monographien der UB-Bestände erreicht.

Mehr als 30 Mannjahre ausschließlich aus Planstellen der

Universitätsbibliothek wurden in diese Zusammenlegung und damit in eine

entscheidende Verbesserung der Benutzungsverhältnisse investiert. Dabei

wurden ca. 550.000 Zettel verarbeitet, die in vielen Fällen verbessert oder

neu geschrieben werden mußten, um leserliche Katalogisate nach PI-Ansetzungsregeln

zu erhalten, wobei Autopsie auf unumgängliche Fälle

beschränkt wurden. Wenn man so will, war dies eigentlich die erste

retrospektive, allerdings konventionelle Konversion von Titelkarten.

Zugleich war damit auch die Basis gelegt für den Umstieg auf die EDV-

Katalogisierung, die zu einem erneuten Katalogabbruch zwingt. Durch die

Zusammenlegung kann dieser Abbruch auf den Übergang vom nunmehr

einheitlichen, konventionellen Zettelkatalog auf einen Online-Katalog

reduziert werden.

3.2 Das neue FZV auf Mikrofiche

Ende 1979 begann die Universitätsbibliothek damit, die im Freiburger

Zeitschriftenverzeichnis nachgewiesenen Zeitschriftenbestände im Rahmen

der Mitarbeit am Baden-Württembergischen Zeitschriftenverzeichnis

(BWZ) in die Zeitschriftendatenbank (ZDB) in Berlin einzuarbeiten.

Diese Umarbeitung im Offline-Verfahren über die BWZ-Zentrale in

Stuttgart war zugleich Anlaß, alle bisherigen Meldungen anhand der jeweiligen

Bestände zu überprüfen, eine riesige Arbeit, die nur durch die

bereitwillige Mitarbeit aller Institutsbibliothekare zu bewältigen war. Beim

UB-Bestand wurde zusätzlich bei lückenhaftem Bestand eine umfangreiche

Lückenergänzungs-Maßnahme durchgeführt und dabei auch nicht Archivierenswertes

ausgeschieden. Nicht zuletzt dank der Förderung der Arbeiten

durch die DFG und zusätzlich über eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme

gelang es, bis 1985 alle abgeschlossenen und alle laufenden Titel und

Bestände umzuarbeiten und ein neues FZV auf Mikrofiche herauszubringen,

das nahezu 60.000 Titel, davon über 7.000 Unikate, enthielt.

130

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


In einer daran anschließenden, von der DFG geförderten Maßnahme

wurden die Sonderbestände der Bibliothek des Deutschen Caritasverbandes

in Freiburg, einer Fachbibliothek für Wohlfahrtspflege, überwiegend

erstmalig erfaßt und in die ZDB eingearbeitet (Bestände zu 6.400 Titeln,

davon 2.000 Unikate).

Seit 1985 erscheint das FZV in der Regel zweimal im Jahr auf

Mikrofiche und wird jeweils an alle angeschlossenen Bibliotheken verteilt.

Die letzte Ausgabe (Anfang 1991) verzeichnete rund 67.000 Titel und mehr

als 100.000 Bestandsmeldungen.

3.3 Die Sanierung alter Dissertationen

Nachdem der Dissertationenkatalog im Benutzungsbereich aufgestellt

worden war, stellte sich sehr schnell heraus, daß die bis Mitte der 60er Jahre

geübte Praxis, die eigentlichen Dissertationen ohne Standnummer

aufzustellen, angesichts der beginnenden Massenbenutzung sehr problematisch

war. Die Aufstellung nach Ort, Fakultät, Verfassernamen und Jahr

bewirkte nicht nur für den Benutzer beim Bestellen eine umständliche

Prozedur, sie führte vor allem bei der Erledigung von Bestellungen zu sehr

zeitaufwendigen und damit personalintensiven Recherchen. Auch die

Integration in das bestehende EDV-Ausleih-System war unter diesen

Umständen schlichtweg unmöglich.

Dank einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme und dem intensiven Einsatz

von Mitarbeitern der Katalogabteilung in den Jahren 1981-1986 konnte das

Groß-Projekt erfolgreich abgeschlossen werden. Angesichts 417.500 zu

bearbeitender Dissertationen lag es nahe, bei der Bearbeitung zugleich

kritisch zu prüfen, was auf Dauer vom Zustand her archivierbar und von

den Sammelschwerpunkten der Universitätsbibliothek und der

Benutzungserwartung her archivierenswert ist.

Diese Prüfung erfolgte sehr sorgfältig unter zusätzlicher Berücksichtigung

der Existenz weiterer Exemplare in Baden-Württemberg (Abgleich

der Tauschpartner). So konnten über 200.000 Dissertationen ausgeschieden

werden, wobei über 80% davon auf medizinische Dissertationen vorwiegend

des 20. Jahrhunderts entfielen. Das ergab einen Stellplatzgewinn

von ungefähr 1.000 Stellmetern. Für viele Kollegen war das eine

umstrittene Maßnahme, die aber im Hinblick auf die allerdings erst später

Sonderarbeiten der Katalogabteilung

131


erschienenen Empfehlungen des Wissenschaftsrates zum Magazinbedarf 5

voll zu rechtfertigen ist. - Am Ende des Projektes waren alle verbleibenden

205.000 Dissertationen und deren Titelkarten erstmalig mit Standnummern

versehen und damit per EDV bestell- und entleihbar. Daß dabei für 35.000

Dissertationen erstmalig Titelkarten erstellt werden mußten, da sie nur in

Bibliographien oder überhaupt nicht nachgewiesen waren, war einerseits

eine erhebliche zusätzliche Belastung, zeigte aber andererseits zugleich die

Wichtigkeit der Maßnahme für die Bestandserschließung auf.

Inzwischen sind bei der Aufarbeitung weiterer Altbestände, die bisher

nicht oder nur unzureichend erschlossen waren, zusätzlich weitere 2.200

ältere, bislang nicht nachgewiesene Dissertationen aufgetaucht, deren

Katalogisierung demnächst abgeschlossen sein wird.

3.4 Übernahme von Institutsbeständen

Die Abgabe von in den Instituts- und Fakultätsbibliotheken entbehrlicher

Literatur konnte angesichts zunehmender Stellplatzprobleme durch die

Übernahme noch nicht vorhandener und archivierenswerter Titel in den

Bestand der Universitätsbibliothek zufriedenstellend gelöst werden. Die

Bearbeitung erfolgt dabei arbeitsteilig:

Bei den Monographien wurden bisher durch die Katalogabteilung rund

12.000 Bände übernommen, wobei etwa das 5-fache an Titeln zu prüfen

und zu bearbeiten war. Dabei wurden diese Bestände auf eigene Signaturen

gesetzt, um sie später ggf. en bloc auslagern zu können.

Die Zeitschriftenübernahme wird von den Mitarbeitern des Gesamtkataloges

bearbeitet, wobei bisher ca. 25.000 Zeitschriftenbände übernommen

und in den Bestand der Universitätsbibliothek eingearbeitet

wurden.

3.5 Vorlesungs- und Personalverzeichnisse

Eine weitere Sanierungsaktion beschäftigte sich (1986/87) im Rahmen

einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme mit der Erschließung von Personal-

5 WISSENSCHAFTSRAT: Empfehlungen zum Magazinbedarf wissenschaftlicher Biblio­

theken. Köln 1986.

132

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


und Vorlesungs-Verzeichnissen, die ohne sonstige Nachweise und ohne

Standnummern im Magazin standen. Angesichts einer steigenden

Nachfrage, insbesondere nach Personalverzeichnissen wurde dabei zugleich

festgelegt, welche der im Tausch eintreffenden Verzeichnisse nach der

Auslage im Lesesaal auch in Zukunft archiviert werden sollen. Insgesamt

wurden fast 12.000 bisher kaum benutzbarer Bände bearbeitet und mit

neuen Standnummern versehen und ingesamt 465 Bestandsmeldungen in

die ZDB eingebracht, wobei insgesamt 21 Titel dort bislang nicht

nachgewiesen waren.

3.6 Amerikanische Parlamentaria

Nach mehreren gescheiterten Versuchen eine umfangreiche Sammlung

amerikanischer Parlamentaria vollständig zu erschließen, konnte ab 1986

durch eine konzentrierte Aktion zwischen Zeitschriften- und

Monographienkatalogisierung in über dreijähriger Arbeit ein befriedigender

Abschluß der Arbeiten erreicht werden. Darüber wird Th. Argast in den

nächsten INFORMATIONEN berichten 6 .

Hier nur so viel: Die Sammlung von rund 12.0000 Bänden mit Veröffentlichungen

des amerikanischen Kongresses mit Beständen von 1871 bis

1964 enthält zahlreiche Zeitschriften und ist nun erstmals vollständig in der

Zeitschriftendatenbank nachgewiesen und Band für Band im Katalog der

Reihen/Zeitschriften erfaßt.Dabei wurden auch alle darin enthaltenen

Stücktitel ermittelt und bei der Bandaufführung festgehalten. Ob daraus

noch »richtige« Stücktitel gemacht werden (können), ist zur Zeit eine offene

Frage. Bei der hohen Priorität und dem Umfang der retrospektiven

Konversion scheint das auch noch lange so zu bleiben.

3.7 Schul- und Hochschulprogramme

Die Universitätsbibliothek Freiburg besitzt eine größere Sammlung von

Schul- und Hochschulprogrammen, die bisher nur teilweise erschlossen und

vielfach noch ohne Standnummer waren. Die vollständige Erfassung aller

6

ARGAST, Thomas: Abschluß der Bearbeitung der »House documents«.

Vorgesehen für INFORMATIONEN 53 (1991).

133

Sonderarbeiten der Katalogabteilung


in den Schulprogrammen enthaltener Stüke kann in Kürze abgeschlossen

werden. Es wurden insgesamt 5.500 Stücktitel neu angefertigt. Die badischen

Schulprogramme von 224 Schulen konnten darüber hinaus erstmals

als Zeitschrift an die ZDB gemeldet werden.

Nach Abschluß dieser Arbeiten ist die Sanierung der Hochschulprogramme

fest vorgesehen und es bestehen derzeit gute Aussichten, auch

diesen letzten Sanierungskomplex mit Beständen ohne Standnummer in

absehbarer Zeit beenden zu können.

4. Am Beginn der 90er Jahre

Mit der zu Beginn des Jahres 1990 vollzogenen Umstellung der Monographienkatalogisierung

vom rein konventionellen Betrieb auf die Online-

Katalogisierung im SWB-Verbund und mit dem Wechsel der

Zeitschriftenkatalogisierung von offline zu online in der Zeitschriftendatenbank

in Berlin ist die Katalogabteilung der Universitätsbibliothek

Freiburg für die Anforderungen der 90er Jahre gut gerüstet.

Das bedeutet aber nicht, daß damit zugleich die Sanierung des

Altbestandes als abgeschlossen betrachtet werden könnte, obwohl bis zum

Ende des Jahres 1991 damit zu rechnen ist, daß es keine Bestände mehr

ohne irgend einen Titelnachweis im Magazin der Universitätsbibliothek

Freiburg gibt, obwohl natürlich die Tiefe der Erschließung in vielen Fällen

noch große Wünsche offen läßt. Neben dem riesigen Komplex der retrospektiven

Konversion der alten Titelaufnahmen (über das derzeitige Ziel

1975 hinaus, zumindest zurück bis 1945) bleiben viele kleinere und einige

große Verbesserungen als hoffentlich zu bewältigende Desiderate für die

nächsten Jahre:

- Im Bereich des Gesamtkataloges Abschluß der Katalogsanierungen in

den Institutsbibliotheken (Mittellateinische Philologie) sowie die

Integration aller weiteren Institutsbibliotheken in die EDV-

Katalogisierung

- Abschluß der Sanierung der Hochschulschriften

- Sanierung der »Nester« mit Sammelsignaturen für mehrere Abteilungen

im alten alphabetischen Katalog

134

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


- Mehrere Schutzverfilmungsprojekte mit gleichzeitiger Erschliessung

wertvollen Altbestandes im SWB-Verbund (Altspanische Druke,

Bestände des 16. und 17. Jahrhunderts, vom endgültigen Zerfall bedrohte

maschinenschriftliche Freiburger Dissertationen der Philosophischen

Fakultäten u.a.)

Als vermutlich zumindest für die nächste Zeit nicht erfüllbare Wünsche

sind anzusehen:

- Zusammenlegung des Dissertationen-Kataloges und des Alphabetischen

Hauptkataloges

- Erfassung der Stücktitel der oben erwähnten Sammlung amerikanischer

Parlamentaria

- Sanierung aller Unklarheiten im alten Zettelkatalog oder die retrospektive

Konversion auch älterer Titel.

Bei der für 1993 vorgesehenen Einführung eines OPACs werden mit

Sicherheit weitere Sanierungsmaßnahmen notwendig, da weder RAK-WB

noch die Erfassungsregeln des SWB-Verbundes die strukturellen

Anforderungen eines OPACs vollkommen abdecken. Es bleibt zu hoffen,

daß der Aufwand hierfür in machbaren Größenordnungen liegen wird.

Ich bin sicher, daß wir trotz aller Vorsicht und aller Überlegungen und

im Glauben an vermeintlich perfekte Lösungen auch Entscheidungen treffen,

die spätestens der nächsten Generation die »schönsten« Sanierungsfälle

bescheren. Das soll uns aber nie von planvollem Handeln abhalten.

Sonderarbeiten der Katalogabteilung

135


Christoph Hermann

ZEITSCHRIFTENKATALOGISIERUNG IM WANDEL

Vom Offline- zum Online-Betrieb

Seit 1979 beteiligt sich die Universitätsbibliothek Freiburg am Aufbau der

Zeitschriftendatenbank (ZDB) in Berlin. Die ZDB erfüllt als nationales

Zeitschriftenverzeichnis mehrere Funktionen: sie ist bibliographisches

Nachschlageinstrument und damit auch Katalogisierungshilfe für Bibliotheken

bei der Zeitschriftenkatalogisierung nach den RAK-WB 1 , dient als

Grundlage für die Katalogausgaben der beteiligten Bibliotheken und ist vor

allem auch Steuerungsinstrument für den Leihverkehr. Das Freiburger

Zeitschriftenverzeichniss (FZV), das die Zeitschriftenbestände der

Universitätsbibliothek und 146 weiterer Bibliotheken der Hochschulregion

Freiburg nachweist, entsteht im Rahmen der Zusammenarbeit mit der ZDB

und erschien 1985 erstmals als ZDB-Auszug in Form eines COM-Kataloges

(Computer-Output on Microfiche). Die Daten für das FZV, die von

der Universitätsbibliothek Freiburg zentral für alle dem FZV angeschlossenen

Bibliotheken verwaltet werden, wurden von 1979 bis 1989 im Offline-

Verfahren an die ZDB gemeldet. Seit 1990 ist die Universitätsbibliothek

Freiburg mit der ZDB online verbunden. Im folgenden Beitrag werden die

Arbeitsverfahren vor, während und nach der Umstellung vom Offline- auf

den Online-Betrieb dargestellt und die Freiburger Erfahrungen seit dem

Start ins »Online-Zeitalter« beschrieben.

1

RAK-WB: Regeln für die alphabetische Katalogisierung in wissenschaftlichen

Bibliotheken.

136

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


1. Katalogisierungspraxis 1979 bis 1989

Grundlage für die Offline-Bearbeitung der Freiburger Daten bildeten von

1979 bis 1989 die Mikrofiche-Ausgaben der ZDB und der »GKD«, der Gemeinsamen

Körperschaftsdatei der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz

(Berlin), der Deutschen Bibliothek (Frankfurt am Main) und der

Bayerischen Staatsbibliothek (München). Nach Prüfung dieser Verzeichnisse

konnten die entsprechenden Formulare für die Meldung von Titeln,

Körperschaften und Beständen ausgefüllt werden. Die Trennung einer

Titelaufnahme in diese drei Elemente war notwendig, da in der ZDB die

Daten für Titel, Körperschaften und Bestände in verschiedenen Dateien

verwaltet werden. So konnte der Vorteil der Verbundkatalogisierung mit

der Ausnutzung von Fremddaten (Katalogisate anderer ZDB-Teilnehmer-

Bibliotheken und der GKD) auch schon im Offline-Verfahren genutzt werden:

war ein Titel bereits in der Mikrofiche-Ausgabe der ZDB nachgewiesen,

mußte für eine Bibliothek, die zu diesem Titel Bestand meldete,

i.d.R. nur noch ein Formular für die Bestandsdatei ausgefüllt werden. Entsprechendes

galt für die Katalogisierung von Körperschaften: oft war die zu

verknüpfende Körperschaft bereits in der GKD nachgewiesen, so daß nur

noch die Körperschaftsnummer der GKD ins Titelaufnahmeformular übertragen

werden mußte.

Ein Nachteil des Offline-Verfahrens bestand jedoch im Zeitverlust, der

zwischen der Datenerfassung in der Universitätsbibliothek Freiburg und

dem Einlesen der Daten in Berlin bei der ZDB entstand. Es vergingen

mehrere Wochen, bis die in Freiburg erfaßten Bestände, und z.T. mehrere

Monate, bis die neuen Freiburger Titel- und Körperschaftsaufnahmen in der

ZDB nachgewiesen waren.

Die Erfassungsformulare wurden von Freiburg aus wöchentlich mit dem

Bücherauto an die Zentrale für das Baden-Württembergische Zeitschriftenverzeichnis

bei der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart

(BWZ-Zentrale) geschickt, dort geprüft und - wenn nötig - korrigiert, auf

Diskette gespeichert (»abgelocht«) und in dieser Form nach Berlin an die

Zeitschriftendatenbank geschickt. Von der ZDB wurden nach Einspielung

der Daten Einleseprotokolle ausgegeben, die wiederum über die BWZ-Zentrale

an die Universitätsbibliothek Freiburg weitergeleitet wurden. Anhand

der ebenfalls zurückgeschickten Erfassungsformulare mußten die Ein­

137

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


leseprotokolle Korrektur gelesen werden. Dabei entdeckte Fehler wurden

über Stuttgart nach Berlin gemeldet. Diese Prozedur wiederholte sich so

oft, bis die Aufnahmen korrekt in der ZDB nachgewiesen waren.

Bei diesem Verfahren war unnötige Doppelarbeit nicht zu vermeiden:

eine neu erschienene Zeitschrift wurde z.B. von einer Bibliothek

katalogisiert, ohne daß diese feststellen konnte, ob die Titelaufnahme

bereits von einer anderen Bibliothek in die ZDB eingebracht worden war.

Auch die Freiburger Korrekturwünsche, die sich auf Titel- und

Körperschaftsnamen bezogen, waren von dem umständlichen Offline-

Verfahren betroffen: sämtliche Korrekturen wurden auf Formularen über

Stuttgart in Berlin beantragt und dort nach Prüfung bearbeitet; auch hierbei

wurden Korrekturen, die bereits von anderen Bibliotheken veranlaßt

worden waren, unnötigerweise nochmals beantragt. Erst das monatliche

Supplement zur Mikrofiche-ZDB sorgte wieder für den Nachweis der neu

katalogisierten und korrigierten Titel.

Bei den häufig vorkommenden Bestandskorrekturen (Meldung von

lückenhaftem Bestand, Abschlüsse u.a.) wurden die entsprechenden

Formulare für die Bestandsdatei, die in der Dienststelle FZV in insgesamt

208 DIN-A-4 Ordnern abgeheftet sind, korrigiert und erneut an die BWZ-

Zentrale geschickt. Auch für Bestandskorrekturen gab es Einleseprotokolle

der ZDB, die auf Richtigkeit geprüft werden mußten.

Die Verwaltung der Bestandsformulare (im FZV und bei den mitarbeitenden

Bibliotheken als »rosa Blätter« berühmt-berüchtigt geworden)

stellte einen nicht unerheblichen Zeitaufwand dar: sortieren nach

Titelnummern, in Ordner einlegen, für Korrekturen wieder heraussuchen,

mit rosa Tippex korrigieren, nach Sigeln geordnet nach Stuttgart schicken,

nach der Erfassung in Stuttgart wieder nach Titelnummern sortieren und in

Ordner einlegen.

Das Offline-Verfahren machte es zudem erforderlich, in der Dienststelle

»FZV« ein Zettelsupplement zu führen, das die laufenden Nachträge zur

jeweils letzten FZV-Mikrofiche-Ausgabe verzeichnete und zugleich für die

FZV-MitarbeiterInnen das einzige Nachweisinstrument über neue und neu

korrigierte Titel und Bestände war, bis die an die BWZ-Zentrale versandten

Erfassungsformulare wieder nach Freiburg zurückgeschickt waren.

Ein Vorteil des Offline-Verfahrens lag in der normierenden und

kontrollierenden Funktion der BWZ-Zentrale in Stuttgart: innerhalb der

Zeitschriftenkatalogisierung im Wandel

138


Leihverkehrsregion Baden-Württemberg konnte so eine einheitliche

Anwendung und Interpretation der Katalogisierungsregelwerke (ZETA 2

und RAK-WB) erreicht werden, was sich auf die Qualität der Titelaufnahmen

positiv auswirkte.

2

ZETA: Format und Konventionen für die Zeitschriften-Titelaufnahme in der

Zeitschriftendatenbank. 5. Aufl. Berlin 1989.

139

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


2. Die Umstellung von Offline- auf Online-Betrieb

1989/90

Das Jahr 1989 sollte für die MitarbeiterInnen der Zeitschriftenkatalogisierung

einschneidende Änderungen in Bezug auf die Katalogisierungstechnik

bringen. Die ZDB wurde ab April 1989 für Titel- und Körperschaftsaufnahmen

und ab Juli 1989 für Bestandsmeldungen geschlossen.

Während der halbjährigen Schließungszeit bis Ende September wurden die

ZDB-Daten in das neue IBAS-Format 3 überführt; neue Daten und

Korrekturen konnten während der Schließungszeit nicht eingegeben

werden. Das FZV erschien deshalb 1989 nur in einer Mikrofiche-Ausgabe

im Mai mit den Daten, die bis zur Schließung der ZDB angefallen waren.

Die Universitätsbibliothek Freiburg machte von dem Angebot der

BWZ-Zentrale Gebrauch, alle Neuaufnahmen und Korrekturwünsche wie

bisher üblich nach Stuttgart zu schicken, wo sie bis zum Ende der Schließungszeit

gesammelt wurden. Dadurch wurde verhindert, daß die

Einzelbibliotheken beim Start der Online-ZDB auch noch einen halbjährigen

Rückstau an Neuaufnahmen und Korrekturen abzuarbeiten hatten. (Die

BWZ-Zentrale hatte unter diesem Verfahren natürlich zu leiden, da nun in

Stuttgart die aus ganz Baden-Württemberg angesammelten Erfassungsformulare

abgearbeitet werden mußten.)

Es war vorgesehen, daß sich die an der ZDB beteiligten Bibliotheken

während der Schließungszeit in das neue Format einarbeiten sollten; für die

Bibliotheken der BWZ-Region sollten Schulungen in Stuttgart stattfinden.

Das theoretische Lehrmaterial, das »Handbuch für die IBAS-ZDB«, hatten

die beteiligten Bibliotheken auch rechtzeitig erhalten, allerdings kam es in

der BWZ-Region zu Verzögerungen beim Einsatz der hier verwendeten

Hardware. Die Bibliotheken der Leihverkehrsregion Baden-Württemberg

wollten mit den Tandberg-Terminals, mit denen bereits im

Südwestdeutschen Bibliotheksverbund (SWB) katalogisiert wurde, auch in

der ZDB katalogisieren. Der Programmieraufwand, der dazu vom Deutschen

Bibliotheksinstitut in Berlin zu leisten war, war größer als ursprünglich

geplant. So konnte erst im November 1989 der Anschluß der

Tandberg-Terminals an die ZDB realisiert werden.

3

IBAS: Informationssystem beliebiger Anwendungsstrukturen.

Zeitschriftenkatalogisierung im Wandel

140


Zur Vorbereitung auf die Online-Katalogisierung nahm ich von Oktober

bis November 1989 an der von Herrn Werth für die Mitarbeiterinnen und

Mitarbeiter der Monographientitelaufnahme abgehaltenen SWB-Schulung

teil. (SWB und ZDB benutzen beide diesselbe Grundsoftware, so daß die

Arbeitstechnik vergleichbar ist). Ab Mitte November hatte ich als »Gast«

der Monographientitelaufnahme die Möglichkeit, an einem Tandberg-Terminal

erste Versuche in der Test-Version der Online-ZDB durchzuführen.

Ende November fand dann in der BWZ-Zentrale in Stuttgart eine zweitägige

Schulung für die Vertreter der einzelnen BWZ-Bibliotheken statt.

Frau Hoffmann erläuterte Änderungen des Regelwerks ZETA und wies uns

vor allem in den Umgang mit dem neuen IBAS-Format ein. In Stuttgart

erhielt ich auch den »geheimen« Zugangscode für die »echte«

Katalogisierungs-ZDB ausgehändigt, der uns endlich den Blick in die neue

Epoche ermöglichte.

Im Dezember wurden zum letzten Mal die rosa Bestandsformulare mit

dem Bücherauto an die BWZ-Zentrale geschickt; damit ging die Periode

der Offline-Erfassung für Freiburg zu Ende.

Die »heiße Phase« begann dann für alle MitarbeiterInnen des FZVs im

Januar 1990. Da in der Dienststelle FZV zunächst noch kein Anschluß an

die ZDB vorhanden war, begannen wir mit der Schulung im »Bunker« der

Universitätsbibliothek. Nach kurzer Zeit stand uns aber im FZV das erste

Tandberg-Terminal zur Verfügung und wir konnten schon im Januar die

ersten Bestandsmeldungen online eingeben. Der offizielle Start für die

Online-Titelaufnahme erfolgte (wie für die Katalogisierung im SWB) am 1.

Februar 1990.

141

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


3. Erfahrungen mit dem Online-Betrieb seit 1990

Die Einarbeitung in das IBAS-Format verlief ohne größere Schwierigkeiten.

Für uns änderte sich zwar die Katalogisierungstechnik durch die

Einführung der EDV, das Regelwerk (ZETA) blieb aber - abgesehen von

einigen Ergänzungen und Korrekturen, die durch das neue Format

erforderlich wurden - unverändert; die Strukturierung der Titelaufnahme in

einzelne Kategorien und die »Mehr-Dateien-Technik« (Titel,

Körperschaften, Bestände) mit den entsprechenden Verknüpfungsmöglichkeiten

waren schon aus dem Offline-Verfahren bekannt. Die Vorteile

dieser Technik sind allerdings nur im Online-Betrieb unmittelbar »ersichtlich«:

mußten früher bei der Recherche eines Titels oder einer Körperschaft

u.U. mehrere Mikrofiche-Verzeichnisse (ZDB, GKD, dazugehörige

Supplemente, FZV) benutzt werden (bei Verweisungen auf

andere Titel und Körperschaften z.T. unter mehrmaligem Wechseln der

Mikrofiches), so sind jetzt die aus den verschiedenen Dateien stammenden

Daten auf dem Bildschirm durch die entsprechenden Kategorien

untereinander verknüpft und ein Wechsel in die GKD oder zu Bezugswerken

(Vorgänger/Fortsetzung, Beilagen u.a.) ist problemlos durch »Markieren«

der entsprechenden Kategorie auf dem Bildschirm möglich. Der

gesamte Erscheinungsverlauf einer Zeitschrift über mehrere Titeländerungen

hinweg kann nun auf schnellstem Weg nachvollzogen werden.

Die Recherchemöglichkeiten, die im Online-Betrieb zur Verfügung

stehen, sind mit der herkömmlichen Titelsuche nicht zu vergleichen: es ist

nun nicht mehr erforderlich, das erste Ordnungswort eines Titels zu kennen;

die Eingabe von (möglichst spezifischen) Stichwörtern aus dem

Hauptsachtitel oder Nebentiteln in beliebiger Reihenfolge führt oft schon

zum Erfolg. Gerade bei der Suche nach Zeitschriftentiteln ist es aber

notwendig, geeignete Recherchestrategien zu beherrschen, um eine zu

große »Trefferquote« von vornherein zu verhindern bzw. sie nachträglich

zu verringern. Viele Titel enthalten dieselben Wörter, die z.T. wenig aussagekräftig

sind. (Ein wichtiges Selektionskriterium der Monographien-

Recherche, der persönliche Name eines Autors oder Herausgebers, steht ja

in der ZDB nicht zur Verfügung). Deshalb muß die Titelsuche u.U. durch

die Eingabe weiterer Suchaspekte (Erscheinungsort, körperschaftliche

Urheber, Titelanfang) sinnvoll eingeschränkt werden. Es ist aber auch

Zeitschriftenkatalogisierung im Wandel

142


möglich, die Bestände eines bestimmten Bibliothekssystems (z.B. des

FZVs) oder einer einzelnen Bibliothek zu einem Titel gezielt zu suchen;

ebenso können Zeitschriftentitel über die ISSN oder die Signatur ermittelt

werden. Voraussetzung für eine erfolgreiche Titelsuche ist allerdings die

fehlerfreie Eingabe der Suchbegriffe, da der Rechner Begriffe mit

Schreibfehlern oder in falscher grammatischer Form nicht dem gesuchten

Titel zuordnen kann.

Es gibt jedoch auch Fälle, in denen die Mikrofiche-Ausgaben der ZDB

und GKD einen besseren Überblick als die Bildschirmseite verschaffen:

große Körperschaftskomplexe der GKD oder Titelaufnahmen, die sich über

mehrere Bildschirmseiten erstrecken, sind in den Mikrofiche-Ausgaben

übersichtlicher dargestellt.

Das Online-Verfahren bewährt sich vor allem in der täglichen

Katalogisierungspraxis: alle neu eingegebenen Daten sind sofort für alle

ZDB-Teilnehmer, die über einen Online-Anschluß verfügen, nutzbar;

dadurch wird die früher nicht zu umgehende Doppelarbeit vermieden. Jeder

Titel wird jetzt für die ZDB nur noch einmal katalogisiert, an eine neue

Titelaufnahme der Universitätsbibliothek Heidelberg kann z.B. sofort nach

der Eingabe in die ZDB die Bestandsmeldung einer Freiburger Bibliothek

angehängt werden. Bestandskorrekturen, die das FZV betreffen, werden

jetzt von uns sofort am Terminal erledigt; Korrekturwünsche zu Titel- und

Körperschaftsaufnahmen werden über einen »elektronischen Briefkasten«,

die »Mail-Box« online an die Zentralredaktionen der ZDB in Berlin

übermittelt und dort i.d.R. zügig bearbeitet (Titelkorrekturen werden

innerhalb von 1-2 Tagen durchgeführt). Über die Mail-Box können auch

Anfragen an die BWZ-Zentrale oder die Zentralredaktionen gerichtet

werden, die die Interpretation der Regelwerke oder schwierige Titelkomplexe

betreffen.

Einige Wünsche aus der Sicht des »Online-Bearbeiters« sind allerdings

bisher noch offen geblieben: die Kurztitellisten, die nach einer Titelrecherche

auf dem Bildschirm angezeigt werden, sollten in alphabetischer

und nicht wie bisher in chronologischer Reihenfolge (d.h. die zuletzt eingegebene

Titelaufnahme erscheint an erster Stelle) geordnet werden.

Ein größeres Problem stellen die häufigen Ausfallzeiten der ZDB dar:

Störungen traten sowohl im Bereich des Vorrechners im Deutschen

Bibliotheksinstitut als auch im Wissenschaftsnetz auf, vor allem aber sind

143

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


die Programme für die Tandberg-Terminals noch ziemlich instabil. Die

Ausfallzeiten im ersten Betriebsjahr schwankten von einigen Minuten bis

zu mehreren Stunden täglich; es gab Zeiten, in denen es sinnvoll war, eine

Titelaufnahme in mehreren Schritten einzugeben und nach jeder

Teileingabe die Daten zu sichern, um nicht ständig von vorne beginnen zu

müssen. Wir mußten uns erst daran gewöhnen, daß nun die Technik

darüber bestimmte, wann und wie lange wir mit der ZDB arbeiten konnten.

Insgesamt gesehen haben sich aber die Ausfallzeiten der ZDB in letzter Zeit

verringert.

Die Einführung der Online-Katalogisierung hatte auch auf den internen

FZV-Geschäftsgang ihre Auswirkungen: die Weiterführung des FZV-

Zettelsupplements konnte eingestellt werden, die aufwendige Verwaltung

der rosa Bestandsformulare und das Korrekturlesen der Einleseprotokolle

entfiel mit dem Start des Online-Betriebs. Dafür ist bei der Online-Arbeit

erhöhte Konzentration gefordert: da die BWZ-Zentrale ihre Funktion als

direkte Kontrollinstanz verloren hat, sind die Einzelbibliotheken stärker als

zuvor für ihre Katalogisate verantwortlich; die kritische Selbstprüfung der

eingegebenen Daten ist unerläßlich, um möglichst fehlerfreie Aufnahmen

zu erstellen. Ein Schreibfehler im Sachtitel oder Erscheinungsort kann

einen Titel für die Online-Recherche in der Datenbank unauffindbar

machen!

Für die Benutzer des Freiburger Zeitschriftenverzeichnisses hat sich

durch die Umstellung der Katalogisierungstechnik keine sichtbare

Änderung ergeben: das FZV erscheint weiterhin halbjährlich als Mikrofiche-Ausgabe.

Diejenigen Institutsbibliotheken, die jetzt an der Online-

Katalogisierung im SWB teilnehmen, haben - wie die Mitarbeiter und

Mitarbeiterinnen der Monographientitelaufnahme der Universitätsbibliothek

- auch im SWB lesenden Zugriff auf die FZV-Daten, die künftig

monatlich (Titel) bzw. vierteljährlich (Bestände) aktualisiert werden sollen.

Der geplante OPAC soll dann auch für die Benutzer den Online-Zugriff auf

die Daten des Freiburger Zeitschriftenverzeichnisses ermöglichen.

Zeitschriftenkatalogisierung im Wandel

144


Jutta Amedick

1. Allgemeines

DER FREIBURGER GESAMTKATALOG 1

1.1 Allgemeine Voraussetzungen

Seit 1968 wird in Freiburg ein Bibliothekssystem aufgebaut 2 . Der

Gesamtkatalog ist ein wesentlicher Bestandteil dieser Unternehmung.

Der Aufbau von Gesamtkatalogen lag in den 60er und 70er Jahren mehr

oder weniger »in der Luft«, genährt vor allem durch die eklatanten Mängel

in der Literaturversorgung an vielen alten Universitäten, die besonders im

Vergleich mit den eher »amerikanischen« Verhältnissen -

Freihandbestände, Sofortausleihe - an den neugegründeten Universitäten

auffielen.

Die Empfehlungen des Wissenschaftsrates und später die Empfehlungen

der DFG hatten die Einrichtung von Gesamtkatalogen an

Universitäten mit zweigleisigem Bibliothekssystem für unerläßlich

gehalten, im Bibliotheksgesamtplan Baden-Württemberg und im Hochschulgesetz

fanden die Empfehlungen ihren Niederschlag, und schließlich

wurden auch Mittel zu ihrer Verwirklichung bereitgestellt. 1971 begann

man in Freiburg, Heidelberg und Tübingen mit dem Aufbau von

Monographien-Gesamtkatalogen.

»Gesamtkatalog« im oben gebrauchten Sinn heißt stets Nachweis von

Büchern und Zeitschriften. Da in Freiburg die zentrale Erschließung der

Zeitschriften in Form des - gedruckten - »Freiburger Zeitschriften­

1

Eine ziemlich ausführliche Darstellung der Entstehung des Freiburger Gesamtkatalogs

findet sich in: DORSCH, Klaus-Dieter: Gesamtkataloge in Baden-Württemberg : die

lokalen Monographien-Gesamtkataloge im Bezugsnetz mehrschichtiger

Hochschulbibliothekssysteme in Baden-Württemberg. Heidelberg : UB, 1985

(Heidelberger Bibliotheksschriften 21).

2

Vgl. die Darstellung in Band 2 dieser Festschrift von W. SÜHL-STROHMENGER: Das

Bibliothekssystem der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau.

145

Der Freiburger Gesamtkatalog


verzeichnisses (FZV)« 3 schon lange gelöst war, ging es hier um den Aufbau

eines Gesamtkatalogs der Monographien, zunächst der Universität, später

der Gesamthochschulregion. Der jahrzehntelange Kontakt zwischen FZV

einerseits und Institutsbibliotheken und sonstigen Bibliotheken anderseits 4

hatte bereits Formen der Zusammenarbeit institutionalisiert, auf die zum

Teil zurückgegriffen werden konnte. Alle bisher mit dem FZV kooperierenden

Bibliotheken waren mit Sigeln versehen.

Die Freiburger Bibliothekslandschaft war gekennzeichnet durch eine

Vielzahl bibliothekarischer Einrichtungen unterschiedlichster Größe; sie

reichten von Bibliotheken mit mehreren hunderttausend Bänden und

Verwaltung durch Fachpersonal bis zu nebenamtlich betreuten Buch- und

Zeitschriftenbeständen von wenig mehr als tausend Bänden.

Seit 1968 waren mehrere naturwissenschaftliche Fakultätsbibliotheken

aufgebaut und die Bestände dabei neu katalogisiert worden; die

Entwicklung war 1971 noch im Gang. Die Katalogisierung fast aller

Neuzugänge in diesem Bereich war gesichert, die Erfassung der Altbestände

geplant.

Die in den Bibliotheken vorhandenen Kataloge waren äußerst

uneinheitlich und von unterschiedlichster Qualität. Es gab keine

einheitliche Regelanwendung.

Bei der Planung für den Aufbau des Freiburger Gesamtkatalogs ging

man von einem Ansatz von 125 Bibliotheken mit einem geschätzten

Bestand von 1 Mio Bänden aus. Pro Jahr wurden 50.000 bis 80.000 Bände

Neuzugang erwartet.

1.2 Grundsätzliche Festlegungen

Einige grundsätzliche Entscheidungen mußten im Vorfeld des Katalogaufbaus

getroffen werden:

- Trennung vom UB-AK: Die Monographien-Kataloge der Universitätsbibliothek

waren zu dieser Zeit noch »preußisch«, das FZV

benutzte die GAZS-Ordnung. Der neue Katalog sollte die mechanische

3 Das Zeitschriftenverzeichnis seinerseits wurde Anfang der 80er Jahre in das BWZ

eingearbeitet und trug damit auch zur überregionalen Erschließung der Freiburger

Zeitschriftenbestände bei.

4 Vgl. oben H. MAURER: Sonderarbeiten der Katalogabteilung 1967-1991.

146

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Wortfolge ohne Auslassungen zur Ordnung verwenden. (Die Preußischen

Instruktionen galten als nicht mehr zukunftsträchtig, der UB-AK

stand sozusagen »auf Abbruch«, bestand zudem noch aus zwei Teilen.)

Damit war die Trennung vom UB-AK 5 festgeschrieben; allerdings

verwendeten nun alle alphabetischen Kataloge unterschiedliche Regeln.

Das sollte ein vorübergehendes Problem sein: der UB-Katalog würde in

absehbarer Zeit 6 abgebrochen werden, das FZV seinerseits war im

Begriff, als Teil des BWZ bearbeitet und damit ebenfalls auf neue

Regeln umgestellt zu werden.

- Zweiteilung: Wegen der sehr unterschiedlichen Ausgangssituation

wurde der Katalog zunächst in zwei Teilen aufgebaut, als »GK

Geisteswissenschaften« und »GK Nat./Med.« (später GK I und GK II).

Einmal wegen der Benutzung: die räumliche Lage der naturwissenschaftlichen

Institute und der medizinischen Einrichtungen hat zur

Folge, daß die Studenten der entsprechenden Fächer im Verlauf ihres

Studiums fast gar nicht ins Zentrum kommen; das führte auch zur

Teilung der Lehrbuchsammlung. Zum anderen wegen der Bearbeitung:

die naturwissenschaftlichen Kataloge waren durch die Vorarbeiten sehr

viel homogener, die Karten kamen bereits über die

Titelkartenvervielfältigung der Universitätsbibliothek, und die

Bearbeitung konnte wesentlich schneller erfolgen. Die Trennung wurde

nie festgeschrieben, aber bis zur Stunde hat es, trotz der offenkundigen

Nachteile, keinen Anlaß gegeben, die Zweigleisigkeit aufzugeben.

- Sigel: Die bisher im FZV benutzten Sigel der Bibliotheken wurden zur

Kennzeichnung in dem neuen Katalog übernommen.

- Titelkartendruck: Wichtig für die Führung des geplanten Kataloges war,

daß nach erfolgter Erfassung des Altbestandes die Nachmeldung des

Neuzugangs gesichert sein mußte. Die Universitätsbibliothek bot dazu

die Teilnahme am Titelkartendruck der Universitätsbibliothek an, die

bald für alle an den Gesamtkatalog angeschlossenen Bibliotheken der

Universität kostenlos war. Wichtig: die Trennung der GK- und der

Institutskarten erfolgt bereits in der Universitätsbibliothek.

5 Auch technisch und raummäßig wäre ein integrierter Gesamtkatalog zu dieser Zeit

nicht zu verwirklichen gewesen.

6 Was allerdings erst 1990 der Fall war.

Der Freiburger Gesamtkatalog

147


*

Um den Katalog zu erstellen, wurden die Kataloge der dezentralen

Bibliotheken der Universität kopiert (im Internationalen Bibliotheksformat

- IBF), die Karten zu einem Alphabet vereinigt, Mehrfachnachweise dabei

durch Sigelübertragung auf einer Karte vereinigt, und ab Erfassungszeitpunkt

wurde der nachgemeldete Neuzugang laufend eingearbeitet.

So war das also. War es so? Nach Radio Eriwan: im Prinzip ja...

2. Erfassung des Materials

2.1 Bestandsaufnahme der Kataloge

Die Kataloge der Seminar- und Institutsbibliotheken wurden in

Augenschein genommen, und die Entscheidung über die weitere

Bearbeitung getroffen. Mit der Bibliotheksleitung wurden die Bedingungen

der Zusammenarbeit geklärt (zuverlässige Meldung des Neuzugangs,

Zulassung fachfremder Benutzer).

Bei der Besichtigung der Kataloge wurde u. a. geprüft:

a) Art und Zahl der geführten Kataloge, Vollständigkeit.

b) Umfang (errechnete Menge der Karten).

c) Regeln, bibliographischer Standard.

d) Kartenformat, technische Qualität (wie etwa schwaches Schriftbild,

handschriftliche Eintragungen, farbige Karten).

Entsprechend fielen die Kataloge im wesentlichen unter eine der

folgenden Kategorien:

1. Kopierbar 1:1.

2. Abweichendes Format, aber kopierbar auf IBF ohne zu große

Qualitätsverluste.

3. Nach Vorarbeiten kopierbar.

4. Nicht für Kopie geeignet.

Alle Kataloge, die tragbar schienen, wurden kopiert; der Rest mußte

teilweise oder ganz neu katalogisiert werden.

148

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


2.2 Kopieren von Katalogen

Die Kosten der beiden Möglichkeiten - Kopieren oder neu Katalogisieren -

mußten gegeneinander abgewogen werden. Die zunächst billigere Lösung,

das Kopieren, brachte, wenn der Katalog in der Qualität zu schlecht war,

bei der Einarbeitung in den Gesamtkatalog derart viele Folgearbeiten mit

sich, daß letzten Endes die Kosten einer Sanierung wieder eingeholt

wurden, ohne daß deren Ergebnis erreicht wurde.

Leichter fiel die Entscheidung über die technische Qualität: die

Erfahrungen der Universitätsbibliothek mit den stark verkleinerten und

teilweise handschriftlichen Karten des »alten« Katalogs, die die Qualität des

UB-AK insgesamt ziemlich beeinträchtigten, waren frisch in Erinnerung,

und wiederholen wollte man diesen Fehler nicht.

Kopieren stellte natürlich das schnellere Mittel dar, denn die Karten

lagen innerhalb weniger Wochen zur Bearbeitung vor, während sich auch

die beste Sanierung bei optimalen Bedingungen mehrere Monate hinziehen

mußte.

So wurden im Mai 1971 die ersten Kataloge zum Kopieren weggeschickt

- in Pappkartons verpackt wie schon beim Kopieren der UB-

Kataloge. Die Originale gingen an die Bibliotheken zurück, die Kopien an

den Gesamtkatalog. Beim Kopiervorgang wurde um 10% verkleinert und

auf alle Karten das jeweilige Sigel eingeblendet. Von diesem Zeitpunkt an

mußten die Bibliotheken auf den Karten ihres Neuzugangs das Sigel

angeben.

Mußte von abweichenden Formaten kopiert werden, wurde der

komplette Katalog auch für das Institut kopiert, das von da an für den

Neuzugang auf IBF umstieg. Das zog auch die Anschaffung von

Katalogschränken in den Bibliotheken nach sich, für die mit Unterstützung

durch die Universitätsbibliothek möglichst Sondermittel beantragt wurden.

2.3 Sanierung

»Nach Vorarbeiten kopierbar« bedeutete entweder Umordnen auf

mechanische Wortfolge und/oder Befreiung des Kataloges von »Ballast«

(bibliographische Einträge) oder »Teilsanierung«, d. h. Nachschreiben

Der Freiburger Gesamtkatalog

149


sehr schlechter Karten oder teilweise Neukatalogisierung. Nicht immer

war es möglich, diese Arbeiten vor dem Kopieren zu erledigen; die

Zeitplanung und die Befristung der Mittel sowie der Mangel an

verfügbarem Fachpersonal zwangen vielfach zur Kopie vor Bearbeitung.

Auch ließ sich das Ausmaß der Folgearbeiten bd der GK-Bearbeitung

eines derartigen unsanierten Katalogs zuweilen nicht genau einschätzen.

Kataloge dieser Art wurden in den ersten Jahren notgedrungen

unverndert kopiert; spàter konnten einige zuerst revidiert und

anschließend kopiert werden.

Die gänzlich unbrauchbaren Kataloge mußten völlig neu erstellt

werden. Bei »Totalsanierung« bot sich die Gelegenheit, den Bestand zu

sichten, zu verkleinern und u. U. auch neu aufzustellen, was in vielen

FäIlen längst nôtig war. Da durch solche Maßnahmen die Bibliothek

einige Zeit nicht oder nur schwer benutzbar war, erforderten derartige

Sanierungen sorgfâltige Zeitplanung, genügend Personal zur rechten Zeit

und vor allem gute Zusammenarbeit zwischen der GK-Leitung und der

Bibliothek.

Die Sanierung selbst fand in den Bibliotheken statt und wurde von

»fliegenden Kolonnen« durchgeführt, teilweise unter Mithilfe des

Institutspersonals; in einigen Fällen wurden und werden Bibliotheken

auch ausschließlich aus eigenen Mitteln saniert. Selbstverständlich ergab

jede Art von Sanierung auch Abzüge für den Gesamtkatalog 7 .

7

150

Zum Thema Sanierung siehe auch unten 3.4. und 3.6.

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3. Der Freiburger Gesamtkatalog 1971 – 1991

3.1 Kurzer Überblick über die Entwicklung

Im Mai 1971 wurden die ersten Kopien hergestellt. Vorrang bei der

Bearbeitung hatten die großen Seminar- und Institutskataloge der

Geisteswissenschaften sowie der einzige bis dahin vorhandene

Fakultätskatalog, der ZK Theologie.

1971 wurden 217.503 Karten für den GK I kopiert, und zum

Jahresende waren 27.000 Karten (= 2 Bibliotheken) in einem ersten

Alphabet vereinigt; für den GK II lagen 24.500 Karten vorsortiert vor.

Ende 1973 waren insgesamt 271.500 Karten benutzungsfertig bearbeitet.

Der Katalog wurde zum WS 1973174 ôffentlich zugänglich

aufgestellt.

1974- : Der Katalog wird erweitert um den Nachweis relevanter

Buchbestände aus weiteren Bibliotheken in Freiburg (und der

Gesamthochschulregion).

Zum Jahresende 1978 (Zeitpunkt des Einzugs in den Neubau der

Universitätsbibliothek) enthielt der GK 1712.000 Karten, der GK II

140.000 Karten.

Der augenblickiiche Stand (Zahlen von Ende 1990) ist: GK I mit 52

enthaltenen Bibliotheken und ça 1,5 Mio Karten, der GK 11 mit 48

Bibliotheken und 230.000 Karten.

3.2 Mittel

Ab 1971 standen für 5 Jahre Landesmittel für den Aufbau eines

universitären Gesamtkataloges in Freiburg zur Verfügung; dazu kamen

1976 bis 1980 noch einmal Mittel für die Erweiterung des Projekts auf

einen Gesamtkatalog der Gesamthochschulregion.

Da die Sach- und Personalmittel befristet waren und pro Haushaltsjahr

bewirtschaftet werden muBten, war eine exakte Situationsanalyse

und Planung nötig, um die Vorgaben einigermaßen zu erfüllen.

Die Beantragung und Verwendung der Mine] und schließlich der

Nachweis der Ausgaben fand ihren Niederschlag in jährlichen

Rechenschaftsberichten an das Kultusministerium.

Der Freiburger Gesamtkatalog

151


3.3 Der Aufbau des ôrtlichen (universitären) Gesamtkatalogs ( 1971-

1975)

In den Jahren 1971 bis 1975 wuchs der Katalog auf 512.300 (0K I) bzw.

87.600 Karten (GK II) und enthielt nun die Bestände von 32 (bzw. 48 8 )

(0K I) bzw. 26 (GK II) Bibliotheken. Dabei wurden sowohl die kopierten

Kataloge eingearbeitet wie die Karten der laufenden Sanierungen und des

Neuzugangs.

Als 1975 die Sondermittel für Kopien ausliefen, war der Aufbau aber

noch keineswegs abgeschlossen. Im Bereich des GK I standen u. a. noch

aus die Bibliothek für Rechtswissenschaft (Kopie nach Sanierung) sowie

die übrigen Bibliotheken der Juristischen Fakultät (Sanierung aus eigenen

Mitteln der Fakultät), Sportwissenschaft, Pädagogik, Philosophie,

Sprachwissenschaft, Soziologie und Musikwissenschaft. Dazu kamen

unvollständig erfaßte Altbestände aus verschiedenen Bereichen. Dem GK

II fehlten fast alle Klinikbibliotheken und eine Reihe der

naturwissenschaftlichen Institute sowie Teile der Forstwissenschaft.

3.4 Der Gesamtkatalog der Gesamthochschulregion - GHS-GK (1976 ff.)

Obwohl also das Ziel eines universitären Gesamtkatalogs noch nicht

erreicht war, wurde der Katalog in den nächsten Jahren erheblich

erweitert um eine Reihe außeruniversitärer und teilweise sogar

außerörtlicher Bibliotheken. Der Modellversuch »Aufbau eines

Gesamtkatalogs und eines gemeinsamen Zeitschriftenverzeichnisses für

die bibliothekarischen Einrichtungen in der Gesamthochschulregion

Freiburg« brachte noch einmal Mittel für Kopie sowie Personalmittel,

wenn diese allein für die Bearbeitung der neuen Zettelmengen auch nicht

ausreichten.

Es kamen also hinzu die Pädagogische Hochschule, das Militärgeschichtliche

Forschungsamt, die Caritasbibliothek (deren Einarbeitung

sich wegen des schwierigen Materials allerdings länger hinzog), Das

8

»bzw. 48«: im internen Gebrauch (z. B. Jahresberichte) wird nach Sigeln

gezählt; hier erscheinen daher die theologischen Institutshihliotheken als eigene

Einheiten neben der Verbundbibliothek.

152

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Arnold Bergstraesser-Institut (nur neuerer Teil) sowie die Fachhochschule

für Verwaltung in Kehl - alle in den GK I, sowie die Ingenieurfachhochschule

Furtwangen in den GK II.

Die Erweiterung erhöhte den Informationswert des Katalogs beträchtlich;

lediglich die auswärtigen Bibliotheken - die Fachhochschule für

Verwaltung in Kehl für den GK I und die Ingenieurfachhochschule in

Furtwangen 9 für den GK II - brachten eigentlich keinen nennenswerten

Gewinn für die Benutzung.

Bis 1988 waren im geisteswissenschaftlichen Bereich alle noch

ausstehenden universitären Bestände erfaßt, mit Ausnahme des

Musikwissenschaftlichen Seminars, dessen Bestand seit Ende 1988 als

erster auf Freiburger Boden im Rahmen des Südwestdeutschen

Bibliotheksverbundes (SWB) katalogisiert wird 10 . - Im Bereich der

medizinischen Bibliotheken wurden zwei Klinikbibliotheken saniert.

Neben diesen von der Universitätsbibliothek initiierten und vom

Personal der Dienststelle getragenen Sanierungen liefen und laufen ständig

Sanierungen, die von den Institutionen selbst getragen werden. Neben der

noch andauernden Sanierung im Bereich der Rechtswissenschaft waren es

vor allem außer-universitäre Bibliotheken, die sich selbst um die Sanierung

ihrer Bestände kümmerten und dem Gesamtkatalog ihre Mitarbeit anboten:

1980 Bibliothek des Erzbischöflichen Ordinariats (nicht abgeschlossen)

1982 Landesstelle für Volkskunde (nicht abgeschlossen; unterbrochen)

1983 Alemannisches Institut (ABM)

1985 Augustinermuseum (nur Neuzugang)

1986 Fachhochschule für Sozialwesen, Religionspädagogik und Gemeindediakonie,

zunächst nur mit dem Neuzugang

1988 Museum für Ur- und Frühgeschichte (ABM)

1989 Fachhochschule für Sozialwesen, Religionspädagogik und Gemeindediakonie

(Altbestand; keine Sanierung, sondern Katalogkopie).

9

Die Zettel aus Furtwangen wurden zunächst teilweise bearbeitet. Da die Nachlieferungen

aber in einer für den Katalog nicht tragbaren Form erfolgten, wurde der

Nachweis dieser Bibliothek bald wieder aufgegeben; der GK II enthält nur die

Meldungen weniger Jahre.

10

Vgl. dazu den Bericht von C. MÜHL-HERMANN: Katalogsanierung mittels Verbundkatalogisierung

im Musikwissenschaftlichen Seminar, in Band 2 dieser Festschrift.

153

Der Freiburger Gesamtkatalog


Es stehen nun noch drei Klinikbibliotheken und mehrere medizinische

Institutsbibliotheken aus, dazu einige Altbestände, die nicht oder nur

unzureichend erfaßt sind. Außerhalb der Universität gibt es ebenfalls

Bibliotheken, deren Erfassung im Freiburger Gesamtkatalog

wünschenswert erscheint, wie das Johannes Künzig-Institut oder das

Rumänische Institut.

3.5 Räumliche Verhältnisse

Für die Bearbeitung stand 1971 in der Universitätsbibliothek kein Raum zur

Verfügung, für die nötigen Katalogschränke schon gar nicht. Zunächst

wurde die Arbeit in drei Räumen im Hinterhaus Werderring 6

aufgenommen. Der schnell wachsende Katalog brauchte aber möglichst

längerfristig einen ausreichenden und für Benutzer erreichbaren Standort.

So erhielt nach dem Umzug des Rektorats in das neue Gebäude

(Heinrich von Stephan-Straße) der Teil »GK Geisteswissenschaften« im

August 1973 seinen Platz im 1. OG des KG I im sog. »Rektoratsgang«.

Ausreichende Arbeitsräume für die Mitarbeiter standen nicht gleichzeitig

zur Verfügung; zunächst wurde ein Raum auf dem gleichen Geschoß,

später ein weiterer im EG des Gebäudes bezogen, während ein Teil der

Mitarbeiter noch immer im Werderring arbeitete, wo die Räume erst 1977

geräumt werden mußten. - Der »GK Nat.Med.« wurde im Sommer 1973 in

die Bibliothek des Chemischen Laboratoriums (heute: Fakultätsbibliothek

Chemie und Pharmazie) »umgezogen«, wo er bis heute steht. Von da ab

wurde auch ein eigenes Arbeitsteam gebildet.

Gleichzeitig - zum WS 1973/74 - wurden beide Katalogteile der

Benutzung übergeben (was die Bearbeitung selbst nicht erleichterte). Dem

Aufbau des GK I wurde nun Priorität zuerkannt.

Der GK I blieb an seinem Platz, bis der Bezug des UB-Neubaus endlich

seine Aufstellung neben dem UB-AK möglich machte. Der GK II,

weiterhin in der Fakultätsbibliothek Chemie und Pharmazie, wurde 1979

und 1984 komplett verfilmt, und die hergestellten Microfiches wurden nicht

nur in der Universitätsbibliothek als Ergänzung zum GK I, sondern auch in

mehreren Bibliotheken im naturwissenschaftlichen und medizinischen

154

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Bereich angeboten 11 .

Das Problem der Arbeitsräume löste auch der Einzug in den Neubau

zunächst nicht befriedigend; aber nach einem Umzug vom 3. ins 2. OG

befinden sich die Bearbeiter wieder auf dem gleichen Geschoß wie der

Katalog.

3.6 Personal

Während der Aufbauphase war zwar, vereinfacht ausgedrückt, genügend

Geld da, aber zu wenig Arbeitskraft. Es erwies sich als nicht einfach, an

qualifiziertes Personal (Dipl.bibl.) heranzukommen, zumal für nicht

planmäßige, befristete Arbeitsverhältnisse. An studentischen Hilfskräften

dagegen war kein Mangel. So ist die gesamte Aufbauzeit des Gesamtkatalogs

gekennzeichnet durch ein ausgesprochenes Ungleichgewicht

zwischen Fachkräften, vor allem solchen mit längerer Verweildauer und

längerer Erfahrung, und den ständig wechselnden studentischen

Hilfskräften. Das bedeutete minutiöse Stunden- und Arbeitspläne, häufiges

Einarbeiten ständig wechselnder Mitarbeiter, Vor- und Nachbereiten von

deren Arbeit; dazu noch drangvolle Enge, weite Wege zum Katalog und vor

allem zu den Nachschlagewerken.

Die Auflistung der verschiedenen Arbeitsverhältnisse im Jahresbericht

füllt mehrere Seiten - als Beispiel die Lage im Jahr 1975: 3 Dipl.bibl.

ganzjährig + 5 mit Arbeitsverhältnissen von drei bis zu elf Monaten + 13 (!)

mit wechselnden Arbeitsverhältnissen, die aus Sondermitteln bezahlt

wurden, dazu 11 Hiwis aus UB-Mitteln + 13 aus Sondermitteln + 2 aus

Institutsmitteln. Davon hatten insgesamt 19 Personen die Arbeit im

Berichtsjahr neu aufgenommen, 14 beendeten sie. Ein und dieselbe Person

erscheint u. U. in mehreren Rubriken, weil sie zu unterschiedlichen Zeiten

aus unterschiedlichen Mitteln bezahlt wurde.

Nach dem Auslaufen der Sondermittel blieben nur beschränkte Mittel

für »Hiwis«, die seit 1983 gänzlich entfielen. Seitdem arbeitet die

Dienststelle ohne studentische Hilfskräfte.

1981 endete auch die Beschäftigung einer eigenen Bearbeiterin für die

11 Seit der letzten Verfilmung wird ein Supplement geführt, das 1987 verfilmt wurde und

mit dem Stand 1990 verfilmt werden wird.

Der Freiburger Gesamtkatalog

155


Führung des Gesamtkatalog II (24 Stunden/Monat), die allerdings durch

etwa ebenso viele Arbeitsstunden aus der Dienststelle unterstützt worden

war. Seit 1982 wird der Gesamtkatalog II von den Mitarbeitern der

Dienststelle betreut und bis zum Einlegen in den Katalog auch in den

Arbeitsräumen vorbereitet.

Die Schulung der eigenen, häufig wechselnden Mitarbeiter nahm

unverhältnismäßig viel Zeit und Arbeitskraft in Anspruch, zumal wenn die

Zahl der Fachkräfte klein, die der Hilfskräfte groß war (siehe oben).

Ein ähnliches Problem stellte die Ausbildung der nicht bibliothekarisch

vorgebildeten Betreuer von diversen kleinen Bibliotheken dar: sie wurden

in mehreren Kursen auf die Grundregeln der Titelaufnahme geschult. Die

Kurse erfreuten sich großer Beliebtheit und wurden z. T. mit sehr gutem

Erfolg durchgeführt. Die Rechnung ging insgesamt nicht auf insofern, als

die betreffenden Mitarbeiter(innen) häufig versetzt wurden oder aus dem

Beruf ausschieden (überwiegend Halbtagsbeschäftigte), die Schulung also

jeweils »verloren« war und die Nachfolger wieder neu eingearbeitet werden

mußten. In anderen Fällen blieben zwar die Bearbeiter längere Zeit auf

einer Stelle; das jährliche Aufkommen an Büchern und damit an

Titelaufnahmen war aber so gering, daß auch die besten Kenntnisse sich

kaum erhalten oder gar festigen konnten. Nach einigen Jahren wurde diese

Art der Katalogisierunghilfe als wenig wirtschaftlich wieder aufgegeben.

Als brauchbar hat sich erwiesen, die Katalogisierung (und nur die

Katalogisierung) solcher Bibliotheken von Bibliothekaren durchführen zu

lassen. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten:

a) Kleinere Bibliotheken im Umfeld einer größeren werden von deren

Personal katalogmäßig laufend mitbetreut - z. B. auf Anforderung oder

mindestens 1x jährlich.

Beispiel: Fakultätsbibliothek Chemie und Pharmazie mit mehreren

umliegenden Instituten.

b) Die Arbeitsgruppe Gesamtkatalog betreut sanierte Bibliotheken nach

der Sanierung laufend katalogmäßig weiter, ebenfalls auf Anforderung,

mindestens aber 1x jährlich.

Beispiel: Sportwissenschaft, Hautklinik, Neurophysiologie, Sprachwissenschaft.

In beiden Fällen ist das Ergebnis für den Gesamtkatalog (der das eigentliche

Ziel einer qualitativ hochwertigen Katalogisierung ist) sehr befriedigend.

156

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


In Zukunft werden die Recherchiermöglichkeiten im SWB bei der

raschen Erledigung dieser Aufgabe eine größere Rolle spielen. Aus diesem

Grund wird der Transport der Bücher (oder die Kopie und Übersendung der

Titelblätter) in die Universitätsbibliothek der Katalogisierung vor Ort vorgezogen,

obwohl das vom Standpunkt der dezentralen Bibliothek her nicht

die ideale Lösung ist.

Während in der Aufbauphase ein Sanierungsteam eine Bibliothek nach

der anderen bearbeitete, werden nach Abschluß der »heißen« Phase die

verbleibenden Sanierungen vor allem aus Kräften der Dienststelle

bestritten 12 . Es wird versucht, neben der Bearbeitung des Neuzugangs

möglichst immer noch eine Sanierung »am Laufen« zu halten. Daß die

Sanierungsarbeit nicht als fester Arbeitsbereich gilt, gibt der Dienststelle

vermehrte Manövrierfähigkeit. Mitarbeiter können zusätzlich temporär in

der Sanierung eingesetzt werden, bei Stokungen etc. aber auch jederzeit

ohne organisatorischen Aufwand an ihre Arbeit in der Dienststelle zurückkehren.

Ebenfalls praktikabel ist der Einsatz von halbtags in

Institutsbibliotheken tätigen Mitarbeitern in der Bearbeitung des

Gesamtkatalogs mit der anderen Hälfte des Arbeitstages. Auch hier kann

leicht einmal auf vermehrten Arbeitsanfall und Terminarbeiten im Institut

reagiert werden; die Durchlässigkeit wirkt sich auch positiv aus auf das

Verständnis für den jeweils anderen Arbeitsbereich.

12 Vgl. zum »Personalpool« der Dienststelle die schon genannte Darstellung von W.

SÜHL-STROHMENGER im 2. Band dieser Festschrift.

Der Freiburger Gesamtkatalog

157


4. Inhaltliche Bearbeitung, Regeln

4.1Titelkartenmaterial

Die Bearbeitung des Kartenmaterials in der Aufbauzeit wurde durch

mehrere Faktoren erschwert:

- wenig Fachkräfte, ausreichend (oder zuviele) Hilfskräfte;

- keine Regeln bzw. Unsicherheit zwischen zwei Regelwerken;

- sehr ungleichmäßiges Material

- und nicht zuletzt auch durch die Raumverhältnisse.

Der Start wurde auch dadurch nicht erleichtert, daß das »Erstlingsmaterial«

die großen philologischen Bestände enthielt, - die Theologie sowie die Geschichte

mit anonymen Texten und mittelalterlichen Namen.

Das Ineinanderordnen der kopierten Alphabetischen Kataloge zeigte

sehr bald, daß es mit dem korrekten Einordnen nicht getan war: identische

Titel erschienen an ganz unterschiedlichen Stellen im Alphabet,

gekennzeichnete Verweisungen waren nicht vorhanden, dafür solche, die

nicht auf der Aufnahme verankert waren. Stücktitel existierten, obwohl das

aus der Gesamttitelaufnahme nicht zu entnehmen war, und fehlten

womöglich bei Reihen. Natürlich divergierten auch die

Namensansetzungen, sobald man den festen Boden der modernen

Familiennamen verließ (und der war so fest auch nicht). Da die Aufnahmen

teilweise extrem verkürzt waren, ließ sich auf Grund der Karte selbst auch

nicht unbedingt die richtige Entscheidung treffen.

Die kopierten Alphabete mußten ineinandergeordnet werden - aber nach

welchen Regeln? Die unbrauchbaren Kataloge mußten durch

Neukatalogisierung ersetzt werden - nach welchen Regeln? Entscheidungen

über Art und Zahl der nötigen Eintragungen mußte getroffen werden -

woran konnte man sich orientieren?

4.2 Regeln

Nun muß also doch etwas über Katalogisierungsregeln gesagt werden! Für

das Verständnis des Gesamtkataloges, wie er ist, aber auch wie er so

geworden ist, sind ein paar grundsätzliche Überlegungen nicht ganz zu

vermeiden.

158

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Die Aufbauzeit des Freiburger Gesamtkatalogs fiel, was Katalogisierungsregeln

angeht, in ein ausgesprochenes Interregnum - die »Preußischen

Instruktionen« hatten abgedankt, die RAK befanden sich noch in statu

nascendi, und mehrere Zwischenlösungen beherrschten die Szene.

4.2.1 In den Bibliotheken »vorgefundene« / angewandte Regeln:

Die vorhandenen Kataloge wurden weitgehend zwar nicht korrekt nach

»Preußischen Instruktionen« geführt, lehnten sich aber in vielem an diese

an. Die Namensansetzung war häufig nicht vereinheitlicht; die Ordnung

erfolgte häufig mit vereinfachter nicht-mechanischer Wortfolge, also z. B.

zwar 1. Substantiv, danach aber mechanische Ordnung. Auch die

durchbrochene mechanische Wortfolge der GAZS-Regeln fanden sich

(Übergehung »unwichtiger« Wörter). Die eigentliche Titelerfassung

dagegen erfolgte nach äußerst unterschiedlichen Vorstellungen von

bibliographischer Beschreibung. Originaltitel wurden fast nirgends zur

Ordnung herangezogen, trotzdem aber häufig auf der Titelaufnahme

genannt. In vielen Bibliotheken war die Titelaufnahme stark verkürzt, fast

nirgends wurde das Titelblatt wiedergegeben, und allgemein herrschte die

einfache Eintragung unter dem »Verfasser« vor, der aber auch ein (evtl.

nicht gekennzeichneter) Herausgeber sein konnte.

4.2.2 Neue Regeln

Bis zur Fertigstellung der RAK (1977) gab es zahlreiche Versuche, für

kleinere oder auch für die neu gegründeten Bibliotheken Katalogisierungsregeln

zu schaffen, die die nur für Fachleute anwendbaren und

in vielen Punkten als unzureichend empfundenen »PI« ersetzen konnten

und die vor allem dem Benutzer mehr entgegenkamen. Auch die angloamerikanischen

Regeln spielten in die Überlegungen natürlich stark mit

hinein. Sie alle zeichneten sich vor allem durch die Ordnung nach der

gegebenen Wortfolge aus (eine Erleichterung, die sich gelegentlich als

Erschwernis herausstellt), setzten in der Regel unter dem vorliegenden Titel

an und versuchten, sofern sie für Laien gedacht waren, die Entscheidung

über die Haupteintragung so einfach wie möglich zu machen.

Von den sehnlich erwarteten »Regeln für die Alphabetische Katalo­

Der Freiburger Gesamtkatalog

159


gisierung (RAK)« lagen 1971 nur partienweise einzelne Abschnitte als

Vorabdrucke vor; entscheidende Paragraphen befanden sich noch im

Umbruch, es gab keinen Überblick über das Regelwerk als Ganzes, und die

Teile ergaben in manchem ein falsches Bild. Was von den im Vergleich mit

den »PI« sehr detaillierten und umfangreichen Regeln zu sehen war,

erweckte berechtigterweise den Eindruck, als seien sie von Laien kaum

einzuhalten, und, ebenfalls zu Recht, als seien sie viel

»eintragungsintensiver« als die Preußischen Instruktionen, von den in den

Instituten angewandten Verschnitten ganz abgesehen.

4.3 Regelanwendung im Gesamtkatalog

Das führte in den ersten Jahren dazu, daß ein Konglomerat aus Preußischen

Instruktionen (PI), RAK nach Vorabdrucken, Konstanzer Regeln usw. mit

einem stützenden Gerüst aus Absprachen benutzt wurde.

Die RAK wurden auch nach dem endgültigen Erscheinen (1977) nicht

konsequent angewendet, auch nicht bei den Sanierungen, sondern viele PI-

Elemente weiter beibehalten und Hausregeln definiert, immer mit dem Ziel,

Arbeit zu sparen und nicht zu aufwendig zu arbeiten. Zum Zeitpunkt des

Erscheinens von RAK-WB (1983) folgte der Katalog eigentlich keinem

Regelwerk.

Geordnet wurde nach der gegebenen Wortfolge und streng nach RAK (von

geringfügigen formalen Abweichungen abgesehen).

Angesetzt wurde teilweise noch nach den Preußischen Instruktionen.

Körperschaftseintragungen wurden zunächst benutzt; nach den

desaströsen Erfahrungen (ohne eine brauchbare Körperschaftsdatei) wurde

die Verwendung von noch nicht im Katalog vertretenen Körperschaften für

einige Jahre ganz aufgeben. Seit 1982 zunächst vorsichtig, später streng

nach RAK-WB werden Körperschaftseintragungen den Regeln entsprechend

angewandt.

Seit 1983 wird versucht, die laufende Katalogführung ausschließlich an

den RAK-WB und seit 1989 auch an SWB-Konventionen zu orientieren -

ohne im Altbestand abweichende Entscheidungen zu verändern - soweit die

gelieferten / vorliegenden Aufnahmen das zulassen. Titelaufnahmen, die

mit allen vorgeschriebenen Nebeneintragungen vorliegen, werden mit (fast)

allen Eintragungen nachgewiesen; verkürzt katalogisierte dagegen u.U. nur

160

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


mit der in jedem Fall regelkonformen Haupteintragung und den nach Absprache

für unumgänglich notwendig erklärten Nebeneintragungen. Das

Prinzip, jede angebotene Information zu erhalten, die fehlenden aber nur

nach Notwendigkeit zu ergänzen, beeinträchtigt die Benutzbarkeit des

Kataloges nicht (wenn es auch gelegentlich zu Irritationen der Mitarbeiter

führt).

4.4 Bearbeitungsmodus

Das Einarbeiten in den Katalog besteht - natürlich - darin, daß in das

Grundalphabet laufend kleinere Alphabete 13 eingelegt werden, wobei für

die neuen Karten zunehmend weniger Recherchen nötig werden, weil der

Katalog selbst allein durch die Zahl der Nachweise immer mehr zu einem

bibliographischen Hilfsmittel wird. Identische Titel (Mehrfachnachweise)

werden durch Sigelübertragung nur auf einer Karte nachgewiesen, was

nicht nur den Umfang des Katalogs etwas begrenzt, sondern vor allem seine

Übersichtlichkeit steigert: das Hinter- und Nebeneinander inhaltlich wie

formal stark abweichender Aufnahmen für ein und denselben Titel ist für

den ungeschulten Benutzer kaum durchschaubar und führt auch beim Bearbeiten

leicht zu »Nestern«. Die Entscheidung wird nach der »besseren«

Aufnahme (inhaltlich, formal, technisch) getroffen. Verweisungen bleiben

ohne Sigelübertragung, werden daher konsequenterweise nur in einem

Exemplar eingelegt und auch nur einmal für alle titelgleichen Auflagen (mit

»u. öfter«). Grundsätzlich gilt »Sigelübertragung nur an einer Stelle«.

Häufig vorhandene Nachschlagewerke (Typ: Sprachwörterbuch)

werden nicht im Katalog nachgewiesen. Orientalia, Noten 14 , AV-Medien,

Karten und Sonderdrucke wurden ausgeschlossen. Auf den Nachweis unter

Reihen wurde, von Eröffnungskarten abgesehen, verzichtet. Von unklaren

Zeitschriftentiteln wird ggf. auf das FZV verwiesen.

13

Die laufenden Nachmeldungen sind in einem Nachtragsalphabet vereinigt, das laufend

von A - Z durchgearbeitet wird, und zwar von allen Mitarbeitern gemeinsam; es gibt

also kein Trennung nach Bibliotheken / Instituten oder nach Alphabetabschnitten.

14

Die Noten aus der Bearbeitung des Musikwissenschaftlichen Seminars werden trotz

der Schwierigkeiten, die ihre Katalogisierung nach RAK-Musik mit sich bringt, in den

GK eingearbeitet; das scheint vertretbar, obwohl die Noten der Pädagogischen

Hochschule und des Volksliedarchivs nach wie vor nicht im Katalog enthalten sind.

161

Der Freiburger Gesamtkatalog


Eine Besonderheit ist das Bearbeiten mit »geklammerten« Karten, d.h.,

es wird nur auf der Grundlage der Hauptaufnahme über die Aufnahme in

den Katalog entschieden; die vorläufig angeklammerten Verweisungen 15

werden erst anschließend in das Alphabet entlassen, evtl. analog zur

Hauptaufnahme verändert.

Im Prinzip wird, mit Ausnahme der SWB-Zettel, bei der Bearbeitung

bis heute so verfahren.

Der Freiburger Gesamtkatalog ist ein recht überzeugendes Beispiel

dafür, daß sich trotz Anwendung unterschiedlicher Regelwerke in zeitlichen

Schichten ein nicht gerade homogener, aber durchaus eindeutig geordneter

und benutzbarer Katalog ohne ungewollte Doppelungen aufbauen und

führen läßt. Natürlich ist die Intensität der Erschließung des Materials durch

den Katalog nicht nur zeitlich, sondern auch je nach Herkunft des Zettelmaterials

sehr unterschiedlich.

15

Nach wie vor wird im Gesamtkatalog mit Verweisungen, nicht mit Nebeneintragugen

gearbeitet (diese müssen durch Einschub von »s.« zu Verweisungen umfunktioniert

werden). Das hängt mit der auf die Hauptaufnahmen beschränkten Sigelübertragung

zusammen - auf eine echte Nebeneintragung müßten auch die Sigel übertragen

werden.

162

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


5. Der »Nutzen« des Gesamtkatalogs

Seine Bewährungsprobe mußte der mit so viel Mühe aufgebaute Katalog

natürlich in der Benutzung bestehen. Wenn er seinen Zweck erfüllt, müßte

das vor allem die Zahl der Fernleihbestellungen beeinflussen. Von 1974 bis

1982 wurden daher die »rosa Zettel« des passiven Leihverkehrs am

Gesamtkatalog geprüft und die Fundquote notiert. Von stolzen 11 % im

ersten Jahr sank sie bis 1979 auf 6,7 %, stieg dann wieder etwas an, bis sie

1982 bei 8,1 % lag, wobei der »Erfolg« im Bereich GK II meist etwas höher

lag als im anderen Bereich. Auch ohne Statistik läßt sich in jedem Semester

wieder beobachten, daß der Katalog zu Anfang einem Teil der Benutzer

unbekannt ist, daher hohe »Erfolge« beim Nullen der Fernleihbestellungen;

im Lauf des Semesters lernen ihn die meisten kennen, und die Zahl der

gefundenen Titel sinkt. Aus dieser Beobachtung läßt sich zwar auf die

Benutzung des Kataloges schließen, unberücksichtigt bleiben dabei aber

alle diejenigen Bestellungen, die gar nicht erst aufgegeben werden, weil der

Benutzer vorher bereits den Gesamtkatalog konsultiert. Daher wurde die

Entwicklung der Fernleihbestellungen in Relation gesetzt zur (wachsenden)

Zahl der Benutzer im gleichen Zeitraum; hier zeigte sich ein Absinken der

Fernleihbestellungen ab Eröffnung des Gesamtkatalogs und später, mit

wachsendem Umfang des Gesamtkatalogs, ein zumindest unterproportionales

Anwachsen der Fernleihbestellungen 16 .

Obwohl sich also der »Nutzen des Gesamtkatalogs« nur schwer in

Zahlen auszudrücken läßt, ist er inzwischen doch unbestritten. Der Katalog

ermöglicht die Orientierung im Dickicht der verstreuten Buchbestände,

erlaubt Kaufabsprachen bzw. -verzicht und hat durch die Teilnahme der

Bibliotheken der Universität an einem gemeinsamen Katalog auch die

Katalogsituation und damit die Literaturerschließung in den Bibliotheken

selbst verbessert.

Nachdem der Gesamtkatalog seit 1989 (Musikwissenschaft) bzw. 1990

(Pädagogische Hochschule) sozusagen in kleinen Dosen an die

Verarbeitung von SWB-Karten gewöhnt wurde, stehen für das laufende

Jahr größere Änderungen ins Haus: der Anschluß mehrerer Fakultäts- und

16

Vgl. Hermann Josef DÖRPINGHAUS: Zum Nutzen von örtlichen Gesamtkatalogen. In:

Mitteilungsblatt / VERBAND DER BIBLIOTHEKEN DES LANDES NORDRHEIN-WESTFALEN. N.F.

32 (1982), S. .142-157; vgl. dazu INFORMATIONEN 11 (1982), S. 26-27.

163

Der Freiburger Gesamtkatalog


Fachbereichsbibliotheken an den Südwestdeutschen Bibliotheksverbund

wird einen erhöhten Anteil derartiger Zettel bringen, die das Gesicht des

Katalogs allmählich verändern werden. Der Assimilation von gewachsenem

Katalog und Verbundaufnahmen sehen die Bearbeiter gespannt entgegen!

164

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Hansjürgen Maurer

RETROSPEKTIVE KATALOGKONVERSION

IN EINEM VERBUNDSYSTEM 1

Der Beitrag berichtet über die seit Mai 1990 an der UB Freiburg laufende

Katalogkonversion, die online im Verbund der Südwestdeutschen Bibliotheken

(SWB-Verbund) abgewikelt wird. Zunächst soll jedoch

versucht werden, das in Freiburg praktizierte Verfahren in einen Gesamtrahmen

mit den derzeit laufenden Aktivitäten zur retrospektiven

Katalogkonversion zu stellen. Es liegt dabei in der Natur einer kurzen Zusammenfassung,

daß hierbei z.T. auch wichtige Details übergangen

werden und weniger wichtige Details zu pointiert ausfallen können.

Deshalb sei auf die genannten Quellen verwiesen, die die einzelnen

Aspekte detailliert und im jeweiligen Kontext darstellen.

1. Zur Situation der Katalogkonversion in Deutschland

Die retrospektive Katalogkonversion ist laut Haller 2 »das Zauberwort, das

uns seit 1980 in der Bundesrepublik fasziniert«. Durch die Katalogkonversion

ergibt sich die Perspektive, in einem OnlineKatalog nicht

nur die seit Einführung der EDV-Katalogisierung erworbenen Titel

anbieten zu können, sondern auch Titel des Altbestandes, die noch

konventionell erfaßt wurden. Man erhoffte sich dadurch eine Verbesserung

der Nachweissituation nicht nur am Ort, sondern auch im

auswärtigen Leihverkehr.

Aus der Sicht von heute scheint diese Faszination aber zunächst mehr

theoretischer Natur gewesen zu sein, denn abgesehen von den durch die

Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Altbestandsprojekten

in Göttingen und München war sie längere Zeit ohne größere konkrete

Wirkung. Erst in der zweiten Hälfte der 80er Jahre versuchte man,

1

Abdruck des in ZfBB 38 (1991), S.109-128 erschienenen Beitrags. Mit freundlicher

Genehmigung durch Herausgeber und Verlag.

2

HALLER, Klaus: Altbestandserfassung oder Altbestandskatalogisierung? In:

Bibliothek 13 (1989), S. 3-10, hier S. 3.

Retrospektive Katalogkonversion

165


Anschluß an die Entwicklungen im Ausland (USA, Großbritannien) zu

gewinnen, wo bereits ab Mitte der 60er Jahre konventionelle Katalogdaten

mittels EDV-Verfahren konvertiert wurden. Die neu aufflakernde

Diskussion über einen deutschen Gesamtkatalog auf EDV-Basis führte

zwar nicht zum Erfolg, aber zumindest zur Bereitschaft, das Problem des

EDVNachweises konventioneller Titeldaten auf lokaler, regionaler und

nationaler Ebene weiter zu verfolgen. Etwa 1985 fällt auch die Entscheidung

der DFG, weitere Altbestandsprojekte zu fördern, um die Literaturerschließung

und durch die geplante Zusammenführung der Katalogisate

in einem Katalog maschinenlesbarer Daten auch die Literaturversorgung

im auswärtigen Leihverkehr zu verbessern.

Es ist zu vermuten, daß neben finanziellen Aspekten insbesondere die

Vorstellungen und Forderungen Fabians 3 zur Verbesserung der Literaturversorgung

in den Geisteswissenschaften den Ausschlag dafür gaben,

daß es im Verlauf der vorbereitenden Studien durch E. Lapp 4 und L. Syré 5

zu einer Beschränkung auf die historischen Buchbestände kam, definiert

als die bis 1850 erschienene Literatur.

Inzwischen fördert die DFG die retrospektive Konversion von Katalogdaten

vor 1850 in einer Reihe weiterer Bibliotheken, die nach strengen

Kriterien ausgewählt wurden und die sicherstellen, »daß die im Rahmen

der Altbestandserfassung konvertierten Daten sowohl in die regionalen

Verbünde als auch in den überregionalen VK einfließen« 6 .

3

FABIAN, Bernhard: Buch, Bibliothek und geisteswissenschaftliche Forschung. Zu

Problemen der Literaturversorgung und der Literaturproduktion in der Bundesrepublik

Deutschland. Göttingen 1983. (Schriftenreihe der Stiftung Volkswagenwerk.

24).

4

LAPP, Erdmute: Nachweis des deutschen Schrifttums des 18. und 19. Jahrhunderts

in Bibliotheken der Bundesrepublik Deutschland und Westberlins. Berlin 1988

(dbi-materialien. 72), und: LAPP, Erdmute: Katalogsituation der Altbestände

(1501-1850) in Bibliotheken der Bundesrepublik Deutschland einschließlich Berlin

(West). Berlin 1989 (dbi-materialien. 82).

5

SYRÉ, Ludger: Retrospektive Konversion. Theoretische und praktische Ansätze zur

Überführung konventioneller Kataloge in maschinenlesbare Form. Berlin 1987

(dbi-materialien. 66), und: SYRÉ, Ludger: Altbestandserfassung in wissenschaftlichen

Bibliotheken der Bundesrepublik Deutschland. Berlin 1987 (dbimaterialien.

67).

6

DEUTSCHE FORSCHUNGSGEMEINSCHAFT: Altbestandserfassung in wissenschaftlichen

166

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


So bedeutend diese Projekte für die Verbesserung der Literaturversorgung

in den Geisteswissenschaften auch sind, so verständlich die

Beschränkung auf das damals finanziell Vertretbare ist, so bedauerlich ist

es aber zugleich, daß sich die DFG bei den Planungen auf die

Altbestandserfassung und damit auf die historischen Bestände beschränkte.

So wäre das Zauberwort »retrospektive Katalogkonversion«

für die meisten Bibliotheken in der Bundesrepublik wohl für lange Zeit

noch ein Traum geblieben, wenn nicht der Wissenschaftsrat im Jahre

1988 in seinen »Empfehlungen zur retrospektiven Katalogisierung« 7

gefordert hätte, »nicht nur die historischen Altbestände, sondern auch die

Katalogdaten nach 1850, insbesondere nach 1945, zu konvertieren«. Begründet

hat der Wissenschaftsrat seine Forderungen damit, daß in den

wissenschaftlichen Bibliotheken nachweislich die neuere, nach 1945

erschienene Literatur einen Anteil von über 80 Prozent an den Entleihungen

aufweist und daß daher die Konversion der diesbezüglichen Katalogdaten

besonders vordringlich für die Wissenschaft sei.

Die Höhe der vom Wissenschaftsrat geschätzten Kosten (150 Millionen

DM) für eine Katalogkonversion von Monographien ab dem Jahre

1945 haben weder den Bundesminister für Bildung und Wissenschaft

(BMBW) noch die zuständige Bund-Länder-Kommission davon abgehalten,

die Notwendigkeit der Aufgabe anzuerkennen und damit noch im

Jahre 1988 eine entsprechende Finanzierung nicht auszuschließen. Wie

wir alle wissen, ist trotzdem bis heute unser Traum immer noch nicht

Wirklichkeit geworden, denn die Empfehlungen des Wissenschaftsrates

trafen uns mehr oder weniger konzeptionslos an.

Mit ein entscheidender Grund dafür dürfte die schon erwähnte

Konzentration auf die Altbestandserfassung gewesen sein. Diese Vermutung

bestätigt z.B. das noch im gleichen Jahr stattfindende Kolloquium

zur retrospektiven Katalogisierung in Niedersachsen 8 , bei dem ein großer

Bibliotheken der Bundesrepublik Deutschland einschließlich Berlin (West). In:

ZfBB 35 (1988), S. 51-60, hier S. 58.

7

WISSENSCHAFTSRAT: Empfehlungen zur retrospektiven Katalogisierung an

8

wissenschaftlichen Bibliotheken. Konvertierung vorhandener Katalogaufnahmen

in maschinenlesbare Daten. Köln 1988. S. 16.

Kolloquium zur retrospektiven Katalogisierung in Niedersachsen am 3. und 4. Mai

1988. Göttingen 1988.

167

Retrospektive Katalogkonversion


Teil der Vorträge von der Konversion historischer Bestände handelt. So

muß E. Mittler gut ein Jahr nach der Veröffentlichung der Wissenschaftsratsempfehlungen

bei seiner Frage »Katalogkonversion - Wendepunkt

für deutsche Bibliotheken?« 9 feststellen, daß die Empfehlungen

»trotz ihres Alters noch nirgendwo realisiert und so gut wie gar nicht diskutiert

worden sind«, und er fordert »Handeln ist angesagt« 10 . Landwehrmeyer

11 beschreibt noch im gleichen Jahr, was noch alles zu leisten ist:

»Von der Ausarbeitung eines langfristig konsistenten Rahmenkonzeptes

bis zur experimentellen Erprobung..., von der Definition von Maximalund

Minimalkonzeptionen bis zur Nutzung vorhandener Datenressourcen

und der Abgrenzung zwischen intellektuellen und maschinellen

Verfahren...«.

Inzwischen sind, vom DBI betreut, acht verschiedene Teilprojekte im

Rahmen des BMBW-Projektes »Entwicklung und Erprobung von

Arbeitsverfahren zur Ermittlung der Kostenhöhe und Kostenverteilung

der Retrospektiven Katalogisierung« angelaufen, die nach Beyersdorff 12

zur Klärung folgender Haupteinflußfaktoren bei der retrospektiven

Katalogkonversion beitragen sollen:

- Titelmengen,

- Qualitätsanforderungen an die konvertierten Daten,

- Fremddatennutzung,

- Verfahrensweisen.

Mit definitiven Ergebnissen ist bis zum Frühjahr 1992 zu rechnen. Ob

diese schon ausreichen, um ein ausgereiftes Rahmenkonzept zu erstellen,

wird sich erst dann herausstellen können. Erste methodische Bedenken ­

9

MITTLER, Elmar: Katalogkonversion - Wendepunkt für deutsche Bibliotheken? In:

ZfBB 36 (1989), S. 408-418, hier S. 417.

10

Siehe MITTLER, Elmar: Katalogkonversion - Wendepunkt für deutsche Bibliotheken?

S. 416.

11

LANDWEHRMEYER, Richard: Die Empfehlungen des Wissenschaftsrates zur retrospektiven

Katalogisierung an wissenschaftlichen Bibliotheken. In: ZfBB 36 (1989),

S. 19-29, hier S. 26.

12

BEYERSDORF, Günter: Retrospektive Katalogisierung : So geht es weiter. In: ZfBB 37

(1990), S. 375-384.

168

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


seien hiermit angemeldet: Die Teilprojekte werden in der Regel nur von

einem Partner und nur mit dessen Beständen durchgeführt. Es wird daher

nur sehr schwer möglich sein, die an der Bibliothek X mit deren Daten

und nach einem bestimmten Verfahren gewonnenen Ergebnisse mit

denen zu vergleichen, die an der Bibliothek Y mit deren Daten nach

einem anderen Verfahren gewonnen wurden. Eine Übertragbarkeit oder

Verallgemeinerung der Ergebnisse ist dann aber praktisch kaum möglich.

Im übrigen verwundert es, daß das bei der Altbestandserfassung seit

längerer Zeit und an mehreren Bibliotheken praktizierte Verfahren nicht

Bestandteil der Untersuchungen ist. Es könnte durchaus als Basisverfahren

betrachtet werden, bei dem mit Fachkräften und (noch) nicht

besonders intensivierter Fremddatennutzung gearbeitet wird, d.h. mit

einem Aufwand, den es unter Kostenaspekten vermutlich zu unterbieten

gilt. Ein weiterer, zeitverzögernder Faktor darf nicht außer acht gelassen

werden: Konzepte zu realisieren, heißt in der Regel, für das Verfahren

entsprechende Software zu entwikeln oder vorhandene Software zu adaptieren.

Und hier lehrt die Erfahrung, daß der zeitliche Aufwand für diese

Entwicklungen fast immer erheblich unterschätzt wird. So ist z.B. seit

spätestens 1987 festgelegt, daß die im Rahmen der Altbestandserfassungsprojekte

der DFG konvertierten Daten zentral im Verbundkatalog

maschinenlesbarer Daten (VK) des Deutschen Bibliotheksinstitutes (DBI)

zusammengeführt werden sollen. Der Wissenschaftsrat hat ein Jahr später

dieses Verfahren auch für die Zusammenführung der neueren konvertierten

Daten übernommen und zusätzlich gefordert, daß der VK dann

auch als Fremddatenressource nutzbar sein soll, wobei »die verfügbaren

maschinenlesbaren Katalog- und Titeldaten in einem Zeitraum von etwa

zwei bis drei Jahren online abruf- und übernehmbar sein« sollen 13 . Bis

heute (Januar 1991) ist noch nicht einmal die Zusammenführung der in

den Verbünden seit 1985 erfaßten Daten erfolgt, da die Entwicklung des

neuen VK noch im Gange ist.

Heißt das nun weiter abwarten, bis eine gesicherte Konzeption

gefunden wurde und die dafür notwendigen technischen und organisatorischen

Grundlagen geschaffen wurden? Weiter fasziniert von der retro­

13 Siehe WISSENSCHAFTSRAT: Empfehlungen zur retrospektiven Katalogisierung an

wissenschaftlichen Bibliotheken, S. 22.

Retrospektive Katalogkonversion

169


spektiven Katalogkonversion träumen, auch auf die Gefahr hin, daß die

Millionen weniger werden oder gar »verfallen«? Wer so fragt, muß

Alternativen anbieten können. Diese Alternativen gibt es, wie das

Beispiel der Altbestandserfassung zeigt. Daß darüber hinaus Konversionsverfahren

existieren, die schon jetzt eine retrospektive Katalogkonversion

ermöglichen, ohne daß hierdurch der noch ungewisse Weg in die

Zukunft verbaut wird, möchte der vorliegende Beitrag beispielhaft

aufzeigen.

Sollte sich herausstellen, daß diese oder auch andere sofort einsetzbare

Verfahren unter den jeweils gegebenen Randbedingungen die Forderungen

an bibliographische und datentechnische Normen erfüllen und die

damit verbundenen Kosten konkurrenzfähig sind, erscheint es sinnvoll

und notwendig, schon jetzt baldmöglichst entsprechende Mittel für diese

Verfahren bereitzustellen. Nur so läßt sich schnellstmöglich eine breite

Basis für die Lösung des sehr heterogenen Komplexes mit seinen

gewaltigen Datenmengen schaffen.

Unter dem Gesichtspunkt der Zukunftskompatibilität als wichtigstem

Gebot für alle Konversionsvorhaben verbieten sich autonome Projekte

von selbst. Ziel von Konversionsprojekten darf nicht nur der lokale

Online-Katalog sein, ein unabdingbares Ziel muß in Übereinstimmung

mit den Forderungen der DFG bei der Altbestandserfassung auch der zentrale

Nachweis im jeweiligen Verbundsystem und damit in Zukunft auch

im DBI-VK sein. Ob die Konversion nun offline oder online, per Hand

oder weitgehend maschinell, mit oder ohne Fremddatennutzung bzw.

-nachbereitung, durch Bibliotheken oder durch kommerzielle Firmen,

mittels ausgebildeter Fach- oder (ggf. angelernter) Hilfskräfte erfolgt, ist

dabei sekundär. Die primäre Forderung heißt außer Wirtschaftlichkeit

stets auch Erfüllung der bibliothekarischen, strukturellen und technischen

Normen eines Verbundsystems. Nur so erscheint der vom Wissenschaftsrat

geforderte Datenfluß der konvertierten Katalogisate von den

Verbünden in den VK und von dort zur Vergrößerung der Fremddatennutzungsmöglichkeiten

zurück in die Verbünde mit vernünftigem

Aufwand realisierbar.

Diese Forderung ist automatisch dann erfüllt, wenn die Konversion

der Katalogdaten in einem Verbundsystem (off- oder online) erfolgt.

Daher seien als Beispiel drei im SWB-Verbund praktizierbare Verfahren

170

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


skizziert, die je nach Anwendungsfall und Zielvorstellungen brauchbare

Ergebnisse liefern könnten.

2. Verfahren der Katalogkonversion im SWB-Verbund

Es kann angenommen werden, daß die nachfolgend geschilderten

Möglichkeiten auch in anderen Verbünden zumindest teilweise realisiert

sind, bzw. mit relativ wenig Aufwand realisiert werden könnten. Alle drei

derzeit schon praktizierbaren Verfahren werden hier kurz vorgestellt, da

sie bei den erwähnten BMBW-Test-Projekten nicht berücksichtigt sind,

obwohl zumindest das Online-Verfahren eine recht interessante

Alternative zu den in Angriff genommenen Teilprojekten der

BMBW-Studie sein könnte. Hinsichtlich der weiteren im SWB-Verbund

derzeit in Entwicklung bzw. Erprobung befindlichen Konversionsverfahren

sei auf die Darstellung von Beyersdorf 14 verwiesen.

2.1 Offline-Verfahren

Der SWB-Verbund hat zwei Offline-Verfahren realisiert, die bei einer

Katalogkonversion Hilfestellung geben können: Zum einen einen Kurztitelabruf,

zum anderen einen Abruf mittels der ISBN. Beide Verfahren

ermöglichen die Nutzung der im SWB-Verbund nachgewiesenen Titel,

indem mit einem PC und vom SWB-Verbund gelieferten Disketten mit

Kurztiteln bzw. ISBN die benötigten Titel selektiert werden können.

Nachdem diese mit den entsprechenden Lokaldaten versehen wurden,

erfolgt die Übernahme in den SWBVerbund durch das Überspielen der

wiederum auf Diskette gelieferten Daten. (Die Erweiterung beider Verfahren

auf einen Abgleich mittels ISBN und Kurztitel bei bereits extern

konvertierten Daten zur Übernahme in den SWB-Verbund ist Gegenstand

zweier Teilprojekte der BMBW-Studie, nicht jedoch diese beiden

Abrufverfahren.)

Abruf bedeutet bei beiden Verfahren also nicht primär eine Übernahme

von SWB-Verbund-Daten in ein lokales System, sondern die

14 BEYERSDORFF, Günter: Retrospektive Katalogisierung.

Retrospektive Katalogkonversion

171


Offline-Nutzung von im SWB-Verbund vorhandenen Daten in Verbindung

mit dem Einbringen der Lokaldaten in den Datenpool des

SWB-Verbundes. Erst in einem zweiten Schritt können die Daten, falls

erforderlich, über einen Datendienst des SWBVerbundes (Zetteldruck,

Magnetband, Diskette, in Zukunft auch File-Transfer) in ein lokales

Katalogsystem übernommen werden.

Beide Verfahren weisen einen Nachteil auf, den praktisch alle

Offline-Verfahren haben: Sie erfordern eine intellektuelle Nachbereitung.

Theoretisch sind die per Kurztitel oder ISBN abgerufenen Daten

eindeutig und ohne zusätzliche Kontrolle übernehmbar, wenn man mit

den Fehlern bei den vorhandenen Daten leben will oder kann. Die Praxis

allerdings zeigt, daß man um eine bestimmte Nachbereitung auch in

diesen Fällen nicht herumkommt, da insbesondere die Altdaten auch bei

einer reinen Konversion ohne Autopsie nicht mehr den heutigen

Anforderungen entsprechen.

Zusätzlich erhebt sich bei beiden Verfahren sofort die Frage nach der

Behandlung der dadurch nicht »abrufbaren« Titel, sei es, daß keine ISBN

vorliegt, sei es, daß der benötigte Titel nicht im SWB-Verbund

nachgewiesen ist. Diese Frage führt unmittelbar zum dritten vom SWB-­

Verbund angebotenen, sofort realisierbaren Verfahren, das zur retrospektiven

Konversion eingesetzt werden kann:

2.2 Online-Konversion

Die Online-Konversion ist ein im SWB-Verbund praktiziertes Verfahren,

das in seinen Grundzügen sowohl bei der Altbestandserfassung durch die

DFG-Projekte in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart und

in der Universitätsbibliothek Tübingen eingesetzt wird, als auch bei

mehreren Konversionsprojekten mit neueren Titeldaten, u.a. auch bei dem

hier vorzustellenden Verfahren in der Universitätsbibliothek Freiburg:

Die Konversion erfolgt dabei online im Katalogisierungssystem des

SWB-Verbundes, das auch für die Katalogisierung des Neuzuganges zur

Verfügung steht. Hierbei wird lediglich eine wichtige Unterscheidung

hinsichtlich der Qualität der durch eine Konversion neu einzubringenden

Daten getroffen.

Der SWB-Verbund unterscheidet bei Titeldaten zwei verschiedene

172

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Katalogisierungsebenen:

- Das I-Niveau für interimistische Katalogisate, die nicht zwingend

nach RAK-WB-Regeln angelegt werden, wie z.B. Erwerbungsdaten,

Altdaten aus der Vor-RAK-WB-Ära oder nach einem bestimmten

Minimalformat angelegte Titeldaten. Titeldaten mit I-Niveau können

von jedem Teilnehmer verändert werden. Die nach RAK-WB unter

vollständiger Anwendung des Kategorienschemas des SWB-Verbundes

erstellten Titelaufnahmen erhalten im Gegensatz dazu das

sogenannte

- K-Niveau zur Kennzeichnung eines endgültigen Katalogisates. Dies

kann in der Regel nur von der Bibliothek korrigiert werden, die das

Katalogisat angelegt hat.

Für die Konversion von konventionellen Titelaufnahmen wurde im

SWB-Verbund grundsätzlich festgelegt, daß alle konvertierten, d.h., alle

nicht durch Autopsie neu eingebrachten Katalogisate nur im interimistischen

Niveau angelegt werden können. Dadurch ist sichergestellt, daß

notwendige Korrekturen an den durch die Konversion eingebrachten

Titeln ohne aufwendige Benachrichtigungsprozeduren, direkt durch jede

Bibliothek vorgenommen werden können. Durch diese Maßnahme wird

der Aufwand für die Korrektur der ohne Autopsie eingebrachten und

dadurch oft korrekturbedürftigen Titelaufnahmen minimiert. Zugleich ermöglicht

das Verfahren auch bei einer Konversion die sofortige Korrektur

von sonstigen Titelaufnahmen im I-Niveau. Selbstverständlich beziehen

sich diese Korrekturmöglichkeiten ausschließlich auf die Titeldaten.

Lokaldaten sind stets nur von der einbringenden Bibliothek veränderbar.

Die Online-Konversion im SWB-Verbund geschieht in zwei Stufen:

Stufe 1 umfaßt die Titeldaten. Sie werden bei der Konversion entweder

-aus den im SWB-Titel-Pool vorhandenen Katalogisaten übernommen

oder, falls das nicht möglich ist,

-aus dem Fremddatenbereich in den Titelbereich (mit I-Niveau) überführt

oder, falls auch das sich als unmöglich erweist,

-als neue Titelaufnahme im I-Niveau in den Titelbereich eingebracht.

In der Stufe 2 werden die entsprechenden Lokaldaten (Signatur, Standort

etc.) erfaßt und mit der entsprechenden Titelaufnahme verknüpft.

Der Aufwand für das direkte Umsetzen von Konversionsdaten in eine

Online-Katalogdatenbank erscheint insbesondere beim ausschließlichen

Retrospektive Katalogkonversion

173


Einsatz von ausgebildetem Fachpersonal relativ hoch und dies vor allem

unter dem Gesichtspunkt einer nicht besonders intensiven Fremddatennutzung.

Es seien daher ein paar Bemerkungen zur Nutzung von

Fremddaten gestattet, die im weiteren Verlauf des Berichtes auch mit

Erfahrungen aus der Praxis unterstützt und ergänzt werden.

2.3 Fremddatennutzung: Theorie versus Praxis?

Die Forderung nach größtmöglicher Nutzung vorhandener Daten bei der

Katalogkonversion leuchtet unmittelbar ein, die Vorteile einer

Übernahme von maschinenlesbaren Katalogisaten liegen auf der Hand.

Der Begriff Fremddatennutzung sei im folgenden auf den Import extern

erzeugter Katalogdaten beschränkt. Damit fällt die Nutzung von in der

Katalogisierungsdatenbank schon vorhandenen Daten durch einfaches

Anhängen hier nicht unter den Begriff »Fremddatennutzung«. Über die

bei einer Direktübernahme auftretenden Probleme wird im Zusammenhang

mit der nachfolgenden Beschreibung des Verfahrens berichtet.

Daß bei einer Fremddatenübernahme für einen wirklichen Nutzen

aber neben einer möglichst hohen Qualität der Titelaufnahme auch eine

Mindest-Kompatibilität bezüglich des Regelwerkes und der Datenstrukturen

der zu übernehmenden Daten erforderlich ist, wurde von einem Teil

der Befürworter einer möglichst intensiven Fremddatennutzung zumindest

in der Vergangenheit oft stark heruntergespielt. Ein neues Zauberwort,

das »Austauschformat«, wird bemüht, um aufkommende Diskussionen

über Probleme der Fremddatennutzung im Keim zu ersticken.

Dabei wird nur zu leicht übersehen, daß das Austauschformat

lediglich eine Art formatierter Transporthülle ist, die eine klar definierte

Umsetzung der übernommenen Daten in die eigenen Dateistrukturen

ermöglicht. Kein Austauschformat der Welt kann aber aus schlechten

Daten bessere machen, fehlende Daten oder Datenstrukturen ergänzen

oder z.B. die unterschiedlichen Ansetzungen von Namen, Sachtiteln u.a.

automatisch korrigieren. All dies muß bei der, ggf. auch nach der Übernahme

durch eine geeignete manuelle Nachbereitung verändert bzw.

ergänzt werden und zwar durch entsprechend ausgebildete Kräfte. So

kann es schon ein kleines Abenteuer sein, einen nach den Preußischen

Instruktionen angefertigten Titel über einen Abruf einer nach den Anglo-­

174

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


American Cataloguing Rules erstellten Titelaufnahme in einen RAK-WB

anwendenden Verbund zu konvertieren. Originalton aus der Praxis: »Da

bleibt außer dem Sachtitel oft kaum was stehen«!

Haller 15 beschreibt die dabei auftretenden Probleme detailliert: Die

Komplikationen ergeben sich nicht nur für Listen-, sondern auch für

Online-Kataloge und damit nicht nur bei den für die Ansetzung und Ordnung

relevanten Elementen, sondern auch bei allen anderen in einem

Online-Katalog relevanten Suchbegriffen, und damit zumindest bei allen

Wörtern des Sachtitels. Dabei spielen nicht nur Regelwerksunterschiede,

wie z.B. in der Autorenansetzung, eine Rolle, sondern auch sprachliche

Besonderheiten, wie z.B. die unterschiedliche Behandlung von Umlauten

und Bindestrichen, sowie orthographische Unterschiede. Diese bleiben

auch bei einer verschiedentlich geforderten Regelwerksanpassung

existent.

Haller fordert daher zu Recht, bei der Fremddatenübernahme generell

die Namen und die Sachtitel unter Nutzung vorhandener Normdateien

nach RAK-WB zu redigieren. Dies erfordert eine intellektuelle

Nachbereitung übernommener Fremddaten und zwar völlig unabhängig

vom Übernahmeverfahren. Eine maschinelle Umsetzung durch ein geeignetes

Expertensystem erscheint bei der Komplexität der Probleme auf

absehbare Zeit noch nicht einsetzbar.

Die Vernachlässigung dieser Grundforderung durch Abstriche bei der

Nachbereitung von übernommenen Fremddaten zahlt sich langfristig

nicht aus. Alle bisherigen Erfahrungen mit großen bibliographischen

Datenbanken zeigen, daß mit der Größe der Datenbank auch die Forderung

an die Qualität der Daten wächst. Nachträgliche Sanierungen sind

oftmals nur schwer möglich und meist mit einem erheblichen Mehraufwand

verbunden.

Daß die Hallersche Forderung noch nicht einmal alle notwendigen

Aspekte eines Online-Kataloges abdeckt, zeigen erste Erfahrungen an der

Universitätsbibliothek Tübingen: Bei der Entwicklung eines Online-­

Kataloges unter Verwendung von Daten aus dem SWB-Verbund stellte

sich heraus, daß weder RAK-WB noch das differenzierte Datenformat

und die Datenstruktur des SWB-Verbundes bisher eindeutig genug sind,

15 HALLER, Klaus: Altbestandserfassung oder Altbestandskatalogisierung? S. 6ff.

Retrospektive Katalogkonversion

175


um bestimmte Fragestellungen in einem Online-Katalog ausreichend zu

beantworten. Hierfür sind weitere Normierungen in der bibliographischen

Beschreibung mit Konsequenzen für das Datenformat erforderlich. Als

Beispiele seien die inzwischen im SWB-Verbund eingeführte normierte

Ansetzung des Erscheinungsjahres oder der Sprachbezeichnung genannt,

um einen unspezifischen Titel z.B. über das Erscheinungsjahr einzugrenzen

oder, um die Literatursuche auf eine bestimmte Sprache zu

beschränken.

Berücksichtigt man,

- daß in vielen Fällen bei der Fremddatenübernahme zusätzliche Kosten

für die Übermittlung und/oder Nutzung der Daten anfallen und

- daß trotzdem eine intellektuelle Nachbereitung unerläßlich ist, und der

Aufwand hierfür beträchtlich sein kann,

kann unter Kostenaspekten eine Katalogkonversion ohne oder mit nur

geringer Fremddatennutzung durchaus wirtschaftlicher sein. So berichtet

Mallmann-Biehler 16 , daß der Nachbereitungsaufwand von in den

SWB-Verbund zu übernehmenden Fremddaten mit DM 2,50 zu kalkulieren

ist. Bei einer ausschließlichen Nutzung der in einem Verbundsystem

vorhanden Datenressourcen (vorhandene Katalogisate und ggf. Fremddaten,

wie z.B. die Daten der Deutschen Bibliothek) und einem geeigneten

Konversionsverfahren können unter bestimmten Randbedingungen

durchaus wirtschaftlich interessante Ergebnisse erwartet werden.

Als Beispiel hierfür soll das an der Universitätsbibliothek Freiburg

praktizierte Verfahren nachstehend beschrieben werden. Dabei wird

besonderer Wert auf die Schilderung der Rahmenbedingungen gelegt, um

so eine grobe Einordnung des Verfahrens in die derzeit laufenden Diskussionen

und Aktivitäten zu ermöglichen.

16

MALLMANN-BIEHLER, Marion: Anforderungen an regionale Verbundsysteme: lokal,

regional, überregional. In: Regionale und überregionale Katalogisierung. Berlin

1990 (dbi-materialien. 96) S. 18.

176

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


3. Die retrospektive Katalogkonversion an der Universitätsbibliothek

Freiburg

Die UB Freiburg katalogisiert den seit Januar 1990 erworbenen

Neuzugang online im SWB-Verbund nach den dort als verbindlich

festgelegten Regeln für die alphabetische Katalogisierung in wissenschaftlichen

Bibliotheken (RAK-WB). Ausgehend von den Überlegungen

einer Arbeitsgruppe des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst

Baden-Württemberg 17 und den entsprechenden Vorstellungen des Wissenschaftsrates

wurde gleichzeitig mit dem Einstieg in den SWB-Verbund

das Ziel verfolgt, baldmöglichst mit der retrospektiven Katalogkonversion

zu beginnen, da nur so eine zügige Verbesserung der Literaturerschließung

und -versorgung am Ort, aber auch in der Region zu

erwarten ist.

Dank einer personellen Verstärkung der Katalogabteilung für die

Umstellung auf die Online-Katalogisierung im SWB-Verbund, vor allem

aber dank der vorzüglichen Einstellung aller beteiligten Mitarbeiter

erfolgte die Umstellung auf die Online-Katalogisierung des Neuzugangs

so zügig und ohne nennenswerte Rückstände, daß die kühnsten Erwartungen

übertroffen wurden. Daher konnte schon im Mai 1990 mit der

retrospektiven Konversion begonnen werden. Der vorliegende Bericht

faßt die bisher bei der Konversion gemachten Erfahrungen bis zum Ende

des Jahres 1990 zusammen.

3.1 Die Situation bei den alphabetischen Katalogen

Bis zur Einführung von Online-Katalogen für die Benutzer in allen

grossen wissenschaftlichen Bibliotheken werden noch einige Jahre verstreichen.

Deshalb stellt der SWB-Verbund trotz Online-Katalogisierung

und schon vorhandener Online-Benutzerkataloge an den Universitätsbibliotheken

Karlsruhe, Konstanz und Tübingen auf absehbare Zeit

17

Die Informationssysteme der Universitäten in Baden-Württemberg. Gegenwärtige

und zukünftige Aufgaben nach dem Einsatz neuer Medien und Techniken. In: ZfBB

34 (1987), S. 257-275, und: Die mittelfristige Informationsversorgung für das Land

Baden-Württemberg. Bericht einer Arbeitsgruppe des Ministeriums für Wissenschaft

und Kunst. Stuttgart 1988.

177

Retrospektive Katalogkonversion


für seine Hauptteilnehmer Katalogzettel der übernommenen oder eingebrachten

Katalogisate her. Damit ist die Kontinuität des Nachweissystems

Zettelkatalog bis zur Ablösung durch Online-Kataloge gesichert.

Trotzdem hat die UB Freiburg ihre alten Zettelkataloge abgebrochen,

da sie bis einschließlich 1989 nach den Preußischen Instruktionen (PI)

angefertigt wurden. Zwar besteht im SWB-Verbund die Möglichkeit, die

nach RAK-WB erstellten Zettel zusätzlich mit PI-Köpfen zu versehen,

doch ergaben umfangreiche Tests mit relativ einfachen Titeln sowie die

Erfahrungen anderer am SWBVerbund teilnehmender PI-Bibliotheken,

daß die Fortführung von PI-Katalogen mit RAK-WB-Zetteln trotz

zusätzlicher PI-Köpfe derartig komplex ist, daß dabei ein Mehraufwand

von bis zu 30 Prozent kalkuliert werden muß. Unter diesem

Gesichtspunkt war die Entscheidung, die PI-Zettelkataloge abzubrechen

und durch neue Kataloge mit RAK-WB-Zetteln fortzuführen eigentlich

zwingend, vor allem dann, wenn man berücksichtigt, daß dadurch Arbeitskapazitäten

für die retrospektive Katalogkonversion gewonnen

werden können.

Daß diese Entscheidung durch den harten Schnitt bei den Zettelnachweisen

sehr benutzerunfreundlich ist, da in zwei Katalogen recherchiert

werden muß, wurde zunächst in Kauf genommen. Dieser Nachteil kann

durch geeignete Maßnahmen im Rahmen der retrospektiven Katalogkonversion

wieder abgeschwächt werden. Er wird in dem Maße reduziert,

wie es gelingt, die älteren PI-Katalogdaten vor dem Katalogabbruch

durch eine retrospektive Konversion in das neue System nach RAK-WB

im SWB-Verbund zu transferieren und dann in Form eines Online-Kataloges

zur Verfügung zu stellen. Die Entscheidung zugunsten eines Katalogabbruches

erscheint auch im Hinblick auf die relativ kurze

Lebensdauer des neuen Zettel-Kataloges tragbar: Nach Einführung des

Online-Kataloges mit den konvertierten Titelaufnahmen und den

Titelaufnahmen des Neuzuganges ab 1990 ist der neue Zettelkatalog

überflüssig und kann dann entfernt werden. Derzeit besteht die Hoffnung,

daß dies 1993 in der UB Freiburg der Fall sein wird.

Bei dieser Konstellation ist die bibliothekarische Gretchenfrage

»Abbruch nach Erscheinungs- oder Erwerbungsjahr?« rasch zu lösen. Ein

Abbruch nach Erscheinungsjahr würde bei allen vor 1990 erschienenen,

aber nach 1990 erworbenen Titeln zu einer Doppelkatalogisierung führen:

178

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Als Neuzugang zunächst konventionell nach PI, dann im Rahmen der

Katalogkonversion online nach RAK-WB. Dies sollte auf alle Fälle

vermieden werden, zumal die UB Freiburg durch die Übernahme von in

den Instituten der Universität entbehrlicher Literatur in den nächsten

Jahren beim Neuzugang mit einem verstärkt wachsenden Anteil älterer

Literatur rechnen muß. Neben diesem sehr gewichtigen Argument für den

Abbruch nach dem Erwerbungsjahr kann zusätzlich angeführt werden,

daß die Entscheidung, den Abbruch nach dem Erscheinungsjahr zu

regeln, in der letzten Konsequenz dazu führt, daß die Arbeiten am alten

Katalog nie abgebrochen werden können und daher letzten Endes alle

Katalogabbrüche in einer bestimmten Phase auf den Abbruch nach dem

Erwerbungsjahr übergehen müssen.

So klar und eindeutig der Abbruch nach Erwerbungsjahr bei dem

Magazinbestand ist, so problematisch erscheint dieses Vorgehen bei den

in Sonderaufstellungen befindlichen Beständen. Die UB Freiburg hatte

am Ende des Jahres 1990 insgesamt 245.700 Bände in Sonderaufstellungen,

davon 156.700 Bände im Präsenzbestand. Der Anteil der Monographien

beläuft sich dabei auf insgesamt 179.000 Bände in folgenden

Sonderaufstellungen:

-12.000 Bände in der Freizeitbücherei,

-77.000 Bände in den beiden Lehrbuchsammlungen,

-71.000 Bände in den Lesesälen (inklusive Sonderlesesaal),

-19.000 Bände im Bibliograpien- und Auskunftsbereich.

Diese Standorte sind aufgrund der räumlichen Verhältnisse mit

eigenen alphabetischen Katalogen ausgestattet, deren Abbruch auf Dauer

keine akzeptable Lösung darstellt. Da aber auch hier eine Fortführung der

Kataloge durch SWB-Zettel mit PI-Köpfen zu aufwendig erschien und

daher ebenfalls vermieden werden sollte, bot sich als einzige, und damit

zwingende Alternative die komplette Umarbeitung dieser Bestände im

Rahmen der retrospektiven Katalogkonversion an.

Als weitere Abweichung sei die Behandlung der sogenannten eigentlichen

Dissertationen angemerkt, die bis 1989 in einem eigenen, konventionell

erstellten Zettelkatalog nachgewiesen wurden. Sie bleiben bei

der retrospektiven Konversion zunächst ausgeklammert.

3.2 Das Ziel des Verfahrens

Retrospektive Katalogkonversion

179


Die Zielvorstellungen der Freiburger Katalogkonversion lassen sich auf

einen kurzen, aber anspruchsvollen Nenner bringen: Möglichst viel,

möglichst gut, möglichst wirtschaftlich.

Das Ziel hinsichtlich der Art und Menge der zu konvertierenden

Daten kann man teilweise aus der vorstehend beschriebenen Katalogsituation

ableiten. Konvertiert werden sollen

-alle in Sonderaufstellungen befindlichen Monographientitel,

-möglichst viele der vor 1990 erworbenen Titel (mit Ausnahme der Dissertationen)

von dem Erwerbungsjahr 1989 aus rückwärts.

Während die vollständige Konversion der in Sonderaufstellungen

befindlichen Titel zwingend ist, muß die Menge der zu konvertierenden

Titel des Magazinbestandes in Abhängigkeit von der Effektivität des

daraus resultierenden Online-Kataloges einerseits und den finanziellen,

personellen und technischen Ressourcen andererseits ermittelt werden, da

eine vollständige Konversion aller vorhandenen rund 2 Millionen Katalogisate

auf absehbare Zeit nicht realisierbar ist.

In diesem Zusammenhang sei an die Empfehlungen des Wissenschaftsrates

erinnert, die zwei wichtige Kriterien hinsichtlich der Effektivität

nennen: Es soll die neuere, nach 1945 erschienene Literatur

konvertiert werden, die die höchste Benutzungsfrequenz mit über 80 Prozent

der Entleihungen aufweist. Durch die EDVAusleihstatistiken der

letzten Jahre konnte ermittelt werden, daß an der UB Freiburg rund 80

Prozent der Entleihungen auf die Neuerwerbungen der letzten 20 Jahre

entfallen. Die Bestände dieser 20 Jahre sollen daher beim Abschluß des

Projektes in einem OnlineKatalog zur Verfügung stehen.

Bei einer auf fünf Jahre geplanten Laufzeit des Konversionsprojektes

bedeutet das, die Neuerwerbungen der letzten 15 Jahre, also von 1975 -

1989 zu konvertieren. Zusammen mit den laufend ab 1990 online im

SWB-Verbund katalogisierten Titeln ergeben sich am Ende der

Projektlaufzeit insgesamt die angestrebten 20 Jahre. Nach vorläufigen

Schätzungen werden dann über 700.000 Bände online nachweisbar sein,

davon mehr als 500.000 aus dem Konversionsprojekt.

Soweit zu dem Ansatz »möglichst viel«. Wie das Verfahren die Zielvorstellungen

»möglichst gut« und »möglichst wirtschaftlich« zu realisieren

versucht, soll in den nächsten Abschnitten beschrieben werden.

180

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


3.3 Die Methode

Der Wissenschaftrat legte in seinen »Empfehlungen zur retrospektiven

Katalogisierung« trotz der Verwendung des Wortes »Katalogisierung«

eindeutig fest: »In Anbetracht der zu bewältigenden Datenmengen kommt

analog zur Erfassung der historischen Altbestände als Methode nur die

Konversion vorhandener Titelaufnahmen in maschinenlesbare Form in

Frage« 18 . Davon ausgehend konvertiert die UB Freiburg die vorhandenen

PI-Titelaufnahmen ohne Autopsie online im SWB-Verbund im I-Katalogisierungsniveau.

Die Zettel der PI-Titelaufnahmen verbleiben nach der

Konversion in dem jeweiligen PI-Katalog, und es werden keine neuen

Zettel nach RAK-WB erzeugt. Der Nachweis der konvertierten Bestände

erfolgt mit dem Einsatz des Online-Kataloges.

Das Verfahren ist damit vom Ansatz her identisch mit den von der

DFG geförderten Altbestandserfassungsverfahren in Stuttgart und

Tübingen. In der Praxis ergeben sich jedoch deutliche Unterschiede:

- Datennutzung: Die Konversion der Daten im SWB-Verbund beruht in

starkem Maße auf der Nutzung der dort schon vorhandenen Daten, sei es

im eigentlichen Titeldatenbereich oder im sogenannten Fremddatenbereich.

Im Fremddatenbereich stehen zur Zeit u.a. die Daten der Deutschen

Bibliothek und der Britischen Nationalbibliographie ab 1982, sowie die

Körperschaftsaufnahmen der Gemeinsamen Körperschaftsdatei (GKD)

zur Verfügung. Es ist vorgesehen, baldmöglichst die Daten der Deutschen

Bibliothek ab 1972 zusätzlich bereitzustellen. Weiterer Nutzen ist aus der

AutorenNormdatei zu ziehen, die seit 1988 durch eine beim Zentralkatalog

Baden-Württemberg eingerichtete Autorenredakion bearbeitet wird.

Die »Altersstruktur« der im SWB-Verbund nachgewiesenen Titel und

Fremddaten mit überwiegend neueren Titeln bedingt beim Freiburger

Projekt eine erheblich größere Datennutzung als bei der Altbestandserfassung

(ABE). Inwieweit sich das Fremddatenpotential auch für die

Altbestandserfassung durch das Einspielen der Daten der Bayerischen

Staatsbibliothek München am Ende des Jahres 1990 verbessern ließ, muß

18

WISSENSCHAFTSRAT: Empfehlungen zur retrospektiven Katalogisierung : Konvertierung

vorhandener Katalogaufnahmen... S. 24.

181

Retrospektive Katalogkonversion


sich noch herausstellen.

- Personaleinsatz: Bei den ABE-Verfahren in der WLB Stuttgart und in

der UB Tübingen soll ausgebildetes, bibliothekarisches Fachpersonal

eingesetzt werden: In Stuttgart sind sechs Stellen für Diplomkräfte für das

Projekt vorgesehen, die bislang noch nicht alle besetzt werden konnten. In

Tübingen stehen ebenfalls sechs Stellen für Diplomkräfte zur Verfügung,

deren Besetzung sich als problematisch erwies, da die zu Beginn eingestellten

Diplomkräfte sich nach kurzer Zeit unterfordert fühlten und sich

auf andere Stellen bewarben. Zur Zeit leitet daher eine Diplomkraft ein

Team mit drei Kräften des mittleren Dienstes und einer geprüften wissenschaftlichen

Hilfskraft.

Unabhängig davon hat die UB Freiburg von Anfang an das Konversionsprojekt

auf der Basis eines größtmöglichen Einsatzes von ungeprüften

wissenschaftlichen Hilfskräften geplant, da im Gegensatz zu den Altbestands-Projekten

bei der Neu-Daten-Konversion mit einem geringeren

Schwierigkeitsgrad zu rechnen war. Dabei erschien der ursprüngliche

Ansatz von einer ausgebildeten Kraft (gehobener und mittlerer Dienst)

auf vier bis sechs halbtags arbeitende wissenschaftliche Hilfskräfte, also

eine zeitliche Aufteilung zwischen ausgebildeter Fachkraft und angelernter

Hilfskraft von 1:2 bis 1:3 realisierbar.

Nach den ersten Erfahrungen mit der Katalogisierung im SWB­

Verbund wurde nicht zuletzt unter dem positiven Eindruck einer hohen

Nutzung schon vorhandener Daten das Konversionsprojekt trotzdem mit

einem grösseren Anteil an ungeprüften wissenschaftlichen Hilfskräften

begonnen, um schnellstmöglich eine Obergrenze auszuloten. Die Erfahrungen

damit waren so gut, daß durch eine nochmalige Aufstockung des

Anteils der Hilfskräfte das Verhältnis von zunächst 1:5 mittlerweile auf

1:7 vergrößert werden konnte, wobei sich im Mittel der bisherigen

Laufzeit ein Verhältnis von 1:6 ergibt, wie folgende Aufstellung zeigt:

- 0,5 Diplomkraft (A9)

- 0,5 Kraft des Mittleren Dienstes (A5)

- 6,0 Stellen Hilfskräfte (knapp 900 Stunden pro Monat).

182

Noch ein Wort zur Qualifikation der studentischen Hilfskräfte.

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Verlangt werden:

- Zwischenprüfung bzw. Vordiplom,

- gute Schreibmaschinenkenntnisse,

- Erfahrung im Umgang mit einem PC und Kenntnis eines Texterfassungssystems,

- Mindestdauer von 1,5 Jahren bis zur Ablegung des Examens.

- Pro Arbeitstag mindestens zwei und maximal vier Arbeitsstunden, bei

mindestens 40 und höchstens 80 Stunden pro Monat.

Auf die nicht gering einzuschätzenden sozialen und arbeitsmarktpolitischen

Aspekte des Einsatzes studentischer Hilfskräfte (im Gegensatz

zu maschinellen oder anderen kommerziellen Verfahren) sei am Rande

verwiesen.

3.4 Die Technik

An den Arbeitsplätzen für die Katalogkonversion wurden zunächst sechs

Bildschirmterminals der kostengünstigen Marke »Falco« installiert, da der

SWB-Verbund hierfür bereits in früheren Jahren eine Schnittstelle

entwickelt hatte. Infolge von Preissenkungen im PC-Bereich und einer

mehrfach verbesserten PC-Emulation für das Katalogisieren im SWB-­

Verbund im Page-Mode-Verfahren erfolgte im September 1990 eine

Erweiterung der Anzahl der Arbeitsplätze durch zwei PCs.

Den bibliothekarischen Fachkräften stehen in der Regel Bildschirmterminals

Tandberg TDV 2220 S in der für den SWB-Verbund entwikelten

Bibliotheksversion sowie ein Drucker Mannesmann MT 90 mit

SWB-Zeichensatz zur Verfügung.

Die Datenübertragung erfolgt (über einen 8fach PAD) im Deutschen

Forschungsnetz durch Mitbenutzung eines vorhandenen 64 kB-Anschlusses.

Retrospektive Katalogkonversion

183


3.5 Die Praxis

Die Universitätsbibliothek Freiburg begann im Mai 1990 mit der

Schulung von zunächst 15 wissenschaftlichen Hilfskräften, deren

Gesamtstundenzahl in etwa fünf Ganztagsstellen entsprach. Dabei wurden

in einem zweiwöchigen Kurs täglich zwei Stunden die Grundlagen der

Katalogisierung im SWB-Verbund vermittelt. Nach diesen zwei Wochen

waren die Studenten soweit geschult, daß sie mit der Konversion der Titel

der Freizeitbücherei anhand des Standortkataloges mit PI-Titelkarten

beginnen konnten. In der Freizeitbücherei, einer Art Studentenbücherei,

stehen überwiegend deutschsprachige Neuerscheinungen der letzten Jahre

mit weitgehend einfacheren Titelaufnahmen, die für den Einstieg besonders

geeignet schienen.

Das große Engagement der schulenden Mitarbeiter wurde reichlich

belohnt: Das Team der Studenten zeigte große Begeisterungsfähigkeit

und einen überdurchschnittlichen Leistungswillen, so daß die Lernphase

sehr zügig in eine Produktionsphase überging. Nach knapp drei Monaten

waren die Bestände der Freizeitbücherei mit knapp 12.000 Bänden

bearbeitet. In nur 2,5 Monaten wurden anschließend die Bestände von

beiden Lehrbuchsammlungen eingebracht. Von den 77.000 Bänden

mußten nur 15.600 bearbeitet werden, da keine identischen Mehrfachexemplare

erfaßt wurden. (Diese sind definiert als identisch in

Auflage- und Bandzählung und werden wie bisher nur in einem internen

Standortkatalog nachgewiesen.)

Im September 1990 konnte nach den guten Erfahrungen der Anfangsphase

und durch die Bereitstellung weiterer Mittel das Studententeam

auf insgesamt 21 Personen vergrößert werden, deren Gesamtstundenzahl

sieben Ganztagsstellen entspricht. Die neuen Studenten

fügten sich nahtlos in das vorhandene Team ein. Sie waren schon nach

einer einwöchigen theoretischen Grundschulung in der Lage, einfachere

Titel zu konvertieren, da stets erfahrene Kollegen zur Hilfestellung zur

Seite saßen. Das zahlenmäßig verstärkte und immer routinierter werdende

Team konnte Mitte Oktober 1990 mit der Konversion der Lesesaalbestände

beginnen. Bis zum Jahresende waren weitere 18.600 Bände aller

Schwierigkeitsgrade konvertiert.

184

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


3.6 Die Ergebnisse

Zunächst eine Vorbemerkung: Die hier mitgeteilten Ergebnisse und

Leistungszahlen beruhen überwiegend auf einer maschinellen Statistik

nach Bänden und nicht nach Titeln. Die Erfassung nach Titeln hätte einen

zusätzlichen manuellen Aufwand erfordert, sie erschien als zusätzliche

Belastung überflüssig, da der Faktor Titel zu Bänden bei den zu

bearbeitenden Beständen bekannt ist. Er liegt infolge des hohen Anteils

mehrbändiger Werke im Bereich der Sonderaufstellungen bei 1:1,25. Die

nachstehend genannten Ergebnisse können daher mit folgenden Faktoren

auf Titel umgerechnet werden:

Bandanzahl * 0,80 = Titelanzahl

Kosten pro Band * 1,25 = Kosten pro Titel

1. Gesamtergebnis: Um das Wichtigste vorwegzunehmen: Die bisherigen

Ergebnisse sind verheißungsvoll! In der Zeit von Mai bis Dezember

konnten mit dem Team der studentischen Hilfskräfte insgesamt über

46.000 Bände konvertiert werden. Die Studenten haben dabei anhand der

alten PI-Aufnahmen nach dem in Abschnitt 2.2 geschilderten Online-Verfahren

-in 66 % der bearbeiteten Aufnahmen vorhandene Katalogisate übernommen,

wobei allerdings in mehr als 80 % der Fälle Korrekturen der

übernommenen Daten notwendig waren,

-in 6 % aller Fälle Fremddaten abgerufen und

-in 28 % aller Fälle neue Titelaufnahmen im SWB-Verbund angefertigt,

-für alle Bände die entsprechenden Lokal- und Exemplarsätze angelegt,

-sowie alle notwendigen Korrekturen bei K-Niveau-Daten veranlaßt bzw.

bei I-Niveau-Daten selbst durchgeführt. Die bisher festgestellte

Fehlerquote entspricht derjenigen des hauptamtlichen Fachpersonals.

Bei der bisherigen Gesamtleistung ist zu berücksichtigen, daß fast die

gesamte Startphase durch zahlreiche Ausfallzeiten des Systems und der

Datenübertragung belastet wurde. Von

7.640 eingesetzten Stunden entfielen

540 Stunden durch Urlaub

420 Stunden durch die theoretische Schulung

1.140 Stunden durch sonstige Ausfälle, überwiegend im gesamten DFÜ-­

Retrospektive Katalogkonversion

185


Bereich. Es verblieben

5.540 Stunden, in denen konvertiert wurde.

2. Durchschnittswerte: Aus der bisherigen Gesamtleistung ergibt sich bei

der Konversion eine Nettoleistung (auf der Basis der reinen Konversionszeit)

von

8,3 Bänden pro Stunde

und eine Bruttoleistung (inklusive aller Ausfallzeiten) von

6,0 Bänden pro Stunde.

Auf eine getrennte Auswertung für die Fälle »Titelaufnahme neu« und

»Titelaufnahme übernommen« wurde bisher verzichtet, da Unterschiede

im Aufwand hierfür kaum festgestellt werden können. Der Vorteil einer

Übernahme von in der Datenbank vorhandenen Katalogisaten wird durch

den sehr hohen Prozentsatz von über 80% notwendiger Korrekturen

praktisch aufgebraucht. Dieser erstaunlich hohe Wert für Korrekturen bei

der Übernahme von vorhandenen Katalogisaten ist in nur geringem Maße

durch Bearbeitungsfehler verursacht. Er wird vielmehr im wesentlichen

durch den hohen Anteil an Altdaten begründet, die weder den Regeln der

RAK-WB noch den heutigen Datenstrukturen des SWB-Verbundes

entsprechen. Aber auch bei neueren Katalogisaten können Korrekturen

durch zwischenzeitlich vorgenommene Formatänderungen bzw. -ergänzungen

erforderlich sein.

Berücksichtigt man die hohen Ausfallraten im DFÜ-Bereich zu

Beginn des Projektes, die inzwischen weitgehend behoben sind, berücksichtigt

man außerdem die Tatsache, daß der angegebene Schulungsaufwand

eine über den bisherigen Zeitraum weiterwirkende Anfangsinvestition

darstellt, und daß die Lernphase »by doing« noch nicht ganz abgeschlossen

ist, erscheint bei einer längeren Laufzeit des Projektes eine

Bruttoleistung von 7,5 Bänden pro Stunde durchaus realistisch.

Dabei muß man außerdem berücksichtigen, daß diese Werte in einer

starken Überlastungsphase des SWB-Rechners mit recht ungünstigen

Antwortzeiten erzielt wurden. Es ist zu hoffen, daß die derzeitigen

186

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Bestrebungen der SWB-Verbundzentrale, diesen Engpaß zu beheben,

bald zum Erfolg führen. Dann kann durchaus mit Bruttoleistungen von

über 8 Bänden pro Stunde gerechnet werden. Im günstigsten Fall, bei

gleichzeitig leicht zu bearbeitenden Beständen, dürfte die Obergrenze von

10 Bänden pro Stunde erreichbar sein 19 .

3. Autopsie: In gut zwei Prozent aller bisher konvertierten Fälle, die

ausschließlich aus den Sonderaufstellungen mit z.T. reichhaltigen Altbeständen

(insbesondere aus den Jahren vor 1975) und komplexen

Titelbeschreibungen stammen, mußte eine Autopsie der Vorlage erfolgen,

da eine Konversion ohne Autopsie nicht sinnvoll möglich erschien. Als

wichtigste Gründe hierfür können genannt werden: Rudimentäre

PI-Titelbeschreibungen bzw. Verbundkatalogisate, insbesondere bei den

älteren Daten, und Inkompatibilitäten zwischen PI- und RAK-WB-­

Regeln, vor allem bei der Ansetzung unter Körperschaften. Es ist anzunehmen,

daß dieser Prozentsatz auf unter eins gesenkt werden kann, wenn

die Konversion des Neuzuganges 1975 - 1989 anläuft, da hier mit besseren

Titeldaten zu rechnen ist.

4. Problemfälle: Die vorstehend genannten Werte beziehen sich auf die

Leistungen der studentischen Hilfskräfte und der halbtags eingesetzten

Fachkraft des mittleren Dienstes. Die eingesetzten Diplomkräfte (eine

hauptamtlich, eine nebenamtlich als Vertretung) sind ausschließlich mit

organisatorischen Tätigkeiten betraut, die zeitlich im Mittel eine Halbtagsstelle

beanspruchen. Zu den Aufgaben gehören u.a. die Schulung und

laufende fachliche Betreuung der studentischen Hilfskräfte, die Arbeitsorganisation

und die Koordination der Bearbeitung schwieriger Fälle,

die von den Hilfskräften nicht bearbeitet werden können.

Diese speziellen Problemfälle werden an Diplomkräfte mit den

jeweils erforderlichen Spezialkenntnissen zur Bearbeitung gegeben.

Schwierige Titel, die die studentischen Hilfskräfte überfordern, machen

nur etwa gut zwei Prozent aller Fälle aus und sind durch die Aufteilung

auf die jeweiligen Spezialisten unter den hauptamtlichen Katalogisierern

keine große zusätzliche Belastung der Katalogabteilung. Auf die Erfas­

19

Inzwischen konnte ein Wert von über 10 Bänden pro Stunde erreicht werden.

Retrospektive Katalogkonversion

187


sung des Arbeitsaufwandes hierfür wurde daher verzichtet, er ist weder in

den o.g. Werten noch bei den nachstehenden Kosten berücksichtigt.

Es bleibt als wichtiges Ergebnis festzuhalten, daß die komplette

Konversion von PI-Titelaufnahmen in einem Online-System nach

RAK-WB-Regeln mit allen notwendigen Arbeiten, einschließlich dem

Einbringen bisher nicht vorhandener Titel, in einem sehr hohen Maße,

nämlich in rund 98 % aller Fälle, von studentischen Hilfskräften durchgeführt

werden kann.

3.7 Die Finanzierung

Die für das Verfahren benötigten Mittel und Personalstellen kommen aus

den unterschiedlichsten Quellen. Grundstock sind die vom Ministerium

für Wissenschaft und Kunst des Landes Baden-Württemberg bereitgestellten

Mittel für ein Pilotprojekt »Verbesserung der Standortnachweise«.

Dieses Projekt ging aus einer Empfehlung einer Expertengruppe

zur mittelfristigen Informationsversorgung für das Land

Baden-Württemberg hervor 20 . Eine wesentliche Voraussetzung der Bewilligung

war die Eigenbeteiligung der geförderten Institution in Höhe

der Förderung. Diese Eigenbeteiligung setzt sich zusammen aus:

- Mitteln der Universität,

- Mitteln aus dem Sachetat der Universitätsbibliothek,

- Mitteln aus der Kapitalisierung nicht besetzter Planstellen der Universitätsbibliothek,

- Einsatz vorhandener Planstellen (z.Zt. je 0,5 A9 und A5).

20 Die mittelfristige Informationsversorung für das Land Baden-Württemberg, S.38f.

188

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


3.8 Die Kosten

Nicht alle bei dem Konversionsprojekt anfallenden Kosten können derzeit

direkt ermittelt werden, da z.B. der Anteil des Projektes an den

Investitionskosten des SWB-Verbundes nur schwer ermittelbar ist. Es soll

hier daher keine vollständige Kostenrechnung versucht, sondern nur ein

Überblick über die bisher entstandenen und direkt bezifferbaren Kosten

gegeben werden.

1. Hardware-Installation: Für die Installation eines Arbeitsplatzes

mußten im Mittel inklusive der DFÜ-Komponenten rund DM 5.000 aufgewendet

werden. Daraus lassen sich die anteiligen Kosten pro konvertiertem

Band auf mindestens DM 0,05 und höchstens DM 0,08 abschätzen,

und damit auf einen Betrag, der bei der Gesamthöhe der Kosten

kaum zu Buche schlägt. Eversberg 21 geht bei seinen Berechnungen von

vernachlässigbaren DM 0,05 aus.

2. Personalmittel: In der Zeit von Mai bis Dezember 1990 wurden folgende

Personalmittel eingesetzt:

DM 109.000 Wissenschaftliche Hilfskräfte

DM 14.500 aus 0,5 Planstelle A9

DM 11.000 aus 0,5 Planstelle A5 22

Daraus errechnen sich die Gesamtkosten der acht Monate des Jahres 1990

auf DM 134.500. Auf die in dieser Zeit konvertierten 46.000 Bände

umgerechnet, ergibt sich der interessante Preis von DM 2,92 pro

konvertiertem Band. Interessant ist dieser Wert nicht zuletzt deshalb, weil

er die Obergrenze darstellt, die im weiteren Verlauf des Verfahrens

erheblich, d.h. unter den oben genannten Annahmen um 20 Prozent und

mehr, unterschritten werden kann.

21

EVERSBERG, Bernhard: Nutzbare Datenquellen und Verfahren für die Retrospektive

Katalogisierung. In: Anm. 9, S. 8-26, hier S. 16.

22

Verwendet wurden die aktuellen Richtsätze des Finanzministeriums BadenWürttemberg

mit DM 43.265 für A9 und DM 32.815 für A5.

189

Retrospektive Katalogkonversion


3. Datenübertragung: Durch die Datenübertragung im deutschen Forschungsnetz

unter Mitbenutzung eines der Katalogisierung zur Verfügung

stehenden Anschlusses entstehen keine zusätzlichen, laufenden Kosten

bei der Konversion von Titeldaten.

4. Direkt kalkulierbare Gesamtkosten: An bisher angefallenen, direkt

kalkulierbaren Kosten lassen sich somit mit

DM 3,00 pro konvertiertem Band

angeben. Bei Verwendung des o.g. Umrechnungsfaktors Band : Titel

ergegeben sich

DM 3,75 pro konvertiertem Titel

Diese Kosten sind unter den ausführlich beschriebenen Randbedingungen

der UB Freiburg real entstanden. Sie beschreiben damit nur eine

Größenordnung und vor allem im Hinblick auf mögliche weitere

Anwendungen keine fixe Größe. Die hier genannten Werte können nur

bei weitgehend analogen Bedingungen erzielt werden. Trotzdem erscheinen

die Kosten so interessant, daß weitere Anwendungen des

Verfahrens sinnvoll und wünschenswert sind. Sollte dabei das Ergebnis in

der vorliegenden Größenordnung bestätigt werden, dürften alle externen

Verfahren mit grösseren Konversions- und Nachbereitungskosten

finanziell zweifelhaft erscheinen.

190

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


3.9 Die bisherigen Erfahrungen

Die bisherigen Erfahrungen mit der Online-Konversion im SWBVerbund

sind durchweg positiv. Trotz mannigfaltiger Anlaufschwierigkeiten, wie

Systemausfälle oder schlechte Dialog-Antwortzeiten (letztere nicht

zuletzt durch die zusätzliche Belastung des SWBRechners durch das

Konversionsprojekt), konnten gute, z.T. überraschende Ergebnisse erzielt

werden:

- Der Einsatz studentischer Hilfskräfte als Grundlage für ein günstiges

Kosten-Nutzen-Verhältnis des Verfahrens hat sich bestens bewährt. Rund

98 Prozent der zu konvertierenden Titelaufnahmen konnten von den angelernten

Studenten nach kurzer Einarbeitungszeit online im SWB-­

Verbund bearbeitet werden (Datenübernahme und neue Titel). Eine

Vergrößerung des Teams bei gleichbleibendem Einsatz von Fachpersonal

erscheint möglich.

- Die Nutzung von Daten im Fremddatenpool des SWB-Verbundes

(DB und BNB) ist bisher mit etwa sechs Prozent sehr gering und ein

deutlicher Nutzen ist bisher nicht quantifiziert. Die Erfahrungen bei der

Übernahme von BNB-Daten deken sich mit den Aussagen in Abschnitt

2.3 (umständlich und dadurch praktisch kein Nutzen).

- Die Datennutzung von in der SWB-Katalogdatenbank vorhandenen

Titelaufnahmen ist bisher wegen der Altdatenproblematik nur in weniger

als 20 % der Fälle ohne Korrekturen möglich. Der Aufwand für die

Verbesserung der vorhandenen Katalogisate ist in der Summe bei über 80

% der übernommenen Katalogisate so groß, daß ein Nutzen der

Übernahme vorhandener Daten kaum erkennbar wird. (Bei dieser

Aussage ist die z.T. aufwendige Korrekturprozedur im SWB-Verbund zu

berücksichtigen.)

Durch die sehr hohe Korrekturquote entsteht jedoch ein zusätzlicher

Nutzen in Form der damit verbundenen Verbesserung der Datenqualität,

die zukünftigen Konversionsprojekten und den Online-Katalogen zugute

kommen wird, durch das geplante Überspielen der SWB-Daten an den

VK auch außerhalb des SWB-Verbundes. Dieser Nutzen ist angesichts

der geforderten hohen Datenqualität bei Online-Katalogen hoch einzuschätzen.

- Neben den jeweiligen örtlichen Gegebenheiten haben bei dem hier

Retrospektive Katalogkonversion

191


geschilderten Online-Verfahren die Verfügbarkeit und die Antwortzeiten

des Online-Systems einen hohen Einfluß auf die entstehenden Kosten. So

kann der ermittelte Wert von DM 3,00 pro konvertiertem Band bei

optimalen Bedingungen auf DM 2,00 fallen oder auf über DM 4,00 klettern,

wenn die Systemverfügbarkeit schlechter wird. Diese Spannbreite

der Konversionskosten macht die Kostenrelevanz einer größtmöglichen

Verfügbarkeit eines Online-Katalogisierungssystems mit kurzen Antwortzeiten

mehr als deutlich und sie zeigt zugleich, daß instabile Online-Systeme

nicht nur ein arbeitspsychologisches Problem, sondern in besonderem

Maße auch ein Problem der Wirtschaftlichkeit darstellen, das mit der

Anzahl der Teilnehmer exponentiell wächst. Außerdem kann daraus

abgeleitet werden, daß Leistungssteigerungen bei Online-Verfahren im

Katalogisierungs- und Konversionsbereich nicht nur von einem hohen

Leistungswillen der beteiligten Mitarbeiter abhängen, sondern auch entscheidend

von den Dialogqualitäten und damit wohl viel weniger, als

bisher angenommen, von sonstigen Prozeduren.

192

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Rudolf Piepenbrock

ANWENDUNG UND ABWANDLUNG DER

SACHKATALOGISIERUNGSMETHODE EPPELSHEIMERS

IN DER UNIVERSITÄTSBIBLIOTHEK FREIBURG I. BR.

Eine Skizze

I.

Nachdem in der Universitätsbibliothek Freiburg Ende 1967 die

Entscheidung für einen neuen Sachkatalog nach der Methode Eppelsheimers

gefallen war, stellte sich sogleich die Frage, inwieweit die

Erfahrungen anderer Bibliotheken, die schon nach dieser Methode katalogisierten,

genutzt werden könnten. Unterlagen aus mehreren Bibliotheken,

besonders aus der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt a.M., standen

zur Verfügung. Eine mehrtägige Information in der Sachkatalogstelle dieser

Bibliothek vermittelte dem Katalogleiter darüber hinaus eine Vorstellung

von der dort praktizierten Eppelsheimer-Katalogisierung. Noch während

der Vorüberlegungen für den Freiburger Katalog erschien die Arbeit von

Arthur Brall: Anwendung und Abwandlung der Sachkatalogisierungsmethode

Eppelsheimers an deutschen Bibliotheken 1 . Darstellung und kritischer

Vergleich der Eppelsheimer-Kataloge besonders an neun wissenschaftlichen

Allgemeinbibliotheken gaben nun erstmals die Möglichkeit,

die bisherigen Anwendungsformen der Methode zusammengefaßt

kennenzulernen und zu beurteilen. Bralls Arbeit war daher bei den

Planungen für den neuen Freiburger Katalog eine Hilfe von besonderem

Wert.

Der folgende Überblick über die Sachkatalogisierung nach

Eppelsheimers Methode in der Universitätsbibliothek Freiburg steht nicht

nur unter einer Überschrift, die Bralls Titel entlehnt ist, sondern folgt auch

im Aufbau im wesentlichen seiner Arbeit.

1 Köln 1968; im Folgenden: Brall, Seitenzahl.

Die Sachkatalogisierungsmethode Eppelsheimers in Freiburg

193


II.

Die Übernahme der Methode Eppelsheimers an der Universitätsbibliothek

Freiburg bestätigt die Beobachtung Bralls, daß ihre Verbreitung in starkem

Maß vom Weg Eppelsheimers, seiner Schüler und derjenigen Bibliothekare

bestimmt wurde, denen sie aus ihrer früheren bibliothekarischen Tätigkeit

bekannt war (Brall, S. 36). W. Kehr, der in der Stadt- und Universitätsbibliothek

Frankfurt jahrelang die Katalogisierung nach Eppelsheimers Methode

praktiziert und geleitet hatte, konnte 1967 als neuer Leiter der Freiburger

Bibliothek Eigenart und Vorzüge eines Eppelsheimer-Katalogs aus

seiner Erfahrung überzeugend darstellen und damit den entscheidenden

Anstoß zur Übernahme der Methode in Freiburg geben.

Als standortfreier Zettelkatalog erfaßt der neue Sachkatalog die seit der

Umstellung des Geschäftsgangs am 1. 2. 1968 erworbene sowie die seit

1950 erschienene Literatur. Bis auf das Fachgebiet Rechtswissenschaft ist

er im wesentlichen fertiggestellt.

III.

Wie an den übrigen wissenschaftlichen Allgemeinbibliotheken besteht der

Eppelsheimer-Katalog auch in der Universitätsbibliothek Freiburg aus

mehreren Teilen. Neben dem Systematischen Katalog wird ein Regionalkatalog

und ein Personenkatalog geführt.

1. Der Systematische Katalog.

Der Systematische Katalog umfaßt bis auf einzelne Disziplinen der Naturwissenschaften,

für die ursprünglich ein eigener Katalog geplant war,

sämtliche Fachgebiete. Die Gliederung geschieht wie üblich zunächst in

drei Stufen: 1. Fachgebiete, 2. Großbuchstabengruppen, 3.

Hundertergruppen. Letztere werden sodann nach dem Allgemeinen

Schlüssel weitergegliedert. Nur wenn ausnahmsweise für wenig Titelmaterial

aus systematischen Gründen eine eigene Großbuchstabengruppe

gebildet werden mußte (z.B. für Französische Sprache und Literatur [50 F]

194

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


vor Französische Sprache [50 G] und Französische Literatur [50 H]), entfallen

die Hundertergruppen. Der Einbau von Zwischenstufen mit eigenen

Notationselementen (vgl. Brall, S. 40ff.) war in keinem Fall erforderlich.

a) Bei der Bildung und Anordnung der Fachgebiete auf der ersten

Gliederungsstufe ist die Universitätsbibliothek Freiburg am auffallendsten

von den übrigen Eppelsheimer-Katalogen abgewichen. Sie ordnet die

Fächer nicht alphabetisch, sondern systematisch und setzt dabei auch

speziellere Disziplinen (z.B. einzelne Philologien) als Fachgebiete der

ersten Stufe an.

Die in den Eppelsheimer-Katalogen übliche alphabetische Abfolge der

Fächer erlaubt zwar eine unbegrenzte Ausgliederung und Einfügung neuer

Fachgebiete, aber sie reißt Zusammengehörendes auseinander, und zwar

umso mehr, je größer die Anzahl der Fächer ist, - also gerade dann, wenn

man Bralls Empfehlung folgt, Teildisziplinen schon auf der ersten Stufe

anzusetzen, um eine bessere Tiefengliederung zu erreichen (Brall, S. 47;

vgl. auch S. 41, 44). Sucht man andererseits der Zersplitterung dadurch zu

begegnen, daß man auf der ersten Stufe möglichst umfassende Fachgebiete

bildet (z.B. Sprach- und Literaturwissenschaft), so hat dies einen Verlust an

Gliederungsmöglichkeit für die Teildisziplinen (z.B. die einzelnen Philologien)

zur Folge. Diesem Dilemma läßt sich nur entgehen, wenn man -

soweit zur Erzielung einer ausreichenden Tiefengliederung wünschenswert

- auch Teildisziplinen als Fachgebiete auf der ersten Stufe ansetzt und

zugleich die Fachgebiete nach ihrer Zusammengehörigkeit ordnet. Die so

entstehenden Fächergruppen lassen sich dann in Anlehnung an eine sonst

(z.B. in Nationalbibliographien oder Freihandaufstellungen) übliche Praxis

zusammenstellen. Eine solche »systematische« Abfolge der Fachgebiete ist,

worauf Brall bereits hingewiesen hat, ohne Konsequenzen für die übrigen

Systemteile auch in Eppelsheimer-Katalogen möglich (Brall, S. 45, 134)

Allerdings kann die systematische Anordnung der Fächer nicht ohne

Folgen bei der Bildung der Notation bleiben. Ein Wortkürzel als erstes

Notationselement, wie es bei den Eppelsheimer-Katalogen mit

alphabetischer Fächerfolge üblich ist, würde bei systematischer Abfolge

seine Leitfunktion verlieren. In Freiburg wird daher eine Zahl mit bis zu

zwei arabischen Ziffern als erstes Notationselement verwendet. Es entsteht

so eine Notation mit der Abfolge Zahl-Buchstabe-Zahl (z.B. 12 H 384). Sie

Die Sachkatalogisierungsmethode Eppelsheimers in Freiburg

195


ist zugleich einfacher, unmißverständlicher, kürzer und jedenfalls nicht

weniger leicht merkbar als eine mit einem Wortkürzel beginnende Notation

(z.B. psychol H 384).

Werden die Zahlen 1-99 den systematisch zusammengestellten Fächern

in sinnvollen Sprüngen zugeordnet, so bleiben genug Möglichkeiten, im

Bedarfsfall neue oder ausgegliederte Fachgebiete auf der ersten Stufe einzufügen.

b) Auf der zweiten Gliederungsstufe hat das Alphabet in allen Fächern zur

Bildung der Großbuchstabengruppen ausgereicht. Auch auf dieser Stufe

sind Teile verschiedener systematischer Ebenen nebeneinander angeordnet.

Wie schon bei den Fachgebieten ist auch hier darauf verzichtet worden,

jede in der Sache gegebene vertikale Gliederung in der Notation abzubilden.

Für die Folgerichtigkeit und Durchsichtigkeit der Systematik genügt

es, wenn das Speziellere auf das Allgemeine folgt (z.B. 50 F Französische

Sprache und Literatur, 50 G Französische Sprache, 50 H Französische

Literatur).

c) Bei der Bildung der Hundertergruppen, der dritten Gliederungsstufe,

wurde ebenfalls die Möglichkeit genutzt, in der Horizontalen statt in der

Vertikalen weiterzugliedern. Zahlen mit mehr als vier Stellen brauchten

dennoch nicht vergeben zu werden; vielfach reichten schon die dreistelligen

Hunderterzahlen aus.

d) Der Allgemeine Schlüssel zur weiteren Ordnung innerhalb der

Hundertergruppen vereint in sich wie üblich (vgl. Brall, S. 63f.) formale

und sachliche Gesichtspunkte. Mehr noch als in der Universitätsbibliothek

Tübingen und in der Universitätsbibliothek Saarbrücken (vgl. Brall, S. 67f.,

XVIIIff.) wurde eine Straffung angestrebt mit dem Ziel, schon von der

Schlüsselstelle 80 an Platz für eine fachspezifische Besetzung und damit

ggf. für eine systematische Weitergliederung zu gewinnen. Wie in Saarbrücken

(vgl. Brall, S. XXIIf.) gilt der regionale und der zeitliche

Schlüsselteil sowohl für Darstellungen wie für regional oder zeitlich begrenzte

Quellen. Die Abfolge der Gruppen von Schlüsselstellen

(Nachschlagewerke usw.) ist so gewählt, daß sie von formalen Kategorien

über allgemeine sachliche bis zu fachspezifischen fortschreitet.

196

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Im Fach Geschichtswissenschaft bildet der chronologische Schlüsselteil

- anders als in einigen anderen Bibliotheken (vgl. Brall, S. 73) - kein

Hindernis einer sachgerechten Systematik. Vielmehr wurden die Hundertergruppen

so gebildet, wie es von der Sache her und nach der Literaturmenge

sinnvoll erschien. Erhalten danach schon Hundertergruppen einen zeitlich

begrenzten Inhalt (z.B. Deutsche Geschichte [1918-1933]), so ist der

chronologische Schlüsselteil zwar nicht mehr in seiner allgemeinen Gestalt

anwendbar, wohl aber in abgewandelter Form. Daher wurden in diesen

Fällen, wie es Brall vorschlägt (Brall, S. 74), die zeitlichen Schlüsselstellen

dazu benutzt, je nach den fachlichen Besonderheiten Stellen für Unterepochen

der Hundertergruppe einzurichten, z.B.:

60 H 3600 Deutsche Geschichte (1918-1933)

3645 Vorgeschichte

3646 1918/1919

3648 1919-1923

3652 November 1923-1929

3656 1930-1933

Die im Allgemeinen Schlüssel nicht besetzten Stellen 80ff. konnten in jeder

Hundertergrupppe völlig frei nach den Bedürfnissen des Fachs und der

Titelmenge belegt werden. Die Möglichkeit, in diesem Schlüsselteil weiter

(auch vertikal) systematisch zu ordnen, bedeutet einen erheblichen Gewinn

zugunsten einer sachgemäßen Gliederung. Die Notation braucht eine solche

zusätzliche Tiefengliederung auch hier nur horizontal abzubilden (vgl. oben

b]). Dazu ein Beispiel aus der Hundertergruppe Deutsches Gesellschaftsrecht:

Die Sachkatalogisierungsmethode Eppelsheimers in Freiburg

197


184 Personengesellschaften

185 Gesellschaft des bürgerlichen Rechts

186 Offene Handelsgesellschaft

187 Kommanditgesellschaft

188 GmbH & Co KG

189 Stille Gesellschaft

190 Kapitalgesellschaften

191 Aktiengesellschaft

192 Einzelheiten

193 Kommanditgesellschaft auf Aktien

194 Gesellschaft mit beschränkter Haftung

Insgesamt bietet der Katalog in diesem Bereich ein buntes Bild. Neben

Hundertergruppen mit nur einer Schlüsselstelle für Einzelheiten finden sich

solche, in denen (fast) jede der Stellen ab 80 besetzt ist. Neben Stellen mit

ausgedehnten Schlagwortreihen stehen andere mit sehr wenigen

Schlagwörtern und solche ohne ein Schlagwortalphabet. Das Ziel einer

sachgerechten Gliederung unter Berücksichtigung der Titelmenge hat hier

Vorrang vor unnötiger Vereinheitlichung.

Häufig sind Einzelheiten mit vielen Titeln aus der Schlagwortreihe, in

die sie an sich gehörten, herausgenommen und auf eine eigene Schlüsselstelle

gesetzt worden mit der Möglichkeit (nicht Notwendigkeit!), diese

Einzelheiten nun ihrerseits durch Schlagwortreihen weiterzugliedern.

Wenn bei der Anwendung des Allgemeinen Schlüssels mehrere Stellen

unterschiedlicher Art miteinander konkurrieren, entsteht die Gefahr

unnötiger Doppeleintragungen und uneinheitlicher Handhabung des

Schlüssels (vgl. Brall, S. 74ff.). Wie in der Staatsbibliothek Preußischer

Kulturbesitz wird auch in der Universitätsbibliothek Freiburg dieser Gefahr

dadurch zu begegnen versucht, daß der Vorrang bestimmter Schlüsselstellen

generell festgelegt wird. Dies bedeutet, daß die fraglichen Titel nur

an einer der konkurrierenden Stellen, nämlich an der, die den Vorrang hat,

eingelegt werden.

e) Erschlossen wird der Systematische Katalog durch ein alphabetisches

198

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Register, für dessen Bearbeitung ein Regelwerk erstellt wurde. In

Zweifelsfällen (z.B. bei der Wahl eines Synonyms als Schlagwort) wird

jetzt auch die Schlagwortnormdatei zur Orientierung herangezogen.

2. Der Regionalkatalog

a) Der Regionalkatalog folgt in seinem Aufbau auf der ersten Stufe der an

der Staatsbibliothek, der Universitätsbibliothek Saarbrücken und der

Landesbibliothek Fulda praktizierten Lösung: Anordnung der regionalen

Einheiten jeder Art und Größe in einem Alphabet. In Freiburg sind auch

Völkerstämme, die regional schwer zuzuordnen sind (z.B. Kelten), in

dieses Alphabet einbezogen. Da die Bezeichnung »Geographischer

Katalog« die unrichtige Vorstellung erweken könnte, es handle sich um

einen Katalog des Fachs Geographie, wird dieser Katalogteil in Freiburg

»Regionalkatalog« genannt.

Eine weitere sachliche Ordnung der Titel erübrigt sich bei der großen

Anzahl regionaler Einheiten, zu denen nur wenig Literatur nachgewiesen

wird. Größere Titelmengen unter einem Regionalbegriff werden jedoch

durch Schlüsselung gegliedert. Der Schlüssel besteht mit einigen

Ausnahmen (z.B. Wegfall der speziellen Philologien) aus den Fachgebietsnummern

des Systematischen Katalogs (»Kleine Schlüsselung«), bei sehr

großer Titelanzahl erweitert um die - teilweise zusammengezogenen -

Großbuchstabengruppen des Systematischen Katalogs (»Große

Schlüsselung«). Nur in wenigen Fällen folgt die Schlüsselung noch weiter

der Gliederung und Notation des Systematischen Katalogs.

b) Die Funktion des Regionalkatalogs, der die auf einzelne regionale

Einheiten und regional schwer erfaßbare Völkerstämme bezogene Literatur

nachweisen soll, wird in der Universitätsbibliothek Freiburg wie in den

meisten Bibliotheken mit Eppelsheimer-Katalogen in einer Ergänzung des

Systematischen Katalogs gesehen (vgl. Brall, S. 99ff.).

Hieraus wurde aber nicht die rigorose Folgerung gezogen, im Systematischen

Katalog stets auf den Nachweis regional orientierter Literatur zu

verzichten (vgl. Brall, S. 99f.). Diese Literatur gehört so sehr zur Substanz

mancher Fachgebiete, daß ohne sie nur ein Torso des Fachs im

Die Sachkatalogisierungsmethode Eppelsheimers in Freiburg

199


Systematischen Katalog übrigbliebe (z.B. in der Geschichtswissenschaft).

Daher wurde die Möglichkeit eröffnet, einzelne Fachgebiete auch mit ihrer

regional orientierten Literatur im Systematischen Katalog zu führen und

zwar in einer regional bestimmten Ordnung. Praktiziert wird dies in den

Fächern Geschichtswissenschaft und Rechtswissenschaft. In diesem

Zusammenhang von »geographischen Ausbeulungen« im Systematischen

Katalog zu sprechen 1 , wird dem Umstand nicht gerecht, daß in solchen

Fällen die regionale Gliederung für eine sachgerechte Systematik des Fachs

konstitutiv ist und daher nicht im Gegensatz zur »sachlichen« Ordnung

steht.

Da eine nochmalige Verzeichnung dieser Literatur im Regionalkatalog

keinen Gewinn bringen würde, wird hier bei den betroffenen

Regionalbegriffen nur auf den Systematischen Katalog verwiesen. Insoweit

übernimmt der Regionalkatalog die Funktion eines Registers zum

Systematischen Katalog.

Die ergänzende Funktion des Regionalkatalogs schließt auch

zusätzliche Eintragungen in anderen Katalogteilen nicht aus. Im Regionalkatalog

verzeichnete Titel können zusätzlich in den Systematischen Katalog

aufgenommen werden, wenn es erforderlich erscheint, sie auch dort

nachzuweisen. Das ist namentlich dann der Fall, wenn ein Titel auch unabhängig

von seinem regionalen Bezug eine nicht unwesentliche sachliche

Bedeutung hat. In dieser Hinsicht können auch generelle Regelungen

getroffen werden. So werden regional orientierte Titel der Politischen

Theorie stets auch im Systematischen Katalog nachgewiesen, da der

regionale Aspekt hier gegenüber dem sachlichen in aller Regel nur von

untergeordneter Bedeutung ist. - Beziehen sich im Regionalkatalog

verzeichnete Titel auf einzelne Personen, so werden sie zusätzlich in den

Personenkatalog aufgenommen.

1 BRALL, S. 102, 136 im Anschluß an H. W. EPPELSHEIMER: Der neue Sachkatalog der

Mainzer Stadtbibliothek. In: ZfB 46 (1929), S. 416, und C. NISSEN: Der Mainzer Sachkatalog

in Theorie und Praxis. In: Beiträge zur Sachkatalogisierung. Leipzig 1937, S.

105.

200

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


3. Der Personenkatalog

Dieser Katalogteil dient der einfachen Bearbeitung und dem raschen

Auffinden der Literatur über Leben und Werk einzelner Personen. Die Bezeichnung

»Biographischer Katalog« wurde vermieden, da sie den unzutreffenden

Eindruck erwecken kann, der Katalog verzeichne nur

Lebensbeschreibungen, nicht aber auch Literatur über die Werke der Personen.

Anders als die übrigen Katalogteile (vgl. oben II) enthält der

Personenkatalog auch die vor 1950 erschienene Literatur. Der Benutzer

kann sich so an einer Stelle über die selbständige personenbezogene

Literatur, die in der Bibliothek vorhanden ist, informieren.

a) Geordnet ist der Personenkatalog alphabetisch nach den Personennamen.

Ist die unter einem Namen nachgewiesene Titelmenge sehr groß, so wird

sie nach einem sechzehnstelligen Schlüssel gegliedert. Dieser Schlüssel für

den Personenkatalog ist in der Universitätsbibliothek Freiburg neu

entworfen worden, da die bis dahin bekannten Schlüssel für die Weitergliederung

personenbezogener Literatur zu ausführlich waren (vgl. Brall, S.

110f.). Der Schlüssel verzichtet auf alle unergiebigen Differenzierungen.

Andererseits kann die Stelle »Sachliche Einzelheiten« in Ausnahmefällen

durch Beifügung von Kleinbuchstaben in mehrere Schlüsselstellen aufgeteilt

werden, wenn es erforderlich ist, einzelne Bereiche mit großer Titelanzahl

aus dem Alphabet der Sachschlagwörter herauszunehmen und evtl.

weiterzugliedern oder sonst eine dem Titelmaterial angepaßte Ordnung zu

ermöglichen. So können auch extrem große Titelmengen bei einzelnen

Personennamen (Goethe, Shakespeare) angemessen, ausreichend und übersichtlich

geordnet werden.

Bei Konkurrenz mehrerer Schlüsselstellen gelten für den Vorrang

bestimmter Stellen sowie für zusätzliche Eintragungen allgemeine Regeln.

b) Der Personenkatalog wird wie der Regionalkatalog als eine Ergänzung

des Systematischen Katalogs angesehen. Der Aspekt Leben und Werk einer

Person wird nur im Personenkatalog erfaßt. Ist ein Titel darüber hinaus für

eine im Systematischen Katalog geführte Sache von nicht unerheblicher

Bedeutung (z.B. die Biographie eines UNO-Generalsekretärs für die Ver­

Die Sachkatalogisierungsmethode Eppelsheimers in Freiburg

201


einten Nationen), so wird er zusätzlich im Systematischen Katalog bei

dieser Sache nachgewiesen.

Eine Sonderregelung gilt für biblische Personennamen. Sie werden nur

im Systematischen Katalog geführt, da dieser in wichtigen theologischen

Disziplinen nicht zu sehr ausgehöhlt werden sollte.

4. Koordination

Die für eine möglichst gleichmäßige Katalogführung unerläßliche

Koordinierung der laufenden Katalogarbeiten (vgl. Brall, S. 116ff.) wird in

der Universitätsbibliothek Freiburg einerseits durch generelle Regelungen

angestrebt.

So ist der Allgemeine Schlüssel mit Anmerkungen versehen, die nicht

nur zu einzelnen Schlüsselstellen Erläuterungen geben, sondern auch den

Vorrang bei Konkurrenz mehrerer Stellen festlegen (vgl. oben 1. d]).

Eigene Regelwerke gibt es für das Schlagwortregister zum Systematischen

Katalog sowie für den Regionalkatalog mit Bestimmungen u.a. über den

Inhalt des Regionalkatalogs, über Wahl und Form der regionalen

Schlagwörter (Regionalbegriffe) und deren Ordnung. Dem Schlüssel zum

Personenkatalog schließlich sind Anmerkungen angefügt, in denen Weiterordnung,

Vorrang und zusätzliche Eintragungen geregelt sind und der Inhalt

einzelner Schlüsselstellen erläutert wird.

Mit diesen allgemeinen Regelungen ist zwar noch keine einheitliche

Katalogisierung gesichert. Wohl aber können sie einer allzu starken,

unkontrollierten Auseinanderentwicklung entgegenwirken.

Darüber hinaus dient es einer gleichmäßigen Katalogführung, daß die

von den Fachreferenten vergebenen Notationen und Register-Schlagwörter

in der Sachkatalogstelle, die mit einem Bibliothekar des gehobenen Dienstes

und einer Bibliotheksangestellten besetzt ist, anhand der

Systemübersichten und eines Registerduplikats auf ihre formale Richtigkeit

überprüft werden.

Schließlich wird die Einheitlichkeit der Katalogisierung auch dadurch

gefördert, daß die Führung des Regionalkatalogs und des Personenkatalogs

in der Hand der beiden Mitarbeiter der Sachkatalogstelle konzentriert ist.

202

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


IV.

Überblickt man die in der Universitätsbibliothek Freiburg praktizierte

Sachkatalogisierung insgesamt, so kann man feststellen, daß sie weithin

derjenigen anderer Bibliotheken, die bereits nach Eppelsheimers Methode

katalogisierten, entspricht, - ohne daß sich allerdings der Freiburger Katalog

einem bestimmten Typ der Eppelsheimer-Kataloge zuordnen läßt.

Neue Wege beschreitet die Universitätsbibliothek Freiburg unter den

nach der Methode Eppelsheimers katalogisierenden wissenschaftlichen

Allgemeinbibliotheken vor allem mit der systematischen Anordnung der

Fachgebiete auf der ersten Stufe des Systematischen Katalogs und - damit

verbunden - mit der Ersetzung des Wortkürzels als ersten

Notationselements durch eine Zahl.

In der Gestalt, die er in Anwendung und Abwandlung der Sachkatalogisierungsmethode

Eppelsheimers gefunden hat, hat sich der Freiburger

Sachkatalog bisher bewährt. Ob und inwieweit er in der Zukunft neben modernen

Formen verbaler Sacherschließung unter Anwendung der

elektronischen Datenverarbeitung Bestand haben wird, ist eine andere -

noch offene - Frage.

Die Sachkatalogisierungsmethode Eppelsheimers in Freiburg

203


Vera Sack

1. Reformprogramm 1967

ARBEIT AM ALTEN BUCH

Eine Rückschau

In einem Reformprogramm 1 , das Wolfgang Kehr im Herbst 1967 anläßlich

der Übernahme seines neuen Amtes als Direktor der Universitätsbibliothek

Freiburg im Breisgau erarbeitete, findet sich bereits ein Maßnahmenkatalog

»zur besseren Erhaltung, Erschließung und kontrollierten Benutzung der

historischen Buchbestände« in der dortigen Bibliothek. W. Kehr hatte

schon damals erkannt, daß er sich - ein Erfordernis Freiburger Bibliotheksverhältnisse

- vordringlich auch als Sachwalter der alten Bücher

und Manuskripte sehen mußte. Der Ausbau der Freiburger Institution zu

einer modernen und leistungsfähigen Bibliothek für Forschung und Lehre

hieß auch, ihre historischen Strukturen transparenter zu machen 2 :

Gut fünf Jahrhunderte lang haben akademische Sammlungen, Vorgängerinnen

der heutigen Universitätsbibliothek, Bücher beherbergt, die

das Wissen und die Gedanken ihrer Zeit in sich bargen, tradierten, die zur

geistigen Auseinandersetzung anregten. Etliche Jahrhunderte auch hat die

universitäre Sammlung als eine der großen Regionalbibliotheken am

Oberrhein gegolten, hat sie im Laufe der Geschichte viele kleinere und

größere, private und kirchliche Büchersammlungen im Breisgau, im

Schwarzwald, im nahen Elsaß und im Bodenseegebiet aufgenommen,

besonders zu Zeiten der josephinischen und badischen Säkularisationen.

Ihre dominierende Stellung am Ende der napoleonischen Ära beschrieb

1

Vgl. dazu W. KEHR im Vorwort zum Inkunabelkatalog der UB Freiburg: V. SACK: Die

Inkunabeln der Universitätsbibliothek und anderer öffentlicher Sammlungen in Freiburg

im Breisgau und Umgebung. T. 1-3. Wiesbaden 1985.

2

In einem knappen historischen Überblick verstand schon J. REST die Universitätsbibliothek

»als Kulturträger im oberrheinischen Raum«, vgl. J. REST: Die Universitätsbibliothek

Freiburg und ihre Aufgaben im oberrheinischen Raum. Aus:

Oberrheinische Heimat 28 (1941) S. 293-310.

204

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Ignaz Speckle, der letzte Abt von St. Peter im Schwarzwald, 1807 in

seinem Tagebuch wie folgt: »In ganz Breisgau ist nur noch eine einzige

Bibliothek zu finden, und von Freiburg keine mehr bis Karlsruhe« 3 .

2. Praktische Umsetzung: Aufbau einer Sonderabteilung für das alte

Buch

Doch vorbei die (gar noch nicht so fernen) Zeiten, da Bibliotheksdirektoren

die Beschäftigung mit dem alten Buch zu ihren vordringlichsten und

vornehmsten Aufgaben zählten. Heutzutage hat der Leiter einer größeren

und stark frequentierten Universitätsbibliothek ganz andere Aufgaben,

wenn er seinen Pflichten dieser Institution gegenüber gerecht werden will.

Doch wird vom Leiter einer traditionsreichen Bibliothek mit alten

Buchbeständen heute erwartet, daß er für dieses Kulturgut, seine Erhaltung,

Pflege, Erschließung und Benutzung das richtige Verständnis besitzt und

Mittel und Wege findet, speziell ausgebildetes Personal dafür einzusetzen.

W. Kehr machte sich auch bei dieser Aufgabe, die er sich bei

Übernahme seines Amtes gestellt hatte, sogleich ans Werk. Wenige

Wochen später holte er mich als Mitarbeiterin aus Frankfurt: mein dortiger

Inkunabelkatalog war kurz zuvor erschienen, mich reizte die neue Aufgabe.

Außerdem kannten wir uns beide aus einer jahrelangen vertrauensvollen

Zusammenarbeit im Frankfurter Sachkatalog. Nach seinen Zielvorgaben

und jeweils in enger Absprache mit ihm habe ich nun in Freiburg ab Januar

1968 seine Vorstellungen und Pläne hinsichtlich der alten Buchbestände zu

verwirklichen geholfen. Der Aufbau einer Sonderabteilung für das alte

Buch im vergangenen Vierteljahrhundert trägt seine Handschrift. Im

folgenden werde ich diese Arbeit aus der Erinnerung heraus schildern - eine

Rückschau auch für mich am Ende der letzten Strecke meines beruflichen

Weges.

3 Vgl. E. MITTLER: Die Universitätsbibliothek Freiburg i. Br. 1795-1823. Freiburg

1971, S. 12 ff.

205

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


2.1 Der Beginn: Zustände im Bereich des alten Buches

Welche Verhältnisse im Bereich des alten Buches fand ich nun vor, als ich

Anfang 1968 meinen Dienst in Freiburg antrat? Insgesamt war das Bild

noch ganz bestimmt und getrübt von den Verlusten und Mängeln der

Kriegs- und Nachkriegszeit. Anders als in Frankfurt, wo Neubau und

Reorganisation schon eine Wende bewirkt hatten, - hier eine eher trostlose

Situation und durch krankheitsbedingte Handlungsunfähigkeit der Leitung

in den vorhergehenden Jahren stellenweise geradezu unerträgliche

Zustände.

Das Bibliotheksgebäude war durch Bombeneinwirkung stark

beschädigt. Der bis ins Erdgeschoß zerstörte Südflügel war bis 1957 mit

Verwaltungstrakt und angrenzenden Magazinteilen in einem Betoneinbau

neu hochgezogen worden, jedoch um ein Geschoß vermehrt und daher

»phasenverschoben« zu den übriggebliebenen Gebäudeteilen 4 . Die

»Schnittstellen« im Magazinbereich, wo auch die Altbestände lagerten,

hatte man durch schräggelegte Laufplanken recht provisorisch verbunden,

was den Transport der oft dickleibigen und schwergewichtigen Bände für

die hier tätigen Magaziner und auch für mich, die ich oftmals »tätlich

eingreifen« mußte, nicht eben leicht machte; zudem wurden infolge von

Notlagen im Magazin des öfteren ganze Teile der Altbestände versetzt.

Die Frühdrucke selbst hatten die Kriegszeit zahlenmäßig ohne

nennenswerte Einbußen überstanden, allerdings in ihrer Substanz durch

Wasserschäden stark beeinträchtigt, wie ich im folgenden noch ausführen

werde. Durch leichtsinnige Vergabe von Magazinschlüsseln im

akademischen Umkreis und, dadurch bedingt, unkontrolliertem Zugang war

aber - höchstwahrscheinlich in der ersten Nachkriegszeit - die Signaturengruppe

»T« im Altbestand um ihre wertvollsten Bücher gebracht

worden, also unter den naturwissenschaftlichen und medizinischen Frühdrucken

empfindliche Verluste!

4

Vgl. J. REST: Freiburg i. Br., Universitätsbibliothek in: G. LEYH (Hrsg.): Die deutschen

wissenschaftlichen Bibliotheken nach dem Krieg. Tübingen 1947, S. 84-93, dazu: H.

D. RÖSIGER: Die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg 1457-1957. In: Der Wiederaufbau

seit 1945. Freiburg i.Br. 1957, S. 100-104.

206

25 Jahre Arbeit am alten Buch


2.2 Aufbau einer Handbibliothek

Nachdem ich mich mit den Katalogverhältnissen im Bereich der alten

Bestände vertraut gemacht hatte, und insbesondere mit der Geschichte

dieser Sammlung, die wie überall mit der Geschichte der Stadt, des

umgebenden Landes eng verflochten ist (für auf diesem Gebiet Tätige ein

unentbehrliches Fachwissen), begann ich zunächst mit dem Aufbau eines

Handapparates, der in den folgenden Jahren zur Handbibliothek und im

Neubau zum Bestand des Sonderlesesaales für Handschriften und Inkunabeln

(später mit wachsender Aufgabenstellung: Frühdrucke) ausgebaut

wurde.

Die Aufstellung sei kurz skizziert: den allgemeinen und diversen

einschlägigen Lexika und Wörterbüchern folgen fachliche Nachschlagewerke,

die man hauptsächlich zur Handschriftenbestimmung nutzt:

Initien- und Werkverzeichnisse, Repertorien und grundlegende

Handbücher. Im Anschluß stehen Gruppen zur Kodikologie, zur

Paläographie, dann reihen sich die Handschriftenverzeichnisse an, zuerst

die fachlichen, dann die regional übergreifenden, endlich diejenigen einzelner

Bibliotheken, alphabetisch nach Orten mit »sprechenden« Signaturen

geordnet. Ähnlich ist die Abteilung der Auskunftsliteratur für Frühdrucke

angelegt. Ein dritter Komplex, gegliedert nach den einzelnen Sparten des

Buchwesens, soll mit Grundlagenliteratur buchgeschichtlichen Forschungen

(Sammler-, Exlibris-, Einbandbestimmungen etc.) dienen, ohne hier nun die

Dimensionen einer Spezialbibliothek anzustreben.

Daneben entstand noch eine umfangreiche Zusammenstellung von

Matrikeln, sowie von lokalgeschichtlicher Literatur zur Erforschung von

Provenienzen, die nun jedoch in den Beständen des allgemeinen geisteswissenschaftlichen

Lesesaals aufgegangen sind. Einige Zahlen zur

Größenordnung: Ende 1975 umfaßte diese Handbibliothek 3118 Bände,

kurz nach Einzug in den Neubau Ende 1978 standen im neugeschaffenen

Sonderlesesaal 3357 Bände, im Januar 1985 war der Bestand auf 4222

Bände, Ende 1989 auf 6167 Bände angewachsen, usf. Der Beginn des

Sammelns war mühselig: unübersichtliche Magazinverhältnisse,

Magaziner, die bei den Anforderungen des normalen Betriebes schon an die

Grenzen ihrer Belastbarkeit gehen mußten, - den Großteil dieser

Handbibliothek habe ich in den ersten Jahren Stück für Stück selbst auf

207

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


verwinkelten Wegen im Magazin zusammengeklaubt.

2.3.1 Sonderaufstellung im Magazin: Handschriften und Inkunabeln

Anfang 1968 waren die Handschriften und Nachlässe an einer peripheren

Stelle des Magazins in einem nur mit Vorhängeschloß gesicherten

Holzverschlag untergebracht. Weit davon entfernt an einer sehr

unübersichtlichen Gebäudeecke unter dem Dach hatte man den größeren

Teil der Inkunabeln bereits aus der allgemeinen Büchermasse aussortiert,

auf kaum erreichbaren Regalen, eingepfercht von meterhohen Dublettenbergen

aus mehreren Jahrzehnten, die sich an manchen Stellen bis in

den Dachfirst türmten. Mit einer seiner ersten Anordnungen setzte W. Kehr

dem ungehinderten und unkontrollierbaren Magazinzutritt ein Ende, indem

er neue Schlösser einsetzen ließ: zuletzt sollen im Universitätsbereich rund

90 Magazinschlüssel im Umlauf gewesen sein, vermutlich der Grund für

die vorher erwähnten »Abgänge«. Dann begann er kontinuierlich, von den

oberen Verwaltungsräumen ausgehend, die Flucht eines angrenzenden

Dachgeschosses in Abschnitten ausbauen zu lassen. Das schaffte Platz, um

die Handschriften und Inkunabeln nun »hinter Schloß und Riegel« zu

bringen, gab auch Raum für wenige, dringend benötigte

Verwaltungszimmer.

Die separate Aufstellung der Wiegendruke war bislang »störanfällig«

gewesen. Immer wieder hatten Bände nach einer Benutzung den Weg

zurück zu den gleich ausgeschilderten Signaturengruppen im allgemeinen

Magazin gefunden, auch eine farbliche Unterscheidung hatte daran nichts

zu ändern vermocht. Nun zeigten verschiedenfarbige Stellvertreter mit

austauschbarem Tascheninhalt terminierten (durch Ausleihe, Bearbeitung

etc.) oder zeitlich unbegrenzten Standortwechsel an, ein Ausleihbuch

überwachte außerdem die Entnahme im Sondermagazin (noch war eine

Benutzung dieser Bestände nur im allgemeinen Lesesaal möglich). Später

wurden im Zuge der Neukatalogisierung die Inkunabeln auch »umsigniert«,

d.h. der vorangestellte Zusatz »Ink.« wurde fester Bestandteil der Signatur.

So war einerseits der Sonderstandort für Inkunabeln endgültig gesichert,

andererseits blieben die alten Signaturen erhalten und somit der rasche

Zugriff über Zitate in der älteren Fachliteratur.

Die Aussonderung der Inkunabeln war aufgrund alter Meldungen an

25 Jahre Arbeit am alten Buch

208


den Gesamtkatalog der Wiegendrucke erfolgt, die in einem

durchschossenen Hain-Exemplar notiert worden waren. Um den Bestand

auch über Hain hinaus abzurunden, durchkämmte ich jahrelang die

Kataloge mit ihren oft ein Jahrhundert alten Aufnahmen, die kaum an modernen

Bibliographien überprüft worden waren, sowie den gesamten Altbestand

im Magazin, - viele tausend Bände mußten damals Stück für Stück

untersucht werden, mit dem Ergebnis, daß die Sammlung wirklich Vollständigkeit

erreichte. Nach Abschluß der Katalogisierung fanden sich bis

heute lediglich 4 weitere Inkunabeln, die in früherer Zeit falsch datiert,

entsprechend falsch katalogisiert und beschriftet und daher auch bei den

eben geschilderten Aktionen nicht auffindbar waren.

2.3.2 Drucke des 16. und 17. Jahrhunderts

Im Jahre 1968 hatte W. Kehr auch bereits die Sicherung und Neukatalogisierung

der Bestände des 16. und 17. Jahrhunderts im Auge.

Gewisse Vorarbeiten dazu waren schon von J. Rest geleistet worden, der

direkt nach dem Kriege die Drucke vor 1701 aus der allgemeinen

Signaturenfolge aussondern ließ, um sie »in lückenloser Enge in den

(feuchten!) Kellerräumen« aufzustellen; dies war jedoch nicht als

Maßnahme des Schutzes von altem Buchgut gedacht, sondern aus der

Raumnot im Magazin geboren 5 . W. Kehr ließ Anfang der siebziger Jahre

die früher nur unzureichend durchgeführte Aktion wiederholen, nun aber in

der Absicht, die Frühdrucke in Form einer Reserve zu sichern. Bücher ohne

Jahresangabe wanderten zu Hunderten über meinen Schreibtisch zur

Überprüfung und wenigstens annähernden zeitlichen Bestimmung. Diese

neugebildete Gruppe des Altbestandes erhielt in der Folge neue Signaturenschilder

mit der Kennzeichnung »16./17. Jh.«, die zwar nicht

Signaturenbestandteil ist, deshalb auch nicht im Katalog verankert werden

mußte, dennoch aber eine feste Standortbindung schuf. Auch diese

Bestandsgruppe verlegte man in das immer weiter ausgebaute

Sondermagazin im Dachgeschoß.

5 Vgl. REST, a.a.O. S. 92.

209

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


2.3.3 Sondermagazin im Neubau

Aus drangvoller Enge und vielen Provisorien in den Stellmöglichkeiten

befreite dann der Umzug in den Neubau. Hier haben die alten Drucke (bis

1700 inkl.) zusammen mit den Handschriften und den Rara-Beständen, auf

deren Bildung ich weiter unten noch kurz zurückkommen werde, eine

optimale Aufstellung gefunden in einem klimatisierten Tiefmagazin,

übersichtlich in einer logischen Signaturenabfolge aufgestellt, in einer

Compactus-Anlage leicht erreichbar auch in der »Höhenlage«, in

verschiedenen Formaten, die schwergewichtigen und großformatigen

Bände um die Raummitte und in der Nähe des Zuganges geordnet und so

mit dem geringsten Kraftaufwand zu transportieren. Ein letzter noch offener

Wunsch wird gerade erfüllt: trotz alter Katalogaufnahmen im

Frühdruckbereich, die keine Raumhinweise geben, lenkt unser nun mit

einer Info-Datei versehenes, computergesteuertes Ausleihsystem OLAF II

Bestellungen nicht nur direkt in das Sondermagazin, sondern dort auch an

den genauen Standort unter den Formaten.

2.4.1 Sanierung der Altbestände: ihr Zustand um 1970

Die Altbestände mußten einem Betrachter, der um 1970 seine Augen über

die vollgestopften Regale gleiten ließ, ein desolates Bild bieten: die Bände

verdreckt, ungepflegt, buchstäblich aus den alten Fugen geraten.

Aber das waren nicht alles Schäden und Versäumnisse der letzten

Jahrzehnte. Schon in den vergangenen Jahrhunderten waren Bücher arg

gebeutelt worden und trugen davon die Spuren: in Pest- und Kriegszeiten

am oft heimgesuchten Oberrhein vom ursprünglichen Standort verschleppt,

manchmal von Feuersbrünsten gezeichnet, in verstaubten Dachkammern

von mancherlei Ungeziefer benagt, hatte die spätere Verstaatlichung im

Zeitalter der Säkularisationen auch kaum Besserung gebracht. Die aus dem

Desaster geretteten Bände wurden in der ärmlich ausgestatteten Universitätsbibliothek

im 19. Jahrhundert nicht gerade pfleglich behandelt. Wegen

weitgehenden Befalls durch Bücherwürmer, dem man anders damals nicht

zu steuern wußte, entfernte man das Gros der alten, mit blindgeprägtem

Leder bezogenen Holzdeckel oder doch zumindest die Holzkerne dieser

Deckel. Später riß man die alten Sammelbände auseinander, um der Einord­

25 Jahre Arbeit am alten Buch

210


nung von Einzelschriften nach dem streng systematischen

Aufstellungsprinzip von Hartwig gerecht zu werden, vorher auch schon, um

über Dubletten verfügen zu können, die man verkaufen mußte, - viele

Hundert der so ihrer alten »Kleider« beraubten, »bloßgestellten« Drucke

wurden auf billigste Weise wieder bemäntelt, zu mehr reichte offensichtlich

das Geld nicht.

Die Aufbewahrung im Keller auf oft wasserdurchfluteten Gängen - die

Außenmauern ohne Drainage und Isolation ließen Regen stets in den

tiefergelegenen Keller fließen, wo die Bände manchmal nur wenige

Zentimeter über dem knöcheltiefen Wasser auf feuchten Holzregalen

standen - schuf da nur eine Klimax 6 . Sie dauerte an, als man die

Altbestände nach dem Einbau des Betontraktes (1957/58) auch mehr wegen

ihrer geringeren Benutzungsfrequenz als aus Sicherheitsgründen auf ein

provisorisch errichtetes Zwischengeschoß dicht unter dem Dachfirst

umquartierte, wo sie dem Staub, aber auch einem Wechselbad von

Sommerglut und Winterkälte und -feuchtigkeit ausgesetzt waren. Die

Folgen all dieser Torturen: zerschlissene Einbände, Wasserschäden

mannigfacher Art, die eigentlich den gesamten Bestand überzogen, mit

teilweise starkem Schimmelbefall, aufgesprengte Pergamentbände, usf. 7 .

6

In der Literatur nicht belegte Details nach Aussagen eines Zeitzeugen: Martin Keller,

der 1948 in der Freiburger UB seine Ausbildung begann, später dort der Benutzung

und der Verwaltung (bis 1990) als Oberamtsrat vorstand.

7

Auf diese Ausgangssituation verwies schon W. KEHR: Das Landesrestaurierungsprogramm

in Baden-Württemberg und die Restaurierung und Konservierung

alter Handschriften und Drucke in der Universitätsbibliothek Freiburg. In:

INFORMATIONEN 38 (1988), S. 227 f., der S. 228 ff. auch die im folgenden beschriebenen

Sanierungsmaßnahmen vorstellte.

211

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


2.4.2 Erste Instandsetzungen. Instandsetzungsprogramme

Der Schaden schien unermeßlich, und war, wenn überhaupt, nur langfristig

zu beheben oder doch zu mindern. Nach dem Krieg hatte in den

Bibliotheken der Mangel geherrscht, und bei meinem Amtsantritt waren

reparierte Einbände im Altbestand an einer Hand abzuzählen. Auch in den

nächsten Jahren mußte vordringlich der allgemeine Bestandsaufbau forciert

werden. Nach einer groben Schadensermittlung konnten aber in der

Hausbuchbinderei zunächst planvoll die schlimmsten Fälle gebessert

werden.

Mitte der siebziger Jahre zweigte W. Kehr aus dem Buchetat Mittel für

eine grundlegende Sanierung ab, anfangs waren es jährlich 5.000,- DM,

dann 10.000,- DM, schließlich 20.000,- DM und mehr. Nun konnten Arbeitsstrategien

entwikelt werden, um den Altbestand von über 50.000

Bänden möglichst flächendeckend, effizient und wirtschaftlich instandzusetzen,

übrigens längst bevor Themen der Restaurierung und

Konservierung in einer breiten und in Fragen einer bedrohten Umwelt

sensibilisierten Öffentlichkeit erörtert wurden. Dutzende Male ist er

durchgekämmt worden, um geeignete Objekte für die oft jahrelang laufenden

Programme zu sammeln.

Beispielsweise konnte in der Firma E. Liehl eine preisgünstige, örtliche

Buchbinderei gefunden werden, die - in die Problematik eingewiesen und

mit ausgesuchten Einbandmaterialien ausgestattet -sich 1977/85 darauf spezialisierte,

zunächst sämtliche dünnen Papierheftungen (insgesamt 1.470

Stück), die längst zwischen stabileren Bänden zerschlissen worden waren,

in solider Fassung neu zu binden. 1985/86 verpaßte sie 584 Dissertationen

des 16. bis 18. Jahrhunderts, die man bisher höchst provisorisch, in grobe

Pappe eingeschlagen, verwahrt hatte, ein passendes Gewand, um sich

darauf Hunderter auseinanderbrechender, alter Pappbände in 8 o anzunehmen.

Weiter stieß man nach einer Testphase auf eine geeignete

Werkstätte, die sich noch darauf verstand, über echte Bünde zu binden und

zu restaurieren. Viele der dickleibigen Bände in den größeren Formaten

wurden so versorgt. Insgesamt 2.893 alte Drucke sind bis zum Frühjahr

1988 in auswärtigen Buchbindereien repariert worden.

2.4.3 Hausbuchbinderei: Sanierungsprogramme und Restaurierung

25 Jahre Arbeit am alten Buch

212


Auch die Werkstätte im eigenen Haus wurde leistungsfähiger im Altbereich,

nachdem große Partien von Reparaturen aus dem allgemeinen

Magazin außer Haus gegeben werden konnten: Ein Sanierungsprogramm,

das die Tausende aufgesprengter oder sonst defekter Pergamentbände

erfassen soll, läuft derzeit noch. Außerdem versieht die Hausbuchbinderei

kontinuierlich alle instandgesetzten Pergament- und Ledereinbände mit

Schubern - dies schon eine Konservierungsmaßnahme. Flankierend zu dem

Einsatz eigener finanzieller Mittel wurde eine zweckentsprechende Qualifizierung

des Fachpersonals der Buchbinderei angestrebt. Der Meister der

Werkstatt, Gerhard Fahrländer, ist auf Lehrgängen, Seminaren und Reisen

zum Restaurator fortgebildet worden, 1981 wurde er mit Hilfe der Stiftung

Volkswagenwerk für die Dauer von drei Jahren auch ganz für Restaurierungsarbeiten

an besonders geschütztem Bibliotheksgut eingesetzt. Seine

so erworbene Fertigkeit in den Restaurierungstechniken zeigen schon jetzt

einige Hundert wertvoller Einbände aus dem Handschriften- und Frühdruckbestand

8 . Und wem ein Herz für alte Bücher schlägt, kann ermessen,

mit welchem Genuß, welcher Freude, ja welchem Glücksgefühl man einen

der vorher verkommenen Schätze in Händen hält, befühlt, durchblättert,

denen er nach vielen Tagen voller Mühen wieder Wert und Glanz zurückgegeben

hat.

2.4.4 Restaurierung im Ausblick. Landesrestaurierungsprogramm

Inzwischen ist das Gros der Schäden beseitigt, die durch die soeben geschilderten

Maßnahmen behoben werden konnten. Es bleiben die nur

langfristig zu lösenden Restaurierungsprobleme. Hierbei stoßen wir

manchmal an Grenzen, die man mit dem Einsatz eigener Mittel kaum überwinden

kann, und ergreifen dann dankbar die Hilfen zentraler Einrichtungen.

In der Vergangenheit konnten wir in Fällen einiger Zimelien die

8

In der hauseigenen Buchbinderwerkstatt und in der speziellen Restaurierungswerkstatt

wurden 1975-78 insges. 1.263 Bände umfassend restauriert, vgl. KEHR a.a.O. S. 229.

In den drei Jahren, in denen G. Fahrländer sich mit finanzieller Unterstützung der

Stiftung Volkswagenwerk ganz auf die Restaurierung wertvoller, alter Bände

konzentrieren konnte, wurden von ihm 263 Bände, darunter 12 Zimelien,

instandgesetzt, vgl. darüber in: INFORMATIONEN 19 (1984), S. 22 f.

213

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Amtshilfe des Instituts für Buch- und Handschriftenrestaurierung bei der

Bayerischen Staatsbibliothek in Anspruch nehmen, in der Zukunft wird die

sich gerade für den Standort Ludwigsburg konstituierende zentrale

Restaurierungswerkstatt des Landes Baden-Württemberg unsere durch

Neukatalogisierung und Benutzung von Altbeständen listenmäßig teilweise

schon erfaßten Schadensfälle mit ihren optimalen Möglichkeiten bearbeiten

9 . Sie hilft in ihrem provisorischen Domizil Tübingen schon seit

Jahren bei unserem Problem des Schimmelbefalls und hat bereits viele

Meter der am stärksten heimgesuchten Bände mit Chloroxyd begast.

2.5.1 Maßnahmen der Bestandserhaltung: Sondermagazin und kontrollierte

Benutzung

Allmählich griffen auch Maßnahmen der Bestandserhaltung. Der wohl

einschneidendste Akt hierbei war der Neubau, der zum Segen auch für das

alte Buch wurde. Der gut 50.000 Bände umfassende Altbestand findet in

einem großen Raum des Tiefmagazins, einer Zementwanne, eine

fachgerechte Aufstellung bei optimalen Bedingungen: staub- und schadstoffrei

belüftet, unter ständig überprüften klimatischen Verhältnissen, etc.,

und kann nun auch entsprechend gepflegt werden. Das Pendant in der

Benutzung ist der neugeschaffene Sonderlesesaal mit anschließenden

Verwaltungsräumen für die Mitarbeiter am alten Buch. Durch die allgemeine

Klimaanlage sind die Werte beider Raumeinheiten aufeinander

abgestimmt: Die Bücher aus dem Tiefmagazin, dem »Tresor«, erleiden bei

der Benutzung keinen »Klimaschock«. Die Lesesaalaufsicht kann die übersichtlich

angeordneten und nicht sehr zahlreichen Plätze gut überwachen

und vermag die alten Werke so vor Schäden durch unsachgemäße

Benutzung und vor Diebstahl zu bewahren, wobei sie von zusätzlichen

Kontrollmaßnahmen unterstützt wird.

9 Über das Landesrestaurierungsprogramm informierte KEHR a.a.O. S. 227.

25 Jahre Arbeit am alten Buch

214


2.5.2 Ausbau einer »Reserve« (Rara-Bestand)

Dem Verschleiß wertvoller Bestände wurde darüber hinaus vorgebeugt, daß

man die »Reserve« kontinuierlich ausbaute: 1980 zählte man beispielweise

3459 »Rara«, 1990 standen dort 6439 Drucke. Freilich sind in dieser Sondersammlung

nicht nur besonders erhaltenswerte alte Drucke vereinigt,

sondern auch Erstausgaben, moderne Pressendrucke, teure Faksimilia,

charakteristische, historische Einbände und ungebundenes Schriftgut

mancherlei Art, das sich für die normale Ausleihe nicht eignet. Die Rara

werden wie die (übrigen) Altbestände nur im Sonderlesesaal benutzt und

sind den »Belastungen« des Fernleihverkehrs entzogen.

2.5.3 Schutzverfilmung

Schließlich werden wertvolle, häufig benutzte, auch »kranke« Druke

planmäßig erfaßt und schutzverfilmt 10 . Filme und Reproduktionen treten so

in der Benutzung nach und nach an die Stelle des »leidgeprüften» Originals,

das in einer Schutzverpackung im Regal seinen Platz nur noch in

Ausnahmefällen verläßt. Jetzt schon und weitaus stärker in naher Zukunft

müssen sich die Benutzer im Bereich des alten Buches daran gewöhnen,

mit Kopien zu arbeiten und die Handschrift, den alten Druck nur noch in

seltenen Fällen zum Vergleich heranzuziehen, damit auch kommenden Generationen

das von alters her tradierte Kulturgut »Buch« erhalten bleibt.

10

Zur Schutzverfilmung auch von Altbeständen vgl. W. KEHR: Schutzverfilmung in der

Universitätsbibliothek. Zum Problem der Bestandserhaltung. In: INFORMATIONEN 51

(1991) S. 681-684. - Über die Schutzverfilmung aller mittelalterlichen und frühneuzeitlichen

Handschriften der UB Freiburg durch die Hill Monastic Manuscript

Library in Collegeville/Minnesota (USA) berichtete W. HAGENMAIER in: INFORMATIONEN

37 (1988) S. 219 f.

215

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


2.6.1 Erschließung des Altbestandes: Handschriften

Die gut bestückte Handbibliothek, das planvolle Aussortieren und

Sammeln von alten Drucken bis 1700 im Magazin schufen notwendige

Voraussetzungen für die erschließenden Arbeiten an Handschriften und

Frühdruken, die ab 1968 bzw. 1970 nacheinander einsetzten. In der Mitte

des Jahres 1968 fing Hans Hornung mit der Katalogisierung der Handschriften

an, verließ uns freilich bereits nach Jahresfrist. Im Januar 1969

folgte ihm Winfried Hagenmaier. Seine Katalogisierungsarbeit wurde

einige Jahre von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert, dann

übernahm die Universität Freiburg ihn 1975, nun als Leiter der

Handschriftenabteilung. Eine Darstellung seines Wirkens wird er in diesem

Heft an gesonderter Stelle vornehmen.

2.6.2 Inkunabeln

Ich selbst begann 1970 nach auch hier z.T. geschilderten Aufbauarbeiten

mit der Katalogisierung des nun vollständig zusammengetragenen

Bestandes an Wiegendrucken. Im Detail wird in der Einleitung des 1985

erschienenen, dreibändigen Inkunabelkatalogs der Universitätsbibliothek

Freiburg 11 über Vorarbeiten, Umfang und Anlage des Katalogteils, die

Form der einzelnen Katalogaufnahme, die ausführlichen Registerteile,

sowie über die Ergebnisse der über zehnjährigen Katalogisierungstätigkeit

berichtet, so daß ich mich im folgenden auf einige kursorische Zusammenfassungen

beschränken möchte.

Ergebnisse der Inkunabelkatalogisierung. - Im Freiburger Inkunabelkatalog

werden 3775 Wiegendrucke verzeichnet, d. h. 3501 bibliographische Einheiten

mit 274 Doppelstücken. Außer den Inkunabeln der

Universitätsbibliothek Freiburg (3443 Werke inkl. Dubletten) sind auch

kleinere Sammlungen und Einzelstücke in öffentlichen Bibliotheken der

Umgebung aus dem Umkreis von Kirche, Stadt und Universität

aufgenommen worden (insges. 332 Drucke), weil sie - aus gleichem oder

doch gleichartigem Vorbesitz wie die Frühdrucke der Universität

11 Die Inkunabeln der Universitätsbibliothek... (s. Anm. 1), Einleitung, S. IX-XC.

25 Jahre Arbeit am alten Buch

216


ibliothek stammend - vor allem die lokale Färbung des untersuchten

Bestandes in willkommener Weise ergänzten und vertieften.

Geschichte der Sammlung. - »Inhalt, Schwerpunkt und Eigenart dieser

Sammlung genauer bestimmen zu können, heißt ihre Geschichte schreiben«

- mit diesem Satz fing ich an, in der Einleitung zusammenzutragen, was ich

über die Geschichte der Sammlung aus der Untersuchung jeder einzelnen

Inkunabel eruiert hatte. Die einzelnen Bücher waren meine Quellen, meine

Zeugnisse, so daß man den historischen Überblick auch wie einen archäologischen

Fund- oder Ausgrabungsbericht lesen könnte. Dabei tauchten nach

und nach die Umrisse einer früheren Bibliothekslandschaft am Oberrhein

auf, manchmal schemenhaft, weil nur vereinzelte Bücher zusammenkamen,

manchmal auch konturenreich, in bisher noch nicht bekannter Schärfe.

Anfänge akademischer Büchersammlungen in Freiburg. - So sind die

Anfänge akademischer Büchersammlungen in Freiburg greifbar geworden,

ihre Bildung, Zusammensetzung, ihr Fortbestehen. Beispielsweise glückte

es, frühe Notizen in den Fakultätsakten über Käufe und Legate für eine sich

bald nach der Universitätsgründung (1457) formierende Artistenbibliothek,

der wegen ihrer Bedeutung rasch die Rolle der allgemeinen Universitätsbibliothek

zufiel, an noch heute vorhandene Bücher zu binden. Es gelang,

die Geschicke dieser universitären Sammlung über die Zeit hinweg zu verfolgen,

wo die Jesuiten den Lehrbetrieb in der philosophischen und theologischen

Fakultät übernahmen, bis hin zu ihrem Aufgehen in der

eigentlichen Universitätsbibliothek, die erst als Teil der Studienreformen

Maria Theresias entstand. Einige Büchersammlungen in Freiburger Bursen

und Stiftungshäusern, gewissermaßen Vorläufer unserer Seminarbibliotheken

und Lehrbuchsammlungen, waren, wie sich zeigte, reich an Literatur

der septem artes liberales, allen voran die des Collegium Sapientiae. Hier ist

der Wert der den Unterricht begleitenden Lektüre früh erkannt worden: »Es

schöpft nämlich Wasser mit dem Sieb, wer ohne Buch lernen will« (Haurit

enim aquas cribro qui discere vult sine libro), heißt es in Anwendung einer

mittelalterlichen Sentenz schon 1497 in seinen Statuten.

Säkularisierte Klosterbibliotheken: aus Freiburger Klöstern. - Und auch

die zweite wesentliche Komponente der Inkunabelsammlung trat jetzt

217

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


deutlicher zutage: die vielen Wiegendruke aus aufgehobenen südbadischen

und oberschwäbischen Ordens-, Kloster- und Stiftsbibliotheken, die in der

Epoche josephinischer und badischer Säkularisationen von der UB Freiburg

übernommen worden waren. Die einzelnen klösterlichen Provenienzen

lösten sich aus dem uniformen Grau bloßer Aufzählungen in älterer

Literatur und gewannen durch die Untersuchungen an Plastizität und Farbe:

etwa die Bibliotheken der Freiburger Kartäuser, Dominikaner und

Franziskaner, wo sich noch Reste der Bibliothek des 1515 vertriebenen

Konventualenkonvents feststellen ließen, interessanterweise belegt auch

durch zwei Bücher aus dem ehemaligen Besitz von Thomas Murner

(1508/09 in Freiburg Lektor) und Johannes Pauli (1501 hier Guardian),

beide in ihrer Zeit bekannte Schriftsteller, die von literarischen Traditionen

am Oberrhein geprägt waren.

Säkularisiertes Bibliotheksgut aus den Benediktinerklöstern des

Schwarzwaldes: St. Georgen. - Die durch die badische Säkularisation enteigneten

und untergegangenen Bibliotheken der großen Benediktinerklöster

des Schwarzwaldes nahmen wieder Gestalt an. Durch Eintragungen in

Wiegendruken kann man beispielsweise den Wiederaufbau der 1637

abgebrannten Bibliothek von St. Georgen durch den bücherliebenden Abt

Georg II. Gaisser in den Notjahren des Dreißigjährigen Kriegs verfolgen,

von dem sich Spuren auch in seinen »Tagbüchern« finden: Im Dezember

1637 kaufte Gaisser für 200 Gulden, für eine Kuh und ein Malter Getreide

von Jakob Merck, dem Heidenheimer Pfarrer und Dekan des Landkapitels

Villingen, die ererbte und in Resten noch im heutigen Bestand zu

dokumentierende Bibliothek. Voller Freude kommentierte der Abt den

Erwerb: »Quod foelix, faustum et monasterio salutare sit«.

St. Blasien. - Die Kenntnis vom Schicksal der einst berühmten Bibliothek

des Benediktinerklosters St. Blasien ist um einige nicht unbedeutende

Fakten bereichert worden: so läßt sich noch aussagekräftiger Altbestand aus

dem 16. Jahrhundert nachweisen, der die Brandkatastrophe von 1768

überlebt hat. Wir erfahren weiter, auf welche Weise der Abt Martin Gerbert

diese alte Sammlung neu erstehen ließ, und offenkundig wird auch die - in

diesem Detail bisher nicht belegte - Tatsache, daß St. Blasien noch kurz vor

dem eigenen Ende Hoffnung hegte, der drohenden Aufhebung zu entgehen.

25 Jahre Arbeit am alten Buch

218


In großem Maße hat man hier um 1802/04 versucht, wertvolles

Bibliotheksgut aus bereits aufgelassenen Klöstern vor allem der weiteren

Umgebung an sich zu ziehen.

Zum Buchhandel im Oberrheingebiet. - Ergebnisse brachte die Katalogisierung

auch für andere Sparten der Buchkunde. Schon ein kurzer Blick

auf das Register, welches die Wiegendrucke nach Druckorten und Drukern

auflistet, gewichtet die damaligen Verhältnisse im Buchdruck des

Oberrheingebietes und erhärtet damit einmal mehr die Tatsache, daß

Freiburg als Druckplatz zwischen Straßburg und Basel, die aufgrund ihrer

günstigen Verkehrslage und politischen Situation auch auf diesem Sektor

des Wirtschaftslebens eine monopolartige Stellung erlangt hatten, ins

Hintertreffen geriet. Weitere Handelsstraßen in der Region zeichnen sich

ab: Lyon hatte auf dem Wege über die Burgundische Pforte, Köln und

Speyer über den beschiffbaren Rhein Freiburg als Absatzmarkt ihrer

Buchproduktion entdeckt. Vorwiegend wohl rheinabwärts über den

Messeplatz Frankfurt ist man in Freiburg mit der Buchproduktion der

bedeutenden Drukorte in Süddeutschland (Augsburg und Nürnberg) und

Italien (vor allem Venedig) versorgt worden.

Zum Freiburger Buchmarkt. - Doch der Literaturbedarf der jungen Universität

konnte durch den noch wenig geregelten Zufluß von Büchern aus

auswärtigen Offizinen kaum befriedigt werden. Der heimische Buchhandel

hat sich bei der erdrückenden auswärtigen Konkurrenz nicht recht zu

entfalten vermocht, der örtliche Buchdruck kam erst im letzten Jahrzehnt

des 15. Jahrhunderts auf und nach kurzen Jahren einer gewissen Blüte am

Ende des Jahrhunderts wieder zum Erliegen, was sich auch im Drukerregister

andeutet. In der Frühzeit der Universität findet man in den

Protokollen der Artistenfakultät bewegende Klagen über die penuria

librorum, den Mangel an geeigneten Lehrbüchern, so unter dem 17. März

1466 einen dringenden Appell an alle Magister, doch »textus bonos

librorum Aristotelis et solida commentaria eisdem« aufzutreiben und der

Fakultät den Kaufpreis mitzuteilen, und in den neunziger Jahren zog die

Artistenfakultät aus dieser Notlage heraus selbst einen kleinen,

universitätseigenen Buchhandel auf, eine Tatsache, die erst bei diesen

Katalogisierungsarbeiten in den Fakultätsakten entdeckt und interpretierbar

219

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


wurde 12 .

Sachliche Zusammensetzung der Inkunabelsammlung. - Literarische

Bedürfnisse und Vorlieben auch außerhalb des akademischen Umkreises

werden in den ausgegrabenen Resten alter Bibliotheken erkennbar, wenn

man die Inkunabelsammlung der Freiburger Universitätsbibliothek nach der

sachlichen Zusammensetzung ihres Bestandes untersucht. So lassen sich

auch auf diese Weise geistige Strömungen am Oberrhein in einer Zeit kultureller

Blüte ausloten: spätmittelalterliche Frömmigkeit, religiöses

Gedankengut am Vorabend der Reformation, literarische Tendenzen, das

Eindringen humanistischer Ideen, und die dunklen Seiten einer Epoche des

Umbruchs, Ängste und Bedrohungen, schlagen sich in Pest- und Syphilistraktaten,

in etlichen Ausgaben des Hexenhammers, mantischen

Beschwörungen, astrologischen Prognostiken, usw. nieder.

2.6.3 Drucke des 16. und 17. Jahrhunderts

Wie weiter oben berichtet hatte W. Kehr schon 1968 den Plan gefaßt, nach

Erscheinen des Inkunabelkatalogs auch die Drucke des 16. und 17.

Jahrhunderts rekatalogisieren zu lassen, - in Freiburg waren sie oft

bibliographisch nur unzureichend in Katalogaufnahmen aus dem vorigen

Jahrhundert verzeichnet. Das Zusammenziehen des Altbestandes im

Magazin zu einer Sonderaufstellung schuf zunächst die Grundlage für eine

vorläufige, zahlenmäßige Erfassung. Nun erst konnte man sich ein Bild von

der ungefähren Größenordnung dieser Sammlung machen: nach letzten,

revidierten Schätzungen läßt sie sich auf ca. 44.000 Titel veranschlagen, die

etwa je zur Hälfte dem 16. oder dem 17. Jahrhundert zuzurechnen sind.

1987/88 hat man dann die Katalogaufnahmen der Frühdrucke aus dem allgemeinen

Verwaltungskatalog herausgesucht und Kopien dieser (nach den

alten Regeln der »Preußischen Instruktionen« geordneten) Titelkarten -

getrennt nach beiden Jahrhunderten - als provisorische Auskunftsinstrumente

im Bereich des Sonderlesesaals aufgestellt. Diese

12

Vgl. V. SACK: Der Vertrag eines Freiburger Zwischenbuchhändlers mit der

Universität. Zur Geschichte buchhändlerischer Vertriebsformen und Usancen im

ausgehenden 15. Jahrhundert. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens 27 (1986), S.

163-169.

220

25 Jahre Arbeit am alten Buch


Verwaltungsmaßnahme bildete auch ein gewisses Korrektiv zur Schätzung

des Bestandes im Magazin.

Katalogisierung mit Hilfe des VD 16. - Lange wurde nach einem gangbaren

Weg gesucht, die überaus große Menge dieser Drucke mit einem möglichst

geringen Aufwand an Personal und Zeit neu zu katalogisieren. Faktisch

stand und steht dazu derzeit nur meine Arbeitskraft für eine Spanne von

wenigen Jahren zur Verfügung. Das wohl sinnvollste Vorgehen, sich einem

landes- oder besser noch bundesweiten Sonderprogramm zur maschinenlesbaren

Erfassung von frühen Drucken anzuschließen, wo in einer

redaktionellen Schlußstelle laufend alle Meldungen überprüft und ggf.

korrigiert, evtl. Varianten oder verschiedene Ausgaben definiert werden, ist

z. Zt. leider noch nicht praktizierbar. Das Erscheinen des konventionell und

nach vorläufigen RAK- und ergänzenden Hausregeln gearbeiteten VD 16,

sowie die Freiburger Mitarbeit am Supplement, das in Wolfenbüttel erstellt

wird, ermöglichten es dann, wenigstens für einen Teilbereich, d. h. für die

im deutschen Sprachbereich erschienenen Druke des 16. Jahrhunderts, mit

der Übernahme von Fremddaten, nämlich den in München und Wolfenbüttel

hergestellten Katalogisaten, das Projekt voranzutreiben. Für jeden überprüften

oder neukatalogisierten Druck wird zusätzlich eine ergänzende

Katalogkarte angelegt, die folgendes festhält: 1. normierende Fassungen

von Druckort, Drucker und Erscheinungsjahr für eine spätere maschinenlesbare

Erfassung des Katalogisats, 2. eine sachliche Erschließung durch

Sachwortreihung, 3. exemplarbezogene Angaben zur Vollständigkeit, zu

Provenienzen und zur Einbandbestimmung.

Details dieses Katalogisierungsprogramms sind in den INFORMATIONEN

nachzulesen 13 . Dort angekündigte Vorarbeiten sind inzwischen

abgeschlossen, z. Zt. »läuft« die eigentliche Katalogisierung. Meldungen an

die Redaktionsstelle in Wolfenbüttel sind zum Supplement für bisher noch

nicht nachgewiesene Drucke bis zur Buchstabengruppe »Reh« (Ende des

bislang letzten, 16. Bandes) erfolgt, Meldungen von zusätzlichen Exemplaren

zum ausgedruckten VD 16 bis zu den vielen Ausgaben des Artikels

»Biblia«. Zugleich ist nach konventionellen Methoden an meinem Ar­

13

Über Ziele, Verfahren und Fortschritte der Rekatalogisierung von Druken des 16. und

17. Jahrhunderts berichtete W. KEHR detailliert in den INFORMATIONEN 38 (1988), S.

231-234, 45 (1989) S. 463 und 46 (1990) S. 505.

221

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


eitsplatz im Bereich des Sonderlesesaals ein neuer alphabetischer Katalog

im Entstehen, korrespondierend zu diesen Meldungen, mit gesonderten

Registern zu Druckorten und Druckern, Provenienzen, Einbänden und

Sachbegriffen. Ich hoffe, an diesem Projekt auch nach meiner Pensionierung

Anfang nächsten Jahres auf freiwilliger Basis weiterarbeiten zu

können, damit das Ganze nicht als »Torso« zurückbleibt.

Vorläufige Ergebnisse und Zielvorstellungen dieser Katalogisierung. -

Natürlich ist es viel zu früh, beim derzeitigen Stand dieser Katalogisierung

von Ergebnissen zu sprechen. Allerdings zeichnet sich bereits ab, daß die

Aussagen des Inkunabelkatalogs im exemplarspezifischen Bereich noch

bestimmter, noch umfassender formuliert werden können, handelt es sich

doch weitgehend um denselben Vorbesitz. In bodenständigen Sammlungen

des Freiburger Altbestandes rücken nun beispielweise etliche Professorenbibliotheken

des 16. Jahrhunderts stärker ins Licht 14 , etwa die Bibliothek

des Gräzisten Johannes Hartung, der höchstwahrscheinlich an der Edition

so manchen griechischen Werkes in Basel beteiligt war und als Gegengabe

von den dortigen Drukern Freiexemplare erhielt, des Theologen Jodokus

Lorichius, der in Freiburg als Zensor über diverse Druckvorhaben wachte

und dann auf ähnliche Weise seine Büchersammlung vergrößerte, u.a.m.

Sachlich erfaßt steht in diesen Drucken die ganze geschichtliche

Entwicklung des 16. Jahrhunderts vor uns auf, die religiösen, politischen,

sozialen und literarischen Bewegungen, Strömungen und Kämpfe werden

sichtbar, die Entfaltung beispielsweise der Fachdisziplinen in der hiesigen

Universität, aber auch ihre zunehmende geistige Enge und Erstarrung durch

staatliche und kirchliche Restriktionen im Zeitalter der Gegenreformation,

usf.

Bestimmung alter Einbände. - Es blieb bisher ausgespart, über ein letztes

Teilgebiet der Katalogisierung im Bereich des alten Buches, der

Handschriften wie der Frühdrucke, zu berichten: die Bestimmung alter

Einbände. Josef Rest, ehemaliger Direktor der Universitätsbibliothek

14

Vgl. dazu auch die Untersuchungen von J. REST: Freiburger Bibliotheken und

Buchhandlungen im 15. und 16. Jahrhundert. In: Aus der Werkstatt. Den dt.

Bibliothekaren zu ihrer Tagung in Freiburg... dargebracht. Freiburg i. Br. 1925, S.

19 ff., auch S. 15.

222

25 Jahre Arbeit am alten Buch


Freiburg, hat 1934 in einer sehr umfangreichen Untersuchung zu Freiburger

Buchbindern des 15. und 16. Jahrhunderts viele Akten des Stadt- und

Universitätsarchivs ausgewertet, Namen und Daten Freiburger Werkstätten

zusammengetragen, aber in keinem Falle vermocht, vorhandene Bände der

Freiburger Universitätsbibliothek als Arbeiten einer von ihm genannten

Buchbinderei auszuweisen 15 . Grundlagen für die Zuweisung an Werkstätten

des deutschen Südwestens im 15. und 16. Jahrhundert legte erst das

Lebenswerk von Ernst Kyriß 16 ; auch Konrad Haebler 17 hat für Einbände mit

Rollen- und Plattenstempeln des 16. Jahrhunderts hier Voraussetzungen

geschaffen, die allerdings zu verläßlichen Ergebnissen in Lokalisierung und

Datierung nur führen, wenn man sorgsam auch den übrigen

exemplarbezogenen Hinweisen nachgeht, namentlich den Provenienzen. In

der Einleitung zum Inkunabelkatalog ist auf S. LXXXV-LXXXIX

detailliert über die Katalogisierung von Einbänden berichtet worden, sowie

über ihre Zuweisungen an bekannte oder umschreibbare Werkstätten, die

auch das Einbandregister im 3. Band aufführt (auf S. 1663-1667). So sind

nun insbesondere zahlreiche Buchbindereien im von Kyriß wenig erfaßten

oberrheinischen Raum örtlich festzulegen; Straßburg und Basel, Zentren

oberrheinischer Buchproduktion, sind vermehrt auch mit den Erzeugnissen

ihres Buchbinder-Handwerks bekannt geworden, und auch aus Freiburger

Werkstätten haben sich zahlreiche Einbände erhalten, wie sich jetzt zeigte:

Freiburger Werkstätten. - Im Jahre 1525 vermachte der Buchbinder Ludwig

Wirtenberger, der jahrelang im Freiburger Stadthaus der Kartause gewohnt

und wohl auch gearbeitet hatte, dem Kloster neben anderen Habseligkeiten

sein Buchbinderwerkzeug, was der Nekrolog der Kartause festgehalten hat.

Da recht viele Frühdrucke aus dem Ende des 15. und den Anfangsjahren

des 16. Jahrhunderts aus dem Vorbesitz dieses Klosters ihr ursprüngliches,

im Dekor und der Bestempelung recht uniformes Gewand bewahrt haben,

15

Vgl. J. REST: Freiburger Buchbinder des 15. und 16. Jahrhunderts. In: Schau-ins-Land

61 (1934), S. 66-77, insbes. S. 66 f. Die weiter unten genannten Buchbinder

Wirtenberger und Waffenschmidt führte er auf S. 68 auf.

16

E. KYRISS: Verzierte gotische Einbände im alten deutschen Sprachgebiet. [Nebst]

Tafelbd 1-3. Stuttgart 1951-58.

17

K. HAEBLER: Rollen- und Plattenstempel des XVI. Jahrhunderts. Unter Mitwirkung

von I. SCHUNKE. Bd 1.2. Leipzig 1928-29.

223

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kann man hier wohl unbedenklich den Meisternamen an die vorhandenen

Werkstücke binden.

Die an ihrer Produktion gemessen weitaus bedeutendste Freiburger

Werkstatt, welche Kyriß noch anonym und nicht lokalisiert als Werkstatt

169: Stempelblüte I beschreibt, arbeitete vom Ende des 15. Jahrhunderts bis

hin zur Mitte des 16. Jahrhunderts vornehmlich für akademische Kunden.

Ihr Meister dürfte mit dem Buchbinder Jakob Waffenschmidt zu

identifizieren sein, der sich ab 1499 bis 1549 in städtischen Steuerbüchern

nachweisen läßt; die Katalogisierung der Drucke des 16. Jahrhunderts wird

dies zu bestätigen haben.

Konrad Haebler identifizierte einen Buchbinder, der etliche Rollenstempel

mit seinen Initialen I. H. prägte, mit dem Meister Jakob Holl, der in

Augsburg von ca. 1538-1562 sein Handwerk ausgeübt habe 18 . Nach Forschungen

von Buckeisen soll ein Jakob Holl 1563 in Freiburg zünftig

geworden sein, die Freiburger Steuerbücher führen seinen Namen aber

bereits von 1554 an und nennen ihn noch im Jahre 1594. Sohn und Enkel(?)

haben das ererbte Handwerk in Freiburg weiter ausgeübt 19 .

Einbandmakulatur. - Die systematische Durchforstung der Einbandmakulatur

20 bei den Katalogisierungsarbeiten führte zu überraschenden Ergebnissen.

Das für die Erforschung der frühen Druckzeit herausragende Ergebnis

war wohl der Fund eines in der Gutenberg-Literatur bisher unbekannten

29zeiligen Donat-Fragments in der Donat-Kalender-Type, der die

»bibliographische Lüke« zwischen den schon bekannten 26-, 27-, 28- und

30zeiligen Ausgaben schloß. Zwei makellos erhaltene Blätter aus einem um

1473 vermutlich in Basel gedruckten xylographischen Donat bezeugen, daß

18

A.a.O. I S. 186. Jakob Holl war 24 Jahre lang Obermeister in Augsburg, trat 1562 von

seinem Amt zurück wegen Differenzen mit der Stadt über die neu in Kraft tretende

Innungsordnung, vgl. I. SCHUNKE: Krause-Studien. Leipzig 1932, S. 48. Möglicherweise

handelt es sich bei dem Freiburger Buchbinder Jakob Holl um einen Sohn,

so wohl auch H. HELWIG: Handbuch der Einbandkunde. Hamburg 1954, II, S. 33.

19

Vgl. REST, Buchbinder S. 69.

20

Zu Funden in Einbandmakulatur vgl. außer der in Anm. 11 erwähnten Einleitung zum

Inkunabelkatalog (S. LXXXIV f.) auch den Fundbericht in den INFORMATIONEN 22

(1984), S. 48 f. u. V. SACK: Zwei frühe Volkskartenspiele mit italienischen Farben. In:

Archiv für Geschichte des Buchwesens 16 (1976), Sp. 1217-1278.

224

25 Jahre Arbeit am alten Buch


Holztafeldrucke dieser viel gebrauchten Kleinliteratur einige Jahrzehnte

lang neben Druken existierten, die mit beweglichen Lettern hergestellt wurden.

Für die Erforschung spätmittelalterlicher Kultbilder im Oberrheingebiet

ist sicher das lange vermißte Wallfahrtsbild von Marienthal im Elsaß

interessant. Die Fundgeschichte des Bogenfragments eines venezianischen

Trappola- oder Tarockspiels konnte die bisherige falsche Datierung eines

zweiten, in der Literatur schon bekannten Exemplars der Sammlung Fournier

richtigstellen. Unter Falzen aus oft nicht unbedeutenden Akten, Urkunden

und frühen Handschriften ist besonders der Fund von 38 schmalen

Pergamentstreifen zu erwähnen: wieder zusammengefügt tradierten die

Fragmente nicht nur das reichhaltige Vokabular zu einem alemannischen

Dialekt aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, sondern zugleich auch die

früheste Übersetzung der Augustinerregel ins Deutsche, die Satzung eines

der ersten deutschen Dominikanerinnenklöster, den seltenen Textzeugen für

eine wichtige Stufe der Dominikanergesetzgebung und lösten damit auch

das Rätsel um den Inhalt der noch von H. Grundmann verschollen geglaubten

sog. »Konstitutionen von St. Markus in Straßburg«, einer wichtigen

Quelle für die Frühgeschichte des deutschen Dominikanerordens und der

von ihm betreuten Frauenklöster.

2.6.4 Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland

In den letzten Jahren hat W. Kehr engagiert ein Projekt gefördert, dessen

Erwähnung einerseits in den thematischen Rahmen dieser Abhandlung

gehört (Erschließung von Altbestänaden), andererseits zeitliche (Drucke bis

1700) und räumliche Begrenzungen (UB Freiburg) sprengt. So soll es hier

nur in lexikalischer Kürze vorgestellt werden; zugleich sei auf die

eingehende Darstellung verwiesen, die sich an anderer Stelle dieser

Festschrift findet. Es handelt sich um das von dem Münsteraner Anglisten

Bernhard Fabian postulierte, nun federführend redigierte »Handbuch der

historischen Buchbestände in Deutschland« 21 . Es will mit finanzieller

21

Ziel, Anlage, Finanzierung und Plan der Durchführung des Projektes stellte W. KEHR

einleitend in den INFORMATIONEN 23 (1984), S. 61 f. vor. Über Problematik und

jeweiligen Stand der am 1. Oktober 1986 in der Regionalredaktion für Baden-Württemberg

begonnenen Arbeiten informierte Wilfried SÜHL-STROHMENGER bislang in den

INFORMATIONEN 32 (1986), S. 54 f., 38 (1988), S. 243 ff., 48 (1990), S. 583, 51 (1991),

225

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Unterstützung der Stiftung Volkswagenwerk die älteren Literaturbestände

vom Beginn des Buchdrucks an bis zum Druckjahr 1900 erfassen im Sinne

eines nationalen Bestandsinventars von historischem Schrifttum, will als

Vademecum und Reiseführer in Bibliotheken besonders der geisteswissenschaftlichen

Forschung durch umfassende bestandsgeschichtliche und

-beschreibende Einträge dazu verhelfen, gesuchtes, aber oft in Bibliotheken

mit großem Altbestand vergrabenes oder weit und in kleinen öffentlichen

Büchereien verstreutes Material aufzuspüren. 1986 hat W. Kehr die Leitung

der Regionalredaktion für Baden-Württemberg und das Saarland

übernommen. Nach letzten Informationen sind - dank auch des tatkräftigen

Einsatzes des Bearbeiters W. Sühl-Strohmenger - bis Mai 1991 die Einträge

für ca. 160 Bibliotheken in Baden-Württemberg komplett bearbeitet

worden. Der ausführliche Beitrag der UB Freiburg ging schon 1990 an die

Zentralredaktion in Münster ab. In jüngster Vergangenheit hat sich W. Kehr

bemüht, auch Bibliotheken des angrenzenden Auslands, insbesondere Basel

und Straßburg, zur Mitarbeit zu bewegen, um die gemeinsame, oft aus

denselben Quellen gespeiste, regionale Überlieferung zu sichern.

2.7 Abrundung des Bestandes durch Neuerwerb

Die verschiedenen erschließenden Arbeiten, aber auch die oft sehr ins

Detail gehende Auskunftstätigkeit ermöglichen recht genaue Einblicke in

den Altbestand, man erfährt, auf welchem Gebiet, zu welchen Fragen er

besonders dicht und aussagekräftig ist, man gewinnt mit den Jahren eine

gründliche Kenntnis der Sammlung, wie es auch im Bericht von der

Inkunabelkatalogisierung demonstriert wurde. Das läßt dann natürlich

Wünsche aufkommen, bei passender Gelegenheit, etwa mit einem Angebot

von privater Hand oder aus Antiquariats- oder Auktionskatalogen hier und

da Lücken zu füllen, anderswo etwas abrunden zu können. Obgleich der

Universitätsbibliothek Freiburg im Gegensatz zu den Landesbibliotheken

keine Sondermittel für diesen Zweck zur Verfügung stehen und obgleich

auch keine Fördergesellschaft am Ort vorhanden ist, welche die

Universitätsbibliothek beim Sammeln von altem, bodenständigem Schrifttum

unterstützen könnte, hat es W. Kehr vom Beginn seiner

S. 691f.

25 Jahre Arbeit am alten Buch

226


Amtsübernahme an als verpflichtend angesehen, hier eine alte Tradition

weiterzuführen. Er entwickelte dafür ein Erwerbungsprofil, in dessen

Rahmen wir mit begrenzten Mitteln ggf. tätig werden können. So sind in

der Zeit von 1968 bis 1990 insgesamt 3 Handschriften, 28 Inkunabeln und

666 Drucke des 16. und 17. Jahrhunderts erworben worden, vornehmlich

Friburgensia, Werke zur Geschichte und Lehre der alten Universität, zur

oberrheinischen Kultur- und Geistesgeschichte, sowie gegenreformatorisches

und jesuitisches Schrifttum.

2.8 Verbessertes Angebot in der Benutzung

Abschließend sei betont, daß alle bewahrenden und erschließenden

Arbeiten am alten Buch natürlich letzten Endes den wissenschaftlich interessierten

Benutzern zugute kommen, die sich mit den historischen

Buchbeständen vor allem der Universitätsbibliothek Freiburg beschäftigen.

Der Sonderlesesaal mit der umfangreichen Handbibliothek, die qualifizierte

Auskunftsmöglichkeiten bietet, die zunehmende Erschließung durch

detaillierte Kataloge, die sich auf dem Stande gegenwärtiger Forschung

befinden, intensivieren die Dienste der Bibliothek in dieser Richtung. Sie

werden noch erweitert durch Lehrveranstaltungen 22 der Universität in den

Räumen der Universitätsbibliothek und des Sonderlesesaals und durch

didaktisch betreute Ausstellungen 23 : so soll Studenten und einer breiteren

Öffentlichkeit Gelegenheit gegeben werden, mit dem alten Buchgut, Quelle

so mancher wissenschaftlichen Arbeit, vertraut zu werden, mit den

typographischen Besonderheiten alter Druckerzeugnisse und dem pfleglichen

Umgang mit ihnen in der Benutzung. Man wird nur hin und wieder

erfahren, wo oder wie diese Bemühungen Früchte getragen haben, kann

22

Vgl. dazu W. KEHR: Handschriften und alte Drucke der Universitätsbibliothek in

Lehrveranstaltungen der Universität. In: INFORMATIONEN 46 (1990), S. 489.

23

Die letzte, zum beträchtlichen Teil aus Altbestand der UB Freiburg gespeiste

Ausstellung (über Thomas Murner), wurde hier vom 16. Okt. bis zum 24. November

veranstaltet übrigens gemeinsam mit der Bibliothèque Nationale et Universitaire in

Straßburg und der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe im Rahmen der

Zusammenarbeit der Universitäten und Bibliotheken im Oberrheingebiet, vgl. dazu V.

SACK: Thomas Murner, elsässischer Theologe und Humanist 1475-1537. In: INFORMA­

TIONEN 49 (1990), S. 602-605.

227

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


aber zumindest an den Zahlen der Benutzung im Sonderlesesaal ablesen,

daß deren Frequenz in den letzten Jahren stark zugenommen hat: wurden

beispielsweise 1975, also in einem Jahre noch vor dem Umzug in den

Neubau, 391 Bände in der Sonderabteilung für Handschriften und

Frühdrucke benutzt, so stieg diese Zahl nach dem Umzug 1980 auf 1834

Bände, 1985 auf 3138 Bände und 1989 auf 3685 Bände 24 . Gleichzeitig

erhöhte sich die Zahl der Benutzer, die sich mit Handschriften, Frühdrucken

und Rara, sowie mit gleichartigen Bänden aus der Fernleihe

beschäftigten: 1975 waren es 1263 Personen (damals noch inkl. Benutzer

der Handbibliothek), 1980: 1592, 1985: 2617 und 1989: 3742 Benutzer.

24

Übrigens scheint die oben als Schutzmaßnahme beschriebene »Schutzverfilmung«, die

verstärkt erst in den letzten zwei bis drei Jahren und vorrangig an häufig benutztem

Altbestand durchgeführt wird, zu »greifen«: erstmalig sank 1990 die Anzahl der benutzten

alten Drucke erheblich.

228

25 Jahre Arbeit am alten Buch


3. 25 Jahre Arbeit am alten Buch als Ergebnis und Erfolg bibliothekarischer

Leitung

Nach dieser Rückschau auf 25 Jahre Arbeit am alten Buch darf man gewiß

urteilen, daß Wolfgang Kehr mit vielfältigen Anregungen und einem

beharrlichen Einsatz Wesentliches zur Bewahrung und Erforschung des

kulturellen Erbes am Oberrhein bewirkt hat. Seine Initiativen haben nicht

nur im allgemeinen Gedächtnis schon versunkene, einst bedeutende

Bibliotheken dieser Gegend wieder ans Licht gebracht, sondern auch

Strukturen und Details einer längst vergangenen Buchkultur ins - wie ich

hoffen will - tätige Bewußtsein der Gegenwart treten lassen.

229

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Winfried Hagenmaier

HANDSCHRIFTEN- UND NACHLASSKATALOGISIERUNG

1. Handschriften

Im Rahmen eines umfassenden Konzepts zur Erschließung der Altbestände

der Universitätsbibliothek und anderer öffentlicher Sammlungen in

Freiburg im Breisgau und Umgebung ergriff Wolfgang Kehr 1968 die

Initiative zur Katalogisierung der Handschriften. Diese waren bisher gar

nicht oder völlig unzureichend beschrieben. In der Universitätsbibliothek

existierten verschiedene, bis ins 18. Jahrhundert zurückreichende Kataloge

und Verzeichnisse, die nur der Kurzinformation dienten. Ein Bruchteil der

Codices war in den Jahren 1903 bis etwa 1916 und wieder 1933 auf Zetteln

bzw. Karteikarten im Sinne einer detaillierten Beschreibung des Äußeren

und des Inhalts etwas ausführlicher erfaßt worden. Hinzu kam 1926/27 ein

handschriftliches Verzeichnis der deutschsprachigen Handschriften des

Germanisten Richard Newald. In den übrigen Sammlungen - dem

Universitätsarchiv, dem Stadtarchiv, dem Augustinermuseum, dem

Erzbischöflichen Archiv und dem Collegium Borromaeum in Freiburg

sowie dem Erzbischöflichen Priesterseminar in St. Peter im Schwarzwald -

gab es allenfalls Bestandslisten oder -karteien.

Mit der Entscheidung, die Handschriften - d.h. zunächst einmal die

mittelalterlichen Codices und Fragmente - in einem gedruckten Katalog für

die Wissenschaft und Forschung zugänglich und nutzbar zu machen, schloß

sich die Universitätsbibliothek Freiburg dem von der Deutschen

Forschungsgemeinschaft seit 1960 durch Personal- und Druckbeihilfen

geförderten Programm zur Katalogisierung der abendländischen

Handschriften in der Bundesrepublik Deutschland an. Sie war damit nach

der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart und der Badischen Landesbibliothek

Karlsruhe die dritte wissenschaftliche Universalbibliothek

des Landes Baden-Württemberg.

Beispielgebend war - wie übrigens auch bei den Inkunabeln - die von

vornherein geplante, nicht selbstverständliche und übliche Einbeziehung

anderer öffentlicher Sammlungen, deren Träger zur Erarbeitung von

230

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


gedruckten Handschriften- und Inkunabelkatalogen finanziell und personell

nicht in der Lage waren.

So wurden in der Folgezeit alle abendländischen mittelalterlichen, d. h.

vor etwa 1520 entstandenen Handschriften der Universitätsbibliothek und

der übrigen Sammlungen katalogisiert. In den Jahren 1974-1988 erschienen

4 Teilbände, die von mir erarbeiteten Teile 1, 3 und 4 mit den lateinischen

und deutschen Handschriften und Teil 2, der die Beschreibungen der mittelalterlichen

und neuzeitlichen Musikhandschriften durch Clytus Gottwald

enthält 1 . Bei den nun katalogisierten abendländischen mittelalterlichen

Handschriften der Universitätsbibliothek handelt es sich um 340 Codices

und 159 selbständige Fragmente. Einschließlich der bei Gottwald

miterfaßten 50 neuzeitlichen Manuskripte und der im »Verzeichnis der

orientalischen Handschriften in Deutschland« 2 beschriebenen 8 hebräischen

Manuskripte sind damit etwa 39 % des Handschriftenbestandes der

Universitätsbibliothek in gedruckten Katalogen verzeichnet.

Die gesamte Sammlung umfaßt aufgrund der Zählung nach physischen

Einheiten nach dem neuesten Stand 1431 Einzelstücke. Es ist ein bunt

zusammengewürfelter Bestand, über dessen schon vorher bekannte

Geschichte hinaus sich bei der Katalogisierung Zusätzliches und Genaueres

ermitteln ließ. Endgültiges läßt sich erst nach der Erfassung aller

Handschriften sagen. Der Grundstock stammt aus dem Lehr- und

Studienbetrieb an der 1457 gegründeten und 1460 eröffneten Universität.

Dazu kommt eine größere Zahl von Handschriften aus den 1773-94 von

den Kaisern Joseph II. und Franz II. in den vorderösterreichischen Gebieten

aufgehobenen und den 1806-07 in Baden säkularisierten Klöstern, vielfach

1

Kataloge der Universitätsbibliothek Freiburg im Breisgau. Herausgegeben von

Wolfgang KEHR. Bd 1, Teil 1-4. Wiesbaden : Harrassowitz, 1974-88. - 1: Winfried

HAGENMAIER: Die lateinischen mittelalterlichen Handschriften der Universitätsbibliothek

Freiburg im Breisgau (Hs. 1-230). 1974. - 2: Clytus GOTTWALD: Die Musikhandschriften

der Universitätsbibliothek und anderer öffentlicher Sammlungen in

Freiburg im Breisgau und Umgebung. 1979. - 3: W. HAGENMAIER: Die lateinischen

mittelalterlichen Handschriften der Universitätsbibliothek Freiburg im Breisgau (ab

Hs. 231). 1980. - 4: W. HAGENMAIER: Die deutschen mittelalterlichen Handschriften

der Universitätsbibliothek und die mittelalterlichen Handschriften anderer öffentlicher

Sammlungen in Freiburg im Breisgau und Umgebung. 1988. - Näheres zu

obigen Ausführungen s. in den Einleitungen von Teil 1-4.

2

Bd. 6, 2 (1965), S. 65-69.

231

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


nur versprengte Einzelstücke. Die Hauptmasse des gegenwärtigen Handschriftenbestandes

- überwiegend neuzeitliche Codices - wurde seit der

Mitte des 19. Jahrhunderts erworben, zu einem nicht geringen Teil durch

Nachlässe und Schenkungen von Professoren und Gelehrten. Unter diesen

sind die Nachlässe des Theologen und Orientalisten Johann Leonhard Hug

(1765-1846) mit 59 abendländischen und orientalischen Handschriften und

des Philologen Franz Karl Grieshaber (1798-1866) mit 44 Codices und 66

Fragmenten besonders hervorzuheben. Hug verdankt die Bibliothek die

wohl kostbarste der wenigen in ihrem Besitz befindlichen Werke

herausragender Buchmalerei, ein um 1070-1080 entstandenes Sakramentar

(Hs. 360a), ein aus der Benediktinerabtei St. Vitus in Mönchengladbach

stammendes künstlerisch hochstehendes Erzeugnis der sog. Strengen

Gruppe der Ottonischen Kölner Malerschule.

Nach Abschluß der Katalogisierung der abendländischen mittelalterlichen

Handschriften konnte der Katalog der datierten Handschriften in

Angriff genommen werden. Der von mir bearbeitete Band »Die datierten

Handschriften der Universitätsbibliothek und anderer öffentlicher

Sammlungen in Freiburg im Breisgau und Umgebung« erschien 1989. Es

ist der 2. Band in der von Johanne Autenrieth herausgegebenen, 1984 mit

dem Katalog der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main

eröffneten Reihe »Datierte Handschriften in Bibliotheken der Bundesrepublik

Deutschland«. Kataloge, in denen alle datierten und signierten (d.

h. nur einen Schreibernamen aufweisenden) Handschriften bis 1550 bzw.

1600 mit entsprechenden Abbildungen erfaßt werden, gibt es nach einem

Beschluß des »Comité International de Paléographie Latine« von 1953

schon in einer ganzen Reihe von westeuropäischen Ländern. Sie dienen in

erster Linie der paläographischen Forschung, doch lassen sich, wie sich

inzwischen herausgestellt hat, aus den vorgelegten Handschriften

gelegentlich Schreiberpersönlichkeiten erkennen und sind in den

Subskriptionen regionale oder internationale Bezüge aufzudecken. In der

Bundesrepublik Deutschland hatte nach der lange im argen liegenden Erschließung

der Handschriftensammlungen die Erarbeitung von

»Vollkatalogen« zunächst absoluten Vorrang. So liegen heute - vor allem

dank der erheblichen Förderung durch die Deutsche

Forschungsgemeinschaft seit Beginn der 60er Jahre - mehr als 100 Bände

mit Handschriftenbeschreibungen vor. Damit ist die Grundlage für Spezial­

Handschriften- und Nachlaßkatalogisierung

232


kataloge der datierten Handschriften geschaffen. In ihnen können die Angaben

zu den einzelnen datierten und signierten Handschriften sehr knapp

gehalten werden, da die Bände des allgemeinen Handschriftenkatalogs über

alle Details Auskunft geben. Im Freiburger Katalog sind 115 Handschriften

der Universitätsbibliothek und 25 Codices der anderen Sammlungen mit

224 Abbildungen in Originalgröße erfaßt 3 .

Gemessen an dem Konzept von 1968 bezüglich der Handschriften steht

jetzt nur noch die Katalogisierung der etwa 900 neuzeitlichen Handschriften

der Universitätsbibliothek aus. Sie wurde 1990 von mir mit Hilfe

des Personal-Computers (Textverarbeitungsprogramm Word-Perfect)

begonnen. Am Jahresende lagen 35 Beschreibungen von Handschriften des

16. Jahrhunderts mit den entsprechenden Registereinträgen vor. Im Gegensatz

zu früher kann auf diese Weise der Druck des Katalogs direkt

erstellt werden, so daß das Zwischenstadium über ein maschinenschriftliches

Manuskript entfällt.

3 Näheres zum Katalog der datierten Handschriften in den INFORMATIONEN 46 (1990), S.

494f.

233

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


2. Nachlässe und Autographen. Geologenarchiv

Außer den mittelalterlichen und neuzeitlichen Codices und Fragmenten

gehören zum Handschriftenbesitz der Universitätsbibliothek Freiburg auch

handschriftliche Nachlässe, Autographen und das Geologenarchiv. Dieses

besteht in der Hauptsache aus Briefen und Manuskripten von Geologen und

war 1972 von der Geologischen Vereinigung e. V. der Universitätsbibliothek

zur Aufbewahrung, Verwaltung und Erschließung übereignet

worden. Der Freiburger Geologe Max Pfannenstiel (1902-76) hatte es nach

dem 2. Weltkrieg aufgebaut, nachdem das zwischen den beiden Weltkriegen

von Erich Haarmann (1882-1945) in Berlin begründete (erste) Geologenarchiv

1943 bei einem Bombenangriff vollständig vernichtet worden

war. Durch die ständige Zusendung von weiteren Materialien aus aller Welt

wächst es kontinuierlich weiter.

Unter den Nachlässen seien erwähnt die des Dante-Forschers Alfred

Bassermann (1856-1935), des Freiburger Agrarwissenschaftlers Constantin

von Dietze (1891-1973), des zuletzt in Freiburg lehrenden Historikers

Alfred Dove (1844-1916), der Dichter Emil Gött (1864-1908) und Johann

Georg Jacobi (1740-1814), des Freiburger Zoologen Otto Koehler (1889-

1974), des Freiburger Dogmatikers Engelbert Krebs (1881-1950), des

Naturforschers und Philosophen Lorenz Oken (1779-1851), des

Geographen Carl Ritter (1779-1859), des jüdischen Philosophen Franz

Rosenzweig (1886-1929; Kopien von Briefen u. a.), des Freiburger

Professors für Christliche Archäologie und Kirchengeschichte Joseph Sauer

(1872-1949; Abschriften der Tagebücher), des Gobineau-Forschers Karl

Ludwig Schemann (1852-1938), des Freiburger Zoologen August

Weismann (1834-1914), des Freiburger Rechtsgelehrten Erik Wolf (1902-

77) und des Hispanisten Adolf Schaeffer (1845-1928), dem die Bibliothek

außerdem eine umfangreiche Sammlung altspanischer Drucke verdankt.

Von 1963 bis zu ihrem Tod im Juli 1989 hat Frau Martha Spies - bis

1977 im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft - zwölf zum Teil

umfangreiche Nachlässe, fast 2.000 Autographen und über 23.000 Briefe

und Manuskripte des Geologenarchivs katalogisiert. Seit dem Amtsantritt

von Wolfgang Kehr wurden dafür auf seine Initiative hin die DFG-Richt­

Handschriften- und Nachlaßkatalogisierung

234


linien zugrundegelegt 4 . Eine ganze Reihe weiterer der heute insgesamt 68

Nachlässe und zahlreiche unkatalogisierte Materialien des Geologenarchivs

wurden von Frau Spies vorgeordnet und in handschriftliche Karteien aufgenommen.

Wie die Katalogisierung der Handschriften soll in Zukunft auch die

Erfassung der Nachlässe, Autographen und des Geologenarchivs mit Hilfe

der elektronischen Datenverarbeitung erfolgen.

4

Richtlinien Handschriftenkatalogisierung. Hrsg.: DEUTSCHE FORSCHUNGSGEMEINSCHAFT.

Unterausschuß für Handschriftenkatalogisierung. 4. Aufl. (1985) 39-45 (Nachlässe

und Autographen).

235

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Ekkehard Arnold

DIE INFORMATIONSABTEILUNG DER UB FREIBURG

1978 - 1991

1. Allgemein

Rückblick und Bilanz

»Information« gab es in der Freiburger Universitätsbibliothek schon seit

den Anfängen anno 1470 - ohne sie wäre jede Bibliothek ein Widerspruch

in sich. Ein eigener Bereich für die Information innerhalb der

Benutzungsabteilung wurde allerdings erst 1978 geschaffen - im Hinblick

auf den Neubau, der gerade auf diesem Gebiet eine Reihe neuer Perspektiven

bot. Als selbständige Abteilung wurde sie 1984 konstituiert, als

nach dem altersbedingten Ausscheiden des Leiters die Benutzungsabteilung

zweigeteilt wurde.

Seitdem umfaßt sie die Bereiche Informationsstellen - Lesesäle -

Bibliographisches Zentrum (HBA = ursprünglich »Handbibliothek der

Auskunft«) - Öffentlichkeitsarbeit. Der letztgenannte Bereich konnte überhaupt

erst nach dem Einzug in den Neubau realisiert werden, da die alte

Bibliothek wegen der baulichen und räumlichen Unzulänglichkeiten

zugegegebenermaßen wenig Möglichkeiten für »publicity« bot.

Geschehen ist in den vergangenen dreizehn Jahren eine ganze Menge,

das Blättern in den Jahresberichten vermittelt ein buntes Kaleidoskop von

wichtigen und weniger wichtigen - allerdings nur aus der Distanz gesehen -

Fakten, manches ist sogar in Vergessenheit geraten, wie der Schreiber

dieser Zeilen beim »Stöbern« selbst erfahren mußte. Da bekanntlich »in der

Kürze die Würze« liegt, soll im Folgenden nur auf einige markante Punkte

und Entwicklungen eingegangen werden.

Natürlich spielen Zahlen eine Rolle - und was für eine, wie könnte es

anders sein. Blickt man heute zu den Anfängen von 1978 zurück,

überraschen doch zuweilen mancher Zahlenwert, manches Zahlenverhältnis

und machen die enorme Servicesteigerung im Lauf der Jahre deutlich, an

die sich Bibliothekare wie Benutzer gewöhnt haben.

236

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Einige Beispiele: 1977 - also ein Jahr vor dem Umzug in den Neubau -

belief sich der Lesesaalbestand auf 37.500 Bände, 1978 auf 65.500 Bände,

heute auf über 120.000 Bände; die 100.000-Marke wurde übrigens 1984

überschritten. Oder: Die Zahl der Entleihungen in die Lesesäle liegt derzeit

bei ca. 40.000, über 25 % mehr als 1977/78.

Der Bestand der HBA betrug 1977 knapp 20.000 Bände, 1990 über

33.000 Bände, trotz wiederholter Aussonderungsaktionen. Oder: die Zahl

sämtlicher Arbeitsvorgänge in der HBA war 1978 72.000, 1990 115.000 -

1985 wurde hier die 100.000-Grenze überschritten.

Ein weiterer Zahlenvergleich: Die Benutzungsfrequenz der Lesesäle im

Altbau lag 1977 bei ca. 105.000 Benutzern, im Neubau bis 1983 bei

jährlich ca. 650.000 Erfassungen durch das automatische Zählwerk, nach

dem Einbau der Glaswand und der Einbeziehung der HBA und des

Sachkataloges in den kontrollierten Bereich bei jährlich 800.000 - 850.000

Durchgängen, 1990 sogar bei 910.000. Diese letzten Zahlen beziehen sich

jedoch wie gesagt nicht allein auf die Lesesäle, sind also nur bedingt

vergleichbar.

In einem Punkt war freilich keine Steigerung zu erzielen -im Gegenteil:

gemeint sind die Öffnungszeiten. War die Bibliothek 1977 im Altbau noch

75 Stunden pro Woche geöffnet (Mo - Fr 8.30 - 21.30, Sa 9.00-19.00), so

wurden die Öffnungszeiten im Neubau auf 69 Stunden pro Woche reduziert

(Mo - Fr 8.30 - 21.30, Sa. 9.00-13.00), 1982 durch Sparmaßnahmen im

Personal- und Energiebereich, die in der Öffentlichkeit heftig diskutiert und

kritisiert wurden, auf 60 Stunden (Mo - Fr 8.00 - 20.00), in den

Ferienmonaten August und September sogar durch eine frühere

Abendschließung auf 50 Stunden. Dies war der absolute Tiefstand. Erfreulicherweise

kann seit Oktober 1989 wieder eine vierstündige

Samstagöffnung von 9.00 - 13.00 angeboten werden. Wie sehr dies ein

Desiderat war, zeigt die Tatsache, daß im Schnitt 250 - 300 Studenten und

Bürger die Bibliothek benutzen. Aktuell ist die Bibliothek 64 Stunden pro

Woche geöffnet.

237

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


2. Lesesäle

Ein ganz besonderes Positivum ist die außerordentlich hohe Akzeptanz der

Lesesäle durch die Benutzer. Hatte man bei Bezug des neuen Gebäudes

noch gewisse Befürchtungen, die Lesesäle mit Benutzern »füllen« zu

können, erwiesen sich diese Sorgen bald als unbegründet. Vielmehr waren

schon nach kurzer Zeit Vokabeln wie »Ausbau, Erweiterung, Vergrößerung«

einzelner Einrichtungen innerhalb der Lesesäle zu vernehmen. Im

April 1982 wurde das Platzangebot um 105 Arbeitsplätze erhöht, im

Dezember 1990 um nochmals 30, so daß aktuell die Gesamtzahl der

Lesesaalarbeitsplätze bei 753 liegt. Selbst diese Zahl erweist sich zu

bestimmten Zeiten als nicht ausreichend. Beide Lesesaalinformationstheken

wurden zweimal vergrößert - 1980 und 1984 - wegen zu geringer

Ablageflächen für die in die Lesesäle bestellte Literatur, aufgestockt die

Zahl der Schließfächer (1987), der Kopiergeräte. Eine größere Anzahl von

eigens konstruierten Bücherwagen sollte weitere Entlastung bringen.

Erwähnt seien in diesem Zusammenhang die Erweiterung der Garderobe im

2. OG, ebenso der Schließfächer im 2. OG und 1. OG. Daß das

augenblickliche Angebot immer noch nicht genügt, machen die alljährlich

in den Wintermonaten auftretenden Engpässe nur allzu deutlich.

Dies gilt im übrigen genau so für die Carrels, Bücherwagen und

Schließfächer in den Lesesälen. Permanente Belegung mit Wartelisten

mitunter bis zu einem Jahr sprechen für sich.

Was wäre der Lesesaal einer modernen Bibliothek ohne die Einbeziehung

der »neuen Medien«. Den Anfang machten Mikrofilm- und

Mikrofichelesegeräte. Diese wurden in den ersten Jahren eher »unauffällig«

benutzt, dies änderte sich spürbar, als zunehmend mehr Zeitungsbestände

und sonstige Literatur aus Schutzgründen verfilmt bzw. verficht wurden.

Die deutlich gestiegene Nachfrage machte aus Gründen der Arbeitsrationalisierung

1986 eine zentrale Aufstellung in einem Pool im Bereich

der Informationstheke des Lesesaals I notwendig. Ab 1987 wurde die

Gerätezahl mehrfach erhöht, derzeit beträgt sie 11 Film- und 4

Fichelesegeräte. Die hohe Benutzungsfrequenz, insbesondere der

Zeitungsbestände, machte Anfang 1989 die Verlegung der Filmrollen

wichtiger in- und ausländischer Tageszeitungen vom Tiefmagazin in den

Lesesaal erforderlich. Spezielle Mikrofilmschränke bieten hierbei die ideale

Die Informationsabteilung der UB Freiburg

238


Unterbringung für die Rollen. Wie hoch die Benutzung ist, zeigt die

Tatsache, daß selbst in Abendstunden der Ferienmonate August/September

bis zu 40 Rollen ausgegeben werden.

Einen wahren Benutzungsboom verzeichneten die seit November 1982

im Lesesaal II bereitgestellten Musik- und Videokassetten mit eigenen

Abhör- bzw. Abspielplätzen. Die Statistik weist nach: 1983 4.344

Entleihungen von Musikkassetten, 1.388 von Videos, sprunghafter Anstieg

1984: 8.332 Entleihungen Musikkassetten, 3.431 von Videos. Bei den

Videos mußte allerdings eine Schranke errichtet werden: unter dem Motto

»in der Universitätsbibliothek darf gelacht werden« entwikelten sich die

Spielfilm-Videos zum echten »Hit« -, die Universitätsbibliothek als »kommunales

Kino zum Nulltarif« wäre beinahe wahr geworden. Für die

Benutzung von Spielfilmen muß daher seit Ende 1985 eine Bescheinigung

mit dem Nachweis des wissenschaftlichen Anliegens vorgelegt werden.

Statistikknick für 1986: »nur« 1.508 Videoentleihungen. Kommentar in der

Presse: »in der Universitätsbibliothek darf nicht mehr gelacht werden«.

Inzwischen hat sich die jährliche Benutzung von Musikkassetten bei

annähernd 6.000 Entleihungen, bei Videos über 2.500 eingependelt, die

Belegung des separaten AV-Gruppenarbeitsraums verzeichnet 1990 über

200 Belegungen.

Natürlich hat auch OLAF Einzug in den Lesesaal gehalten, zuerst -

1983 - indirekt, als das EDV-Ausleihverfahren auch auf die Bestände des

Tiefmagazins ausgedehnt wurde, direkt dann 1988 durch die Installierung

eines OLAF-Terminals im Lesesaal I, das eine um einige interne

Verwaltungsfunktionen erweiterte Benutzerversion bietet. Die Erfahrungen

sind in jeder Hinsicht positiv: durch Tastendruck wird für das Personal

mancher Arbeitsvorgang vereinfacht, der Benutzer spart sich außerdem

lästige Wege.

Geplant ist - dies als Vorausblick - für Ende 1991 im Rahmen des CIP-

Programmes die Einrichtung eines PC-Pools für Studenten im Lesesaal, in

der Anfangsstufe 10 Arbeitsplätze umfassend mit studentischer Betreuung.

Abseits der neuen Technologie ist noch auf folgende Punkte hinzuweisen:

1980 wurde im Lesesaal I ein längst überfälliges Büro für das

Personal eingerichtet, das Universitätsarchiv hielt 1980 im 4. OG seinen

Einzug, 1983 wurde zum Schutz des alten Buches das Stichjahr für obligate

Lesesaalbenutzung von 1850 auf 1880 heraufgesetzt, 1984 fiel im Rahmen

239

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


der Aktion »saubere Umwelt« die erste »Raucherbastion«: das Parlatorium

im Lesesaal I wurde zur Nichtraucherzone erklärt, 1988 folgte dann das

Parlatorium im LS II - bemerkenswerterweise auf nachdrücklichen

Benutzerwunsch -, zudem Appelle an die Benutzer - mit erfreulichem

Erfolg - auch einen Großteil des Hallenbereichs im 2. und 3. OG raucherfrei

zu halten.

Trotz allem »panta rhei« und Fortschritt gibt es auch einige Konstanten:

die Zahl der Mitarbeiter trotz gestiegener Arbeit, wobei die Mitarbeiter

selbst allerdings relativ stark wechselten. Von der ursprünglichen

»Mannschaft« ist nur noch eine Mitarbeiterin im Lesesaal tätig. Positive

Auswirkungen zeigte im übrigen die Einrichtung eines Springerpools für

Urlaubs- und Krankheitsvertretungen bestehend aus Mitarbeitern der inneren

Abteilungen, für die auf diese Weise eine gewisse Abwechslung in

ihrem Arbeitsalltag geschaffen werden konnte. Konstant geblieben ist auch

die Mitarbeit von Studenten im Lesesaal II und in der Lesesaalkontrolle -

überraschend ist: schon 1979 lag die Zahl der geleisteten Stunden bei 1.600,

ein Wert, der dem heutigen vergleichbar ist. Eine erfreuliche Konstante ist

natürlich die unvermindert hohe Benutzungsfrequenz der Lesesäle, leider

gibt es auch eine negative Konstante zu verzeichnen: die Versuche, Bücher

unerlaubt aus dem Lesesaal mitzunehmen - ein Kapitel, über das sich in

annähernd 150 Fallbeispielen ein wahrer Roman schreiben ließe.

Die Informationsabteilung der UB Freiburg

240


3. Bibliographisches Zentrum (HBA)

Auch in der HBA, dem Informationszentrum der Universitätsbibliothek,

waren und sind die Dinge im Fluß. Es bedarf keiner besonderen

Erwähnung, daß im Bereich der Bibliographien in der vergangenen Dekade

grundlegende Veränderungen stattgefunden haben. »Not macht

erfinderisch«, - ein Sprichwort, tausendfach bewährt, gilt auch für das

Gebiet der Bibliographie. Immer wenn Entwicklungen einsetzen, die mit

den hergebrachten Mitteln nicht mehr zu bewältigen sind, werden neue

Mittel zu ihrer Bewältigung ersonnen« , so Wilhelm Totok in seinem

Geleitwort zum GV. Dementsprechend hat sich das Gesicht der HBA nicht

unwesentlich verändert: umfangreiche Reprokumulierungen wie die

verschiedenen GV-Ausgaben, Mikroficheeditionen von zuerst

Zeitschriften- dann Bibliothekskatalogen, von regionalen und

überregionalen Katalogen, von biographischen Archiven des In- und

Auslandes, schließlich eine kontinuierlich steigende Anzahl von on-line-

Diensten mit erweiterten Zugriffsmöglichkeiten haben nach und nach

Einzug gehalten und sind zur Selbstverständlichkeit geworden. Wie rasch

das Verständnis sich gewandelt hat, zeigt eine bezeichnende Anekdote, die

eine Mitarbeiterin der HBA erzählt: Als 1977 noch im Altbau

Mikrofichelesegeräte im Benutzungsbereich aufgestellt wurden und sie versuchte,

die Benutzer an die Geräte zu gewöhnen, bekam sie mehrfach die

Antwort: »An diesem Computer (!) arbeite ich nicht, da kenne ich mich

nicht aus«. Welcher Wandel der Zeiten!

Dabei ist trotz aller Informationsflut und technischen Neuerungen die

Arbeit im Kern dieselbe geblieben: Bibliographieren, Signieren, Auskünfte

erteilen, allerdings mit anderen Mitteln, die vielfältiger, damit

anspruchsvoller sind und an die Mitarbeiter höhere Anforderungen stellen,

insbesonders die Bereitschaft erfordern, sich in neue Techniken und Recherchiermöglichkeiten,

z.T. in fremden Fachgebieten, »irgendwie«

einzuarbeiten. Das Recherchieren in einer Vielzahl von on-line-

Datenbanken (seit 1985) mit all ihren unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten

und die Arbeit mit CD-Rom (seit 1990) zeigen dies deutlich. Hinzu kommt,

daß der Benutzer an die Auskunftstellen einer zentralen Einrichtung

vergleichsweise höhere Anforderungen stellt, während er anderswo eher zu

Konzessionen bereit ist.

241

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Daß neben der Qualität auch die Quantität der Arbeit in den vergangenen

Jahren nicht zu kurz kam, wurde eingangs schon erwähnt: Über

115.000 Arbeitsgänge im Jahr 1990 ergeben ein Plus von 33 % im

Vergleich zu 1978, dem Jahr des Einzugs in den Neubau. Und noch eine

Feststellung ist zu treffen: Der Einsparung bibliographischer Sucharbeit

steht eine eminent gestiegene Zahl von Fernleihbestellungen entgegen, der

Beschleunigung der Literaturvermittlung weiterhin die vielbeklagte

Verzögerung in der Literaturbereitstellung.

Seit 1978 befindet sich in der HBA eine Informationsvermittlungsstelle

(IVS) mit einer hauptamtlich angestellten wissenschaftlichen Angestellten.

Schwerpunkte der IVS-Aktivitäten waren und sind auch heute die Bereiche

Medizin und Naturwissenschaften, wo auch die umfangreichsten Literatur-

und Faktendatenbanken angeboten werden. Schon nach 5 Jahren Bestehen

der IVS wurde 1984 eine Außenstelle im Klinikum zur direkten

Versorgung der Ärzte eingerichtet. Der seither stetig wachsende Zuspruch

bestätigte das Experiment. Inzwischen hat sich die IVS als unverzichtbare

Serviceeinrichtung für die Wissenschaftler etabliert: 1980 wurden 332

Suchanfragen mit 353 Formulierungen statistisch erfaßt, 1988 waren es

1.111 Anfragen mit 1.334 Formulierungen. Diese Akzeptanz der IVS bei

Dozenten, Studierenden und Privatbenutzern und neuere technische

Entwicklungen schufen nicht zuletzt die Voraussetzungen für ein Konzept

der moderaten Dezentralisierung bis hin zum einzelnen Gerät am Arbeitsplatz,

wie es in verschiedenen Bereichen der Universität (Chemie, Jura,

Medizin) erfolgreich realisiert wurde.

Als weitere technische Neuerung werden nach intensiven Vorbereitungen

seit Januar dieses Jahres 2 CD-Rom-Stationen in der HBA

angeboten - mit den Datenbanken MEDLINE, PSYCLIT und Deutsche

Bibliographie. Ein erstes Fazit nach einigen Monaten Einführungszeit: das

neue Medium wird problemlos angenommen, die Resonanz der Benutzer

ist, wie die gut besuchten Einführungen durch Mitarbeiter der Bibliothek

zeigen, erfreulich positiv, der Benutzer lernt rasch mit der neuen Form des

Recherchierens umzugehen. Die Erweiterung des CD-Rom-Angebotes

bezüglich an Datenbanken wie Stationen wird also nur eine Frage der Zeit

sein.

Die Informationsabteilung der UB Freiburg

242


4. Öffentlichkeitsarbeit

Ein neues Kapitel wurde in der Universitätsbibliothek durch die Schaffung

des Referates »Öffentlichkeitsarbeit« aufgeschlagen - neu deshalb, weil, wie

eingangs dieses Beitrages schon erwähnt wurde, die gesamte bauliche und

räumliche Situation des alten Bibliotheksgebäudes eine Hinwendung zum

Bürger und zur Öffentlichkeit nicht ermöglichte.

Im Lauf der Jahre haben sich folgende Schwerpunkte herausgebildet:

Benutzerführungen - schriftliche Einführungsmaterialien - Ausstellungen -

Kontakte zu anderen kulturellen Einrichtungen der Stadt - Kontakte zu den

Medien. Ein klassischer Sektor der Öffentlichkeitsarbeit liegt leider brach:

die Durchführung von Vorträgen, Dia-, Filmabenden und musikalischen

Veranstaltungen. Der Grund: die Schließung der Bibliothek um 20.00 Uhr.

Benutzerführungen wurden und werden regelmäßig durchgeführt, u.a.

ganzjährig an einem »jour fixe«, durch eine stattliche Anzahl von

Mitarbeitern - die Zahl schwankt zwischen 20-25. Seit Einzug in den

Neubau sind es über 3.000 Führungen, die für Studenten, Professoren,

Bürger der Stadt, dann besonders in der Anfangszeit für interessierte

Bibliothekare, Architekten und Baufachleute des In- und Auslandes organisiert

wurden.

Eine derzeit achtzehnteilige Folge von schriftlichen Einführungsmaterialien

bestehend aus einem Bibliotheksführer und -profil in deutscher,

englischer und französischer Sprache, ferner aus Benutzungshinweisen in

einzelne Bereiche der Bibliothek ergänzen das Angebot zwecks erstem

Kennenlernen der Universitätsbibliothek. Sie erfreuen sich großen

Zuspruchs bei den Benutzern, wie die hohen jährlichen Druckquoten

deutlich machen.

Ebenfalls eines hohen Zuspruchs erfreute sich ein anderer Service, der -

so die ursprüngliche Idee - für die »breite Öffentlichkeit« gedacht war und

ein Teil des Informations-und Kommunikationsbereiches im 3. OG sein

sollte: ein großzügiges Angebot von Tageszeitungen und Zeitschriften des

In- und Auslandes zur Selbstbedienung. Leider war dieser Zuspruch nicht

nur positiver Art. Trotz wiederholter Hinweise und zuletzt Warnungen, die

Zahl der Abos rigoros zu kürzen, war es nicht möglich, den

»kleptomanischen« Neigungen mancher Benutzer Herr zu werden.

Bestimmte Presseprodukte wie z.B. der »Spiegel« überlebten nicht einmal 1

243

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Stunde in diesem Haus und dies regelmäßig. Sukzessive wurde daher das

Angebot verkleinert. Gemessen an der ursprünglichen Idee ist der

augenblickliche Zustand - Angebot der verbliebenen Tageszeitungen in der

kontrollierten Zone des Lesesaals - unbefriedigend.

Ein rundum erfreuliches Bild vermitteln dagegen die Ausstellungsaktivitäten

der Bibliothek. Als am 11.1.1980 die erste Ausstellung unter

dem Titel »Der wilde Westen« eröffnet wurde, ahnte wohl niemand, daß

gerade diesem Bereich eine so große Zukunft in der Bibliothek beschieden

sein würde. Darüber und über das spezielle Ausstellungskonzept im Rahmen

der Gesamtuniversität wird an anderer Stelle dieser Festschrift

geschrieben, daher soll dieser Hinweis genügen.

Zuletzt zu den Kontakten mit kulturellen Institutionen der Stadt und den

Medien: Über die Zusammenarbeit mit den Museen der Stadt Freiburg,

welche die vorrangigen Partner sind, wird in dem Ausstellungsbeitrag

berichtet. Eine temporäre Zusammenarbeit bestand 1981-83 mit den

Städtischen Bühnen auf der Basis der erfolgversprechenden Idee, für

interessierte Theaterbesucher aus den Beständen der Universitätsbibliothek

gedruckte Literaturlisten zum jeweils aktuellen Spielplan des Sprech- und

Musiktheaters zusammenzustellen und mit den Programmheften kostenlos

anzubieten. Die Literaturlisten wurden von der Universitätsbibliothek

erstellt, das Unternehmen von mehreren Freiburger Buchhandlungen

gesponsert. Der Anklang beim Publikum war anfangs positiv, es entstanden

allerdings mit der Zeit finanzielle und administrative Probleme, nicht zuletzt

durch häufigen Personalwechsel bei den Städtischen Bühnen. Da eine

regelmäßige Bereitstellung der gedruckten Literaturhinweise nicht mehr

gewährleistet war und die entsprechende Resonanz beim Publikum

ausblieb, wurde die Idee nicht mehr weiterverfolgt.

Unverändert »am Leben« ist der Kontakt zu den Medien wie Presse,

Rundfunk und Fernsehen. Ein Grundsatz der Zusammenarbeit ist, nur über

Themen zu berichten, die für ein breiteres Publikum von Interesse sind. Aus

der Vielfalt der Themen seien nur einige genannt: Erfahrungsberichte über

den Neubau, OLAF, Öffnung des SB-Magazins, Buchrestaurierung,

Einbandsanierung, Papierzerfall, Klimatisierung der Universitätsbibliothek

und ihre Folgekosten, Öffnungszeiten, Energieverbrauch, Bücherdiebstähle.

Regelmäßig wird auch über die in der Universitätsbibliothek gezeigten

Ausstellungen informiert.

Die Informationsabteilung der UB Freiburg

244


*

Manches Faktum, über das sich noch schreiben ließe, konnte in diesem

Beitrag nicht erwähnt werden. Es bleibt am Schluß die Frage, was die

jetzige Dekade an Neuem bringen wird. Einige Entwicklungen sind schon

sichtbar, anderes kündigt sich erst an. Eines ist sicher: Es wird sich einmal

mehr die alte lateinische Sentenz bewahrheiten »Tempora mutantur et nos

mutamur in illis«.

245

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Barbara Brummer

INFORMATIONSVERMITTLERIN IN FREIBURG

Meine Zusammenarbeit mit Herrn Kehr nahm ihren für mich sehr ungewöhnlichen

Anfang in Köln. Ich war beim Deutschen Institut für medizinische

Dokumentation und Information (DIMDI) angestellt, wünschte

aber wieder im Kontakt mit dem Benutzer zu arbeiten, wie vordem an der

Universitätsbibliothek Marburg und an der Bayerischen Staatsbibliothek

München. Als ich von der Stelle in Freiburg hörte, bewarb ich mich und

erhielt einen Anruf von Herrn Kehr - wann ich denn anfangen könne. Meine

Frage nach dem Vorstellungsgespräch wurde als unnötig empfunden und

der Tag meines Dienstantritts bestimmt. So begann ich im September 1979

- ein Jahr nach Bezug des neuen Gebäudes - meinen Dienst. Frau Schubel

hatte alles gut vorbereitet, die Postdirektion Freiburg arbeitete perfekt und

ich konnte in die sonnigen Zeiten der kostenlosen DIMDI-Recherchen

einsteigen. Der große Siemens-Nadeldrucker ratterte nahezu ununterbrochen

in dem trauten Säulenzimmerchen von ca. 10 m 2 nutzbarer

Fläche direkt neben mir. Ein Benutzer stellte eine mir unannehmbare

Forderung, ich schickte ihn wohlgemut zu Herrn Kehr, in der Erwartung,

seine Beschwerde abgewiesen zu sehen und machte die Freiburger

Erfahrung: der Benutzer hat immer recht! Das habe ich mich bemüht, zu

verinnerlichen - es wird aber wohl mehr von mir als den Benutzern

wahrgenommen. Wenn z.B. Freiburg im Jahre 1989 zu den 10% aller

befragten bundesdeutschen Informationsvermittlungen gehörte, die alle Anfragen

am Tag des Eintreffens erledigen, so stellt sich das den Benutzern als

Gewohnheitsrecht dar, welches gar nicht in Frage gestellt wird.

Beim Rückblick stellen sich mir die zwölf Jahre Informationsvermittlungsstelle

an der Universitätsbibliothek Freiburg als ein fortschreitender

Aneignungsprozeß in Sachen Datennutzung dar, in welchen

meine Dienststelle eingebunden war. Wurde ich gleichsam als »Probepaket«

eingekauft, mit dem gesamten Equipment von DIMDI geliefert,

einschließlich Datenübertragungsnetz, Gehalt von der DFG bezahlt, läßt

246

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


sich die Integration für mich etwa an folgenden Schritten ablesen: Bereitstellung

einer Planstelle, halbtägig - anfangs ergänzt durch »gestreckte«

DFG-Mittel, später aufgestockt auf 2/3-Stelle mit Kliniksmitteln. Ersatz des

DIMDI-Equipments durch eigene Hardware, die durch eigene Zusammenstellung

eine in der Bundesrepublik konkurrenzlos billige Lösung darstellte

und das Prinzip Herrn Rupperts verwirklichten, Geräte zu beschaffen,

die bei Versagen jederzeit durch andere im Hause vorhandene ersetzt

werden konnten. Damit war das reibungslose Funktionieren meiner

Dienststelle (gerätemäßig gesehen) gesichert. Die Datenübertragung per

Dimdinet (andere Hosts mußten teuer und störanfallig per Akustikkoppler

über Telefonleitung angewählt werden) abgelöst vom Datex P-Knoten in

Karlsruhe bis zum eigenen Datex P-Knoten im Bibliotheksgebäude, weil

eben längst nicht mehr nur meine Dienststelle Datenübertragung praktiziert.

Das »Probepaket« des anderen Umgangs mit Information, mit Daten - ob

im Input oder Output - ist in das gesamte Bibliothekssystem integriert.

Längst bin ich nicht mehr die einzige, die mit den Retrievalsprachen

GRIPS-Dirs oder STN-Messenger arbeitet, viele Kolleginnen und Kollegen

recherchieren unter Benutzung dieser und anderer Datenretrievalverfahren

täglich.

Zurück in die Vergangenheit: Die Datenbankrecherchen bei DIMDI

wurden 1980 kostenpflichtig, was einen steilen Abfall der Recherche-Anfragen

zur Folge hatte. Das Dienstleistungsangebot der

Universitätsbibliothek wurde ganz fraglos in allen seinen Facetten kostenlos

beansprucht. Der Nutzen wurde aber ebenso gesehen; die Recherchezahl

stieg wieder an, und in Kliniken und Instituten entwickelten sich

Abrechnungsroutinen. In Drittmittel-Anträgen wurden Mittel für

Datenbankrecherchen beantragt und genehmigt. Es änderte sich das Benutzerverhalten

in Bezug auf Computerrecherchen. Es wurde nicht mehr die

Literatur der letzten zehn Jahre abgefragt. Häufigere Anfragen zu

spezielleren Themen aus kürzeren Zeiträumen ersetzten die großen Rundumschläge

zu Jahresbeginn. Das Informationsverhalten änderte sich mit der

zunehmenden Vertrautheit mit den Datenbanken. Doktorandenbetreuer

weisen nun von sich aus auf Datenbanken hin und empfehlen nicht nur ihre

Nutzung, oft werden die Recherchekosten vom Lehrstuhl übernommen.

Das Land Baden-Württemberg unterstützte dieses neue Informationsverhalten

an den Universitäten, und nun auch an den Pädagogischen

247

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Hochschulen, mit Subventionen, die seit einigen Jahren bei 50% der

Recherchekosten des wissenschaftlichen Personals im Rahmen iherer

Dienstaufgaben bzw. bei Studierenden im Rahmen einer Prüfungsarbeit

oder Dissertation liegen. Der im Lande ansässige Host STN, früher Inka,

gibt die vom Lande erhaltene Förderung an die Landesuniversitäten weiter.

Andere Bundesländer entwickelten andere Fördermechanismen, aber wir

werden von nicht wenigen beneidet! Bisher gelang es in Baden-Württemberg

jedoch noch nicht, Pauschalverträge mit den Hosts abzuschliessen, die

das leidige Problem der zeit- und kostenintensiven Abrechnungsverfahren

gelöst hätten. An unserem Hause werden die vom Benutzer verursachten

Kosten, die uns vom Datenlieferanten in Rechnung gestellt werden, direkt

an diesen weitergegeben. Ein System, das mir wegen seiner Gerechtigkeit

sehr wichtig ist, aber deshalb nicht bequemer wird. Modelle anderer

Universitäten, z.B. Computerbuchhaltung, in Verbindung mit einer ständig

den Gebührenänderungen angepaßten Gebührenordnung, haben sich als außerordentlich

arbeits- und damit ja wohl kostenintensiv herausgestellt. Wer

so etwas stolz vorgeführt bekommt, glaubt des Kaisers neue Kleider zu

sehen. Gebührenordnungen insgesamt habe ich vorzuwerfen, daß sie mit

ihren starren Leistungsfestschreibungen, am fiktiven Normfall orientiert,

häufig zwei gegenläufige Tendenzen verschleiern: wie billig Information

heute bereits zu erhalten ist, bei konventioneller Erstellung, großer

Nachfrage und geringer merkantiler Verwertbarkeit, wie es z.B. im Bereich

Medizin der Fall ist; wie teuer Information ist, die rar ist, hohe merkantile

Verwertbarkeit hat (auch wenn der Nachfrager sie dafür gar nicht nutzen

will) und gelegentlich außerordentlich aufwendig erstellt bzw. bereitgestellt

wird. Konnte man früher über Datenbanken klagen, weil fest in amerikanischer

Hand, so haben die Europäer und mit ihnen Deutschland aufgeholt,

nicht zuletzt, weil sie gelernt haben, erstellte Daten und Dokumentationen

mehrfach zu vermarkten und dabei unerwartete Nutzungszuwächse zu

erfahren - ein Beispiel erleben wir jetzt gerade an dem neuen Produkt der

»Deutschen Bibliographie auf CD-ROM«. Zum anderen haben

Wissenschaftler, die vordem neidisch auf die mühelose Transferierbarkeit

naturwissenschaftlicher Daten über die Grenzen von Nation, Kultur,

Zivilisation geschaut haben, sich zunehmend auch ein internationales

Informationsverhalten angeeignet und sich damit Quellen erschlossen, die

sie vorher negiert haben. Solches Verhalten ist nie eine Einbahnstraße - die

Informationsvermittlerin in Freiburg

248


Benutzer und Benutzung verändern auch die angebotenen Daten.

Prominentes Beispiel dafür sind die Psychological Abstracts, die vor der

meßbar vermehrten Nutzung als Datenbank auf dem europäischen Markt

viel behavioristischer ausgerichtet waren. Einen Boom erleben zur Zeit

Daten aus dem Osten - dem Osten Deutschlands, dem Osten Europas. Hier

in Freiburg kann ich vorerst nur den Anstieg des Angebotes, nicht der

Nachfrage beobachten. Wie ich denn überhaupt nur einen sehr begrenzten

Ausschnitt des Informationsverhaltens wahrnehme. Die Universitätsbibliothek

und mit ihr die Informationsvermittlungsstelle besaß nie und besitzt

heute weniger denn je das Monopol der Information. Es muß nicht das Bild

des saarländischen Informationswissenschaftlers v. Keitz herangezogen

werden, der den Informationsvermittler als das Nadelöhr zum Paradies der

Information bezeichnet, um wahrzunehmen, daß sich Institutionen und

Individuen nicht nur von jeher eigene Informationswege erschlossen,

sondern in zunehmendem Maße auch als »Enduser« auftreten - als solche

werden Direktnutzer von Datenbasen bezeichnet, ohne »Intermediate» - als

den man die Universitätsbibliothek mit allen ihren Auskunftsmöglichkeiten

bezeichnen könnte, mit welchem Ausdruck aber im englischen Sprachraum

speziell meine Tätigkeit bezeichnet wird. Benutzer, die immer recht haben,

bezeichneten mir gegenüber diesen Vorgang als Emanzipation. Alle Erfahrungen

an amerikanischen Universitäten berichten jedoch von einem stetigen

Ansteigen des Rechercheaufkommens der Vermittler und auch in Freiburg

zeichnet sich ähnliches ab. Dieser Anstieg speist sich aus mehreren

Quellen: Komfortverhalten der bisherigen Nutzer, neue Nutzer, die neue

Quellen nutzen und noch nicht genügend vertraut mit diesen sind,

verstärkte Bereitstellung und Nutzung von universitätsinternen Quellen,

nicht gänzlich kostenlos, aber sehr kostengünstig durch das Deutsche

Wissenschaftsnetz, dieses wiederum verknüpft mit ausländischen Wissenschaftsnetzen.

So können online-Kataloge wie Datenbasen mit hohem

Nutzen recherchiert werden, der über ihren ursprünglichen Katalognutzen

weit hinausgeht und vor allem den so benachteiligten

Geisteswissenschaftlern neuen Komfort bietet. Sie besitzen für die Benutzer

eine Faszination, die in ihrer Auswirkung auf Nutzungsdauer und Beharrlichkeit

im Betrachter den ketzerhaften Eindruck erweckt, daß der Nutzen

im konventionellen Druckmedium wohl ähnlich hoch gewesen wäre,

wenn....

249

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Zurück zum Monopol - ein solches wurde von der Universitätsbibliothek

Freiburg nie angestrebt. Das Fachwissen der Fakultäten wurde

genutzt. So werden die Recherchen in der Datenbank »Chemical Abstracts«

in einem chemischen Institut von einem Chemiker durchgeführt, ebenso die

Integration in die Ausbildung der Studenten dort. Die Recherchen im

Juristischen Informationssystem, in der Probephase im Jahre 1982 mit dem

größten Rechercheaufkommen in der Bundesrepublik an der

Universitätsbibliothek durchgeführt, mit einem sehr hohen (Telefon-)

Kostenanteil, wurden nach einem gerätebedingtem Ruhen dieser Nutzung

(wir hatten modernisiert, in Bonn dauerte das etwas länger) von der Bibliothek

der Rechtswissenschaftlichen Fakultät übernommen. Daß sich diese

Entwicklung ähnlich überall abgespielt hat, mit Variationen, ist anzunehmen.

Ich habe die Freiburger Variante so erlebt, daß die Entwicklung

meiner Dienststelle immer mit einer schönen Mischung von zukunftsorientiertem

Denken und pragmatischem Abwarten des günstigen

Zeitpunkts, der vernünftige Lösungen ermöglicht, von Herrn Kehr gesteuert

wurde und dafür möchte ich ihm meinen Dank sagen.

Informationsvermittlerin in Freiburg

250


Klaus Moser

LEIHSTELLE UND MAGAZIN

1967 - 1978

»Es ist ein hoffnungsloses Unterfangen, während des Semesters auch nur

ein halbwegs gängiges Buch zu erhalten.« - »Haben Sie mal ein Buch

bekommen, dann können Sie es jahrelang behalten, ohne gemahnt zu

werden.« - »Alle fürchten, ein Bestellzettel könnte zurück kommen mit dem

lakonischen Stempel: Nicht am Standort.«

»Ausleihe- und Lesesaalstunden sind für Spätaufsteher abgestimmt«. - »Es

gibt zu wenig Bibliothekare an der UB.«

Diese Anmerkungen zur Leistungsfähigkeit der Universitätsbibliothek

stammen zwar schon aus dem Jahre 1957 1 , doch zehn Jahre später liest sich

diese von Resignation geprägte Kritik immer noch wie eine Ist-Stand-

Analyse. Viele Studenten mieden nach schlechten Erfahrungen nach Möglichkeit

die Universitätsbibliothek, andere betraten sie dann zum ersten

Male, wenn sie für die Exmatrikulation den Entlastungsvermerk benötigten.

Verborgen in ihrem viel zu kleinen ehrwürdigen Gebäude, genügte sie

immer weniger den an sie als einer zentralen Einrichtung der Universität

gerichteten Erwartungen.

Im Verlauf des Jahres 1966 waren bei rund 11.000 eingetragenen

Benutzern 147.000 Bände (ohne Verlängerungen) über die Theken von

Lesesaal und Leihstelle ausgeliehen worden. Letztere, in einem kleinen

abschließbaren Raum (ca 50 qm), mit altmodischen noch zu öffnenden

Fenstern, zwischen Katalograum und Magazin gelegen, verfügte über

sieben Mitarbeiter - damals noch mit einer 44-Stunden-Woche und

erheblich weniger Urlaub -, von denen zwei ausschließlich für sogenannte

Hintergrundarbeiten eingesetzt waren. Es gab zwei Schalter, zusätzlich

einen Dozentenschalter mit eigener Namenkartei, der personell von einem

der regulären Schalter mitversorgt wurde.

1

Freiburger Studentenzeitung 7 (1957), H. 3. - Vgl. INFORMATIONEN 25 (1985), S. 108.

251

Leihstelle und Magazin. 1967-1978


Die Öffnungszeiten waren spärlich: Montag bis Freitag von 11 bis 16

Uhr (in den Ferien 11-14 Uhr) allerdings war samstags am Vormittag

geöffnet, wobei turnusmäßig Mitarbeiter des gehobenen Dienstes anderer

Abteilungen zum Einsatz kamen.

Einmal täglich wurden die Bestellungen zur Bereitstellung auf den

nächsten Öffnungstag erledigt. Vormerkkarten wurden pro Benutzer und

Tag zwei abgegeben (Portoersatz 0,15 DM, wobei nach aufwendiger

Bearbeitung er erst 1 - 2 Tage später im Vormerkbuch den

voraussichtlichen Rückgabetermin nachsehen konnte. In gleicher

Quotierung erfolgte die Annahme von Sofortbestellungen (ca 30 bis 50

täglich). Vorgemerkte Bücher wurden nach Ablauf der Leihfrist gezielt

angefordert, ansonsten wurde nach Möglichkeit gemahnt, d.h. alle 1 - 3

Monate.

Jeweils zum Semester- bzw. Ferienbeginn erfolgte die Ausgabe der

Lehrbücher für den gesamten Zeitraum. Diese mußten aus dem Magazin

bestellt werden, die Erledigungsabfolge (neueste Auflagen zuerst) gestaltete

sich nach der Reihenfolge des Eingangs der Bestellungen, wobei die

Anzahl der Ausleihen nicht beschränkt war, weshalb viele Benutzer schon

lange vor Öffnung der Bibliothek anstanden. Wer zu spät kam, war für

Monate chancenlos; Vormerkungen auf den kleinen (6.000 Bände) und

teilweise überalterten Bestand gab es nicht. Obwohl die Ausgabe der

Lehrbücher nach Fächern auf verschiedene Tage gelegt wurde, reichten die

Bereitstellungsregale in keiner Weise aus. Für Benutzer wie für Mitarbeiter

chaotische Tage mit bis zu 2.500 Ausleihen je Öffnungstag (Durchschnitt

600).

Die Verhältnisse im fünfgeschossigen Magazinbau waren äußerst

prekär. Jeder Stellmeter war belegt und die 1954 als Notmaßnahme

zusätzlich eingebauten Zwischenregale - der für 1916 vorgesehene

Erweiterungsbau des Magazintrakts war nie gebaut worden - waren längst

über das genehmigte Maß hinaus gefüllt. Um in die systematische

Aufstellung überhaupt noch Bücher einstellen zu können, war man dazu

übergegangen, einzelne Blöcke meterweise komplett herauszunehmen und

sie ungeordnet und somit für Bestellungen unzugänglich auf den

Verkehrsflächen zu lagern. Zu diesen Standnummern gehörende

Rückgaben und Neuzugänge wurden dazu gelegt. Bestellungen auf diese

Bücher wurden mit dem Vermerk »Nicht benutzbar, da gestapelt« an den

252

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Benutzer zurückgegeben.

Der Nachweis verliehener Bücher geschah über ein Kuponregister im

Magazinerraum; seine Aktualisierung war für die Magazinmitarbeiter

nachrangig in Zeiten starker Benutzung (eine Erklärung auch für die

überproportionale Zunahme der Nicht- am-Standort-Zettel zu solchen

Zeiten).

Der Zustand weiter Bestände war sanierungsbedürftig. Über Meter

hinweg kaum eine lesbare Standnummer, viele Bände (stark) beschädigt,

viele Reihen und Zeitschriften ungebunden in Kapseln oder in Deckkartons

verschnürt. Hitze, Feuchtigkeit und Staub schädigten die wertvollen

Bestände. Im Keller lagerten ca 200 m Zeitungen, überwiegend in

Packpapier eingeschlagen, die aus Mangel an Regalen nicht einmal in der

Abfolge der Signaturen aufgestellt werden konnten. Ihre Benutzung -

damals noch selten - war kompliziert und der Erhaltung abträglich.

Acht Magazinmitarbeiter versuchten unter diesen Bedingungen einen

geordneten Erledigungsbetrieb zu gewährleisten.

Nach Ernennung des neuen Bibliotheksdirektors im September 1967

wurden unverzüglich die Schwachstellen analysiert, Reformen eingeleitet

und neue Perspektiven formuliert und vorgegeben. Neben der Forderung

und Planung des dringend notwendigen Neubaus, der Einführung

zukunftweisender Technologie und des Aufbaus eines Bibliothekssystems,

galten viele Anstrengungen der (Rück-) Gewinnung des Vertrauens der

Benutzer in die Universitätsbibliothek durch deren Umwandlung in einen

leistungsfähigen Dienstleistungsbetrieb. Innerhalb der kurzen

Vorbereitungszeit konnten die ersten Reformmaßnahmen für das Jahr 1967

freilich sich nicht mehr statistisch auswirken - die Ausleihen stiegen nur

geringfügig auf 152.000 Bände - doch waren sie entscheidend und

wegweisend für den beginnenden Prozeß, der mit der Einführung der EDV

im Ausleihbereich im Frühjahr 1978 und dem Bezug des Neubaus im

Herbst des gleichen Jahres einen ersten Abschluß fand. Viele dieser

Aktivitäten - zu denken ist in diesem Zusammenhang beispielsweise an die

Verbesserung der Katalogverhältnisse, die Einrichtung einer

Katalogauskunft, die Einführungen in die Benutzung, das Angebot billiger

Kopiermöglichkeit, die bedarfsorientierte Erwerbung u.a.m - betrafen zwar

die Benutzung oft nur mittelbar, waren aber doch wichtige

Voraussetzungen für eine ansteigende Benutzung.

Leihstelle und Magazin. 1967-1978

253


Eine offensive Öffentlichkeitsarbeit - von Presseberichten bis hin zu den

hauseigenen Infos »die UB informiert« - vermittelte den Benutzern ein Bild

über Reformen, Tätigkeiten und Absichten, die durch eigene Benutzung

bestätigt, das Vertrauen in die »neue« Universitätsbibliothek festigten.

Nach Vorbereitung noch Ende 1967 wurden im Januar 1968 die

Auslagerung der Fächer Naturwissenschaft und Medizin (ca 350.000

Bände) und der Dissertationen (ca 500.000 Bände) in das Rückgebäude im

Werderring 6 ausgeführt. Die im Haus verbliebenen Bestände (ca 800.000

Bände) wurden neu aufgestellt. Dadurch war es endlich möglich die

»gestapelten« Bücher wieder einzustellen und benutzbar zu machen.

Nach Änderung des Geschäftsgangs wurde die systematische Aufstellung

abgeschlossen und ab 1968 durch eine Numerus-currens-

Aufstellung bei Monographien (Jahres-NC) und Zeitschriften (einfacher

NC) abgelöst. Die Abkoppelung der Aufstellung vom systematischen

Katalog brachte Vorteile: Die Verwaltung beider Bereiche wurde flexibler,

besonders im Hinblick auf eine spätere Freihandaufstellung, die aber erst in

einem Neubau und auch da nur unter Einsatz von EDV (u.a. Nachweis und

Vormerkbarkeit verliehener Bücher) verwirklicht werden könnte. Die

gewählte Aufstellung ermöglichte Ausgliederungen - Absenken von Jahresringen

wegen Stellraummangel oder Einrichtung neuer Bereichsbibliotheken

z. B. für Medizin - ohne Personalaufwand oder Umarbeitungen

an den Katalogen. Für den Benutzer blieb auch nach solchen

Einschnitten klar, welche Bücher frei zugänglich und welche zu bestellen

wären.

Für die Magazinverwaltung im Altbau brachten die neu eingeführten

Standnummern einige Vorteile. Die Konzentration der Neuerwerwerbungen

verringerte die Wege bei der Erledigung der Bestellungen. Die Struktur der

Nummern war einfach, Bandzählungen, abweichende Formate oder

Mehrfachexemplare wurden Bestandteil der Buchbeschriftung und auch so

den Katalogen entnehmbar, aufgrund der lückenlosen Belegung beim NC

wurden Einstellfehler oder Fehlbeschriftungen wesentlich verringert.

Die kurz darauf folgende Abschaffung des Kuponregisters zugunsten

von Stellvertretern am Standort (die im geschlossenen Magazin sich noch

heute bewährenden Plastiktaschen waren eine Sonderanfertigung gemäß

den Vorstellungen der Universitätsbibliothek) für den Nachweis von

verliehenen oder sich an Sonderstandorten befindlichen Büchern ließ die

254

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Zahl der Nicht-am-Standort-Zettel drastisch sinken, ermöglichte aber auch

ein schnelleres Rückstellen, wobei - erwünschter Nebeneffekt - auch die

Verstellungen (Einstellfehler) erheblich zurückgingen.

Ein wichtiger Schritt zur Rückgewinnung der Ordnung in den Magazinen

war die Einschränkung des Magazinzutritts nur noch mit speziellem

Ausweis über einen kontrollierten Zu- und Ausgang über den Lesesaal.

Noch Monate nach deren Einführung kamen Bücher zurück, die an keiner

Stelle verbucht waren.

Zur Sanierung der Magazinverhältnisse trug wesentlich das Binden

umfangreicher Bestände bislang ungebundener Zeitschriften (und etwas

später der Zeitungen), das Reparieren beschädigter Bücher und die

Erneuerung unleserlicher oder beschädigter Signaturschilder (zunächst noch

in alter Weise) bei.

Der durch die Auslagerung freigewordene Stellraum würde nach

Zuwachsberechnungen nicht über 1973 hinaus ausreichen (in den

Berechnungen mit eingeschlossen war die Aufarbeitung von rund 40.000

Bänden neuerer Monographien und Dissertationen).

Die Öffnungszeiten der Leihstelle wurden verlängert und galten

nunmehr ganzjährig, die traditionellen Schließzeiten (Putzwochen)

entfielen. Wichtigster Einschnitt auf Jahre hinaus war die Neuordnung der

Lehrbuchsammlung. Mit der Aktualisierung der Bestände und deren

Erweiterung auf ca 14.000 Bände, die ab Beginn des Sommersemesters

1968 frei zugänglich in einer eigenen Ausleihstelle mit einer separaten

Benutzerkartei ebenfalls im Rückgebäude von Werderring 6 ausgeliehen

werden konnten, war die studentische Literaturversorgung erheblich

verbessert worden. Die Bücher konnten am Regal ausgewählt und sofort

mitgenommen werden (der erste Baustein der späteren SB-Ausleihe). Eine

einmalige Verlängerung - mit Vorlage des Buches, die Ausleihfrist wurde

im hinteren Vorsatz eingestempelt - war möglich. Vormerkungen gab es

nicht, da ausgeliehene Bücher nicht über die Standnummer nachgewiesen

waren. Die Gesamtzahl der Ausleihen war auf 5 je Benutzer (Kontostand)

begrenzt. Obwohl nicht leicht zu finden, wurde die LB von Anfang an ein

durchschlagender Erfolg und verzeichnete jährlich erhebliche Zuwächse bei

den Ausleihzahlen. Für den Betrieb dieser Außenstelle wurde ein bewährter

Mitarbeiter der Leihstelle betraut, der - zunächst allein - über Jahre hinweg

alle Probleme mit großem Engagement meisterte.

Leihstelle und Magazin. 1967-1978

255


Parallel hierzu wurden auch die Bestände der Akademischen Lesehalle

im KG II, bis dahin Präsenzbücherei, ab Wintersemester 1968/69 für die

Ausleihe freigegeben. Die Leihfrist betrug 1 Monat, es gab keine

Verlängerungen oder Vormerkungen.

Mit Abschaffung des Kuponregisters wurden neue, zweiteilige Leihscheine

eingeführt, die in neuen Karteikästen besser zu handhaben waren

(für den kurzfristigen dienstlichen Gebrauch wurden besondere (blaue)

Leihscheine eingeführt; diese Entleihungen wurden nicht in der

Benutzerkartei der Ausleihe nachgewiesen). Mit Beginn des

Wintersemesters 1968/69 bleibt die Leihstelle aus Personalmangel an den

Samstagen geschlossen; statt dessen Verlängerung der Öffnungszeiten an

Dienstagen und Donnerstagen bis 19 Uhr. Der Beginn des Durchmahnens

der Dozentenkartei, die seit Jahrzehnten, ausgenommen bei vorbestellten

Büchern,nicht mehr gemahnt worden war, brachte eine Vielzahl von

Rückfragen und Ärgernissen und führte schließlich zur Einführung der

(noch statusgebundenen) Semesterleihe mit Rückgabe oder Vorlage aller

entliehenen Bücher zum Semesterende.

Auch im alten Gebäude stiegen die Ausleihzahlen. Aufarbeitung von

Rückständen, gezielte Lückenergänzungen im Bestand bei Monographien

und Zeitschriften, Erwerbungsabsprachen und bedarfsorientierte

Erwerbung, Beteiligung von Lehrkörper und Studenten an

Erwerbungsvorschlägen, Prüfung der passiven ALV-Bestellungen,

Verkürzung des Geschäftsganges (14 Tage für ein gebundenes Buch),

Einführungen in die Bibliotheksbenutzung, die Bereitstellung

semesterweise aktualisierter Benutzungsführer, die Verbesserung der

Katalogverhältnisse (Zusammenlegen der Teile 1930-1960, Austausch der

alten Bandkataloge für die Erwerbungen vor 1930 gegen einen auf das

internationale Format kopierten Zettelkatalog), Einrichtung einer

Katalogauskunft, Bereitstellung billiger Kopiermöglichkeiten, erweiterte

Öffnungszeiten, all dies und anderes mehr waren hierfür Ursache. Ende des

Jahres 1968 war die Gesamtzahl aller Ausleihen schon auf über 200.000

gestiegen.

1969 erfolgte als wichtigste Neuerung die Vereinigung der Lehrbuchsammlung

mit den neu geordneten und überarbeiteten Beständen der

Akademischen Lesehalle, nunmehr Studentenbücherei, zu einem

Ausleihbereich im KG II, verwaltet von zwei Mitarbeitern. Diese ungleich

256

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


essere Räumlichkeit bewirkte einen weiteren Aufschwung. Trotz

Schließung für die Dauer eines Monats wegen Umzugs und Neueinrichtung

stiegen die Ausleihzahlen für 1969 um 48,5 %, insgesamt war die

Benutzung gegenüber 1967 auf das Achtfache gestiegen. Die

Öffnungszeiten lauteten Montag bis Freitag 10 bis 18 Uhr durchgehend.

Das Ausleihlimit wurde auf 5 für LB und 3 für Stud.B (jeweils Kontostand)

festgelegt.

In der Leihstelle wurde zur Vereinfachung des Zahlungsverkehrs eine

Registrierkasse aufgestellt, bis dahin wurde höchst umständlich über

Quittungsbons (Blocks mit vorgedruckten unterschiedlichen Werten)

abgerechnet. Desweiteren wurde damit begonnen, die nach Reformen (s.o.)

reduzierten Nicht-am-Standort-Zettel systematisch an Katalogen und

Standort zu überprüfen. Dadurch wurden in der Folge zahlreiche Katalog-

oder Beschriftungsfehler bereinigt, »schwierige Signaturen« saniert,

verstellte Bücher wieder aufgefunden. Diese gezielten und zeitaufwendigen

Verbesserungen im Einzelnen bildeten - über Jahre hinweg verfolgt - eine

wichtige Vorleistung auch für die später geplante Verbuchung mittels EDV

nur über die Standnummer.

Um zusätzlichen Stellraum zu gewinnen, wurden in den Magazinen die

Seitengänge mit Regalen ausgestattet. Die Magazinbenutzung wurde

geringer, was wohl auch auf die akzessorische Aufstellung zurückzuführen

war. Ein kleiner Teilbestand, die sogenannten »House documents«, bisher

unbenutzbar gelagert, wurde im Werderring neu aufgestellt; erforderliche

Einbandreparaturen ausgeführt. Die katalogmäßige Sanierung und

Erschließung konnte erst Jahre später erfolgen.

Ende des Jahres 1969 lag der Entwurf einer Benutzungsordnung vor.

1970 wurden im Magazin auch Teile der Förderanlage abgebaut, um

zusätzlichen Stellraum zu gewinnen. Die Magazine galten zu dieser Zeit

schon als um ca 40 % überbelegt, die eigentlich nur einseitig zu

behängenden Zwischenregale (die Regalpfosten standen deshalb nicht in

der Mitte der fest eingebauten Regale), waren zu über 75 % doppelt

ausgestattet.

In der Leihstelle wird der Mangel an Buchablagefläche immer

deutlicher.

Leihstelle und Magazin. 1967-1978

257


Aber bei allen Schwierigkeiten greifen doch die Reformen, so daß der

Direktor der Bibliothek 1971 schreiben kann: »Trotzdem ist es uns

gelungen, den internen Betrieb zu rationalisieren, den mehr musealen

Charakter dieser zentralen Universitätseinrichtung zu überwinden und sie

zu einem echten Dienstleistungsbetrieb mit intensiver Benutzung...zu

entwickeln...Mit fast 300.000 aus eigenen Beständen verliehenen Bänden

im Jahre 1970, d.h. über 1.000 Bänden pro Öffnungstag liegt die

Universitätsbibliothek Freiburg an der Spitze der wissenschaftlichen

Bibliotheken des Landes und an der 5. Stelle der deutschen

Universitätsbibliotheken« 2 .

Das Jahr 1971 brachte in allen Ausleihbereichen weiter ansteigende

Benutzung, bis Ende des Jahres haben sich die Ausleihen gegenüber 1967

fast verdoppelt. Obwohl die Wochenarbeitszeit um zwei Stunden verkürzt

wurde, wird die Leihstelle nach Zuweisung eines weiteren Mitarbeiters

täglich eine Stunde früher (bereits ab 10 Uhr) geöffnet. Die gewünschte

Entzerrung hält indessen nur kurz vor. Ab 1. April werden die Bestellungen

(auch für den Werderring) zweimal täglich erledigt.

Das Ende eines geordneten Bibliotheksbetriebs im alten Gebäude ist

absehbar. Dessen ungeachtet: Eine Baugenehmigung für den geplanten

Neubau liegt am Jahresende nicht vor, so daß die Bibliothek Ende 1971

ankündigen muß, daß bei unveränderten Raumverhältnissen voraussichtlich

ab Ende 1972 aufgrund fehlenden Stellraums 35.000 Bände jährlichen

Zugangs ausgelagert werden müssen und nur noch erschwert benutzt

werden können. Es kam schlimmer.

Aufgrund eines »bewegenden« Zeitungsartikels wird das Gebäude vom

Statiker geprüft und am 3.2.72 wegen Einsturzgefahr sofort geschlossen.

Die Magazine und Teile der Räumlichkeiten dürfen nicht mehr betreten

werden. Während die Ausleihe für zwei Wochen mitsamt den schon

bereitgelegten Büchern in den Werderring verlegt wird, dort Leihfristen

verlängert und Bücher zurücknimmt, beginnen in den Magazinen

unverzüglich die Vorbereitungen für die notwendigen Auslagerungen. Dazu

müssen die Signaturen nach Umfang ausgemessen und Belegungspläne für

die verbleibenden wie für die auszulagernden Bereiche - auch unter

Berücksichtigung der Ausleihhäufigkeit - erstellt werden. Im

2

Freiburger Universitätsblätter H. 31 (1971).

258

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


Zusammenhang mit der kompletten Neuaufstellung sollen die bisher

separat aufgestellten Quartformate in die Normalaufstellung eingeordnet

werden. Rund 350.000 Bände mußten außerhalb des Hauses einen neuen

Standort finden, während die verbleibenden 500.000 Bände neu verteilt

werden mußten. Mit der Tiefgarage der Universität wurde glücklicherweise

ein nah gelegener Aufstellungsort gefunden. Zunächst mußten jedoch die

baulichen Voraussetzungen für das Ausweichmagazin mit Fahrregalanlage

(Stellfläche 10.200 m) ausgeführt werden.

Glückliche Umstände verhalfen zu einer schnellen Lieferung und

Montage der Fahrregale, so daß die Auslagerung - aber auch die Umverteilung

im alten Gebäude - mit Hilfe von Speditionsfirmen in den

Monaten April bis Juli - unter Verwendung von eigens hierfür vom

Universitätsbauamt nach Vorgaben der Universitätsbibliothek entwickelten

Stahlbücherwagen (mit einer Ladefläche von 6 m bis Quartformat), ausgeführt

werden konnten. Allerdings war der Altbestand schon ab 24.5. wieder

weitgehend bestellbar, der neue Lauf folgte erst später. Für viele Studenten

war freilich das Semester verloren, um so bedeutsamer war die

unverzüglich angetragene Hilfe der Universitätsbibliothek in Basel, die

unbürokratisch die Freiburger Studenten zur Benutzung zuließ. Ab dem 17.

Juli 1972 war der Gesamtbestand wieder voll benutzbar. Zwei Mitarbeiter

betreuten das Magazin in der Tiefgarage und auch unter den erschwerten

Bedingungen wurde die zweimalige Erledigung täglich auch aus diesem

Bereich mittels Bücherkisten und Fahrdienst beibehalten, was freilich erst

nach Zuweisung von zwei weiteren Stellen für den Magazindienst gesichert

war, der von da an 10 Mitarbeiter umfaßte. Täglich wurden auf diese Weise

mehrere hundert Bücher angeliefert bzw. wieder zurückgebracht.

Der Rückschlag durch die Schließung und Auslagerung reduzierte die

Zahl der Ausleihen auf 256.000 (Vorjahr 295.000), machte aber auch den

Letzten die Dringlichkeit des Neubaus der Bibliothek klar.

Am 20. September 1972 trat endlich die neue Benutzungsordnung in

Kraft. Nach langer Zeit waren damit Rechte und Pflichten von Benutzer

und Bibliothek wieder klar geregelt.

Im November fand ein weiterer Umzug von Beständen des Altbaus in

die Tiefgarage statt.

Leihstelle und Magazin. 1967-1978

259


In der Leihstelle wurde durch Erhöhung der Bereitstellungsregale die

Buchablage verdoppelt.

Im Ausweichmagazin Werderring war in einer Aktion, die über Jahre

dauern sollte, vom dortigen Magazinmitarbeiter begonnen worden,

Vorlesungsverzeichnisse und Dissertaionen, die bis dahin in Bündeln

verschnürt gelagert wurden, einzukapseln. Diese waren dadurch nicht nur

besser geschützt, sondern durch die geordnetere Aufstellung bei

Bestellungen schneller zu erledigen.

Im Keller wurden 200 m Zeitungen in Hilfsregalen neu aufgestellt, die

wegen notwendiger statischer Entlastung in den Magazinen überzählig

geworden waren.

Neues Unheil traf die Bestände in der Tiefgarage während des

Wintersemesters 72/73. Vom darüberliegenden Parkdeck eindringendes

Schmelzwasser beschädigte mehrere hundert Bände (einen Teil davon

irreparabel), darunter viele mit älterem Erscheinungsjahr. Die

Hausbuchbinderei verhütete mit viel Fachverstand schlimmeres. Um

künftig Beschädigungen zu verhindern, wurde durch das

Universitätsbauamt als Schutzmaßnahme jedes Fahrregal mit einem Dach

versehen, von dem das Wasser kontrolliert ablaufen konnte.

Ende 1972 wurde das Rotteckgymnasium abgerissen, der Weg für den

Neubau war frei.

1973 wurde die Lehrbuchsammlung aufgeteilt: Für die Medizin und die

Naturwissenschaften konnte ein kleiner Raum »vor Ort« gewonnen werden,

der mit Beginn des Sommersemesters - im Blickfeld der Mensa 2 gelegen -

sofort starken Zuspruch erhielt. Die Öffnungszeiten lagen, bei einer

Mitarbeiterin, die im Zusammenhang mit der früher geplanten Trennung

schon im Vorjahr der Lehrbuchsammlung zugewiesen worden war, ab Mai

von 10 bis 13 und 15 bis 16.30 Uhr. Bis Jahresende wurden hier schon

27.000 Bände ausgeliehen.

In der zweiten Jahreshälfte wurde an das Ausweichmagazin in der

Tiefgarage, wegen der geplanten Installation von zwei weiteren

Fahrregalanlagen mit je 1.500 m Stellraum, angebaut.

Eine davon wurde im Herbst geliefert und noch im Dezember mit

Bestand des Altmagazins weitgehend gefüllt. Doch trotz dieser Entlastung

betrug dessen freier Stellraum am Jahresende - nach Abgaben an das HB-

Magazin und Erweiterung der Zeitschriftenauslage - nur noch 1.600 m, das

260

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


edeutete bei einem jährlichen Zuwachs von ca 400 m noch Raum für 4

Jahre.

Am 5. November 1973 war Baubeginn für die neue Bibliothek.

Das Jahr 1974 brachte weiter steigende Benutzungszahlen in allen

Ausleihbereichen und ab Oktober die Verkürzung der Arbeitszeit um zwei

Stunden wöchentlich (40-Stunden-Woche) ohne Personalausgleich.

Allerdings wurde der Leihstelle im Hauptgebäude ein Mitarbeiter als

»Springer« für die gesamte Benutzungsabteilung zugewiesen; aufgrund

häufigen Einsatzes in anderen Dienststellen nützte dieser der Leihstelle

selbst freilich selten.

Im Dezember wieder die jetzt schon fast gewohnte Unternehmung:

Umzug aller Zeitschriften und Zeitungen des neuen Laufs (ca 700 m) in die

kurz zuvor erweiterte Fahrregalanlage in der Tiefgarage. Damit wurde das

1. OG des Hauptmagazins zugunsten des Bedarfs für die Umarbeitung und

Aufstellung des Bestandes Lesesaal-neu völlig aufgegeben. Ein weiterer

Magazinmitarbeiter wurde vom Hauptmagazin in das der Tiefgarage

versetzt. Die dorthin ausgelagerten Zeitungen waren ab sofort nur noch dort

in den Zeiten von 10 bis 12 und 14 bis 15.30 Uhr benutzbar.

Im Laufe des Jahres 1975 erhielt die Leihstelle eine zusätzliche

Halbtagsstelle, sie war jedoch nur Ausgleich für einen halbtags im

Personalrat tätigen Mitarbeiter.

Nach Installation der letzten Fahrregalanlage, verbunden mit einer

neuerlichen Erweiterung des Ausweichmagazins, wurde diese mit 450 m

Zeitungen des alten Laufs belegt, die zuvor - soweit noch nicht geschehen -

gebunden worden waren; Reparaturen, d. h. die Restsanierung, waren für

das Folgejahr geplant.

1976 wurde im Hinblick auf den Umzug in den Neubau damit

begonnen, die an mehreren Stellen des Hauptmagazins (Speicher, Keller)

unübersichtlich aufgehäuften Dubletten verschiedener Herkunft in noch

freie Regale des Ausweichmagazins in der Tiefgarage für die Überprüfung

durch die Fachreferenten und zur Vorbereitung der Abgabe aufzustellen.

Nach langen und umfassenden Beratungen trat im April 1976 die

Dienstanweisung für die Beschriftung in Kraft. Sie verbesserte die schon

bestehende für den neuen Lauf und führte erstmals für den alten Lauf klare

Richtlinien und Anweisungen ein, die vor allem bei Berücksichtigung einer

später einzuführenden EDV-Verbuchung auch des alten Laufs (besonders

Leihstelle und Magazin. 1967-1978

261


im Bereich der Signaturergänzung: Band-, Abteilungs-, Jahreszählungen

u.a.m.) die Gewähr für eine weitgehend problemfreie Bestellerledigung

allein mit einer alpha-numerischen Kombination - bestehend aus

Standnummer und Signaturergänzung - auch bei schwierigen Signaturen

bieten sollte.

In der Weihnachtspause 1976 auf 1977 begann die völlige Umarbeitung

der Bildungsbücherei (Studentenbücherei) auf EDV-geeignete

Standnummern (sie sollte wenige Wochen später als Freizeitbücherei

wiederkehren), wodurch erstmals in einem Ausleihbereich die geplante

Einführung der Ausleihverbuchung mittels EDV für die Mitarbeiter

sichtbar wurde. Dem waren schon Anfang der siebziger Jahre erste

konkrete Überlegungen vorangegangen, die mit der gemeinsamen Planung

innerhalb des Arbeitskreises »Automatisierung der Ausleihverbuchung« des

Landes Baden-Württemberg zielstrebig fortgeführt wurden. 1975 wurden

die Projekte Heidelberg (mit Anschluß an Großrechner) und Freiburg

(autonomer Kleinrechner) bewilligt. Freiburg fiel dabei zunächst die

Entwicklung einer Freihandlösung zu, die später auch in anderen Bibliotheken

des Landes eingesetzt werden sollte. Der Betrieb des für den Neubau

geplanten Freihandmagazins mit Sofortzugriff auf die wichtigste Literatur

der letzten 10 bis 20 Jahre im Wege der Selbstbedienung, war ohne ein

leistungsfähiges, stabiles und sicheres EDV-System nicht realisierbar.

Neben einem wesentlich verbesserten Benutzungsservice (schneller Zugriff

auf gespeicherte Daten, Buchanfragen, einfache Eingabe von

Vormerkungen, Abfragen von Kontoauszügen (all dies auch als

Selbstbedienungsfunktionen an Benutzerbildschirmen), würden die

Mitarbeiter von Routinetätigkeiten (z. B. Kontoführung, Mahnwesen,

Statistik) entlastet werden und dadurch freilich auch erst die zu erwartende

höhere Benutzungsfrequenz auffangen können. Mitte 1976 wurde die

Hardware beschafft und mit der Entwicklung der Software begonnen.

Noch im Jahre 1977 wurden Freizeitbücherei und Lehrbuchsammlung I

mit den maschinenlesbaren Buchnummern (Selbstklebeetiketten)

ausgestattet und die Buchdaten in Listen erfaßt.

Nach Erarbeitung der »Dienstanweisung für das Verfahren bei Vermißt-

oder Verlustmeldungen« konnten ab Mai 1977 die in der Leihstelle

aufgrund von Bestellungen bekannt gewordenen Verluste endlich aus den

Benutzerkatalogen entfernt werden. Dies sollte von nun an, zusammen mit

262

Informationen - Bibliothekssystem Freiburg i. Br. - Sonderheft 1


den Benutzerverlusten, jährlich geschehen, wobei mit der Tilgung eine

Prüfung auf Ersatzbeschaffung, soweit nicht schon geschehen (Verlust

durch Benutzer), einherging.

In der zweiten Jahreshälfte 1977 wurde der Belegungsplan für die neuen

Magazine erstellt und die Abfolge des Bücherumzugs aus den Bereichen

Hauptmagazin, Ausweichmagazin Tiefgarage und Ausweichmagazin

Werderring festgelegt. Parallel dazu wurde mittels zweier

Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen begonnen, die Buchbestände (aber auch

die Fachböden) vor dem Einzug zu reinigen.

Die Gesamtzahl der Entleihungen lag 1977 bei über 430.000 Bänden.

1978: Jahrelang hatten die Mitarbeiter der Ausleihbereiche (10 plus 1

Springer in der Leihstelle, 2 in der LB I und 1 in LB 2) und der Magazine

(10 Mitarbeiter) bei kontinuierlich steigender Benutzung und gleichzeitig

immer beengteren räumlichen Verhältnissen unter zunehmend erschwerten

Bedingungen gearbeitet. Es war kein Wunder, daß alle Hoffnungen auf

Änderung und Entlastung sich zunehmend mehr auf den in unmittelbarer

Nachbarschaft sich der Vollendung nähernden Bibliotheksneubau richteten.

Vor dem auf den Herbst geplanten Bezugstermin galt es jedoch noch

einmal für alle Schwerarbeit zu verrichten:

Zu Beginn des Jahres lief die Ausschreibung für den ersten von drei

Teilumzügen, bei denen insgesamt mehr als 45.000 Buchmeter aus dem

Hauptgebäude und vier Außenstellen zusammengeführt werden mußten

und für deren Gesamtverlauf verschiedene Freiburger Speditionen den

Zuschlag erhielten. Für alle Umzüge galt, daß während des Transports die

Reihenfolge bzw. die Ordnung der Bücher erhalten bleiben mußte, was den

Verbleib der Buchstellvertreter am Standort mit einschloß. Nur so war es

möglich, die Bestellungen während der gesamten Umzugsdauer für den

Benutzer störungsfrei zweimal täglich zu erledigen. Da die Anwesenheit

von zwei Magazinmitarbeitern zur Überwachung des Auf- und Abladens

(des korrekten Einstellens) ständig erforderlich war, gab es während der

Umzüge keinen Urlaub. Dennoch fielen viele Überstunden an. Für den

Transport der Bücher stellte die Universitätsbibliothek 26 der in früheren

Umzügen bewährten Stahlbücherwagen bereit. Das übrige Erforderliche an

Personal und Transportmitteln stellte die Spedition.

Leihstelle und Magazin. 1967-1978

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Vom 20. 2. bis 10. 4. 1978 dauerte der 1. Teilumzug mit den Beständen der

Tiefgarage und Beständen des Hauptmagazins. Vom 8. 5. bis 17. 7. dauerte