Unaufhaltsamer Aufbruch oder ... - Hermann Scheer

hermannscheer.de

Unaufhaltsamer Aufbruch oder ... - Hermann Scheer

AUSZUG AUS DEM BUCH „ENERGIEAUTONOMIE“Unaufhaltsamer Aufbruch oderRückschlagsgefahr?Auszug aus dem Buch „Energieautonomie“ von Hermann ScheerDie meisten Protagonisten erneuerbarer Energienkönnen sich nicht mehr vorstellen, dass es noch einmaleinen Rückschlag geben könnte. Unvorstellbarerschien das aber auch denjenigen, die in den 70er Jahren inden USA zu erneuerbaren Energien aufbrachen, wachgerütteltvon der 1973 einsetzenden Weltölkrise. 1974 erschien,unter Federführung von David Freeman, der vielbeachteteBericht „A Time to Choose“ im Auftrag der Ford Foundation,der den Blick für die Vorteile erneuerbarer Energien und praktischgreifbaren Möglichkeiten des Energieeinsparens durchtechnologische Produktivitätssteigerungen öffnete – undzeigte, dass demgegenüber der atomare Weg voller technologischerHürden, riskant und mit unübersehbaren Kostenrisikengepflastert ist. Noch ging es nicht um das Klimaproblem,sondern um die Ziele sauberer Luft und die Überwindungpolitischer und wirtschaftlicher Risiken aufgrund der Abhängigkeitvon Energieimporten. Seinerzeit hatten die USAlediglich eine Ölimportabhängigkeit von weniger als 30 Prozent.US-Präsident Nixon erklärte, dass die USA bis zum Jahr2000 unabhängig von Energieimporten werden müssten,und startete das Projekt „Independence Energy System“. US-Präsident Carter erklärte 1977: „Wenn wir versäumen, sofortzu handeln, werden wir in eine ökonomische, soziale undpolitische Krise geraten, die unsere freien Institutionenbedroht.“ Die USA unterhielten damals das bisher umfangreichsteForschungs- und Entwicklungsprogramm für erneuerbareEnergien. Tausende neuer Unternehmen und „grassroots“-Initiativen schossen wie Pilze aus dem Boden. ZahlreicheSchriften verkündeten das anbrechende Solarzeitalter:„Self Reliant Cities“ von David Morris, „Reaching Up, ReachingOut: A Guide to Local Solar Events“ von Rebecca Vories,„Rays of Hope: The Transition to a Post Petroleum World“von Denis Hayes, „Blueprint for a Solar America“. Die„Union of Concerned Scientists“, der viele naturwissenschaftlicheNobelpreisträger angehören, veröffentlichte 1979eine Studie, in der die Möglichkeit einer vollständigenUmstellung der US-amerikanischen Energieversorgung auferneuerbare Energien bis zum Jahr 2050 detailliert beschriebenist.Doch schon auf den Report „A Time to Choose“ reagierte dieamerikanische Energiewirtschaft mit ihrem Report „No Timeto Confuse“, mit dem sie die Angst vor der realen Energiekrisein die Angst vor erneuerbaren Energien umzupolen versuchte.Alle Register wurden gezogen, um deren Entfaltungzu unterminieren, bis zum systematischen Aufkauf kleinerSolarunternehmen, die anschließend stillgelegt wurden.Angeblich ging es nur noch um Kostensenkung und die Übernahmedurch das professionelle „big business“. Ray Reecebeschreibt in seinem Buch „Die verratene Sonne“, einemThriller über Wirtschaftskriminalität, wie das „Drei Billionen-Dollar-Business“den solaren Aufbruch gezielt durchkreuzte– einschließlich der freundlichen Umarmung vonSolarakteuren, um diese darin zu erdrücken. Und sowohl PräsidentCarter wie der Kongress bekamen Angst vor der eigenenCourage und zuckten vor bereits eingeleiteten weiterenPro-Solar-Entscheidungen zurück. Ein Einknicken, das BarryCommoner, der Vordenker der amerikanischen Solarbewegung,bereits 1979 in seinem Buch „The Politics of Energy“mit den Worten kommentierte, dass es offensichtlich ein politischesTabu bliebe, die Interessen der privaten Energiewirtschaftzu verletzen. Als schließlich 1981 Ronald Reagan Präsidentwurde, kam der definitive „Backlash“. Die Programmewurden radikal gestutzt, Forschungsinstitute brachen ebensoein wie Unternehmen, und die gesellschaftliche Solarbewegungversandete. „Who owns the Sun?“ Diese von Daniel M.Berman und John T. O’Connor gestellte Frage wurde von derkonventionellen Energiemacht klar beantwortet: Da sie keinemEinzelnen – also auch ihnen nicht – gehören kann, solltesie niemandem gehören. Deswegen wurde die solartechnologischeRevolutionierung der Energieversorgung konterkariert.Was gerade im Entstehen war, wurde rigoros zertrümmert.Die USA – und mit ihr die Welt, die ihr solares Vorbildverlor – haben dadurch unwiederbringlich Zeit verspielt. Stattgroßer Schritte zu einem „Solar America“ wurde aus denUSA mehr denn je ein „Fossil America“, und die Risiken derherkömmlichen Energieversorgung sind heute ungleich größerals in den 70er Jahren.Seit Beginn der 90er Jahre entstand vor allem in Europa eineBewegung wie einst in den USA. Unabhängige Solarorganisationenund lokale Solarinitiativen rüttelten die Öffentlichkeitauf. Meinungsumfragen zeigten alsbald hohe Sympathiewerte.Städte und Gemeinden starteten Solarprogramme. In12 Solarzeitalter 2/2005


AUSZUG AUS DEM BUCH „ENERGIEAUTONOMIE“Deutschland führte das zu Gesetzen zur Förderung erneuerbarerEnergien, die erstmals eine zügige Markteinführungermöglichten. Im Jahr 2004 gab es dadurch allein in Deutschland35 Prozent aller weltweit installierten Windkraft-Kapazitätenund insgesamt 19.000 MW neuer installierter Stromproduktionskapazitätenmit erneuerbaren Energien, die aufder Basis des EEG und seines Vorgängergesetzes – des Stromeinspeisegesetzesfür erneuerbare Energien von 1991 –erstellt worden sind. Doch je sichtbarer die Entwicklung vorankommt,desto vehementer versuchen die etablierten Energieunternehmen,sie wieder zurückzudrehen. Weit übertriebeneBehauptungen über angebliche Steigerungen der Stromkostenwerden in die Öffentlichkeit lanciert, mit schrillenWarnungen, dass die Förderung erneuerbarer Energien dieVersorgungssicherheit und die Wettbewerbsfähigkeit derVolkswirtschaft gefährde und Deutschland international isoliere.Große meinungsbildende Medien wie die „FrankfurterAllgemeine Zeitung“ und das politische Wochenmagazin„Der Spiegel“ stimmen lautstark in diesen Chor ein.Die Gegner des Gesetzes gerieren sich sogar als fundamentalistischeNaturschützer gegenüber der vermeintlichen Landschaftszerstörungdurch Windkraftanlagen, auch wenn sieansonsten für ein von Umweltfesseln möglichst ungehemmtesWirtschaftswachstum eintreten. Während sie einerseits lautnach technologischen Innovationen rufen, wird gerade diejenigediskreditiert, die sich vitaler entwickelt als alle anderen.Man beschwört neues Wirtschaftswachstum und mahnt dieSchaffung neuer Arbeitsplätze an. Doch obwohl es in derAnlagenproduktion für erneuerbare Energien jährlich 30 ProzentWachstum gibt und dort mehr neue Arbeitsplätze entstehenals in jedem anderen Bereich, wird diese neue Brancheals „wirtschaftsfeindlich“ denunziert. Man versucht, eineöffentliche Empörung über die den Stromverbrauchern auferlegtenMehrkosten für die Einführung erneuerbarer Energienanzufachen. Die Kampagne ist nicht nur maßstabslos, sondernin gespenstischer Weise irrational. Sie trägt alle Zügeeiner „politischen Neurose“, wie sie der Schriftsteller ArthurKoestler in einer seiner sozialpsychologischen Analysen inden 60er Jahren bei denjenigen erkannt hat, die sich mit derreal existierenden Gefahr eines Atomkriegs mit „einem leerenGrinsen im Gesicht und einer Totemfigur in der Hand“ arrangieren.Die aktuellen „Roll-back“-Versuche gegen erneuerbare Energienähneln in starkem Maße der Situation in den USA vor 25Jahren. Die Erfahrung wiederholt sich, dass das Land, in demes die größten Realisierungserfolge in der Mobilisierungerneuerbarer Energien gibt, auch Schauplatz der heftigstenKampagnen gegen diese ist. Dies ist nur für diejenigen einWiderspruch, die die Konfliktdimension des Energiewechselsunterschätzen und damit unfähig sind, die Gegenreformationabwehren zu können. Würde ein „Backlash“ auch in Deutschlandgelingen, so wäre dem internationalen Aufbruch wiederumdie Spitze abgebrochen.Nach wie vor ist die Dominanz des gegenwärtigen Energiesystemsso groß und sind seine Einflusssphären so weitreichend,dass ein erneuter Rückschlag nicht ausgeschlossenwerden kann. Zwar wird es auf Dauer unmöglich sein, dieUmstellung der Weltenergieversorgung auf erneuerbare Energienaufzuhalten. Zu offensichtlich sind die Engpässe undGrenzen der atomar-fossilen Energieversorgung. Aber durchjeden Rückschlag wird nicht nur weitere Zeit verloren, sondernauch sozialpsychologisch Entmutigung erzeugt. Menschen,die hoffnungsvoll Initiativen ergriffen haben und danndoch wieder zurückgeworfen und enttäuscht wurden, könnennur schwer für einen zweiten Anlauf gewonnen werden. Auchdas zeigt der seinerzeitige „Backlash“ in den USA. Erst jetztund langsam kommt dort der Enthusiasmus wieder auf, den esin den 70er Jahren schon einmal gegeben hat, getragen voneiner neuen Generation von Akteuren.Die Auseinandersetzungen in Deutschland um erneuerbareEnergien, die es wegen des erfolgten Aufbruchs gibt, tragenalle Merkmale eines internationalen Stellvertreterkonflikts.Es ist ein Konflikt, in dem bereits die generelle Richtungsentscheidungum das Ganze der zukünftigen Energiebasisansteht. Dabei rasen zwei Züge aufeinander: der der Perpetuierungder Stromversorgung in Großkraftwerken und der desungeschmälerten weiteren Ausbaus erneuerbarer Energien.Für beides zugleich – den weiteren Ausbau und den Bau neuerGroßkraftwerke als Ersatz für auslaufende – gibt es keinenBedarf und keinen Platz. Der Konflikt hat an Brisanz zugenommen,weil aus der energiepolitischen und -wirtschaftlichenEntwicklung seit dem Jahr 2000 die beiden Pole derEnergiebereitstellung – die Stromkonzerne und die Trägererneuerbarer Energien – gestärkt hervorgegangen sind.Gelingt es den Stromkonzernen nicht, den Ausbau erneuerbarerEnergien auf der politischen Handlungsebene in nächsterZeit zu stoppen, müssen sie ihre eigenen Ausbaupläne ad actalegen und sind dann gezwungen, sich auf die neue Entwikklungeinzustellen. Deshalb geht es bei dem Konflikt um dasErneuerbare-Energien-Gesetz bereits jetzt, trotz noch verhältnismäßigdeutlich kleineren Anteils erneuerbarer Energien ander Stromversorgung, um die historische Wegscheide. DerKonflikt wird in der Hartnäckigkeit, mit der er ausgefochtenwird, alle bisherigen Konflikte um erneuerbare Energien inden Schatten stellen. Wie er ausgeht, wird mit darüber entscheiden,welche Strategie – und damit in welchem Ausmaßund Zeitmaß – andernorts für erneuerbare Energien eingeschlagenwird.Die Schaffung der zukunftsfähigen erneuerbaren Energiebasisist eine conditio humana. Sie fordert eine mentale erneuerbareEnergie: Handlungsmut – als conditio politica.Solarzeitalter 2/200513

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine