Schuld, Scham und Null-Bewusstsein (.pdf, 4 S.) - consciousness

consciousness.de

Schuld, Scham und Null-Bewusstsein (.pdf, 4 S.) - consciousness

1Schuld, Scham und Null-Bewusstseinbywebmaster@ptolemaios.de* )Julian Jaynes 1 interpretierte das Hören von Stimmen als kognitive Funktion invorbewussten, oder, wie er sie nannte, bikameralen Gesellschaften, hingegen als Spurensolcher Zeiten in modernen, bewussten Kulturen. Der Begriff des Bewusstseins ist jedochvon diesen Phänomenen unabhängig. Wenn die Stimmen den Zusammenbruch derbikameralen Psyche überleben, also im bewussten ebenso wie im unbewussten Verstandeauftreten können, dann sind sie Symptome einer Mentalität, ohne für diese jedoch kausalsein zu können. Die verallgemeinerte Definition des Bewusstseins orientiert sich amAusmaß, zu dem kognitive Funktionen in einem internalisierten, vorgestelltendreidimensionalen Raum ablaufen. Symptome zeigen lediglich den Grad derInternalisierung an. Ein Verstand, dessen Funktionen außerhalb dieses vorgestelltenRaumes ablaufen, arbeitet ohne Bewusstsein. Das Hören von Stimmen weist auf den Ortder Funktionen als außerhalb des Vorstellungsraumes liegend hin. Das ist gleichbedeutendmit der Aussage, dass ein solcher Vorstellungsraum fehlt. Sein Volumen ist gleich Null.Dies ist der mentale Zustand des Null-Bewusstseins.Jaynes vermutete die Internalisierung der Stimmen als ursächlich für die Entstehung desVorstellungsraumes. Zugleich brachte diese Internalisierung die Stimmen zum Schweigen.Eine genaue Kausalerklärung des Vorganges vermochte die Theorie nicht zu geben. Nachder Internalisierung der Stimmen und der resultierenden Entstehung desVorstellungsraumes 2 geschahen keine weiteren Entwicklungsschritte. Das damalsentstandene Bewusstsein ist das unsere. Bewusstsein ist die Sackgasse der “Entdeckungdes Geistes“. 3 Eine Fortsetzung der Entwicklung würde nur über einen evolutiven Wechseldes Substrates möglich sein. Homo sapiens sapiens müsste durch eine neue Spezies ersetztwerden, wie er selber einst den homo sapiens neanderthalensis ersetzt hat.Dieser biologische Materialismus 4 widerspricht den Ergebnissen aus denGeschichtswissenschaften und der vergleichenden Ethnologie. Freilich setzt sich letztereautomatisch dem Verdacht des Rassismus aus. Die aktuellen Ereignisse auf der politischenWeltbühne lassen jedoch einen Mangel an Kommunikation zwischen den Nationenvermuten, der mit der Menge der ausgetauschten Informationen positiv korreliert zu seinscheint, und es erscheint vernünftiger, diesen Mangel zu untersuchen, anstatt ihn unter derPrämisse zu leugnen, aller Verstand sei gleich erschaffen. - Die Validität etwaigervorgefundener Unterschiede wird von der Reliabilität der Struktur dieser Unterschiedeabhängen, falls eine solche Struktur entdeckt und exakt beschrieben werden kann.Aus der gegebenen Definition des Bewusstseins folgt, dass seine Grade sich am Ausmaßorientieren, zu dem kognitive Prozesse innerhalb oder außerhalb des Vorstellungsraumesablaufen. Auf die außerhalb geschehenden kann gezeigt und ihr Auftreten und ihr Substratkann bezeichnet werden. Ihre Wahrheitswerte hängen nicht von der Vernunft ab, sondern1 Jaynes, Julian: The Origin of Consciousness from the Breakdown of the Bicameral Mind. 1977.2 um 1000 v.Chr., vergl. Ilias, Gilgamesch, Altes Testament, die Veden, etc.3 vergl. Bruno Snells gleichnamiges Werk.4 Eine Position, die auch von John R. Searle vertreten wurde.


2sind konventional. Rein ist diese Mentalität repräsentiert in einer Gesellschaft, die dieMacht besitzt, die Konventionen fest- und durchzusetzen. In ihr fällt ein abweichendesIndividuum in den Zustand der Scham. Diese Gesellschaften werden folglich Scham-Gesellschaften genannt. Sie sind nicht-bewusst. Beispiele sind die primitiven Völker 5 unddie traditionelle chinesische Kultur.Den entgegengesetzten Extremfall stellt jene Gesellschaft dar, die von ihren Individuenerwartet, vernünftig zu urteilen und sich vor einem internen Richter namens “Gewissen“ zuverantworten. Besteht das Versagen in der Scham-Gesellschaft im Ungehorsam, so bestehtes hier im kognitiven Mangel, nicht bis zum Ende oder nicht tief genug nachgedacht zuhaben. Die Strafe ist die Schuld. Sie kann äußerlich wahrnehmbar sein, ist es in der Regelaber nicht. Diese Gesellschaften heißen folglich Schuld-Kulturen oder tragische Kulturen. 6Der Prägnanzfall ist Russland.In zwei Büchern insbesondere 7 und in einer Reihe weiterer 8 hat Klaus Mehnert (1906 -1984) die beiden Kulturen verglichen. Er illustriert den Gegensatz der kognitiven Prozesseanhand des Spieles “Abstrakt oder konkret?“, bei dem es darum geht zu erraten, welchenBegriff oder Gegenstand der Erste Spieler sich denkt oder betrachtet. Sieger ist, wer diewenigsten Fragen benötigt, um dies zu erraten. Das Spiel ist insoweit trivial, als es einebeste Erstfrage gibt, nämlich die, die dem Spiel den Namen gibt. - Während russischeKinder ganz selbstverständlich mit dieser Frage das Spiel eröffnen, verstehen chinesischeKinder nicht einmal den in der Frage ausgedrückten Gegensatz. Für sie ist alles ebenso sehrkonkret wie auch abstrakt. Ihre Welt ist ein unstrukturiertes Chaos. Ihre Fragen zeigenunsystematisch in willkürliche Richtungen und berücksichtigen keine Rückmeldungen ausAnnäherungen an das, oder einem sich Entfernen vom Ziel. Plötzlich und unvorhersehbarfinden sie irgendwann die richtige Antwort. - Diese Art des Denkens heißt“umklammernd“, 9 die russische “formal-logisch.“Das umklammernde Denken darf nicht als individualistisch missverstanden werden. Ganzim Gegenteil kann diese Denkweise nur von einem Kollektiv vorgenommen werden.Dieses ist das Substrat des Denkens. Ein westlicher Schauspieler 10 hat dies an chinesischenKindern demonstriert: Mit schauspielerischen Mitteln imitierte er eine Taube, die er dann,indem er das entsprechende Geräusch flatternder Flügel erzeugte, davonfliegen ließ.Russiche Kinder wären verzückt und würden der Taube in alle möglichen Richtungennachschauen. Chinesische Kinder drehen ihre Köpfe simultan und schauen alle in dergleichen Richtung der unsichtbaren Taube nach. - Wenn also das Objekt der Kognition gutdefiniert ist, handelt das Kollektiv wie eine Person. Ist es schlecht definiert, handelt eswiederum so, jedoch wie eine verwirrte Person, die auf die Stufe eines verzweifeltenVersuchs- und Irrtums-Denkens regrediert, bis die Menge an Information so erdrückendwird, dass die Lösung nicht länger negiert werden kann.5 Halpike, Christopher R.: Die Grundlagen primitiven Denkens. Stuttgart: Klett 1986.6 Fikentscher, Wolfgang: Methoden des Rechts. Vol 1. 1975.7 Mehnert, Klaus: Der Sowjetmensch. 1959.ibid.: Peking und Moskau. 1962.8 Mehnert, Klaus: Maos zweite Revolution. 1966.ibid.: Peking und die Neue Linke - in China und im Ausland. 1969.ibid.: China nach dem Sturm. 1971.ibid.: Moskau und die Neue Linke. 1973.ibid.: Kampf um Maos Erbe. 1977.ibid.: Maos Erben machen's anders. 1979.9 Abegg, Lily: Ost-Asien denkt anders. 1949.10 Peter Ustinov


3Da das Substrat der Kognition das Kollektiv ist, besitzt das Individuum der Scham-Gesellschaft kein Bewusstsein. Sein Bewusstseinsgrad ist gleich Null. In einer Schuld-Gesellschaft ist sein Bewusstsein voll ausgebildet oder 100%ig. Bewusstsein bewegt sichsomit auf einer bipolaren Dimension, deren Werte kognitiven Apparaten 11 zugeordnetwerden können. Diejenigen, deren Prozesse extern ablaufen, besetzen das linke 12 oder Null-Bewusstsein-Ende der Skala, ihre Gegenüber, die internen Prozessierer, das rechte oder100%-Bewusstsein-Ende. Jedoch nehmen Nationen, Kulturen und Individuen weder eineGauss'sche Glockenkurve noch eine Gleichverteilung über der Skala ein. Vielmehr sind dieGrenzen zu den Nachbarn scharf, die jeweils eingenommene Position wird wütendverteidigt, und die durch die Skalenbreite ermöglichte Verschiedenheit entspricht derGewalt zwischen den Nationen, die an die Stelle der Kommunikation tritt. Da diese Gewaltdie USA weltweit auf allen Schauplätzen einbezieht, wollen wir die Position dieser Nationauf der Skala bestimmen.Bewusstsein befähigt zur Einnahme des Standpunktes des sozialen Gegenübers. DieseFähigkeit ist mit der Fähigkeit, dessen Sprache zu erlernen, positiv korreliert. US-Amerikaner sind berühmt für ihre Unfähigkeit, Fremdsprachen zu erlernen. 13 Sie habenkein Bewusstsein. Sie liegen auf der selben Position wie die Chinesen. Sie unterscheidensich von diesen darin, dass sie weder in Panik geraten können noch sich in Marionettenverwandeln lassen. Hingegen sind sie den Chinesen darin gleich, dass jedes Individuum zueiner kleinsten funktionalen Einheit des Kollektivs, dem Substrat des Denkens, reduziertist. Der kognitogenetische 14 Prozess und dessen Ursache liegen beim Kollektiv. Dereinzelne Amerikaner kommt nicht selbst zu Gedanken. Vielmehr teilt ihm das Kollektivdie Gedanken mit, die er denken darf. Er denkt nur das, was das Kollektiv will. Er istEmpfänger, nicht Erzeuger von Kognition. Diese Unverantwortlichkeit trennt ihn von derScham einerseits, andererseits von der Schuld. Beide fallen ihm zum Konzept der sozialenDevianz zusammen, falls er die Intentionen des Kollektivs nicht versteht. Falls er sieversteht und entsprechend gehorcht, befindet er sich in Übereinstimmung.Übereinstimmung ist in seiner Gesellschaft der höchste Wert, während Moralbegriffe wieSchuld oder Scham nur sinnfreie Silben darstellen.US-Amerikaner besetzen also die linke Ecke der Dimension, wobei sie zwischen sich undden Chinesen, die den Null-Wert innehaben, nur gerade genügend Platz lassen, um von derScham-Option getrennt zu sein. Ansonsten funktionieren beide Kulturen ziemlichidentisch, insbesondere im Minimieren von Individualität zugunsten der Kollektivität. DasVerhältnis zwischen den beiden Kulturen ist das der “Eifersucht der minimalenDifferenz“. 15 Offensichtlich misst die Skala den Überlebensvor- oder Nachteil derKulturen. Dem bestmöglichen Skalenwert entspricht das geringste Erfordernis zur internenRekonstruktion oder Reform im Interesse der Bewährung im globalen Wettbewerb. DieNotwendigkeit zur internen Rekonstruktion nimmt mit der Zunahme der Zahl derselbstbehauptungsrelevanten Funktionen ab, die unter Konstanz der internen Strukturausgeführt werden können. Damit überhaupt Funktionen ablaufen, muss das Substratexistieren. Dies wird durch die innere Struktur des Substrats garantiert. Wenn nun dieseinnere Struktur zusätzlich definiert, welche Funktionen ausführbar sind und welche nicht,bewirkt sie eine Abweichung des Substrats von der bestmöglichen Position auf der11 meine Übersetzung des nur im Englischen möglichen Plurals “minds.“12 selbstverständlich willkürlich gewählt gemäß der Schreibrichtung13 Gorer, Geoffrey: The Americans. 1945. Watzlawick, Paul: Gebrauchsanweisung für Amerika. 1984.14 Kognitionen, also z.B. Gedanken, erzeugende15 Blumenberg, Hans: Die Lesbarkeit der Welt. 1979.


4Dimension. Denn dann bestimmt sie tendenziell mit über Externalität oder Internalität vonFunktionen und begrenzt somit den Skalenbereich, den das Substrat einnehmen kann.Die Struktur des chinesischen kognitiven Substrats determiniert über dessen Bestehenhinaus auch dessen Funktionen. Die Struktur des amerikanischen kognitiven Substratsdeterminiert nur dessen Existenz. Deswegen ist das amerikanische Nicht-Bewusstsein demchinesischen Nicht-Bewusstsein überlegen. - Dass Nicht-Bewusstsein ganz allgemein demBewusstsein, mit der wichtigen Ausnahme der Anwendung im Kriege, überlegen ist, hatJulian Jaynes 16 ausführlich dargelegt. Wenn wir nicht andauernd Kriege zu führen hätten,könnten wir auf unser lästiges Bewusstsein gut verzichten.* ) Walter RatjenECAHI - European Center for Artificial Human IntelligenceBiesingerstr. 26, D – 72070 Tübingen, Germanyhttp://www.ecahi.euinfo@ecahi.eu16 vergl. Fussnote 1

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine